1935 und danach - Friedens- und Kriegskind

1935 und danach - Friedens- und Kriegskind

1935 und danach - Friedens- und Kriegskind Geburt während des Greizer Heimatfestes – Eltern und Familie – Vorfahren im Kampfe für Kaiser, Führer, Volk...

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1935 und danach - Friedens- und Kriegskind Geburt während des Greizer Heimatfestes – Eltern und Familie – Vorfahren im Kampfe für Kaiser, Führer, Volk und Vaterland – Greizer Persönlichkeiten – Kinderjahre – Haus Oswaldstraße 2 und seine Mieter – „Zeitzeichen“ in meinem Geburtsjahr – Einschulung in die Volksschule – Stadt Greiz und ihre Textilindustrie – Greiz als Turner- und Ringerstadt – „Grüne“ Klöße und Rostbratwürste als vogtländische Markenzeichen – „Berliner Morgenpost“ als Zeitdokument – Olympische Spiele in Berlin - Kriegsjahre – Meines Vaters wiederholter militärischer Einsatz gegen den „Erbfeind“ – Erster Bühnenauftritt – Geburt von Bruder und „Nachzügler“ Ulrich (Uli) Dass ich meine Bilanz satirisch beginne, halte ich für einen angemessenen Einstieg. Ich bin froh darüber, 80 Jahre alt geworden zu sein – manche Klassenkameraden und Altersgefährten haben diese Merkziffer gar nicht erst erreicht – und manche, die es gleich mir geschafft hätten, hat der Krieg schon in ihren Kinderjahren dahingerafft. Im Gegensatz zur Generation meines Vaters, der in zwei Weltkriege einrücken musste, dem Tod mehrmals von der Schippe sprang und letztlich ein Jahr lang am Lungenkrebs starb, bin ich körperlich recht gut durch acht Jahrzehnte und drei Gesellschaftsordnungen gekommen. Auf andere Befindlichkeiten werde ich noch zu sprechen kommen. Und ich habe meine Kinder und Enkel in Friedenszeiten aufwachsen sehen, sie nicht in Kriege verabschieden müssen und überwiegend gute Jahre in zwei Ehen verbracht. Und ich bin gespannt auf weitere gemeinsame Jahre mit Marlis. Sicher, mal zwickt es hier, und mal schmerzt es da, man wird kurzatmig, und manchmal fliegt man wegen fortschreitender Tattrigkeit auch auf die Schnauze, aber solange man wieder hochkommt und das verkraften kann und nicht allzu viel seniles Zeug daherredet, ist noch Zukunft in Sicht. Und dass ich jährlich einen Zentimeter kleiner werde, hat auch einen Vorteil: Ich kann mir ausrechnen, wann ich weg bin. Ich weiß also, dass mir noch etwas Zeit bleibt. Die Leser sollen schon eingangs merken, dass ich ein grundoptimistischer Typ 9

bin. Ich stimme auch nicht mit denen überein, die da behaupten, Optimismus sei lediglich ein Mangel an Information. Meine Geburt am 8.8.1935, 8 Uhr morgens habe ich nicht bewusst miterlebt, offensichtlich aber gut überstanden. Ich war, wie damals üblich, eine „Hausgeburt“, d.h. ich kam in unserem Mehrfamilienhaus in Greiz, Oswaldstraße 2, zur Welt, genauer gesagt, in unserem zur Listnerstraße gelegenen Schlafzimmer, das im Winter mittels eines von der Küche durchlaufenden Ofenrohres spärlich erwärmt wurde. Ich war das erste Kind meiner Eltern Kurt Alfred und Gertrud Emma Helfritsch geb. Perthel. Meine Eltern taten auch in für sie schwierigen Zeiten für mich und später für meinen Bruder mehr, als ihnen eigentlich möglich war. Und das enge ich nicht auf ihre dürftigen finanziellen Spielräume ein. Ich liebte meine Eltern, fühlte mich von ihnen stets bestens umsorgt und in unserer räumlichen Umgebung und in unserer Nachbarschaft wohl. Dass ich sehr an meinem Vater hing, sei durch folgende für ihn schmerzhafte Episode bewiesen: Das Familien-Zeremoniell am Sonntag bestand üblicherweise aus den original Thüringer grünen Klößen, einem Mittagsschläfchen und dem nachfolgenden Spaziergang oder, wenn das Wetter trotz guten Zuredens absolut nicht mitspielte, aus dem Abhören einer bunten Unterhaltungssendung aus dem MENDE-Radio, die zu Kriegszeiten den Untertitel „Für unsere Kameraden zu Lande, zu Wasser und in der Luft“ trug und Reserven für den Endsieg mobilisieren sollte. Dadurch lernte ich schon in meiner unschuldigen Kindheit die unverwechselbare Stimme von Lale Andersen kennen, die sich „an der Laterne vor dem großen Tor“ von ihrem siegreichen Unteroffizier verabschiedete, oder ich schöpfte aus Zarah Leanders Verheißung „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n“ doch noch etwas Zuversicht für die sich nach der Katastrophe von Stalingrad ankündigende Wende. Aber vorher fand, wie gesagt, das Mittagsschläfchen statt, und das durfte ich als Frischling in neubackenen Jahren mit dem Vater in dessen Bett vollziehen. Das allerdings war auch nichts Besonderes, denn über eine eigene Lie10

gestatt verfügte ich nicht. Normalerweise schlief ich nachts sowieso zwischen den Eltern. Sonst hätte ich vielleicht noch mehr Geschwister. Eines schönen Sonntags, als der „Papi“ gerade selig eingeschlummert war, packte mich spontan eine grenzenlose Liebe zu meinem Erzeuger. Ich beugte mich über ihn und biss ihm begeistert die Nasenspitze ab. Er schreckte hoch, hielt sich die herabhängende Spitze an den malträtierten Gesichtserker, rannte in die Küche und schrie: „Der Wolfgang hat mir de Noos abgebissen!“ Dass meine Mutter nach dem ersten Schock darüber laut lachen musste, hat ihr Kritik eingebracht und die Situation nicht wesentlich entschärft. Die Nasenspitze wuchs übrigens wieder an, und nur der Kundige konnte später eine schmale Narbe entdecken. Von diesem Zeitpunkt an habe ich meine gelegentliche Zuneigung für die Eltern und andere nahestehende Personen auf andere Weise bekundet. Wie es sich für ein Biographical gehört, will ich mich auch ein wenig meinen Vorfahren widmen. Die diesbezüglichen Informationen über die Familie väterlicherseits entnahm ich der in der Nazizeit obligatorisch geforderten Ahnentafel, die der älteste Bruder meines Vaters, mein Onkel Paul Hellfritsch – er führte wie auch meine Großeltern noch ein doppeltes „l“ im Familiennamen – hinterließ, und der älteren Schwester meines Vaters, meiner Tante Friedel (Elfriede) Helfritsch, die das Dokument glücklicherweise aufbewahrte. Für die Unterlagen über die mütterlichen Stammeslinien bin ich dem älteren Bruder meiner Mutter, meinem Onkel Kurt Perthel, zu Dank verpflichtet, der noch im hohen Lebensalter Kopien von Urkunden in den Standesämtern und aus kirchlichen Registern besorgte. Dadurch bin ich über mindestens sechs Generationen meiner Vorfahren aussagefähig, zumindest über deren verwandtschaftliche Relationen, über Wohn- bzw. Herkunftsorte und die Berufe und Lebensdaten der Vormütter und Vorväter. Die Kopien und Registerauszüge stammen aus den Standesämtern Greiz, Plauen und Oberlosa sowie aus den Unterlagen der Kirchgemeinden Möschlitz, Theuma, Plauen, Greiz und Greiz-Aubachtal. Ich will 11

mich auf ausgewählte Informationen und das für meinen Lebensverlauf Wesentliche beschränken. Während sich das Lebensumfeld der Familien der väterlichen Linie auf das Schleizer Oberland, jahrhundertelang Bestandteil des Fürstentums derer von Reuß älterer Linie, weiter eingeengt auf die Orte Möschlitz und Oschitz nahe der Stadt Schleiz und die Landschaft um das reizvolle Schloss Burgk an der Saale erstreckte, stammten die mütterlichen Vorfahren meiner Mutter Gertrud aus den ländlichen Gebieten des Vogtlandes südlich und südöstlich von Plauen. Der Vater meiner Mutter wuchs in Greiz auf. Im Ortsteil Pohlitz finden sich die Lebensräume seiner Eltern und Großeltern. Geht man den Spuren der beruflichen Tätigkeit der Vorfahren nach, verbindet sich das bäuerliche Element mit dem Handwerk. Das trifft sowohl auf die väterliche als auch auf die mütterliche Herkunftslinie zu. Bauern und Zimmerleute, Maurergesellen und Dorfschuster, Landfleischer und Gastwirte bestimmten das Beschäftigungsbild mehrerer Generationen, zu dem im Greizer Umfeld solche textilverarbeitenden und stoffveredelnden Tätigkeiten wie das Sticken, das Färben und Noppen ins Spiel kamen. Aus sozialer Sicht überwogen also Bindungen an das bäuerlich-handwerkliche Milieu. Erst in der Generation meiner Eltern kamen durch Onkel Paul, der Krankenkassen-Angestellter war, und durch Tante Friedel und Tante Hanna, die Bürotätigkeiten ausübten – Tante Friedel sogar zeitweise in Berlin bei der Firma Siemens – gesellschaftlich höher bewertete Beschäftigungen hinzu. Vor allem die Tanten fühlten sich dadurch zu Höherem berufen und grenzten sich vom proletarischen und bäuerlichen Stand auch gern ab. Studierte bzw. akademisch ausgebildete Familienangehörige gab es vor meinem Bruder und mir in der direkten Familienlinie nicht. Vater Kurt war nach dem Ende des I. Weltkrieges, nachdem er entlassen worden war und seine Verwundung auskuriert hatte, auch kurzzeitig bei der Berliner Firma Siemens beschäftigt. Das hatte wohl damit zu tun, dass seine Schwester Else mit ihrer Familie längere Zeit und Tante Friedel kurzfristig in der schon damaligen Hauptstadt lebten und er dadurch ei12

nen Anlaufpunkt hatte. Er hatte sich um eine Angestelltentätigkeit beworben, obwohl er zu dieser Zeit kaum die Voraussetzungen dafür besaß. Wie es trotzdem zu einer Anstellung kam, hat er mir später einmal berichtet. Vor dem Bewerbungsgespräch hatte er einen Fragebogen auszufüllen, auf dem er darüber Auskunft geben sollte, ob er die englische und französische Sprache beherrsche. Diese Frage hatte er kühn bejaht, und beim Gespräch platzte die Luftblase natürlich. „Wie können Sie denn behaupten, dass Sie diese Sprachen sprechen?“, hatte ihn der Personalbearbeiter befragt. Mein Vater war nicht auf den Mund gefallen und antwortete mit einer Gegenfrage: „Wenn ich mit Nein geantwortet hätte, hätten Sie mich dann genommen?“ Im Ergebnis des Gesprächs wurde mein Vater als Bürobote eingestellt. Wie lange er in Berlin gearbeitet hat, habe ich leider nicht ermittelt. Wenn man die in den Sterbeurkunden vermerkten Todesursachen der Vorfahren auflisten will, findet man Altersschwäche, allgemeine Schwäche, Schwindsucht, Lungenschlag, Brustwassersucht, Brustentzündung, Schlagfuß und Magenleiden. Dass der Tod – wie mir bei mehreren Angehörigen bekannt ist – durch Kriegseinwirkungen oder Kriegsfolgen hervorgerufen wurde, geht aus den Unterlagen nicht hervor. Die Angaben sind auch insofern nicht vollständig, als die Todesursachen in ca. der Hälfte der Sterbeurkunden nicht erwähnt werden. Offensichtlich ist auch, dass die Todesdiagnosen nach den damaligen Erkenntnissen und Maßstäben gestellt wurden. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts war Greiz jedenfalls zum Lebensmittelpunkt der Familie Hellfritsch oder Helfritsch geworden, und hierher zog es auch die längst verzogenen oder ausgewanderten Nachfahren immer wieder aus verwandtschaftlicher oder territorialer Anhänglichkeit zurück. Die Liebe zum Vogtland und zum alten Familiensitz war besonders stark bei Tante Else verwurzelt, die es noch als über 90jährige und zu DDR-Zeiten trotz aller Visa- und Einreiseprobleme magisch ins Reußenland zog. 13

Vor mir und zu meiner Zeit hatte die Stadt Greiz noch wesentlich wichtigere Köpfe und Querköpfe aufzubieten, so den Satiriker und Sprachjongleur Hansgeorg Stengel, den Lyriker Reiner Kunze, den Schauspieler Dieter Franke, mit dem ich zwei Jahre lang gemeinsam die Schulbank drückte, die Schauspielerin Anita Drechsler, den Mundartdichter Gotthold Roth, den Regisseur und Autor Gotthard Feustel, die Musiker Bernhard Stavenhagen, Gerhard Bosse, Karl Suske und Johannes Reuter, den Erfinder des Trautoniums Oskar Sala, den Dirigenten Wolf-Dieter Hauschild, die Bildhauer Carl Röder und Ellen-Viola Nahmmacher, den Sänger Bernd Riedel, den Pressefotographen der „Neuen Berliner Illustrierten“ Gerhard Kießling sowie renommierte Wissenschaftler wie den Dante-Spezialisten Prof. Schneider, den Quellenforscher Prof. Flach, den Biologen und Metereologen Dr. Martin, die Medizin-Ikone Prof. Kukowka und später sogar den umstrittenen Plastinator Prof. von Hagens. Und in Greiz werkelte zu DDR-Zeiten auch eine später sehr umstrittene Figur: der damalige Sekretär des Kulturbundes und nach der „Wende“ zum Ibrahim gewandelte SPD-Neugründer Böhme. Und nicht zu vergessen: Auch der BRD-Astronaut Ulf Merbold ist Greizer Urgestein, und sein DDR-Pendant Sigmund Jähn ist zwar irrtümlich nicht Greizer, aber Vogtländer allemal. Nach mir gab oder gibt es vielleicht noch weitere bemerkenswerte Figuren, aber man kennt sie halt zu wenig. Falls Sie der Meinung sind, der eine oder die andere wäre interessanter und nachlesenswerter, vorausgesetzt, er hat sich auf Papier oder digital geoutet oder sich auf der Suche nach sich selber sogar gefunden, wenigstens ansatzweise, dann tun Sie sich keinen Zwang an. Legen Sie meine Erinnerungen achtlos beiseite, ich komme auch so zurecht. Neuneinhalb Jahre nach meinem Erscheinen, korrekt am 1. Weihnachtsfeiertag 1944, folgte meiner Menschwerdung mein Bruder Ulrich, genannt Uli. Er war gewissermaßen eine durch den Krieg und die Umstände verzögerte Nachgeburt. Seine Premiere war ein wesentlich ungünstigerer Zeitpunkt für den Eintritt ins bunte Leben. Er hatte kaum in der geburtshilflichen Klinik von Dr. Salzwedel das von Bombengeschwadern und Pulverdampf 14

verdunkelte Licht der Welt erblickt, als er mitsamt unserer Mutter in den Luftschutzkeller verfrachtet werden musste. Mutti Gertrud hat sich später oft daran erinnert, dass der Doktor sie und andere Wöchnerinnen eigenhändig und schweißüberströmt unter den Erdboden in den Gewölbekeller der Klinik geschleppt hat. Mein Bruder und ich hatten unterschiedliche Lebensumstände und Ausbildungsverläufe. Wir haben uns aber immer gegenseitig verstanden und unterstützt und freuten uns über jede Begegnung. Was mir immer imponierte, war sein trockener Humor. Dass meine spätere Frau Marlis, ausgestattet mit dem schönen Geburtsnamen Kücken, unter ebenfalls sehr unschönen Geburtsumständen exakt einen Tag vor meinem Bruder in die Welt ausgestoßen worden war, konnte ich damals partout noch nicht wissen. Der von den Nazis und der Großindustrie angezettelte Vernichtungskrieg befand sich in Ulis und Marlis` Geburtsjahr in der letzten Phase. Verwüstung, Hunger und Bombenangst bestimmten das tägliche Geschehen, und die Durchhalteparolen der Nazis trieben als letztes Aufgebot zum Wehrdienst gezwungene Kinder und „Volkssturm“-Greise in den Tod. Von dieser Entwicklung war in meinem Geburtsjahr noch wenig zu spüren, und die, die sie voraussahen und hörbar davor gewarnt hatten, saßen bereits in Gefängnissen oder „Schutzhaft“-Lagern. Immerhin setzte das Jahr 1935 bereits einige bedenkliche Zeichen. Hitler beteuerte in der Neujahresansprache in seiner abgehackten Sprechweise zwar noch seinen unbeugsamen Friedenswillen, führte jedoch im März desselben Jahres die Wehrpflicht wieder ein. Es war so, wie Brecht formuliert hatte: An Panzer gelehnt hörten die Soldaten den „Anstreicher“ vom Frieden reden. Am 19. Mai hatte Hitler das erste Reichsautobahn-Teilstück zwischen Frankfurt/Main und Heidelberg persönlich unter die Räder seines kultigen Mercedes genommen, am 15. September hatten die „Nürnberger Gesetze“ die Grundlage für die Entrechtung und Verfolgung derjenigen ehemaligen „Volksgenossen“ geschaffen, durch deren Adern angeblich kein deutsches 15

Blut floss und deren Schädelmaße und Blauäugigkeit nicht den germanischen Idealen entsprachen. Der am 13. Oktober – in späteren DDR-Zeiten mutierte dieses Datum zum „Tag der Aktivisten“ – verkündete „Eintopfsonntag“ sollte peu à peu auf Enthaltsamkeit vorbereiten und die eingesparten Mittel über das „Winterhilfswerk“ einer geschickt kalkulierten „nationalen“ Verwendung zuführen. Auf die vielen Abzeichen des „Winterhilfswerkes“, die am Wandteppich über unserem Sofa dahin rosteten, war ich übrigens stolz. Es war zwischen uns Jungs auch üblich, die Abzeichen wie Briefmarken oder Zigarettenbilder oder andere Trophäen zu tauschen. Dennoch musste die Schimäre von der deutschen Friedensliebe und der Weltoffenheit noch aufrecht erhalten werden, denn ein Jahr später sollten in Berlin die Olympischen Spiele stattfinden. Und im Getümmel der Spiele fiel nur wenigen auf, dass die „Legion Condor“ zur gleichen Zeit in Spanien General Franco unterstützte und durch die Zerstörung der Stadt Guernica schon mal Krieg übte. Im Juli 1937 setzten die Nazis mit der Münchener Ausstellung „Entartete Kunst“ die bereits 1933 gestartete Aktion „verbrannte Bücher“ und den erbarmungslosen Kampf gegen alles Geschriebene und Geschaffene fort, was nicht mit ihren Herrschaftsansprüchen und Rassentheorien konform ging. Aber diese Bedrohungen und Zusammenhänge belasteten mich als Strampel-Model noch nicht. Ich war bei meinem Erscheinen noch kein politischer Beobachter oder gar antifaschistischer Widerstandskämpfer, sondern im besten Falle ein bewegungsfreudiger und gesunder Bettnässer. Von meiner Mutter weiß ich, dass der 8. August 1935 ein sehr heißer Sommertag war. Die Stadt Greiz feierte justament mit Umzügen, Tschingderassabum und öffentlichen Veranstaltungen ein Heimatfest, die Einwohner waren aus dem Häuschen und auf den Beinen, und von öffentlichen Gebäuden und aus normalen Wohnungsfenstern knatterten selbstbewusst die Hakenkreuz-Flaggen des noch nicht ganz 1000jährigen Reiches im völkischen Winde. 16

Dabei war Greiz, manchmal übertrieben zur „Perle des Vogtlandes“ im „Grünen Herzen Deutschlands“ veredelt, keine Nazi-Hochburg. Als einstiger Residenzstadt von “Reuß älterer Linie“ haftete der Schloss- und Parkstadt eher der Ruch überwundener feudaler Kleinstaaterei an. Davon zeugten die Straßen, Brücken und Kleinode der Landschaft, zumeist benannt nach den zahlreichen Töchtern, die die Dynastie der reußischen Heinriche offiziell hervorgebracht hatte. Die inoffiziellen Nachkommen waren zwar auch stadtbekannt, wurden aber als peinlich eingestuft und urban oder territorial nicht verewigt, bestenfalls im Flüstertone weiter geraunt. Ich erinnere mich noch gut daran, dass meine Mutter noch in den 50er Jahren bei einem Spaziergang durch die Stadt auf einen auf seinen Stock gestützten alten Mann wies und leise zu mir sagte: „Gugg` ner mal, Wolfgang, der da driehm, das is auch noch eener vom Ferscht!“ Die Greizer verdienten ihr Brot vornehmlich in der traditionellen Textilindustrie, und die machte höchstens die Fabrikbesitzer reicher, kaum diejenigen, die in Webereien, Spinnereien Zwirnereien, Färbereien und Appreturanstalten Jahr um Jahr brav ihrem Tagwerk nachgingen. Deshalb hatte sich in der Stadt als soziale Komponente die Arbeitersportbewegung entwickelt, vor allem das Turnen und Ringen. Rahnfeld, Gipser, Lätzsch, Lässig, Semper und Lohr waren jedenfalls Namen, bei deren bloßer Nennung der gemeine Vogtländer noch Jahre später vor Ehrfurcht und Stolz erblasste, auch wenn er persönlich nicht an den Titeln und Lorbeeren der Idole beteiligt war. Im Turnverein hatten sich übrigens auch meine Eltern kennen- und liebengelernt: Kurt, gelernter Tapezierer und Dekorateur, und Gertrud, ungelernte Textilarbeiterin. Kurt entstammte einer kinderreichen Familie, die aus dem Dorf Möschlitz im Schleizer Oberland in die Stadt Greiz verzogen war. Seine Mutter gehörte dort als Tochter des Gastwirts und Dorffleischers der Hautevolee des Ortes an, während sein Vater der uneheliche Sohn einer Magd war. Dass sich eine solche unstandesgemäße Verbindung nicht schickte und sicher mit Missachtung und verletzendem Dorftratsch quittiert wurde, mag 17

einer der Gründe dafür gewesen sein, dass die Großeltern ihren Wohnsitz in eine Stadt verlegt hatten, wo nicht jeder jeden kannte, noch dazu in eine Kommune, deren Textilindustrie genügend Arbeitsplätze bot. Diese Überlegung ging offensichtlich auch auf, denn mein Großvater Heinrich wurde Betriebszimmermann in der Schleber`schen Textilfabrik in Greiz. Oma Albine geb. Wolf besserte den Familienunterhalt durch Hutmacherei auf, die sie zu Hause betrieb. Anders wäre das Überleben bei der stattlichen Schar von allmählich neun Kindern wohl auch nicht möglich gewesen. Ob und wie sie sich für den Kopfputz qualifiziert hatte, ist mir nicht bekannt. Da die Großmutter 1942 starb, kann ich mich noch gut an sie erinnern. Sie war eine Art Familienikone, die von allen ehrfurchtsvoll „die Mutter“ genannt wurde. Auf Familienfotos thront sie stets stolz, selbstbewusst und altersverklärt im Bildzentrum. Am vorderen Rand der Aufnahme war meistens etwas verhetzt Tante Friedel zu sehen, die eben noch das Pulvertütchen für den Selbstauslöser-Blitz angezündet hatte und dann stichflammenartig in die Szene hineingehuscht war. Zweierlei ist mir noch in besonderer Erinnerung, obwohl das eine nichts mit dem anderen zu tun hat: Die „Mutter“ verehrte den „Führer“, der ihr für neun Kinder das „Goldene Mutterehrenkreuz“ verliehen hatte und auf den sie bis zu ihrem Tode große Hoffnungen setzte. Und es beeindruckte mich, wie sie ihre Fußwege zwischen Möschlitz und Greiz – ca. 40 km voneinander entfernt – schilderte: Immer und bei jedem Wetter mit Kinderwagen und „Laufstrümpfen“ die Landstraßen entlang. Einen Landbusverkehr gab es noch nicht, und die Bahnfahrt über Plauen war umständlich und für die Familie wohl auch nicht erschwinglich. Auch Gertruds Eltern hatten mit der Textilindustrie zu tun. Hermann Perthel, ein gebürtiger Greizer, holte seine im vogtländischen Schöneck geborene Frau Emma geb. Schiller in seine Heimatstadt, nachdem diese in Plauen einen Milchladen betrieben hatte. In Greiz besaß er mehrere Stickmaschinen, die in einem Schuppen hinter einem Hause in der Pohlitzer Straße für den Familienunterhalt sorgten, bis der 1. Weltkrieg seinen Lebensweg durch eine in die Heimat mitgeschleppte Malariaerkrankung erst unterbrach und dann 18

vorzeitig beendete. Er gehörte der Familie noch mehrere Jahre als Pflegefall an. Ich habe ihn nicht mehr persönlich kennengelernt, wohl aber seine in den Fluren der Wohnung hängenden Aquarelle, meistens Blumen-Stillleben. Oma Emma, die noch ausführlicher zu würdigen ist, war eine sehr mitleidsvolle, hilfsbereite Frau. Sie setzte sich nicht nur für die Familie ein, sondern engagierte sich, wenn Menschen und Tieren Leid widerfuhr. Ich erinnere mich daran, dass sie sich einmischte, wenn Eltern auf der Straße ihre Kinder schlugen oder Kutscher auf ihre überanstrengten Pferde einpeitschten. Das Musisch-Schöngeistige durchdrang offensichtlich beide Vorfahren-Familien. Mein Vater hatte nicht nur Talent zum Zeichnen, sondern auch zum Musizieren. Er blies stundenlang Volkslieder auf der Mundharmonika, sang die Texte von Opernchören mit und spielte auch Klavier, ohne jemals eine Ausbildung erfahren zu haben. Seinen Berufswunsch, Clown zu werden, konnte er jedoch unter den gesellschaftlichen und familiären Umständen nicht verwirklichen. Das Talent dafür hätte er bestimmt gehabt. Meine Mutter spielte in jungen Jahren Mandoline und bewies noch als Großmutter ihr Geschick zum Basteln, beispielsweise von Osterkörbchen, die die Enkel rein zufällig hinter Sträuchern im Wald oder im Garten entdeckten. Diese Fähigkeit nutzte sie später noch jahrelang in ihrer Tätigkeit als Erziehungs-Hilfskraft im Kindergarten, die sie bis ins Rentenalter hinein ausübte. Meine Eltern waren ihren sportlichen Ambitionen zu Jugendzeiten mit Leidenschaft nachgegangen. Noch als über 50jährige brachte meine Mutter einen ansehnlichen Spagat zustande. Das Turnen hatte ihr beim mehrfachen Überschlag allerdings bereits als Kind einen Splitterbruch des Ellenbogens eingebracht, in dessen Folge ihr linker Arm wegen eingewachsener Nerven unterversorgt und lebenslang funktionsbehindert war. Auch mehrere Operationen, die letzte 1948 oder 1949, konnten diesen Zustand nicht verändern. Ein Krankenbesuch der Familie bei ihrer letzten OP ist mir noch besonders in Erinnerung: Ihre Mutter hatte ihr eine Thermosflasche mit Kakao mitgebracht, die vor dem Bett auf den Fußboden glitt und zerbrach. Durch die 19

Scherben verletzte sich Uli so schwer am Arm, dass er sofort „unters Messer“ kam und für einige Tage auf der Kinderstation verbleiben musste. Als mein Vater und ich von der Klinik allein nach Hause gehen mussten, war unsere Stimmung verständlicherweise sehr gedrückt. Vom Unfall blieb glücklicherweise nur eine große, gut verheilte Narbe zurück. Die Greizer Tuche hatten es über die thüringischen Landesgrenzen hinaus zu einem guten und traditionellen Ansehen gebracht: „Was Greiz gewebt und Greiz gefärbt, das hält, bis es der Enkel erbt!“ lautete ein gern und oft zitierter Werbespruch der einheimischen Industrie. Das galt auch noch zu DDR-Zeiten, als die GREIKA, das „Volkseigene Kombinat Greizer Kammgarnwebereien“, einen eigenen Industrieladen in der Berliner Frankfurter Allee unterhielt und parallel dazu die Greizer Gewebe durch Neckermanns Vermittlung unter anderem Namen und gegen Valuta in der BRD verramscht wurden. Aber ich komme vom Thema ab, und mit der vogtländischen Textilindustrie ist es inzwischen sowieso vorbei. Die Fabrikgebäude wurden zum Teil von der Abrissbirne „zurückgebaut“. Von den ehemaligen Websälen zeugten noch jahrelang traurig herumstehende Gebäudereste mit zum Teil vernagelten Fensteröffnungen. Kehren wir in mein Geburtsjahr zurück. 1935 ging es den Leuten noch verhältnismäßig gut. Die Weltwirtschaftskrise und die große Arbeitslosigkeit waren überstanden, und manch einer, darunter mein Vater, hatte seine Stempelkarte gegen das Parteibuch der NSDAP eingetauscht. Einige hofften sogar auf den angesparten Volkswagen, und die Organisation „Kraft durch Freude“ veranstaltete für Arbeitnehmer des österreichischen Gefreiten und der Greizer Textilbetriebe Bus- und Schifffahrten nach Italien. Bei „Kameradschaftsabenden“ amüsierten sich die in festen Arbeitsverhältnissen stehenden „Volksgenossen“. Wer jedoch aufmerksam die Presse las, konnte spüren, wohin der Hase eines nicht mehr fernen Tages laufen würde. 20

So wurde in der „Berliner Morgenpost“ an meinem Geburtstag berichtet, dass Italien Kriegsmaterial in die Suezregion transportiert und der „Duce“ Mussolini den Generalstab des italienischen Heeres umgebildet hatte. Kommunistische „Antinazibündler“ hätten gegen die Festnahme eines amerikanischen Matrosen in Hamburg protestiert, der aufrührerische Agitation betrieben habe. Der Störenfried befände sich in einem „Konzentrationslager“, wo er gut behandelt und verpflegt würde. „Wir vertrauen darauf“, hieß es im Pressebericht, „dass die Regierung der USA Mittel und Wege finden wird, dieser unerhörten Herausforderung der Kommunisten zu begegnen“. Auf der Danziger Werft vollzog die Schwiegertochter des verstorbenen Reichspräsidenten von Hindenburg, Frau v. Brauchitsch, die Taufe des 3000t-Frachtdampfers „Masuren“, der den Wirtschaftsverkehr zwischen dem Reich und den abgetrennten Ostmarken gewährleisten sollte. „Mit dem Gesang des Deutschland- und des Horst-Wessel-Liedes“, teilte die „Morgenpost“ mit, schloss der bewegende Stapellauf. Im Kattowitzer Gebiet hatte die Polizei eingreifen müssen, als zwei jüdische Schläger einen arischen Sportfotografen angeblich während eines Fußballspieles erheblich verletzt hatten. Anschließend wurden Tausende von Flugblättern verteilt, in denen die Bevölkerung aufgerufen wurde, nicht mehr in jüdischen Geschäften zu kaufen. Es fehlte lediglich noch die legendäre Pressemitteilung “Jüdischer Wucherer beißt deutschen Schäferhund“. Nicht nur der überregional verbreiteten „Morgenpost“, sondern auch den Mitteilungen in der Lokalpresse konnte der aufmerksame Leser die Tendenzen entnehmen, die ihn sorgenvoll in die Zukunft blicken ließen. Im „Steglitzer Anzeiger“ vom 17. April 1935, dem Regionalblatt für die Berliner Ortsbezirke Steglitz, Lichterfelde, Lankwitz und Südende, hatte „Reichskriegsopferführer“ Parteigenosse Oberlindober – der Mann hieß wirklich so – die Notwendigkeit begründet, sämtliche Soldatenverbände zu einer großen Vereinigung zusammenzufassen. Er verwies dabei auf den „Gleichschritt der an die Front marschierenden Bataillone“. An anderer Stelle teilt das Blatt mit, dass in den frühen Morgenstunden im Staatsgefängnis Plötzensee zwei 21

junge Männer wegen der Mittäterschaft an der Ermordung des SA-Sturmführers Horst Wessel hingerichtet worden waren. In derselben Ausgabe des Anzeigers gratulierte die Steglitzer Bäcker-Innung auf der Titelseite ihrem „hochverehrten Luftfahrtminister, Ministerpräsidenten, General der Flieger und getreuen Paladin des Führers und Reichskanzlers“ Hermann Göring zum Lebensbund mit der „hochgeschätzten Gattin und gefeierten Künstlerin“ Emmy Sonnemann und überreichte einen „Wrangel-Stiebel“ als Festgebäck. Es fehlte auch nicht der Hinweis, dass das Naschwerk im Musterschutzregister verankert ist und nur nach Erwerb einer Lizenz hergestellt werden darf. Auch eine weitere amtliche Mitteilung soll nicht ausgespart werden: Die „Deutsche Reichspost“ eröffnete im Berliner „Reichspost-Museum“ die erste öffentliche Empfangsstelle für Fernsehübertragungen und stellte die Schauspielerin Ursula Patzschke als erste Fernsehansagerin vor. Diese und andere Sachverhalte erreichten und berührten mich in meinem ersten Lebensjahr noch nicht. Sie bestimmten aber nicht unwesentlich meinen weiteren Lebensverlauf. Meine Kinder- und ersten Schuljahre verliefen relativ störungsfrei. Dass wir in einer beengten Wohnung ohne Wasseranschluss lebten, belastete mich nicht – andere Bedingungen kannte ich kaum. Im Hause, das erstaunlicherweise inzwischen meinen Großeltern gehörte, lebten weitere 12 Familien unter ähnlichen Bedingungen. Die Wasseranschlüsse und (Fall-)Toiletten befanden sich auf den Zwischenetagen und wurden jeweils von zwei bzw. drei Familien genutzt, und wenn der Fäkalienwagen, im Greizer Volksmund „Stadtzuutsch“ genannt, quartalsgerecht vorfuhr, um die im Hof befindliche „Düngergrube“ durch lautstarkes Saugen von den gesammelten Hinterlassenschaften der Hausgemeinschaft zu befreien, war das für uns Kinder immer ein interessantes Erlebnis. Falls sich die Gelegenheit dazu bot, lockerten wir auch mal die Verbindungen der durch den Parterre-Hausflur verlegten Schläuche. Dass es danach tagelang mörderisch durch das ganze Haus stank, machte uns eher stolz als betroffen. 22

Ein mit den Toilettenanlagen des Hauses verbundenes Erlebnis verfolgt mich allerdings bis heute, wohl auch, da es oft als erheiternder Gesprächsstoff bei Familientreffen herhalten muss. Bei Helfritschs war es zu jeder Jahreszeit üblich, sonntags einen Nachmittagsspaziergang zu unternehmen. Und der war nicht etwa nur eine Prozession ums Häusergeviert, sondern eine ausgedehnte Wanderung gemessenen Schrittes durch die Stadt und den Park oder in die nähere Umgebung, und die verlief kilometerweit und konnte sich sommers über einige Stunden und etliche Kilometer hinziehen. Der Spaziergang durch den einst fürstlichen Park mit einem in der Form eines Ahornblattes angelegten und von Schwänen und Karpfen besiedelten Teiches war meistens nur der Ausgangspunkt für Ausflüge in die nicht gerade flache weitere Umgebung. Dazu trug man Kleidung, in der man sich am Sonntag sehen lassen konnte, und auch die Kinder wurden von ihren Eltern trotz mageren Familien-Salärs nach gängiger Mode herausgeputzt. Für mich als Vier- oder Fünfjährigen bedeutete das, in den für Knaben damals üblichen Matrosenanzug verfrachtet zu werden. War das geschehen, wurde ich nochmals auf die Toilette beordert, um unnötige Naturverunreinigungen während des Spazierganges zu vermeiden. So auch diesmal. Ich bemächtigte mich nach elterlicher Aufforderung des Schlüssels für die interne Kemenate und eilte zur Verrichtung. Die Toiletten waren in zwei Verschläge unterteilt und wir genossen den Vorzug, das mit einem Fenster versehene Abteil nutzen zu dürfen. Das ermöglichte einen interessanten Blick auf den Nachbarhof, und der wiederum gehörte zu einer Schmiede, in der der grobschlächtige Hufschmied Bruno Piehler sein Material lagerte, einen Kohlen- und Holzhandel betrieb, lautstark seine Lehrjungen beschimpfte und seine Schweine und Hühner weiden ließ. Letztere gehörten angeblich zur Rasse der „Weißen Leghörner“, waren aber so verschmutzt, dass ihre vornehme Abstammung beim besten Willen nicht mehr erkennbar war. Wie dem auch sei – die Erledigung des „Geschäftes“ verlief interessanter, wenn man dabei aus dem Fenster sehen und zuhören konnte, was sich in 23

der Nachbarschaft so tat. Und wenn man den Fensterflügel weit öffnete, war beides besser möglich. Um jedoch an den oberen Fensterwirbel zu kommen, musste man als Kind auf die Latrinenbank klettern. Bei diesem Unternehmen übersah ich leider, dass mein Vornutzer den Toilettendeckel nicht akkurat genug aufgelegt hatte. Kurzum – er sprang scheppernd beiseite, und ich glitt sporn-streichs ins tönerne Abflussrohr. Glücklicherweise besaß ich schon damals genügend Geistesgegenwart, um die Arme auszubreiten, sodass der zunächst flotte Abgang wippend abgebremst wurde. Verdutzt arbeitete ich mich aus dem Rohr heraus, was nicht einfach war, da es an festen Einraststellen für meine zum damaligen Zeitpunkt noch zarten Füße fehlte. Ich will dem Leser eine noch nuanciertere Schilderung des Unfallherganges ersparen, komme aber nicht umhin, den lädierten Zustand der Spaziergangskleidung wenigstens anzudeuten. Ich muss auch zugeben, dass meine Eltern über mein Erscheinungsbild und mein Flair recht verwundert waren. Nach meiner gestammelten Erklärung „Ich bin in`n Abort gefall`n!“ klemmte mich mein Vater ungewohnt derb unter den Arm, brachte mich in den Hof und leerte mehrere Giesskannen Wasser über mir aus. Der Spaziergang kam noch zustande, allerdings mit Verzögerung und ohne mein properes äußeres Image als weitgereister Schiffsjunge. In unserem Hause Ecke Oswaldstraße lebten verschiedene Alters- und Berufsgruppen proletarischer oder kleinbürgerlicher Herkunft. Es war auch bekannt, dass sowohl NSDAP-Mitglieder als auch Kommunisten im Hause wohnten. Diesbezügliche Auseinandersetzungen gab es nicht bzw. sie blieben mir verborgen. Als besonders interessante Mitbewohner habe ich die freundliche und schwergewichtige Frau Roesner in Erinnerung, die im Krankenhaus als Beiköchin beschäftigt war und ab und zu selbstgebackene „Plätzchen“ unter die Kinder des Hauses verteilte. Unter ihrem Schritt stöhnten die hölzernen Treppenstufen unverwechselbar. Neben ihr im Dachgeschoss wohnte die steinalte Frau Arzberger, die damals in meinem jetzigen Alter gewesen sein muss. Sie war trotz ihrer „offenen Beine“ immer die Erste am Hausbriefkasten; lange, bevor Briefträger Piehler mit schweren 24

Posttaschen und breiten Plattfüßen das Haus erreicht hatte. Dann sortierte sie als erste die Post, gab sie an die Empfänger weiter und beklagte sich über die unleserlichen Handschriften der Absender. Ihre Tochter „Hannel“, die wegen ihres biederen Aussehens keinen Mann abbekommen hatte, musste kurz vor dem Endsieg wegen ihrer plärrenden Stimme noch die Funktion des Haus-Luftschutzwartes übernehmen und die Leute bei Fliegeralarm in den Keller treiben. Ihren Sound habe ich heute noch in meinem inzwischen altersbedingt hörgeminderten Ohr. Im Parterre betrieb Hans Bollmann ein Lebensmittelgeschäft, unterstützt von seiner Frau Erna, deren Krampfadern mir auffielen, wenn sie knieend den Hausflur „feucht rauswischte“, wobei sich ihr Rock beängstigend in die Höhe schob. Sie hatte mit vier heranwachsenden Töchtern kein leichtes Schicksal zu ertragen, zumal ihr Mann für außerfamiliäre weibliche Reize nicht unempfänglich war. Die kleine, dunkle Ladenwohnung war auch insofern für alle anderen Bewohner von Bedeutung, als sich dort das einzige Telefon des Hauses befand, das von der ganzen Hausgemeinschaft benutzt wurde – eigentlich eine Zumutung für die Ladeninhaber. An die Telefon-Nr. kann ich mich noch gut erinnern: Greiz 2173. Ihre Händler-Funktion nahmen die Bollmanns sehr ernst, und das vor allem in den letzten Kriegsjahren, als selbst die sandige „Tonseife“ nur auf „Marken“ abgegeben werden durfte. Die „Marken“ mussten von den Händlern säuberlich auf Zeitungsbogen aufgeklebt und abgerechnet werden, und wenn irgendetwas nicht stimmte, gab es Ärger mit den Behörden. Und oft kam es in der Kriegs- und Nachkriegszeit vor, dass die Anzahl der gelieferten Kohlköpfe geringer war als die Zahl der ungeduldig in einer Schlange vor dem Laden wartenden Bewerber. Hans Bollmann geriet dann ins Schwitzen, und einmal hörte ich, wie er bei einer Auseinandersetzung mit Kunden empört ausrief: „Nu schdell`n Sie sich doch mal hierhär! Glau`m Sie denn, es is heidzudache leichd, Verdeiler zu sein?“ 1938/39 überschlugen sich die Ereignisse. Der Schein der friedlichen Olympischen Weltspiele musste nicht mehr gewahrt werden, Österreich und das 25