2030 – WO STEHT DANN MEINE GENERATION? - Hanns-Seidel

2030 – WO STEHT DANN MEINE GENERATION? - Hanns-Seidel

Förderpreis für Politische Publizistik 2014/2015 Ursula Männle (Hrsg.) 2030 – WO STEHT DANN ­MEINE GENERATION? www.hss.de Förderpreis für Politis...

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Förderpreis für Politische Publizistik

2014/2015 Ursula Männle (Hrsg.)

2030 – WO STEHT DANN ­MEINE GENERATION?

www.hss.de

Förderpreis für Politische Publizistik

2014/2015 Ursula Männle (Hrsg.)

2030 – WO STEHT DANN MEINE GENERATION?

Impressum ISBN

978-3-88795-491-8

Herausgeber

Copyright 2015, Hanns-Seidel-Stiftung e.V., München Lazarettstraße 33, 80636 München, Tel. +49 (0)89 / 1258-0 E-Mail: [email protected], Online: www.hss.de

Vorsitzende

Prof. Ursula Männle, Staatsministerin a.D.

Hauptgeschäftsführer

Dr. Peter Witterauf

Leiter der Akademie für Politik und Zeitgeschehen

Prof. Dr. Reinhard Meier-Walser

Leiter PRÖ / Publikationen

Hubertus Klingsbögl

Redaktion

Prof. Dr. Reinhard Meier-Walser (Chefredakteur, V.i.S.d.P.) Barbara Fürbeth M.A. (Redaktionsleiterin) Susanne Berke, Dipl.-Bibl. (Redakteurin) Claudia Magg-Frank, Dipl. sc. pol. (Redakteurin) Marion Steib (Redaktionsassistentin)

Druck

Hanns-Seidel-Stiftung e.V., Hausdruckerei, München

Umschlag

Formidee Designbüro, München

Titelfoto

© Rawpixel/fotolia.com

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung, Verbreitung sowie Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil dieses Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung der Hanns-Seidel-Stiftung e.V. reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Davon ausgenommen sind Teile, die als Creative Commons gekennzeichnet sind. Das Copyright für diese Publikation liegt bei der Hanns-Seidel-Stiftung e.V. Namentlich gekennzeichnete redaktionelle Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung des Herausgebers wieder.

INHALT 05

2030 – WO STEHT DANN MEINE GENERATION? Der Förderpreis für Politische Publizistik 2014/2015 Ursula Männle

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VOM WARTEN AUF DIE HEIMLICHE REVOLUTION Erik Albrecht

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PRIVILEG UND BÜRDE – AUTOPOIESE EINER GENERATION Helen Preiß

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OPAKRATIE Warum wir die Alten mehr brauchen als je zuvor Wolfgang Gründinger

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2030 – FOURTY, FIFTY! Abwechselnd Angst und Achsel – eine Anklage Georg B. Frühschütz

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JUNG, SMART & FRECH Wie meine Generation die Arbeitswelt umkrempeln wird Jennifer Joos

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AUFBRUCH ZUM WELTBÜRGERTUM? Saskia Nastasja Dresler

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TECHNISCHE UND GESELLSCHAFTLICHE VERÄNDERUNGEN IM JAHR 2030 Eine Prognose aus Sicht der Generation Y Kerstin Eberhardt / Janosch Sadowski

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2030 KOMMT VON ALLEINE – ABER WIE? Charlotte Thaler

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ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT Johannes Wahl

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BRIEFE IN DIE BAYERISCHE GEGENWART Teresa A. Winderl

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ÜBERLEGUNGEN ZUR ENTWICKLUNG DES AUTONOMEN AUTOS Henning Zamzow

2030 – WO STEHT DANN MEINE GENERATION? Der Förderpreis für Politische Publizistik 2014/2015 URSULA MÄNNLE ||| Die Zukunft gehört denen, die neu denken. Es ist deshalb von entscheidender Bedeutung, dass gerade junge Leute differenziert, kritisch, kreativ und offen über grundlegende gesellschaftliche Fragen nachdenken. Um sie zu diesem Nachdenken zu ermuntern und zur Verbreitung ihrer Gedanken beizutragen, schreibt die Hanns-Seidel-Stiftung alle zwei Jahre bundesweit einen Preis für Politische Publizistik aus. Adressaten sind Studierende, Doktorandinnen und Doktoranden deutscher Hochschulen bis zu einer Altersgrenze von 30 Jahren. Kurz gesagt, die Generation der akademischen Vordenker und gesellschaftlichen Gestalter von morgen.

Wo steht meine Generation im Jahr 2030? Diese Frage haben wir bei der Ausschreibung 2014/2015 den Jahrgängen ab 1984 und jünger gestellt. Die Resonanz hat gezeigt, dass es uns gelungen ist, viele junge Leute in ihrer Lebenswirklichkeit abzuholen und zum Mitmachen zu animieren. Wie man in einer Welt voller Umbrüche sein Leben sinn- und verantwortungsvoll gestalten kann, bewegt diese Generation offenkundig in besonderer Weise. Ihre Vertreter sind in den meisten Bereichen noch nicht festgelegt. Sie stehen am Anfang ihrer Erwerbstätigkeit, befinden sich in der Aus- oder Weiterbildung. Auch im privaten Bereich sind sie oftmals noch weit-

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URSULA MÄNNLE

gehend ungebunden. Zudem finden sie signifikant andere Lebensund Rahmenbedingungen vor als ihre Eltern. Wenige Schlaglichter mögen an dieser Stelle genügen: Sie stellen beispielsweise die erste Generation, die in der Regel keine oder nur wenige Geschwister hat, mit allen weitreichenden Konsequenzen etwa für die sozialen Sicherungssysteme. Die Vertreter dieser Generation sind erstmals überwiegend in einem wiedervereinigten Deutschland aufgewachsen und damit im Herzen eines Kontinents, der seine Rolle im wieder angespannteren Ost-West-Gefüge neu austarieren muss. In besonderer Weise ist gerade diese Generation von den Auswirkungen der digitalen Revolution betroffen, die nicht nur unsere Kommunikation grundlegend verändert hat, sondern in allen Lebensbereichen mit exponentiell steigender Geschwindigkeit an Einfluss gewinnen wird. Gerade in diesem Punkt ist die junge Generation aber auch die erste, für die der Umgang mit den neuen Medien selbstverständlicher und fester Bestandteil des Alltags ist. Wie sieht diese Generation angesichts solch vielfältiger und nachhaltiger Veränderungen ihre Zukunft? Wie entwickelt sie ihre Lebensentwürfe? Wo sieht sie Probleme? Was beschäftigt sie? Diesen Fragen sollte mit der Themenstellung dieses Förderpreises für Politische Publizistik „2030 – Wo steht dann meine Generation?“ nachgegangen werden. Ein besonderer Dank und große Anerkennung gebührt allen jungen wissenschaftlichen Nachwuchskräften, die sich an unserer Ausschreibung beteiligt, die Zeit und Gedanken eingesetzt und die Courage aufgebracht haben, sich dem Wettbewerb zu stellen. Leicht haben es die Einsender den Mitgliedern unserer Jury nicht gemacht, die vor der schwierigen Herausforderung standen, aus den vielen lesenswerten Texten die besonders preiswürdigen Essays, Reportagen oder wissenschaftlichen Beiträge herauszufiltern. Gestellt haben sich dieser Aufgabe dankenswerter Weise die Leiterin Unternehmensplanung und Medienforschung des Bayerischen Rundfunks, Birgit van Eimeren, das Mitglied der Stern Chefredaktion in Berlin, Hans-Ulrich Jörges, der Unternehmer und das

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2030 – WO STEHT DANN MEINE GENERATION?

Mitglied der Hanns-Seidel-Stiftung, Wolfgang Piller, der Politische Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Albert Schäffer, die Professorin für Medienpsychologie und Pädagogische Psychologie an der Universität Siegen, Angela Schorr, sowie die beiden Referatsleiter der Akademie für Politik und Zeitgeschehen der HannsSeidel-Stiftung, Paula Bodensteiner und Siegfried Höfling. Für den 1. Preis ausgewählt wurde Helen Preiß, Jahrgang 1995, die Chemie an der Georg-August-Universität Göttingen studiert. Ihr Beitrag trägt den ungewöhnlichen Titel „Privileg und Bürde – Autopoiese einer Generation“. Mit naturwissenschaftlich-philosophischem Blick analysiert sie aktuelle und zukünftige Themenfelder. Sie beschreibt eine übersatte Generation mit noch nie da gewesenen mannigfaltigen Möglichkeiten, was Privileg und Bürde zugleich sei. Zudem leitet sie von ihren ethischen Ausführungen Verantwortung und Verpflichtung für jeden Einzelnen – nicht nur für die junge Generation – ab. Insgesamt bietet ihr Text eine sehr differenzierte und schlüssige Abhandlung der Thematik. Die Autorin lässt es nicht bei einer fundierten Quellenrecherche und Quellenanalyse bewenden, sondern setzt sich aktiv mit den Befunden auseinander. Diese führt sie brillant aus und gibt dadurch viele eigenständige und kluge Denkanstöße. Der 2. Preis ging an Wolfgang Gründinger, geboren 1984, der in Politikwissenschaften an der Humboldt Universität zu Berlin promoviert. Der Autor thematisiert in seinem Beitrag mit dem Titel „Opakratie – Warum wir die Alten mehr brauchen als je zuvor“ unter anderem die Probleme einer heraufziehenden Altenherrschaft und appelliert am Ende an die älter werdende Gesellschaft, sich für ein „enkeltaugliches Land“ einzusetzen. Hierzu liefert er konkrete Vorschläge in Form eines 5-Punkte-Generationenpakts. Ihm ist mit seinem Beitrag eine provozierende, streitbare Darstellung des Verhältnisses der Generationen um 2030 gelungen. Sie ist analytisch und stilistisch erstklassig und weckt Interesse, sich mit der Thematik weiter zu beschäftigen.

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URSULA MÄNNLE

Georg B. Frühschütz, Jennifer Joos, Ursula Männle, Wolfgang Gründinger und Helen Preiß (v. l. n. r.)

Einen ersten 3. Preis erhielt Georg B. Frühschütz, Jahrgang 1986, der an der Ludwig-Maximilians-Universität in München Deutsch und Geschichte für das Lehramt an Gymnasien studiert und bereits bei der letzten Preisverleihung prämiert wurde. Sein Essay „2030 – fourty, fifty! Abwechselnd Angst und Achsel – eine Anklage“ ist ein polarisierender Verzweiflungsruf eines Angehörigen einer halbierten Generation, dem die Alten zu wenige Geschwister und zu viele Probleme und Schulden hinterlassen. Sein Text bietet eine brillante Polemik gegen die eigene Generation. Er verwendet eine sehr starke, bildhafte Sprache. An dieser zutiefst pessimistischen Abhandlung mit provokanten und teilweise überzogenen Standpunkten kann sich der Leser reiben. Für einen zweiten 3. Preis wurde Jennifer Joos, Jahrgang 1993, ausgewählt, die Medien- und Kommunikationsmanagement an der SRH Hochschule für Wirtschaft und Medien in Calw studiert. „Jung, smart & frech – Wie meine Generation die Arbeitswelt umkrem-

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peln wird“ hat sie ihren Beitrag überschrieben, der einen authentischen Spiegel der jungen Generation abbildet. Pointiert portraitiert sie die Generation Y getreu dem Motto: So habt ihr uns erzogen, so sind wir jetzt, aber ihr braucht uns! Ihr Schreibstil deckt sich mit dem Inhalt: flott, salopp, jung. Die erfrischende, selbstbewusste, egozentrische und ironische Darstellung der jungen Generation wirkt auf den Leser mit dem betont positiven Generationenbild sehr authentisch und wohltuend. Neben diesen Arbeiten der Preisträger veröffentlichen wir weitere sechs Beiträge, die von der Jury als besonders lesenswert bewertet wurden, auch wenn sie es nicht unter die ersten drei Plätze geschafft haben: „Aufbruch zum Weltbürgertum?“ von Saskia Nastasja Dresler, geboren 1987, die in Kunstgeschichte und Philosophie an der Ludwig-Maximilian-Universität München promoviert; „Technische und gesellschaftliche Veränderungen im Jahr 2030 – Eine Prognose aus Sicht der Generation Y“ von Kerstin Eberhardt, geboren 1992, die am Institut für Technologie in Karlsruhe Pädagogik und Soziologie studiert, und Janosch Sadowski, Jahrgang 1990, der eben dort am Institut für Wirtschaftsingenieurwesen studiert; „2030 kommt von alleine – aber wie?“ von Charlotte Thaler, geboren 1989, die Psychologie an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg studiert; „Zurück in die Zukunft“ von Johannes Wahl, geboren 1991, der an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster Katholische Theologie studiert; „Briefe in die bayerische Gegenwart“ von Teresa A. Winderl, Jahrgang 1986, die an der Universität der Bundeswehr München in deutscher und europäischer Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts promoviert; sowie „Überlegungen zur Entwicklung des autonomen Autos“ von Henning Zamzow, geboren 1985, der Politikwissenschaft und Italianistik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg studiert. All diesen lesenswerten Texten vorangestellt findet sich der Beitrag „Vom Warten auf die heimliche Revolution“ des Journalisten Erik Albrecht. Er basiert auf dem Festvortrag, den der Co-Autor des

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URSULA MÄNNLE

Buches „Die heimlichen Revolutionäre – Wie die Generation Y unsere Welt verändert“ im Rahmen der Preisverleihung am 24. Juni 2015 im Konferenzzentrum München der Hanns-Seidel-Stiftung gehalten hat. Ist die junge Generation nur mehr eine Generation der Angepassten, ungebildet, unreif, ohne Ziele? Oder sind ihre Vertreter vielleicht doch heimliche Revolutionäre, denen die Zukunft gehört, weil sie sich trauen, in neue Richtungen zu denken? Bei der Lektüre der hier veröffentlichten Beiträge dürfte man der Beantwortung dieser Frage ein gutes Stück näher kommen. ||| PROF. URSULA MÄNNLE Staatsministerin a.D., Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung

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VOM WARTEN AUF DIE HEIMLICHE REVOLUTION

ERIK ALBRECHT ||| Schon lange stand keine junge Generation mehr vor so gewaltigen Herausforderungen wie die Generation Y. Von ihren Eltern behütet und gefördert wie keine andere zuvor, könnten die 15- bis 30-Jährigen die Ersten seit dem Zweiten Weltkrieg sein, für die das Versprechen auf immer mehr Wohlstand nicht mehr gilt. Die junge Generation hat längst ihre eigenen Antworten gefunden. Die Politik sollte ihr besser zuhören.

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ERIK ALBRECHT

Ich befinde mich derzeit in einer schwierigen Situation. Gemeinsam mit dem Jugendforscher Klaus Hurrelmann habe ich im vergangenen Jahr ein Buch zur Generation Y, also den etwa 15- bis 30-Jährigen, geschrieben. In einem Porträt dieser Generation versuchen wir nachzuzeichnen, wie junge Leute heute aufs Leben blicken, was ihnen wichtig ist und wie sie leben wollen. Nach eingehender Recherche haben wir unser Werk mutig „Die heimlichen Revolutionäre“ genannt und ihm in inbrünstiger Überzeugung von der Tatkraft junger Leute den Untertitel „Wie die Generation Y unsere Welt verändert“ hinzugestellt. Und jetzt? Lebe ich mittlerweile schon fast ein Jahr mit diesem Buch und warte auf eben diese heimliche Revolution. Klar, noch ist nichts verloren – Revolutionen brauchen Zeit, heimliche umso mehr. Trotzdem beschleichen mich in schlechten Stunden immer wieder einmal Zweifel: Was ist, wenn die Ypsiloner doch nicht das Zeug zu heimlichen Revolutionären haben? Was, wenn der Druck zu groß ist, der vor allem in der Arbeitswelt auf ihnen lastet? Wenn ihnen deshalb die Kraft für Veränderungen fehlt? Unser Buch müsste ich dann einstampfen. Doch fataler wäre anderes: Wir brauchen diese Veränderungen. Um es mit Wolfgang Gründinger, einem der Preisträger heute, zu sagen: „Die Jugend muss uns retten […].“ Aber trotz aller Zweifel bin ich immer noch davon überzeugt, dass gerade diese junge Generation das Zeug dazu hat. Dass es in ihr genügend Vordenker gibt, hat nicht zuletzt dieser Essaywettbewerb gezeigt. Doch sie braucht dafür die Unterstützung der älteren Generationen, die derzeit an den Schalthebeln in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sitzen. Gerade da spricht aber aus fast allen Aufsätzen die Sorge, dass diese viel zu sehr mit dem Hier und Jetzt beschäftigt sind, als sich um eine lebenswerte Zukunft zu kümmern. Vor kurzem habe ich die Thesen unseres Buches auf einem Ärztekongress vorgestellt. Der Anlass war, dass den Kliniken der Nachwuchs fehlt. Von mir wollten Mediziner um die 50 und älter wissen, wie ihre jungen Kollegen arbeiten wollen. Das Programm lief ab,

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wie solche Veranstaltungen eben ablaufen. Ein kurzer Vortrag von mir, dann eine Podiumsdiskussion. Dort auf dem Podium saßen außer mir sechs Männer und eine Frau. Oder anders: zwei junge Ärzte und fünf Herren über 50. Letztere diskutierten vor allem über die Jugend, aber nicht mit ihr. Zwar gab es noch ein paar Studierende im Publikum, die mehrfach zu Wort kamen, die beiden jungen Ärzte auf dem Podium jedoch konnten in über einer Stunde Diskussion gerade je zweimal das Wort ergreifen. Die Frage „Wie werden wir attraktiver für junge Mitarbeiter?“ beantwortete die ältere Generation am Ende einfach selbst. Ihre Lösung: „Wir suchen uns die Mitarbeiter, die zu uns passen.“ Dabei war der Ausgangspunkt der Diskussion ja gerade, dass ihnen junge Bewerber fehlen. Nein, die diskursive Macht in unserer Gesellschaft ist nicht auf Seiten der jungen Generation. JUGEND BRAUCHT ZUKUNFT Dabei müssten wir viel stärker auf diese hören. Denn Jugend bedeutet Zukunft. Das klingt zunächst wie eine Plattitüde, wird aber ganz spannend, wenn man sich klar macht, was dahinter steckt. Jugend bedeutet, auch in Zukunft noch in dieser Welt leben zu müssen. Wenn ältere Generationen gelassen sagen: „Das ist noch immer gutgegangen“ und damit meinen: „Das wird auch noch ein paar Jahre so weiter gehen“, fragt sich die junge Generation: „Aber auch noch 20 oder 30 Jahre?“ Die Jugendforschung zeigt: Junge Menschen suchen ungefähr in dem Alter, in dem die Generation Y jetzt ist, ihren Platz in der Gesellschaft. Und dabei entwickeln sie sehr intuitiv ein Gespür dafür, was in dieser Gesellschaft vor sich geht. Und zwar nur gerade jetzt. „Früher war alles besser“ funktioniert für sie mangels Erfahrung nicht. Sie beurteilen die Welt ohne die Last der Vergangenheit und blicken dabei in die Zukunft. Sie sind offen für Neues. Gerade in Zeiten, in denen gewaltige Umwälzungen anstehen – und nein, ich meine nicht die Homo-Ehe, die Dreiviertel der Unter-25-Jährigen

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ohnehin gut finden –, ist es deshalb wichtig, auf die Jugend zu hören. Der Generation Golf – heute 40 und älter – gab Florian Illies in seinem gleichnamigen Buch noch das Lebensmotto mit: „Mein Vater hat einen Golf gefahren, ich werde einen Golf fahren – was soll sich da schon ändern?“ Dass der Schokoriegel Raider irgendwann Twix hieß, sei eine der größten Erschütterungen im Leben der Golfer gewesen, schreibt Illies mit feiner Ironie. So viel Konstanz haben junge Leute heute nie erlebt. Schon ihre Schulzeit, eigentlich die Konstante schlechthin, die der Jugend seit Generationen den Lebensrhythmus vorgibt, verkürzte sich auf acht Jahre, um dann mancherorts wieder auf neun Jahre verlängert zu werden. Aus Halbtags- wurden Ganztagsschulen. Die Unis experimentierten mit Bachelor und Master. Auch außerhalb des Bildungssystems änderte sich Vieles. Deutschland schaffte den Ausstieg aus der Atomkraft, beschloss dann den Wiedereinstieg, um seit der erneuten Kehrtwende nach Fukushima an der Energiewende zu basteln. Aus der D-Mark wurde der Euro und dessen Zukunft später plötzlich ungewiss. Nach der Pleite der Investmentbank Lehmann Brothers hörte für einen Moment das Herz unseres Wirtschaftssystems zu schlagen auf. GENERATION VOR GEWALTIGEN HERAUSFORDERUNGEN Schon lange stand keine junge Generation mehr vor so gewaltigen Herausforderungen wie diese. Niemand hat dies intuitiv so gründlich erfasst wie sie selbst. Schließlich muss sie als erste ihr Leben unter den neuen Bedingungen gestalten. Das zeigt sich auch in den Essays, die prämiert wurden. Können wir wirklich weiter so konsumieren wie bisher? Müssen wir nicht Verzicht lernen? Wie kann eine Gesellschaft aussehen, in der die Jungen derart in der Minderheit sind, dass ihre Partei – sollten sie denn je geschlossen eine Partei wählen – an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern würde? Wie also kann eine Opakratie funktionieren? Und wie wollen wir in Zukunft arbeiten? Dies sind einige der zentralen Fragen der Texte.

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Aus all diesen Essays spricht aber auch das diffuse Gefühl, dass wir auf all das, was da kommen mag, nicht gut vorbereitet sind. Deutschland geht es wirtschaftlich so gut wie lange nicht mehr. Das Land ist Wachstumslokomotive für ganz Europa. Der Export boomt. Die Arbeitslosigkeit sinkt, wenn auch immer noch auf viel zu hohem Niveau. Und doch spricht aus den Aufsätzen auch immer die Frage, ob wir die Zeit gerade nutzen, um sicherzustellen, dass es uns auch in der Zukunft gut gehen wird. Da klingt die Sorge an, dass Deutschland die Digitalisierung verschläft, dass unser Grad an Freiheit und Demokratie nicht selbstverständlich ist. Oder dass die Kosten für Schulden, Renten und Sozialtransfers irgendwann nicht mehr zu stemmen sein werden. Die Liste lässt sich fortsetzen. Der NSA-Skandal hat keine grundlegende Diskussion in der Politik ausgelöst, wie Sicherheit und Privatsphäre im digitalen Zeitalter austariert sein sollten. Die Energiewende droht, im Klein-Klein von Länder- und Lobby-Interessen zerrieben zu werden. Die Rente mit 63 ist nur für einige wenige Jahre gegenfinanziert. Das Betreuungsgeld hilft jungen Menschen nicht, Arbeit und Familie besser vereinbaren zu können, was gerade junge Frauen in überwiegender Mehrheit wollen. Von außen betrachtet, scheinen viele dieser Maßnahmen das Ziel zu haben, den Menschen zu suggerieren, dass sich nichts ändern muss. Die Energiewende soll scheinbar realisierbar sein, ohne weitere Windräder aufzustellen, neue Stromtrassen zu bauen oder Kohlekraftwerke abzuschalten und damit Arbeitsplätze zu vernichten. Das Rentensystem soll auch funktionieren, ohne dass man das Rentenalter signifikant anheben muss – was sind schon zwei Jahre angesichts des dramatischen demographischen Wandels in Deutschland. Und Kinder müssen auch heute nicht schon mit einem Jahr in die Kita gehen. Die junge Generation ist da schon weiter. Ihr ist klar, dass sie die erste in der Geschichte Nachkriegsdeutschlands sein könnte, die mit weniger Wohlstand auskommen muss als ihre Eltern. „Der Schlag wird kommen. Der gewaltige. Vielleicht sogar im Plural“,

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schreibt Georg Frühschütz. „Kann Deutschland seinen Wohlstand wirklich halten, angesichts der rapiden Alterung?“ fragt Wolfgang Gründinger. Helen Preiß zitiert einen Zukunftsforscher des Club of Rome: „Die Hauptbotschaft ist, dass wenn wir nicht sofort etwas tun, die Welt zur Hölle gehen wird.“ Wie soll sie da noch ein Windrad stören? Oder die Aussicht, ein paar Jahre länger arbeiten zu müssen? GEFÜHL DER UNSICHERHEIT In unserer Recherche haben wir immer wieder festgestellt, wie stark junge Leute heute von einem Gefühl der Unsicherheit geprägt sind. „Die Rente ist sicher“ mag ein Satz gewesen sein, den sie in ihrer Jugend noch gehört haben – an ihn geglaubt haben sie nie. Den meisten ist klar, dass sie deutlich länger arbeiten werden müssen als ihre Eltern und Großeltern. Schon in ihrer Jugend hat die Generation, die gerade erwachsen wird, eine Reihe von Krisen erlebt. Die Terroranschläge vom 11. September 2001 waren wohl für viele das erste bewusste politische Ereignis. Afghanistan, Irak, Libyen, Syrien, Jemen – in der Folge hat sie der so genannte „Krieg gegen den Terror“ bis heute durch ihr Leben begleitet. Hinzu kamen die Finanz- und Eurokrise, Fukushima und der Klimawandel mit unzähligen Naturkatastrophen. Daneben ist diese Generation natürlich durch die Digitalisierung geprägt. Die Ypsiloner sind die ersten Digital Natives. Hier wird besonders deutlich, was es bedeutet, bislang nur das Hier und Jetzt erlebt zu haben. Junge Menschen können eben nicht aus eigener Erfahrung den Schluss ziehen, dass ohne Facebook, Whatsapp und Smartphone alles besser gewesen sein soll. All dies gehört für sie selbstverständlich zu ihrer, nein, zur Welt überhaupt. Während die Generation Y noch die Schulbänke drückte, musste sie mit ansehen, wie große Teile der nur ein wenig älteren Jahrgänge keinen Ausbildungsplatz bekamen oder sich nach dem Studium von Praktikum zu Praktikum oder von Zeitvertrag zu Zeitvertrag

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hangelten. Beschäftigungsrisiken wurden über Zeitverträge gezielt auf die junge Generation umverteilt, wie eine Studie des Instituts für Arbeit und Beschäftigung zeigt. Zur gleichen Zeit führte Deutschland Hartz IV ein. Damit wurde die Gefahr des sozialen Abstiegs mit einem Mal real. Auch für junge Leute, wie Jugendstudien zeigen. Und als wäre das nicht Druck genug, führte die PISA-Studie deutschen Schülern auch noch vor Augen, dass das, was sie in der Schule lernten, im internationalen Vergleich ohnehin nicht viel wert war. Die Generation Y steht also von ihrer Jugend an unter immensem Druck. Eben weil sie weiß, dass Wohlstand nicht mehr selbstverständlich ist. Doch gleichzeitig kam Deutschland überraschend gut durch die Finanzkrise. Heute sind mehr Menschen in Arbeit als je zuvor. Das Wort vom Fachkräftemangel macht die Runde. Junge Menschen werden in vielen Branchen händeringend gesucht, solange sie die richtige Ausbildung haben. Auch deshalb schaut die Generation Y mit einem Optimismus auf das Leben, der einem Respekt abnötigen muss, bedenkt man die Umstände, unter denen sie aufgewachsen ist. „Nichts ist mehr sicher“, sagt sie sich. „Aber es geht immer irgendwie weiter.“ Dabei sind es mehr als die Rahmenbedingungen, die sich für die Generation Y geändert haben. Ihre Lebensläufe selbst gehorchen nicht mehr tradierten Mustern. Früher gab es eine Kindheits- und Jugendphase, die Anfang 20 in ein Erwachsenenleben mündete, das wiederum relativ geradlinig auf den Ruhestand zulief. „SO VIELE MÖGLICHKEITEN“ Heute sind solche, stark von Konventionen geprägten Biographien kaum noch vorstellbar. Will ich meinen Freund oder meine Freundin heiraten? Will ich vor oder nach der Hochzeit Kinder? Will ich nach dem Masterstudium arbeiten, ein freiwilliges soziales Jahr machen oder doch noch einen zweiten Master oben drauf setzen? All diese Fragen können junge Menschen heute weitgehend allein entscheiden. „Es gibt so viele Möglichkeiten im Leben“, sagte

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mir die 26-jährige Leoni im Interview, die in Berlin Politologie studiert. „Nur weil ich Weg A gehe, heißt das nicht, dass das richtig und gut ist und mich glücklich macht. Vielleicht ist Weg B besser und nur ein anderer Weg zum gleichen Ziel.“ Weg A, Weg B – Leoni stapelt ein wenig tief, wenn sie ihre Wahlmöglichkeiten auf ein Entweder-Oder reduziert. Wie jeder bildungsstarke Ypsiloner hat auch sie sicherlich noch Weg C, D, E und vielleicht auch noch Weg F in der Hinterhand. Der streng von Konventionen geprägte Lebenslauf ist einem Bausatz des Lebens gewichen, den sich junge Leute selbst zusammensetzen können. Alles scheint möglich. Nur erwachsen werden sie heute deutlich später als frühere Generationen. In der unsicheren Welt ist das Spiel mit Optionen zentral bei dem Versuch, sich ein eigenes Sicherheitsnetz aufzubauen. Sich mehrere Optionen offen zu halten, bedeutet, Alternativen zu haben, nicht vor eine Wand zu laufen, sollte Plan A nicht so wie geplant funktionieren. Vielleicht ist Plan B ohnehin der bessere, wie Leonie sagt. Genau dieses Denken macht die Generation Y zu einer Generation von Ego-Taktikern, die stets bemüht ist, ihren Spielraum zu erweitern. Genau diese Optionen geben ihr die Kraft, trotz äußeren Drucks ihr eigenes Leben zu leben. Bei Entscheidungen zwischen Optionen hilft die Frage nach dem Sinn als Kompass durch den Optionsdschungel: „Was macht für mich Sinn? Wie will ich leben?“ Das sind die wichtigsten Kriterien, nach denen sie ihr Leben plant. Natürlich strebt auch die Generation Y nach materieller Sicherheit. Der Bausparvertrag für das eigene Häuschen ist beliebter denn je. Doch das Leben ist viel zu wenig planbar geworden, um das gute Leben auf die Zeit nach den ersten Karriereerfolgen oder gar auf die Rente zu verschieben. Genau auf diese Ego-Taktik bauen meine Hoffnungen, nämlich darauf, dass diese Generation unsere Gesellschaft in ihrem Sinne verändern wird. Denn das Spiel mit Optionen gibt ihr vor allem auch die Freiheit, nicht so zu leben, wie man immer schon gelebt hat.

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Nachdem ihr in der Schule die Wichtigkeit lückenloser Lebensläufe eingetrichtert wurde, fragen gerade bildungsstarke junge Leute heute zunächst: „Was will ich vom Leben?“ Und erst danach: „Was will mein Arbeitgeber von mir?“ Spüren Sie als Leser das revolutionäre Potenzial dieser Frage? Personalchefs in der ganzen Republik schon. PARADIGMENWECHSEL IN DER ARBEITSWELT Tatsächlich ist die Arbeitswelt die zentrale Kampfzone der heimlichen Revolution. Nicht umsonst widmet Jennifer Joos ihren gesamten Essay der Frage, wie ihre Generation arbeiten will. In vielen anderen Bereichen haben die Eltern und Großeltern schon viele Freiheiten erkämpft, in der Arbeitswelt wurden sie zuletzt tendenziell eher eingeschränkt. Die Weltsicht der Generation Y hat dabei zu einem Paradigmenwechsel in ihrem Verhältnis zur Arbeit geführt. Wenn das Leben Planbarkeit verliert, macht es wenig Sinn, das gute Leben auf später zu verschieben. Über Generationen galt „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“. Für die Generation Y gilt dagegen deutlich stärker: Arbeit muss hier und jetzt Erfüllung bringen. „Wann denn sonst?“ würden sie wohl hinzufügen. Auch die junge Generation sehnt sich nach sicheren Arbeitsplätzen. Zwar verdient sie Respekt dafür, wie gut sie mit der Unsicherheit in der Lebens- und Karriereplanung zurechtkommt, doch natürlich wünscht auch sie sich Sicherheit und Planbarkeit im Leben. In Umfragen steht Jobsicherheit an erster Stelle, doch darauf folgen viele Ansprüche, mit denen die Ypsiloner tatsächlich unsere Arbeitswelt verändern werden. Für sie soll Arbeit immer neue Aufgaben stellen. Sie wollen die Möglichkeit haben, eigene Ideen zu verwirklichen, selbständig zu entscheiden, mit Menschen zu arbeiten und – nicht zuletzt – im Job Nützliches für die Allgemeinheit zu tun. Jennifer Joos hat all diese Punkte so treffend zusammengefasst, dass ich an dieser Stelle einfach Zeit zur Textlektüre geben müsste. Nur so viel noch: Viel Freizeit landet bei den Wünschen junger Menschen auf dem letzten Platz. Jede Diskussion über die angeb-

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lich so hedonistische oder gar faule Jugend entbehrt somit der Grundlage. Junge Leute sind leistungsbereit. Wenn Personalchefs darüber klagen, dass sie im Bewerbungsgespräch schon nach Überstunden, Wochenendarbeit und Elternzeit fragen, dann tun sie das in dem Bewusstsein, dass die Arbeitsbelastung immer dichter wird und vor allem auch, dass ihre Generation sehr lange im Leben wird arbeiten müssen, aber nicht, weil sie nicht bereit wären, Einsatz zu zeigen. Insofern greift auch das Argument der Kritiker nicht, die der Generation Y vorwerfen, sich bedingungslos an die Mechanismen der neoliberalen Marktwirtschaft angepasst zu haben. Mit Hire und Fire können auch sie nichts anfangen. Deshalb steht ja der sichere Arbeitsplatz ganz oben auf ihrer Wunschliste. Doch gleichzeitig wollen sie die Arbeit ein Stück weit vermenschlichen. Auch hier ist die Sinnfrage Kompass: „Macht das, was ich den ganzen Tag über tue, Sinn? Ist die Arbeit Teil meines guten Lebens?“ Auch in der Arbeitswelt spielen junge Leute ihr egotaktisches Spiel mit Optionen. Zwar streben die meisten von ihnen einen sicheren Job an, entscheidend bei der Arbeitgeberwahl sind aber die Chancen zur Weiterqualifizierung. Spätestens seit dem Untergang der Lehmann Brothers oder auch von Schlecker weiß die Generation, dass auch Großunternehmen nicht vor einer Pleite gefeit sind. Auch deshalb schwingt für sie bei der Arbeit immer die Frage mit, inwieweit die derzeitige Tätigkeit in der Zukunft ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt verbessert. Qualifizierung schlägt Jobsicherheit. Und auch hier suchen die Egotaktiker der Generation Y vor allem eines, nämlich Bildung. INVESTITIONEN IN BILDUNG „Noch investieren wir in unser Persönlichkeitskapital, in Ausbildung und Weiterentwicklung“, sagte mir der 28-jährige Ingenieur Jonas im Interview, der gerade noch einen Master of Business Administration macht. Deshalb habe er noch kein Geld. „Das ist ja

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tatsächlich so“, bestätigte seine Frau Carina. „Wir machen einen Master, weil wir glauben, mehr Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben oder persönlich davon zu profitieren.“ In einer Welt, in der man sich dem Gefühl nach immer verschiedene Möglichkeiten offen halten muss, um auch tatsächlich Optionen zu haben, ist Bildung die Währung, die eben diese Optionen eröffnet. Auch deshalb ist die Generation eine Generation der Bildungsjunkies. Noch nie haben so viele junge Leute Abitur machen wollen. Auch die Zahl der Studienanfänger ist drastisch gestiegen. Die Generation Y ist die erste, in der mehr junge Menschen studieren, als dass sie eine Ausbildung machen. Das sind dramatische Verschiebungen, auf die die Bildungspolitik in den kommenden Jahren Antworten finden muss. ZU VIELE JUGENDLICHE ABGEHÄNGT Doch Generationen sind keine monolithischen Gebilde, deren Angehörige alle nach dem gleichen Schema handeln. In Wirklichkeit zerfällt die Generation Y in zwei große Blöcke. Auch hier ist die Bildung zentral. Diejenigen mit guten Bildungsabschlüssen sind in der Lage, beim egotaktischen Spiel mit Optionen mitzuspielen, diejenigen mit schlechteren oder ganz ohne Schulabschlüsse nicht. Sie machen 40 % der jungen Generation aus. Darunter etwa 20 %, denen meist der Schul- oder Berufsabschluss fehlt und die einfach resigniert haben. Ein Armutszeugnis für Deutschlands Sozial- und Bildungssystem, das umso absurder anmutet, verfolgt man die Diskussionen über demographischen Wandel und Fachkräftemangel. Der Wirtschaft fehlen die Arbeitskräfte und dennoch leistet es sich Deutschland immer noch, dass etwa jeder fünfte Jugendliche nach der Schule von Beginn an chancenlos ins Leben startet. Doch das wird immer noch viel zu wenig in der öffentlichen Diskussion in Deutschland thematisiert. Ein wenig mag das dem deutschen Föderalismus geschuldet sein, in dem die Belange der Jungen, vor allem die Bildung, Ländersache sind, die Belange der Alten

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jedoch auf nationaler Ebene verhandelt werden. Doch sicher spielen auch demographische Kräfteverhältnisse eine Rolle. 18,2 % aller Kinder würden von Sozialhilfe leben, schreibt Wolfgang Gründinger in seinem Essay, doch nur 2,5 % der über 65-Jährigen. Trotzdem vereinbarten Union und SPD in ihrem Koalitionsvertrag, deutlich mehr Geld zusätzlich für Rentner auszugeben als für Kinder. Ich will hier gar keinen Generationenkonflikt schüren, den es nicht gibt – das tut im Übrigen auch Wolfgang Gründinger nicht. Im Gegenteil: „Warum wir die Alten mehr brauchen als je zuvor“, lautet der Titel seines Textes. Damit spricht er seiner Generation aus der Seele. Junge Menschen gehen heute ein Bündnis mit ihren Eltern und Großeltern ein. Sie sichern sich jede Unterstützung, die sie bekommen können, um ihren Weg in der unsicheren Welt gehen zu können. Sie sind in ihrer Mehrheit auch nicht gegen gute Renten für die heute Alten. Und doch bleibt die Angst, dass wir heute nicht die richtigen Weichen für die Zukunft stellen. Noch einmal Wolfgang Gründinger: „Mit der Verschiebung der Altersgruppen wächst die Gefahr, dass die Älteren die Agenda diktieren und Zukunftsthemen verdrängen.“ POLITIK UNTER DEM Y Die Gefahr ist umso größer, als die Generation Y sich nur wenig ins politische System einbringt. Heute sei man rein rechnerisch mit 23 Master und mit 27 Doktor, schreibt Helen Preiß. Doch dies gefährde das kritische Denken. „Die großen Fragen der Welt verlieren an Bedeutung, wenn man mit sich selbst beschäftigt ist. Wenn man zufrieden ist, ein Rädchen im großen Gefüge zu sein. Wenn man fürchten muss, mit 2,0 nicht mehr an seinem bisherigen Studienort die Zulassung zum Master zu schaffen“, schreibt sie. Preiß beschreibt sehr treffend den Druck, unter dem ihre Generation steht. Ich möchte noch ein Beispiel aus der Wissenschaft hinzufügen: Junge Wissenschaftler werden heute in Bewerbungsgesprächen selbstverständlich danach gefragt, wie sie denn Drittmittel einwerben wollen.

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Ich bezweifle, dass die Professoren, die heute diese Fragen stellen, selbst diesem Druck in gleichem Maße ausgesetzt waren. Allerdings glaube ich nicht, dass die Generation Y wirklich so unpolitisch ist, wie es ihr immer wieder vorgeworfen wird. Gerade von älteren Generationen, die meinen, die Maßstäbe für politisches Engagement in Deutschland für sich gepachtet zu haben. Zwar sehen die Zahlen tatsächlich zunächst sehr düster aus. Nur 40 % der jungen Leute behaupten heute von sich, politisch interessiert zu sein. Zum Vergleich: 1980 lag diese Zahl bei 55 %. Nur noch 1 % ist Mitglied in einer Partei (früher waren es einmal 3 %) und auch die Wahlbeteiligung ist niedriger als in der Gesamtbevölkerung. „KEINE ATTRAKTIVE GENERATION“ „Wir sind scheinbar keine attraktive Generation“, sagt dagegen Simone über die große Politik. Simone studiert in Aachen Wirtschaftsingenieurwesen. Auch sie habe ich während der Recherche für unser Buch getroffen. Ein Vertrauensverlust, der sich auch in vielen Umfragen widerspiegelt. Doch spannend ist an ihrer Haltung anderes. Simone engagiert sich in einer Studierenden-Initiative in Aachen. Ihr Ziel ist es, ein flächendeckendes Fahrradverleihsystem in der 240.000-Einwohnerstadt aufzubauen. 1.000 Fahrräder an 100 Stationen über das gesamte Stadtgebiet verteilt – Elektrofahrräder wohlgemerkt, da die Universität ausgerechnet hat, dass anderenfalls die Menschen mit den Fahrrädern nur bergab führen. Anschließend müssten LKWs diese dann wieder auf die höhergelegenen Stationen verteilen. Warum sich Simone da engagiert? Der Stadt drohe sonst der Verkehrskollaps, fürchtet sie. „In Aachen ist einfach nicht genug Platz für Autos. Da kann man auch direkt in die richtige Richtung steuern und weniger Unzufriedenheit erzeugen.“ Ein solches System verbessere zudem die Situation der Studierenden und vieler anderer Aachener. Gesellschaftliches Engagement mit einer klaren Vision für die Zukunft also – und doch sagt sie: „Für mich ist das kein politisches Projekt.“

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Die Generation Y definiert Politik deutlich enger als andere vor ihr. Politik ist für sie hauptsächlich das, über was die Tagesschau Abend für Abend berichtet. Daran denkt sie, wenn sie angibt, dass sie sich nur wenig für Politik interessiert. Alles andere fällt für sie wie für Simone unter gesellschaftliches Engagement, ethische Fragen unter Konsum etwa bei Bio-Produkten oder beim Fairphone und unter Lifestyle wie etwa der Veganismus. Und noch eine Sache fällt auf: Simone engagiert sich nicht nur in der Verkehrspolitik, sie ist auch in der Hochschulpolitik aktiv. In den vergangenen Jahren war sie in der Fachschaft, im AStA und im Studierendenparlament. Nur die Arbeit im Studierendenparlament hat sie frustriert. Dort sei ewig lang über Themen diskutiert worden, man habe sich den Meinungen der Listen unterordnen müssen. Und doch „kam nichts bei rum“, sagt Simone rückblickend. Die Generation Y ist keine, die als Schriftführer im Ortsverein anfängt und sich dann auf den Marsch durch die Institutionen begibt. Sie will von vorneherein gestalten. In Fachschaft und AStA hat sich Simone gerne engagiert. Fragt man sie warum, sagt sie über ihre Arbeit als Kassenwart in der Fachschaft, dort habe sie viel gelernt. Beim AStA wiederum habe sie das Gefühl gehabt, Menschen helfen zu können. Die Ypsiloner gehen also auch an politisches Engagement egotaktisch heran. Leitfrage ist auch hier: „Macht das für mich Sinn? Was bringt mir das?“ Mit Egoismus hat das für die meisten wenig zu tun. Zwar nutzen sie Engagement auch wie Simone zur Persönlichkeitsentwicklung, oft beantworten sie die Frage nach dem Nutzen aber auch mit einem Gefühl der Selbstwirksamkeit. Anderen helfen oder Dinge zum Besseren verändern zu können, all das sind egotaktische Motivationen junger Menschen heute – nicht die schlechtesten, um Politik zu machen.

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KEIN MARSCH DURCH DIE INSTITUTIONEN Die Frage, wie junge Menschen heute Politik machen wollen, wird umso wichtiger, da die Ypsiloner so wenige sind. Beim Marsch durch die Institutionen werden sie noch sehr lange den Kürzeren ziehen. Nicht umsonst zitiert Wolfgang Gründinger die Zahl, die zeigt, dass alle Wähler unter 21 alleine keine Partei über die FünfProzent-Hürde hieven könnten. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich eine Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung besucht. Dort sagte die SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi, junge Leute müssten sich in der Partei eben durchbeißen, das habe ihre Generation auch gemusst. Doch das funktioniert heute so nicht mehr. Die Ypsiloner fragen sich, wo sie mit ihrem Engagement wirklich etwas verändern können. Innerhalb des politischen Systems oder auch mit Straßenprotesten sehen sie diese Chance offensichtlich nicht. Geht man davon aus, dass junge Menschen mit ihrer intuitiven Wahrnehmung der Gesellschaft auch ein Seismograph für die Zukunft sind, sollte dies der Politik deutlich mehr zu denken geben, als es derzeit tut. Junge Leute fühlen sich und ihre Themen deutlich weniger von der Politik angesprochen, als die Generationen vor ihnen es ohnehin schon taten. Seine Politik auch zu twittern, wird nicht genügen, um die Jugend wieder zu erreichen. 1,6 Millionen Menschen haben den Newsletter der Nichtregierungsorganisation Campact abonniert. Natürlich sind das nicht alles junge Leute, trotzdem dürften es insgesamt mehr sein, als die großen Volksparteien zusammen Mitglieder haben. Die Themen: HomoEhe, Energiewende, TTIP, Vorratsdatenspeicherung, die Flüchtlingspolitik der EU und Landwirtschaft. Es sind die wichtigen Themen unserer Zeit: Zukunftsfragen, bei denen die junge Generation die Folgen tragen muss. Mit seinen Aktionen will Campact die Meinung normaler Bürger in die Diskussion einbringen, so die Selbstbeschreibung der Organisation. Fast alle richten sich gegen die etablierte Politik.

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Auch die Generation Y hat wenig Vertrauen in Politiker und Parteien. Das zeigen unzählige Umfragen. Wie sagte es Simone: „Wir sind keine attraktive Generation.“ Wie gesagt: Auch die Essays zeigen die Furcht, dass die großen Zukunftsthemen nicht angepackt werden. Ob die Strategie der Generation Y allerdings richtig ist, keine Energie mit großen politischen Kämpfen zu verschwenden, von denen sie das Gefühl hat, dass sie sie ohnehin nicht gewinnen kann, bleibt abzuwarten. Manchmal fürchte ich, dass sich viele in zehn Jahren ärgern werden, dass sie heute zu wichtigen Themen nicht auf die Straße gegangen sind. Solche Entscheidungen darf man nicht komplett an Berufspolitiker outsourcen. „Keine Zeit, mein eigenes Leben auf die Reihe zu bekommen, kostet schon genug Energie“ ist da keine gute Entschuldigung. EINE PRAGMATISCHE GENERATION Doch noch eine Sache hat sich im Verhältnis der jungen Generation zur Politik verändert: Ihr fehlen die Ideale. Die Politologin Leoni gerät trotz ihres Studiums bei dem Versuch in Schwierigkeiten zu definieren, was ihre Ideale sind. Am besten gelingt es ihr mit einer negativen Definition. „Ich kann überhaupt nichts mit Menschen anfangen, die vegan leben und alle Menschen davon überzeugen wollen, dass das das einzig Wahre ist, und dann ihre Klamotten bei H&M kaufen.“ Keine Tiere auszubeuten, zum Prinzip zu erheben und trotzdem die Ausbeutung von Arbeitern in Bangladesch durch seinen Konsum zu unterstützen – das geht gar nicht, um es mit den Worten der Kanzlerin zu sagen. Die Generation Y ist grundsätzlich sehr pragmatisch. Ein Teil der Erklärung liegt in Leonis Antwort. Heute sind so viele Informationen verfügbar, dass jedem bewusst ist, ethisch gut zu leben, ist fast unmöglich. Eine ganzheitliche Herangehensweise heißt für sie dann eben auch, sich pragmatisch zu bemühen, ohne dies gleich zum Ideal zu erheben. Eben weil man weiß, dass das, was man tun kann, nicht genug sein wird.

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Ein anderer Teil liegt aber auch im Wesen der derzeitigen Politik. Wenn große Entscheidungen wie Bankenrettung, GriechenlandHilfe oder TTIP als mehr oder weniger alternativlos verkauft werden, fällt der Streit um Ideale schwer. Dann gibt es eben nur pragmatisch richtig oder falsch. Auch daher rührt der Pragmatismus junger Menschen. DIE WELT NACH DER REVOLUTION Doch zurück zur heimlichen Revolution und der Frage, ob ich unser Buch einstampfen muss, weil junge Menschen heute so stark unter Druck stehen, dass ihnen schlicht die Kraft zu Veränderungen fehlt. Ich glaube in diesem Punkt an die Generation Y. Dabei macht mir vor allem die Konsequenz des bildungsstarken Teils der Generation Hoffnung. „Geht nicht? – Gibt’s nicht!“ könnte man ihren Kampfschrei auf den Punkt bringen. Auch, weil eben Durchhalten und Zähne zusammenbeißen bei unsicheren Perspektiven deutlich weniger Sinn macht. Kampfzone ist für sie natürlich die Arbeitswelt. Die 68er lehnten sich gegen eine bigotte Gesellschaft auf, in der ihnen der Freiraum fehlte, ihr eigenes Leben zu leben. Die Generation Y hat in dieser Hinsicht so viel Freiheit, sich zu entfalten wie kaum eine Generation vor ihr. Nicht zuletzt die breite Akzeptanz der Homo-Ehe zeigt, wie weit sich gesellschaftliche Moralvorstellungen liberalisiert haben. Für sie ist es deshalb vor allem die Arbeitswelt, die droht, sie einzuschränken. Die Ypsiloner sind unter der Maxime aufgewachsen, funktionieren zu sollen. In ihrer Zeit wurde der lückenlose Lebenslauf als Zielvorstellung entwickelt, wurden Schule und Hochschulsystem auf die Bedürfnisse der Wirtschaft zurechtgeschnitten, Leistung in Credit Points gemessen, die vom ersten Semester für die Abschlussnote zählten. All das muss man berücksichtigen, will man den Mut angemessen bewerten, der für die Generation Y dazugehört, zu sagen: „Wir wollen nicht um der Leistung willen arbeiten, sondern wollen Sinn

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in der Arbeit sehen“, wie es Jennifer Joos gekonnt auf den Punkt bringt. Während Arbeit immer effizienter wird, fordern junge Leute heute, diese Arbeit menschlicher zu machen. Die Generation Y wurde im Schulsystem stark auf Leistung getrimmt und hat das Streben nach höheren Abschlüssen selbst internalisiert. Wenn mir jetzt Personalchefs auf Veranstaltungen sagen: „Die Jungen wollen nicht mehr so, wie wir uns das denken“, dann ist das ein großer Erfolg der jungen Generation. Umso mehr als sie sagt, Leistung, die sich in finanziellem Erfolg misst, ist nicht der Maßstab, nach dem sie ihr Leben bewertet. Einkommen sind nicht mehr das Wichtigste bei der Berufswahl. Doch junge Leute heute gehen noch einen Schritt weiter. Sie wollen ein ganzheitlich gutes Leben statt einfach nur Wohlstand. Dazu gehören neben dem materiellen Auskommen auch Zeit für Freunde und Familie, eine intakte Umwelt und Gesundheit. Auch hier sind junge Leute schon deutlich weiter als die große Politik, die wirtschaftlichen Erfolg immer noch hauptsächlich an der Wachstumsrate misst, auch wenn mittlerweile alternative Konzepte entwickelt werden. Über Jahre hat die Politik Gestaltungsspielraum an die Wirtschaft verloren. Wenn sie Erfolg hat, wird die Generation Y einen Teil dieses Spielraums für die Gesellschaft zurückerobern. Sie lebt in einer einzigartigen Zeit, die ihr genau dazu die Möglichkeit gibt. Die Digitalisierung wird in den kommenden Jahren Wirtschaft und Gesellschaft radikal umkrempeln. Die Generation Y hat wie keine andere das Zeug dazu, diesen Wandel und die Gesellschaft insgesamt in ihrem Sinne zu gestalten. Die Essays, die prämiert wurden, zeigen auch, dass sie darauf brennt, endlich damit zu beginnen. Es liegt am Rest der Gesellschaft, sie dabei mit allen Kräften zu unterstützen. Ich jedenfalls freue mich auf ihre „heimliche Revolution“. ||| ERIK ALBRECHT Journalist, Berlin

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HELEN PREISS ||| 2030 – Wo steht dann meine Generation? Gegenfrage: Sind wir denn schon eine Generation? Reicht es bereits aus, in einem festgelegten Zeitraum geboren zu sein und den gleichen Modetrends zu folgen? Oder erlangt eine Generation ihre Identität erst dadurch, dass sie sich emanzipiert und sich gemeinsame Ziele setzt? Über Individualisten, politische Willensbildung und die Selbsterschaffung einer Generation.

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EINLEITUNG Als Naturwissenschaftler ist die Frage nach der Zukunft Teil meiner alltäglichen Debattenkultur. Naturwissenschaftler unterhalten sich ausgesprochen gerne über die Zukunft, untermauert von Belegen aus der eigenen Forschung oder der anderer, Science-Fiction-Filmen oder den Werken von H.G. Wells.1 Die Betrachtung der nahen Zukunft 2030 ist im Vergleich mit Star Trek auf den ersten Blick eher trocken. Und meistens gelangt sie zu einem negativen Urteil, wenn z. B. der Physiker, Zukunftsforscher und Kopf des Club of Rome, Jørgen Randers, über seinen Bericht „2052: A Global Forecast for the Next Forty Years“ aussagt: „The main message is, that if we don‘t take immediate action, the world will go to hell.“2 Allerdings ist die Beschäftigung mit der Zukunft keine Naturwissenschaft. Zukunft lässt sich nicht mit Formeln beschreiben, sie folgt keinen Dogmen und keine Prognose besitzt einen universellen Gültigkeitsanspruch. Auch Generation ist ein vager Begriff, stets verallgemeinernd und dahingehend subjektiv, dass sich jeder einer anderen Altersgruppe (bezüglich der Abgrenzungen nach oben und unten) angehörig fühlt. Ich möchte ihn hier wie folgt begrenzen: Unter „meiner Generation“ verstehe ich die heute 10- bis 25-jährigen Deutschen, welche in 15 Jahren 25-40 Jahre alt sein werden. Der Grund dieser nach oben hin starken Abgrenzung ist, dass die 25- bis 40-Jährigen gerade die Ausbildung beendet oder die ersten Berufsjahre gesammelt haben. Sie stehen alle vor den Herausforderungen, eine Familie zu gründen, ihren beruflichen Aufstieg zu verfolgen, ohne fest etabliert zu sein. Sie stellen noch keine Vorstandsmitglieder oder Bundeskanzler, sondern sie stellen die noch „flüssige“ Basis dieses Landes dar. Sie müssen entscheiden: Was will ich? Was will ich noch erreichen? Wie sorge ich für mein Alter vor? Wie sollen meine Kinder aufwachsen? Und darum sollte die Frage nach der Zukunft sich mit den Entscheidungen dieser Menschen beschäftigen. Die Frage, wo wir 2030 stehen, kann man zwar beantworten, wenn man sich damit befasst, ob nun 50 oder 60 % des deutschen

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Energieverbrauchs aus regenerativen Energien gespeist werden oder welche Reformen des Gesundheitswesens künftig vonnöten sein werden, damit sich nicht in 15 Jahren die Krankenkassenbeiträge verdoppeln. Oder in welcher Form es den Kapitalismus dann noch geben kann oder wie weit Informationstechnologie (Facebook, Google, biometrische Reisepässe, Vorratsdatenspeicherung usw.) unser Leben noch beeinflussen wird. Dies sind wichtige und spannende Fragen, und als Naturwissenschaftler bin ich geneigt, mir ein solches Thema herauszupicken, womöglich eines, welches in mein Ressort als Chemiker fällt. Es sind dies aber vorrangig Fragen, die die Gesellschaft als Ganzes betreffen. Energiepolitik hat Auswirkungen auf jeden Verbraucher, und die mögen sich für einen 20- oder 70-Jährigen im Allgemeinen nicht groß unterscheiden. Der demographische Wandel muss sich mit der Gerechtigkeit der Generationen beschäftigen, diese stehen in reziprokem Verhältnis zueinander. Zur Begründung der Wahl meines Schwerpunkts möchte ich ein Argument anführen, welches etwas Ausholung bedarf. Ich erinnere mich sehr deutlich an den Moment, als ich das erste Mal über die Verantwortung der Wissenschaft nachdachte. Es war in der elften Klasse, wir lasen Dürrenmatts „Die Physiker“, dazu Begleittexte von Oppenheimer und Einstein. Damals wollte ich bereits Naturwissenschaften studieren, Politik dagegen schien mir zu irdisch, zu menschlich. Wie konnten mich Diskussionen über Vermögenssteuer oder Verkehrspolitik reizen, wenn ich mich der Symmetrie der Naturgesetze oder Erschaffung von Molekülen widmen könnte? In „Die Physiker“ allerdings schildert Dürrenmatt sehr eindringlich die Verantwortung der Wissenschaft. Dort heißt es: „Der Inhalt der Physik geht die Physiker an, die Auswirkungen alle Menschen. Was alle angeht, können nur alle lösen. Jeder Versuch eines Einzelnen, für sich zu lösen, was alle angeht, muss scheitern.“3 Was diese Generation betrifft, ihre Zukunft nämlich, geht alle an, und wie sie beschaffen sein mag oder gestaltet werden kann, muss daher so umfassend und allgemein wie möglich beantwortet werden.

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AUTOPOIESE EINER GENERATION Autopoiese ist nicht nur ein vokallastiges Fremdwort griechischen Ursprungs: Es bedeutet Selbsterschaffung und im weiteren Sinne auch Selbstorganisation. In den Naturwissenschaften dient Autopoiese als Definitionskriterium für Lebewesen,4 und wurde von Niklas Luhmann auch als Systemtheorie in den Sozialwissenschaften eingeführt.5 Er gelangte daraufhin zu folgender Definition eines sozialen Systems, als welche man auch eine Generation auffassen mag: „Ein soziales System kommt zustande, wann immer ein autopoietischer Kommunikationszusammenhang entsteht und sich durch Einschränkung der geeigneten Kommunikation gegen eine Umwelt abgrenzt. Soziale Systeme bestehen demnach nicht aus Menschen, auch nicht aus Handlungen, sondern aus Kommunikationen.“6 Die Mittel zur „Einschränkung der […] Kommunikation“ sind Luhmann nach „binäre Codes“, z. B. gut / böse, Macht / Machtlosigkeit. Des Weiteren gelte: „Autopoietische Systeme können ihre Strukturen nicht als Fertigprodukte aus ihrer Umwelt beziehen. Sie müssen sie durch ihre eigenen Operationen aufbauen und das erinnern – oder vergessen.“7 Meine Generation wird selbst entscheiden müssen, wie ihre Zukunft aussieht. Meine Generation ist satt und übersatt. Wahl und Auswahl bieten sich ihr in zunehmend groteskem Maße und oft unüberschaubar verflochten. Das ist ihr Privileg, und das ist ihre Bürde. Am Ende unseres Lebens werden wir nicht mehr so satt sein wie heute.8 Den Optimisten bleibt zu hoffen, dass dies nur den ökonomischen Wohlstand, nicht den kulturellen oder freiheitlichen betreffen möge. Damit können wir umgehen, wenn wir lernen, Freiheit, Demokratie und Umwelt nicht als selbstverständlich anzunehmen, sondern schätzen zu lernen. Meine Generation wird in 15 Jahren noch nicht vor dem Problem stehen, ökonomisch zurückstecken zu müssen. Der Kapitalismus – nein, präzise: der Hyperkapitalismus, darauf möchte ich in einem

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späteren Abschnitt zurückkommen – er kann sich noch eine Zeit halten. Aber das sollte er nicht. Wir müssen heute verzichten lernen. Der Prozess dieser Bewusstseinsbildung hat noch nicht richtig begonnen, und der Anstoß dazu liegt nicht nur in unseren Händen. Hier trägt auch die Generation vor uns Verantwortung. Unsere Generation ist freier und ungebundener als alle vor ihr. Frei von Krieg und Armut und Tabus. Sie steht aber auch unter größerem Druck und größerer Verantwortung. Dieser Widerspruch, und wie er zu lösen ist, das ist die Hürde, die es zu überwinden gilt. In diesem Essay möchte ich zuerst beschreiben, vor welchen Herausforderungen meine Generation steht, welche Verantwortung sie trägt. Das ist notwendig, um sich begründet den Fragen zu stellen, welche Optionen an Zukunft bestehen und, vielleicht wichtiger, wie sie diese formen kann. STELL DIR VOR, ES IST WAHL UND KEINER GEHT HIN Den Rahmen alles Gesellschaftlichen bildet die Politik. Nun ist Politikverdrossenheit ein ausgeprägtes Problem meiner Generation. Die Mitgliederzahlen in den Parteien sind rückläufig,9 ebenso wie die Wahlbeteiligung. Sie ist auch allgemein mit nur 71,5 % bei der Bundestagswahl 2013 nach 2009 historisch niedrig, doch mit einem gemittelten Ergebnis von 62,3 % ist die Wahlbeteiligung der Unter30-Jährigen besonders niedrig. Bis in die Mitte der 80er-Jahre hinein lag sie stets oberhalb von 75 %.10 11 Es fehlt die Identifikation mit den großen Parteien, und es fehlt die Überzeugung, in eine einzutreten, und oftmals ebenso eine, für die einzutreten wäre. Wie bereits erwähnt, ist unsere Generation saturiert, sie hat kein Leid erlebt. Unsere Großeltern haben den Krieg, unsere Eltern die Teilung Deutschlands und die Bedrohung durch Nuklearraketen erlebt. Es gab eine deutliche Aufgabe, einen Grund aufzustehen. Auch die erste Generation der Grünen fügte sich in diesem Bild ein, denn auch die Atomkraft war ein deutliches Feindbild. Mit dem Atomausstieg scheint nun auch dieses besiegt. Doch für uns? Stéphane

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Hessel, Widerstandskämpfer der Résistance und Mitautor der Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen, beschreibt es wie folgt: „Die Gründe, sich zu empören, sind heutzutage oft nicht so klar auszumachen – die Welt ist zu komplex geworden. Wer befiehlt, wer entscheidet? […] Ich sage den Jungen: Wenn ihr sucht, werdet ihr finden. >>Ohne mich<< ist das Schlimmste, was man sich und der Welt antun kann.“12 Die Titel zweier Kurzschriften, in denen er sich explizit an die junge Generation wendet, nehmen seine Kernaussage vorweg. Sie lauten: „Engagiert euch!“ und „Empört euch!“13 Er appelliert an uns, aufzustehen, kritisch zu denken und zu handeln: „Den Männern und Frauen, die das 21. Jahrhundert gestalten werden, rufe ich aus ganzem Herzen und in voller Überzeugung zu: Neues schaffen heißt Widerstand leisten. Widerstand leisten heißt Neues schaffen.“14 Die gegenwärtige Politik ist allerdings kein geeignetes Vorbild, denn sie ist geprägt von Zögerlichkeit und Wankelmut und einer starken Orientierung hin zu den Interessen der Industrie. Beispiele dafür reichen vom Atomausstieg über Kristina Schröders Familienpolitik zu dem starken Einfluss des Lobbyismus in Deutschland, der noch bestätigt wird durch die Blockade der Ratifizierung der UN-Konvention gegen Korruption seit 2003. Dennoch gibt es zwei Parteien, die es in den letzten Jahren geschafft haben, junge Leute anzusprechen und zu begeistern. Dies ist zum Ersten die Piratenpartei, zum Zweiten die Partei Die PARTEI. Dies ist einer Kombination zweier Faktoren zuzuschreiben: auf der einen Seite einer neuen Herangehensweise an Politik (Liquid Democracy bzw. Realsatire), auf der anderen Seite der deutlichen Partizipation junger Leute an vorderster Front. Das setzt sehr deutliche Zeichen, die über die Inhalte hinaus ansprechen. Das Problem der etablierten Parteien ist es, dass sie sich nicht genügend um die Anliegen der Jugend kümmert. Sie geben ihren Jugendorganisationen zu wenig Einfluss, zu wenig Gehör.

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ANKER UND LOKOMOTIVE EUROPAS15 Die Zukunft kann sich nicht ohne Blick in die Vergangenheit erschließen, und dies gilt nicht nur für die Hamiltonsche und Newtonsche Mechanik. So wie sich Kugeln aus dem Lauf eines Gewehrs abgefeuert bewegen, bewegen sich auch die Staaten durch die Geschichte: Für die ersten Sekundenbruchteile entscheidet ihre Ausgangssituation – Durchschlagskraft, Produktionsfehler, usw. – über den Lauf, dann verändern Widerstände und äußere Bedingungen den Kurs. Die deutsche Geschichte hält eine besondere Rolle in Westeuropa inne. Sie war von einem Streben nach nationaler Identität geprägt, den die meisten übrigen Staaten bereits sehr früh abgeschlossen hatten. Die Deutschen vor dem Ersten Reich und nach dem Zerfall desselben bis zu der von Bismarck eingefädelten Einigung Deutschlands verstanden sich als Deutsche, obwohl kein deutscher Staat als solcher bestand. Die Substanz ihres Selbstverständnisses bestand aus Sprache und Kultur, und diese waren auch das vorrangige Mittel für die Expression der Sehnsucht nach Einigkeit, wie sie z. B. eindrucksvoll bei Heinrich Heine gefunden werden kann.16 Doch um Deutschland zu einen, brauchte es nicht nur den Bruderkrieg gegen Österreich und den Krieg mit Frankreich. Zwei Weltkriege später hatte Deutschland durch eigenes Verschulden die Selbstbestimmung über seine Identität anderen Mächten überlassen. Mit dem Fall der Mauer endete eine Ära der deutschen Geschichte. Für meine Generation bedeutet dies etwas sehr Konkretes, nämlich, dass wir die erste Generation Deutscher sind, die in einer stabilen, gesamtdeutschen Nation herangewachsen sind – inmitten der Globalisierung. Und dies hat nun zur Folge, dass wir in Zukunft unsere gerade erst gewonnene Nationalität zum Teil werden aufgeben müssen. Nationalität verliert an Bedeutung, in der zweiten Ära der deutschen Geschichte muss es ein neues Streben nach Identität geben. Wir sind nicht nur das bevölkerungsreichste Volk der Europäischen Union. Wir haben die Macht, ein Beispiel zu setzen, was an Symbolkraft gerade aufgrund unserer Geschichte nicht stärker

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sein könnte, wenn wir mir gutem Beispiel vorangehen. Nicht als die Sparkommissare Europas. Sondern wie bei der Gründung der Montanunion, wie bei der Einführung des Euro. Trotz, doch nicht ungeachtet der Fehler, die gemacht wurden. Mit Geduld müssen wir, die in Europa aufgewachsen sind, für mehr Europa werben. Denn sonst droht in wenigen Jahrzehnten die weltpolitische und ökonomische Unbedeutsamkeit.17 Wir verlören den Anschluss an die USA und aufstrebende Supermächte. Es lohnt sich zum Vergleich ein Blick nach China. In China verlassen jedes Jahr Millionen Studenten die Universität. China ist nicht nur Wirtschaftspartner und -konkurrent. Es ist eine 4.000 Jahre alte Kulturnation, die sich, aus ihrer Sicht, ihren Platz in der Welt zurückerobert.18 In Indien ist die Lage ähnlich, noch dazu wird das indische Bevölkerungswachstum nicht staatlich eingeschränkt. Überhaupt: Bis 2050 soll die Weltbevölkerung den Statistiken der UN zufolge von 7,2 Milliarden (Stand 2012) auf 9,6 Milliarden anwachsen, während die Bevölkerung Deutschlands im gleichen Zeitraum von 82,7 Millionen auf 72,6 Milliarden schrumpfen wird.19 Für die übrigen europäischen Völker gilt Selbiges. Langfristig kann ergo nicht ein einzelner europäischer Staat sich allein behaupten, sondern nur ein fester Verbund. Und wenn in 15 Jahren Politiker planen, mehr Souveränität abzugeben, dann muss meine Generation hinter dieser Entscheidung stehen. MODERN TIMES Wir leben nicht nur in einem kapitalistischen Wirtschaftssystem, sondern auch in einer kapitalistischen Gesellschaft. Nicht der Kapitalismus als solcher soll hier in der Kritik stehen, sondern seine jetzige Form, weltweit und im Besonderen in dem – im Grundgesetz festgelegten – Sozialstaat Deutschland. Die Wirtschaftskrisen der letzten Jahre haben es leicht gemacht, das System als Ganzes zu verdammen, doch noch gibt es keine alternative Wirtschaftsform, die dem globalen Handel gewachsen wäre. Und auch 2030 werden

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wir noch im Kapitalismus leben. Aber es ist auch keine Frage, dass der Kapitalismus, den wir im Moment betreiben, destruktiv ist. Ich möchte von Hyperkapitalismus sprechen, denn der Kapitalismus hat sich im Neoliberalismus verselbstständigt und hat heute in Deutschland nicht mehr viel mit sozialer Marktwirtschaft zu tun, deren Fundament Ludwig Ehrhard einst so beschrieb: „Ich meine, dass der Markt an sich sozial ist, nicht dass er sozial gemacht werden muss.“20 Zugespitzt formuliert: Wieviele derjenigen, die Adam Smiths „Der Wohlstand der Nationen“ gelesen haben, haben auch „Die Theorie der ethischen Gefühle“ gelesen? Jenes Werk, das Smith selbst als sein Hauptwerk ansah und dem Kapitalismus eine Grundlage der „ethischen Gefühle“ gibt, ohne welche Smith seinen Kapitalismus nicht umgesetzt sehen wollte?21 Die Probleme, die sich daraus ergeben, sind eine große Schere zwischen arm und reich (wenn auch seit 2005 abnehmend) sowie eine enge Verknüpfung von sozialem Status der Eltern und Bildungschancen.22 Und wie Bildung auszusehen hat, richtet sich nach der Industrie. Kinder werden heute mit fünf eingeschult, damit sie nach zwölf Jahren ihre Abiturprüfung ablegen und gefälligst in Regelstudienzeit ihren Bachelor mit angeschlossenem Master machen. Die Studiengänge sind verschult und ökonomisiert. Jede Note zählt nun, ein Blick über den Tellerrand des eigenen Fachs ist nicht gewünscht. Dafür aber Praktika, die dank der neuen Ordnung auch nicht mehr in den Stundenplan passen, wie die Industrie bemängelt.23 Dafür sind wir aber rechnerisch mit 23 Master und mit 27 im Durchschnitt Doktor.24 Dies gefährdet das kritische Denken. Die großen Fragen der Welt verlieren an Bedeutung, wenn man mit sich selbst beschäftigt ist. Wenn man zufrieden ist, ein Rädchen im großen Gefüge zu sein. Wenn man fürchten muss, mit 2,0 nicht mehr an seinem bisherigen Studienort die Zulassung zum Master zu schaffen.25 Der Drang, zu verstehen, wie die Welt funktioniert oder sie gar verändern zu wollen, ist zur Nebensache geworden. Die

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Straffung der Stundenpläne an Schulen und Universitäten unterbindet eine vollständige Charakterbildung. Im Newsticker des Satiremagazins Titanic, das bekannt dafür ist, den Beititel der Medien als Vierte Gewalt im Staate sehr frei zu interpretieren, und irgendwo zwischen Blasphemie und Sardonismus angesiedelt ist, hieß es zum Thema unpolitische Jugend in einer vorgeblichen Umfrage der Uni Koblenz: „Ungerechtigkeit kennen vier von fünf Studierenden lediglich aus Fernsehserien, von diesen Sozialschmarotzern oder aus der eigenen Beziehung. Und für die Weltrevolution würden sich 95 % nur engagieren, wenn es der eigenen Karriere dient oder genügend Creditpoints dafür gibt.“26 Wenn Satire kaum noch als solche erkannt werden kann, besteht unleugbar ein Problem. Es ist ein ethisches Problem, ein Problem der Weltanschauung. Was uns fehlt, sind Werte. Denn Werte werden noch heute überwiegend religiös begründet. Aber eine religiöse Bindung unterbindet den Zugang zu Werten für eine Generation, die den Laizismus im Kopfe schon vollzogen hat. Woher sollen diese stattdessen kommen? Das Internet, der große Gleichmacher meiner Generation, bietet keine Werte, es bietet den Zugang zu einer unüberschaubaren Vielfalt von Meinungen und Orientierungen. Das Grundgesetz oder die Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen – es sind große Errungenschaften für einen Staat, doch auf der Ebene des Persönlichen kein moralischer Felsen. Was meine Generation braucht, was sie sich schaffen muss, ist ein gemeinsamer Wertekanon unabhängig von religiösen Begründungen und unabhängig vom Menschenbild der Wirtschaft. Eine neue humanitas. Wie kann eine Generation das leisten? Und kann ihr das bis 2030 gelingen? Was unsere Generation braucht, sind öffentliche Debatten und große Sprecher. Leute aus ihrer Mitte, die sich engagieren, die ein Vorbild sind und Zeichen setzen. Und sie besitzt ein hervorragendes Mittel zur Vernetzung und zur Debattenführung: das Internet.

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DER INHALT DER PHYSIK Das Internet und die neuen Arten der Kommunikation sind noch in einem raschen Wandel begriffen, der sich zunehmend nicht nur auf das Private erstreckt. Wenn Kommunikation soziale Systeme schafft wie im Autopoiese-Modell Luhmanns, muss ein Kommunikationsmedium wie das Internet deren Mittel zur Selbsterzeugung sein, wenn man von Systemen ausgeht, die groß genug sind, dass andere Formen der Kommunikation diese nicht abdecken können. Das Internet und die neuen Medien verändern den Einfluss unserer Gesellschaft auf sich selbst, auch der Generationen aufeinander. Nehmen Sie erneut die Piratenpartei als gutes schlechtes Beispiel, die es mit „mit mehr Transparenz“ 2011/2012 in vier Länderparlamente geschafft hat.27 Oder erneut Martin Sonneborn, der Gründer der Partei Die PARTEI, die trotz ihrer häufig fehlinterpretierten und (bewusst) fehlinterpretierbaren Realsatire („>>Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen<< Außer uns!“)28 mehr als 14.000 Mitglieder um sich versammelt hat. Er ist nun fraktionsloses Mitglied des Europaparlaments und wusste auf seinem Weg dorthin Medien aller Art gut zu instrumentalisieren. Ein LeBon29 unserer Zeit mag sich mit den psychologischen Mechanismen der digitalen Masse beschäftigen, doch offenkundig kann es nicht lange dauern, bis weitere Parteien und Organisationen das Internet für sich nutzen und sich ein großer Teil der Abstimmungen über die reale Wirklichkeit ins Digitale verlagert. Die Herausforderungen meiner Generation – sich eine Stimme und ein Gewissen zu bilden und mit diesen politischen Einfluss auszuüben – haben in der Kommunikation über das Internet einen guten Lösungsansatz. Mit dem zunehmend fortschreitenden Einfluss des Internets technisiert sich unsere Gesellschaft im gleichen Maße. Doch vielen Anwendern, auch meiner Generation, sind Hintergründe und Gefahren des Systems nicht bewusst oder sie werden etwa ungefragt hingenommen. Wie beispielsweise Facebook, das nur wenige verweigern, jedoch die Daten seiner Nutzer regelmäßig missbraucht oder diese

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selbst manipuliert.30 Darum kann die vorangegangene Preisung des Internets nicht kritiklos stehen bleiben. Noch einmal möchte ich zitieren, was Dürrenmatt 1980 im 16. seiner 21 Punkte zu „Die Physiker“ schrieb: „Der Inhalt der Physik geht die Physiker an, die Auswirkungen alle Menschen.“31 Dürrenmatt warnte vor den Gefahren, die von der Naturwissenschaft ausgehen, speziell der Physik. Historisch folgten darauf die Gefahren der Chemie und werden noch folgen die der Biologie und Biotechnologie. Mit den Möglichkeiten der Wissenschaft und der Technik wächst auch ihr Missbrauchspotenzial. Die Grenzen zwischen Physik, Informatik, Chemie und Biologie verschwimmen zusehends. Dies eröffnet Freizügigkeit in diesen Wissenschaften, mehr als jedes Freihandelsabkommen es für die Wirtschaft möglich machte. Gleichzeitig ist es ein passender Vergleich: Mehr Freiheit für mehr Wachstum birgt Risiken. Diese betreffen auch in den Natur- und Informationswissenschaften in erster Linie den unbedarften Verbraucher. Meine Generation braucht das Internet, um sich selbst eine Zukunft zu schaffen. Aber sie muss einen kritischeren Zugang zu diesem Medium erlernen. KOMMENTAR Argumentation vor Deskription, so lautet sicherlich die Devise dieses Artikels. Bisweilen dogmatisch formuliert, weil ich meine tiefste Überzeugung vertrete. Ein Essay ist eine freie Form, ein Fluss der Gedanken, der Assoziation in mancher Definition – ich habe mich weniger an den veröffentlichten Beiträgen im Rahmen des Förderpreises als an der Definition orientiert. Ich habe behauptet, das Internet werde das zentrale Mittel der Autopoiese meiner Generation sein, und habe hier versucht, ein Beispiel zu illustrieren, indem ich mit vier Ausnahmen nur frei zugängliche Internetquellen zitiert habe. Die genommenen Freiheiten sehe ich gerechtfertigt – die Themenstellung mit den Worten „meine Generation“ lädt zu einer persönlicheren Betrachtung ein. Und wie ich eingangs festgestellt habe, gibt es keine, ihrem Wesen nach streng wissenschaftliche Form der Zukunftsanalyse.

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PRIVILEG UND BÜRDE – AUTOPOIESE EINER GENERATION

Doch es gibt noch einen Grund: Ich sehe mich um und ich bin beunruhigt. Ich sehe mich um und ich sehe eine Generation Individualisten, im Elfenbeinturm ihrer Empfindlichkeiten, die sich nicht traut auf den Tisch zu hauen und sich einzumischen. Ich bin hier in Deutschland in einer schönen, privilegierten Welt aufgewachsen. Ich habe Freunde, denen es anders ergangen ist, weil ihre Eltern als Flüchtlinge aus einem kommunistischen Land hierhergezogen sind und sie selbst in einem Asylbewerberheim aufgewachsen sind oder weil die alleinerziehende Mutter mit vier Kindern nicht mehr als den Hartz-IV-Satz verdient hat. Ich bin also satt und glücklich, aber vor allem eines: dankbar. Aus dieser Dankbarkeit leitet sich eine moralische Verpflichtung ab. Diese gilt auch für meine Generation, aber sie muss sie erkennen. Meine Generation wird ihr Schicksal selbst entscheiden. Wenn sie scheitert, dann wird sie eine Generation der Weggucker und Nicht-wahr-haben-woller, die dem Verfall des Hyperkapitalismus nichts entgegenzusetzen hat. Moderne Unterhaltung bietet genug Ablenkung, und es geht uns wirtschaftlich gut genug, dass diese Brave New World sich im Jahre 2030 noch halten kann. Kurz: Es würde sich nichts ändern. Dagegen, wenn es ihr gelingt, sich zu organisieren, sich Werte zu schaffen, sich zu erheben, dann wird 2030 ein Jahr in einem Jahrzehnt der aufstrebenden Reformer sein. Das ist keine einfache Welt. Sie wird ängstlich sein, aber nicht verunsichert. Sie wird mutig sein und entschlossen. Sie wird voller Debatten sein. In 15 Jahren lässt sich die Welt nicht ändern, aber wenn in 15 Jahren nur der zehnte Teil der jungen Menschen Willen und Überzeugungen hat, dann ist dies ein großer Schritt. ||| HELEN PREISS studiert Chemie an der Universität Göttingen

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ANMERKUNGEN 1

Herbert George Wells war ein britischer Science-Fiction Autor, der z. B. mit den Romanen „Der Krieg der Welten“ und „Die Zeitmaschine“ das Genre entscheidend prägte.

2

Jørgen Randers im Interview mit Martin Sonneborn: www.zdf.de/sonnebornrettet-die-welt/sonneborn-rettet-die-welt-29843086.html, Stand: 27.10.2014.

3

Dürrenmatt, Friedrich: Die Physiker, Zürich 1998.

4

www.roempp.com/prod3/, Stand: 4.11.2014.

5

http://electroneubio.secyt.gov.ar/Stefan_Schweizer_Autopoiesis.htm, Stand: 4.11.2014.

6

http://de.wikipedia.org/wiki/Autopoiesis#Der_Autopoiesisbegriff_in_der_Sozio logie.28Niklas_Luhmann.29, Stand: 4.11.2014.

7

Ebd.

8

Für eine ausführliche Diskussion der ferneren ökonomischen Zukunft, auf welche Bezug genommen wurde, sei verwiesen auf: Randers, Jørgen: 2052: A Global Forecast for the Next Forty Years, White River Junction / Vermont 2012.

9

www.bpb.de/politik/grundfragen/parteien-in-deutschland/42053/parteienver drossenheit, Stand: 4.11.2014.

10

http://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/wahlen-in-deutschland/55 594/nach-altersgruppen, Stand: 4.11.2014.

11

www.bundeswahlleiter.de/de/bundestagswahlen/BTW_BUND_13/veroeffentli chungen/BTW2013_Heft4pdf, Stand: 4.11.2014.

12

Hessel, Stéphane: Empört euch!, Berlin 2011.

13

Hessel, Stéphane: Engagiert euch!, Berlin 2011.

14

Hessel: Empört euch!, Berlin 2011.

15

Genauer: Stabilitätsanker und die Wirtschaftslokomotive Europas. Wolfgang Schäuble über Deutschlands Rolle in der EU. http://blogs.taz.de/reptilienfonds/ 2012/11/20/anker-und-lokomotive-wenn-das-mal-gutgeht/, Stand: 3.11.2014.

16

Vgl. Heine, Heinrich: „Die schlesischen Weber“, „In der Fremde“ usw.

17

Helmut Schmidt und Henry Kissinger im Interview auf der Konferenz der Bertelsmann-Stiftung 2009 zum Thema „Global Power and Order“. www.bertelsmannstiftung.de/cps/rde/xchg/SID-72DDB28278F3F08B/bst/hs.xsl/media_93982.htm, Stand: 2.11.2014.

18

Kissinger, Henry: China – zwischen Tradition und Herausforderung, München 2012.

19

www.un.org/en/development/desa/population/publications/pdf/trends/WPP 2012_Wallchart.pdf, Stand: 4.11.2014.

44

PRIVILEG UND BÜRDE – AUTOPOIESE EINER GENERATION

20

www.welt.de/print-wams/article125584/Erhard-fuer-alle.html, Stand: 4.11.2014.

21

Vgl. Der Kapitalismus: Adam Smith und der Wohlstand der Nationen, arte 2014, http://info.arte.tv/de/der-kapitalismus-doku-reihe, Stand: 27.10.2014.

22

www.wahlrecht.de/news/2012/landtagswahl-nordrhein-westfalen-2012.htm, Stand: 5.11.2014.

23

www.karriere.de/studium/fuers-praktikum-bleibt-keine-zeit-6474/, Stand: 5.11.2014.

24

http://userpage.fuberlin.de/~jmoes/pide/Material/bornmann-enders-promotions dauer-beitr_hochschulf_1_2002_s52.pdf, Stand: 5.11.2014.

25

www.zeit.de/campus/2013/02/notenvergabe-hochschulen-ungerechtigkeit/seite-2, Stand: 5.11.2014.

26

www.titanic-magazin.de/newsticker/, Stand: 29.10.2014.

27

Berlin: www.wahlen-berlin.de/home.asp; Schleswig-Holstein: www.schleswighol stein.de/LWL/DE/Landtagswahl/Ergebnis_LT/uebersicht4__blob=publication File.pdf; Saarland: www.statistikextern.saarland.de/wahlen/wahlen/2012/internet_ saar/LT_SL_12/landesergebnisse/; Nordrhein-Westfalen: www.wahlrecht.de/news/ 2012/landtagswahl-nordrhein-westfalen-2012.htm, Stand: 5.11.2014.

28

www.spiegel.de/politik/deutschland/realsatire-titanic-partei-will-mauer-wiederaufbauen-a-316908.html, Stand: 5.11.2014.

29

Gustave LeBon (1841-1931) war ein französischer Militärarzt und Psychologe. Seine Werke, insbesondere „Die Psychologie der Massen“, haben neben Max Weber und Sigmund Freud vor allem die nationalsozialistische Propaganda beeinflusst.

30

http://taz.de/Sammelklage-gegen-Facebook/!146963/, Stand: 4.11.2014.

31

Dürrenmatt: Die Physiker, Zürich 1998.

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OPAKRATIE Warum wir die Alten mehr brauchen als je zuvor

WOLFGANG GRÜNDINGER ||| Noch geht es uns gut in Deutschland. Doch Politiker und Manager verschlafen die Megatrends unserer Zeit – und setzen unseren Wohlstand auf Spiel. Der demografische Wandel und die digitale Revolution werden in zahllosen Sonntagsreden abgehandelt, aber Taten folgen den Worten entweder gar nicht, zu spät, oder falsch. Die Politik verwaltet die Gegenwart, anstatt die Zukunft zu gestalten. Wir müssen uns endlich der Frage stellen: Kann Deutschland seinen Wohlstand wirklich halten, angesichts der rapiden Alterung der Gesellschaft?

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Berlin, im Jahr 2030: Ein junger Mann schleppt sich schwer verletzt über den Gendarmenmarkt. Eine Passantin ruft einen Krankenwagen. In einer Not-Operation versuchen die Ärzte, sein Leben zu retten, doch alle Hilfe kommt zu spät. Eine Journalistin schöpft Verdacht – und stößt bei ihrer Spurensuche auf eine mysteriöse Verschwörung … Wenig später wütet ein Bürgerkrieg. Diese Geschichte, erzählt im ZDF-Endzeitfilm „2030 – Aufstand der Jungen“, beschreibt die Zukunft in wenig bunten Farben. In dem Science-Fiction-Krimi sind junge Menschen die Opfer eines Staates, in dem die erdrückenden Lasten der Renten- und Pflegekosten jede Luft zum Atmen abschnüren. So schwarz, wie das ZDF die Zukunft malt, wird es wohl nicht kommen. Trotz aller Makel ist Deutschland heute eine dynamische Volkswirtschaft und eine vitale Demokratie. Und doch stellt der Film die richtigen Fragen: Kann Deutschland seinen Wohlstand wirklich halten, angesichts der rapiden Alterung? Was bedeutet es für unsere wirtschaftliche und demokratische Vitalität, wenn die Alten das Sagen haben und die Jungen untergehen? Kommt es dann zum Krieg der Generationen, zum Aufstand der Jungen? DIE ALTEN Im Jahr 2030 werden wir in Deutschland weniger, bunter und älter sein. Meine Generation, also die mit dem Label „Generation Y“ versehenen Jahrgänge von 1980 bis 1995, wird sich dann im besten Mittelalter befinden: zwischen 40 und 50 Jahre, mitten im Berufsleben. Und obgleich uns das heute ziemlich alt erscheint, werden wir uns doch unglaublich jung fühlen. Denn mehr als die Hälfte aller Deutschen wird dann älter sein als wir, und jeder Dritte wird sogar seinen 65. Geburtstag bereits hinter sich haben.1 Dabei sitzen bereits heute die Grauhaarigen an den Hebeln der Macht. Die Alten leben nicht nur länger als früher, sondern sie verbringen diese gewonnenen Lebensjahre in aller Regel auch in guter Gesundheit und materieller Sicherheit. Die Babyboomer der Jahr-

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gänge 1946 bis 1965 sind die größte und wohlhabendste Generation aller Zeiten. Sie sind der stärkste Wähler- und Wirtschaftsfaktor und bestimmen Politik, Wirtschaft und Kultur. Das Zerrbild vom gebrechlichen Tattergreis hat längst ausgedient. Wir leben in Zeiten, in denen 80-Jährige den Mount Everest erklimmen2 und 91-Jährige Marathon laufen3. In Berlin liegen Karate und Judo bei den Senioren voll im Trend.4 Selbst Banküberfälle trauen sich die Senioren zu: Eine Rentner-Gang hat zuletzt bei 14 Banküberfällen eine Beute von mehr als einer Million Euro eingesackt. Die Gangster waren im rüstigen Alter von 64, 73 und 74 Jahren.5 Und was die Reiselust und die berühmten Kreuzfahrten angeht: Die Ruheständler von heute reisen doppelt so häufig wie ihre Altersgenossen vor vierzig Jahren.6 Keine andere Altersgruppe gibt einen höheren Anteil ihres Einkommens für Urlaub aus.7 Kein Wunder, dass die Lebensenergie bei der Sexualität nicht Halt macht: Studien berichten von einer wachsenden Gruppe sexuell emanzipierter Frauen zwischen 50 und 65, die häufiger als ihr Partner die dominierende Rolle im Bett ergreifen und häufiger Sex haben als junge Paare.8 Alt – das sind immer die anderen. Laut Generali Altersstudie sagen die Alten von sich selbst, dass sie sich zehn Jahre jünger fühlen, als sie wirklich sind.9 Diese subjektive Selbstwahrnehmung wird von Befunden des Deutschen Alterssurveys bestätigt: Demnach ist heute ein 70-Jähriger in etwa so gesund wie ein 60-Jähriger vor zwanzig Jahren.10 Die heutige Debatte um die „Rente mit 63“ oder „Rente mit 67“ wird uns im Jahr 2030 lächerlich vorkommen. Denn die meisten gehören dann noch längst nicht zum alten Eisen, sondern werden auf dem Arbeitsmarkt dringend gebraucht. Bereits jetzt ist nachgewiesen, dass die Produktivität älterer Belegschaften nicht zwangsläufig zurückgeht, wie etwa Untersuchungen der Fließbandarbeit in der Lkw-Fertigung unter Beweis stellen.11 Nach Erkenntnissen des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung wird jedes zweite Baby, das heute in der Bundesrepublik zur Welt kommt, mindes-

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tens 100 Jahre leben.12 Und dies markiert längst nicht das Limit der Lebenserwartung.13 Für unsere Kinder wird eine Welt von Hundertjährigen zur Normalität. Sollen sich die Menschen dann immer noch mit 65 oder gar 63 in den Ruhestand verabschieden? Auch die materielle Situation der meisten Alten ist besser, als die zahllosen Talkshows über Altersarmut glauben machen. Alle Vermögens-, Armuts- und Einkommensstatistiken zeigen: Die Alten sind die am reichlichsten ausgestattete Altersgruppe hierzulande. Um nur einen Indikator herauszugreifen: 18,2 % aller Kinder sind von Sozialleistungen nach SGB II betroffen, während nur 2,6 % der Über-65-Jährigen auf die Grundsicherung angewiesen sind.14 Kinderarmut ist ein wesentlich gravierenderes Problem als Altersarmut. Den Alten geht es so gut wie kaum zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik – und sie sind viele: Bei der Bundestagswahl 2013 hatte die junge Generation so wenig Gewicht wie nie. Hätte eine Partei sämtliche Wähler unter 21 mobilisiert, hätte das nicht einmal für die 5-%-Hürde gereicht. Hätte sie dagegen alle Wähler über 70 auf ihre Seite gebracht, wären dies bereits mehr als ein Fünftel aller Stimmen.15 Mit dieser drastischen Verschiebung der Altersgruppen wächst die Gefahr, dass die Älteren die Agenda diktieren und Zukunftsthemen verdrängen. Das demografische Ungleichgewicht hat Folgen für die strategische Ausrichtung der Parteien, wie sie Harald Schmidt in seiner „Handreichung für die Politkarriere“ auf den Punkt bringt: „Rentner, Rentner, Rentner. Größte Wählergruppe, finanzstark, staatstreu. Vergessen Sie moderne junge Frauen in Großstädten. Überschaubare Anzahl, wählen sowieso Grün.“16 Die Jungen werden zu einer Minderheit, die politisch praktisch irrelevant ist. Oder, wie es die Politikwissenschaftlerin Bettina Munimus in ihrer Doktorarbeit über „Die latente Macht der Alten“ ausdrückt: „Mit der wachsenden Wählergruppe über 60 Jahre antizipieren die Parteien eine wahlpolitisch entscheidende Macht, um deren Gunst sie in besonderer Weise werben.“17 Im Jahre 2030 werden wir in einer

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Opakratie leben, in der die Alten das Sagen haben. Und zwar, weil die Politiker in vorauseilendem Gehorsam genau das tun, von dem sie glauben, dass die Mehrheit der Alten es möchte. DIE JUNGEN Die Jugend von heute steht im Misskredit. „Die Ich-Ich-IchGeneration. Die Jugendlichen sind faul, selbstverliebt und leben immer noch bei ihren Eltern“, titelte kürzlich die Time.18 Indes: Diese Klage ist nicht neu. Dass sich die Alten aus dem Fenster lehnen und sich über die Jugend mokieren, war anscheinend schon immer so. „Die Jugend liebt heute den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt mehr vor älteren Leuten und diskutiert, wo sie arbeiten sollte. Sie widerspricht den Eltern und tyrannisiert die Lehrer“, soll Sokrates gesagt haben – vor über 2.400 Jahren.19 Das folgende Schaubild illustriert skizzenhaft die Einschätzung der Moral der jungen Generation aus Sicht der jeweiligen Elterngeneration im Wandel der Zeit. Abb. 1: Die Jugend von heute ist …

... supergeil! ... ganz okay! ... völlig missraten! 14

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2014

2030*

Quelle: eigene Schätzung auf Basis von Bauchgefühlsdaten.

* Prognose

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Bei der tonangebenden Masse der Alten herrscht Unverständnis über die nachwachsende „Generation Y“. Wir seien egoistisch und unpolitisch, arbeitsscheu und luxusverwöhnt. Wir wüssten gar nicht zu schätzen, was wir alles haben, stellen laufend hohe Ansprüche und spielen nur im Internet herum. Wir wollten gar kein Geld mehr verdienen, sondern immerzu frei haben. „Wenn wir früher nach der ersten Gehaltserhöhung gefragt haben, fragen die nach der Babypause“, lästerte ein gestandener Manager kürzlich in der FAZ.20 Was sei das denn für eine verhätschelte Weicheier-Generation, die immer nur Elternzeit will! Auf einer Konferenz in St. Gallen, wo sich alljährlich junge und alte Führungskräfte aus der ganzen Welt versammeln, ließ Bosch-Chef Franz Fehrenbach wissen: „Die jungen Leute wollen gar nicht mehr arbeiten. Bei einer solchen Einstellung können wir kein Wachstum schaffen!“ Ein etwas jüngerer Delegierter der sorgfältig von einer Jury ausgewählten Crème der nachwachsenden Führungselite entgegnete locker: „We don‘t want jobs that make money, we want jobs that make sense.“ Für Fehrenbach war völlig unverständlich, dass auf einmal Leute kommen, die nicht mehr nur der Kapitalakkumulation hinterherlaufen, sondern nach dem Sinn des Lebens fragen. Und das tun sie schließlich nicht ohne Grund: Zu den Dingen, die Sterbende am meisten bereuen, gehören Wünsche wie: „Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet“ oder „Ich wünschte, ich hätte mir erlaubt, glücklicher zu sein“.21 Nur: Auf dem Sterbebett ist es dafür zu spät. Wäre es nicht eine bessere Welt, wenn wir die Jungen das machen ließen, was sie wirklich wollen? Allerdings: Das Etikett der „Generation Y“ pauschaliert das Lebensmodell einer privilegierten Minderheit aus wohlhabendem Elternhaus – und suggeriert, dass alle Jungen einfach den Arbeitgeber austauschen würden, wenn der ihnen kein Dienstfahrrad und keine Sabbatjahre verspricht.22 Die Wahrheit sieht anders aus: Über die Hälfte aller jungen Beschäftigten schuftet zu Niedriglöhnen, jeder zweite Berufseinsteiger bekommt nur einen Job mit Ablaufdatum.23 In der jungen Unterschicht hat sich ein „ausgeprägter Statusfata-

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lismus“ festgesetzt, so das Ergebnis einer Allensbach-Studie: Über die Hälfte der jungen Menschen aus armen Familien hält sozialen Aufstieg für unmöglich, und zwar egal, wie sehr man sich anstrengt.24 Jugendstudien sprechen von Statusangst und dem Gefühl sozialer Abgehängtheit.25 Der Job-Nomade, der in glücklicher Eigenregie von Job zu Job zieht, ist weder Wunschbild noch Realität für die große Mehrheit der jungen Generation. Dennoch: Vieles von dem, was der Generation Y zugeschrieben wird,26 würde die Welt ein Stück besser machen: selbstbestimmte Souveränität statt starrer Hierarchien und störrischer Vorgesetzter; Familie, Freunde und Freude statt Stromlinienkarriere; Dienstfahrrad statt Firmenwagen; Teilen statt Besitzen; Nachhaltigkeit statt Wachstumswahn; Verbindung von Arbeit, Spaß und Idealismus; Life, nicht nur Work; Glück, nicht nur Geld. Wenn die Jungen nicht mehr unbedingt viel haben, sondern vor allem gut leben wollen, dann muss sich auch die Wirtschaft darauf einstellen. Und das wird unsere Gesellschaft zum Besseren verändern. Wohl mit gutem Grund fügte die Time daher ihrer lästernden Überschrift den Nachsatz an: „Und warum die Jungen uns retten werden.“ ALT GEGEN JUNG? Es gibt nicht „die“ Alten oder „die“ Jungen. Generationen sind keine starren Einheiten, sie sind in sich sehr vielfältig – mit Unterschieden zwischen Arm und Reich, Mann und Frau, Ost und West, Stadt und Land. Auch scharfe Trennlinien gibt es nicht: Beispielsweise gilt man bei den Grünen bis 27 als „jung“, bei SPD und CDU bis 35, bei den Wirtschaftsjunioren bis 40. Der Youth Council des Papstes besteht aus vier Männern knapp an die 50 Jahre. Alter ist Ansichtssache. Zudem unterscheidet sich die Natur des Generationenkonfliktes fundamental von anderen Konflikten. Als schwarz oder weiß wird man geboren und bleibt es ein Leben lang; als Mann oder Frau wird

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man geboren und bleibt es ebenfalls – zumindest meist – ein Leben lang; als arm oder reich wird man auch geboren und bleibt es häufig auch ein Leben lang, weil die soziale Mobilität rückläufig ist.27 Aber wer alt ist, war einmal jung – auch wenn er es manchmal vergisst. Und wer jung ist, will später selbst einmal alt werden – auch wenn er vermutlich niemals alt sein möchte.28 Bettina Munimus beschreibt die Wirkung dieser intragenerationellen Vielfalt wie folgt: „Die Interessenlage der Älteren erweist sich als zu heterogen, als dass sich ein im Marxschen Sinne empathisches Generationenbewusstsein hinsichtlich eines singulären Interesses entwickelt. Im Marxschen Sinne müsste auf der Ebene eines ‚empathischen Generationenbewusstseins‘ der Übergang von einer ‚Generation an sich zu einer Generation für sich‘ erfolgen.“29 Im Klartext: Die Alten handeln selten als eine gemeinsame Generation, weil sie sich meistens auch gar nicht so fühlen. Jung und Alt in Deutschland verstehen sich heutzutage besser denn je. Mit ihren Eltern verstehen sich die meisten gut. In allen verfügbaren Umfragen – wie der Shell-Studie – sagt die Mehrzahl der jungen Leute, sie würden ihre Kinder so erziehen, wie sie selbst von ihren Eltern erzogen worden sind.30 Da gibt es nicht viel Platz für Konflikte, zumindest nicht für politisierbare. Die Omis und Opis, die Mütter und Väter unterstützen ihren Nachwuchs häufig mit Geld und Zeit, und umgekehrt. Innerhalb der Familien klappt die Solidarität also ganz gut. Stell dir vor, es ist Krieg der Generationen, und keiner geht hin. Doch so harmonisch sich Enkel und Omis auch verstehen, so spitzen sich politische Konflikte zu – Konflikte, deren Ausgang darüber entscheiden wird, wie es im Jahre 2030 um unser Land steht. Wir müssen über die so genannte „Netzpolitik“31 reden. Dieses Netz ist für uns Junge nicht nur ein Kommunikationskanal; es ist eine Lebenswelt und ein Lebensgefühl. Wir reden, shoppen, lernen, arbeiten, lieben, kurz: wir leben in diesem Internet. Das Internet ist zum Grundbedürfnis geworden,32 wie folgende Grafik illustriert.

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Abb. 2: Maslowsche Bedürfnispyramide (aktualisiert) Selbstverwirklichung (Entfaltung der Persönlichkeit)

Individualbedürfnisse (Anerkennung, Status)

Soziale Bedürfnisse (Zugehörigkeit, Freundschaft)

Sicherheitsbedürfnisse (Geborgenheit, Schutz der Person)

Grundbedürfnisse (Nahrung, Schlaf, Sexualität)

Internet (WLAN, Steckdosen, Ladekabel)

Quelle: Eigene Grafik nach Abraham H. Maslow, Motivation and Personality, 1954, mit eigener Ergänzung.

Dieses Lebensgefühl trifft aber auf eine völlig andere Lebenswelt bei den Älteren. Erst im vergangenen Frühjahr stellte beispielsweise der etwas ältere Schriftsteller und Intellektuelle Hans Magnus EnE zensberger in der FAZ zehn Regeln für den Umgang mit diesem InI 33 ternet auf, von denen ich zuvor niemals geglaubt hätte, dass sie jemals jemand vorschlagen würde. Eine Kostprobe: „Wer ein MobilMobi telefon besitzt, werfe es weg. Es hat ein Leben vor diesem Gerät geg geben, und die Spezies wird auch weiter existieren, wenn es wieder verschwunden ist.“ Oder auch: „E-Mail, Mail, zu deutsch Strompost, ist schön, schnell und kostenlos. Also Vorsicht! Wer eine vertrauliche Botschaft ft hat oder nicht überwacht werden möchte, nehme eine Postkarte und einen Bleistift zur Hand.“ Die Streitschrift mit dem pathetischen Titel „Wehrt Euch!“ ist ein Beispiel dafür, dass weite Teile der traditionellen intellektuellen Elite dieses Landes mit derr Herausforderung „Digitalisierung“ einei

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fach vollkommen überfordert sind.34 Natürlich gab es auch mal eine Zeit vor dem Mobiltelefon, und die Menschheit hat damals auch irgendwie gelebt. Ich erinnere mich sogar noch daran, und nein, es war für mich keine schönere Zeit. Es gab auch schon mal eine Zeit vor dem Festnetztelefon. Und vor dem Farbfernseher. Aber muss wirklich alles so bleiben wie vor 1970, zur goldenen Jugendzeit von Herrn Enzensberger? Enzensberger ist nicht allein. Laut Nutzerstudien ist nicht einmal die Hälfte der Generation 60+ überhaupt online (im Vergleich zu exakt 100,0 % der Teenager).35 Für die Mehrheit der Älteren ist das Internet noch immer Neuland.36 Oder schlimmer noch: ein Hort für Kinderporno, Killerspiele und kriminelle Raubkopierer. 39 % der Deutschen sagen, sie haben Angst vor der Digitalisierung.37 Beim Glasfaser-Breitbandausbau ist Deutschland so schlecht aufgestellt, dass es in den internationalen Statistiken gar nicht erst auftaucht.38 Die durchschnittliche Surfgeschwindigkeit ist in Deutschland niedriger als in Russland oder Rumänien.39 Wenn allerdings 39 % der Deutschen Angst vor Digitalisierung haben, dann können wir beinahe froh sein, dass diese gefährlichen Breitbandzugänge bei uns zum Glück gar nicht erst gebaut werden. Eine derlei fortschrittsfeindliche Kultur ist nicht einfach nur ärgerlich. Sie riskiert die Zukunft des Landes. Die Digitalisierung wird die globale Wirtschaft umwälzen. Die Konzerne, die heute das Leben nicht nur meiner Generation bestimmen, existierten bis vor kurzem noch gar nicht. Google gibt es seit 1998, Facebook seit 2004, Twitter kam 2006. Nur noch 8 der 100 größten HightechKonzerne haben ihren Sitz in Europa, darunter kein einziger Hersteller von Mobiltelefonen, Computern oder Hardware.40 Wer den Wandel ignoriert, wird abgehängt. „Ich wunderte mich, dass sie sich ihre Mails ausdrucken ließen und sogar stolz darauf waren, keinen Computer zu besitzen“, erklärt Tim Renner, Ex-Universal-Chef, wie die Manager der Musikindustrie einst die Digitalisierung verschlafen haben.41 Die digitale

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Revolution wirbelt längst andere Branchen durcheinander.42 Im Jahr 2030 werden wir in einer Welt leben, in der Autos nicht mehr aus Metall geschweißt und mit Benzin betankt, sondern aus Karbonfasern geklebt und mit Windstrom geladen werden – und die wir überdies nicht mehr selbst besitzen, sondern für einzelne Fahrten am Straßenrand mieten,43 und die selbstlenkend fahren.44 Doch die Nonline-Generation der E-Mail-Ausdrucker haftet an ihren Sesseln. Selbst ein Bundesminister für Wirtschaft und Technologie (!) kann öffentlich bekennen, kaum ein Handy bedienen zu können, ohne dass seine Eignung für das Amt bezweifelt würde.45 Den kulturellen Clash kann man weiter durchdeklinieren. Amokläufe an Schulen wollen die Grauhaarigen durch das Verbot von „Killerspielen“ abwenden, Mobbing im Internet wollen sie durch eine Echtnamen-Pflicht beseitigen, Alkoholexzessen und Straßenschlägereien wollen sie durch Trinkverbote in der Öffentlichkeit beikommen. Auch die friedlichste Studentin mit einem Pils in der Hand und der harmlose Nerd an seiner Spielkonsole werden kriminalisiert, obwohl sie nichts Unrechtes getan haben. In Baden-Württemberg verbot der Verwaltungsgerichtshof den Sonntagsbetrieb von DVD-Leihautomaten, weil diese den heiligen Sonntagsfrieden stören.46 Haben diese greisen Juristen überhaupt eine Ahnung, über was sie da urteilen? Angesichts von sich häufenden Klagen gegen die „unzumutbare Lärmbelästigung“ durch Kindergeschrei (so Leonard Kuckart, Vizechef der Senioren-Union), mit denen Anwohner per Gerichtsurteil die Schließung von Kitas erwirkten, hat die Bundesregierung es zum Gesetz machen müssen, dass spielende Kinder juristisch nicht als Lärmbelästigung gelten.47 Zu vielen Alten waren fröhliche Kinder zu viel der Lebensfreude. Auch wenn das Paradigma des eigensüchtigen Homo oeconomicus schon immer falsch war und auch für die Alten nicht stimmt: Alte und Junge haben unterschiedliche Werte und Wünsche, Prioritäten und Interessen. Das Max-Planck-Institut für demografische

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Forschung konnte mittels einer Befragung von 14.000 Menschen nachweisen, dass Ältere ab etwa 60 wesentlich seltener als Jüngere ein höheres Kindergeld, Steuererleichterungen für Eltern oder öffentliche Kinderbetreuung befürworten. Dass etwa ein 65-Jähriger ein höheres Kindergeld befürwortet, ist um 85 % weniger wahrscheinlich als die Zustimmung eines 20-Jährigen.48 Das schlägt sich auch bei Volksentscheiden nieder.49 Bei einer Volksabstimmung in Österreich im Januar 2013 über die Wehrpflicht stimmten 63 % der Unter-30-Jährigen für die Abschaffung, aber 71 % der Über-60-Jährigen für die Beibehaltung.50 Damit ist die Abschaffung der Wehrpflicht am „Nyet!“ der Alten gescheitert. Bei einer Volksabstimmung in der Schweiz über die Förderung öffentlicher Kinderbetreuung stimmte die Mehrheit der Jüngeren dafür, aber die Mehrheit der Alten dagegen.51 Das ist genau das Ergebnis, was das Max-PlanckInstitut vorausgesehen hat. Die Alten können nicht nur ihr schier riesiges Wählergewicht ausspielen. Die Ruheständler haben auch wesentlich mehr Zeit und Geld parat als Studenten oder Berufseinsteiger, um Bürgerbegehren ins Rollen zu bringen und in ihrem Sinne zu beeinflussen. Eine Studie über die Bürgerproteste gegen den Bahnhof Stuttgart 21 hat nicht grundlos festgestellt, dass die meisten Demonstranten entweder im späten Berufsleben, im Vorruhestand oder in Rente sind. Jugendliche waren dagegen kaum zu finden; bei Anti-Kriegs-Demos waren wesentlich mehr Jugendliche zu sehen. Die Alten gehen gegen Bahnhöfe auf die Straße, die Jungen für den Frieden.52 LIEBE ALTE: WIR BRAUCHEN EUCH! Je älter die Gesellschaft wird, desto weniger können wir auf die Alten verzichten. Die Zukunft 2030 hängt von den Alten ab: Wie positionieren sie sich im Kampf um Pfründe, Posten und Parkbänke? Folgen sie dem Menschenbild des Homo oeconomicus, schielen sie einzig nach ihrem privaten Glück und verhindern Reformen?53 Oder schlagen sie sich auf die Seite der Jungen?54 Unser Appell

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muss lauten: Liebe Alte, wir brauchen euch – und zwar mehr als je zuvor. Ohne euch kann meine Generation es nicht schaffen, das Land enkeltauglich zu machen. Fünf Vorschläge für einen neuen Generationenpakt: Ein Generationen-Soli. Der Reichtum der Älteren soll irgendwann einmal zu uns wandern – zu uns, der Erbengeneration. Aber das Erbe ist höchst ungleich verteilt. Die meisten von uns erben wenig bis gar nichts. Zudem tritt meine Generation ihr Erbe später an als in früheren Zeiten: Heute sterben die Menschen mit 80 oder 90 Jahren; ihre Kinder, also wir, sind dann mindestens 50 bis 60 Jahre alt – also selbst nicht mehr die Jüngsten. Zum Ausgleich sollte der Staat einen Generationen-Soli auf große private Erbschaften erheben. Schließlich verdanken die Erben den Reichtum einzig und allein der Gnade ihrer Geburt; marktwirtschaftlich fair und sozial gerecht ist eine höhere Erbschaftssteuer allemal. Wir sind jung und brauchen das Geld: für kostenfreie und qualifizierte Kinderbetreuung und Bildung. Diese Investition in die junge Generation lohnt sich – für alle. Kindern eine Stimme. Derzeit sind 14 Millionen Menschen in Deutschland vom Wahlrecht ausgeschlossen, nur weil sie unter 18 Jahre alt sind. Dabei steht im Grundgesetz: „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus.“ Die Kinder und Jugendlichen aber gehören scheinbar nicht zum Volk. Sie sind nur Objekt, nicht Subjekt der Staatsgewalt. Vor kurzem sind 15 junge Menschen im Alter zwischen 10 und 17 Jahren vor das Verfassungsgericht gezogen.55 Ihre Forderung: Jeder Bürger sollte wählen dürfen, sobald er das selbst kann und möchte. Ein pauschales Mindestwahlalter darf es nicht länger geben.56 Digitale Agenda. Die Netzpolitik feiert Erfolge im Tempo von Trippelschritten. Dabei müssen wir viel aufholen: Standortpolitik für die digitale Industrie, flächendeckender Breitbandausbau, Informatik als Pflichtfach, Programmieren als Fremdsprache, digitaler EU-Binnenmarkt, bessere Finanzierungsbedingungen für Startups

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und eine gründerfreundliche Kultur. Und das kann erst der Anfang einer digitalen Agenda sein. Das Rentenpaket aufschnüren. Die aktuelle Rentenpolitik ist Menetekel der nahenden Opakratie. Bis 2030 hat die Regierung 160 Milliarden für „Mütterrente“ und „Rente mit 63“ bewilligt. Konsequenz: Die Jungen müssen noch höhere Beiträge aufbringen, trotzdem noch stärker sinkende Renten verkraften und zugleich noch mehr privat ansparen.57 Für das Bildungspaket wurden gerade einmal 6 Milliarden versprochen – eine frappierende Imbalance. Wer die Renten von Müttern aufbessern will, muss sie auch seriös finanzieren: aus Steuermitteln, weder auf Pump noch auf Kosten von Zukunftsinvestitionen. Bundesseniorendienst. Ein soziales Pflichtjahr für Senioren, wie es ein populärer Philosoph einmal forderte,58 würde wohl übers Ziel hinausschießen. Aber eins stimmt: Wir brauchen den aktiven Unruhestand der Alten, ihre Zeit, ihr Wissen, ihr Engagement. Ob im Bundesfreiwilligendienst, in NGOs oder als Social Entrepreneurs – all diese Bereiche würden trockengelegt, wenn der spärliche Nachwuchs auf sich allein gestellt die Verantwortung schultern müsste. Der Generationenvertrag ist keine Einbahnstraße. Die Alten sind mehr, sie sind reicher und sie haben das Sagen. Sie haben die Gesellschaft so gemacht, wie sie heute ist. Daher müssen sie Verantwortung übernehmen. Liebe Alte: Wir brauchen euch – mehr als je zuvor. ||| WOLFGANG GRÜNDINGER Jahrgang 1984, freier Autor und promoviert derzeit an der Humboldt Universität zu Berlin zur Rolle von Interessengruppen in der Energiepolitik, Sprecher der Stiftung Generationengerechtigkeit

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Das Medianalter liegt bereits heute (2013) bei 45 Jahren. Deutschland hat damit die älteste Bevölkerung der Europäischen Union. Der Anteil der Alten ab 60 Jahren wird auf 36,8 % und der Anteil der Jungen unter 20 auf 16,7 %, gegenüber 19,0 % bzw. 25,6 % im Jahr 2008 (Variante: Untergrenze der „mittleren“ Bevölkerung). Vgl. Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung: Deutschland hat die älteste Bevölkerung in Europa, Pressemitteilung vom 27.11.2013; Statistisches Bundesamt: Die Bevölkerung Deutschlands bis 2060. 12. Koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung, Wiesbaden 2009, S. 39. 80-Jähriger erklimmt den Mount Everest, in: AFP, 23.5.2013. 91-Jährige schafft nach Krebs Marathon-Rekord, in: Welt Online, 2.6.2014. Graue Schläfen – harte Tritte: Viele Senioren lernen Judo und Karate, in: Berliner Morgenpost, 2.2.2004. Prozess: Opa-Gang gesteht Banküberfälle, in: Spiegel Online, 3.5.2005. Grimm, Bente u. a.: Auswirkungen des demographischen Wandels auf den Tourismus und Schlussfolgerungen für die Tourismuspolitik. AP 2, Teil 1: Trendund Folgenabschätzung für Deutschland, Berlin, München, Kiel 2009, S. 18, 24. Demnach stieg die Reisetätigkeit von 1972 bis 2003 um +91 % (für die Altersgruppe 70+) bzw. um +85 % (60 bis 69 Jahre). Senioren besonders reisefreudig, in: FAZ, 15.2.2005. Schultz-Zehden, Beate: Weibliche Sexualität in der zweiten Lebenshälfte – Ergebnisse einer empirischen Studie an Frauen zwischen 50 und 70 Jahren, in: Sexuologie, 2-3/2004, S. 85-89; Dies.: Sexualität im Alter, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 4-5/2013, S. 53-56, hier: S. 54. Generali Zukunftsfonds / Institut für Demoskopie Allensbach (Hrsg.): Generali Altersstudie 2013. Wie ältere Menschen leben, denken und sich engagieren, Bonn 2012, S. 32-34. Dies bestätigt auch der Deutsche Alterssurvey. Demnach berichteten drei Alterskohorten (52-57 Jahre, 58-63 Jahre, 64-69 Jahre) im Survey 2002 einen statistisch signifikant besseren subjektiven Gesundheitszustand als die gleichen Altersgruppen im Survey 1996 (also sechs Jahre frühere Geburtsjahrgänge). Für die anderen Alterskohorten (unter 51, über 69) liegt dieser Effekt nicht vor. DZA / Destatis / RKI (Hrsg.): Gesundheit und Krankheit im Alter. Beiträge zur Gesundheitsberichterstattung des Bundes, Berlin 2009, S. 87-88. Diese Aussage ist vereinfacht ausgedrückt, stimmt aber tendenzmäßig. Genauer gesagt: Wenn man die prozentuale Aufteilung der berichteten Anzahl der Krankheiten vergleicht, ist die der 58-63-Jährigen in 1996 eine Mischung aus denen der 64-69-Jährigen und der 70-75-Jährigen in 2002. 1996 gaben 72 % der 58-63-Jährigen an, 2 oder mehr Erkrankungen zu haben, 2008 waren es nur 53 %. Vgl. Wurm, S. / Schöllgen, I. / Tesch-Römer, C.: Gesundheit, in: Altern im Wandel. Befunde des Deutschen Alterssurveys (DEAS), hrsg. von A. MotelKlingebiel, S. Wurm und C. Tesch-Römer, Stuttgart 2010, S. 90-117.

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Börsch-Supan, Axel / Weiss, Matthias: Productivity and age: Evidence from work teams at the assembly line, MEA Discussion Paper 148-07/2008. Christensen, Kaare / Doblhammer, Gabriele / Rau, Roland: Ageing populations: the challenges ahead, in: The Lancet 9696/2009, S. 1196-1208. Der britische Gerontologie-Theoretiker Aubrey de Grey geht davon aus, dass es keine biologische Limitierung der Langlebigkeit gibt. Der Alterungsprozess könnte also medizinisch vollständig aufgehalten werden, vgl. de Grey, Aubrey / Rae, Michael: Ending Aging: The Rejuvenation Breakthroughs That Could Reverse Human Aging in Our Lifetime, New York 2007. BMAS (Hrsg.): Lebenslagen in Deutschland. Der Vierte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, Berlin 2013, S. 121 und XXXVIII. Bundeswahlleiter: Wahl zum 18. Deutschen Bundestag am 22. September 2013. Heft 4, Wahlbeteiligung und Stimmabgabe der Männer und Frauen nach Altersgruppen, Wiesbaden 2014, S. 34. Schmidt, Harald: Kleiner Wahlkampfberater. Handreichungen für die Politkarriere, in: Focus 5/2013. Munimus, Bettina: Von einer quantitativen Mehrheit zur qualitativen Macht? Die Interessenvertreter der älteren Generation, in: Journal für Generationengerechtigkeit 1/2012, S. 4-17, hier: S. 8; vgl. Dies.: Ältere – Taktgeber in der alternden Gesellschaft?, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 4-5/2013, S. 57-62. „The Me-Me-Me Generation. Millenials are lazy, entitled narcissists who still live with their parents. Why they’ll save us all.“ Titelstory von Joel Stein, in: Time Mai 2013. Das Zitat wird breit verwendet, jedoch ist die ursprüngliche Quelle ungewiss. Möglicherweise geht es auf eine Stelle in Platons „Staat“ zurück, wo Sokrates wie folgt die Auflösung der Rollenverteilung zwischen Alt und Jung kritisiert: „Und es bleibt nicht allein, fuhr ich fort, bei diesen Freiheitserscheinungen, sondern es ereignen sich auch noch andere Kleinigkeiten folgender Art: Der Lehrer fürchtet und hätschelt seine Schüler, die Schüler fahren den Lehrern über die Nase und so auch ihren Erziehern. Und überhaupt spielen die jungen Leute die Rolle der alten und wetteifern mit ihnen in Wort und Tat, während Männer mit grauen Köpfen sich in die Gesellschaft der jungen Burschen herbeilassen, darin von Possen und Späßen überfließen, ähnlich den Jungen, damit sie nur ja nicht als ernste Murrköpfe, nicht als strenge Gebieter erscheinen.“ (Platon: Der Staat, Buch 8, Zf. 318). Auch von Aristoteles ist ein Zitat im Umlauf: „Ich habe überhaupt keine Hoffnung mehr in die Zukunft unseres Landes, wenn einmal unsere Jugend die Männer von morgen stellt. Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen.“ Auch dieses Zitat scheint unbelegt und auf einer Abwandlung aus seiner „Rhetorik“ zu beruhen: „They [young people] have exalted notions, because they have not yet been humbled by life or learnt its necessary limitations; moreover, their hopeful

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disposition makes them think themselves equal to great things – and that means having exalted notions. They would always rather do noble deeds than useful ones: their lives are regulated more by moral feeling than by reasoning; [...] All their mistakes are in the direction of doing things excessively and vehemently. They disobey Chilon‘s precept by overdoing everything, they love too much and hate too much, and the same thing with everything else. They think they know everything, and are always quite sure about it; this, in fact, is why they overdo everything.“ (Áristoteles: Rhetoric, II, 1389.a31). Zitiert in: Weiguny, Bettina: Generation Weichei, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.12.2012. Ware, Bronnie: The Top Five Regrets of the Dying, Carlsbad, CA 2012. Vgl. prägnant: Kerbusk, Simon: Generation Y: Unter Druck, in: Die Zeit 12/2013. BMAS (Hrsg.): Kleine Anfrage der Abgeordneten Jutta Krellmann u. a. und der Fraktion Die Linke betreffend „Perspektiven junger Beschäftigter auf dem Arbeitsmarkt“, BT-Drs. 17/9285, (Antwort), 15.5.2012, S. 9, 20. Allensbach / BdF / Axel Springer AG (Hrsg.): Chancengerechtigkeit durch Förderung von Kindern. Ein deutsch-schwedischer Vergleich, Hamburg 2012, S. 12. Deutsche Shell (Hrsg.): 16. Shell-Jugendstudie, Frankfurt am Main 2010, S. 346.

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Aus der Fülle der Literatur und Medienberichterstattung zu den Attributen der „Generation Y“ vgl. exemplarisch: Ashgar, Rob: What Millennials Want In The Workplace (And Why You Should Start Giving It To Them), in: Forbes Januar 2014; Moore, Karl: Why We Must Rethink How We Lead the Millennials, in: Forbes September 2012; PwC (Hrsg.): PwC’s NextGen: A global generational study. Evolving talent strategy to match the new workforce reality. Summary and compendium of findings, London 2013; GfK-Verein / St. Gallen Symposium (Hrsg.): Global Perspectives Barometer 2014. Voices of the Leaders of Tomorrow, Nürnberg, St. Gallen 2014; Bund, Kerstin: Glück schlägt Geld. Generation Y: Was wir wirklich wollen, Berlin 2014; Bund, Kerstin / Heuser, Jean Uwe / Kunze, Anne: Generation Y: Wollen die auch arbeiten?, in: Die Zeit 11/2013.

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Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (Hrsg.): Rückgang der Einkommensungleichheit stockt, in: DIW-Wochenbericht 46/2013, S. 13-23, hier: S. 13-15.

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Dies hat bereits Kurt Tucholsky ähnlich formuliert: „Alte haben gewöhnlich vergessen, dass sie jung gewesen sind, oder sie vergessen, dass sie alt sind, und Junge begreifen nie, dass sie alt werden können.“ In: Tucholsky, Kurt: Der Mensch, in: Die Weltbühne, 16.6.1931, S. 890.

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Munimus: Ältere – Taktgeber in der alternden Gesellschaft?

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Laut Shell-Studie haben mehr als 90 % ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern. Fast drei Viertel aller Jugendlichen würden ihre eigenen Kinder so erziehen, wie sie selbst erzogen wurden, vgl. Shell (Hrsg.): Familie. http://www.shell.de/about shell/our-commitment/shell-youth-study/2010/family.html, Stand: 13.8.2014.

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Netzpolitik kann definiert werden als „nebulöser Sammelbegriff für alles mit Computern; genauer gesagt: das Wechselverhältnis, wie die Politik das Internet verändert und das Internet die Politik“, vgl. Gründinger, Wolfgang: Meine kleine Volkspartei. Von einem Sozi, der absichtlich Pirat wurde, Köln 2013, S. 219.

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In diesem Kontext hat sich auch Raul Krauthausen, Rollstullfahrer, bekannter Aktivist für Behindertenrechte und Social Entrepreneur, auf Twitter zum Thema Internet geäußert: „Die Leute, die glauben ich sei behindert, weil ich mit Glasknochen im Rollstuhl sitze, haben mich noch nicht ohne Handy erlebt.“ 27.6.2014.

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Enzensberger, Hans Magnus: Wehrt Euch!, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.2.2014.

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Vgl. die Kritik von Markus Beckedahl bei Netzpolitik.org, https://netzpolitik.org/ 2014/hans-magnus-enzensberger-ruft-zum-widerstand-auf/, Stand: 5.8.2014. Zuvor hatte bereits im Jahre 2009 der „Heidelberger Appell“, in dem sich Hans Magnus Enzensberger, Günter Grass, Michael Naumann und ca. 2.500 weitere Intellektuelle gegen Book Search und Open Access aussprachen, viel Unverständnis bereitet. Vgl. hierzu Hanasch, David: Die intellektuelle Elite weiß nichts vom Internet. Gastkommentar, in: Der Tagesspiegel, 4.6.2009.

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ZDF-Onlinestudie 2013, einsehbar unter http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/in dex.php?id=421, Stand: 6.8.2014.

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Der Begriff „Neuland“ in diesem Kontext geht zurück auf eine unbedachte Äußerung von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) beim Staatsbesuch von Barack Obama in Berlin am 19.6.2013. Dort sagte sie: „Das Internet ist für uns alle Neuland“, womit sie die Anpassung des Rechts an die Bedingungen des Internets meinte. Vor dem Hintergrund der scharfen Kritik an den US-Überwachungsprogrammen, von der auch deutsche Bürger betroffen sind, wirkte dieser Satz deplatziert und skurril. Vgl. Waleczek, Torben: Merkels „Neuland“ wird zur Lachnummer im Netz, in: Der Tagesspiegel, 19.6.2013.

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Umfrage: Die Deutschen haben Angst um private Daten, in: Der Tagesspiegel, 18.2.2014.

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Fibre to the Home Council Europe: Creating a Brighter Future. Stockholm, 19.2.2014, http://www.stockholm.ftthcouncil.eu/documents/Stockholm2014/Me dia/20140219PressConfStockholm.pdf, Stand: 6.8.2014. Die Darstellungsgrenze liegt bei 1 %.

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DSL-Studie: Deutschland hinter Rumänien und Russland. in: Chip, 29.1.2014.

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Kearney, A. T.: Europäische Hightech-Industrie verliert weiter an Relevanz, Pressemitteilung, 21.2.2014.

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Interview mit Tim Renner in: Süddeutsche Zeitung, 26.7.2014.

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Für einen Überblick vgl. Engeser, Manfred u. a.: Wer in der digitalen Revolution untergeht, in: Wirtschaftswoche, 22.5.2014, http://www.wiwo.de/erfolg/trends/

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exklusive-studie-wer-in-der-digitalen-revolution-untergeht-seite-all/9901586-all. html, Stand: 6.8.2014. Zu gesellschafts- und industriepolitischen Implikationen vgl. prägnant: Ruhose, Fedor / Weber, Hajo: Auf dem Weg zur Industrie 4.0, in: Berliner Republik 6/2013, S. 76-78. 43

Die Vorboten dieser Shared Mobility sind Anbieter wie Drive Now oder Car2go oder auch der Chauffeurdienst Uber. Vgl. hierzu Roland Berger Strategy Consultants (Hrsg.): Shared Mobility. How new businesses are rewriting the rules of the private transportation game, München 2014.

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Google hat bereits ein fahrerloses Auto entwickelt, das im Juli 2014 in Großbritannien für den Testbetrieb im Straßenverkehr zugelassen wurde. Vgl. hierzu Gibbs, Samuel: Driverless cars get green light for testing on public roads in UK, in: The Guardian, 30.7.2014.

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BM Michael Glos (CSU) auf der CeBIT 2007: „Das Handy bedienen, das ist schon viel. Äh, ich hab Gott sei Dank Leute, die für mich das Internet bedienen. Und ich hab sehr talentierte Kinder auf dem Gebiet, die werden mich da schon noch ein Stück einweisen.“ https://www.youtube.com/watch?v=af2Q4t1khDE, Stand: 6.8.2014. Für weitere instruktive Beispiele vgl. Gründinger: Meine kleine Volkspartei. Von einem Sozi, der absichtlich Pirat wurde, S. 56-62 sowie S. 42.

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Witte, Jens: Justizstreit um Videothek: Am siebten Tage soll der Automat ruhen, in: Spiegel Online, 25.8.2011.

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Kinder dürfen toben und schreien, in: Zeit online, 16.11.2011.

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Wilkoszewski, Harald: Age Trajectories of Social Policy Preferences. Support for Intergenerational Transfers from a Demographic Perspective. MPIDR Working Paper WP 2009-034, November 2009.

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Bonoli, Giuliano / Häusermann, Silja: Who Wants What from the Welfare State? Socio-structural Cleavages in Distributional Politics: Evidence from Swiss Referendum Votes, in: A Young Generation Under Pressure? The Financial Situation and the „Rush Hour“ of the Cohorts 1970-1985 in a General Comparison, hrsg. von Jörg Tremmel, Heidelberg 2011, S. 187-206.

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SORA / ISA (Hrsg.): Analyse Volksbefragung Wehrpflicht 2013, Wien 2013, S. 2 f.

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Netzwerk Kinderbetreuung Schweiz: Abstimmung über den Familienartikel – wie weiter? Analyse des Abstimmungsresultates und Ausblick auf den politischen Handlungsspielraum, Zofingen 2013, S. 9.

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WZB (Hrsg.): Befragung von Demonstranten gegen Stuttgart 21 am 18.10.2010. Dokumentation der Pressekonferenz, 27.10.2010, S. 3.

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Vgl. bejahend: Sinn, Hans Werner / Übelmesser, Silke: Pensions and the path to gerontocracy in Germany, in: European Journal of Political Economy 19/2002, S. 153-158.

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Vgl. optimistisch: Gründinger, Wolfgang: Wir Zukunftssucher. Wie Deutschland enkeltauglich wird, Hamburg 2012.

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Die Klageschrift von Prof. Michael Quaas sowie weitere Informationen siehe www.wir-wollen-waehlen.de.

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Vgl. facettenreich und kontrovers die Sammelbände: Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen (Hrsg.): Wahlrecht ohne Altersgrenze? Verfassungsrechtliche, demokratietheoretische und entwicklungspsychologische Aspekte, München 2008; Hurrelmann, Klaus / Schultz, Tanjev (Hrsg.): Wahlrecht für Kinder? Politische Bildung und die Mobilisierung der Jugend, Weinheim / Basel 2014.

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Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen (Hrsg.): Das Rentenpaket 2014, Berlin, Stuttgart 2014.

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„Die Generation, die jetzt in Rente geht, die goldene, die eine beispiellose Wirtschaftsprogression erlebt hat und vom Krieg verschont wurde, muss in die Pflicht genommen werden. Die leben bei relativ guter Gesundheit noch bis 85 und 90“, so Precht, Richard David, in: Stern, 24.11.2011.

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2030 – FOURTY, FIFTY! Abwechselnd Angst und Achsel – eine Anklage

GEORG B. FRÜHSCHÜTZ ||| Hat je eine Generation über ungeheurere Chancen, Freiheiten, Gestaltungsmöglichkeiten verfügt? Hat je eine Generation, sie wahrzunehmen, ungeheuerlicher versagt? Zwischen Sorgen und Sorglosigkeit treiben wir ziellos dahin, keineswegs glücklich. Doch die Suche nach den tieferen Ursachen schlägt auf die Elterngesellschaft zurück. Was ist eigentlich los mit diesem, bei aller Aufgeregtheit, lethargischen Land?

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BACCALAUREUS Dies ist der Jugend edelster Beruf! Die Welt, sie war nicht, eh ich sie erschuf; Das Alter ist ein kaltes Fieber Hat einer dreyßig Jahr vorüber, So ist er schon so gut wie todt. Am besten wär‘s euch zeitig todtzuschlagen. MEPHISTOPHELES Du weißt wohl nicht, mein Freund, wie grob Du bist? Doch sind wir auch mit diesem nicht gefährdet, In wenig Jahren wird es anders seyn. Wenn sich der Most auch ganz absurd gebärdet, Es giebt zuletzt doch noch e‘ Wein.1

Der Schlag wird kommen. Der gewaltige. Vielleicht sogar im Plural. Und vermutlich werden wir manchen tiefangesetzten, unfairen nicht nur erdulden, sondern auch selber führen müssen. Das geht an die Nieren. Das ist kein schöner Ausblick. Und doch sind wir mit dieser Perspektive aufgewachsen, dieser äußeren, wohlgemerkt, die wir nur übernahmen, alternativlos uns aneigneten, (auch) weil die ganz Jungen immer glauben, was die Älteren faseln; die uns in Fleisch und Blut überging, dieses vergiftend; deren dunkle Prophezeiungen uns den Atem rauben wie in ihm halten. Wem die Luft selbst zum Schreien mangelt, wer wollte, wer könnte in solcher Zwangslage rebellieren?! Gegen Schläge des Schicksals, des unausweichlichen, das wie eine Wetterwand sich bedrohlich aufschwärzt und wächst und wächst? Lächerlich, dazu sind wir zu einsichtig, pragmatisch2, wie es heißt, vielleicht zu feige, ach: mutlos träfe es besser, doch das rührende

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2030 – FOURTY, FIFTY!

Pathos, das solche Donquichotterien adelt, erscheint uns in der Tat fremd, nein: unerlaubt eher und unbekannt, selbst wenn unsere Sehnsüchte, die verschütteten, und zagender Trotz danach lechzten. „Wollen tät ich schon, nur dürfen hab ich mich nicht getraut,“ ist sogar mit Karl Valentin eine noch unzulängliche Umschreibung unserer ersten Atemknappheit. Denn bei uns scheint selbst das Wollen befallen, ausgehöhlt von mentaler Immunschwäche, zerebralem HIV, das unsere T-Helferzellen des Geistes verzehrt. Und die Ahnung, dass und was wir verpassten, bohrt. Ein Aufstand, ha! Wäre das nicht eine Tat gewesen, endlich eine Tat in all unserer leeren Geschäftigkeit! Wäre das nicht Haltung, Kultur, etwas Großes, Erhabenes, das unsere kleine Ökonomie überstiege, nicht Stolz und jugendliches Menschtum in seiner Würde, wäre das nicht aushalten statt verdrängen, widerstehen statt weglaufen … ach, das wäre – dies fühlen wir leider am klarsten – ein Opfer. So früh? Kostete. Lohnt‘ es den Preis? Vielleicht. Aber darüber müsste man nachdenken, stumme Entschlossenheit reifen lassen, räsonieren in Ruhe und Muße. Wohin mit uns in dieser Zeit? – Zeit, die wir nicht glauben, zu haben oder – haben, zu glauben? Beides … geschenkt! Schon grüßt die gigantische Wolke herüber, unleugbar jedem, der Augen, zu sehen, Ohren, zu hören hat, mit Blitzen und Donnergrollen, ganz nah, fast ist die ohnehin sinkende Sonne verdunkelt, dieweil der Wind scharf bläst. Was tun da die Älteren, indes die Jüngeren beben? Sie wenden sich ab. Sie schieben die Jüngeren vor. Sie lärmen und tosen, werfen die Scheinwerfer an, betäuben sich, betäuben uns, verstopfen die Ohren, lärmend, tosend, lauter, lauter – kann das am Ende noch lauter sein? 2030 – FOURTY, FIFTY 2030 wird meine Generation – wenn man denn wirklich in Ermangelung eines besseren diesen ziemlich unpassenden Begriff heranziehen will3 – zwischen knapp vierzig und fünfzig Jahren zählen, sie besteht nun aus überwiegend Fourties and Younger-Fifties, wie

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sich diese seltsam Orientierungslosen angesichts des dann wohl endgültigen Abbruchs der kulturellen, gerade auch sprachlichen Überlieferung und der unaufhaltsamen Denglisierung vielleicht sogar künftig selber nennen. Die besten (Mannes-)Jahre, als die man früher die 50-er, die Meisterjahre nach der mühsamen Lehr- und Erfahrungszeit, bezeichnete, sollten dann aber eigentlich noch vor ihr liegen, so wie es eben in historischen Friedensperioden immer war, Zeit sollte sie also haben, meine Generation, für das Meisterwerk, den endgültigen beruflichen oder sozialen Durchbruch. Männer wie Frauen! Nur dass das mit den besten Jahren, wenn überhaupt und besonders allen fortgeschrittenen Egalisierungsbemühungen zum Trotz, leider wieder nur für die Männer gilt. Denn die besten Frauenjahre sind ja, biologisch betrachtet, zwischen vierzig und fünfzig lange vorbei, es sei denn, es änderte sich Grundlegendes in der Medizin(-technik) bzw. deren Anwendungsethik, was angesichts des rasenden Wandels auch hier nicht völlig ausgeschlossen, aber doch unwahrscheinlich scheint.4 Doch auch die Männer werden es bis dahin nicht einfach haben. Zwischen vielfältigen Rollenerwartungen hin- und hergerissen, dem alten Bild des Ernährers, dem neuen Bild des selbstverständlich in allen bislang klassisch weiblichen Domänen mitanpackenden, modernen Familienmannes5, stellt sich auch für sie plötzlich die typisch, so schien es, weibliche Frage nach Kind oder Karriere in neuer Schärfe. Denn die durchschnittlich sogar höher qualifizierten jungen Frauen werden zwar auch gesellschaftlich, vor allem aber beziehungsintern die Stimme erheben und auf der tatkräftig konkreten Erziehungsbeteiligung der Männer bestehen. Das erhöht den Druck. Schafft mehr Gerechtigkeit, sagen, nicht zu Unrecht, die Frauen. Und doch werden auch sie gerade durch solche Reden wohl kaum verhindern, dass sich viele Männer, entscheidungsschwach, erneut auf und davon machen, aus weiblicher Perspektive, erst einmal ausweichen, entscheidungsoffen die Familie auf später verschieben, aus männlicher6 Festlegungsscheu und egotaktisch7, wie wir doch

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alle sind in der sog. Generation Y8 – und Familie bedeutet nun einmal die Festlegung schlechthin. Denn es bleibt den Männern immer, wozu sie ohnehin neigen, später noch eine Jüngere zu nehmen – so hält man alle Optionen (offen). Vorausgesetzt, was nicht ganz einfach werden wird, es hat mit der Karriere gegen all die vielen neuen Konkurrentinnen sicher geklappt, ansonsten würde man unattraktiv. Aber 2030 muss sich gut die Hälfte der Y-Frauen bereits für Kind oder Karriere entschieden haben, immer häufiger, rein absolut gesehen, zwar für beides, ersteres dann aber statistisch definitiv mit der Tendenz zum Singular.9 Die Männer dagegen genießen etwas mehr Pluralismus. Trotzdem empfinden sie die neue Wahlfreiheit, die sich die Frauen im Zuge der Gleichberechtigung, die wir doch unzweifelhaft leben, erstritten, im Gegenzug immer öfter eher beengend, als Wahlzwang geradezu. Man verweigert sich, solange es geht. Ist auch das sicher der richtige Zeitpunkt, die Richtige? Überhaupt Kinder? Schließlich gilt für beide Y-Geschlechter, und das ist buchstäblich das Entscheidende: Wir entscheiden normalerweise erst, wenn wir gezwungen werden, eine Entscheidung zu treffen, nur dass die Frauen die Natur schlicht früher zwingt. Deshalb werden auch flächendeckende Ganztagsschulen etc., sofern sie denn kommen, kaum etwas an der Geburtenrate ändern. Beide Partner verhandeln prinzipiell auf Augenhöhe, doch immer seltener wird man sich einig. Die Frauenfrage, könnte man sagen, sei überholt und von der Kinderfrage abgelöst. Bedauerlicherweise geht das ausgerechnet auf deren, der Ungeborenen, Kosten. Kosten, die ohnehin in ungeheuren Ausmaßen auf uns zukommen und die man durch wenige oder keine Kinder wenigstens verringern kann!10 Zermahlen zwischen vier gewaltigen Mühlsteinen: Schulden-, Renten-, Kinderdienst und den künftig erheblich zunehmenden Hartz-IV-Transfers11, wird es uns mehr und mehr pulverisieren. Aber wer sind sie eigentlich, diese nun schon mehrfach genannten „wir“?

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WER SIND DIE „DIE“? WER SIND „DIE ‚Y‘S“?12 Es fällt schwer, sie näher zu beschreiben, einfach deshalb, weil es „sie“ nicht gibt. Das mag auf den ersten Blick vielleicht als Binsenweisheit erscheinen, sophistisch und als allzu billiges Plädoyer für doch immer notwendige Differenzierung. Aber auf den zweiten geht die Sache tiefer und an der Ausschreibungsfrage, die eben deshalb erhellend ist, weil hinten und vorne nichts stimmt an ihr, erhellt doch wenigstens, warum. „2030. Wo steht dann meine Generation?“ Aussichtslos, diese Frage zu beantworten, ohne an ihr zu scheitern! Nicht wegen der Banalität unmöglicher Zukunftsschau. Aber, „sie“ steht nicht und etwa fest, meine Generation, sie treibt, wird getrieben, lässt sich, muss man besser sagen, treiben (nebenbei gesagt: „es“ mit diesem und jener). Wunderbar beschreibt die Sprache hier alle wesentlichen Nuancen. Das reflexive Sich-Treiben-Lassen in doppelter Bedeutung: als widerstandlose Auf- oder Abgabe der Regie bei gleichzeitiger Selbstbezogenheit (Ichs ohne Persönlichkeit und innere Führung, von außen gelenkt); als scheinbar heilsame und doch wohl auch verdiente (!) Entspannung bei all dem Stress, der dann im endgültig passiv(isch)en Getrieben-Werden sein wahres Antlitz offenbart. Keinesfalls sind „wir“ eine klassische Generation im Sinne einer Dekadenkohorte und von existenziellen Erfahrungen unauflöslich zusammengeschweißt. Weshalb? Weil es diese Erfahrungen nicht gab. Wo, wann hätten sie sich ereignet? Ich wüsste keine. Und meine Generation? Erst recht nicht, bin vielleicht nicht „ihr“ bester Auskunftsgeber und dennoch kein schlechter, fühle ich mich „ihr“ durch und durch fremd, abgesondert selbst vom vermeintlich wärmenden Schwarm. „Solitaire et solidaire“, nach Camus‘ großer Losung. Aber diese bildet nicht „unser“13 Grundparadox, allenfalls zur Hälfte:14 Denn Vereinzelte sind wir, die lediglich das ungefähre Alter verbindet, doch nicht einmal „Altersgenossen“ kann man uns nennen, weil das „Genossen“ schon wieder eine Intimität, obendrein politische Ori-

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entierung suggeriert, die beide definitiv nicht existieren. Angemessener nie schien Riesmans berühmtes Wort von der lonely crowd15, denn so viel sagen lässt sich denn doch: Angst ist uns gemein und Wurstigkeit, überforderndes und überfordertes Unvermögen! Fortgeschrittene Egalisierungstendenzen schliffen uns glatt, machten uns gleich, auch gegeneinander gleich(-)gültig, gleichzeitig ist uns, die Egalisierung hier ganz wörtlich verstanden, alles Gemeinsame gänzlich „egal“. Die Achsel, die wir zucken, sobald es um alles Gemeinsam-Kollektive geht, wäre noch unser treffendstes Symbol; sie allein schweißt uns nun doch zusammen, hier allerdings wiederum wörtlich und gerade nicht übertragen gemeint. Denn schwitzen tun wir, der Angstschweiß dringt uns aus allen Poren, aber – was kann man tun? Zusammen zucken wir ständig, doch niemals zusammen, sozusagen, und sie, die Achsel, nur aus zweierlei Gründen: aus Ohnmacht, aus Lethargie. Denn da ist nichts, was ein „wir“ befördert hätte, ein „uns“ antreiben könnte, da ist immer nur ein einsames, aber groß geschriebenes „Ich“. Und diese Iche gleichen sich wie verlorene Blättchen im Wind. Was, zum Teufel, ist da geschehen? ENTIDEOLOGISIERUNG, ENTHISTORISIERUNG, ENTPOLITISIERUNG, ENTSPIRITUALISIERUNG, ENTKOLLEKTIVIERUNG, ENTNATIONALISIERUNG, ENTWURZELUNG An uns allein, soviel sei gleich gesagt, hat es nicht gelegen. Niemals lässt sich eine Jugend isoliert betrachten, ganz im Gegenteil! Die Jugend ist immer Produkt, immer Spiegel, wenn auch selten schmeichelnder, eher Zerrspiegel der Gesellschaft, in die sie geworfen ward. Und Geworfene, Verlassene sind wir wahrlich! Wer je, etwa im ersten Stock des Karl-Valentin-Musäums im Münchner Isartor, in solch eine dehnende Scheibe blickte, war anfangs vielleicht noch über die eigene plötzlich übergroß gewachsene Nase belustigt, stellte aber bald, bei ungläubig prüfendem Griff doch fest, dass diese Entstellung sozusagen ihre unausrottbar handfeste Wurzel hatte.

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Aber warum eigentlich sind wir kein Most, wie er im Eingangszitat als Sinnbild der Jugend fungiert, kein absurd sich gebärdender geworden? Vom Wein, zu dem wir gewiss noch nicht reiften, zu schweigen. Hatten wir keinen Grund zu schäumen? Möglich. Ganz pauschalisierend wird man uns nach der gängigen Einteilung als die bislang fünfte Generation Nachkriegdeutschlands bezeichnen können, als die sog. Y-er, die den sog. Skeptischen, 68-ern, Babyboomern und X-en folgte. Jedenfalls sind wir deren bei weitem kleinste, doch herausgehoben vor allem deshalb, weil wir ihnen als Nachkriegsgeneration nicht eigentlich mehr zugehören, sondern die erste wirkliche Friedensgeneration Deutschlands bilden. Das ist ein Geschenk, den Wenigsten in seiner ganzen Tragweite voll bewusst!16 Nicht weit vor dem Mauerfall, als der letzten in Deutschland offenbaren Kriegsfolge, und damit dem Ende des Kalten Krieges, geboren, teilweise sogar nach ihm, entscheidend: Immer im wiedervereinigten Deutschland entscheidend sozialisiert, wuchsen wir, bei allen west-östlichen Unterschieden, doch auf im tiefsten Frieden, der Zweite Weltkrieg war Wenigen noch eine spannende Geschichte, den Allermeisten gewiss kein zentraler Bezugspunkt mehr, war völlig erledigt; alles noch davor, sowieso. Greifbar existentielle Bedrohungen traten kaum in Erscheinung, der Tod, allenfalls einmal in Form ablebender Großeltern, ausnahmsweise nach einem Unfall, brach höchst selten ein in unsere heile Welt, noch rarer nachhaltig, Liebeskummer war Vielen vielleicht das verstörendste Erlebnis, kurz: wir wuchsen auf im Wohlstand, wuchsen auf in Watte gepackt, oft genug in Zuckerwatte. Welche kollektive Prägung hätte uns da formen sollen? Eben die des Wohlstands? Dass das Leben ein reines Zuckerschlecken sei, entgegen aller historischen Erfahrung? Sollte uns die Einsicht, dass es damit zu Ende gehen könnte, zu Ende gehen wird, jetzt wirklich so tief schrecken? Das klingt doch sehr unglaubwürdig. Und vielleicht berührt es dennoch einen wahren Kern.

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Man erfasst diesen, indem man gleichsam die Perspektive wechselt. Nicht was uns oberflächlich beeinflusste, das Internet, die Kette medialer Katastrophen17, ist das wesentlich Prägende, sondern das, was uns gerade nicht prägen konnte, was uns fehlte, ja vorenthalten wurde. Das scheint mir der eigentliche Schlüssel zum Verständnis unserer Grundbefindlichkeit. Was fehlte uns? Beinahe jegliche kollektive Erfahrungsmöglichkeit im Sinne identitätsstiftender und gemeinschaftsverpflichtender Programme vonseiten des Staates zum Beispiel: Wehrpflicht sangund klanglos ausgesetzt, Zivildienst erledigt etc. Eine lebendige, demokratische Kultur, in der man nicht „politikverdrossen“ war, uns das Politisch-Sein lehrte.18 Das Einüben und Selber-Schaffen wertvoller kultureller Rückzugsräume, die dem Menschen Halt geben und der totalen Reduktion aufs Materielle vorbeugen sollte. Mutige Vorbilder in großer Zahl fehlten uns, Persönlichkeiten, die uns eindrücklich deutlich machten, dass Erfolg nicht mit Geld gleichzusetzen sei und Würde nicht mit Arbeit korreliere etc. Man könnte hier zu allen in der Zwischenüberschrift genannten Begriffen vieles beibringen, ich deute nur die Punkte „Enthistorisierung“ und „Entwurzelung“ kurz an. „Wurzeln“, heißt es in einem einschlägig-einprägsamen Wort Christian Meiers, „kommen nicht aus dem Erdreich, sondern sie müssen dorthin getrieben werden, um sich aus ihm zu nähren“.19 Wir indes schlugen keine Wurzeln. Falls wir überhaupt auf die Geschichte blicken, tun wir es gleichsam immer mit dem Fernglas, freilich in Unkenntnis seiner sachgerechten Bedienung. Entweder schauen wir verkehrt herum hinein, dann ist die Geschichte so weit weg, dass man das Glas befremdet zur Seite legt, oder wir führen es zwar richtig herum zum Auge, sind aber nicht in der Lage, scharf zu stellen, sodass alles verschwommen bleibt. Ohne Glas aber, freien Auges nach diesem Geschichtsgebirge am Horizont zu spähen, seine Proportionen richtig wahrzunehmen, dieses fiele uns gar nicht ein. Und wenn doch einmal, dann blickt man ohnehin nicht weit resp.

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gründlich zurück, wenn überhaupt einmal zum Zweiten Weltkrieg, schon verstanden, Auschwitz und so, darf sich nicht wiederholen, logisch, logisch, und was soll‘s denn auch, geht doch eh weiter nach vorne; wir haben Scheuklappen angelegt, würden aber ohne sie möglicherweise viel weniger scheuen, wären vielleicht weniger ängstlich. Das Kraft- und Sinnpotenzial, das in der Geschichtserkenntnis verborgen liegt, bleibt uns völlig verschlossen. Mit Jacob Burckhardt bildet „unsere Contemplation nicht nur ein Recht und eine Pflicht, sondern zugleich ein hohes Bedürfniß: Sie ist unsere Freiheit mitten im Bewußtsein der enormen allgemeinen Gebundenheit und des Stromes der Nothwendigkeit.“20 Die Fähigkeit des Aushaltens also, das die unverzichtbar menschliche Basis bildet, um frohgemut und zuversichtlich, befreit, die Probleme der eigenen Zeit angehen, vielleicht lösen zu können, diese Fähigkeit ermangelt meiner Generation in hohem Maße. Es ist dieser Mangel an überhaupt geistigem, nicht nur historischem Rüstzeug zum Widerstehen und zur Zuversicht, der eigentlich erst unser „mentales HIV“ ausmacht; es ist ein Bildungsmangel. Gleichzeitig ist es auch eine doppelte Anklage: an die Erwachsenwelt, die uns so schlecht ausstattete – dass ihr uns die lebendige Kultur nicht mitgabt, war sie schon in euch gestorben? Und an uns selbst, die wir Bildungszertifikaten nachstreben, ohne zu fragen, wozu sie uns, neben dem rein Wirtschaftlichen, eigentlich befähigen. Denn „sich bilden“ ist mit Hartmut von Hentig die einzig richtige Verwendungsform des Verbs. „Wer sich bildet, wird gebildet, wer nur gebildet wird, wird zum Gebilde.“ Wir sind in hohem Maße Gebilde geworden und der viel herbeigesehnte, herbeigestrebte höchste Bildungsabschluss nur allzuoft leider, wiederum wörtlich, zu deren tatsächlichem Ende. LEBENSLÄUFER Konsequent wurde aus uns die Generation „Lebenslauf“, teilweise unschuldig, weil wir Lebensläufer sind, laufen werden, het-

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zen, ein Leben lang, dies aber in Rekordzeit. Nichts, wirklich nichts, scheint mehr sicher. Keine Rente, nichts … „ja, wohin laufe se denn“, heißt es bei Loriot, doch unser Lauf ist bitterernst und überaus schweißtreibend, aus dem Marsch durch die Institutionen ist ein Marathon geworden an ihnen vorbei. Lauft, schreien die Älteren und deuten zwischen die langen, schwankenden Schatten. Wer das Helle nicht hofft, ist verloren! Stieg nicht im Osten noch immer ein neuer Tag? Lauft, die Schneise ist schmal, aber lauft, noch stehen wir gut, stehen wir wohl, wir stärken den Rücken, solange wir können, fallen wir nicht! Doch die Nacht fällt ein und der Sturm fällt ein und die Älteren fallen, und fallen in eins mit der Nacht und in eins mit dem Sturm, der nun die Jungen antreibt zum heiteren Domino. Da fällt denn alles. Die letzte Hemmung. Übereinander her. Zu Boden viele. Ein Heer von Alten, vereinzelte Junge, von hinten an, wann gab es das je? Und wenigen fällt auf, was geschieht. Drein schlägt der Donnerkeil. Jäh erleuchtet das Feld. Sieh, da drüben, da staut sich das Jagen, teilt sich der Strom, wirbelnde Knäuel, ein Junger, des Lemmingseins sterbensmüde, wendet sich ab, altertümliche Worte murmelnd – ich habe nichts als mein Leben, das muss ich dem Rentenfonds geben –, bietet die Stirn, ringt um Atem, ringt mit sich – Du sollst die Alten ehren –, ringt mit der Meute, stößt, immer vorwärts gestoßen, zurück, ringt, umringt, ringt nieder, wird niedergerungen, der Katarakt brodelt, viele straucheln, stürzen, trampeln, weiter tost die rasende Flut! Atem-, besinnungs-, richtungslos, vor und zurück. Eine tolle Jagd! Jugenderinnerungen. Wie da die alten Knochen klappern! Goldene Rollstühle rattern, peitschenschwingend, Kampfwägen ähnelnd, andere kippen, Kommandos gellen, Harpunen schießen, hin und her wogt die Welle, rast ineinander, reibt sich auf, schwappt hierin, dorthin, wuchtig im Anprall gegen sich selbst. Wenigen Jungen, ganz vorne, gelingt die Flucht, das Gros, weit abgehängt, keucht, keucht weiter, macht rasende Strecke und hetzt doch kehrt, viele sinken, hauchen. Aus. Der Wohlstand frisst seine wenigen Kinder. Diese

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Wetter-Wand wird zum Wandel. Ein neuer Tag, gewiss, doch grauenhaft, graut herauf. Und das Klima hat sich geändert. DEUTSCHE AGONIE? „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist“, lautet Böckenfördes bekannter Satz und schloss schon 1967 mit der bangen Frage: „Worauf stützt sich dieser Staat am Tag der Krise?“21 Wir, alle, haben unsere Freiheit sehr schlecht genutzt. Auf meine Generation, so viel scheint sicher, wird sich der Staat nicht stützen können in Zeiten der Krise, die schneller kommt, als wir ahnen. Meine Generation wird nicht den Atem haben, auch viel zu spät die Dramatik erkennen. Wir wir alle! Doch die Krise wird 2030 bereits da sein, unaufhaltsam. Wahrscheinlich gerade noch nicht im apokalyptischen Ausmaß, aber fest steht, dass – wie harmlos klingt das alleszermalmende Wort – der demographische Wandel bis dahin festesten Fuß gefasst haben wird. Ein flüchtiger Blick in die Statistik zeigt die Brisanz, wie sie dringlicher nicht sein könnte. Sicherlich, in einer Umbruchsperiode ist nichts so erwartungsgemäß wie eben das Erwartungswidrige.22 Und dennoch! EIN FATALER ALTWEIBERSOMMER Denn das hat es nie gegeben! Immer kündete ein Überschuss junger Männer von drohender Revolutionsgefahr. Immer war die Jugend idealistisch gesinnt, nun muss sie sich, nicht zu Unrecht, als pragmatische bezeichnen lassen. Haben wir uns so schlecht gehalten? War das wirklich unsere alleinige Schuld? Lag es nicht vielleicht auch an euch? Oder liegt es an jener magischen Schallmauer, der durchbrochenen, dass mittlerweile global die Zahl der Lebenden die Zahl der Toten, d. h. der jemals Gelebt-Habenden übersteigt? Hat sich da irgendetwas Fundamentales verändert, verschoben, so drastisch, dass eine Jugend pragmatisch wird?!

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In Deutschland jedenfalls steht es gerade anders herum. Hier werden ab 2030 zunehmend die Toten, besser: die Halbtoten die Lebenden dominieren. Wie soll man darauf reagieren?23 Jedenfalls setzt sich diesmal die revolutionäre Angriffsfront höchst ungewöhnlich zusammen und – eigenartig – sie stürmt nicht, sie schleicht: ein Überhang alter und immer älter werdender Frauen. Es ist dieser grandiose Altweibersommer, der meiner Generation bereits den Lenz verhagelt und dem ein neuer Steckrübenwinter folgen wird. Wer ernsthaft bestreitet, dass wir in erster Linie werden Windeln wechseln, betreibt zwar vorerst nur Augenwischerei oder ist naiv, freundlicher: optimistisch im Sinne von Karl Kraus, der meinte, Optimismus sei Mangel an Information.24 Und doch ist sicher: Wir werden versinken in Blut und Kot. Denn die Vielen von uns, die vorgeblich zur Kritik erzogen worden sind, und die wenigen, die sie üben, werden sich gegen die unbelehrbar kritische, aber mittlerweile behaglich fett gewordene, weit überlegene Masse der 68-er und Babyboomer kaum durchsetzen können; zumal wir politisch ungeübt sind. Und diese Kampferprobten werden ihren Reichtum genauso kritisch und entschlossen verteidigen, wie sie zuvor ihren Eltern den Krieg erklärten; das gibt den GAU. Natürlich, es wird sich um einen Pyrrhussieg handeln, aber ein Pyrrhussieg im Alter ist paradoxerweise immer ein Endsieg. Eine weitere Schlacht überlebten sie nicht, würden es aber ohnehin nicht tun, werden wenig Hemmungen haben, gleichsam die Atombombe zu werfen, einfach, indem sie fortleben, kurz: Die 68-er und die Babyboomer sind unser Schicksal. 2030, übrigens, wird der historische Erdrutschsieg der NSDAP gerade 100 Jahre alt sein. Damals, spätestens, wurde Deutschlands, wie Fritz Stern sie nannte, „erste große Chance“ verspielt. Am Ende des Jahrhunderts fragt er in einem Essayband nach einer möglichen zweiten.25 Und diesmal verspielten sie, Zynismus der Geschichte, gerade diejenigen, die aus der verspielten ersten so hartnäckig lernen wollten; verspielt, so unangenehm diese Feststellung ist, hat

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Deutschlands zweite Chance die Generation unserer Mütter; die uns Wenige gebar, die uns verschlingen wird. Da scheint uns denn die Hoffnung selbst zerrissen. Wer weiß es noch? Wohin soll man sich wenden? Es ist so leer im weiten Ungewissen, Das ausdehnt sich zu grenzenlosen Enden. Es fehlt der Fixpunkt, alles ist Bewegung. Zwar schlägt das Herz, doch schlägt es ohne Regung. ||| GEORG B. FRÜHSCHÜTZ Jahrgang 1986, befindet sich derzeit in der akuten Endph(r)ase seines Lehramtstudiums für Deutsch und Geschichte, lebt in München

ANMERKUNGEN 1

Das Zitat ist ein wenig zusammengezogen, siehe: Goethe, Johann Wolfgang von: Faust II, V. 6770-6814.

2

Siehe etwa die Shell-Jugendstudie 2010, in der es heißt: „Eine pragmatische Generation behauptet sich.“ http://www.shell.de/aboutshell/our-commitment/shellyouth-study/2010.html; alle zitierten Internetseiten, Stand: 7.4.2015.

3

Gründe folgen.

4

Kurz nach der eingangs zitierten Stelle im Faust II erschafft Wagner im Reagenzglas ein Menschlein, den Homunculus. Goethe hat da prophetisch vorausgesehen. Wer weiß, wohin wir uns in diesen heiklen Fragen entwickeln.

5

Familienvaters lässt sich kaum mehr sagen, zu patriarchalisch aufgeladen scheint das Wort.

6

Bedingungslose, romantische Liebe hier nicht berücksichtigt.

7

Mit diesem Begriff belegt uns Klaus Hurrelmann in seinem jüngst erschienenen Buch immer wieder. Ein Egotaktiker sei jemand, der alle persönlichen Optimierungsmöglichkeiten stets akribisch im Auge behalte und, im Zweifel, entschlossen durchsetze. Er sei aber nicht notwendig egozentrisch. Hurrelmann, Klaus: Die heimlichen Revolutionäre, Weinheim / Basel 2014.

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Mit Generation Y oder englisch Generation „Why“ soll das Sinndefizit der etwa zwischen 1980 und 1995 Geborenen bezeichnet werden.

9

Die Fertilitätsrate, derzeit bei ca. 1,40 liegend, wird allen Prognosen zufolge weiter sinken.

10

Jedenfalls kurzfristig und privat gedacht, langfristig und gesellschaftlich sicher nicht!

11

Nicht zuletzt ein Großteil der Migrantenkinder, leider oft schlecht ausgebildet, doch durchschnittlich deutlich zahlreicher als die „deutschen“ Kinder, wird hier zu Buche schlagen. Aber auch immer mehr Deutsche werden endgültig abgehängt werden. Wer hier leise oder auch laute Zweifel anmeldet, konsultiere die einschlägigen Statistiken der Bundeszentrale für Politische Bildung, etwa die Tabellen und Grafiken II und III zum Migrationshintergrund. http://www.bpb.de/ nachschlagen/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in-deutschland/61649/migrati onshintergrund-ii

12

Hurrelmann teilt uns in vier Gruppen ein: eine Leistungselite der Macher; pragmatische Idealisten; Zögerlich-Skeptische; robuste Materialisten. Die ersten beiden Gruppen werden zu den Gewinnern zählen und machen etwa 60 Prozent aus, die beiden letzten Gruppen werden eher das Nachsehen haben.

13

Ich lasse die entsprechenden Anführungszeichen der besseren Lesbarkeit halber künftig weg, man müsste sie aber jedes Mal ergänzen.

14

Entsprechend reicht es bei der Generation Y auch nur zur von Hurrelmann explizit so bezeichneten „Schwarm-Solidarität“.

15

„Die ängstliche Masse“, so Helmut Schelsky in einer Vorlesung 1955, wäre inhaltlich fürs Deutsche eigentlich die treffendere Übersetzung.

16

Mir persönlich hatte es immer auch als Verpflichtung erscheinen wollen, stehe damit aber, gefühlt, ziemlich allein.

17

Auch diese, wieder einmal, doppelt verstanden: berichtete Katastrophen und solche der Berichterstattung.

18

Wenn ihr, starken Jahrgänge, es schon seid; was erst sollen wir, als schwache, denken auch denken können? Natürlich wenden wir uns da ab.

19

Meier, Christian: Von Athen bis Auschwitz, Betrachtungen zur Lage der Geschichte, München 2006 [2002], S. 176.

20

Zitiert nach ebd., S. 188.

21

Als Lösungsmöglichkeiten bietet Böckenförde an: „Er kann versuchen, diesem Problem zu entgehen, indem er sich zum Erfüllungsgaranten der eudämonistischen Lebenserwartung der Bürger macht und daraus die ihn tragende Kraft zu gewinnen sucht. Das Feld, das sich damit eröffnet, ist allerdings grenzenlos. [Er] wird dann auf den Weg gedrängt, die Verwirklichung der sozialen Utopie zu seinem Programm zu erheben. Man darf bezweifeln, ob das prinzipielle Problem,

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dem er auf diese Weise entgehen will, dadurch gelöst wird.“ Böckenförde, ErnstWolfgang: Der säkularisierte Staat: Sein Charakter, seine Rechtfertigung und seine Probleme im 21. Jahrhundert, München 2006, S. 71 f. 22

Vgl. Meier, Christian: Das Verschwinden der Gegenwart: Über Geschichte und Politik, München 2004, S. 22.

23

Doch nicht etwa im Sinne des Baccalaureus?!

24

Kerstin Bund etwa vertritt in ihrem Buch die These, die Generation Y könnte vom demographischen Wandel ganz erheblich profitieren, einfach, weil die Arbeitsplätze knapp würden. Das mag für die etwa 60 Prozent Gutausgebildeten vordergründig gelten, für die 40 Prozent Benachteiligteren gilt es von vorneherein nicht. Aber auch die 60 Prozent werden den gesamtgesellschaftlich-finanziellen Folgen des demographischen Wandels nicht ausweichen können. Vielleicht, aber nur vielleicht, werden sie weniger hart betroffen sein. Schließlich sind sie, die Beschäftigten, die einzige gut besteuerbare Gruppe; siehe Bund, Kerstin: Glück schlägt Geld, Generation Y, Was wir wirklich wollen, Hamburg 2014. Hier insbesondere das Kapitel 5: „Wir haben Macht.“ Siehe auch Endnote 12.

25

Stern, Fritz: Verspielte Größe, Essays zur deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts, München 2005 [1996].

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JUNG, SMART & FRECH Wie meine Generation die Arbeitswelt umkrempeln wird

JENNIFER JOOS ||| Dienst nach Vorschrift? Ohne uns! Job oder Familie? Wir wollen beides! Jung, smart, frech – so zeigt sich die kontrovers diskutierte Generation Y, die ihren Marktwert kennt und durch selbstbewusstes Auftreten und kreatives Denken den Arbeitsmarkt revolutioniert. Der vorliegende Beitrag räumt mit bekannten Klischees auf und beschreibt auf witzig-provokative Weise, was diese Generation wirklich will und warum alle von einer solchen Veränderung profitieren.

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VORURTEILE – NICHTS ALS VORURTEILE Professoren beklagen, wir hätten für mäßige Leistungen schon immer viel zu gute Noten bekommen. Leistung sei für uns sowieso ein Fremdwort und wenn wir ackern wie die Blöden, dann an unseren Smartphones. Berater bekunden, wir seien selbstverliebt, ständig mit uns beschäftigt und würden an einer nicht zu geringen Portion an Selbstüberschätzung leiden. Manager kritisieren, wir seien frech, faul, fordernd und verwöhnt.1 Vielen Dank für die Blumen! Es wird viel über uns in den Medien berichtet. Kein Thema wird gerade kontroverser diskutiert, von Leuten, die von außen auf uns schauen. Wir, das sind die zwischen 1980 und 1995 Geborenen – „Generation Y“ (Why) genannt, die gerade massenweise die Unternehmen erobern und den Stellenmarkt aufmischen. Ein Albtraum für viele Unternehmer. Wir machen unserem Namen nämlich alle Ehre! Why? Weil wir alles hinterfragen, was uns in den Sinn kommt. Wir sind eine Generation, die vorhandene Regeln und Strukturen der Arbeitswelt in Frage und sie dadurch ganz schön auf den Kopf stellt. Wer uns noch nicht verstanden hat, der sollte gut zuhören und anfangen es zu tun. Denn: We are Generation Y. Wir übernehmen eure Arbeitswelt! Wir sind diejenigen, die euch zum Erfolg oder in den Ruin treiben können. Wir sind komplex, anspruchsvoll und voller Widersprüche. Wir sind ungeduldig, irrational und informationsbesessen, aber technisch versiert, gut gebildet und sehr kreativ. Wir sind umweltbewusst und sehr loyal. Wir erwarten Lob und Anerkennung, dafür geben wir für eine sinnvolle Arbeit unser letztes Hemd. Wir denken wirtschaftlich, ziehen Erleben und Zeit dem Geld jedoch vor.

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Es ist verwirrend, aber wir sind eure Zukunft. We are Generation Y – herzlich Willkommen in unserer Welt. GENERATION Y – WARUM WIR SO SIND, WIE WIR SIND Warum wir so selbstsicher auftreten und überall mitentscheiden wollen? Warum wir hohe Ansprüche stellen und keine Lust haben, Anweisungen zu befolgen? Naja, so wurden wir schließlich auch erzogen. Und soweit ich mich recht erinnere, genau von der Generation, die uns heute dafür kritisiert. Schon paradox, nicht wahr? In unserer Welt lief einiges anders ab als in früheren Generationen. Ich gebe es ja zu – wir sind Wohlstandskinder. Keine Generation zuvor ist in solch einem Luxus aufgewachsen wie wir. Schon als kleine Babys haben wir Goldkettchen um unsere zierlichen Ärmchen getragen, tja für unsere Eltern waren wir eben Gold wert! Jeder von uns hatte ein eigenes Kinderzimmer, Millionen von Kuscheltieren, die oftmals unsere Geschwisterchen ersetzen sollten, und mehr Spielzeug als Zeit zum Spielen. Kurz gesagt: Unsere Eltern haben uns beinahe jeden Wunsch von den Lippen abgelesen und dafür gesorgt, dass es uns an nichts fehlt. Doch nicht nur materiell gesehen sind wir verwöhnt. Wir sind verwöhnt von der Liebe und Zuneigung, mit denen uns unsere Eltern erzogen haben. Ja man kann sagen, wir wurden wie kleine Prinzen / Prinzessinnen behandelt und mit Liebe geradezu überschüttet. Selbst als wir noch gar nicht auf der Welt existierten, sondern erbsengroß in Mamas Bauch schlummerten, waren wir schon der Mittelpunkt im Leben unserer Eltern. Als Wunschkind, und das waren wir, hatte man die volle Aufmerksamkeit von zwei elterlichen bzw. großelterlichen Augenpaaren. Von klein auf wurde jeder unserer Schritte mitverfolgt und für jede Kleinigkeit ein Lob ausgesprochen. Unsere Eltern wollten es schlicht und ergreifend besser machen. Sie wollten uns anders erziehen, als sie selbst erzogen worden sind. Sie wollten uns zu selbstbewussten Menschen mit Persönlichkeit erziehen. Deshalb haben sie uns auch die Möglichkeit gege-

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ben, uns selbst zu entfalten, auch wenn der Klamottenstil oder der Musikgeschmack, der dabei herauskam, mal nicht so ihren Vorstellungen entsprach. Sie haben uns den Freiraum gelassen, unsere Stärken und Schwächen selbst herauszufinden, sind uns jedoch mit Rat und Tat zur Seite gestanden, wenn wir nicht weiterwussten. Selbst bei der Zukunftsplanung hatten wir, wie so oft im Leben, die Qual der Wahl. „Kind, mach was dich glücklich macht! Geh nach draußen, such dein Glück und verwirkliche deine Träume.“ Das waren die Worte der Eltern meiner Generation. Ja, was soll ich sagen? Unsere Welt war ganz in Ordnung, bis zu dem Zeitpunkt, als uns erste Joberfahrungen mit der rauen Arbeitswelt konfrontierten. Was dann kam, war die große Ernüchterung. PAPAS ALTE ARBEITSWELT PASST UNS NICHT MEHR – EINE NEUE MUSS HER Huch, was ist denn jetzt auf einmal los? Plötzlich fragt gar keiner mehr, was ich am liebsten machen möchte. Entscheidungen werden, ohne mich nach meiner Meinung zu fragen, getroffen und warum um Himmels willen lobt mich niemand mehr für Selbstverständlichkeiten? Ich will mein altes Leben zurück! Armer, armer Ypsiloner – herzlich Willkommen in der ernüchternden Arbeitswelt! Es ist 7:00 Uhr morgens. Der Wecker klingelt – es ist Zeit für die Arbeit. Ein unbehagliches Gefühl macht sich breit, man könnte es auch Lustlosigkeit nennen. Nichtsdestotrotz begibt man sich auf den Weg in das graue Industriegebiet, zu dem Betonklotz, das sich mein Unternehmen nennt. An der Pforte vorbei, den engen Flur entlang, bis zum kahlen Büro, in dem ein Computer steht, der schon „sehnsüchtig“ auf einen wartet. Für die nächsten 7 bis 8 Stunden wird nun der Versuch gestartet, in einem nüchternen und lärmigen Büro den Aufgaben des Chefs nachzugehen. Dienst nach Vorschrift – wie immer. Um 12:00 Uhr dann die Erlösung: Mittagessen in der Kantine. Nach einer Stunde Freigang kehrt man zurück in die Kammer des Schreckens und sitzt seine Zeit ab, bis man um 17:00 Uhr in

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den wohlverdienten Feierabend entlassen wird. Und weil‘s so schön war, geht man am nächsten Tag wieder hin – jeden Tag, von Montag bis Freitag! Sie merken meine Ironie!? Erschreckenderweise ist es jedoch tatsächlich so, dass starre Arbeitszeiten, schlechte Führung und Monotonie den Büroalltag in deutschen Unternehmen dominieren. Also so haben wir uns die Arbeitswelt nicht vorgestellt und viele unserer Vorstreiter auch nicht. Das geht aus der „Gallup-Studie“ hervor, die einmal im Jahr Bundesbürger zu ihrer Arbeitermotivation befragt. Lediglich 17 % der Befragten gaben an, mit Herz, Hand und Verstand bei der Arbeit zu sein. 67 %, und das ist mehr als die Hälfte der deutschen Beschäftigten, weisen eine geringe emotionale Bindung zum Unternehmen auf und ganze 17 % der Arbeitnehmer haben innerlich sogar schon gekündigt.2 Viele Arbeitnehmer starten motiviert in den Job, werden dann aber aufgrund von schlechten Vorgesetzten, wenig Feedback und mangelnder Anerkennung in die Resignation getrieben. Die Folgen: Immer mehr Beschäftigte brechen aus, schmeißen ihren Job hin, weil sie feststellten, dass sie all die Jahre nicht gelebt haben. Unsere Forderungen sind demnach gar nicht so absurd, wie alle immer kritisieren! Meine Generation setzt sich für eine Arbeitswelt ein, die jedem etwas nützt. Sich mit dem eigenen Job identifizieren zu können, ist für uns wichtiger als ein gut bezahlter Job, hinter dem wir nicht stehen. Arbeit muss wieder Spaß machen. Der Mensch muss wieder im Mittelpunkt des Geschehens stehen und nicht die wütende Arbeitsmaschine. Wir fordern, was alle wollen. Und ganz nebenbei, welches Unternehmen kann sich heute noch unzufriedene Mitarbeiter leisten? WHY GENERATION Y YUPPIES ARE UNHAPPY Ein Blog-Post, der kürzlich in der Onlinezeitung Huffington Post erschienen ist, versucht das Anspruchsdenken meiner Generation mit einer kleinen Anekdote zu verdeutlichen. In dem Blog-Post

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„Why Generation Y Yuppies are unhappy“ erzählt der unbekannte Blogger von Lucy, einem fiktiven Mitglied meiner Generation.3 Lucy genießt ihr Yuppie-Leben in vollen Zügen und ist ganz zufrieden darüber, Lucy zu sein. Wäre da nicht dieses eine Problem: Lucy ist irgendwie unglücklich. Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, definiert der Autor eine einfache Formel: Glück = Realität – Erwartungen. Diese Produkte tragen dazu bei, ob ein Mensch glücklich ist oder nicht. Übertrifft die Realität unsere Erwartungen, sind wir glücklich. Erweist sich das Leben in Wirklichkeit jedoch schlechter als gedacht, sind wir unglücklich. Ganz simpel! Also warum ist Lucy nun unglücklich? Naja, sagen wir es mal so, wenn man so wie Lucy erwartet, dass die Arbeit einer grünen Blumenwiese gleicht, über der ein Einhorn trabt und dabei einen prächtigen Regenbogen ausatmet, ist das kaum verwunderlich. Und wenn man dazu noch stillschweigend wartet, bis die ganze Welt von alleine sieht, wie besonders man doch ist, wundert sich wirklich niemand mehr. Schätzchen, es tut mir leid, aber die Realität sieht leider anders aus! Das hat Lucy dann auch bald gemerkt. In Wirklichkeit erweist sich ihre Blumenwiese nämlich als braune, dreckige Erde, auf der nichts wächst außer ein paar verdorrter Grashalme. Die Formel: Glück = Realität – Erwartungen ging nicht auf, weil Lucys Erwartungen schlicht und ergreifend zu hoch waren. Das Resultat: Lucy ist todunglücklich. Was uns der Autor dieser Anekdote auf ironische Art und Weise sagen möchte, ist folgendes: Meine Generation stellt Erwartungen an die Arbeitswelt, die so exorbitant hoch sind, dass unser Unglücklichsein schon vorprogrammiert ist. Jetzt mal ehrlich? Liebe Unternehmen, liebe Wirtschaft, ihr müsst uns keine Blumenwiese mit Regenbogen-Einhörnern bieten. By the way, an Einhörner glauben wir sowieso nicht mehr, aus dem Alter sind wir raus. Wir suchen ja keinen Job, der unerfüllbar ist; wir suchen lediglich eine Arbeit, die uns erfüllt. Es geht viel einfacher, uns zu beeindrucken. Man nehme eine Arbeit:

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… die mehr Freiräume und selbstbestimmtes Arbeiten zulässt, … die Vereinbarkeit von Familie und Beruf fördert, … die Sinn stiftet und Spaß macht … und die ganz nebenbei eine gute Führung bietet.

Et voilà, fertig ist ein glücklicher, arbeitswilliger Ypsiloner, der für eine sinnvolle, erfüllende Arbeit weitaus mehr Zeit aufbringt, als im Arbeitsvertrag vereinbart wurde. Schon lange erwarten Unternehmen Flexibilität von ihren Mitarbeitern. Jetzt ist es aber an der Zeit, dass sie zeigen, wie flexibel sie sind. JUNG, SELBSTBEWUSST SUCHT: JOB MIT SINN – WAS WIR UNS WÜNSCHEN Wie wird also die zukünftige, Ypsiloner-gerechte Arbeitswelt aussehen? Unseren Vorstellungen zufolge werden Arbeitgeber uns nicht mehr dafür bezahlen, dass wir zu einem Betonklotz fahren und dort etwas in den Computer tippen. Arbeit sollte in Zukunft flexibler werden. Wir wollen selbst entscheiden, wo und wann wir vorgegebene Aufgaben erledigen. Warum muss Arbeit denn strikt an einen Ort gebunden sein? Wir leben in einer vernetzten Welt, in der die Arbeit am Computer von jedem x-beliebigen Ort mit Internetanschluss erledigt werden kann. Geht es nicht mehr um das Ergebnis, das dabei rauskommt, als um die Art und Weise, wie es zustande kommt? Ich behaupte sogar, dass Mitarbeiter, die ihre Arbeit selber einteilen dürfen, zufriedener und effizienter sind. Nach dem Prinzip „anyplace, anywhere, anytime“ können Arbeitnehmer zukünftig abwechselnd ein paar Tage von zu Hause und dann wieder vom Büro aus arbeiten. Teamsitzungen können persönlich, aber auch oft online, über Videokonferenzen gehalten werden. Befragt man Studenten im Rahmen der „Student Survey 2013“, welche Handlungen sie seitens der Arbeitgeber als wertschätzend empfinden, beantworten 37 % der Befragten mit selbstbestimmtem

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Arbeiten und 32 % der Studenten verlangen eine freie Arbeitszeiteinteilung. Wir wollen, wie in so vielen Lebensbereichen, einfach nur die Wahl haben.4 Mit flexiblen Arbeitszeiten würden wir der Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch ein Stückchen näher kommen. Wir wollen nämlich beides gleichzeitig: gute Eltern sein und Erfolg im Beruf haben. Wir sind mit Vätern groß geworden, die wir nur am Wochenende gesehen haben, und nie zuvor gingen so viele Familien in die Brüche wie heute. Dieses Familienbild können und wollen wir nicht weiterführen. Laut der „Student Survey 2013“ glauben 70 % der Frauen und 72 % der Männer fest daran, dass Karriere und Familie vereinbar sind. Eltern, die wissen, dass ihr Kind gut versorgt ist, leisten mehr und sind motivierter.5 Warum also, liebe Unternehmen, stellt ihr euch so quer? In Skandinavien funktioniert es doch auch wunderbar! 2030, so wünschen wir es, wird es auch in Deutschland funktionieren. Wir erwarten von unseren Arbeitgebern, dass sie uns dabei unterstützen, Job und Familie unter einen Hut zu bekommen. Viele Unternehmen werden Betriebskindergarten implementieren und flexible Arbeitszeiten mit Homeoffice anbieten. Auf Familienwerte wird wieder Rücksicht genommen, indem mehr Freiräume und selbstbestimmtes Arbeiten für junge Familienväter und -mütter eingeräumt werden. Wir möchten eine neue Firmenkultur, in der niemand mehr Gewissensbisse hegt, weil er früher Feierabend macht, um Zeit mit seinen Kindern zu verbringen. Eine gute Führung hat diese Entwicklung auch verinnerlicht. Wir wünschen uns eine Führung auf Vertrauensbasis: mehr Selbstbestimmung und weniger Kontrolle von oben. Meine Generation ist mit etlichen Freiheiten groß geworden und hat dadurch früh gelernt, sich selbst zu organisieren. Warum dürfen wir unsere Arbeit dann nicht selbst einteilen, wenn wir es doch können? Mit Dienst nach Vorschrift ist es für uns nicht getan. Das hat auch damit zu tun, dass wir mit Autoritäten ganz anders aufgewachsen sind. Man bedenke, dass wir überall mitbestimmen durften, von Lehrern unterrichtet

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wurden, die wir duzten, und mit Professoren auf einer Augenhöhe diskutierten. Wer uns führen will, muss uns inhaltlich überzeugen. Wir glauben nämlich nicht wie andere Generationen, dass derjenige, der vor uns steht, die Weisheit mit Löffeln gefressen hat. Wir sind keine Ja-Sager, wir hinterfragen. Werden wir jedoch gut geführt, dann laufen wir zu unserer Höchstform auf. Meine Generation ist nämlich nicht faul! Wir tun aus eigenem Antrieb etwas und sind besonders engagiert, wenn wir uns selbst organisieren dürfen. Wie sieht demnach ein Chef im Jahr 2030 aus, wenn wir den Arbeitsmarkt übernommen haben? Kerstin Bund meinte dazu in ihrem Buch „Glück schlägt Geld“: Eine gute Führungskraft gleicht einem Fußballtrainer. Er gibt die Richtung der Ziele vor, aber die Tore machen die Spieler immer noch auf dem Platz. Er steht lediglich am Spielfeldrand, gibt Tipps, korrigiert gelegentlich auch einmal und motiviert, wenn nötig.6 Dieser Vergleich trifft es ganz gut. Ein Chef der Zukunft ist eher ein Mentor, von dem wir etwas lernen können, als ein Befehlshaber. Er gibt regelmäßig Feedback und zeigt uns damit, dass er uns und unsere Leistung wahrnimmt. Feedback ist für meine Generation sehr wichtig, weil es uns motiviert und unsere Leistung antreibt. Er hat ein offenes Ohr für Anregungen und Meinungen seiner Mitarbeiter, weil er verstanden hat, dass jeder von neuen Ideen profitieren kann. Anders sind Innovationen gar nicht möglich. Hätten Steve Jobs oder Bill Gates sich dem System angepasst und ihre Visionen nicht ausgelebt, wäre die Welt um ein iPhone und ein Windows-Betriebssystem ärmer. Doch sie waren Andersdenker, genauso wie wir es heute sind. Und wir wollen gefördert werden. Wir sind wissbegierig wie keine andere Generation zuvor. Wir möchten noch sooo viel entdecken von der Welt. Alles was Abwechslung bringt und uns das Gefühl übermittelt, etwas fürs Leben zu lernen, treibt uns an. Wir sind scharf darauf, unsere Geschäftspartner im Ausland kennenzulernen und somit unsere interkulturellen Kompetenzen auszubauen. Viele

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von uns wollen zurück an die Uni, um den Master draufzusetzen oder an Fortbildungen teilnehmen. Warum ist es dann nicht möglich, neue Anreize zu schaffen? Anreize, die nicht in Form von Geld ausbezahlt werden, sondern in Form von Zeit? Zeit, um sich weiterzuentwickeln, was später dem Unternehmen wieder zugute kommt! Das wäre doch mal ein Vorschlag, über den ihr euch in Zukunft Gedanken machen könnt, liebe Unternehmen?! Warum uns das alles so wichtig ist? Weil wir keine Grenze mehr zwischen Arbeit und Freizeit ziehen. Im Gegensatz zu früheren Generationen muss unser Leben mit unserer Arbeit im Einklang sein. Wir sind der Meinung, dass eine gute Arbeit wichtig ist für ein erfülltes und zufriedenes Leben. Wenn arbeiten Spaß macht, wird sie auch nicht mehr als Muss angesehen. Man ist bereit, über sich hinauszuwachsen und mehr zu leisten als vorgeschrieben. Schneller, höher, weiter ist nicht mehr! Karriere ist für uns vielmehr ein stetiger Weg zu persönlichem Wachstum, Selbstverwirklichung und Befriedigung. In unserer Welt verlieren die ursprünglichen Werte wie Macht, Geld und Verantwortung an Reiz. Sinn und Freude heißt stattdessen die Währung, in der Arbeitgeber unsere Leistung bezahlen müssen. Zu diesem Ergebnis kommt auch die mehrmals erwähnte „Student Survey 2013“ der AGENTUR ohne Namen, die 400 Studenten bundesweit zu ihren Bedürfnissen und Erwartungen bezüglich der Arbeitswelt befragt hat.7 SUCHE ARBEIT, BIETE KÖNNEN – WAS WIR ZU BIETEN HABEN Ich weiß, viele Unternehmen müssen erstmal schlucken, wenn sie unsere Forderungen lesen. Zugegeben, es ist nicht immer einfach, uns zufriedenzustellen. Doch wir fordern nicht nur viel, wir sind auch bereit, einiges dafür zu tun. Denn wir haben viel zu bieten: ∙ Wir sind die wahrscheinlich gebildetste Generation, die jemals den Arbeitsmarkt betreten hat. Mehr Abiturabschlüsse, mehr Studenten, mehr Brains.

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∙ Wir sind Kinder der Globalisierung. Viele von uns haben im

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∙ ∙ ∙

Ausland studiert, Fremdsprachen gelernt und Erfahrungen gesammelt. Dadurch sind wir gut vernetzt, weltoffen und kommunikativ. Mit Veränderungen kommen wir schnell zurecht, schließlich sind wir in einer Welt aufgewachsen, in der ständig Krisen herrschten: Bildungskrise, Finanzkrise, Wirtschaftskrise. Wir sind technisch versiert, da wir mit dem Internet, YouTube und sozialen Netzwerken aufgewachsen sind. Wir sind sehr kreativ, weil wir früh gelernt haben, uns von der Masse abzuheben. Und entgegen aller Vorurteile sind wir sehr engagiert und ehrgeizig. Man muss uns nur so annehmen, wie wir wirklich sind.

Ich würde mal frech behaupten, dass dies keine schlechten Voraussetzungen sind für eine Wirtschaft, die von Innovationen und Humankapital profitiert. WE‘VE GOT THE POWER – DIE MACHT EINER GENERATION Meine Generation fordert eine neue Arbeitswelt, und wenn Unternehmen nicht umdenken, tja, dann haben sie bald ein Personalproblem. Das mag jetzt vielleicht egoistisch klingen. Sie können es auch als unverschämt bezeichnen! Aber wir können es uns leisten, so anspruchsvoll zu sein, denn wir wachsen in einem Land auf, dem allmählich die Fachkräfte ausgehen. In der von Prognos durchgeführten Studie „Arbeitslandschaft 2030“ wird deutlich, dass Deutschland auf einen generellen Fachkräftemangel zusteuert. Bis 2030 droht Deutschland langfristig ein Arbeitskräftemangel von rund fünf Millionen Arbeitnehmern. Bereits nächstes Jahr fehlen knapp drei Millionen davon. Dieser Mangel wird sich noch verschärfen, wenn sich viele Beschäftigte der BabyBoomer-Generation allmählich in die Rente verabschieden. Für die

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Wirtschaft bedeutet dies enorme Wachstumseinbußen und einen Wohlstandsverlust von rund 3,8 Billionen Euro.8 Weil meine Generation weiß, dass sie gefragt ist, kann sie ihre Vorstellung einer neuen Arbeitswelt besser durchsetzen als frühere Generationen. Wir wissen, wie es um unsere Person bestellt ist: Wir sind junge, gut gebildete, autonome Menschen, die gefragt sind wie nie zuvor. We are Generation Y. Wir übernehmen eure Arbeitswelt! Wir sind diejenigen, die euch zum Erfolg oder in den Ruin treiben können. Es ist verwirrend, aber wir sind eure Zukunft. Es wird Zeit für eine andere Denkweise! Es wird Zeit, die Arbeitswelt aus unserer Sicht zu sehen. We are Generation Y – und zusammen können wir Großartiges leisten. P.S. Wir werden für euch da sein, wenn ihr uns (nur) lasst! ||| JENNIFER JOOS Jahrgang 1993, seit 2014 Studentin im Bereich Medien- und Kommunikationsmanagement an der SRH-Hochschule für Medien und Wirtschaft in Calw, Werkstudentin bei arvenio marketing GmbH

ANMERKUNGEN 1

Vgl. http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/generation-y-im-pressekompassso-wird-sie-definiert-a-964518.html; alle zitierten Internetseiten, Stand: 15.6.2014.

2

Vgl. http://www.gallup.com/strategicconsulting/161351/emotionale-mitarbeiter bindung.aspx

3

Vgl. http://www.huffingtonpost.com/wait-but-why/generation-y-unhappy_b_39 30620.html

4

Vgl. http://www.agenturohnenamen.de/fileadmin/templates/images/Downloads/ Student_Survey_2013.pdf

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5

Vgl. http://www.agenturohnenamen.de/fileadmin/templates/images/Downloads/ Student_Survey_2013.pdf

6

Bund, Kerstin: Glück schlägt Geld – Generation Y: Was wir wirklich wollen, Hamburg 2014.

7

http://www.agenturohnenamen.de/fileadmin/templates/images/Downloads/ Student_Survey_2013.pdf

8

Vgl. http://www.prognos.com/fileadmin/pdf/publikationsdatenbank/110930_ Neuauflage_Arbeitslandschaft_2030.pdf

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Junge Leute machen sich Gedanken über ihre Zukunft: die Preisträger und Autoren mit Frau Professor Ursula Männle, der Vorsitzenden der Hanns-Seidel-Stiftung

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AUFBRUCH ZUM WELTBÜRGERTUM? SASKIA NASTASJA DRESLER ||| Nationalistisch gefärbte Parteien erfreuen sich unserer Tage eines kontinuierlichen Zuwachses an Wählerstimmen, während die Bundesregierung sich weiter um den Erhalt der europäischen Währungsunion bemüht. Frisch sind auch noch die Eindrücke von dem Wettstreit zwischen PEGIDA- und AntiDemonstranten um Abgrenzung und Toleranz, der sich jüngst auf unseren Straßen zugetragen hat. Lokalkoloristen versus Kosmopoliten? Eine Generation vor den Herausforderungen des Multikulturalismus.

Wir befinden uns im beschaulichen Randbezirk einer deutschen Großstadt. Vor einem seit geraumer Zeit leer stehenden Verwaltungsgebäude hat sich eine Gruppe von Anwohnern zu einer Kundgebung versammelt. Innerhalb von etwa zwei Monaten, bis zum Wintereinbruch, soll in diesen Räumlichkeiten ein Flüchtlingslager eingerichtet werden. Das Spektrum der Reaktionen reicht von borniertem Argwohn gegenüber dem Fremden bis zu sozialromantischem Mitgefühl. Eine Referentin des Sozialministeriums und zwei Stadträte sind zugegen und stehen für Fragen zur Verfügung. „Ob die Flüchtlinge denn das Gelände verlassen würden? Die Nachbarin habe schon Bedenken, ihre beiden Töchter alleine auf den Spielplatz zu lassen, seit sie letztes Jahr von ‚so einem‘ angesprochen wurden … Wie denn für die Sicherheit im Viertel gesorgt werde?“

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Eine Stimme aus dem Lager von „Pro Asyl“ protestiert. Diese Menschen hätten Schreckliches erlebt, sie kämen mit nichts außer ihrer eigenen Haut hier an, und was erfahren sie nach ihrer Odyssee ins „gelobte Land“? Man mutmaßt, zu welchen Verbrechen ein Mensch fähig ist, in dessen Ohren noch das Geräusch von Bombenexplosionen widerhallt und dessen positive Tagesbilanz sich nach einer warmen Mahlzeit bemisst … Die Referentin übt sich in ihrer Rolle als Mediatorin. Sie nimmt die geäußerten Bedenken von Seiten der Bürger ernst, greift die moralischen Appelle auf, und am Ende steht die Suche nach einem Mittelweg im Rahmen der institutionellen Möglichkeiten – womit sich in einem Ballungsraum, der schon kaum seine eigene Bevölkerung zu vertretbaren Mietpreisen unterzubringen weiß und Erstauffangstationen in Schulturnhallen improvisiert, ein langfristiges Problem stellt. Die Zahl der Asylanträge hat sich in Deutschland innerhalb eines Jahres verdoppelt: Nach Angaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge lag diese im Jahr 2013 bei knapp 110.000 Erstanträgen, 45.041 mehr als im Vorjahr.1 DIE GENERATION DER GLOBETROTTER Während auf der einen Seite auf dem Mittelmeer täglich Kutter mit Menschentrauben den Hafen der europäischen Möglichkeiten verfehlen, zum Transportgut depersonalisiert und entwürdigt, und Kriegswitwen mit ihren traumatisierten Kindern in den Zeltlagern an der türkischen Grenze zu Syrien auf eine menschenwürdige Umquartierung warten, macht sich andernorts eine ganze Generation auf, die Welt zu entdecken. ERASMUS hier, SOCRATES dort. Ein Stipendiengeber erklärt einen Studienaufenthalt im Ausland zur unabdingbaren Voraussetzung für seine Förderung. Und für die Auslese auf dem Arbeitsmarkt rüstet man sich am besten noch mit einem Praktikum in Neuseeland. Im Lande bleiben ist gleich: wie „bei Mama wohnen“? Die Welt wächst zusammen, und in unserer virtuellen Parallellebenswelt scheinen die Distanzen bereits überwunden.

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Man mag dem grassierenden Jetset-Fieber entsprechend kritisch gegenüberstehen – es ist ja nur ein Phänomen der um sich greifenden Globalisierung unserer Tage, deren Einfluss sämtliche Lebensbereiche westlicher wie östlicher Gesellschaften umschichtet. Neben dem Im- und Export von nationalen Errungenschaften und Besonderheiten und der gegenseitigen Bereicherung der Nord- und Südhalbkugel ist das globale Forum auch Umschlagplatz für Massenartikel, deren Preissturz nicht nur die Arbeiter mit ihrer Würde, sondern auch die Verbraucher mit ihrer Gesundheit bezahlen. Oder es sorgt die unkalkulierbare Zirkulation unterschätzter Erreger, deren Erforschung westliche Pharmaunternehmen versäumt haben, da sie dem Trugschluss aufsaßen, sich hierzulande in Sicherheit wiegen zu können, für die Eintrübung der schönen neuen vernetzten Welt. Interkulturelle Begegnung hält für beide Seiten ihre Sonnen- und Schattenseiten bereit – auch in Abhängigkeit vom Ort dieser Begegnung. Dieser wird künftig immer flexibler werden und sich dabei auch mehr zu uns hin verschieben. Sie wird daher auch persönlicher – womit wiederum ein Konflikt zu befürchten steht. Denn solange das Exotische exotisch bleibt, zieht es Interesse auf sich; aber wenn die eigene Kultur – im metaphorischen Sinne – hinter Import-Schlagern zurückzutreten droht, stoßen Neugierde und Toleranz buchstäblich an ihre Grenzen. Doch die Erfahrung der Weltumspannung befähigt diese Generation auch dazu, einer gewaltigen Herausforderung der Zukunft leichter begegnen zu können (schließlich hat sie diese nicht nur vor dem Warenregal, sondern als Globetrotter sammeln können): Eine zentrale Aufgabe, der wir im Jahre 2030 gegenüberstehen werden, wird sein, den Zustrom von Migranten in einem weltweit bedeutenden Wirtschaftstandort wie Deutschland zu managen – weil er aufgrund der globalen Krisen unvermeidlich und aufgrund unserer kritischen demographischen Entwicklung notwendig sein wird.

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FLÜCHTLINGSSTRÖME IM 21. JAHRHUNDERT Die kapitalistische Marktstruktur wird in den einen Ländern häufig dafür kritisiert, die Reichen zu Megareichen und die Armen im Idealfall ein bisschen weniger arm zu machen. Weitaus größeres Konfliktpotenzial wartet in denjenigen, namentlich afrikanischen Ländern auf, in denen die europäische Entwicklungshilfe auf der Shopping-Tour von Diktatorengattinnen auf den Champs-Elysées versickert. Nach der Erhebung der IOM (International Organization for Migration) sind seit dem Jahr 2000 auf ihrem Weg nach Europa 22.000 Flüchtlinge ums Leben gekommen, davon allein 4.000 im vergangenen Jahr.2 Das einzig zielführende und verantwortungsvolle Mittel, der „Invasion“ von Flüchtlingen auf die Küsten von Lampedusa vorzubeugen, besteht darin, die Investitionen vor Ort effizienter zu koordinieren und dem Wirtschaftsflüchtling sein Fluchtmotiv zu nehmen. Dieses Postulat klingt nun nicht so furchtbar neu. Noch schwieriger gestaltet sich in der Praxis die Intervention in politischen Krisensituationen. Die Forderung lautet hier, dass die Nationen eine gemeinsame progressive Friedens- und Sicherheitspolitik betreiben müssen, um ihren Beitrag zu leisten, dass Menschen, die ebenso unfreiwillig zu Asylsuchenden werden, ihre Heimat behalten können. Und wenn sich diese Vorsätze in die Wirklichkeit überführen ließen, dass sich die weltweiten Fluchtbewegungen durch die entsprechenden subsidiären Maßnahmen der Industrienationen auflösen, dem darf man doch eher skeptisch gegenüberstehen. Denn das 21. Jahrhundert ist auf dem besten Wege, eine Bedrohung zu erfahren, die wir gegenwärtig noch nicht einmal in der Theorie so recht zu bewältigen wissen – und deren Tragweite wir kaum abschätzen können: Mit den ökologischen Problemen kommt ein neuer Unsicherheitsfaktor ins Spiel. Die Vergewaltigung der Natur führt zunehmend zum Verlust von Lebensräumen: auf direktem Wege, wie sich anhand der rücksichtslosen Bewirtschaftung von Land und Boden ablesen lässt (man denke beispielsweise an die Zerstörung der

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Umwelt durch überdimensionierte Palmölplantagen in Südostasien), oder wie das Ausmaß der Luftverschmutzung zeigt (die in einer Stadt wie Peking nicht mehr die Sonne auf- und untergehen lässt), als auch als indirekte Konsequenz in Form von Umweltkatastrophen. Zum anderen könnten der Nahrungsmangel und die immer knapper werdende elementarste Ressource unseres Planeten, das Süßwasser, Anlass zu Fluchtbewegungen ungeahnten Ausmaßes geben. Hunger ist ein Problem, das in den armen Ländern durch westliche Überproduktion nicht gelöst, sondern im Gegenteil verschärft wird (schließlich fallen unserer täglichen Fleischlust unvorstellbare Mengen von Getreideernten zum Opfer, die, anstatt die Viehhaltung in Massenbetrieben zu unterhalten, zu Grundnahrungsmitteln hätten verarbeitet werden können). Schon gegenwärtig haben zudem 1 Milliarde Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Der immense Einsatz von Wasser in der wachsenden Landwirtschaft sowie das beschleunigte Wachstum der Weltbevölkerung lassen erahnen, dass wir mit einer Verschärfung der Situation zu rechnen haben. Die Probleme der Kriege und wirtschaftlichen Nöte bestehen freilich nicht erst seit heute. Doch ist die weltweite Verschränkung der Handels- und Kommunikationswege, ja schlicht und ergreifend die Verbreitung von Wissen über die Lebenswelt und die gesellschaftliche Wirklichkeit fernab, auch an den betroffenen Ländern nicht vorbeigegangen, ebenso wenig wie die Erfahrung einer neuen Dimension von Mobilität. Der Weg von Eritrea nach Spanien ist beschwerlich, aber er ist möglich – und an seinem Ende steht die Vorstellung von einem besseren Leben. Und mit den ökologischen Krisen wird ein weiteres Motiv für die weltweite Migration ersichtlich – eine Migration, die sich keineswegs auf die schlechter gestellten Länder beschränkt. Steigende Pegel und abrutschende Hänge betreffen auch Küsten- und Talregionen auf der Nordhalbkugel und machen diese langfristig unbewohnbar. Während wir also davon ausgehen können, dass die Zahl von Fluchtbewegungen auf der Welt tendenziell zunehmen wird und

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wir einen der Zieleinläufe darstellen, befinden wir uns andererseits schon heute in einer Situation, in der wir eine Zuwanderung benötigen. Deutschland überaltert, ein Blick in die Geburtsanzeigen macht unmissverständlich deutlich: In den Schulklassen von morgen sind „Aysha“ oder „Omar“ so gängig wie „Katharina“ oder „Michael“, und Sparten, die sich als deutsche Kernkompetenzen rühmen dürfen wie Technologie und Ingenieurskunst, wissen wichtige Stellen nicht zu besetzen. Die Firmen annoncieren gezielt im Ausland, gerne innerhalb der EU, wie in Spanien oder Griechenland, wo die erschreckend hohe Jugendarbeitslosigkeit von durchschnittlich über 50 % (laut Eurostat)3 Scharen von hochqualifizierten Akademikern wieder finanzielle Unterstützung bei den Eltern einholen lässt. Dabei zieht die Erweiterung des EU-Raumes und die Öffnung der Grenzen natürlich auch eine Vielzahl von „non-required“ Arbeitssuchenden aus den östlichen Staaten an. Auch unter den Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlingen finden sich gut ausgebildete Fachkräfte, die vor Ort einen wichtigen Dienst an der Gesellschaft tun können. Eine umfassende Erhebung existiert hierzu bislang nicht. Einen Anhaltspunkt liefert jedoch eine Studie, die jüngst von dem Bundesförderprogramm für Flüchtlinge Xenos (zu deutsch: „Fremder“) durchgeführt wurde: Mehr als die Hälfte der Befragten hat eine Schulausbildung in etwa entsprechend der mittleren Reife vorzuweisen; davon haben 42 % eine Berufsausbildung abgeschlossen, während die Zahl der Hochschulabsolventen bei 10 % liegt.4 Für Unmut bei den Bürgern sorgen jedoch insbesondere Qualifikationslose – und Lernunwillige. Denn während die einen arbeitsam und lernbegierig sind, entdecken andere auch den reizvollen Komfort der „sozialen Hängematte“ – genauso wie innerhalb der inhomogenen inländischen Bevölkerung. Für die einheimischen Kandidaten bietet sich nur nicht die bequeme Lösung der Ausweisung an. Darum finden in diesem Zusammenhang rassistisch gefärbte Parolen auch eine entsprechend große Bühne. Das Problem scheint ja schließlich vermeidbar zu sein. Von einem genuinen „Rassismus“, einer Aus-

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länderfeindlichkeit im eigentlichen Sinne zu sprechen, wäre jedoch zu undifferenziert. Schwierigkeiten bringt der Zulauf offensichtlich vor allem dann mit, wenn sich unter der Bevölkerung der Eindruck einstellt, dass jene Einwanderer überproportional zur eigenen Bevölkerung das gesellschaftliche Leben destabilisieren, sprich: wenn die Zunahme von Kriminalität oder die Ausbeutung des Wohlfahrtsstaatsprinzips unmittelbar mit dem ausländischen Bevölkerungsteil in Verbindung gebracht wird. Jene Skepsis bedeutet dabei weniger eine Abneigung gegenüber dem Fremden an sich, sondern eine Ablehnung jener negativen Entwicklungen, mit denen sie jene Menschen meinen in einen Zusammenhang stellen zu können. Eine Lösung für diese Skepsis und ihr Motiv liegen nicht auf der Hand. Fakt ist jedoch, dass der Stabilisierung des Generationenvertrages und der Aufrechterhaltung der Produktionskraft eine ansteigende Immigration entgegenkommt. Und zugleich ist es die moralische Pflicht einer Nation, die sich auf abendländisch-christliche Werte beruft, gerade den Betroffenen aus Krisenregionen Nächstenliebe zu erweisen und eine Zuflucht zu gewähren. Deutschland darf daher schon in der Gegenwart als Zu- und Einwanderungsland begriffen werden und seine Gesellschaft wird bis zu den 2030er-Jahren zunehmend hybride werden. Da wird es den Skeptikern weniger gelten, den Anteil von „schwarzen Schafen“ zu ermitteln, als sich an das Bild einer bunten Herde auf der heimischen Wiese zu gewöhnen. Das Regionalkolorit könnte durchaus seine Exklusivstellung auf der kulturellen Palette verlieren – ohne dabei aber gleich seine Bedeutung einzubüßen. Der Standort des Multikulturalen mit all seinen unverwechselbaren Eigenheiten lässt sich schließlich nicht verrücken. Im Übrigen haben andere Länder diese Umstrukturierung schon im Ansatz erfahren: In zahlreichen Vierteln der Metropolen ehemaliger Kolonialmächte wie London oder Paris ist eine Vielzahl von Nationen repräsentiert. Dabei kennt diese Durchdringung der Ethnien natürlich eine Art historische Aufwärmphase. Der Deutsche mag da noch ein wenig mehr mit der

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Pluralisierung seiner Straßen fremdeln. Von einem Untergang der eigenen Tradition im Multikulti-Deutschland zu sprechen, wäre zwar hysterisch, die Zahlen des Statistischen Bundesamtes sprechen jedoch für sich: Aktuell haben in Deutschland insgesamt 20,5 % der Bevölkerung einen Migrationshintergrund. Dabei lag der Anteil der ausländischen Bevölkerung ohne deutsche Staatsangehörigkeit 2013 bei 7,6 Millionen. Dies ist die höchste Zahl seit der Einrichtung des Ausländerzentralregisters (AZR). Gegenüber dem Vorjahr liegt der Anstieg dieses Anteils bei 5,8 %. 2011 waren es noch 2,6 %. Auf der Grundlage des Trends der vergangenen Jahre lässt sich bis zu den 2030er-Jahren, in Abhängigkeit der globalen Situation, immerhin eine Zuwanderung von 5 bis 7 Millionen Menschen nach Deutschland prognostizieren.5 Sie ist also merklich, und sie steigt. Und dieser abzusehende Umstand erfordert eine neue Verhältnisbestimmung zum „Fremdländischen“. REGIONALITÄT IM GLOBALEN ZUSAMMENHANG Für meine Generation mag dies vielleicht weniger ein Bild sein, welches das regionale Gemüt irritiert. Sie hat gelernt, in globalen Kategorien zu denken – und wird auf diese Kompetenz aus den benannten Gründen zurückgreifen müssen. Sie hat in der Konfrontation mit dem „Fremden“ eine fundamentale Gemeinsamkeit erfahren: die Gemeinsamkeit des Menschseins und spezifisch menschlichen Fühlens, Denkens und Handelns. Sie lässt sich durch die Kulturen und die Geschichte hindurch nachweisen, doch beruht die Entdeckung dieser Gemeinsamkeiten auf einem gegenwärtig sehr viel selbstverständlicheren Austausch mit dem vermeintlich Fremdartigen. Diese Generation hat aber zugleich erfahren, dass man als Mensch auch immer in einem kulturellen Zusammenhang aufwächst und von diesem niemals restlos abstrahieren kann, dass man in die Fremde seine heimischen Bräuche mitnimmt, um seine Identität zu bewahren. Und was man selber als Ausländer erfahren hat, wird man, zurück in der Heimat, wiederum bei den Betroffenen

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beobachten und nachvollziehen können. Zugleich wird der neue Lebensraum aber fortan Bestandteil des eigenen Alltags – ist eine Einfindung in den neuen Kontext unabdingbar, um sich in diesem orientieren zu können, und ein Teil des Respektes, den man dem Land zollen sollte, das man alsbald auch seine, zumindest zweite Heimat nennen möchte. Der Kosmopolitismus lehrt uns, sich für das Andersartige zu öffnen und die Vielfältigkeit der Kulturen zu tolerieren, er verlangt uns aber zugleich ab, die eigenen Wurzeln zu pflegen und das Regionale im Globalen zu erhalten – und das betrifft In- wie Ausländer. Dieses Prinzip gilt es in der Europapolitik gleichermaßen zu verteidigen wie in der Integrationsdebatte. Die europäischen Staaten können in einer Welt, die gegenwärtig in einem fundamentalen Umbruch begriffen ist, nur gemeinsam stark sein; zugleich funktioniert ein solches Miteinander nicht ohne Rücksichtnahme auf kulturelle und nationale Unterschiede. Genauso darf in einem der Mitgliedstaaten kein Mensch wegen seiner Herkunft diskriminiert werden, während von ihm eingefordert werden kann, dass er sich zu den herrschenden rechtstaatlichen Prinzipien bekennt. Und an dieser Schnittstelle zwischen pluralistischer Freiheit und kulturhistorischem Bewusstsein sehe ich meine Generation in 15 Jahren stehen. Diese Gratwanderung zu meistern wird nicht minder wichtig sein wie ökonomische und ökologische Herausforderungen zu bewältigen, da sie unser gesellschaftliches Miteinander betrifft. Friedenssicherung ist nicht der politischen Führung vorbehalten, sie beginnt bereits in der Intaktheit der alltäglichen zwischenmenschlichen Begegnungen – und so auch in der Nachbarschaft des bald neu eingerichteten Flüchtlingslagers. ||| SASKIA NASTASJA DRESLER Promotionsstipendiatin der Hanns-Seidel-Stiftung, freie Redakteurin beim Verlag C.H. Beck und dem Münchner Feuilleton, Bezirksausschussmitglied für Untergiesing-Harlaching und Vorsitzende des Kulturvereins Harlaching

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ANMERKUNGEN 1

http://www.bamf.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2014/20140110-0001pressemitteilung-bmi-asylzahlen-dezember.html, Stand: 9.3.2015.

2

http://www.iom.int/cms/en/sites/iom/home/news-and-views/press-briefing-notes/ pbn-2014b/pbn-listing/iom-releases-new-data-on-migrant.html, Stand: 9.3.2015.

3

http://ec.europa.eu/eurostat/tgm/table.do?tab=table&plugin=1&language=de& pcode=teilm021, Stand: 9.3.2015.

4

http://www.zeit.de/2014/03/fluechtlinge-qualifikation-asyl, Stand: 9.3.2015.

5

https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2014/03/P D14_081_12521.html, Stand: 9.3.2015.

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TECHNISCHE UND GESELLSCHAFTLICHE VERÄNDERUNGEN IM JAHR 2030 Eine Prognose aus Sicht der Generation Y KERSTIN EBERHARDT / JANOSCH SADOWSKI ||| Die Generation Y ist mit den meisten technologischen Veränderungen seit Menschheitsbeginn aufgewachsen. Dieser Wandel findet auf breiter Ebene statt und betrifft Wirtschaft, Gesellschaft und Politik und hat damit weitreichende Folgen für das Individuum. Im Folgenden wird diese Veränderung anhand von drei konkreten Themengebieten erläutert und ein Ausblick gegeben, wie diese das Leben der Generation Y im Jahr 2030 beeinflussen könnten.

EINLEITUNG „Alles ist möglich. Und alles ist ständig im Fluss, nichts bleibt, wie es einmal war.“1 So kann man die Wahrnehmung der Generation Y beschreiben. Insgesamt widmen sich zahlreiche Zeitungsartikel, Fernsehsendungen und Bücher dieser Generation. Dabei werden etliche Zweitnamen wie „Millennials“, „Don‘t Label Us“, „Generation Tech“ oder „Boomer Babies“,2 aber auch weniger schmeichelhafte Bezeichnungen wie „Generation Weichei“3 für die Kohorte, die sich mit der Hochgeschwindigkeit des technologischen Wandels auseinandersetzen muss, verwendet. Dieser technologische Wandel geht in immer kürzer werdenden Abständen voran.4 Da technische Veränderungen seit jeher einen

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großen Einfluss auf Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft haben, bringen diese in immer kürzerer Zeit neue Herausforderungen – nicht nur für Politik und Wirtschaft, sondern auch für jedes Individuum. Ziel von diesem Aufsatz ist es, den Zusammenhang des technischen Wandels mit der Entwicklung der Generation Y zu analysieren und daraus auf die Veränderungen und Herausforderungen bis 2030 zu schließen. Es wird der Frage nachgegangen, wie die Entwicklung der Generation Y mit den Emerging Technologies vor dem Hintergrund der Postmoderne zusammenhängt. Generation Y Die Millennials sind zwischen 1982 und 1998 geboren. Sie zeichnen sich durch Optimismus, Teamfähigkeit und der Suche nach Sinn und leitenden Werten in ihrem Leben aus. Millennials gelten als gut ausgebildet, oft mit Fachhochschul- oder Universitätsabschluss.5 Das prägnanteste Merkmal dieser Generation ist ihre Technikaffinität. Aufgewachsen mit technischen Neuerungen wie dem Internet, dem Handy und den sozialen Netzwerken werden sie oft als „digital natives“ bezeichnet.6 Individuen dieser Generation wollen ihre Arbeit nicht nur zum Broterwerb ausüben, sondern sind an persönlichem Wachstum und herausfordernden Aufgaben in der Arbeitswelt interessiert.7 Emerging Technologies und Geschwindigkeit des technologischen Fortschritts Nach Harper entstehen Emerging Technologies aus neuem Wissen oder innovativer Anwendung von bekanntem Wissen, haben eine globale Auswirkung und verändern oder erschaffen damit ganze Branchen. Sie haben einen systematischen und nachhaltigen Einfluss auf Wirtschaft, Gesellschaft und Politik.8 An anderer Stelle wird statt Emerging Technologies der Begriff Key Enabling Technologies verwendet.9

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Kurzweil geht in seiner Theorie des Law of Accelerating Returns davon aus, dass technologische Entwicklung grundsätzlich exponentiell verläuft. Stößt eine Technologie dabei an bspw. physikalische Grenzen, wird sie von einer neuen Technologie abgelöst – ein Paradigmenwechsel hat stattgefunden.10 Dies impliziert weitreichende Auswirkungen für zukünftige Entwicklungen. Die alltägliche Integration von Technologie wird zwangsläufig zur Verbindung zwischen Mensch und Technologie (technologische Singularität) führen, so Kurzweil.11 Die Comission of the European Communities geht mit ihrer Aussage nicht so weit, beschreibt aber deutlich, dass Neuerungen bei Prozessen, Waren und Dienstleistungen bis 2020 von systemischer Bedeutung für die globale Wirtschaft sind.12 Posttraditionale Vergemeinschaftung Um die Entwicklung der Generation Y zu beschreiben, wird der technische Wandel als ein Indikator betrachtet, der Auswirkungen auf die Vergemeinschaftungsprozesse der Postmoderne hat. Gemeinschaften beruhen nach Max Weber auf einem emotional sowie traditional geteilten Zusammengehörigkeitsgefühl.13 In der Postmoderne lösen sich Traditionen und Werte allmählich auf bzw. verlieren an Relevanz. Durch diesen Bedeutungsverlust ist das Individuum nicht mehr an gesellschaftlich vorgegebene Handlungen gebunden. Somit entstehen neue Handlungsalternativen und der Rahmen der Entscheidungsfreiheiten weitet sich aus. Gleichzeitig tauchen vermehrt Unsicherheiten auf, da „formale[r] Verlässlichkeiten“14 durch die Auflösung von Strukturen, Traditionen und Werten nicht mehr gegeben sind. Posttraditionale Vergemeinschaftung beruht also auf temporär begrenzten translokalen nach „Außen“15 hin gerichteten Zusammenschlüssen. Das Individuum ist nur solange Teil dieser Gemeinschaft, wie es seine individuelle Interessenslage vorgibt und selbst zur Erhaltung dieser Gemeinschaft beiträgt.16 Krotz geht davon aus, dass die Me-

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diatisierung ein wichtiger Faktor der posttraditionalen Vergemeinschaftung ist und dadurch neue Formen „kommunikativen Handelns“17 entstehen. Angelehnt daran wird hier davon ausgegangen, dass die Emerging Technologies ebenso wie die Mediatisierung an der Entstehung von neuen Typen der posttraditionalen Vergemeinschaftung beteiligt sind. METHODIK Zur Beantwortung der Leitfragen wurden vor allem wissenschaftliche Publikationen und Daten aus den vergangenen zehn Jahren herangezogen. Daneben wurde populärwissenschaftliche Literatur mit nachrichtlichem Hintergrund gesichtet, um aktuelle Ereignisse repräsentieren zu können. Untersucht wurde Literatur aus multidisziplinären Wissenschaftsbereichen, die aus technologischen bis hin zu sozialwissenschaftlichen Wissensgebieten stammen, um eine möglichst diversifizierte Basis an Informationen darlegen zu können. PROGNOSEN UND ERGEBNISSE Autonome Servicerobotik In Anbetracht der Tatsache, dass in Deutschland im Jahr 2030 der Anteil der Über-65-Jährigen fast 30 % der Gesamtbevölkerung betragen wird und gleichzeitig der Bevölkerungsanteil der Unter65-Jährigen sinkt, werden wir uns mit einer alternden Gesellschaft konfrontiert sehen.18 Gesellschaft, Politik und Wirtschaft werden vermehrt mit gerontologischen Aspekten konfrontiert sein. Eine Herausforderung wird die Sicherstellung von Lebensqualität bei der Versorgung älterer Menschen sowie ihre Integration in die Gesellschaft sein.19 Daher nehmen wir an, dass aufgrund von Engpässen beim Pflegepersonal sowie steigenden Kosten im privaten und öffentlichen Bereich Ser-

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vice- und soziale Roboter eine bedeutungsvolle Rolle einnehmen werden. Relevant für die Generation Y ist dies im Jahr 2030 vor allem in Bezug auf die Pflege ihrer Eltern und Verwandten. Autonome Serviceroboter, die in der Pflege für körperlich oder geistig eingeschränkte Menschen eingesetzt werden, müssen ein großes Aufgabengebiet abdecken. Das Spektrum reicht von einfachen Serviceaufgaben wie staubsaugen, über Pflegeaufgaben wie Nahrungsversorgung bis hin zum Einsatz als sozialer Interaktionspartner, um Vereinsamung vorzubeugen.20 Auch für Therapiezwecke – bspw. bei Personen mit kognitiven Einschränkungen – kommen heute schon Roboter wie die Robbe „Paro“ zum Einsatz.21 Wir gehen davon aus, dass im Jahr 2030 vermehrt Roboter für die Erhaltung oder Regeneration physischer sowie psychischer Gesundheit eingesetzt werden. Außerdem werden diese Artefakte so weit entwickelt sein, dass sie analoge menschliche Eigenschaften besitzen sowie ihre Handlungen zunehmend autonomer werden und sie dadurch schrittweise mehr gesellschaftlich akzeptiert und verbreitet sein werden.22 Wir vermuten, dass die Grenzen zwischen Servicerobotern und sozialen Robotern verschwimmen und neue Interaktions- und damit Vergemeinschaftungsformen entstehen werden. Solche Roboter werden nicht nur als technische Hilfskräfte betrachtet werden, sondern als menschenähnliche Kameraden, mit denen zunehmend mehr Kommunikation möglich sein wird. Von einem ethischen Standpunkt aus betrachtet ist der ubiquitäre Einsatz von Pflegerobotern fragwürdig, da sie einerseits Pflegepersonal, Zeit und Kosten sparen sowie Familienangehörige entlasten, anderseits aber den zu Pflegenden auf ein Objekt reduzieren und die Achtung der Menschenwürde nicht mehr gewährleistet wird. Durch die Prämisse, mit sozialen Robotern so zu interagieren wie mit echten Lebewesen, wird mit Täuschung gearbeitet, um die einhergehenden positiven Effekte wie Stressabbau, die durch soziale Interaktionen entstehen, zu bewirken.23

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Wir vermuten, dass sich solche Pflege- und Therapieroboter bis 2030 durchsetzen werden, da die Generation Y weniger solche technisch-kritischen Bedenken hegt als ihre Vorgängergeneration. Auch nimmt die Selbstverwirklichung der Generation Y eine wichtige Stelle ein, sodass sie die Pflegeroboter als generell praktisch betrachtet, da diese nicht nur ihren Eltern und älteren Verwandten mehr Autonomie garantieren, sondern auch ihr selbst. Consumer 3D-Drucker The Economist berichtete Anfang 2011 über den 3D-Druck und wie dieser ganze Industrien revolutionieren könnte.24 Neuere Quellen bestätigen die damaligen Prognosen: Die 3D-Drucktechnologie wird heutzutage in der Produktentwicklung und in gänzlich neuen Geschäftsmodellen wie bspw. der 3D-Printingplattform Shapeways eingesetzt.25 Immer wichtiger wird darüber hinaus die kundenindividuelle Massenproduktion, die oft im Zusammenhang mit dem Begriff Industrie 4.0 genannt wird.26 Betreffend der Generation Y bedeutet dies, dass die Innovationszyklen kürzer werden, neue Produkte schneller auf den Markt kommen und allgemeine Produktionskosten und damit Konsumentenpreise günstiger werden. Denkbar sind nicht nur einfache Alltagsgegenstände, Möbel oder Ersatzteile für Fahrrad und Automobil aus dem Heimdrucker, sondern ebenfalls gedruckte Lebensmittel oder gar Gebäudekonstruktionen. Gerade im Bereich von Ersatzteilen und Endprodukten spielt in Zukunft das Urheber- und Patentrecht eine große Rolle. Eine Problematik, wie wir sie bei digitalen Inhalten wie Musik, eBooks, Filmen oder Anwendersoftware kennen, wird es in Zukunft auch in der „realen“ Welt geben. Doch gilt die 3D-Drucktechnologie auch als jobless technology, durch die zahlreiche Arbeitsplätze in der klassischen Produktion verloren gehen.27 Dies bedeutet einerseits, dass es für gut ausgebildete Vertreter der Generation Y vermutlich leichter sein wird, ihre

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Ansprüche gegenüber dem Arbeitgeber durchzusetzen, andererseits aber auch, dass das soziale Ungleichgewicht verstärkt wird und Urheber- und Patentrechtsfragen auf die Politik zukommen werden. Autonomes Fahren und Mobilität Autonomes Fahren bedeutet, dass der Mensch für die Fortbewegung von Fahrzeugen an Relevanz verliert und die Verantwortung für den Prozess des Fahrens von der Technik übernommen wird.28 Diese Abgabe von Verantwortung und das Vertrauen in Technik erfolgen bereits heute in öffentlichen Verkehrsmitteln wie Bahn oder Flugzeug. Der Autopilot steuert die Maschinen, der Fahrzeugführer hat die Aufgabe der Überwachung des Autopiloten. Piloten, Zugführer, LKW-Fahrer und die Mitfahrer des unbemannten Autos sind dadurch mit Risiken konfrontiert. Einerseits besteht das Problem, wach und aufmerksam zu bleiben, wenn monotone Aufgaben, etwa die Überprüfung von Autopiloten, anstehen. Anderseits sinken Qualifikationsanforderungen an die Individuen, da die hochautomatisierten Systeme komplexe Aufgaben übernehmen.29 Aktuelle Forschungen gehen in Richtung der unbemannten Personenkraftfahrzeuge, wo nicht mehr nur teilautonome Systeme eingesetzt werden sollen, sondern die Aufgabe des Fahrers von der Technik vollständig übernommen wird. Googles fahrerloses Auto, das bereits über eine Million Kilometer seit Beginn seiner Testfahrten in wenigen Bundesstaaten der USA im Jahr 2009 zurückgelegt hat, ist wohl das bekannteste Beispiel für die neueste Technologieentwicklung auf diesem Sektor.30 Auch Automobilhersteller wie Audi, Mercedes, Nissan, Volvo und Volkswagen sind nun bei der Entwicklung von autonomen Autos beteiligt.31 Während teilautonome Technologien bereits in Autos eingesetzt und stetig weiterentwickelt werden, steht das fahrerlose Auto erst in Zukunft zur Zulassung bereit. Bis 2030, vermuten wir, wird sich das autonome Auto aber so weit technisch entwickelt haben, dass

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es in den Straßenverkehr integriert sein wird. Mit den fahrerlosen Autos soll das Unfallrisiko gesenkt werden und der Hauptrisikofaktor Mensch in den Hintergrund gerückt werden. Des Weiteren werden durch einen technisch geregelten Energieverbrauch Kosten gesenkt und mehr Platzkapazität auf Autobahnen durch die automatische Verringerung der Abstände zwischen zwei Autos geschaffen werden.32 Dies bringt Veränderungen im Straßenverkehr, aber auch in der Denk- und Handlungsweise des Individuums mit sich. Das Individuum muss sich daran gewöhnen, dass es nur noch „Passagier“33 im Auto ist und keine Mitwirkung während der Fahrt von ihm erforderlich ist. Darüber hinaus vermuten wir, dass die Relevanz des Autos als Fortbewegungsmittel und Statussymbol eine veränderte Rolle durch die technische Entwicklung bekommen wird. Eine Studie, durchgeführt von Oliver Wyman, zeigt, dass vor allem die „junge, urbane und technikaffine Generation“34 ein eigenes Auto nicht als Statussymbol oder Fortbewegungsmittel Nummer eins für die Zukunft betrachtet. Ferner ist es durch Smartphone Apps möglich, seine eigenen Reisen mit unterschiedlichen Verkehrsmitteln vollständig zu planen. Unter solchen Bedingungen ist die Generation Y bereit, auf eine Mischung von verschiedenen öffentlichen Verkehrsmitteln oder das Car Sharing zurückzugreifen und von dem Besitz eines eigenen Autos abzusehen. Diese Beobachtung konnte überwiegend in Shanghai und in Frankreich gemacht werden, aber auch in Deutschland kann vor allem unter Studenten, also der heutigen Generation Y, ein solcher Trend beobachtet werden.35 Das was mit dem Taxigewerbe durch den Einsatz von Technologie (durch bspw. Uber) passiert, wird in Zukunft auch andere Branchen betreffen. Autonome Fahrzeuge werden nicht nur den Transport von Gütern billiger und schneller machen, sondern auch den Beruf des Lastwagenfahrers stark treffen.

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DISKUSSION UND AUSBLICK Obwohl im Rahmen des Aufsatzes nur ein grober Überblick gegeben werden konnte, sind die Folgen der technologischen Entwicklung für die Generation Y absehbar. Die Frage nach der Übernahme von Verantwortung stellt sich in allen drei beschriebenen Technikfeldern. Wer übernimmt die Verantwortung dafür, wenn ein autonomes Fahrzeug einen Autounfall mit Personenschaden verursacht oder ein Roboter einen Menschen unabsichtlich durch die Gabe von einer erhöhten Medikamentendosis tötet? Ein weiterer Aspekt, der 2030 relevant sein könnte, sind die veränderten Kommunikationsformen unter dem Einfluss der sozialen Roboter. Spannend wird sein, inwiefern sich die Kommunikation mit solchen technischen Artefakten auf die Gesellschaft auswirkt. Nimmt die Mensch-zu-Mensch Kommunikation an Relevanz ab, weil sie unter Umständen von intelligenten Maschinen oder intelligenter Software ersetzt wird? Es wäre denkbar, dass neue Vergemeinschaftungsformen entstehen, wenn Roboter zunehmend in alltägliche soziale Handlungen der Gesellschaft integriert werden. Durch ein verändertes Mobilitätsverhalten der Generation Y, die weniger Wert auf eigenen Besitz eines Autos legt, generieren sich ebenso weitere Vergemeinschaftungsformen, die vor allem über Smartphone Apps wie z. B. Uber oder Car Sharing unterstützt werden.36 Durch autonome Systemtechniken verändert sich die Beziehung zwischen Technik und Individuum grundlegend. Während einst zur Technik eine instrumentelle Beziehung bestand, wandelt sie sich schrittweise zu einem „interaktiven Verhältnis“37. Weyer kommt zum Schluss, dass eine Hybridisierung von Mensch und Technik in Gang kommt. Dies kommt den futuristischen Ansichten von Kurzweil zumindest teilweise entgegen, der eine komplette Verschmelzung von Mensch und Maschine sieht.38 Zusammenfassend kann gesagt werden, dass durch neuartige, intelligente Systeme zusammen mit der Technikaffinität der Gene-

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ration Y neue Vergemeinschaftungsformen hervorgerufen werden. Die Arbeitswelt wird sich durch den Einsatz von Technologie bis ins Jahr 2030 drastisch verändert haben. Die Schere der sozialen Ungerechtigkeit wird sich ohne radikale Intervention der Politik vergrößern. Die Generation Y hat dabei das Glück, auf der „richtigen“ Seite zu stehen. Sie erkennt den Vorteil des technologischen Fortschritts und könnte ihn aufgrund ihrer guten Ausbildung für sich und ihre Ziele nutzen. Der radikale Wandel wird jedoch die gesamte Gesellschaft betreffen, sodass wichtige Entscheidungen in Bezug auf Arbeitslosigkeit, Grundsicherung und Berufsausbildungssystem auf sie zukommen wird.39 ||| KERSTIN EBERHARDT studiert Pädagogik und Soziologie am Karlsruher Institut für Technologie ||| JANOSCH SADOWSKI ist Student des Wirtschaftsingenieurwesens am Karlsruher Institut für Technologie sowie der Psychologie an der FernUniversität in Hagen

ANMERKUNGEN 1

www.zeit.de/2013/11/Generation-Y-Arbeitswelt, Stand: 14.10.2014

2

Howe, Neil / Strauss, William: Millennials rising: The next great generation, New York 2000.

3

www.faz.net/aktuell/wirtschaft/work-life-balance-generation-weichei-120026 80.html, Stand: 14.10.2014.

4

Kurzweil, Ray: The Law of Accelerating Returns, in: Alan Turing: Life and Legacy of a Great Thinker, hrsg. von Christof Teuscher, Berlin / Heidelberg 2004, S. 381-416.

5

Howe / Strauss: Millennials rising: The next great generation.

6

Kaye, Beverly / Jordan-Evans, Sharon: Love'Em or Lose'Em: Getting good people to stay, San Francisco 2014.

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TECHNISCHE UND GESELLSCHAFTLICHE VERÄNDERUNGEN

7

Ng, Eddy S. W. / Schweitzer, Linda / Lyons, Sean T.: New Generation, Great Expectations: A Field Study of the Millennial Generation in: Journal of Business and Psychology 25/2010, S. 281-292.

8

www.cientifica.com/the-long-journey-from-nanotechnology-to-emerging-techno logies/, Stand: 27.7.2014.

9

www.eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=CELEX:52009DC0512 &from=EN, Stand: 14.10.2014

10

Kurzweil: The Law of Accelerating Returns.

11

Ebd.

12

www.eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=CELEX:52009DC0512 &from=EN, Stand: 27.7.2014.

13

Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft: Grundriss der verstehenden Soziologie, Tübingen 1972.

14

Hitzler, Ronald / Honer, Anne / Pfadenhauer, Michaela: Zur Einleitung: „Ärgerliche“ Gesellungsgebilde?, in: Posttraditionale Gemeinschaften. Theoretische Bestimmungen und ethnografische Bestimmungen, hrsg. von Ronald Hitzler, Anne Honer und Michaela Pfadenhauer, Wiesbaden 2008, Seite 9-34.

15

Krotz, Friedrich: Posttraditionale Vergemeinschaftung und mediatisierte Kommunikation, in: Posttraditionale Gemeinschaften. Theoretische Bestimmungen und ethnografische Bestimmungen, hrsg. von Ronald Hitzler, Anne Honer und Michaela Pfadenhauer, Wiesbaden 2008, S. 151-169.

16

Hitzler / Honer / Pfadenhauer: Zur Einleitung: „Ärgerliche“ Gesellungsgebilde?, S. 9-34. Krotz: Posttraditionale Vergemeinschaftung und mediatisierte Kommunikation, S. 151-169. www.statistikportal.de/statistik-portal/demografischer_wandel_heft1.pdf, Stand: 25.7.2014. www.who.int/topics/ageing/en/, Stand: 25.7.2014.

17

18

19 20

van Wynsberghe, Aimee: Designing Robots for Care: Care Centered ValueSensitive Design, in: Science and Engineering Ethics 19/2013, S. 407-433.

21

Klein, Barbara: Anwendungsfelder der emotionalen Robotik. Erste Ergebnisse aus Lehrforschungsprojekten an der Fachhochschule Frankfurt am Main, in: JDZB Mensch-Roboter-Interaktion aus interkultureller Perspektive. Japan und Deutschland im Vergleich. Veröffentlichungen des Japanisch-Deutschen Zentrums 62/2011, S. 147-162. www.theeuropean.de/hiroshi-ishiguro/7100-gemeinsame-zukunft-von-menschund-roboter, Stand: 8.8.2014.

22

23

Sharkey, Amanda / Sharkey, Noel: Granny and the robots: ethical issues in robot care for the elderly, in: Ethics and Information Technology 14/2012, S. 27-40.

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KERSTIN EBERHARDT / JANOSCH SADOWSKI

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www.economist.com/node/18114221, Stand: 8.8.2014.

25

Barnatt, Christopher: 3D printing: The next industrial revolution, Nottingham 2013; www.edition.cnn.com/2014/04/30/opinion/kohn-3d-printers/, Stand: 13.9.2014.

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Fastermann, Petra: 3D-Druck / Rapid Prototyping: Eine Zukunftstechnologie – kompakt erklärt. Berlin / Heidelberg 2012; www.blog.kpmg.de/maerkte-ohnegrenzen/industrie-4-0-deutschland-kann-auch-guenstig/, Stand: 14.10.2014.

27

Ebd.

28

www.autonomes-fahren.de/fahrerassistenzsysteme/, Stand: 14.10.2014.

29

Weyer, Johannes: Techniksoziologie: Genese, Gestaltung und Steuerung soziotechnischer Systeme, Weinheim 2008.

30

www.spectrum.ieee.org/transportation/advanced-cars/how-googles-autonomouscar-passed-the-first-us-state-selfdriving-test, Stand: 21.9.2014.

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www.wiwo.de/technologie/auto/mobilitaet-so-faehrt-das-fahrerlose-auto/8750 362.html, Stand: 15.9.2014.

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Brown, Alan S: Google's autonomous car applies lessons learned from driverless races, in: Mechanical Engineering-CIME 133/2011, S. 31.

33

www.ingenieur.de/Themen/Verkehr/Google-sieht-im-fahrerlosen-Auto-Revoluti on-Mobilitaet, Stand: 15.9.2014.

34

www.oliverwyman.de/content/dam/oliver-wyman/europe/germany/de/who-weare/press-releases/2012/20120307_PM_Future%20Mobility.pdf, Stand: 5.11.2014.

35

Ebd.

36

Ebd.

37

Weyer: Techniksoziologie: Genese, Gestaltung und Steuerung sozio-technischer Systeme.

38

Kurzweil: The Law of Accelerating Returns.

39

www.faz.net/aktuell/feuilleton/im-hamburger-zukunftscamp-wurden-prognosenfuer-die-naechsten-dreihundert-jahre-gegeben-13204232.html, Stand: 21.10.2014.

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2030 KOMMT VON ALLEINE – ABER WIE? CHARLOTTE THALER ||| „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“1 Auch 2015 wird kein Springteufelchen aus der Kiste hüpfen und uns den Schlüssel für eine bessere Zukunft in die Hand geben. Diese Erkenntnis ist nicht neu – sich einsetzen für eine bessere Welt trotzdem selten. Wie wird unsere Zukunft in 15 Jahren aussehen? Gedanken einer Autorin, die selbst leider allzu oft über das geseufzte „ach, man müsste ...“ nicht hinauskommt.

„Die Zukunft soll man nicht voraussehen wollen, sondern möglich machen.“ Antoine de Saint-Exupery2

EINFACHE PROPHEZEIUNG 2030 besitzen alle Menschen Smartphones. Elektroautos biegen leise um die Ecke. Kinder lernen zuerst ein Tablet zu bedienen, dann schreiben. Wir haben keinen Winter mehr, in Deutschland wächst wegen der Erderwärmung toskanischer Pinienwald. Papier ist überflüssig geworden, alles läuft digital. Jeder Mensch hat einen Sensor implantiert, der angeblich nur seine Gesundheit überwacht. Wegen Wohnungsmangel wird vermehrt unterirdisch gebaut. Genmais ist

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unser täglich‘ Brot geworden. Wir beamen uns durch die Luft. Geschäfte gibt es nur noch virtuell. Die Innenstädte sterben aus. Mode gerade wieder voll 2000-er. Aber ist es das, was für meine Generation 2030 von großer Bedeutung ist? Wäre das der „Stand“ meiner Generation 2030? Sind es technische und klimatische Neuerungen, die das Leben der Menschen entscheidend mitbestimmen? Die Elektrizität veränderte das Leben der Menschen gewaltig. Ebenso das Auto. Das Telefon. Das Internet. Allerdings stellt sich für mich in diesem Essay nicht die Frage nach einer Zukunftsvision der Welt. Sondern ich frage mich, was aus uns wohl wird. Den Jugendlichen von heute. Wie werden wir, meine Generation, die Gesellschaft 2030 formen? 2030 bin ich 40 Jahre alt. Und damit endgültig nicht mehr jung. Mit 40 Jahren, so male ich es mir heute aus, möchte ich schon Einiges geschafft haben. Erfolgreich sein im Beruf. Einen guten Job haben, der mit Spaß macht. Kinder. Einen Mann. Genug Geld. Nein, ein Haus braucht es bis dahin noch nicht. Aber ansonsten wünscht man sich doch, mit 40 im Leben angekommen zu sein. Zu traditionell gepolt, die gute Frau Thaler? Wenn ich mich in meinem Freundeskreis umsehe denke ich: Nein. Natürlich. Wünsche gibt es genug. Die sind allerdings nicht unbedingt die von einer besseren Gesellschaft oder einer Welt ohne Hunger. Allgemein zieht es bei allem Hipster- und Anderssein die Jugend doch eher in ihre eigenen vier Wände. Wir träumen vom persönlichen kleinen Glück. Vom Geld, der großen Liebe und dem ersten Auto. Den Designerklamotten. Exklusivem Essen und Feiern der Traumhochzeit. Teilweise auch schon vom ersten Kind.

„Ein Traum ist unerlässlich, wenn man die Zukunft gestalten will.“ Victor Hugo

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Zukunft gestalten: Ja. Aber welche? Finden sich in meiner Generation Zukunftsträume über das eigene kleine Glück hinaus? Interessiert uns der Weltfrieden, Hungersnot und Radikalisierung? Religionskonflikte und Unterdrückung?

„Die wahre Großzügigkeit der Zukunft gegenüber besteht darin, in der Gegenwart alles zu geben.“ Albert Camus3

WAS GESCHIEHT IN DER GEGENWART Ein Blick in die Gegenwart. Meine Generation. Meine Jugendkultur: Hipster. Wir wollen anders sein. Uns anders als alle anderen anziehen. Andere Musik hören. Andere Sachen machen. Friedlich sein und die Welt entdecken. Ergebnis: Alle tragen Klodeckelbrillen und Ethnoklamotten. Jeder zweite junge Mann mit einem obligatorischen „Weltreisenbart“, sobald es die Haarpracht erlaubt. Jede zweite junge Frau mit einem riesen Schal, Haarband und Lederrucksack auf dem Rücken. Selbstgestrickte Mützen. Buttons, die eine Lebenshaltung kundtun: „Vegan for life“, „Smile“. Die Musik klingt bei fast jedem Lied identisch. Sojajoghurt und Chai Latte. Beim Anderssein werden alle gleich. Und beschränken sich dabei auf Äußerliches. Politisch oder kritisch ist diese „Kultur“ nicht. Moustache-T-Shirt statt Che-Guevara-Poster. Geld für Primark, H&M und Zara, nicht gegen Ebola. Beim Weltentdecken treffen wir uns alle in Thailand, da ist es schön, günstig und relativ friedlich. Andere Kulturen finden wir spannend, koscheres Essen ist gerade der letzte Schrei, aber was ist es überhaupt? Schon mal den Koran, den Talmud oder die Bibel gelesen? Schon mal eine Moschee angeschaut und mit den Leuten geredet? Sich darum gekümmert, wie es den Flüchtlingen im neu geschaffenen Lager

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wohl geht? Eher nicht. Da hört meist der Spaß auf. Eine Electroswingparty im Twenties-Stil klingt da schon spannender. Lieber den „Weekender“ kaufen als die Obdachlosenzeitschrift. Anderssein ist für uns das höchste Gut, uns irgendwie abzuheben. Wir sind friedlich, bloß keine Aufregung wegen irgendetwas oder -jemandem. Wird schon werden. Beziehungsweise: Nicht unser Problem. Kritische Auseinandersetzung findet kaum mehr statt. Podiumsdiskussionen überlassen wir der Generation 50+. Und was soll uns heute auch aufregen? Uns geht es ja gut. Smartphone am Ohr, veganes Sandwich in der Tasche. Und dann mit Turbo-Mate ab zur Party. Wir mussten uns durch nichts durchschlagen. Uns nichts erkämpfen. Wir wurden in eine freie, reiche, friedliche und halbwegs emanzipierte Welt hineingeboren. Wir haben das Internet entdeckt und uns zu Eigen gemacht. Wir hatten die ersten Handys in der Schultasche und sitzen jetzt mit Tablets in den Vorlesungen. Kohl, Schröder, Merkel. Den 11. September haben wir bewusst erlebt. Afghanistan. Sitzstreik in der Aula. Irak. Bush. Obama. Der arabische Frühling. NSU und NSA. Wir hatten nie richtigen Hunger und wurden nie unterdrückt. Unser Land ist reich und wir sind privilegiert. Sex ist kein Tabu mehr. Ob homo, hetero oder bi – jeder nach seiner Façon. Jungen und Mädchen dürfen werden, was sie wollen. Wir blasen wieder Seifenblasen in die Luft und feiern die Renaissance der Casio-Uhr. Die Krisenregionen der Welt sind weit weg. Der Fernseher zeigt furchtbare Bilder. Aber es bleiben eben Bilder. Und bedroht vom internationalen Terror fühle ich mich wie die Maus auf dem Feld von der Katze in der Wohnung. Es gibt ihn, aber er erreicht mich nicht. Mit einem satten, vollen Bauch und in einer freien Gesellschaft bewegt sich nicht viel. In Deutschland geht es uns dafür heute zu gut. Nur die Lokführer streiken. 2030 wird es nicht viel anders aussehen.

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„Revolutionen sind die Lokomotiven der Geschichte.“ Karl Marx4

Meine Generation. Meine Generation, das sind aber auch die arbeitslosen Jugendlichen in Krisenländern der EU. Die von einer glücklichen Zukunft in ihrem Heimatland wirklich nur noch träumen können. Die sich von ihren Regierungen im Stich gelassen fühlen. Die nicht wissen wohin mit sich und ihrer Zeit. Die in die Arbeitslosigkeit studieren. Wie wird es ihnen 2030 gehen? Wird sich die Wirtschaft erholen? Werden neue Arbeitsplätze geschaffen werden? Werden sie ihr Glück weit entfernt von Familie und Freunden gefunden haben? Wird eine Wut auf Europa entstehen? Auf die reicheren Länder mit besserer Wirtschaft? Oder werden sie Sehnsuchtsland bleiben? Werden sie durch Proteste und Demonstrationen Gehör finden? Gibt es Europa 2030 noch? Meine Generation 2030 sind auch die Flüchtlinge. Junge Menschen, die gerade auf Lampedusa oder sonstigen Grenzregionen Europas ankommen. Die ihr Leben für ein besseres aufs Spiel gesetzt haben. Traumatisiert, verfolgt und ausgehungert. Ich wünsche und hoffe, dass sie 2030 ebenso ein Teil unserer Gesellschaft geworden sind wie die „Otto-Normal-Deutschen“. Von ihnen erhoffe ich mir neue Impulse und Bereicherung. Wer so viele Krisen durchlebt und überwunden hat, weiß, für welches Glück er kämpft und warum Freiheit, Demokratie und Wohlstand so wertvoll sind. Hoffentlich werden sie nicht abgeschreckt durch überquellende Flüchtlingsheime oder Diskriminierung. Meine Generation 2030. In den Krisenländern der Erde. Von Ebola bis ISIS. Ich weiß nicht, wie es bei ihnen in 25 Jahren aussehen wird. Ich kann wiederum nur hoffen. Dass sie im Anblick von Unmenschlichkeit und Katastrophen nicht den Mut verlieren. Dass

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ihr Leben besser wird. Dass ihnen geholfen wird. Dass nicht Radikalisierung ihr Weg wird. Fast ein Gebet:

„Wir haben ein Dach und Brot im Fach und Wasser im Haus da hält man‘s aus.

Und wir haben es warm und haben ein Bett. O Gott, dass doch jeder das alles hätt‘.“ Reiner Kunze5

Ich wünsche mir für meine Generation in Deutschland keine Krisen oder Katastrophen, damit sie sich politisiert. Allerdings werden 2030 auch die Menschen weniger werden, die die DDR bei vollem Bewusstsein erlebt haben. Die wissen, wie sich staatliche Kontrolle und Unterdrückeng am eigenen Leibe anfühlt. Von der zweiten Weltkriegsgeneration ganz zu schweigen. Wertvolles Fundament der Gesellschaft, das die eigene Krise, das Schicksal verknüpft mit der Weltgeschichte erlebt hat. Diese Generation ist nicht meine, aber ihr Einfluss auf die meinige wird fehlen. Weiter denke ich, dass 2030 die 40-Jährigen ihren Bezug zur Politik immer weiter verloren haben werden. Schon heute geht nur noch in etwa die Hälfte der Menschen zu Wahl. Bürgermeister werden teilweise händeringend gesucht. Das Interesse, selbst etwas für die Gesellschaft zu tun, schwindet. Auch, dass eigenes Wirken als wirksam erlebt wird. Rebellion gegen unsere Revoluzzereltern durch Rückzug ins Biedermeiertum. Die guten alten Zeiten? „... schlimmer als zu sterben ist nicht zu wissen, wofür man lebt“,6 schreibt die nicaraguanische Revolutionärin Gioconda Belli in ihrer Autobiografie. Ist meine Generation in Deutschland also zu bemitleiden? Sind wir 2030 alle von der Arbeit gehetzte, immer dem

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nächsten Event oder Urlaub hinterherlaufende, abgehetzte Gestalten? Die einander in Schönheit, Reichtum, Autos und Ausgefallenheit übertreffen müssen? Mit 50 dann das Burnout und der Blick ins Leere – wozu das Ganze überhaupt? Auch Angst habe ich, wenn ich an 2030 denke. Und an den Wert von Leben in unserer Gesellschaft. Mit zunehmender Technisierung wird die Frühdiagnose bei Geburten immer weiter voranschreiten. Und 2030 werden auch schon einige von uns abgetrieben haben, weil das Kind behindert gewesen wäre. In einer perfekten Gesellschaft bleibt kein Platz für Menschen, die nicht funktionieren. Auch unseren Eltern, also den 2030 Alten und Kranken von morgen, dürfte es unbehaglich werden. In manchen EU-Staaten kann man schon heute demente Angehörige in den Tod schicken. „Sterbehilfe ohne Einwilligung“. Welches Leben ist es dann noch wert, gelebt zu werden? Und wer bestimmt das? 2030 wird diese Diskussion schon weiter fortgeschritten sein. AUSBLICK MIT HOFFNUNG Diesen Aufsatz schließen möchte ich dennoch mit Hoffnung. Es gibt sie doch noch. Die beherzten Menschen, die zugreifen können. Mit dem Herz und Hirn am rechten Fleck und einer großen Portion Mut und Idealismus in der Tasche. Ich denke im Kleinen an meine Schwester, die sich trotz Medizinstudium die Zeit nimmt, durch Amnesty für Menschenrechte zu kämpfen, alte Leute im Altersheim zu besuchen und in der Teddyklinik kleinen Kindern ihre Stofftiere zu verarzten. Meine Schwester, die Geld spendet, jeden Monat. Ich denke auch an meinen Bruder, einen großen Denker. In Aktion zu treten fällt ihm manchmal nicht leicht. Trotzdem trainiert er ehrenamtlich eine Basketballmannschaft und schafft es durch Sport, den Kindern gewisse Werte und Disziplin zu vermitteln. Schon zwei Beispiele aus meinem allernächsten Umfeld. Und weiter mit meiner Mitbewohnerin, die Nähe zu allen Menschen findet und sich nicht scheut, auch mal in touristisch eher unattraktive Länder zu reisen

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und sich diese anzusehen, wie zum Beispiel Indien oder Ghana. Die Sonderpädagogik studiert und sich damit explizit behinderten Menschen zuwendet. Weiter mit kritischen Musikern, die sich trauen, Probleme anzusprechen und ganz anders oder sogar unbeliebt zu sein. Menschenrechtsaktivisten. Bürger, die sich jetzt in Asylbewerberheimen engagieren. Politiker, die sich für eine bessere Gesellschaft einsetzen und unbequem sind. Ehrenamtliche Helfer. Auch solche wird und muss es 2030 noch geben. Hoffentlich gestalten diese Menschen unsere Gesellschaft 2030 weiter und wecken auf, wo es nötig ist, oder reichen eine helfende Hand, wo diese gebraucht wird. Dann könnte es auch eine positivere Vision meiner Generation 2030 geben. Eine tolerantere, weltoffenere Gesellschaft. Multikulturell. Mit viel Platz für Anderssein. Die ihre Energie und Kreativität nicht für Revolutionen oder Krisenmanagement einsetzen muss, sondern für ihre Mitmenschen. In der kluge Köpfe denken, in der auf Qualität statt Quantität geachtet wird und in der jeder Mensch, egal ob voll leistungsfähig oder eben nicht, seinen Platz hat. Das wäre der Traum. An dem schon heute Menschen arbeiten. An den wir (der unpolitische, träge Teil) noch nicht glauben können oder wollen oder einfach noch nicht gedacht haben. Wir müssen uns bewusst werden, dass es mehr gibt als den nächsten neuen Pullover. Wenn wir 2030 gut leben wollen, müssen wir etwas dafür tun. Dafür sind wir jetzt und später im besten Alter. Egal ob Generation Praktikum oder Rentenunsicherheit. Kalte Progression oder Inflation. Steigende Kredite und sinkende Renditen. Das könnten 2030, angesichts von Radikalisierung und Klimawandel, die kleinsten Probleme sein. Weg vom Tellerrand in die Welt blicken und überlegen, was uns wichtig ist. Die Verantwortung für unser Leben und unsere Gesellschaft übernehmen. Das ist jetzt unsere Aufgabe, damit wir 2030 nicht vor einem Scherbenhaufen stehen oder uns abschotten, aus Angst vor der um uns explodierenden Welt.

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„Das Wichtige […] ist nicht, dass man selbst seine Träume Wirklichkeit werden sieht, sondern dass man sie hartnäckig weiterträumt. Wir werden Enkel haben und diese wieder Kinder. Die Welt wird weitergehen, und ihr Weg wird nicht so anders sein, als wir es wollen. Wir entscheiden jeden Tag darüber, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht.“ Gioconda Belli7

Und das gilt heute ebenso wie 2030. ||| CHARLOTTE THALER geboren 1989 in Würzburg, derzeit Studentin der Psychologie im Masterstudiengang an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg

ANMERKUNGEN 1

Kästner, Erich: Moral, in: Zeitgenossen, haufenweise. Gedichte, hrsg. von Harald Hartung (= Werke, Bd. 1), München 1998. S. 277.

2

de Saint-Exupéry, Antoine: Die Stadt in der Wüste, Bad Salzig 1951.

3

Camus, Albert: Der Mensch in der Revolte, Reinbek 1969.

4

Marx, Karl: Die Klassenkämpfe in Frankreich, in: Ausgewählte Schriften in zwei Bänden, hrsg. von Karl Marx und Friedrich Engels, Berlin 1981, S. 109-221.

5

Kunze, Reiner: Gedichte, Frankfurt a. M. 2001, S. 320.

6

Belli, Gioconda: Die Verteidigung des Glücks, München 2003, S. 326.

7

Ebd, S. 470.

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ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT JOHANNES WAHL ||| Neben dem Schnee von gestern wirbelt das Internet viele Neuigkeiten auf. Jugendliche twittern, posten, sharen, liken. Egal ob Selfie, #Mittagessen oder #Urlaub: Jeder darf an meinem Leben teilhaben. Mancher Weltversteher wettert über diese Entwicklung. Ein anthropogener Klimawandel? Sie lesen: unfrisiertes Rohmaterial für unkonventionelle Sterndeuter aus dem Land der untergehenden Sonne!

Meine Generation? Kann ich überhaupt von Generation reden? Denkt der common sense heute nicht in Produktzyklen? Man könnte meinen, das Leben sei ein buddhistischer Kreislauf. Das iPhone wird wiedergeboren – und ich mit ihm. Und wer soll neben dem Produkt existieren? Ist das Samsung Galaxy S4 auch Teil meiner Generation? Vielleicht denken wir auch eher in Produktlinien: vom HTC Touch bis zum HTC One M8. Aber sind wir eine Produktion? Und warum parkbankphilosophiere ich mir hier einen? Kann ich überhaupt noch seit The Who von meiner Generation sprechen? Kann ich diese Lieder singen? Bin ich ein Voodoo Kind? Oder habe ich meine eigenen Songs? Meine eigenen Sterne am Walk of Fame? Oder sind es eher Sternschnuppen, die Gott vergessen hat am Himmel zu fixieren und nach und nach abfallen wie die Blätter in der Herbstsonne? Ist mir denn überhaupt etwas wert, dass es ein Fixstern für mich sein kann? Nicht wenigstens virtualisiert? Brauchen Fixsterne Updates? Hat

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Gott, der große Admin mit Rootzugang, Sicherheitslücken, Designupdates, Keynotes, Patchdays, Bugfixes? Oder ist das All OS eher creative commons und die Hotfixes Ergebnis von try-and-error mittels Brute Force oder weiß der Geier? Bin ich eine App in der Cloud? Bin ich Produkt? Bin ich Big Data? So ganz klar scheint mir das nicht. Zumindest denke ich weder in Nullen und Einsen, noch bin ich eine Maschine, die funktionieren muss. Außerdem bin ich nicht digital. Ich bin analog! Aber analoge Big Data? Gengecodet? Proteinbiocompiler? Kann man da auch sowas wie eine MySQL-Injection machen? Kann ich ein Backup machen und, wenn‘s schief geht, wieder draufspielen? Kann ich meine USB-Ports durch neuere verbessern? Wenigstens einen neuen Scanner dranklemmen oder gar einen Multifunktionsdruckerscannerfaxgerätkopierertelegraphendosentelephon-mit-W-Lan-b/g/a/h/n/ac/ad/ xy-und-Gigabit-Lan-und-sms2toast? Oder brauche ich dann mehr Saft aus der Dose? Muss ich ein paar Nucleinsäuren löschen, wenn die Polizei eine Körperdurchsuchung macht? Kann das gegen mich verwendet werden? Mein Genom gehört mir! Genau wie mein Saatgut. Das Patent habe ich. Vielleicht bin ich aber auch nur ein Spiel; im Coop-Modus. Klasse Graphik! 4k war gestern. Nur die Story scheint crappy zu sein. Schließlich bin ich nicht der Duke. Und nicht lineares Erzählen ist doch schon lange tot! Wer sind meine Mitspieler? Ach wer braucht die schon? At least I have chicken! Das Leben ist viel zu kurz, um den Spaß den anderen zu überlassen. Yolomaudadolo! Wenn der Netzstecker gezogen wird, ist es sowieso vorbei. Da kann ich auch, wenn ich keinen Spaß mehr habe, die Playsi selber ausmachen. Was nützt es mir, wenn der Flatscreen noch läuft, aber die Konsole oder der Controller schlappt macht (oder umgekehrt)? Alte Konsolen wie die N64 sind sowieso nur noch da, um seinen virtuellen Emporkömmlingen davon zu erzählen; ausrangiert, auf‘s Abstellgleis manövriert, um sie an gesetzlichen Feiertagen zu begutachten, um als schicklicher Bürger ihrer zu gedenken.

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Wenn dann sich doch irgendwann ein Lichtstrahl in meine immobile Kommandoeinsatzzentrale verirrt, regt sich in mir ein Gefühl, als ob mir jemand eine rechte Gunst erweisen und mich in die weite Welt schicken wöllte. Paris, Rom, London, NY, Rio, Tokio, Kapstadt, LA, Auckland – das Land, wo Miruvor und Alter Toby fließen (oder so ähnlich). Oder doch nach /b/, das Forum Romanum von #Neuland, wo Hinz und Cunts wohnen. Terra incognita sive Anonymous. Anders als die RoteGlotze, welche jeder einmal explizit geentert hat. Noch nie war Reisen so einfach. Schengen? Ha! Hierfür braucht man nicht einmal einen Pass. Da gibt es keine Grenzen, wo der Verkehr kontrolliert werden könnte. FREIHEIT IST ALTERNATIVLOS Wo es keine Grenzen gibt, muss die Freiheit grenzenlos sein; wie über den Wolken; to infinity – and beyond. So frei man auch dort sein mag: Ohne Sauerstoff lässt es sich auch nicht gut Luft holen. Woher soll denn der Atem kommen? Ein paar wenige Grenzen scheinen ganz gut zu sein. Manchmal beneide ich Moses: Der kam mit zwei Tafeln und zehn Geboten aus. Wir haben GG, BGB, StGB, UrhG, StVG, SGB, HGB, StVO, und so viele mehr. Da kommen mir sogar die ‫ְווֹת‬ ‫ִצ‬ ‫( מ‬Mitzwot) der Juden leichter vor. Brauchen wir den Kram? Drückt er meine Freiheit aus? Was soll eigentlich „meine Freiheit“ meinen? Singen wir nicht an so lustigen Tagen wie dem Volkstrauertag von Einigkeit und Recht und Freiheit? Gehört das zusammen? Wenn wir uns einig sind, dann ist es unsere und nicht meine Freiheit. Aber wo bleibt dann mein Recht? Oder soll das heißen, dass es auch nur „unser“ Recht gibt? Sind dann meine Rechte, die auch die der anderen sind, verhandelbar? Bestimmt über unser Schicksal dann die Mehrheit? Ist das gut? Wurde Hitler nicht auch demokratisch gewählt? Lässt sich die Freiheit missbrauchen? Ist sie vielleicht sogar eine Hure? Oder ist Freiheit nur dann echt, wenn sie vertikal gebettet ist, also in Gott gründet? Aber wieso Gott? Der alte Sack ist doch nur eine

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Ausrede für Leute, die zu schwach für den Herrenmenschen sind. Unsere Rechenmaschinen arbeiten exakt. Die funktionieren ohne Gott, sie sind stark. Die pflegen mehr Tugenden als Aeneas, Odysseus, Jesus und Churchill zusammen! Ausdauer, Stärke, Zähigkeit, Gehorsam, Fleiß, Präzision, Fehlerlosigkeit, Gesundheit, 24/7-Support! Und wenn die endlich anfangen sich selbst zu verbessern, dann spucken die auch die Antwort auf die Frage aus. Alles eine Frage der Zeit. Fragen über Fragen über Fragen, die nach Fragen fragen. Sie zu verstehen ist nicht leicht. Na gut, für mich schon; schließlich könnten sie von mir stammen, kommen sie doch aus meiner Generation. Victor Klemperer meinte einmal: „Sprache, die für dich denkt und dichtet.“ Würde ich meine Eltern fragen, wann sie beim Lesen dieses Textes den Faden verloren hätten, wäre das innerhalb des ersten Absatzes. Die Sprache, unsere Kommunikation befindet sich im Fluss. Und wie ein Stausee füllt sie ein Becken und erhöht ständig den Druck auf den Damm. Kriegt er Risse? DYSLEXIA FORTE (REZEPTFREI) Dechiffriert man das Vorspiel, so findet man Fragen, die auch anderen Generationen zugänglich sind, die sie beschäftigen. Aber wer leistet die Übersetzungsarbeit? Schließlich geht es um Kontexte und Metaphern, Neologismen und Oxymora, Englisch bis Hebräisch. Enigma Variationen? Oder doch viel mehr der Turm von Babel? Man rafft nicht nur die Antworten nicht, sondern auch die Fragen. Das hat auch die Katholische Kirche mit ihrer Umfrage vor der Familiensynode festgestellt. Könnte es sein, dass wir unsere Sprache vernachlässigt haben? Könnte es sein, dass wir Sprachwissenschaften für Orchideen gehalten haben? Also für Disziplinen, die nur unser Auge erfreuen, die nur zur Muße gut sind, nur um irgendwelche Momente der Schwäche oder der Liebe durch Lyrik mit Schokolade zu überziehen? Ist Sprache nicht die Luft, in der wir leben? Ist sie nicht viel mehr als Wörter?

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Mein Lateinlehrer der Mittelstufe pflegte uns Schüler auf Latein zu begrüßen. Wenn zur Begrüßung noch Unruhe herrschte, sagte er meistens: „Magister adest.“ Erst sieben Jahre später habe ich durch einen glücklichen Zufall festgestellt, was er damals hat mitschwingen lassen. So funktioniert heute Kommunikation: durch glückliche Zufälle. Versuche, Sprache zu beherrschen oder zu relativieren, machen die Abgründe nur noch breiter. Auf der einen Seite überziehen Romantisierer die Sprache mit Zuckerguss, erheben die Wirklichkeit zur Metapher: „Eine Tat sagt mehr als tausend Worte.“ Darin steckt ein Funken Wahrheit. Genau das meine ich! Und doch fabulierte Goethe: „Im Anfang war die Tat.“ Um diesen Satz zu verstehen, muss man aber Ahnung von ziemlich vielen Worten haben. Lesen und Lesen lassen scheint auch eine Tat zu sein. Die andere Seite philosophiert sich ihre von Platon und Aristoteles zererbte Logik und Erkenntnistheorie zusammen oder tractiert sich eine andere. Diese Gattung Mensch nennt sich Philosoph (man hat ja da sein Diplom drin gemacht), obwohl sie eher Sophisten beerben. Die einzigen Sprachjunkies, die auf keiner dieser Seiten herumschwirren, sind die Philologen – die, die Sprache lieben (und nicht Knaben oder Geschwister). Sie schlagen alte Folianten auf und schnuppern mit ihren Augen, was die Leser damals gehört haben. Doch Philologen haben es heute sehr schwer: Wollen sie ihre Leidenschaft als Heger und Pfleger der Sprache ausleben, kommt irgendeine (zahllose!) Kommission daher und reformiert, gendert, ent-negrisiert was sie zwischen ihre Finger kriegt. Da bleibt nur noch die Existenz des Notnagels für Schüler, die zwischen Unlust und von grottigen Pädagogen verursachter Unfähigkeit pendeln. Aber selbst dieser Status ist nur temporär; also mehr Sarg- als Notnagel. Übrigens sind Musik und Kunst auch Sprachen. Fremdsprachen. Sprache wird speziell. Musiker, Künstler, Schriftsteller versammeln sich an einsamen Orten der Glückseligen, verschwinden aus

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der Öffentlichkeit in eigene Sphären der Subkultur. Sie treffen sich in archaischen Höhlen und halten ihre Versammlungen ab. Isola tribus ac specus. Interessanterweise ist die Höhle künstlich, fiktiv. Doch Sprache tritt nicht aus der Öffentlichkeit heraus (außer Programmiersprachen). Menschen reden genauso miteinander, wie sie es immer gemacht haben: von Angesicht zu Angesicht, behutsam oder im Zorn, brüderlich, mütterlich oder feindlich, trunken oder nüchtern. Und sie verstehen auch das meiste. Das gesprochene Wort verändert sich nicht. Aber das ungesprochene! Die Entsprachlichung findet nicht im Café, in der Kneipe, in der Küche statt, sondern in der virtuellen Öffentlichkeit. Diese ist nicht fiktiv oder künstlich, sondern gewisserweise real, ist Teil unseres Alltags, unseres Lebens geworden. Sie beeinflusst unser Denken, unsere Selbstwahrnehmung, unsere Fremdwahrnehmung, unser Selbst- und Weltbild. [HIER KÖNNTE IHRE WERBUNG STEHEN] In letzter Zeit gehen Selfies durch den Cyberspace. Von einfachen Portraits über flawless hin zu postcoitalen Selbstdarstellungen. Ich kenne niemanden (und habe auch von niemandem Derartiges gehört), der ein Bild von sich und seinem Sexpartner macht, um es dann später an das schwarze Brett seiner Sozialisation zu heften. Allein die Vorstellung berührt mich peinlich. Das will doch keiner sehen! Das ist privat, ja intim. Niemanden geht das an. Warum dann im Internet? Was sagen diese Bilder, Texte, Zeugnisse der Versprachlichung unserer selbst aus? Was will man sagen? Die viralen Dokumente funktionieren wie der Markt. Das Angebot steigt, wo die Nachfrage höher als das bisherige Angebot ist. Nachrichtenportale optimieren ihre Inhalte durch Eyecatcher: Bilder, Videos, Schlagzeilen. Sie generieren Klicks. Es geht um das Erzeugen von Aufmerksamkeit. „Was macht der eigentlich so nach dem Geschlechtsverkehr? Raucht er seine Kippe danach?“ Und wie die Motten stürzen Menschen hinterher. Der Zauber des Gefährlichen,

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des Verbotenen. Wie ein schlimmer Unfall: Keiner will es sehen, keiner kann weggucken. Anreize erzeugt man im Photolabor. Man macht Werbung. Und je professioneller, desto mehr Balsam für die Seele. Denn Aufmerksamkeit wird in Likes und Shares gemessen. Kommt hier archaisches Werbeverhalten wie in der Brunft heraus? Ist der idealisierte Yuppie der 80er der analoge Prototyp dieser Entwicklung, nur weiterdigitiert gemäß den brandneuen Möglichkeiten der Zeit? Über Propaganda vermarktet man sich in der virtuellen Community. Man gibt sich ein neues Antlitz, ein Image, eine neue Fremdwahrnehmung, und damit früher oder später eine neue Selbstwahrnehmung. Facebook, Flickr, Tumblr, Instagram, Twitter ersetzen unsere Badezimmerspiegel. Der Mensch schuf sich nach seinem Bilde. Die eigene Ikone schreiben! Dieser Vorgang ist zerschnipselt. Zwar funktioniert er überall nach den gleichen Spielregeln, betrifft aber nur einen Teil unserer Existenz. Unsere Arbeitsplätze bleiben unberührt davon. Unsere Familie kennt uns nackt, wie wir unmaskiert sind. Unsere Persönlichkeit gebiert sich multipel und verstellt sich je nach Umgebung und Kontext. – Miniplaybackshow. „Unsere Schlagwortsprache ist zur Zeit ein bisschen gedunsen – ‚menschlich‘ ist eine der zahlreichen Beulen, die zu verarzten wären. In diesem modernen Seelenjargon ist so viel schwerer Augenaufschlag, so viel falsches Drama, so viel Romankram. Die Trivialität kleidet sich heute so schön bunt und apart, dass nichts Apartes übrig bleibt – Originalität ist zum Schluss eine banale Mode, die ja auch manchmal darin bestehen kann, um Gottes willen nicht originell zu sein. ‚Sie ist menschlich schon sehr fein …‘ (man beachte das scheußliche ‚schon‘, das wie eine falsche Perle in der Kunstseide dieses Satzes blinkt). Natürlich ist sie ‚menschlich‘ sehr fein – wie denn: Welch Unfug, durch solche Adverbia alles kastenmäßig einzuordnen! Aber das trägt man so. Und es ist recht beliebt.“ Peter Panter (1927)

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So neu scheint unsere virtuelle Realität gar nicht zu sein. „Sie spielen Privatleben.“ Nicht nur Tucholsky demaskiert diese Tünche: von Trimalchio – Tellerwäscher zum Millionär – bis martiale Epigramme. Gewissermaßen hat sich das Präsentationsfeld neu geordnet. Die Grundstruktur bleibt gleich. Ahnt der moderne freiheits„bewußte“ Performer, was er da tut? Beantwortet er das „Warum“ und das „Wozu“? Fragt er überhaupt danach? Oder springt er bloß auf den Zug auf und tut, was „man“ tut? Und wenn ja, ist das schlecht? Ich halte es für den Narzissmus unserer Zeit, dass wir alles an uns selbst messen. Kombiniert mit unserem kindlichen Fortschrittsglauben hat unser Maß immer einen Vorsprung. Wenn es um Technologien geht, sind unsere Maschinen und Erfindungen besser als die alten. Geht es um die Biologie, so sagt die Evolutionstheorie, dass wir an der Spitze der Entwicklung stehen. Geht es um Bildung, so sind wir die Fortschrittspädagogen, die mehr Wissen kumulieren als alle anderen zuvor. Ethik, Naturwissenschaft, Philosophie wird in Zitationen und Aktualität der Auflage gemessen. Überall sind wir Spitze. Also gebe ich mir den Anschein auch überall vorne mitzuschwimmen. Spätestens seit Leibniz sollten wir aber demütiger werden: Ich bin kein Universalgelehrter, kein Genie. Du auch nicht. Und außer ein bisschen Honig im Bart bringen diese Zuschreibungen gar nichts. Was sich verändert hat, ist der Ausstoß an Selbstpropaganda. Sich zu empfehlen kostet Geld und war stets von der Popularität abhängig. Je mehr Leute sich für einen Stoff interessierten, desto öfter wurde er verbreitet, tradiert, weitergegeben und bewahrt. Da dieser Prozess teuer war, blieb er wenigen vorbehalten. Mit der Erfindung des Buchdruckes mit beweglichen Lettern beschleunigte sich dieser Prozess. Und heute ist die Geschwindigkeit rasant. Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern. Also gibt es täglich mehr Artikel und Selbstzeugnisse. Das Qualitätsmerkmal: 20 % mehr Inhalt. „Und dennoch wäre ich lieber ein Schwein: Qualität vor Quantität.“

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Geht diese Entwicklung so weiter? Oder bricht sie abrupt ab? Bei solchen Prognosen wäre ich vorsichtig. Man spielt dabei nur in die Rolle des Börsenspekulanten, der im Auftrag seiner Klienten arbeitet. Man sagt, was andere gerne hören wollen. Unheilspropheten und Utopisten verkünden bereits genug. Da brauche ich mich nicht einreihen. Aber ich halte fest: Die Geschichte lehrt uns eigentlich, dass es kein neues Phänomen ist, sondern nur ein eher spärlich überliefertes. Eine Generation oder auch mehrere Generationen, die zugleich leben, bilden eine „societas permixtorum“. Homogenität giltet nicht. Heterogenität auch nicht. Das bemerke man sich. Wer von der Geschichte anderes behauptet, sieht nur den Kitt, nicht die Fugen. Wo bleibt die appellative Ebene? Was bedeutet das für unsere Agenda, für die Ukraine, für den Nahen Osten, für Afrika, für die Türkei, für Südamerika, für die ganze Welt? Was sagt es uns für die Energiewende? Was für die Europäische Union? Müssen wir alles syncen? GLASKUGEL FÜR WETTERFRÖSCHE Stack overflow. Eisprung ins Ungewissen. Dammbruch. Apokalypsis. – Quo vadis, wenn die Simulation am Ziel angekommen ist? Abschminken? Bart wachsen lassen? The show must go on? Scherben aufsammeln und kleben? Dekovase. Flüssigkeit hält das Ding nicht mehr aus. Weder von innen noch von außen. Krönchen richten war mal. Dieser Punkt ist Sollbruchstelle, geplante Obsoleszenz. Von dem Privatleben bleibt nicht einmal das Arbeitsleben übrig, geschweige denn Sexleben, Partyleben, Familienleben. Wir können uns nicht mehr selber halten. Wer hält uns dann? Eltern? – beide tot oder abgeschoben. Kinder? – machen‘s wie ihre Eltern und wollen sie abschieben. Partner? – Fehlanzeige. Alkohol, Drogen, Sex, Anselm Grün für jeden Tag, „fill all my holes“? – „Denn meine Seele ist gesättigt mit Leid, mein Leben ist dem Totenreich nahe. Schon zähle ich zu denen, die hinabsinken ins Grab, bin wie ein Mann, dem alle Kraft genommen ist. Ich bin zu den Toten

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hinweggerafft, wie Erschlagene, die im Grabe ruhen.“ Wie das Salz wieder salzig machen, wenn es seinen Geschmack verloren hat? „Hey Al! Was weißt du über die alten Römer? – Sie sind alle tot!“ Teste David cum Sybilla. „Doch woher sollte mir Hilfe kommen?“ – Vermutlich wird meine Generation so handeln, wie die meisten vor ihr: Vorsorgen. Bausparen, Kapitalanlagen, Rentenbeiträge, Lebensversicherung, eine günstige Polin. „Doch es kam kein Laut und niemand gab Antwort. ‚Ruft lauter! Er ist doch Gott. Er könnte beschäftigt sein, könnte beiseite gegangen oder verreist sein. Vielleicht schläft er und wacht dann auf.‘ Doch es kam kein Laut, keine Antwort, keine Erhörung.“ Jeder ist von Ergötzenlichkeiten bedroht. Vielleicht hört meine Generation auf, sich zu verkleiden, zu investieren und sich von Rendite blenden zu lassen. Vielleicht fängt sie an sich nicht zu schminken. Vielleicht fängt sie an ihre Eltern zu lieben, zu achten und ehren. Vielleicht sorgt sie sich um ihre Kinder. Vielleicht schlachtet sie Goldene Kälber. Vielleicht lernt sie von den Alten zu lernen. Vielleicht lernt sie Sprachen. Wer weiß? Sie ist facettenreich mit unvereinbaren Zügen. Das war sie immer. Übrigens: Büchner hat ein Lustspiel geschrieben. Come as you are! But then I took an arrow in the knee. ||| JOHANNES WAHL Student der Katholischen Theologie in Münster

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BRIEFE IN DIE BAYERISCHE GEGENWART TERESA A. WINDERL ||| Inspiriert von Rosendorfers „Briefe in die chinesische Vergangenheit“ reist die Ich-Erzählerin ins Jahr 2030 und schickt von dort „Briefe in die bayerische Gegenwart“. Die Medien scheinen das Leben der Menschen der Zukunft zu bestimmen. Gedruckte Bücher beispielsweise gibt es nur mehr im Museum. Die älteren Bürger können mit dieser radikalen Technisierung des Alltags nicht mithalten. Doch ein Gebrauchsgegenstand hat sich in die Zukunft hinübergerettet.

1. BRIEF – 13. JUNI 2030 Im Jahr 2015 wäre meine Reise noch nicht möglich gewesen. In diesem Jahr las ich zum ersten Mal Rosendorfers Buch „Briefe in die chinesische Vergangenheit“, ohne zu wissen, dass mich bald ein ähnliches „Schicksal“ wie den Mandarin Kao-tai aus dem 10. Jahrhundert ereilen sollte. Nun waren es bei Kao-tai über 900 Jahre, die er in die Zukunft und auch noch aus China in den Westen, nach „Min-chen“ gereist ist. Bei mir sind es nicht einmal zwei Jahrzehnte und ich konnte zudem am selben Ort, in meinem geliebten Bayern, bleiben. Aber die Entwicklung, der technische Fortschritt der vergangenen 10er- und 20er-Jahre unseres 21. Jahrhunderts waren so rasant, dass sie mit der Diskrepanz, die Kao-tai zwischen seiner Gegenwart (das China des 10. Jahrhunderts) und seiner Reise in unser westliches 20. Jahrhundert erlebte, durchaus vergleichbar sind.

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Das Jahr 2030 zu beschreiben – das für euch Zukunft, für mich im Moment Gegenwart ist –, kann wohl damit verglichen werden, als müsste ich meinem 1950 verstorbenen Urgroßvater in eurem Heute erklären, was „Facebook“ ist. Für euch und für mich damals ist bzw. war dieses digitale soziale Netzwerk Realität. Aber würde nicht mein Urgroßvater mich fragen, wie etwas „Realität“ sein kann, das nicht „real“ existiert? Dass etwas „digital“ da sein kann, könnte ich ihm nur schlecht erklären, weil eben in seiner Lebensspanne (die ersten 50 Jahre des 20. Jahrhunderts) schlichtweg nichts präsent war, das nicht „real“ existierte. Ausgenommen Gott. Aber klammern wir eine Debatte an dieser Stelle aus. Es ist mein erster Brief in die bayerische Gegenwart, ich muss mich sammeln, ich darf nicht das Papier vergeuden, das ich benutze, um euch zu schreiben. Aber ist es nicht eine Ironie, dass das Internet zwar immer noch existiert und es bisher nie zu einem großen Crash gekommen ist, wie es die Kulturpessimisten eurer / unserer Tage vermuteten – ich aber Papier benutzen muss, um Raum und Zeit überbrücken zu können? Ich versuche, euch morgen wieder zu schreiben. Als ich hier ankam, regnete es. Ich dachte zunächst, die Zeitreise hätte gar nicht funktioniert. Denn bei Regenwetter sehen die Straßen Münchens nicht recht viel anders aus als in unserer Zeit: Die Menschen schützen sich vor der Nässe wie seit jeher mit Regenschirmen. An dieser Stelle möchte ich mich trotz all der schwierigen Umstände, die mein Aufenthalt in der bayerischen Zukunft für mich bereithält, dafür bedanken, dass ihr mich für diese „Zeitreise-Projekt“ ausgewählt habt. 2. BRIEF – 14. JUNI 2030 Ich möchte induktiv vorgehen, d. h. ich möchte euch erst die Lebensumstände des Individuums schildern, bevor ich auf die Gesellschaft als solche eingehe. Als ich in den 10er-Jahren meine Wohnung in München bezog, da war die Miete im Gegensatz zum Land schon hoch. Aber nichts im Vergleich zu heute. Damals konn-

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ten sich Studenten eine eigene kleine Einzimmerwohnung leisten. Das ist so heute nicht mehr möglich! Die Wohnsituation müsst ihr euch ähnlich vorstellen wie in den Ballungsräumen eurer Zeit, etwa in London oder in japanischen Großstädten. Ich wohne derzeit in einer Unterkunft, vom Konzept her vergleichbar mit den Kapselhotels in Japan oder den Nap-Kapseln unserer Zeit: Zur Verfügung steht mir ein Raum, der nicht sehr viel größer ist als eine 1,40 m große Matratze. Ähnlich wie in den Nap-Kapseln, wie sie seit den 10er-Jahren in unserem Flughafen in München zur Verfügung standen, lässt sich hier alles digital steuern. Freilich ist die Technik viel ausgereifter. Geweckt werde ich durch einen simulierten Sonnenaufgang, an die Wände kann – je nach Geschmack – bspw. eine Meeresbrandung projiziert werden. Danach kommt automatisch Kaffee – oder was auch immer man sich zum Frühstück programmiert hat – ans Bett. Diese ganze Hotelanlage läuft komplett ohne Personal. Ich werde noch eruieren müssen, ob der Mensch auch in anderen Arbeitssituationen ersetzt wurde. Die Kapsel-Räume sind so konzipiert, dass man seine Wertgegenstände in wasserdichten Regalen verstauen muss und diese dann von Robotern gereinigt werden. Die Saug- und Rasenmähroboter unserer Tage sind hierfür wohl die ersten Prototypen gewesen. Aber ich sehe schon, zu ausführlich sollte ich nicht auf Einzelheiten eingehen, das Papier könnte sonst knapp werden. Zumal ich mich mit der handschriftlichen Anfertigung der Briefe in die bayerische Gegenwart schwer tue. Haben wir in unseren Tagen die schriftliche Kommunikation schon nahezu ausschließlich auf Computer, Tablet und Co verlagert – in der Gesellschaft von 2030 wird an den Schulen zunächst Tippen und dann erst Schreiben (mit der Hand) gelehrt. Es ist wohl vergleichbar mit der Situation in den 1950er-Jahren, als an den Schulen zwar noch Sütterlin unterrichtet wurde, aber der Schwerpunkt längst auf der lateinischen Schrift lag. Derweil frage ich mich, wie

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lange überhaupt noch „schreiben“ – also mit der Hand – gelehrt werden wird? Denn die Spracherkennung der elektronischen Geräte hat sich immens gesteigert. Ich erinnere mich gerne zurück, wie wenig ich „Siri“ bei meinen Apple-Geräten benutzt hatte, die Technik war einfach zu wenig ausgereift. Aber hier in meinem „Kapselhotel“ wird alles per Sprache gesteuert. In einer Einführung in die Medientheorien war in meiner Studentenzeit von einer Theorie Marshall McLuhans die Rede, Medien könnten zu „Ausstülpungen“ unseres Körpers werden. Kulturpessimisten unserer Tage kreideten den Jugendlichen bereits die „Verschmelzung“ mit ihren Smartphones an. Sie sollten sehen, wie die Medien in 2030 genutzt werden! Aber darüber möchte ich euch in einem weiteren Brief berichten, wenn ich einen ausgedehnteren Spaziergang durch das München des Jahres 2030 unternommen habe. 3. BRIEF – 7. JULI 2030 Angesichts dieses technischen Fortschrittes verwundert es mich, dass ich mich Kao-tai anschließen und sagen kann: „Der Schirm scheint die einzige unserer Errungenschaften zu sein, die auf unsere Enkel gekommen ist.“1 Freilich, die Errungenschaften des Jahres 2030 sind nicht ohne die Forschung der vorausgegangenen Jahre und Jahrzehnte denkbar. Aber die Welt meines momentanen Heutes erscheint mir manchmal so fremd. Ich muss daher schmunzeln, wenn so eine vermeintlich einfache Erfindung wie der Regenschirm bis heute nahezu unverändert genutzt wird. Gut, die sog. KnirpsSchirme unserer Tage wurden optimiert und sind noch um ein Vielfaches kleiner und stabiler. Aber die Optik, der Aufbau des Schirms ist gleich geblieben – wie eben schon „mein Freund“ aus der chinesischen Vergangenheit erkannt hat! Rosendorfs Buch, seine „Briefe in die chinesische Vergangenheit“, trage ich bei mir. Es erschien mir passend, die Abenteuer von Kao-tai mit mir in die Zukunft zu nehmen. Nur habe ich bereits den Fehler

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gemacht, mein altes Büchlein – es ist noch dazu eine recht abgegriffene Taschenbuchausgabe aus dem vorherigen Jahrtausend – in der Öffentlichkeit aus meiner Tasche zu ziehen. Ich dachte, die Menschen um mich herum würden es nicht bemerken. Denn lasen die Großväter in den öffentlichen Verkehrsmitteln Zeitung, ihre Väter-Generation (zu der ich zählen würde, wenn ich durch meine Reise auch gealtert wäre) tippte auf dem Smartphone, so lesen die Menschen dieser Tage auf Gestellen vor Augen, die an die Google-Glass-Brille unserer Tage erinnert. Aber so technisiert eine Gesellschaft auch wird, eins bleibt unverändert: die Neugierde, die Wissbegierde ihrer Kinder! Ein kleines Mädchen entdeckte mich, während ich in meinem Buch aus Papier blätterte. „Hey, so was habe ich schon mal gesehen! Mit meiner Klasse waren wir im Europäischen Museum, da stand so etwas.“ Ich wusste im Moment nicht, ob ich mich freuen oder traurig sein sollte. Freuen, da die europäische Einigung doch nicht am Euro zerbrochen, sondern vielmehr zur gelebten Realität geworden zu sein scheint, dass jetzt sogar das „Deutsche“ Museum „Europäisch“ heißt. Aber traurig machte mich die Erkenntnis, dass Bücher aus Papier eine Rarität geworden sind. Das erinnerte mich frappierend an die Geschichte „Das letzte Buch“ von Marie Luise Kaschnitz, die in meinem Schul-Lesebuch gestanden hatte. Ich fand heraus, dass nach der Etablierung der E-Book-Reader auf dem Literaturmarkt Vereine zum Erhalt des gedruckten Buches gegründet wurden. Die Erkenntnis für die Medienwissenschaft: Das Rieplsche Gesetz hat nur zum Teil Recht. An dieser Stelle kann ich ebenso wenig wie eingangs der Frage schriftlich nachgehen, ob etwas real existieren muss, um zu unserer Lebensrealität zu gehören. Aber es stellt sich mir doch die Frage, ob die Texte, die zum Großteil stark dynamisch sind – es handelt sich um eine Art Hypertexte, nur noch viel vernetzter als in unseren Tagen –, noch als „Buch“ bezeichnet werden können? Ob also das „Buch“ als solches noch existiert.

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Lese ich z. B. Rosendorfer, muss ich nicht die Meinung anderer Leser mit einem Klick parat haben und auch nicht den Link zur Verfilmung. Das alles „verfälscht“ doch meine eigene Wahrnehmung, oder? Ich kenne nicht die Statistiken, wie viel tatsächlich noch gelesen oder eben nur die Verfilmung gesehen wird. Nahezu jeder Klassiker wurde verfilmt, was unter anderem daran liegt, dass auch die Filmindustrie vom technischen Fortschritt profitierte. Animationen wurden immer einfacher, echte Schauspieler braucht es dazu nicht mehr. Aber ich mache Schluss für heute. Mein Spaziergang führte mich heute bis an den Marienplatz, und es wird euch erstaunen zu hören, was ich dort erblickte. 4. BRIEF – 14. JULI 2030 Wie gesagt, die Statistiken zur Mediennutzung kenne ich nicht, weil ich noch nicht weiß, ob es dazu wahrhaft objektive Zahlen gibt … Die Forschung an den Medienhochschulen wird maßgeblich von den großen Medien-Unternehmen finanziert. Aber was heißt da Unternehmen? Es gibt nur mehr eins: Gottgleich prangt das Zeichen dieses Unternehmens auf nahezu allen Dingen des täglichen Lebens, denn ohne Produkte dieses Unternehmens kann man nicht mal mehr eine Breze kaufen. Aber ich will der Reihe nach berichten, auch wenn meine Emotionen bei diesem Thema überschäumen. Wir kennen es gut, dieses Unternehmen hatte in unseren Tagen einen Laden an der Münchner Rosenstraße. Die Rosenstraße heißt mittlerweile Apple-Street. Aber dem nicht genug: Die Mariensäule – offensichtlich war sie vor einigen Jahren durch einen Blitzeinschlag getroffen worden – ziert nicht mehr unsere Patrona Bavariae, sondern dieser angebissene Apfel, das Apple-Logo. „Laptop und Lederhose“ also in einer völlig anderen Dimension! Ich bin als Wissenschaftlerin hier, ich möchte diese Entwicklung nicht werten. Aber als ich heute durch die „heiligen Hallen“ dieses Unternehmens schritt, fühlte ich mich ausgeschlossen von dieser Art

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von neuer Religion. Denn ich gehöre nicht zu den Apple-Jüngern, meine Geräte sind viel zu sehr veraltet. Die Medien von heute trägt man nicht am, sondern im Körper. Sie sind also wahrhaftig Ausstülpungen unseres Körpers geworden! Um bspw. am Zahlungsverkehr teilnehmen zu können, lässt man sich einen Chip implantieren. Auf diesem Chip sind auch alle Daten gespeichert, die man für das Leben braucht. Jede Mathenote wird ein Schülerleben lang (und darüberhinaus) auf den Chips gespeichert, neben der Blutgruppe, den Einkaufsgewohnheiten oder eben dem Kontostand. Die Datenschützer unserer Tage hätten laut aufgeschrien, obwohl sie auf der anderen Seite ihre Daten munter bei Facebook eingaben … Doch die Implantierung dieses Chips ist de facto freiwillig; nur ohne diesen Chip ist das Leben im München des Jahres 2030 nicht möglich. Bargeld, wie wir es kannten, gibt es nicht mehr. Einkaufen auch nicht. Nie mehr ist die Frühstücksmilch am Morgen alle. Der Kühlschrank bestellt die Lebensmittel selbst nach. Aber nicht automatisch, sondern intelligent. Ist man z. B. übers Wochenende nicht zu Hause, wird das in die Berechnung einbezogen. Das Leben ist aber so insgesamt viel teurer geworden, denn auch hier wird das Leben von denen gelenkt, die die Technik bereitstellen. Und so bestimmen die großen Unternehmen den Preis der Lebensmittel. Werbung mit Sonderangeboten, wie in unseren Tagen, gibt es nicht mehr. Ob das die totale Überwachung des Menschen bedeutet, vermag ich nicht zu werten. Wenn ihr meinen Brief lest, werdet ihr euch fragen, wie dieser Fortschritt in der Kürze der Zeit überhaupt möglich war? Aber wer hätte noch Mitte der 10er-Jahre Zeitreisen für möglich gehalten – und am Ende der 10er habt ihr mich losgeschickt. Und wer hätte bei den ersten Handys gedacht, dass wir damit ins World Wide Web könnten – das steckte Mitte der 1990er-Jahre auch noch in den Kinderschuhen.

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5. BRIEF – 18. AUGUST 2030 Mögen v. a. mein dritter und vierter Brief dystopisch geklungen haben, dann mag es wohl daran gelegen haben, dass ich noch nicht über die Medien verfügt habe, um Teil der Gesellschaft von 2030 zu werden. Doch nun habe ich mich für die Implantierung des Chips entschieden, die mir noch viel mehr Forschungsmöglichkeiten eröffnet, als ich das durch meine Beobachtung habe herausfinden können. Freilich muss euch bewusst sein: Ihr habt eine Geisteswissenschaftlerin auf dieses Abenteuer Zeitreise geschickt. Ich kann euch nicht erklären, wie das alles funktioniert, aber dieser „Chip“ ist direkt mit meinem Gehirn gekoppelt. Denke ich z. B. an ein Musikstück, wird es mir vorgespielt. Zugegeben, das war anfangs ungewohnt, aber ich habe mich schon etwas daran gewöhnen können und ich denke, dass mir meine Rückkehr in die bayerische Gegenwart immer schwerer fallen könnte. Zumal ich eben jetzt auch mit den Vorteilen unserer europäisierten Zukunft Bekanntschaft machen konnte. Die Eurokrise konnte die europäische Idee nicht zugrunde richten. Was mich, gestattet mir diese persönlich Wertung, sehr freut. Vielmehr scheint Europa noch viel stärker zusammengewachsen zu sein. Nicht zuletzt, weil sich die Mobilität in den vergangenen Jahren um ein Vielfaches gesteigert hat. Es ist heute möglich, in München aufzuwachen, in Paris zu arbeiten und am Abend am Genfer See Cocktails zu trinken. Und das genieße ich sehr! Allein – man muss sich dieses Leben auch leisten können! Dem geneigten Leser mag aufgefallen sein, dass ich meine Feldforschung in den ersten Briefen detaillierter dokumentiert habe. Aber mich faszinieren diese neuen Möglichkeiten und ich nutze sie sehr exzessiv, zumal ich durch einen geschickten Schachzug – ich konnte meine Apple-Produkte als Antiquitäten verkaufen – mir diesen kostspieligen Lebenswandel auch leisten kann.

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Auch strengt es mich immer mehr an, meine Gedanken handschriftlich auf diesem Zeitreisepapier festzuhalten – mein implantierter Chip lenkt mich zu sehr ab. Ich weiß im Moment nicht, ob ich meine Gedanken kontrolliere oder meine Gedanken durch das Ding gesteuert werden. Das soll normal sein am Anfang. Aber langsam muss ich ohnehin an Rückkehr denken, zu allen anderen Erlebnissen könnt ihr mich in euren standardisierten Fragebögen befragen. 6. BRIEF – 24. AUGUST 2030 Ich freue mich auf meine Rückkehr. Meine Eltern konnte ich ja nicht besuchen, da ihr es mir strengstens untersagt habt, da ich bei ihnen meinem zukünftigen Ich begegnen könnte. Ach, wie das klingt! In den 1980er-Jahren gab es doch diesen Film „Zurück in die Zukunft“ … Aber was mich betrifft, ich bin froh, wenn es für mich bald wieder heißt, „zurück in die bayerische Gegenwart“! Was ich nicht erwähnt habe, auf den Straßen sieht man kaum alte Menschen … Meine Eltern wären heute um die 80. Aber ich kann nicht sagen, ob sie noch leben bzw. wo und wie sie leben. Und ich kann das eben aus besagten Gründen auch nicht herausfinden. Aber ich sehe keine anderen „Alten“ und ich habe mich kundig gemacht. Die „Alten“ können mit dieser technischen Entwicklung nicht mithalten. (Oh wie leid es mir tut, dass ich kein Verständnis in unseren Tagen für meine Großeltern aufgebracht habe, wenn sie sich keinen Laptop mehr anschaffen wollten!) Die Gesellschaft von 2030 schiebt ihre Alten ab in Heime, denn in ihren Häusern können sie nicht bleiben. Der Kühlschrank füllt sich zwar von allein, aber dennoch sind einige technische Handgriffe notwendig, dass er das tut. Sie liegen in diesen hochtechnisierten Heimen und können quasi nichts tun – gerade wenn sie sich auch dieser Implantat-Chip-Technologie verweigert haben! Denn es wird eben nahezu alles über die implantieren Chips gesteuert – sogar die Türen, deswegen sind die „Alten“ in den Heimen nahezu „eingesperrt“.

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Vielleicht fragt ihr euch jetzt, ob sie nicht ein altes Buch aus Papier lesen könnten? Nun, die Unternehmen haben clever vorgesorgt: Die gedruckten Bücher konnten gegen E-Books eingetauscht werden. Und einen E-Book-Reader konnten die „Alten“ noch bedienen, dass aber die Entwicklung so rapide fortschreiten würde, damit hat niemand gerechnet. 7. BRIEF – 30. AUGUST 2030 Auch wenn mein sechster und vorletzter Brief sehr emotional gewesen sein mag, ich versuche nicht zu werten. War ich zwischendurch begeistert von den Möglichkeiten, die uns diese neuen Medien bieten, bin ich froh, dass der Chip in unserem Heute nicht mehr funktionieren wird. Bevor ich morgen zurück in die bayerische Gegenwart reisen werde, frage ich mich: Was sind Erfindungen wert, wenn sie nicht mehr den Menschen dienen, sondern ihn zum Sklaven machen? In einer Welt, in der man nur richtig dazugehört, wenn man jung und reich ist, will ich nicht leben. Wenn ich morgen in die bayerische Vergangenheit zurückkehre, werde ich nur einen Teil aus der Zukunft mitnehmen – die notwendigen Studien werdet ihr ohnehin an meinem implantierten Chip vornehmen können: Einen Regenschirm. Denn ein Regenschirm war, ist und bleibt ein Regenschirm. Ebenso wie der Mensch immer Mensch war, ist und bleiben sollte, nicht Sklave des Fortschritts. Die Weichen dazu stellen wir hier und jetzt – in der bayerischen Gegenwart. ||| TERESA A. WINDERL, M. A. Historikerin und Journalistin, derzeit Doktorandin an der Universität der Bundeswehr München / Altstipendiatin des journalistischen Förderprogramms und aktuell Promotionsstipendiatin der Hanns-Seidel-Stiftung ANMERKUNG 1

Rosendorfer, Herbert: Briefe in die chinesische Vergangenheit, München, 14. Aufl., 1991, S. 30.

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ÜBERLEGUNGEN ZUR ENTWICKLUNG DES AUTONOMEN AUTOS HENNING ZAMZOW ||| Frei nach Heinz Riesenhuber, dem ehemaligen Minister für Forschung und Technologie, sind es die Überlegungen und Fragen der Jungen, die den Fortschritt maßgeblich mitbestimmen. Mit dem selbstfahrenden Auto wird der technologische Fortschritt einen neuen Maßstab setzen, und doch fehlen bisher notwendige Überlegungen. Der Beitrag geht der Frage nach, warum diese Überlegungen notwendig sind und warum eben wir – die Generation Y – genau die Richtigen dafür sind.

DIE NEUE ALTE REVOLUTION Wir befinden uns mitten in einer Revolution, nein, wir nehmen an ihr Teil und bestimmen sie mit. Es ist eine schleichende, stete Revolution, deren Ende nicht abzusehen und ihr Anfang nicht auszumachen ist. Vielleicht nahm sie ihren Anfang mit dem Faustkeil, vielleicht mit einem Stock, der dem Erlegen von Tieren diente, doch offensichtlich wurde diese Revolution erst, als sich Kutschen zu Eisenbahnen, Telegraphen zu Telefonen, Kerzenlicht zu Glühbirnen entwickelten. Das war die industrielle Revolution, doch ist sie noch nicht vorbei, sondern, im Gegenteil, in vollem Gange; sie ist nur weniger augenscheinlich geworden, sie macht kleinere Schritte, sie hat neue Namen; wir erleben die technologische Revolution oder die „kybernetische Revolution“, wie es in einem 1968 erschienenen

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Artikel in der „Zeit“ heißt.1 Nun sind Eisenbahnen gegen Autos, Telefone gegen persönliche Computer, Glühbirnen gegen LEDDioden eingetauscht. Doch das Ziel bleibt, was es vor 200 Jahren schon war – das alltägliche Leben und die Arbeit des Menschen zu vereinfachen. Aber die aktuellen Erkenntnisse und die daraus entstehende Vielfalt an Möglichkeiten verlangen nach neuen Grenzen, Vorschriften und Bestimmungen, die neuentdeckten Fähigkeiten einordnen und benutzen zu können. Der Mensch wird ein anderes Verständnis für sich und seine Technologien brauchen (müssen), er wird sich eine neue Rechtsprechung überlegen (müssen), um den Umgang mit diesen Technologien regulieren und kontrollieren zu können, und nicht zuletzt wird er sich um ein entsprechendes Moralverständnis, eine Ethik der Technologien, bemühen (müssen). Denn bisher ungeahnt sind die Möglichkeiten, aber auch die Gefahren, die von ihnen ausgehen könnten. „Die [neuen Technologien geben] uns neue Freiheiten und bürde[n] uns zugleich riesige Verantwortung auf, die zum Verlust fast jeglicher Freiheit führen [können], wenn wir nicht entsprechend Vorsorge treffen.“2 DAS AUTONOME AUTO UND EINE NEUE ETHIK DER TECHNOLOGIEN Als eine der größten Errungenschaften der technischen Moderne steht das Automobil für Fortschritt, Mobilität und Individualität – kurz, das Auto ist das Symbol für persönliche, individuelle Freiheit: Der Fortschritt befreit von körperlicher Anstrengung, statt einer langen Wanderung zum Zielort oder dem Stehen in (überfüllten) Bussen und Bahnen sitzt der Autofahrer gemütlich in seinem eigenen Autositz und lässt sich von seiner Maschine transportieren. Dabei entscheidet er frei über sein Ziel, seine Zeit, seine Mitfahrer und über seine Geschwindigkeit. Attraktiv ist das Autofahren, denn schon mit der Wahl seines Fahrzeugs, von sportlich über Klein- und Fami-

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lienwagen bis hin zur klassischen Limousine, allesamt in den verschiedensten Motorisierungen, steht dem geneigten Autokäufer eine schier unüberschaubare Vielfalt an Entscheidungsmöglichkeiten für die Erfüllung seiner Träume auf vier Rädern zur Verfügung. (Von der Auswahl der Lackierung und der Innenausstattung ganz zu schweigen.) Als Statussymbol, Ausdruck von Individualität und Abgrenzung, scheint das Auto mittlerweile ausgedient zu haben, doch noch immer steht es für persönliche Freiheit und Unabhängigkeit. Das eigenständige Lenken, Kuppeln, Schalten und Gasgeben und das unabhängige Mobilsein sind Äußerungen und Lockungen dieses Gefühls der Freiheit, welcher sich zudem die aktuellen Entwicklungen des car sharings bedienen. Dank oder gerade wegen seiner starken Symbolik und deren Bedeutungsfülle wird das Auto ganz automatisch zur perfekten Projektionsfläche, zum Versuchskaninchen der Industrie, um neue technologische Erfindungen und Errungenschaften zu testen und zu präsentieren – ein Schicksal, welches es mit einem anderen, anfänglich für Freiheit und Unabhängigkeit stehenden Objekt teilt, dem Handy. Höher, schneller und weiter scheint den Autobauern der ganzen Welt nicht hoch, schnell und weit genug zu gehen; der nächste Halt wird das autonome Auto sein. Bereits heute werden diese selbstfahrenden „Autonomobile“ auf den Straßen Chinas und Skandinaviens auf ihre Straßentauglichkeit getestet. Bis zum Jahr 2020 sollen sie Realität im Straßenverkehr werden.3 So fantastisch dies auch klingen mag; zwischen all dem Enthusiasmus der Autoindustrie bezüglich der selbstfahrenden Kraftfahrzeuge bietet sich eine kritische Betrachtung dieser Entwicklungen als zu kurz gekommen dar. In seinen Vorträgen über die Technik sagt Martin Heidegger: „Alle bloße Jagd auf die Zukunft, ihr Bild in der Weise zu errechnen, dass man halb gedachtes Gegenwärtiges in das verhüllte Kommende verlängert, bewegt sich selber noch in der Haltung des technisch-rechnenden Vorstellens.“4

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Es ist der Zwang zum Fortschritt der Automobilindustrie, der dieser „Jagd auf die Zukunft“ gleicht und an diesem ohnehin schon angeschlagenen Symbol nagt, denn nahezu zwanghaft schreitet sie voran, ihre Produkte mit immer mehr und noch mehr technologischen Funktionen zu versehen. Das „technisch-rechnende Vorstellen“ lässt jedoch den Menschen als Faktor außen vor; gebaut wird etwas, weil es technisch möglich ist, es zu bauen. Dass in dem Streben, „das verhüllte Kommende“ zu greifen, nur „halb gedachtes Gegenwärtiges“ einfließt, ist nicht weiter verwunderlich, ist doch auch die hier vorgeschlagene Überlegung nur die Äußerung einiger gegenwärtiger Gedanken. Das Problem also ist weniger der Versuch, Gegenwärtiges auf die verborgene Zukunft anzuwenden, sondern, es in sie zu verlängern. Es ist ein Fehler, lediglich die Erkenntnisse, Ideen und Wahrnehmungen auf die Zukunft anwenden zu wollen. Vielleicht ist der Faktor Mensch das fehlerbegehende Übel, aber liegt die Lösung nur in der Entwicklung von noch mehr Technologien als Unterstützung bzw. im Falle des autonomen Autos als Ersatz? Wird der Mensch vielleicht ein wichtigerer Faktor, wenn er zwar am Verkehr teilnimmt, hinter dem Lenkrad, sich aber auf alles konzentriert, nur nicht auf den Verkehr? Oben wurde das Auto als eines der stärksten modernen Symbole für Freiheit skizziert, doch wird es das auch in Zukunft bleiben? Wohl kaum. Schon seit einigen Jahren wandelt sich die Bedeutung des Autos, es steht mittlerweile für technische Errungenschaften des Menschen, und die Einführung eines neuen elektronischen Helfers war und ist immer verbunden mit der Vermittlung von einem Gefühl der Freiheit. Doch Freiheit wovon? Die Servolenkung beispielsweise verringerte seiner Zeit die körperliche Anstrengung beim Lenken und bevorteilte die Reaktionsübertragung in Gefahrensituationen; sie ist eine praktikable Funktion. Ähnlich verhält es sich mit der Einführung der Automatik. Aber wie steht es um die Einparkhilfen, mit ihren Sensoren und neuerdings Kameras; um das Frühwarnsystem, das den Autofahrer auf Fußgänger auf der Fahrbahn

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aufmerksam macht; um Scheinwerfer, die ihre Lichtkegel in eine Kurve schwenken, bevor man hineinfährt? Wovon befreien diese Funktionen? Wenn eben gesagt wurde, dass die Servolenkung von körperlicher Anstrengung befreite, so ließe sich feststellen, dass die neueren Entwicklungen wohl die geistige Anstrengung verringern, das heißt von Konzentration und Aufmerksamkeit befreien. Ist das erstrebenswert? Darüber hinaus wird das eigene Auto gepflegt und gehütet und mit besonderer Sorgfalt wird es im Straßenverkehr manövriert. Sollte es aber in der Zukunft nicht mehr nötig sein, mit Umsicht zu agieren, wird das Auto wohl unweigerlich nur noch als alltäglicher Gebrauchsgegenstand angesehen, und als solcher wird es dann keine besondere Sorgfalt mehr verdienen. „Aber wir hören [...] nicht, wir, denen unter der Herrschaft der Technik Hören und Sehen durch Funk und Film vergeht.“5 Das autonome Auto wird selbstständig beschleunigen, fahren, bremsen und lenken, es wird Hören und Sehen des Autofahrers übernehmen – es wird mit anderen Fahrzeugen kommunizieren und eigene Entscheidungen treffen. Das Auto„fahren“ der Zukunft wird eher einem Akt des Verwaltens gleichen als dem einer aktiven Tätigkeit. Der Auto„fahrer“ der Zukunft wird seine Zeit im Auto gut zu nutzen wissen: eine Zeitung oder ein Buch lesen, Notizen für das bevorstehende Treffen durchgehen oder einen Film, eine Serie oder die Nachrichten auf dem bordeigenen Fernsehgerät ansehen.6 Verlockend, fantastisch und futuristisch mögen diese Technologien anmuten; doch sind sie nicht auch trügerisch? Sind es nicht trügerische Technologien, die dem Menschen das Gefühl von Freiheit vermitteln und ihn gleichermaßen zur Geisel machen? Werden sie nicht den Autofahrer, den Menschen also, entmündigen, indem er ausschließlich in Abhängigkeit von ihnen agieren kann? In dem bereits erwähnten Artikel „An der Schwelle des kybernetischen Jahrhunderts“ in der „Zeit“ aus dem Jahr 1968 stellt Glenn Seaborg drei erdachte Situation vor, die „einige bezeichnende Folgerungen enthalten“ und dem hier Angestrebten sachdienlich sind.

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Zunächst ein Blick auf die erste dieser drei Situationen, die sodann im Folgenden um einige Aspekte erweitert wird: „Situation Nr. 1: Sie sind per Flugzeug auf einer Geschäftsreise. In ihrem Zielort [wollen Sie] einen alten Freund […] besuchen. Im Flughafen mieten Sie einen Wagen oder ein anderes Fortbewegungsmittel. Die Prozedur ist einfach. Sie stecken einen Personalausweis mit Ihrer Bankkontonummer und einen Mikrofilm mit Ihren Fingerabdrücken in einen Schlitz. Die Finger Ihrer freien Hand halten Sie über eine flache, harmlos aussehende Platte. In Sekunden sind Sie als Besitzer des Ausweises identifiziert, und Ihr Kredit ist überprüft worden. Die Schlüssel des Mietwagens werden freigegeben – schon sind Sie unterwegs. […] [D]er Wunsch, Ihren alten Freund wiederzusehen, lässt Sie am Stadtrand die Geschwindigkeitsgrenze überschreiten. Ohne dass Sie es merken, fahren Sie zu schnell. Die Überschreitung wird Ihnen erst bewusst, als Sie nach Hause zurückkehren. Sie erhalten eine Mitteilung, dass Sie eine Strafe zahlen müssen und Ihr Bankkonto schon belastet ist. Wie ist das vor sich gegangen? Es war fast so einfach wie das Mieten des Wagens. Ein unauffälliges Instrument ermittelte Ihre Geschwindigkeit und notierte Ihr Autokennzeichen. Es berichtete die Geschwindigkeitsüberschreitung dem Wagenbesitzer, dessen eigener Computer Ihre Personalien zur Hand hatte und Sie sofort der Polizei ‚verpfiff‘. Der Computer der Obrigkeit vermochte ohne weiteres, Ihr Bankkonto herauszufinden, und der Gerechtigkeit war Genüge getan […].“7 Zwar scheint eine Geschwindigkeitsüberschreitung mit dem autonomen Fahrzeug eher unwahrscheinlich (auch Seaborg stellt die Einführung eines Systems zur Geschwindigkeitsregulierung im weiteren Verlauf dieser Situation in Aussicht), dennoch bietet diese Situation eine gute Grundlage: Aus der Geschwindigkeitsüberschreitung wird ein normaler Autounfall. Zusätzlich zu den Informationen des Personalausweises erhält der Mietwagen, da er nicht nur mit anderen Fahrzeugen kommuniziert, sondern eben auch mit dem Internet und

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dem Handy des Mieters, die Adresse des Freundes und kann diese dem Fahrer bereits als Zielort vorschlagen. Die Fahrt zu dem Freund führt in ein Wohngebiet mit engen Straßen und schwer einsehbaren Kreuzungen; auf einer dieser Kreuzungen kommt es dann zum Unfall. Die Polizei wird automatisch von einem der beteiligten Fahrzeuge verständigt. Auch wenn zurzeit an den rechtlichen Voraussetzungen für die Einführung der autonomen Autos gearbeitet wird, wird die Frage nach der Schuld bei einem solchen Unfall immer eine schwierige bleiben. Wer hat also Schuld?8 Ist es der Autofahrer, der die Funktionen und Fähigkeiten seines „Autonomobils“ gemäß ihrer Intention und ihres Daseinszwecks benutzt? Ist es eine fehlerhafte Programmierung in einem der beiden Fahrzeuge?9 Und wenn, ist diese dann tatsächlich für den Unfall verantwortlich? Ist es der Autobauer oder der Elektriker, der unter Umständen die Kabel falsch verlegte? Oder ist es der Programmierer, der einen falschen Algorithmus installierte? Ist es die Straßenverkehrsordnung, die nicht genügend auf die neue Art und Weise des Autofahrens eingestellt ist? Sind es diejenigen, die sich nur allzu sehr auf technologische Helfer und Funktionen verlassen? Oder sind es eben gerade diejenigen, die sich gar nicht darauf verlassen wollen, während es alle anderen tun? Sind es vielleicht doch alle, die in der Vergangenheit nur „halb gedachtes Gegenwärtiges“ in die Waagschale warfen, in der Hoffnung das „verhüllte Kommende“ zu bewältigen? Die Einführung des autonomen Autos steht mithin nicht nur für Fortschritt und Technik und vielleicht für Freiheit der Technologie, es wird auch ein Sinnbild für die Einschränkungen und Beengung des menschlichen Handelns sein. Das autonome Auto muss ein Symbol für die Verantwortung im Umgang mit neuen Technologien werden. Die Frage wird nicht sein: Wer hat Schuld an diesem Unfall? Die Frage muss lauten: Wie kann die Frage nach der Schuld beantwortet werden? Die richtige Wahrnehmung und Einschätzung von Technologien, das richtige Verhalten mit ihnen muss die Richt-

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schnur spannen, an der die technologischen Entwicklungen sich zu orientieren haben. Eine neue, zeitgemäße Ethik der technologischen Entwicklung muss erarbeitet und verinnerlicht werden.10 Wer, wenn nicht wir, ist prädestiniert dies zu bewerkstelligen? Aber wer sind wir, dass dieses Projekt unseres ist und nur sein kann?

MICHELANGELO, RAFFAEL, DONATELLO, LEONARDO … … noch bevor wir wussten, wer den David gemeißelt, die Sixtinische Madonna gemalt, die Kuppel des Petersdom entworfen oder das erste Fluggerät für Menschen erfunden hatte, kannten wir diese Namen und konnten ihre speziellen Fertigkeiten erklären und zuordnen und ganze Vorträge über ihre Bedeutung für die Welt halten. Noch bevor wir wussten, welchem Beruf wir später einmal nachgehen wollten, sprangen wir als Klempner über Mauern und Schluchten und retteten mehr als nur einmal Prinzessinnen aus gefährlichen Situationen. Noch bevor wir wussten, was heliozentrisch bedeutet und wie unsere Nachbarplaneten heißen, waren wir mit einem haarigen, gefräßigen Außerirdischen befreundet. Wir – das ist die erste Generation, die gleichen Schrittes mit der technologischen Entwicklung heranwächst; intuitiv wuchsen und wachsen wir noch immer in ein Vertrauensverhältnis zu neuen Technologien, immer jedoch mit dem Bewusstsein einer Zeit, in der die Welt und das alltägliche Leben nicht technologisiert waren. Denn wir sind es auch, die zu Schulzeiten noch an Haus- und Wohnungstüren klingelten, um zu fragen, ob dieser oder jener zum spielen kommen darf, ganz ohne Handy. Wir sind es auch, die noch von Lehrerinnen zu Kino und Zoo geschickt worden, um nach Vorstellungen und Öffnungszeiten zu fragen, ganz ohne Internet. Wir sind es auch, die, wenn wir wussten, dass wir eine Sendung im Fernsehen nicht sehen konnten, diese Sendung mit einem VHSRekorder aufnehmen oder warten mussten, bis sie wiederholt wurde, ganz ohne Online-Stream.

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Wir – das wird die letzte Generation sein, die ein Leben ohne Handy und Internet führte, ohne das Gefühl gehabt zu haben, etwas zu verpassen oder zu vermissen. Wir werden die letzten sein, die sich noch unter knackendem Getöse ins World Wide Web einwählen mussten, in der Hoffnung, dass gerade niemand im Haus telefonierte. Daher kann es nur uns obliegen, mit der Einführung des autonomen Autos die Verantwortung, die ein jeder haben wird, auf den Tisch zu bringen; eine Verantwortung des Handelns. Dass dies notwendig sein wird, zeigt die oben dargestellte Situation; das autonome Auto steht exemplarisch für eine übereilte, „halb gedachte“ Technologisierung. Wir werden die Voraussetzungen für einen vernünftigen Umgang mit den Technologien schaffen (müssen), weil wir die Generation sind, in der, mit Blick auf die Technologie, die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft vereint werden. Wir werden das gegenwärtige Bindeglied zwischen der technologischen Vergangenheit und der technologischen Zukunft sein. Denn: „Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht gestalten.“11 ||| HENNING ZAMZOW Student der Politikwissenschaft und der Italianistik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

ANMERKUNGEN 1

Seaborg, Glenn T.: An der Schwelle des kybernetischen Jahrhunderts, in: Die Zeit, 1.3.1968, S. 32, entnommen aus dem Archiv von Zeit online, http://www.zeit.de/1968/09/an-der-schwelle-des-kybernetischen-jahrhunderts; alle zitierten Internetseiten, Stand: 6.11.2014.

2

Ebd.

3

Vgl. Pressemitteilung vom 5.10.2014 beim Autosalon in Paris, http://www.afp. com/de/node/2910036

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4

Heidegger, Martin: Die Technik und die Kehre, Pfullingen 1988, S. 45.

5

Ebd., S. 46.

6

„Die Leute würden es schätzen, in der Zeit etwas anderes machen zu können“, Thierry Le Hay, Innovationsdirektor beim französischen Autobauer PSA Peugeot Citroën, in einer Pressemitteilung vom 5.10.2014 beim Autosalon in Paris, http://www.afp.com/de/node/2910036

7

Seaborg: An der Schwelle des kybernetischen Jahrhunderts. Wenngleich Glenn Seaborg in dieser Situation vornehmlich die Datenerfassung und die mangelnde Möglichkeit einer Rechtfertigung und Überprüfung dieser Abläufe problematisiert, wurde der Artikel für das hier angestrebte Ziel auf einige den Straßenverkehr betreffende Aspekte gekürzt.

8

Vgl. Lin, Patrick: The Robot Car Of Tomorrow May Just Be Programmed To Hit You, in: Wired, 5.6.2014, http://www.wired.com/2014/05/the-robot-car-oftomorrow-might-just-be-programmed-to-hit-you/?mbid=social_twitter

9

Auf diese Frage legt Lins Artikel besonderes Augenmerk und kommt zu einigen sehr interessanten Ansätzen.

10

Vgl. Beuth, Patrick: Wenn Software über Leben und Tod entscheidet, in: Zeit online, 13.5.2014, http://www.zeit.de/digital/internet/2014-05/unfall-fahrerloseautos-ethik

11

Helmut Kohl, Bundeskanzler a. D., 1.6.1995, http://www.helmut-kohl-kas.de/ index.php?menu_sel=15&menu_sel2=213&menu_sel3=122

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Verantwortlich Prof. Dr. Reinhard Meier-Walser Leiter der Akademie für Politik und Zeitgeschehen, Hanns-Seidel-Stiftung, München Herausgeber Prof. Ursula Männle Staatsministerin a.D., Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung, München

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