1955 - Badische Heimat

1955 - Badische Heimat

BADISCHE HEIMAT M e in Heim atland 35. Jahrg. 1955. H eft 1 JOSEFInl F t E flH E il W H I M S Z l E if geb. d. 10. April 1770 gest. d. 15. März 185...

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BADISCHE HEIMAT M e in

Heim atland

35. Jahrg. 1955. H eft 1

JOSEFInl F t E flH E il W H I M S Z l E if geb. d. 10. April 1770 gest. d. 15. März 1855

Herausgegeben vom Landesverein Badische Heimat e. V., Freiburg i. Br.

BADISCHE HEIMAT M E I N H E I M A T L A N D 3 5. J a h r g a n g 1955 / H e f t 1 Herausgegeben vom

Landesverein Badische Heimat e. V., für Heimatkunde u. Heim atpflege/ Natur- u. Denkmalschutz / Volks­ kunde und Volkskunst / Familien­ forschung. Frei bürg i.Br. Haus Badische Heimat Hansjakobstr. 12; Tel. 2028 Schriftleitung : Prof. Dr. H. Schwarzweber, Freiburg i. Br.

INHALT

Badische Köpfe Joseph Freiherr v. Laßberg rettet die alte Meersburg ..................................... 1

Von Adolf Kästner, M eersburg Gedieht von M ax B i e p l e ......................... 10

Am Strand.

Jos. von Laßberg und Justinus Kerner ............................... 11

Von Wilhelm Zentner, M ü n c h e n

Des Türkenlouis Geburtsstätte, das Hotel de Soissons in Paris. . . . .

16

Sonne überm See.

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Johann

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Von Ernst Petrasch, Karlsruhe Gedieht von M ax Rieple . . . Jakob Arhardt. Von E. Strobel, Karlsruhe .

Heinrich Sander als Naturforscher ...........................................28

Von Gustav Albiez, F r e i b u r g

Diese Zeitschrift erscheint viertel­ jährlich auf Quartalsbeginn u. geht den M itgliedern frei zu. Nr. 2 er­ scheint Anfang Juni

Artur Münzer, ein badischer Musiker .................................... 34

Jahrespreis durch den Buchhandel . DM 9 .— Jahresbeitrag für Einzelm itglieder. . DM 6.20 für Körperschaften . . DM 12.— Ortsgruppenzuschuß . DM 1.— Freiwillige Mehrleistungen werden dringend erbeten u. herzl. verdankt. Sie dienen restlos zum Ausgleich der gesteigerten Kosten und zur Erleich­ terung für wirtschaftlich schwächere M itglieder.

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Das Jahres-Inhaltsverzeichnis liegt dem Heft 1/1955 bei; kann auch auf Verlangen besonders geliefert werden. Einbanddecken zu DM 2.50 für Jahrgang 1950/51, 1952, 1953 und 1954 sind vorrätig. A lle Rechte der Vervielfältigung und Verbreitung behält sich der Herausgeber vor. Alle Sendungen für die Schriftleitung s i n d an d e n L a n d e s v e r e i n B a d i s c h e H e i m a t , Freiburg i. Br., Hansjakobstr. 12, zu richten. Für unverlangte Manuskripte und ßesprechungsstückewird keineHaftung übernommen. Zahlstellen

des Landesvereins:

Postscheckkonto Karlsruhe 16468 Bankhaus J. A. Krebs, Freiburg i. Br. Süddeutsche Bank, Freiburg i. Br. Stadt. Sparkasse Freiburg, G iro k o n to 320

Von Heinrich Münz, W a l d s h u t Von E. Strobel, Karlsruhe . Juliana von Stockhausen. V onK . W . Straub, Freiburg Karl Friedrich Vierordt.

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Karl W illy Straub 75 Jahre alt

Von F. Biihler, S a a r b r ü c k e n ........................................... 41 Ich suchte Gott. Gedicht von M ax Rieple . . . . 43 Die Stadt der dreizehn Wunder. Sonette an Freiburg

Von Karl W illy Straub, F re ib u rg .................................... 44 Gedenkworte an der Bahre von Prof Dr. K. Guenther

Vom Rektor der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg .

50

Friedrich Lautenschlager zum Gedächtnis

Von E. S tr o b e l .................................................................... 52 Dr. Bruno Leiner. Von H. Schwarzweber, Freiburg . 54 Hermann Steurer. Von Em il Baader, Lahr . . . 56 Altstaatspräsident Leo Wohieb

Von H. Schwarzweber, F r e i b u r g .................................... 58 Gedicht von A. Trautmann . 60

Die Liebe will nicht enden.

Das Badische Frankenland im Spiegel seiner Dichter

Von Wilibald Reichwein, Neunkirchen über Mosbach . .

61

F u n d g r u b e der Hei mat Das letzte Feldgrab im S c h w a rz w a ld .............................. 73 Geschichte eines B ild e s ....................................................... 74 Der Nikolausbildstock im Heidelberger Stadtwald

74

V o l k s t u m und H e i m a t Grober Mißbrauch der Volkstracht ................................................. 76

Von Prof. Dr. J. K i i n z i g

W ir bitten herzlich um Einzahlung des fälligen Jahresbeitrages

BADISC HE H E IM A T M e in Heimatland

35. Jahrgang. 1955. Heft 1

Schloß Eppishausen

nach einem alten Stich

Joseph Freiherrvon Laßberg rettetdiealte Meersburg (1837/38) Zur Erinnerung an die 100. Wiederkehr seines Todestages am 15. März 1855 Von A d o l f Kästner, Meersburg

Bis zum Jahre 1830 hatte sich Joseph Frei­ herr von Laßberg auf seinem bereits 1813 er­ worbenen Landsitz, Schloß Eppis­ h a u s e n 1) im Kanton Thurgau, durchaus wohlgefühlt. Dann aber übte die Julirevolu­ tion von 1830 ihren Einfluß auch auf die Schweiz aus, und auch die Eppishausener Be­ völkerung verlangte von nun an mehr poli­ tische Rechte. Mehrheitsbeschlüsse der Bür­ 1 Badische Heimat 1955

gergemeinden dekretierten nach Belieben Ge­ meinde-, Armen-, Kirchen- und Schulsteuern. „Laßberg hatte daran viel zu bezahlen, aber nichts zu sagen“ — bemerkte der mit ihm bis zu seinem Tode aufs engste befreundete Dom­ dekan und spätere erste St. Galler Bischof Karl Johann G r e i t h in seinem Nachruf auf Laßberg2). „Die Leute betrachteten im Nimbus ihrer neuen Volkssouveränität die

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Wiesen, Äcker und Gründe des Herrn zu Eppishausen gleichsam als eine Gemeinde­ weide, und viele übten in seinem Walde ein Beholzungs-Recht oder -Unrecht aus. Die Be­ hörde, von diesen Leuten gewählt, gewährte auf Beschwerdeführung keine Abhilfe, selbst das Ansuchen hierfür war mit Verdruß und Gefahr verbunden. Laßberg hatte bei früheren glänzenden Verhältnissen durch seinen Edel­ mut die Leute verwöhnt; die früheren Bitten wurden in Forderungen umgestaltet, Prozesse wider ihn erhoben und Widerwärtiges von allen Seiten bereitet.“ So beschäftigte er sich immer stärker mit dem Gedanken, vor der Schweizer „politischen Cholera“ zu fliehen, Eppishausen zu verkaufen3) und womöglich in die alte Heimat zurückzukehren. Der böse Wagenunfall, den er bei der ersten Ausfahrt seiner Gattin4) nach der Geburt der Zwillings­ töchter Hildegund und Hildegard am 9. Mai 1836 erlitten und von dem er die Lähmung eines Beines zurückbehielt, verleidete ihm Eppishausen vollends und ließ seinen V er­ kaufsgedanken zum Entschluß reifen. Noch stand er freilich vor der Wahl zwi­ schen dem Gute H e r b l i n g e n im Kanton Schaffhausen und der alten M e e r s b u r g auf dem Nordufer des Bodensees. Die frühere Residenz der Fürstbischöfe von Konstanz war ihm ja längst wohlbekannt, einmal von seinem früheren Aufenthalt in H e i 1 i g e n b e r g5) her, zum andern hatte er 1798—1802 das unweit Meersburgs gelegene, ehemals zum Kanton Hegau der Reichsritterschaft gehörige kleine Rittergut H e l m s d o r f (zwischen Immenstaad und Fischbach) besessen und be­ wohnt. Nun machte der ihm gleichfalls von Heiligenberg her bekannte letzte Kabinetts­ sekretär der Fürstbischöfe, Maximilian H u f s c h m i d , ihn auf die günstige Gelegenheit zum Erwerb dieser für Laßbergs Romantiker­ herz doppelt reizvollen alten Burg aufmerk­ sam. Sie hatte zuletzt ein trauriges Schicksal gehabt. Nach der Fertigstellung des „Neuen Schlosses“ um die M itte des 18. Jahrhunderts zum Regierungs- und Verwaltungsgebäude de­

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gradiert, hatte sie nach der Säkularisation (1802) noch kurze Zeit die Provinzialbehör­ den des „Oberen Fürstentums am See“ beher­ bergt, im Zuge der sich jagenden Verwaltungs­ reorganisationen des unter schweren Geburts­ wehen entstehenden Großherzogtums Baden aber bald auch diese eingebüßt, so daß sich im Jahre 18146) dort neben der Obereinneh­ merei nur noch bescheidene Wohnungen pen­ sionierter fürstbischöflicher Unterbeamten7) befanden. In diesem Jahre richtete man dort wohl die Amtsräume des neuerrichteten Hof­ gerichts des badischen Seekreises nebst Woh­ nungen für zwei Richter und Kanzleipersonal ein. Aber die Herren Hofgerichtsräte fühlten sich in dem immer mehr absterbenden Land­ städtchen nie recht wohl und setzten schließlich 1836 die Verlegung des Gerichts nach Kon­ stanz durch. Wieder stand die „schicksals­ kundige“ Burg leer; nur das Amtsgefängnis mit seinen zwei ober- und drei unterirdi­ schen!!) Zellen und der Wohnung des Gefange­ nenwärters (Spiegel) befand sich noch dort. Auf dieses alte Schloß bot nun Laßberg im Juni 1837 der Bad. Domänenverwaltung in Meersburg 10 000 Gulden, d. h. 2000 fl. unter dem amtlichen Anschlag, da er wohl wußte, daß diese alle entbehrlichen herrschaftlichen Gebäude in Meersburg, die dem Staate nichts einbrachten, aber hohe Baulasten trugen und noch höhere befürchten ließen, um jeden halb­ wegs annehmbaren Preis abstoßen sollte8). Aber so glatt, wie er es sich gedacht, ging die Angelegenheit nicht vonstatten, und Laßberg mußte noch fünf Vierteljahre zuwarten, bis er seinen Einzug auf der Meersburg halten konnte. „Wir haben noch immer keine Nach­ richt“, schrieb er am 16. Juli 1837 an seinen Sohn Hermann von Liebenau in Luzern9), „ob das alte Schloß zu Meersburg und um welchen Preis zu kaufen ist. Es ist nun schon ein Monat verflossen, seitdem der Domainenverwalter deshalb an das Finanzministerium geschrieben hat; wir können zwar nicht sagen; werd ichs nicht, so bleib ich doch Pfarrer in Waldangelloch,aber: Krieg ichs nicht, so bleibt

uns doch Herblingen mit dem Drachenloch." Zu dieser Alternative meint die von ihren heimatlichen Verhältnissen aus urteilende An­ nette in einem Brief an Sophie von Haxt­ hausen am 30. Dezember 1837: „Ich glaube, Jenny wäre es lieber, wenn sie das Gut bei Schaffhausen bekämen, was doch ordentlich auf dem Lande liegt (und) nicht so wüst groß ist als das Meersburger Schloß mit seinen vier Türmen, wo sie sich mit ihren vier Dome­ stiken ganz in verlieren und obendrein mitten in einem Landstädtchen wohnen, wo die sämt­ liche Bevölkerung ihnen von unten auf in die Fenster sieht, da es etwas höher liegt. Mich würde das ganze unglücklich machen, alle Gene einer Stadt ohne ihre Vorteile, außer daß sie die Kirche so nah haben. Jenny rechnet auch die Schule noch für etwas (es ist nämlich eine Pension da), aber der Laßberg müßte ja steinalt werden, wenn er noch er­ leben wollte, daß die kleinen Stümpchen in Pension kämen . . . Sage doch nicht, daß Jenny diesen Kauf nicht wünscht, sie läßt es Laßberg nicht dünken, und Onkel Werner würde es ihm gleich schreiben“10). Laßberg war aller­ dings anderer Meinung als Frau und Schwä­ gerin: „Rüksichtlich unserer künftigen niederlassung ist noch nichts beschlossen“, schreibt er am 9. Oktober an Liebenau11). „Von Meers­ burg, was wir vorziehen würden, erhalte ich heute die nachricht, daß das alte schloß, auf welches unsere absicht geht, vorerst ver­ steigert werden solle: es ist daher sehr un­ gewiß, ob wir es erhalten werden,- auch kön­ nen die bedingnisse von der art sein, daß wir gar nicht eintreten können. In diesem falle werden wir unsere Zuflucht nach Herblingen nemen und daraus zu machen suchen, was wir in Meersburg schon gemacht finden wür­ den.“ Tatsächlich ließ die Hofdomänenkammer in Karlsruhe12) auf den Bericht der Domänen­ verwaltung Meersburg, „daß sich ein Kauf­ liebhaber zu dem alten Schloßgebäude da­ selbst, dessen Werth zu 12 000 fl. taxiert wurde, gemeldet habe“, „dasselbe einem V e r k a u f sv e r s u ch i n ö f f e n t l i c h e r 3*

V e r s t e i g e r u n g aussetzen.“ Am 20. N o­ vember 1837 fand diese Versteigerung statt, „bei welcher aber nur ein Liebhaber, nemlich Freiherr von Laßberg von Eppishausen im Canton Thurgau erschien, der ein Gebot von IC 000 fl. abgegeben h at.“ Laßberg selbst glaubte, wie er am 29. November an Liebenau schrieb13), schwerlich, daß er den Zuschlag erhalten werde, da sein Gebot um 2000 fl. unter dem Anschlag lag, hoffte aber, daß die Entscheidung in vierzehn Tagen fallen werde. Darin freilich täuschte er sich so sehr, daß er noch am 10. Januar 183 8 Liebenau mitteilen mußte14): „Wegen Meersburg noch im­ mer keine antwort von den Leimsiedern in Karlsruhe“, und am 14. Januar 1838 schon fast resignierte15): „Wir werden uns nun wohl zu Herblingen entschließen müssen, obschon mir die alte Burg des königs Dagobert viel lieber gewesen wäre; weil sie als wohnung alles ent­ hält und gewähret, was mein herz nur wün­ schen kann.“ Was war denn geschehen? Eigentlich nichts! In der, freilich trügerischen, Hoffnung, vielleicht doch noch höhere Nach­ gebote zu erhalten, hatte die Hofdomänen­ kammer nach dem bewährten Verwaltungs­ grundsatz, wonach nichts so eilig ist, als daß es nicht durch längeres Lagern noch eiliger werden könnte, zunächst einmal das Steige­ rungsresultat liegen lassen, um es erst unterm 12. Januar 1838 zusammen mit ihrer Stellung­ nahme an das Finanzministerium weiterzu­ leiten: „Wenn gleich“, heißt es darin, „das Gebot 2000 fl. unter der Taxation steht, so glauben wir doch, dem Verkauf die Ratifi­ kation ertheilen zu müssen, da das Gebäude als E i n n a h m e q u e l l e für das Großh. Aerar d u r c h a u s k e i n e n W e r t h hat, indem der Miethzins, der gegenwärtig daraus bezogen wird, nur 56 fl. per Jahr beträgt, die Unterhaltung dagegen nicht unbedeutende Kosten verursacht und, wenn einmal der Fall eintritt, daß die Stützmauern baufällig werden, das Gebäude nur mit großen Kosten erhalten werden kann.“ Das Finanzministe­ rium schloß sich dieser Auffassung an, er­

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achtete den Verkauf vom 20. November 1837, „ohngeacht des um 2000 fl. nicht erreichten Anschlags für vortheilhaft“ und ermächtigte die Hofdomänenkammer, „falls der Käufer sein Gebot noch halten wird", die Ratifika­ tion zu erteilen, was denn auch, da Laßberg natürlich von seinem Gebot nicht zurücktrat, unterm 1. Februar 183 8 geschah und Laßberg einige Tage darauf durch die Domänenverwal­ tung Meersburg eröffnet wurde. So kam Laß­ berg in den Besitz der alten Meersburg, die zwar vom badischen Staate nicht, wie die örtliche Überlieferung wissen will, „zum Ab­ bruch“ ausgeschrieben worden war, leicht aber in den Händen eines weniger altertums­ begeisterten Besitzers dieses oder ein ähn­ liches Schicksal hätte erfahren können, und mit vollem Recht dürfen wir ihn daher als den R e t t e r d e r a l t e n M e e r s b u r g rühmen. Freudestrahlend meldet Laßberg am 21. Hornung 183 8 seinem „lieben Freund Uhlandus“16): „In der Freude meines altern­ den, aber noch immer grünen Herzens kann ich nicht umhin, Ihnen zu sagen, daß ich vorige Woche die Nachricht erhielt, wie daß mir die alte bischöfliche Burg zu Meersburg, für den von mir gebotenen Preis, von der Domainenkammer zu Carlsruhe zugeschlagen worden ist. Eine schöne, große Burg, wolerhalten (da vor einem Jare noch das Hof­ gericht sammt dem Hofrichter darinne saß), hell, warm und in einer Lage, die eine der schönsten Aussichten am Bodensee gewäret. Sagen Sie dies auch Schwab und Abel, und daß man in einem Sommertage, von Stuttgart und Tübingen, wenn man ein wenig früh auf­ stehet, bequem nach Meersburg kommen kann.“ Und wenn wir auch den geschichtlichen

überstehen17), so stimmen wir ihm doch im felgenden gerne zu: „Die Gegend sowie die ganze Nachbarschaft ist fruchtbar, freundlich und wolangebaut; der Wein, welcher seit einigen Jaren da aus Traminer Trauben gezo­ gen wird, gehört gewiß unter die vorzüglichlichsten Weine Schwabens, und ich hoffe, wir sollen in einem der runden Gemächer der guten alten Burg, welche die Aussicht auf die blauen Fluten des Potamus geben, mer als einmal die Erfarung davon machen.“ Und nachdem er alsbald auch die neu angefertigten Risse sämtlicher Gebäulichkeiten erhalten, sitzen, wie er am 19. Februar an Liebenau18) schreibt, „Jenny und ich alle tage viel und lang darüber und schauen und luegen und speculiren, was wir sogleich beziehen und bewonen und was wir umbauen und ver­ ändern wollen, müssen und können. Ich glaubte vor dem kaufe alles gesehen zu haben und nun finde ich, daß ich wol zwei mal so viel wonung gekauft habe als ich wänte. Zu einer umständlichen Beschreibung dieser alten zum teile mer als 1000jährigen bürg, würde ich mer als einen bogen brauchen, in kurzem wisse also, daß wenigstens 35, meist große, heizbare zimmer sind, und dann noch wol ebenso viel oder noch mer andere gemächer. 5 gewölbe keller. 2 laufende bronnen mit trefflichem quellwasser. Eine menge unter­ irdische gewölbe. Eine Zisterne mitten im hause. Burgverließ. Kapelle. Badezimmer. Unterirdischer gang bis an d. bodensee. Eis­

Erinnerungen, die er mit seinem neuen Besitze verbindet („König Dagobert von Austrasien

grube. Und was mich über alles freut einen 53 fuß langen u. 23 fuß breiten gewölbten, hellen saal, der ehemals zum Archiv diente und in dem ich alle meine bücher, handschriften etc. aufstellen kann, mit einem an­ stoßenden runden gemache, das ich als Stu­ dien und Schreibzimmer benuzen, und von dem ich, durch eine glastüre auf alle bücherkasten

baute sie, Carl Martell erneuerte die Burg, die Welfen, die Hohenstaufen besaßen sie. War-

sehen kann . . . Du wirst lachen, wenn ich Dir sage, daß ich diesen wonsiz jenem im

scheinlich trat sie Conradin seinem Vormunde, dem biedern Bischöfe Eberhard von Waldburg ab usw.“) heute wesentlich kritischer gegen­

obern ( = Neuen) schlosse, den Du kennst, vorziehe; aber es ist doch so . . . Es ist eine der schönsten, größten, und besterhaltenen

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alten Burgen, die in Teutschland aufzufinden sind. In Schwaben hat sie nicht ires gleichen, Heiligenberg allein ausgenommen.“ Am 2. März 183 8 wurde dann der Kauf­ vertrag mit insgesamt 19 Bedingungen in das „Gewährbuch der Stadt Meersburg" eingetra­ gen19). Danach erhält der Käufer das Recht, das Wasser aus der im großen Keller des ehe­ maligen Frauenklosters (damals den Kindern des Kaufmanns Faber gehörig) befindlichen Brunnenstube zu beziehen; er muß aber die Wasserleitung von dort bis zu dem Brunnen im alten Schlosse auf eigene Kosten unterhalten und dafür sorgen, daß das Abwasser des Brun­ nens ohne Nachteil für die Nachbarn abfließt. Vor allem fällt ihm die Unterhaltung auch der Stützmauern von der Apothekebrücke an bis zum Garten des Neuen Schlosses soweit zur Last, als diese zum Tragen der gleichfalls von ihm zu unterhaltenden Schloßbrücke erforder­ lich sind. Vom Eigentumsübergang ausgenom­ men werden einige Einrichtungsgegenstände in den Gefangenenzellen (Öfen, Waschkessel, Türbeschläge), den beiden Archivräumen (Aktenkästen, Tische etc.) und dem großen Keller (Fässer, Lager), doch sollen die Archiv­ räume spätestens bis 1. Mai, die Gefäng­ nisse und die Gefangenenwärterswohnung bis 1. November 183820), der große, zur Ein­ lagerung „ärarischer W eine“ benutzte Keller in 2 bis 3 Jahren geräumt werden. Der von Dr. med. Stanz21) von Bern, damals in Kon­ stanz wohnhaft, verbürgte Kaufpreis von 10 000 fl. ( = 17 142,86 Goldmark) sollte in sechs zu 5 % verzinslichen Zielern von Mar­ tini 1838 bis dahin 1843 bezahlt werden; so lange behält sich die Domänenverwaltung Meersburg das Eigentumsrecht vor (!). Tat­ sächlich erlegte Laßberg bereits am 27. Juli 1840 den Restkauf Schilling (samt Zinsen) mit 6 187 fl.; vergeblich bemühte er sich bei dieser

die Annahme von 14 Stück Züricher Bank­ noten ä 100 Brabanter Taler oder 270 fl. an Zahlungsstatt! Alsbald nach Abschluß des Kaufgeschäfts ging es an „das leidige und ermüdende geschäft des einpakens . . . Man weiß nicht, wie viel zeugs man in einem hause hat, bis man auszieht. Wir haben gestern (9. 8. 38) die 113. Kiste geschlossen; aber wir sind noch lange nicht am ende. Ich glaube nicht, daß wir vor ende des laufenden monats in Meersburg sein werden“22). Tatsächlich hielt Laßberg erst am 7. September 183 8 seinen Einzug auf der Meersburg, wo er übrigens schon bei einem Besuche im August zufällig mit Schwab zu­ sammengetroffen war und einige Stunden mit ihm verbracht hatte23). Rückblickend schil­ derte er am Jahresschlüsse Hermann von Liebenau diesen letzten Ortswechsel seines Lebens folgendermaßen24): „Den 7ten giengen wir in zwei wagen: Mamma Droste25), Jenny, die Kinder, Albertine und ich, von hier (Eppishausen) nach Constanz und von dort am bood (bord?) der Helvetia nach Meersburg, wo wir beim landen schon die schwarze gestalt der armen Helene26) uns vom ufer die arme ent­ gegen streken sahen; sie hatte schon seit zwei tagen auf uns gewartet, am folgenden abend kam, bei ungestümem wetter auch meine alte, wasserscheue; aber doch liebe Schwester Wald­ burg von Donauöschingen bei uns an: sie kann nämlich den See nicht sehen, one daß ir davon wehe wird; wir mußten also ir eine wonung aussuchen, wo sie das große wasser nicht im äuge hatte. Am dritten tage erfreute uns die gute Therese Haysdorff27), von Heiligenberg kommend, mit irem besuche — sodaß wir nun mit Mama Droste 4 damen mit 4 kammerkatzen zälten, dazu Jenny mit 2 mägden und einer köchin und zum Schlüsse Albertine, macht in summa einen convent von 13 weib-

Gelegenheit in einer noch bei den Akten befind­

sen, ohne die zwei novizen zu rechnen. Du siehst, aus dem armen klösterlein Eppishausen

lichen, eigenhändig geschriebenen, nein, ge­ malten Eingabe an ein „Großherzogliches Hochpreisliches Finanzministerium“ d. d. auf

ist nun in Meersburg ein schon ansehnlicher

der alten Meersburg am 1. August 18402!a) um

später traf auch Carolus magnus29), zeitlicher

konvent geworden28) — und ein par Wochen

b

JOSEPH P t E D H E t i

LK SIIEli

geb. d. 10. April 1770 gest. d. 15. März 1855

Comandant der vestung Kastell bei Mainz in unserer mitte ein, und niemand gieng uns mer ab als Du mit Deiner frau30), um unseren friedlichen, stillvergnügten kreis vollzu­ machen! . . . M itte octobers verreiste Helene nach Würzburg zu einer freundin frau v. Speth.

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Dann verließ uns Waldburg und am Ende des monats Therese; den beschluß machten Mama Droste und Karl, welche den 26.ten zusam­ men nach Mainz reiseten, von wo Mamma sich zu irem bruder Moriz31) nach Bonn begab . . . Du kannst denken, daß ich wärend und nach

der anwesenheit meiner gäste täglich beschäf­ tiget war und an iren durch das Wetter so ser begünstigten Spaziergängen wenig anteil nemen konnte. A u s p a k e n (: noch sind wir damit lange nicht fertig :) e i n r ä u m e n (: noch ist lange nicht alles an. seiner stelle :) und die herstellung des alten Archivs zu einem Büchersaale, wo noch nicht einmal die biicherkasten alle fertig sind, namen mich täg­ lich und stündlich in anspruch.“ — „Denke D ir", schreibt Annette unterm 27. Januar 18 39 an Sophie von Haxthausen32): „Laßberg sitzt noch immer von Zeit in Zeit in Eppishausen und scheint mit dem Einpacken noch lange nicht fertig zu sein. Mama wird wohl recht prophezeit haben, daß er um Ostern noch dort sitzen soll.“ Hand in Hand mit dieser bei dem damals schon sehr beträchtlichen Umfang der Laßbergschen Sammlungen begreiflicherweise zeit­ raubenden Arbeit ging aber noch die der gärtnerischen Ausschmückung d e s n e u e n W o h n s i t z e s , die dem passionierten Forstmann und Gartenfreund Laßberg ebenso am Herzen lag wie der „Blumennärrin“ Jenny. So mußte gleich 1838 am Schloßberg „noch vor eintritt der kälte eine gemauer(te) terrasse zu einem im früling anzulegenden blumengärtchen hergestellt werden. In Salmannsweiler (Salem) wurde die markgrävliche, ehemals klösterliche Orangerie versteigert; wir kauften 8 stüke davon; allein, da die bäume ankamen, zeigt sichs, daß wir dieselben für kleiner angesehen hatten, als sie wirklich sind; weder waren die türe noch das gemach groß und hoch genug in dem wir sie über wintern wollten; es mußte also ein boden durch gebrochen und eine seitenmauer ausgebrochen werden, um die 18—2 0 ' (5,4—6 m) hohen bäume herein und unter­ zubringen: iezt stehen sie gut, aber eigent­ lich eingemauert und müssen im may wieder exhumirt werden“88). Aber, „obschon es wegen abbrechen und umbauen etwas unordentlich aussehen wird", rechnet Laßberg doch darauf, daß es Liebenau und seiner Familie bei ihrem

M aria Anna, gen. Jen n y von Laßberg, geh. Freiin von Droste-Hülshoff 1795—1859 für das Frühjahr 1839 bestimmt erwarteten Besuche auf der Meersburg gefallen wird. „Jenny hat den etwas über einen iauchart großen Schloßhügel schon mit allerlei blühen­ den sträuchern und bäumen vollgepflanzt, auch ein kleines rebstük von etwa 20 reben angelegt; aber noch ist viel da zu tun“34). Im Frühjahr 18 4 0 35) ist „in unserm burghof, bei iezt eingetretenem guten weiter, alles in bewegung. Die äußere Umfassungsmauer, nach der Unterstadt zu, ist nun mit zinnen gekrönt, das pflaster aufgerissen, wo die gärtner von beigefürtem gründe blumenbeete anlegen. Längs der mauer werden dann die zitronenbäume aufgestellt und an der mittagsseite des langen baues sind schon pfirsich- und feigenbäume (!) gepflanzt.“ („Der Laßberg“, sagt Annette36) im Juni 1844, „ist ein leichtsin­ niger Patron, meint, das Leben sei ihm ein­ gerostet, und pflanzt obstkerne, um nach 30 Jahren satt Kirschen essen zu können.“) Im Frühling 1841 freut Laßberg sich erneut, denn „der schloßhügel fanget an zu grünen, Jenny

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und ich haben viel gepflanzt, und an unserm kleinen Berge wird auf einer neuerbauten terrasse ein neuer garten angelegt“37). Und ebenso sieht er im Jahr darauf, 1842, dem Frühling mit Sehnsucht entgegen: „denn ich habe in schöner läge und mit prächtiger aussicht einen kleinen garten mit einem häuschen darinne angekauft und den möchte ich gerne anpflanzen. Es wächst auch gutes Obst darinne“38), bind diesmal ist auch Annette entzückt, wie wir aus ihrem Brief an die Mutter entnehmen39): „Jenny steckt bis über die Ohren in ihrer Gärtnerei, hat ihre Aurikeln aus dem Samen grade alle in Blüte, und Laßberg tauft die neuen Sorten mit einem Nibelungen- und Liedersaalnamen nach dem andern. Dieser humpelt denn auch alle Tage recht rüstig umher, nach dem Figel40), Frie­ den41) oder nach dem neuen Lusthäuschen und Garten vor dem Tore, womit er Jenny beschenkt hat und wo jetzt das Säen und Pflanzen grade im Zuge ist. Du kennst es gewiß, dicht vor der Stadt, links auf dem Wege zur Krone42), man stieg früher den Pfad zuweilen hinauf bis an einen großen O bst­ baum, wo die Aussicht recht schön ist. Das Häuschen hat unten eine Entree mit einem Verschlag unter der Treppe für Brennholz oder andere Vorräte. Oben ein niedliches Zimmer mit einem eisernen Ofen und eine kleine Küche, rechts und links daneben ein paar Nebengebäudchen wie Schilderhäuschen, das eine, um Gartengeräte hineinzusetzen, das andere für eine gewisse Bequemlichkeit. Der Garten enthält bereits viele feine O bst­ sorten, und ein Brunnen mit Pumpe ist auch da, der immer Wasser hält, kurz, wenn noch ein Schlafkämmerchen angebaut wäre und ein Kellerchen darunter, so könnte eine ein­ zelne Person allerliebst dort wohnen, und ich glaube nicht, daß Laßberg viel für das Ganze gegeben hat; mich dünkt 300 fl., die sich wohl an O bst und Gemüse rentieren können, und Jenny hat viel Freude daran.“ Klingt das nicht bereits wie eine „Vorgeschichte“ des Fürstenhäuschens, durch dessen Erwerb (1843) 8

Annette selbst „grandiose Grundbesitzerin“ und, gleich ihrem Schwager, Retterin eines, wenn auch kleinen, geschichtlichen Baudenk­ mals in Meersburg wurde?43) Wie dem auch sei, wir verstehen Laßberg, wenn er einmal an Hermann von Liebenau schreibt44) : „ I n E p p i s h a u s e n w a r e s s c h ö n , a b e r h i e r g e f ä l l t s mi r d o c h b e s s e r ! ' , und wir, w i r d a n k e n i h m a n s e i n e m 1 0 0. T o d e s t a g e f ü r s e i n e r e t t e n d e T a t !45) Quellen : 1. Bad. G e n e r a l - L a n d e s a r c h i v K a r ls ­ r u h e , Akten Abt. 237/9372 (zit.: G L A). 2. F ü r s t 1. F ü r s t e n b e r g i s c h e s A r c h i v D o n a u e s c h i n g e n , Pers. A., J. v. Laß­ berg, verschl. Reg. — Briefe Laßbergs an Herrn, von Liebenau, die mir Prof. Dr. K. S. Bader, Zürich, freundlicherweise in abschriftlichen Auszügen mit­ geteilt hat. (Zit: F F A) 3. G e w ä h r - bzw. K a u f - u n d T a u s c h b u c h d e r S t a d t M e e r s b u r g , Teil V, VIII, IX, XIII und XIV. (Zit.: K. u. T. - B„ T . . . ) 4. D i e B r i e f e der A n n e t t e von D r o s t e - H ü l s h o f f. Gesamtausgabe, hgb. von K a r l S c h u l t e K e m m i n g h a u s e n . 2 Bde. Eugen Diederichs Verlag, Jena (1944); zit.: A. B w. I b e z w. II. 5. B r i e f w e c h s e l zwischen J o s e p h F r e i herrn von Laßberg und Ludwig U h 1 a n d , hgb. v. F r a n z P f e i f f e r . Wien 1870, Wilh. Braumüller. (Zit.: B w. L. - U.) Anmerkungen : Von E p p i s h a u s e n (villa Epponis) sagt G S c h w a b in seinem unter reger Mitarbeit Laßbergs entstandenen „Bodenseebuch“ (2. A. 1840, II, 195): „Das hier vor ungefähr 50 Jahren wieder neuaufgeführte Schloß, welches ehemals eine herrschaftliche Besitzung der Abtei Muri — [noch früher der Herren von Helmsdorf!] — war und eine sehr anmutige Lage mit schönen Waldanlagen und Weinbergen hat, von welchen eine köstliche Aussicht aufs Appenzeller und Toggenburger Gebirge, hat bis zum Jahre 1838 der F r e i h e r r J o s e p h v o n L a ß b e r g , der jetzt nach Meersburg übergesiedelt ist, besessen und bewohnt. Am Fuße des Schlosses liegt der kleine Weiler Erlen." — Von L. ging das Schloßgut an einen Basler G ü t e r h ä n d l e r über, der so­ fort den herrlichen Buchenwald schlagen ließ, der rings die Höhen um das Schloß schmückte. Weitere Güterhändler lösten sich ab, bis es 18 52 eine Winterthurer F a m i l i e v. H e g n e r kaufte, in deren Besitz es bis 1898 verblieb. In dieser Zeit wurde das östliche Hoftor geschleift, sonst aber nicht viel geändert. Zwischen 1898 und 1919 be­ fand sich das Gut wieder in den Händen von 7 bis 4)

8 G ü t e r h ä n d l e r n , die es gründlich aus­ schlachteten, so daß es jetzt nur noch 43 ha hat. 1919 kaufte es ein Baltendeutscher, ein H e r r v. S i e b e r t , 1924 der heutige Besitzer v. H e e ­ r e n , dessen Güte ich die Angaben über die neueren Besitzverhältnisse wie auch den hübschen alten Stich aus der Zeit Laßbergs verdanke. Er hat, von gründlichen Renovationen des Innern abge­ sehen, am Äußern nichts Wesentliches geändert. Nur die Wirtschaftsgebäude wurden z. T. an an­ dern Stellen neu aufgebaut, auch der Graben an der Südseite des Schlosses teilweise zugeschüttet, so daß jetzt statt der früheren kleinen Brücke ein Weg hinüberführt, wodurch das Haus freieren Aus­ blick nach Süden gewann. 2) „ E r i n n e r u n g a n J o s e f F r e i h e r r n vo n L a ß b e r g auf der a l t e n M e e r s ­ b u r g " in: „Hist.-Pol.Blätter für das kath. Deutsch­ land, Bd. 53 (1864), S. 424—441; 505—522. 3) Schon im Januar 1837 ist zu Bökendorf hei Annettes Verwandten „alles voll von dem Ver­ kauf von Eppishausen“ (A. Bw. I, 183). 4) M a r i a A n n a , genannt J e n n y , geh. F r e i i n v o n D r o s t e - H ü l s h o f f (1795 bis 1859), die um zwei Jahre ältere Schwester der Dichterin. 5) L. war von 1792—1804 Oberforstmeister der fürstenbergischen Landgrafschaft Heiligenberg und weilte nach seiner Pensionierung 1817 dort viel bei der Fürstinwitwe Elisabeth, zu deren Grab er nach ihrem Tode (1822) noch lange Zeit alljährlich an ihrem Todestage (21. 7.) wallfahrtete. 6) GLA, fol. 21 ff. 7) Expeditor Häberle, Kanzleidiener Spengler, Lakai Adam und die Beschließereimagd Spengler. 8) GLA, fol. 189 ff. 9) FFA, An Herrn, v. Liebenau, d. d. Eppishausen, den 16. Juli 1837. — Ich behalte bei den folgen­ den Zitaten die eigenwillige Rechtschreibung (kleine Buchstaben im Wortlaut etc.) und Zeichen­ setzung des romantischen Germanisten bei, der sich dieser, offenbar unter dem Einfluß Jakob Grimms, seit 1824 (zusammen mit der lateinischen Schrift) bediente und die mir recht gut zu seinem persönlichen Stile zu passen scheinen. 10) A.-Bw. 1, 257. '*) FFA, An H. v. L., d. d. Eppishausen, den 9. Oktober 1837. 12) GLA, fol. 190 f. 13) FFA, An H. v. L., d. d. Eppishausen, den 29. Nov. 1837. 14) ibid.. An H. v. L., d. d. Eppishausen, den 10. Jan. 1838. lä) ibid., An H. v. L., d. d. Eppishausen, den 1 4 . Jan. 1838. 16) Bw. L.-IL, S. 237 f. 17) Übrigens mußte Laßberg selbst 1850 in einem von mir aufgefur.denen Briefe, den ich gelegentlich an anderm Orte veröffentlichen werde, einen grundlegenden lirtum zugeben: „so müssen auch die aeltesten leute noch immer lernen." 18) FFA, An H. v. L-> d. d. Eppishausen am 19. Hornungs 1838.

*9) K. u. T.-B., T. V, Nr. 16, S. 31 ff. 20) Das Amtsgefängnis sollte samt der Wohnung des Amtsdieners ursprünglich „in das mit dem Amtshause unter einem Dache befindliche und des­ halb nicht zur Veräußerung geeignete sog. Reit­ schulgebäude" verlegt werden, was einen Bauauf­ wand von mindestens 58 31 fl. erfordert und vom Verkaufserlös des Alten Schlosses nicht mehr viel übrig gelassen haben würde (GLA, folg. 196). Auf Vorschlag des Innenministeriums wurden dann mit einem auf nur 400 fl. veranschlagten Aufwand vier kleine, gegen den See gelegene Zimmer im Küchen­ gebäude des Neuen Schlosses, zu denen man vom Hauptportal des Schlosses durch einen gedeckten Gang gelangte, zu „Interimsgefängnissen eingerich­ tet, da man schon damals an die (1857 erfolgte) Aufhebung des Bezirksamts Meersburg dachte. Nachdem 1841 auf Ersuchen der Vorsteherin des damals im Neuen Schlosse eingemieteten Fräulein­ institutes (Annettes „Pension“ !), Frau v. Kessel, der Zugang zu den Gefängnissen durch die (exsekrierte) Schloßkapelle, die Sakristei und eben den gedeckten Gang geführt und anschließend daran die leeren Räume im 2. Stock des Küchengebäudes zu einer Wohnung für den Gefangenenwärter her­ gerichtet worden waren (GLA, fol. 214), wurde schließlich 1843 zu beiden — trotz des Einspruchs des Finanzministeriums — ein neuer Eingang über den damaligen Küfereihof entlang der Außenmauer der Schloßkapelle geschaffen. 21) D r. me d . L u d w i g S t a n z (1801—71), Heraldiker und Glasmaler, betrieb damals in Kon­ stanz eine Glasmalerei, die er 1848 nach Bern ver­ legte. Infolge seiner Stellungnahme gegen den „Sonderbund“ der Altkantone 1847 kam es zum Bruch mit Laßberg. 2ia) GLA, fol. 202 ff. 22) FFA, An H. v. L., d. d. Eppishausen am 10. August 1838. 23) Bw. L.-LL, S. 239. 24) FFA, An H. v. L., d. d. Meersburg, am 31. Decbrs 1838. 2ä) Laßbergs Schwiegermutter M a r i a T h e ­ r e s e L o u i s e , geb. F r e i i n v o n H a x t ­ h a u s e n (1772—1853, also zwei Jahre jünger als Laßberg!), war Mitte Aug. 1837 zum zweiten Male nach Eppishausen gekommen, wo sie, zusam­ men mit Annette, bereits von Herbst 1835 bis zum Winter 1836 geweilt hatte. 26) H e l e n e , g e b . F r e i i n v o n S c h a t z ­ b e r g , die Witwe seines am 30. Juni 1838 im Alter von 40 Jahren als Fürstl. HohenzollemSigmaringischer Hof- und Regierungsrat verstor­ benen Sohnes Friedrich von Laßberg, des Heraus­ gebers des „Schwabenspiegels". 27) T h e r e s e v o n H a i s d o r f , eine Nichte Laßbergs, war Hofdame der Fürstin von Fürsten­ berg in Heiligenberg. 25) FFA, An H. v. L., d. d. Eppishausen, 24. Sep­ tember 1838. 29) K a r l v o n L a ß b e r g , der älteste Sohn Laßbergs, damals k. k. öst. Hauptmann, f 1866 als

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Oberstleutnant a. D., der einzige von Laßbergs vier Söhnen aus erster Ehe, der den Vater überlebte. 30) Jakobaea Pfyffer von Altish o f e n. 31) M o r i t z v o n H a x t h a u s e n (1776 bis 1841), ihr ältester (Stief-)Bruder, lebte ständig in Bonn. 32) A.-Bw. I, 326. 33) s. Anm. 24. 341 FFA, An H. v. L., o. D„ in Meersburg gesdirieben, in Eppishausen zur Post gegeben. 3ä) ibid., d. d. Meersburg am 13. April 1840. 36) A.-Bw., II, 315. 37) FFA, An H. v. L., d. d. Meersburg, den 14. IV. 1841. 38) ibid., An H. v. L., d. d. Meersburg, 15. Hor­ nung 1842. 39) A.-Bw., II, 23. 40) Der drollige Wirt im „Glaserhäusle", Annet­ tes „Schenke am See". 41) Von L. gerne besuchte Weinschenke an der Straße nach Stetten. 42) Wirtschaft in der Nähe des Friedhofs, früher fürstbischöfliche Sennerei. 43) Vgl. ihren Brief an Elise Rüdiger d. d. Meers­ burg, 18. Nov. 1843 (A.-Bw., II, bes. S. 233 ff). 44) s. Anm. 37. 45) Nach dem Tode des Freiherrn Joseph von Laßberg am 15. 3. 1855 fiel „das alte Schloß­ gebäude, maßiv von Stein, sammt Thorwarths­ gebäude auf dem Bergabhange zwischen der Ober­ land Unterstadt gelegen mit Stützmauern, welche die Grenze des Schlosses bilden, sammt Schloßbühl, laut gerichtlicher Schätzung taxirt zu 11 500 fl.“ zu je V4 an seine Erben: Jenny, Karl, Hildegard und Hildegund v. L„ die unterm 2. 7. 1855 beschlos­ sen, das Alte Schloß in ungeteilter Gemeinschaft zu belassen, während das übrige Vermögen zu gleichen Teilen aufgeteilt wurde. K. u. T.-B., T. VIII, S. 146 ff. u. 199 ff.) — Am 15. April 1856 verkaufte Karl v. L. seinen Anteil um 2 500 fl. an seine Stiefmutter Jenny (K. u. T.-B., VIII, Eintrag Nr. 190 v. 16. 6. 18 5 8, S. 504 ff.), und nach ihrem Ableben am 29. 12. 1859 in Münster i. W. (beige­ setzt in der Familiengruft zu Roxel) erbten Hilde­

gard und Hildegund von ihr auch die zweite Hälfte des Alten Schlosses, nachdem ihnen schon früher durch Erbschaft von ihrer Tante „Nette“ auch das sog. „Fürstenhäusle" im Rebgute Fugger, tax. zu 150 fl. zugefallen war (K. u. T.-B., IX, Eintrag Nr. 79 v. 7. 12. 1860, S. 334 ff.). — Durch Vertrag vom 18. 9. 1877 (K. u. T.-B., XIII. Eintrag Nr. 97 v. 3. 10. 1877, S. 401 ff.) verkaufen dann Laßbergs Töchter das Alte Schloß für 12 000 Mark an D r. K a r l , Ritter und Edler, M a y e r v o n M a y e r f e l s , Kammerherrn Sr. Maj. des Königs von Bayern. Dabei behalten sie sich im oberen Stocke auf beliebige Zeit das Wohnrecht für sich und ihre persönliche Bedienung vor. Wür­ den sie oder die Überlebende von ihnen darauf verzichten — was nie geschah: Hildegund starb am 14. Mai 1909, Hildegard am 30. Juli 1914 — so hätte der Käufer weitere 12 000 M. zu zahlen. Die Verkäuferinnen übernehmen auch die Unter­ haltung des Gartens in seinem derzeitigen Zu­ stande. Die Einrichtung des ehemaligen Archivs und Turmzimmers (Laßbergs Büchersaal und Stu­ dierzimmer!), ebenso sämtliche altdeutsche Truhen, alle alten Gewehre, Möbel und Waffen und end­ lich den Pelikan-Vogel aus Holz überlassen sie unentgeltlich dem Käufer, während die v. Laßbergsche Armbrust mit der Winde und die Herodiasstickerei ihr Eigentum bleiben, jedoch unter Ein­ räumung eines Vorkaufsrechtes der Sammlung des Käufers einverleibt werde. Und damit dem Ernste der Scherz nicht fehle: Das Halten von Hunden ist den Verkäuferinnen untersagt! — Nach dem Tode des Herrn v. Mayerfels am 8. 2. 18?3 über übernimmt auf Grund der Gemeinschaftsteilung vom 2. 5. 1884 (K. u. T.-B., XIV, Eintrag Nr. 199 v. 16. 5. 1884. S. 831 ff.) seine Witwe Regina, geb. Menges, gemäß dem ihr testamentarisch eingeräum­ ten Rechte das Alte Schloß (mit dem Wohnungs­ recht der Fräulein v. Laßberg!) zum Schätzungs­ werte von 30 000 M. Durch Kaufvertrag vom 16. 12. 1910 geht es um denselben Preis auf ihre Tochter, Frau Ida von Miller, geb. Edle Mayer von Mayerfels, Rentierwitwe in Meersburg, und nach deren Tode (21. 8. 1939) durch Erbschaft auf ihre Tochter Maria, geb. von Miller, Ehefrau des Archi­ tekten Hubert Naeßl in Meersburg über.

51m @tratifc OlubleS über ©anb unb .Siefel jieljt baS leife ©piel bet SBellen, bie mie ©ilberfifche fcbnellen unb »erfpriihen als ©eriefel. 21bet ehe fie »ergeben, jchreiben (ie bie flüdbt’gen Reichen ihres SBogenS in ben meichen Uferfanb, me fie »ermehen.

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2Bit auch fommen fo unb graben unfre ©pur hem SebenSfhanbe ein mit roichtigem ©ehaben. Unb mir mellen eS nicht glauben, bag bie ©chrift auf meichem ©anbe eines SIBinbeS .frauch fantt rauben. Sfliar iRieple

Joseph von Laßberg und Justinus Kerner Zur 100. Wiederkehr des Laßberg’schen Todestages am 15. März 1855 Von W i l h e l m Ze nt n e r , München „Das ist der Liebe heil’ger Gottesstrahl, der in die Seelen schlägt und trifft und zündet, wenn sich Verwandtes zu Verwandtem findet. Da ist kein Widerstand und keine Wahl! Es löst der Mensch nicht, was der Himmel [bindet.“

Diese allerdings nicht ganz wörtlich zitier­ ten Verse aus Schillers „Braut von Messina“ schickt Joseph von Laßberg einem Briefe vom 22. Juli 18 50 voraus, den er im unmittelbaren Nachhall der ersten persönlichen Begegnung an Justinus Kerner richtet. Auf einer Sommer­ reise durch Oberschwaben und das Bodensee­ gebiet war der Poet und Geisterseher von Weinsberg mit seiner Frau und Tochter, der seit 1847 verwitweten Marie Niethammer, vermutlich auf Ludwig Uhlands Empfehlung, nach Meersburg gekommen und hatte den dortigen Schloßherrn, den Besitzer der be­ rühmten mittelalterlichen Handschriftensamm­ lung, aufgesucht. Es mag sich um einen Besuch von nur wenigen Stunden gehandelt haben, allein diese genügten, einen Freundschaftsbund zu besiegeln, dessen jugendliches Feuer dem achtzigjährigen Laßberg wie dem vierundsechzigjährigen Kerner alle Ehre macht. „Die Freundschaft ist gemacht, sagte mir mein altes, noch immer grünes Herz“, heißt es in dem erwähnten Briefe, „und wird dauern, so lange bei uns zwei alten Knaben der schwä­ bische Herzschlag noch an unsere Rippen pocht.“ Nicht weniger befriedigt äußerte sich der Dichter, der unverzüglich und ebenfalls aus übervollem Herzen erwiderte. Und Laß­ berg kauft in Konstanz Kerners „Lyrische Ge­ dichte“ und schenkt sie in „zierlichem Ein­ bande“ seiner Frau zum Namensfeste. Es waren zwei ziemlich verschiedenartige Naturen, die sich hier auf der alten Meers­ burg und bei einem Glase des dort wachsen­ den „Roten“ zusammengefunden hatten: der zum Schwernehmen der Dinge geneigte, seine

Lebensmüdigkeit betonende Melancholiker Kerner und der unentwegte Optimist und Lebenskünstler Laßberg. Mit klarem Blick hatte dieser die Situation erkannt, wenn er meint: „Zwischen uns beiden scheint mir ein großer gemütlicher Unterschied zu sein, der aber dem Vereine unserer Herzen nicht hin­ dernd im Wege steht. Ich möchte Sie einen „Schmerzenreich" nennen, denn wie Sie selbst sagen, zwingt Sie der Schmerz zum Singen: in meiner Brust ist schon achtzig Jahre hin­ durch ein unversiegbarer Quell von Fröhlich­ keit, ich habe Geliebte, Eltern, Weib1), Kin­ der, Geschwister und liebe Freunde durch den Tod verloren, ich habe sie redlich und lange, oft jahrelang beweint, aber der liebe Gott half mir immer wieder aus den Tränen heraus und in die mir von ihm so wohltätig ge­ schenkte Fröhlichkeit hinüber.“ Im Dezember 1850 läßt Kerner wieder von sich hören. Die Art, wie Laßberg den Brief empfängt und sich dessen Inhalt zu eigen macht, umschließt ein so reizendes Biedermeier-Idyll, daß ich mir es nicht ver­ sagen kann, die Schilderung mitzuteilen: „Ich las eben im Bette bei Licht — da kam Ihr Brief, lieber Freund Justinus! Das Siegel und Aufschrift erkannte ich nicht, aber als ich die Überschrift las, rief ich so laut auf, daß meine gute Frau davon plötzlich erwachte ,Ei, Joseph', sagte sie, ,ist es Freud’ oder Leid, was Du bekommen hast?' Da setzte ich meine Brille noch einmal auf und legte die Allgemeine Zei­ tung zurück und las Ihren lieben Brief vom Anfang zum Ende und sagte dann: Lieber Gott, ich danke dir, daß ich von einem edlen Manne geliebt werde, den ich schon viele Jahre liebte, ehe ich ihn gesehen hatte. . . . Wo ist der Mann, der sagen kann: ich habe in meinem Slsten Jahre noch einen Freund er­ worben? —“

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Das ehemalige Seetor in Meersburg nach einer Zeichnung von Hildegard von Laßberg, 2. Ju n y 1848 nach einer Kopie von Prof. Dörflinger

In Laßbergs Antwortschreiben2), in welchem vor allem der frühe Tod Gustav Schwabs be­ klagt wird, der beiden Männern ein gleich treuer Freund gewesen war, ergeht die Auf­ forderung an Kerner, im künftigen Frühling sich mit den Meersburger Freunden des neuen Auflebens der Schöpfung zu freuen. Die ganze Familie Laßberg, der Burgherr, die Schloß­ frau und deren Töchter Hildegarde und Hilde­ gunde möchten dem Gaste den Aufenthalt am Seegestade so angenehm wie möglich gestal­ ten. „Wir vier dahier haben nur e i n Herz, wenn’s aufs Lieben ankommt,“ beteuert Laß­ berg.

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Kerner ist der Einladung zunächst nicht ge­ folgt, denn einerseits war er kein sonderlicher Freund des Reisens, andererseits hatte ihn ärztlicher Rat für die Sommermonate der Jahre 1851, 1852 und 1853 nach Badenweiler ge­ schickt, wo er sich äußerst wohl fühlte und dies auch in zahlreichen Gedichten, die am Fuße des Blauen entstanden sind, kundgetan hat. Der Briefwechsel mit Laßberg geriet einigermaßen ins Stocken. Allein als der Dich­ ter im April 18 54 seine treue Lebensgefährtin, sein „Rickele", verliert, setzt Laßberg die Feder an zu einer ebenso schlichten wie tief­ empfundenen Versicherung seiner Teilnahme.

Alt-Meersburg, Zeichnung Hildegard v. Laßberg Er fühlt, daß dem unter der Wucht des Schick salsschlags völlig niedergebrochenen Kerner neue ablenkende Eindrücke nötig sind, und wiederholt seine Einladung nach „Marsipolis“ : „Kommen Sie diesen Sommer, nehmen Sie Seebäder von meinem Hause aus. Wir wollen Sie liebhaben und liebhalten.“ Was Laßberg kaum zu hoffen gewagt hatte, wird Tatsache: Kerner kündigt sein Kommen an, wenngleich nicht ohne „Wenn" und „Aber". Marie Niethammer, seine „Antigone“, wird den alten sehbehinderten Vater beglei­ ten. M itte Juli 18 54 rüstet man in Meersburg zum Empfang der Gäste, die zwei bis drei Wochen verweilen. Durch einen Irrtum in der Briefsammlung „Justinus Kerner und sein Freundeskreis" ist das Jahr dieses Aufenthalts mit 18 55 angegeben worden und dieses Da­ tum von da in sämtliche Kernerbiographien übergegangen. In Wirklichkeit handelt es sich um das Jahr 18 54, denn im Juli 1855 weilte Laßberg nicht mehr unter den Lebenden.

nach einer Kopie von Prof. Dörflinger

Am 25. Juli überreichte der Schloßherr seinem Gaste ein kostbares Trinkglas mit einer poetischen Widmung, die in dem Aus­ spruch des Kaisers Nero gipfelte: „Pelle curas m ero!“ („Vertreibe die Sorgen mit lauterem W ein!“). In diesen Tagen stand Justinus Kerner auf dem Meersburger Friedhof vor den Ruhestätten Annettes von Droste-Hülshoff (1797—1848), der Schwägerin Laßbergs, und Franz Anton Mesmers (1734—1815), der seinen Lebensabend in seiner Heimat am See verbracht hatte. Für den berühmten Magne­ tiseur, den „weisen Meister“, hatte Kerner schon immer eine geheime Sympathie gehegt, in der ihn sein Freund Josef Ennemoser, der Verfasser der Anleitungen zur „Mesmerischen Praxis“ (1852), bestärkte. Jetzt als der Dich­ ter an seinem Grabmale, gewiß dem seltsam­ sten des Meersburger Gottesackers, dem drei­ eckigen weißen Marmorblock mit den Zeichen der Gestirne, einer brennenden Fackel und dem Auge Gottes, mit der Sonnenuhr und der

Bussola, einer Stiftung der Gesellschaft der Naturforscher in Berlin, verweilte, geriet er vollends in den Bann des wahlverwandten Geistes. Gemeinsam mit Laßberg forschte er in Meersburg den noch vorhandenen Spuren Mesmers nach, wobei er unter anderem das Pergament des Mesmerschen Doktordiploms aus Wien (1766) über die „Theses de planetarum influxu“ („Über den Einfluß der Plane­ ten“) aufspüren konnte. In jenen Tagen ist vermutlich das Gedicht „Auf Anton Mesmers Grab“ entstanden, das zwei Jahre später in die Sammlung „Winterblüten" aufgenommen wurde. Zugleich reifte der Plan einer größeren Arbeit über Mesmer, den Laßberg in der Er­ wartung unterstützte, die Ausführung werde den Freund von seinen selbstquälerischen Ge­ danken ablenken. In der Tat war der Auf­ enthalt in Meersburg von heilsamer Wirkung. Erheitert und erhoben schied Justinus Kerner von der Burg des. Frankenkönigs Dagobert, welcher der Sage nach hier vor mehr als einem Jahrtausend residiert haben sollte, so daß der Dichter auf der Heimreise von Ulm aus seinem Freunde Franz von Pocci in München schrei­ ben konnte: „Oh, wären Sie auf der Meers­ burg gewesen; ich bedaure jeden, der diese und ihren letzten Ritter, den alten edlen Laßberg nicht sieht, sein reiches Gemüt und seine reichen Sammlungen nicht kennt“. (10. August 18 54) Laßberg seinerseits bekannte: „Als Sie und Ihre liebe Maria die Burg verlassen hatten, trat ich in Ihre Zimmer und sah mich da um, aber ich sah nichts mehr! Vielleicht daß ein Lüftchen, welches, an ihren Angesichtern vor­ überfliegend, sich noch da aufhielt und in den Strom meines Atems fiel; ich schloß die Augen, und sie standen beide wieder vor mir. Aber das half nichts, ich mußte doch allein bleiben. Den ganzen Tag gingen Sie mir ab, es war mir ewas abhanden gekommen, was schon angefangen hatte, zu meinen Lebensbedürf­ nissen zu gehören.“ Kurze Zeit nachdem der Vater Abschied genommen hatte, sprach Kerners Sohn Theo­

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bald, wenn auch nur für wenige Stunden, im Schlosse vor, und Laßberg berichtet von die­ sem Besuche: „Gleich darauf kam Ihr Sohn Theobald mit seiner schönen Frau3) von seiner Reise in die Schweiz zu uns. Ein paar blit­ zende, geistreiche Augen trägt der Mann, die mich an seine Mutter erinnerten. Die Frau, eine nordische Schönheit, hat einen schöneren Mund als ich je gesehen. Glücklich der Mann, der ihn küssen darf!“ Justinus Kerner, der die ihm erwiesene Gastfreundschaft nicht unerwidert lassen wollte, sandte eine große Kiste mit Geschen­ ken, „eine Last für viele Kamele“, wie der Empfänger meinte, in die Burg am See. Sie enthielt einige wertvolle Gaben für Laßbergs Handschriftensammlung, darunter Fragmente eines altpersischen Kodex, Bücher und Schrif­ ten, aber auch einen handgemalten Lichtschirm und, was für Kerner besonders bezeichnend ist, „eine kleine Windsängerin aus Weins­ berg“, eine seiner geliebten Aeolsharfen, die im Speisezimmer im Turm ihre Stätte fand und das Entzücken der Laßbergschen Damen erregte. Wo mag sie hingekommen sein? Besuche kamen, Besuche gingen, wie das im Meersburger Schlosse seit Jahrzehnten Brauch war, bis die Nachricht vom Tode seines früheren Landesherrn, des Fürsten Karl Egon II. von Fürstenberg, dem Laßberg 1804 bis 1817 als Landesforstmeister gedient hatte, den Schloßherrn Ende Oktober auf ein mehr­ monatiges Krankenlager warf, von dem er sich nicht mehr erheben sollte. Am 10. Januar 18 55 erfährt Kerner, ein ergreifendes Zeug­ nis von Laßbergs edler Fassung, über den Zu­ stand des Freundes: „G ott sei Dank, ich bin bei diesen gewiß nicht geringen Leiden nichts weniger als mutlos geworden; ich finde das, was gekommen ist, ganz naturgemäß und folglichnotwendig, ich tröste mich darüber, wie man sich über das schlechte Wetter tröstet; mit fal­ schen Hoffnungen einer Genesung mache ich mir keine Illusion; aber ich bin entschlossen, auszuhalten mit männlicher Resignation, so lange mir der liebe Gott die Geistesgegen­

wart, die er mir bisher erwiesen, nicht ent­ zieht.“ Auch vom Krankenbette aus blieb Laßberg darauf bedacht, Kerners Arbeit an der Mes­ mer-Biographie mit allen ihm nur erreich­ baren „Subsidien“ zu fördern, und so gehen mehrere Pakete mit wertvollen Dokumenten nach Weinsberg ab. Die Vollendung des Buches „Franz Anton Mesmer, der Entdecker des tierischen Magnetismus“, das 1856 er­ schien, sollte sein Anreger nicht mehr erleben. Im letzten Briefe Laßbergs vom 24. Februar 18 5 5 heißt es mit einer Anspielung auf den damals tobenden Krimkrieg: „In meinem Zu­ stande hat sich noch nichts geändert, und ich liege noch immer im Lager von Sebastopol ohne Aussicht auf eine nahe Katastrophe". Aber von nun an zerfielen die Kräfte rasch, so daß der Kranke bald auch nicht mehr zum Diktieren fähig war. Die Kunde von dem am 15. März erfolgten Tode des Freundes emp­ fing Kerner zunächst nicht von der Familie Laßberg selbst, sondern von der ihm befreun­ deten Schriftstellerin Emma von Suckow4) (Emma Niendorf). „Sein Tod war jetzt aller­ dings wohl zu erwarten, aber er war für mein so tief trauerndes Herz wieder ein schwerer Schlag“, schreibt er an O ttilie Wildermuth, der er oft von der „ritterlichen Gestalt“ des Verstorbenen erzählt hatte. Auf Kerners Bitte, Näheres von den letzten Stunden des Freun­ des zu erfahren, richtete die Tochter Hilde­ gard von Laßberg am 4. April 1855 folgende Zeilen nach Weinsberg, die — in leicht gekürz­ ter Form — zugleich den Beschluß unserer Aus­ führungen bilden mögen: „Als ich nach einiger Zeit ungefähr um halb acht Uhr wieder ins Zimmer trat, fand ich eine ziemlich starke Veränderung, das liebe Angesicht war blasser und besonders die Lip­ pen. Der geistliche Herr, nach dem man ge­ schickt hatte, war gerade daran, die heilige Messe zu lesen, — dann kam er; der teure Kranke beichtete und erhielt die General­ absolution. Dann waren wir alle dabei, wie er bei vollem Bewußtsein die heilige Ölung

empfing und den schönen lieblichen Kirchen­ gebeten des Priesters zuhörte. Auf die Bitte der Mutter legte er seine Hand auf unsere Häupter und segnete uns mit langsamen W or­ ten: „Gott gebe euch die Kraft, die Tugend zu verteidigen, und Mut und Stolz, das Böse anzugreifen“. Dann war er etwas mit der Mutter allein, aber das Gehör hatte schon ge­ litten, und die Sprache wurde schwerer. Die Ärzte meinten, es könne nodi länger währen, und es wäre mehr Lebenskraft da, als es wirk­ lich war, aber G ott machte es gnädig; die Lungenlähmung, die der sterbende Vater selbst und die Ärzte früher erwartet hatten, trat nicht ein, und mit ihr blieb uns der b it­ tere Schmerz erspart, ihn mit Mühe Atem holen zu sehen, jetzt sah man nur, wie der Puls schwächer wurde. Vor ihm lag ein Kruzi­ fix, sein schönes Haupt stützte er auf die linke Hand5), die Augen waren fast ganz zu. Den Augenblick, da seine Seele sich sanft vom Leibe löste, bemerkte man nicht, es war alles zu ruhig dazu. Es war zehn oder zwölf Minu­ ten vor elf Uhr vormittags. Todesschweiß oder eine unruhige Bewegung waren nicht im Geringsten vorhanden. Nachdem die V or­ hänge des Zimmers zugezogen waren, wurde es so heimlich wie an einem O rt, wo jemand nach einer anstrengenden Reise schläft und man also leiser spricht als gewöhnlich. So hatte er also das Vorrecht, wie er im Leben ständig Freude bereitete, auch nach seinem Tode keine Schrecken einzuflößen.“ ') Laßberg denkt an seine erste Frau, Freiin Maria Anna Ebinger von Burg, die 1814 gestorben war. Im Jahre 18 34 vermählte er sich in zweiter Ehe mit Maria Anne (Jenny) von Droste-Hülshoff. der Schwester der Dichterin Annette von DrosteHülshoff. 2) Der Brief ist in „Justinus Kerners Briefwech­ sel mit seinen Freunden“ (1897) falsch datiert; es muß 1 8 5 0 und nicht 1851 heißen. 3) Theobald Kerners erste Frau Maria von Hügel. 4) Im „Briefwechsel zwischen Justinus Kerner und Ottilie Wildermuth“ (Heilbronn 1927), auf den ich mich hier beziehe, steht statt „Suckow“ irrtümlich „Sydow". 5) ln einem seiner Briefe (23. Dezember 1850) hatte Laßberg Justinus Kerner mitgeteilt, daß auch sein Vater in dieser Haltung („Das Haupt in die linke Hand geschmiegt“) entschlafen war.

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Abb. 1. Das alte Hotel de Soissons in P aris

nach einem alten Stich

Des Türkenlouis Geburtsstätte, das Hotel de Soissons in Paris Zum 300. Geburtstag des Markgrafen Ludwig Wilhelm von Baden Von E r n s t P e t r a s c h , Karlsruhe

„In disem Pariser Hof muß man sich son­ derlich befleissen wohl bey den damen daran zu sein, aber fliehen wie die pest eine daraus zu heiraten, dann du sonsten dein lebtag kein ruhe haben und dein haus gäntzlich minieren würdest. Glaub mir dies mein liebes Kindt und lasse dir dein eigene mutter eine witzigung sein, die man für den besten humor under allen bey ganzem hoff gehalten und dann noch von ihrer mutter und leihten also wunderlich verfiren und abwendig machen lassen". Die ganze Bitternis seiner eigenen Ehetragödie spiegelt sich in dieser väterlichen Mahnung, mit welcher Markgraf Ferdinand Maximilian von Baden-Baden seinen Sohn Ludwig W il­ helm vor einem gleichen Schicksal zu bewah­ ren suchte1). Entsprang doch der nachmals als

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Türkenlouis in die Geschichte eingegangene badische Prinz einer überaus unglücklichen Ehe, die einst am glanzvollen Hofe Lud­ wigs X IV . geschlossen worden war2). Im Jahre 1652 war Ferdinand Maximilian selbst nach Paris gereist, um seine hernach von Erfolg begleitete Werbung um Maria Luisa Christina (Abb. 2), die 26jährige Toch­ ter des Prinzen Thomas von Savoyen-Carignan, persönlich zu betreiben. Nebenbei be­ merkt, ist dieser Savoyerfürst der Stammvater des italienischen Königshauses, das 1831 auf den sardinischen Thron gelangte. Durch ihre Mutter, Tochter des Grafen Charles von Soissons, eines Zweiges der berühmten Conde, gehörte die erwählte Braut einer Familie an, deren eigentliches Oberhaupt letzten Endes

der König von Frankreich war. So stiftete denn auch kein Geringerer als der Sonnen­ könig selbst den Grundstock zur Mitgift seiner Cousine. Dazu gesellten sich noch die 600 000 Livres des Brautvaters, ungeachtet des Schmuckes und der übrigen Ausstattung im Werte von weiteren 150 000 Livres. Mark­ graf Wilhelm von Baden verpflichtete sich, zur Gewährleistung der Mitgift eine Hypo­ thek auf die Herrschaften Mahlberg und Eber­ stein zu nehmen und seiner Schwiegertochter Schloß Mahlberg als Witwensitz zu überlassen. Mit anderen Geschenken aus Baden könnte damals vielleicht auch jenes prächtige Gebet­ buch des Markgrafen Wilhelm an die Aus­ erwählte seines Sohnes gekommen sein, das heute in der Pariser Nationalbibliothek auf­ bewahrt wird3). Neben dem Bildnis des Auf­ traggebers enthält die 1647 von dem bekann­ ten Straßburger Miniaturisten und Kalli­ graphen Friedrich Brentel für Markgraf W il­ helm ausgeführte Handschrift eine ganze Reihe reizvollster Miniaturen. Auf einer dieser Dar­ stellungen mit der Flucht nach Ägypten findet sich im Hintergrund eine ungemein fein­ gemalte Ansicht von Stadt und Schloß BadenBaden. Ehen zwischen Zähringern und französischen Adelsfamilien waren schon in vorangegange­ nen Zeiten verschiedentlich geschlossen wor­ den. Diesmal aber scheint der Gedanke an eine französische Rückversicherung sicherlich keine unwesentliche Rolle gespielt zu haben. Denn obgleich durchaus kaiserlich gesinnt, hatte sich Markgraf Wilhelm schon während des Dreißigjährigen Krieges einmal in der Lage gesehen, sein gefährdetes Land an der äußersten Südwestgrenze des Reiches unter den Schutz Mazarins zu stellen. Freilich konnte er damals, als sein Sohn eine Prinzessin aus königlicher

Verwandtschaft

heiratete,

noch

nicht ahnen, daß Ludwig X IV . späterhin die Rivalität zwischen den Häusern Bourbon und Habsburg zum obersten Prinzip seiner Politik erheben sollte. Nur der unvorhergesehene Verlauf der damals eingegangenen Verbin­

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Badische Heimat 1955

dung hat die Markgrafschaft vor konflikt­ reichen Folgen bewahrt, in welche das Land gerade durch diese Ehe sonst unweigerlich hineingezogen worden wäre. Es war nicht zu­ letzt der unglückselige Ausgang jener Ehe­ schließung, der das badische Fürstenhaus dann endgültig und unzweideutig ins kaiserliche Lager führte. Erst am 17. Februar 1654, nach langwie­ rigen Verhandlungen des badischen Vizekanz­ lers Krebs von Bach, wurde die Trauung in der Hauskapelle des Hotel de Soissons zu Paris von einem Erzbischof per procura vollzogen. Den abwesenden Bräutigam vertrat ein Bruder der Braut — ein gerne geübter Brauch bei fürstlichen Familien jener Zeit. Mit der soge­ nannten Prokuratsheirat sollte nämlich zum Ausdruck gebracht werden, daß der Souverän sein Land nicht verläßt, sondern die ihm am Hofe der Brauteltern in Stellvertretung Ange­ traute am eigenen Herrschersitz erwartet. Aber merkwürdig genug. Längst waren die festlichen Hochzeitsfeierlichkeiten verrauscht, zu welchen sich der König selbst und der ganze Hof eingefunden hatten. Luise Christine je ­ doch machte keinerlei Anstalten zur Abreise. So mußte sich Ferdinand Maximilian abermals nach Paris auf den Weg machen, um seine junge Frau nach einem bereits vor vier Mona­ ten gegründeten, aber immer noch getrennten Ehestand endlich heimzuführen. Die Flitter­ wochen wollte er auf Schloß Mahlberg ver­ bringen, dann seinen jungen Hausstand im Neuen Schloß zu Baden-Baden einrichten und seinem Vater in den Regierungsgeschäften helfen. Sogar die Reisekutsche für die gemein­ same Heimfahrt war bereits bestellt — sie scheint übrigens ein halbes Vermögen gekostet zu haben. Der junge Ehemann hatte allerdings nicht mit seiner ränkesüchtigen Schwiegermutter ge­ rechnet, einem wahren Musterbeispiel ihrer Gattung. Sie allein bestimmte das weitere Schicksal seiner tragikomischen Ehe. Nichtige Gründe dienten Maria von Bourbon zum V or­ wand, die Abreise ihrer Tochter immer wieder

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hinauszuzögern. Und Luisa selbst scheint an ihrem Gemahl wenig Gefallen gefunden zu haben, der mit seinen breiten Gesichtszügen und seiner massigen Körperlichkeit wohl nur schlechte Figur unter den Kavalieren von Paris gemacht haben wird. Wir kennen jene auf­ schlußreiche Bemerkung in den Tagebüchern des Abtes von St. Georgen im Schwarzwald, die in lakonischer Kürze besagt, daß die un­ förmige Gestalt des Markgrafen die Franzosen zum Spott gereizt und das Unglück der Ehe verschuldet hat. Der große weltstädtische Lebensstil und das elegante Treiben der Seinestadt werden für die junge Prinzessin zudem verlockender ge­ wesen sein, als ein ständiger Aufenthalt in dem vom jahrelangen Krieg verwüsteten „nebligen und kalten Germanien“, der ihr wie eine lebenslängliche Verbannung er­ scheinen mochte. Kurz und gut, auch Luisa Christina weigerte sich schließlich, den müt­ terlichen Palast, einen der prächtigsten Höfe des damaligen Pariser Gesellschaftslebens, mit dem unbekannten Schloß im badischen Ländchen zu vertauschen. Ferdinand Maximilian, nach wie vor in unbeirrter Liebe seiner Gemahlin zugetan, sah also keinen anderen Ausweg, als bei ihr im Hotel de Soissons zu bleiben, ohne freilich die Hoffnung auf eine gemeinsame Heimkehr auf­ zugeben. Alsbald sollte mit der bevorstehen­ den Niederkunft Luisa Christinas jedoch ein Umstand eintreten, der den heiß ersehnten Tag der Abreise in noch weitere Ferne rückte. Daß sein Kind in Paris, anstatt auf dem Stammsitz seiner Ahnen zur W elt kommen sollte, wird dem badischen Markgrafen zu aller Kümmernis das hartgeprüfte Herz nur noch schwerer gemacht haben. Am 8. April 1655, vor jetzt genau drei­ hundert Jahren, wurde ihm der erste und letzte Nachkomme aus dieser recht merk­ würdigen Ehe geboren. Es war ein Sohn und sollte Ludwig Wilhelm heißen: Louis nach seinem Taufpaten, dem König von Frank­ reich; den zweiten Namen übernahm er vom

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Großvater, dem Markgrafen Wilhelm. Die in damaligen Fürstenhäusern übliche Nottaufe, die eigentliche fand erst 1656 in Baden-Baden statt, empfing Ludwig Wilhelm in der Kapelle desHötel deSoissons. Der glückliche Vater ließ auf das freudige Ereignis von dem bekannten Medailleur und Kupferstecher Georg Pfründt eine ovale Silbermedaille modellieren, von der sich ein Exemplar im Münzkabinett des Badi­ schen Landesmuseums befindet (Abb. 3) . Der Entwurf geht auf eine eigenhändige Zeich­ nung Ferdinand Maximilians zurück, die sich in seinem „Devisenbuch“ im Generallandes­ archiv Karlsruhe erhalten hat. Auf ihrer V or­ derseite zeigt die Schaumünze das Portrait des damals dreißigjährigen Markgrafen im Profil mit Perücke und gepanzertem Brust­ schild. In dem „TANDEM“ (Endlich) aber der mit Lorbeer- und Palmzweigen gezierten Rück­ seite, das den großen Initial L ( = Ludwig) begleitet, mochte nicht nur die väterliche Freude über die Ankunft des Stammhalters zum Ausdruck kommen, sondern vielleicht auch die Zuversicht mit anklingen, jetzt end­ lich auch das letzte Hindernis einer baldigen Rückkehr nach Baden mit Frau und Kind beseitigt zu wissen. Obgleich Luise Christine vom Wochenbett längst wieder genesen war, zeigte sie sich den beharrlichen Reiseplänen ihres Gemahls nach wie vor unzugänglich. Für Ferdinand Maxi­ milian wurde der Aufenthalt in Paris nun immer unleidlicher, so daß er schließlich dem Hotel de Soissons und der Stadt den Rücken kehrte. Aus diesen Tagen hat sich uns ein Bericht erhalten, der ein erschütterndes Schlag­ licht auf seine damalige verzweifelte Lage wirft: „Der arme Prinz von Baden tut aller Welt leid. Madame, seine Frau, kennt nun die Absichten Madames, ihrer Mutter, und will auf keinen Fall nach Deutschland gehen, sogar ihren Gatten nicht sehn. Er hat sich nach Vannes zurückgezogen mit dem Kind und will nicht abreisen, bevor er seine für die M itgift gemachten Schulden bezahlt hat, die sich auf gut und gern 100 000 Taler belaufen.

Abb. 2. M aria L u isa Christina von Savoyen-Carignan, Mutter des Türkenlouis

Er hoffte, es mit der M itgift seiner Frau tun zu können, konnte aber nichts bekommen und hat Geld aus Deutschland verlangt. Wer ihn kennt, achtet seinen Verstand, seine Höflichkeit und seine Rechtschaffenheit." Als dann die Nachricht von der Erkrankung seines Schwiegervaters die Prinzessin von Carignan mit ihrer Tochter an den Hof nach Turin rief und im Hotel de Soissons niemand mehr zurückblieb, an den der unglückliche Ehemann seine freilich auch schon vorher unbeantwortet gebliebenen Bittbriefe hätte richten können, da entschloß sich Ferdinand Maximilian im Herbst 165 5 zur Abreise. Nur

2

*

sein kleines Söhnchen folgte dem bitter Ent­ täuschten nach Baden. Eine alte Überlieferung, von der uns schon Fürst de Ligne, der erste Biograph des Türkenlouis, Kunde gibt, will allerdings von einer „Entführung“ des Knaben wissen4). Angeblich soll dabei der savoyische Edelmann Lassolaye behilflich gewesen sein, „der unter dem Vorwand, seinen Bruder, den Kammerjunker der Markgräfin, zu besu­ chen, den lächerlichen Auftrag vollzog, und den Prinzen entführte“. Diese Legende er­ scheint wenig glaubwürdig, läßt sich doch allein schon dem vorhin zitierten Bericht ent­ nehmen, daß Ferdinand Maximilian sein Kind

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Abb. 3. Ferdinand M axim ilians Gedenkmünze zur T aufe seines Stammhalters

bereits in Varenne bei sich hatte. Lassolaye jedenfalls begegnen wir wenig später als Kammerherr in markgräflichen Diensten auf Schloß Baden-Baden, wo er sich vornehmlich der Gartenkunst widmete. Noch im gleichen Jahre 165 5 soll er die Anlage der Lichtentaler Allee begonnen haben, als deren eigent­ licher Schöpfer Lassolaye gilt. Alle weiteren Versuche Ferdinand Maximi­ lians, in die sich mehrere Höfe und sogar Papst Alexander VII. vergeblich einschalteten,

an der Seite ihrer Mutter im Hotel de Soissons. Zuletzt war Luisa Christina bei Ludwig XIV. noch in Ungnade gefallen, der sie sogar aus Paris verbannen wollte. Auf diese Weise war Ludwig Wilhelm zu einer mutterlosen Kindheit verurteilt. Zu allem Unglück sollte er in frühester Jugend auch noch den Vater verlieren. Im Spätherbst 1669 besuchte Markgraf Wilhelm in Beglei­

seine störrische Gattin doch noch zur Über­ siedlung nach Baden zu bewegen, blieben ohne Erfolg. Die Eheleute haben einander nie mehr gesehen. Bis zu seinem frühen Tode, vierzehn Jahre lang, lebte der Vater des

tung seiner beiden Söhne Leopold Wilhelm und Ferdinand Maximilian und seines Enkels den Kurfürsten Karl Ludwig auf Schloß Hei­ delberg, den Vater der berühmten Liselotte von der Pfalz, die zwei Jahre hernach als Herzogin von Orleans und Schwägerin des Königs am Versailler Hof ihren Einzug hielt.

Türkenlouis gleichsam wie ein Witwer und seine Frau wie eine Witwe. Noch Jahre spä­

Auf der gemeinsamen Fahrt zur Jagd ging damals in der Enge des Wagens plötzlich

ter war Markgraf Ferdinand Maximilian trotz aller kränkenden Erfahrungen bereit, seine Gemahlin bei sich aufzunehmen. Sie aber blieb bis an ihr einsames Lebensende unnachgiebig

Maximilian die Hand. Nach wenigen Tagen stellte sich Wundbrand ein, und am 4. No­

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eine Flinte los und zerschmetterte Ferdinand

vember 1669 erlag der Vater des Türkenlouis

im Alter von vierundvierzig Jahren seinen Verletzungen. Auf ähnlich tragische Weise, durch unvorsichtige Handhabung der Schuß­ waffe bei der Jagd, war bereits zwei Jahr­ zehnte zuvor Ferdinand Maximilians jüngerer Bruder Wilhelm Christoph ums Leben gekom­ men. Aus dem Todesjahr des Vaters hat sich in der Karlsruher Kunsthalle eine farbige Pastellzeichnung mit dem Brustbild Ludwig Wilhelms von der Hand des jüngeren M at­ thäus Merian erhalten. Mit schmalem Gesicht, das Perücke, weißes Spitzenhalstuch und rote Schleife aufs reizvollste umrahmen, um die schmächtige Schulter und Brust den Harnisch, so blickt uns der kaum vierzehnjährige Knabe aus dem Oval des Blattes entgegen (Abb. 4). Abgesehen von einer Bildnismedaille, ist es das früheste Porträt, das wir vom Türken­ louis kennen. 1689, genau zwei Dezennien später, als Oberbefehlshaber des kaiserlichen Heeres gegen die Türken auf der Höhe seines Feld­ herrnruhmes, erreichte Ludwig Wilhelm die Nachricht vom Tode seiner Mutter. Sie wird ihn nicht sonderlich berührt haben. Nach glän­ zenden Siegen war es dem Türkenlouis da­ mals gelungen, fast ganz Ungarn mit Sieben­ bürgen und weite Landstriche von Serbien und dem heutigen Rumänien dem Kaiser zurückzugewinnen, indessen daheim zur glei­ chen Zeit das Stammschloß und alle Städtchen seiner Markgrafschaft in den Flammen des pfälzischen Erbfolgekrieges aufgingen. Noch heute hält die weit über die engeren Landes­ grenzen

hinaus

berühmte

„Türkenbeute"

der Türkenlouis auch die eigene Mutter sein ganzes Leben lang nie mehr zu Gesicht be­ kommen und niemals wieder seit seiner „Ent­ führung“ aus Paris sein Geburtshaus, das Hotel de Soissons, betreten. Über die denkwürdige Geschichte und be­ deutendsten Bewohner dieses prachtvollen Spätrenaissancebaus sei noch kurz berichtet. Einst vorübergehend sogar königliche Resi­ denz, ist der Palast heute längst verschwun­ den. Schon zu Ende des 12. Jahrhunderts erhob sich an gleicher Stelle ein adeliger Wohnsitz, das Hotel de Nesles. 1572, im Jahr der bekannten Bartholomäusnacht, mußte das mittelalterliche Bauwerk einem Neubau Platz machen, eben jenem Hotel Soissons, das sich Katharina von Medici, die Witwe König Heinrichs II., von ihrem Architekten Jean Bullant errichten ließ. Die Urheberin jener berüchtigten „Pariser Bluthochzeit“ gab damals einem Aberglauben nach, befahl die Einstellung aller weiteren Arbeiten an dem acht Jahre zuvor von Delorme nach groß­ artigen Plänen begonnenen Tuilerienschloß und zog 1575 in den wesentlich bescheideneren Bau Bullants. 1606 kam das Palais in den Besitz Charles von Bourbon, des Grafen von Soissons, des Großvaters Luisa Christinas, nach dem es fortan seinen Namen führte. Ein halbes Jahrhundert später, als Markgraf Ferdinand Maximilian im Hotel de Soissons logierte, war es nicht nur der größte Adels­ sitz der Stadt, sondern der gesellschaftliche Mittelpunkt von ganz Paris. Inmitten herr­ licher Gärten gelegen, von unzähligen Spring­ brunnen und Statuen umsäumt, war dieser Palast aufs üppigste ausgestattet, an dessen Pracht, wie der Herzog von Saint-Simon in

Ludwig Wilhelms im Badischen Landesmuseum die Erinnerung an seine glorreiche Beteiligung an dem welthistorischen Abwehrkampf des christlichen Abendlandes gegen den Halbmond wach5).

ging fast kein Tag, an dem nicht der König

Am Hofe Ludwigs X IV . geboren, sollte Ludwig Wilhelm später einer der erbittertsten

selbst Gast des Hauses war. Wohnte doch hier Olympia Mancini, eine Nichte des allgewal­

Feinde des Sonnenkönigs werden. Wie seinen Taufpaten und großen Gegenspieler, so hat

tigen Kardinals Mazarin, die das Herz des

seinen Memoiren erzählt, nichts in der Welt heranreichte. Fest folgte auf Fest, und es ver­

jungen Königs entflammt hatte und die Lud-

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Abb. 4. Ludwig Wilhelm im 15. Lebensjahre

wig XIV. zur Surintendante des königlichen Hauses und damit zur ersten Dame des Hofes ernannte. Daß die schöne und kluge Italie­ nerin auch noch die Geliebte des Königs blieb, als dieser aus gewichtigen politischen Gründen Maria Theresia von Spanien zur

Pastell von Matthäus Merian

Frau genommen hatte, war ein offenes G e­ heimnis. Und Olympia, die als Gemahlin des Prinzen Eugen Moritz von SavoyenCarignan, dem Bruder der Gattin Ferdinand Maximilians, ins Hotel de Soissons eingezogen war, sah ihrerseits in den eigenen ehelichen

Banden ebensowenig ein Hindernis des amourösen Verhältnisses. So hat es ein seltsames Schicksal gefügt, daß am 18. Oktober 1663, acht Jahre nach­ dem Ludwig Wilhelm im Hotel de Soissons zur Welt gekommen war, an derselben Stätte auch sein Cousin, der nachmals berühmte Reichsfeldmarschall Prinz Eugen, als fünfter Sohn Olympias geboren wurde. Zwanzig Jahre später, in den weltgeschichtlichen Stunden der Türkenbefreiung Wiens von 1683, sollte der kurz zuvor aus Paris geflüchtete tatenlustige Savoyer in dem älteren badischen V etter sei­ nen ersten militärischen Lehrmeister und lebenslangen Waffengefährten finden. Über die bauliche Gestalt des Hotel de Soissons zur Zeit, als unter seinem Dach die beiden großen Türkensieger das Licht der Welt erblickten, geben heute nur noch einige zeitgenössische Stiche Auskunft. Eine dieser graphischen Darstellungen, die jetzt das Musee Carnavalet in Paris verwahrt, sei hier im Abbild wiedergegeben (Abb. 1). Das ver­ mutlich von Israel Silvestre gestochene Blatt zeigt die Fassade der zweigeschossigen Palast­ anlage, deren Gesamterscheinung durch ein­ zelne, voneinander abgesetzte Pavillons auf­ gelockert wird — ein für die französische Archi­ tektur überhaupt charakteristischer Wesens­ zug. Im Zentrum präsentiert sich das tief eingezogene dreiteilige Corps de logis, flankiert von schmalen Seitenflügeln, an die beiderseits im rechten Winkel unterschiedlich gestaltete Querbauten anschließen. Der linke ist etwas höher und weist über einem Arkadengeschoß große rechteckige Fenster auf; am rechten dagegen erscheinen beide Stockwerke durch plastische, die einzelnen Fensterbahnen zu­ sammenfassende Rahmenauflagen stärker m it­ einander verbunden. Zwischen den beiden Geschossen verläuft über die gesamte Fassade ein doppelter Gurtsims, der die einzelnen Bau­ teile zu einer Einheit verschmilzt. Diesen durchgehenden horizontalen Duktus unter­ bricht nur der M ittelrisalit des Hauptgebäu­ des, dessen Wandgliederung auch sonst auf­

fallende Abweichungen erkennen läßt, die seine beherrschende Stellung noch unter­ streichen. Zu beiden Seiten des überaus brei­ ten, bis zum Kranzgesims hinaufreichenden Rundbogenfensters, stoßen zwei ädikulenartige Anbauten weit aus der Front in den Vorhof hinein, deren kartuschengeschmückte Dreiecksgiebel auf antikisierenden Eckpfeilern ruhen. Ebenso in die Augen springend ist die eigenwillige Dachbekrönung, deren strenge Dreiteilung die Fassadengliederung übernimmt und zugleich betont. M it ihren steilen Ab­ walmungen und gebrochenen Flächen, den reichverzierten Gauben und überhöhten Schornsteinen, verleiht sie dem ganzen Bau eine malerische Silhouettenwirkung von selt­ sam bizarrem Reiz. Derartige steilaufragende Dächer mit vielfach unterteiltem First sind für den französischen Schloßbau schon von der Gotik her bezeichnend. Eine niedrige Mauer mit Blendarkaden und reichverzierter Rollwerk-Balustrade auf kräf­ tigem Konsolgesims verbindet die beiden Flügelbauten und schließt die Cour d’honneur nach vorne ab. Nur in der Hauptachse gibt sie den Blick auf mehrere weitgeöffnete Tore frei. Im Ganzen betrachtet, entspricht unser Palais jenem Bautypus des städtischen Feudal­ sitzes, den man im Gegensatz zum herrschaft­ lichen Landschloß in Frankreich seit dem M ittelalter Hotel zu nennen pflegte. Zuletzt sei noch mit ein paar Worten jener reichkannelierten Säule gedacht, die Katharina von Medici gleichzeitig mit dem Palast errichten ließ. M it ihren dreißig Metern ragt sie auch auf unserer Ansicht hinter den Dächern gewaltig in die Höhe. Der Legende zufolge soll sie einst dem Astrologen der Königin, Ruggieri, als Sternwarte gedient haben. Über quadratischer Plattform von einem kleinen Rundtempel mit Kuppel und zierlicher Laterne bekrönt, erinnert sie in ihrer Erscheinung an spätrömische Triumph­ säulen. Wie die beiden Ädikulen am M ittel-

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von Lctdc-U

Schabkunstblatt von Elias Christoph Heiß, Bad. Landesmuseum K.5he.

Pavillon beweist auch diese dorische Säule die italienische Schulung ihres Erbauers. Gehört doch Jean Bullant zu jener bekannten Gruppe französischer Baukünstler des 16. Jahrhun­ derts, die auf dem Weg über die italienische Renaissance auf die Antike zurückgriffen. Angeregt durch die theoretischen Werke der Italiener, haben sie neben ihrer vielseitigen Bautätigkeit auch in zahllosen einflußreichen Architekturbüchern ihre eigenen Kunstbestrebungen schriftlich niedergelegt. Zum gleichen Schicksal verurteilt wie die meisten, an historischen Erinnerungen so über­ aus reichen Adelspaläste dieser Stadt, war eines schönenTages auch das Hotel deSoissons aus der Mode gekommen. Die vornehme Welt von Paris traf sich jetzt in anderen Salons. Wie schon des öfteren zuvor und auch in folgenden Zeiten immer wieder, wechselte der gesellschaftliche Schwerpunkt, einer plötzlichen Modelaune gehorchend, über Nacht in ein neues Stadtviertel hinüber. So war es seit dem Ende des 17. Jahrhunderts immer stiller um unser Palais geworden. Nach und nach scheint es von seinen Besitzern dann überhaupt dem Verfall preisgegeben worden zu sein. Schließlich erwarb die Stadt Paris das Gebäude, ließ seine alten Mauern niederreißen und errichtete 1762 an gleicher Stelle eine Getreidehalle. Der nach Plänen von Camus de Mezieres über kreisrundem Grundriß auf­ geführte schlichte Zweckbau entbehrte jedes besonderen architektonischen Reizes. Ledig­ lich

das

hölzerne

Gebälk

der

1802

ab­

gebrannten Kuppel galt seinerzeit als ein vielbewundertes Meisterwerk. In den Jahren 1888/89

wurde

die

alte

„Halle

au Ble“

unter Beibehaltung ihrer großen Rotunde von Blondel zur jetzigen Handelsbörse an der rue Viarmes umgebaut. Nur die mächtige „astronomische“ Säule aus der Zeit Katha­ rinas von Medici, an deren Basis man später eine Brunnenanlage installierte, hat alle Zerstörungen und baulichen Veränderungen überdauert. Als einziger Rest des ehemaligen

Hotel de Soissons erinnert sie noch in unseren Tagen den Eingeweihten an eine für die Geschichte Badens recht denkwürdige Stätte. Anmerkungen *) Vorstehend abgedruckte Stelle ist einer der beiden Erziehungsinstruktionen entnommen, die sich im Badischen Generallandesarchiv Karlsruhe befinden. — Vgl. Albert Krieger: Zwei Instruk­ tionen des Markgrafen Ferdinand Maximilian von Baden-Baden für die Erziehung seines Sohnes Lud­ wig Wilhelm, Zeitschr. f. d. Gesch. d. Oberrheins. NF. IV (43), 1889, p. 76 ff. 2) Ihre Geschichte ist ausführlich geschildert bei Gaudenzio Claretta: Relazioni politiche e dinastiche dei Principi di Savoia coi Margravi di Baden. Torino 1887. — Vgl. auch die einschlägigen Abschnitte bei Otto Flake: Türkenlouis — Ge­ mälde einer Zeit, Berlin 19 37. 3) „Officium Beatae Mariae Virginis“, Manuscriptum latinum 10567 K 8, Paris Bibliotheque Nationale. 4) Prinz de Ligne: Feldzüge des Prinzen Ludwig von Baden in Ungarn und am Rhein, Dresden 1799. “) Vgl. Ernst Petrasch: Die Geschichte der tür­ kischen Trophäensammlung des Markgrafen Lud­ wig Wilhelm von Baden, Zeitschr. f. d. Gesch. d. Oberrheins, Bd. 100, 1952, p. 566 ff.

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Johan n Ja k o b Arhardt, Selbstbildnis

Johann Jakob Arhardt Zum 280. Todestag des Künstlers und Technikers Von E n g e l b e r t S t r o b e l , Karlsruhe

Am 18. November letzten Jahres waren es 280 Jahre, daß der Durlacher und Straßburger Baumeister, Zeichner und Techniker Johann Jakob A r h a r d t die Augen für immer schloß. Obwohl im 17. und 18. Jahrhundert die künstlerische Hinterlassenschaft des Mei­ sters allseits begehrt war, sind uns heute von seinen umfangreichen Arbeiten nur noch zwei Handschriften erhalten, die 1769 der Frankfurter Patrizier Johann Friedrich von

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Uffenbach der Universitätsbibliothek Göttin­ gen vermachte. Im Jahre 1914 konnte der damalige städtische Archivar von Karlsruhe, Dr. Erwin Vischer, im Auktionskatalog einer Kunsthandlung zwei Architekturzeichnungen Arhardts vom Jahre 1652 entdecken. Hans Rott, dem 1942 verstorbenen Direktor der Bad. Landessammlungen, gelang es, mit Hilfe von alten, aus der Zeit vor 1689 stammenden Grundrissen der Plansammlung des Badischen

Generallandesarchivs diese Zeichnungen als Abbildungen der ehemaligen Karlsburg in Durlach zu bestimmen. In seinem bekannten Werke „Kunst und Künstler am BadenDurlacher Hof bis zur Gründung Karlsruhes“ hat R ott eine Reihe von Zeichnungen und das aus dem Jahre 1648 stammende Selbst­ bildnis Johann Jakob Arhardts wiedergegeben (s. Abbildung). Da sich bei Johann Jakob Arhardt schon frühzeitig technische Begabung zeigte, wurde er vor allem in der Mathematik unterrichtet. Daneben ging der Junge, der im August 1613 in Durlach geboren wurde, bei damals in Straßburg wirkenden Baumeistern in die Lehre, wo er dank seines Talentes bald große Fortschritte machte. Zwischen 1640 und 1643 zeichnete er für den bekannten Verleger Matthäus Merian eine ganze Reihe von Städtebildern, die dann, in Kupfer gestochen, 1643 und 1644 in dessen berühmt geworde­ nen Werken „Topographia Sueviae“ (O rts­ beschreibung Schwabens) und „Topoeraphia Alsatiae“ (Ortsbeschreibung des Elsaß) ver­ öffentlicht wurden. Unter diesen Städtebildern stammen sehr wahrscheinlich auch die Ab­ bildungen von Durlach und Pforzheim von der Hand unseres Künstlers. Zwei Jahre später war der junge Arhardt mit der Ordnung der Pläne seines früheren Lehrers, des Baumeisters Anton Paul Mörschhäuser, beschäftigt, wobei er auch der Stadt Straßburg seine Dienste anbot. Damals entstanden von ihm u. a. meh­ rere beachtenswerte Zeichnungen des Straß­ burger Münsters. Da er aber allem Anschein nach in Straßburg keine befriedigende Be­ schäftigung fand, begab er sich 1647 nach Basel, wo zu jener Zeit infolge der Kriegs­ ereignisse noch Markgraf Friedrich V. von Baden-Durlach (1622—1659) weilte, und trat

sich bei der Neuanlage der badischen Rhein­ feste Stollhofen und der Anfertigung eines Befestigungsplanes für die Stadt Straßburg. Seine Durlacher Zeit benutzte der vielseitige Mann dazu, auch Fernrohre anzufertigen, nachdem Freunde ihm ein entsprechendes Fachbuch zum Studium übersetzt hatten und er auch mit dem Ingenieur und Baumeister Johann Sebastian Mantz aus Weil der Stadt deshalb in regem Meinungsaustausch stand. M it selbstgebauten optischen Instrumenten unternahm er beispielsweise 1652 am Zavelstein bei Teinach Höhenmessungen. Nach dem Tode des Markgrafen Friedrich V. im Jahre 1659 siedelte Arhardt wieder nach Straßburg über, wo er eine Stelle als Bau­ schreiber bekam und 1662 zum Stadtbaumei­ ster befördert wurde. Ein Teil der Skizzen, Grundrisse und Tuschzeichnungen, die Arhardt vor allem vom Straßburger Münster anfertigte, gingen an den markgräflichen Hof nach Dur­ lach. Selbst auf archäologischem Gebiet betätigte sich der Unermüdliche, indem er einen 1661 ausgegrabenen Schädel eines Römers mehrfach genauestens abzeichnete und ein im folgenden Jahr entdecktes römisches Skelett nach seiner Zeichnung in verschiedenen zeitgenössischen Werken abgebildet wurde. Im Jahre 1665 entwarf er das große Titelblatt einer mit kurpfälzischer Genehmigung in Basel gedruckten Lutherbibel. Daneben bewerkstelligte er unter Wahrnehmung seiner eigentlichen beruflichen Aufgabe den Ausbau verschiedener Straß­ burger Befestigungsanlagen. Da Arhardt einerseits mit der Bezahlung durch den Magistrat der Stadt Straßburg un­ zufrieden war und auf der anderen Seite als Junggeselle das zum Leben Notwendige besaß, kündigte er 1664 den städtischen Dienst

in dessen Dienste ein. Als Hofarchitekt und Festungsbaumeister

und kaufte sich als Pfründner in das Bürger­ spital ein. Wie das Kirchenbuch des Straß­

war Arhardt dem durlachischen Landesfürsten beim Wiederaufbau der im Dreißigjährigen Krieg zerstörten herrschaftlichen Bauten be­

burger

Geburtsdatum errechnet werden mußte — meldet, ist er dort am 18. November 1674

hilflich. Als Festungsbaumeister betätigte er

im 61. Lebensjahr gestorben.

Münsters

— nach dem

auch

sein

27

Heinrich Sander als Naturforscher und Naturlehrer Zu seinem zweihundertsten Geburtstag Von G u s t a v A l b i e z , Frei bürg i.ßr.

Heinrich Sander wurde zu Köndringen in der Markgrafschaft Hochberg am 25. Novem­ ber 1754 geboren. Sein Vater war der Kir­ chenrat und Pfarrer von Köndringen, Nicolaus Christian Sander. Seine Mutter, eine gebo­ rene du Bose, war die Tochter eines aus Südfrankreich stammenden Emigranten, der später unter dem Schwäbischen Kreisregiment Baden-Durlach als Oberstleutnant diente. Der Urgroßvater Christian Sander kam aus dem Lauenburgischen und stand als Regi­ mentschirurg beim Regiment Baden-Baden in kaiserlichen Diensten in der Garnison Frei­ burg. Er ließ sich später in der Markgrafschaft Hochberg nieder. Einer seiner Söhne, Johann Friedrich Sander, Landchirurg und Geburts­ helfer in der Markgrafschaft Hochberg, war der Großvater von Heinrich Sander. Aus sol­ cher Ahnenreihe von Medizinern und Theo­ logen erwuchs das Schaffen eines Vermittlers zwischen zwei oft weit auseinanderstreben­ den Geistesrichtungen.

Gymnasium zu Karlsruhe angestellt. Hier genoß er das besondere Vertrauen des Herr­ scherhauses. Sein Wunsch, auf dem stillen Lande durch Religionsunterricht und land­ wirtschaftliche Unterredungen zu wirken, blieb ihm allerdings versagt. Seine Obrigkeit hielt ihn eingespannt in die „saure, bittere und undankbare Mühe des Schulstandes". 1777 unternahm er eine Reise nach Frank­ reich und Holland. Aber schon in Straßburg mußte er seine Studienfahrt wegen einer schmerzhaften Krankheit längere Zeit unter­ brechen. Nach der Genesung reiste er weiter nach Paris, wo er viel Nahrung für seine Wißbegierde fand und viele Bekanntschaften mit führenden Naturforschern anknüpfte. Von der Sorbonne bis zum Zuchthaus besuchte er alles, was einem aufmerksamen Reisenden wichtig erschien. Seine Berichte sind jeder Vergötterung abhold und üben oft scharfe Kritik. Über Flandern und Holland führte der Weg nach Hause.

In seiner frühen Jugend verbrachte Hein­ rich Sander ein Jahr mit seinen drei Brüdern auf dem damaligen Pädagogium und der Real­ schule in Lörrach. Bis zu seinem 14. Lebens­ jahr wurde er dann daheim von Hauslehrern nach Vorschrift des Vaters unterrichtet. Von 1769 ab besuchte er drei Jahre das Gym­ nasium illustre in Karlsruhe. Zum Prediger bestimmt, zog er zuerst auf die LIniversität Tübingen. Von hier ging er an die LIniversität

Von 1779 ab hielt er Vorträge über Tech­ nologie, die nicht nur von seinen Gym­ nasiasten, sondern auch von weiten Kreisen der Bevölkerung besucht wurden. 1780 fin­ den wir ihn auf einer Reise nach D resdenBerlin—Hamburg. Bei dieser Gelegenheit be­ suchte er auch Goethe in Weimar. Das Jahr 1781 bescherte ihm drei Reisen: zuerst eine

Göttingen, wo er Theologie und Ökonomie hörte. Der Beschäftigung mit den Natur­ wissenschaften galt seine besondere Liebe. Reisen nach Niedersachsen und an die Ostsee vertieften seine Studien. 1775 wurde er nach verschiedenen rühm­ lich überstandenen Prüfungen sogleich als Professor der Naturgeschichte am illustren

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14tägige Fahrt an den Bodensee, den Rhein­ fall von Schaffhausen und den Hochrhein; dann eine nach Speier; und die dritte führte ihn über Offenburg und Gengenbach nach Waldkirch, wo ihn besonders die 28 Granat­ schleifen interessierten und weiter nach St. Blasien und Säckingen. Von April bis Juni 1782 besuchte er Tirol, Wien, Ungarn und Venedig. Dies sollte seine letzte Studien­ fahrt sein. Nach seiner Heimkehr fühlte er

sich sehr krank. Sein Wunsch, seine Braut, die älteste Tochter des Geh. Hofrats Gerstlacher in Karlsruhe zu ehelichen, scheiterte an der zunehmenden Verschlimmerung der Krankheit. Nach vergeblicher ärztlicher Be­ handlung in Karlsruhe suchte er in seinem Elternhaus in Köndringen Genesung von sei­ ner „Vereiterung der Lunge“. Sein greiser Vater konnte ihm nur noch Tröster sein. Er starb am 5. Oktober 1782 — mitten aus seiner steil ansteigenden Laufbahn heraus­ gerissen. Mehrere Gedichte wurden von Ver­ wandten und Freunden, dem damaligen Lebensstil entsprechend, dem so jung Dahin­ geschiedenen gewidmet. Er wird uns geschil­ dert als Mann von mittlerer Größe, bräun­ lich von Gesichtsfarbe und ziemlich hager. Einfach im Auftreten, sprach er mit Feuer und Energie. Man ward nie müde, ihn zu hören. Er war höflich, heiter, anständig und frei­ mütig. Schon rein dem Umfange nach ist die Fülle des Geschaffenen für einen 28jährigen er­ staunlich. Von 1778 bis 1782 erschienen 7 Werke mit 14 Bänden in Sanders eigener Bearbeitung. Nach seinem Tode veröffent­ lichten andere Herausgeber noch weitere 3 Werke mit 6 Bänden. Die Mehrzahl seiner Schriften behandelt theologische Themen. Dazu sei nur erwähnt, daß er in den Natur­ gesetzen „den stillen Gang der Ordnung und die geheime Wirksamkeit des allwissenden und alles bestimmenden Geistes“ sieht (Lit. 1). Man würde nach heutigen Begriffen Sander einen Modernisten nennen. In diesem Sinne gehört er zu den Wegbereitern des naturwissenschaftlichen Weltbildes unserer Tage. Da darf es nicht wundern, wenn ihm zu seiner Zeit manch herbe Kritik widerfuhr. Sein Wirken fand aber auch hohe Anerken­ nung durch die Ehrenmitgliedschaft bei der Gesellschaft Naturforschender Freunde in Berlin und der Fürstlich Anhaitischen deut­ schen Gesellschaft in Bernburg. Zuständigkeitshalber möchte ich mich im folgenden ausschließlich mit den naturwissen­

schaftlichen Arbeiten von Heinrich Sander beschäftigen. Zwar finden sich in seinen religiösen Schriften überall ausgedehnte Be­ trachtungen über die Natur. Er verfaßte aber auch eine „Oekonomische Naturgeschichte, für den Landmann und die Jugend in den mittleren Schulen“, die 3 Bände umfaßte und 1781—1782 in Leipzig erschien. Er erweist sich hier als Naturlehrer großen Formates, der das auf vielen Reisen gesammelte Wis­ sen vom Naturgeschehen in verständlicher Sprache seinem Volke weitergibt. Es ist das Streben eines guten Herzens, den M it­ menschen zu helfen gegen N ot und Unwissen­ heit. Am besten lassen wir Sander selbst sprechen: „Die Kenntniß der Natur wird euch von der wunderbaren Sucht heilen, durch Dünge­ salze, durch allerley kräftige Pulver, mit welchen ihr euer Saatkorn anfeuchten, oder darin einweichen sollt, in kurzer Zeit reich zu werden, und euch eine un­ ermeßlich große Erndte zu verschaffen. Ihr dürft nur einmal auf den Gang der Natur und auf die Nahrung, die alle Gewächse haben wollen, Acht geben, so werdet ihr das gleich für Windbeuteley oder für Geldschneiderey ansehen müssen. Das beste M ittel, der Natur viel abzugewinnen, ist dies: Behandelt sie recht, d. h. bauet den Acker, die Wiese, den Garten, den Wald, der Natur gemäß.“ . . . „In der Natur ist nie ein allgemeiner Stillstand, sondern ein ewiger und unauf­ hörlicher Kreislauf." . . . „Gebt auf die Berge Achtung, die euren Wohnort umgeben: ihr werdet von Zeit zu Zeit bemerken können, daß sie immer kleiner werden . . . Winde, Thiere, Regen­ wasser und Quellen nehmen den Bergen immer etwas. Man kann nach wenigen Jahren oft über einen Berg wegsehen, hinter welchem man vor einem Menschen­ alter wegen seiner Höhe nichts sehen konnte.“ (Heute wissen wir,daß solche Ver-

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Geburtshaus von Heinrich Sander in Köndringen

änderungen auch auf gebirgsbildende Erd­ krustenbewegungen zurückzuführen sind.) Ein Kapitel des ersten Bandes ist der Naturgeschichte des Menschen gewidmet: „Es muß doch wohl etwas mit dem Menschen geboren werden, das uns über alle andre Thiere wegsetzt, und das nennen wir die V ern u nft. . . Das ist die große Seite des Menschen! das ist unsere V er­ wandtschaft mit G ott und den Engeln! . . . Ihr dürft auf diese Menschenwürde aller­

„ . . . . das nahrhafteste ist unstreitig das Roggenbrod.“

dings stolz seyn. Der Schöpfer hat uns einen hohen Rang angewiesen.“

„Wir verabscheuen in Europa aus Un­ wissenheit, Gewohnheit, lächerlichen Vorurtheilen u. das Fleisch der Hunde, Ratten,

„Erst aß man die Körner roh, wenn sie noch in ihrer Milch waren. Dann fing man an, die halbreifen Ähren zu rösten oder über Kohlen zu braten“ (wie wir das aus

Mäuse, Katzen, Bären, Füchse, Pferde, Schlangen, Eidechsen, Kröten, Raupen, Ameisen, Heuschrecken, Wanzen, und ihre Eyer, und in anderen Ländern speist man

30

il___

späteren prähistorischen Ausgrabungsergeb­ nissen mehrfach kennen) „und dazu trin­ ken die Hirten in Asien noch jetzt warme Milch, um die Körner wieder zu erweichen. Man hat erst nach und nach die Erfindung der Hand-, der Roß-, der Wind- und Wassermühlen und der Bachöfen (Backöfen) gemacht.“

alle diese A p p etit. . . "

Thiere

mit

dem

größten

„ . . . gewöhnt eure Kinder, die Zähne recht sorgfältig zu schonen, weil sie euch im Alter zum Kauen und auch zum Gehör (!) sehr nöthig sind. Mit eisernen, silbernen und messingenen Werkzeugen, Gabeln, Stecknadeln u. muß man gar die Zähne nicht reinigen. Dazu ist ein Federkiel, oder ein Stift von Holz viel besser . . . " Er wendet sich den wichtigsten Haustieren zu und beschreibt die Körperteile des Pferdes, gibt Ratschläge für seine gute Behandlung und Pflege. Er nennt die M ittel, mit denen habgierige Wirte den Pferden der Gäste das

Fressen verleiden, und die Tricks, mit denen Pferdehändler die Tiere älter oder jünger machen. Kulturhistorisch interessant sind die Angaben über die Verwendung von TierProdukten, z. B. der sog. Roßadern, die von den Orgelbauern in die Falten der Blase­ balge gefüllt wurden und infolge ihrer Zähig­ keit den niedergedrückten Blasebalg wieder in die Höhe zogen. Er berichtet über manche Neuerung im Ausland, die geeignet wäre, bisher als wert­ los Weggeworfenes bei uns nutzbar zu machen. So werde in „Engelland und Irrland“ aus dem Mastdarm der Ochsen durch Ein­ weichen in Wasser eine sehr dünne, zarte

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und doch starke Haut bereitet, die zum Ausschlagen des Dukatengoldes auf dem Amboß, ferner zur Wundbehandlung ver­ wendet wird. „Geißlingen bei Ulm kauft tausendweise die Knochen der Ochsen, die in Straßburg, München und Schaffhausen ge­ schlachtet werden, besonders die Knochen der Vorder- und Hinterfüße. Man laugt das Fett heraus, und wenn sie weiß geworden sind, so drehen die Beindrechsler daraus allerley Büchs’chen, kleine Schränke, Becher, Löf­ fel, Kugeln und andere Spielsachen, die in der ganzen Welt herumgetragen w e r d e n ...“ In England und Holland werden die Knochen zu Beinasche gebrannt, „und auf allen Berg­ werken muß man sie haben, um gewisse Ge­ fäße daraus zu machen, in welchen man die edelsten Metalle probiert“ . . . Er mahnt: „Ihr solltet nicht mehr Vieh halten, als ihr wohl füttern könnt.“ Ein schlechtes Licht fällt auf die ländlichen Wohnverhältnisse jener Tage, wenn er meint: „Daher taugt es freylich nicht, daß ihr oft Schweine und Kinder beysammen in einer Stube herumlaufen la ß t. . . " Er setzt sich ein für warme, trockene und geräumige Ställe. In der Vorrede zum zweiten Band der Oekonomischen Naturgeschichte schüttet er zuerst einmal sein Herz aus: „Wir dürftige Gelehrte in Teutschland haben leider keine Landgüter und Meyerhöfe, wo wir wie Cato, Varro und Columella leben, und der Natur überall nachschleichen könnten. Die Natur­ kunde in Verbindung mit der Landwirtschaft ist wahrlich ein Meer zum Austrinken, und die Obrigkeit, die Gewalt über mich hat, spricht mich immer noch nicht von anderen Schularbeiten los, so daß ich ganz und mit reinen Freuden für diese herrliche Wissen­ schaft leben und arbeiten könnte.“ Daß seine Schriften dem damals neuesten Stand der Wissenschaft entsprechen, zeigt er mit der Beschreibung der künstlichen Befruchtung der Fische, wie sie erst 1763/65 von Stephan Lud­ wig Jakobi in Hohenhausen mit Versuchen erstmalig durchgeführt wurde. Trotzdem hat

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es noch bis 18 54 gedauert, bis in Hüningen im Elsaß die erste Forellenzuchtanstalt gebaut wurde, um dem damals durch Fischfrevel und Fischdiebstahl verarmten Fischbestand nach­ zuhelfen. — Er behandelt im Band II die Vögel, Fische, Kriechtiere, Insekten und Wür­ mer, und zwar immer zuerst den Körperbau und dann die einzelnen Arten. Eingehend spricht er über die Bienenzucht, für die er wirbt und für deren Verbesserung er den Vorschlag macht, statt des unfruchtbaren Ge­ büsches nützliche Bienenpflanzen anzubauen. Als zweites Nutzinsekt empfiehlt er die Seidenraupe. Im dritten Band wird dem Leser die Fort­ setzung des Werkes nicht versprochen, „da ich allerley Veränderungen des Lebens entgegen sehe, die auf meine Gesundheit, Leben, Cha­ rakter, Studium und Arbeitsamkeit nicht ohne Einfluß seyn werden . . . Erst warten, ob der Saamen, der bisher ausgeworfen wurde, keimen, oder ob er vertreten wird?“ Dieser Band enthält eine allgemeine Botanik und schließt mit einem Loblied auf den arbeit­ samen Bauernstand. Viele von Sanders Abhandlungen erschie­ nen in Zeitschriften, und manche waren bei seinem Tode noch nicht veröffentlicht. Alle diese Arbeiten wurden als „Kleine Schriften" von Georg Friederich Götz anno 1784 her­ ausgegeben. Im einzelnen seien folgende Bei­ träge erwähnt: In der Naturgeschichte der Fische im Rhein wird der Stör als gar nicht selten vorkom­ mend beschrieben. Von der Goldwäsche am Rhein: Als Her­ kunft des Goldes nennt er die Schweizer­ gebirge. Der Rhein lasse das Gold da fallen, wo sich sein Bett weitet und der Strom lang­ samer wird. Er beschreibt das Waschgerät mit dem Tuchbelag, in dem die Goldflitter haften bleiben. Diese Wolltücher verschleißen durch das häufige Auswaschen sehr rasch und ver­ ursachen die höchste Ausgabe bei der Gold­ wäscherei. Er verweist auf das Buch Hiob, in

dem schon berichtet werde, daß von beinahe allen großen Flüssen in der Welt bekannt sei, daß sie von den Gebirgen Felsstücke und mit ihnen Goldkörner entreißen. Beschreibung einer Tropfsteinhöhle in der Landgrafschaft Sausenburg: Die Haseler Höhle sei seit einem Menschenalter bekannt. „Erst unter der preißwürdigen Regierung unseres jezigen Fürsten“ wurde die Höhle geöffnet, und Probestücke daraus erregten eine allge­ meine Begierde, die Höhle zu sehen. Sie führte damals schon den Namen „Erdmänn­ leinsloch“. Sander besuchte sie am 23. 9. 1781. „Es wäre eine vergebliche Arbeit gewesen, wenn ich die vielen hundert Pyramiden hätte zählen wollen. Es entstehen neue und die alten werden abgeschlagen.“ Er watete sogar durch den Höhlenbach. Daß dieser erst bei Beuggen in den Rhein fließen solle, hat sich allerdings als unhaltbare Auffassung erwiesen. Von einem merkwürdigen See in der oberen Markgrafschaft Baden betitelt sich eine Beschreibung des Eidiener Sees. Er berechnet die Breite auf einen, die Länge auf zwei Büchsenschüße. (Diese Maßangabe scheint für eine exakte Wissenschaft nicht ganz geeignet.) Die ganzen Erscheinungsformen sind sehr gut dargestellt, ohne sich in gewagte Theorien zu versteigen. Ein Befahrungsbericht von den Steinkohlen­ gruben von Valenciennes ist bergbaugeschicht­ lich sehr aufschlußreich. Es mutet uns heute einiges bergpolizeiwidrig an, wenn ihm ab­ geraten wird, im Korb einzufahren, weil die (Hanf-)Seile schlecht seien. So stieg er denn auf Leitern in den 214 Meter tiefen Schacht hinab. Verstreut finden sich Bemerkungen über Bodenschätze: Bei Obereggenen habe man in Tonschiefer einzelne Stücke Gagat gefunden. Versuche mit Bohren und Graben haben aber gelehrt, daß man dort keinen großen Vorrat von

Bergöl

weniger von

oder

Steinkohlen,

Gagat

erwarten

und

noch

dürfe.

Aus

Grenzach wurden die (heute nicht mehr be­ 3

Badische Heimat 1955

stehenden) Gipsgruben erwähnt. Gips diente damals zur Düngung der Felder und soll bis Freiburg verführt worden sein. Das Dichten scheint vor zweihundert Jahren zum Allgemeingut der Gebildeten gehört zu haben. Und auch unser Heinrich Sander hat uns eine Reihe von Gedichten hinterlassen. Eines davon möge meine Darstellung seines Lebenslaufes abschließen: Das Gold Von hohen Bergen kömmt das Gold, Das zwischen bunten Kieseln rollt, O ft feiner noch als Sand. Die Macht der Flüsse spielt es los, Man gräbt’s auch aus der Erde Schoos Dort in der Ungern Land. Ist schwer und dehnbar, sein Gewicht Vermindert sich im Feuer nicht, Bleibt immer, was es ist. Noch hat es niemand nachgemacht, Und was man auch hervorgebracht, Entstand durch Trug und List. Anhang: Die Werke Heinrich Sanders: *) Von der Güte und Weisheit Gottes in der Natur. Karlsruhe 1778. Zwei Auflagen und eine holländische Übersetzung. 2) Das Buch Hiob zum allgemeinen Gebrauch. Leipzig 1780. 3) Über die Vorsehung. 2 Bände. Leipzig 1780/81. 4) Über Natur und Religion für die Liebhaber und Anbeter Gottes. 2 Bände. Leipzig 1781. 5) Über das Große und Schöne in der Natur. 4 Bände. Leipzig 1780/82. 6) Erbauungsbuch zur Beförderung wahrer Gott­ seligkeit. Leipzig 1781. Zweite Auflage 1783. 7) Ökonomische Naturgeschichte, für den deut­ schen Landmann und die Jugend in den mitt­ leren Schulen. 3 Bände. Leipzig 1781/82. 8) Predigten für alle Stände. 2 Bde. Leipzig 1783. 9) Beschreibung seiner Reisen durch Frankreich, die Niederlande, Holland, Deutschland und Italien, in Beziehung auf Menschenkenntnis, Industrie, Literatur und Naturkunde insonder­ heit. Zwei Teile. Leipzig 1783. 10) Kleine Schriften. 2 Bände. Leipzig 1784/85.

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Artur Münzer

phot. Strom, Gengenbach

Artur Münzer, ein badischer Musiker Von H e in ric h M ünz, Waldshut

Wenn, wie etwa jedes Jahr in Donaueschingen, Vertreter der musikalischen Avantgarde in Erscheinung treten, deren zur Diskussion gestellte Werke jeweils neue Klang- und Formprobleme aufweisen, von frischer Experi­ mentierfreudigkeit getragen sind und einem mehr oder weniger radikalen Fortschritts­ glauben dienen, so dürfen darüber doch nicht die Werke jener Musiker vergessen werden, die ihre Aufgabe und ihre Sendung darin sehen, sich unter Anwendung der gesicherten und erprobten Klangmittel ihrer Epoche aus­ zusprechen, ohne dabei ihre Eigenart auf­ zugeben und in Nachahmung großer V or­ bilder zu verfallen. Unser süddeutscher Raum, insbesondere die oberrheinische Landschaft mit ihren weichen und fließenden Konturen, ist dem Wachstum dieser mehr auf Statik als auf Dynamik, mehr auf stillen Ausbau ihrer Gaben als auf Eroberungsbedürfnis gerichteten Naturen günstig. So hat auch die an land­ schaftlichen Reizen so reiche Breisgaugegend in entscheidender Weise Einfluß auf das Charakterbild von A r t u r M ü n z e r ge­

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wonnen, dessen 50. Geburtstag Anlaß bietet, seine bisherige musikalische Tätigkeit näher zu betrachten. Am 27. Juni 1904 in Freiburg als Sohn des Werkmeisters am Münster Anton Münzer geboren, empfing er neben einem gediegenen Musikunterricht entscheidende künstlerische Eindrücke von Franz Philipp, die später ihre Vertiefung und Fortsetzung während eines dreijährigen Studiums an der Karlsruher Musikhochschule fanden. Hier war Franz Philipp sein Lehrer in Komposition und Orgel­ spiel, Josef Scheib in Klavier, Rudolf Hindemith, der erzmusikantische Bruder Pauls, sein Lehrer im Violoncellospiel, die Professoren Dr. Junker und Cassimir in Kontrapunkt, Formenlehre und Kapellmeister-Ausbildung. Eingehende Gesangsstudien bei der Kammer­ sängerin Staudigl und Frau Dr. Junker waren seiner kompositorischen Tätigkeit ebenso förderlich wie seiner späteren als Dirigent und Chorerzieher. Das Examen für das künst­ lerische Lehramt an höheren Schulen bildete den Abschluß seiner Studien und nach Ver-

Wendung an verschiedenen Schulen des badi­ schen Oberlandes fand er in Meßkirch für längere Zeit Muße zu schöpferischer Arbeit und Gelegenheit zu erfolgreichem Wirken in der Öffentlichkeit. Hier entfaltete er, nachdem er sich in Karls­ ruhe und Freiburg durch Konzertaufführungen von Klavierwerken und Liedern, in Berlin durch die Erstaufführung seiner E-Moll-Messe und durch Rundfunkübertragungen einen Namen gemacht hatte, als Chor- und Orche­ sterleiter mit der konzertmäßigen Wieder­ gabe von Glucks „Orpheus und Euridike“, mit Haydns „Jahreszeiten“ und vor allem mit den Freilichtaufführungen von Konradin Kreutzers „Nachtlager von Granada“ und Lortzings „Waffenschmied“ eine weit über den Rahmen einer Kleinstadt hinausgehende künstlerische Tätigkeit, die sich auch auf Kammer- und Kirchenmusik erstreckte. Im Jahre 1952 wurde er an die Pädagogische Akademie nach Gengenbach versetzt, wo er heute noch wirkt. Seine Kompositionen verdienen besondere Beachtung. Sie bestehen aus solchen, die, wie die kirchlichen und weltlichen Chorwerke, hauptsächlich aus der Praxis entstanden und für die Praxis geschrieben worden sind; weiterhin aus Klavierkompositionen, Kam­ mermusik und Liedern für den Konzertsaal. Ein Profil ganz eigener A rt zeigt die „Klaviertoccata“ in B-dur. Die mit großem Schwung und mit zuchtvoller Linienführung behandelten und verarbeiteten Themen las­ sen beachtliche architektonische und kombi­ natorische Fähigkeiten erkennen, die auch bei der breit angelegten „Klaviersonate“ über­ zeugend in Erscheinung treten. Auf einen weit ausladenden ersten Satz in Sonatenform, farbig und apart in seiner Harmonik, folgt eine Variationenkette über ein vaterländisches Lied, deren Glieder gediegene Cantusfirmusarbeit, buntschillernde Impressionismen, Ganztonrückungen, tiefgehende Lyrismen und eine phantasievolle Auflockerung des Hauptgedan­ kens aufweisen. Eine großzügige Schlußfuge 3*

führt das Thema in kühner Koppelung zu krönendem Abschluß. Als schöne Feiermusik für kirchliche und weltliche Anlässe dürfen zwei Streichquartett­ sätze gelten. Der erste, ein „Andante religioso", ausgehend von einem Thema aus Franz Philipps „Sancta Elisabeth“, blühend in seiner Melodik und duftig in seiner klang­ lichen Weite, weist starke harmonische und rhythmische Ballungen, aber auch liebens­ würdige und eingängig gehaltene Episoden auf. Der zweite Quartettsatz, eine ausgespro­ chen linear gehaltene „Fuge“ im düsteren es-moll mit weitschwingendem Thema, einer Fülle kontrapunktischer Künste, Nachahmun­ gen, Vergrößerungen, geistvollen Verschrän­ kungen und Steigerungen, läßt die satztech­ nische Meisterschaft ihres Autors aufs beste erkennen. Diese Eigenschaften zeichnen auch die dankbare und für den kirchlichen Ge­ brauch empfehlenswerte „Messe in e-moll“ für gemischten Chor, Streichorchester und Orgel aus. Ihre Vorzüge sind: edel fließendes Melos, sakrale Haltung, daher gute liturgische Eignung. Auffallend die wirkungsvolle Gegen­ überstellung von Ein- und Mehrstimmigkeit im Credo, die Aufspaltung und Aussparung der Klangfarben, die gedrängten und auf­ wärtsstrebenden Schlußbildungen. Ebenfalls liturgischen Zwecken dient die melodien­ freudige und eingängige „Schutzengelmesse“ für Mädchenchor, obligate Violine und Orgel, außerdem eine Reihe von gemischten Chören für den gottesdienstlichen Gebrauch, eine M otette und ein größer angelegter „Introitus zu Christi Himmelfahrt“ für Chor, Soli und Orgel. Nehmen auch die Kompositionen für Männerstimmen im Schaffen Artur Münzers keinen breiten Raum ein, so sind doch zwei von Heimatliebe und Rheinromantik erfüllte Chöre mit Begleitung zweier Hörner höher strebenden Vereinen aufs beste zu empfehlen. Sie sind im guten Sinne dankbar und dürften bei anspruchsvolleren Sängern die ihnen ge­ bührende Gegenliebe finden.

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*

Die hauptsächlich aufs Lyrische gerichtete Veranlagung des Komponisten erklärt seine Vorliebe für das Klavierlied, also für d i e Gattung, bei der Smgstimme u n d Klavier eine höhere Einheit bilden. Es scheint, als ob sich hier das ureigene Wesen des Komponisten am unmittelbarsten und mit der stärksten inneren Notwendigkeit aussprechen würde. Schon die Wahl der Texte, von Goethe, Eichendorff, Emanuel Geibel, Cäsar Flaischlen, Richard Dehmel, Hermann Hesse u. a. ist be­ zeichnend. Wenn auch die Vertonung von Goethes „Beherzigung“ eine groß ausladende und aufs Dramatische gerichtete Gestik auf­ weist und durch kraftvoll männliches Zu­ packen eine großlinige Ausdeutung erfährt, wenn auch Hermann Hesses köstlich inter­ pretiertes „Mailied eines Knaben“ gesunden und urwüchsigen Humor erkennen läßt — so liegt doch über den meisten übrigen Liedern

eine feiner und zarter Duft von Mondschein, Nacht und Waldeszauber, von Versonnenheit, Innerlichkeit und kosmischer Weite. Das große Vorbild Hugo Wolf zugegeben, findet sich doch in Eichendorffs „Mondnacht“, in Goe­ thes „Nähe des Geliebten“, in der breit­ flächigen Entfaltung Geibelscher Verse, nicht zuletzt in der wunderbaren Vertonung des auch für Sopran und Streichquartett bearbei­ teten „Sommerabends“ von Richard Dehmel so viel des Eigenen und Persönlichen, daß diese Lieder, obwohl im Konzertsaal längst erprobt und durch Rundfunkübertragungen bekannt, es verdienten, einer, viel breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht zu werden. Dazu wäre die Drucklegung einer vom Kom­ ponisten zusammengestellten Auswahl der Lieder und manch anderer Werke nötig, und damit würde ihm das schönste Geburtstags­ geschenk gemacht.

Karl Friedrich Vierordt

*

Zum 90. Todestag des bekannten badisdien Historikers und Schulmannes Von E n g e lb e r t S tro b e l, Karlsruhe

Es gibt nur wenige Veröffentlichungen auf heimatgeschichtlichem Gebiete, die, um die M itte des vorigen Jahrhunderts erschienen, heute noch ihr volles Gewicht für die For­ schung besitzen. Zu diesen Abhandlungen gehören aber zweifellos Karl Friedrich Vierordts „Geschichte der evangelischen Kirche im

Großherzogthum

Baden",

deren

erster

Band im Jahre 1847 und deren zweiter 18 56 herauskamen, sowie seine „Geschichte der im Jahre 15 86 in Durlach eröffneten und 1724 nach Karlsruhe verpflanzten Mittelschule", die er 18 58/59 in den Beilagen zu den Program­ men des Karlsruher Lyzeums veröffentlichte. Ursprünglich den theologischen und philo­ logischen Fächern zugewandt, widmete V ier­ ordt sich erst in den letzten drei Jahrzehnten seines Lebens nachdrücklich den historischen Studien, die ihn dann einer breiteren Ö ffent­ lichkeit bekannt gemacht haben.

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Karl Friedrich Vierordt kam am 1 8 .Novem­ ber 1790 in Karlsruhe als Sohn des späteren großherzoglichen badischen Kammerrats Ernst Jakob Vierordt und dessen Gemahlin Anna Magdalena zur Welt. Sein Reifezeugnis vom Karlsruher Lyzeum aus dem Jahre 1808 trug die Unterschrift seines Lehrers und väter­ lichen Freundes Johann Peter Hebel, der ihn auch veranlaßte, anschließend auf der Uni­ versität Heidelberg evangelische Theologie zu studieren. M it einer vorzüglich abgelegten Prüfung wurde Vierordt am 8. Oktober 1811 unter die Pfarrkandidaten aufgenommen. Nur kurz war seine Tätigkeit als Vikar in Weis­ weil, denn bereits im Januar 1812 begab er sich in die Schweiz. Hier eignete er sich zu­ nächst an der damals weit bekannten Lehr­ anstalt Pestalozzis in Yverdon und dann als Hauslehrer der drei Söhne des wohlhabenden Fabrikanten Roulet-Meserac in Neuchätel pädagogische Erfahrungen an. Dem im Mai

1815 nach Deutschland Zurück­ gekehrten übertrug man — da im Augenblick keine Lehrerstelle frei war — nochmals ein Vikariat in der Pfarrei Diersheim im Hanauerland. Am 16. Januar 1816 wurde Vierordt schließlich als dritter Lehrer mit dem Titel eines Subdiakonus an das Pädagogium nach Lahr berufen. Hier ver­ mählte er sich mit der Kauf­ mannstochter Rosette Preu, die ihrem Gatten vier Kinder schenkte. Zwei davon starben im Kindesalter. Der überlebende Sohn Karl bekleidete später den Lehrstuhl für Physiologie an der Universität Tübingen. In Lahr rückte Vierordt am 22. Novem­ ber 1819 unter der Amtsbezeich­ nung eines Diakons auf den Posten des zweiten Lehrers vor, ehe er am 10. August 1820 an das Karlsruher Lyzeum versetzt wurde. Seiner Ausbildung ent­ sprechend gab er neben Religion vorwiegend die Fächer Latein, Griechisch, Deutsch, Französisch K arl Friedrich Vierordt Bad. Generallandesarchiv phot. Ganske, Karlsruhe und Naturlehre, dann seit 18 36 auch Geschichtsunterricht. Neben den beiden erwähnten Hauptwerken An Stelle des am 12. April 1855 verstorbe­ veröffentlichte Vierordt mehrfach Aufsätze, nen Direktors Kärcher wurde Vierordt am meist geschichtlichen und kirchengeschicht­ 9. Juli des gleichen Jahres zu dessen Nach­ lichen Inhalts, in verschiedenen wissenschaft­ folger ernannt. Sein im Frühjahr 18 56 gefeier­ tes 40jähriges Dienstjubiläum bot Veranlas­ lichen Zeitschriften und Programmbeilagen. Eine im Manuskript bei seinem Tode fast sung, ihm die Würde eines Geheimen Hofrats völlig abgeschlossene „Badische Geschichte zu verleihen, der noch die theologische bis zum Ende des M ittelalters“ wurde 1865 von Fakultät der Universität Heidelberg den dem Tübinger Historiker Bernhard Kugler her­ Ehrendoktor hinzufügte. Wegen fortgeschrit­ ausgegeben; die Veröffentlichung eines vor­ tenen Alters wurde Karl Vierordt auf sei­ gesehenen zweiten Bandes unterblieb. Den nen Antrag am 8. März 1860 in den Ruhe­ handschriftlichen Nachlaß von Karl Friedrich stand versetzt. Noch bis Jahresende 1862 als Vierordt, der dreiundzwanzig Sammelbände Visitator mehrfach an Schulprüfungen beteiligt, umfaßte, überließ später sein Sohn der Uni­ entschlief der rastlose Mann am 19. Dezember versitätsbibliothek Heidelberg. 1864 eines sanften Todes.

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Juliana von Stockhausen Vom feudalen Weltbild zum sozialen Ethos Von K arl W i lly S tra u b , Freiburg i. Br.

Als mich das Ende des Ersten Weltkrieges in die preußische Garnison- und Industriestadt Saarbrücken verschlagen hatte, empfand ich als Hohn des Schicksals, daß mir, dem gebo­ renen Badener, ein den schönen Künsten ergebener junger Literaturfreund von einer badischen Landsmännin erzählte, die eben dabei war, den ersten dichterischen Lorbeer sich um das jugendliche Haupt zu winden. Es war Juliana v. Stockhausen, deren erstes Buch „Brennendes Land" damals gerade er­ schienen war. Höchst verwunderlich, daß eine kaum dem Mädchenalter Entwachsene einen historischen Roman schrieb, der die Pfalz­ verwüstungen durch Ludwig X IV . zum Gegen­ stand hatte. Nun, man würde die Autorin im Auge behalten! Nur zu bald würde sie sich weiblichen Stoffen verschreiben. Weit gefehlt! Schon zwei Jahre später setzt sie die Öffentlichkeit mit dem Bauernkriegsroman „Das große Leuchten“ in Erstaunen. Und ehe sich noch die Geister beruhigt haben, erscheint auf dem Büchermarkt der dritte historische Roman „Die Lichterstadt“, in welchem Rom, das Ziel der deutschen Sehnsucht, in leiden­ schaftlich gesehenen Bildern aufleuchtet. Und als ein Jahr später der große zweibändige Roman um Maria Theresia, „Die Soldaten der Kaiserin“ in allen Schaufenstern der Buch­ handlungen ausliegt und eine Auflage von 100 000 Stück erreicht, ist die Dichterin vier­ undzwanzig Jahre alt und eine berühmte Frau. Als Tochter eines in Lahr in Garnison stehenden Majors v. Stockhausen und einer Mutter aus dem badischen Geschlechte der Rüdt v. Collenberg durchbricht die schreibende Adelige und adelige Schreiberin die Grenzen, die von der Konvention gezogen sind; aber die Weltgeschichte ist nicht stillgestanden und hat mit Vorurteilen aufgeräumt, die dem westfälischen Edelfräulein, der Droste, hun­

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dert Jahre früher noch sehr zu schaffen ge­ macht haben. Irgendwo sagt um die Zeit des Erscheinens dieses Theresia-Romanes die damals noch im Banne der Lyrik stehende Ina Seidel, „daß die intensive Tätigkeit der schöpferischen Durch­ dringung des Lebensstoffes die Arbeit des Dichters ausmache.“ Und stets muß ich bei der Beschäftigung mit dem Gesamtwerke der Stockhausen mich dieses Satzes erinnern. Nur diese intensive Tätigkeit schärft der Dichterin das Gefühl und Verständnis für die Tragik der großen Herrscherin, die auch vor der Gattin und Mutter nicht Halt macht. Diese Tätigkeit schärft ihr das Gefühl für den ganzen Schwarm großgesehener und großangelegter Figuren, der in einer phantastischen, oft gespenster­ haften Polonaise vor dem Auge des Lesers vorüberzieht. Der Wunsch, dieser bald nach dem großen Romanerfolg durch Heirat mit einem Ö ster­ reicher zur Gräfin Gatterburg gewordenen Autorin einmal persönlich zu begegnen, sollte erst sechzehn Jahre später anläßlich einer Dichtertagung badischer Autoren erfüllt wer­ den. M it ihr ins Gespräch gekommen, knüpfte ich natürlich an die Eindrücke an, die ihr Maria-Theresia-Roman auf mich gemacht hatte, und da war der Sprung von der Träge­ rin des Staatsgedankens österreichischer Prä­ gung zu dem aufgeklärten Absolutismus eines Friedrich des Großen nicht allzu kühn. Ob auch sie in dem preußischen König einen Rebell und Verräter am Reich sehe, wie es manche haben wollten? Und wie sie über die schlesischen Provinzen denke, die das Reich damals an Preußen verlor? Die Antwort war klassisch. Als Gattin eines österreichischen Granden und als Katholikin bedauere sie natürlich den damaligen Verlust schlesischen Bodens, aber als Tochter eines preußischen

Offiziers gehöre ihre ganze Bewunderung dem Alten Fritz. Holla! Diese Frau war im gei­ stigen Florettfechten eine ernst zu nehmende Partnerin und hielt auch im Gespräch, was sie als Dichterin verspro­ chen hatte. Was sie nun alles in den sechzehn Jahren ge­ schrieben habe, in denen ich sie aus den Augen verloren hätte? Oh, da müsse ich schon den Kürschner zu Rate ziehen. Aber den hätte ich nun nicht gerade in der Westentasche. Da gab sie klein bei und zählte ein halbes Dutzend Romane und die Titel von ebenso vielen Novellen auf. daß sie wie Bienen um mich schwärmten: Ein zweibän­ diger Roman „G reif“, in welchem sich der auf Seiten Napoleons kämpfende Ange­ hörige eines badischen Offi­ ziersgeschlechts in Liebe verstrickt. In den Gegenwartsromanen „Eine Stunde vor Tag“ und „Paul und Nanna“ erlöst sich die Dich­ terin von den Eindrücken eines neunjährigen Aufenthaltes in Wien. In der „Güldenen K ette" kehrt sie in den heimatlichen Oden­ wald und in die Familiengeschichte ihres Geschlechtes zurück. Und „Im Zauberwald“ ist der Titel eines Romans, der süddeutschen und französischen Barock einander gegenüberstellt und die Versöhnung zweier Adelsgeschlechter verschiedener Nationalität anklingen läßt. Der rein höfischen Atmosphäre ist das im Aufträge der ehemaligen Gattin des österreichischen Thronfolgers, des in Mayerling unter geheim­ nisvollen Umständen verstorbenen Kron­ prinzen Rudolf, entstandene Memoirenwerk „Im Schatten der Hofburg“ entsprungen. Daß dieses Buch infolge seiner schwebenden Dar­ stellung alle der herkömmlichen Memoiren­ literatur anhaftende Schwere verliert, ver­

dankt es dem künstlerischen Stil der allen Ansprüchen gewachsenen Dichterin. Naturgemäß haben die Wirren der Nach­ kriegszeit der Dichterin Juliana v. Stockhausen eine Atempause auferlegt. Aber diese Pause ist gleichzeitig zu einer einschneidenden Zäsur in

ihrem

Schaffen

geworden.

Der

Schritt

vom feudalen Weltbild zum sozialen Ethos ist getan. Zwar ist das soziale Thema schon ein­ mal in der Frühzeit ihres Schaffens angeschla­ gen — ich meine den Bauernkriegsroman — aber nun ist unter dem Einfluß des alle V er­ hältnisse auf den Kopf stellenden unheilvollen Endes des zweiten Weltkrieges die früher einmal angeschlagene Saite zum vollen Klin­ gen gebracht. Juliana v. Stockhausen über­ rascht

mit

einem

das

Flüchtlingsproblem

behandelnden Stoff unter dem Titel „Unser Herz entscheidet“. Nein, überraschen ist eigentlich nicht richtig gesagt! Die Dichterin

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folgt nur einem in ihrer Natur angelegten Keim, der sich entwikkelt, wenn die Umstände dazu drängen. Und wieder ist es Ina Seidel, die mir mit einem Satze die Tür zum Wesen unserer badischen Dich­ terin aufstößt. In einem in der Münchener Goethe-Aka­ demie vor vie­ len Jahren ge­ haltenen V or­ trag über „Goe­ the und die Frau“, sagt die Schloß Eberstadt über Osterburken Dichterin des „Wunschkin­ des“, daß „das Herz der eigentliche Acker gend. Dieselbe gewandelte Lebensauffassung aller dichterischen Gnade sei.“ Wo aber das bringt in einer neuen Variation auch die so­ Herz spricht, ist der Weg zum sozialen Ethos eben erschienene Auswanderer-Erzählung „Ge­ nicht weit. Und dieses Ethos ist in der Haupt­ liebte Nanina“, in der das Flüchtlingsschicksal einer vertriebenen Mutter mit ihren Kindern figur des Flüchtlingsromanes, in Sibylle Bonus, verkörpert. In dieser das Flüchtlingsproblem einer ebenso mutigen als mit allen Vorurtei­ len fertig werdenden Lösung entgegengeführt sozial anpackenden Frau schlägt das allem wird, und die beweist, daß die Dichterin auf Menschlichen geöffnete Herz Juliana v. Stock­ dem eingeschlagenen Wege ihrer jüngsten Ent­ hausens und legt das Gesetz ihres Inneren wicklung weiterschreitet. bloß, unter dem alle ihre Werke entstanden sind. So wird es mir nicht schwer, von der am 21. De­ Auch die in Heidelberg spielende Novelle zember 1954 fünfundfünfzig Jahre alt gewor­ „Die Ohrringe“ ist zeitnahe Dichtung und er­ denen Juliana v. Stockhausen als von einer härtet die Gewißheit, daß Juliana v. Stock­ Baden aufs beste repräsentierenden Dichterin hausen gewillt ist, an der Lösung der Pro­ zu sprechen, und wenn ihr auch die mystisch­ bleme der Gegenwart teilzunehmen. M it intui­ religiösen Bezirke einer Ina Seidel verschlos­ tiver Kraft fühlt sie der aus dem Kriege heim­ sen sind, so ist sie doch kraft ihrer Spann­ gekehrten Frontgeneration den Puls und stellt weite vom feudalen Weltbild zum sozialen den Leser vor die unter dem Einfluß kata­ Ethos als Gesamtpersönlichkeit längst in die strophaler Geschehnisse von Grund auf ge­ erste Reihe unserer deutschen Dichterinnen wandelte Lebensauffassung der heutigen Ju­ eingerückt.

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Karl Willy Straub 75 Jahre alt Von Frifc ß ü h le r, Saarbrücken

Wenn Karl Willy Straub am 12. März auf ein dem Worte dienendes und durch das Wort wirkendes 50jähriges Schriftstellerleben zu­ rückblickt, dann kann er auch sagen: „Und wenn es köstlich gewesen, dann ist es Mühe und Arbeit gewesen.“ Am 12. März 18 80 in Karlsruhe geboren, begeht er heute seinen 75. Geburtstag und sein halbhundertjähriges Berufsjubiläum, denn er war 25 Jahre alt, als die „Münchner Neuesten Nachrichten“ den ersten Beitrag aus der Feder Karl Willy Straubs brachten. Es war eine Faschingsnovelle mit dem Titel „Die Ironie des Schicksals“. Straub oblag damals dem juristischen Studium an der Universität Freiburg, und wenn er in seinem Innersten wankend wurde, ob das Studium der Praedial- und Rusticalservituten für ihn die Erfüllung seines Wesens bedeute, dann war der erste schriftstellerische Erfolg die tiefste Ursache und zugleich die Verführung, aus dem bürgerlich vorgezeichneten Weg aus­ zubrechen und sich den Zufälligkeiten und Unsicherheiten des Lebens anzuvertrauen. Gleichwohl begann der geistige Lebensweg Straubs außerhalb des freien Schriftstellertums im Schutze eines festen Berufes. Seit 1911 sehen wir ihn als Feuilletonleiter einer Würz­ burger Tageszeitung, wo er als Theater­ rezensent und Literaturbeflissener eine krititische Feder führt. Als solcher hebt er viele Werke des dort ansässigen Max Dauthendey und den Erstling Leonhard Franks, „Die Räuberbande“, aus der Taufe. Die

erste

Unterbrechung

dieses

berg gelernt hat. Er verarbeitet in Essays und gelegentlichen Aufsätzen die Eindrücke aus den Vorlesungen des Dichter-Philosophen Alfred Schmid-Noerr, und das Colleg über Neuere Literatur von Philipp Witkop, dessen Tafelrunde im Cafe Häberlein er angehört, hat ihm das Blickfeld für das zeitgenössische Schrifttum wesentlich geweitet. Gleichzeitig nimmt ihn die Historie seines neuen Wohn­ ortes gefangen, und er gewinnt ihm geschickt die wenigen Lichtseiten ab, die eine typische Industrie- und frühere Garnisonstadt zu bieten hat, so daß der damalige Dramaturg in einer Festschrift des Theaters schreiben kann: „Eine literarische Physiognomie wie Karl Willy Straub, der einzige Auswärtige des deutschen Schrifttums, der sich dauernd in Saarbrücken niedergelassen hat, steht an Feinheit des Stils, an Differenziertheit des Lebensgefühls an der Spitze aller im Saar­ land schaffenden Künstler.“ Aber von „dauernd“ konnte keine Rede sein. Gerne ergreift Straub die Gelegenheit, sich wieder unter das Joch einer bürgerlichen Position zu beugen, als ihn 1928 ein Kon­ sortium erster deutscher Architekten zur Herausgabe einer Baukorrespondenz nach Berlin beruft. Drei Jahre kämpft er um eine gesunde Entwicklung der im Argen liegenden Architektur und krönt diese Tätigkeit mit einer bebilderten Streitschrift, zu welcher der bekannte Maler und Architekt Prof. SchultzeNaumburg das Geleitwort geschrieben hat.

bürger­

Und noch einmal vertauscht K. W. Straub

lichen Berufs bringt der Weltkrieg 1914/18,

die Freiheit des ungebundenen Schriftstellers

dessen Ende Straub in Saarbrücken erlebt. Und

mit der Tätigkeit eines Archivars. Ein volles Jahrzehnt gehört er dem städtischen Archiv in Freiburg an, dessen Bestände ihm als Chroni­ sten reiche Anregung zu publizistischer Aus­ wertung bieten. Daß er gleichzeitig mit dem

zum ersten Male sieht er sich den Unsicher­ heiten eines freien Schriftstellers gegenüber, aber auch den Vorteilen. Nun wendet er prak­ tisch an, was er bei dem Kunsthistoriker Henry Thode an der Ruperto-Carola Heidel­

Kreis um Hermann Eris Busse und um die

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K arl Willy Straub

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phot. Erica Loos, Pforzheim

von ihm herausgegebene „Badische Heimat“ bekannt wird, entspricht ganz dem Wunsche Straubs, endlich körperlich und geistig seßhaft zu werden, wo er stammesmäßig beheimatet ist. Die alemannisch-fränkische Herkunft oder, wenn man will, die gotisch-barocke Blut­ mischung läßt sich von jeher in allem, was Straub schreibt, nachweisen, und wenn er im Karlsruher „Museum lebender Dichter am Oberrhein“ mit Werken, Bild und Handschrift vertreten ist, dann sieht er darin die Bestä­ tigung seines geistigen Wirkungsfeldes. Aber Karl Willy Straub hat sich in den Jahren des vielfach trockenen Journalismus nicht erschöpft. Immer wieder bricht aus un­ fruchtbarer, steiniger Dornenlandschaft die blinkende Goldader schöpferischer Tätigkeit hervor. So sind im Laufe der Jahrzehnte im Verlage von Hermann Meister, Heidelberg, mehrere Gedichtbände erschienen, die von der weltstädtischen Presse mit hohen Worten der Anerkennung begrüßt wurden. Daß Straub, dessen Anfänge als Dichter in die Zeit des Expressionismus fielen, sich nie von dem zuchtlosen Schwelgen in freien Rhythmen ver­ führen ließ, sondern bis auf den heutigen Tag konsequent seine Linie einhielt, ist ihm von der zünftigen Kritik gelegentlich als un­ zeitgemäße Haltung angekreidet worden. Aber feinerfühlige Kritiker wie Hans Franck, Dr. Wilhelm Westecker, Prof. Ferdinand Gregori, sahen in der Bevorzugung des Sonetts die Selbsthilfe einer heftig empfindenden Natur, die zur Bändigung ihres Temperaments der strengen romanischen Versform bedarf. Und der badische Literaturhistoriker Professor W. Oeftering begleitet Straubs Sonette mit den Worten: „. . . ihre hohen Gesichte und star­ ken, oft leidenschaftlichen Gefühle sind in edlen Klang und schönen Rhythmus gegossen, der ihnen etwas Abgeklärtes, Reines und Statuarisches g ib t. . . Frauen, Freundschaft und Gottheit sind seine Themen, die er zu seelenvollen Gesängen steigert.“ Dieser Form der lyrischen Aussage ist Straub auch in dem Sonetten-Zyklus

„Die

Stadt

der dreizehn

Wunder“ treu geblieben, der in diesem Heft der „Badischen Heimat“ miterscheint und eine Verherrlichung Freiburgs darstellt, wie sie der Dichter in dieser reizvollen Schau nur dem Heimatboden entlocken kann. Neben den lyrischen Bekenntnissen Karl Willy Straubs ist es aber auch seine erzähle­ rische Begabung, der wir, außer dem in frühe­ ren Jahren erschienenen feinnervigen Tage­ buchroman „Die Reise um Silvia“, viele stoff­ lich wie stilistisch gediegene Erzählungen und Novellen verdanken. Gerade in diesen Tagen bringt der Verlag Moritz Schauenburg, Lahr, in seiner mit viel Geschmack aufgebauten „Silberdistel-Reihe“ als Doppelbändchen zwei Novellen von ihm. „Das Heiratskarussell" ist eine Heidelberger Novelle; „Lucrezia Corsini“ spielt in Italien. Spannungsgeladen trei­ ben beide einer für den Leser unerwarteten Lösung zu. Zwei Romane liegen vertraglich gebunden bei einem Verlag in der Sowjetzone, dem bis jetzt die Lizenz von den Russen versagt ge­ blieben ist. M it ihrer Veröffentlichung wür­ den sie bestimmt im Stande sein, das Bild Karl Willy Straubs als das eines schöpferischen Künstlers der oberrheinischen Landschaft zu vervollständigen.

3 cf) fucbte ©oft 3cß fucßte ©ett in fcen gewaltigen Singen: in bem ©eroitter, baß ficß (traßlenb türmt, im 2Baf(erjturj, ber über gHfen (türmt, im SBogenbonner, unb beg ©turmeg ©ingen. Sech jebem Sßiaß entrüdt, feßien ©ott ju meidjen, jenfeitg sen SBolfenbtirg unb f5eIfcnfeanb, big plößließ auf ber fcßmalen Älippe fRanb mit eine 331ume gab ein reineg 3eicßen. Unb wie mein 2tuge (ie bewußt umfcßloß unb ftaunenb (aß, wie au» bem (proben ©tein in ihre SMüte Ipimmclgbläue floß, fid) mir ein neueg, fcßbnteg 9Jtaß etfcßloß: 'Hn ©ott gemeffen blieb bag ©roßte (lein, bag Äleinfte aber jeigt (icß bureß ißn groß. (Wap Olieple 43

Freiburg, Kaiserstraße vor 1890

phot. Röbcke, Freiburg

Die Stadt der dreizehn Wunder - Sonette an Freiburg Von K a rl W i l l y S t r a u b , Frei bürg Dem unzerstörbaren Geist einer zerstörten Stadt! ß e g I e i tw o r t

Als die vorliegenden Gesänge entstanden, war die Stadt Freiburg noch im Vollbesitz ihrer geheim­ nisvollen Reize und ihres verführerischen Zaubers. Die vielen Brunnen in Gassen und auf Plätzen plätscherten ihr altes Lied. Der Münsterplatz war noch ein kunstvolles architektonisches Ganzes. Die Bächle, jenes seit Jahrhunderten von allen Geschichtsschreibern erwähnte, charakteristische Merkmal der Stadt, eilten noch wie einst und je durch Straßen und Gassen. Die Gotik, die Freiburg die Einmaligkeit ihres Gesichtes verliehen hat, war noch leibhaftig zu spüren. Oberlinden, dieser echte Platz der Verwunschenheit, wirkte noch sei­ nen alten Zauber. Durch die Salzstraße mit ihren historischen Palästen strömte noch „der Geruch gelebter Zeiten.“ Dem die Stadt umgebenden Wald waren noch keine Wunden gerissen. Audi der Alte Friedhof mit der berühmten Totentanz­ kapelle bildete noch eine unversehrte Einheit und

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übertrug seine stille Verträumtheit auf den Besu­ cher. Aus Erkern und Portalen grüßte „die schönste und die reichste Frau — Geschichte“. Noch hallte „die Stadt des Weines“ im FJerbste wider vom Geläute der Weinfuhren, die den goldenen Segen der Flügel auf die Weinstuben Freiburgs verteilten, und die Silhouette der Stadt war in ihrem künst­ lerischen Aufriß vom Norden her noch ungesdiändet und in ihrer Jungfräulichkeit erhalten. Wenn ich mich entschlossen habe, die für die Schönheiten der Stadt zeugenden Sonette der Öffentlichkeit zu übergeben, obwohl Freiburg in seinem Kern am 27. November 1944 der Zer­ störung anheim fiel, so geschah dies in dem Gedanken, bei denen, die Freiburg vor der Schrekkensnacht kannten, die Erinnerung an den geheim­ nisvollen Zauber der Stadt wachzuhalten und jenen von der verführerischen Schönheit Freiburgs zu erzählen, die nie das Glück hatten, sie vor ihrer Vernichtung kennen gelernt zu haben. K. W. St.

Freiburg, Kaiserstraße nach 1902

phot. Röbcke

II.

i.

©er ?Jtünffcrüirm

©er ^Beinberg im dotomtnparf

©u ©unberbau aub feinem giligran ©ie folj bu feit aberfunbert 3«fren! © ir wiffen nicht unb werben nie erfahren, ©er bich erfonnen fat nach Stif unb sptan.

gin ©n ©o 3n

gontänengleicf treibt eb bict) fimmelan, ©ocf bab ©efeimnib werben fietb bewahren ©ie gatten, bie in beinern Schuh fich paaren fRact» ben ©efefen beb gefrengen $an.

gut bar ber ©unber hält unb alter Sitten? 3n einer Seif, ba wir eerjagf erbleichen, ©enn Stiefenoöget burcf bie Süfte fteiefen, ©ie fief ben ^immelbraum im gtug ergriffen!

Slut eineb wiffen wir: aub fofem Sterben Sommt fühn ein Stam m in btonben gerben, ©er frembeb Sfromtanb an fich reift.

£ier h«f ein ©oft ben Stfem ungehalten, SÜtb er ben ©einberg fcfmf unb feine ffiunber.

2tub feinem Scfofe, ber in ©eben (reift, ©ttfprang ber SReifter, beffen fetter S e if 3n beinern roten Stein ©efalt geworben.

grünet ©einberg in ber Stabt inmitten, SBitb beb ©bemgtiebenb ohnegleichen! gibt eb noch fo wunbetlicfe Seichen einer Seif, bie ftch für fortgefefritten,

© it aber tiefen (litt, wenn immer runber ©ie Siebe reift, unb füften bie ©ewatfen, ©ie ftef oerwanbetnb immer neu gehalten — Unb jaf oerfintt beb Stlttagb btinber tptunber.

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III.

Sie 93äd)(e

V I.

©ie Sfabt ber ©otif (SSißon)

©efcßäftig ftc £>ic alte Stabt burcßeilen ©ie ßinfen Sobolbgeißer, ffiefl’ um ©eße, gnffloßen ißret feaft in bumpfer geße, gießn ftc crtöfl baßin in formalen geilen.

gin Sicß^afleien ßettf unb morgen ipraffen, feeuf fünb’ge gleifcßebluß unb morgen glennen: ©ie ftßteer, beim teaßren ßlamen eb ju nennen, SKit förperlicßen Sinnen eb ju faffen!

Sbeßügelf »om ©eßeimnib i^rcr Queße Sprengt ißre S5ruß bie Sufi, fteß mifjufeilen: „gnblicß Befreit »on müßigem Verweilen, 3ß unfer Sob erfüllt im ©rang 6er Schnelle".

Sßoll ©emuf fte eor ißtern ©om erblaffen Db fo getealt’gem Sieß^mSott^SSefennen, Serjüdung läßt in ißnen ßeiß entbrennen, ©ab gläub’ge 3nbrunß ißnen ßinterlaffen.

Unb weiter immer weiter unfer SSrüden feinburcß in fcßüßenben Kanälen (©en ßtucß eom SRärcßenwalb auf blanfem ßlüden) gin ßeteb Sicßumarmen unb 93ermäßlen:

hinauf! grnpot! ©em leßten giel entgegen! Seßf, teie eerflärf fte bort am Soben lauern! feoeß über ©olfen fueßen fte ben Segen, Ob fte SXagißer, iprießer ober dauern,

© ir aber ßorcßen, wab ftc unb ersähen, Unb trinfen i^rc SDiät in eollen Scßlüden.

©erßüßte Seßnfucßf jitferf allerteegen: 3Jocß weß bet ©eiß ber ©ofif in ben 9Kauern.

IV.

VII.

©er ^Jtürtffcrpla^

©berlinben

ißon fcßmalen fronten in ©eßalf gejwungen, S o liegt ber ipiaß, alb ob er fteß beftnne, ©en SKantel miftelalterlicßer SKinne Um feine Schultern, teie p m Scßuß gefcßwungen.

gjoeß buftet 3aßr für 3aßr bie Sinbc unb befcßtoörf ©efteßte, bie im geitenfeßoß »ergingen: feiet burften fede Snaben „Sränslein fingen", l5ib fte bab feerj beb 3ungfräuleinb betört.

S o liegt er ba eom erfien atnbeginne, ©a beutfcße Slrf unb Sunfi um ißn gerungen, ©ie feäufer fcßtnal unb mamße aucß gebrungen, SSeßerrfcßt eom ©om unb feinet (leiten glatte.

©ie fcßmalen Raufer aber fragen teie empört: „©ab fotl ber Slnßurm unb ber Samt eon ©ingen, ©ie nießf mit unfrem ©eiß jufammenflingen?" Sogar ber alte SSrunnen raufet eb ßalbeerßötf.

3m engen $teib umßeßen fte ben liefen, bereit, eon Siot unb ©ob ißn abjufcßließen, 3n ebler Haltung, teie eb fiemt 23afaßen.

©emaeß! 3tucß ßeute teirb noeß Sränjlein ßier gefungen ©ie eor 3aßrßunberfen. ©aß jwei fieß lieben, 3ß aueß in unfrer geit ein artig Spiel geblieben.

gt aber lägt — »ereßrt eon ißnen allen — 3Son feinem ©lanj ein Quentlein auf fte fallen: Seßf, teie eon SOfannenßolj fte überfliegen l

feier auf ber Sinbenbanf ftßt ßumm ein späreßen, ©orf geßen jteei in Siebe eng umfcßlungen Unb fptelen, allem geifengeiß $um ©toße, ©Järißen.

V.

©te 93nmnen

VIII.

©ie Sat^flrafie

©ureß alle ©affen geßf ein feltfam Faunen, 3n allen SCBittfeltt wifpert’b eon gemeintem Spul, Oft iß’b, als balgten in bacßant’feßcm gug Sielt nadfe Sßpmpßen mit eerliebten gaunen.

feiet ßaf bab Seben fteß ju eblem ©erf eerbitßfef, ©ie Straße atmet ben ©erueß gelebter geiten, feiet ließ bie ©iener Saiferfocßter fieß geleiten, !5eoor fte granfteießb ©aupßin fteß alb 23rauf perpßicßtet.

©ann teieber rüßrt ftcf> nießfb, unb mit grfiaunen ©ewaßren teir, baß eb nut©äufcßung tear unb ©rüg, ©aß, wab umfcßmeicßelnb unfere Sinne feßlug, ©ie Srunnengeißet ftnb mit ißren Saunen.

Sidingen faß geßarnifeßt man bie Straße reiten, grabtratb ßaf bem ©eiße eine fBurg errießfef, Unb SRapimilian warb ber Dleicßbfag ßier gerietet, gß er gefrönt gen Ungarn jog ju neuen Streiten.

Sie ftnb eb feit 3aßrßunbetfen geteefen, ©ie bieß, o Stabt, burcßjießn mit gauber;©eifen, 3a, nur in beinen Brunnen, bie unb fpeifen, SSerrätß bu unoerfälfcßt bein waßreb ©efen:

feiet lebt lebenbig in ber Straße weiter, © ab bet Sßerwefung unb bem ©ob »erfaßen, feerr, ©iener, Snecßte, SRägbe unb SSafaßen, ©eleßrfe, eble Jtauen unb gefpornte ßteifer,

0 laß raieß beine ©unber;S5runnen preifen, 2lm Sa n g ber Brunnen nur fann icß genefen.

S o warb bie Straße jum Spmbol beb Sebenb: ßlicßfb lebt, »erwanbelf ftefe unb ßirbf eergebenb.

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igpjgjFflppffrd Stadt der Gotik

phot. Schwarzweber

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Wald von Freiburg-Günterstal bis zum Schauinslandgipfel IX.

Sie ©tabt be£ 'JDalbeö 3lucf icf fab beinern Jaubcr tnicf rerfcfrieben, ©eit icf rnicf bir mit febernben ©elenfen ©enaft. ©er mag ftcf nicff in bicf retlieben, ©er mag bei beinern 2tnblicf ftcf bebenfen? ©er ift — ron bir betört — nicft fier geblieben, 3n beineS ©albeS ©cfof ftcf ju retfenfen? Unb fäffe Überbruf ifn aucf eerfrieben, ©u locfff ifn feint mit fcföneren ©efcfenfen. ©er ©unber eines ift bein ©cf»arjer © alb! Sermeffen träte eS, trollt’ icf ifn fc^itbern, ©ent @ott bie gatbe gab unb bie ©e(falt, ©ie etrig »ecffelnbe, in taufenb Silbern. © ©alb, iaf rnicf bem © nforn fier begegnen 211S geilen beiner ©nabe, rnicf su fegnen! X.

^otentanä im “Eliten triebt;of ffienn aucf fein fjolbein biefen ©ans gebicffef, ©o ift er bocf roll ©eifi, Serföfnung unb fjurnot: ©o (teilen trir ben ©ob uns gerne ror, ©enn alle Unraft ein|t in uns gefcflicftet.

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phot. Schwarzweber

3um ©anje fpielt er auf, trenn trir gerichtet, Unb füfrt uns läcfelnb ror baS grofe ©or, © ir aber leifen ifrn ergeben unfet 0fr, ©enn unfren bunflen ©eg er nocf belichtet. ©ie gläubig fier bet atufer(fefung »arten, ©ie alle faben ftcf bem ©änjer ©ob gefteHt, 0b abeligeS gräulein, Sauer ober £>elb, Db fte in 3lrmut ober Steicftum cinft er(tarrten, ©er ©ob ma$t alle gleicf in biefem ©arten: @in föftlicf Silanb in bem £ärm ber ©eit! XI.

®efd)icf)te ffio füflft bu nocf »ie fiet bie feltnen ©onnett Serflungener ©age unb Sergangenfeifen? Stocf (prüft ber ©uft rerraufcfter geftlicffeifen üluS taufenb IKöfren nie rerftegfer Stonnen. ©ocf leucffeten aucf fier nicft e»’ge ©onnen ... ©elcf’ »efen ©cfmerj fann uns bie Stof bereiten, ©ie einft gelebt »arb in ge»efenen Seifen, 311S fier nocf fcfwelgfen feinblicfe Kolonnen, ffienn ©ämmrung ifre blauen ©cfatfen breitet Unb alles träumt im unge»iffen Sicfte, Sebrängen rnicf befcfwörenbe ©eftcffe, 3n benen ©raum mit ©irflicffeit ftcf (freitet: ©ann »anbelf burcf bie ©tabf, ron mir begleitet, ©ie fcfönffe unb bie reit^ffe grau — ©efcfii|te!

X II.

X III.

©ie Stabt beg C 2öctnc0

Silhouette ber Stabt

©er £erbfi iff S a ! entblättert ftefm Sie £auben, ©cijon gef>n beSäcgtiger SeP ©ageP Ul>ren, ißerlaffen jmS feit langem gelb uns gluren, SRacfylefe Ralfen gurrenb nur Sie wilben ©auben,

SSBie bifi, geliebte ©fast, bu mir oertraut!

©ocj> in Sen ©fragen £ärm unS Stoffefcfmauben, ©cf)on rollen Sutcj) Sie Stabt Sie fräcjtf’gen Surren, ©u aber folgji erwartung^ooll Sen ©puren ©eö f)olben ©ufteg fonnenfaffer ©rauben.

3af)rfjunSetfalte ©elmfucfjt f>af an Sir gebauf, ©o »arb|i Su fcf>5n unS fegöner mit Sen 3<*f)tetU UnS wäfirenS anbre SKütter würben in (Sefafren, SSliebfi bu im Kranj Ser ©täbte — ewige SBraut.

SSon jäfjer Sufi iji 21tf unS 3ung befeffen, Ob fte eom Kaifet|iul>l, oorn ©clwarjwalb ober Dtfjein,

Komm tef) oom Sflorben fjer im ©cgwung ber §ügel, S5in icf> oon Seinen Steijen jäf) entbrannt,

©enn waB Sie ©rotten auP Sen ©rauben preffen, 3(i reife Kraft unS fiüff’ger ©onnenfebein,

©cfwn fcf>wingf Sie ©efjnfucgt ft$ in meinen 25ügel 3um wilben Stift ins jungfräuliche Sans,

2luP allen Kellern aber buffet fefnoer Ser SBein, UnS breitet über alleg SeiS ein füg Sßergeffen.

©a bifi Su fcf>on, mir geifi# unS arteerwanbt:

Wald, Berg und Münster 4

Badische Heimat 1955

©o tief im £er$en l>ab icg Sieg erfahren,

Ob eg nun ©ütrne, (Siebei, $läüe waren: Stur mit Ser ©eele fab icf) Sief) erfefaut.

hinein ing @lüct mit ©porn uns lafefwm gügel!

phot. Schwarzweber

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Gedenkworte an der Bahre von Prof. Dr. Konrad Guenther (gest. 26. 1.1955) Vom Rektor der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg i. ßr.

In Trauer am Sarge unseres Kollegen und Freundes Versammelte! Die Kunde des Hinscheidens von Herrn Professor Dr. Konrad Guenther hat die M it­ glieder des Lehrkörpers der Albert-LudwigsUniversität tief bewegt und sehr traurig gestimmt, da alle empfinden, daß ein edel denkender, schlichter Mann von uns gegan­ gen ist. Wenn ich als derzeitiger Rektor der Universität hier am Sarge spreche, so können es nur Worte des herzlichen Dankes an den Verewigten sein, und dieser warme Dank kann und soll auch das Trostwort an die Familie sein, die ihren Vater nun schmerzlich ver­ missen wird. Es ist nicht meine Aufgabe, an dieser Stelle der wissenschaftlichen Leistungen Professor Guenthers zu gedenken. Wenn man Abschied nimmt, nimmt man nur von dem Menschen, dem Weggenossen Abschied. Konrad Guenther hatte eine kleine Gemeinde von Natur­ forschern alten, klassischen Stiles um sich versammelt. Es ist eine stille Gemeinde, die sich bereichern und entzücken ließ an der wunderbaren, hellen und beglückenden Ge­ samtschau der Natur, wie sie Professor Guenther trieb. Denn dieser Mann verstand es, in die uns dunkle, unbekannte Seele der sprachlosen Kreatur zu schauen. Er verstand die Stimmung, jede Stimmung wiederzugeben und die Gedanken wohl formuliert über die Lippen fließen zu lassen und zu Papier zu bringen. Hier ist ein guter Mensch geschieden, — gut, wenn Gutsein noch etwas anderes als nur Meiden des Schlechten ist, wenn menschliches Gutsein eine Kraft, ein Leben, wenn es Liebe bedeutet. Und da nun diese Liebe eines Mannes sich nicht mehr verströmt, seine Herzenstiefe durch Gottes Ratschluß geschlos­ sen wurde, erfaßt uns alle ein großes Weh.

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Ihm war zu eigen, sich zu versetzen, ein­ zugehen, zu teilen, zu geben und wieder­ zugeben, dazu eine vornehme Haltung; ihm war zu eigen der liebenswürdige Scherz, nicht zu feindlicher Spitze geschärft, aber milde hinlächelnd über menschliche Schwächen: alles zusammen war ein edles Ganzes, das rings um ihn alle Menschen beglückte, und keiner ging von ihm, ohne erfrischt, getröstet und verjüngt zu sein. Konrad Guenther war auch weich, viel­ leicht etwas zu weich, ihm war eine keusche Scheu eigen vor eitler Selbstbespiegelung; er wollte, nein, er konnte nicht mehr spielen, als er war. War es nicht irgendwie rührend, wie er sich nahte, er, den keine schlimme Erfahrung erbitterte, die Welt schwarz zu sehen. Und Sorgen, materielle Sorgen, um die W elt schwarz zu sehen, waren doch in den letzten Jahren immer da. Professor Guenther trug ein Bleibendes im hochgehenden Wogengang der turbulenten Z eit; freundlich blickend und nickend bleibt er uns ins Gedächtnis geschrieben. Wir können nicht mehr seine Hände in die unsrigen legen. Sein Herz steht still, wel­ ches die schönen belebten und unbelebten Dinge der Erde in sich hineinzog, um sie dann verinnerlicht zurückfließen zu lassen in die Herzen seiner kleinen Gemeinde. Das Haus am Waldrand in Ehrenstetten wird nun arg leer sein. Es wird der Frühling kommen, jener zauberhafte Frühling des Breis­ gaus mit der Weite in azurnem Himmel und dem Blick in die Nähe der Berge und über den Rhein zu dem Vogesenband. Die Vögel, seine Vögel werden pfeifen, die er liebte wie der heilige Franziskus von Assisi; denn Konrad Guenther konnte wie Franziskus mit seinen Vögeln sprechen, weil ihm die Knabenseele im Manneskörper erhalten blieb, jene Seele, die noch erschauern kann vor dem Großen und

dem Kleinen in der Natur, jene Seele, die inner­ lichen Takt und Respekt vor dem Lebendigen hatte, jene Seele, die staunen konnte über die Schönheit der unscheinbaren Pflanze am Ehrenstetter Wegrand und der seltenen Pflanze der Tropen. Stimmt es nicht, daß der Hingeschiedene, der von Gott aus der Zeitlichkeit in die Ewigkeit berufen wurde, daß er sanftmütig 4!

war, daß er barmherzig war, daß er reinen Herzens war, daß er friedfertig war? Das sind aber die Seligpreisungen unseres Herrn, und darum wird ihm auch das Himmelreich sein. Uns bleibt nur übrig, ihm irdischen Dank zu wissen und ihm in einem Gebete verbunden zu bleiben, weil uns das Gebet für die Toten als Menschen vor Gott adelt. M. Pfannenstiel

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Friedrich Lautenschlager zum Gedächtnis Von E n g e lb e rt S tro b e l, Karlsruhe

Am 11. Januar 1955 erlag der langjährige Direktor der Badischen Landesbibliothek, Dr. Friedrich Lautenschlager, einer heimtückischen Krankheit. Wenn auch der Verlauf der Er­ krankung über ihre Ernsthaftigkeit wohl keinen Zweifel mehr aufkommen ließ, so ahnte doch kaum jemand, daß Friedrich Lautenschlager so rasch vom Tode ereilt wer­ den würde. Flatte doch der Verstorbene noch bis gegen Ende Oktober des vergangenen Jahres in altgewohnter Weise seinen Dienst versehen. Schon ans Krankenbett gefesselt, er­ füllte es ihn mit großem Bedauern, daß es ihm als jahrzehntelangem Mitglied der früheren Badischen Historischen Kommission nicht mehr vergönnt war, der Neugründung der Kom­ mission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg persönlich beizuwohnen. Friedrich Lautenschlager war ein Mann von bescheidenem, fast zu bescheidenem W e­ sen. Die Genauigkeit und Gewissenhaftigkeit, mit der er seine bibliographischen und histo­ rischen Untersuchungen durchzuführen pflegte, waren in Fachkreisen allgemein bekannt. Diese Eigenschaften befähigten ihn wie keinen Zweiten, schon in jungen Jahren die lang­ wierige Arbeit der Zusammenstellung einer Bibliographie der badischen Geschichte in An­ griff zu nehmen. Die Übernahme einer solch weitgespannten Aufgabe erforderte allerhand Mut, zwang sie doch den jungen Historiker und Bibliothekar, seine Arbeitskraft auf lange Jahre festzulegen und damit auf die Heraus­ gabe größerer eigener wissenschaftlicher Dar­ stellungen mehr oder weniger zu verzichten. Soweit ihn später die Dienstgeschäfte eines Bibliotheksdirektors, die Ereignisse des zweiten Weltkrieges und schließlich die Wirren der ersten Nachkriegszeit nicht darin hinderten, hat Friedrich Lautenschlager mit großer Zähig­ keit und unermüdlichem Fleiß den einmal

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übernommenen Auftrag durchgeführt; ihn zu beenden, war ihm nicht mehr vergönnt. Eine weitere, ursprünglich nicht voraus­ zusehende Aufgabe erwuchs ihm daraus, daß das von ihm geleitete Institut, die Badische Landesbibliothek in Karlsruhe, im Jahre 1942 bei einem Luftangriff großenteils ein Raub der Flammen wurde. Zwar gelang es ihm und seinen Mitarbeitern, für die Bibliothek eine Notunterkunft zu finden und die fühlbarsten Lücken des Bücherbestandes wieder zu schlie­ ßen. Die Bemühungen allerdings, an ihrem ursprünglichen Platz der Bibliothek wieder ein neues Heim zu schaffen, zeitigten noch keinen sichtbaren Erfolg; hier erwiesen sich bis jetzt die Verhältnisse stärker als sein Wollen. Die berufliche Laufbahn Friedrich Lauten­ schlagers verlief ziemlich geradlinig. Am 2. Oktober 1890 in Niefern geboren, absol­ vierte er später das Reuchlin-Gymnasium im benachbarten Pforzheim. Anschließend wid­ mete er sich an den Universitäten Berlin, Frei­ burg i. Br. und Heidelberg dem Studium der Geschichte und der deutschen Philologie. Als Schüler Hermann Onckens promovierte Lau­ tenschlager 1915 mit der Arbeit „Zur V or­ geschichte der badischen Agrarunruhen im Jahre 1 8 4 8 “. Er baute noch im gleichen Jahre das behandelte Thema weiter aus und ver­ öffentlichte es im 46. Heft der Heidelberger Abhandlungen zur mittleren und neueren Ge­ schichte unter dem Titel „Die Agrarunruhen in den badischen Landes- und Grundherr­ schaften im Jahre 1 8 4 8 “. Die Aufstandsbewegungen der Jahre 1848 und 1849 bildeten auch später noch mehrfach den Gegenstand seiner historischen Betrach­ tungen. So brachte er die Persönlichkeit des „Achtundvierzigers“ Karl Blind im 6. Band der Badischen Biographien und die Amand Goeggs im 96. Band der Zeitschrift für die Ge­ schichte des Oberrheins zur Darstellung.

Führte Lautenschlager uns 1916 im 3. Jahres­ band der „Badischen Heimat" in einem Auf­ satz Bilder aus der revolutionären Bewegung des Frühjahrs 1848 im badischen Unterland vor Augen, so veröffentlichte er 1920 unter dem Titel „Volksstaat und Einherrschaft" eine Dokumentensammlung aus der badischen Revolution 1848/49. Im August 1915 übertrug die Badische Histo­ rische Kommission dem jungen Volontär an der Universitätsbibliothek Heidelberg, Fried­ rich Lautenschlager, die Herausgabe der „Bi­ bliographie der badischen Geschichte“. Wäh­

rend die ersten beiden, in je 2 Halbbänden e r­ schienenen, die allgemeine politische Geschichte und die Hilfs- und Sonderwissenschaften be­ handelten Bände zwischen 1929 und 1938 veröffentlicht wurden, kam der dritte Band nicht mehr zur Drucklegung. Er sollte die historische Landes- und Volkskunde ein­ schließlich der Ortsgeschichte und O rts­ beschreibung, sowie die Personen- und Familiengeschichte enthalten, während ein alphabetisches T itel- und Sachregister als Ab­ schluß des Gesamtwerkes vorgesehen waren. Als Ergänzung seiner Bibliographie veröffent­

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lichte Lautenschlager über eine Reihe von Jahren in der Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins Jahresübersichten des badischen geschichlichen Schrifttums. Nach landschaft­ lichen Gesichtspunkten geordnet, stellte er in den Jahresbänden 1922, 1935 und 1937—1941 der „Badischen Heimat" das wichtigste Schrift­ tum des Kraichgaus, der Ortenau, des Ufgaus, der Baar, des unteren Neckarlandes, des oberrheinisch-elsässischen Raumes und des Breis­ gaus zusammen. M it Heidelberg, wo er noch im Herbst 1915 als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter an der Universitätsbibliothek Anstellung fand und nach seinem im folgenden Jahre abgelegten Staatsexamen 1921 zum außerplanmäßigen und 1924 zum planmäßigen Bibliothekar be­ fördert wurde, blieb er zeitlebens eng ver­ bunden. Zeugnis davon geben mehrere kleinere, an verschiedenen Stellen veröffent­ lichte Untersuchungen über die Heidelberger Universitätsgeschichte um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert, der in drei Auflagen 1925—1931 erschienene Wegweiser durch die Universitätsbibliothek und nicht zuletzt die 1925—193 3 gemeinsam mit Hermann Mitgau herausgegebene Schriftenreihe der Akademi­ schen Mitteilungen. Auch nachdem er im März 1936 zum Direktor der Badi­ schen Landesbibliothek in Karlsruhe ernannt

worden war, erinnerte Lautenschlager sich noch immer gerne seiner Heidelberger Zeit. In seiner „Bibliographie der badischen Geschichte" hat sich Friedrich Lautenschlager selbst ein ehrendes Denkmal gesetzt. Als un­ entbehrliches Nachschlagewerk für jeden Er­ forscher der südwestdeutschen Landesgeschichte wird es noch seine Bedeutung haben, wenn andere zeitgenössische wissenschaftliche Un­ tersuchungen schon längst überholt und mehr oder weniger vergessen sein werden. *

*

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Wir fügen noch an, was über die Persön­ lichkeit des Verewigten der Heidelberger Stadtarchivar Dr. Herbert Derwein in einem Nachruf schreibt: Als Mensch gab sich Lauten­ schlager in einer schlichten Natürlichkeit, der jedes Geltungsbedürfnis nach außen fern lag. Sein hervorstechendster . Charakterzug, die intellektuelle Redlichkeit, ließ ihn jedes Geist­ reichtun und Blenden, jedes Dilettieren auf wissenschaftlichem Gebiet hassen, während er da, wo er den Willen zu ernster Arbeit fand, hilfreich schenkte aus den Schätzen seines Wissens, seiner Erfahrungen und der ihm an­ vertrauten Bibliothek. All sein Wirken aber durchdrang die reine Liebe zu seinem badi­ schen Heimatland und die Dankbarkeit gegen die, die seine Geschichte erforschten und dar­ stellten. Red.

Dr. Bruno Leiner Von H. S c h w a rz w e b e r, Freiburg

Aus Konstanz kam die tieftraurige Nach­ richt, daß am zweiten Adventssamstag un­ erwartet Dr. Bruno Leiner verschieden ist. M it ihm hat der Seekreis einen Mann verloren, der in seiner Universalität, Aufgeschlossenheit, persönlicher Einsatzbereitschaft und alter Kul­ turtradition unübertrefflich war und wohl auch unersetzlich bleibt. Es war, als ob die so reiche Kultur- und Traditionsgesättigtheit der Bodenseelandschaft in der Familie Leiner

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einen Kristallisationspunkt gefunden habe, und sicher war auch das Malhaus in Konstanz ein Mittelpunkt des Kunst- und Kulturlebens der alten Reichsstadt. Schon sein Großvater hatte einst den Bodenseegeschichtsverein ge­ gründet, dem jetzt der Enkel jahrelang Prä­ sident und Herausgeber seiner Jahrbände war. Es war, als ob es in der alten Apotheker­ familie Leiner zur Ehrenpflicht gehörte, neben dem Stolz auf ihren ererbten Beruf die Pflege

der Heimat, ihrer Geschichte, Kultur und Kunst in besonderem Maße zu betreiben. Es war allen Teilnehmern der Landestagung der Badischen Heimat in Konstanz im Jahre 1926 ein ganz besonderes Erlebnis, die beiden Apotheker Leiner, Vater und Sohn, als solche Fachkenner der Urgeschichte und Geschichte ihrer Vaterstadt und ihres ganzen Heimat­ bezirkes zu sehen, daß sie es mit jedem Fach­ wissenschaftler aufnehmen konnten. Dazu kam die Macht des geschliffenen und geistvollen Wortes, die sofort in das Wesen der Dinge einzuführen vermochte und jede Problem­

stellung klar herausarbeiten konnte. Die Hei­ matkunde und ihre Erfassung und Pflege war so vom Großvater über den Vater zum Sohn als edelstes Vermächtnis und kostbares Erbe gekommen, und man mußte nur einmal eine Führung durch ihr geliebtes Rosgartenmuseum erlebt haben, um die ganze Begeisterung und tiefe Verbundenheit mit der Heimat dieser vorbildlichen Heimatfreunde zu verstehen. „Vor uns liegt ausgebreitet eine stolze V er­ gangenheit in kultureller, geschichtlicher und künstlerischer Beziehung. Wir sind die Erben, deren Pflicht es ist, würdig der Vergangenheit

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zu sein. Der Erben Kraft ist, sich bewußt der eigenen Geistigkeit zu sein, die in dem Leben ihrer Väter in Taten schon Erfüllung fand. Den Geist der Väter und die Geistigkeit der alten Zeit zu zeigen, das ist die Mission, die dieses Sammlungshaus zum Rosgarten zu erfüllen hat“, so schrieb Dr. Bruno Leiner in unserem Jahresheft „Der Untersee“ im Jahre 1926. Und man mußte eine Stadt glück­ lich schätzen, die solche Männer in ihren Mauern hat. Das Rosgartenmuseum, heute der ganze Stolz von Konstanz, ist das ureigenste Werk der so geschichtsbegeisterten Herren vom Malhaus. Aber ebenso lebendig wie för­ dernd und anregend stand der allzufrüh Ver­ storbene mitten im Kulturleben der Gegen­ wart, das er als Vorsitzender des Kunstvereins Konstanz wie als Erster Bundesvorsitzender des Bodensee-Hegau-Sängerbundes wesentlich beeinflußte und bestimmte. Man konnte ihn ruhig den Mäzen des Bodenseekreises nennen.

Und gerade aus dieser inneren Verpflichtung gegenüber der Heimat und ihren so reichen Kulturgütern wie gegenüber der Kunst und ihren Künstlern ist es zu verstehen, daß Dr. Bruno Leiner auch im öffentlichen Leben seinen Mann stellte und als Vorsitzender des Bürgervereins Bodan wie als Stadtrat der Stadt Konstanz viele Kulturgüter rettete, Gutes förderte und Schlimmes zu verhüten wußte, immer ganz ohne Rücksicht auf seine Person. Er war ein Tatenmensch, der sich immer ganz einsetzen mußte, ein Vollmensch, vor dem wir uns neigen und den wir in der ganzen Heimat­ bewegung als Vorbild bewundern. M it Weh­ mut und Dankbarkeit gedenke ich der letzten Gespräche bei der letzten Tagung des Ale­ mannischen Instituts zu Hall in Tirol in den Pfingsttagen des vergangenen Jahres — es sollten leider unsere letzten sein. Aber ein Vorbild war er und soll er uns bleiben.

Hermann Steureri* Von Em il ß a a d e r, Lahr

Er ist nicht wegzudenken aus dem Kultur­ leben der Stadt Lahr und der Ortenau: der am 2 7 .Februar 1955 im 82. Lebensjahr nach einem erfüllten Leben heimgegangene Oberstudien­ direktor i. R. Dr. Hermann Steurer. Über ein halbes Jahrhundert lang war er der gute Geist von Stadt und Landschaft: als Direktor des Lahrer humanistischen Gymna­ siums, zu dessen Schülern einst Emil Gott zählte, als Betreuer des Lahrer Heimat­ museums, als führender Mitarbeiter des Histo­ rischen Vereins für Mittelbaden und des Lan­ desvereins Badische Heimat, die in Lahr stets Hand in Hand wirkten, als Förderer von Wissenschaft und Kunst. Durch seine bescheidene und zuverlässige Art erwarb er sich die Sympathien von jeder­ mann, durch sein gediegenes Wissen und seine Herzensgüte die Liebe seiner Schüler, durch

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seine Hilfsbereitschaft die Dankbarkeit der Stadt. Seine Wiege stand in Donaueschingen. Dort wurde er, der Freund der Musik, am 22. No­ vember 1873, am Tag der Heiligen Cäcilia, geboren. Der Vater, Altphilologe, stammte aus der Ortenau. Von der Mutter, der Musiker­ familie der Bell angehörend, ererbte er die Liebe zur Musik. Von Breisach aus, wohin sein Vater versetzt worden war, besuchte er das Freiburger Ber­ toldsgymnasium. Er studierte Altphilologie in Freiburg, Straßburg, Heidelberg und Berlin. In verschiedenen Städten Badens, u. a. drei Jahre in Tauberbischofsheim, wirkte er als Lehrer, ehe er 1902 nach Lahr berufen wurde. 1904 wurde er hier zum Professor ernannt; 1924 wurde ihm die Leitung des Gymnasiums übertragen. Seine Erziehungsarbeit stand unter

dem Leitwort: „Von der Dumpfheit zur Klar­ heit.“ Hermann Steurer war ein „Mann des Maßes“. Er erstrebte die Synthese von antiker und abendländisch-christlicher Kultur. Nachdem er 1938 in den Ruhestand getre­ ten war, stellte er sich in den Notzeiten der Kriegs- und Nachkriegsjahre seinem Gymna­ sium immer wieder gerne als Lehrkraft zur Verfügung. In naher Beziehung stand der Schulmann und Heimatfreund zu Emil Gott. Er besuchte ihn mehr als einmal droben auf der Lein­ halde. Die Schwester seiner Mutter, Antonie Bell, war Emil G ötts vertrauteste Freundin. Vor einigen Jahren übergab Steurer die zahl­ reichen Briefe Emil Götts an Antonie Bell der Freiburger Universitätsbibliothek. Im Besitz der Familie Steurer befindet sich heute

noch eine literarische Kostbarkeit: das drei­ hundert Seiten umfassende „Buchklötzchen“ von Emil Gött. Es enthält handschriftliche Aufzeichnungen für Antonie Bell aus der Zeit vom 6. Dezember 1892 bis zum 7. Mai 1904. Die Inschrift, die wir auf dem Grabmal von Emil G ött lesen, gilt auch für Hermann Steu­ rer. Er war ein Lichtsucher wie G ött: Über allen Wolken bist du, o Sonne! Über aller Nacht ist Licht. Über all dem dunkeln Weh der Welt Schwebt der Feuerball der Wonne. Hebe dich, Mensch, und verzage nicht! Der Landesverein Badische Heimat wird Hermann Steurer, dem großen Erzieher, dem edlen Menschen, dem allzeit tätigen Heimat­ freund ein ehrendes Andenken bewahren.

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Altstaatspräsident Leo Wohieb 1* Von H. S c h w a rz w e b e r, Freiburg

Das Badnerland hat seinen treuesten Sohn verloren! Das war der niederschmetternde und herzbewegende Eindruck, als an jenem Sonntagabend der Rundfunk die Trauerkunde brachte: Der deutsche Gesandte in Portugal, Leo Wohieb, ist in Frankfurt verstorben. Er hatte den portugiesischen Handelsminister nach Bonn begleitet, die ganze Woche umsorgt und jetzt in Frankfurt zum Flughafen gebracht, er selbst war in sein Hotel zurückgekehrt und hatte sich niedergelegt und nach dem Arzt verlangt. Als dieser beim zweiten Male den Patienten nicht besser fand, ordnete er bei diesem bedrohlichen Zustand dauernder Atem­ not die Überführung in ein Krankenhaus an. Und dort war, allen ärztlichen Bemühungen zum Trotz, der Patient noch vor Mitternacht verschieden, an Lungenembolie, in Verbin­ dung mit einer zu spät erkannten Venen­ entzündung . . . Und so kehrte Südbadens erster und einziger Staatspräsident als Toter dahin zurück, worüber er in seinen Lebens­ erinnerungen mit seinem Humor so fein ge­ schrieben hatte: „Daß ich mein liebes Freiburg als Geburtsort gewählt habe, freut mich mein ganzes Leben lang.“ Er kehrte heim mitten aus seiner Arbeit, die ihn so restlos und ganz umfangen, wie alles, dem sich der Ver­ storbene gewidmet hatte, und seine Heimat empfing ihn und bereitete ihm eine Totenfeier, wie sei keinem Fürsten oder Erzbischof er­ greifender hätte geboten werden können. Nicht nur, daß das ganze staatliche Deutschland ver­ treten war, nicht nur, daß von allen Rednern dem toten Staatspräsidenten bestätigt wurde, er habe einen guten Kampf gekämpft, auch sein politischer Gegenspieler, der heutige Ministerpräsident von Baden-Württemberg, sprach das offene und versöhnliche W ort: „Wohieb hat den Kampf um die Wiederher­ stellung Badens sachlich, vornehm und redlich geführt.“ Aber noch ergreifender war die

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überwältigende Teilnahme des badischen V o l­ kes, das seinem Sachwalter und Verteidigei seine Dankbarkeit erweisen wollte. Hier kam wirklich einmal die ganze Liebe zum wahren Volksmann zum Durchbruch, der so oft seine Stimme für Freiheit und Recht mannhaft und furchtlos erhoben hatte, ohne daß man ihn überall verstanden hatte oder auch nur hatte verstehen wollen. Jetzt im Schatten seines allzufrühen erschütternden Todes kam die Gerechtigkeit und das Verstehen zu einem überwältigenden Bekenntnis, das vieles wieder gut machte, was schmerzlich mit dem Namen dieses aufrechten Streiters verbunden war. Leo Wohieb hat einst auf dem Freiburger Bertoldsgymnasium das beste Abitur gemacht, soweit es in dem mehr als zehnjährigen Pro­ tokollbuch verzeichnet war, und als dieser so hochbegabte Abiturient sich dem Studium der Altphilologie zuwandte, schien die ganze Laufbahn festgelegt und gesichert in den vor­ geschriebenen Geleisen des Lehrberufes. Und tatsächlich, wo der angesehene und auch wis­ senschaftlich so erfolgreich tätige Schulmann lehrte, fand er eine anhängliche und begei­ sterte Schülerschar, die heute noch dankbaren Herzens ihres hochverehrten Lehrers gedenkt. Er lehrte nicht nur die Humanitas, sondern er lebte sie auch vor. Als dann nach dem Krieg ein Mangel an geistigen Kräften und politisch unbelasteten Persönlichkeiten den Ruf an den damaligen Direktor des BadenBadener Gymnasiums ergehen ließ, sich dem Lande im Bereich der Politik zur Verfügung zu stellen, da versagte sich der Humanist nicht der höheren Pflicht, und der Jünger Platos wurde Staatsmann. Und wir Badener waren stolz darauf, den demokratischsten Staats­ präsidenten von allen Bundesstaaten zu be­ sitzen. Die Türe zu unserem Oberhaupt im Colombischlößchen zu Freiburg stand wirklich jedermann und immer offen. So weit offen,

daß gute Freunde des Staatspräsidenten um seine Gesundheit bangten. Wir hatten auch zugleich den uneigennützigsten und selbst­ losesten aller Präsidenten an der Spitze. Sein Leben bestand tatsächlich nur aus Arbeit und wieder Arbeit. Müdigkeit und Schlaf schienen unbekannte Dinge in seinem Tagesablauf zu sein, selbst Essen und Ruhe schien daraus verbannt. Wenn sein treusor­ gender Fahrer nicht dann und wann einfach vor einem Gasthaus haltgemacht hätte zu „einem Vespern“, wäre der Tag nur mit

Arbeit ausgefüllt gewesen, oft war es aber auch nur die Rücksicht auf seinen Fahrer, die Leo Wohieb ans Leibliche erinnerten. Aber wie oft war seine Zigarette der einzige Nah­ rungsersatz, wenn er von einer Rede zur andern fuhr und jene meisterhaften Anspra­ chen hielt, die seine Gegner fürchteten und seine Anhänger ebenso begeisterten. Da war er dann ganz der große Volksmann, der mit Humor und Sarkasmus die Volksseele faßte und in seinen Bann schlug. Der kleine Mann mit dem mächtigen W ort und seinem starken

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Herzen. Ein Ritter sonder Furcht und Tadel. Und Tatsache war doch, daß die Mehrheit der Badener hinter ihm standen, obwohl die vie­ len Landsleute außerhalb der Grenzen nicht zur Abstimmung zugelassen waren, dagegen alle Ortsfremden, sofern sie ein Jahr gemeldet waren.

mehr wegging, bis er sie als Stenogramm auf­ genommen hatte und am nächsten Tag in Maschinenschrift übertragen zur Korrektur vorlegte. Die beiden versprochenen Fortset­ zungen hätten bei der chronischen Überlastung des Autors auch wohl nur auf dieselbe Weise, einer Art sanfter Erpressung, erzielt werden können. Und nun, da wir auf seine Rückkehr warteten, hat ihn ein noch immer unfaßbares Schicksal hinweggerissen. Nehmen wir zum Tröste das Schlußwort seiner Erinnerungen: „Das ist nicht Wälderart, sich wichtig zu neh­ men. Wichtig ist uns nur unser Herrgott und unsere Heimat.“ Leo Wohieb aber gilt das W ort des Dichters: „Der ist in tiefster Seele treu, der seine Heimat liebt wie D u!"

Und nun schweigt diese mächtige Stimme, die so mühelos den größten Saal durchdrang, und seine weiteren Erinnerungen bleiben un­ geschrieben, so interessant sie auch wären. Schon seine Jugenderinnerungen bis zum Ab­ schluß seines Studiums in Heft 2/3 unserer Badischen Heimat 1952 konnte der Heraus­ geber nur erreichen, indem er einfach nicht

* *

Die £iebe ttMd nicht cnben W o h in foll ich mich roenöen In meines Herzens Not Die Liebe rnill nicht enöen Doch Du, mein Lieb bift tot. W ie könnt' ich überroinöen fo fchroeres Herzeleiö, kann keinen Troft mehr finöen A u f Eröen roeit unö breit. Die Sterne roill ich fragen W o ift öie Liebfte mein? Vielleicht roirö einer Tagen Bei mir -

fie märtet Dein.

Dann roill im Abenöfrieöen Ich zu öen Sternen fchau’n Unö aus dem Leiö hienieöen nach öroben Brücken bau’n. A . Trautmann, Walldürn

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Holzkreuz am Wege Schillingstadt-Oberwittstadt

Aufnahme Reichwein

Das Badische Frankenland im Spiegel seiner Dichter Von W i l i b a l d

R e i c h w e i n , Neunkirchen über Mosbach (Baden)

M it diesem Beitrag möchte ich versuchen, ein Bild des Badischen Frankenlandes zu zeich­ nen, wie es mir die heimischen Dichter in ihren Werken geschenkt haben. Das ist wich­ tig, weil gar vielen, die das Schicksal in diese Gegend verschlagen hat, . das Erlebnis ihrer neuen Heimat oder ihres Wirkungsfeldes nicht ohne weiteres zufällt; — zum anderen aber

auch, weil die Dichter die rechten Augen zum Erkennen des Wertvollen haben, das uns — weil alltäglich — gar nicht besonders auf fällt; — nicht zuletzt aber auch deshalb, weil ihnen die Gabe und die Gewalt des rechten Wortes gegeben ist, was uns selber unaussagbar ist und bleibt, dennoch sagbar zu machen oder darzustellen, wie es wirklich ist.

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Innerhalb des alt-badischen Landes stand das badische Frankenland — in dem Viereck zwischen Neckar, Tauber, Main und Jagst — am ungünstigsten in der Beurteilung. Und heute mag es in dem neuen badisch-württembergischen Staatsgebilde nicht besser sein. Man nennt diese Gegend „Hinterland“ oder gar „Badisch Sibirien“. Die Pfälzer am Neckar sagen, „hinter Mosbach sei die W elt mit Bret­ tern vernagelt“. Aber sie vergessen dabei, daß Boxberg und seine Umgebung einst jahrhun­ dertelang eine Pfälzer Enklave — d. h. ein von Mainzer oder Würzburger eingeschlossener Teil des pfälzischen Staatsgebietes — war. Das badische Frankenland hat infolge seiner Aufteilung in unzählige kleine und kleinste Herrschaftsgebiete nie einen rechten politi­ schen, wirtschaftlichen oder geistigen M ittel­ punkt besessen, wie ihn die Pfalz in Heidel­ berg und später in Mannheim oder das bayerische Franken in Würzburg besaß. So blieb es ewig abseits — eben Hinterland. Was weiß denn schließlich ein Bewohner der badi­ schen Rheinebene oder gar ein Bürger unserer neuen Landeshauptstadt Stuttgart von der hiesigen Gegend und seinen Bewohnern? Bestenfalls etwas von seiner Mundart mit den vielen breiten „sch". „Gänschmauscher“ nennt man die badischen Franken und dichtet ihnen das Eingeständnis größter Armseligkeit an: „Wei(n) hämmer ka(n) awwer gutsch, gutsch Wascher!“ — Sie wissen nichts mehr von den alten Reichsstraßen, die dieses Land durch­ zogen, und deren Bahnen Könige und Kaiser des Reiches gefolgt sind. Die berühmtesten Kaufherrengeschlechter des Mittelalters ließen hier ihre Wagenkarawanen fahren, psalmierende Nonnen und Mönche kannten diese Straßen von ihren Wallfahrten her und bauten an ihnen Klöster und Gotteshäuser. — Im Bauernkrieg schlug hier das Herz des Deut­ schen Reiches und traf die größte Freiheits­ bewegung unseres Volkes das harte Geschick der Vernichtung durch Gewalt. Das Wort „Macht geht vor Recht“ konnte damals ent­ standen sein. Heute noch stottern wir an den

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damaligen Forderungen der Bauernführer herum. All’ die Jahrhunderte seither haben unserem Volke noch nicht völlig zu geben vermocht, was damals der fortschrittliche Geist unserer Ahnen für notwendig erachtet hat. Heute noch wird das politische oder soziale Ringen vielfach von dem Geist be­ wegt, der einst in dieser Gegend unter der Fahne mit dem Bundschuh gekämpft hat. Von keinem Kriege des Reiches blieb dieses Land verschont. Unsere Frankenstädtchen er­ lebten ihre Blütezeit, als Mannheim und Karlsruhe entweder überhaupt noch nicht existierten oder noch völlig unbedeutende Flecken waren. Und ein Großteil der Bevöl­ kerung Mannheims stammt von den boden­ ständigen Bauern und Handwerkern der badisch-fränkischen Dörfer und Kleinstädte ab. Es hat seine beste Volkskraft von hier bezogen. Das alles ist vergessen, weil der Fremde gar leicht dazu verführt wird, allein die Züge der Vergangenheit, des Verfalls oder Zerfalls auf sich wirken zu lassen, die die kleinen Städte und Dörfer dieser Gegend heute zu­ nächst in ihrem Antlitz tragen. Sie sehen nur, was sich auf der Bühne dieses Landes im gegenwärtigen Augenblick abspielt, oder auch, daß im Augenblick auf dieser Bühne kein volk- oder weltbewegendes Spiel stattfindet. Altfränkisch nennen dann die Zeitgewaltigen unsere Dörfer und kleinen Städte. Es scheint ihnen hier alles hinter dem Mond daheim zu sein — zurückgeblieben. Das Badische Fran­ kenland ist ihnen eine totlangweilige, ver­ schlafene Landschaft, in der sich Füchse und Hasen „Gute Nacht“ sagen, und in der die Menschen bei sehr viel Arbeit ein freudloses Dasein führen. Aber Leo Weismantel schrieb in seinen Büchern „Stille Winkel in Franken“ und „Vom Main zur D onau": „Von dem Leben dieses Landes, von seinem Wesen und seiner Seele, stehen nur die äußeren Symbole. Doch wer weiß, wie tief die Wasser des Lebens in der Erde fließen, und wann oder an welcher

Stelle sie in späterer Zeit einmal wieder her­ vorbrechen werden? Der Gegenwart gehört dieses Land freilich nicht. Aber es scheint wie ein Brachland zu liegen und Schätze der Ver­ gangenheit in sich zu bergen, die nur der fin­ det, der mit der blauen Blume durch die Lande geht. In dem Augenblick, da eine Menschen­ hand sie berührt, verwandelt sich die Blume in einen Schlüssel. Eine Tür, die vorher kein Mensch gesehen hatte, steht vor den Geheim­ nissen dieses Landes. Der Zauberschlüssel öffnet sie, und dahinter führen dunkle Gänge in die Schatzkammern der Tiefe. — Vielleicht wartet hier alles auch nur auf einen Pflug der Zukunft, der die Schollen dieses Landes wie­ der aufreißt und ein neues Leben, das wir Heutigen noch nicht ahnen, und dessen Ge­ stalt wir noch nicht sehen, aus ihm hervor­ brechen kann.“

Erde audi heute noch weiterbestehen, mit der Gegenfrage beantworten, worin diese Ge­ heimnisse beruhen: Rühren sie von dem Dornröschenschlaf her, in dem ein Stüde meiner Heimat nach der Napoleonischen „Län­ dermesse“ versank? Oder von den geschicht­ lichen Kräften, die dieser uralten Kulturland­ schaft ihr Gepräge gaben und sie zu dem machten, was sie, allen Wandlungen zum Trotz, auch heute noch ist? Es heißt, eine Landschaft sei ein Seelen- oder Gemüts­ zustand; aber der Beobachter, der mit histo­ rischem Sinn Werden und Vergehen betrach­ tet, sieht in dem Schauplatz bedeutsamer historischer Ereignisse mehr, insofern er ihn aus der ästhetischen Stimmung des Augen­ blicks in ein Reich der Gewalten und Gestal­ ten entführt, die Stammes und Völkerschick­ sale schaffen.

Das badische Frankenland und sein Leben ist voller Heimlichkeiten und Geheimnisse. Oder es ist ein Land, das nur von seiner Ver­ gangenheit her verstanden und begriffen wer­ den kann, d. h. nur von einer romantischen Seele, die nicht nur das Gegenwärtige, son­ dern auch das Vergangene liebevoll zu be­ greifen sucht. Weismantel schreibt: „Die Gegenwart ist nur wie eine Maske oder Ver­ kleidung, die das Ewige, das Bleibende und Unveränderliche verbirgt. Wie Hüllen der Kleider zieht das Unwandelbare bald dieses, bald jenes über, und wirft bald dieses, bald jenes ab. Wir rasten aber gar oft viel zu sehr in der Verwandlung und halten sie für das Wirkliche, statt das Ewige, das Bleibende und Unabänderliche liebevoll erforschen.“

Dieses Heimaterleben erfüllt auch das Ge­ dicht von Wilhelm Weigand:

So etwa hat auch der Dichter und Schrift­ steller Wilhelm Weigand aus Gissigheim seine Heimat gesehen, von der er im Jahre 1932 in der Wochenbeilage des damaligen Karlsruher Tagblattes „Die Pyramide“ geschrieben hat: „Von einem Romantiker stammt der Aus­ spruch: „Ganz Franken ist voller Geheim­ nisse“. Ich möchte aber die Frage, ob diese Geheimnisse eines reichen Stückes deutscher

fro n te n @ß ifl mein £anb, wo füll bie glfiffe gelten burcf) bie fmaragbengrünen ©iefentafe, unö in uralten Warfen ©cfloffer fielen alß läng|? »erfunPner Seit Befürmte Sföale; wo oor Ben fcfyßn gefefweiften KeBenleiten Ber ®ilbfioc! ragt, auß rotem ©tein gefjauen eon frommer f?anb, auf Bern Bie BeneBeiten Sdofßetfer in if>r fjerrlicf) SSeinlanB flauen; tt>o fcfiwül im £enj Ber
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Hinzu kommt, wenn wir das badische Frankenland „mit der Seele suchen“ oder wirklich begreifen wollen, daß wir etwas von der Schönheit, dem Wert und dem Segen der Abgeschiedenheit und der Stille erkennen lernen. Das badische Frankenland hat mit der Ge­ genwart der Motore, der Flugzeuge, der Atomkraft oder der Radargeräte, der qualmen­ den Fabrikschlote und der heulenden W erk­ sirenen nichts zu tun. Aber das gerade ist der Grund für den geheimnisvollen Zauber, der über dieses Land gebreitet ist. Gerade diese Stille und Abgeschiedenheit waren es, die Wilhelm Weigand zum Dichter heranreifen ließen. In einem Gedichte der Sammlung „Som­ mer" träumte der Dichter einmal im schönen Süden von seiner Kinderzeit daheim:

(Sinfam ©iefe, fcgimmerflate Dlacgf füllt baö Xal mit SRonbeöbämmetn. Stimmen «alten, ©egraiebe gämmern, ©locfen Hingen getbenb faegf. ©egnfucgt — auö beö Knaben Xraurn big allein mit treu geblieben, triebg jurn Sichten rnieg, p tn Sieben buteg bet Stbe reichen Dtaum. ©egnfucgt naeg bet tiefen SRafb über allem ©bentreiben, bag in golber ©fille bleiben alle gülle, alle Sag." Hierher gehört auch Weigands Gedicht „Mittagszauber“ in der Sammlung „Sommer“ : <3 R itfa g ^ c u tb e r „3m gauber fcg»eigenötiefet CO^itfagö^eit tag’ icg am fommerlicgen SBalbeöfaum. © n fümmetnb »armeö ©uffen »eit nnb breit, unb über mir ber feibenblaue Dlaurn. Sßerfäufelt iff ber 55iene leifer Xon, »erjaubert fie^n bie SBlumen in ber ©lut. ©er lel-ste £au
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Hören wir aber auch die unvergleichlichen Worte, die Weigand in seinen Novellen „Weinland“ tür seine stille, weltabgeschiedene Heimat fand: „3cg gäbe gier ein »unberoolleö gitleö Dlafem plägegen entbeeft, »o icg galbe Dlacgmiffage fegrei* benb ober mit einem SSucg eergge unb nur immer in ben jaubergaffen ©lanj ber SRaienfage ginauö* träume. liegt nitgf »eitoomDlanbe eineö Heinen ©egßlfeö, baö geg an einem §ügel eraporfiegt, um ter einem uralten »ilben SMrnbaum, eon bem auö man »eit in bie buftblaue ©egenb gineinftegf. SSot mir erblicfe icg baö ©otf, auf beflen rotbraunen ©äegern geg @cg»ärme »eiger Xauben gerutm treiben unb baö fmatagbgtüne ge»unbene SQ3tefcn# tal, beffen SKüglbacg »ie eine glberne ülber im fat* ten ©uft ber gügeligen ftetne oerrtnnf. ©ie fanff# geneigten Diebgänge leuegten in fräftigem 35raun beö Stüglingö, »ägrenb bie frifegen ©aafen im gerben 9Raien»inb, ber mancgmal ef»aö »ie ©cgneebüffe mit fteg bringt, golbengrün p mir gerüberfegimmern. Dlecgfö oon mir, an einem fanf? ten £>ang, liegt ber ©offeöacter, beffen Kreufe im Haren ©olblicgf beö Slbenbö funfein, unb unmifteh bat $u meinen Sägen erquitlf ein »injigeö Üuellcgen unb »erriefelt in lautlofem ©eperl unter einer ©eefe faffgrogenben Dlafenö. Kenng bu bie eerlorene ©nfamfeif ber ftillen Dlacgmiftagögunben? ©ie panifege ©tille soll »e* benber S ta u e r? ©a gge icg unb bin ganf Dgr unb bin ganf Saufegen, unb boeg, »ie noeg nie, Poll beö »unberbargen inneren Sebenö. Über mir bet feibig blaue Srüglingögimmel ig nur eine einzige Sercgem feligfeit, mit ber bie gegeimen §aucge ber Selber im kommen unb ©cgwinben fpielen. ©ie »arme Suft ig gilt, unb nur pweilen gegf ein unmerflicger ©egauer buteg bie buftbrüfenbe Dluge, in ber bie fpigen §älmcgen niefenb gegen, alb »ebten ge in »unberbaren ©ebanfen. gureeilen gagef ein fma< ragbener Käfer an meinem Sug ootüber in baö oet* gifte ©iefiegt ber ©räfer, »o eine »irre SBelf eon fleinen, glänjenben Sffiefen laufloö butegeinanber; fribbelt unb gaffet; eine braunfamfene Rummel gängf geg mit eifrigen Sägen an eine faum et; fcgloffene ©olbe jungen SBiefenfleeö, unb baö »om nige ©efumm ber £onigfuegetin erfüllt bie fegläftig füge unb boeg gerbe Suft ber Selber mit geimlicg »ebenbem ©etön. 50or mir unb über mir filtert bie graglenbe ©tille beö Sicgtö in futfen, gegfbaren SSBellen, unb alleö, »aö mein Dinge trifft — ber blifsenbe Slug eineö »eigen Xaubenpaareö, baö mit furjen Slügelgögen buteg bie Säfte fägrf, ber £all eineö 3aucgjerö, baö Knattern eineö SBagenö auf ber blenbenb »eigen Sanbgrage, beten $8anb ferngin bureg bie leuegfenben ©aatfelber läuft — baö alleö fcg»immt jufammen in einem einfigen ©efügl unfäglicg fügen ©afeinö, baö mir bie D3rug beflemmt, — ©egauen unb ©egnen in einem »on* nigen Diätfel, in atmenbem ©ein. Sföancgmal treibt mieg bie gerrlicge Unrag in ben licgfgrünen S5laff»alb ginein, tief in bie üppige,

grüngolbene ©ilbnig, bie gef» p r Siechten rote ein littet atbgrunb öffnet. S a iff nun bag gleiche ge; feinte ©eben, unb hoch roieber ooll anberen Mt; meng unb ©ebeng. ©ie eine fntaragbene ©eile fliegt bag golbgtüne ©albgtag, aug bem bie fefmee; »eigen $8lütenträubcf)en bet SRaiglödcfjen ober bie bunten ®lüfen ber ©albroiden berauRhenb empor; buffen, über bie Sichtungen in ber Siefe bagin, roo goge Solbenffauben teglog über bem breibtätfrigen ©auerflee ober ben breiten gatrenroebeln gehen, bie geh traumhaft im geheimen $auch bet lichtgrünen Säromerung regen. SRanchmal fommf ein wehen; beg ©aufen über mir bure unb fühle: bag pdenb ieife ©piel ber Sidüffeden an ben fftber; grauen SSuchenffämmen, ber glodenHare Stuf emeg SSogetg ober ber ©(haften einer oorüberjiehenben ©ölte, ber geh roie ein jäher ©hauet auf bag ©e; heimnib ber lichten ©albegtiefe legt — bag geigert mein ©efügl beb SSerfunfenfeinb faff p einem lei; fen ©chnterj. Unb roenn ich bann aug bem ©albeg; buft unb ;bun(el roieber in bie freie SanbRhaff trete unb fege, roie bie ©chatten beb golbenen Sßach; miftageb tiefer »erben unb geh langfam in bab fatte Sicht h'neingreden, mug ich oft bab Singe Rhliegen, nur um bie felige Untag biefeb Sebenb erfragen p (önnen. Unb auch bie ©fernennächfe mehren nur bie Srunfengeit biefer Sage. ©ie bie roonnige Sftufff ber Srbe bringt bab SRauRhen beb SSrunnenb burch bab offene genffet meineb gimmerb p mir herauf, ©enn ich mich aub bem §enffet lehne, fege ich itt bem bemoogen Seelen bab Silber ber Slacht roie ein ©egeimnib Hinten; unb bab atmenbe Sunfel, in bem hoch oben in fanffem Stau bab £>eer ber ©ferne langfam roanbelt, ig »ober Su ff unb Stau; nen, bab erg in ber heiligen grüfte, roenn ber erge StofenRhauer aub Offen ben fahlen ©fernenbämmer ber gntenben Jßachf überhaucht, p einem erb; fremben SauRhen oergummt. 0 Sehen, Sehen! ©anchmal übertommf mich eine leife Slngg, roie eor einer rounberbaren gr; Wartung, unb bann bin ich hoch roieber eoll Übet; mufeb, ber feinet inneren Hochflut pflegt nnb geh ewig weig im Dtethenpg rounbetbatet Sage." Hier, im weltabgeschiedenen badischen Frankenlande, wird der Mensch zur B e ­ s i n n l i c h k e i t angeregt. Hermann Eris Busse schrieb in dem Jahresband der Badischen Heimat „Das badische Frankenland": „Dieses Land hat ein Antlitz nach innen, nach dem inneren Deutschland, in dem der Reiter von Bamberg die Zügel verhält, in dem Volks­

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Badische Heimat 1955

tumsräume ihr Eigenleben führen durften, fern der lärmenden Industrie, fern dem Reise­ massenverkehr, fern der bedrohten Grenze am Rhein, fern jeder Großstadt.“ Und Benno Riittenauer beschreibt seine Heimat Ober­ wittstadt, die er dort Hinterwinkel nennt, in seinem Alexander Schmälzle: „Sie SanbRhaft eon £interroin(el ig ein »eilen; förmigeg fjügellanb ber OtuRheKalfformation, eine abgelegene, weltferne ©egenb, wo in weitem Um; freig alteingefeffene fürgliche unb gräfliche ga; milien, roie bie oon £of)enlof)e, oon Söroenffein, oon SSerlichingen, oon geppelin, oon @alm;©otfmarg; borf unb anbere, auggebegnte Sänbeteien beffjsen, — p m grögten Seil ©alb unb ©ilbgegege, jroi; Rhen benen bie paar SSauernbörfer roie in hinter; roälblerifcher ginfamfeit liegen. — Siefe SanbRhaff hat im ganjen nichts 0togeg an geh, niegfg Dto; mantifegeg im getfömmlichen ©inn beg ©orteg. Qlber bie engen grünen Sälchen, an ihren hoben Dtänbern meig oon liefern Suchen; unb giegen; gegölj eingerahmt unb oon (laten Quellbächen burchgoffen, mit gerabe ginreiegenb ©affer, um geh jroifchen grien unb ©eiben unb ben hohen ©älbern oon SSacgbunge unb Kahenroinje nicht ganj p eerlieren, fonbern fogar oon geit p geit ein alteö morfeg geroorbeneg Otüglenrab in lang; fam gemächlichem Sauf fachte umptreiben: Siefe Sälchen ftnb mit ihren oielfacgen Krümmungen unb oerlorenen ©iefengrünben oon einer eigenen be; Rgeibenen ©chönheif mit fehr charafterigiffhet lp; rifcher Stim m ung — roie geroiffe fegwäbifege Sßolfg; lieber, bie aug biefer 0egenb Rammen mögen. 3n einem folchen Sälchen liegt fnnterroinfel. ©ein 23acg hoigt ber £afelbacg unb Rieft mitten burch bag Sotf. 3lucg er treibt, unb jroar gerabe oor feinem gintritt in §infetroin(el, eine alt; mobifege ©efreibemügle, bie £>edenmügte genannt, weil feit alten Seiten eine hoho Sorngede um ge her rouchö unb ge in eine blüfjenbe ©ilbttiö ein; Rhlog. — Sa b SRahlroerf ging wohl feit mehreren gahthunberfen. gö fyatte aber, »ab bei einem fo trägen unb langfamen Sehen hoch ein ©iberfpruch ig, big p meiner Seit nicht ben geringgen gort; Rhrift gemacht, ©eine ginrichfung war noch fo ein; fach, roie ffe oon Slnfang an geroefen fein mo^fe, unb baö 9?ab fo mürb unb alfetöRhroach unb fo oon triefenbem 5Slooö überfleibef, bag jebeö anbere ©affer alb ber p h mo §afelbach eg längff mit geh forfgeriffen hätte. S a g ganje Slnroefen befanb geh in einem höcfiff eerlofferten guganb, unb ber ®Jül; ler h«fte mehr ©chutben auf bem fRüden, alg an manchen Sagen Körner auf feiner 9Rüf)le. Senn bie reichen dauern liegen ihren Sinfel längff p ©chöntal auf bet neuen Kungmühle mahlen.-----gine (leine ©trede unterhalb ber ^edenmühle oer; einigte geh ber SRüglenfanal mit bem mügig unb unbelümmert jroifchen feinen grien unb ©eiben geh hittburchRhlängelnben ftafelbach, unb bie beiben

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atmen SSBaffer bilbeten fo jwifegen fteg eine 2ltt fjalbinfel ober Sanbfpige. ©arauf lag in feinet ganzen floljen ©elbffgerrr liegfeit mein Sßatergaud ... © n alter ©fort gunr betfblätttiger 3lofen in bet Scfe, wie aub ben @tunb mauern beb $aufeb geroorgetrieben, biU bete feinen £>auptfcbmuc£. ©rege, fdftanf auf* ragenbe geuerlilien blühten baneben unb flauten unb ju ben genfiern ginein ober würben eb getan gaben, wenn ignen bie SRutter mit igren ©eranien unb helfen niegf bie ©nfiegt tterfperrt gatte. 9ltn Sßotbcrranbe aber . . . wuegfen jribftöcie, bie mit ben rieftgen ®lätferfcgwertern ben bürten IRetfig* Saun buregbraegen, um braugen in ber greigeit weifersuwuegern, im alten ©emäuer beb $fügl* fanalb, bib ginunter an ben SSBajfetranb, wo igre niebergängenben pgantaflifeg gegatteten blauen SBlumen fteg fpiegelten, in ©emeinfigaft mit bem wilbwaegfenben ©olblad unb ©albei unb ganzen ©egaren oon SBrennefTcIn." Das badische Frankenland „mit seiner Pastoralen W eite und seiner weltabgeschie­ denen Schönheit, über dem immerzu ein feierlicher Choral zu klingen und zu schwin­ gen scheint (Busse)", ist nur spärlich von Wäldern verhüllt — ausgenommen ein paar herrschaftliche Großforste. Wilhelm Kraft schrieb einmal von seiner Heimat: „Nur die schlechteren Böden tragen Wald, oft nur Hügelkuppen und Hänge, unter denen kaum pflugschartief der gewachsene Fels ansteht. Kennzeichnend sind ihre weiten Ackerfluren. Hier dehnen sich unübersehbare Feldgemar­ kungen, kaum gegliedert durch flache Hügel und sanfte Täler. Hier gedeiht — oft auf mageren Mergeln — unübertrefflich der Spelz, aus dessen gilbenden Ähren in mühevoller Arbeit der Grünkern, der deutsche Reis, ge­ wonnen wird. Einst war hier der Weinbau heimisch. Er hat sich aber nur im Jagsttal und im Taubergrund erhalten. Gewaltige Stein­ wälle, die wie Riesenrippen an den Hügel­ hängen herabziehen, zeugen von dem unge­ heuren Fleiß gewesener Geschlechter.“ Froh und das Herz weitend sind die milden, der Sonne offen liegenden Täler. Kein schön­ heitsdurstiger Wanderer wird sich ihrem fried­ lichen Zauber entziehen können! Der verwit­ terte Kalkstein und Mergelboden bringt hier

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von den seltensten Kindern der Flora hervor, als da sind Frauenschuh, Akelei, Türkenbunds­ lilie, Knabenkraut, Küchenschelle, Enzian, wilde Tulpe, blaßgelber Eisenhut und der­ gleichen gesuchte und vielbeliebte botanische Sächelchen mehr. Von seiner Heimat singt Wilhelm Kraft aus Boxberg: ,,9Rei(n) £a(n)ntef got fa(tt) ©egneebereg, wu ju be SBolge fegbreewe; fegi got fa(n) IRiefefcgbäbte oouü üwwerftgbannbetn Seewe. Slott fla(n)tti äBüggt fülle beb gaitje granfelounb. ©oeg formt’ i, eg’r alb b’ £a(n)met, no miffe me reegbi £ounb. Sie Sgget fantr fou fcgba(n)ni, baff feiner fett ?5flug nei(n) gegt. ©oeg fällt im ijerbfegt bet ©inggl, igr netegebb fegönnern fegt. @t größt utttt treibt ttei(rt) b’Kötner, wall foitbiel ©cgwaag bruff leit. ©eb ©cgwarjbtoub mäcgt’b, bag bei unfeg fou fcgbni SRaabli geit. ©ie Üta(n)li unn bie IJBiefcge fegbegn bief ooull ©toofeg unn 23loome. ©cgi wogfege wie beim ©ärtnet, bet Herrgott feebt be ©oome. Unn mibbe in bem ©arbe bo leit fou fauwet fla(n) mei(n) ©orf, groob wie im iKingle ber fofegber ©>lfcgba(n). Unn wann im grügjogr jeibi ounn alle SBcrdg unn Klinge aub braune 2Binberfcgolwe bie Setcge goeg fegi ftnge, bann paeft nti’b in ber ©eel binn unn triwweliert ttnn mäcgf, me £etj flöpft wiber b’Diibbe wie an be 35a(n)me b’Scgbecgt. @b reigt mi fort, i waag net, i frooeg mi net, worüm. 3 guef net noeg ber ©eibe unn fegt net ga(n)mli üm. 3 laaf mit offene 9lacge unn bin boeg wie im ©ra(n)m. Unn wann me §erj Berboibt gof, bann bin i a bega(n)m." Ein anderes Gedicht Wilhelm Krafts, in dem er seine Heimat beschreibt, ist über­ schrieben „Bauernland“ :

93auernlanb „ d a u e rn sacfern in bet © m a tfin g , bei be SIBiefcbe, an be 35etcbbäng, u ff be ® ü d el, bei be SlBälber; tun i n o u (n ) gucf, jacfern SBauetn. 35eitfcbe fn aile, ipflugfcbotn b litje, © S e ltn e breebe unnerm (Siebe, ©rbe b a a m i, u nn SReeml fiteicbe wie bet Dlaacb » u n n D pfetfeu er. © eb t bie © ta (n )t» ä ll an be 3 8 ej(n )ert, SDlillione gelfcbebrocfe! ©fcblecbter, reu fc|o la n g »erm efi fann , betotuecb auß be Siefer gleefcf>e, aufent b itlie, fiefebie 35oube, b a f ib t Slinn u nn (Snfel fpeefer bomtne fftfi £ rä u t» l fefmeibe, t»u fe t jcf)ie no 5ffiüfff)fing t»or. £ a (n )m e t, § a (n )m e f, 5 B au ern ba(n )m ef! 31 lü 3Beifcbbeif, alli ©cbönbeit, 3tlli S t a f f unn a llet ©eeebe, alleß, alleß fü n n f auß b ir !" Die verschiedenen J a h r e s z e i t e n las­ sen uns das badische Frankenland immer neu erleben. Wenn sich im F r ü h l i n g an den Weiden der Bäche das erste scheue Grün zeigt, wenn sich die weiten Fluren durch die keimende Saat mustern, wenn die Schlehen­ hecken an den Rainen ihr zartes Weiß zeigen, und hoch in der weiten Bläue des Himmels ein Heer von Lerchen jubelnd hängt, dann kann in dieser keuschen Offenbarung kommenden Lebens nur ein Herz von Stein nicht ergriffen werden. Lesen wir nur die beiden Frühlingsgedichte Wilhelm Krafts, die er in der Zeitschrift „Mein Boxberg“ vom Jahre 1936 erstmalig veröffentlicht hat:

!5 rüf)ltng0regen 3laffi SSolge, SSiinb u nn Dleecbe: SBercf) unn © o o l in © o tteß © eecbe! Üm toerol an 3 ia (n ) u nn SUinge b a(n )m liß © ifebb ern , £acf>e, © in g e : Sluß be geifere J>eUt Q uelle, sffiäffetlt in b ßtre © cfm elle, jmüfebem £aat»i g tö n i ©cbbiftli, ©roofeb in alle SSouberihli, SSeieli in fable Jjeg g e, S ä ffetli u nn fdjöni ©ebnegge, biggi S to ffe u ff be SBa(n)m e, £eet»e au fem bobe £ a b (n )m e ! JRafft 2Bolge, 38itnb u nn Dleecbe: SSercb u nn © o o l in © otteß © eeebe!

© a 0 9J?ei0d)en fingt @ß leit en SEBeecb tueif bauf im glut, en fcbbille geelbmeecb »oller ©cf)ba(n). Sß jiecfü fe albi Dläjbetfcbbur »orbei an £eggebörn unn Dla(n). ©o ftngt am bögfebbe ©cblcbesweicb e 59laafcf)le feeli ürotoern ©eicb: © ’ Seit iß bo! Sß fingt fcf)o feit em frühe ©ooeb, t»af aufem fla(n)ne fjälfcfle will. SSSie ©iltoerglödli flingf fen ©cbloocb! Sfringfcb iß no alleß bob unn fcbbill. Unn auß bet blaue fMintlßbür fünnt grofj unn präc|ti b’ ©unne für: © ’ Seit iß bo! Unn ’ß 9Kaafcf)le locft unn löft net nooeb, fe ©cbbümmli üwwerfc^ecfjt febi ball. ©o fcfibtegge Steumli b’ ©ebbitje booef unn b’ SBlöömli mache uff »um ©cfall. 3lm SBoolbrounb bototoe läube fej(n) fcfjo bläui ©logge Ofcfbetn ej(n): © ’ Sott tß bo! Unn ’ß SJaafcfüe borebt, fcbbrecft’ß Stopfte booeb unn pfeuft, baf febier fe SBtüfcbfle febbringt. @n £etcbe fliecbf bet ©unne nooeb bifcb boers unn gug. ©o geit;er#e be erfebbe Suug: © ’ Seit iß bo ! 2Bu iß not ’ß SÜlaafcble? £eet bet 3*»eicb! — ©o ffü
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öcr jaßllofen Slacßtigatten, muß man fein ©ttoaßjen belaufßien, um fein ©tun, feine ©arme, feinen Suff, fein Sicßt, fein ©efen ju fügten. Sin manß)e» Sagen iff eß mir jumute, alß ob icß ben Fimmel unb bie Stbe in einem einigen @efü^I jum etfien 9Kal erfaßte unb in miß) ()itteinfrättfe. 3eben f23ogeI# laut, ber auß blauer $öße fällt, genieße iß> mit einem Snfjücfen, baß träumenb in fteß felbfi eet# ftnft unb boß) jeben Son, jeben ©uft, jebe ©olle, bie in feßimntetnber ©eijle buteß ben [eibenen 3tb# grunb beß $immelß jießf, mit einet überßtßmem ben £erjenßfülle in ftß> aufnimmt. 3ß) geßeßier umßer wie in einem unaußfpreßüiß» tounbetbaren Staunt, unb boeß feßen meine Stugen Singe, an benen icß fonfi in bet ©umpfßeit meiner fiäbtifcßen ©erftage aeßfloß unb blinb oorüberging. §a(l S u fß>on bemerft, toie ftß) ein Sbucßenblaff auß ber glänjenb braunen Snofpe im £auß> beß ©orgenß ioßtoüf? ©ie eß, oon jartefJer ©eibentoeißie, an ben ftlbergtauen gtoeigen ßängt, unb toie baß [raa* ragbeneöolbbiefet gerippten 25lätfcßenben33ucßem feßlag in einen ©ätß)enfß)leiet ßüttf, auß bem bie filbergrauen Stämme glatt wie Säulen entpon taueßen? @ß iß ettoaß Unfagbareß in bem Suff, in bem biefe golbenen Saubtoittniffe beben; unb jutoeilen ringen ß(ß ßeimlicße Saufe auß ber ßerb* buffenben ©alberbe loß, alß gingen ba unten bie ßlbernen Slbern ber Quellen in bie feßaffigen §änge, w o ße perlenb jutage treten.

Dorfe“, aus der Sammlung „In der Frühe“ aus dem hier zwei Strophen folgen sollen: ff* * * *

©olben faß icß tingß ßcß bräunen weieß im ©inb baß Slßrenfelb. Sblutrot glomm an aßen ©egen toilber ÜKoßn im ©inbeßregen, lerß)enjelig toarb bie ©elf. Serßienfelig meine Seele, bie auf ©offeß ©egen ging, unb im ©ufte jebet Slüfe — eine glitte, eine ©üte — ! Stillßen ©ruß ber ©elf erapßng. — " Wilhelm Kraft schilderte einen „Sommer tag im Frankenland“ vom Jahre 1932: „3 bin am ©oolb im ©oifß>i gleeß>e, bief unner mir e §elmctmeer, un ütotoer mir im Sunnereecße inn ©olgenöß e £erß>eßeer. ©er ©ooß> toor fou eoll ©uuft unn Seeß>e, fo eotler ©ogfßte, Siicßf unn gtaab; i bin im toaaeße ©oifcßi gleeß)e unn außglbfßif toor mer Sbrß) unn Saab.

Socß mitten auß biefent unfagbaren Stauen, in bem alle Singe wie in einem einjigen Sicßf ber Seßnfucßt feßtoimmen, quillt jutoeilen eine rätfeh ßaffe Sraurigleif in meiner Seele auf: baß alleß, toaß mein frunfeneß 3luge trifft, ßeßf unb ßießt im gleicßen Sehen toie icß felbß, unb boeß iß eß mir fremb unb bleibt oon bem tounberbaren Seßnen außgefcßloffen, baß rnieß erfßßt unb tußeloß bureß biefe gbftlicßen grüßlingßtage baßinfrägt. Unb toenn icß baran benle, baß ßier, auf biefem 35oben, meine Sßäter gelebt ßaben unb in ber @rbe rußen, überfeßauerf miß) ein feltfameß ©efüßl, baß icß Ur? oätergrauen nennen mbeßte."

3Ke Slacßeliber fammer gfunfe. ®ß toor ganj tounnetfcßb(n) unn feßbitt, grab fou, alß ßätti ©ei(n) gebtunfe unn fennt net benfe wie i will.

Ebensogroß wie das Erlebnis des Früh­ lings im Frankenlande ist das des S o m ­ m e r s . Wenn in seiner Schwüle über einem

3 feßbreef mi läfjt in ber Sunne. ©ie buf beß Siicßt aam tooußl unn gut! @ß fitnnf in golbene §8äß)li grunne unn Ißöft aam Ieiß)f unn froß neijß SSluf.

endlosen Meer von fruchttragenden Feldern die heiße Luft zittert und flimmert, wenn aus den

Ährenfeldern

am

Wege

Klatschmohn

brennt und die Kornblume blaut und kein Menschenlaut wach ist, wenn nur fernher ein Gabelweih seinen heiseren Schrei hören läßt, dann fühlt der Mensch der Stadt, des Be­ triebes und der Technik: Hier ist Frieden! — Frieden und Segen! Das spüren wir auch aus einem Gedichte von Wilhelm Weigand „Im

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3 ßör im ©ool e Sbeitfcße fnatte. Ü ©ierle fratotoelf mer am S5a(n). öorß)! Sltotoel iß e Üleifßüe gfalle. S ü ß fumme SBienli bauß am Üba(n). .fringfß)üm iß ernftß, ßaantliß Seetoe, unn iieß leeß) glücfli mibbe bin unn fß)bür be große ©a(n)fcßber toeetoe unn freu mi, baß i Seßrbu bin.

Unn aufem SSoube, bief ounn unne, bo rejcßtfcßi e eerboreßeni ©tooolf unn ftggerf in mi wie en Sbrunne, wie QueüetoajTer rein unn foolt. Suuff, Sunneliiß)f unn ©rbefäfbe beß brinfe iPflanje, SJfenfcß unn ©ier; in alle feßaffe gleicßi Äräfbe, unn atti fann oertoanbt mit mir. Unn’ß ßof mi feeli ütotoerloffe: 3 bin jo wie eunn ©loofeß fou ßeel, unn feßbeß noß) alle Seibe offe, unn atteß dingt in meiner Seel!

Für den Herbst besitzen wir ebenso in Wilhelm Krafts Mundartgedicht „Der Herbst“ vom Jahre 1952 ein gleichwertiges Denkmal. Allein der Winter im badischen Franken­ land wartet noch auf seine Schilderung, wenn man nicht in diesem Zusammenhang auf das benachbarte Gebiet um Langenburg und die von Agnes Günther in ihrem Roman „Die Heilige und ihr Narr“ so meisterlich beschrie­ bene Waldweihnacht verweisen will.

Wilhelm K raft Unn alled rotU fc^t tu tuet fptc^ln: — g SEBunnerfraft f>ot rni befeelt! — Unn bu t mi net bltinb eetrtcfün, fo trooef) i immerhin e ®elf. 5Baf fnttc^ itcJ) in ber gtemrn bauf ®unner, » u titf) meiebbi net berfoodj? ©cf)i falle tuet »um Sitmel rannet begannt am blaue ©ummerbooef). Oder ich denke an die Schilderung eines Sommermorgens im Frankenland von Wilhelm Weigand in seinem Roman „Die Franken­ taler“ : „Sßott geit p Seit blieb er tiefatroenb flehen, nahm feinen $uf ab unb lief ben reinen £auch beb SRorgenb feine ©tim nmfpielen. 3Bie ein @r* matten lag ed in ben büftefatten büften unb auf allen SEBefen, bie bab fönigliche ©eflirn erharrten. Unb nun perlten auch bie erflen roftgjarten £öne beb himmiifchen £icf)ted in bie Xiefe beb glufieb unb in bab bunlle ©Wattenmeer, bab bie be* walbeten §ügel gegen Offen umfpülte; eine tief flehenbe SßoKenwanb erglühte allmählich in lohen* bem Output/ unb bie garben ber Äleeäder, ber Äornfelber unb Blumenbeete erfchimmerfen unter ber ©ilberbede beb perlfeinflen Oaub. Oie Sßögel waren fcfwn lebenbig; jaßllofe Sercfen trillerten unfichtbar in ben reinen §ßhen; auf einem ©arten* bäum fang eine oerfpätete JRacfrtigalt langgebehnte, fchmeljenbe Sone, unb aub einem Sleefelbe oon bem anberen Ufer beb gluffeb (am bet SUang einer ©ichel burch bab golbburchwobene Oämmerlicht. @b war bem ©chreitenben pmute, alb empfänbe er jum erflen Ofale ben Sauber biefer fommer* fühlen erflen grüße."

Die f r ä n k i s c h e n Kleinstädte wie Wertheim, Tauberbischofsheim, Boxberg, Buchen, Adelsheim oder Lauda sind kleiner als manches Industriedorf in der Rheinebene, dafür aber gewiß viel schöner und anziehender mit ihren altertümlichen Gassen, Toren und Brunnen — mit ihren Madonnenbildern in den Häusernischen und ihrem bodenständigen Hand­ werker- und Kaufmannsstand. Hier steigen nicht wie in den großen Städten gleichförmige Häuser in düsteren Straßen nebeneinander in die Höhe, eines so grau oder rusig wie das andere, ohne einen einzigen Zierrat, ohne ein Gärtchen vor dem Hause oder um das Haus. Unsere fränkischen Städtchen liegen eingebet­ tet in Busch und Au, in dem bunten Farben­ meer eines Gartengrundes, der bis in die Gassen und Straßen hineinragt, so daß -die Zweige der Bäume oder der wohlduftende Flieder einem in die Stube lachen. Da leuch­ ten noch grüne Obstbaumgruppen über die Ziegeldächer. Blumen nicken vor den Fen­ stern. Und über allem liegt etwas, das man nicht beschreiben kann, etwas wie der Drude einer Hand oder der Kuß der Mutter auf die Stirn ihres Kindes. Sie sind zwar, wie W ei­ gand einmal in dem Roman „Die ewige Scholle" schreibt, „aus dem Dornröschen­ schlaf aufgewacht und zeigen manchmal Manieren, die sich nicht recht mit ihrer schönen Vergangenheit vertragen. Wo die Industrie hinkommt, nimmt sie einer Gegend die Seele, der Landschaft und ihren Städten. Aber zumeist sind wir in unseren kleinen badisch-fränkischen Städtchen noch nicht so­ weit.“ Ebenderselbe W. Weigand umschreibt

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einmal unsere fränkischen Städtchen in einem Gedicht, das er „Fränkische Kleinstadt" über­ schrieb und das der Sammlung „Der verschlos­ sene Garten" entstammt: 9Ktcf> überbämmert’ö rote ein fetter Staunt: Set Sag, 6er gartj in fattem ©olb gefeftroommen, ifi tief in eigenem ©eleuci)t »erglommen unb jögerf nodt an fanfter §ügel ©aum. 3m lebten Strahle (ieigt bet £erbe SKauc^ auö SJbenbfcfwften fptger ©iebelmaffen, unb SKäbcften geften jtngenb bureft bie ©affen, berührt een rounberfamem Siebebftauci). 3n ailen §öfen buffet eb ttaef) SQ3ein, eom naften £ügel tönt ©eblöf een ©eftafen, unb alle Brunnen rauften roie »etfcfüafen, unb alle ©arten hämmern bunfelnb ein. Unb breit unb »oll fcfyroimmt bort ber Sftonb Itereor unb gieft fein ©ilbet in beb SRarftbrnnnb Seden, aub beffen Siefen feligeb (Srfc^reden! — 5»ei Häupter glänzen, monbumfäuraf, empor. Hermann Eris Busse schrieb im Jahresband der Badischen Heimat „Das badische Franken­ land“ : „Sie ©örfet finb im Ser^ältnib grog unb bie ©täbte ftnb flein im babifeften granfenlanb. dauern unb ^anbroerfer gibt eb in beiben. ©ab Sänblitfie ber Keinen ©täbte rnacftt fte niefjt eng unb muffig. Seiet atmen in bie ©affen finein. 3n ben gaefroerffäufern (bie leiber pmeifi unter iBerpuf liegen) leben Äaufleute unb £anöroerler bäuerlicher Slbfunft, unb auf ben ©trafen »er; fammeln fid) bie ©änfe, bie p ro SSilb ber fränr fifefen fanbfefaft unb felbfi ber SUeinfJäbte in ifr gefrören. 3luf bem foppeligen ipflafier bet frän? fifcfien ©täbtefen liegen bie ©puren roäfrfdtaffer $ul); unb Dcffengefpanne. 3lbet bab nimmt iftrern Rillen 3lbel nieftb. ©ie granfenfiäbfcfen faben rooflfabenb gebaute ißürgerfäufer unb oft ein §errenfcflof im ©tabtbann, roappengejierte Slrntö* Raufet im Dlenaiffance; ober sWoclflil. ^»eiligen# bilber, ipiaffifcn, ©teinmefarbeifen finbet man faff überall." Das badische Frankenland birgt viele S c h l ö s s e r , die meist einem Dornröschen­ schlaf verfallen sind oder Verfall atmen. Sie sind für Verhältnisse und Menschen gebaut worden, die dahin sind und nicht mehr wiederkehren werden. Busse schrieb darüber: „SJlancfe ber alten ©cflöffet in ben fränlifcfen ©örfern unb ©täbtefen (Jerben in ©cfönfeit, roenn fte nicht reeftjeitig itgenbeinem neuen groeef juger führt werben. Überall überfteff man ben nücR; ternen 3crf«U; mit 50lärd)enaugen fcRaut bie feile, übetfelle 5Kiftagb(Jille aub bem ©raum ber 3af>rl)unbette beraub."

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In der Weltabgeschiedenheit des badischen Frankenlandes gilt d er einzelne M e n s c h noch etrwas, wenn er das Herz auf dem rechten Flecke trägt. In der großen Welt draußen ist der Einzelne nur ein Trop­ fen im Meer. In unseren Kleinstädten und Dörfern gibt es aber noch Gemeinschaft. Da grüßt einer den anderen; da weiß man um­ einander Bescheid; da lebt man nicht neben­ einander, sondern miteinander. Da weiß aber auch ein jeder, daß die anderen auf ihn auf­ passen. In der großen W elt geht gar mancher nur deshalb verloren, weil er weiß: „Auf mich sieht niemand; auf midi paßt niemand auf!“ In der Abgeschiedenheit unserer Kleinstädte und Dörfer herrscht auch noch uralte V ä t e r s i t t e und B r a u c h t u m . Hier gilt noch: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen!" Und es liegt ein behütender, krafterhaltender Segen darin. Hier ist alles natürlich geblieben, unberührt von Sensation und Attraktion der großen Städte. Hier ist alles rein geblieben. Hier ist noch der Mensch, der B a u e r und sein Boden miteinander verwachsen. Der Mensch ist hier noch bodenverbunden, d. h. heimat­ verbunden. Der Boden schenkt dem erd­ nahen Bauerntum noch seine edelste Kraft. Ich sehe die Menschen hier seit meinen hie­ sigen Amtsjahren und Militärzeiten in eng­ ster Lebensgemeinschaft mit ihnen als groß­ wüchsige, festgefügte Gestalten mit Gesich­ tern wie von Tilrnan Riemenschneider aus Holz geschnitzt, Menschen mit tiefgründigen, gutmütigen Augen, kargen Lippen und straff gespannter Haut über den Kieferbögen. Die Arbeit läßt den fränkischen Bauern nicht mehr los. Sein Feld und sein Vieh beherrscht ihn. Er wird gar leicht zum „Wörchez“, wie man in der Boxberger Gegend sagt. Ein ebenfalls hier heimisches geflügel­ tes Wort meint, der Bauer kniee in der Erntezeit des Nachts nur in einen Schinker, jenem flachen Korb zum Steinelesen, und

wenn er umfalle, stehe er wieder auf. Das will besagen, daß der heimische Bauer, wenn es sein muß, fast ganz ohne Schlaf aus­ komme. Und man muß nur einmal die vielen ausgemergelten Gesichter und die zahlreichen gebeugten alten Frauengestalten dieser Ge­ gend gesehen haben, um zu begreifen, wie das gemeint ist. Zäh wird an einem gesteckten Ziel fest­ gehalten, koste es, was es wolle. Das Sprich­ wort: „Hindernisse sind dazu da, um über­ wunden zu werden!" könnte im badischen Frankenland entstanden sein. Dabei werden freilich die Furchen im Angesichte der Bauern immer tiefer, und sie haben ihr Abbild in den Talfurchen, in denen fischreiche Bäche dem Maine, der Tauber und der Jagst zu­ fließen, und die sich tief in den Boden ein­ gefressen haben. Ich denke hier an ein Ge­ dicht, das mir Wilhelm Kraft im Jahre 1929 am Anfang meiner Boxberger Amtszeit als Pfarrer in mein Gästebuch geschrieben hat: „@tef)fcf)f öie Ijaafje bicfüje Ödet, fief)fcf)t bie fafjle, fJa(tt)je 58üdel? Sollt rner’g glaatoe, bafcf) im Summet Soorn utttt Kammer, SBaafj unn ©infei, ©erfcljbe, Dubfcfjt unn Stautoel froocfje? ©roobbou fann mej(n) lietoi SanM euf: §arti, säfji SBauernfcfmbel. 3Ber’3 »erfcf)bef>t, bie rümjusacfern, »er’b serfcj>bef)f, nej(n) bie ju feeste, bem eergeltefcfs fjunnertfälti SKülj unn ülettoet, Sieb nnn gtaab." Man hat dem fränkischen Bauern schon eine materielle Einstellung nachgesagt. Aber dabei handelt es sich nicht um eine seelische Grundhaltung, sondern nur um eine berufs­ bedingte Abhängigkeit von der Materie, der ein jeder Bauer seine Existenz und sein Schicksal ablisten muß. Wie abhängig ist doch der Bauer von seinem Grund und Boden, vom Wetter, von der ganzen Natur und ihrem Geschehen! Wie zittert er vor jedem Maifrost und später vor jeder Hagelwolke! Ein Beam­ ter, der sein festes Gehalt hat, kann leichter Geld ausgeben, wie der Bauer, der noch nicht weiß, ob die Ernte seine Ausgaben deckt, oder ob nicht ein Unglück im Stall alle

Berechnung über den Haufen wirft. Grund und Boden und Besitz ist ihm etwa bei der Schließung einer Ehe von ebenso großer Wichtigkeit, wie der Mensch, an den er sich für sein Leben bindet: denn es hängt für ihn die Lebensexistenz davon ab. Bei ihm fällt also die Gattenwahl mit der Existenz­ frage zusammen. Andere Berufe, die sich zuvor durch Lehre, Schulung oder Studium eine gesicherte Existenz geschaffen haben, können darum sehr viel leichter die richtige Wahl treffen. Man kann also nicht von einem materiellen Grundzug im Wesen des frän­ kischen Menschen reden. Der Franke hat im Gegenteil sehr viele edle Gemütswerte zu eigen. Der Franke waltet auf seiner Scholle stolz und selbstsicher wie ein König, — original und selbständig. Er fühlt sich von niemand abhängig und ist genau so von einem stän­ digen Freiheitsdrang wie von einem starken Gerechtigkeitsgefühl beseelt. Der fränkische Bauer hat schon seit den Bauernkriegszeiten ein ausgeprägtes soziales Empfinden. Kein Wunder darum, daß der badische Franke Benno Rüttenauer etwa die Erzählung „Das Gastmahl des Ministers“ schrieb. Der badische Franke ist auch wie seine Vorfahren der Bauernrevolution von 1525 im edelsten Sinne vaterländisch gesinnt. Wir den­ ken hier an die vorbereitenden Arbeiten des Miltenberger Amtskellers Weigand für das Heilbronner Bauernparlament, oder an Hein­ rich Vierordts Frankenspruch, der mit den Worten schließt: //♦ * * * * * * * * *

Unb benf’ icfj, tue Seuffcfüanb am beutfcfie|fen gliifst in fonniget £anbfd)aft, in golb’nem ©ernüf: öufleucfstet mir in ©ebanfen mein granfen!" In seinem „Alexander Schmälzle“ schildert Benno Rüttenauer in eindrücklichen Worten die treu vaterländische Gesinnung des A lex­ ander aus seiner Heimat Hinterwinkel: „Ser Sßetter ipanftaj fjatte in einem fran&ö< fifefjen Slojler feinen Slarnen ©cfsmäljle in £f>e* mellecele franjöfifiert. Saftit fjatte ölepanber fein 71

SScrffänbttiö. ©ein SSetter war tßnt überhaupt unfpmpatßifcß, nicßt sunt mtnbe|Jen, weil er feine SDfutfetfpracße fafl gan$ »etgeffen ßafte. SKonfteur SßcmeUecete fptacf) in fo gebrochenem ©eutfcß, baß er feinem SSetter SKitieib einflößte. Sficßt nur SPitleib. üllepanbet mar entfett, baß ein beuffcßer SBfann fo feine SKuttetfpracße oergeffen fönne, gletcß einer fcf>lecf»ten, unwerten ©acße, ohne ben geringfien ©cßrnets barübet ju empftnben."

Die Bewohner des badischen Frankenlandes, die noch in starker Verbundenheit mit der Natur leben, treffen, um mit Mathias Claudius zu reden, „G ott gleichsam auf der Tat, mit dem Segen in der Hand“. Sie sehen, „wie er frisch die volle Hand ausstreckt und wie er seinen großen Tisch für alle Wesen deckt.“

Der badische Franke ist auch im Grunde seines Wesens ein religiöser Mensch. Auf katholischer Seite heißt die Gegend um Tauberbischofsheim „das gelobte Land“ und im übrigen Baden auch „das heilige Land“ ; und die dortigen evangelischen Kirchenbezirke stehen in der Statistik der badischen Landes­ kirche an der Spitze. So spricht auch aus allen fränkischen Schriftstellern eine tiefe Frömmigkeit, und sie schildern die heimischen Menschen ebenso. In der Sammlung „Som­ mer“ Wilhelm Weigands steht ein Gedicht mit der Überschrift „Gesicht“ :

Wohl ist nicht zu leugnen, daß auch hier Glaubensnöte und Glaubensanfechtungen zu Hause sind. Aber das war zu allen Zeiten und an allen Orten so. Das Bauernvolk Palästinas hat nicht umsonst schon vor Jahr­ tausenden seinen 42. und 7 3 . Psalm gesungen und gebetet. Aber wer in der Verbindung mit der Natur lebt, bekommt von dort letztlich doch auch immer wieder die Kraft, mit der er die Zweifelsnöte und Glaubenskämpfe in seiner Brust siegreich niederringen kann.

„3üngff faß ben £eilanb in weißem ©ewanb tcß fcßreiten burcß fcßimmetnbeö grntelanb. (Ein ©olbmeer wogte weicß baßer, bad nidettbe SSorn, eon ©egen fcßwet in ßeißer, flimmernber ©ommerglut, ber reife ©egen in göttlicher f)ut. gt ging baßin mit rußigem ©cßtitf, unb Setcßengtüße wanbetten mit auö fjimmelöblau soll ©eligfeit ber leucßtenbflillen ©ommerjeit. 9Jut einmal bracß er ein Sfööletn »om Olanb beb Diainb, bet gans, eoll SSlumen ftanb, unb rocß, »erfunfen ftcß' neigenb, bran; bann ßub er wieber ju fcßreiten an. Unb wo er traf auf weißen SBegen, ba ßeimßen bie SRenfcßen ben grntefegen, bei feierltcßßetn ©tcßelflang bie fommerflaren Sage lang, im ^rieben fraffooll, glücfltcßßatf, ein rein ©efcßlecßt »oll ^elbenmatf. Unb »or bem ©örfletn auf teucßfenbem ipian, wo ftlbetn ein SSrünnlein raufcßenb rann, ba ßielt ber öeilanb bie ©cßriffe an. ©a faßen bie üllfen unb faßen ju bem grntefreiben in (filier Ulttß. Unb filbetner Sinberßimmen ©cßall »etmifcßte ftcß mit beb SSrünnleinb gall. ©er gleiche grn(l auf Sittbermienen unb IHunselgeßcßfern, fonnenbefcßtenen, im 3lug bie feierlich|ie Sfuß. — gin SBeilcßen faß ber ftetlanb ju. 3um leifen ©egnen erßob er bie f?anb; bann fcßriff et weiter in weißem ©ewanb burcß golbenfcßimmernbeb grnfelanb."

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Das Herauswollen und Herausmüssen aus dem niederdrückenden Materialismus der bäuerlichen Arbeit schafft in der fränkischen Volksseele neben dem sozialen, vaterlän­ dischen und religiösen Erleben auch einen fei­ nen gesunden Humor. Auch er fand seinen Niederschlag in der heimischen Dichtung, weil ihn die Dichter selber zu eigen haben und weil sie ihre Landsleute damit begabt schildern. Die Bücher der badisch-fränkischen Dichter sind davon durchwoben, daß uns das Leben jedesmal neu zu einem erfrischen­ den Genüsse wird. Ich erinnere in diesem Zusammenhang nur an die Schilderung des Feldgottesdienstes in Oberwittstadt aus dem „Alexander Schmälzle“. Hierher gehört auch die Erzählung Benno Rüttenauers „Das Schwedenspiel“. — Fränkischen Humor atmet auch das Gedicht von dem Tauberbischofsheimer Josef Dürr, mit der Überschrift „Der vorsichtige D oni“ : „©et lange ©oni bat nip ©cßlecßt’ö, unn waö et fejcßt, iö g’wttß öpö Üfecßt’ö. Jwar aamool tö et bappit g’wefe unn ßot im 3ote ( = 3»tn) ftcß eermeffe, an ütntpe ricßft Surnp ju nenne, — unn ßot’ö bocß nit beweife fönne. ©eö ßot’r eotetn ©’ricßt bann büße unn fcßweti ©cßbroof bejaßle rnüffe.

Oucc^ fclti bittci £ef)t iß f>eut öcc ©ottt Srereec g’roiljt unn g’fcfieit. S o neultfl(=neulich) toor »om3ßr an @cj>f>t§bu iß, beb foocfy i nit alb tsof)t un g’tsiifj; beb aane ttar, beb foocj) i euc^: ©er tou mer’b fejcfyt, bem glaatst’ß gleicf)!"

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Ich bin mir bewußt, daß meine Ausführun­ gen zu dem Thema „Das badische Frankenland im Spiegel ihrer Dichter“ nur bruchstückhaft sind. Sie sagen vom badischen Frankenland und seinem Zauber nicht viel mehr, als uns etwa die Probiermaße einer Schneiderin, die ein Kleid zuschneidet, von der Schönheit jener Frau sagen, die das Kleid tragen wird. Ich konnte nur Andeutungen geben und bin mir bewußt, daß man im badischen Fran­ kenlande leben muß, mit sehenden Augen

und mit offenem Herzen, wenn man den Segen verspüren will, den es für uns bereit hat. Damit mögen sich die trösten, die dort noch nicht ganz heimisch geworden sind und vielleicht in diesem Beitrag eine kleine Hilfe finden. Die Einheimischen aber fanden viel­ leicht doch den einen oder anderen Hinweis auf Schönheiten oder Segnungen ihrer Hei­ mat, die sie dankbar stimmen. Vielleicht ver­ locken diese Zeilen aber auch den einen oder anderen dazu, mit dem Lied unseres badischen Dichters Viktor von Scheffel „zu guter Sommerzeit ins Land der Franken zu fahren!,, Ich weise in diesem Zusammenhang hin auf meine Abhandlungen „Der Schriftsteller Benno Rüttenauer und seine badisch-fränkische Heimat“ in Nr. 2/1935 und „Wilhelm Weigand und seine badisch-fränkische Heimat“ in Nr. 4/1937, sowie „Mundartdichter Wilhelm Kraft“ in Nr. 9/1954 von „Mein Boxberg“. Jahreshefte des Heimat­ vereins Alt-Boxberg.

Fundgrube der Heimat Das letzte Feldgrab im Schwarzwald Von den vielen deutschen Soldaten, die noch in letzten Kriegstagen 1945 in den Tälern und auf den Höhen des Schwarzwaldes ihr Leben lassen mußten, liegt nur noch einer, fast 10 Jahre danach, an der Stelle, wo ihn seine Kameraden einst in die Erde betteten. Es ist der ostpreußische Feldwebel Heinz Neidhard, dessen Grab immer gut gepflegt, auf der Nockhöhe bei Sommerau liegt. Noch immer steht das einfache Birkenkreuz auf dem flachen Hügel, ruft der darüber gestülpte Stahlhelm allen Vorübergehenden, die vom Hirzwald kommen oder zur Höhe zu ihm steigen, die Erinnerung an jene schreckensvollen Tage wach, die schon so manche wieder vergessen haben. Die Bauersleute Dold und Nock, welche den Ge­ fallenen kurz vor seinem Tode am 23. April 1945 noch bei sich sahen, ehe ein Granatvolltreffer die­ sem jungen Ostpreußen das Leben nahm, pflegen das Grab wie das eines ihrer Angehörigen. Und deshalb auch hat der Bund für Deutsche Kriegs­ gräberfürsorge es ausnahmsweise genehmigt, daß

dieses wohl letzte Feldgrab des Schwarzwaldes bisher nicht von der allgemeinen Umbettung er­ faßt wurde. Es ist auch nicht einsam. Keinen Wanderer auf dem stillen Höhenwege gibt es, der nicht einen Augenblick an diesem Mahnmal verweilt und nie ist der Hügel zur grünen Jahreszeit (oft tun es Kinderhände) ohne Blumenschmuck. Weihnachten bringt jedesmal ein damals junger Soldat, getreu einem Gelübde, als er bei seiner glücklichen Heim­ kehr kurz vor seinem Heimathause an diesem Kameradengrab vorbeikam, dem ihm unbekannten Toten einen geschmückten Christbaum. 19 53 meldete sich erstmals auch die Frau des Gefallenen, die lange Zeit nichts von dem Schick­ sale ihres Mannes wußte. Mit ihrem einzigen Sohne lebt sie in bescheidenen Verhältnissen in der O st­ zone und in ihren Briefen, welche die Pflegeeltern des Grabes bekamen, lebt immer wieder der Wunsch, einmal am Grabe ihres Mannes weilen zu dürfen. gkr

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Geschichte eines Bildes (unser Umschlagbild von Heft 1/195 5) Der F r e i h e r r J o s e p h v o n L a ß b e r g pflegte als Besitzer der Meersburg von Zeit zu Zeit in seinem Schloß die Honoratioren und Beam­ ten des Städtleins einzuladen. So war es auch zu seinem Geburtstag am 10. April 1854, als er die ehrsamen Bürger zum Abendessen und zu einem Glas Wein eingeladen hatte. Auf die angegebene Zeit schritt auch der Amtsrevisor Emil Dörflinger, mein Großvater, über die hölzerne Zugbrücke vor dem alten Schloß und zog die Klingel am Tor­ eingang. Bald waren alle geladenen Gäste beisam­ men und der alte 84jährige Freiherr mit seinem langen wallenden Bart und den Locken, die ihm bis auf die Schultern fielen, bot ihnen allen einen herzlichen Willkomm. Das Essen begann, der Meers­ burger funkelte in den Gläsern, die Stimmung stieg. Der Schloßherr sprach von diesem und jenem und kam wohl auch auf seine besondere Liebhabe­ rei zu sprechen, nämlich auf seine so reiche Samm­ lung mittelalterlicher Handschriften, besonders der des Nibelungenliedes*1), die er in Wien entdeckt hatte in dem Augenblick, da ihr Besitzer sie einem Engländer hatte verkaufen wollen. Doch ihm, dem Freiherrn, war es gelungen, die alte Handschrift für sich zu erwerben und sie so dem deutschen Vater­ lande zu erhalten. Jetzt lag sie wohl verwahrt in einem besonderen Schrein im Handschriftensaal seines Schlosses. Im Laufe des Abends eröffnete der Schloßherr seinen werten Gästen, daß er noch eine besondere Überraschung für sie habe. Da bei seinem hohen Alter seine Jahre ja gezählt seien, wolle er jedem noch ein Andenken an diesen Tag schenken. Er zeigte ihnen eine Lithographie, die er von sich hatte machen lassen und die er für seine Gäste bestimmt hatte. Im Jahre vorher, am 30. Oktober 1853, hatte er sich von einem Künst­ ler namens Laudiert zeichnen lassen. Nach dieser Zeichnung war das Porträt in Stuttgart von C. Deis gestochen und beim Lithographen Niederbühl ge­ druckt worden. Ja, das war der alte Freiherr, wie er leibte und lebte: der charakteristische Kopf mit dem bis auf die Schulter wallenden weißen Haar, mit dem langen, zweigeteilten Bart, mit den bu­ schigen Augenbrauen, der länglichen Nase, den hellen, vor sich hinschauenden nachdenklichen Augen, die gewölbte Stirne bedeckt von einem schwarzen Sammetkäppchen. Als Kleidungsstück

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trug der alte fürstenbergische Forstmeister eine Art Jägerrode mit zwei Reihen Knöpfen. Und nun erhob sich der Freiherr und übergab jedem seiner Gäste solch ein Bild; bewegt nahm der Amts­ revisor Dörflinger das seine, um es alsbald rahmen zu lassen und ihm einen Ehrenplatz in seiner Stube zu geben. Man brach auf und dankte noch­ mals dem edlen alten Herrn mit Händedruck für die feine Geburtstagsgabe, die er seinen Gästen gestiftet hatte, und keiner von ihnen ahnte wohl, daß dies des Freiherrn letzter Geburtstag sein sollte. Auf dem Bilde aber, das heute noch in meinem Besitze ist, brachte eine kundige Hand in gleicher Schrift unter das Geburtsdatum von geb. 10. April 1770 die Ergänzung an: gest. 15. März 1855. (Aus den Erinnerungen unseres Mitglieds, des Pfarrers Prof. Otto Dörflinger, dessen Vater noch von Annette v. Droste-Hülshoff als kleiner Bub durch das Schloß getragen wurde und dessen Auf­ zeichnungen wir seiner Witwe in Freiburg ver­ danken.) J) Die Handschrift kam nach dem Tode des Frei­ herrn an die Fürstl. Fürstenbergische Bibliothek in Donaueschingen, deren kostbarster Besitz sie heute noch ist. Der Nikolausbildstock im Heidelberger Stadtwald Wie die ganze Pfalz ist auch Heidelberg arm an Bildstöcken. Alle früher vorhandenen wurden beim Bildersturm unter Kurfürst Friedrich III. (15 59 bis 1 576) restlos vernichtet. Die Erinnerung an sie wird durch Flurnamen noch wachgehalten. Die ganze Heidelberger Bevölkerung hängt heute mit besonderer Liebe an ihrem „Nikele" im Stadtwald bei den „Drei Eidien“. Dieser Bild­ stock trägt die Inschrift „O heiliger Nikolaus, bitt für uns. Auffgebawet von Leonardo Schreiber, zu der Zeit Stattforstmeister im Jahre 1747 HR.“ Der damalige Stadtforstmeister, der bis zum Jahre 1780 im väterlichen Haus, dem sogenannten „Schreibershof" in der Kanzleigasse wohnte, ließ den Bildstock zum Dank für Errettung aus Blitz­ gefahr errichten. Er hatte bei einem schweren Gewitter unter einer mächtigen Eiche Schutz gesucht. Ein Blitzstrahl zerschmetterte den Baum, ohne den Forstmeister zu verletzen. Dieser hatte in der schweren Gefahr den heiligen Nikolaus, den Wasser- und Gewitterheiligen, um Schutz und Hilfe angefleht.

Der Nikolausbildstock im Heidelberger Stadlwald In der Nische des steinernen Bildstocks steht die Figur des Heiligen. Bis zum Jahre 1951 fehlte daran der Kopf. Es wurde erzählt, ein betrunkener Bauernbursche aus Gauangeloch habe der Figur des Nikolaus Kopf und Hände abgehauen. Im nächsten Jahre, am selben Tag und in der Stunde der Missetat, fiel der Sünder von einer Scheuerleiter und brach den Hals. Der Kamerad des Bösewichts bekam es mit der Angst zu tun und bekannte die Tat, bei der er zugegen war. Ein Heidelberger Soldat, der 1939 ins Feld zog, machte das Gelübde, er wolle in der Nische des Bildstocks eine neue Nikolausfigur aufstellen las­ sen, wenn er gesund aus dem Krieg zurückkäme. Sein Wunsch ging in Erfüllung; als er aber das

phot. H. Waldherr

Versprechen ausführen wollte, reichten seine M it­ tel dazu nicht aus. Heimatfreunde halfen ihm. Der Heidelberger Bildhauer Helmut Waldherr schuf einen neuen St. Nikolaus, der am Sonntag dem 6. Dezember 1951 aufgestellt und feierlich ein­ geweiht wurde. Umrahmt von Wanderliedern der Jugendabteilung des Odenwaldklubs hielt Ober­ bürgermeister Dr. Swart die Weiherede und über­ gab den renovierten Bildstock der Obhut des städtischen Forstamts. Mit viel Liebe und Geschmack wurde von diesem Amte der Bildstock seither betreut. Es ließ auch bei ihm eine Holztafel aufstellen, die folgende Inschrift hat:

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6 t. 9fiifo(aug=93itbffotf 1747 © n 58lij? fcfilug in bett SBucfjettgrunb, ©orin ein g 6r(ter unterfJunö. ©ie öutcf) ein ©uttber blieb oerfcf)onf Ser g 6r(ber, beß ©ebet belohnt. Sin Senfmal roarb nacf> fürder Seit ©t. SlifolauP jurn S a n f geweift.

1800 gceöier, ber an @ 0« nict)f glaubt, ©t^lug ab 6 t. 31iflaub ftetlig’ f?aupt. Ulacf) Sfafjreßfrift jur felben 6 tunb, S a roacb unß biefe TRac^ric^f funb, Safs jener greeler feine Xat 9Rit feinem Sob bejahet fiat.

ein

©te feltfam fpielt bab M e n bocf), Ser greeler fiel burcfiß ©c^eunenlocf». © bracf) habet ftcb ba3 ©enid, D ! benf an Ultfolaud sutücf! 3ur felben 6 tunb, jur felben Seit ©arb tbtn berfelbe Xob bereif!

1940 © n Stieger bra» ju gelbe jog, Sen frommen ©unfcb im fersen wog, Sef>rt er gefunb 00m ©cfdadjtfelb f>eim, 60 will er neu bie$ öenfmal toeifjn.

1951 3lun |iel)f e$ ba jur guten Siaft Unb bittet jeben ©bengaft, © ann toanbernb et oorübergebf, „Sem armen ©ünber ein ©ebet!" ©fäbf. gorfiamt 1953

Volkstum und Heimat Grober Mißbrauch der Volkstracht Dem Protest des Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverbandes gegen den herausfordernden Un­ fug, eine Stuttgarterin in Gutacher Tracht zusam­ men mit einem schwäbischen Humoristen als typi­ scher Vertreter des Landes Baden-Württemberg zwecks Werbung für die kommende Landesaus­ stellung nach Amerika zu entsenden, muß sich der Landesverein Badische Heimat in schärfster Form anschließen. Ziel dieser Propaganda-Aktion soll nach den Verlautbarungen der Presse anläßlich der offiziellen Verabschiedung der beiden „Send­ boten“ sein, den harmonischen Zusammenklang des Volkstums in Baden und Württemberg zu dokumentieren. Die „Badische Heimat“, als der größte Heimatbund der badischen Landschaften, lehnt eine Darstellung badischen Volkstums durch eine Stuttgarterin grundsätzlich und entschieden ab. Zu dem Mißbrauch der Volkstracht nimmt der Leiter des Volkskunde-Ausschusses nachfolgend Stellung: In weiten Teilen des Schwarzwaldes hat sich die alt überlieferte Volkstracht — trotz der Ein­ flüsse der Moderne und des Fremdenverkehrs — als das von Kindesbeinen auf den Leib gewach­ sene Ehrenkleid der Heimat erhalten. Da wo sie noch voll lebendig ist, ist sie mit den heimat­ lichen Sitten eng verbunden, ja eine Hauptstütze des bodenständigen Brauchtums. Die lebendige und darum entwicklungsfähige Tracht stützt, formt und gliedert das Gemeinschaftsleben. Wer

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diese Grundgesetze organischen Volkslebens mißachtet, versündigt sich gegen eine seelische Region unseres Bauerntums und hat das Recht verwirkt, in diesen Fragen als kompetenter Ratgeber mitzureden. Die Gäste, die unseren Schwarzwald besuchen, werden von den an Ort und Stelle erlebten Trachten stark beeindruckt sein, will man unser Volkstum aber außerhalb seines Lebensbereiches zeigen, kann das in bester Weise durch Farbauf­ nahmen oder durch einen guten Farbtonfilm ge­ schehen. Die vorgebrachten Argumente seitens der Fremdenverkehrswerbung sacken damit in sich zusammen. Seitens der Volkskunde müssen wir ver­ langen, daß der üble Mißgriff alsbald revidiert wird. Noch einmal der Gutacher Bollenhut in der Schau des Konstanzer Südkuriers. Der Schwäbische Verkehrsverband hat nach Amerika entsandt ein Fräulein S. aus Stuttgart-Süd von echtem schwäbischem Geblüt in einer Gutachtäler Tracht, damit sie dort Reklame macht und möglichst viele Gäste hole zur Ausstellung der Metropole. Am Flugzeug sprach noch — welcher Knüller — den Reisesegen Gebhard Müller. Wie leicht wird um das liebe Geld doch das mißbraucht, was uns gefällt. Nach einer wahren Begebenheit gereimt von stich ling und gezeichnet von sauerbruch. Professor Dr. Johannes Künzig

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