4 Behinderung - Land Niedersachsen

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4 Behinderung Chancengleichheit besteht nicht darin, dass jeder einen Apfel pflücken darf, sondern dass der Zwerg eine Leiter bekommt. Prof. Dr. Rein...

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Behinderung Chancengleichheit besteht nicht darin, dass jeder einen Apfel pflücken darf, sondern dass der Zwerg eine Leiter bekommt. Prof. Dr. Reinhard Turre, *1941, ehem. Direktor des Diakonischen Werkes in Magdeburg

In Niedersachsen leben rund 1,3 Millionen Menschen, bei denen eine Behinderung festgestellt worden ist. Davon haben 350.000 Menschen einen Grad der Behinderung von 30 oder 40. Bei 650.000 Menschen beträgt der Grad der Behinderung 50 oder höher. Sie gelten als schwerbehindert. Vor dem Hintergrund des in New York am 13.12.2006 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen angenommenen und am 30.03.2007 von der Bundesrepublik unterzeichneten Übereinkommens der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen und des dazu gehörenden Fakultativprotokolls wird der in der Bundesrepublik bereits eingeleitete Paradigmenwechsel in der Behindertenpolitik fortgesetzt. Das Übereinkommen berührt eine Vielzahl von behindertenpolitischen Themen wie beispielsweise Empfehlungen zur „Zugänglichkeit“ (Artikel 9), zur „Persönlichen Mobilität“ (Artikel 10), zum „Zugang zu Informationen“ (Artikel 21) und zur „Teilhabe“ (Artikel 29, 30), die auch in die originären Zuständigkeiten des Landes und der Kommunen fallen. Das folgende Kapitel beschäftigt sich mit Menschen mit Behinderung im Alter sowie mit Menschen mit altersbedingten Behinderungen in Niedersachsen. Die meisten Schwerbehinderungen bestehen im Alter und die Zahl der über 60-Jährigen mit einer angeborenen Behinderung wird in den nächsten Jahren und Jahrzehnten deutlich zunehmen. Warum die Gesellschaft auf die Versorgung dieser „neuen“ Alten noch nicht angemessen vorbereitet ist, wird erörtert. Es folgt die Darstellung von Lebens- und Arbeitsbedingungen älter werdender Menschen mit einer geistigen Behinderung. Ein Beispiel aus der Praxis zeigt eine vorbildliche Vernetzung von Alten- und Behindertenhilfe. Zudem werden folgende Fragestellungen aufgegriffen: Was ist das Persönliche Budget? Warum ist Leichte Sprache für einige Menschen mit Behinderung hilfreich?

Es ist normal, verschieden zu sein – Alt und behindert

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Es ist normal, verschieden zu sein. Es gibt keine Norm für das Menschsein. […] Um die Lage von Menschen mit Behinderung zu erleichtern, müssen Nichtbehinderte ihre Wahrnehmung korrigieren. […]. Richard Karl Freiherr von Weizsäcker, *1920, sechster Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland

Sandra Krenz

Es ist normal, verschieden zu sein – Alt und behindert Vielfalt der Begrifflichkeit und Problematik der Abgrenzung Es gibt nicht „den behinderten Menschen“, da Behinderung in mannigfacher Art und Ausprägung existiert. Menschen mit Behinderung gehören zu einer heterogenen Gruppe in unterschiedlichen Lebenslagen. Behinderung ist vom Kontext gesellschaftlicher Normvorstellungen, von Umweltbarrieren, von der Möglichkeit zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, von Zuschreibungen, Möglichkeiten der Hilfesysteme, der Diagnostik, von Definitionen und von subjektiven Sichtweisen von Individuen abhängig. Es bestehen Abgrenzungsschwierigkeiten zu chronisch kranken oder pflegebedürftigen alten Menschen oder zu Menschen mit länger andauernden psychischen und sozialen Problemen. Wird Behinderung über den Teilhabeaspekt definiert, so liegt eine Behinderung vor, wenn ein Mensch mit einer Schädigung oder Leistungsminderung ungenügend in das vielschichtige Mensch-Umwelt-System integriert ist. Nach dieser Definition ist beispielsweise ein älterer Mensch im Rollstuhl erst dann behindert, wenn er aufgrund mangelnder Barrierefreiheit nicht am Leben in der Gesellschaft teilhaben kann. Alte schwerhörige Menschen gelten nicht als behindert, solange sie mit Unterstützung einer Hörhilfe uneingeschränkte Partizipation erfahren. Nach § 2 Sozialgesetzbuch Neuntes Buch (SGB IX) bedeutet Behinderung, dass die körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit von Menschen mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist. Menschen sind schwerbehindert, wenn bei ihnen ein Grad der Behinderung (GdB) von wenigstens 50 vorliegt. Nach der Konvention der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderung zählen „zu den Menschen mit Behinderung […] Menschen, die langfristige körperliche, seelische, geistige oder Sinnesbeeinträchtigungen haben, welche sie in Wechselwirkung mit verschiedenen Barrieren an der vollen, wirksamen und gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft hindern können“ (BRK 2007, Art. 1, 4). Die Beschreibung von Behinderung erfolgt von der Weltgesundheitsorganisation nach dem biopsycho-sozialen Modell der ICF1 auf drei Ebenen: Körperstrukturen und -funktionen, Aktivitäten und Teilhabe bzw. Partizipation. Es wird davon ausgegangen, dass Möglichkeiten und Grenzen der Partizipation immer auch von Umweltbedingungen und personenbezogenen Faktoren abhängig sind (vgl. Abb. 4.1). Neben Krankheitsund Körperfunktionsdaten sind auch Aktivität und Partizipation zu Abb. 4.1: Wechselwirkungen zwischen den Komponenten der ICF; Quelle: DIMDI/WHO 2005 erfassen und Umweltfaktoren zu berücksichtigen. Die Kontextfak1

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International Classification of Functioning, Disability and Health (Deutsch: Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit).

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toren tragen entschieden dazu bei, ob und in welchem Ausmaß ein Mensch „behindert“ ist. Behinderung ist die Folge einer komplexen Beziehung zwischen dem Gesundheitsproblem eines Menschen, seinen personenbezogenen Faktoren und Bedingungen des Umfeldes. Lebensumstände können hemmen oder fördern. In Wechselwirkung und gegenseitiger Beeinflussung stehen auch die Körperfunktionen bzw. -strukturen und die Aktivitäten. ICF-basierte Modelle betonen das Selbstbestimmungsrecht der Betroffenen und zielen auf Empowerment ab. Es geht nicht um die reine Krankheits- oder Behinderungsbekämpfung, sondern um die Stärkung individueller Ressourcen. Dabei liegt der Fokus auf der subjektiven Bewertung der eigenen Gesundheit und nicht ausschließlich auf einer objektiven und medizinischen Sichtweise.

UN-Behindertenrechtskonvention Seit dem 26. März 2009 ist die UN-Behindertenrechtskonvention (BRK) für Deutschland verbindlich. Ziel ist eine volle und gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen mit sichtbaren und/oder nicht sichtbaren Behinderungen. Gefordert wird eine auf Inklusion ausgerichtete Teilhabepolitik zu betreiben und den Paradigmenwechsel vom medizinischen zum menschenrechtlichen Modell von Behinderung zu vollziehen (Willig et al. 2010). In den letzten Jahren wird zunehmend von Inklusion anstelle von Integration gesprochen. Integration umfasst die Eingliederung in die Gesellschaft, wobei kritisiert wird, dass diese Sichtweise Exklusion voraussetze und von zwei Welten ausgehe: den Menschen mit und den Menschen ohne Behinderung (Theunissen 2009). Dem Begriff Inklusion hingegen liegt das Verständnis zugrunde, dass jeder Mensch das Recht hat, als vollwertiges und gleichberechtigtes Mitglied anerkannt zu werden. Inklusion hat ihren Ursprung in der Nichtdiskriminierung, Selbstbestimmung, Partizipation und Unterstützung sowie in der „Anerkennung der Menschenwürde des Einzelnen, die die Forderung der Gleichbehandlung nach sich zieht“ (Pagel 2009, 7). Die Chancen werden in der Anerkennung von Unterschiedlichkeiten und Wertschätzung der Andersartigkeit im Sinne der „Pädagogik der Vielfalt“ (Prengel 2009, 140) gesehen. Selbstbestimmung wird als Gegenbegriff der Abhängigkeit, Fremdbestimmung und Bevormundung verstanden und bedeutet nicht Selbstständigkeit, sondern trotz Hilfe- und Unterstützungsbedarf Entscheidungen eigenverantwortlich treffen zu können. Die acht Grundsätze gemäß Artikel 3 UN-Behindertenrechtskonvention sind: 1. Die Achtung der dem Menschen innewohnenden Würde, seiner individuellen Autonomie, einschließlich der Freiheit, eigene Entscheidungen zu treffen, sowie seiner Unabhängigkeit [Selbstbestimmung]; 2. die Nichtdiskriminierung; 3. die volle und wirksame Teilhabe an der Gesellschaft und Einbeziehung in die Gesellschaft; 4. die Achtung vor der Unterschiedlichkeit von Menschen mit Behinderungen und die Akzeptanz dieser Menschen als Teil der menschlichen Vielfalt und der Menschheit; 5. die Chancengleichheit; 6. die Zugänglichkeit [Barrierefreiheit2]; 7. die Gleichberechtigung von Mann und Frau; 8. die Achtung vor den sich entwickelnden Fähigkeiten von Kindern mit Behinderungen und die Achtung ihres Rechts auf Wahrung ihrer Identität. „Mit Dir zum Wir“ lautet das Motto für die nationale Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention unter Federführung des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, das derzeit einen Aktionsplan erarbeitet. Die Monitoring-Stelle beim Deutschen Institut für Menschenrechte überwacht die Umsetzung in Deutschland und ist beauftragt, menschenrechtsgestützte Indikatoren zu entwickeln (Willig et al. 2010).

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siehe Schattenübersetzung der Behindertenrechtskonvention auf www.netzwerk-artikel-3.de

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Die Herausforderung des demographischen Wandels Als Ausdruck des demographischen Wandels nimmt nicht nur der Anteil der gesunden Menschen ab 60 Jahren zu. Aufgrund des medizinischen Fortschritts, der verbesserten Versorgungslage sowie förderlicher Lebensbedingungen nähert sich die Lebenserwartung der Frauen und Männer mit Behinderung der der Menschen ohne Behinderung an. Eine Ausnahme davon bilden Menschen mit Trisomie 21 sowie Menschen mit schwerer Körper- und Mehrfachbehinderung. Ihre durchschnittliche Lebenserwartung ist niedriger. Für Menschen mit Behinderung und deren Angehörige stellt der demographische Wandel und die damit einhergehende Alterung der Menschen mit Beeinträchtigung eine Herausforderung dar. Alterungsprozesse treten bei allen Menschen auf, unabhängig davon, ob sie gesund sind, ob sie eine chronische Erkrankung, eine psychische Beeinträchtigung oder eine Behinderung haben. Dabei bedarf es der Unterscheidung individueller Lebensverlaufe von: „„ Menschen mit Behinderung im Alter, „„ Menschen mit alters- oder krankheitsbedingten Behinderungen und „„ Menschen mit einer lebenslangen Behinderung und hinzukommenden alters- oder krankheits-

bedingten Beeinträchtigungen. Menschen mit Behinderung im Alter sind Menschen, die entweder von der Geburt an eine Behinderung aufweisen oder diese in frühen Lebensjahren erworben haben. Es gibt einerseits die Menschen mit einer Behinderung im Alter, die gelernt haben, ihre Beeinträchtigung zu akzeptieren und am gesellschaftlichen Leben selbstbestimmt teilzunehmen, z. B. mit Unterstützung durch Assistenz und mit Hilfe des Persönlichen Budgets. Andererseits gibt es Menschen mit angeborenen oder früh erworbenen Beeinträchtigungen, die aufgrund ungünstiger gesellschaftlicher Rahmenbedingungen und einer früher durch Fürsorge3 geprägten Gesellschaft kaum die Möglichkeit hatten, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Vor allem Menschen mit einer geistigen oder schweren Körper- und Mehrfachbehinderung verbrachten oft das ganze Leben in Einrichtungen der Behindertenhilfe. Diese Menschen heute in ihrer Selbstbestimmung zu stärken, kann zur Verbesserung der Lebensqualität beitragen; dies muss jedoch oftmals erst im Alter erlernt werden. Menschen mit altersbedingten Behinderungen sind Menschen, die aufgrund des Alterungsprozesses (z. B. Erblindung durch Makuladegeneration, Hörverlust, Demenz) oder als Folge von Krankheiten (z. B. Schlaganfall, Diabetes) im Alter eine Behinderung erwerben. Personen mit einer im Alter erworbenen Behinderung, die Selbstständigkeit und Teilhabe in ihrem ganzen Ausmaß kennengelernt haben, können den Unterstützungs- und Hilfebedarf anfangs häufig nur schwer akzeptieren. Aufgrund des Alters fällt es ihnen schwerer, die Nutzung von Hilfsmitteln zu erlernen (z. B. elektronische Sprachausgabegeräte bei Sprachstörungen aufgrund einer nach einem Schlaganfall erworbenen globalen Aphasie) oder sich neue Verhaltensweisen anzueignen. Es ist wichtig, ihnen und ihren Angehörigen zielgruppenspezifische und niedrigschwellige Hilfen anzubieten und durch Hilfsmittel sowie medizinisch-therapeutische Interventionen wie Ergo-, Physio- oder Sprachtherapie ihre Selbstständigkeit und Selbstbestimmung möglichst wieder herzustellen. Bei Menschen mit einer im Alterungsprozess bereits vorhandenen Behinderung können bestimmte Erkrankungen früher auftreten oder schneller voranschreiten. Ältere Menschen mit Trisomie 21 haben ein erhöhtes Risiko zusätzlich durch Demenz beeinträchtigt zu werden (Torr/Davis 2007). Sie sind eher übergewichtig und haben häufiger Bluthochdruck als der Durchschnitt der Bevölkerung (McGuire et al. 2006). Menschen mit einer schweren geistigen Behinderung erleiden im Alter auch häufiger psychische Erkrankungen als andere ältere Menschen. Depressionen, psychische Labilität oder aggressives Verhalten können Reaktionen auf biologische Veränderungsprozesse des Körpers sein, die sie aufgrund ihrer Beeinträchtigung nicht nachvollziehen können. Für Menschen mit einer geistigen Beeinträchtigung ist es wichtig, eine Ärztin oder einen Arzt aufzusuchen mit Kenntnissen der behinderungsspezifischen Risikofaktoren für im Alter auftretende Erkrankungen. Menschen mit schweren Körper- und Mehrfachbehinderungen haben häu3

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Es hat sich ein Paradigmenwechsel von dem Fürsorgemodell hin zu einem Leitbild eines sich selbst bestimmenden und eigenverantwortlich handelnden Menschen mit Behinderung oder chronischer Erkrankung vollzogen.

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fig Sprach- oder Kommunikationsprobleme. Ihnen fällt es schwerer, Schmerzen auszudrücken. Es bedarf mehr Zeit für die Kommunikation und eines sensiblen und auf deren Belange eingehenden Gegenübers. Darüber hinaus haben körperbehinderte Personen aufgrund des zunehmenden Verlusts von Bewegungs- und Betätigungsmöglichkeiten weniger Kompensationsmöglichkeiten und nehmen im Alter die eigene Behinderung schwerwiegender wahr. Der Verlust der Selbstständigkeit wird als besonders gravierend empfunden (Ahlers/Kiy 2008). Im Alter sind geschlechterspezifische Unterschiede zu berücksichtigen, die auch Menschen mit Behinderung betreffen. Hinsichtlich der vielfach konstatierten mehrfachen Diskriminierung von Frauen mit Behinderung besteht Forschungsbedarf. Vor dem Hintergrund der Gesundheitsrisiken im Alter sollten vermehrt Prävention, Gesundheitsförderung und Rehabilitation für ältere Menschen mit Behinderung sowie für Menschen mit altersbedingten Beeinträchtigungen gezielt angeboten werden. Um mehr Gesundheitsbewusstsein zu erlangen, kann die Unterstützung und Anleitung insbesondere bei Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen hilfreich sein. Auch Menschen mit schwerer Behinderung setzen sich gedanklich mit der Gesundheit und dem Alter auseinander. Nach § 31 Sozialgesetzbuch Neuntes Buch gilt Rehabilitation vor Pflege. Das Ziel der Rehabilitation ist es, Menschen mit Behinderung und/oder chronischen Erkrankungen oder von Behinderung bedrohten Menschen die selbstbestimmte und gleichberechtigte Teilhabe am Leben in der Gesellschaft zu gewährleisten. Selbstbestimmung und Teilhabe fungieren als Brücke zwischen Gesundheit und Krankheit bzw. Behinderung. Selbst für das eigene Handeln verantwortlich sein und für die eigene Gesundheit und das eigene Wohlergehen sorgen zu können sind wesentliche Voraussetzungen für Partizipation. Es ist wichtig, Menschen mit Behinderung als Expertin bzw. Experte in eigener Sache zu betrachteten und die Behindertenorganisationen und -verbände in Mitspracheund Entscheidungsprozesse einzubeziehen - gemäß dem Motto: „Nichts über uns ohne uns“. Landes- und bundesweit werden Menschen mit einer Schwerbehinderung statistisch erfasst, d. h. mit einem Grad der Behinderung von mindestens 50 und mit einem gültigen Schwerbehindertenausweis. Vermutlich liegt der wahre Anteil aufgrund nicht beantragter Schwerbehindertenausweise und statistisch nicht erfasster Menschen mit einem Grad der Behinderung von unter 50 deutlich höher. Es fehlen genaue Zahlen, da es in Deutschland seit dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur keine zentrale Erfassung der als behindert klassifizierten Menschen mehr gibt. Von der Einteilung nach „Grad“, „Art“ und „Ursachen“ von Behinderung in der Schwerbehindertenstatistik kann nicht auf den individuellen Hilfebedarf und die gesellschaftliche Teilhabe des Individuums geschlossen werden.4 Gefordert wird der Einsatz von menschenrechtsgestützten Indikatoren (Willig et al. 2010), die die Situation von Menschen mit Behinderung und deren Partizipation einbeziehen. Die Expertise unabhängiger Wissenschaftler soll die Datenlage deutlich verbessern und durch fest definierte Indikatoren die Vergleichbarkeit der Ergebnisse sicherstellen (BMAS 2010). Nach Schätzungen der Landesregierung gibt es in Niedersachsen 16 % Menschen mit einer Behinderung, sofern auch der Grad der Behinderung unter 50 hinzugezählt wird. Wie der Landesbetrieb für Statistik und Kommunikationstechnologie Niedersachsen (LSKN) mitteilt, lebten Ende 2009 in Niedersachsen 688.337 Menschen mit einer Schwerbehinderung, davon waren rund 48 % Frauen und 53 % Männer. Dies entspricht ca. 8,7 % der niedersächsischen Bevölkerung. Fast jeder zwölfte Mensch in Niedersachsen besitzt einen gültigen Schwerbehindertenausweis. Im Vergleich zur letzten Erhebung im Jahr 2007 hat sich die Zahl um rund 47.000 Menschen erhöht (2007: 8,0 % Menschen mit Schwerbehinderung in Niedersachsen). Im Jahr 2007 gab es auf Bundesebene ca. 6,9 Millionen Menschen mit einer Schwerbehinderung (8,4 %). Mit 123 schwerbehinderten Menschen je 1.000 Einwohnerinnen bzw. Einwohner weist die Stadt Wilhelmshaven anteilmäßig die meisten Menschen mit Schwerbehinderung unter den niedersächsischen Landkreisen und kreis-

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Bei der Feststellung der Schwerbehinderung geht es um die Funktionsfähigkeit nicht um die Teilhabe, welches sich aus der Geschichte der Schwerbehindertenstatistik erklären lässt, die aus den Nachteilsausgleichen für Kriegsbeschädigte hervorging.

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freien Städten auf. Die geringste Quote verzeichnet der Landkreis Vechta mit 63 Fällen je 1.000 Einwohnerinnen bzw. Einwohner. Die meisten Schwerbehinderungen bestehen bei Personen in fortgeschrittenem Alter. Männer beantragen häufiger einen Schwerbehindertenausweis als Frauen, da diese meist noch erwerbstätig sind und somit eher von den Rechten und Nachteilsausgleichen profitieren, die Menschen mit einer Behinderung per Gesetz zustehen, etwa Kündigungsschutz, Anspruch auf Zusatzurlaub, Vergünstigungen bei der Einkommenssteuer oder auch Freifahrt im öffentlichen Nahverkehr. Zudem können Menschen mit einem GdB von wenigstens 50 vorzeitig Altersrente beantragen. Wer nicht erwerbstätig ist, hat weniger Vorteile durch die offizielle Anerkennung als schwerbehinderte Person. Die Ergebnisse des Mikrozensus zeigen, dass Menschen mit Behinderung früher aus dem Erwerbsleben ausscheiden als Menschen ohne Beeinträchtigung. Die Quote der Erwerbstätigen der als „behindert“ registrierten Personen (GdB 20 bis 100) ist niedriger als die der Gesamtbevölkerung. Mit 55 bis 60 Jahren sind 50 % und mit Anfang 60 Jahren nur noch 20 % berufstätig oder arbeitsuchend. In der übrigen Bevölkerung sind es hingegen mit 55 bis 60 Jahren knapp 80 %, mit 60 Jahren mehr als 30 % (Köhncke 2009). Wegen der höheren Lebenserwartung von Frauen gibt es mehr gültige Schwerbehindertenausweise bei Frauen im hochbetagten Alter. Bei der Betrachtung des Anteils von Menschen mit einer Schwerbehinderung wird deutlich, dass im hochbetagten Alter von 80 Jahren und älter über 40 % der Männer und fast jede dritte Frau eine Schwerbehinderung aufweist (vgl. Abb. 4.2). Eine Pflegebedürftigkeit im Alter geht allerdings nicht zwangsläufig mit der Beantragung des Schwerbehindertenausweises einher, weshalb von einer höheren Zahl von Menschen mit Schwerbehinderung im Alter ausgegangen werden kann. Demgegenüber ist ein Mensch mit einer amtlich anerkannten Schwerbehinderung nicht unbedingt pflege- und/oder hilfebedürftig. Menschen mit Behinderung können sich einer guten subjektiven Gesundheit erfreuen. Im Mikrozensus 2005 gab nur ein Viertel der Befragten mit Behinderung an, Hilfe bei den Aktivitäten des täglichen Lebens zu benötigen (Pfaff et al. 2006). Dies sind überwiegend alte Menschen, die Hilfe bei der Hauswirtschaft, Mobilität, Körperpflege oder Ernährung in Anspruch nehmen. Hier bestehen Überschneidungen mit dem sozialrechtlichen Begriff von Pflegebedarf und der Anerkennung von Pflegestufen. Die Anzahl der nichterfassten Menschen, die von Angehörigen überwiegend zu Hause gepflegt werden und eine Behinderung aufweisen, wird als erheblich eingeschätzt.

Abb. 4.2: Anteil der Menschen mit Schwerbehinderung an der Gesamtbevölkerung Niedersachsens, Stand: 31.12.2009; Quelle: eigene Berechnungen nach Daten des LSKN

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Ferner zeigt die niedersächsische Schwerbehindertenstatistik, dass bei ca. 93 % der Frauen und rund 90 % der Männer Schwerbehinderungen im Alter von 60 Jahren und älter Folge einer Krankheit sind (vgl. Abb. 4.3). Im Alter wächst das Risiko für chronische Erkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Krebserkrankungen oder Diabetes und damit die Wahrscheinlichkeit als Folge dieser Erkrankung eine Behinderung zu erwerben. Von Arbeits-, Verkehrs-, häuslichem oder sonstigem Unfall, der mit einer Schwerbehinderung einhergeht, sind nur rund 0,7 % der Frauen und 2,7 % der Männer betroffen. Das Verhältnis von bewilligten Renten zu Meldungen im Jahr dient als Indikator für die Schwere des Unfalls. Männer sind häufiger als Frauen in Branchen mit hohen Arbeitsunfallrisiken tätig. Demzufolge sind sie einem höheren Risiko ausgesetzt, einen (Arbeits-) Unfall mit dem Folgeschaden einer Schwerbehinderung zu erleiden. Zu berücksichtigen ist ferner, dass aufgrund des höheren Anteils von Teilzeitbeschäftigung Frauen ein geringeres Unfallrisiko haben und Männer häufiger – insbesondere im Alter – erwerbstätig sind (Seidel et al. 2007).

Abb. 4.3: Ursachen von Schwerbehinderung im Alter 60+ in Niedersachen, Stand: 31.12.2009; Quelle: eigene Berechnungen nach Daten des LSKN

Ende 2009 war rund jeder dritte Mann (33 %) und fast jede vierte Frau (23 %) der über 60Jährigen mit einer Schwerbehinderung von einer eingeschränkten Organfunktion als einzige oder schwerste Behinderungsart betroffen. Funktionseinschränkungen der Wirbelsäule und des Rumpfes sowie von Gliedmaßen sind weitere häufige Beeinträchtigungen. Rund ein Viertel der Menschen mit einer Schwerbehinderung ab 60 Jahren weist einen GdB von 100 auf (rund 25,2 % der Frauen und 21,7 % der Männer). Ein Drittel der Männer (30,2 %) und 25,2 % der Frauen verfügen in diesem Alter über die niedrigste erfasste Beeinträchtigungsstufe mit einem GdB von 50. Die Feststellung einer Behinderung durch das niedersächsische Landesamt für Soziales, Jugend und Familie wird erst beim Vorliegen eines GdB von mindestens 20 getroffen. Zum 31.12.2009 gab es rund 279.857 Menschen mit 60 Jahren und älter5 mit einem GdB von 20 (22,4 %), 30 (45,4 %), und 40 (32,2 %). Mehr als die Hälfte der Menschen mit einer Schwerbehinderung im Alter 60+ (55,3 %; davon 50,2 % Männer und 49,8 % Frauen) haben mehr als eine Behinderung. Dies kann z. B. auf die Multimorbidität im Alter zurückgeführt werden, d. h. die Wahrscheinlichkeit an mehreren chronischen Erkrankungen und Behinderungen zu leiden steigt mit zunehmendem Alter. Wird ein Vergleich des Anteils von Menschen mit Behinderung im Alter an der niedersächsischen Gesamtbevölkerung im Längsschnitt der Jahre 1989 bis 2009 aufgeführt, so zeigt sich sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen im hochbetagten Alter eine Zunahme von Schwerbehinderungen (vgl. Abb. 4.4)6. Der Anteil der 60- bis 79-Jährigen mit einer Schwerbehinderung war bei den Frauen während der letzten zehn Jahre relativ konstant, der Anteil der Männer dieses Alters mit einem Schwerbehindertenausweis verringerte sich leicht. Es stellt sich die Frage, ob dies als Beleg für die Kompressionshypothese gewertet werden kann. In der Public Health-Forschung wird von einer Kompression der Morbidität, also einer Zunahme der Lebenserwartung in Gesundheit, ausgegangen. Chronische Erkrankungen und Behinderungen werden als Folge dessen in ein im-

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Abb. 4.4: Anteil der Menschen mit einer Schwerbehinderung an der Gesamtbevölkerung nach Altersgruppen im Zeitvergleich, Niedersachsen 1989 – 2009; Quelle: eigene Berechnungen nach Daten des LSKN

mer höheres Alter zurückgedrängt, zumal sie durch primäre und sekundäre Prävention verhindert oder immer weiter hinausgezögert werden können. Die gesunden Jahre nehmen aufgrund des demographischen Wandels zu und das Leben wird überwiegend in den letzten Jahren vor dem Tod von Krankheit und/oder Behinderung bestimmt (Kroll/Ziese 2009). Ob die Kompressionshypothese der Interpretation zugrunde gelegt werden kann, bedarf weiterer Forschung. Aktuell haben weniger als 1 % der 60-jährigen und älteren Menschen mit einer Schwerbehinderung in Niedersachsen (0,86 % der Frauen und 0,79 % der Männer) eine angeborene amtlich anerkannte Schwerbehinderung (vgl. Abb. 4.3). Ein großer Teil der Menschen mit einer angeborenen Behinderung haben eine geistige Behinderung, diese gehören zu den häufigsten Beeinträchtigungen, denen ein GdB 100 zugewiesen wird. Die Gruppe von Menschen mit einer angeborenen Behinderung erreicht aufgrund der deutschen Historie sowie des medizinischen Fortschritts in Deutschland und damit auch in Niedersachsen erstmals das Pensionsalter. Bei den derzeit statistisch erfassten 24.153 in Niedersachsen lebenden Menschen mit einer angeborenen Behinderung ist die unterschiedliche Verteilung nach Altersgruppen auffällig (vgl. Abb. 4.5). Der Schwerbehindertenausweis wird überwiegend erst im Laufe des Lebens beantragt, da vielfach eine eindeutige Diagnosestellung im jungen Alter noch nicht möglich ist und sich für Kinder aus der amtlichen Anerkennung keine Vorteile ergeben. Deshalb treten angeborene Beeinträchtigungen in der Statistik mehrheitlich erst im Erwachsenenalter auf, obwohl sie sich schon in der Kindheit gezeigt haben und lediglich noch nicht statistisch erfasst wurden. Die Zahl der über 60-Jährigen mit einer angeborenen Behinderung wird in den nächsten Jahren und Jahrzehnten deutlich zunehmen (Haveman/Stöppler 2004). Die Gesellschaft ist auf die Versorgung dieser „neuen“ Alten jedoch noch nicht angemessen vorbereitet.

Zahlen zum Geschlechterverhältnis liegen nicht vor. Die Gesamtszahl hat sich nach der Verarbeitung der Abgleichsrückmeldungen der Einwohnermeldeämter im Februar 2002 gesenkt.

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Abb. 4.5: Menschen mit einer angeborenen Schwerbehinderung in Niedersachsen nach Alter und Geschlecht, Stand: 31.12.2009; Quelle: eigene Berechnungen nach Daten des LSKN

Mit den alternden Menschen mit Behinderung werden auch deren Eltern alt und ihr Risiko, chronisch zu erkanken, pflegebedürftig zu werden und/oder selbst eine Behinderung zu erwerben, steigt. Sie können ihr „Kind“ dann nicht mehr umfassend unterstützen und sind selbst auf dessen Unterstützung oder auf professionelle Hilfe angewiesen. Der Verbleib der Menschen insbesondere mit schweren Körper- und Mehrfachbehinderungen im Alter ist unklar. Wohnformen im Alter im Sinne der Inklusion wären ein selbstverständliches Miteinander von Menschen mit und ohne Beeinträchtigung in der Nachbarschaft, was in den bestehenden Strukturen bisher nur einem kleinen Teil der Bevölkerung möglich ist, z. B. mit Hilfe ambulanter Pflege, pädagogischer Begleitung oder durch betreutes Wohnen. Es bedarf auch einer Beachtung von älteren Männern und Frauen mit einer Behinderung und gleichzeitigem Migrationshintergrund. Es ist nicht üblich, Migrantinnen und Migranten unter dem Aspekt einer Behinderung oder chronischen Erkrankung zu betrachten. Es gibt dafür keine validen Zahlen. Migrantinnen und Migranten mit Behinderung sowie ihre Angehörigen verfügen häufiger über unzureichende Informationen über Versorgungs-, Unterstützungs- und Hilfsmöglichkeiten, was zum einen mit den fehlenden Sprachkenntnissen, aber zum anderen auch mit fehlendem Informations- und Aufklärungsmaterial (nicht nur in der jeweiligen Fremdsprache) zusammenhängt.

Von der Fürsorge zur Selbstbestimmung Während früher eine starke Defizitorientierung vorherrschte, betonen Behindertenorganisationen und -verbände, Gesellschaft und Politik heute Teilhabe und Selbstbestimmung sowie das Recht auf Inklusion. Gefordert wird ein Paradigmenwechsel vom medizinischen zum menschenrechtlichen Modell von Behinderung. Eine inklusive Sichtweise ist nicht nur für die 8,7 % der niedersächsischen Menschen mit einer Schwerbehinderung, sondern für alle Menschen hilfreich mit dem Ziel ein möglichst selbstbestimmtes Leben trotz etwaigem Hilfe- und Unterstützungsbedarf zu führen. Behinderung im Alter bedarf einer themen- und ressortübergreifenden Bearbeitung, da Inklusion bzw. die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe darstellt, die alle Lebensbereiche und Lebensphasen von Menschen mit und ohne Behinderung betrifft. Um dem Ziel der Inklusion näher zu kommen, ist es wichtig, Begegnungen von Menschen mit Behinderung im Alter, von Menschen mit altersbedingten Behinderungen und von Menschen ohne Behinderung im Alltag zu ermöglichen und kommunale nachbarschaftliche Netzwerke zu etablieren. Selbstverständliche Begegnungen sind dann möglich, wenn sich die Gesellschaft für Menschen mit Behinderung stärker öffnet. In einer Gesellschaft mit immer mehr älteren Menschen ist ein auf bürgerschaftlichem Engagement, Solidarität und Offenheit beruhendes Miteinander

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Das Persönliche Budget Gerhard Masurek Alle behinderten Menschen haben, sofern sie Ansprüche auf Teilhabeleistungen (Rehabilitationsleistungen) im Rahmen des Sozialgesetzbuchs Neuntes Buch (SGB IX) haben, die Möglichkeit, diese auch in Form eine Persönlichen Budgets bewilligt zu bekommen. Das Persönliche Budget ist eine alternative Leistungsform zu Sach- und Dienstleistungen zur Teilhabe, bei dem das Wunsch- und Wahlrecht der Menschen mit Behinderung im Vordergrund stehen. Mit der Verabschiedung des SGB IX im Jahre 2001 wurden Persönliche Budgets zunächst als eine hinsichtlich der Gewährung im Ermessen des Rehabilitationsträgers stehende Leistungsform eingeführt. Die Konkretisierung des § 17 SGB IX und die Einführung der Budgetverordnung im Jahre 2004 wurden flankiert durch wissenschaftliche Begleitung in acht Modellregionen in Deutschland erprobt. Nach Abschluss dieser Modellphase besteht seit dem 01.01.2008 ein Rechtsanspruch auf die Ausführung von Rehabilitationsleistungen in der neuen Leistungsform des Persönlichen Budgets. Persönliche Budgets können von den Rehabilitationsträgern, den Pflegekassen und den Integrationsämtern erbracht werden. Als Rehabilitationsträger kommen neben den Sozialhilfeträgern auch die Krankenkassen und die Rentenversicherungsträger in Betracht. Das Persönliche Budget löst das bisherige Dreieck zwischen Leistungsträger, Leistungsempfängerinnen und -empfängern und Leistungserbringer auf. Die Menschen mit Behinderung können von den Rehabilitationsträgern ein Budget in Form von Geld oder Gutscheinen erhalten und sich selbst die Leistungen einkaufen, die zur Deckung ihres persönlichen Hilfebedarfs erforderlich sind wie zum Beispiel Assistenz (z. B. Assistenz im Haushalt, bei der Körperpflege, bei der täglichen Versorgung, Arbeitsassistenz oder Fahrdienste und Begleitung in der Freizeit). Damit werden die Menschen mit Behinderung selbst Kundinnen und Kunden oder zu Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern. Sie können selbstbestimmt entscheiden, welcher Dienst und welche Person zu dem von ihnen gewünschten Zeitpunkt eine Leistung erbringen soll. Das Persönliche Budget ist vom Gesetzgeber ausdrücklich als Instrument zur Stärkung des Selbstbestimmungsrechtes behinderter Menschen eingeführt worden. Sie sollen mit dem Budget als Marktnachfrager in die Lage versetzt werden, zwischen verschiedenen Leistungsanbietern auszuwählen. Auf der Abschlussveranstaltung im März 2006 zum niedersächsischen Modellvorhaben, das neben dem Bundesmodellprojekt durchgeführt wurde, haben Budgetnehmerinnen und Budgetnehmer ausdrücklich begrüßt, dass sie sich nunmehr in die Lage versetzt fühlten, mit den Anbietern von Hilfen auf Augenhöhe verhandeln zu können. Die bisherigen Modellprojekte haben gezeigt, dass mit einer Bewilligung eines Persönlichen Budgets die Budgetnehmerinnen und Budgetnehmer in ihrer Selbstbestimmung gestärkt werden. Die damit neu gewonnene Eigenverantwortlichkeit zur Sicherstellung des eigenen Hilfebedarfs gilt es mit umfassenden Beratungen seitens der beteiligten Leistungsträger zu unterstützen. Nur mit einer Gesamtberatung kann sichergestellt werden, dass das Selbstbestimmungsrecht der Budgetnehmerinnen und Budgetnehmer nicht eingeengt wird. Nähere Auskünfte und Beratung geben die „Gemeinsamen Servicestellen“ oder die Rehabilitationsträger unmittelbar. Hier kann auch der Antrag auf Leistungen in Form des Persönlichen Budgets gestellt werden.

hilfreich. Zudem bedarf es einer frühzeitigen (vorschulischen und schulischen) Inklusion von Kindern mit angeborenen oder früh erworbenen Beeinträchtigungen (gemäß Artikel 24 der BRK), sodass ein gemeinsames Miteinander von Anfang an selbstverständlich wird. Zu berücksichtigen sind hier Rahmenbedingungen und Voraussetzungen wie ein interdisziplinäres Team (Krenz/Walter 2010). Nicht behindert zu sein ist wahrlich kein Verdienst, sondern ein Geschenk, das jedem von uns jederzeit genommen werden kann. Richard Karl Freiherr von Weizsäcker, *1920, sechster Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland

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Es ist normal, verschieden zu sein – Alt und behindert

Eine Auswahl an Behindertenorganisationen und -verbänden in Niedersachsen sowie deren Kontaktadressen sind in der Online-Publikation unter www.nlga.niedersachsen.de abzurufen.

Vertiefende Literatur HAVEMAN, M./STÖPPLER, R. 2004: Altern mit geistiger Behinderung. Stuttgart: Kohlhammer KÖHNCKE, Y. 2009: Alt und behindert. Wie sich der demographische Wandel auf das Leben von Menschen mit Behinderung auswirkt. Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (Hg.), Berlin, www.berlin-institut.org/ fileadmin/user_upload/Alt_behindert/Alt_und_behindert_online.pdf, Stand: 12/2010 THEUNISSEN, G. 2009: Empowerment und Inklusion behinderter Menschen. Eine Einführung in Heilpädagogik und Soziale Arbeit. Freiburg im Breisgau: Lambertus-Verlag TORR, J./DAVIS, R. 2007: Ageing and mental health problems in people with intellectual disability. In: Current Opinion in Psychiatry, 20, 5, 467 - 471 UN-BEHINDERTENRECHTSKONVENTION 2007: Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderung (amtliche gemeinsame Übersetzung von Deutschland, Liechtenstein, Österreich und der Schweiz; Originaldokument in englischer Sprache; Originaldokument in französischer Sprache sowie deutsche Übersetzung in Leichter Sprache), www.bmas.de/portal/41694/property=pdf/a729__un__konvention.pdf, Stand: 10/2010. WILLIG, M./RAMM, D./GROSKREUTZ, H. 2010: „Die Wirkung der Behindertenrechtskonvention auf die Rehabilitation in Deutschland – Impulse und Perspektiven.“ Tagung des NETZWERK ARTIKEL 3 e. V., der AG Recht und Politik der Rehabilitation der Deutschen Gesellschaft für Rehabilitationswissenschaften und des Instituts Mensch, Ethik, Wissenschaft vom 14. - 15.1.2010 in Berlin. In: Die Rehabilitation, 49, 259 – 265

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Leichte Sprache hilft denen, die sie benötigen Karl Finke Ausgehend von Menschen mit sogenannter geistiger Behinderung, die nicht länger zulassen wollten, dass auf Tagungen zwar über sie gesprochen wurde, aber sie nichts verstanden, hat sich die Leichte Sprache etabliert. Leichte Sprache ist für Menschen mit Behinderung notwendig. Sie ist genauso hilfreich für Menschen, die die deutsche Sprache nur unvollständig erlernt haben und sie ist hilfreich für Menschen mit Migrationshintergrund, die noch dabei sind, die deutsche Sprache zu erlernen. Sie ist auch für Seniorinnen und Senioren hilfreich. Dabei geht es keineswegs darum, diesen zu unterstellen, dass sie Texte in Schwerer Sprache, so wird die nicht Leichte Sprache genannt, nicht verstehen. Der größte Teil der Seniorinnen und Senioren kann dies und tut es mit viel Freude und Muße. Aber es gibt darunter auch Menschen, die aufgrund behinderungsbedingter Einschränkungen, Konzentrationsschwächen oder aufgrund nachlassenden Augenlichtes nicht mehr ohne Weiteres Texte in normaler Schrift und schwerer Sprache lesen und verstehen können. Unsere Gesellschaft ist äußerst komplex und differenziert geworden. Dies drückt sich auch in Sprache aus. So hat jede Berufsgruppe, z. B. Pflegerinnen und Pfleger oder Lehrerinnen und Lehrer ihre eigene Sprache. D. h., bestimmte Worte haben unterschiedliche Bedeutungen, was ihr Verständnis erschwert. Insbesondere juristische Texte oder Veröffentlichungen von Verwaltungen, Versicherungsverträge und Kaufverträge sind mittlerweile dermaßen kompliziert formuliert, dass sie nur noch schwer zu verstehen sind. Auch deshalb setzt sich die Leichte Sprache zunehmend durch. Sie versucht in einfachen, klar strukturierten Sätzen, nebensatzlos Inhalte darzustellen. Dabei werden Fremdwörter oder Fachbegriffe vermieden oder durch allgemein verständliche Begriffe ersetzt. Ist dies nicht möglich, muss der Sachverhalt umschrieben werden. Dann wird aus dem „Rollator“ eben „ein Wagen, auf den sich Menschen mit einer Gehbehinderungen stützen können, ein Rollator wird von einer Person geschoben“. Allerdings verpflichtet dies dazu, sorgfältig mit Leichter Sprache umzugehen. Die manchmal festzustellende Tendenz, Leichte Sprache mit unangemessener „Babysprache“ zu verwechseln, die Tendenz, wesentliche Inhalte einfach nicht mit zu erfassen, ist nicht zulässig. Es wird darauf hinaus laufen, dass in Zukunft Qualitätsstandards für Leichte Sprache entwickelt werden. Dazu gehört z. B. zu benennen, dass Texte in Leichter Sprache immer nur eine Zusammenfassung, aber nie eine sinngleiche Übersetzung sein können. Wenn dies beachtet wird, dann kann Leichte Sprache für älter werdende Menschen genau so eine Hilfe sein wie die zunehmend anzutreffenden Lupen in Lebensmittelläden. Und genau wie den Kundinnen und Kunden der Supermärkte frei gestellt ist, ob sie die Lupe benutzen oder nicht, können die älteren Menschen entscheiden, ob sie die Texte in Leichter oder in Schwerer Sprache lesen wollen.

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Älter werden mit geistiger Behinderung

4.2

Bettina Lindmeier

Vor dem Alter sind nicht alle gleich – Älter werden mit geistiger Behinderung Menschen mit geistiger Behinderung im Alter Menschen mit geistiger Behinderung erleben im Alter Ähnliches wie alle Menschen: das Ausscheiden aus dem Beruf - in der Regel einer Tätigkeit in der Werkstatt für behinderte Menschen -, den Verlust von Angehörigen und Freunden, altersbedingte Krankheiten und nachlassende Kräfte. Ihre biographischen Erfahrungen unterschieden sich aber stark von denen anderer Menschen ihrer Generation, ebenso wie von den Erfahrungen jüngerer Menschen mit geistiger Behinderung. In geringerem Umfang als alte Menschen ohne Behinderung leben sie in einer Partnerschaft, da Eltern und Wohneinrichtungen bis in die 1980er Jahre Partnerschaften oft verhinderten, beispielsweise durch geschlechtergetrennte Wohngruppen und Mehrbettzimmer in Heimen oder durch ‚Besuchsverbote’ der Partnerin bzw. des Partners. Noch seltener sind eigene Kinder und Enkelkinder; Schwangerschaften wurden bis zur Reform des Betreuungsrechts 1992 meist durch Sterilisation verhindert. Auch die Entwicklung von Hobbys war für diese Generation, die größtenteils noch nicht zur Schule gehen konnte und für die erst spät in ihrem Leben Möglichkeiten der Freizeitgestaltung eröffnet wurden, zunächst stark eingeschränkt. Die Tätigkeit in einer Werkstatt für behinderte Menschen, die ebenfalls erst seit den 1970er Jahren eröffnet wurde, bietet keine Möglichkeit der wirtschaftlichen Existenzsicherung, sondern macht ergänzende staatliche Transferleistungen notwendig. Dennoch stellt diese Tätigkeit für viele, insbesondere ältere Menschen mit geistiger Behinderung, ihren Lebensmittelpunkt dar, da sie dort Anerkennung erfahren und soziale Kontakte pflegen können. Die Veränderungen der letzten 25 Jahre in Wohneinrichtungen, insbesondere in gemeindenahen Wohnheimen, Wohngruppen und im ambulant betreuten Wohnen, haben die Lebenssituation älterer Menschen mit geistiger Behinderung stark verbessert: eine grundsätzliche Ausrichtung am Prinzip der Selbstbestimmung, flexiblere Möglichkeiten der Gestaltung des Tages, Unterstützung bei der Entwicklung von Interessen, Freizeitaktivitäten und Kontaktpflege gehören heute zum Alltag. Hinsichtlich der biologischen Veränderungen im Alter verläuft der Alterungsprozess bei vielen Menschen mit geistiger Behinderung ähnlich wie bei alten Menschen ohne Behinderung; Menschen mit Down-Syndrom altern allerdings deutlich früher und entwickeln wesentlich häufiger eine demenzielle Erkrankung. Dementsprechend standen in der Wahrnehmung dieser Personengruppe lange Zeit ihre Defizite und altersbedingte Abbauprozesse im Mittelpunkt. Dies ist jedoch unangemessen, da weitere Faktoren den Alterungsprozess beeinflussen. Menschen mit geistiger Behinderung stehen daher ebenso wie alle anderen alternden Menschen vor der Aufgabe, die biologischen und sozialen Veränderungen im Alter zu bewältigen. Sie müssen diese Aufgabe allerdings unter erschwerten Bedingungen leisten. Menschen mit geistiger Behinderung muss die Kompetenz zur Bewältigung dieser Veränderungen grundsätzlich zugetraut werden. Sie benötigen in höherem Maße als andere Bevölkerungsgruppen Unterstützung bei der Entwicklung neuer Aktivitäten, bei der Entwicklung von Strategien zum Umgang mit altersbedingten Einschränkungen, Krankheiten und Verlusterlebnissen. Durch die Gestaltung der Umwelt lässt sich Kompetenzerwerb und -erhalt unterstützen; das bedeutet allerdings nicht, Menschen bis ins hohe Alter zu fördern, sondern sie in ihren eigenen Anstrengungen zur Bearbeitung altersbedingter Veränderungen zu unterstützen. Obwohl das Aufrechterhalten sozialer Rollen und gewohnter Aktivitäten grundsätzlich zu einem hohen Wohlbefinden beiträgt, muss auch ein sinnvoller Umgang mit einem möglicherweise erhöhtem Rückzugs- und Ruhebedürfnis gefunden werden. Menschen mit geistiger Behinderung

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Älter werden mit geistiger Behinderung

benötigen daher geeignete Angebote zur Unterstützung des Übergangs in den Ruhestand als auch zur Gestaltung des Ruhestands. Die Beschäftigten gehen überwiegend gern zur Arbeit und schätzen neben der Anerkennung für ihre Tätigkeit auch die sozialen Kontakte und arbeitsbegleitenden Maßnahmen (vgl. zusammenfassend Lindmeier 2010). Die Werkstätten reagieren auf altersbedingten Abbau mit sehr unterschiedlichen Angeboten: das Angebot von Teilzeitbeschäftigung, die Möglichkeit individueller Pausen, frühere Verrentung, Anpassung des Arbeitsplatzes sind hier zu nennen; es gibt allerdings noch kaum empirische Forschung zum Umfang und der Angemessenheit dieser Angebote. Viele Werkstätten bieten Angebote zur Vorbereitung auf den Ruhestand an, und mancherorts gibt es Seniorengruppen, die den Übergang erleichtern sollen. Für Senioren, die nicht mehr in einer Werkstatt beschäftigt sind, sind vielerorts tagesstrukturierende Angebote eingerichtet worden. Sie bieten die Möglichkeit zum sozialen Austausch, selbst gewählten Beschäftigungsmöglichkeiten und organisierten Freizeitangeboten, in der Regel können auch Frühstück und Mittagessen vereinbart werden. Die Finanzierung der Angebote für Menschen über 60 Jahren liegt in Niedersachsen beim örtlichen Sozialleistungsträger, sodass, mit Ausnahme von vorgealterten Menschen, in der Regel mit Down-Syndrom, die Zuständigkeit für die Finanzierung dieser Seniorentagesbetreuung bei den Kommunen liegt. Dies führt zu sehr unterschiedlichen regionalen Regelungen, wodurch aus der Sicht der Träger der freien Wohlfahrtspflege der Ausbau der Angebote erschwert wird. Aus der Sicht der Forschung ist der Zugriff auf statistische Daten erschwert, mehr noch die Einschätzung der Qualität der Angebote und ihre Vergleichbarkeit. Die folgenden Kriterien gelten als Qualitätsmerkmale von Angeboten (Lebenshilfe 2008, 10): „„ Erhaltung der größtmöglichen Selbstständigkeit und Selbstbestimmung, „„ Möglichkeiten, eigene Interessen wahrzunehmen, „„ Möglichkeit, mitmenschliche Beziehungen leben zu können, „„ Erhaltung der Privatsphäre und Berücksichtigung des Ruhe- und Rückzugsbedürfnisses, „„ Möglichkeit, sinnvolle Tätigkeit ausüben zu können, „„ Möglichkeit, am kulturellen Leben teilhaben zu können, „„ Möglichkeit sich weiterbilden zu können.

Dazu gehört auch die Nutzung von Freizeiteinrichtungen und kulturellen Angeboten der Gemeinde und andere von den Nutzerinnen und Nutzern gewünschte Tätigkeiten; ebenfalls die vom niedersächsischen Landesbeauftragten für Menschen mit Behinderung geforderte Nutzung von Angeboten der Altenhilfe wie Seniorennachmittagen. Es ist allerdings zu berücksichtigen, dass es schwierig ist, erst im Alter die Etablierung inklusiver Angebote zu beginnen – insbesondere für die heute alte Generation nicht behinderter Menschen, die teilweise noch in der NS-Zeit sozialisiert wurde und zum Teil große Berührungsängste und Vorurteile gegenüber Menschen mit geistiger Behinderung hat. Dennoch gibt es wegweisende Beispiele wie die hier beschriebene Kooperation der Seniorentagesstätte Bebelhof der Lebenshilfe Braunschweig, die im ‚Haus der Begegnung’, einem offenen Treffpunkt in einem Braunschweiger Wohnviertel, ihre Räume hat (vgl. Kasten gegenüberliegende Seite). Bei der Tagesbetreuung demenzkranker Menschen deuten die vorliegenden Forschungsergebnisse darauf hin, dass die Betreuung in gemeinsamen Angeboten problematisch sein kann, da der Verlauf einer Demenz bei Menschen mit geistiger Behinderung wesentlich früher zu einem Verlust an alltagspraktischen Fähigkeiten wie Sprechen, selbstständig Essen und grundlegender Orientierung führt, die von den nicht geistig behinderten demenzkranken Nutzerinnen und Nutzern einer Tagespflege erwartet und eingefordert werden.

Entwicklungsbedarf im Bereich Eingliederungshilfe und Pflege Die momentan sehr komplizierte rechtliche Situation ist durch eine getrennte Entwicklung von Pflege und Hilfe in besonderen Lebenslagen als Teil der Sozialhilfe entstanden.

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Älter werden mit geistiger Behinderung

Kooperation von Altenhilfe und Behindertenhilfe im Stadtteil: Das Haus der Begegnung im Braunschweiger Bebelhof Bettina Lindmeier Das „Haus der Begegnung“ ist ein Stadtteiltreff, der für alle älteren Bürgerinnen und Bürger des Stadtteils offen ist. Die im selben Gebäude befindliche „Seniorentagesstätte Bebelhof“ der Lebenshilfe Braunschweig wird zurzeit von 17 Menschen besucht, die zuvor in einer Werkstatt für behinderte Menschen tätig waren. Im Haus der Begegnung gibt es offene Angebote (Cafébetrieb, Mittagessen, offenes Frühstück), Freizeit- und Bildungsangebote (Handykurse, Computerkurse, Gedächtnistraining, Gymnastik, Zeichnen u. a.), und es ist Treffpunkt für verschiedene Gruppen: eine Nordic-Walking-Gruppe nutzt das Haus als Treffpunkt und eine Kartenspielgruppe, die seit 20 Jahren besteht, trifft sich einmal wöchentlich. Im Café arbeiten Menschen mit seelischer Behinderung als Alltagshelfer bzw. Alltagshelferin. Das Haus der Begegnung hat sich innerhalb kurzer Zeit im Stadtteil etabliert. Bei den Nutzerinnen und Nutzern ohne Behinderung sind wenig Vorbehalte gegenüber den Menschen mit Behinderung vorhanden. Obwohl davon auszugehen ist, dass Anwohnerinnen und Anwohner mit kritischen Positionen nicht ins Haus der Begegnung kommen, ist es ein guter Erfolg: die gefundenen Formen der Begegnung ermöglichen Kontakt, aber ebenso Rückzug in separate Räumlichkeiten. In der Seniorentagesstätte der Lebenshilfe wird jeweils zum Wochenanfang besprochen, was die Besucherinnen und Besucher an Aktivitäten wünschen. Es gibt hier eine deutliche Entwicklung der Fähigkeit, das Leben ‚selbst in die Hand zu nehmen’ und trotz Hilfebedarf Selbstbestimmung zu realisieren. Hier ist eine deutliche Entwicklung der Interessen und der Fähigkeit zu ihrer Artikulation erkennbar. Insgesamt werden ruhigere Angebote den körperlich aktiven Angeboten vorgezogen, es gibt aber auch einzelne, die nur aktive Angebote wie den wöchentlichen Einkauf, Spaziergänge oder Büchereibesuche wahrnehmen. Zu den bei allen beliebten Angeboten gehören musikalische Angebote. Ähnlich wie im Haus der Begegnung gibt es auch hier eine Gruppe, die gern spielt und die auch schwerer behinderte Besucherinnen und Besucher unterstützt und zum Mitspielen einlädt. Die etablierte ‚Newsgruppe’ zeigt die Entwicklung von Interessen besonders deutlich: das Angebot, einzelne Artikel aus der Zeitung vorzulesen und zu besprechen, hat sich auf Anfrage eines Besuchers entwickelt und gehört inzwischen zu den beliebtesten Angeboten. Dies zeigt, dass auch Fachleute immer wieder ihre Vorstellungen von den Kompetenzen und Wünschen von Menschen mit Behinderung in Frage stellen müssen – Zeitungslesen und Interesse an Politik wird Menschen mit geistiger Behinderung auch von Fachkräften nicht ohne Weiteres „zugetraut“. Ohne die inzwischen entwickelte Kooperation beider Bereiche im einzelnen darstellen zu können, kann die in diesem Projekt umgesetzte Vernetzung von Altenhilfe und Behindertenhilfe als vorbildlich und weiter ausbaufähig angesehen werden.

Ein Teil der Menschen mit (geistiger) Behinderung hat zeitlebens auch Pflegebedarf, und im Alter steigt – wie in der Bevölkerung allgemein – der Pflegebedarf an. Im Vordergrund steht bei dieser Personengruppe aber der Bedarf an Leistungen der Eingliederungshilfe bzw. zur gesellschaftlichen Teilhabe (früher Hilfe in besonderen Lebenslagen nach BSHG, jetzt SGB XII). Dieser Bedarf, auch als Hilfebedarf bezeichnet, wird für Nutzerinnen und Nutzer stationärer Wohnangebote durch den Leistungsträger mittels eines eigenen Verfahrens eingestuft; es gibt zur Zeit fünf Hilfebedarfsgruppen. Wenn zusätzlich auch ein relevanter Pflegebedarf besteht, erhält die Einrichtung eine pauschale Geldleistung von 256,-- € unabhängig von der Pflegestufe, die daher bislang gar nicht immer genau festgestellt wurde. Bei der Nutzung ambulanter Dienste der Eingliederungshilfe wird der Bedarf in Form von Fachleistungsstunden berechnet und gewährt; diese Leistungen können durch ambulante Pflegeleistungen ergänzt werden. Einige ambulante Dienste sind sowohl als Dienste der Eingliederungshilfe als auch als Pflegedienste anerkannt, andere kooperieren mit verschiedenen Pflegediensten, um höhere Wahlmöglichkeiten zu ermöglichen. Pflegeeinrichtungen und -dienste sind nicht geeignet, Teilhabeleistungen zu erbringen. Andererseits sind die Wohneinrichtungen der Behindertenhilfe angesichts der geringfügigen finanziellen

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Älter werden mit geistiger Behinderung

Abgeltung der Pflegeleistungen mitunter nicht ausreichend in der Lage, umfangreichen und hohen Pflegebedarf zu befriedigen, auch wenn in den Teams der Wohngruppen auch Pflegefachkräfte beschäftigt sind. Eine mögliche Lösung wäre die Anerkennung der Wohneinrichtungen für behinderte Menschen als Häuslichkeit, sodass ambulante Pflegedienste zu den üblichen Konditionen dort tätig werden könnten. Der Einsatz selbst ist bereits erprobt, da viele Wohneinrichtungen auf eigene Kosten – denn die Pauschalleistungen der Pflegeversicherung sind nicht kostendeckend – für bestimmte Pflegeleistungen bereits Pflegedienste in ihren Einrichtungen einsetzen oder eigene Dienste gegründet haben. Da Menschen mit Behinderung häufig sehr lange in Wohneinrichtungen der Behindertenhilfe leben und diese als ihren Lebensmittelpunkt ansehen, ist es für sie ebenso wenig zumutbar wie für andere alte Menschen, wegen altersbedingter Pflegebedürftigkeit in eine Pflegeeinrichtung umzuziehen. Dies gilt um so mehr, als Art. 19 der UN-Behindertenrechtskonvention Menschen mit Behinderungen das Recht zugesteht, nicht in besonderen Wohnformen zu leben, wenn sie dies nicht möchten.

Demographische Entwicklung in Niedersachsen Die Datenlage zur Situation von Menschen mit geistiger Behinderung ist unvollständig. In Bezug auf Menschen in Einrichtungen der Behindertenhilfe wird noch immer auf eine repräsentative Studie von 1998 (Wacker et al.) verwiesen, deren Zahlen auf Grund von Neuaufnahmen, Entlassungen und Todesfällen allerdings nicht einfach weitergerechnet werden können. In den kommenden Jahren ist aber mit einer deutlichen Alterung der Bewohnerinnen und Bewohner in Wohneinrichtungen zu rechnen. Das von den Fachverbänden der Behindertenhilfe und Bewohnerinnen und Bewohnern selbst immer wieder eingeforderte lebenslange Wohnrecht führt dazu, dass in vielen Wohneinrichtungen kaum Plätze frei werden, sodass die Bewohnerschaft kollektiv altert. Nach den Daten des Kennzahlenvergleich der überörtlichen Träger der Sozialhilfe (Consens 2006) machen die geistig behinderten Menschen die Mehrheit (65 %) der Bewohnerinnen und Bewohner in Wohneinrichtungen aus. Die Darstellung der Altersverteilung differenziert nur zwischen Menschen bis 20, 21 bis 64 und über 65 Jahren, sodass keine Prognosen möglich sind. In Niedersachsen machten die über 65-jährigen zum Stichtag (2004) ca. 7,2 % der Bewohnerinnen und Bewohner aus, wobei ein deutlicher Anstieg während der letzten Jahre zu verzeichnen war. In den Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) sind bundesweit 17 % und in Niedersachsen 16,7 % der Beschäftigten über 50 Jahre alt. Die Gesamtzahl der Plätze in Werkstätten für behinderte Menschen ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen und liegt in Niedersachsen mit rund 5,2 Plätzen pro 1.000 Einwohnern leicht über dem bundesdurchschnittlich gewichteten Mittelwert von 4,9. Die Zahlen ermöglichen keine weitere Differenzierung zwischen geistig und psychisch behinderten Menschen, die die zwei zentralen Zielgruppen der Werkstätten bilden, und körperbehinderten Menschen und Absolventinnen und Absolventen der Förderschule mit dem Schwerpunkt Lernen, die in geringerem Umfang in Werkstätten beschäftigt sind. Problematisch an den Daten ist, dass es breite Überschneidungen zwischen den Menschen mit geistiger Behinderung in Wohneinrichtungen und in Werkstätten gibt, die Gruppen aber nicht deckungsgleich sind: Ein großer Teil der Menschen mit geistiger Behinderung lebt noch im Elternhaus, ein kleinerer Teil selbstständig oder mit ambulanter Betreuung, und nicht alle in Wohnheimen lebenden Menschen sind in der WfbM beschäftigt – ein kleiner Teil der Bewohnerinnen und Bewohner ist auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt beschäftigt, ein zunehmend größerer Teil ist bereits in Rente. Die Tabelle 4.1 stellt die Altersverteilung bei den Beschäftigten in Werkstätten für behinderte Menschen einschließlich Fördergruppen in den einzelnen Altersgruppen ab 49 Jahren in Niedersachsen dar.1 1

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Da eine Prognose vom jetzigen Zeitpunkt aus auf Grund der Datenstruktur oder des Alters der Daten kaum möglich erscheint, wird im Folgenden die Datenlage in Niedersachsen in Bezug auf die Werkstätten dargestellt. Die Daten basieren auf einer Erhebung der Landesgemeinschaft der Werkstätten von Dezember 2006 in 62 Mitgliedswerkstätten (Rücklauf: 40 Werkstätten bzw. 65 %; Gesamtzahl der niedersächsischen Werkstätten: 69

Älter werden mit geistiger Behinderung

Gesamt

Bis 49

50 - 54

55 - 59

60 - 64

Anzahl in Alters­ gruppen

22.174

18.618

1.942

1.115

426

73

% der Gesamtheit pro Altersgruppe

100%

84 %

9%

5%

2%

Unter 1%

bis 54

55 - 59

60 - 64

In 3 Jahren (2012)

Gesamt ohne Neuaufnahmen

65 +

22.174

18.618

1.942

1.115

499

100%

83,96 %

8,75 %

5,02 %

2,14 %

Gesamt ohne Neuaufnahmen In 8 Jahren (2017)

65 +

bis 54

60 - 64

65 +

22.174

18.618

1.942

1.614

100%

84 %

9%

7%

Tab. 4.1: Altersverteilung in den Werkstätten in Niedersachsen; Quelle: Landesverband Lebenshilfe 2008

Zur Zeit sind in vielen Werkstätten einzelne Beschäftigte über 65 Jahren entweder noch im Arbeitsbereich oder in Seniorengruppen beschäftigt; insgesamt handelt es sich um 73 Personen. Zur Altersgruppe 50 bis 54 gehören fast 2.000 Personen, mehr als 1.000 Beschäftigte sind zwischen 55 und 59 Jahre alt, und die über 60-jährigen machen mehr als 400 Beschäftigte der beteiligten niedersächsischen WfbMs aus (vgl. Lebenshilfe 2008). Hinzu kommt, dass die 40 teilnehmenden Werkstätten größtenteils mehrere kleinere Standorte betreiben, in denen die Altersverteilung nochmals individuell unterschiedlich und die absolute Zahl älterer Beschäftigter geringer ist. In den einzelnen Werkstätten wurde die Verrentung daher großenteils als individuelles Problem einzelner Beschäftigter angesehen, für das im Einzelfall individuelle Lösungen gefunden wurden. Angebote zu einer rechtzeitigen Vorbereitung auf den Ruhestand, Strategien zur Identifizierung demenziell erkrankter oder vorgealterter Beschäftigter, zur Ermittlung der Wünsche der Beschäftigten und entsprechende Angebote wie Teilzeitarbeit existieren vielerorts noch nicht. Landesweite Erhebungen sind noch zu wenig differenziert, um unterschiedliche Bedarfe und ihre Entwicklung im Zeitverlauf so darzustellen, dass auf ihrer Grundlage eine Angebotsentwicklung möglich wird. Insbesondere ist es auf der vorliegenden Datenbasis nur schwer möglich, die Bedarfe und Wünsche der älteren Beschäftigten in Bezug auf ihre private Lebensführung und Angebote zur Tagesgestaltung nach der Verrentung abzubilden, denn Menschen in Wohneinrichtungen, in ambulanter Betreuung, selbstständig lebende Menschen und Menschen, die im Elternhaus oder bei andere Angehörigen leben, haben sehr unterschiedliche Wünsche und Bedarfe.

Vertiefende Literatur HAVEMAN, M./STÖPPLER, R. 2010: Altern mit geistiger Behinderung. Stuttgart: Kohlhammer HOLLANDER, J./MAIR, H. 2006: Den Ruhestand gestalten. Abschlussbericht der wissenschaftlichen Begleitforschung. Darmstadt LEBENSHILFE NIEDERSACHSEN e. V. 2008: Landesarbeitsgemeinschaften der Werkstätten Niedersachsen und Bremen. Teilhabeleistungen für alte Menschen mit Behinderung LINDMEIER, B. 2010: Anders alt? Erwartungen von Menschen mit geistiger Behinderung an ihren Ruhestand. In: SCHILDMANN, U. (Hg.): Umgang mit Verschiedenheit in der Lebensspanne. Behinderung – Geschlecht – kultureller Hintergrund – Alter/Lebensphasen. Bad Heilbrunn/Obb: Klinkhardt, 280 – 288 LINDMEIER, C. 2008: Biographiearbeit mit geistig behinderten Menschen. Weinheim/München: Juventa

[davon 58 % Rücklauf]). Bei der Berechnung der zukünftigen Entwicklung wurden weder Neuaufnahmen noch Entlassungen und Todesfälle eingerechnet. Außerdem erfolgte eine differenzierte Abfrage erst vom Alter ab 50 Jahren und in 5er-Kohorten, was die Möglichkeiten der Auswertung deutlich beschränkte. Die Erhebung zeigt dennoch, dass in den nächsten Jahren mit einem deutlichen Anstieg an Beschäftigten in höheren Altergruppen gerechnet werden muss.

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Vor dem Alter sind nicht alle gleich – Älter werden mit geistiger Behinderung

Neue Lebensperspektiven für Menschen mit Behinderung im Alter Vor dem historischen Hintergrund in Deutschland sowie dem allgemeinen demographischen Wandel in Europa erlangen nun Menschen mit Behinderung ein Alter, in dem die Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft neuen Anforderungen zu entsprechen hat. Außerdem befindet sich die Behindertenhilfe in einem Strukturwandel, die sich weg von der bevormundenden Fürsorge hin zu einem selbstbestimmten Leben der Menschen mit Behinderung bewegt. Vor diesem Hintergrund entstand die Idee, einen fachlichen Austausch mit Einrichtungen/Organisationen zu initiieren, die sich mit der Thematik „Neue Lebensperspektiven für Menschen mit Behinderung im Alter“ ebenfalls konzeptionell auseinandersetzen und/oder hier bereits erfolgreiche und zukunftsfähige Konzepte entwickelt haben. Hauptziele: „„ Kennen lernen von Einrichtungen/Maßnahmen in anderen europäischen Ländern durch Besuche

vor Ort mit fachlichem Austausch vor dem Hintergrund folgender Fragestellung: Mit welchen Methoden und Strukturen wird in den beteiligten Ländern eine umfassende und selbstbestimmte Teilhabe von Menschen mit Behinderung im Alter erreicht? „„ Auswertung und Überprüfung der Konzepte auf Übertragbarkeit bzw. Anpassung „„ Entwicklung neuer Konzepte für die Umsetzung der selbstbestimmten Teilhabe von Menschen mit Mehrfachbehinderung im Alter „„ Konzeptionelle Vorbereitung der Umsetzung der Ambulantisierung der Förderangebote vor dem Hintergrund des Austausches mit Verantwortlichen aus dem Bereich Konzeptionsentwicklung anderer EU-Staaten „„ Organisation einer Fachtagung in Niedersachsen zur Vorstellung der Konzepte der beteiligten nationalen Einrichtungen als Abschluss „„ Initiierung von Modellprojekten in Niedersachsen auf der Grundlage des Austausches „„ Fachlicher Austausch und Begegnung von Menschen mit und ohne Behinderung Zielgruppen: „„ Menschen mit Behinderung „„ Pädagogische Leitungen von Einrichtungen und Diensten der Eingliederungshilfe, die mit

der Konzeptionsentwicklung befasst sind „„ Mitarbeitende aus Verbänden (Multiplikatoren) Beteiligung der Zielgruppe: Zur Vorbereitung des Austausches bildeten wir eine Projektgruppe mit Pädagogischen Leitungspersonen, Verbandsvertretern und Vertreterinnen sowie Menschen mit Behinderung. Den fachlichen Austausch in den Einrichtungen und Diensten der beteiligten EU-Länder werden Multiplikatoren aus der genannten Zielgruppe bestreiten. Die o. e. Tagung richtet sich an Einrichtungen und Dienste der Behindertenhilfe, Vertreter und Vertreterinnen aus Politik, Kostenträger, Menschen mit und ohne Behinderung sowie landeskirchliche Gremien. Erwartete Auswirkungen: Unterstützung der Menschen mit Behinderung bei der Erlangung selbstbestimmter Teilhabe. Entwicklung neuer Perspektiven bezüglich möglicher Lebensperspektiven von Menschen mit Behinderung jenseits bestehender Strukturen. Eröffnung von Perspektiven mit Blick auf die europäischen Nachbarn. Durchführung: Ab November 2009 – Reisen zu den europäischen Projektpartnern (Litauen, Österreich, Norwegen). Am 19. Mai 2011 ist eine Abschlusstagung in Hannover geplant. Das Projekt wird gefördert durch: Land Niedersachsen, Hanns-Lilje-Stiftung

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