40 Jahre: Der Reidemeister

40 Jahre: Der Reidemeister

Geschichtsblätter für Lüdenscheid Stadt und Land Herausgegeben vom Lüdenscheider Geschichtsverein e. V. Nr. 133/134 6. November 1996 40 Jahre: Der R...

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Geschichtsblätter für Lüdenscheid Stadt und Land Herausgegeben vom Lüdenscheider Geschichtsverein e. V. Nr. 133/134

6. November 1996

40 Jahre: Der Reidemeister

Die Gründung eines Geschichtsvereins für Lüdenscheid war in den Jahren nach dem Krieg kein Akt nostalgischer Hinwendung zur Vergangenheit. Es ging nicht darum, aus einer Zeit, die ganz auf die Gegenwart und den Wiederaufbau der zerstörten Lebensgrundlagen gerichtet war, in die Vergangenheit auszuweichen, um abgelenkt zu werden, oder sich von den Anforderungen des Alltags zu erholen. Vielmehr geschah es aus dem Bewußtsein, daß hier in Lüdenscheid zu wenig von der eigenen Geschichte bekannt war, daß es etwas aufzuarbeiten galt, was unsere arbeitsamen Vorfahren zu wenig beachtet haben: Die Vergangenheit unserer Stadt, die doch eine jahrhundertealte Geschichte hat.

Es war schon merkwürdig, daß die lokale Geschichtsschreibung bei uns so wenig entwickelt war. Um uns herum zum Beispiel hatten die Städte längst Chronisten und Historiker gefunden, die ihr Entstehen und ihren Werdegang in vielfach umfangreichen Darstellungen schrieben, von dem Leben der Menschen in früheren Tagen, ihren Leistungen und vielleicht auch Fehlern, von der

Art ihres Gemeinwesens, ihrer Arbeit, ihren gesellschaftlichen Zusammenschlüssen, von ihren herausragenden Persönlichkeiten oder Institutionen usw...

Um das Interesse daran zu beleben, Neugier zu wecken, um Vergangenes ins Bewußtsein zurückzuholen, wurde beschlossen, eine Zeitschrift herauszugeben, die historische Arbeiten - Quellen und Monographien - publizieren und das Erforschte darstellend übernehmen konnte. Sie sollte periodisch erscheinen und einem breiten Leserkreis angeboten werden. Letzteres wurde durch die Form einer Beilage in der Tageszeitung erreicht. Die »Lücfenscheider Nachrichten« waren mit ihrer hohen Auflage dazu bestens geeignet. Es sollten Geschichtsblätter für Lüdenscheid Stadt und Land sein, also für die ganze Region. Damals gab es noch die Stadt und das Amt Lüdenscheid, letzteres mit den Gemeinden Lüdenscheid und Hülscheid. Die Gebietsneuordnungen haben inzwischen die große Stadt Lüdenscheid geschaffen, sie ist jetzt der einzige Träger dieses Namens, sie hat das geschichtliche Erbe mit übernommen, und das verpflichtet

den vier Jahrzehnten, das waren drei bis vier Ausgaben pro Jahr. Die ganze Palette lokalhistorischer Forschung wurde behandelt, aus Stadt und Land. Immer wieder fanden sich Autoren, die mitarbeiteten, ihre Reihe ist so bunt wie die der behandelten Themen. Heute gilt es, allen zu danken, die dazu beigetragen haben, den Lebenden und den Verstorbenen, deren Andenken »Der Reidemeister« bewahrt. Wer Zukunft gestalten will, muß die Vergangenheit kennen! Das Angebot, geschichtliches Wissen des heimischen Raumes zu erwerben, wird gemacht. Vorstand und Schriftleitung danken in erster Linie den Lesern unserer Zeitschrift, den Mitgliedern des Geschichtsvereins und den »Lüdenscheider Nachrichten«, die den Wünschen und Vorschlägen stets ein offenes Ohr geschenkt haben. Die Devise kann nur lauten, die 50 Jahre zu erreichen, im Dienste unserer Heimatstadt.

Horst Römer

Dr. Walter Hostert

sie, die Geschichte der ehemaligen Gemeinde LüdenscheidLand aufzuarbeiten. In diesen Tagen feiert »Der Reidemeister« sein 40jähriges Bestehen, im August 1956 erschien die erste Ausgabe in den »Lüdenscheider Nachrichten«; Wilhelm Sauerländer, der Nestor der lokalen Geschichtsschreibung, besorgte die Schriftleitung. Es ist in den vier Jahrzehnten viel auf dem oben beschriebenen Felde passiert. Längst ist Lüdenscheids Geschichte keine terra incognita mehr. Es fanden sich Autoren,

die Bücher und Aufsätze schrieben. Die »alte« Stadt Lüdenscheid hat ihre geschichtliche Darstellung in zwei Bänden gefunden. Wir wissen jetzt um unsere Vergangenheit viel besser Bescheid. Für das damals angepeilte Ziel »Stadt und Land« gilt das aber noch lange nicht; eine solche Gesamtdarstellung wurde bisher noch nicht geschrieben. Horst Römer Aber viele Einzelheiten sind Vorsitzender ' des Lüdender Vergessenheit entrissen scheider Geschichtsvereins worden. Hier hat das Geburtstagskind, »Der Reidemeister«, Dr. Walter Hostert unverdrossen gearbeitet. 132 Schriftleiter der Vereinszeitmal erschien die Zeitschrift in schrift »Der Reidemeister«

Von Dr. Eberhard Fricke

Die Veme im Süderland Eine Zusammenfassung der Ergebnisse aus langjähriger Forschung I. Einleitung (oder: Die Motivation für eine Behandlung des Themas im REIDEMEISTER) Aus dem Spektrum meiner landes- und heimatgeschichtlichen Forschungen ragen deutlich zwei Schwerpunkte heraus. In den 50er und 60er Jahren galt mein Interesse den Gutsherrschaften der süderländischen Adelsfamilien von Neuhoff zum Neuenhof bei Lüdenscheid. Im Mittelpunkt stand der Stillekinger Lehnsverband mit dem Stillekinger Lehngericht als Rechtsprechungsorgan für die dem Verband zugehörigen Besitzer bäuerlicher Freilehen. Vor-

nehmlich waren es berufliche Gründe, die den ursprünglichen Forschungshorizont immer mehr einengten. Nachdem sich der Schwerpunkt von dem Komplex Neuenhof und Stilleking auf die Erforschung der Geschichte der Frei- und Vemegerichtsbarkeit im Süderland verlagert hatte, konzentrierten sich die Aktivitäten zunehmend auf diesen Gegenstand. Den Schriftleitungen des REIDEMEISTERS bin ich dankbar, daß ich immer wieder einmal über den Fortgang der Arbeiten berichten konnte. Auf diese Weise entwickelte sich neben dem MÄRKER der REIDEMEISTER zu dem wichtigsten Pu-

blikationsorgan für die Darstellung einzelner Forschungsergebnisse. Es begann mit der Ausgabe Nr. 26 vom 5. Juni 1963 und setzte sich bis zu der Ausgabe Nr. 114 vom 9. Oktober 1990 fort. Fast in jedem Jahr dieses Zeitraums erschien wenigstens eine Ausgabe, die Belange der Frei- und Vemegerichtsbarkeit im Süderland zum Inhalt hatte. Seit 1990 ist »Funkstille« im REIDEMEISTER, was die VEME betrifft. Wiederum hatte das berufliche Gründe, hing aber auch mit einem Buchprojekt zusammen, dessen Herstellung viel Zeit in Anspruch nahm. 1995 war es soweit. Mit dem Titel »Verfolgt, verachtet, ver-

vemt« brachte der RheinlandVerlag GmbH Köln das 244 Seiten umfassende Werk heraus. Es trägt den Untertitel »Die Veme im Vest, Land und Amt Gummersbach-Neustadt«. Zusätzlich erläuternd weist auf dem Titelblatt ein weiterer Untertitel auf den Gegenstand der Abhandlung wie folgt hin: »Die Geschichte der Freigerichte (Berg-)Neustadt und Gummersbach in der Grafschaft Mark oder: Ein Stimmungsbild der oberbergischen Heimat mit ihrer vemerechtlichen Ausstrahlung in die Städte und Territorien des Heiligen Römischen Reiches im späten Mittelalter«.

Nach dem Vorbild des 1985 als Band 8 der Veröffentlichungen des Heimatbundes Märkischer Kreis erschienenen »Lüdenscheider Vemebuches« (genauer Titel: »Die Westfälische Veme, dargestellt am Beispiel des Freistuhls zu Lüdenscheid«) ist auch das neue Werk reichhaltig illustriert. 186 zum Teil farbige Abbildungen kommen dem Bedürfnis des heutigen Lesers entgegen, neben dem Text, d.h. besser: an gebührender Stelle innerhalb des Textes plaziert, den Text ergänzende Bilder vorzufinden, die sein visuelles Interesse befriedigen. 1057

An dieser Stelle ist zu fragen: Weshalb diese lange Vorrede, da doch aus den Untertiteln klar erkennbar hervorgeht, daß die Abhandlung zielgerichtet den Raum Gummersbach-Bergneustadt erfaßt, hingegen nicht die Stadt Lüdenscheid mit ihrer Umgebung? Eine solche Interpretation ist verständlich. Dennoch drückt sie nur die »halbe Wahrheit« aus. Das Thema »Verfolgt, verachtet, vervemt« bot die Gelegenheit, die bisherigen Forschungsergebnisse zur Geschichte der Frei- und Vemejustiz im Süderland zusammenzufassen und Bilanz zu ziehen. Naturgemäß hatte die Verwirklichung eines solchen Vorsatzes zur Folge, daß auch die Frei- und Vemegerichtsbarkeit, wie sie sich im Süderland außerhalb des oberbergischen Teils entfaltete - im Gebiet von Lüdenscheid, Valbert, Halver, Kierspe und Plettenberg -, einbezogen werden mußte. Daraus ergab sich dann ein besonderes Kapitel, wenn man so will: Ein Resümee der Geschichte der Veme im Süderland als historischen Raum, der von der Wiblingwerder Hochfläche im N, der Breckerfelder Hochfläche und dem oberbergischen Bergland um Gimbom, Lützinghausen und Ründeroth im W bis zum Aggertrog im S und Plettenberg mit den Ausläufern des Ebbegebirges im O reichte. Diesen Teil des neuen Vemebuchs bringe ich nachstehend zum Abdruck. II. »Süderiändische Spezialia (...)« Nach einer Vorbemerkung ist im Text des Buchs auf den Seiten 161 bis 198 ausgeführt (die in den Buchtext eingestreuten Abbildungen können aus Platzgründen nur zum Teil wiedergegeben werden):

1. Familiengebundene Freigrafenreihen im Süderland Im Bericht über die Amtsnachfolge beim Tode des Freigrafen Johann Hackenberg: »1484 bis 1521 (1531): Wilhelm Hackenberg folgt seinem Vater als Freigraf« bestand bereits Veranlassung, die VaterSohn-Abfolge besonders herauszustellen. Verwandtschaft, meist in Gestalt agnativer Abfolgen, oder auch Schwägerschaft sind häufig zu beobachtende Merkmale der Amtsnachfolge bei den Freigrafen im Süderland. Fast kann dieses Attribut als typisches Merkmal bezeichnet werden, und zwar sowohl für den Gummersbach-Neustädter Teil der Freigrafschaft als auch für den Lüdenscheider Kernbereich. 1.1 Die familieninterne Abfolge im Vest, Land und Amt Gummersbach-Neustadt Johann Hackenberg, dem Älteren, folgen zwei Söhne im 1058

1426-1437 I Ici/m1 Adolf I v Jülich u Bcru

Bi. 1461: - HerTflge Ajolf I. u. Jonann I.V.Kleve

Ab 1421: '/j' Herzog Adolf I von Kleve Vj. Graf Gerhard v d. N4ark

At 1467; y4: Herzog Jonann i. v. Kleve V« Gr.( GerW IL v. Snyn-Homturg

insgesamt kann nicht hoch genug veranschlagt werden. Das versteht sich ohne weitere Begründung , von selbst, wenn man sich allein den hohen Wert der persönlichen Anleitung und Unterweisung aus eigener Erfahrung vergegenwärtigt. Berufserfahrung, Arbeitsund Herrschaftswissen, Routine und Reife waren gerade in der Zeit des späten Mittelalters, die weit mehr als die heutige Zeit auf die mündliche Weitergabe von Rechtsgewohnheiten angewiesen war, eine conditio sine qua non für eine gute und gediegene Rechtspflege.

2. Der süderiändische Freigraf Wilhelm Hackenberg: Ein »Problemfall«?

Unter den Prozeßgeschichten, fp)-/6 die in Teil A des Buches erDie Teilungen der Stuhlherrschaft über die Freigrafschaft im zählt wurden, sind an verSüderland - im 15. Jh. schiedenen Stellen die starken Freigrafenamt, Wilhelm am Sitz und im hauptsächlichen Betätigungsfeld des Vaters und Johann, der Jüngere, als Freigraf im Süderland (ohne Nachweis für Tätigkeiten an den Freistühlen Gummersbach und Neustadt, wohl aber mit Nachweis einer engen Beziehung zum Freigericht Valbert). Wilhelm Hackenberg trägt sich 1514 mit dem Gedanken, nach Ausscheiden aus dem Freigrafenamt seinen Sohn Adolf mit der Funktion betrauen zu lassen. Dieser erhält von Herzog Johann II. von Kleve auch eine entsprechende Zusage. Allerdings läßt sich keine praktische Ausübung der Tätigkeit dokumentarisch belegen. Wilhelm, der Vater, bleibt bis ins hohe Alter rüstig und aktiv. Der Zustand von Amtsmüdigkeit, Frustration oder Resignation ist ihm fremd.

sonders eng miteinander verbindet. Klaus (oder Nikolaus) von Wilkenbrecht (-berg) wird 1408 als Freigraf zu Valbert und 1422 als Freigraf zu Neustadt bezeugt. Ihm folgt Dietrich von Wilkenbrecht (-berg), 1428 für den Freistuhl zu Valbert nachweisbar. Der Name des Freigrafen Heinrich von Wilkenbrecht (-berg) taucht 1429 in Verbindung mit dem Freistuhl zu Herscheid auf. Schließlich erscheint 1465 Johann von Wilkenbrecht (-berg) als Freigraf zu Lüdenscheid in den Quellen. 2\ Blutsmäßige Abstammung zwischen ihnen scheint sicher. Ungeklärt ist nur das jeweilige Vater-SohnVerhältnis. Möglicherweise waren Dietrich und Heinrich von Wilkenbrecht (-berg) Brüder. Wie bei Klaus von Wilkenbrecht kommen auch in der

zweiten Freigrafenreihe Einsätze an Freistühlen beider Freigrafschaftsteile vor (ähnlich übrigens wie in der oben vorgestellten Linie der Freigrafen Hackenberg). Nur ereigneten sich derartige Einsätze im jeweils anderen Teil der süderländischen Freigrafschaft lediglich vereinzelt und punktuell, während das Hauptbetätiggungsfeld ganz überwiegend der Teil war, in dem die Freigrafen ihren Wohnsitz und Lebensmittelpunkt hatten. . Die zweite Reihe der Freigrafen im Gebiet um Lüdenscheid-Valbert begann mit Dietrich (von) Valbert (Valbrecht), der für die Zeit von 1423 bis 1425/26 als Lüdenscheider Freigraf be3 1.2 Abfolgen im Bereich Lü- zeugt ist >. Ihm folgen Heinrich von Valbrecht (1429 bis denscheid-Valbert 1452) und dessen Sohn JoIm benachbarten Teil der süd- hann von Valbrecht (1450 bis erländischen Freigrafschaft 1498)"). sind gleich zwei Parallelen festzustellen. Die Bedeutung dieser VaterSohn-Abfolgen für die KontiDie erste Freigrafenreihe wird nuität der Arbeit in den einzeldort sogar von eifern Amtsin- nen Sektoren der großen südhaber angeführt, der noch erländischen Freigrafschaft beide Freigrafschaftsteile be- und in dem Gerichtsdistrikt Von Wilhelm Hackenberg geht das Freigrafenamt 1531 auf Adolf Möllenbeck über, der als Schwiegersohn des Amtsinhabers zu gelten hat; denn die Ehefrau des Amtsnachfolgers, Margarethe Hakkenberg zu Bruchhausen, war die Tochter des Wilhelm Hakkenberg und zugleich eine Schwester des designierten Freigrafen Adolf Hackenberg und des Freischöffen Peter Hackenberg. Damit nicht genug: Margarethe Möllenbeck, geb. Hackenberg, heiratet in zweiter Ehe Severin von Freialdenhofen, der 1548 Adolf Möllenbeck im Amt des Freigrafen ablöst (man darf wohl sagen »beerbt«)').

Differenzen deutlich geworden, die zwischen dem langjährigen Freigrafen Wilhelm Hackenberg und den Kölner Erzbischöfen Philipp von Dhaun-Oberstein und Hermann von Wied bestanden. Erstmals im Jahre 1512 und danach noch mehrfach setzte der Erzbischof als Reichsstatthalter und Verweser der westfälischen Freigerichte am Freistuhl zu Arnsberg Kapitelbeschlüsse durch, die zur Amtsenthebung des süderländischen Freigrafen führten. Anlaß und tieferer Grund für die Auseinandersetzungen müssen durchaus nicht in einem zweifelhaften Charakter und in einem Persönlichkeitsbild gesucht werden, das Wilhelm Hackenberg von einem bestimmten oder bestimmbaren Zeitpunkt an für die Weiterführung des Freigrafenamtes als ungeeignet erscheinen ließ. Gern findet man bei derartigen Amtsenthebungen die Begründung in solchen, vorher unbekannten Mängeln der Persönlichkeitsstruktur oder in Veränderungen bisher nicht zutage getretener Verhaltensweisen zum Nachteil hin und in einem Maße, daß der Amtsinhaber nicht mehr tragbar ist 5). Im Falle des Wilhelm Hakkenberg fällt immerhin auf, daß sein Stuhl- und Landeshert, Herzog Johann II. von Kleve, ihn auch nach den Arnsberger Ereignissen immer noch offen stützte und erst der nachfolgende Regierungschef, Herzog Johann III. von Kleve, Jülich und Berg, auf die kurfürstlich kölnische Linie einschwenkte. Wenn zudem berücksichtigt wird, wie schlecht es einmal um die innere Verfassung der Reichsstatthalterschaft selbst bestellt gewesen war, als lange Jahre zwei Reichsverweser gegeneinander konkurrierten und die Stuhl- und Landesherren wohl oder übel für einen von ihnen Partei ergreifen mußten (falls sie ihren Vorteil nicht sogar in einer diplomatisch geschick-

ten Schaukelpolitik suchten), dann spricht etwas anderes mehr als bloß Abfall im Leistungsvermögen des Freigrafen, nämlich Machtstreben oder Eitelkeit des Statthalters dafür, daß Wilhelm Hackenbergs Fall als ein Ausschnitt aus dem in jener Zeit dichten und wechselvollen Beziehungsgeflecht der Bündnisund Beistandspolitik der landesherrlichen Gewalten am Niederrhein und in Westfalen begriffen werden muß. Dann war Wilhelm Hackenberg mehr Objekt und Opfer einer stringent bestimmte Ziele verfolgenden erzbischöflichen Politik als tragisches Subjekt eines persönlichen Verfalls.

3. Die große Freigrafschaft im Süderland auf Dauer ungeteilt Als Theodor Lindner 1896 befand, »die räumlich größte aller Freigrafschaften« sei »die im Suderlande« gewesen 6), ahnte er noch nichts von der Beständigkeit des Zusammenhalts dieses Gebildes und von der Häufigkeit der Prozesse, die an den bedeutendsten Freistühlen der Grafschaft, den Freigerichten Lüdenscheid, Neustadt und Valbert, abliefen. »Den Anteil, welchen die einzelnen Freistühle an den auswärtigen Processen hatten«, bemaß Lindner nach der Häufigkeit der Verfahren in dem Zeitraum von 1420 bis 1450. Er kam dabei auf 15 Prozesse für den Freistuhl zu Lüdenscheid, worin sich die Bezugnahme auf das Süderland dann aber auch schon erschöpfte 7>. Nimmt man die Zeit nach 1450 hinzu - und das ist schlechterdings unverzichtbar - stellen sich die Prozeßdichte (räumlich und auf die einzelnen Dingstätten bezogen) und die Verfahrenshäufigkeit (zeitlich) ganz anders und mit weitaus höheren Werten dar. Vor einem Ausflug in die für ortsgeschichtliche Belange wichtigen statistischen Gefielde soll einiges Nennenswerte aus der Sicht einer überörtlichen verfassungsrechtlichen Perspektive mitgeteilt werden. 3.1 Doppel- und Dreifachverleihung des süderländischen Freigrafenamtes Die Prozeßgeschichten in Teil A des Buches haben gezeigt, daß und wie während der Entwicklung der Frei- und Vemegerichtsbarkeit im Süderland mehrere Freigrafenlinien nebeneinander herliefen. Für den Zeitraum schon von dem dritten namentlich bekannten süderländischen Freigrafen an bis zum Aufhören der Vemejustiz im Süderland hat es eigentlich immer ein Nebeneinander von mehreren Freigrafen gegeben, die sich nach einer Unzahl von Belegen als »Freigrafen zu X, Y oder Z« (die großen Buchstaben stehen symbolisch für die Namen be-

stimmter Freistühle) »und im Süderland« oder auch ohne Zusatz als »Freigrafen im Süderland« bezeichneten. Mit anderen Worten (und konkreter): Seit 1422/23, d.h. seit Klaus (Nikolaus) von Wilkenbrecht (-berg) und Dietrich (von) Valbert als Besitzer der Freistühle zu Neustadt (1422) bzw. Lüdenscheid (1423) bis 1546/48, d.h. bis zum Ende der Amtszeit des noch nach vemerechtlichem Ritus als »frygreve im Suderlande unnd der fryherstule darin gelegen« eingesetzten Kaspar Niehoff 8> (1546) und damit fast bis zur Amtszeit des Severin von Freialdenhofen (ab 1548 tätig), wirkten immer mehrere Freigrafen nebeneinander. Während der Amtszeiten der Freigrafen Wilhelm Hackenberg, Johann Hackenberg, des Jüngeren, und Johann von Valbrecht waren es sogar drei zur gleichen Zeit. 123 Jahre lang währte der Zustand nachweislich. Über eine Zeitspanne von fünf Generationen hielt er an. Der Kitt muß ungemein stark gewesen sein, der diesen Zusammenhalt der Freigrafschaft im Süderland gewährleistete.

lösungstendenzen überlebte, die bei einer natürlichen Betrachtung ohne historische Rückbesinnung aus dem konkurrierenden Nebeneinander mehrerer Freigrafen an sich zu erwarten waren, ergibt sich im Gegenschluß gleichzeitig ein gewichtiges Argument für die Richtigkeit des Versuches, in einem süderländischen Comitat den Vorgänger der FreiUm einem möglichen Mißver- grafschaft im Süderland aufständnis vorzubeugen, muß zuspüren. auch an dieser Stelle erneut darauf hingewiesen werden12), 3.3 Anwachsen der Aufgaben daß der Begriff des Comitats und Zunahme des Personalbehier allerdings nicht mit dem darfs der Grafschaft mit allen ihren Konsequenzen, d.h. mit Gra- Was aber war dann der Grund fensitz als Mittel- und Aus- dafür, daß überhaupt mehrere gangspunkt der politischen, Freigrafen nebeneinander tämilitärischen und administra- tig wurden und den Titel tiven Gewalt, gleichgesetzt »Freigraf im Süderland« führwerden darf. Eine derartig ten, der ihnen offiziell in diehochrangige verfassungspoliti- ser Version verliehen wurde? sche Bedeutung erlangte das Die Praxis war ganz einfach Gebilde erst, als zu Beginn des eine Folge von Nachfrage und 12. Jhs. ein nicht bodenständi- Angebot. Die Nachfrage nach ger Dynast auf der Wolfsegge vemegerichtlichen Dienstleiüber der Lenne die Burg Al- stungen durch auswärtige Klävollziehbar sind - deshalb die Anführungsstriche! - war (es folgt ein Zitat) »ein süderländischer Comitat, ein gräflicher Hochgerichtsbezirk, der von der Wiblingwerder Hochfläche bis zum Aggertrog und von den östlichen Ausläufern des Ebbegebirges bis zur Radevormwalder Hochfläche reichte« 11).

3.2 Historische Wurzeln der Freigrafschaft im Süderland Das Gebäude, das - bildlich gesehen - die große Freigrafschaft im Süderland ausmachte und in dem über eine so lange Zeit hinweg mehrere Freigrafen zugleich Räume bezogen hatten und bewohnten, wurzelte mit seinen Grundmauern und Stützen in historischen Fundamenten. Eine solche geschichtsspezifische Betrachtung erklärt am besten die Dauerhaftigkeit des Zusammenhalts. Um deutlicher zu werden: Mit dem Aufsatz »Über die Wurzeln der süderländischen Freigrafschaft um Lüdenscheid. Ein Beitrag zur Verfassungsgeschichte des märkischen Süderlandes« (in: Westfälische Forschungen, 29. Band, 1978/79«) habe ich erstmals schon vor Jahren den Versuch unternommen, aus den spätmittelalterlichen Quellen und dem allgemeinhistorischen Umfeld des frühen und hohen Mittelalters (das Umfeld bestehend aus Siedlungssituation, Wegenetz, kirchlicher Organisation, Gerichtsverfassung und politischer Entwicklung) die Verwurzelung des Frei- und Vemegerichts Lüdenscheid im Ding eines karolingischen Grafen oder Vizegrafen nachzuweisen 10). Mit dem Untersuchungsergebnis war die Feststellung verknüpft, daß sich die mit dem Grafending notwendigerweise verbundene zentrale Funktion auf einen ähnlich »abgegrenzten« Bereich ausgewirkt haben dürfte, wie er sich später noch in den Umrissen der süderländischen Freigrafschaft darstellte. Dieser Bereich, dessen »Grenzen« wegen des Fehlens einschlägiger schriftlicher Belege selbstverständlich nicht exakt nach-

SU*d Ifli

Zur Klarstellung muß darauf hingewiesen werden, daß Zweifel an der Ableitung der Ergebnisse aus dem Wortlaut der Freigrafentitel etwa in dem Sinne, die Titel würden falsch wiedergegeben, verstanden oder ausgelegt, nicht erlaubt sind. Sowohl die Freigrafen Heinrich von Wilkenbrecht (-berg), Heinrich und Johann von Valbrecht, Evert von Spedinghausen und Kaspar Niehoff als auch die Freigrafen Johann und Wilhelm Hackenberg und dann nochmal Johann Hackenberg (dieses Mal »der Jüngere«) wurden »Freigrafen im Süderland« oder »Freigrafen zu X, Y oder Z und im Süderland«, nicht aber »Freigrafen zu X, Y oder Z im Süderland« genannt (noch nannten sie selbst sich so), also: Nicht etwa wurden dem Namen des Freistuhls oder der Freistühle, dessen oder deren Besitz sie mit ihren Amtstiteln bezeichneten, nur die zwei Worte »im Süderland« angefügt, was dann allerdings - wäre es geschehen - lediglich als geographische Erklärung, als Lagebestimmung für den mitgenannten Ort aufgefaßt werden müßte. So war es in der weit überwiegenden Zahl der Erwähnungen gerade nicht. Nur vereinzelt heißt es in den Dokumenten »Freigraf zu X, Y oder Z im Süderland«, und dann stellt sich zumeist sogar aus gutem Grund die Frage, ob der Schreiber des Schriftstückes nicht einer Nachlässigkeit oder Unachtsamkeit zum Opfer gefallen ist. Erst mit dem Freigrafen Severin von Freialdenhofen ab 1548 kehrt sich die Regel um. Jetzt wird die Bezeichnung »Freigraf zu Neustadt im Süderland« zur Norm. Das allerdings auch nur noch für seine Amtszeit. Mit dieser Einschränkung verliert die Regelumkehrung jedes Gewicht, zumal mit der Tätigkeit des Freigrafen Severin von Freialdenhofen die Freigerichtsbarkeit vemerechtlicher Provenienz ohnehin im Süderland ausläuft.

Die Freigrafschaft im Süderland (mit Anzahl der tradierten Be- 3.4 Resümee lege des jeweiligen Freistuhls und Gerichtsorts für die Zeit bis

1620). tena erbauen ließ und in Besitz ger einerseits, dann aber auch nahm (von wo aus übrigens die starke Zunahme der Abfordann im Jahre 1301 auch der derungen durch ebenfalls ausvon dem märkischen Grafen wärtige Schutzgewalten und erteilte Auftrag unterstützt Garanten andererseits führten wurde, »to tymmeren die Ny- zu einer Arbeitslast des süderländischen Freigrafen, die eine stetat in Suderlande« 13). Verteilung der Belastung auf mehrere Persönlichkeiten von Die Herkunftstheorie - mit ih- Amts wegen dringend gebot. rer Hauptthese der Verwurze- Die Stuhlherren konnten den lung in einem Comitat - liefert Personalbedarf für die Erledidas stärkste Argument, wenn gung der in der süderländies darum geht, Gründe für die schen Freigrafschaft anfallenBeständigkeit und Dauerhaf- den Aufgaben nur decken, intigkeit des Zusammenhalts der dem der jeweilige Stuhl- (und Freigrafschaft im Süderland Landes-)herr weitere Freigrazu suchen. Aus der Konstanz fen vorschlug und indem der dieses erstaunlichen Phämo- König/Kaiser oder der Reichsmens, daß nämlich die süder- statthalter der westfälischen ländische Freigrafschaft im Freigerichte die so Designierspäten Mittelalter bis in die ten dann auch berief und befrühe Neuzeit hinein alle Auf- lehnte.

Zusammenfassend und als Ergebnis ist festzustellen: Trotz der Nebeneinanderexistenz mehrerer Freigrafen blieb die große Freigrafschaft im Süderland verfassungsrechtlich die eine, ungeteilte Freigrafschaft im Süden der Grafschaft Mark. Teilungen wenn man davon sprechen will - waren nur von faktischer und administrativer Qualität und dadurch begründet, daß sich die Freigrafen primär wegen ihrer Arbeitsbelastung und mit Rücksicht auf die räumliche Lage ihres Wohnsitzes tatsächlich lediglich auf einen Teil der süderländischen Freistühle konzentrierten, womit sie ihre Kompetenz selbst beschränkten.

4. Stuhlherrschaftliche Teilungen im Süderland Echte Teilungen gab es bezüglich der Freigrafschaft im Süderland in einem funktional ganz anderen Zusammenhang und auf höherer Ebene. Sie betrafen die Stuhlherrschaft über die Freigrafschaft. Als erstes ist insofern die Realteilung zu nennen, die mit den Territorialpfandschaften zugunsten des Herzogs Adolf I. von Jülich und Berg einherging und von mindestens 1426 bis 1437 die Freigrafschaft im Süderland zwei getrennten Herrschaften unterstellte. Damals stritten der erste klevemärkische Herzog Adolf und sein Bruder, Graf Gerhard von der Mark, um die Territorialgewalt im rechts-rheinischen Nebenland an Lippe und Ruhr, Lenne, Volme und Agger. Der in Burg a. d. Wupper residierende Herzog Adolf VII. von Berg (seit 1423 Herzog Adolf I. von Jülich und Berg) unterstützte Gerhard und erhielt dafür als Gegenleistung wichtige Pfandrechte an einigen süderländischen Ämtern sowie die Stuhlherrschaft über einen Teil der süderländischen Frei- und Vemegerichtsbarkeit, nämlich über die Freistühle zu Lüdenscheid, Halver, Kierspe (und dazu formell wohl auch über die Freigerichte Hülscheid und Breckerfeld, nur waren diese Gerichte damals nicht in Gebrauch, jedenfalls ist bisher kein Vemeverfahren für den genannten Zeitraum bekannt geworden) 14 ). Die Frei- und Vemegerichte im östlich und südlich davon gelegenen Teil der Freigrafschaft im Süderland, die Stühle im Vest. Land und Amt Gummersbach-Neustadt sowie zu Meinerzhagen, Valbert, Herscheid und bei Plettenberg, blieben unter kleve-märkischer Stuhlherrschaft l5>. Als zweites begegnet eine erste Sonderentwicklung in Verbindung mit der Freigerichtsbarkeit im Vest, Land und Amt Gummersbach-Neustadt, die sich hautpsächlich, wenn nicht sogar ausschließlich, in dem Gerechtsam verkörperte, das an dem Freistuhl zu Neustadt haftete. Das so als Ergebnis vorweg Festgestellte bleibt richtig, auch wenn berücksichtigt wird, daß die Gegend um Gummersbach-(Berg-)Neustadt ebenfalls Objekt pfandpolitischer Überlegungen und Absprachen war, die durch den im kleve-märkischen Hause ausgebrochenen Bruderzwist bedingt waren. Die Gleichung, die Graf Gerhard von der Mark 1423 aufstellte und die in dem Versuch bestand, für 21 000 Gulden das Vest Gummersbach »mit gerichte und heirlicheyde«. Schloß und Stadt Neustadt sowie das Kirchspiel Müllenbach dem Jungherzog Rup1059

recht von Berg zu verpfänden, um ihn damit als Helfer und Bundesgenossen im Streit mit seinem Bruder, dem Herzog Adolf I. von Kleve, zu gewinnen 16), diese Gleichung ging nicht auf. Die Herrschaft über die Region behielt der Herzog von Kleve, er, dem das Gebiet pfandweise übertragen war, hatte sie fest im Griff. Erst im Jahre 1434 sah sich Graf Gerhard von der Mark in der Lage, Stadt und Schloß Neustadt mit dem Vest Gummersbach aus der Pfandschaft seines Bruders zu lösen. Unter anderem mußte Graf Gerhard dafür aber dem Herzog weiterhin das Recht gestatten, das dieser schon seit 1421 besaß und das darin bestand, den Freistuhl zu Neustadt (»uns vryenstuele toer nyerstat«) mitbenutzen und sich des Freigrafen dortselbst bedienen zu dürfen 17). Das war in seiner verfassungsrechtlichen Bedeutung der Beginn einer geteilten Stuhlherrschaft, die den untereinander zerstrittenen Brüdern zu getrennten Händen zustand. Als drittes ist auf eine zweite Sonderentwicklung beim Freigericht Neustadt hinzuweisen, die bereits vom im Berichtsteil über die Prozeßverläufe besprochen worden ist: 1467 übertrug Herzog Johann I. von Kleve, Graf von der Mark, ein Viertel des Freistuhls zu Neustadt dem Grafen Gerhard II. von Sayn-Homburg zu eigenständiger Nutzung 18'. Wie die Teilung der Stuhlherrschaft mit Herzog Adolf I. von Kleve durch Graf Gerhard von der Mark (1421/1434), so führte auch dieser Teilungsvorgang von 1467 zu einer Idealteilung, die insofern rechtlich durchaus als eine echte Teilung zu qualifizieren ist, als die Ausübung der Rechte beiden Fürsten nicht zur gesamten Hand zustand. Beide konnten getrennt auf den Freigrafen einwirken und ihn zu einem gewollten vemerechtlichen Handeln veranlassen. Daß die Vertragspartner den Umfang der Teilrechte in einem Bruchteil ausdrückten (1/4 zu 3/4), hing mit den Einnahmen zusammen, die der Freistuhl mittels seiner stuhlabhängigen Freigüter abwarf. Nach dem Bruchteil bemaßen sich die an die Stuhlherrschaft abzuführenden Lasten aus der Freibede (Mai- und Herbstbede sowie Hundegeld).

5. Die Prozeßdichte an den süderländischen Freistühlen Der verfassungsrechtliche Zusammenhalt der großen Freigrafschaft Süderland, dem die im vorhergehenden Abschnitt beschriebenen stuhlherrschaftlichen Teilungen nichts ausmachten, ist aus dem Blickwinkel der Häufigkeit der Inanspruchnahme der Freistühle umso erstaunlicher, als sich von dorther während der langen Geschichte der Veme im Süderland faktisch zwei deutliche Schwerpunkte herausbil1060

Anzahl der geführten Prozesse leiten, so rangiert der Freistuhl zu Neustadt mit 62 auswärtigen Angelegenheiten vor den Verfahren, die auswärtige Kläger gegen außerwestfälische Beklagte bei den Freigrafen zu Lüdenscheid und im Süderland - 44 Prozesse - anhängig machten.

Das sog. Soester Femgerichtsbild, kolorierte Federzeichnung aus dem Soester Vemebuch im dortigen Stadtarchiv. Entstehungszeit ist die 2. Hälfte des 15. Jhs. - Diese berühmte Zeichnung steht von eh und je stellvertretend für die Darstellung aller westfälischen Frei- und Vemegerichte. Sie gilt als das symbolhafte Abbild der Westfälischen Veme schlechthin.

deten. Den einen Schwerpunkt kennzeichnet ein Unterpunkt, der - im Unterschied zu weiteren, weniger bedeutsamen Bezugsgrößen - ebenfalls gesonderte Aufmerksamkeit verdient. Im Klartext: Hier im südwestlichen Teil der Freigrafschaft war es der »Freistuhl vor der unteren Pforte« zu Neustadt, der dauernd von sich reden machte. Dort, im nordöstlichen Abschnitt, waren es zwei Freistühle, der »Freistuhl zwischen den Zäunen« zu Lüdenscheid und mit Abstand danach der »Freistuhl unten vor dem Dorf« zu Valbert, die immer wieder mit Verwarnungen, Ladungen und Urteilen in Vemeangelegenheiten hervortraten. Bei dem Schwerpunkt Lüdenscheid (mit dem dortigen Freistuhl) »tusschen den tuinen«) und dem zugehörigen Punkt Valbert (mit dem Freistuhl »nieden vor dem dorpe«) bestand die besondere Klammer darin, daß der Freigraf auch dann, wenn er den Valberter Stuhl bediente, regelmäßig als »Freigraf zu Lüdenscheid und im Süderland« auftrat und handelte. Groß ist die Zahl der Belege, die die Überlieferung für den Nachweis der Freigerichtsbarkeit in jeglicher Form und Nuancierung an den einzelnen Orten sowie für die Darstellung der Prozeßdichte und der Verfahrenshäufigkeit bei den einzelnen Dingstätten bereithält. Aus dem Quellenbestand, der bis zur Gegenwart bekanntgeworden ist, ergibt sich für den Raum Gummersbach-Bergneustadt folgendes Mengendatum (dabei sind alle Hinweise mitgezählt, die irgendeine Beziehung zu der dortigen Freigerichtsbarkeit erkennen lassen):

253 Belege (für die Zeit von 1287 bis 1613). Wegen der vergleichbaren Zahlen, die für die anderen süderländischen Freistühle zutreffen, wird auf das Schaubild »Die Freigrafschaft im Süderland (mit Anzahl der tradierten Belege des jeweiligen Freistuhls und Gerichtsorts für die Zeit bis 1620)« hingewiesen (vgl. Abb.) Die zeitliche Eingruppierung nach Jahreszahlen ist für die Freigerichtsbarkeit im Raum Gummersbach-Bergneustadt dem Schaubild »Diagramm mit Darstellung der Häufigkeit der Erwähnungen der Frei- und Vemegerichtsbarkeit im Vest, Land und Amt Gummersbach-Neustadt nach Zahl und Jahr der Überlieferung« zu entnehmen (vgl. Abb.).

Da, wie bereits weiter vom festgestellt, diese schwerpunktmäßig und nicht gleichmäßig verteilte Wirksamkeit der süderländischen Frei- und Vemegerichtsbarkeit den Zusammenhalt der Freigrafschaft nicht sprengte, ist die temporäre Analyse viel aussagefähiger, die aus der prozeßgeschichtlichen Entwicklung in den einzelnen Regionen des Gerichtsdistrikts folgt. Zwar fallt der erste Nachweis eines vemegerichtlichen Verfahrens am Freistuhl zu Neustadt auch schon in das Jahr 1422, d.h. in fast exakt dieselbe Zeit, für die die ersten Lüdenscheider Verfahren (des dortigen Freigrafen Dietrich von Valbert, 1423, und am dortigen Stuhl, 1426) überliefert sind. Aber ihre große Zeit erlebte die Veme im südwestlichen Bereich der Freigrafschaft mit der »Super-Aktivität« des dortigen Stuhls vor den Toren von Neustadt: Zwischen 1452 und 1548 (mit 55 Verfahren). Hingegen entwickelte die Veme in der nordöstlichen Region ihre überragenden Aktivitäten vor der Stadt und an den Stühlen im Vest Lüdenscheid: Zwischen 1423 und 1498 (mit sämtlichen 44 Verfahren), und zwar - am Freistuhl zu Lüdenscheid: Zwischen 1423 und 1444 (mit 22 der insgesamt 26 Verfahren) sowie - am Freistuhl zu Valbert: Zwischen 1442 und 1498 (mit 15 der insgesamt 16 Verfahren).

dieser Region dürfte in der Stärke der Freigrafenpersönlichkeiten zu sehen sein, die ihren Dienst unvermindert emstnahmen und dabei der wohlwollenden Duldung ihrer Stuhl- (und Landes-)Herren sicher sein konnten, obschon nach 1500 die ursprüngliche Absicherung im Reichsrecht nicht mehr vorhanden war und die Freigrafen von dann an »auf nur gelegentlich einmal ausgebessertem Seil ohne Netz und doppelten Boden turnten«. Außerdem ist nicht zu verkennen, daß in einer Zeit, in der ringsum fast alle Stühle »dicht gemacht« oder mit ihrer Rechtsfindung sich selbst »auf Sparflamme gesetzt« hatten, der Freistuhl zu Neustadt mit seiner nach wie vor blühenden Rechtsprechung auf Hilfesuchende in besonderem Maße als Magnet wirken mußte. Es sprach sich hemm: Wer im 16. Jh. noch Sehnsucht nach der Westfälischen Veme hatte, der zog nach Zusehen, Hallenberg, in die Grafschaft Waldeck zu den dortigen Freistühlen, nach Amsberg, Dortmund oder eben - ins märkische Süderland nach Neustadt. Übrigens wird mit der Feststellung der Prozeßhäufigkeit am Freigericht Neustadt auch nicht in Verbindung mit der Ableitung der Bestandskraft der Freigrafschaft als Gebilde für das ganze Süderland aus einem süderländischen Comitat die bereits 1978/79 aufgestellte 20) und 1985/86 gefestigte 21) These modifiziert, wonach das Frei- und Vemegericht Lüdenscheid später Nachfolger des ursprünglich für den Distrikt zuständig gewesenen Grafendings war und am Ende der von einem gräflichen Dingstuhl herkommenden Entwicklungslinie stand. Die Beweisführung, daß der Freistuhl zu Lüdenscheid in historischer Kontinuität zu einem Grafending stand, stützt sich auf Belege, deren Zahl in der Summe mittlerweile auf ein halbes hundert angewachsen ist und nach denen sich die beiden Freigrafen Heinrich und Johann von Valbrecht man kann sagen - »ohne Not« auch dann Freigrafen zu Lüdenscheid und im Süderland nannten, wenn nicht der Freistuhl zu Lüdenscheid, sondem ein anderer süderländischer Stuhl mit der Amtshandlung, die ihnen gerade oblag, befaßt war (meist der Freistuhl zu Valbert, aber auch derjenige zu Kierspe, Halver, ja, sogar Neustadt und (Hohen-)Limburg). Dazu bietet das Freigericht Neustadt keine vergleichbare Parallele. Wenn in Verbindung mit ihm der Freigraf unter der Bezeichnung »Freigraf zu Neustadt und im Süderland« firmierte, wickelte sich das Vemeverfahren auch stets am Stuhl zu Neustadt vor der unteren Pforte ab.

Die deutliche Akzentverschiebung aus dem Lüdenscheider Süderland via Valbert in den äußersten Südzipfel des Süderlandes und der Grafschaft Mark ist nicht zu übersehen. Weil hierbei in rein statisti- Die Frage nach den Gründen scher Erfassung alle Beleghin- dafür drängt sich auf. weise zusammengezählt sind, ohne Rücksicht auf den für die Ein politisches Motiv ist in der geschichtliche Betrachtung er- Begünstigung des Grafen Gerwünschten Erkenntniswert im hard II. von Sayn, des Herm einzelnen, kommt der Zahl zu Homburg vor der Mark, zu Graf Gerhard eine wesentlich größere Be- erkennen. deutung zu, die für die Häufig- konnte mit kaiserlichem Rükkeit der Prozesse steht. Dazu kenwind und kleve-märkiergibt sich aus den dokumen- scher Unterstützung auch getarischen Quellen folgende gen erbitterten kurfürstlich kölnischen Widerstand eine Übersicht: eigene Stellung im westfäliAnzahl der auswärtigen Ve- schen Vemewesen begründen und diese Position über einige meprozesse Zeit behaupten. Die de lege - am Freistuhl zu Neustadt: 62 lata gegebene Lage, die er zu Beginn seiner Statthalter- der Freigrafen zu Lüden- schaft antraf, vermochte er zu 19 scheid und im Süderland ): stabilisieren. Jedoch reicht das 44 als Erklärung für die Lebensdarunter kraft und -dauer der Vemeju- am Freistuhl zu Lüden- stiz im Gebiet um Neustadt alscheid: 26 lein nicht aus. Ein weiterer - am Freistuhl zu Valbert: 16 kräftiger Impuls für das be- Und ein letzter Gedanke zur RechtspreLäßt man sich ohne jede Wer- harrliche Festhalten an der ve- augenfälligen tung und Gewichtung von der merechtlichen Tradition in chungskraft gerade des Frei-

Stuhls zu Neustadt in der für westliche Zipfel der Graf- tungselementen durchsetzte die Veme favorisierten Süd- schaft Mark« als Bezugspunkt Administration auf landstänwestecke des märkischen Süd- für den Buchtitel dienen (im discher Basis. Ein neben dem Text werden diese begriffli- Vest stehender Verwaltungserlandes: chen Kombinationen ja denn bezirk wird damit umschrieDer allein ausschlaggebende ben, dessen sachliche ZustänGrund dafür, daß sich der auch zur Genüge verwendet). digkeit, ausgeübt von der Wenn gleichwohl dem »Vest, Schwerpunkt der vemerechtliLandschaftsversammlung (sochen Aktivitäten im Vest, Land und Amt Gummers- zusagen dem »Kleinen Landbach-Neustadt« der Vorzug Land und Amt Gummerstag«), beispielsweise in der bach-Neustadt ausgerechnet vor allen anderen Möglichkei- Schätzung und Festsetzung in der Nähe von Neustadt und ten gegeben wird, dann ge- von Steuermerkmalen für die nicht an einem anderen Ort schieht das nur aus zwei Land(schafts)angehörigen bedes Landes an der oberen Ag- Gründen: steht, und der - das ist besonger herausbildete, war die Exiders wichtig - im Unterschied Vest, Land und Amt sind stenz des befestigten Orts als zum Vest auch die zu Beginn feststehende Rechtsbegriffe, Stadt. Die Feste Neustadt gedes 14. Jhs. gegründete Neudie für die spätmittelalterliche währleistete wie kein Gemeinstadt erfaßt. Das Land (oder wesen der Nachbarschaft die Verfassungsstruktur im Raum die Landschaft) GummersGummersbach-Bergneustadt besten Kommunikationsmögbach (auch: »Land Neustadt«) lichkeiten 22\ Hier war die In- symptomatisch sind. Sie be- zählt integrierend zu seiner zeichnen jeder für sich oder frastruktur nach spätmittelalKompetenz für die Bevölketerlichen Maßstäben optimal. zusammengenommen auch so rung »auf dem platten Lande« etwas wie eine durchaus mit Ein ähnlich günstiges Bewirauch die Stadt auf dem Hötungs- und Beherbergungsan- einer gewissen Selbständigkeit henrücken über der Dörspe gebot brachte selbst der Kirch- und Abgrenzung ausgestattete 23 mit der dortigen Stadtbevölund Marktort Gummersbach »Kulturlandschaft« ' in der kerung. vom Personenverbandsstaat nicht hervor. Gerade für die institutionellen Flächenvon weither anreisenden Ver- zum 24 fahrensbeteiligten, die Geleit- staat > sich hinentwickelnden Drittens zum Amt Neustadt. In das Jahr 1423 fällt die Verzusagen hatten und als Über- Grafschaft Mark. legung des Amtsitzes nach nachtungsgäste willkommen waren, ließ sich im Vest kein - Vest, Land und Amt, d.h. die Neustadt. Der Amtmann wird günstigerer Ort finden. Ohne für den Buchtitel ausgewähl- zur beherrschenden Figur im die Stadt Neustadt im Hinter- ten Verfassungselemente ohne Verwaltungsgefüge der Regrund - das kann ohne Ein- ausdrückliche Miterwähnung gion. Da sich die Stadtburg schränkung festgestellt werden der Stadt Neustadt, treffen Neustadt in über einhundert- hätte sich der dortige Frei- den Sachverhalt auch unter jähriger Geschichte zur eigenstuhl zu keinem so überragen- freigerichtlichen Aspekten ex- ständigen Selbstverwaltungsden Vemegericht entwickelt, akt, d.h. negativ ausgedrückt: körperschaft »gemausert« hat, zu einer Institution, die nach Sie rufen zu dem freigerichtli- nimmt sie an der strukturellen Quantität und Qualität der chen Problemkreis keinen Wi- Veränderung nicht teil. Als Spruchpraxis viele vergleich- derspruch hervor, wie im ein- Exemtion bleibt sie ad infinibare Einrichtungen hinter sich zelnen an Hand der For- tum amtsfrei, auch wenn sie ließ. Auch ohne die Nähe zu^ schungsergebnisse von Günter den Amtmann in ihren Maueiner Stadt hätte sich an einem Aders und eigener Untersu- ern beherbergt. Zeit dargedachten Freistuhl in der chungen aus früherer 25 gestellt werden kann ). Damit sind die drei für den Wiedenau möglicherweise der Raum Gummersbach-Bergeine oder andere berühmte Prozeß ereignet, aber gewiß Das Vest (oder die Veste) neustadt wesentlichen verfaswäre die große Zahl der Ver- Gummersbach ist - wie übri- sungsstrukturellen Elemente fahren daran vorbeigegangen. gens im benachbarten Teil des für den hier verfolgten DarSüderlandes in der Region um stellungszweck ausreichend 6. Vest, Land und Amt Lüdenscheid auch - die gegen- vorgestellt (die Stadt hat als Gummersbach-Neustadt über dem Amt ältere Verwal- ortsspezifisches Rechtsgebilde und stammt aus sui generis in diesem flächenals Bezugspunkt für die tungseinheit einer Zeit, in der die verwal- deckenden Schema nur nachGeschichte der Freige- tenden und rechtsprechenden rangige Bedeutung und wurde richtsbarkeit im Raum Funktionen auf der ortsin- dementsprechend auch nur en Gummersbach-Bergneu- stanzlichen Ebene noch eng passant erwähnt). Eindrucksmiteinander verbunden wa- voll tritt die Umschreibung stadt ren, ja besser noch ineinander- des Dreiklangs verbal bei der liefen. Der Richter (iudex) Neukonzeption der AmtsverDie Feststellungen zur Einheit übte neben der Rechtsweisung fassung in statu nascendi herdes Süderlandes in puncto im Gericht auch Verwaltungs- vor. Anfang 1422 nennt HerFreigrafschaft schließen im aufgaben aus, zu denen bei- zog Adolf I. von Kleve seinen Ergebnis die Erkenntnis ein, spielsweise die Erhebung von Verwaltungsbeamten im märdaß die Entwicklung der Ve- Abgaben und der Glocken- kischen Amt Neustadt Dietmejustiz trotz des gleichzeiti- schlag für den Ruf zu den Waf- rich von Hetterscheid - es ist gen Nebeneinanders von zwei fen im Falle der Landesvertei- dies der spätere Freigraf - seioder drei Freigrafen keine digung sowie polizeiliche Auf- nen »Amtmann im Lande zur Spaltung in zwei getrennte Ge- gaben gehörten 26). Primär be- Neustadt und im Vest Gumrichtsbezirke bewirkte. Diese zeichnete der Begriff Vest da- mersbach« 27). Amt, Land und Logik stellt den Titel des Bu- mit einen Gerichtsbezirk. Er Vest sind hier in einer griffigen ches zur Diskussion. Weil an blieb in Kraft, als der Name Formel vereint. keinen spezifisch gerichtsorga- Amt Gummersbach in der Renisatorischen Begriff ange- gierungsnomenklatur erknüpft werden kann, ist es da schien, und verlor sich erst all- Nach solcher verfassungsberechtigt, von der »Veme im mählich nach der Verlegung rechtlichen Grundlegung gilt Vest, Land und Amt Gum- des Amtssitzes aus dem Kirch- es nun, den Standort der Freimersbach-Neustadt« zu dorf Gummersbach in die be- gerichtsbarkeit in Verbindung mit diesem begrifflichen Gesprechen? nachbarte Stadtburg, die Feste flecht auszuloten. Dazu sind (d.h. befestigte) Neustadt. vier Feststellungen zu treffen. Die Frage ist zu bejahen, da eben systematisch kein Zwang erkennbar ist, die räumliche Nicht jede Verwaltung oblag 6.1 Vom Freigericht liefen unAbgrenzung der Untersuchun- in alter Zeit aber dem iudex. mittelbare Verbindungslinien gen von einem im Gedanken- Deutlicher als anderswo tritt zu den stuhlabhängigen Güschema der Freigerichtsbar- in der Geschichte des südwest- tern im Gebiet des Vests, Lankeit wurzelnden Merkmal ab- lichen Teils des Süderlandes des und Amts Gummersbachhängig zu machen. Gewiß und der Grafschaft Mark ein Neustadt. Das Freigericht könnten ebenso gut der Verfassungselement hervor, stand geradezu im Zentrum »Raum Gummersbach-Neu- das als Land bezeichnet wird. des Netzes, dessen Fäden die stadt«, das »Gebiet Gummers- Dessen Metier ist recht eigent- Verbindungen der Freigüter bach-Neustadt« oder der »süd- lich eine mit Selbstverwal- zu ihm hin bildeten. Diese

Verbindungslinien gaben den Zahlungsströmen von den Freigütern zum Freigrafen ihre Richtung. Sie bezeichneten den Weg für die Mai- und Herbstbede. Darüber hinaus zeigten sie an, welchen Pfad der Tugend der Besitzer eines freistuhlabhängigen Gutes einzuschlagen hatte, wenn er die rechtsförmliche Bestätigung - Beurkundung - einer Rechtsänderung (Schenkung, Verkauf und Tausch, Verschreibung, Belastung usw. von Grundbesitz) beanspruchte. Die neun Freigüter, die im Jahre 1335 der Stadt zugewachsen waren, bildeten keine Ausnahme von der Regel. Auch sie lagen nicht auf städtischem Grund, sondern im vest-, land- und amtszugehörigen Umfeld der Stadt (nämlich zu »Milinchusen« b. Neustadt, Wiedenest und Sessinghausen)28). 6.2 Eine unmittelbare Radizierung im Territorium des Vests, Landes und Amts Gummersbach-Neustadt ergab sich auch aus der Wahl des Standorts für die Hegung des Freigerichts. Das trifft sowohl fiir den Gerichtsplatz zu Lützinghausen als auch für den Freistuhl zu Gummersbach und selbst für die Gerichtsstätte vor der Stadtburg Neustadt zu; denn auch der Umstand des Freigerichts Neustadt versammelte sich zur Verhandlung nicht in der Stadt - intra muros -. Extras muros, vor der unteren Pforte, die den Weg durch die Mauern nach Süden ins Dörspetal und weiter gen Westen nach Sessinghausen und in östlicher Richtung nach Wiedenest öffnete, hatte der Freistuhl seinen angestammten Platz. Da Neustadt eine »Kunststadt« war, d.h. eine künstliche Gründung, planvoll durch Rutger von Altena »auf dem Reißbrett entworfen« - so wird man wieder einmal in leicht feuilletonischer Anwandlung formulieren dürfen -, bildete die Stadtbefestigung zugleich die Grenze des Stadtgebiets. Ein vorstädtisches Gelände, wie es andere märkische Städte in der den Mauern vorgelagerten Feldmark besaßen, hatte Neustadt nicht29'. Ergo wurde der Freistuhl zu Neustadt vor der unteren Pforte von Fall zu Fall nicht auf Stadtgrund, sondern auf vest-, land- und amtszugehörigem Boden errichtet und besetzt. Anschaulich ist das u.a. auch der Rekonstruktion des Grundrisses Bergneustadt zu entnehmen, die Martin Müller nach den Urkarten von 1832 durchgeführt hat *)). Die Parzellen »aufm freien Stuhl«, die auf der Nordseite der Dörspe zwischen den Parzellen »vorm Tor«/»Ueferchen« und »in der Eibeck« verzeichnet sind (in Nord-Südrichtung zwischen der Burg und dem Böllhof), bildeten den westlichen Rand der Flur KleinWiedenest in den Grenzen von 1832. 6.3 Einen direkten Ausschluß aus der städtischen Rechts-

und Friedensordnung bescherten der Freigerichtsbarkeit die landesherrlichen Stadt rechtsprivilegien. Wie und mit welcher rechtlichen Wirkung (nämlich nur, was die Passivlegitimation, nicht auch, was die Aktivlegitimation, d.h. die Berechtigung, beim Freigrafen Rechtsschutz zu suchen, betrifft), ist im einzelnen weiter vom bei der Berichterstattung über »Gerichtsverfahren und andere Vorgänge der Frei- und Vemegerichtsbarkeit im Vest, Land und Amt Gummersbach-Neustadt« (vgl. Teil A des Buches) ausgeführt. Hier genügt nur noch einmal ein resümierender Hinweis auf das interessante »differenzierte Modell«, das ab 1369 in Neustadt galt: Während der Bürger innerhalb des Mauerrings der Stadt exemt war und vom Freigrafen überhaupt nicht belangt werden konnte, gewährte das Stadtrecht dem von draußen kommenden Vervemten vollen Friedensschutz an Sonn- und Markttagen, dem Recht des Heiligen Reiches und aller vermeintlichen oder vorgegebenen Schärfe und Grausamkeit des Vemerechts zum Trotz. 6.4 Von dem Umstand abgesehen, daß die Organe und Besucher des Freigerichts gern die gut befestigte Neustadt aufsuchten, um dort für ihr leibliches Wohl zu sorgen, um in der Stadt zu essen und zu trinken.

»Das Siegel des Vehm-Gerichts«, Frontispizkupfer - Medaillon - aus: Hütter, Karl, Das Vehmgerlcht des Mittelalters nach seiner Entstehung, Einrichtung, Fortschritten und Untergang, Leipzig 1793. - Das dacgestellte Objekt Ist die freie Nachbildung der Idee, wie sich ein Autor im 18. Jh. das Vemegerichtssiegel vorstellte. Realiter führten die Frei- und Vemegerlchte regelmäßig kein eigenes Siegel. Der Freigraf verwandte sein persönliches Petschaft. In der Bildmitte des von ihm benutzten Siegels stand allerdings dann, wenn das Siegel nicht sein Familienwappen trug, als Zeichen der Blutgerichtsbarkeit ein Schwert oder auch - wie hier - ein Ritter in Rüstung und mit Schwert. Ein derartiges Siegel symbolisierte in besonderer Weise Ansehen und Spruchgewalt. Abweichend von dem hier zur Abbildung gebrachten idealisierten Vemegerlchtsslegel bestand die Umschrift gewöhnlich aus dem Namen und Titel des Freigrafen: »NN+VRIGREVE«.

1061

zu übernachten und sich sonst die Zeit zu vertreiben, bleibt für eine Verbindung zwischen der Freigerichtsbarkeit und der Stadt nur die Teilhabe vieler Bürger und Bürgerfamilien aus Neustadt an der Rechtspflege, ihre Mitwirkung als Freischöffen im Unstand des Freigerichts und das gelegentliche Auftreten als Kläger 31). Gewiß ist das nicht wenig, zumal sich Bürger mit ihrem (Sach-)Verstand, Einsatz und Fleiß im Freigericht Neustadt nicht etwa nur in ihrer Eigenschaft als Verwalter eines der neun Freigüter einbrachten, die die Stadt im Jahre 1335 erworben hatte. Aber einen substanziellen Wert dergestalt, daß in der Zugehörigkeit eines Bürgers der Neustadt zum Gerichtsumstand des Freistuhls zu Neustadt gleichsam »durch die Hintertür« doch eine im städtischen Recht wurzelnde Privilegierung zum Vorschein gekommen wäre, hatte die Gerichtsgemeinschaft nicht; denn der Neustädter Bürger, der nicht Besitzer eines der neun städtischen Freigüter war, auch nicht das Ratsmitglied, der Bürgermeister oder Alt-Bürgermeister, wurde wie jeder andere ehrbare Mann »Wissender« im Freigericht, der die vemerechtlichen Voraussetzungen für die Wahl zum Freischöffen erfüllte, gleichgültig, woher er kam, ob er weit weg in der Grafschaft Mark, in den Herzogtümern Kleve, Jülich und Berg oder in einem west-, süd-, ost- oder norddeutschen Teil des Hl. Römischen Reiches lebte. »Echt und frei« mußte er sein und »ohne Missetat«, d.h. Charakterfestigkeit und Unbescholtenheit wurden für das Freischöffenamt verlangt, und freien Standes mußte der Kandidat sein, sonst konnte er nicht »wissend« werden, konnte er die Losung nicht kennenlernen, durfte er das Recht nicht mit-finden. Somit unterschied sich der Neustädter Bürger, der kein Stadt-Freigut besaß, in einem wichtigen Punkt von seinen freibäuerlichen Nachbarn im Vest, Land und Amt, die als Besitzer eines freistuhlabhängien Gutes ohne weiteres zum Gerichtsumstand zählten. Übrigens wird der Neustädter Bürgerschaft damit im historischen Urteil nicht etwa eine unübliche Sonderstellung zugewiesen. Schon 1896 hat Theodor Lindner generalisierend darauf aufmerksam gemacht, daß »alle Stadtbürger, welche bei Freigerichten auf dem Lande als mitwirkend erscheinen, erst Freischöffen geworden sein müssen und nicht ohne weiteres zur Teilnahme am Gericht berechtigt gewesen sein können« 32). Zusammengefaßt heißt das: - Die Verbindungslinien zwischen dem Freigericht einerseits und dem Vest, Land und Amt Gummersbach-Neustadt andererseits waren unmittelbar und stark. Der Kontakt zur 1062

Stadt Neustadt war von einer ganz anderen Art. Diese Verbindung muß man pragmatisch einschätzen. Sie bestand in der Begegnung, wie sie sich praktisch aus dem Alltag, d.h. aus den üblichen Lebensgewohnheiten, ergab. - Die wechselseitige Bindung, die dem Alltagsgeschehen entsprang, wird mit dem Begriffsmerkmal »Land« - Landschaft - erfaßt, das - wie oben ausgeführt - die Neustadt in die Klammer einbezog und nicht, wie Vest und Amt, vor der Klammer beließ. Auch aus diesem Gesichtspunkt dürfen deshalb Freigerichtsbarkeit und Stadt im Falle Neustadt keinesfalls wie Feuer und Wasser zueinander, d.h. als Antipoden aufgefaßt werden (das wäre ein schlimmes Mitverständnis). Kulturräumlich bestand zwischen den beiden Größen mehr Gemeinschaftliches als Abgrenzendes.

»Die Frei- und Vemegerichte in ihrer räumlichen Beziehung zur westfälischen Stadt« beschrieben habe 33>. Von den 70 Orten, die im späten Mittelalter Stadtrecht besaßen, schieden bei der Untersuchung nur 8 aus, die - nicht nur in Zeiten äußerer Unruhe, sondern regulär und mitten im Frieden einen Freistuhl innerhalb ihrer Mauern kannten oder (das war dann ebenfalls keine voll wirksam zur Geltung kommende Freigerichtsbarkeit in der Stadt) im Stadtgericht zugleich Königsbanngerichtsbarkeit wirksam werden ließen. Es waren dies die Städte Dortmund, Münster, Soest und Paderborn, d.h. vier der großen westfälischen Metropolen, sowie die Städte Warburg, Nienburg a.d. Weser, Korbach i. Waldeck und Halle i.d. Grafschaft Ravensberg, wobei bezüglich der Ausnahmestellung in einigen Fällen weitere Fragezeichen angebracht sind, weil die reguläre Ausübung

chungen des Rechtshistorikers Karl von Amira 36> darf man nicht bedenkenlos unterstellen, der Freistuhl vor der unteren Pforte zu Neustadt sei dort, im unmittelbaren Vorfeld der Stadt, auf Vest-, landund amtszugehörigem Grund und Boden fest installiert gewesen, etwa bestehend in einem aus Basalt errichteten Ensemble von Tisch, Bank und Hockern innerhalb eines ebenfalls aus Steinen oder Holzpfahlen kreis- oder ovalförmig abgesteckten Bezirks für die Gerichtsversammlung; lediglich das zur Symbolik und Ausführung der Gerichtsbarkeit benötigte bewegliche Gerät (Schwert, Strick und Gerichtsstab) sei ad hoc zum Gerichtstermin gestellt und mitgebracht worden. Solch eine oder ähnliche, auf einen dauerhaften körperlichen Gegenstand ausgerichtete Assoziation kommt leicht in den Sinn, wenn statt vom Freigericht vom Freistuhl die Rede ist. Hofrat / Hofgericht

Kaiser/König

Erzbischof von Köln ab 1467 auch: Graf Gerhard IL von Sayn Statihalici

Mandatare

| Fürsten

Herrschaften

Städte | Stuhlherr

Kläger

Appellant

Vorsprecher

Vorsprecher

Fürsten

Herrschaften

Städte

Freischöffen

Das Vemewesen auf einen Blick - eine schematische Übersicht. Nach allem erscheint die thematische Festlegung mit ihrer Beziehung der Frei- und Vemegerichtsbarkeit lediglich auf das Vest, Land und Amt Gummersbach-Neustadt ohne ausdrückliche Erwähnung auch der Stadt als sinnvoll, sachgemäß und korrekt. Für das allgemeine Verständnis ist in diesem Zusammenhang noch die Mitteilung von zwei älteren Forschungsergebnissen hilfreich. a).Dem Bild, das die oben dargestellte extrem lockere Verbindung der Neustadt zum Freistuhl vermittelt (in rechtlicher Hinsicht wohlgemerkt, nicht auch im faktischen Miteinander und Zueinander), entspricht die allgemeine Beobachtung einer rechtlich begründeten Freigerichtsfeme der in der Nähe von Freistühlen gelegenen Städte, wie ich sie - und ihre wenigen Ausnahmen - 1964 in dem Beitrag

von Freigerichtsbarkeit in der Stadt beispielsweise erst für die Endzeit der Vemejustiz im 16. Jh. belegt ist (so im Falle von Korbach), oder aus anderen Gründen 34'. Hinsichtlich der weiteren 62 Städte - unter ihnen Neustadt im märkischen Süderland - war der Nachweis darüber, daß die Frei- und Vemegerichte »vor den Toren«, »vor« oder »auf der Brücke», »in der Feldmark«, »bei« ihnen, »in der Nähe« usw., d.h. jedenfalls nicht »in« ihr lagen, schlüssig zu führen. Durch entsprechende dokumentarische Lokalisierung des Freistuhls zu Lüdenscheid, die 1979 mit der Auffindung einer Urkunde aus dem Jahre 1485 möglich wurde 35>, steigt die Zahl der seinerzeitigen Nachweise sogar auf 63. b) Nach den durch das berühmte, aus der zweiten Hälfte des 15. Jhs. stammende »Soester Femgerichtsbild« ausgelösten und auf breiter Grundlage durchgeführten Untersu-

Abweichend davon umschreibt Karl von Admira den allgemeinen Befund mit detailierten Quellenangaben folgendermaßen: »Die auf dem grünen Rasen stehenden Gerichtsgeräte, die den 'Freistuhl' ausmachen, sind von einfachster Art: eine vierbeinige Bank ohne Lehne und davor ein vierbeiniger Tisch (auch dieser in den Rechtsaufzeichnungen»Bank« genannt), beide aus Holz und tragbar. Der Freistuhl wurde also vor jeder Sitzung neu errichtet, allerdings immer an gesetzlicher d.h. an der nämlichen Stelle (legitimus locus. Lindner 63). Einen steinernen Freistuhl gibt es zwar »auf dem Königshof« oder »an der Königsstraße« vor Dortmund. Aber Anhaltspunkte für seine Entstehungszeit reichen ebensowenig ins Mittelalter zurück als wie für die Entstehungszeit der noch mehrfach erhaltenen steinernen Tische und Bänke mitteldeutscher Centgerichte (A.

Meininghaus, Die Dortmunder Freistühle, 17 ff.) Auch die Ausstattung der Gerichtsstelle mit einem Tisch entspricht nicht sehr altem Brauch. Die Bilderhandschriften des Sachsenspiegels kennen sie nicht. Erst Denkmäler des eigentlichen Spät-Mittelalters bezeugen sie. Die Femrechtsaufzeichnungen des 15. Jahrhunderts setzen sie voraus. Sie verlangen, vor dem Freigrafen sollen die Wahrzeichen der Femgerichtsbarkeit, Schwert und Strick, liegen (Gr. Rechtsbuch bei Troß 20, 33, in unserer Handschrift Bl. 22r., 24r., Rechtsb. bei Wigand, Femger. 557, Hahnsches Rechtsb 649). Wenn nun das Gemälde auf dem Gerichtstisch ein bloßes Schwert zeigt, so ist damit das Gericht als Strafgericht, eben als Femgericht, außer Zweifel gestellt. Auch das Tuch, womit der Tisch bedeckt ist, wird gelegentlich erwähnt (Wigand a.a.O. 560 »dey gedeckede banck«). Auffallen mag, daß man wohl das Schwert, nicht auch den Strick (die Wide) zu sehen bekommt. Aber auch die Texte nennen ihn nicht jedesmal neben dem Schwert. Möglich auch, daß man den Gebrauch des symbolischen Stranges nicht überall beobachtet. Das Schwert war das Zeichen der hohen Gerichtsbarkeit, eben der Femgerichtsbarkeit. Wo es keinen Gerichtstisch gab, hielt es der Richter in Ausübung des jus gladii in seiner Hand. S. die Dresdener Bilderhandschrift des Sachsenspiegels Bd. 11, Teil 1108f. Ebenso stellen sich mit dem Schwert in der Hand die Freigrafen auf ihren Siegeln vor (Abbildungen bei Usener a.a.O. Nr. 2, 7, 9-11, 13,15,20,27-29, Westfälische SiegelIVTaf. 118 Nr. 4,5). Erscheinen sie nicht in Person, so lassen sie sich oftmals durch das Schwert vertreten (Usener Nr. 1,5,12, 14,16-18,21,26). Daß der Richter, wo er einen Tisch vor sich hatte, das Schwert darauf legte, war eine auch sonst weitverbreitete Gepflogenheit (Dresdener Bilderhandschrift a.a.O. 110). Übrigens mußte der Freigraf das Schwert vom Tische nehmen, wenn er einem neuen Freischöffen seinen Eid abnahm, da dieser Eid auf das Schwert geschworen wurde.« Diese Beschreibung der Gerichtslokalitäten durch Karl von Admira mag geeignet sein, manche Illusion zu nehmen und vorgefaßte Meinungen zu tangieren. Aber das Gemälde, das hier mit vielen Worten und Vergleichen entworfen ist, wird durch den Bildschmuck des sog. Soester Femebuches (besser: Soester Vemebuches), des einzigen überlieferten Abbildes einer Vemegerichtsverhandlung aus der Blütezeit der westfälischen Veme, eindrucksvoll belegt. Deshalb gehört die Fotographie, die von dem »Soester Femgerichtsbild« hergestellt wurde, auch zu den wichtigsten und zugleich schönsten Illustrationen des vorliegenden Buches (vgl. Abb.).

für die frühe Zeit der Lützinghausen/Gummersbacher Freigerichtsbarkeit aufzuführen wären, bleiben also unbenannt. Ausschlaggebend für den Beginn der Listen in der Mitte des 14. Jahrhunderts ist der Umstand, daß in der Überlieferung für das Jahr 1351 der erste Freigraf mit Namen aufDie Gerichtsorganisation im taucht. Vemewesen ist ein Stufenkosmos im Kleinen. In dem 7.1 Könige/Kaiser Schaubild »Das Vemewesen Karl IV. von Luxemburg auf einen Blick - eine schema- 1346-1378 tische Übersicht« wird das Wenzel von Luxemburg deutlich (vgl. Abb. ). Der Kö- 1378-1400 nig/Kaiser stellt die Spitze dar, Ruprecht von der Pfalz er ist das Haupt des Gerichts1400-1410 zweigs. Ihm folgt mit abgeleiteter Kompetenz der Statthal- Sigismund von Luxemburg ter und Verweser der westfäli- 1411-1437 schen Freigerichte. Der Stuhl- Albrecht II. von Habsburg herr - nicht unbedingt ist es 1438-1439 immer und ausschließlich der Friedrich III. von Habsburg jeweilige Landesherr - steht 1440-1493 etwas darunter. Unter ihm der Maximilian I. von Habsburg Freigraf. Um ihn herum ist ein 1493-1519 Holzschnitte von Albrecht Dürer, aus: Kreis gezogen. Wie die verti- Ende der Freigerichtshoheit Links: >,Drei Bauem<<. rechts: »Bauer und seine Frau«, zwei Hol :38) Reiches Waas, Adolf, Die Bauei'n im Kampf um Gerechtigkeit, 1300-1525, München, 1964. - Bürger aus kale Abstufung ist auch das des des Reiches Neustadt und freie Bauern aus dem Vest Gummersbach bildeten den personellen Grundstock für symbolisch gemeint. Der Freidie Rechtsfindung der Frei- und Vemegerichte im Raum Gummersbach-(Berg-)Neustadt. graf leitet die Gerichtsverhandlungen. Er sitzt dem Um- 7.2 Reichsstatthalter der west stand vor. Im Gerichtsum- fälischen Freigerichte Lüdenscheid, des Gerichtsschreibers für alle Freigerichte stand können aber von Fall zu EB Dietrich II. von Moers Johann von Valbrecht 1450 Halver, Kierspe (Hülscheid seinerzeit im Süderland stattJohann Hackenberg d.Ä. Fall durchaus Angehörige hö- 1422 findenden . freigerichtlichen und Breckerfeld) zusammen. 1452-1484 (formeller Beginn der vollen herer Stände vertreten sein, Tielmann Bussenmeister 1464 Akte einschließlich derjenigen In der historischen Analyse Fürsten, Herzöge, Grafen und Statthalterschaft)- 1463 Johann Hackenberg d.J. bis am Freistuhl zu Neustadt ver- führt sie zu einer SchlußfolgeEB Ruprecht von der Pfalz Patrizier (im benachbarten sah, kann nicht mit letzter Ge- rung, die für die Landesge1498 Teil der süderländischen Frei- 1463-1480 wißheit angenommen werden. schichte im Umfeld des Vests, Wilhelm Hackenberg Graf Gerhard II. von Sayn grafschaft um Lüdenscheid Bezüglich des Freigerichts Landes und Amts Gummers1484-1521 (1531) kommt das unter der Stuhl- 1467-1478 Neustadt verhielt es sich wahr- bach-Bergneustadt höchst beherrschaft des Herzogs Adolf Administrator/EB Hermann Adolf Hackenberg 1514 (des- scheinlich so, denn Heinrich achtlich ist. Deshalb auch igniert) von Jülich und Berg sogar häu- IV. von Hessen 1474/80-1508 Adolf (von) Möllenbeck von Valbrecht besaß diesen dazu einige Bemerkungen: fig vor). Die Menge des Ge- EB Philipp I. Von Dhaun- 1531-1548 Stuhl wenige Jahre später richtsumstandes wird indes Oberstein 1508-1515 nachweislich mehrfach neben Regierung, Führung, StaatsJohann Hunt am Ohl von der großen Schar der Frei- EB Hermann V. von Wied 1539-1548 seiner hauptsächlichen Tätig- lenkung sind und waren zu alschöffen aus der Schicht des 1515-1547 keit im Zentrum der süderlän- len Zeiten nie nur eine Sache Severin von Freialdenhofen hodenständigen und auswärti- EB Adolf III. von Schauenburg dischen Freigrafschaft, bei Einzelner. Immer sind Ge1548-1578 gen Landadels, der einheimi- 1547-1556 und um Lüdenscheid in dem folgsleute, Ratgeber und BeQuirinvorderHöh 1583-1587 schen und auswärtigen Bürger- Ende der Wirksamkeit für die dienstete (Beamte) mitbeteiJohann vor der Höh ab 1587 gleichnamigen Vest. gemeinden sowie der süder- Freigrafschaft im Süderland ligt. So findet man sie fast alle Caspar Graertinus um 1600 ländischen Beamten- und 7.3 Stuhlherren auch in die süderländische VeGleichsam als Nachlese zur LiFreibauemschaft gestellt. Im- Graf Engelbert III. von der Peter Cronenberg ab 1603 mejustiz eingebunden, die den ste der Freischöffen wird aus(letzte Erwähnung: 1613) nterhin ist auch das noch ein Mark 1347-1391 drücklich darauf aufmerksam bergischen Herzog sonst, bei gesellschaftlich hochqualifi- Graf Adolf III. von der Mark 7.5 Freischöffen gemacht, daß keine außerwest- anderen Regierungsgeschäften zierter »Bodensatz«, der vom 1391-1393 Repräsentativ für den gesell- fälischen Wissenden aufge- unterstützten: Wesen der Entscheidungsfin- Graf Dietrich von der Mark schaftlichen Stand, dem sie führt sind, weder Angehörige - Johann von Landsberg, den dung her das eigentliche Fun- 1393-1398 und viele andere namentlich des niederen Adels noch Bür- bergischen Erbkämmerer und dament für die Vemerechtnicht aufgeführte Freischöffen Hofmeister, sprechung bildet. In diesem Graf Adolf IV. von der Mark angehörten, werden genannt: ger, die zur Erlangung des - Konrad von der Horst, der 1398-1413 Freischöffenamtes den Schöfcirculus der Gerichtsorganisa(...; im Text des Buches foldas Amt des Erbschenken vertion haben außerdem Frone (Herzog Adolf I. von Kleve) gen 67 Namen von Freischöf- feneid auf westfälischem Bo- sieht, den geleistet hatten und denen (1421-1448) Und Schreiber ihren Platz. fen. Auf einen Abdruck hier Graf Gerhard von der Mark im REIDEMEISTER wird durch einen Freigrafen die ge- - Dietrich von Langel, den heime Losung »Stock. Stein. - Erbmarschall »des lantz van 1413-1461 In dem später folgenden Ab- Herzog Johann I. von Kleve verzichtet, weil die Liste der Gras. Grein.« anvertraut und dem Berge«, Freischöffen aus Sicht der Lü- auf den Weg in die Heimat - Bernhard von Burtscheid, schnitt, der den allgemeingül- 1448-1481 tigen Feststellungen zum west- Herzog Gerhard II. von Sayn denscheider Freigerichtsbar- mitgegeben worden war. Nicht den bergischen Landdrosten, keit entbehrlich ist). fälischen Vemewesen gewid- ab 1467 daß von auswärts angereiste - Johann von Zweiffei, den met ist, wird auf die Organisa- Herzog Johann II. von Kleve Wissende im Freigericht Neu- Rentmeister des Herzogtums 7.6 Freifronen tion des Frei- und Vemege- 1481-1521 stadt bei der Urteilsfindung Berg, r ic^ts noch etwas ausführli- Herzog Johann III. von Kleve, NN überhaupt nicht mitgewirkt außerdem Amtsmänner wie Derick Stuyninck bis 1474 cher zurückzukommen sein. Jülich und Berg 1521-1539 hätten, aber im Vergleich zur Ulrich von Mentzingen zu Klaus Steinenhaus ab 1474 Hier, im Zusammenhang der Besetzung des Gerichtsum- Steinbach, Bürgermeister wie süderländischen Spezialia, ist Herzog Wilhelm V. von Kleve, standes im benachbarten Teil Adolf von Schlebusch zu Wip7.7 Gerichtsschreiber beabsichtigt, die Gerichtsper- Jülich und Berg 1539-1592 der süderländischen Freigraf- perfürth und Richter wie Volsonen listenmäßig zu erfassen, Herzog Johann Wilhelm von NN schaft um Lüdenscheid hatte pert, ebenfalls aus Wippersoweit Namen genannt wer- Kleve, Jülich und Berg Albert Stuten (?) 1433 der nicht-heimische Anteil der fürth "»<». den können. Aus ohne wei- 1592-1609 Jakob Schorr 1587 Freischöffen bei den Sitzunteres verständlichen Gründen Aufgehen/volles Verschmelgen des Freigerichts Neustadt Räte41)bei Hof, Räte von Haus zen der Stuhlherrschaft in/mit können die Freischöffen dabei Das Fragezeichen hinter dem längst nicht das dort zeitweilig aus , Amtspersonen, Gutsherren, Ritter, noch einmal: nur schwerpunktmäßig nach der Landesherrschaft Namen des Gerichtsschreibers überragende Gewicht. Vertraute des Landesherm, Maßgabe ihrer soziologischen Albert Stuten weist auf die Untreue Bedienstete aus allen Stellung im Süderland angege- 7.4 Freigrafen und Freischult- gewißheit hin, die darin beben werden. Vollständigkeit heißen steht, daß der Namensträger Für den nordöstlich gelegenen Teilen des Herzogtums waren ist angesichts der Quantitäten, Johann von Sessinghausen 1433 als »lantschreiber der Abschnitt der Freigrafschaft Urteiler in den Freigerichten mit denen zu rechnen ist, nicht 1351 vrijenstole yme suderlande«, fällt- beispielsweise die starke Lüdenscheid, Halver und geboten. Um zu straffen und Klaus (Nikolaus) von Wilken- d.h. als Landschreiber der Einschaltung des bergischen Kierspe (eventuell auch: Hüldie Übersicht auf Wesentli- brecht (-berg) 1422 Freistühle im Süderland, be- Landadels auf. Sie hing mit scheid und Breckerfeld). Für c hes zu beschränken, gehen Dietrich von Hetterscheid zeugt ist39). Als solcher war er der Stuhlherrschaft des Her- die geschichtliche Soziologie die Namenlisten über die 1430-1439 damals für den Freigrafen zogs Adolf I. von Jülich und ist das ein nicht zu unterschätMitte des 14. Jhs. nicht hin- Heinrich von Valbrecht 1437, Heinrich von Valbrecht tätig. Berg in den Jahren von minde1063 aus. Die Herschernamen, die 1440, 1444 Ob er tatsächlich den Dienst sten 1426 bis 1437 über die

7. Die hierarchische Ordnung der Freigerichtsbarkeit im Vest, Land und Amt Gunimersbach-Neustadt in namentlicher Darstellung von 1350 bis 1600

zender Faktor. Denn damit stellte die bergische Bevölkerung durch ihren Adel wichtige Vertreter für die westfälische Vemejustiz ab und das nicht nur durch den Adelsstand, auch bürgerliche Patrizierfamilien und aus dem Bauernstand stammende Amtsträger beteiligten sich. Die bergische Bevölkerung diente in dieser exzeptionellen Weise dem in der Reichsverfassung sich gründenden Friedensschutz im ganzen deutschen Sprachraum. Wo hat es etwas Vergleichbares gegeben, daß Repräsentanten eines Territoriums so bestimmend an der Justiz auf dem Boden eines Nachbarterritoriums beteiligt waren? Weit und breit ist keine Parallele zu dieser typisch bergischen Entwicklung zu sehen, die sich aus der Stuhlherrschaft des jülich-bergischen Landesherm in einem Teil des märkischen Süderlandes ergab.

8. Die soziologische Bedeutung der Frei- und Vemegerichtsbarkeit im Vest, Land und Amt Gummersbach-Neustadt Weil der König/Kaiser die höchste Potenz im westfälischen Vemewesen darstellte, möchte man meinen, daß die Geschichte der Frei- und Vemegerichtsbarkeit so recht geeignet sei, bei der Niederschrift an die Tradition älterer überkommener Geschichtsschreibung anzuknüpfen, die ihr Ideal in dem Aufspüren und der Verherrlichung königlichen Glanzes und kaiserlicher Pracht sah. Geschichtsschreibung gefiel sich lange Zeit in der Rolle, Herrschergeschichte zu formulieren. Die moderne Geschichtswissenschaft vollzieht insofern einen gründlichen Wandel. »In die Narration werden Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Kulturund Mentalitätsgeschichte, Geschichte des Alltags, Politik- und Militärgeschichte integriert«, heißt es in der Verlagsankündigung eines großen mehrbändigen Geschichtswerks des letzten Jahrzehnts 42'. »Geschichte des Alltags«, das ist aus dem Zusammenhang dieses Zitats das Stichwort für viele moderne Forschungsvorhaben und Darstellungen, die sich zum Ziel gesetzt haben, das Leben der Menschen aller gesellschaftlichen Schichten in ihrer Zeit zu ergründen, d.h. Freude und Leid, Sehnsüchte und Befriedigungen, Bildungsgewinne und Identitätsverluste des Bauern und Bürgers, des Angehörigen eines adeligen oder des geistlichen Standes, der Männer, Frauen und Kinder in Stadt und Land, der Beherrschten und der Herrscher aus den verfügbaren Quellen zu ertasten. Ist doch das späte Mittelalter die Zeit, für die erstmals in der deutschen Geschichte - vieles aus vielen Lebensbereichen der Menschen ermittelt und beschrieben wer1064

beriefen sich die westfälischen Freigrafen immer auf ihre Legitimation vom Reich. Im Namen von Kaiser und Reich sprachen sie Recht. In die Acht des Hl. Römischen Reiches Der Fürst, Herzog, Graf .und verbannten sie die überführRitter selbst oder sein vielten Delinquenten. Als des Hl. leicht gelehrter Prokurator Reiches Gerichte bezeichneund der schlichte, des Schreiten sie die Freistühle, denen bens und Lesens soeben für sie im Süderland vorstanden. den Dienstgebrauch Kundige Auf dasselbe Hl. Römische reisten nebeneinander auf Reich bezogen sich aber auch denselben oder verschiedenen die Besucher, wenn sie ihren Wegen zum Westfälischen GeRechtsstandpunkt verteidigricht. Was ging in den Köpfen ten. Der Reichserbmarschall. vor, woran dachten die BesuHaupt II. von Pappenheim zu cher, was teilten sie - am ZiePappenheim, einer der besonlort angekommen und dort ders treuen und lang dienenmehr oder weniger lange verden Wegbegleiter des Königs weilend - mit? Die Antwort, und Kaisers Sigismund von die im folgenden versucht Luxemburg bei Hof und im wird, löst sich wieder vom Umherziehen von RegierungsGanzen des westfälischen ort zu Regierungsort, vom jePhänomens Veme und beanweiligen Aufenthaltsort im sprucht Gültigkeit auch für die Feldlager und aus der Schlacht kleine Welt des Gumersbachzurück in die Residenz, dieser Neustädter Landes. hochkarätige und weltgewandte Staatsbedienstete Den einen Besucher bewegten wußte, wovon er redete, wenn nur Überlegungen, die auf den er sich bei der Aussprache mit Gegenstand der Rfeise an den Herzog Adolf I. von Jülich und Freistuhl gerichtet waren, anBerg, dem Stuhlherm über sonsten verloren sich seine Gemehrere süderländische Freidanken in unwesentlichen Gegerichte, oder bei der Verfielden oder aber drehten sie handlung seiner Vemesache sich nur um die eigene Person. am Freistuhl zu Lüdenscheid Eines anderen Kopf war voll auf die Rechtsordnung des Hl. von Problemen, Erlebnissen, Reiches berief 43). Ebenso inSorgen und Erwartungen, die formiert und versiert waren ihn stets mit der Heimat verdie Bevollmächtigten des banden und nur partiell freigaMarkgrafen von Brandenburg und Burggrafen von Nürnberg, immerhin eines ReichsK»» fürsten der ersten Garnitur, nämlich im Range eines Kurfürsten, wenn sie am Freistuhl zu Neustadt für ihren Herrn und für dessen Schutzbefohle— J *B*-I /-^ nen agierten. Entsprechendes gilt für die Gesandten des Kurfürsten von der Pfalz aus Heidelberg und des Herzogs von Bayern aus Landshut oder des Grafen von Nassau-Saarbrükken, wenn sie am Freistuhl zu Neustadt auftraten (um nur die vielleicht wichtigsten Beispiel zu erwähnen). Was sie, die sie selbst oder deren Herrschaften in die weit verästelte Reichspolitik, in Strategie und Diplomatie des Reichsregiments, eingeweiht waren, aus diesem Bindungsgeflecht für das süderländische Publikum preisgaben und berichteten, läßt sich selbstverständlich auch nicht im geringsten erahnen. Aber wenn auch noch so wenig nach außen drang, so trug schon dieses Etwas dazu bei, das im Norden Deutschlands gegenüber dem Süden vorherrschende BewußtseinsT«rnfori'a(gr«>iJo defizit »von der Einbettung einer Landschaft in das KiVdiiju'cf- 6renjt Reich« 44) abzubauen und zu verringern. K/rchart Daß sich a priori eine entsprei Klfehe/ m 6»r cWi Ka-jdaWfunkirj ytm Lefcn^encU chend positive Wirkung auch 3*1« d«n wwrJ«. schon aus der aktiven Teilnahme beachtlicher Bevölkerungsteile an der Ausübung von Reichgerichtsbarkeit erSfilKfosfir leAnjut 4 gab, versteht sich sogar von selbst. Der auf eigener Scholle sitzende Freibauer, der von billig» ßlfMrra. seiner bodenständigen HerIF kunft und von der elterlichen Der Stillekinger Lehnsverband mit seiner bemerkenswerten Ausdehnung auf das Gebiet des Vests Erziehung her mit seinem ganGummersbach; hier: Nachdruck der Kartenskizze »Die Stilkinger Freilehen im Süderland (rd. zen Wesen auf das Land als 1400-1800)« aus: Westfälische Forschungen, 18. Band, 1965, Seite 145. Kultur- und Lebensraum ausden kann, weil die Quellen, aus denen zu schöpfen ist, gegenüber früheren Epochen üppiger und frischer fließen. Diese knappen Hinweise mögen als gedanklicher Ansatz ausreichen, um das Motiv für die nachfolgenden Ausführungen zu erklären. Die dauerhafte Existenz des Freistuhls zu Neustadt und die überragenden Aktivitäten der an ihm wirkenden Freigrafen führten Scharen von Besuchern aus Nah und Fem nach Neustadt in die Stadt und in das die Stadtburg umgebende Vest, Land und Amt. Hochgestellte Herren adeligen Geblüts und Knappen derselben befanden sich wohl weniger darunter als im benachbarten Teil der süderländischen Freigrafschaft um Lüdenscheid. Dafür kamen aber Boten bedeutender Reichs-, Bischofsund Residenzstädte, aus Handelsmetropolen, Messe- und Marktzentren nach Neustadt. Nicht selten waren sie keine einfachen Botengänger, die nur und nichts anderes im Sinn hatten, als das ihnen anvertraute Schriftstück und den mitgegebenen Obulus für das Freigericht schnell loszuwerden. Ehrwürdige Ratsherren, Exbürgermeister oder Amtsträger in spe, weit- und geschäftsgewandte Kaufleute und Handelsherren zählten dazu. Allen Bildungsgeschich-

ten, meist wohl sogar den Schichten mit gehobener Bildung, entstammten die Besucher. Sieht man aufs Ganze, dann ist zu sagen:

ben für die eigentliche vemerechtliche Mission. Und mehr noch: Der eine war ein verschlossener Typ, der zwar gut zuhörte, wenn ihm Leute etwas aus dem Leben im Süderland und in der Grafschaft Mark erzählten, der selbst aber nichts oder wenig über die Wirkungsabläufe und aus der Lebensgeschichte seiner Heimat beitrug. Der andere zeigte sich aufgeschlossen und mitteilsam und brillierte geradezu redelustig, wenn Neugier und Wissensdurst der Neustädter, Wiedenester und Gummersbacher dazu einluden, wenn die Herrschaften und Landleute aus dem Aggertrog und von den Höhen des Süderlandes baten, zu erzählen und zu berichten, wie es in der ihnen unbekannten fernen Heimat des Gastes zuging, was sich in den Städten und Ländern im weiten deutschen Reich, in den Handelszentren und an den Regierungssitzen ereignete, worüber man dort nachdachte, über welche Entwicklung man sich freute oder was einen bekümmerte, in Politik und Religion, in Kriegs-, Fehde- und Friedenszeiten, wovon auch immer das Herz so voll war, daß der Mund überfloß. Nur wenige Beispiele mögen das konkret beschreiben. Sie drängen dich geradezu mächtig auf: Nicht ohne berechtigten Stolz

gerichtet war, durchbrach allein schon mittels seiner Präsenz und Aktivität im Umstand eines Reichsgerichts den von Natur aus vorgegebenen engen Horizont seiner Landschaft. Um wieviel deutlicher wurde das auch für ihn im Umgang mit Repräsentanten oder Bediensteten der Reichsgewalt oder mit deren Abgesandten. Begegnungen der einheimischen Bevölkerung mit einem derartig farbig zusammengesetzten Besucherkreis erweiterten zwangsläufig den eigenen Interessen- und Bildungshorizont. In einer Zeit, die die modernen technischen Kommunikationsmittel noch nicht kannte und deren menschliche Vorstellungskraft die dem heutigen Zeitgenossen selbstverständlichen Medien des 20. Jhs. nicht einmal im Ansatz erfaßte, bedeutete ein solches Begegnungsfeld mehr, als sich der moderne Mensch normalerweise vorstellt. Zeitung, Funk, Femsehen wurden durch das Zusammentreffen und den Dialog mit den von weither kommenden Menschen ersetzt. Bildungsgewinn" im besten Sinne bezogen die Süderländer immer dann daraus, wenn ernsthaft diskutiert wurde. Was das aber für eine Zeit ohne organisierte Erwachsenenbildung bedeutete, vermag auch wiederum nur der einzuschätzen, der die Gabe hat, sich mit Phantasie in die Denk- und Lebensweise der Gesellschaft des späten Mittelalters einzufühlen. Die Gerichtsverhandlungen selbst waren sicherlich nicht der Ort für die dargestellte Art von Konversation und Kommunikation. Hier ging es um die Erledigung der Rechtsprobleme. Wort und Widerwort und wiederum das Wort waren streng auf die Sache gerichtet Und nur darauf. Die mittelalterlichen Rechtsregeln folgende Hegung des Gerichts lief betont formalistisch ab. Immerhin waren auch die Hegungsformeln, die regelmäßig in Frage und Antwort bestanden ''5)) uncj erst recht die sich anschließende freie Meinungsäußerung bei der Urteilsfindung für die Geistesbildung der aus dem Süderland stammenden Freischöffen und sonstigen Umständer ein weiterer wichtiger Faktor; denn der Einsatz, der darin bestand, eigenverantwortlich bei der Durchsetzung von Recht, Ordnung und Freiheit mitzuwirken, stimulierte die Lebensfreude schlechthin. - Doch zurück zur gesellschaftlichen Bedeutung der Begegnung von Menschen aus unterschiedlichen Schichten und Regionen: Die streng formalistische Vertretung im Rechtsstreit vor Gericht war die eine Seite, der Besuch in Neustadt und im Süderland, die Begegnung am Rande des Gerichts, vorher und danach, im Gasthaus und in der Herberge im Familienkreise, war die andere Seite. Besonders die Stadtburg Neustadt verdient in diesem Zu-

sammenhang Aufmerksamkeit; denn, wie hat doch jemand treffend den »Hauptberuf einer Stadt« bezeichnet und damit schon für die Zeit des Mittelalters die zentralörtliche Funktion des städtischen Gemeinwesens beschrieben?: »Mittelpunkt ihrer Umgebung zu sein« 46K Dort übernahmen die Boten aus allen Himmelsrichtungen des Hl. Römischen Reiches die Rolle des Botschafters für Nachrichten und Ereignisse, dort wird jeweils nach dem Temperament der Übermittler eine Nachrichtenbörse funktioniert haben, die man sich nicht lebhaft und umsatzstark genug denken kann. Aus heutiger Sicht kann man das Ergebnis dieses Exkurses des Versuchs eines Einstiegs in die spätmittelalterliche Soziologie im Land an der oberen Agger - auch so formulieren:

telalterlichen Gesellschaft zu befürchten ist. Auch die Beweglichkeit der Menschen, ihre mobilen Möglichkeiten bei der Raumüberwindung werden in der deutschen Sozial- und Soziologiegeschichte seit einiger Zeit, beispielsweise von Peter Moraw 47), eindrucksvoll und ebenfalls überraschend für uns herausgestellt, die wir glauben, erst das Auto und die Eisenbahn hätten die Menschen und Gruppen beweglich gemacht. Übrigens ist diese Mobilitätskomponente genau genommen eine interessante Variante desselben Phänomens, das im Abschnitt vorher mit dem Bildungszuwachs aus mehr Begegnung beschrieben wurde. Denn die große Beweglichkeit war die nicht hinwegzudenkende Ursache für mehr mitmenschliche Begegnung, die ihrerseits den Bildungsgewinn begründete.

»Vemewrogig« - vemewürdig, Linolschnitt von Eberhard Fricke, 1950. - Die Phantasie bringt Delikt und Exekution oder Tat und Galgen oder - konkret zur Sachkompetenz des Frei- und Vemegerlchts - Totschlag (»homlcidium«), schwere Verwundung (»vulnus apertum«), Brandstiftung (»Incendium«) und Strick zum Ausdruck.

Die Veme durchbricht die von den Möglichkeiten technischer Nachrichtenübermittlung vorgegebene räumliche Enge. Via Veme wird das übrige Deutschland, werden die fernab gelegenen deutschen Herrschaften und Landschaften, ja, wird insbesondere sogar das Hl. Reich Denkfigur für den aufgeschlossenen Menschen des Süderlandes. Die Gefahr einer Überbewertung dieses erstaunlichen Phänomens besteht ebensowenig, wie sie für die früher bewußt oder unbewußt verkannte enorme Mobilität der spätmit-

Wenn nun noch berücksichtigt wird, daß verglichen mit der heutigen pluralistischen Gesellschaft die innere Nähe der Menschen zueinander, ihre Kollektivität im Unterschied zur heute bevorzugten Individualität 48>, im Mittelalter größer war, dann ist das vielleicht das letzte noch fehlende Glied in der Argumentationsreihe, mit der das Ziel verfolgt wird, die soziologische Bedeutung zu ergründen und zu beschreiben, die von der Veme ausging. Gerade wegen dieser unterschiedlichen Grundbefindlichkeiten, in denen die Menschen früher lebten und heute

denken und fühlen, wurde der Versuch nicht gescheut, die atmosphärischen Wirkungen aufzuspüren, die sich in der Begegnung von Gast und Gastgeber, Besucher und Besuchtem, unweigerlich einstellten. Zur Rechtfertigung, zugleich aber auch die Ambivalenz und Unvollkommenheit eines solchen Unterfangens erkennbar machend, wird zum Schluß dieses Abschnitts Alois Gerlich mit dem letzten Satz seines vortrefflichen Werkes über die »Geschichtliche Landeskunde des Mittelalters, Genese und Probleme« 49> zitiert: »Man darf und soll den Menschen früherer Zeiten so nahe kommen wollen, wie dies nur möglich ist in umfassender Schau auf ihre Existenz in jenen Lebensräumen. Doch: Wer kann je ganz Empfinden, Denken, Wollen, Handeln, Glück, Leid und Versagen in allen Ür- und Beweggründen ausloten?« Noch unter einem ganz anderen Aspekt begünstigte die Frei- und Vemegerichtsbarkeit im Vest, Land und Amt Gummersbach-Neustadt die Wohlfahrt der Menschen, die in den sechs Kirchspielen mit ihren elf Bauerschaften und in der Feste Neustadt lebten rund 4000 Leute, über zwölf Jahre alt, dürften das nach den Schätzungen von Günter Aders gewesen sein, 3500 Amtseingesessene und 400 bis 600 Bürger und Einwohner in Neustadt 50>. Heimatbewußtsein und ein gewisses Maß an Stolz für eigene Leistungen darf bei ihnen getrost unterstellt werden. Mit »Hummel Hummel« - von »Hummer Hummer« herkommend - und der Antwort »Mors Mors« grüßen sich die Hamburger in aller Welt (hier ist sie wieder: die Losung, die den Gleichgesinnten erkennen läßt, wie in vergleichbarer Weise im Mittelalter westfälische Freischöffen einander mit den Worten »Stock. Stein.« und der Antwort »Gras. Grein.« begegneten). »Stiärt« sagt der Lüdenscheider selbstbewußt, wenn er einen in die Heimat verliebten Bergstädter im Ausland trifft. »Stiärt« antwortet der so Begrüßte. Schon ist ein inneres Band geknüpft. Man -kennt sich, man freut sich. Und wiederum voller Stolz folgen die Gedanken allen Werten, die mit dem Namen der Heimat in die Welt hinausgehen, künden sie doch von der Kraft der Heimat, der zuzugehören und mit der stets verbunden zu sein dem so Empfindenden vergönnt ist. Ob es Güter oder Persönlichkeiten sind, Industrieprodukte, Schriftsteller, Maler oder Musiker, Mannschaften oder einzelne Sportler, die den Namen des Heimatortes verbreiten, ist gleichgültig. Das ist - noch - heute so, das war zur Zeit der Mütter- und Vätergenerationen nicht anders.

Osemundschmieden und Hammerwerke die Namen Gummersbach und Neustadt weit über die Vest-, Landes-, Amts- und Stadtgrenzen hinaus. Feuerwaffen aus dem Vest, Land und Amt Gummersbach-Neustadt, Neustädter Hakenbüchsen und Harnische gelangten in die entferntesten Gegenden des Kontinents (bis nach Rußland 51)). Der Gummersbacher und Neustädter Handel und Marktverkehr 52) öffnete ein Tor zur Welt. Der Herkunftsname wurde zum Gütesiegel, durchaus dem modernen »made in ...« vergleichbar, und tat der einheimischen Bevölkerung wohl. An dieser Wirkung und Rückwirkung hatte die Veme mit ihrem Herkunftshinweis auf Neustadt einen gleichwertigen Platz. Die Rechtsprechung, die von dem Freistuhl zu Neustadt ausging, darf mit gutem Grund als wichtiger immaterieller Exportartikel aufgefaßt werden, dessen weite Verbreitung die einheimische Bevölkerung, soweit sie dafür aufgeschlossen war, mit Befriedigung, Genugtuung und gewiß auch berechtigtem Stolz begleitete.

In einer letzten Bemerkung zur Sozialwirkung der Veme im ländlich-städtischen Bereich des märkischen Süderlandes soll auf den im Vergleich zu anderen westfälischen Landschaften überragenden Freiheitsimpuls hingewiesen werden, der in dieser Region seit den Zeiten der sächsisch-fränkischen Landnahme ohnehin stets spürbar gewesen und durch die Jahrhunderte wach geblieben war. In den 50er und 60er Jahren habe ich dieses Phänomen vor dem Hintergrund älterer Arbeiten, insbesondere der profunden Dissertation von Richard Graewe »Freie, Freigut, Freistuhl in den ehemaligen Freigrafschaften Hülscheid und Lüdenscheid« 53, und an Hand der dem Güterverband der Herren von Neuhoff zum Neuenhof zugehörigen Stillekinger (auch: Stilkinger) Freilehen untersucht 54>. Eine Relevanz der Forschungsergebnisse für den Raum Gummersbach-'Bergneustadt ergibt sich daraus, daß Stillekinger Lehngüter nicht nur im nahen Umkreis des Hauses Neuenhof b. Lüdenscheid, nänriieh in den Kirchspielen Lüdenscheid, Kierspe und Meinerzhagen, belegen waren, ihre Verbreitung vielmehr bis in das Gebiet an der oberen Agger reichte. In concreto: Dem Stillekinger Lehngericht zugewandte Bauemstellen befanden sich im Kirchspiel Lieberhausen (die Lehngüter zu Drieberhausen mit zwei Sohlen, in der Becke, zu Bredenbruch mit drei Sohlen, auf dem Heiberg, im Schlunge zu Lantenbach, »ufm Hof« zu Lieberhausen, in der Seßmer Hardt) und im Kirchspiel Müllenbach (dort die Lehngü55 Im 15. und 16. Jh. trugen die ter auf dem Ünnenberg) >. Produkte der einheimischen 1065

Die soziologische Bedeutung dieses auf weitgehender Selbständigkeit und Unabhängigkeit der Gutsbesitzer basierenden Lehnsverbandes habe ich seinerzeit u.a. wie folgt beschrieben 56>. - »Die Tatsache, daß die Stillekinger Vasallen nicht in einer in Dienstpflichten sich erweisenden lästigen Lehnsabhängigkeit vom Herrenhofe lebten, ist symptomatisch für die soziologische Stellung des Bauern im märkischen Sauerlande. Es zeigt sich hierin, wie im süderländischen Bauernstände die alten Freiheiten wach und erhalten blieben. Ja, wenn jemals Lehndienste im Stillekinger Verband verlangt wurden, (...), so verstand es der Stillekinger Lehnmann, diese Dienste abzuschütteln und eine sehr weit reichende Unabhängigkeit zu erobern und zu bewahren. In diesem Falle war die soziale Tat noch erstaunlicher, zumal der Freiheitsdrang in einer Zeit lebendig war, in der in anderen Gegenden des Reiches bäuerliche Freiheiten zugunsten von Gutsuntertänigkeit und Hörigkeit beseitigt wurden, und der Landmann - besonders auf dem flachen Lande - in patrimonialgerichtliche Abhängigkeiten geriet«. - »Noch einmal ist hier auf die Freiheit hinzuweisen, in der die Bauern lebten und wirkten, und die ebenfalls nicht zuletzt die herausgehobene Stellung unterstreicht. Der Stillekinger Bauer hatte die Unterschiede zwischen Freiheit, Hörigkeit und Unfreiheit überbrückt. Wenn er auch nicht in den höheren Stand zu voller , Berechtigung des niederen Adels einbrach, so sind doch zwei positive Feststellungen möglich: - Der Stillekinger Vasall durchbrach das an sich dem Ritterstande vorbehaltene Lehnssystem nach unten und rückte mit Hilfe des Lehnrechts zum Freienrecht auf, so daß er den vollfreien Bauern des Süderlandes gleichberechtigt zur Seite stand. - Die Kraft zu dieser sozialen Leistung bezog der Stillekinger Lehngenosse tatsächlich aus dem Feudalrecht, das in umfassendem Ausmaße den Treuegedanken verwirklicht hatte. Denn in vergleichbarer Weise vollzog sich die Entwicklung im Großen, wo in Deutschland aus dem Lehnrecht ebenfalls den Vasallen des Reiches, also den auf tieferer Stufe unter dem König stehenden Lehnträgem, starke Kräfte zuwuchsen«. Mit anderen Worten und knapper gefaßt heißt das: Die Stillekinger Freilehen mit ih,, rer bis zu einer rudimentären Restgröße gelockerten Abhängigkeit der aufsitzenden Vasallen ermöglichten den Besitzern Selbstverwirklichungschancen in einem Maße, das 1066

9. Kompetenzen: Die sachliche, personelle und örtliche Zuständigkeit des Freistuhls zu Neustadt 9.1 Die Sachkompetenz An vemerechtlichen Streitgegenständen lassen sich aus den Neustädter Vorgängen folgende Sachverhalte herausfiltern: 9.1.1 Gegen das Leben gerichtete Straftaten -Mord (1437/40) - Mordbrennerei (1477) 9.1.2 Körperverletzungen - Foltem, Martern (1463, 1464, 1548) - Würgen am Hals (1548) 9.1.3 Strafbare Handlungen gegen die persönliche Freiheit - Freiheitsentzug mit Gefangennahme (1437/40, 1463, 1467, 1548) - Entführung (eines Leibeigenen, Hörigen oder Knechtes) (1459) - Vertreibung von Frau und Kind (1548) 9.1.4 Eigentumsdelikte (teilweise verbunden mit Sachbeschädigungen) -Straßenraub (1477) - Diebstahl beweglicher Habe ' lOBLEIIZ in einer Kirche (1459) t BOPPABO Pferde-, Viehdiebstahl J SALZIG * ST.O0AÄ (1465-1479, 1548) r BACaifiACB • OBEBDIÜBICH - Diebstahl eines Schiffes mit > BHETZE»älIN I UCUHHEIH Zubehör(1548) - Beschlagnahme (Besitzere KIEESTSII greifung) beweglicher Habe (1459-1461) - Eigentums-(Besitz-)entzug mit Vermögensschädigung Die räumliche Reichweite der Frei- und Vemegerichtsbarkeit im Vest. Land und Amt Gummers- (1460, 1548) bach-Neustadt. - Wg. der Legende vgl. Abschnitt 9.3 des Textes. - Unterschlagung von Handelsgut (Tuchen usw.) (1480) erheblich höher zu veranschla- rungsteile im Einzugsbereich hener Familien, und Arme gen ist als der Freiheitsraum, von Agger, Volme, Verse und ...Es gab Unterschiede im 9.1.5 Ehrverletzungen Dorfe, versteht sich, und all- - Verleumdung (Diebstahlsin dem sich in anderen Gegen- Lenne lebten. mählich liefen die einen den und Körperverletzungsvorden die dort massiert auftretenden Grundhörigen (Halb- Eine letzte Bemerkung zur anderen, der Mehrzahl, davon wurf), Beschimpfung und Verfreie, Bruchteilsfreie, Wach- mittelalterlichen Soziologie und bildeten ein »Dorfpatri- höhnung (1480, 1484) zinspflichtige und in anderen im Süderland: »Der tumpe ge- ziat«. Was O. Borst hiermit qualifizierten Abhängigkeits- bur« - der unwissende, rohe, (nach K.S. Bader) feststellt, 9.1.6 Mißbrauch von Ververhältnissen lebenden Bau- unbedarfte Bauer -, so über- trifft akkurat nicht nur für die trauen ern) bewegen konnten. schreibt Otto Borst ein Kapitel in dörflichen Zusammen- - Bruch einer Geleitzusage seines Buches »Alltagsleben schlüssen lebenden Bauem zu. (1460) Nun zur Kernaussage dieses im Mittelalter«57), um im Text Es hat ebenso Gültigkeit für - Bruch eines in die Hand versprochenen Gelöbnisses weiteren Exkurses: Eine Sym- dann aber, eindrucksvoll die (1469) die auf weit verstreuten Einbiose der mit den Stillekinger Denk- und Lebensweisen des Lehen verbundenen Freiheits- Bauemstandes gerade auch im zelgehöften sitzenden Land- - Entlassung aus einem sphäre und der Bauemfreiheit späten Mittelalter analysie- leute, insbesondere dann, Dienstverhältnis (1459-1461) auf Freigrafschaftsebene, mit rend, darauf aufmerksam zu wenn sie in Gemengelage mit der ebenfalls volle Dienstfrei- machen, daß die »tumpheit« anderen, verschiedenen Ver- 9.1.7 Klärung von Herrschaftsheit und weitgehende Unab- des Bauem nicht ohne Vorar- bänden und Rechtskreisen zu- verhältnissen hängigkeit von Lasten einher- teil ihren Platz in der allgemei- gehörigen Bauem zusammen- - Zugehörigkeit zum Erzbisgingen und für die - wie weiter nen Anschauung gefunden lebten. Das bäuerliche Patri- tum Köln oder zum Gottesvom dargestellt - wegen der hat. Im Grunde meint man ziat bildeten auch hier die in haus Dietkirchen a. d. Lahn (1499) Einbindung in die Reichsge- wohl gar nicht die »tumpheit« richtsbarkeit mit allen ihren »im Sinne eines dumpfen, blö- ihren Freiheitsrechten am weeingeschränkten 9.1.8 Rechtsverweigerungen Folgen die Überwindung gei- den Verstandes, vielmehr eine nigsten Grundbesitzer, die kraft ihrer - Versagen des Rechtsschutzes stiger Enge das entscheidende ganz unverbildete, 'natürliche' Merkmal der Sozialwirkung Wesensart, der intellektuali- natürlichen Intelligenz und (in einer Raub- und Körperwar, diese Verbindung der bei- stische, raffinierte Schachzüge wegen ihrer fundierten Solidi- verletzungssache) den unterschiedlichen Quellen ganz unbekannt sind«, so resü- tät am öffentlichen Leben der (1473-1475) entstammenden Freiheits- mierte O. Borst am angeführ- Landschaft (des Landes) teilschichten gibt ein ganz neues ten Ort. Zu vielfältig waren die nahmen, wo sie allgemeiner 9.1.9 Entscheidung schuldBild des Bauemstandes im Unterschiede, als daß die Bau- Wertschätzung sicher waren rechtlicher Streitigkeiten - Vertragliche Geldforderunmärkischen Süderland. Min- em in der Beurteilung ihrer destens rundet eine solche Zu- Verstandes- und Geisteskräfte und hohes Ansehen hatten. gen (1455, 1457, 1512, 1515) sammenführung bisherige, im alle über einen Leisten ge- Die Freischöffen aus dem hei- - Regreßnahme (wegen freiAnsatz vorhandene Versuche schlagen werden dürften. »Es mischen Bauemstande, die williger Auslage des falligen für eine Deutung und Be- ist keine auf totaler Gleichheit alle diese Eigenschaften in sich Kirchenzehnts) (1466) Gemeinschaft. verkörperten, gehörten schon - Schadensausgleiche nach unschreibung der sozialen Ver- beruhende hältnisse ab, in der im späten Reiche gabs, die Nachkom- wegen ihrer vemespezifischen erlaubten Handlungen (hauptMittelalter große Bevölke- men alteingesessener, angese- Weltofienheit als erste dazu. sächlich bei Vorliegen krimi-

neller Tatbestände der vorste- stanzen führte und dann von hend aufgeführten Kategorien dort weiter zum westfälischen 9.1.1 bis 9.1.5) 1440, 1459, Vemestuhl. 1464, 1466, 1467, 1548) Die Palette der Tatbestände Die Quintessenz aus allem: ist bunt. Die Farbtupfer sind Das Frei- und Vemegericht erkräftig. Es gibt alte und neue langte die Stellung eines quasi Farben. Zu den alten zählen universal zuständigen Gediejenigen, die schon der richts. An der EntwicklungsgeStrafkodex nannte, den 1408 schichte des Freistuhls zu vier westfälische Freigrafen, Neustadt ist das gut ablesbar. darunter Klaus von Wilkenbrecht aus Valbert, König Den Zugang zum Verständnis Ruprecht von der Pfalz auf dieses immerhin doch bemerdessen Fragen hin bekanntga- kenswerten, wenn nicht sogar ben, welche Delikte der Veme- merkwürdigen Umstandes, justiz unterfielen: Mord und daß sich die sachliche KompeMordbrennerei, Raub und tenz auf schulrechtliche und schwerer Diebstahl. Diebstahl ähnliche Tatbestände ausin der Kirche und schwere dehnte, erleichtert vielleicht Körperverletzung (bei der Blut eine Gedankenverbindung zu floß), dürfen dem unmittelba- dem im Mittelalter ebenfalls ren Umfeld dieser besonders verbreiteten Rechtsgebrauch peinlichen Delikte zugerech- des sog. Schand- (oder Scheit-) net werden, von denen die Ve- briefes, mit dem Gläubiger meordnungen sich in ihrer ge- eine Art Privatjustiz ausübten. neral- und spezialpräventiven Wolfgang Schild stellt in seiFunktion leiten ließen. Hinge- nem prachtvollen Bildband gen fehlen Notzucht, Fäl- »Alte Gerichtsbarkeit. Vom schung und Meineid in dem Gottesurteil bis zum Beginn Neustädter Erscheinungsbild. der modernen RechtspreDas sagt jedoch keinesfalls et- chung« dazu folgendes fest: was über mangelnde Gültigkeit auch dieses Teils des ar- »Eine andere Form dieser 'Prichaischen Strafkodex der vatjustiz' stellten die ScheltVeme für das Freigericht Neu- briefe und Schandbilder dar, stadt aus. Unbestreitbar hätte die gegen säumige Schuldner sich der Freigraf auch der ge- oder bei Ehrverletzungen öfnannten Tatbestände ange- fentlich ausgehängt wurden. nommen, wenn Kläger sie ihm Wie die Beispiele zeigen, mit der Frage unterbreitet hät- wurde der Gegner im 'Umten, ob sie vemewürdig seien. gang' mit schimpflichen TieAls neue Farben erscheinen ren, oft aber auch mit Gegenalle übrigen Tatbestände in ständen des Strafvollzuges dem Bild, insbesondere dieje- (Galgen, Rad, Spieß, Pranger) nigen, die nach gängiger Auf- dargestellt« 58). fassung nicht der hohen Gerichtsbarkeit zugehörten und damit nicht als peinliche An- Auch in diesem Lebensbereich gelegenheiten strafbewehrt empfand die Rechtspraxis waren. Dazu zählten exempla- eine innige Verbindung mit risch alle Streitgegenstände, dem Kriminalrecht. ZivilVorwerfbarkeit die Geldforderungen zum In- rechtliche halt hatten, einschließlich sol- wurde öffentlich angeprancher Ansprüche, die auf Scha- gert. Die Schuldempfindung denersatz an Stelle der Her- und die Zurschaustellung kaausgabe von Sachen (Gütern, men daher, daß man sich früTieren und anderen Vermö- her weit weniger als heute gensgegenständen) gerichtet scheute, Gegenstände und waren. Heute würden wir sol- Vorgänge der Privatsphäre coche Angelegenheiten dem ram publicum zu behandeln. Schuldrecht und Zivilprozeß zurechnen. An und für sich Übrigens ist auch gerade desauch schon nach damaligen halb der Geheimnisbegriff im strafrechtlichen Kategorien ir- mittelalterlichen Sinne mit relevanter Vertrauensbruch, ganz anderen Maßstäben als wie er beim Nichteinhalten den gegenwärtig gültigen zu von Geleitzusagen vorlag, ge- messen59) (womit die westfälihörte ebenfalls zu den Tatbe- sche Veme wieder unmittelbar ständen, die das Freigericht in das Blickfeld rückt.) Das zu neu in den Katalog seiner erkennen ist wichtig, um manSachkompetenz aufnahm, chem Mißverständnis des mitebenso der nicht näher spezifi- telalterlichen Vemegeheimzierte Tatbestand der Rechts- nisses aus dem Wege zu gehen, verweigerung durch Vorin- das nur allzu leicht zu Fehlentstanzen. Ja, sogar Sachver- scheidungen und falschen halte zählten dazu, die der Schlüssen bei der Übertragung Kläger des 20. Jhs. Verwal- historischer Erscheinungsfortungsgerichten zur Prüfung men auf Sachverhalte einer unterbreiten würde, die er - modernen Geheimjustiz verhier: der Magister Konrad leitet 60). Schade aus Heidelberg - wegen des Ineinanderverschränktseins von privatem Unter Berücksichtigung aller und öffentlichem Recht im dieser Gründe erscheint die Mittelalter aber den üblichen überragende Kompetenzweite Weg gehen ließ, welcher, wenn des Frei- und Vemegerichts in der Kläger wie in dem Heidel- sachlicher Hinsicht und auf berger Schulstreit die Entlas- dem Höhepunkt der Entwicksung aus städtischen Diensten lung hin zu einer Einrichtung, als unrechtmäßig ansah, zu die Massenarbeit zu bewältiden für ihn zuständigen städti- gen hatte, gar nicht mehr so schen und pfalzgräflichen In- fremd und mysteriös.

9.2 Die persönliche Zuständigkeit Der Personenkreis, den die Neustädter Vemejustiz erfaßte, setzte sich aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gruppen zusammen (nachfolgend dargestellt in einer Gliederung nach der Häufigkeit der Erwähnungen in den Quellen). 9.2.1 Patrizier, Bürger, Amtsträger und Einwohner - Bürgermeister und Schöffen, der Rat und die städtische Gemeinde kollektiv (1422, 1430, 1437/40,1455,1457,1459-65, 1467,1469, 1470, 1477; 1480, 1486/87, 1502, 1525) - Vögte und Schöffen (zum Teil mit allen Gerichtseingessenen) kollektiv (1472, 1474, 1499, 1500, 1510, 1548) - Vögte, Bürger und Einwohner einzeln (1452, 1455-1461, um 1462, 1464-1470, 1472-1475, 1477, 1480, 1490, 1502, 1511-1515, 1521, 1548) - Handelsherren, Kaufleute, Handwerker, Fahrensleute und Schiffer (1444, 1465-1470, 1480, 1525) - Spitalmeister und Pfleger (1455, 1456-1461) -Juden (1484, 1548)

als Kläger, Abfordernde und Vermittler mit dem Freistuhl zu Neustadt in Berührung kam, vor allem dann, wenn ihre Vertreter Schutzbefohlene Beschuldigte für sich und die eigenen Justiz abforderten. Die übrigen Stände tauchten mehr oder weniger in der Liste der Personen auf, für die sich das Freigericht als kompetent ansah. Die Ausnahmen, die für den geistlichen Stand, für Frauen und Kinder sowie für Freischöffen aller gesellschaftlichen Schichten galten, wurden bereits weiter vom erwähnt. Nachzutragen ist ,daß vor allem auch die Städte, die in der Aufstellung ganz vom in der Rubrik »Patrizier, Bürger, Amtsträger und Einwohner« mit ihren jeweiligen Kollektivauftritten (als Kläger und Beklagte) aufgeführt sind, mit einem gewichtigen Anteil ihren Platz unter den Abfordemden hatten, ebenso einzelne Persönlichkeiten anderer gesellschaftlicher Gruppen. Wenn sie nicht ein weiteres Mal erwähnt sind, mit gesondertem Ausweis unter den Abfordemden und Vermittlem, dann hat das den Grund, daß - vom Hochadel abgesehen, weil er in der Übersicht vorn nur mit einem spärlichen Nachweis vorkam - Doppelzählungen vermieden werden sollen.

9.2.2 Adelige - Hoch- und Dynastenadel (1477) - Angehörige des niederen Landadels (1459, 1476, 1492, Nach allem läßt sich wie für 1510) die sachliche Kompetenz auch für die personelle Zuständig9.2.3 Abhängige Bauern keit ein sehr weiter Bezugsrah- Leibeigene und Hörige men feststellen. Das ist wohl (1459, 1480, 1492) die wertvollste Aussage in diesem Zusammenhang. Auf ihr Nachrichtlich ist diese Aufli- liegt das Hauptgewicht der histung der gesellschaftlichen storischen Analyse im RahSchichten, die dem Zugriff der men der Gummersbach-BergNeustädter Veme ausgesetzt neustädter Veme-Spezialia. waren oder am Freistuhl zu Neustadt um Rechtsschutz 9.3 Die örtliche und zugleich nachsuchten (denn nur darin (über-)regionale Zuständigkeit verkörperte sich genuin die Die Orte, deren Bewohner die persönliche Kompetenz des Neustädter Frei- und VemegeGerichts), um die Personen- richtsbarkeit erfaßte oder aus gruppen zu ergänzen, die denen die Kläger kamen, versonstwie mit dem Freistuhl zu teilen sich in unterschiedlicher Neustadt Kontakt aufnahmen Dichte hauptsächlich auf den (als Abfordernde oder Ver- westdeutschen Raum und auf mittler; nicht erfaßt sind also Süddeutschland. AusschließPersönlichkeiten mit freige- lich sie hier mit Worten aufrichtlicher Organqualität). zählen hieße, sich eines optiDas waren: schen Reizes zu begeben und auf die übersichtlichste Art zu 9.2.4 der Papst (1461) verzichten, die sich denken läßt und wie sie eine Karten9.2.5. Angehörige des Hoch- skizze bieten kann. Deshalb und Dynastenadels wird einer kartographischen (1459-1461,1464,1470,1480, Darstellung der Vorzug gege1490, 1492, 1500, 1521, ben und für diesen Teil der Be1555). richterstattung über die örtliche Kompetenz des Freistuhls Mit einem so spektakulären zu Neustadt an Stelle verbaler Vorgang, wie er sich an dem Ausführungen ausdrücklich Freistuhl zu Wünnenberg ereignete, wo im Jahre 1470 Kai- auf die Abb. hingewiesen. Die ser Friedrich III., der omnipo- Skizze weist auf die Ortschaftente Inhaber aller freigericht- ten hin, lichen Gewalt, selbst belangt - aus denen die Kläger und/ wurde 6", kann der Freistuhl oder Beklagten der am Freizu Neustadt nicht aufwarten. stuhl zu Neustadt verhandelAuch Angehörige des Hoch- ten Prozesse kamen (Kenn• HEILadels sucht man im Unter- zeichnung so: schied zur Gerichtspraxis im BRONN), benachbarten Teil der süder- - in denen Persönlichkeiten ländischen Freigrafschaft um wohnten, die als Abfordernde, Lüdenscheid vergebens unter Vermittler, Boten und zu Kaden Beschuldigten, nicht hin- piteln Geladene oder auch der gegen unter der Gruppe, die König/Kaiser und das Reichs-

kammergericht als Gebietende sowie die Herzöge von^* Kleve und Grafen von der Mark als Landesherren an derartigen Verfahren beteiligt waren (Kennzeichnung so:-^» ABrandenburg). Aus verständlichen Gründen kann die Darstellung nicht erschöpfend sein. Allein schon deswegen nicht, weil z. B. bei einer großen Anzahl auswärtiger Freischöffen, die vermittelnd tätig wurden, die Wohnsitze im einzelnen nicht feststellbar sind. Soweit die Karte große weiße Flecken zeigt, ist das nur ein Anhaltspunkt für Fundleere^» (insofem sind bisher keine Quellen erkennbar geworden), keinesfalls ist es ein Beweis für mangelnde Zuständigkeit des Gerichts, denn: Wie schon die sachliche und personelle Zuständigkeit tendierte auch die örtliche Kompetenz des Freiund Vemegerichts Neustadt mit seinem überregionalen Hinüberlangen in den freien Raum zu einem andere Gewalten ausschließenden Universalismus in den Grenzen des Hl. Römischen Reiches Deutscher Nation. *• Im Vergleich mit der anderen überragenden Instanz der süderländischen Freigrafschaft, mit dem Freistuhl zu Lüdenscheid, fällt auf, daß die Veme von dort aus das deutsche Sprachgebiet flächendeckend erfaßte, während andererseits der Freistuhl zu Neustadt mit stärkerer gebietsweiser Konzentration in Teile des Reiches ausstrahlte. Für einen solchen Vergleich reicht es aus, einfach die beiden Karten nebeneinander zu betrachten: *■ - Abb. 168 in diesem Buch über »Die Veme im Vest, Land und Amt Gummersbach-Neustadt« sowie - Abb. 50 in dem Buch über»Die Westfälische Veme, dargestellt am Beispiel des Freistuhls zu Lüdenscheid« (...). Die Lüdenscheider Freigerichtsbarkeit verfolgte vemewürdige Tatbestände in nördlicher und östlicher Richtung in einem weiten Radius, der von Amhem über Osnabrück und Braunschweig bis Zerbst und Jena reichte. Im Süden lag das Schwergewicht - hier ebenfalls mit deutlicher Verdichtung in bestimmten Räumen - im Fränkischen und Bayerischen. Anders das Bild, das die Verbreitung der Neustädter Vemegerichtsbarkeit bietet: Auffallend stark langte sie in das Gebiet am Niederrhein mit der Kölner Bucht und ihren Randterrassen hinein. Ihr Einfluß erstreckte sich geographisch gesehen dort anschließend über eine Anzahl von Orten am mittleren Rhein bis hinauf zum Main. Am Neckar und in Schwaben lagen ^ weitere Schwerpunkte, die sich deutlich von anderen, mehr vereinzelt feststellbaren Einflußbereichen abhoben. 1067



Reizvoll wäre es, beide Kartenskizzen einmal übereinanderzulegen. Die Fülle der vemerechtlich vom märkischen Süderland aus erfaßten Ortschaften und Regionen, die für die westfälische Frei- und Vemegerichtsbarkeit insgesamt auf einer sehr schönen Karte im »Großen Historischen Weltatlas« des Bayerischen Schulbuch-Verlages W schon

eindrucksvoll hervorsticht, wäre schier erdrückend und zeichnerisch kaum noch differenziert zu bewältigen.«

Anmerkungen

mente uneingeschränkt standhält, muß noch herausgefunden werden. ") Vgl. schon: Fricke, Eberhard, Die Westfälische Veme, S. 39. 12 ) Vgl. auch schon: Fricke, Eberhard, Über die Wurzeln, S. 180 ff. (191). 13 ) Vgl. Aders, Günter, Quellen, Nr. 17(=60). ^ Fricke, Eberhard, in: ZdBGV, 88. Band, Jg. 1977/79, S. 12 ff.

0 Die Angaben über die Schwägerschaftsverhältnisse stützen sich u.a. auf genealogische Feststellungen, die Herr Dr. Herbert Gursky aus Velbert-Langenberg getroffen und freundlicherweise für die Mitteilung an dieser Stelle freigegeben hat. 2 > Vgl. Fricke, Eberhard, Die Veme im Süderland, S. 81; ders.. Die Westfälische Veme, S. 20, 78 f. 3) Vgl. Fricke, Eberhard, Die Westfälische Veme, S. 78, und ders., in: Der Reidemeister Nr. 99 vom 11. Juni 1986, S. 783 ff. (785). 4 ' Vgl. Fricke, Eberhard, Die Veme im Süderland, S. 81; ders.. Die Westfälische Veme, S. 78. 5 > So ähnlich z. B. Lindner, Theodor, Die Veme, S 92, in bezug auf den Freigrafen Heinrich von Valbrecht, indem ihm ein »zeifelhafter Charakter« zugesprochen wird, ob zu Recht oder Unrecht, bleibt hier dahingestellt; s. insofern auch - mit Bezug auf den Freigrafen Johann von Valbrecht - Fricke, Eberhard, in:Meinhardus,Jg. 1986,S.38 ff. 6 )DieVeme, S. 91. 7 A.a.O., S. 518. 8 > StA. Münster, Oberfreigrafschaft Arnsberg, Urk. Nr. 206. 9)S. 180 ff. I0 ' Die Untersuchung wurde fortgeführt in: Der Reidemeister, Nr. 99 vom 11. Juni 1986, S. 783 ff. Nach der in jüngster Zeit erschienen Abhandlung von Janssen, Wilhelm, A.K. Hömbergs Deutung, S. 1 ff., besteht Veranlassung, besonders anzumerken, daß sowohl die Arbeit für die Westfälischen Forschungen als auch die Fortführung im Reidemeister Nr. 99 noch ganz in der Tradition der von Albert K. Hömberg begründeten Lehrmeinung stehen. Ob die Herkunftstheorie, die bisher für die große Freigrafschaft im Süderland vertreten worden ist, kritischer Überprüfung nach Maßgabe der von W. Janssen mitgeteilten Argu1068

schen Hintergrund komplettiert die neue Publikation die süderländische Vemegeschichtsschreibung. Nunmehr liegt eine Trilogie vor, von der es im Nachwort des Gummersbach-Neustädter Vemebuchs heißt: »Alle drei süderland ischen Vemebücher ergänzen sich inhaltlich wegen des gemeinsamen Grundtenors«.

Die im ersten Teil des neuen Buches mitgeteilten Prozeßberichte und anderen Vorgänge der Frei- und Vemegerichtsbarkeit betreffen den Zeitraum von 1287 bis 1613. Der Teil ist in 54 Einzelabschnitte gegliedert. Der Buchhandel führt das Werk unter der Internationalen Standard Buchnummer (ISBN) 3-7927-1484-1.

) Vgl. u.a. Goebel, Jürgen, 40) Vgl. z. B. HStA. München, Die Gerichtsverfassung, S. 19. Abt. Pfalz-Neuburg, Reichssa27 ) Aders, Günter, Quellen Nr. chen, U 140a (1430, Mai 2.); Freyberg, M. Freih. von 59(»S. 85). Sammlung historischer Schrif28) Vgl. Wensky, Margret, und ten und Urkunden, I. Band, Müller, Martin, Bergneustadt, Stuttgart und Tübingen 1827, Text: Abschnitt I 7, KartograNr. XI (= S. 336 ff.); StA. phie: Tafel 2. Nürnberg, Herrschaft Pappen29 ) Aders, Günter, Quellen, S. heim, Urk. vom 13. Febr. 23. 1427. Vgl. außerdem: Der Rei30) Wensky, Margret, und Mül- demeister, Nr. 56 vom 22. ler, Martin, Bergneustadt, März 1972, S. 439 ff. und 444, Kartographie: Tafel 3. sowieNr. 57vom7. Juni 1972, 31 ) Vgl. den Abschnitt; »1469 S. 452, und Nr. 68 vom 19. Juli bis 1472: Neustädter Veme- 1978, S. 537 ff. Ragout fin a la carte...« mit Er- 41) Zu diesen anschaulichen wähnung eines gewissen Re- Begriffen im vergleichbaren fert aus Neustadt als Kläger im kleveschen Regierungssystem Jahre 1472. s. Kloosterhuis, Jürgen, Fürsten, Räte, Untertanen, S. 76 32) Die Veme, S. 55 f. 33) Die Frei- und Vemege- ff.

trechte, vgl. Felsch, ErnstOtto, Gummersbach, S. 25. 5 3) Jb. des Vereins für Ortsund Heimatkunde in der Grafschaft Mark, 40 Jg., Witten 1927

Kreis. Das Buch hat zwei Vorläufer; Das bereits in der Einleitung erwähnte mit dem Titel »Die Westfälische Veme, dargestellt am Beispiel des Freistuhls zu Lüdenscheid« und der 1978 erschiene Band III. Schlußwort (oder: »Die Veme im Süderland«, der in Kurzform EinzelaufDer Trilogieaspekt) sätze zur Geschichte einzelner Freistühle Mit dem hier vorgestellten süderländischer neuen Buch schließt sich ein enthält. Vor diesem literari-

15

) Vgl. Fricke, Eberhard, Die Westfälische Veme, S. 37, mit Weiterverweisungen. 16 ) HStA. Düsseldorf, Herzogtum Berg, Urk. Nr. 1457. i7) HStA. Düsseldorf, Kleve-

26

54

) Vgl. z. B. die Ausführungen in: Der Reidemeister, Nr. 7 vom 4. Juni 1958. Es handelte sich damals um eine weiterführende Arbeit nach der jur. Diss, des Verfassers: Das Recht und Gericht des Stilkinger Lehnsverbandes. Eine Abgrenzung zwischen Hof- und Lehnrecht als Bestandteile der Agrarverfassung im Räume Lüdenscheid, Lüdenscheid 1957. Vgl. dazu auch ders.. Die Stilkinger Freilehen. Ein Beitrag zum Lehnswesen und zur Sozialstruktur im südlichen Westfalen, in: Westfäli42 ) Groh, Dieter, Hg. der Pro- sche Forschungen, 18. Band,

Mark, Urk.Nr. 1508. richte, S. 130 ff. •8) HStA. Düsseldorf, Kleve- 4 pyläen Geschichte DeutschMark, Akten Nr. 2278, fol. 5 f.; 3 ) Zu den Ausnahmen vgl. lands, in einer Beschreibung Fricke, Eberhard, Die Freiebenda Urk, Nr. 2280. und Vemegerichte, S. 150 ff. des Werks, Berlin 1982, vor 19 ) Die Zahl aller auswärtigen 5 Erscheinen des. 1. Bandes. 3 ) Vgl. Fricke, Eberhard, Die

Prozesse, die an den Freistühlen im Vest Lüdenscheid geführt worden sind, d. h. die Zahl unter Einbeziehung auch derjenigen Verfahren, die von den Freigrafen ohne besonderen Hinweis auf ihre Lüdenscheider Kompetenz nachweislich auch an den Freigerichten zu Halver, Kierspe, Herscheid und bei Plettenberg verhandelt wurden, übersteigt die hier mitgeteilte Gesamtzahl von 44 um 10 und beläuft sich damit auf 54 Verfahren. 20 ) Fricke, Eberhard, Über die Wurzeln, S. 180 ff. 21 ) Fricke, Eberhard, Die Westfälische Veme, S. 39 f.; ders., in: Der Reidemeister, Nr. 99 vom 11. Juni 1986, S. 783 ff. 22 ) Vgl. dazu auch weiter hinten den Abschnitt: »Die soziologische Bedeutung der Freiund Vemegerichtsbarkeit im Vest, Land und Amt Gummersbach-Neustadt. 23 ) Vgl. dazu: Gerlich, Alois, Geschichtliche Landeskunde, S. 81. 24 ) Auch dazu vgl. Gerlich,

Westfälische Veme, S. 101 ff. 36) Das Femgerichtsbild. 37) Das Femgerichtsbild, S. 9 f.; die Quellenhinweise können verhältnismäßig leicht an Hand des allgemeinen Schrifttums zur Geschichte der Freiund Vemegerichtsbarkeit nachvollzogen und bei Bedarf realisiert werden. 38) Etwas anderes ist es, daß auf den unteren . Ebenen der Reichsstatthalterschaft, Stuhlherrschaft und Freigrafschaft das Freigericht faktisch weiterhin als königlich/kaiserliches Gericht angesehen wurde, das seine Kompetenz aus der Reichshoheit ableitete (vgl. z. B. HStA. Düsseldorf, Kleve-Mark, Akten Nr. 646, fol. 15, 22; ebenda RKG-Akten T 368/1407). Als Rechtsgrundlage dafür wird aber kein Edikt aus der Zeit nach Kaiser Maximilian I. herangezogen, ein solches gibt es nämlich nicht! Die Akteure berufen sich weiterhin auf tradiertes vorkonstitutionelles Recht, insbesondere auf die mehrfach erneuerte Reformation von Alois, a.a.O., S. 284. 1442 (sog, Frankfurter Refor25 ) Vgl. Aders, Günter, Quel- mation). len, S. 19 bis 52; Fricke, Eber- 3«) Österreich. StA. Wien, Abt. hard, Zur frühen Landes- Haus-, Hof- und StA:, Allg. Urkundenreihe 1433, März 5. kunde, S. 24 ff.

Münster 1965, S. 131 ff, und bezüglich der Herkunft der süderländischen Bauemfreiheit ders.. Zur frühen Landes4 3) Vgl. Fricke, Eberhard, Die kunde, S. 93 ff. Westfälische Veme, S. 50 f.,

75,93, 155 ff.

55

) Vgl.: Der Reidemeister, Nr. 6 vom 5. Febr. 1958, S. 3.

44

) Vgl. dazu: Gerlich, Alois, 56) Auszug aus: Der ReidemeiGeschichtliche Landeskunde, ster, Nr. 7 vom 4. Juni 1958, S. S. 11 f. 4 f. 45 ) Wigand, Paul, Das Fehmge- 57) 1. Aufl., Frankfurt a. Main

richtWestfalens, S. 281 ff.

47

1983, S. 111 ff. (133, 149). 58) München 1980, S. 153. 59) Vgl. dazu Lindner, Theodor, Die Veme, S. 480 ff.

78f., 81,85, 92f. 49 > Vgl. dort S. 488 50 > Aders, Günter, Quellen, S. 34 f. 5i) Aders, Günter, a.a.O., S. 27 f. 52 ) Wie schon weiter vom erwähnt, besitzt der Ort Gummersbach ab 1432 Mark-

sammenhang folgende interessante Notiz: »Daß entgegen weitverbreiteter Auffassung nicht erst Friedrich III., sondern bereits Siegmund - 1431 - vor ein Femgericht zitiert worden ist, beweist Stadtarch. Köln, Briefbuch XII. f. 48.« «) Zweiter Teil: Mittelalter, 2. Aufl., München 1979, Karte 71b

46

) Zitat nach Gerlich, Alois, Geschichtliche Landeskunde, S. 300

) Von offener Verfassung, S. 60 ) Vgl. im einzelnen Fricke, 47. Vgl. neuerdings auch: Ohler, Norbert, Reisen im Mittel- Eberhard, Die Westfälische Veme, S. 123 ff. alter, München 1986. 6 t«) Eucken, Rudolf, Einfüh- i) Nebst dem ihn begleitenden rung in die Hauptfragen der Kanzler Bischof Ulrich von Philosophie, 2. Aufl. 1919, Passau, s. Kopp, Carl Philipp, Nachdruck in Band 9 der Ueber die Verfassung, S. 25, Reihe des literarischen Nobel- 138, 196; Wigand, Paul, Das preises für den Kreis der No- Fehmgericht Westfalens, S. belpreisfreunde: Nobelpreis 403; Wächter, Karl Georg von für Literatur 1908, Eucken Beiträge, S. 38, 240 ff. Bei Gimpel, R., Femgerichte, Sp. Rudolf, Philosophische 1102, findet sich in diesem ZuSchriften, Zürich o. J., S. 66 ff.,

Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung

Herausgeber: Lüdenscheider Geschichtsverein. Schriftleitung Dr. Walter Hostert. Druck: Märkischer Zeitungsverlag