050608 Betrifft 2_05 - Land Niedersachsen

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2/2005 Juni/Juli/ August ZEITSCHRIFT DER AUSLÄNDERBEAUFTRAGTEN DES LANDES NIEDERSACHSEN H 5957 MEHR HEITEN MINDER HEITEN Boxen, Breakdance, Bocc...

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Juni/Juli/ August

ZEITSCHRIFT DER AUSLÄNDERBEAUFTRAGTEN DES LANDES NIEDERSACHSEN

H 5957

MEHR HEITEN

MINDER HEITEN

Boxen, Breakdance, Boccia:

Es lebe der Sport!

Niedersachsen

Boxen, Breakdance, Boccia:

Es lebe der Sport! Liebe Leserinnen, liebe Leser, „Sport ist Mord“ lautet die bösartigste Parole überzeugter Bewegungsmuffel – aber die Mehrheit vernunftbegabter Menschen weiß natürlich: Das Gegenteil ist der Fall. Sport tut gut – und schon immer waren Menschen sportlich aktiv. Zum Glück – denn Sport hat beispielsweise eine nicht zu unterschätzende gesundheitsfördernde Funktion. Und es gibt weitere gute Gründe dafür, Sport zu treiben: Im Sport können wichtige Werte wie Fairness und Solidarität erlernt und gelebt werden. Sport kann die Möglichkeit bieten, Frust und Aggression abzubauen. Schließlich kann Sport die Integration von zugewanderten Menschen fördern. Er bietet ihnen eher als andere gesellschaftliche Bereiche die Chance, erfolgreich zu sein. Doch sind die genannten Möglichkeiten, die der Sport bietet, keine Selbstläufer. Nichts geschieht von allein, vieles bedarf der gezielten Förderung. Mitunter muss das bisherige Sportangebot erweitert werden. Die im Einwanderungsland oft geforderte „interkulturelle Öffnung“ verschiedener Institutionen gilt auch für den Bereich des Sports. Wer weiß, vielleicht erreicht eine zur Zeit noch etwas fremd anmutende Disziplin wie „Bankdrücken“ im Sportbereich eines Tages einen ähnlichen Stellenwert wie ihn die Pizza seit langem auf der kulinarischen Hitliste eingenommen hat.

Auf ein Wort Integration mit „R“ wie Religion von Gabriele Erpenbeck ............................................................................3

Thema Gladiatorenspiele, Ritterturniere, Breitensport: Sportgeschichte als Motivgeschichte von Arnd Krüger ........................................................................................4 Mehr Sport gleich mehr Gesundheit? Gesundheitssport für alle von Thomas Altgeld...................................................................................6 Miteinander, nebeneinander oder gegeneinander? Im Verein ist Sport am schönsten von Rocco Artale und Wolf-Rüdiger Umbach ..........................................9 Gewalt und Gewaltprävention im Sport von Gunter A. Pilz ....................................................................................10 Breakdance, Hip-Hop, Boxen: „Wer ein Meister werden will, muss wie ein Meister trainieren.“ von Fred Anders .......................................................................................12 Mädchen vor! von Karin Solsky .......................................................................................14 Sportliche Vielfalt in Niedersachsen – eine kleine Auswahl ................16

Forum Portrait: Güler Karpuz von Marianne Winkler.............................................................................17 Mehr als ein Platz im Herzen von Birgit Loff ..........................................................................................18 „Ladies on Tour“: Fahrrad fahren für Anfängerinnen von Marianne Winkler und Marina Kormbaki .......................................20 Mehr als ein Kennen lernen von Marina Kormbaki..............................................................................21 Materialien zum Schwerpunktthema ....................................................22 Nachrichten ..............................................................................................22

Impressum Herausgeberin/Verlegerin (ViSdP) und Redaktionsanschrift: Niedersächsisches Ministerium für Inneres und Sport (MI) – Ausländerbeauftragte, Postfach 2 21, 30002 Hannover Produktion: Liza Yavsan, Tel. (05 11) 1 20-48 65, E-Mail: [email protected] Redaktion: Katerina M. Agsten, Gabriele Erpenbeck, Anette Hoppenrath, Dieter Schwulera, Marianne Winkler, Liza Yavsan Titelfoto: Katerina M. Agsten Gestaltung: set-up design.print.media, Hannover · Druck: Sponholtz Druckerei GmbH & Co. KG, Hemmingen · Vertrieb: Lettershop Brendler GmbH, Laatzen Erscheinungsweise: jeweils Ende März, Juni, September, Dezember Bezugspreis: Die Zeitschrift kann gegen einen Kostenbeitrag (Einzelexemplar 2 € inkl. Versandkosten) bezogen werden. Nachdruck nur mit Genehmigung der Herausgeberin (wird gern erteilt). Alle Rechte vorbehalten. © Die Ausländerbeauftragte des Landes Niedersachsen. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht in jedem Fall die Meinung der Herausgeberin und der Redaktion wieder. Für unverlangt eingesandte Manuskripte, Fotos und Materialien übernimmt die Redaktion keine Haftung; im Falle eines Abdrucks kann die Redaktion Kürzungen ohne Absprache vornehmen. Betrifft wird auf chlorfrei gebleichtem Material gedruckt. ISSN 0941-6447

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Auf ein Wort

Integration mit „R“ wie Religion Spätestens seit der hitzigen öffentlichen Debatte um das Kopftuch ist jedem klar, dass Religion im Integrationsprozess eine – lange nicht beachtete – nicht zu unterschätzende Rolle spielt. Die muttersprachliche religiöse Betreuung von z. B. Italienern, Spaniern, Griechen, Kroaten oder Serben hat eine inzwischen 50jährige Tradition. Die Geistlichen aus den Herkunftsländern haben eine nicht unerhebliche Rolle im Integrationsprozess ihrer Landsleute in Deutschland gespielt. Gleichzeitig boten und bieten die Gemeinden mit ihren religiösen, kulturellen und sozialen Angeboten ein Stück Heimat. Eine weit verbreitete Meinung ist, dass der Islam ein großes Integrationshemmnis darstelle. Muslime könnten im Gegensatz zu anderen mit den Traditionen, Überzeugungen und Bräuchen des christlichen Abendlandes einfach nicht zurechtkommen. Solche und ähnliche Überzeugungen werden gleichzeitig jeden Tag hunderttausendfach widerlegt und doch offensichtlich immer wieder im Alltag bestätigt. Zwangsheirat und „Ehrenmorde“ sind Themen, die die Gemüter im Augenblick sehr erregen. Dass auf Abwege geratene Traditionen die Rolle spielen und nicht religiöse Vorschriften, gerät in Vergessenheit. Die bekannt gewordenen dramatischen und tragischen Fälle sind jedoch nicht symptomatisch für das Verhalten von Muslimen. Glücklicherweise! Die religiösen Bindungen oder die starke Familienorientierung werden oft als Ausdruck mangelnden Interesses an Integration, Bildung oder an ihrem Lebensumfeld gedeutet. Eine umfassende Untersuchung des Bundesfamilienministeriums bei Mädchen und

Foto: Stiftung Mercator GmbH

jungen Frauen aus Migrantenfamilien türkischer, griechischer, italienischer, ehemals jugoslawischer Herkunft sowie Aussiedlerinnen hat ergeben, dass Religiosität gruppenübergreifend als Voraussetzung für ihre Lebensbewältigung gesehen wird. Der Glaube vermittelt in besonders starkem Maße den Musliminnen Selbstvertrauen, er sorgt vor allem bei den Orthodoxen dafür, dass sie sich ihrer Herkunftskultur nahe fühlen, für die Katholikinnen und Protestantinnen sowie die Angehörigen anderer Religionsgemeinschaften und selbst für Religionslose ist der Glaube in erster Linie eine Hilfe, in schwierigen Situationen nicht zu verzweifeln. Der Glaube stellt sich als wichtiger Wert zur Gestaltung des familiären Lebens, sofern Partnerwahl und Erziehung der Kinder betroffen sind, dar. Die jungen Frauen haben sehr gute Chancen ihre Zukunft selbstbestimmt zu gestalten, wenn alle Integrationsmaßnahmen ihre religiösen Bindungen

akzeptieren. Das muss in Kindertagesstätten und Schulen beginnen und darf bei der Bildungs- und Ausbildungsberatung nicht aufhören. Es gibt – soweit die Musliminnen betroffen sind – inzwischen vermehrt Moscheegemeinden, die Mädchen und junge Frauen ermutigen, in Ausbildungsberufe zu gehen, die in ihrer Jugendarbeit die Mädchen fördern und bestärken, damit sie in dieser Gesellschaft bestehen können. Dass sich mehr als 2/3 der in der Untersuchung des Bundesfamilienministeriums befragten Musliminnen mehr Verständnis von Menschen gleicher Religion gegenüber der eigenen Haltung zur Religion wünschen, weist auf ihre Erfahrungen mit innermuslimischer Intoleranz hin. Sie jedoch pauschal als Opfer der religiösen Prägung ihrer Familien zu sehen, führt in die Irre und nicht zur Integration. Gabriele Erpenbeck

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Thema: Es lebe der Sport Gladiatorenspiele, Ritterturniere, Breitensport:

Sportgeschichte als Mot böötisch 570 v. Chr. Faustkämpfer; Quelle: Archiv

Niemand weiß so richtig, wann und wie Leibesübungen entstanden sind. Auch Tiere freuen sich an ihren BewegunFoto: Agsten (2)

gen, zeigen Kunststücke vor, demonstrieren ihre körperliche Überlegenheit. Wer in der Frühzeit des Menschen besonders gut laufen oder werfen konnte, hatte die besseren Chancen zu überleben. Höhlenzeichnungen von Leibesübungen treibenden Menschen zeigen uns, dass es auch hier sehr frühzeitig zu besonderen Leistungen wie z. B. dem Schwimmen kam. Schon in den antiken Hochkulturen in Ägypten und später in Griechenland gab es eine durchorganisierte Körperkultur. Die Olympischen Spiele der Antike hatten in Olympia mehr als eintausend Jahre Bestand: Wir wissen zwar nichts über die Bestleistungen der Athleten der Antike, aber die Namen der Sieger der großen Wettkämpfe sind überliefert und auch auf den Grabsteinen der berühmten Wagenlenker kann man nachlesen, zu wie vielen Siegen sie kamen. Mit eintausend Siegen gehörte man zu den Großen, die besten kamen auf über 4.000 Siege in den Circusspielen des alten Roms. Die Leibesübungen der Antike waren jeweils mit einem unterschiedlichen Götterkult verbunden. Die Olympischen Spiele fanden zu Ehren des Zeus statt. Es kam zu einem regen Austausch zwischen den Kulturen, weil man von den Besten lernen wollte. Zu den Gladiatorenspielen gehörten Kämpfe mit

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unterschiedlichen Bewaffnungen, weil die Römer wissen wollten, welche Schwertlänge, Schildform und sonstigen Kampfmittel, die die eroberten Völker verwendet hatten, in der Hand eines Römers besonders erfolgreich sein würden. Mit der Einführung des Christentums im Abendland hörte man auf, die Leibesübungen unmittelbar mit Götterdienst zu verbinden. Zwar wurden Sportfeste noch immer in die Kirmes und andere Kirchenfeste integriert, aber niemand lief mehr, um den Göttern ein Opfer zu bringen, um dadurch für Regen oder Fruchtbarkeit zu bitten. Im Mittelalter wurden Leibesübungen – vor allem des Adels – Länder übergreifend organisiert. Außerdem wurden Regeln festgelegt. Die Punktwertungen der Ritterturniere ergaben sich als Notwendigkeit, um den Turniersport vom tödlichen Zweikampf abzugrenzen. Im Schützenwesen wurden die ersten Zielscheiben mit Punktwertungen aufgebaut, durch die man die Ergebnisse quantifizieren konnte. Zu Zeiten der Französischen Revolution ließen sich die Leibesübungen quer durch Europa in vier große Motivgruppen einteilen: • Ausgehend vor allem von England gab es den Wettkampfsport. Es ging

um Sieg und Niederlage, um spezialisierte Spitzenleistungen, um Rekorde, auf die Wetten abgeschlossen wurden. • Die Ärzte forderten gemäßigte Leibesübungen für alle, um durch diesen gemäßigten Sport, ohne Spezialisierung, Zivilisationsschäden vorzubeugen und die Grundlagen für ein langes Leben zu schaffen. • Im Kampf gegen Napoleon hatten die Spanier die Guerilla erfunden. Der deutsche Turnvater Jahn begründete das Turnen in Deutschland mit der Vorbereitung des jungen Mannes auf den Krieg. Frauenturnen gab es daher zunächst nicht. • Schließlich forderten die verschiedenen Pädagogen ganz unterschiedliche Formen von Leibesübungen, weil sich durch diese Charakter ausbilden ließ und das sich selbst Überwinden zur moralischen Erziehung des Menschen gehörte. Im letzten Drittel des 19. Jahrhundert waren alle vier Motive in Deutschland angekommen und begannen sich – vor allem durch immer mehr Vereinsgründungen – in ganz Deutschland zu organisieren. Turn- und Sportvereine gab es zunächst in den Städten, aber auch schon vor dem 1. Weltkrieg hatte die Bewegung die kleinsten Dörfer erreicht.

tivgeschichte Gesellschaft selten ist. Vor allem können durch Sport Personen ganz unterschiedlicher sozialer Herkunft zusammengeführt werden, denn körperliche Fähigkeiten haben nichts mit sozialer oder ethnischer Herkunft zu tun. Die größte freiwillige Integrationsleistung haben die Sportvereine gegen Ende und nach dem 2. Weltkrieg bei der Eingliederung der Ausgebombten, der Heimatvertriebenen und Flüchtlinge in ihre neue Heimat erzielt. Gerade in Niedersachsen wurden hierbei große Leistungen vollbracht. Die Studien zu diesen Integrationsprozessen zeigen, dass es aktive Sportlerinnen und Sportler am einfachsten haben, in Mannschaften integriert zu werden. Auch auf einer mittleren technischen Ebene geht es relativ schnell, dass Übungsleiter und auch Abteilungsleiter dank ihrer speziellen Fähigkeiten integriert werden. Die Eingliederung in Führungsämter in Vereine dauert jedoch häufig eine ganze Generation. Auch die Integration von Ausländern mit Hilfe des Sports hat eine lange Tradition. Als vor dem 1. Weltkrieg das Ruhrgebiet vor allem mit der Hilfe von Arbeitern aus dem deutschen Osten und Polen expandierte, schloss sich diese Arbeitergeneration häufig Sport- meistens Fußball-Vereinen an. Es gab zwar auch einzelne rein polnische Vereine, die vor allem die Pflege der heimatlichen Kultur in den Vordergrund stellten (schließlich gibt es auch seit über 150 Jahre deutsche Turnvereine in den USA), aber das gemeinsame Sporttreiben, die gemeinsamen sonntäglichen Spielbesuche, haben viel zur Integration der „Ruhrgebietspolen“ beigetragen. Mit der Arbeitsmigration in die Bundesrepublik von den 1960er Jahren an, haben sich viele ausländische Jugendliche deutschen Sportvereinen angeschlossen. Allerdings wurden auch vor allem türkische und jugoslawische Sportvereine in Ballungszentren gegründet. Mit der Grundsatzerklärung „Sport mit ausländischen Mitbürgern“ hat be-

reits 1981 der Deutsche Sportbund seine integrative Funktion hervorgehoben. Am 4. Dezember 2004 hat die Mitgliederversammlung des DSB die Erklärung „Sport und Zuwanderung“ verabschiedet und hierbei verdeutlicht, dass der Sport ein großes gesellschaftspolitisches Potenzial hat – dass aber auch andere Faktoren hinzutreten müssen, um dieses in der Gesellschaft zu nutzen. In der heutigen Zeit, die durch starke Individualisierungstendenzen gekennzeichnet ist, stellen die noch immer expandierenden Sportvereine eine der wenigen Möglichkeiten des „gesellschaftlichen Kitts“ dar. Durch die nonverbale Bindungskraft des Sports kann er auch Migranten erreichen, deren sprachliche Ausdrucksweisen ihnen den Zugang zu anderen Formen des Zusammen die Freizeit gestaltens noch erschwert. Die UNO hat 2005 zum „Internationalen Jahr des Sports und der Leibeserziehung“ ernannt. Aus diesem Anlass sind erneut verschiedene Förderprogramme von Bund und Ländern aufgelegt worden, um die Integration durch Sport zu fördern.

Foto: CVJM Wolfsburg

Heute hat der Deutsche Sportbund mit seinen Vereinen mehr als 26 Mio. Mitglieder, die in über 86.000 Vereinen organisiert sind. Der Sport stellt die größte freiwillige Personenvereinigung in Deutschland dar. Ca. 2 % des Bruttoinlandproduktes werden durch Sport erwirtschaftet. Die vier Motive sind noch immer vorhanden, auch wenn sich im Laufe der Zeit die Gewichtung in Anpassung an die politischen Systeme und gesellschaftliche Strömungen verschoben hat. Die Sportgruppen und Sportvereine haben sich jedoch auch in anderen Bereichen als überaus wichtig erwiesen. Die Turnvereine in Deutschland waren die ersten demokratischen Einrichtungen im 19. Jahrhundert. Die Turnbrüder und später auch -schwestern verstanden sich als Gleiche unter Gleichen. Auch nach dem 2. Weltkrieg gehörten die Vereine zu den ersten freiwilligen Personenzusammenschlüssen, in denen Demokratie wieder geübt werden konnte. Sportvereine erbringen erhebliche Integrationsleistungen als Vermittlungsinstanzen zwischen Individuum und Gesellschaft. Sport verbindet – aber er trennt auch. Die Identifikation mit dem eigenen Verein kann dazu führen, dass die Mitglieder und Fans anderer Vereine abgelehnt werden. So gehörten Zuschauerausschreitungen von Anfang an zum Sport dazu. Gerade aber durch den äußeren Druck wird innerhalb des Vereins eine Gemeinschaft zusammengeschweißt, wie sie es sonst in der

Prof. Dr. Arnd Krüger Geschäftsführender Direktor des Instituts für Sportwissenschaften der Universität Göttingen, Vorsitzender des Niedersächsischen Instituts für Sportgeschichte Hoya e. V., ehemaliger Präsident der Europäischen Vereinigung für Sportgeschichte

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Mehr Sport gleich mehr Gesundheit?

Gesundheitssport für alle Gesundheit und Wohlbefinden

Bewegung bzw. sportliche Betätigung haben umfassende Wirkungen auf das menschliche Wohlbefinden und die Lebensqualität. Darüber hinaus können sportliche Aktivitäten entscheidend dazu beitragen, Risikofaktoren zu vermindern und damit Krankheiten vorzubeugen. Mehr Bewegung wird dabei häufig mit (mehr) Sport treiben gleichgesetzt. In den letzten Jahren wurde deshalb verstärkt der so genannte Gesundheitssport sowohl von Sportverbänden aber auch von Fitnessstudios, freien Anbietern, Rehabilitationseinrichtungen und Krankenkassen weiterentwickelt.

sind wichtige Bestandteile des menschlichen Lebens. Auf der langen Liste, was Menschen für ihre Gesundheit alles tun können, steht mehr Bewegung fast

Foto: Agsten (2)

an oberster Stelle.

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Was ist Gesundheitssport überhaupt?

Die „Kommission Gesundheit“ des Deutschen Sportbundes hat 1993 folgende Definition von Gesundheitssport vorgeschlagen: „Gesundheitssport ist eine aktive, regelmäßige und systematische körperliche Belastung mit der Absicht, Gesundheit in all ihren Aspekten, d. h. somatisch wie psychosozial, zu fördern, zu erhalten oder wiederherzustellen“. Diese umfassende Definition berücksichtigt nicht nur die direkten körperlichen Wirkungen, sondern nennt beispielsweise auch die Erhöhung sozialer Kompetenzen im Rahmen von Vereinssport durch das dort praktizierte Miteinander. Bös und Brehm (2003) definieren insgesamt sechs Kernziele in Bewegungs- und Gesundheitssportprogrammen: • die Stärkung physischer Gesundheitsressourcen (Ausdauerfähigkeit, Kraftfähigkeit, Dehnfähigkeit, Koordinations- und Entspannungsfähigkeit) • die Stärkung psychischer Ressourcen (z. B. Stärkung von Kompetenzerwartungen oder Entwicklung eines positiven Selbst- und Körperkonzeptes) • die Verminderung von Risikofaktoren

• die Bindung an gesundheitssportliche Aktivität • Verbesserung der Bewegungsverhältnisse. Auch der Gesundheitsbereich selbst entdeckt den Gesundheitssport in dem letzten Jahrzehnt gezielt. Je höher der Stellenwert von Prävention und Gesundheitsförderung im Gesundheitswesen ist, desto häufiger werden im Rahmen von Gesundheitsangeboten der Krankenkassen und in Rehabilitationseinrichtungen gesundheitsfördernde Sportangebote vorgehalten. Die Bewegungsangebote machen etwa zwei Drittel aller Gesundheitsförderungsangebote der Krankenkassen aus. Der Sportbereich selbst ist durch eine ungeheure Vielfalt von Angeboten und Sportarten gekennzeichnet, Gesundheit ist dabei gerade in eher stark leistungs- und wettkampfbezogenen Sportarten kein primäres Ziel. Da nicht jede Art und jedes Pensum von Sport automatisch auch zu mehr Gesundheit führt, wurde vom Deutschen Sportbund in Zusammenarbeit mit der Bundesärztekammer das Gütesiegel „SPORT PRO GESUNDHEIT“ entwickelt, das solche Sportangebote in den Vereinen kennzeichnet, die eine hohe und gleich bleibende Qualität der Angebote mit dem Fokus auf die präventive Wirkung von Bewegung gewährleisten. Dabei finden sich beispielsweise Sportangebote zur gezielten Stärkung des Herz-Kreislauf-Systems, des Muskel-Skelett-Systems oder auch Angebote zur Stressbewältigung. Die Teilnahme an den so zertifizierten Programmen kann wiederum von Krankenkassen zumindest anteilig finanziert werden oder spielt auch eine Rolle bei den Bonusprogrammen der Kassen, durch die Versicherte für besonders gesundheitsbewusstes Verhalten belohnt werden.

Bewegungsmangel bei Kindern als besondere Herausforderung des Gesundheitssports

Kaum ein anderes gesundheitsbezogenes Thema aus dem Kinder- und Jugendbereich wurde in den vergangenen Jahren mehr in der Öffentlichkeit diskutiert als das Übergewicht von Kindern und Jugendlichen. Von „fetten Kindern“ und „Minicouchpo-

tatoes“ ist da etwa die Rede. Nach Ergebnissen des MONICA-Projektes der Weltgesundheitsorganisation wird in Deutschland jedes 5. Kind und jeder 3. Jugendliche als übergewichtig eingestuft. Übergewichtige Kinder und Jugendliche haben ein erhöhtes Risiko für verschiedene Krankheiten, z. B. Störungen im Glukosestoffwechsel oder erhöhten Blutdruck. Je älter das übergewichtige Kind ist und je länger das Übergewicht besteht, desto größer ist zudem das Risiko, auch als Erwachsener übergewichtig zu sein (Alexy, 2003). Es ist das am schnellsten wachsende Gesundheitsrisiko. Übergewicht und Bewegungsmangel im Kindesalter sind zumeist eng mit einander verknüpft. Dordel und Köster haben bereits 1996 mit einer einfachen Prüfaufgabe für Kinder im Alter von 7 bis 11 Jahren nachgewiesen, dass die Sprungkraft der untersuchten Kinder seit 1974 bei Jungen rund 13 Prozent und bei den untersuchten Mädchen sogar um 24 Prozent nachgelassen hat. Andere Untersuchungen zur körperlichen Fitness bestätigen einen Rückgang von Bewegung und damit von Bewegungsfähigkeit bei Kindern und Jugendlichen. So hat Bös belegt, dass sich deutsche Kinder nur etwa eine Stunde pro Tag bewegen (2003). Dabei ist in keiner anderen Lebensphase Bewegung so wichtig wie in der frühen Kindheit. Als Ursachen der Bewegungsarmut werden massive Veränderungen in der Lebenswelt von Kindern diskutiert. Mann-Luoma u. a. fassen diese in der sportwissenschaftlichen Literatur diskutierten Ursachenbündel folgendermaßen zusammen: „Der soziale Wandel äußert sich im • Verschwinden freier Spiel- und Bewegungsräume. Sie werden durch institutionalisierte Spiel- und Sportghettos ersetzt, • Verdrängen der Kinder von der Straße in die Häuser, • vermehrten Autoverkehr, der die Anpassung von Menschen an Regeln erfordert, • Siegeszug der elektronischen Medien, der Eigenaktivitäten einschränken kann“ (2002). Der „Siegeszug der elektronischen Medien“ besteht aus Fernsehkonsum, der

Foto: Sport bei Eintracht Hildeheim (Diebetes-Sport)

Thema

bereits für Kinder im Alter bis zu drei Jahre eine wichtige Rolle spielt, Computerspielen und Playstations, die reale Bewegungs- und Erfahrungswelten durch virtuelle per Knopf bedienbare Scheinwelten ersetzen. Vielfältige Bewegungserlebnisse fördern die sensomotorische Entwicklung, die Einschränkung von Bewegung auf Fingerübungen schadet der physischen und psychologischen Entwicklung der Kinder. Bei Schuleingangsuntersuchungen häufen sich deshalb die Befunde von „grobmotorischer Koordinationsschwäche“. In Köln beispielsweise lag sie 1996 bereits bei 14,2 Prozent aller Kinder (vgl. Mersemann 2000). Hinzu kommen fein- und visumotorische Schwächen mit 8,6 Prozent und Sprachstörungen mit 11,4 Prozent. Aufgrund dieser besorgniserregenden Entwicklungen wurde auf der 3. Konferenz des Club of Cologne 2003 eine Konsensus-Erklärung zum Bewegungsmangel erarbeitet und verabschiedet, an der viele Sportwissenschaftler und -ärzte mitgewirkt haben. In der Erklärung wird die Unverzichtbarkeit von Bewegung für die Entwicklung von Kindern bekräftigt. Bewegung ist Ausdruck von Vitalität, von kindlicher Neugier und Lebensfreude. Durch Bewegung bringen Kinder ihre eigene Entwicklung voran. Man kann sogar an ihren Bewegungen ablesen, wie (gut) es ihnen geht. Kinder brauchen Bewegung, damit sie sich gesund und leistungsfähig entwickeln. Bewe-

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gung ist nicht nur unerlässlich für die körperliche, sondern auch für die kognitive Entwicklung, weil sie die Lernbereitschaft und die Lernfähigkeit sowie das psycho-soziale Wohlbefinden fördert. Mit ihren Bewegungen begreifen, erobern und erweitern Kinder ihre (Nah-) Welt und erwerben gleichsam Selbstkontrolle und Selbstachtung. Bewegungskönnen ist somit Voraussetzung, um an wertvollen Bereichen der Kultur – insbesondere an den vielfältigen Formen des Sports – aktiv und gestalterisch teilhaben zu können. Die Voraussetzungen dafür sind im Kindesalter zu schaffen. Ebenfalls wird ein Maßnahmenkatalog vorgeschlagen, mit dem die negativen Folgen von Bewegungsmangel im Kindesalter eingedämmt bzw. beseitigt werden sollen: • Eltern aufklären und in die Verantwortung für einen vielgestaltigen Bewegungsalltag ihrer Kinder einbinden, • Kinderärzte und den öffentlichen Gesundheitsdienst als Anwälte für eine bewegungsreiche Kindheit gewinnen, • bei der Stadtplanung wohnungsnahe Bewegungsräume stärker berücksichtigen, • das (sport-) pädagogische Fachpersonal in Kindergärten und Schulen besser qualifizieren, • die Sportvereine und Sportverbände unterstützen, insbesondere solche spezifischen Angebote ausbauen, die für alle Kinder einladend und förderlich sind. Und nicht zuletzt richtet sich der Appell auch an die Verantwortlichen in der Schul- und Sportpolitik sowie in der Gesundheits- und Verbraucherpo-

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Zahlen vorliegen ist anzunehmen, dass Menschen mit Migrationshintergrund in den Gesundheitssportangeboten von Sportvereinen und Krankenkassen unterrepräsentiert sind. Dabei sind beispielsweise türkische Mädchen im Durchschnitt übergewichtiger als ihre deutschen Altersgenossinnen und häufiger vom Sportunterricht in der Schule befreit. Für diese Gruppen Angebote zu entwickeln, die für die Kinder Bewegung attraktiv machen und nicht mit bestimmten kulturellen Hintergründen kollidieren (indem sie beispielsweise geschlechtshomogen angeboten werden) ist eine Herausforderung, der sich die Sportvereine, aber auch kommerziellen Anbieter noch stellen müssen. Bislang gibt es nur vereinzelte Modellprojekte in einigen Großstädten für diese Zielgruppe. Für die Gruppe der Aussiedler wurden zur Förderung der Integration vom Bundesinnenministerium spezielle Modellprojekte aufgelegt. Ähnlich weit reichende Modellprojekte für den Bereich des Gesundheitssports für Migranten fehlen bislang, könnten aber eine dringliche Aufgabe für die Ausgaben nach dem im April 2005 im Bundestag beschlossenen Präventionsgesetz sein, über das insgesamt 250 Millionen Euro Präventionsgelder der Sozialversicherungsträger neu organisiert werden.

litik, das Thema „Mehr Bewegung für Kinder“ bei Beratungen und Entscheidungen angemessen zu berücksichtigen. Dieser Maßnahmenkatalog macht deutlich, dass Gesundheitssport keine reine Vereinsangelegenheit sein kann, sondern insbesondere auch die Integration von mehr Bewegung in den Alltag bedeutet. Nicht nur für den Bereich Kinder und Jugendliche stellen sich hier besondere Herausforderungen, sondern auch für den zunehmenden Anteil von älteren Menschen in der Gesellschaft müssen mehr angemessene Gesundheitssportangebote entwickelt werden. Seniorensport ist ein bislang eher vernachlässigtes Feld in der Sportförderung und im Vereinsleben. Aber der demografische Wandel und der neue Stellenwert der Prävention im Gesundheitswesen haben hier schon zu einer ganzen Reihe interessanter Angebote geführt.

Wie nehmen Migrantinnen und Migranten Gesundheitssportangebote an?

Zur Inanspruchnahme von Gesundheitssportangeboten generell liegen wenig differenzierende Auswertungen vor. Die Gesundheitsförderungsangebote der gesetzlichen Krankenversicherer werden jedoch von sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen unterdurchschnittlich häufig wahrgenommen, wie die Auswertungen des Medizinischen Dienstes belegen (2003). Danach stellten Menschen, für die die damals noch gültige Zuzahlungsbefreiung („Härtefallregelung“) galt, nur 3,9 % der Teilnehmerschaft der Gesundheitsförderungsangebote, während ihr Anteil an der Anzahl der Gesamtversicherten etwa doppelt so hoch war. Auch was die Mitgliedschaft in Sportvereinen anbelangt unterscheiden sich sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen signifikant von besser gestellten Bevölkerungsgruppen. Schmidt u. a. haben 2003 in einer Repräsentativerhebung bei Kindern im Alter von 10 bis 14 Jahren nachgewiesen, dass Kinder mit dem niedrigsten Sozialstatus in der Untersuchungsgruppe vier mal häufiger angaben (mit 26,2 %), „nie in einem Verein“ Mitglied gewesen zu sein wie Kinder mit dem höchsten Sozialstatus (mit 6,3 %). Auch wenn keine genauen

Thomas Altgeld Landesvereinigung für Gesundheit Niedersachsen e.V. Tel.: 0511 3500052, E-Mail: thomas. [email protected], www.gesundheit-nds.de

Foto: Agsten

Foto: Archiv

Thema

Miteinander, nebeneinander oder gegeneinander? USI Lupo Martini Wolfsburg

Versetzen wir uns in die Zeit Anfang der 1960er Jahre: 6.000 junge italienische VW-Arbeiter lebten in Wolfsburg dicht zusammen: In 58 zweigeschossigen Holzhäusern in Leichtbauweise. In dieser Riesenwohnanlage „Berliner Brücke“ entwickelte sich das Bedürfnis, die Freizeit selbst zu gestalten. Als begeisterte italienische Fußballspieler und Fußballfans wollten sie ihre Sportkultur auch in Wolfsburg pflegen – so italienisch wie möglich.

Im Verein ist Sport am schönsten anderen Vereinen gespielt. Deutsch ist ihre gemeinsame Sprache – und in der Freizeit nach dem Spiel gibt es „Bier und Bratwurst“. Doch etwas typisch Italienisches hat der Verein auch heute noch zu bieten: 1995 wurde das Angebot um eine Sportart erweitert: Nun kann man in Wolfsburg Boccia im Verein spielen.

grund den Weg in unsere Sportvereine gefunden. Einige von ihnen gehören zum niedersächsischen Leistungskader: Die Judoka Julia Matijass aus Osnabrück etwa hat eine Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen in Athen 2004 geholt. Michael Gratschow vom Bundesstützpunkt Boxen in Gifhorn ist aktueller Deutscher Meister und der Tischtennis-Nachwuchsspieler Dimitrij Ovtcharov sorgt auch bei internationalen Wettbewerben für Aufsehen“, erinnert Dr. Umbach. „Wir wissen, dass es vielen Vereinen in Niedersachsen gelungen ist, Migrantinnen und Migranten erfolgreich anzusprechen – sehr oft auch ohne unsere Impulse. Die Gründung eigenethnischer Sportvereine sehen wir deshalb weder als Ausdruck des Scheiterns unserer Integrationsbemühungen noch als deren Integrationsunwilligkeit“, versichert Dr. Umbach. Der LSB werde sich auch in Zukunft für interkulturelle Begegnungen im, mit und durch den Sport einsetzen.

Foto: IG Metall Wolfsburg

Rocco Artale 1. Vorsitzender USI Lupo Martini Wolfsburg (USI = Unione Sportiva Italiana); weitere Informationen: www.lupomartini.de

LandesSportBund Niedersachsen e.V.

Prof. Dr. Wolf-Rüdiger Umbach Präsident des LandesSportBundes Niedersachsen e. V. weitere Informationen: www.lsb-niedersachsen.de

Foto: louis

1962 – kaum einer der in Wolfsburg lebenden Italiener konnte deutsch – überwanden sie in einem wahren Kraftakt nicht wenige bürokratische Hürden. Der erste „ausländische“ Sportverein in der Bundesrepublik wurde gegründet, der an auf Kreisebene ausgetragenen Fußballmeisterschaften teilnehmen durfte. Durch den Verein Lupo Martini kam mehr Leben in das Wolfsburger Fußballgeschehen. 1.000 Zuschauer bei den Spielen waren keine Seltenheit. Der Fußballplatz „Berliner Brücke“ war für manchen Gegner und Schiedsrichter ein Alptraum. Das Sportgericht hatte einiges zu tun. Das ist inzwischen Vergangenheit. „Jetzt geht es in erster Linie um Sport, nicht um ein Heimatgefühl“, bringt Rocco Artale die aktuelle Situation auf den Punkt. Der Verein hat sich längst für andere Nationalitäten geöffnet, wie beispielsweise ein Blick auf die 1. Herrenmannschaft der aktuellen Saison zeigt. Spieler, die heute zu Lupo Martini kommen, haben zuvor bereits in

„Mittendrin in unserer Gesellschaft“ lautet das Selbstverständnis des LSB. Im Leitbild heißt es: „Wir wissen uns den Zielgruppen in unserer Gesellschaft verpflichtet, die die Freude am Sporttreiben für sich entdeckt haben oder auf der Suche danach sind.“ Sport ist für den LSB also keine Frage des Alters, des Geschlechts oder der Nationalität. „Seit 1989 sind wir z. B. beim BMIProjekt Sport für alle dabei, mit der Klosterkammer Hannover haben wir die integrativen Potenziale des Sports mit den Projekten ‚Sport in sozialen Brennpunkten‘ und ‚Soziales Lernen im Sport‘ genutzt und die Sportjugend engagiert sich im Projekt ‚Lebensweltbezogene Mädchenarbeit‘“, nennt LSBPräsident Prof. Dr. Wolf-Rüdiger Umbach einige LSB-Aktivitäten und betont: „Der Sport betrachtet die unterschiedlichen Mitwirkungsformen von Migrantinnen und Migranten in der Sportorganisation – eigenethnische wie gemischtethnische – gleichermaßen als selbstverständlichen Ausdruck einer multiethnischen Gesellschaft.“ „In den vergangenen Jahren haben viele Menschen mit Migrationshinter-

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Thema

Gewalt und Gewaltprävention Ist es um die Kultivierungsmöglichkeit menschlichen Handelns – und damit auch um die Bedeutung des Sports für die Gewaltprävention – schlecht bestellt? Oder funktioniert Sport als Königsweg zur Kultivierung menschlichen Verhaltens, als Schutzimpfung gegen soziale Auffälligkeit und Jugendkriminalität?

Unreflektierte Hochgesänge auf die bildende, erzieherische und präventive Bedeutung des Sports verdecken die auch dem Sport immanenten Problemfelder der Gewalt, rücksichtslosen Interessendurchsetzung und Gesundheitsgefährdung. Sie machen vergessen, worauf der Tübinger Sportpädagoge Ommo GRUPE hinweisen möchte, wenn er zwischen Sportkultur und „Kultur des Sports“ unterscheidet: dass es auch im Sport zwei Seiten der Medaille gibt. Sportkultur meint die Wirklichkeit des Sports, wie er ist, in seinen positiven wie negativen, in seinen kulturellen wie kultischen Ausformungen. Kultur des Sports hingegen meint Werte und Ideen des Sports, die bewahrt, befolgt und realisiert werden sollten. Dazu gehören beispielsweise Fairness, Ritterlichkeit und Solidarität. Hier – und dies wird immer wieder übersehen, wenn die Kultivierungsmöglichkeiten menschlichen Verhaltens durch den Sport hervorgehoben werden –

wird Kultur als Aufgabe, als Leitmotiv, als normative Setzung verstanden. Sporttreiben ist nicht per se erzieherisches, soziales, faires und kameradschaftliches Handeln. Es ist vielmehr Aufgabe des Sports, darauf hinzuwir-

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ken, dass diese im Sport angelegten kulturellen Werte und Ideale realisiert werden. Statt davon zu sprechen, dass Sport verbinde, erziehe und – wie problemlos auch immer – integriere, müsste es besser und korrekter heißen: Sport muss, Sport kann verbinden, erziehen und integrieren. Der kulturelle Gehalt des Sports muss immer wieder neu bewusst gemacht und an der Gestaltung des Sports als Kultur muss bewusst gearbeitet werden. Entsprechend kommen die Paderborner Sportwissenschaftler BRETTSCHNEIDER und KLEINE in ihrer viel beachteten Studie „Jugendarbeit in Sportvereinen: Anspruch und Wirklichkeit“ zu der realistischen Erkenntnis, dass sich die Wirkungen sportlicher Aktivität nicht automatisch einstellen. Weder die Förderung psychosozialer Gesundheit, noch die Entwicklung motorischer Leistungsfähigkeit geschieht nebenbei. Es bedarf einer spezifischen Inszenierung des Sports, sowie entsprechender Kompetenzen und Ressourcen auf Seiten derer, die ihn anbieten und vermitteln. Was heißt dies nun bezogen auf die präventiven Funktionen des Sports, auf die Arbeit an der kulturellen Gestaltung des Sports? Zunächst muss einmal von Folgendem ausgegangen werden: Je mehr sportliches Handeln unter dem Primat des Erfolgs, des Gewinnens steht, desto schwerer fällt es ihm, seine präventiven Funktionen und kulturellen Gestaltungsmöglichkeiten zu entfalten. Anders ausgedrückt: der Sport kann seine präventiven, erzieherischen Funktionen am besten entfalten, wenn

das Erlebnis sportlichen Handelns wichtiger ist als das Ergebnis. Auf Grund dieser Erkenntnis hat der Niedersächsische Fußballverband einen Fair Play Cup eingeführt. Dieser Fair Play Cup ist an der spielerischen Praxis orientiert und will durch prozesshaftes Lernen dem Fair Play im Jugendfußball zu mehr Beachtung verhelfen. Dabei stehen ganz bewusst die Erziehung zum Fair Play und die aktive Mitgestaltung der Maßnahmen zu mehr Fairness durch die Jugendlichen im Vordergrund. Ziel ist, den Fair Play-Gedanken nachhaltig zu beeinflussen und eine Bewusstseinsänderung in der Achtung des sportlichen Gegners zu erreichen. Erhebungen im Rahmen des Fair Play Cups des Niedersächsischen Fußballverbandes belegen eindrucksvoll, dass die Trainer vornehmlich das Fairnessverständnis aber auch bis zu einem gewissen Grade das Fairnessverhalten der jungen Fußballspieler positiv beeinflussen können. Die Trainer sind also gefordert, durch ihr Vorbild und durch ihre Maßnahmen das Fairplay mit Leben zu füllen. Die im Fußball, im Sport ganz allgemein angelegten positiven sozialen

im Sport gewaltpräventive Wirkungen erzielt, kann Soziale Arbeit in den Sportvereinen geleistet werden. Da sich Sport bestens zu einmaligen, öffentlichkeitswirksamen Events eignet, sei aber auch angemerkt: Sport-, körper- und bewegungsbezogene Soziale Arbeit darf nicht zu einem Event verkommen. Sie ist kein einmaliger Akt, sondern ein kontinuierlicher Prozess, eine dauerhafte Aufgabe, bei der es um Nachhaltigkeit geht. Und: Wir sind – wie im Positionspapier der Sportjugend Niedersachsen so treffend formuliert steht – „nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun“. Zu überlegen wäre, ob nicht Sportvereine, vor allem in sozialen Brennpunkten mit einem Sportsozialarbeiter ausgestattet werden bzw. auf einen entsprechend ausgebildeten Streetworker im Sinne der aufsuchenden Jugendsozialarbeit zurückgreifen können sollten. Erste Erfahrungen mit einem speziell auf Grund der zunehmenden interkulturellen Konflikte im Jugendfußball eingestellten Sozialarbeiter, der die Jugendund Übungsleiter, Betreuer und Trainer der betroffenen Vereine berät und mit den Jugendlichen arbeitet, zeigen, dass dies eine die Vereine entlastende wichtige, ja fast unverzichtbare gewaltpräventive Maßnahme ist. Prof. Dr. Gunter A. Pilz Institut für Sportwissenschaft Universität Hannover

Foto: Fanprojekt Hannover (3)

und kulturellen Werte müssen tagtäglich in der Vereinsarbeit durch entsprechende erzieherische Maßnahmen zur Geltung gebracht werden. Dabei kann es nicht nur darum gehen, durch Sanktionen und „Belehrungen“ junge Menschen auf den Pfad der Tugend zu führen, sondern es gilt die jugendlichen Spieler aktiv an diesem Prozess zu beteiligen. Sehr gute Erfahrungen hat der Niedersächsische Fußballverband mit so genannten Selbstverpflichtungen gemacht. Hierbei werden Jugendmannschaften in Form einer Zukunftswerkstatt erst einmal aufgefordert alles zu benennen, was sie am Fußball, beim Spielen, beim Training stört. In einem zweiten Schritt werden die genannten Kritikpunkte positiv gewendet, um im dritten Schritt Regeln zu formulieren, die zu einer positiven Verhaltensveränderung führen sollen. Danach werden die Regeln aussortiert, denen nicht alle Mannschaftsmitglieder zustimmen. Mit anderen Worten, nur die Regeln, denen alle Mannschaftsmitglieder zustimmen, kommen in die Selbstverpflichtungserklärung. Diese wird dann von allen Spielern als verbindlich anerkannt und unterschrieben. Erste Erfahrungen ma-

chen Mut auf diesem Weg fort zu fahren: Regeln, die selbst entwickelt und für verbindlich erklärt wurden, werden eher eingehalten. Mehr noch: die Spieler fühlen sich verpflichtet nicht nur ihr eigenes Verhalten entsprechend der vereinbarten Regeln zu kontrollieren, sondern auch das der Mitspieler und sogar des Trainers. Erziehung zum Fairplay ist also im Wettkampf und Erfolg orientierten Sport keine Utopie, sondern durchaus ein lohnendes, ja unverzichtbares Handlungsziel. Bezogen auf das Umfeld des Fußballsports, zeigen Fanausschreitungen, dass es über den Sportverein hinausgehender Bemühungen bedarf, um gewaltpräventiv zu wirken. Hier leistet das vom Niedersächsischen Innenministerium, vom Sozialministerium, von Hannover 96 und von der Landeshauptstadt Hannover geförderte Fußballfanprojekt Hannover seit 20 Jahren hervorragende Arbeit. Ähnlich wie bei Auseinandersetzungen von jugendlichen Fußballspielern unterschiedlicher ethnischer Herkunft zeigt sich, dass der Sport, um präventiv und sozialerzieherisch zu wirken, der professionellen sozialpädagogischen Unterstützung bedarf. Für die Zukunft wird es sehr darauf ankommen, dass auch im Sport gewaltpräventive Netzwerke gebildet werden. In diesen Netzwerken können Vertreterinnen und Vertreter unterschiedlichster Institutionen kooperieren, die sich ihrer Vorbildfunktion und ihrer spezifischen Aufträge bewusst sind. Hier lassen sie ihr fachliches Know-how einfließen bzw. können sie die Netzwerkarbeit für ihre eigene Praxis nutzen. Allerdings bewirken Vernetzung und Zusammenarbeit allein noch keine effektive Soziale Arbeit geschweige denn Gewaltprävention. Entscheidend ist, dass unterschiedliche Interessen offen gelegt, Gemeinsamkeiten herausgearbeitet und Kompetenzen geklärt und zum Inhalt der Zusammenarbeit gemacht werden. Die Entwicklung fachlich fundierter Konzepte für den organisierten Sport sollte Ergebnis einer solchen Zusammenarbeit sein. Nur unter diesen Voraussetzungen können Gewalt verstärkende Faktoren in der Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit von Sportvereinen abgebaut und

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Thema Breakdance, Hip-Hop, Boxen:

„Wer ein Meister werden will, muss wie ein Meister trainieren.“

Foto: Anders (2)

Wo sie auftreten, lassen sie ein begeistertes, staunendes Publikum zurück. Die Tänzer wirbeln auf dem Kopf stehend unzählige Male im Kreis, verdrehen den Körper beim einarmigen Handstand wie ein Fragezeichen oder malen mit den Beinen wilde Muster in die Luft. „Für die Gruppe alles geben, bis du keine Luft mehr kriegst – das ist es“, beschreibt Arkadi seine Motivation bei den Auftritten, wenn er bis zur völligen Erschöpfung im rhythmischen Stakkato der Musik tanzt und die Gedanken abschaltet. Akrobatische Elemente im Stile von Hochleistungssportlern sind aber nur die eine Seite der Faszination, die von den Belmer Breakdancern „4 One“ ausgeht. Dazu kommt die Anziehungskraft einer Jugendkultur, die ihr eigenes, selbstbestimmtes Regelwerk hat. Der 5. Platz bei den Weltmeisterschaften unterstreicht die Professionalität, mit der die Gruppe ihre Auftritte in den letzten Jahren immer weiter perfektioniert hat. Angefangen hat alles mit ersten Akrobatikeinlagen in der Pause auf dem Schulhof, die von Mitschülern begeistert beklatscht wurden. Doch mit den ersten Erfolgen stiegen die Ansprüche. Regelmäßige Trainingsmöglichkeiten auch bei schlechtem Wetter waren notwendig, um das Niveau zu steigern.

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Unterstützung erhielten die fünf Belmer, die alle bereits Mitte der 1990er Jahre mit ihren Eltern aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen sind, von Marion Freericks. Die Präventionsfachkraft ist in Belm verantwortlich für das niedersächsische PRINTProgramm zur Prävention und Integration von Kindern und Jugendlichen in sozialen Brennpunkten. Sie organisierte Trainingszeiten und Auftritte und sponsorte auch ein trendiges Outfit. Der ständige Kampf um Hallenzeiten für die Gruppe ließ dann aber die Idee aufkommen, eine intensivere Kooperation mit dem örtlichen Sportverein SV Concordia Belm-Powe einzugehen, zumal auch der Baustein „Integration in Vereine“ des PRINT-Programmes dafür günstige Rahmenbedingungen darstellte. In zahlreichen Gesprächen zwischen Vereinsführung und der Präventionsfachkraft wurden die Möglichkeiten ausgelotet, ob und wie die sogenannte Trendsportart „Breakdance“ in den Verein integriert werden kann. „Anfangs mussten einzelne Widerstände überwunden werden“, berichtet Marion Freericks. Letztlich stärkten aber der Ehrgeiz und die Leistungsbereitschaft der jungen Tänzer die Vereinsführung in ihrer Einschätzung, dass hier nicht nur ein „Strohfeuer“ abgebrannt wird. Die jungen Leute sollten durch die Gründung einer neuen Abteilung Unterstützung erfahren. Die regelmäßigen Trainingszeiten sorgten fortan für einen weiteren Schub im Leistungsvermögen der „4 One“. Durch die Teilnahme an großen Turnieren färbte das positive Image der Formation letztlich auf den Verein ab. Auch wenn die Gruppe innerhalb des Vereins wenig Kontakt zu anderen Mitgliedern hat und zwischenzeitlich „Abnutzungserscheinungen“ im Verhältnis der Beteiligten untereinander zu beobachten waren, ist die Entwicklung der Breakdancer ein Beispiel für das Aufeinanderzugehen von Migranten und Einheimischen in

Belm. Auf der einen Seite jugendliche Zuwanderer, die in der neuen Heimat auf der Suche sind nach einer Lebensperspektive und im Zusammenhalt in der eigenen ethnischen Gruppe Sicherheit und Geborgenheit finden. Und auf der anderen Seite der alteingesessene Sportverein mit den klassischen Abteilungen wie Fußball, Handball oder Turnen. Für Harald Schulte, 1. Vorsitzender des SV Concordia Belm-Powe, prallen hier längst nicht mehr zwei unvereinbare Positionen aufeinander. Er hat schon früh die Integration von Aussiedlern in den Verein intensiv gefördert, wohnen doch seit Anfang der 1990er Jahre mehr als 2000 Deutschstämmige aus Osteuropa in Belm, darunter knapp die Hälfte in den Hochhäusern der ehemaligen Nato-Siedlung in Powe. Insbesondere durch die Anstellung eines russischsprachigen Sportlehrers ist es dem Verein seitdem gelungen, zahlreiche Zuwanderer in die verschiedenen Abteilungen zu integrieren. Neben den Mannschaftssportarten, in denen Kinder und Jugendliche unterschiedlicher Herkunft gemeinsam Siege und Niederlagen erleben, werden altersgerechte Fitnesskurse angeboten, an denen auch erwachsene Migranten teilnehmen. Dass aber trotzdem noch nicht alle Interessen insbesondere der jungen Neubürger abgedeckt sind, erfährt Schulte besonders durch den Kontakt mit der Präventionsfachkraft im PRINTProgramm. Boxen zum Beispiel war so ein Thema, mit dem jugendliche Spätaussiedler sich an Marion Freericks gewandt hatten, denn besonders in Kasachstan haben Kampfsportarten eine große Tradition. Boxen ist neben Ringen Nationalsport in dem Land, aus dem viele Aussiedler sich auf den Weg in eine bessere Zukunft gemacht haben. „Die Möglichkeit, Frust und Aggressionen durch Sport abzubauen, ist gerade bei benachteiligten Jugendlichen ein wich-

Trainingsbeteiligung unverändert hoch bleiben, wird in Kürze Boxen als festes Angebot in den Verein integriert. In Belm wäre das nur ein weiterer Baustein einer mittlerweile viereinhalbjährigen Erfolgsgeschichte von PRINT, die mit Breakdance begann und mit Boxen nun das jüngste Kapitel erlebt. Ob die Integration einer Taek-WonDo- und einer Hip-Hop-Gruppe in den Sportverein im Belmer Ortsteil Vehrte oder der Aufbau einer Bogensportgruppe im Schützenverein Powe – für Marion Freericks war in der Vergangenheit letztlich die Orientierung an den Interessen der Kinder und Jugendlichen Garantie für eine große Resonanz auf ihre Angebote. Die Herkunft der Teilnehmer spielt dabei keine Rolle mehr, denn inzwischen mischen sich in fast allen durch das PRINT-Programm initiierten Angeboten sowohl einheimische

Fred Anders Quartiersmanager Soziale Stadt, Belm

Foto: Schwake, „Die Harke“

tiger Aspekt“, betont Frau Freericks. Zudem sind für sie Angebote in Trendsportarten die beste Möglichkeit, um Kinder und Jugendliche zu erreichen, die in sogenannten sozialen Brennpunkten aufwachsen. Mit Renat Bekmagambetov hat sie mittlerweile einen Boxtrainer gefunden, der bei den Jugendlichen großen Respekt genießt. In kurzer Zeit ist es dem Bundesligaboxer gelungen, rund 20 Nachwuchskämpfer unterschiedlichster Herkunft für das Boxen in Belm zu begeistern und ihnen durch das regelmäßige Training eine sinnvolle Freizeitgestaltung zu ermöglichen. „Wer ein Meister werden will, muss wie ein Meister trainieren“, hängt als Motto an der Spiegelwand in der Concordia-Sporthalle. Und tatsächlich holen die Kämpfer hier bis zur totalen Erschöpfung alles aus ihrem Körper heraus. Die getrockneten Blutflecken auf dem Hallenboden sind ein Indiz dafür, dass Sparringsgegner sich nicht nur abtasten, sondern dass auch zugelangt wird. „In Kasachstan werden neue Boxer beim Training von den besten Kämpfern im Ring erst einmal richtig verprügelt“, berichtet Bekmagambetov. „Erst wenn sie danach noch wiederkommen, dürfen sie regelmäßig am Training teilnehmen“. Diese harte Schule aus seinem Heimatland hat er zwar nicht mit übernommen, aber ihm ist es wichtig, dass die Teilnehmer mit Disziplin und Ausdauer ihre Ziele verfolgen. So ist für die endgültige Gründung einer Boxabteilung eine bestimmte Mindestzahl von Teilnehmern notwendig. Inzwischen steht die Zusage vom Sportverein. Sollte die

als auch zugewanderte Sportbegeisterte. „Bei Teilnehmern aus schwierigen Familienverhältnissen sind durch den regelmäßigen Sport Verhaltensauffälligkeiten zurückgegangen, sie sind aktiver in der Schule, das Selbstbewusstsein ist insgesamt stärker geworden“, berichtet die Sozialpädagogin von den bisherigen Erfahrungen. Insbesondere Kinder und Jugendliche aus Zuwandererfamilien hätten Vertrauen gefasst und über die aufgebauten Kontakte ein Zugehörigkeitsgefühl zum lokalen Netzwerk entwickelt. Dass mehr Jungen als Mädchen in die Kurse kommen, ist nicht immer nur durch den unterschiedlichen Bewegungsdrang der Geschlechter zu erklären. Zwar werden gerade die Hip-Hop-Angebote gut angenommen, doch die Gruppe der Belmer Spätaussiedler-Mädchen aus den freien Christengemeinden ist durch attraktive Trendsportangebote nicht zu erreichen. Freericks: „Die strenge Erziehung und das starre Festhalten am traditionellen Rollenverständnis in den Familien macht Integration schwierig“.

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Thema

Mädchen vor! Die Freizeitaktivitäten traditionell orientierter muslimischer Mädchen konzentrieren sich mehrheitlich im näheren sozialen Umfeld der Familie. Ein wichtiger gemeinwesenorientierter Ort der Begegnung ist die Moschee. Sie stellt gleichzeitig eine Lebenswelt dar, die das Vertrauen der Eltern besitzt – die Grundvoraussetzung dafür, dass sie die Teilnahme ihrer Töchter an einem Sportangebot erlauben. Und just an diesem Punkt setzt die Idee an, innerhalb einer Moschee ein Mädchensportprojekt zu initiieren.

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Seit Mitte des Jahres 2002 ist die Sportjugend Niedersachsen Trägerin in diesem vom Niedersächsischen Ministerium für Soziales, Frauen, Familie und Gesundheit geförderten Projekt. Für und gemeinsam mit den Mädchen werden hier körper-, bewegungs- und sportbezogene Angebote entwickelt. Dabei hat sich die Sportjugend Niedersachsen zum Ziel gesetzt, die Bewegungsinteressen muslimischer Mädchen und junger Frauen zu erkennen, umzusetzen und ihnen somit zugleich neue Perspektiven für sportliche Betätigung zu eröffnen. Außerdem sollen Sportvereine für diese Zielgruppe sensibilisiert und dauerhafte Sportangebote etabliert werden.

Mädchensport in der Moschee

Es entstand das Mädchensportprojekt in der Moschee Hannover Stiftstraße. Durch das Angebot in Zusammenarbeit mit der Moschee sollte die Akzeptanz muslimischer Eltern gegenüber den Bewegungsinteressen ihrer Töchter erhöht werden. Die Arbeit in dieser Moschee war von Anfang an unproblematisch, zumal für ihre Mitglieder die Kooperation mit externen Organisationen kein neues Terrain ist und auch sie sich für ihre Jugendlichen engagieren. Da ungefähr 60 Mädchen die Moschee regelmäßig besuchen, war sie ein idealer Anknüpfungspunkt für das Angebot. Eine Befragung der jungen Moscheebesucherinnen ergab, dass die Zielgruppe ein generelles Interesse an den verschiedensten Sport- und Bewegungsarten hatte. Den Mädchen war es

aber auch sehr wichtig, von einer Frau trainiert zu werden. Ihre Nationalität jedoch war für die meisten nicht von Belang. Interkulturalität kennzeichnet auch das Kooperationsteam des Projektes. Es setzt sich zusammen aus der Religionsbeauftragten und dem Vorsitzenden des Moscheevereins sowie einer diplomierten Sozialpädagogin der AWO. Darüber hinaus lieferte der Sportverein Pro-Judo die sportkonzeptionelle Beratung. Die Projektleitung obliegt der Mädchenreferentin der Sportjugend Niedersachsen und Trainerin ist eine muslimische Gymnastiklehrerin. Das Projekt startete Ende 2002 mit zwei Gruppen; eine für 6- bis 11-jährige und eine für 12- bis 18-jährige Mädchen. Im Schnitt kommen seitdem samstags, nach dem Koranunterricht, 12 Mädchen pro Gruppe. Neben Aufwärmgymnastik und Selbstverteidigungstechniken stehen Übungen zur Körperwahrnehmung im Vordergrund, wie beispielsweise fallen und rollen. Die Mädchen lernen ihre anfängliche Unsicherheit zu überwinden, ihre Bewegungsfähigkeit und ihr Selbstbewusstsein steigen. Seit etwa einem Jahr liegt der sportliche Schwerpunkt je nach Altersklasse auf Bewegungsspielen, Tänzen, Fitnesstraining zu Musik und Krafttraining. Ein zentrales Anliegen lautet, Eltern zur Förderung des Bewegungsinteresses ihrer Töchter zu motivieren. Bei Müttern wie bei Vätern musste zu diesem Zweck Akzeptanz geschaffen werden. Maßgeblich waren hier die Türkischkenntnisse der Trainerin und die offene Unterstützung des gesamten

„Lebensweltbezogene Mädchenarbeit“ – ein Projekt rückt muslimische Mädchen in den Mittelpunkt

Foto: Landessportbund Niedersachsen (3)

Projekts von Autoritätspersonen wie dem Vorbeter der Moschee. In diesem Projekt wird Mädchen aus traditionellen Familien die Möglichkeit geboten, in vertrauten und „geschützten“ Räumlichkeiten Sport zu treiben und ein positives Körperkonzept zu erlangen. Diese Erfahrung, so ihren Interessen nachgehen zu können und als Gruppe direkt angesprochen zu werden, signalisiert ihnen, dass sie mit ihren Bedürfnissen ernst genommen werden. Dies steigert ihr Selbstbewusstsein und unterstützt sie darin, mit ihren muslimischen Wurzeln in Deutschland zu leben.

Das Streetdance-Projekt im Jugendtreff Linden Nord – die „Puellas“

Im Jugendtreff Hannover/Linden-Nord gibt es schon seit über zwei Jahren eine Mädchengruppe, deren größter Wunsch es war, Tanztraining zu bekommen. Ab und zu hatten sie die Gelegenheit an Wochenendworkshops, z. B. an einem Cheerleader-Training, teilzunehmen, aber ein kontinuierliches Angebot konnte sich der Jugendtreff nicht leisten. Im September 2002 jedoch startete ein dreimonatiges Streetdance-Projekt, hervorgegangen aus einer Kooperation der Sportjugend Niedersachsen mit dem Jugendtreff. Streetdance ist eine Mischung aus Jazzdance, Breakdance und Aerobic, eine Bewegungsform, in der Koordinations- und Konzentrationsvermögen gefördert wird. Das körperbezogene und persönlichkeitsbildende Bewegungsangebot trägt zu einer positiven Identitätsentwicklung und Gesundheitsförderung bei. Mit dem Streetdance Projekt entstand ein weiteres erfolgreiches Konzept in Zusammenhang mit dem Förderprogramm „Lebensweltbezogene Mädchenarbeit“. In Linden-Nord wohnen überdurchschnittlich viele Migrantenfamilien und so kommt das Gros der BesucherInnen des Jugendtreffs aus solchen Familien. Herkunftsland der Eltern beziehungsweise Großeltern ist in den meisten Fällen die Türkei.

Das Training der Gruppe übernahm eine junge muslimische Frau, die ein mehrwöchiges Praktikum im Jugendtreff absolvierte und seit über sieben Jahren Erfahrung im Streetdance hatte. So konnte für die Gruppe, die überwiegend aus muslimischen Mädchen besteht, eine geeignete Trainerin gewonnen werden. Den Beginn markierte ein Streetdance Wochenendworkshop, der auch neue Mädchen zur Teilnahme motivierte. Der Wochenendworkshop bot der neuen Gruppe die Gelegenheit sich kennenzulernen und stärkte das Gruppengefühl. Die Mädchen besprachen miteinander zu welchen Musikstücken sie tanzen möchten. Die Trainerin gab einige Tanzschritte vor, die geübt wurden. Man sah sich gemeinsam Tanzvideos an und entwickelte eigene Ideen für Choreografien. Nach dem Wochenende traf sich die Gruppe dann einmal pro Woche; vor Auftritten oder Wettbewerben auch häufiger. Mittlerweile hat sie einen Namen, sie nennt sich „Puellas“, in Anlehnung an das lateinische Wort für „Mädchen“. Die zehn Mitglieder stammen aus fünf verschiedenen Herkunftsländern und ihr Engagement und Spaß am Tanz sind immer noch so groß wie

am ersten Tag. Die „Puellas“ hatten auch schon einige Auftritte. Bei ihrer ersten Teilnahme an einem Tanzwettbewerb in Hameln belegten sie den vierten Platz! Und damit nicht genug: Im Sommer 2003 drehten die Mädchen in Eigenregie den Kurzfilm: „Making of Puellas“, der im Niedersächsischen Nachwuchs-Filmfest Colours gezeigt wurde. Die Mädchen erzählen in dem Film aus ihren Lebenswelten, von Träumen und Zukunftswünschen und ihrer Motivation zu tanzen. Die „Puellas“ existieren derzeit als selbst organisierte Gruppe weiter und nehmen an Tanzwettbewerben teil. Sie sind ein gutes Beispiel dafür, dass ein gemeinsames Ziel kulturelle Grenzen überwindet und persönliche Perspektiven weiterentwickelt. Karin Solsky Sportjugend Niedersachsen Ferdinand-Wilhelm-Fricke-Weg 10 30169 Hannover Tel: 0511 1268-256

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Thema

Sportliche Vielfalt in Niedersachsen – eine kleine Auswahl Marathon gegen Ausgrenzung

Nicht nur „Lola rennt“ – auch die AWO rennt. Über 400 Aktive aus vielen Nationen liefen Anfang Mai 2005 zum siebten Mal in leuchtend orangefarbenen Trikots mit der Aufschrift „AWO gegen Ausgrenzung – Unsere Sprache ist Integration“. Sie setzten ein Zeichen für ein gelingendes Zusammenleben von Minderheiten und Mehrheiten. Information: Dirk von der Osten Tel. 0511 8114-265 E-Mail: [email protected]

Fair Play! Das Projekt „Konflikte im Jugendfußball“

Foto: CVJM Wolfsburg

Dass im Fußballsport oftmals Anlässe für handfeste Auseinandersetzungen gesehen werden, ist allgemein bekannt. Das Projekt „Konflikte im Jugendfußball“ will solchen Situationen durch die Begleitung des Trainingsbetriebes vorbeugen, es will einen konstruktiven Umgang mit Konflikten vermitteln und die Rehabilitation von straffälligen Sportlern forcieren. Dabei wird auf die Zusammenarbeit von Sportverein, Schule und Sozialer Arbeit sowie auch auf Konfliktberatung viel Wert gelegt. Ziel ist es, ausländische Jugendliche und ihre Familien in die Vereine zu integrieren. Information: Hasan Yilmaz Tel. 0168 4050605 E-Mail: [email protected]

Olympischer Geist in Nienburg: die „Weserlympix“

Jugendliche aller Nationalitäten aus dem Landkreis Nienburg/Weser und seinen Partnerstädten trafen sich vom 14.–16. Mai 2004 im Nienburger Stadion zu Sportwettkämpfen. Neben dem Sportlichen wurde dort ein reichhaltiges Unterhaltungsprogramm mit Musik, Theater und zahlreichen kulturellen und sportlichen Vorführungen geboten. Unter dem Motto „Lieber Sport und Spaß – statt Frust und Hass“ galt es den interkulturellen Austausch und die Vermittlung von Kulturkompetenz zu fördern. Information: Horst Barthel Tel. 05021 967-328

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SRBIJA – Tanz und Lied auf serbisch

Originäre Trachten, vielschichtige Musik und ein leidenschaftlicher Umgang mit Folklore – das kennzeichnet die Volkstanzgruppe SRBIJA. Seit 1982 üben die mehr als sechzig Kinder und Jugendlichen der Gruppe serbische Tänze professionell ein, spielen traditionelle Lieder und treten sogar auf internationalem Parkett auf. Die Weitergabe des serbischen Volksliedes und Tanzes ist ihnen eine Herzensangelegenheit. Information: Pfarrer Milan Pejic Tel. 0511 3941924 E-Mail: [email protected]

Schwimmen für Muslime

Der Braunschweiger Schwimmverein „Germania“ organisiert Schwimmangebote für muslimische Frauen und Männer. Besonderen Wünschen dieser Zielgruppe kommt man hier entgegen. So wurde die Schwimmhalle, in der man sich trifft, mit Jalousien ausgestattet um einen Sichtschutz von außen zu gewährleisten. Das begehrte Angebot des

Vereins richtet sich sowohl an muslimische Nichtschwimmerinnen sowie auch gesondert an muslimische Männer und Frauen, die schwimmen können. Information: Petra Weber Schwimmverein „Germania“ Tel. 0531 81525

Hochschulsport für Flüchtlinge

Im Sommersemester 2003 führte das studentische Projekt „Entwicklung von Konzepten zur Öffnung von universitären Angeboten für Flüchtlinge“ der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg eine Umfrage unter 80 Asylbewerbern in der damaligen ZASt, jetzt: ZAAB Oldenburg, durch. Die Auswertung ergab starkes Interesse an einer Teilnahme am Hochschulsport. Speziell die Sportarten Fußball und Basketball waren sehr gefragt. Nun mussten etliche bürokratische Hürden überwunden werden. Seit dem Wintersemester 2004/05 ist es den Flüchtlingen möglich, mittels Gasthörerausweis am Hochschulsport teilzunehmen. Information: Carolin Heumann E-Mail: [email protected]

Kreuzheben, Bankdrücken, Kniebeugen – KraftdreikampfLeistungssport

Der SV Union Groß Ilsede rief Ende 2002 eine neue Abteilung ins Leben: Kraftsport – auch „Powerlifting“ genannt. Diese Sparte übt besonderen Reiz auf jugendliche Spätaussiedler aus, zieht aber auch Libanon- und Türkeistämmige an. Etwa ein Drittel sind Einheimische. Die in Sachen Integration vorbildliche Abteilung hat schon viele Wettbewerbe gewonnen. Sie richtete Ende Mai 2005 die Deutschen Meisterschaften im Bankdrücken der Junioren aus. Information: Lutz Bertram Tel. 05172 410374 E-Mail: [email protected]

Forum: Portrait

Güler Karpuz:

Mitten im Leben – Zwischen Bürgerbüro und bürgerschaftlichem Engagement Güler Karpuz packt mit an. Mal hilft sie, Foto: privat

zusammen geklappte Rollstühle in einen DRKBus zu heben, mal baut sie Spielgeräte für Kinder beim Sommerfest auf. Güler Karpuz wurde 1975 in Peine geboren. Ihr Vater kam 1970 als türkischer „Gastarbeiter“ in die norddeutsche Stahlstadt, um hier im Walzwerk zu arbeiten. Ihre Mutter folgte 1972 mit zwei kleinen Kindern. Die Familie bewohnte in Peine eine Doppelhaushälfte in einer Siedlung, in der Deutsche und Türken lebten. „In meiner Kindheit dachte ich, deutsche Männer tragen grundsätzlich ein geripptes Unterhemd und Trainingshosen, deutsche Frauen eine Kittelschürze“, erinnert sich Güler Karpuz an ihre Nachbarn, mit deren Kindern sie aufgewachsen ist. Von ihnen hat sie im wahrsten Sinne des Wortes „spielend“ deutsch gelernt. Auch das Wort „Kanake“ gehörte dazu. Güler saß noch auf dem Bobby-Car, als es hinter ihr hergerufen wurde. Zu Hause wurde nur türkisch gesprochen, doch war es den Eltern immer wichtig, dass ihre Kinder Kontakt zu Deutschen hatten und „draußen“ deutsch sprachen. Auf diese Weise wuchs Güler zweisprachig auf – und die Einschulung war kein Problem. Der Wechsel zur Realschule klappte gut. Später absolvierte sie mit Erfolg die Höhere Handelsschule. Einen Ausbildungsplatz fand sie bei der Stadt Peine. Nach der Ausbildung erhielt sie dort einen Jahresvertrag. Kurz bevor dieser zu Ende ging, bot sich ihr eine echte

Das nötige Training für kleinere und größere Kraftakte eignet sich die junge Frau in einem Fitnessstudio an. Chance: Sie konnte die frei gewordene Stelle im Vorzimmer des damaligen Stadtbaurates besetzen. Diese Position war für die sehr junge und noch unerfahrene Verwaltungsangestellte beruflich eine Herausforderung – und sozial ein Glücksfall. „Noch heute bin ich dankbar dafür, dass ich Arthur Warstat kennen gelernt habe“. Ihr Chef, ehrenamtlicher Vorsitzender des DRK Peine, motivierte die junge Türkin, ins Deutsche Rote Kreuz einzutreten. Güler Karpuz wurde sofort Schriftführerin – und arbeitet fortan ehrenamtlich in dieser Funktion engagiert im Vorstand mit. Sie ist seit einigen Jahren Mitorganisatorin der DRK-Aktivitäten im Peiner Wohnheim für ausländische Flüchtlinge und Spätaussiedler. Auch für das neueste DRK-Projekt, die Anbahnung einer Partnerschaft mit dem Polnischen Roten Kreuz in der Stadt Jelina Gora (früher: Hirschberg), ist Güler Karpuz‘ Hilfe unverzichtbar. Nach bereits erfolgtem Transport von Rollstühlen nach Polen organisiert sie eine Kleidersammlung für ein Kinderheim. Und dass sie den gesamten Schriftwechsel erledigt, versteht sich von selbst.

Im Rathaus der Stadt Peine ist Güler Karpuz-Paul, wie sie seit ihrer Eheschließung heißt, inzwischen fast schon zu einer Institution geworden: Vor einigen Jahren ins damals neu eingerichtete Bürgerbüro gewechselt, ist sie dort die Anlaufstation für Peiner Bürgerinnen und Bürger türkischer Herkunft. Sie wissen ihre Zweisprachigkeit und ihre interkulturelle Kompetenz zu schätzen und nehmen sie gern in Anspruch. Bevor ihr die mitunter intensive Beratung der „Landsleute“ zuviel zu werden droht, ruft sie sich schnell den Leitspruch ins Gedächtnis, mit dem Mutter Karpuz ihre Tochter ausgestattet hat: „Tu allen etwas Gutes - sie beten für dich.“ „Also tu ich allen etwas Gutes“, lacht Güler Karpuz-Paul – und strahlt Fröhlichkeit und Tatendrang aus. Marianne Winkler Referentin im Büro der Ausländerbeauftragten

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Forum

Prominente Adoptiveltern, verwaiste Kinder nach Katastrophen: Mancher, der das liest, will selbst ein Kind zu sich holen. Aber Auslandsadoptionen sind heikler, als viele Menschen wahrhaben wollen.

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Manchmal steht das Telefon auf Marita Oeming-Schills Schreibtisch gar nicht mehr still. Das war so nach Beckmanns Talkshow, als Bundeskanzler Gerhard Schröder alle ermuntert hatte, „die Platz im Herzen und Platz zu Hause haben“, ein Kind in ihre Familie aufzunehmen. Das war wieder so, als die Berichte von der Flutwelle und Zehntausenden elternlos gewordener Kinder in Asien um die Welt gingen. Bei der Adoptionsvermittlerin meldeten sich Dutzende von Menschen, die „ganz unbürokratisch“, jedenfalls aber möglichst rasch ein Waisenkind zu sich holen wollten. Das Gerücht, eine Auslandsadoption sei erheblich einfacher als die für ein in Deutschland geborenes Kind, ist nicht aus der Welt zu schaffen. Das ärgert Marita Oeming-Schill, denn „das Gegenteil ist richtig, wenn es ohne krumme Touren geschehen soll“. Eine Weltkarte im Großformat hat sie mit blauen Fähnchen gespickt. Überall dort steckt ein Fähnchen, von wo sie bislang Kinder nach Deutschland vermittelt hat. Freiberuflich berät sie Eltern und bereitet sie auf eine Auslandsadoption vor, oder sie macht Mitarbeiter von Jugendämtern mit den besonderen Hürden einer Auslandsadoption vertraut. Sie bahnt auch für Elternvereine Adoptionen an. Die rührenden Geschichten vom neuen Familienglück Prominenter in der Regenbogenpresse oder die Bilder vom Leid der Kinder nach Katastrophen bringen Menschen dazu, sich rasch zu entschließen und auf eine Adoption zu drängen. Marita Oeming-Schill spürt, ihre Anrufer meinen es ernst. Die meisten erwarten, „dass ich ihnen gleich für den nächsten Tag einen Termin gebe, damit sie sich vorstellen können“. Kaum einer der spontanen Bewerber vermag sich aber vorzustellen, was ein gerade erst durch ein Unglück traumatisiertes oder ein seit Jahren schon in einem russischen oder rumänischen Heim untergebrachtes Kind wirklich braucht. Die wenigsten wollen hören, dass es mehr ist als ein Platz im Herzen und ein Platz zu Hause. Warum sollte es Waisenkindern nach einer Katastrophe

Foto: Loff

Mehr als ein Platz im Herzen

nicht helfen, ihr Land zu verlassen? Die Sozialarbeiterin versucht begreiflich zu machen, dass der Wechsel für ein Kind nicht allein einen Sprung über Kontinente hinweg bedeutet, sondern auch einen Wirbel widerstreitender Gefühle. Die neue Familie in Deutschland wird glücklich sein über den Zuwachs, „aber wo bleibt das Kind mit seinen furchtbaren Erlebnissen und seiner Trauer?“ Auslandsadoptionen sind so einfach nicht einzufädeln. Zunächst bemüht sich die Mutter zweier erwachsener Töchter mit den Behörden im Ausland für ein bestimmtes Kind die Familie zu finden, die besonders gut zu ihm passen könnte. Auch die meisten Herkunftsländer legen inzwischen Wert auf sorgfältige Vermittlung. Ghana etwa besteht darauf, dass Adoptiveltern drei Monate im Land mit dem Kind leben. Dann erst lassen sie es ausreisen, falls alles klappt. Brasilien pocht auf fünf Wochen Aufenthalt der Eltern. Thailändische und peruanische Aufsichtsbehörden machen laufende Berichte der deutschen Jugendämter zur Bedingung. Zusätzlich erwarten sie, dass ihre Vertreter in regelmäßigen Abständen die Reise nach Deutschland bezahlt bekommen, damit sie die Familien besuchen und sich vom Wohl „ihrer“ Kinder überzeugen können. Solche Fürsorge schätzt Marita Oeming-Schill auch für die Zukunft als großes Plus. Meistens im Alter zwischen 16 und 25 Jahren forschen die Heranwachsenden in ihren Heimatländern nach ihren Angehörigen und begeben sich auf die Suche nach ihren Wurzeln. „Es tut ihnen dann gut, zu wissen: Beiden Ländern bin ich wichtig“.

mit einem falschen zwischen lauter Menschen mit korrektem Schild. „Gleiches Recht für alle“ sollte das wohl heißen. Falls es klappt, und die Adoptionsvermittlerin trifft etwa ein Kind, das sie in einem Heim kennen gelernt hat, in der neuen Familie wieder, aufgeweckt und wie verwandelt, sind das Momente des Glücks. In Waisenhäusern in aller Welt erlebt sie, dass Kinder keine eigenen Kleider besitzen, sondern sie nach jeder Wäsche zugeteilt bekommen, dass sie in Etagenbetten schlafen, nur einen Nagel in der Wand haben für ihre Schultasche und keinen Platz für ihr Spielzeug. In einem Heim in der Karibik war es selbstverständlich, dass die Kinder ihr T-Shirt vor dem Essen ausziehen, damit sie es nicht bekleckern. Die meisten Adoptiveltern kennen solche Not und engagieren sich für die Heime im Land ihrer Kinder. Manchmal lassen sich Marita Oeming-Schills Anrufer für eine Patenschaft begeistern, sei es für ein Kind oder ein Heim, auch wenn sie ihnen keine Hoffnung machen kann auf eine Adoption. Birgit Loff Journalistin, Berlin

Foto: Agsten (3)

Wird sie ungeduldig, wenn sich Anrufer allzu forsch nach einer Adoption erkundigen? Die Adoptionsvermittlerin schüttelt den Kopf. Bei unrealistischen Erwartungen verweist sie auf Erfahrungen von Unicef, von terre des hommes und der Kindernothilfe. Alle drei Hilfsorganisationen haben lernen müssen: Überstürzte Adoptionen nach einer Katastrophe sind der falsche Weg. Vielmehr hilft es den verwaisten Kindern, zunächst in vertrauter Umgebung zu bleiben und mit Gleichaltrigen zusammen zu sein, die Ähnliches durchzumachen hatten. Ohnehin lässt die Haager Konvention Auslandsadoptionen nur zu, wenn sich in den Ländern selbst keine geeigneten Adoptionsbewerber oder Pflegeeltern finden. In Deutschland ist das Abkommen seit 2002 in Kraft. Marita Oeming-Schill sieht einen großen Fortschritt darin, dass die Haager Konvention erstmals auch im internationalen Rahmen das Wohl der Kinder ausdrücklich über alle anderen Interessen stellt. Als eine der Folgen müssen die privaten Elternvereine, die sich in Deutschland für Auslandsadoptionen einsetzen, jetzt in jedem einzelnen Fall die entstandenen Kosten offen legen. So hofft man, dem Handel mit Kindern entgegenwirken zu können.

Über Flüge und Unterkünfte hinaus sind die Kosten für eine Auslandsadoption oft erheblich. Häufig kann die Adoptionsvermittlerin die Summen nachvollziehen, etwa wenn in Indien 6.000 US-Dollar Heimkosten berechnet werden, weil Waisenhäuser keine staatliche Unterstützung erhalten. Auch wird niemand die dicken Stapel erforderlicher Dokumente zum Nulltarif übersetzen. Mitunter hat Marita Oeming-Schill es allerdings mit seltsamen Bräuchen zu tun, wie in Russland, das die Haager Konvention bislang nicht beachtet. Zusätzlich zu den üblichen Verwaltungskosten können in der Russischen Föderation glatt noch einmal 5.000, 6.000 US-Dollar Anwaltskosten anfallen. Energisch tippt sie mit dem Finger auf den Tisch, als hätte sie so eine Kostenaufstellung vor sich liegen: „Eine enorme Summe für dortige Verhältnisse, und keiner weiß so recht, wofür“. Falls es nicht klappt, aus welchen Gründen auch immer, können Adoptionswillige oft nur schwer akzeptieren, keine Aussicht zu haben auf ein Kind. Neuerdings verweisen sie gern auf den Bundeskanzler und seine Familie. Neulich saß in einem der Kurse für Adoptionsbewerber ein Mann mit dem Namensschild „Schröder“ am Revers, einer

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Forum „Ladies on tour“:

Fahrrad fahren für Anfängerinnen Mal ist „Joe Cocker on Tour“, mal sind die „Ladies on tour“: In einem Projekt, dessen Bezeichnung an die Ankündigung großer Stars erinnert, lernen Braunschweiger Migrantinnen Fahrrad fahren.

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bei ihren ersten Fahrversuchen und unterstützten sich gegenseitig in ihrer gemeinsamen Zielsetzung. Sie erlernten das Fahrrad fahren in ungezwungener, entspannter Atmosphäre, waren stolz auf ihre Erfolge und erlebten sehr viel Spaß und Freude. Das spricht sich herum – und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass es schon wieder Interessierte für neue Kurse gibt. So werden künftig immer mehr „Ladies on tour“ das Braunschweiger Stadtbild und das der Umgebung beleben, während „Joe Cocker“ längst andernorts „on tour“ ist. Marianne Winkler, Referentin und Marina Kormbaki, Praktikantin Büro der Ausländerbeauftragten Informationen: Doris Bonkowski / Michaela Knabe, Stadt Braunschweig, Sozialreferat, Büro für Migrationsfragen, Tel. 0531 4707355 Helga Rake / Kathi Wegner plankontor GmbH Braunschweig Quartiersmanagement für das Westliche Ringgebiet Tel. 0531 2801573

Foto: plankontor GmbH (2)

Im Westlichen Ringgebiet Braunschweigs wohnen überdurchschnittlich viele Migranten. Viele von ihnen haben in ihren Herkunftsländern wegen der geographischen Lage, aus finanziellen oder kulturellen Gründen das Fahrrad fahren nicht erlernen können. In der neuen Heimat jedoch wäre diese Fähigkeit von Vorteil, da aufgrund eines meistens geringen Einkommens Busund Bahnfahrkarten für Zugewanderte oftmals nicht erschwinglich sind. Das Fahrrad fahren böte eine kostengünstige Alternative. Hier setzt das Projekt „Ladies on Tour“ an – unkompliziert und unbürokratisch. Das Quartiersmanagement für das Westliche Ringgebiet plankontor GmbH führt in Zusammenarbeit mit dem Büro für Migrationsfragen der Stadt Braunschweig – unterstützt durch den Allgemeinen Deutschen Fahrrad Club (ADFC) und durch die Polizei – Kurse für Migrantinnen durch, die Fahrrad fahren lernen wollen. Dabei ist nicht nur willkommen, wer ein Fahrrad besitzt; bei Bedarf werden die „Drahtesel“ gestellt. Von der Schulung

des Gleichgewichtssinnes bis hin zum einhändigen Fahren umfasst der Kurs alle relevanten Aspekte des Radfahrens. Mit Straßenverkehrsregeln werden die Frauen von einem Verkehrssicherheitsberater der Polizei vertraut gemacht. In dem Kurs treffen sich die lernbegeisterten Frauen zehnmal für zwei Stunden in der Woche. Am Schluss des Kurses steht ein Grillfest, zu dem auch die Kinder der Projektmitglieder mitgebracht werden. Im offiziellen Rahmen werden dort die Teilnahmebestätigungen und Urkunden vergeben. Nun können die Frauen ihre neue Mobilität genießen. Nicht mehr auf das unmittelbare Wohnumfeld angewiesen, erkunden sie neue Örtlichkeiten. Sie erweitern ihren engen Bewegungsradius und entdecken ihnen bisher unbekannte Orte in Braunschweig und Umgebung. „Ladies on tour“ startete am 9. Juli 2003. Bisher haben vier Kurse stattgefunden, an denen in der Regel nicht berufstätige Migrantinnen teilnahmen. Sie kamen aus so unterschiedlichen Ländern wie der Türkei, Bosnien, den Philippinen, Ägypten, Syrien, Spanien. Sie knüpften in den Kursen schnell Kontakte untereinander, halfen sich

Mehr als ein Kennen lernen

Erste gemeinsame Informationsveranstaltungen zum Integrationsauftrag des Zuwanderungsgesetzes Das Zuwanderungsgesetz, das zu Beginn dieses Jahres in Kraft getreten ist, enthält Regelungen für Integrationsmaßnahmen, die insbesondere wichtig sind für Neuzuwandernde. Kern der staatlichen Angebote sind die Integrationskurse zur Vermittlung von ausreichenden Sprachüber die Rechtsordnung, Kultur und Geschichte Deutschlands. Die neue Gesetzeslage führt zu Veränderungen und Unsicherheiten hinsichtlich der Zuständigkeiten und der Umsetzung bei den um die Integration bemühten Akteuren. Das Niedersächsische Ministerium für Inneres und Sport hat deshalb zu Informationsveranstaltungen eingeladen. Neben der Klärung von inhaltlichen Fragen zur Umsetzung der Integrationskursverordnung stand ein erstes Kennen lernen und der Austausch von ersten Erfahrungen im Vordergrund. Vertreten waren die Regionalkoordinatoren des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, Sprachkursträger, Ausländerbehörden und andere mit Integration befasste kommunale Stellen sowie die Migrationsberatung. Die vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge eingesetzten Regionalkoordinatoren erläuterten die neuen Aufgaben. Sie wiesen nachdrücklich

Foto: Archiv

kenntnissen sowie von Wissen

auf die nötige Zusammenarbeit zwischen ihnen, den Ausländerbehörden und den Sprachkursträgern hin. In Niedersachsen gibt es bereits gute Ansätze hierzu durch die „Kooperative Migrationsarbeit in Niedersachsen“ (KMN), die die kommunale und regionale Vernetzung der Dienste für Migranten erfolgreich vorangetrieben hat. Die Sprachkursträger wiesen auf unterschiedliche Rahmenbedingungen für Kursangebote in städtischen und ländlich geprägten Gebieten hin. Schwieriger als in Ballungszentren ist die Kursteilnehmergewinnung in der Fläche. Überall jedoch ist die Zahl der Neuzuwanderer eher gering. Darin liegt die Chance für bereits hier lebende Ausländerinnen und Ausländer, die noch keine ausreichenden Deutschkenntnisse haben, an diesen Kursen teilzunehmen.

Die Ausländerbehörden erleben in Folge des Zuwanderungsgesetzes die wohl stärksten Veränderungen. Es wurde deutlich, dass von den Ausländerbehörden eine aktive Rolle als Initiator und Vermittler von Integrationsmaßnahmen erwartet wird. Die anschließenden Diskussionen haben gezeigt: Alle an Integrationsarbeit Beteiligten sitzen im selben Boot. Das notwendige neue Miteinander muss in die Praxis umgesetzt werden, damit der im Zuwanderungsgesetz enthaltene Integrationsansatz realisiert werden kann. Marina Kormbaki Studentin und Praktikantin im Büro der Ausländerbeauftragten

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Materialien zum Schwerpunktthema seither in Vergessenheit geriet, wird hier erstmals ausführlich beschrieben. Dabei thematisieren sie auch die Diskriminierung, der jüdische Fußballer vielfach noch heute ausgesetzt sind.

Newsletter „Integration durch Sport“ Alle zwei Monate werden über neueste Ereignisse, Projekte und Entwicklungen im Bereich Integrationsarbeit für Aussiedler und Ausländer berichtet. Weitere Informationen unter www.integration-durch-sport.de

Lesetipps Tatort Stadion. Rassismus, Antisemitismus und Nationalismus im Fußball Köln 2002, ISBN 3-89438-238-4 Das Buch bietet einen Einblick in die Ausprägungen, die Nationalismus, Rassismus und Sexismus im Fußballmilieu annehmen. Es begleitet die gleichnamige Wanderausstellung des Bündnisses Aktiver Fußballfans (BAFF). Die Autoren, allesamt gute Kenner der vielfältigen Fußballszene, verbinden Detailkenntnisse und eigene Erfahrungen mit analytischen und erklärenden Überlegungen. Sie bieten somit ein Gegenstück zum salonfähigen Fußballbild der Kommerzindustrie. PapyRossa Verlag, Luxemburger Str. 202, 50937 Köln, Tel. 0221 448545, Fax 0221 444305, [email protected], www.papyrossa.de Davidstern und Lederball. Die Geschichte der Juden im deutschen und internationalen Fußball Göttingen 2003, ISBN 3-89533-407-3 Jüdische Sportler und Mäzene spielten in den frühen Jahren des Fußballs eine wesentliche Rolle – vor allem in Deutschland, Österreich und Ungarn. Jüdische Pioniere waren an prominenten Vereinsgründungen wie Bayern München, Austria Wien oder Eintracht Frankfurt beteiligt, jüdische Kicker verstärkten die deutsche Nationalmannschaft, jüdische Förderer trugen dazu bei, den Fußball zur Massensportart zu machen. Dieses Engagement, das ab 1933 ein gewaltsames Ende fand und

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BALLBESITZ IST DIEBSTAHL Göttingen 2003, ISBN 3-89533-430-8 Wem gehört der Fußball? Präsentiert die „schöne neue“ Fußballwelt wirklich noch echten Zuschauersport? Oder hat da jemand klammheimlich den Ball in seinen Besitz gebracht? Im Zeitalter des kommerzialisierten Kicks kommen die Fans immer seltener zu Wort. Herausgegeben vom bundesweiten Bündnis Aktiver Fußballfans (BAFF). Beide Bücher zu beziehen bei: Verlag Die Werkstatt GmbH, Lotzestr. 24a, 37083 Göttingen, Tel: 0551 7700557, Fax 051 7703412, [email protected] werkstatt-verlag.de, www.werkstattverlag.de

Mädchen und Sport „Mädchensportmobil“ Ein Kommunikations- und Aktionsmobil für Mädchen und junge Frauen mit Migrationshintergrund Das Mädchensportmobil der Sportjugend Niedersachsen wird bei Sport-, Schul- und Kulturfesten, Projekten, Projektwochen und weiteren Veranstaltungen in Schulen und Kindergärten, Sportvereinen sowie in Freizeitund Jugendeinrichtungen eingesetzt. Es enthält verschiedene Sportgeräte, die sich an den Bedürfnissen der Zielgruppe orientieren. Kontakt: Christiane Wiede, Tel. 0511 1268257, Fax 0511 1268242, [email protected] lsb-niedersachsen.de, Sabine Tönnies, Tel. 0511 1268249, Fax 0511 1268242, [email protected]

Interessante Links „www.integration-durch-sport.de“ ist ein Programm des Deutschen Sportbundes (DSB), das in der Umsetzung an die Landesportbünde eigenverantwortlich angegliedert ist. Das zentrale Ziel des Programms ist die Integration der Zuwanderer in die Aufnahmegesellschaft und in den organisierten Sport. Das Programm wird vom Bundesministerium des Innern gefördert.

www.tatort-stadion.de „Tatort Stadion“ wird organisiert vom Fan-Netzwerk Bündnis Aktiver Fußballfans e. V. (BAFF) in Zusammenarbeit mit der EU und Football Against Racism in Europe (FARE). Die Internetpräsenz enthält neben einem virtuellen Rundgang durch die Ausstellung „Tatort Stadion“ vor allem einen Nachrichtendienst, der rassistische Übergriffe aktuell dokumentiert. Ziel ist es, für das Problem Rassismus und Diskriminierung in Stadien weiter zu sensibilisieren und dadurch rassistische und rechtsextreme Strömungen in den Fankurven zu bekämpfen.

Bücher „Ich gehe mit meinem Schatten“. Frauen und Gewalt in verschiedenen Kulturen Stuttgart 2002, ISBN 3-937291-08-3 Wie gehen Frauen mit frauenspezifischer Gewalterfahrung um? Welche Ressourcen können sie nutzen, welche Möglichkeiten der Bewältigung in rechtlicher, gesellschaftlicher, familiärer und psychischer Hinsicht haben sie? In der Dokumentation zur Tagung des Diak. Werkes vom 17. bis 19.3.04 sind die Referate sowie die Ergebnisse der Workshops, die von den Mitgliedern des Arbeitskreises „Flüchtlingsfrauen“ gestaltet wurden, zusammengefasst. Bestellung: Zentraler Vertrieb des Diakonisches Werkes der EKD, Karlsruher Str. 11, 70771 Leinfelden-Echterdingen, Tel. 0711 90216-50, Fax 0711 7977502, [email protected] Merhaba. Willkommen zum Arbeiten in Deutschland. Die Geschichte der Migration türkischer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Hildesheim Hildesheim 2004 Der vorliegende, 40 Jahre umfassende Rückblick mit Erzählungen und Berichten zeigt insbesondere den Weg auf, den türkische Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer genommen haben, um in der Fremde zu arbeiten und zu leben. AWO-Kreisverband Hildesheim-Alfeld (Leine) e. V., Osterstr. 39 A, 31141 Hildesheim, Tel. 05121 17900-0, Fax 05121 17900-10, [email protected]

Nachrichten Bei mir ist alles normal. Fotoworkshops und Tafelfotos mit Flüchtlingskindern Frankfurt/M. 2004, ISBN 3-86099-800-5 Das Buch zeigt die Fotografie als Mittel, um Wahrnehmungen, Erinnerungen und Selbstwertgefühle von Flüchtlingen zu stärken. Workshoperfahrungen werden in Fotos und Texten, Fragen, Antworten und Gedanken der beteiligten Kinder u. a. aus Bosnien, Afghanistan, Tschetschenien und Sahrauis, dokumentiert. Die Autorin will den Kindern zeigen, wie sie ihre Wünsche, Gefühle, Erinnerungen, was sie lieben und hassen, festhalten können und ihnen einen Weg weisen, ihre Erinnerungen selbst zu bestimmen und dadurch den Alltag neu zu sehen. Brandes & Apsel Verlag, Scheidswaldstr. 33, 60385 Frankfurt/M., Tel. 069 95730186, Fax 069 95730187, [email protected], www.brandes-apsel-verlag.de

Zeitschrift Muslimische Frauen Schwerpunktthema der Zeitschrift E + Z, Ausgabe 3/05 Die Klischee-Vorstellungen in westlichen Industrieländern sind klar: Frauen haben in muslimisch geprägten Kulturen keine Aussicht auf Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung. Doch die dargestellten Lebensumstände von Frauen aus Bangladesch, Nigeria, Algerien und der Türkei zeigen, dass es Nischen gibt. Sie werden geschickt genutzt, oft leise und unauffällig. InWEnt – Internationale Weiterbildung und Entwicklung GmbH, Tulpenfeld 5, 53113 Bonn, Tel. 0228 2434-5, Fax 0228 2434-999, www.inwent.org

D-A-S-H setzt Aktionen und Kampagnen, Informationen und Sichtweisen in Beziehung und bietet die Möglichkeit, diese auf verschiedenen Ebenen und aus verschiedenen Perspektiven zu reflektieren. D-A-S-H verbindet politisches Engagement und medienpädagogische Kompetenz in einem Projekt im Netz und aus dem Netz heraus. www.zenithonline.de zenith – Zeitschrift für den Orient Das vierteljährlich erscheinende Blatt füllt die Lücke zwischen livestyle und wissenschaftlichen Magazinen. Es widersetzt sich dem Trend der Pauschalisierung und berichtet über den Orient, ohne die islamische Welt verzerrt darzustellen. Die Zeitschrift berichtet über Neues und Aktuelles aus und über den Orient, Nah- und Mittelost, Nordafrika, Kultur, Politik und Geschichte des Islam. zenith vermeidet dabei die in den deutschen Medien vorherrschende Katastrophenberichterstattung.

Projekt ALBuM – Arbeitsprozessintegriertes Lernen und Beraten für und mit Migrantinnen und Migranten ALBuM arbeitet in erster Linie mit und für MigrantInnen und konzentriert seine Angebote u. a. auf die Unterstützung im Arbeitsprozess, Aktivierung von Qualifikationen sowie die Unterstützung von kleinen und mittleren Unternehmen, die von MigrantInnen geführt werden. Kontakt: Volkshochschule Hannover, Am Taubenfelde 4, 30159 Hannover, Tel. 0511 168-44774, Fax 0511 16841527, [email protected], www.equal-album.de

Links

Filme

www.d-a-s-h.org D-A-S-H richtet sich an junge Menschen, die für eine Gesellschaft frei von Ausgrenzung und Rassismus eintreten. D-A-S-H unterstützt und vernetzt Gruppen und Menschen, die aktiv sind oder werden wollen. D-A-S-H vermittelt Kenntnisse und Ressourcen, die aktive Gruppen zu einem selbstständigen und an eigene Bedürfnisse angepassten Umgang mit Medien befähigen.

INVISIBLE – Illegal in Europa „European Docu Zone Award“, Internationales Dokumentarfilm-Festival Leipzig, 2004 Der Film erzählt die bewegenden Geschichten von fünf Flüchtlingen, die illegal in Europa leben. Über ein Jahr hinweg begleitet er sie in Deutschland, Frankreich, Polen, Spanien, Holland und Nigeria. Er erzählt von ihren Hoffnungen und Träumen, ihrer Suche

nach Glück, Liebe und Heimat und davon, was ihnen dabei widerfährt. Basis-Film Verleih Berlin, Südendstr. 12, 12169 Berlin, Tel. 030 7935161, Fax 030 7911551, [email protected]film.de, www. basisfilm.de Kebap Connection Drehbuch: Fatih Akin, Ruth Toma, Jan Berger, Anno Saul Ibo, kreativ-chaotischer Hamburger Türke und absoluter Bewunderer von Bruce Lee, wünscht sich nichts mehr im Leben, als den ersten deutschen Kung Fu-Film zu drehen. Mit einem Werbespot für die Dönerbude seines Onkels wird er über Nacht zum heimlichen Star des Viertels und als neuer Steven Spielberg gefeiert. Die Schwangerschaft seiner Freundin Titzi bringt sein Leben dann aber gehörig durcheinander. Erst sieht Ibo bei seinem Vater Mehmet die rote Karte, dann fliegt er auch bei Titzi raus. Ibo bleiben nur noch seine Kumpel und die Werbespots. Und das Gefühl, dass er sein altes Leben wieder haben will – vor allem Titzi, aber auch den Vater und am liebsten die ganze Familie …

„Plötzlich nicht mehr deutsch“ Fragen und Antworten – Flyer zu Staatsangehörigkeit/Einbürgerung

Nach dem zum 1. Januar 2000 in Kraft getretenen Staatsangehörigkeitsgesetz verlieren Deutsche ausländischer Abstammung, die sich nach der Einbürgerung wieder ihre ursprüngliche Staatsangehörigkeit beschaffen, automatisch die deutsche Staatsangehörigkeit. Davon sind schätzungsweise 50.000 Eingebürgerte vorwiegend türkischer Herkunft betroffen. Meist ist ihnen nicht bekannt, dass sie ihre deutsche Staatsangehörigkeit bereits verloren haben. Klärung und Beratung sind dringend erforderlich. – Nach Inkrafttreten des neuen Zuwanderungsgesetzes zum 1. Januar 2005 hat dieser Personenkreis unter bestimmten Voraussetzungen einen gesetzlichen Anspruch auf einen Aufenthaltstitel, wenn dieser bis zum 30.6.2005 beantragt wird. Das Bundesinnenministerium informiert darüber mit dem Flyer „Plötzlich nicht mehr deutsch“ unter www.bmi.bund.de.

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Alexis Giovanni

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