40 Jahre NHW! - NHW eV

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Unser Wir Wilfried Schwarz und Kristin Ahrens Erlebnisbericht im Leben und Arbeiten in einer Jugendwohngemeinschaft Viele Menschen haben bei der F...

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Unser Wir Wilfried Schwarz und Kristin Ahrens

Erlebnisbericht im Leben und Arbeiten in einer Jugendwohngemeinschaft

Viele Menschen haben bei der Fertigstellung dieses Berichtes mitgewirkt. Für Ideen, Ermutigungen, Kritik und tatkräftige Mithilfe bedanken wir uns besonders beim Träger, dem Verein „Nachbarschaft hilft Wohngemeinschaft“, bei Hans-Peter, Matthias, Anette, Ruth, Bine, Silvia, Detlef, Rainer, Hans, Hannelore, Bernd, Hilde, Uwe, Tina, Fanny, Winfried, Ursula, Joan, Peter und Lutz.

Herausgegeben von: Wilfried Schwarz und Kristin Ahrens in Zusammenarbeit mit der Koordinierungsstelle für Wohngemeinschaften und Sozialarbeit e.V. Verlag: Eigenverlag Berlin, Bremen 1. Auflage 1983

Preis: DM 7,- (inkl. Versand) Vertrieb für BRD: KOST e.V. c/o W. -D. Klein Nettelbeckstr. 2 2800 Bremen Postschneckenamt Dortmund, Kto. Nr. 1870 66 – 463 Vertrieb für Berlin: W. Schwarz Urbanstr. 3 1 Berlin 61 Postschneckenamt Berlin-West, Kto. Nr. 3650 83 – 107

2. Auflage 2016 als *.pdf zur Veröffentlichung auf der Webseite des Vereins NHW e.V.

www.nhw-ev.de 3

Inhalt

Wir haben es geschafft!............................................................................................................ 6 Wer sind die Hauptakteure? ................................................................................................... 8 Als Berater/in: Wilfried und Kristin .................................................................................. 8 Als Jugendliche: Hans, Michael, Jürgen, Arthur, Matthias, Klaus, Peter und Franz . 11 Niedergang und Aufstieg einer Jugendwohngemeinschaft................................................. 16 Verein, Träger und kein Geld ............................................................................................ 16 Vom Heimbewohner zum Wohngemeinschaftsmitglied... alles kein Problem .................. 19 Mein erster Eindruck......................................................................................................... 24 Packen wir's an................................................................................................................... 25 Jeder für sich und keiner für alle.......................................................................................... 25 Beschreibung der ersten Monate ...................................................................................... 25 So hatte ich mir das nicht vorgestellt................................................................................ 37 Was haben 10 Jahre Heimerziehung bei den Jugendlichen hinterlassen?.................... 39 Hintergründe - Was haben 5 Jahre Heimerziehung bei mir hinterlassen? .................. 43 Eine Gruppe besteht aus einzelnen Menschen .................................................................... 48 Unsere pädagogischen Ideen und die Wirklichkeit der Jugendlichen .............................. 53 … Wir kriegen das schon hin!........................................................................................... 60 … noch zu diesem Kapitel ................................................................................................. 71 Leben und Arbeiten mit Aggressionen ................................................................................. 73 Der tägliche Frust - über Wut, eingeschlagene Fenster und den 'Wilden Westen' ...... 73 Wechselbäder ...................................................................................................................... 81 Aggressivität – Hintergründe und einige mögliche Ursachen........................................ 83 Und ich als Berater...? ........................................................................................................ 93 Der mühsame Weg der Veränderung ................................................................................... 98 Anhängsel (trotzdem lesenswert) .........................................................................................111 Einige völlig unbeabsichtigte Folgen dieses Berichtes... ................................................111 Arthur über sich. Interview im Frühjahr 1981 ............................................................. 114 Schreiben – einige Erfahrungen...................................................................................... 119 Hinweis auf Bücher .......................................................................................................... 124

Wir haben es geschafft!

Über ein Jahr schleppte sich die Fertigstellung unseres Berichtes hin, mit vielen Pausen, Unterbrechungen und manchmal mit dem leisen Zweifel, ob wir ihn wohl je irgendwie zu Ende bekommen. Es geht um zwei Jahre (1978 – 1980) einer gemeinsamen Vergangenheit von Klaus, Arthur, Hans, Franz, Michael, Peter, Jürgen, Matthias1, ...alles Jugendliche aus einem Heilpädagogischen Heim, im Alter von 14 bis 22 Jahren, mit uns, Kristin und Wilfried, zwei Sozialarbeitern, die als Aufgabe hatten, eine sozialpädagogisch betreute Jugendwohngemeinschaft in Berlin aufzubauen und zu beraten. Uns persönlich brachte das viele neue und ungewöhnliche Erfahrungen, die sich bis heute in uns auswirken. Die Gelegenheit zu einer Nachbetrachtung eines erlebten Zeitabschnitts wird im pädagogischen Bereich normalerweise nicht gegeben. Beim Schreiben diese Berichtes sind Tage, Begegnungen, Augenblicke, Atmosphären und bestimmte Situationen nochmal ganz nah an uns herangerückt. Grundlage dafür wurde auch unser Tagebuch aus dieser Zeit, aus dm wir vieles wiedergeben werden. Dieses intensive Nacherleben zwang uns förmlich zu einer sehr genauen Aufarbeitung des Geschehen. Wir haben gemerkt, dass der Austausch unter Kollegen und Freunden über das Fühlen und Handeln, den alltäglichen Ärger, die Zweifel, Enttäuschungen und die Freude, besonders im Arbeitsbereich, häufig nutzlos in den Rauchschwaden von Kneipen hängen bleibt. Deshalb auch unser Versuch so zu schreiben, dass uns ein Stück auf dem Weg durch die Wohngemeinschaft gefolgt werden kann. Im Mittelpunkt stehen die Jugendlichen und wir Berater, die täglichen Auseinandersetzungen, das gemeinsame Erleben und Lernen, die Möglichkeiten und Grenzen offen und menschlich miteinander umzugehen.

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(alle Namen sind geändert)

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Das wollten wir viel ausführlicher tun, als es in dem jetzt vorliegenden Bericht Wirklichkeit geworden ist. Theoretische Grundlagen, politische Zusammenhänge, die konkreten Rahmenbedingungen unserer Arbeit gehörten ursprünglich als zusätzliche Themen untrennbar noch dazu. Doch die Monate vergingen, und die Zeit in der Jugendwohngemeinschaft wurde mehr und mehr Vergangenheit, der anfängliche Wille, alles umfassend und genau aufzuschreiben, verblasste zusehends hinter der sich ständig verändernden Gegenwart, unser Leben ging eben weiter. -

Darum ist vieles unvollkommen geblieben, was uns beim nachträglichen Durchlesen immer wieder dazu reizt, doch noch dieses oder jenes erklärende Wort einzufügen.

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Darum ist auch nicht alles in gleichen Teilen von uns beiden geschrieben worden, Kristin hatte zwischenzeitlich in einer anderen Jugendwohngemeinschaft gearbeitet, was viel Zeit und Energie gekostet hat.

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Viele Abschnitte sind deshalb von Wilfried geschrieben worden (im Bericht steht dann immer „ich“) und der kleinere Teil gemeinsam (wenn von „wir“ im Text die Rede ist).

Nun haben wir einen Schlussstrich gezogen und sind gespannt, ob die Leser/innen damit überhaupt etwas anfangen können, und wie es auf euch wirkt??!!

Wilfried Schwarz, Kristin Ahrens2 (Nachbarschaft hilft Wohngemeinschaft e.V., Drakestr. 30, 1 Berlin 45, 833 70 06)

2

Hier befanden sich im Original die Adressen und Telefonnummern der Autoren.

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Wer sind die Hauptakteure? Als Berater/in: Wilfried und Kristin

Kristin Das erste Treffen mit „unseren“ Jugendlichen erlebte ich kurz nach meinem Staatsexamen als Sozialarbeiterin, nach einer Ausbildung in den Fächern Pädagogik, Psychologie, Sozialarbeit, Methodenlehre, Didaktik. Vom methodischen Ansatz unserer Ausbildung hatte ich verinnerlicht, dass gute Sozialarbeiter die Fähigkeit besitzen, „im Dienst“ ihr Herz und ihr Gehirn abzuschalten und als Handwerkszeug Methoden anwenden, die die Berücksichtigung der eigenen Sozialisationsbedingungen und persönlichen Voraussetzungen überflüssig machen. Geübt hatte ich, in Gesprächen dem Klienten seine Worte widerzuspiegeln, um ihm seine Gefühlslage zu verdeutlichen, meine Person aber rauszulassen und bei „auftretender Problemaffinität“ den Fall an den Kollegen abzugeben. Mit diesem realitätsfernen, weitgehend unerprobten Wissen im Kopf und dem Bewusstsein mitten in meiner eigenen Persönlichkeitsbildung zu stecken, stellte ich mich der Gruppe als „Beraterin“ vor und wies die Betitlung „Erzieherin“ unter Hinweis auf unsere geplante Funktion zurück, obwohl damals weder uns noch den Jugendlichen klar war, was die Rolle von Beratern einer Jugendwohngemeinschaft tatsächlich ausmacht. „Erzieherin“ wollte ich nicht sein, das wusste ich, „Mutter“, was bei einer Konstruktion von 7 Jungen und einem Betreuerpaar ja naheliegt, auch nicht. Hatte ich doch seit zwei Jahren mit meiner Frauengruppe intensiv daran gearbeitet, für mich ein neues Frauenbild zu entwickeln, das erstmal die Ablehnung der Mutterrolle beinhaltete, weil ich diese aufgrund der vielen persönlichen Einschränkungen für die Entfaltung einer Frau für hinderlich hielt. Ich hatte den Wunsch, wenn nötig sogar über eine egoistische Vorgehensweise, mich selbst kennenzulernen, meine eigenen Bedürfnisse zu entwickeln und sie mir zu erfüllen. Nach meiner Erziehung zum echten Mädchen, beliebt wegen meiner großen Anpassungsfähigkeit, und nach meinem politischen Anspruch, ein besonders sozialer Mensch, der immer bereit und in der Lage war, die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen und diese kaum noch erkannt 8

geschweige denn anderen gegenüber durchsetzte, sah ich meine zaghaft wachsenden, egoistischen Wünsche und die oft verkrampfte Konzentration auf mich selbst zwar als anderes Extrem, akzeptierte diesen Zustand aber als einen Schritt zur Entwicklung meiner eigenen Persönlichkeit. Wir wollten Berater werden, und ich hatte mir in unzähligen Diskussionen unter der Überschrift „Rolle und Funktion der Berater“ eine Vorstellung von meiner ersten Berufstätigkeit gemacht, die erst nach einer zweijährigen Entwicklung der Realität entsprechen sollte.

Wilfried Ich fand die Aufgabe, eine Wohngemeinschaft mit Jugendlichen aufzubauen, von Anfang an sehr verlockend. Es überraschte mich, denn ich war drauf und dran, mir in den Mühlen der Jugendverwaltung (Familienfürsorge) ein Plätzchen zu sichern. Eingeklemmt zwischen Verwaltungsvorschriften, Berichtsersuchen von Gerichten mit den obligatorischen Schnüffelhausbesuchen, Kantinenlärm, vor sich hingleitender Arbeitszeit, Dienstanweisungen für alle möglichen Fälle, spürte ich bald, dass meine Welt etwas anders aussieht. Trotzdem lernte ich, mich zu arrangieren, ohne allzu viel Kompromisse einzugehen, zumindest bildete ich mir das ein. Denn auf der anderen Seite kam mir erstmal nichts Besseres in den Sinn, und so langsam ließ ich mich drauf ein, die Maschinerie wurde ein Teil von mir: Ein stilistisch gut formulierter Bericht, die genaue Statistik über die „Klientenzahl“, eine relativ menschliche Heimunterbringung und lange, intensive Problemgespräche bekamen Erfolgscharakter. Zur eigenen Ehrenrettung wurde es zum Ritual, mit meinen beiden Kollegen die Funktion unserer Behörde gründlichst zu analysieren und so richtig auseinanderzunehmen, bis wir schlüssig nachweisen konnten: ist eben alles Mist, und wir sind darin machtlos verwickelt. Trost gab es durch zahlreiche Geburtstags-, Ernennungs-, Urlaubs-, Einstands-, Ausstands-, Beförderungs-, Hochzeits-, Weihnachts-, „Nur mal so“ und „Ist mal wieder Zeit“ -Feiern. Die Birne vollgeknallt sah alles schon nicht mehr so verhängnisvoll aus, die anderen sind auch nur Menschen und ebenso völlig unzufrieden, aber trotzdem Prost. 9

Es blieb die achselzuckende Hilflosigkeit nach den Sprechstunden, ein hohles Gefühl, "hoffentlich ist bald Feierabend". Kamen Menschen und packten ihre reale Lebenswirklichkeit aus, war mein Schreibtisch der Puffer, der die Schärfe der Aussagen nahm und mein Halt, um nicht von den Konflikten erschlagen zu werden. Fast verlernte ich, wenigstens zuzuhören, denn je detaillierter ich begriff, um so elender wurde mir. Ich empfand es zunehmend peinlicher, mit Sozialhilfe, Jugendwohlfahrtsgesetz und Bürgerlichem Gesetzbuch, Heimunterbringungen, Verweis auf andere Dienststellen und einem freundlichen Wort von mir gegen Dauerarbeitslosigkeit, Wohnungslosigkeit, Armut, Brutalität in Familie, Vernachlässigung von Kindern und Suchtabhängigen etwas ausrichten zu sollen. Inmitten dieses bürokratischen Alltags überraschte Kristin mich mit ihrem Anruf: „Hast Du nicht Lust, mit mir eine Jugendwohngemeinschaft zu betreuen?“. Mit einem langen verträumten Blick aus dem Fenster meines Büros malte ich mir Arbeitsbedingungen ohne Vorgesetzten und Anweisungen aus, ohne Schreibtisch, ohne Büroatmosphäre und kontrollierte Dienstzeiten. Es kam mir vor wie ein Rettungsring, eine Berufssituation von Anfang an gestalten zu können und nach meinen Gedanken und Vorstellungen zu organisieren, statt ständig hilflos in Problemen rumzurudern. Dieser Augenblick versetzte mich nach einer dieser zermürbenden Abendsprechstunden im Jugendamt wirklich in Begeisterung. Ich hatte vorher mehrere Jahre in der Heimerziehung gearbeitet, und eine Wohngemeinschaft versprach die konsequente Fortsetzung unserer damaligen Ideen: Für die Heimbewohner in einer Wohngruppe mehr Lebensraum und Verantwortlichkeit, und für uns Mitarbeiter des Heims einen befriedigenden Arbeitsplatz zu schaffen. Jetzt konnte alles anders werden, die Hindernisse der Vergangenheit zählten nicht mehr. Außerdem war ich sicher, die Jugendlichen und ihre Probleme schon erlebt zu haben, denn ich war jahrelang täglich mit ihnen zusammen. Zu dem Zeitpunkt, als Kristin mir dem Vorschlag machte, befand ich mich selber in einer Aufbruchstimmung. Ich war gerade mit Freunden in eine Fabriketage eingezogen. Der Umbau, das Kennenlernen der anderen sieben Menschen, die Organisation unseres Lebens dort war neu und sehr spannend. Kurze Zeit vorher hatte ich meine Ausbildung an der Fachhochschule für Sozialarbeit abgeschlossen. Übrig blieb aus dieser Ausbildungszeit ein 10

Bodensatz an Trotz und Wut gegen Leute, die meinen beruflichen Werdegang mit Sprüchen und Taten im Geiste: „Das haben wir auch schon alles probiert!“ und „Das geht nicht!“, „Das ist nicht zu ändern!“ und „Damit musst du dich abfinden!“ so hilfreich bereichert haben. Denen wollte ich es mal geben, die neue Arbeitsmöglichkeit kam wie gerufen. Dem Bewusstsein von aller Begrenztheit und Widersprüchlichkeit der Sozialarbeit, den ängstlichen und warnenden Stimmen in mir sowie denkbaren Befürchtungen ließ ich keine Chance. Ich war rundum überzeugt, und meine Kündigung war längst beschlossen.

Als Jugendliche: Hans, Michael, Jürgen, Arthur, Matthias, Klaus, Peter und Franz

Stellvertretend für eine eigene schriftliche Vorstellung der Jugendlichen, die aufgrund von Schreib- und Formulierungsschwierigkeiten nicht zustande kam, haben wir im Folgenden einige Auszüge aus den sogenannten „Betreuungsakten“ kopiert. Wir haben bewusst authentische Auszüge gewählt, damit jeder Leser selber einen Eindruck gewinnen kann, den diese Form der Berichterstattung über Menschen auf ihn persönlich macht und wie er damit umgeht.

Nächste Seiten (bis Seite 16): Auszug aus einem Entwicklungsbericht, den das Jugendamt Charlottenburg an die Wadzeck-Stiftung schickte, Werbung zur ehrenamtlichen Mitarbeit im NHW, etwa 1978, Anschreiben der Senatsverwaltung für Familie, Jugend und Sport, 1977

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Niedergang und Aufstieg einer Jugendwohngemeinschaft Verein, Träger und kein Geld

Die ursprüngliche Idee und die ersten Schritte für das ganze Unternehmen „Jugendwohngemeinschaft“ gingen von einer Berliner Bürgerinitiative NHW e.V. (Nachbarschaft hilft Wohngemeinschaft – Verein zur Förderung sozial benachteiligter Jugendlicher) im Stadtteil Berlin-Lichterfelde aus. Zu dieser Zeit bestanden in Berlin schon ca. 20 ähnliche Wohngemeinschaften, und der Verein wollte die Trägerschaft für eine weitere übernehmen. Den Anlass stellte ein in demselben Bezirk gelegenes heilpädagogisches Kinderheim dar, dessen Bewohner, und das war zunächst mal etwas ungewöhnlich, vorrangig dieses neue Projekt als Wohnmöglichkeit angeboten werden sollte. Die Bürgerinitiative (Handwerker/innen, Mütter, Beamte, Lehrer/innen, Hausfrauen, Sozialarbeiterinnen, Anwälte und Verwaltungsangestellte) hatte bereits durch intensive Öffentlichkeitsarbeit, Arbeiten in der Nachbarschaft, Spendensammlungen, Basare und Tombolas selbst die finanzielle Grundlage zur Verwirklichung ihres Zieles geschaffen. Die entsprechenden Anträge auf Finanzierung des Projektes fanden beim zuständigen Senator für Familie, Jugend und Sport zwar Anerkennung, aber nicht die erhoffte, langfristige, materielle Unterstützung, ohne die das ganze Vorhaben nicht durchgeführt werden konnte. Davon nicht entmutigt, heuerte der Verein Kristin und mich im August 1977 erst auf Honorarbasis, später mit Arbeitsvertrag für 30 Stunden, zur Vorbereitung und Durchführung der Wohngemeinschaft an. Es begann eine aufregende Zeit, bestimmt durch Diskussionen über unzählige inhaltliche und formale Fragen, Verhandlungen mit Senatsvertretern, Besuchen bei bestehenden Projekten, aufwendige Wohnungssuche (fast schon ein Kapitel allein wert), ständiges Entwerfen immer wieder neuer Finanzierungsmodelle und gekrönt von der Ungewissheit, ob, wann und wie sich die Damen und Herren der Jugendverwaltung bequemen würden, uns eine verbindliche Zusage zu machen. Aus diesen Erfahrungen entstand bei allen Beteiligten ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl und der feste Wille: Das Ding muss laufen! Diese Überzeugung brauchten wir, weil der Stand der Vorbereitung zwangsläufig zur

praktischen Umsetzung führte, auch ohne abschließende Absegnung durch die Behörden. Nach langer Suche konnte der Verein am 1. Juni 1978 endlich den Mietvertrag für eine große Wohnung abschließen, pikanterweise ein ehemaliges Polizeirevier in Berlin-Friedenau am Vorarlberger Damm. Die Finanzierung der gesamten Vorbereitungszeit sowie die ersten Monate der praktischen Arbeit waren aus Basaren und Tombolas gesponsert. Zwischenzeitlich arbeiteten Kristin und ich in einer Druckerei oder machten Umzugs- oder Malerarbeiten, um unsere Einkommensverhältnisse zu sanieren. Kurz vor unserer Bankrott-Erklärung hatten wir sozusagen Spielerglück, denn ein Antrag bei der Deutschen Klassenlotterie wurde in letzter Minute bewilligt. Den Rest des Jahres lebten wir also von vorenthaltenen Geldern, die eigentlich Tausenden von glücklichen Lotto-Gewinnern zustanden. Soweit das Wichtigste über den äußeren Rahmen.

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Vom Heimbewohner zum Wohngemeinschaftsmitglied ... alles kein Problem Die Menschen, mit denen wir die nächsten Jahre gemeinsam einen großen Teil unseres Alltags verbringen wollten, lernten wir im Februar und März 1978 kennen. Damals begannen wir unsere Erkundungen in dem schon erwähnten Heilpädagogischen Kinderheim. Über die verschiedensten Konferenzen und Sitzungen mit Heimleitung und Erziehern kämpften wir uns letzten Endes an die einzelnen Gruppen der Bewohner heran. Was hatten wir anzubieten? In der gemeinsam erarbeiteten Wohnung war Platz für sechs Jugendliche. Es sollten Jungen und Mädchen aus verschieden Heimen und im Alter zwischen 14 und 18 Jahren sein. Jeder sollte sich für den Einzug freiwillig entscheiden können, nicht bevormundet oder von Pädagogen ausgesucht. Für den Lebensunterhalt (Miete, Strom, Essen, Telefon, Heizkosten) hatten die Bewohner selber zu sorgen, d.h. durch Arbeitslohn, Ausbildungsvergütung oder Jugendhilfe vom Amt. Allgemein wird in Jugendwohngemeinschaften die Bereitschaft der Bewohner vorausgesetzt, in einer Gruppe zu leben. Dies bedeutet gemeinsame Bewirtschaftung (Haushaltsführung, Kochen, Putzen, Einkaufen, Kasse...), regelmäßige Besprechungen als „oberstes Beschlussregime“, die Aufstellung und Einhaltung von Regeln des Zusammenlebens und gemeinsame Entscheidung bei Ein- und Auszügen. Jeder sollte regelmäßig arbeiten oder zu Schule gehen oder sich zumindest darum kümmern, dies zu erreichen. Diese Grundlagen sollten das Wohngemeinschaftsleben bestimmen, damit es Trainingsfeld und Vorbereitungsraum für eine spätere Lebenspraxis sein kann. Die Übernahme des Mietvertrags von den Bewohnern selber erschien wegen der überaus hohen Mietkosten als unwahrscheinlich, sollte von uns -laut Konzept- aber trotzdem angestrebt werden. Wir stellten uns einen Bereich vor, in dem die Jugendlichen mit allen gesellschaftlichen Anforderungen in Berührung kommen könnten und schrittweise lernten damit umzugehen. Die Gruppe sollte Basis für einen Entwicklungsprozess sein, der von gegenseitiger Unterstützung, Verständnis füreinander und von gemeinschaftlich zu erreichenden Zielen getragen wird (alles, was sich in meinem Kopf mit dem Begriff Solidarität in Verbindung bringen lässt). Die Fähigkeit zu einer autonomen und eigenverantwortlichen Lebensführung sollte durch das gemeinsame Wohnen gefördert werden, da ein direkter und unmittelbarer Austausch jeden Tag möglich und eine gesicherte Basis für den „Kampf“ mit der alltäglichen

Realität hergestellt wurden. Wenn ich mir das heute beim Schreiben nochmal durchlese, gibt’s an diesen schönen Worten wenige Ansatzpunkte für eine grundsätzliche Kritik. Nicht viel später erfuhren wir, wie nichtssagend solch pädagogischen Worthüllen sind. Die Auseinandersetzungen und Fragen während unserer „Tournee“ durch das Heim bezogen sich auch mehr auf formale Dinge: Die „Profis“ wollten unsere pädagogische Linie wissen, inwieweit die Jugendlichen „behindert“ und „gestört“ sein dürften, ob das Projekt vom Senat abgesichert sein, wie viel Erfahrung und Ausbildung wir hätten, welche Vorschriften bestünden, usw. ... Die Jugendlichen reagierten sehr unterschiedlich: „Das ist doch wie ein kleines Heim“ und „Ich will lernen, alleine klarzukommen und nicht wieder in einer Gruppe, das nützt mir doch nichts“ waren die kritischen Stimmen. Der größere Teil konnte sich unter dem Gebilde „Wohngemeinschaft“ nicht so recht was vorstellen und fragte mehr nach Ausgangszeiten, wie viel Geld man dafür bekäme, ob die Eltern zustimmen müssten, wie häufig wir da seien, wer die Einrichtung bezahlen würde und ob Freunde sie dort besuchen dürften. Zum Schluss organisierten wir ein Treffen mit allen Interessierten im Heim, an dem zwölf Jugendliche und fünf Erzieher teilnahmen. So richtig los ging beim Treffen außerhalb der Einrichtung, ohne Erzieher: Diese Zusammenkünfte nannten wir „Vorbereitungstreffen“. Sie fanden, so wurde es mit den Jugendlichen vereinbart, zweimal in der Woche statt. Die regelmäßige Teilnahme war vorerst die einzige Bedingung für einen etwaigen Einzug. Mit dem Treffpunkt außerhalb des Heimes (in der Wohnung von Kristin) entstand bei uns das Gefühl, nun in eigener Verantwortung den Jugendlichen gegenüber zu sitzen. Wir waren sehr gespannt, wie viele kämen, wie sie uns wohl einschätzten, was besprochen und ob wir uns vorher alles ausreichend überlegt hätten. Jedenfalls war wir ganz schön aufgeregt.

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Tagebuch, 10. April 1978: Der Auftakt: Der Anfang des Treffens kündigte sich durch weithin hörbaren, höllischen Lärm auf der Straße an, der mehr an einen Trupp Fußballfans auf dem Rückweg vom Heimspiel erinnerte, als an eine Gruppe Jugendlicher, die sich auf den Weg zu einer wichtigen Diskussion über ihre Zukunft befand. Nach flüchtiger Begrüßung drängte uns der geschlossenen Tross erst mal ein bisschen zur Seite und tobte durch die Räume der Wohnung. Dabei wurde nicht nur alles in Augenschein genommen, sondern handfest erobert! Schränke, Regale, Truhen, Schreibtische und Nischen durchstöberten sie systematisch, der Inhalt des Kühlschranks fand dabei besondere Beachtung: mehr oder weniger wurde er geplündert und diente zur kurzfristigen Befriedigung eines schier unstillbaren Hungers... Irgendwann saßen tatsächlich alle um einen Tisch versammelt, und der „ernsthafte“ Teil konnte beginnen. Wir hatten eine Aufstellung von Themen und Fragen gemacht, die wichtig waren und schrittweise in den nächsten Wochen behandelt werden sollten., quasi als Vorschlag. Die Jugendliche klärten die kurz erwähnten Punkte sofort auf der Stelle, d.h. Innerhalb einer halben Stunde: Die Zimmer waren untereinander aufgeteilt, was für mich bedeutete, alle Anwesenden ziehen ein, notwendige Kleinigkeiten für die Einrichtung waren längst organisiert, der Umzug und der Ämterkram ein Kinderspiel und das Leben in der WG, das ist doch schließlich Ehrensache, wird schon gut laufen, denn alle wollen sich Mühe gebe! Sehr stolz darüber berichtend, saßen sie uns mit fragenden Gesichtern gegenüber: „Habt ihr noch mehr Probleme oder hab'n wir damit alles geklärt?“.

Und die hatten wir, das konnte ja nun nicht alles sein! Für uns standen die Fragen nach der rechtlichen Erlaubnis der Erziehungsberechtigten, wer mit wem gern zusammenwohnen will, die Beantragung der Jugendhilfe beim Bezirksamt, die Organisation des Haushaltes, und wer überhaupt noch zur Gruppe aus anderen Heime dazukommen könnte, im Zentrum unserer Aufmerksamkeit. Für die Jugendlichen waren diese zunächst ziemlich nebensächlich, nach einem Drängen unserseits, in zehn Minuten aus dem Ärmel geschüttelt.

Tagebuch, 13.4.78: … täglich, abwaschen und abtrocknen, täglich, einkaufen, kochen, Müll wegbringen, täglich: Wäsche waschen (jeder für ein Fach verantwortlich) 2x wöchentlich, Flur reinigen, 2x täglich, Klo putzen, 1x wöchentlich, Fenster putzen, 3x wöchentlich, Gemeinschaftsraum säubern. Alle Arbeiten werden von allen ausgeführt, im wöchentlichen Wechsel...

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Mit ganz anderer Intensität bastelten sie eine 14-tägige Fahrradtour an die Nordsee zusammen oder ne schnelle Woche in Paris. Das Fehlen von Geld, Fahrrädern, Camping- Zubehör und Zeit, weil immerhin die Renovierung der Wohnungen bevorstand und die meisten zur Arbeit oder Schule mußten, behinderte die Planung nicht im Geringsten. Der Wunsch nach Aktivitäten schlug sich letztlich nieder in Form eines Picknicks an der Havel, eines PizzaBackens und eines Minigolf- Turniers. Den zukünftigen Bewohnern war wichtig, die Wohnung zu besichtigen, die Zimmer zu verteilen, mit Renovieren zu beginnen und sofort schon mal einzuziehen, wenn auch nur mit Schlafsack und Stulle in der Hand. Die von uns eingebrachten Punkte waren noch nicht einmal zu einem Bruchteil abgehakt, da fingen auch schon alle an zu renovieren. Bei Hans, Michael und Arthur hatten die Eltern, bzw. der Vormund, noch nicht zugestimmt, trotz allem war der erste Tag der Maleraktion in ihrer neuen Behausung nicht mehr hinauszuzögern.

Tagebuch, 13.5.78: Auf dem Plan hatten sie die Zimmer unter sich problemlos aufgeteilt, heute wurden sie erstürmt. Jeder fing für sich an, mehr oder weniger intensiv, das vorherrschende Grau der Räume durch farbenfröhliche Umgestaltung aufzulockern. Es waren ja alles „Fachleute“, für die eine Decke streichen eine Art Nebenbeschäftigung darstellte, und so werkelten sie an ihrem neuen Zuhause. Hilfestellungen untereinander lehnten sie mit dem eindeutigen Hinweis kategorisch ab: „Was, das kannste nicht alleine?“ oder „du hast doch überhaupt keine Ahnung!“. Mit vorsichtigen Anregungen schafften wir einige Arbeitserleichterungen, malerten überall dort mit, wo wir gebraucht wurden und die Kräfte zu erlahmen drohten. Nach einer Stunde war die Atmosphäre viel hektischer und von vereinzelten Wutanfällen gekennzeichnet. Da reichte die Farbe nicht für die ganze Wand, die frisch aufgetragene Deckfarbe löste sich mit alten Putzschichten, die erste angeklebte Bahn Tapete entfernte sich langsam rollend von der Wand und irgend so ein Dussel hatte gerade den Pinsel geklaut. ... Je nach Heftigkeit des Lärms versuchten wir beruhigend einzuwirken, lobten die geleistete Arbeit und halfen, die nächste Tätigkeit zu planen. Kurze Zeit später trat wieder betriebsame Geschäftigkeit ein, bald dröhnten nicht nur die Flüche durch das Gemäuer, die Deckenbürste von Jürgen sauste durch die Gegend, volle Farbeimer lagen wie zufällig umgekippt in eine Zimmerecke, Arthur und Klaus im handfesten Streit um die letzte Cola. Peter verließ unter wüsten Beschimpfungen diese „Scheiß-WG“ und damit auch die Stätte seines ersten praktischen Wirkens für seine nahe Zukunft. Er trat für heute den Rückzug ins Heim an...

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Diese drei Tagesbucheintragungen stehen stellvertretend für die gegensätzlichen Atmosphären in der Vorbereitungszeit. Einerseits gute Vorsätze, zielgerichtete Ideen, das WG-Abenteuer anzugehen, andererseits reichte die Konzentration bei Besprechungen nur für eine halbe Stunde, und so stellten sich viele Hindernisse bei der praktischen Verwirklichung.

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Mein erster Eindruck

In mir entstand ein Wechselbad an Empfindungen: Sollten wir die Vorbereitungstreffen besser strukturieren, nach einer festen Tagesordnung vorgehen, damit alle wichtige Punkte auch abgehandelt werden? Sollten wir mehr Hilfe bei den praktischen Dingen einbringen? Zweifel und die Angst vor dem Nichtvorhersehbaren schlichen sich bei mir ein, je näher der Einzugstermin heranrückte. Spätestens dann musste sich ja zeigen, ob die Vorbereitungen ausreichend waren, und welchen Stellenwert die vielen nicht geklärten Punkte in der konkreten Lebenssituation noch bekommen würden. Besonders nach den Renovierungstagen wirkte die Frage bedrückend auf uns: Wie wird bloß alles werden?

Tagebuch, 11.5.78: Ziemlich kaputt und mit spürbarer Unsicherheit nach sechs Stunden Maleraktion zu Hause angelangt. Das ist doch erst der Anfang und der schon reichlich chaotisch! Wie soll das erst werden, wenn die Lawine der Alltagsprobleme auf uns alle niedergeht? Kein schützendes Heim mehr ringsum, können die Jugendlichen das alles verkraften? Und vor allem, kann ich das verkraften, fällt mir in allen Situationen noch etwas Sinnvolles ein, kann ich mir zutrauen, jederzeit wirksame Unterstützung anzubieten und was, wenn nicht?

Meine anfänglich blankgeputzte Selbstsicherheit bekam die ersten Kratzer, meine schön gehorteten „Erfahrungen“ aus der Rolle „Heimerzieher“ konnte ich Seite für Seite zu den Akten legen. In diesem nahen Zusammensein mit dem Jugendlichen prasselte eine erdrückende Vielzahl von Verhaltensweisen, Reaktionen, Umgangsformen, Gesten auf mich ein, die es mir schwer machten, nachzuvollziehen, was gerade in ihnen vorging. Meine gewohnten Bilder von Handlungsabläufen stimmten genauso wenig, wie das pädagogische Handwerkszeug aus dem Einmaleins für Gruppenerzieher.

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Packen wir's an...

Aus den unterschiedlichen Interessen entstand trotzdem bei allen Beteiligten das Gefühl, das Neuland vor uns entdecken zu wollen. Je mehr wir die ersten Schritte auf dem Weg dahin hinter uns hatten, desto größer wurde die Gewissheit; sie wuchs ganz vorsichtig. So ging die Vorlaufphase zu Ende. Eine gestrichene Wand, nur mit Probelackierung versehene Fenster, ungeklärte Finanzen und fehlende, langfristige Etappenziele brachten mich nicht mehr laufend ins rotieren. Die Schwierigkeiten standen eben erst dann an, wenn sie den Fortgang der Entwicklung störten, so z.B., wenn die restlichen Einzugsgenehmigungen erst auf dem Wege zu Vater, Mutter oder Vormund problematisch wurden. Die Beantragung von Jugendhilfe und Einrichtungsgeld interessierte dann, wenn das Zimmer zwar fertig war, aber noch relativ kahl wirkte, und wenn der Hunger vor der Tür stand, weil die letzten Märker Taschengeld verbraucht waren. Dann genau wurden die zwangsläufig hervortretenden Punkte mit einer Ernsthaftigkeit angegangen, die ich in den vorbereitenden Gesprächen vermisst hatte. Meine Voraussicht nutzte ich, um auf anstehende Fragen hinzuweisen, sie den Jugendlichen langsam ins Bewusstsein zu bringen, um so eine wachsende Bereitschaft zur Auseinandersetzung zu bewirken. Ich musste nicht auf unmittelbare Lösungen bestehen. Wurde es notwendig, geschah dies schon irgendwie. So hangelten wir uns dem 1. Juni entgegen, dem Termin des offiziellen Einzugs.

Jeder für sich und keiner für alle

Beschreibung der ersten Monate An diesem Tag zogen nur zwei Menschen ein, Kristin und ich, und zwar in unsere neue Rolle als Jugendwohngemeinschaftsberater. Bis auf Klaus und Michael hatten sich's die anderen schon seit ein paar Tagen bequem gemacht, ihre Wohnung erobert. Mit nicht viel mehr als 25

dem Wohnungsschlüssel ausgerüstet, kampierten sie auf notdürftig zusammenkratzten Decken, ernährten sich von ein paar abgestaubten Lebensmitteln aus der Heimküche. De Umzug war schnell erledigt gewesen, da ihr Hab und Gut nur aus unzähligen Plastiktüten und einigen Kleinmöbeln bestand, deren Nützlichkeit als Einrichtungsgegenstand uns zunächst etwas schleierhaft war. Im Laufe der nächsten Tage konnten wir die Wohnung mit vielen Spenden, die der Verein organisiert hatte, zumindest funktionell halbwegs gut ausstatten. Jeder versuchte, sich sein Zimmer mit den Möbeln gemütlich zu gestalten, die er bei den Verteilungskämpfen nach der Abholung der gespendeten Gegenstände ergattern konnte. Manche Zimmer sahen dann eher wie Möbellager aus, weil die tatsächliche Brauchbarkeit für jeden Einzelnen nicht ausschlaggebend war, sondern das Motto “Möglichst viel und von allem etwas!“.

Tagebuch, nach ca. einem Monat: Es wird gewohnt! Die Zimmer sind je nach Ausdauer und Geschmack eingerichtet, recht farbenfröhlich, mit zahllosen Gerätschaften vollgeknallt, so richtige Kramläden und Wohnhöhlen. Ausnahme: Matthias, der eine richtig originalgetreue Kopie der Wohnzimmereinrichtung seiner Mutter zauberte. Seit Wochen wird täglich umgeräumt, ausgetauscht und verschönert. Für Jürgen, Arthur und Matthias ist eine schicke Stereo-Anlage und die Anfänge einer Plattensammlung das Zentrum. Alles andere gruppiert sich mit rapide abnehmender Sorgfalt ringsherum. Vor den Zimmertüren, im Flur, Gemeinschaftsraum, in der Küche, Dusche und Toilette ist der Urzustand unverändert erhalten geblieben, d.h. entsprechend ungastlich, kärglich ausgestattet, nicht mit Leben erfüllt. Alle Arbeiten in den gemeinschaftlich genutzten Räumen müssen wir nachdrücklich anregen!

In der Vorbereitungszeit hatten wir ausführlich Gelegenheit, über die Organisation des WGLebens zu sprechen. Alle möglichen Pläne, die das Saubermachen, das Zusammenleben, die Gruppenbesprechung, das Einkaufen, den Schul- und Arbeitsbesuch, die Haushaltskasse, die Gemeinschaftsverpflegung und, und, und regeln sollten, wurden entworfen. Unsere Vorschläge und Anstöße hatten maßgeblich Anteil am Zustandekommen kollektiver Vereinbarungen, die wir den Jugendlichen gegenüber als grundlegende Bausteine einer „richtigen“ WG vertraten. Letztlich stellten sie sichtbare Merkmale geordneter Gruppenpädagogik dar, als Eckpfeiler für uns selbst und nach außen, gegenüber Kollegen, Behörden, Trägern und Freunden. Zunächst gingen die Neu-Bewohner mit allem Ernst und vielen Ideen daran, diese Punkte zu diskutieren uns auszuprobieren. 26

Nach drei Wochen, in denen nichts unversucht blieb, den WG-Alltag daran zu orientieren, kamen die vermeintlichen Grundlagen einer Jugendwohngemeinschaft in eine gewaltige Krise.

Es begann mit dem gemeinsamen Kochen und der Haushaltskasse. Beides wurde rigide abgeschafft. Der letzte Dialog zwischen Peter, Jürgen, Matthias und Arthur über diese Thema hörte sich so an:

Tagebuch, 28.6.78: … „Warum gibt's denn heute nichts zu essen?“ - „Jürgen war mal wieder zum Kochen!“ - „Außerdem fehlen schon die Hälfte der Bratwürste und das Weißbrot für's Frühstück.“ - „Na dann brauche ich ja gar nicht groß abzuwaschen!“ - „Is sowieso alles Mist, fehlen nämlich schon wieder 50 Eier aus der Kasse.“ - „Ach, macht doch, was ihr wollt, ich kaufe jetzt jedenfalls nichts mehr ein. Und außerdem nehme ich mir jetzt gleich was von den Resten. Was die anderen können, kann ich schon lange!“ Daraufhin strömten sie in die Küche, verteilten die Reste wie Raubtiere ihre Beute, würgten die Würste roh und kalt runter und das Frühstück gleich noch mit. Als Michael, Hans und Klaus abends nach Hause kamen, war nicht abgewaschen, der Kühlschrank total leer geplündert, die Küche glich einem Schlachtfeld und die „Einzelverpflegung“ beschlossene Sache. Jeder kaufte und kochte sein Essen für sich, Geschirr und Küchengeräte wurden auf die Zimmer verteilt. Die schön konzipierte Gemeinschaftsküche diente fortan zum Lagern schmutziger Teller.

Machte sich bei uns eine eher panische Stimmung breit, wie es denn nun weitergehen sollte, so kehrte bei den Jugendlichen erst mal eine Zufriedenheit über diesen Zustand ein. Wir verloren ein Stück unserer Vorstellung, konnten es noch gar nicht richtig fassen. Das haben wir den Jugendlichen damals nicht erzählt, sondern sie mit Händen, Füßen und Engelszungen von den nicht zu widerlegenden Vorteilen einer gemeinschaftlichen Verpflegung zu überzeugen versucht. Die Tatsachen sprachen leider dagegen, nichts ging mehr, uns blieb der sehr dünne Trost, drei Wochen hat's immerhin geklappt. An die grundlegenden Widerstände war im Moment nicht ranzukommen. Nicht bedeutend länger herrschte ein gewisser Grad an Sauberkeit in der Wohnung. In den ersten Wochen stellte der Putzplan noch Motivation dar. Kristin und ich halfen bei jedem mit, damit die einzelnen Aufgabe nicht zu stressig wurden. Langsam wurden immer mehr 27

Überredungskünste notwendig, die von uns angebotene Unterstützung wurde umfassender verlangt, bis irgendwann, trotz aller Appelle an die Einsicht, der wöchentliche aufgestellte Plan lediglich noch der Gewissensberuhigung diente: „Na ja, einen Plan haben wir ja immerhin gemacht!“, „Mühe geben wir uns ja auch“, „wenn schon müssen alle“...

Tagebuch, 13.7.78: Die einzelnen Zimmer glänzen zwar nicht wie die Behausung des weißen Wirbelwinds, aber der gröbste Schmutz wird immerhin hinaus befördert. Leider nur bis vor die Zimmertür auf den Flur. Jürgen gab mir heute den lakonischen Kommentar: „Das ist eben wie im Heim, was nicht mir gehört, wird eingesaut. Wird sich wohl erst ändern, wenn wir eine eigene Wohnung haben, die halten wir dann auch sauber...“. Das führt tatsächlich dazu, dass keinerlei Motivation zu Sauberhaltung der Räume da ist. Die Wohnung, mit Ausnahme der eigenen Zimmer, sieht aus wie eine Sperrmüllhalde. Der Herd ist völlig mit Essensresten übersät, der Backofen ähnelt einer Räucherkammer. Der Fußboden ist inzwischen so klebrig, dass man ihn nur relativ zügig überqueren kann, ganz abgesehen von dem Zustand der beiden „Bahnhofsklos“. Der Weg zu den Müllcontainern vorm Haus ist zu lang, der Flur dagegen sehr nah, mit dem Ergebnis: die Wohnungstür geht nur noch einen Spalt breit auf, der Flur besteht nur aus einem Trampelpfad mit Abzweigungen zu den einzelnen Türen, zwischen Bergen von Abfällen. Essensreste in unterschiedlichen Behältnissen sowie das gesamte Kücheninventar verschmutzt in der Wohnung verteilt geben dem chaotischen Anblick noch die entschiedene Duftnote.

Ich bin mit Sicherheit kein Pendant, aber das stank uns viele Monate lang gewaltig. Die Bewohner beteuerten, wie sehr ihnen das selbst auf den Geist ging, keiner schaffte es, alles einigermaßen in Gang zu bringen. Selbst unser handfestes Eingreifen hielt gerade so die minimale Funktionstüchtigkeit der Wohnung aufrecht. Manchmal konnte ich Hans oder Peter noch zur Mithilfe überreden, ein Stück Flur oberflächlich zu reinigen, Minuten später war kein Unterschied mehr zum chaotischen Gesamtzustand festzustellen. Es wurde nicht mutwillig wieder verdreckt, mehr aus Desinteresse, von einer Ist-mir-doch-egal-Haltung bestimmt. Tagebuch, Juli 1978: Als ich eines Tages die WG betrat, stand ich knöcheltief im Wasser. Durch eine undichte Stelle im Wasserzulauf der Dusche setzte eine kleine Spritzfontäne Flur und Toilette unter ständige Berieselung. Die Rettungsmaßnahme der Jugendlichen waren zwei Bretter, die sie zum Überqueren über die Wasserlache gelegt hatten. Mein Ärger über solche Interessenlosigkeit und das Ausmaß des Schadens quittierten sie mit einem Achselzucken: „Ich habe das doch nicht gemacht, und außerdem dusche ich nicht mehr hier. Das geht mich überhaupt nichts an!“ 28

Die Tropfsteinhöhle beim Mieter eine Treppe tiefer war natürlich dann gänzlich unwichtig. „Zwischenfälle“ dieser Art steigerten nicht nur das Durcheinander, sie setzten uns alle durch den verständlichen Zorn der Mitmieter erheblich unter Druck.

Die regelmäßige wöchentliche Zusammenkunft war das letzte äußere Zeichen unserer Bestrebung nach Gemeinschaft und Gruppengefühl. Das Zusammensetzen und Quatschen hatten wir als eine Form der Auseinandersetzung in der Vorbereitungszeit vorgegeben, ja die Teilnahme sogar zur Pflicht gemacht, denn dies war eine Voraussetzung zum Einzug. Wir hielten mit Nachdruck daran fest. Unserer Überzeugung nach ergab sich dadurch eine wesentliche Möglichkeit, die Prozesse in Gang zu setzten, deren Ziel eine eigenverantwortliche und autonome Gruppenentwicklung war. Diese Überzeugung blieb zunächst buchstäblich die unsere, d.h. Kristins und meine, denn während des vereinbarten Termins herrschte bald die Atmosphäre eines Boxrings: Es standen sich gegenüber: die Besserwisser-Berater unter der Lösung „WG-Besprechung ist Pflicht“ und die Herausforderer, die Bewohnerschaft der Jugendwohngemeinschaft unter der Parole: „Immer das ewige Gequatsche, ändert sich ja doch nichts!“.

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Das vorläufig letzte Aufeinandertreffen dieser Art war für uns Schlusspunkt und Beginn gleichermaßen. Tagebuch, Mittwoch, 8.7.1978, 18 Uhr: Mit gewaltigen Worten und ein paar Flaschen Brause zur Stärkung haben wir alle zusammen getrommelt. Völliges Durcheinander, gegenseitiges Anschreien und Hinund Hergelaufe bestimmen das Bild. Jürgen setzt sich in die äußerste Ecke des Gemeinschaftsraumes, Michael knallt die Füße auf den Tisch und schmeißt mit Schaumstoffstücken aus einem sich in Auflösung befindlichen Sessel neben ihm. Wir sammeln Themen, mehr als unsere Vorschläge kommen nicht. Ich versuche mehrmals zu erklären, warum es für mich wichtig ist, die anstehenden Punkte zu diskutieren und zwar gerade jetzt mit allen gemeinsam. Mein Bitten geht sehr schnell unter, meistens wird nur geflucht, einzelne wirklich ernst gemeinte Beiträge werden verlacht und kommentiert: „Du bist doch blöde und hast keine Ahnung, also halt' die Schnauze!“. Tritt für Minuten eine ruhigere Stimmung ein, ist das Chaos danach um so heftiger. Jürgen brabbelt aus seiner Ecke ohne Unterbrechung unverständliche Sätze, die er auf mein Nachfragen nicht erklären will. Michael, dem die Wurf-Munition ausgegangen ist, brüllt nur noch dazwischen und schreit jeden an. Ich fühle mich ziemlich verarscht und schreie mir das kurz und heftig aus dem Bauch. Der „Erfolg“: Michael und Jürgen ziehen ab und die inhaltliche Auseinandersetzung wird vom Rest torpediert. Ihr Argument ist z.B.: „Wir können nur sinnvoll reden, wenn alle dabei sind.“ Klaus macht sich auf den Weg, die beiden zurückzuholen, entdeckt dabei, dass sie in der Zwischenzeit eine Fressorgie mit den Vorräten für das sich anschließende Abendessen durchführen. Da war so ziemlich alles zu spät, zwischen Klaus und Michael kommt's zur Schlägerei, die nur mit Mühe etwas abzumildern ist, alle anderen schreien sich Vorwürfe zu, rennen hektisch durcheinander...

Wieder zur Besinnung gekommen, begannen wir langsam, die sich überstürzenden Aktionen zu verarbeiten. Eines war klar, eine Besprechung in dieser Form war für den Moment gestorben. Keiner konnte dem anderen so richtig zuhören, weil jeder sichtlich davon begeistert war, selbst weithin hörbar, Ansichten, Scherze, Flüche, Ärger, Weisheiten und Sticheleien so laut wie möglich in den Raum zu brüllen. Es schien keine Notwendigkeit zu bestehen, Absprachen auszuhandeln, sich zu verständigen. Trotz aller Hektik hatten diese Treffen für uns eine zentrale Bedeutung, was wir auch versuchten zu vermitteln. Meistens kommentierten die Teilnehmer am Ende das Ergebnis: „Da kommt ja doch nichts bei heraus, alles quatscht durcheinander, und dann macht jeder, was er will.“ Die Termine mussten oft wegen andere „wichtiger“ Erledigungen der Jugendlichen verschoben werden, verkürzten sich zwischen Tür und Angel auf zehn Minuten mit der

lakonischen Bemerkung von Matthias, was es denn nun schon wieder zu bereden gäbe. Dann fielen sie ersatzlos weg, lediglich wenn wir auf der Einhaltung energisch beharrten, fanden sie statt, wobei man sich dann die Art der engagierten Beteiligung vorstellen kann. Nach zwei Monaten gab es die Einrichtung „WG-Besprechung“ nicht mehr, sie war eine Beraterbesprechung, denn wir beide saßen alleine.

Diese Beispiele sind symptomatisch für die gesamte Haltung der Bewohner und die Atmosphäre der Anfangszeit. Alle Sätze und Vorhaben, die mit dem Begriff oder dem Gefühl „Gemeinschaft“ zu tun hatten (Gemeinschaftszimmer, -kasse, -verpflegung und -besprechung) wirkten wie ein rote Tücher im Stierkampf. So hatten Gruppenaktivitäten keine Chance, sie wurden relativ konsequent abgelehnt und mit tausend Ausreden umgangen. Standardspruch war z.B.: Wenn der und der mitgeht, komme ich nicht mit. Die Bemühungen, ein gemeinsames Leben zu führen, und die Beschäftigung damit schien lästig, mehr noch unnötig. Optisch und akustisch wurde das Bild einer „lebendigen“ Gemeinschaft noch zusätzlich erschüttert. Tagebuch, 3 Wochen nach dem Einzug: Es wird geschlossen! Die Vormieter in dieser Wohnung haben uns einen riesigen Sack mit Schlüsseln hinterlassen. Ich wollte die irgendwo deponieren, denn außer Hausund Wohnungsschlüssel brauchten wir ja keine?! Aufgrund geschossenen, leidenschaftlichen Protestes aller Bewohner verteile ich sie schließlich an jeden, bevor auch nur ein einziger Pinselstrich getan war. Seit dem Einzug beherrschten Geräusche die Szene, die mich an einen kleinen Trakt einer Haftanstalt erinnern: Ständiges Auf- und Zuschließen beim Rein- und Rausgehen von 7 Menschen mit dazugehörendem Schlüsselrasseln. Unterschied: Sie schließen sich selber ein und aus. Im Laufe der Zeit werden nicht nur Türen, sondern Schreibtische, Schränke, Kommoden, Fernsehtruhen, Nachttische u.a. verschlossen. Hans trug an seinem Gürtel ein mindestens zweipfündiges Schlüsselbund, durch das Klimpern war er von weitem bereits zu erkennen.

Nach den ersten Wochen, in denen wir das Zusammenleben der Bewohner hautnah erlebten, entstand für uns folgendes Bild: Es wohnten letztlich 8 Jugendliche dort, 6 Plätze waren vorgesehen. Alles Jungen, obwohl eine gemischte Gruppe mit Mädchen konzipiert war. Dann noch alle aus einem Heim, wohingegen eine Zusammensetzung mit verschiedener Herkunft (Familie, Heim, Pflegestelle) größere Chancen gegenseitiger Unterstützung versprach. Abgesehen davon, dass alle bis dahin gültigen charakteristischen Merkmale einer 32

Wohngemeinschaft in kürzester Zeit nicht mehr existierten. Der perfekte Rückzug in die Individualität mit eigenem Kühlschrank im Zimmer reduzierte die erhoffte stabilisierende Kommunikation untereinander auf ein nötiges Minimum. Wozu dann Jugendwohngemeinschaft, wozu Berater für eine Jugendwohngemeinschaft? Oft verließ Michael tagelang sein Zimmer nur für wenige Minuten. Wenn etwas Ruhe auf dem Flur eingekehrt war, und er wusste, dass ich da war, traute er sich aus seiner ZimmerWelt, fast zögernd, ganz darauf bedacht, von niemandem unnötig angesprochen zu werden. Er erzählte nicht viel, scheinbar belanglose Sachen und kehrte dann in sein Reich zurück. Dösend und schlafend schaffte er es, die feindliche Umwelt von sich fernzuhalten. Alle Fragen und Vorschläge von mir wehrte er wie einen Angriff ab, zog sich dann vollends zurück. Bei Arthur lief den ganzen Tag Musik, noch im Schlaf fand er die Start-Taste seines Kassettenrecorders, schon im Schlaf drehte er die Platte nochmal um. Betrat ich sein Zimmer, war es fast schon ein Zeremoniell, dass er nach unserer Begrüßung mir sofort die neuste Scheibe vorspielte, zwischendurch mal etwas leiser, damit ich seine gebrüllte Frage verstand: „Kennst du die schon, irre wa?“ Meine Antwort konnte nur aus einem Nicken oder Kopfschütteln bestehen, weil inzwischen die Rhythmen schon wieder dröhnten. Durch die Stereo-Anlage hatte er ständig Besuch oder andere Bewohner der WG scharte sich um die Boxen. Wollte ich mit ihm etwas bereden, musste ich ihn erst davon überzeugen, die Regler bis auf eine Lautstärke zurückzuschieben, die eine normale Verständigung möglich machte. Bei nahem Ende unserer Unterhaltung stellte er den vorherigen Zustand sofort wieder her. Arthur selbst brauchte mich nur, solange keiner im Zimmer war, oder ich ihm bei der Erledigung einer Sache helfen sollte. Jürgen reagierte auf seine Lebensumgebung sehr unruhig. Sein Zimmer suchte er zwischen Aufstehen und Schlafengehen immer nur für ein paar Minuten auf. Verbrachte er einen ganzen Tag in der WG, so wanderte er kreuz und quer durch die Wohnung, sah nacheinander in alle Räume, stand für ein paar Minuten am Fenster, rannte jedem hinterher, bei dem er vielleicht eine Kippe schnorren konnte, drehte seine Musikanlage auf volle Lautstärke, höchstens drei bis vier Minuten, schloss sein Zimmer wieder ab und begann das gleiche Programm von vorn. Seine unbeschreibliche Unruhe ließ ihn sich auch in ruhigen Gesprächsatmosphären nicht ausgeglichen verhalten.

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Die ersten Wortwechsel zum Thema dauerten höchstens drei Minuten, dann zwang es ihn förmlich zu sehen, was die andren machten, sich eine Eis zu kaufen oder sich eine Stulle zu schmieren. Eine Zeit lang und stets periodisch wiederkehrend war der Konsum von Bier und Schnaps bei allen (bis auf Hans und Matthias) für ihr Leben bestimmend. Klaus empfand sich auf Grund seiner Vorerfahrung mit Wohngemeinschaften mit seinen Ideen und Vorstellungen nicht ernst genommen. Er suchte immer wieder außerhalb neue Bezugsrahmen mit alten Kumpels oder neuen Freunden. Die Taufe eines neuen Freundeskreises war untrennbar mit Saufgelagen verbunden, die sich dann zum festen Ritus eines jeden Treffens etablierten. Klaus war zeitweise mit der Organisation, Aufräumungsarbeiten und „Stoffbeschaffung“ voll ausgelastet. Die Kluft zu den anderen vertiefte sich, Angebote von uns, die irgendwie in Verbindung mit einem anderen Bewohner standen, lehnte er mit dem Hinweis ab: „Die sind doch zu blöde, die schaffen's ja noch nicht mal ne richtige WG hier zu machen.“ Von den Jugendlichen wurde Klaus` „Pennerverhalten“ heftig abgelehnt, mit dem anderen Auge schielten sie aber auf die scheinbar gute, ausgelassenen Stimmung von Klaus, wenn er mit anderen zusammen war. Unrast bestimmte auch Peters Stimmung. Ein eigener Bereich von Geborgenheit war nicht oder noch nicht mit ihm in die WG eingezogen. Solange Kristin und ich in der Wohnung waren, begleitete er uns als Schatten überall hin. Jeden Schritt führte er parallel aus, in jedes Gespräch hakte er sich ein, gefragt oder ungefragt. Er wartete sehnsüchtig auf unser Eintreffen und verfluchte uns beim Gehen, als nähmen wir ein Stück von ihm mit. Er begegnete mir als zielloser Suchender, ständig in hektischer Bewegung und immer Spuren hinterlassend, sei es etwas Zerstörtes, Angebrochenes, Eingeritztes, Zerknülltes, Abgerissenes oder sonst was. Wir fanden zunächst wenig, was in ihm ein zufriedenes Gefühl auslöste. Mein ungutes Gefühl steigerte sich noch, wenn er mir halb vorwurfsvoll erzählte, dass er lieber wieder ins Heim zurück wollte und mit den Erziehern schon klärend gesprochen habe. In den ersten Wochen verbrachte er viel Zeit in seiner ihm wohlbekannten Heimgruppe, aß mit den anderen die Heimverpflegung, nahm an dortigen Gruppenaktivitäten teil, berichtete viel über die „blöde“ Wohngemeinschaft und schien dadurch für den Kampf ums Bestehen der Wohngemeinschaft aufzutanken. Dagegen nicht bei mir, der ihm das Vertrauen doch viel lieber geben wollte. Ich durfte ihm zwar beim Aufräumen seines Zimmers helfen, für seine wirklichen Probleme war ich nicht würdig. 34

Wir bekamen den Eindruck, dass jeder intensiv mit sich selber zu tun hatte. Die gleichgelagerten Probleme beim Zimmernachbarn luden nicht zur gemeinsamen Bewältigung ein; im Gegenteil, die Jugendlichen reagierten darauf noch abgrenzender. Sie konnten sich als Partner nicht ernst nehmen. Schwierigkeiten und Unzulänglichkeiten waren Anlass, sich gegenseitig lächerlich zu machen, den anderen in Grund und Boden abzuqualifizieren, als totalen Schwachkopf darzustellen und durch besonders bissige Bemerkungen sich selber aufzuwerten. Für mich war es oft die Hölle mitzufühlen, wie gemein und rücksichtslos die Schwächen ausgenutzt oder teilnahmslos kommentiert wurden: „Was geht mich denn das an, wenn es dem schlecht geht, sein Problem!“ In dieses Bild der ersten Monate gehören eine ganze Reihe alltäglicher Schwierigkeiten, fehlender Erfahrungen und Kenntnisse. Darüber erst mal ins Stolpern gekommen, konnten nahtlose Kettenreaktionen bei den Jugendlichen in Gang gebracht werden. Zum Beispiel hatte die mangelnde Fähigkeit, mit Lesen und Schreiben umzugehen, folgende Konsequenzen: Matthias rief auf der Suche nach Arbeit bei einer Firma an, die eigentlich einen Tischlerangestellten mit Berufserfahrung suchte. Da er in der Annonce nur etwas von Holz entziffert hatte, war eine Ablehnung vorprogrammiert. Nicht selten lief so etwas zwei- bis dreimal hintereinander ab. Weitere Versuche startete er nicht, weil spätestens dann der Eindruck unumstößlich feststand: "Für mich gibt’s eben nichts". Ein vereinbartes Bewerbungsgespräch scheiterte häufig schon daran, dass die Namen der U-Bahnhöfe beim Umsteigen, die Straßenschilder oder der Firmenname auf der Hinweistafel nicht rechtzeitig entschlüsselt werden konnten: „Hab' ich nicht gefunden, gibt’s da nicht.“ Letztlich wartete im Personalbüro die endgültige Falle in Form des Bewerbungsfragebogens, da weder die Fragen gelesen noch die dazugehörigen Antworten geschrieben werden konnten.

Abgesehen davon, dass es um die Mehrzahl der Jobs nicht schade war, blieb die erneute Erkenntnis, mit „normalen“ Anforderungen des Lebens nicht Schritt halten zu können. Hiermit in sehr vielen Lebensbereichen konfrontiert, stellte es eine Quelle für Beweise der eigenen Unfähigkeit dar, die fast ständig sprudelte.

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Etwas harmloser war das Problem mit schmutziger Wäsche, die sich in Haufen auf dem Flur sammelte. Wie der Weg zurück in den Schrank im gesäuberten Zustand zu bewerkstelligen war, stellte offensichtlich ein Geheimnis das, das vorher von der zentralen Wäschekammer des Heimes gehütet war. Michael erklärte sich bereit, die Funktion eines Waschsalons zu erforschen, da sein letztes TShirt nun drei Wochen am Körper klebte. Leider war dann ausgerechnet sein Geld alle und der nächste Zahltag beim Jugendamt noch 14 Tage hin. Reparaturbedürftige Kleidungsstücke landeten grundsätzlich im Abfall, bis irgendwann nichts mehr im Schrank lag. Die erste wohngemeinschaftseigene Waschmaschine diente mehr als Spielzeug, bestaunt und getestet, was ihre Lebensdauer auf zwei Wochen begrenzte. Die eigene Körperreinigung war zunächst ähnlich uninteressant, angeschaffte Zahnbürsten, Handtücher und Seifen wurden zur Dekoration im Badezimmer degradiert. Trotz aller Erklärungsversuche wurde das Abfallproblem von Zigarettenkippen, Essensresten und leeren Flaschen mit einem Wurf durchs offene Fenster gelöst: Ein „gelungener“ Aufhänger für Passanten und Anwohner für eine wütende Aktion, verwahrloste Jugendliche aus ihrem Gesichtsfeld zu vertreiben. Wollte sich ein Mitbürger bei der Wohngemeinschaft beschweren, war ein „Verantwortlicher“ nicht da. Außerdem ging die Tür nur einen halben Spalt weit auf, denn ein großer Müllhaufen verhinderte ein weiteres Öffnen. Ein Schreckensbild konnte von der Nachbarschaft phantasievoll ausgemalt werden. Nach Einbruch der Dunkelheit war es nicht nur draußen finster, sondern sehr häufig auch in vielen Zimmern. Dass Glühbirnen im Laden gekauft werden müssen, waren sie einmal entzwei, erschien weltfremd. Sie wurden gegenseitig geklaut und überall mit hingenommen. War das Essen in der Küche fertig gekocht, drehte z.B Hans die Birne wieder aus der Deckenlampe und verschwand in seinem Zimmer.

Diese alltäglichen Stolpersteine trieben auch uns oft zur Resignation. Jede Kleinigkeit in der praktischen Lebensbewältigung stellte sich als ein enormes Problem heraus. Die individuelle Verunsicherung wuchs. Die Jugendlichen fühlten sich auch von uns alleingelassen, weil nicht alles umgehend gelöst werden konnte. Die äußere Unordnung war ein Spiegelbild ihrer inneren, die Kluft zwischen ihren Vorstellungen und den Fähigkeiten der Realisation wuchs.

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So hatte ich mir das nicht vorgestellt

Sicher war uns klar, dass nicht alle formulierten Ansprüche und Ziele reibungslos in die Entwicklung der Wohngemeinschaft einfließen können. Aber schon jetzt waren alle vermeintlichen Merkmale einer Wohngemeinschaft Stück für Stück zerpflückt worden. Jedem Tag wohnten so viele Ereignisse und wechselnde Szenen inne, dass ich abends förmlich nach Hause schlich, erschöpft und aufgewühlt, mit brummendem Schädel, in dem einzelne Erlebnisse Karussell fuhren. Beim Einschlafen dachte ich an den nächsten Morgen, an dem ich unausweichlich an gleicher Stelle wieder agieren und reagieren musste, ein ziemlich beklemmendes Gefühl. Wenn ich da so täglich in den Vorarlberger Damm einbog, ging mein Puls schneller, und mir wurde mulmig bei der Vorstellung, was mich gleich erwarten könnte: Stehen schon wieder Bullen wegen irgendeinem Scheiß vor der Tür; fangen mich die benachbarten Ladenbesitzer gleich vor der Haustür ab, um mir die neusten empörenden Geschehnisse aus der Wohngemeinschaft zu verbraten, liegen die Bewohner in unlösbarem Streit miteinander oder welche unvorhergesehene Wendung bestimmt die Szenerie? Ich spürte eine Unsicherheit, von der ich glaubte, sie in Arbeitssituationen längst überwunden zu haben. Schließlich hatte ich die Illusion, in meinen jahrelange Erfahrungen in der Heimerziehung hätte ich nun alles wesentliche mitbekommen. Es war jedoch irgendwie grundsätzlich anders, sowohl die Jugendlichen in ihrer neuen Umgebung als auch meine Position. Ich rückte schutzloser als Person in den Vordergrund. Mein Verhalten, meine Vorstellungen, Reaktionen, Gesten, Sprache standen im Rampenlicht, nicht mein Amt. Es bestanden keine verbindlichen Regeln, auf die ich mich im Ernstfall hätte zurückziehen und die mir Verhaltenssicherheit hätten einflößen können. Es entlastete mich nichts von der Ver2antwortung, immer im Brennpunkt zu stehen. Ich hätte wahrscheinlich liebend gern mal gesagt: „Verdammt noch mal, jetzt ist aber Schluss, es wird so gemacht, wie ich es für richtig finde und keine Widerrede. Ihr werdet schon sehen, das ist gut für Euch!“. Selbst diese scheinbare Notbremse funktionierte nicht.

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Nächtelang hockten Kristin und ich zu Hause. Wir ließen den Tag nochmal abrollen, versuchten zu deuten, uns die Entwicklung erklärbar zu machen, unsere Empfindungen auszutauschen. Es war zeitweise wie ein Ringkampf, die Zweifel zu besiegen: Dürfen wir das zulassen, machen wir was falsch, sollen wir mehr bestimmen, ist die Wohngemeinschaft eine Überforderung für die Jugendlichen oder für uns Berater, wie geht’s weiter? Am Horizont tauchte bedrohlich die Möglichkeit auf, dass alles nicht klappen könnte, und wir in der Arbeit versagen würden. Die Befürchtungen verstärkten sich aufgrund schonungsloser Kritik und heftiger Angriffe von Kollegen aus anderen Wohngemeinschaften, Behördenvertretern, Heimleitungen und erziehern, die der ganzen Unternehmung keinerlei Überlebenschancen einräumten oder uns geringschätzig sechs bis acht Wochen Existenzzeit zubilligten. Das Gefühl, etwas isoliert und alleine probieren zu müssen, bedrückte uns dadurch zusätzlich. Anstatt uns die Erfahrungen früherer Jahre hilfreich zur Verfügung zu stellen, lauerten sie auf das Eintreffen ihrer pessimistischen Prognosen. Dieser Druck machte uns andererseits trotzig und ideenreich. Immer wieder entwickelten wir neue Strategien, überlegten uns verschiedenste Versuche, stabilisierende Elemente für uns, für jeden einzelnen Jugendlichen und für die ganze Gruppe zu schaffen. In dieser Phase wurden für uns die bisherige Lebenswirklichkeit der Bewohner und ihre Vorstellungen vom Leben bedeutsam, die im Folgenden deshalb etwas genauer beschrieben werden sollen.

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Hintergründe Was haben 10 Jahre Heimerziehung bei den Jugendlichen hinterlassen?

Eingespielte und antrainierte Lebensgewohnheiten, regelmäßige Tagesabläufe, gewohnte Beziehungen waren für die Jugendlichen Grundlagen, die durch den Umzug in die Wohngemeinschaft in Frage gestellt wurden. Der Schutz durch den organisierten Heimbetrieb, der sie zu einer isolierten, besonders zu behandelnden Randgruppe stempelte und gleichermaßen von den Anforderungen des Lebensalltags in Berlin entfremdete, er fiel ersatzlos weg. Weder die Wohngemeinschaft als „Einrichtung“ konnte ihn ersetzen, noch wir, die externen Berater. Auf dem Wege, die Jugendlichen zu begreifen, konfrontierten sie uns mit ihrer Lebenserfahrung. Eine Erfahrung, die eindeutig von der Heimerziehung geprägt war, und die sie mit ca. 7000 (Stand: 1980) anderen Kindern und Jugendlichen teilten, die allein von Westberlin aus in solchen Einrichtungen untergebracht sind. Darüber ist viel diskutiert und publiziert worden. Beim Versuch, die Welt der Bewohner kennenzulernen, ist uns erschreckend deutlich geworden, wie nachhaltig und differenzierend diese Zeit im Heim die Gefühle, das Erleben und Verhalten der Jugendlichen als „Insassen“ und von mir als „Wärter“ verändert hat. Wir beschreiben nur einige Problembereiche, die unmittelbar mit dem Wechseln von Heim in die Jugendwohngemeinschaft in den Vordergrund traten. Die Jugendlichen haben und erzählt, und ich habe es als Teil meiner Vergangenheit wieder neu begriffen: Im Mittelpunkt des Heimlebens steht das Ordnungsprinzip, ein System von Regelungen und Verhaltensvorschriften. Alle 80,100,150 Kinder und Jugendlichen und meistens beinah ebenso viele Mitarbeiter sind daran gebunden. Ab- und Anmeldung von Besuchern, Essenszeiten, Wäschetausch, Zeitpunkt des Weckens und Schlafengehens, Festlegung der Ausgangszeiten, Post- und Schrankkontrollen, Bettmachen, Einteilung des Taschengeldes, Schichtdienst, geplante Freizeitaktivitäten, Besuchersperre, Strafen – alles ist festgelegt und hat absoluten Vorrang vor jedem individuellen Bedürfnis. Vom Bestehen dieses Organisationsrahmens ist das Bestehen der gesamten Einrichtung abhängig. Deshalb ist es ein System, nicht eine zufällig erarbeitete Hausordnung, die so oder anders hätte ausfallen können. Es muss funktionieren, unabhängig von den Menschen, die sich in seinen Maschen bewegen. Man 39

könnte meinen, ein Fehlen der Betroffenen würde nicht stören, der Laden würde auch ohne sie weiterlaufen. Alle werden mit diesem Netz lebloser Verordnungen konfrontiert, deren Existenz unbeeinflussbar, sozusagen von „oben“ gegeben ist. Die Bewohner stehen einer übergroßen und umfassenden Macht gegenüber, die in ihnen ein Ohnmachtsgefühl auslöst. Denn es schien völlig egal zu sein, ob sich jemand unterordnet oder dagegen kämpft, sie wird als unveränderbar und als nicht zu bezwingen empfunden. Die damit verbundene Entmenschlichung und Disziplinierung wirkt nicht nur im Heilpädagogischen Erziehungsheim. Es ist die gleiche Gegensätzlichkeit zwischen Macht und Ohnmacht, die herrscht, in isolierten Situationen (Knast, Psychiatrie, Altenheim) nur brutaler und ungeschminkter zutage treten kann. Auf die grundlegenden Konflikte wird selten gezielt eingegangen, dem wird der beschriebene Rahmen gegenübergestellt, der das äußere Verhalten der Betroffenen regelt, gesellschaftlich abweichende Handlungen durch erwünschte schematisch ersetzt. Der oft benutzte Begriff „Verwahranstalt“ entspricht in seiner sprachlichen Harmlosigkeit nicht der Realität, es passiert weitaus mehr! Die Betroffenen rennen mit ihren Gefühlen, Hoffnungen, Wünschen, Träumen und ihrem Willen ständig gegen diese unnachgiebige Wand von Regeln. Der Emotionalität wird ein Regelwerk gegenübergestellt, das rein sachlich, mit funktionellen Notwendigkeiten und geringstem ökonomischen Aufwand begründet wird. Dadurch wird ihnen in jahrelanger Kleinarbeit ein Verhaltenskorsett verpasst, zu dem sie keine natürliche Verbindung haben, das nicht in ihrer Persönlichkeit verankert ist, ihnen aber ihr eigenes Rückgrat ersetzten soll. Ein Scheinrückgrat, das außerhalb der Einrichtung in sich zusammenbricht. Es gelten dann nur noch die Gesetze des Dschungels, im Kampf, den nächsten Tag zu überleben. Das ganze findet in Gruppen mit 10 bis 20 jungen Menschen statt. Der Alltag wird von dem Empfinden dominiert, Teil einer Gruppe zu sein: Gruppenessen, Gruppenkasse, Gruppenstrafe, Gruppendienste, Gruppenzimmer, Gruppenreise, Gruppenausflug, Gruppennummer, Gruppenerzieher! Vieles gilt als fortschrittliche pädagogische Praxis, z.B das selbstständige Einkaufen und Kochen für die Gruppenmitglieder oder das gemeinsame Saubermachen der Gruppenräume. In dem beschriebenen Rahmen aber pervertieren positive gruppenpädagogische Vorstellungen, denn Massenaufbewahrung hinterlässt fast wie eingebrannt in Kopf und Bauch: Ich muss mich immer unterordnen oder anschließen, nach meiner Person oder nach meinen Wünschen wird nicht gefragt, sondern nur, ob ich die 40

vorgeschriebene Marschrichtung einhalte. Im Zusammenhang mit penetranter Gruppenerfahrung mündet dies Erleben zwangsläufig in das Resultat: Mit anderen etwas zusammen machen ist zum größten Teil Unterdrückung. Es macht keinen Spaß, weil nur Nachteile dadurch erwachsen. Ich muss genau das Gegenteil tun, meine Umgebung zu meinem persönlichen Vorteil unter Druck setzen oder einschüchtern, denn sonst macht es ein anderer. Jedes gruppenbezogene, soziale Verhalten ist unverzeihliche Schwäche. Die Gruppe dient nicht mehr der Entfaltung solidarischer Kräfte, sondern wird zum Instrument für die ökonomische Kontrolle mehrerer Personen, eingepasst in die bestehenden hierarchischen Strukturen. Daneben wird in diesem Ghetto-Alltag kaum vermittelt, was sie „draußen“ erwartet, wie es mit ihnen weitergeht, auf welche Unterstützung sie rechnen können. Die Ungewissheit macht sie noch abhängiger von diesem Versorgungsmutterschiff, auf dem praktisch so ziemlich anders läuft als in einer „normalen“ Wohnsituation. Ist einem nun der Schritt aus der Einrichtung gelungen, lauern die nächsten Unbekannten beim Umgang mit den alltäglichen Notwendigkeiten, z.B. Geldeinteilung, Einkaufen und Reinigung der Kleidung, Zweck von Krankenscheinen, Stadtplan, polizeilichen Anmeldungen, Essenseinkauf und -zubereitung, Mietzahlungen, Gas- und Stromabrechungen, usw... .

In der Wohngemeinschaft kamen die fehlenden Fähigkeiten und die mangelnden Kenntnisse voll zum Tragen, denn die Selbstorganisation forderte ihnen besonders den Umgang mit ganz banalen Dingen ab. Sie stießen dadurch immer an die Grenzen ihres Könnens und erlebten Versagenssituationen, die zu einem ständigen Unruheherd wurden. Dazu erfuhren wir von den Bewohnern, dass nicht einmal unser hochgelobtes Ziel, die Freiwilligkeit für den Einzug in die Wohngemeinschaft, gewahrt worden war. Michael und Peter standen nach mehreren Androhungen wegen erzieherischer Schwierigkeiten kurz vor dem Rausschmiss, Klaus und Arthur wurden bald 18 Jahr und es stand an, dass sie sich über kurz oder lang etwas suchen mussten. Jürgen und Matthias gegenüber bestand seitens der Erzieher große Ratlosigkeit, die eine sinnvolle Lebensperspektive betraf und so blieb nur Hans, der sich, nachdem alle seine Freunde ausziehen wollte, halbwegs freiwillig zum Einzug in die Wohngemeinschaft entschloss. Genau genommen konnte von Freiwilligkeit, im Sinne 41

einer Auswahl zwischen verschiedenen Lebens- und Wohnformen für sie, nicht gesprochen werden. Die Heimerziehung soll von uns nicht der alleinige Buhmann zugeschoben werden, denn auch Familie, Schule und gesellschaftlicher Lebensraum sind alles entscheidende Faktoren. Das Heim war aber für diese Jugendlichen in den letzten fünf bis zehn Jahren, teilweise das ganze Leben lang, zentraler Erfahrungsbereich, deshalb berichten wir zunächst schwerpunktmäßig darüber.

Heimerziehung gibt es bis heute, sogar mit noch verfeinerten Mechanismen, Was dort und nachher passiert, wird meistens nur in Form von Statistiken aufgefangen. Ausnahmsweise erlebten wir mit den Jugendlichen den direkten Anschluss und konnten so kontinuierlich ihre Entwicklung mitverfolgen, Ursachen und Wirkungen trennen, was sonst nur vom Endergebnis (Zahl der Jugendkriminalität u.ä.) sichtbar wird. Die Heimerfahrung hat ihnen kein Sozialverhalten vermittelt, das sie in dieser Gesellschaft überleben lässt. Sie waren es gewohnt, ausschließlich nach ihrem Verhalten geliebt und gehasst zu werden, je nach dem, welches Handeln von ihnen gerade verlangt wurde, wie bereitwillig sie den an sie gestellten Ansprüchen folgten. In diesem Zusammenhang sind ihnen Erwachsene begegnet, die den nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben, sie, die Jugendlichen verändern und beeinflussen zu wollen unter dem Vorwand, nur das Beste für sie zu wollen. Als Ergebnis, wenn sie sich nicht auf das Spiel einlassen wollten oder konnten, sind sie aus dem jeweiligen Bezugsrahmen entfernt oder ausgesondert worden. Die Probleme des Einzelnen sind die Spiegelbilder der erlebten und momentanen gesellschaftlichen und sozialen Wirklichkeit.

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Hintergründe Was haben 5 Jahre Heimerziehung bei mir hinterlassen?

Ich machte den ersten Schritt auf die Einzelnen zu, indem ich einen Teil ihrer Wirklichkeit verstehen lernte. Das war auch ein Schritt auf mich selber zu, es war das Spiegelbild zu meiner eigenen fünfjährigen Heimerziehervergangenheit und meinem Behördendasein in der Familienfürsorge. In diesen Jahren hatte ich sozusagen im „andren Lager“ gestanden, ohne ausgeprägt schlechtes Gewissen, aber mit eingeprägten Denk- und Verhaltensmustern. Die Regeln des Heimlebens waren auch in mir. Damals hatte ich die Aufgabe, sie den Heimbewohnern gegenüber zu vertreten, logisch rational zu begründen und moralisch zu rechtfertigen, ihre Einhaltung zu erzwingen. Das alles, obwohl weder ich, noch kaum andere Kollegen, persönlich dahinter standen, geschweige denn dafür Verantwortung übernehmen wollten. Es gehört zu dem verrückten System, dass wir auf der anderen Seite diese Eingriffsmöglichkeiten, Vorschriften und Kontrollen benutzten, um Distanz zu den Konflikten der Betroffenen zu bewahren, um unsere Position als Stärkere zu festigen und um uns im Notfall auf diese Ordnung berufen zu können. Für die betroffenen Jugendlichen waren meine Regeln die Gesetze der Macht, die Merkmale ihrer Unfreiheit. Ich war im Grunde ihr Feind, auch wenn ich mir ein noch so vorsichtiges freundliches, einsichtiges und kompromissbereites Gesicht verleihen wollte. Ich war Teil der sie in Schach haltenden Macht. Nun hieß ich Berater, bot wieder sicherlich ganz andere und ehrlicher gemeinte Regeln an, die ich einsichtig und zu ihrer Überzeugung machen wollte. Diesmal stand ich jedoch als Mensch dahinter. Ich brauchte keine unumstößlichen Vorschriften zu verkaufen. Aus welchem Grund aber sollten die Bewohner mir, einem Erwachsenen aus der Pädagogentruppe plötzlich glauben und sagen: „Das ist gut, was du sagst, das machen wir!“ Es konnte gar kein Vertrauen mir gegenüber da sein, ihre Vergangenheit hatte schließlich gelehrt, letztlich doch wieder ausgebootet, hintergangen, angearscht zu werden.

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Ich verkörperte die Gefahr, ihnen Versagen und Unfähigkeit zu attestieren und sie auszusondern, falls sogar die mit ihnen gemeinsam aufgestellten Spielregeln nicht eingehalten werden. Ich merkte, wie sehr mein Selbstvertrauen auf dem perfekten Ausnutzen des Instrumentariums in Heimen, Jugendämtern, Freizeitämtern, usw. beruhte. Anfangs war ich wieder drauf und dran, meine Sozialprofi-Rolle mit der Durchsetzung pädagogischer Normen zu verknüpfen: Wege vorzugeben, die so und nicht anders verbindlich waren, meine Zuwendung an die Betroffenen, von der Einhaltung dieser Prinzipien abhängig zu machen. Mich davon zu lösen viel mir schwer. Tagebuch: Wir berieten heute über den Einzug, denn die Malerarbeiten sind weitgehend abgeschlossen. Ein gemeinsamer Termin, um uns ein großes Auto zu mieten, wurde von allen akzeptiert, außer von Arthur und Hans. Sie wollten unbedingt zwei Tage ihren Umzug machen und je mehr wir eine gemeinsame, gültige Regelung anstrebten, desto intensiver wehrten sie sich. Wir begründeten ausführlich, warum unser Vorschlag aus zeitlichen, terminlichen, praktischen und finanziellen Gründen sinnvoller ist. Hans und Arthur wurden immer ärgerlicher und ablehnender, konnten keine Gründe dafür nennen, lehnten aber jede Kompromisslösung konsequent ab. Zum Schluss erklärten sie demonstrativ, lieber ganz auf die Jugendwohngemeinschaft zu verzichten und überhaupt nicht einzuziehen! Wir stritten uns ziemlich heftig, zumal ich keine Lust auf so einen riesigen, zusätzlichen Arbeitsaufwand hatte. An diesem Tag fanden wir zu keiner Einigung.

Die reine Terminfrage hätte bis heute Stoff zur Auseinandersetzung geboten. Es ging um etwas anderes: Arthur und Hans forderten einen Extra-Termin, sie wollten eine eigene Entscheidung treffen; als autonom handelnde Menschen anerkannt werden, denen zuzutrauen ist, einen selbständig gewählten Weg zu beschreiten, ohne ständig alles mögliche vorgeschrieben zu bekommen. (So vermutete ich erst mal, und bestätigten die beiden später.) Kristin und ich wünschten uns einen einheitlichen Einzugstermin, weil wir dachten, wie schön so ein gemeinsamer Einzug der gesamten Gruppe wäre, pädagogisch sinnvoll fürs Gruppengefühl und vor allem bekämen wir alles mit, könnten jederzeit bei unvorhergesehenen Vorkommnissen ordnend eingreifen, risikolos und sicher. Das ist eins von vielen Beispielen, wo der von mir vorgeschlagene Weg nicht irgendeine Idee war, das bevorstehende Problem zu lösen, sondern eine Lösung, bei der ich am besten abgesichert gewesen wäre.

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Hier werden die beiden Ebenen der Auseinandersetzung deutlich: Auf der sachlichen geht es um die Termingestaltung, während auf der emotionalen Ebene bei den Jugendlichen die Entscheidungsfreiheit ausschlaggebend war, entgegen unseren Gefühlen, mögliche Unsicherheiten von vornherein aus dem Weg zu räumen. Nur diese emotionale Ebene lässt einen persönlichen Austausch zu. Da stehen wir uns als Personen gegenüber, die gleichwertige aber unterschiedliche Interessen vertreten. Erst das Einbeziehen der gefühlsmäßigem Betroffenheit gab Raum zu Entwicklung und die Chance der Vermittlung. Solange ich mich und meine Schwierigkeiten hinter Formalien verbarrikadierte, löste ich sie über Regeln, die die Betroffenen auszubaden hatten und meine Wünsche nicht zum Vorschein kommen ließen.

Eine Gruppe besteht aus einzelnen Menschen

Der ureigene Wunsch, im wahrsten Sinne des Wortes, endlich alleine zu entscheiden ohne zwangsweise Einigung mit anderen, ohne Unterwerfung unter noch so vernünftig klingenden Vereinbarungen, ohne die Rolle des kleinen, dummen Heimkindes, drückte vorerst die gesamten, gemeinschaftlichen Perspektiven platt an die Wand. Keine Chance! Den Platz zur Entfaltung ganz persönlicher Wünsche hatten sie, z.T. gegen uns, durchgesetzt. Nach jahrelangen Versuchen, ihre Individualität zu kanalisieren oder auszumerzen, gab es im Rahmen der Wohnung gerade dafür Raum. Die mangelnde Erfahrung damit umzugehen, machte es ihnen schwer, ihn auszufüllen. Aber unumstritten war, dass er gebraucht wurde. Jede noch so kleine Erschütterung, jede als etwaige Einschränkung spürbare Veränderung war von der Angst begleitet, morgen könnte der Zauber vorbei sein, da sieht's wieder ganz anders aus. Deshalb soviel, wie's geht, ausnutzen, ehe ich wieder zu kurz kommen, mein Wille nichts zählt, über mich bestimmt wird, wie in den letzten 5 Jahren meines Lebens. Jeder arrangierte sich auf seine Weise mit dem Wohnen in einer Wohngemeinschaft und versuchte, für sich sein Leben zu planen und zu gestalten. Das eigene Zimmer, Essenkochen, sich beschäftigen, Freunde und Besucher einladen, alles, was mit der ganz persönlichen unmittelbaren Umgebung und dem Lebensnotwendigen zusammenhing, fand große Aufmerksamkeit, dagegen nicht das Programm für die nächsten Wochen. 48

Matthias bemühte sich von Anfang an, sein Zimmer ganz chic auszubauen. Nachdem die Grundrenovierung mit größter Sorgfalt abgeschlossen war, widmete er sich ganz der Innenausstattung. Monatelang ergänzte er sein Inventar durch immer neue Details. So kamen kleine Regale, ein Nachttischlämpchen, ein goldenes Steuerrad mit Thermometer, ein Tischaschenbecher, diverse bunte Strahler, Hocker, Sessel und eine Fernsehleuchte mit ständigen Farbänderungen dazu, die sehr ausgesucht platziert wurden. Das echte Ölgemälde an der Wand, die vervollkommnete naturgetreue Abbildung einer „Schöner-Wohnen“ Reklame. Er hatte wenige Wochen nach dem Einzug seine Arbeitsstelle aufgegeben und verlagerte alle seine Aktivitäten in dieses Appartement. Sein Plan, ein Namensschild mit Klingel neben der Zimmertür zu installieren, scheiterte lediglich an technischen Komplikationen. Als ich mit ihm einen seiner typischen Fernsehabende bei Salzgebäck und Brause verbrachte, malte er sein Zukunftsbild aus: Eine feste Arbeitsstelle mit mindestens 1500,- DM monatlich, eine 1½ Zimmerwohnung, Führerschein machen und Motorrad kaufen, saubere und modische Kleidung tragen, später dann mit einer Frau zusammenleben, auch Kinder, Kinobesuche, kleine Feiern mit Freunden in der Freizeit, die sich anständig benehmen. Er grenzte sich deutlich ab gegen die anderen „Penner“ in der Wohnung. Seiner Meinung nach würden die bestimmt mal auf der Parkbank enden. Einziger Haken – er fühlte sich alleine.

Mit Peter ging ich auf seine tägliche Wanderschaft. Wartete mit ihm am Fenster sehnsüchtig auf das Einbiegen von Kristins Auto in den Vorarlberger Damm, bekam mit, wie er sich durch Verschenken von Zigaretten wenigstens fünf Minuten freundlichen Umgang mit anderen erkaufte. Ich erlebte seine Ruhelosigkeit, die ständige hektische Motorik seines ganzen Körpers, die Sprunghaftigkeit seiner Wahrnehmung und Änderungen: Er zeigte mir ein Bild seiner Mutter mit gewissem Stolz; Minuten später zerriss er es mit der Bemerkung: „Die blöde Ziege“ und warf es achtlos aus dem Fenster. Er bekam mindestens von sechs verschiedenen Jugendlichen bestätigt, dass er mit seinem abgebrochenen Zahn und der Kassengestellbrille wie der allerletzte Arsch aussieht. Trotzdem lief er ihnen bettelnd hinterher, um eine Unternehmung mitmachen zu dürfen. Zum Tagesabschluss wurde er bei einem Besuch in seinem ehemaligen Heim von seinen Leidensgenossen begrüßt: „Na, wieder nischt zu Fressen und keine Kohle von deiner komischen Wege? Warum biste denn überhaupt ausgezogen, wenn du noch nicht ohne Heim 49

leben kannst!“ Er war permanent auf die Nähe anderer angewiesen, mit dem beschriebenen Erfolg, konnte mit sich alleine nichts anfangen. Längerfristige Perspektiven, d.h. für ein paar Tage oder eine Woche, sich etwas auszudenken oder phantasievoll zu spinnen, war für ihn eine Unmöglichkeit. Der nächste Augenblick stellte schicksalhaft die Weichen. Entfernte Ziele für längere Zeit und Motivation, diese zu verwirklichen, blieben im luftleeren Raum, blieben nichtssagend.

„5000 Teile-Puzzle“ , nur über dieses Thema war zeitweise mit Michael eine Verständigung möglich. Tage- und nächtelang bis zur Erschöpfung drehte sich alles darum. Mittags, wenn ich in die WG kam, saß ich häufig am Fußende seiner Matratze, und er berichtete mir von den Fortschritten dieses Bildes, wie er dieses deutet und wo er darin gerne sein wollte. Jede winzige Anforderung seiner realen Umgebung wirkte auf ihn massiv bedrohlich. Manchmal verkrümelte er sich total im Bett, wo er halb träumend und halb wachend, dösend abwartete, bis der Tag vorbei war. Ließ ich mich in seine Welt hineinziehen, und er war bereit, mich da rein zu lassen, schnappte ich bei vielen Aussagen einen fragenden und verzweifelten Blick auf: „Was soll ich nur mit mir anfangen, morgen muss ich schon wieder einen Tag überstehen!“

Hans und Arthur hatten zu Beginn ein großes Zimmer gemeinsam bezogen. Bald fühlte Hans sich eingeengt und konnte sich gegen den Führungsanspruch von Arthur nicht entschieden durchsetzen. Das Ergebnis: eine Rigips- Wand quer durch den Raum. Arthurs Teilzimmer glich einem Holzplatz: Latten, Holzplatten, Reste von Möbelstücken, diverse Werkzeuge und anderes Zubehör wurden aufgehoben und ließen lediglich eine kleine Nische zum Schlafen und Sitzen frei. Er entwarf tollkühne Konstruktionen. Aus seinem Zimmer schallte ständiges Hämmern und Sägen, die Begleitmusik der Umsetzung in die Praxis. Sein Untermieter, eine kleine Maus, wurde liebevoll umsorgt. Wenn er mir das neuste Produkt Marke „Eigenbau“ vorführte, berichtete er immer gleichzeitig über die Fortschritte seines Partners. Mit ausdauernder Beständigkeit beschrieb er die Lebensgewohnheiten, Futtermengen, Zutraulichkeit und Schlafenszeiten, sehr einfühlsam und einfach nachvollziehbar. Die Verbindungslinien zur eigenen Befindlichkeit und zu seinen Konflikten ergaben sich beim Gespräch quasi zwangsläufig. 50

Hans ging die meiste Zeit relativ kontinuierlich zur Schule. Wenn er fernblieb, begründete er dies meistens mit gewichtigen Argumenten. Er bezog sich in dieser Phase sehr auf uns Erwachsene und legte betont Wert auf unser Urteil und unsere Einstellung zu fast allen Dingen, die ihn beschäftigten. Als Jüngster hatte er in der Gruppe einen schweren Stand; er musste sich oft gefallen lassen, nur gerade noch so mitgenommen zu werden, wie der „kleine Bruder“. Bot sich die Gelegenheit, diese verhasste Rolle abzustreifen, nahm er zielstrebig und mit Nachdruck seine Angelegenheiten in die Hand, und keiner konnte ihm da reinreden.

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Bis auf Klaus und Hans, die weiterhin zur Schule gingen, hatten alle anderen die vorhandenen Arbeitsstellen abgebrochen und neue Beschäftigungen ganz gleich welcher Art wurden zu diesem Zeitpunkt nicht gesucht. Es entstand ein großer zeitlicher Freiraum, den sie nutzen konnten und mussten. Die Konzentration nur auf sich selber wirkte auch auf die Atmosphäre in der Wohngemeinschaft. Abgesehen von den Dingen, mit denen sich jeder einzelne beschäftigte, gab es kein organisiertes Programm mit regelmäßigen Aktivitäten und Freizeitfüllern. Die Langeweile stand im Mittelpunkt. Sie beherrschte bedrückend die Stimmung. Die Bewohner fanden kaum aus eigenem Antrieb einen Ansatzpunkt, etwas zu gestalten. Fernsehen, Kartenspielen, Schlafen, Essen, das waren Situationen des Alltags, eine träge dahinfließende Lethargie. Das Dilemma vervollständigte sich dadurch, dass selbst von uns vorgeschlagene oder sogar vorbereitete Unternehmungen scheiterten. Es mussten starke Anreiz eingebaut sein, z.B. „Umsonst Eis-Essen“, Auto fahren, gratis Kinobesuch oder Pizza-Essen, sonst motivierte es nicht genug, sich aus dem Sessel vor dem Fernseher oder von der Matratze zu erheben: „Wat'n nur Loofen, wat soll ick denn da? Nein danke!“ Waren sie des Rumhängens überdrüssig oder wurde der Wunsch nach Aktion so groß, dass alle auf der Matte standen, begann der nächste Kampf: „Wenn der Peter mitmacht, dann ohne mich“, „Ich fahre nur mit, wenn ich im Auto vorne sitze!“, „Wenn alle mitkommen, das ist mir zu viel, bin doch kein Herdentier!“ und „Ich will aber unbedingt in einer halben Stunde zurück sein“! Diese Hürde verhinderte in der Mehrzahl das Zustandekommen der ganzen Sache. Ging's dann wirklich mal los, waren alle Klippen umschifft, dann schufen Streitereien ein unheilvolles Durcheinander, sodass jeder nur den Wunsch hatte, bloß schnell nach Hause in mein Zimmer.

Ich habe schon kurz angedeutet, dass gemeinsame Beschlüsse und Abmachungen keinen verbindlichen Charakter annahmen. Bei allem möglichen Ärger verlangten die Jugendlichen aber: „Jetzt muss endgültig eine Regel für das Problem aufgestellt werden, die von allen eingehalten wird." Nach intensiver Diskussion wurden entsprechende Vereinbarungen mit sehr rigidem Inhalt dann einstimmig angenommen: Wer sie nicht einhält, fliegt raus. Fünf Minuten später, wenn dann doch einer trotz Verbot zehn Besucher in sein Zimmer hievte, bestand die Vorschrift nicht mehr. Keiner versuchte, die Einhaltung durchzusetzen, die Übertretung war vielmehr der ersehnte Freibrief dafür, sich selbst auch nicht daran halten zu müssen; die Sache war vom Tisch, jedenfalls bis zum nächstem Mal. 52

Unsere pädagogischen Ideen ... und die Wirklichkeit der Jugendlichen Entwicklung und Veränderung Der Schritt auf den Einzelnen zu eröffnete wieder den Spielraum für neue Entwicklungen. Die Vorbedingung dazu war die Veränderung einer Reihe unserer Einstellungen. Stellvertretend fällt mir hier ein Beispiel ein, das bereits recht frühzeitig Umdenkprozesse einleitete. Tagebuch, 20.7.78: … Michael zog als Nachzügler in die WG ein. Er hatte zwar den anderen beim Renovieren geholfen, in seinem Zimmer werkelte er dafür nicht. Als endlich die Einwilligung seiner Mutter aus der BRD zum Einzug eintraf, und er mit Hab und Gut, verpackt in vier Plastiktüten, ein paar Tage später eintrudelte, hatte sich die anderen ihre Behausung mehr oder weniger wohnlich eingerichtet. Sein Zimmer sah dagegen aus wie eine Baustelle. Er lungerte rum, pennte mal bei Klaus oder Peter. Wir sahen, dass er der Gruppe nachhinkte und keinen Finger rührte, dies zu verändern. Wir sprachen mit ihm über seine Pläne, boten unsere Hilfe an, wollten ihm Geld für den Einkauf von Farbe vorstrecken. Trotz mehrerer gemeinsamer Vereinbarungen, die Sache in Angriff zu nehmen, blieb Michael konstant dabei, den Zustand seines Raumes nicht zu verändern, nur verbal stimmte er unseren Überlegungen und Anregungen zu. Wir wollten gleiche Anfangsbedingungen schaffen und das wochenlange provisorische Chaos in der Wohnung endlich beenden. Unsere Vorschläge Michael gegenüber nahmen mehr und mehr die Form eine r Forderung an, Unterstützungsangebote wurden uns allmählich fast als Verpflichtung ausgesprochen. Michael reagierte zunehmend aggressiv auf uns, ging uns aus dem Weg, zog sich in andere Zimmer zurück. Alles, was wir sagten, empfand er als Angriff und vermied letztlich, uns überhaupt zu begegnen.

Kristin und ich problematisierten diesen Zustand stundenlang ohne überzeugendes Ergebnis. Und dabei konnte so lange nichts herauskommen, wie wir versuchten, ihn zu einem Verhalten zu bewegen, welches ausschließlich unserem Bedürfnis entsprach. Dabei übersahen wir völlig, ihn in unserer Gespräche mit einzubeziehen, unsere Befürchtungen standen im Vordergrund. Wir gingen davon aus, dass Michael dieses Leben nicht zufrieden machen konnte, und es sinnvoller wäre, ihn in den Gleichschritt der übrigen Gruppe zu integrieren. Wenn das nicht gelingen sollte, ja was dann? Unserer Gewohnheit, alle Prozesse der Gruppe „im Griff“ zu haben, sie lenken, beschleunigen oder kontrollieren zu 53

können, verhinderte es, sein Empfinden überhaupt mit einzubeziehen. Er passte mit seinem Lebensstil zwischen Farbtöpfen und als Vagabund in den Zimmern anderer natürlich nicht in unsere Vorstellungen. Da passten allerdings Müllberge, Einzelverpflegung, die nicht mehr stattfindenden WGBesprechungen und die abgeschlossene „Wohneinheit“ auch nicht rein. Das Idealbild einer Jugendwohngemeinschaft mit festgelegten konzeptionellen Überlegungen und inhaltlicher Ausschmückung bestimmte die Zielrichtung unseres Handelns, und machte es uns schwer, uns nach den tatsächlichen Bedürfnissen der Bewohner zu richten. Statt dessen bewirkte es pausenlose Überlegungen, wie man die Jugendlichen in unserer Vision unterbringen konnte. Deshalb war es symptomatisch, dass lediglich Kristin und ich darüber redeten, denn weder die Gruppe noch Michael selber hatten Schwierigkeiten mit dem Verhalten. Klaus freute sich über Gesellschaft in seinem Zimmer, Peter war froh über Unterstützung in seinem Zimmer, und Michael selber fühlt sich als Reisender auch ganz wohl, weil er noch nicht so recht wusste, wie er sich einrichten sollte, keine Vorstellungen von einer für ihn gemütlichen Ecke hatte und vor allem erst mal viel gemeinsam mit anderen machen konnte. Die Abwehr unserer eigenen Befürchtungen (in diesem Fall das Entstehen einer unübersichtlichen Situation) grenzte das Erprobungsfeld für die Bewohner ein. Wir konnten nur so viel zulassen, wie wir selber in diesem neuen Arbeitsumfeld überblickten und nur in solcher Art und Weise, die uns von vorn herein Reaktionsmöglichkeit offen ließ. Daraus ergab sich eine Gleichzeitigkeit in der Weiterentwicklung, deren Wechselwirkungen zwischen den Jugendlichen und uns mich sehr erstaunte. Wir lernten, Zweifel und Ängste nicht hinter Forderungen und Vorschriften zu verstecken, sondern als unseren persönlichen Anteil am Geschehen zu vertreten. Und weiterhin hatten wir es mit einzelnen Persönlichkeiten ganz unterschiedlicher und individueller Entwicklung und Geschichte zu tun, denen wir nicht mit vereinheitlichten und gleichförmigen Ansprüchen begegnen wollten. Im gleichen Maße, wie diese Erkenntnis tragend für unser Denken und Fühlen wurde, wuchs in den Betroffenen das Selbstvertrauen und die Selbstverständlichkeit, ihr Leben zu entwickeln. Die Jugendlichen, die eigentlich schutzbedürftig vor uns stehen sollten, denen wir etwas beizubringen hatten, forderten von uns, die Rolle der Lernenden einzunehmen. Im Klartext verlangten sie von uns Folgendes: 54

Dies ist nicht die Wohngemeinschaft, wo die Erwachsenen ihre pädagogischen und sonstigen Vorstellungen verwirklichen und je nach Einhaltung oder Abweichung unser Verhalten beurteilen. Wir haben gespürt, dass hier endlich mal Platz ist, den wir für unsere eigenen Wünsche brauchen; ein Platz, der uns jahrelang gefehlt hat. Und ehe du Erwachsener anfängst, aus deinem Erfahrungsschatz an uns etwas auszuteilen, lerne erst mal kennen, lerne unsere Welt begreifen und dann überlege dir, ob du mir überhaupt was sagen kannst.

Die Jugendlichen wollten erst mal ausprobieren, ob sie sich auf uns verlassen könnten, wie weit wir sichtbar bereit wären, zu ihnen zu halten. Wir hatten manchmal den Eindruck, als würden sie bewusst alle unsere Vorstellungen, Vorschläge und Ansprüche beiseite wischen, ablehnen, sich dagegen wehren, bis wir kein Stück schützende Konzeption mehr in der Hand hielten, nur um eindeutig festzustellen, welcher Mensch dahinter zum Vorschein käme; ob wir tatsächlich „WIR“ meinten, wenn von Gemeinschaft und Gemeinsamkeit die Rede war. So bahnten sie sich quasi einen Weg zu uns. Jeder Einzelne musste sich der Beziehung zu uns vergewissern und unsere Bereitschaft testen, ob wir ihn auch wirklich so annehmen, wie er ist, bevor er auch nur ein kleines Stückchen in Richtung unserer Vorstellungen gehen konnte: Ein Prozess, der zum Ziel hatte, nicht die Wiederholung der sattsam bekannten Reinfälle auch in der Wohngemeinschaft zu erwarten, sondern vielmehr die Möglichkeit zum Besser-Leben anzunehmen und darauf zu vertrauen.

Mit einem weiteren Gegensatz mussten wir lernen umzugehen: Trotz allem Nachempfinden mit den Betroffenen ist mein Denken und Fühlen eindeutig von der privilegierten Stellung als ausgebildeter, staatlich anerkannter Sozialarbeiter, von meinem halbbürgerlichen Elternhaus und der scheinwissenschaftlichen Ausbildung an der Fachhochschule geprägt. Ich fühle mich grundsätzlich geachtet und geborgen in meinem Freundeskreis, soziale Absicherung ist für mich stets Handlungsgrundlage. Ich selber lebte in einer Wohngemeinschaft, für die ich mich bewusst entschieden hatte, in der Erwartung, weiterführende Erfahrungen im umfassenden Sinne zu machen. Ich hoffte in den Auseinandersetzungen meiner Wohngruppe, über mich mehr zu erfahren und Ansatzpunkte für die weitere Gestaltung meines Lebens zu finden. Die Organisation des gemeinsamen 55

Lebens an allen möglichen Stellen, war für mich wesentliches Ziel und Ausgangsvorraussetzung. Alles, was ich von meiner eigenen Wohngemeinschaft erwartete, spiegelte sich zu dieser Zeit ebenfalls in meiner pädagogischen Zielsetzung wieder, die zusätzlich durch die Tradition der Jugendkollektivbewegung geprägt war. Dort war die Gruppe, das funktionierende Kollektiv, Ausgangsbasis für alle Versuche, politisch Einfluss zu nehmen und sich gegen Entrechtung zu wehren. Schließlich hatte ich ja noch meine Sozialarbeiter-Ausbildung abgeschlossen, und die Arbeit in der Jugendwohngemeinschaft stellte so was wie eine Bewährungsprobe als Sozialprofi in einer eigenverantwortlichen Tätigkeit dar. Wie war es denn überhaupt möglich, in die Haut von Menschen zu schlüpfen, die morgens schon mit dem quälenden Gefühl aufwachten, mit Gefahren konfrontiert zu werden, denen sie nicht gewachsen sein würden? Beherrscht von Unsicherheit, weil sie zwischenmenschliche Verlässlichkeit bisher kaum erlebt hatten, scheinbar schicksalhaft den Launen der Erwachsenen ausgeliefert, wie ein Spielball. Mit dem Gefühl, nicht verstanden zu werden und nicht verstanden werden zu wollen, eigentlich nur am Rande der Bedeutungslosigkeit eine Existenzberechtigung zu haben, entstand die Empfindung, für Unterdrückung und Entrechtung im verschärften Maße „Freiwild“ zu sein und ohne reelle Chance, in dem System dieses Staates irgendwie Fuß fassen zu können. Von freiwilliger und bewusster Entscheidung für diese Lebensform kann nicht im Entferntesten die Rede sein, denn auch unter diesem Aspekt wird das schöne Prinzip der Freiwilligkeit des Einzugs in eine Jugendwohngemeinschaft ad absurdum geführt. Die Wohngemeinschaft stellte sie für eine Übergangsphase dar, einen provisorischen Lebensraum, in dem sie die Fähigkeiten für das Leben erlernen wollen, das ihnen klischeehaft vorschwebte: Allein in einer eigenen Wohnung, ganz exklusiv ausgestattet, mit regelmäßigem Einkommen, vielleicht später mit einer Freundin zusammen, eine Lebensidylle, in der sie niemand stört, und in der sie aber auch nicht mehr als störend empfunden werden, von anderen nicht mehr besonders behandelt werden und ganz unauffällig leben könnten.

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Bei einem der Vorbereitungstreffen in der Fabriketage meiner Wohngemeinschaft fragte mich Peter ganz offen: „Sag' mal, warum musst du eigentlich auch in einer Wohngemeinschaft leben, kannst du dir keine eigene Wohnung leisten?“ Deutlicher können die Gegensätze kaum zusammengefasst werden. Sie lernten die Lebenswirklichkeit von uns Beratern kennen und dadurch geriet etwas weiteres in Bewegung: Sie bekamen mehr Einblick hinter meine Kulissen, lernten die Menschen kennen, mit denen ich lebte, sahen unsere Form gemeinschaftlichen Lebens, die Ausgestaltung der Räume, wie wir miteinander umgingen und die Organisation der notwendigen Arbeiten. Ich bin mir nicht sicher, was der Einfluss dieses Erlebens bei ihnen bewirkte. Auf alle Fälle konnte sie besser abschätzen, was ich mir vorstellte und sich auch dagegen abgrenzen. Nach einer anstrengenden Diskussion, bei der das Finanzproblem der anfallenden Unkosten zum wiederholten Male offenblieb, nahm mich Michael beiseite: „Wille, ich weiß, dass du das gerne anders haben willst und nicht so unklar, wie das hier ist. Aber lass mal, wir kriegen das auch schon irgendwie hin, o.k.?“.

Insgesamt blieben verschiedene Ansprüche kontrovers, aber offen. Die Wechselwirkungen der gegensätzlichen Vorstellungen lenkten nicht mehr klammheimlich unser Handeln. Die Beeinflussung auf die täglichen Erlebnisse blieb dadurch transparent und nachvollziehbar. Wenn dies in der Begegnung mit Menschen (auch in pädagogischen Arbeitsfelder) nicht sorgfältig getrennt wird, ist Kommunikation auf unterschiedlichen Wellenlängen vorprogrammiert und der Grundstein für mangelndes tiefgehendes Verständnis gelegt. Mein Lebenshintergrund war so verschieden von dem der Jugendlichen, dass ich ihnen nicht aus meinem „Erfahrungsschatz“ heraus fertige Vorschläge zur Lösung dieser oder jener Problemen präsentieren konnte. Für fast jede Situation mussten angemessene Schritte erarbeitet, ausprobiert und abgeändert werden. Dies stellte die Jugendlichen und die Erwachsenen vor ein und dieselbe Aufgabe. Die gravierenden Unterschiede unserer persönlichen Erfahrungshintergründe erlaubten es uns, präzise Fragen zu stellen, besser zu trennen, bei wem welcher Teil der Konflikte seine Ursachen hatte. So lernten wir vor der Persönlichkeit aller Beteiligten Achtung zu haben; eine 57

Achtung, die sich bei uns Beratern dahingehend auswirkte, nicht ständig die Lernschritte mit unseren erlebten Erkenntnissen aus unserer Wirklichkeit zu dominieren. Nicht aufzufordern, diesen doch einleuchtenden Erfahrungen strebsam nachzueifern und nicht permanent Entwicklungen, Lernziele, Zeiträume und Lösungen vorzugeben - abgesehen davon, dass sie sowieso nicht adäquat gewesen wären.

Die Geduld nahm eine Schlüsselposition ein. Abwarten fiel uns schwer, aber es erlaubte uns allen, genügend Zeit für das Suchen und Finden lösender und weiterführender Gedanken zur Verfügung zu haben. Unsere Unzufriedenheit über noch nicht angegangenen Probleme wurde mehr zur Stimulanz, immer wieder Neues auszuprobieren, anzubieten, vorzumachen, als dass sie durch Vorwegnahme und Begrenzen der Ziele zur bremsenden Resignation führte. Geduldig zu sein war wichtig, auch mal geschehen zu lassen, ohne allen denkbaren und vorhersehbaren Katastrophen angstvoll entgegenzusteuern, sondern die Knickpunkte wirklich mal deutlich ans Tageslicht treten zu lassen und nicht schon vorher zu umgehen. Dazu gehörte auch, bei der Suche nach Auswegen in den Versuchsballons der Jugendlichen in alle möglichen Richtungen mitzufliegen, abzustürzen, sich aufzurappeln, bis ein trittsicherer Pfad gefunden ist. Solange wir diese Energie hatten, dies immer wieder neu zu lernen und auszuprobieren, fühlten wir uns fähig, vielen Unbilden des WG-Lebens konstruktiv und menschlich entgegenzutreten, d.h. die Verantwortung für ihr Leben in den Händen der Betroffenen zu lassen. Dazu gehörte weiterhin die Überprüfung meiner damaligen Einstellung, dass jedwedes sozialintegrative Verhalten, alles, was der Gruppe als Ganzes dient und sie stärkt, vorrangig zu fördern und grundsätzlich wünschenswert sei. In der Zeit meiner Ausbildung war Gruppenpädagogik immer gleichzeitig auch Aushängeschild für fortschrittliche und politisch bewusste Sozialarbeit. Individualismus, vom Pädagogenstandpunkt pauschalerweise Einzelhilfe genannt, sollte nur soweit gedeihen, wie sie die Gesamtentwicklung, z.B. einer Jugendwohngemeinschaft nicht beeinträchtigt. - Die Bewohner setzten sich berechtigt dagegen zur Wehr. Denn es entsprach zunächst einfach nicht ihrer Lebensperspektive, in weiterer Zukunft in Gruppen zu leben, sondern, wie Matthias stellvertretend ausführte, eher in einer Kleinfamilienidylle. Zu welchem Zweck dann mühselige Auseinandersetzungen über die Organisation einer 58

Gruppe? Mal abgesehen von der Belastung der Vergangenheit, hatten Bemühungen um Verhaltensänderungen in gruppendienlicher Richtung keinerlei Relevanz für irgendeine noch so schwammige Zukunft! Dann bloß alles den Beratern zu Liebe? Abends bereitete sich Matthias in der Küche sein Ein-Mann-Menü, wobei er Töpfe und Herd einsaute, um dann zurückgezogen in seinem Zimmer zu dinieren. Ich hatte verstanden, wie bedeutsam es für ihn war, sein selbst zubereitetes Essen ohne zu teilen mit den anderen restlos alleine aufessen zu können. Dennoch ging es uns trotz aller Einsicht leichter von den Lippen, Peter in seiner Absicht zu bestätigen, für alle Tee zu kochen und seine letzten Kekse der versammelten Runde zur Verfügung zu stellen. Ich musste immer wieder darum ringen, Peter und Matthias gleichermaßen in ihrem unterschiedlichen Verhalten anzunehmen. Später zeigte sich, dass nur über die eigenen kleinen Süppchen ein Festmahl für alle zustande kommen konnte. Vorerst wies z.B. Matthias jeden Drang zur Entwicklung einer gemeinsamen Verhaltensalternative als Verletzung seiner Persönlichkeit zurück.

Dieser Vorgang ist in jeder anderen Wohngemeinschaft ganz normal. Wenn es in der Gruppe nicht so gut läuft, zieht sich jeder auf seine sichere Umgebung, sein Zimmer, Beziehung oder Tätigkeit zurück. Keiner ist immer bereit, mit allen zu teilen. Bloß unter pädagogischer Betreuung erschient das plötzlich als ein schwerwiegendes Problem, das umgehend verändert und grundsätzlich gelöst werden muss. Diese Feststellung trifft auf viele Bereiche analog zu, z.B. Sauberkeit, Verantwortlichkeit, Arbeiten gehen, Verhalten zueinander in einer Gruppe, usw. .

Direkt hierzu fällt mir noch etwas ein. Wir taten uns anfänglich sicherlich auch deshalb schwer, für die Jugendlichen einen großen Freiraum zum Nachholen von Entwicklungen widerspruchslos zu akzeptieren, weil genau dieser Raum Ansatzpunkt für unser Arbeitsverhältnis, also unsere Existenzberechtigung schlechthin darstellte. Wir mussten dort nämlich versuchen, pädagogische Ziele und Erfolge zu erreichen, standen unter dem Druck, verantwortliche Sozialarbeiter zu sein, die sichtbare Nachweise ihrer pädagogische Aktivitäten zu liefern hatten, während die Betroffenen einen erst mal möglichst anspruchslosen Lebensrahmen brauchten.

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Dieser Gegensatz wurde von dem Gefühl verschärft, dass ich dafür hart arbeiten musste - und die Jugendlichen sich 'nen Lenz machen, einfach sich selbst hängen und den 'Lieben Gott einen guten Mann sein' lassen können. Ich musste hingegen jeden Tag antraben und dann auch noch die Probleme aktiv angehen. Das verleitete dazu, von den Jugendlichen auch entsprechende Aktivitäten zu verlangen, denn deren Faulenzen bedrohte letztlich meine Arbeitsmoral. Vielleicht ist das nur ein unbedeutender Punkt, der jedoch für die Einstellung im Arbeitsbereich einen hohen Stellenwert hat.

… Wir kriegen das schon hin!

Wir trauten uns zu, uns mehr und mehr auf die Stärke der Jugendlichen zu verlassen. Wir vertrauten auf die in ihnen gespeicherten Energien, die sie für die Gestaltung dauerhafter und autonomer Lebenszusammenhänge benötigten. Es war für uns eine erstaunliche Entdeckung, dass hinter eingeschliffenen, antrainierten und unter Zwang und Drohung vermittelten Verhaltensmustern nicht nur bitterer Hass, abgrundtiefe Enttäuschung und destruktive Resignation hervorbrach, sondern auch Hoffnung, Mut, Reste positiver Lebenserfahrungen und manchmal unbändiger Lebenswillen! Auf der anderen Seite war der Rahmen Jugendwohngemeinschaft nicht flexibel genug, die tief eingefressenen Verhaltensmechanismen bis an die Wurzel gehend neu und besser erleben zu lassen. Ihr Wille zu leben, der leidenschaftliche Wunsch nach Zufriedenheit und endlich Ruhe für sie selber, wurde auch für uns zu einer Zuversicht, die trotz vieler Zweifel nur noch selten in Gefahr zu bringen war. Hatten die Jugendlichen bisher versucht, neuen Lebensumstände mit Vermeidungs- und Rückzugstrategien zu überstehen, entwickelte sich langsam die Fähigkeit, Konfliktbewältigungen gestalterisch von sich heraus anzugehen. Im Folgenden wollen wir einige Beispiele nennen, in denen dies innerhalb der WG anschaulich wurde. Dabei waren nicht die technischen Regelungen der Mittelpunkt, vielmehr die damit verbundenen emotionalen Erfahrungsinhalte bezüglich der Gruppe stellten die 60

entscheidenden Faktoren einer qualitativen Weiterentwicklung dar. Wir benutzten hier bewusst einfache Beispiele, um die tatsächliche qualitative Veränderung deutlich hervorzuheben.

Die Vereinzelung bei den alltäglichen Verrichtungen strahlte für die Jugendlichen auf Dauer keine grundsätzliche Zufriedenheit aus. Beispielhaft dafür haben wir gerade die Veränderung der Vepflegungsorganisation erlebt. Tagebuch: Nachdem also die Einzelverpflegung beschlossen war, mit dem sehnsüchtigen Wunsch, das zu kochen, was sie tatsächlich essen wollen, zu der Zeit, die sie bestimmen und so viel, wie ihr Magen verträgt, wurde das zunächst konsequent praktiziert. Ab und zu kaufte ich mich mit einer Büchse Würstchen oder Grünen Bohnen in solch ein Solo-Menü ein und erlebte, wie jeder damit zurecht kam, wie es ihnen dabei ging. Nach zwei Monaten setzte ein Wende ein. Zunächst mal der finanziellen Not gehorchend, schossen die verschiedensten Verpflegungsbedürfnisse förmlich aus dem Küchenboden. Das Hauptargument der Jugendlichen, wenn ich mich alleine beköstige, ist das auf alle Fälle billiger, zog nicht mehr. Aber auch das seltsame Gefühl, alleine im Zimmer zu hocken und mehr oder weniger lustlos, dafür aber selbstbestimmt, seine aufgewärmte Aldi-Büchse einzufahren, motivierte ein Umdenken. Die Auswahl der jeweiligen Vertragspartner orientierte sich an deren Fähigkeit, das Geld bis Monatsende enteilen zu können, ideenreich Nahrungsmittel zu verarbeiten, Abwasch nicht völlig zum Kotzen zu finden und noch genügend Geschirr zu besitzen. Die sozialen und finanziellen Eigenschaften der Geschäftspartner bestimmten dann auch die Dauer der Vereinbarungen. Sie hielten am Anfang nur kurze Zeit, entwickelten sich aber immer wieder neu, in anderer Zusammensetzung und schließlich hin zu ziemlich großer Stabilität.

Wie bei der Einzelverpflegung, so auch bei diesen veränderten Modellen, überlegten wir zu jedem Zeitpunkt mögliche Verbesserungen gemeinsam mit den Jugendlichen, spendierten öfters ein Essen für alle, kochten bei einer dieser Kleingruppen mit und wurden hin und wieder zu einem Abendessen, meistens Bratkartoffeln, eingeladen. Dadurch war Anlass und Anreiz gegeben, darüber im Gespräch zu bleiben und neue Ideen auszuprobieren.

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Die Erfahrungen der ersten vier Wochen nach dem Einzug, in denen wir nachdrücklich eine gemeinsame Regelung für alle, gegen den Willen aller, durchgesetzt hatten, diese Erfahrung hatte auch positive Eindrücke hinterlassen. Damals trat wenigstens ab und zu die Situation ein, dass alle um einen Tisch saßen, für jeden genug zum Essen da war und ein Austausch über die Ereignisse des Tages möglich war, in relativ ruhiger Atmosphäre. Dieser Wunsch hat sich erstaunlicherweise bis heute gehalten, natürlich verändert, nicht mehr immer erstrebenswert. Die Auseinandersetzung mit der nach Vorschrift klingenden Forderung „In einer betreuten Jugendwohngemeinschaft wird grundsätzlich gemeinschaftlich gekocht!“ hatte mehr Stoff für Konflikte mit der Vorschrift an sich geliefert, als den erhofften Lernprozess gefördert.

Das schon erwähnte Ende der Einrichtung „WG-Besprechung“ entstand aus völligem Desinteresse an Absprachen. Weshalb sollten sie sich damit befassen, wenn es alleine für sich am Besten ging? Wozu sich um eine Einigung bemühen, wenn die sie überhaupt nicht interessierte? Mit entsprechend viel Phantasie wurden dann auch die Termine der Besprechungen umkurvt, sei es nun, dass ausgerechnet ihre Oma an diesem Abend ein Kind bekommen sollte oder die allerschärfste Braut ihres Lebens ein Heiratsversprechung hören wollte, lebensentscheidende Dinge passierten regelmäßig immer mittwochs, 18:00 Uhr. Wir vertraten unsere Auffassung „Keine WG ohne Besprechung“ weiter, allerdings ohne existenziellen Druck, mehr in demonstrativer Form. Tagebuch: Mit pedantischer Regelmäßigkeit erscheinen wir jede Woche mittwochs im Gemeinschaftsraum, kochen uns Tee und beginnen mit der Sitzung, z.Zt. ein Zwiegespräch zwischen Kristin und mir. Gelegentlich verläuft sich auch einer der Bewohner in das Zimmer, mehr aus Neugier und Teedurst als aus Diskussionssucht. In Einzelgesprächen sind wir nur noch sehr begrenzt bereit, die Wut und Empörung über irgendwelche unhaltbaren Zustände im WG-Leben oder die Forderung einiger: „Wir müssten eigentlich mal alle zusammen.....“, verbunden mit einer frustrierten Schimpfkanonade auf die anderen unfähigen Typen, auf uns abladen zu lassen. Ich habe es auch dicke satt, mir ständig den Müll und Schrott anzuhören, während der eigentliche Adressat des Zorns seelenruhig im Nachbarzimmer sein Mittagsschläfchen abhält. Es ist ja ganz schmeichelhaft, in alle Dinge mit einbezogen zu werden, es verhindert aber wohl auch das Zustandekommen gruppeninterner Lösungsversuche. Es muss begreiflich werden, dass sie Verursacher, Schlichter und Vermittler in einer Person sind und eine Form finden müssen, die Probleme selber in Angriff zu nehmen.

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Die vielen ungelösten Kleinigkeiten des Alltags sowie die letztlich nicht befriedigende Vereinzelung ließen einen Berg Unzufriedenheit anwachsen. Trotz der Überzeugung „Ich brauche keinen, ich komme allein klar!“ kamen sie nicht umhin zu akzeptieren, dass ihr Befinden doch recht erheblich von den anderen Bewohnern abhängig war.

Wochen später ging von dem benachbarten Freizeitheim die Drohung aus: "Heute hau'n wa euch alle aufe Schnauze!" Arthur trommelte ein Krisensitzung zusammen, an der wir Berater teilnehmen mussten. Peter übernahm spontan die Gesprächsleitung, wobei er mich kopierte, vielleicht aber auch karikarierte. Zwar ohne Tagesordnung und Reihenfolge der Redner, mit reichlich Drohungen und Anmachen, nahm die Besprechung ihren Lauf und alle blieben dabei! Die anstehenden Problemen wurden mit einer Ernsthaftigkeit abgeleuchtet, die der aktuellen Situation angemessen war. Von da an begann eine Gesprächskette, die immer seltener von äußerer Bedrohung, häufiger von innerer Unzufriedenheit ausgelöst wurde. Je nachdem, was gerade Wichtigkeit erlangte, fanden die Treffen plötzlich mehrmals wöchentlich statt, dann wieder ein oder zwei Wochen nicht. Mit wachsendem Selbstbewusstsein bemächtigten sie sich dieser Kommunikationsform, auf ihre Art und Weise: Weiterhin sehr lautstark, mit Schreien und wütendem Abhauen, aber alles mit einem großen Maß an persönlicher Betroffenheit und nicht mehr, um sich gegenseitig fertigzumachen. Mit gewissem Stolz fanden zunehmend Treffen ohne uns Berater statt, von deren Ergebnissen wir nachträglich informiert wurden mit dem Hinweis: „Wenn euch daran etwas nicht gefällt, könnt ihr das ja auf der nächsten offiziellen WG-Besprechung vorbringen!“

Im Heim hatten die Putzfrauen die Jugendlichen von Dreck und dem Reinigungsproblem befreit. Die Schutzhaufen waren nun mal da, und allen Beteiligten ging die immer bedrohlichere Verschmutzung stark auf die Nerven. Es fing wirklich lachhaft damit an, den Umgang mit Scheuerlappen, Müllschippe und Scheuerpulver zu demonstrieren und den direkten Zusammenhang mit eintretender Sauberkeit herzustellen. Die Jugendlichen entwickelten ihrerseits einen Putzplan mit verschiedenen 64

Zuständigkeitsrevieren, der, trotz großer Mithilfe von uns, nicht funktionierte. In der Folge entstanden immer wieder Ideen, z.B. einen gemeinsamen Putztag einzuführen, an dem alle für eine Stunde ran müssen. Er wurde vereinbart, verschoben und endgültig abgesagt. So ging das immer weiter. Die Lösung trat nach einem halben Jahr schon fast überraschend ein. In einer nächtlichen Sitzung hatten sie übereinstimmend festgestellt, dass es so nicht weitergehen könne und auf der Stelle beschlossen, die 'Pennerbude' in eine Nobelsuite zu verwandeln. Bei unserem Eintreffen waren die Kräfte schon erlahmt, aber mit dem Rest an gemeinsamen Schwung war dann doch der sichtbare Erfolg die beste Motivation. Diese Aktion feierten wir anschließend würdig dem Anlass gemäß mit Brathühnchen und Wein. Diese Übereinkunft wurde relativ konsequent durchgehalten: bis zu einer gewissen Schmutzgrenze nichts tun und dann aber ranklotzen, damit sich's richtig lohnt. Dieses System pegelte sich langsam zu einer für alle erträglichen Umgangsform ein. Das ständige Anbieten und Überlegen gangbarer Möglichkeiten sowie die Mithilfe bei unzähligen Zwischenschritten hatte teilweise den Weg bereitet. Wenn es die Jugendlichen nicht schafften, sich untereinander abzusprechen, blieben die Dreckhaufen vor der Tür und der grässliche Gestank auf dem Klo. Alleine war das nicht zu packen, aber das Chaos ging ihnen auch auf den Geist und machte sie ärgerlich. Ein Plus an Zufriedenheit, d.h. Die Beseitigung des Mists, war nur über die Diskussion und eine Einigung mit den anderen zu erreichen. Gelang dies nicht, blieb dieser Zustand aufrecht erhalten, ging ihnen ein Stück Besser-Leben verloren. Nach der Erfahrung, wo die Grenzen liegen, wenn jeder sich ausschließlich für sich seinen Lebensraum gestaltete, waren sie nun persönlich motiviert, auf die anderen zuzugehen. Dieser Vorgang spiegelte sich zunehmend in vielen einzelnen Abläufen wieder, bis hin zu der Überlegung, dass es unter Umständen doch sinnvoller wäre, auch später zusammen mit anderen zu wohnen als vereinzelt in einer 1Zimmerwohnung. Ihre ursprüngliche Wunschvorstellung wurde nicht beiseite gedrängt, aber der eingleisige, an kleinbürgerlichen Normen orientierte Lebenstraum bekam Risse.

Den Jugendlichen fielen die gemeinsamen Schritte auch deshalb leichter, weil bei ihnen die Überzeugung entstand, die ganz praktischen, existenzsichernden Techniken besser im Griff zu haben. Das gibt auch die nötige Sicherheit, Entwicklungsmöglichkeiten der ganzen WG bewusster wahrzunehmen. Ein Beispiel fällt mir da spontan ein:

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Die Frage, wie jeder mit seinem Geld auskommt, war durchgängig ein zentraler Punkt für Auseinandersetzungen. Die Jugendlichen waren alle ohne Arbeit und deshalb stellte die Jugend- oder Sozialhilfe in der Regel die einzige monatlichen Einnahmequelle dar, d.h. 270,DM, zuzüglich Miete und Bekleidungskosten. Tagebuch:

Der letzte Donnerstag im Monat ist Zahltag beim Jugendamt. Alle holen äußerst pünktlich ihr Geld ab und haben dann den Zaster für vier Wochen auf der Hand. Meistens nach drei bis sechs Tagen ist alles weg. Der beschwerliche Rückweg vom Amt zur WG (5 Minuten zu Fuß) wird abgekürzt, indem lässig ein Taxi rangewinkt wird, die Travolta-Hose aus der Boutique „Men-Chic“ für 150,- DM ist Teil der Imagepflege, bei den Steglitzer Festwochen (Rummel) werden alle Attraktionen mindestens zweimal mitgenommen und die brandheißen Scheiben vom Disco-Markt sind schon obligatorisch. Das Geld ist weg, der Kühlschrank leer und unsere Aufgabe als Berater postwendend klar umrissen. Geldeinteilung ist das Gebot der Stunde, jedenfalls von uns aus gesehen. Alle möglichen Tricks haben wir jetzt monatelang durchprobiert, z.B. verschiedene Kassen (getrennt nach Essens-, Strom-, Fahr- und Mietgeld), die Einrichtung von Sparbüchern, die Überweisung des Geldes auf verschiedene Konten - nach dem Motto „Aus dem Auge, aus dem Sinn“ - das Zurücklegen des Geldes bei uns und Abholung nur nach festen Regeln, usw. Eine über den ganzen Monat wirkende Einteilung bleibt Utopie. Der Zwang zur unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung machte alle technischen Einteilungsversuche wirkungslos. Wenn Geld da ist, müssen die Jugendlichen sofort-unbedingt-gleich-jetzt davon etwas kaufen. Unser Einwand, dass der Monat nicht nur 3 sondern 30 Tage habe, wurde verständnislos gekontert: „Ihr immer mit dem Scheiß-Geld, gönnt uns wohl überhaupt nichts?“

Monatelang reagierte in der zweiten Woche jeden Monats der Hunger. Nach den ersten Monaten stellten wir Berater größere Vorauszahlungen aus unserer Tasche ein, denn das ging in die Hunderte von Märkern. So wurden wir allerdings zu den Schweinen, die Schuld an der Misere hatten und brutal mit ansahen, wie sie dem Hungertod entgegen darbten. Mit unseren gesellschaftlichen Möglichkeiten haben wir eigentlich immer genug Geld, einen Monat ohne größere Entbehrungen zu überstehen, zumal wir gelernt haben, wenn wir die Knatte vernünftig aufbewahren, können wir uns am 20. eines Monats auch noch ein Bier leisten. Bei den Einkommens- und Beschäftigungsverhältnissen der Jugendlichen wird es dagegen wohl immer zu knapp sein, wird es selbst mit dem besten Willen nicht zu einer solchen finanziellen Sicherheit kommen. Das Taxi musste herhalten, um zu zeigen, sie sind auch wer, die Hose den Beweis liefern, sie können sich das ebenfalls leisten (gerade 66

Freunden/innen im gleichen Alter gegenüber) und auf dem Rummel alle Fünfe gerade sein lasse, kann wohl nicht verübelt werden. Bietet für uns die Gesellschaft Konsum zur scheinbar normalen Befriedigung an, so ist das für Peter, Arthur und Matthias ein paradiesischer Zustand. Auf der anderen Seite ist die Geldeinteilung für sie ein nahezu fundamentales Problem. Was war nun daraus geworden? Da alles Geld schnell ausgegeben wurde, mussten genauso schnell die lebenswichtigen Verpflichtungen bezahlt werden. Am besten noch am gleichen Tag die Mietrechnung begleichen, die Stromzahlkarte abschicken, Fahrkarten oder Monatskarte kaufen, die Schulden beim Zigarettenhändler bezahlen und auch für den ganzen Monat Lebensmittel beschaffen. Am besagten Donnerstag zog regelmäßig wie vor Feiertagen eine voll beladene Lebensmittelkarawane von nahen Supermarkt in die WG. Bis eine Woche vor Monatsende wurde dadurch die drohende Nahrungsmittelknappheit hinausgezögert. Die restlichen Tage versuchten sie, gemeinsam zu überstehen. Entweder fanden sie ein paar Jobs, bei denen sofort Geld auf die Hand bezahlt wurde (z.B. Reklamezettelverteilen o.ä.) oder Restlohn bzw. die Abschlagszahlung von einem, der gerade eine feste Arbeitsstelle hatte, stellte die Geldquelle für alle dar.

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… noch zu diesem Kapitel

Wir haben uns hier auf das Beschreiben der konkreten Vorgänge innerhalb der Wohngemeinschaft konzentriert. Allgemeine Abhandlungen über Sozialarbeit und Pädagogik sowie deren Zielsetzungen gibt’s ja ausreichend viele. Wir wollen ergänzen, dass dies keine reinen wohngemeinschaftsinternen Abläufe waren. Es stellte keinen Selbstzweck für den Bestand der WG an sich dar, die Jugendlichen zu bestimmten Entwicklungen zu motivieren und zu begleiten, damit sie darin leben können. Vielmehr steckte in jedem Handlungsschritt ein Stück zukünftiger Lebensgestaltung. Wir strebten zusammen mit den Jugendlichen an, dass jeder für sich, wie auch gemeinsam, mit allem umgehen könne sollte, was gerade außerhalb der Wohngemeinschaft überlebensnotwendig war und ist. Da wir bis heute zu ihnen Kontakt behalten haben, können wir beobachten, wie die Fortsetzung der begonnenen Entwicklung in ihrem veränderten Alltag nach der WG-Zeit aussieht. Es stellt für sie einen Teil der Lebensgrundlage dar, eine wie auch immer geartete Form der Geldeinteilung zu praktizieren, halbwegs regelmäßig Zahlungsverpflichtungen nach zu kommen (z.B. Miete) und ihre Ansprüche gegenüber Jugend-, Sozial- und Arbeitsamt zu kennen und zu versuchen, sie mit gegenseitiger Hilfe durchzusetzen. Das Renovieren, die Möbelbeschaffung, das Einrichten der Wohnung, die Verwirklichung von Hobbies und die Umsetzung von Interessen sind ähnliche Beispiele.

Noch viel fundamentaler wirkt die Bereitschaft und die Fähigkeit, sich in Gruppen zu bewegen, mit anderen Menschen am Arbeitsplatz, in der Wohnung, bei Reisen, usw. auszukommen und damit auch für gemeinsame Interessen organisieren zu können. Die Erlebnisse in Zwangsgruppen, z.B. Kitas, Vorschulklassen, Schulklassen, Heimen, z.T. Familien machen es zunehmend nötig, der Individualität der einzelnen Menschen mehr Geltung zu verschaffen. Gruppenerfahrungen werden erst dann menschlich und im positiven Sinne stützend, wenn sie auf Grund freier Entscheidungen und gemeinsamer Interessen gemacht werden. Dies zu ermöglichen, nicht das Ziel und den Zweck einseitig zu bestimmen, war unsere wichtigste Aufgabe.

Aus der Vorbereitungszeit ergab sich der Einzug von sieben, später acht Jungen aus einem Heim. Dies hätten wir nur durch massives Eingreifen ändern können. Die jahrelang gesammelten Erfahrungen anderer Jugendwohngemeinschaften wurden dadurch über den Haufen geworfen, dass keine Jugendlichen aus verschiedenen Heimen, aus Familien und keine Mädchen dabei waren. Wir selber waren am Anfang sehr verunsichert, weil uns damit ein nicht vorher einschätzbarer Weg bevorstand. Die wütende Kritik von damaligen Kollegen aus anderen Jugendwohngemeinschaften „Wie könnt ihr denn mit solchen Jugendlichen eine WG machen, dass schadet unserem Ruf, das kann nie klappen!“ fügte noch eine niederschmetternde, pädagogisierende fachliche Aussage hinzu.

Neben allen beschriebenen Nachteilen, war es, wie wir später wussten, trotzdem grundlegend für den Verlauf der ganzen WG-Zeit: Unsere Jugendlichen kannten sich alle vorher untereinander, wussten miteinander umzugehen, mussten sich nicht durch Nachweise bestimmter hervorstechender Eigenschaften gegen andere durchsetzen, hatten eine ähnliche Vergangenheit zu bewältigen, unter dem eingeschworenen Leitsatz: „Wir werden alle vom Heim loskommen, wie schaffen's alleine!“ und besaßen trotz noch so feindlicher Beziehungen das fast instinkthafte Gespür 'gebrannter Kinder', nämlich, wenn es wirklich hart auf hart kommt heißt es: „Einer für alle – alle für einen!“. Diese Stützpfeiler bewirkten, dass sie zusammenbleiben konnten; sie halfen ihnen, in einer Jugendwohngemeinschaft zu leben und waren gleichzeitig Motor für aufbauende Veränderungen bis zum heutigen Tag.

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Leben und Arbeiten mit Aggressionen

Ein zentraler Problemkreis war die zum Ausdruck gekommene Aggressivität. Sie soll daher genauer beschrieben werden. Oft genug nahmen wir Aggressionen wahr und hatten mit zerstörerischem Verhalten, Wutausbrüchen, Schlägereien, Zerstörung von Gegenständen, usw. umzugehen. Besonders hier ist es uns schwer gefallen, unser Erleben angemessen aufzuschreiben. Eigentlich ist dieser Teil des Berichtes untrennbar mit allen anderen verbunden. Auf der anderen Seiten haben diese Ereignisse sehr nachdrücklich auf uns gewirkt, sodass für uns wichtig ist, sie, wenn auch ein wenig aus dem Zusammenhang gerissen, besonders zu beschreiben. Die Schwierigkeit fängt schon dabei an, einige typische Situation aufzuzeigen. Jedes aufgezählte Beispiel ist stellvertretend für viele und gleichzeitig völlig einzigartig, ohne übertragbaren Nutzen.

Der tägliche Frust - über Wut, eingeschlagene Fenster und den 'Wilden Westen' In der zweimonatigen Vorbereitungszeit liefen Besprechungen oder Zusammensein sehr oft in dieser oder ähnlicher Form ab: Tagebuch: (.20.4., 5. Treffen in der Wohnung von Wilfried): Die Besprechung begann etwas chaotisch, da alle zu verschiedenen Zeiten ankamen und auch nicht lange bleiben wollten. Bevor die (vorher) gemeinsam festgelegte Tagesordnung besprochen wurde, tobten reichlich verbale Kraftakte und gegenseitiges Anmachen. 'Gespräch' zwischen Jürgen, Matthias, Klaus und Peter, etwa so: Na, was is denn nu mit dem Gequatsche hier? - Du hast doch sowieso keine Ahnung, was willst Du denn schon sagen! - Seht Euch bloß mal die beiden an, wollt über WeGe reden und lauft rum wie die letzten Penner, lasst Euch doch einsargen! - Halt Du doch bloß Deine Schnauze, sonst kriegste einen reingewürgt! - Ach, von Dir vielleicht auch noch, Du halbe Hose, da muss schon eine anderer kommen. - Kannste gleich haben, komm bloß her! Klaus sprang plötzlich auf, zog Jürgen am Hemd über den halben Tisch – Is ja gut, lass mich endlich los. - Na, was willste denn von mir, erst ein' auf dicke Lippe machen und dann nichts aufm Kasten! Jürgen ließ ihn wieder los und setzte sich. Michael, der sich das alles gelangweilt aus der Ecke angesehen hatte, gab jetzt seinen 73

Kommentar dazu, - Wenn ich Euch bloß sehen, wird mir ganz schlecht; wie die kleinen Kinder und Ihr wollt in 'ne WG ziehen? - Sieh Dich bloß an, siehst doch aus wie ein Idiot! - Aber Du, waa. - Was willste denn, soll ich Dir erst 'n paar knallen?? … Wie eine Endlosspule auf einem Tonbandgerät ging das gleiche Stück von vorne los. Ganz egal worüber gesprochen wurde, unwichtig, wer auf den Startknopf gedrückt hatte, wiederholte sich alles wie ferngesteuert, lediglich mit Unterschieden in der Heftigkeit.

Jedem gesprochenen Satz wurde nicht nur widersprochen, sondern er wurde massiv abgewertet mit der Beigabe, dass der jeweilige Gesprächspartner doch nun wirklich nicht mehr zurechnungsfähig sei. Der Schritt von wüsten Beschimpfungen zu handfesten „Klärung“ der Standpunkte war sehr klein. Das unvermittelte Auftreten dieser Auseinandersetzungen ohne erkennbaren situativen Anlass hielt uns am meisten in Atem.

Kurz nach dem Einzug häuften sich bei uns allen die ernüchternden Erkenntnisse, dass die anfängliche „Alles-kein-Problem“ Einstellung der Bewohner zu bröckeln anfing. Die ganz alltägliche praktische Lebensbewältigung gab weitaus mehr Rätsel auf als zunächst vermutet. Die demonstrierte Selbsteinschätzung, diese Kleinigkeiten im Griff zu haben, zerplatzte wie ein Luftballon. Verfehlte das Ei die Bratpfanne bei der Zubereitung von Rühreiern, ging der Zimmerschlüssel kurzfristig verloren, war kein sauberes Geschirr mehr zu finden, quoll der Mülleimer über, brannte eine Sicherung durch, ohne sofortigen Ersatz zu finden, sofort war der Knackpunkt sichtbar, an dem destruktives Verhalten heftig nach außen trat. Diese 'kleinen' Missgeschicke waren schon alleine für sich ständig brodelnde Unruheherde; zerschlagenes Geschirr, eingetretene Türen, ein demolierter Sicherungskasten, ein auf dem Flur ausgekippter Müll ihre täglich resultierenden Folgen. Nicht selten begann ein hilfloses 'Erleichterungsschreiben' im Tagebuch wie: Tagebuch: (17.6.): … fürchterlicher Tag! Bei meiner Rückkehr vom Fußballspielen mit Michael und Arthur bot der Flur ein einziges Chaos. Das Innenleben der Couch liegt zerrupft in der Wohnung verteilt, drei zertrümmerte Stühle im Flur, ein missratenes Menü klebt in der Küche an der Wand... Die packen es nie und ich könnte hier 20 Stunden am Tag sein, ohne Änderung...

Augenblicke, in denen Überforderungen drohten oder/und das eigene Leistungsvermögen zur 74

Problembewältigung nicht ausreichte, waren sichtbare Anlässe für die beschriebenen Reaktionen. Und bei den vielen Schwierigkeiten des Alltags kann man sich vorstellen, wie oft sich die hier beispielhaft genannten Situationen wiederholten. Der Großteil der Entstehungsbedingungen lag außerhalb der WG, die direkten Auswirkungen davon spielten sich meistens innerhalb ab. Tagebuch: Hans stürzt, früher als üblich, türknallend in die Wohnung. Er kommt von der Schule. Als er mich sieht, schreit er mich an, ich sollte nicht so doof glotzen, sonst könne ich mir gleich ein Ding einfangen. Tobt den Flur runter, wobei so ziemlich alle Gegenstände links und rechts auf seinem Weg in Bewegung kommen. Schließlich riegelt er sich in seinem Zimmer ein, die ganze Zeit überhaupt nicht ansprechbar. Die nach außen dringenden Geräusche lassen auf einiges „Dampf-Ablassen“ schließen. Keiner durfte ihm zu nahe kommen, jedem bot er Schläge an, total verbissen. So bedrohlich er wirkte, eine Erklärung für sein Verhalten bekamen wir bei Schulkonflikten dann prompt regelmäßig vom Pädagogen-Kollegen aus der Bildungseinrichtung: Hans hätte urplötzlich ohne Grund zwei Mitschüler angegriffen, die residierende Lehrkraft bedroht und dann fluchtartig, vor dem Pausenklingeln, diesen ungemütlichen Ort verlassen. Wenn das nochmal passierte, … ernste Konsequenzen, … was er sich überhaupt einbildete, … und was ich den überhaupt für ein Betreuer sei!

Nach einigen Stunden geduldsamen Annähern stellte sich z.B. an diesem Tag folgender Grund heraus: Der Lehrer hatte ihm eine Aufgabe aus einem noch nicht behandelten Wissensgebiet gestellt. Die eigentlichen Ursachen für das drastische Verhalten konnten von Hans konnten wir damals nur erahnen.

Die sofortige und unaufschiebbare Erfüllung von Bedürfnissen war eine andere beobachtbare Quelle. Blieb die unmittelbare Erfüllung eines Wunsches aus oder stellten sich Hindernisse in den Weg, nahm manchmal kaum kontrollierbares Verhalten seinen Lauf, das von uns als aggressiv erlebt wurde.

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Tagebuch: Matthias hatte sich eine Dose Rindfleisch in die Küche gestellt, um sich ein Mittagessen zu kochen. Inzwischen hatte jemand die Tür abgeschlossen, und der Schlüssel war im Moment nicht aufzufinden. Das Essen hatte offenbar eine so wichtige Bedeutung, dass der direkte Weg in die Küche der einzig mögliche war, und irgendwann gab das Schloss den Hammerschlägen nach.

Mit nicht ganz so durchschlagender Wirkung wurden wir mit gegensätzlichen Forderungen bombardiert. Tagebuch: Jürgen wollte von mir eine Erklärung über seinen neuen Radiowecker. Da ich mit Klaus gerade beim Schachspiel vertieft war, bat ich ihn um Geduld bis zum Ende des Spiels. Jürgen deckte mich mit einer Schimpfkanonade ein und als ich dann doch kurzfristig das Spiel mit Klaus unterbrach, erwartete mich in Jürgens Zimmer folgendes: Er hatte versucht mit der neuen Technik klarzukommen, dabei war irgendein Hebelchen abgebrochen, und runtergefallen war es wohl auch, jedenfalls ging die ganze Mimik nicht mehr. Ich, blöder Schwarz, kam natürlich zu spät, ich könne ja nun einen neuen kaufen und im übrigen könne ich ihn am Arsch lecken. Das alles begleitet von einem leidenschaftlichen Zorn, als ob ich für ihn der verhassteste Mensch der ganzen WG sei.

Diese Begebenheiten mögen vielleicht ursächlich plausibel erscheinen und mit der Zeit würden sich Jürgen oder Hans schon wieder beruhigen. Ich beschreibe sie deshalb, weil sie hundertfach Tag für Tag abliefen und eine große Belastung für Kristin und mich waren. Zum anderen gerieten die Jugendlichen oft in eine dermaßen vehemente Erregung, als ob ein inneres Erdbeben stattfände, während ihre Reaktion für uns gänzlich unangemessen erschienen. Noch zwei andere Tagebucheintragungen über Situationen, die vergleichbare Wirkung auf uns hatten: Tagebuch: „Wilfried, gib mir mal zehn Mark, will ins Kino gehen!“ - „Nee, hab ich nich.“ - „Ach, du bist doch 'n Arsch. Ich krieg nie was. Hau doch bloß ab, ich will dich echt nicht mehr sehen. Du bist der blödeste Typ, den ich kenne...“ Ehe ich noch was sagen konnte, bekam mein Fahrrad, das im Flur stand, einen Tritt, meine Tasche flog ein mal quer durch den Raum, und meine Tasse Tee wurde auf dem Fußboden ausgekippt. 76

An einem anderen Tag, ein Gespräch zwischen Michael und mir: Tagebuch: „Michael, die Mülleimer sind übervoll und stinken. Wollen wir die mal rasch runterbringen, zusammen?“ - Antwort von Michael in plötzlicher sehr gereizter Stimmung: „Nee, ick uff keenen Fall. Was willste eigentlich von mir, lass mich doch bloß mal in Ruhe, du hast doch echt n Ding am Kopp....“. Schubst mich beiseite und verschwindet türknallend in seinem Zimmer.

Konflikte untereinander wurden z.T. mit unerbittlicher Härte ausgetragen. Zwar entstanden selten Schlägereien zwischen zwei Bewohnern, noch seltener wurden wir Betreuer angegriffen, es blieb meistens bei massiven Androhungen. Dafür entwickelten sich andere (Mafia-) Methoden, um Konflikte deutlich zu machen und sie sicher auch ein Stück auszutragen. Tagebuch, 10.11.78: Klaus hatte sich in letzter Zeit etwas aus der Wohngruppe zurückgezogen. Seine vorher gemachten WG-Erfahrungen ließen ihn missmutig auf die anderen herabblicken, die ja selbst zum gemeinsamen Kochen zu doof waren. Er versichert jedem, dass er sich die ganze Sachen doch anders vorgestellt hat. Wenn die anderen nicht zu einer Gemeinschaft finden, dann macht er seinen Kram alleine, und nach seinem 18. Geburtstag zieht er aus. Er suchte sich andere Bezugsgruppen, und es entwickelten sich einige stabile Freundschaften außerhalb der WG. Er wurde mehr und mehr zum Außenseiter, da dies jedenfalls zu dieser Zeit im Gegensatz zu den anderen Jugendlichen stand. Gleichzeitig wurde er zur wandelnden Zielscheibe für die Gruppe: Sein neuer Freundeskreis wurde zur Landplage erklärt, sein Alkoholkonsum war das typische Zeichen für einen „Penner“, die Nichteinhaltung der Gemeinschaftsregeln machte ihn dann schließlich zum „asozialen Penner“. Obwohl alle anderen die Regeln meistens für uninteressant hielten, beim Biersaufen Klaus nicht wesentlich nachstanden, und sich täglich massenhafter Besuch bei jedem aufhielt, führte das bei Klaus zu radikaler Kritik. Heute brach mit unheimlicher Macht eine Vernichtungsaktion aus, als ob ein mit Wut randvoll gefüllter Staudamm plötzlich in sich zusammenkracht: Während seiner Abwesenheit wurde Klaus' Zimmer total verwüstet, nachdem die Tür eingetreten worden war. Alle Einrichtungsgegenstände von Lampen, über Kühlschrank bis Couch systematisch zerstört, Gardinen samt Brett aus der Decke gerissen und der Küchenabfall einer Woche oben drauf gekippt. Es fehlte nur noch ein hinterlassener Zettel mit der Aufschrift: Letzte Warnung! Gez. Die 6 Gnadenlosen.

Ich glaube, mir haben selten im Leben dermaßen die Knie gezittert. Enttäuscht, wütend, hilflos und resigniert waren einige von den Gefühlen. Hoffnung und Wünsche lagen buchstäblichen zertrümmert vor meinen Füßen. Die offensichtlich tief sitzende und 77

unberechenbare Aggressivität hat mir Angst gemacht, besonders vor der Ungewissheit: wie geht es jetzt weiter und: Geht es überhaupt weiter? Genauso eindrucksvoll, aber weitaus gefährlicher war die „Cowboy-Zeit“, beispielhaft dafür, mit welcher Unaufhaltsamkeit aggressive Spannungen in der Wohngemeinschaft im ersten halber Jahr eskalierten: Tagebuch, 15.10.78: Nach einem „Zahltag“ beim Jugendamt hat einer von den Jugendlichen einen Laden entdeckt, bei dem Waffen aller Art ohne Waffenschein verkauft wurden. Die Faszination des Schießens führte dazu, dass sich Jürgen, Matthias, Klaus Gasdruckpistolen kauften, die auf mich wegen ihrer enormen Größe gefährlich wirkten. Ich versuchte, den Gebrauch und Umgang mit den Dreien eindeutig zu klären, d.h. Schießstand im Keller einrichten, nicht in der Wohnung schießen, … bei aller Deutlichkeit, dass ich die Dinger unmöglich finde. Der erste Tag verging dann auch ohne weitere Ereignisse, die Regeln schienen eingehalten zu werden, was am zweiten Tag schon anders aussah. Nochmalige eindringliche Gespräche, Hinweise auf den schon entstandenen Schaden (Geschirr, 2 Fensterscheiben) und die Kosten für die Reparatur und Androhung des Waffenentzugs beim nächsten Regelverstoß. Leider einen Tag zu spät, denn in der folgenden Nacht wurde ein ausgiebiges Schützenfest gefeiert, das weit über den Rahmen eines Spiels mit kindlicher Freude hinausging. Als ich heute die Wohnung betrat, war der Flur übersät mit Glassplittern, 3Fenster waren zertrümmert, die Reste des Hausrats durch Volltreffer in tausend Stücke zerteilt, Türen, Lichtschalter, Deckenleuchten, Flaschen, die Parkplatzbeleuchtung auf dem Hof, das gesamte Treppenhaus nebst Eingangtür so weit wie möglich durch diverse Schießübungen funktionsuntüchtig gemacht. Mich erwarteten 8 Polizeibeamte mit der Frage, was für ein verwahrloster Haufen denn hier hause und mit der Feststellung, Jürgen eine Waffe abgenommen zu haben, die er in seinem Alter überhaupt nicht besitzen dürfe. Peinlicherweise musste ich ja nun als sogenannter „Zuständiger“ dazu Stellung nehmen.

Zum ersten und einzigen Mal wurde von uns etwas kategorisch verboten: wer eine Waffe hat, muss sie uns abgeben, und wer sich nicht daran hält, wird rausgeschmissen. Das persönliche Problem war damit allerdings nicht im Entferntesten berührt.

In der Anfangsphase gehörte zerstörerisches Verhalten zur alltäglichen Atmosphäre. Jeden Tag wurden Sachen ohne direkt erkennbaren Grund und eigentlich zum Schaden jedes einzelnen unbrauchbar gemacht. Das Mobiliar des Gemeinschaftsraums musste in dieser Zeit mindestens sechsmal notdürftig erneuert werden. Eine schicke Kuckucksuhr, von allen 78

bewundert, hatte nur drei Stunden Zeit, sich einzuleben (ich glaub' ne Bratpfanne oder sowas hat das Gerät erledigt). Gardinen wurden in Stücke gerissen und angekokelt, das Telefon war mindestens zwei Drittel der Zeit wegen fehlender Wählscheibe, Hörer oder Gabel nicht in Betrieb, Innenleben von Sesseln lagen fast ständig verstreut in der Wohnung, genauso wie unzählige Glasscherben. Mit den Resten des Porzellans und den anderen spitzen Gegenständen wurde jeder Quadratmeter Lackfarbe an Türen, Möbelstücken, usw. zerkratzt, umherliegendes Papier war grundsätzlich zerrissen oder abgebrannt. Flur, Küche und Gemeinschaftsraum wurde manchmal innerhalb weniger Minuten in völlig chaotische Zustände versetzt.

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Zum Schluss noch ein paar Beobachtungen, die mit am Schlimmsten für uns waren. Das Verletzen des eigenen Körpers stellte für einige nichts besonders aufregendes dar. Fast beiläufig, während einer gemütlichen Kaffeerunde hält Peter seine Hand über eine Kerze und schien zu probieren, wie lange er der Hitze standhalten könne. Meine Reflexe hätten meine Finger sehr schnell zurückzucken lassen. Peter hielt das wesentlich länger aus, bis einige Brandblasen sich bildeten. Die Stecknadel an unserem Pinbrett in der „Aktenkammer“ dienten oft zu Versuchen, die Schmerzgrenze der Fingerkuppe nicht nur zu ermitteln sondern zu überschreiten. Das alles während eines Gesprächs mit uns. Unter Alkoholeinfluss wurde mehrmals versucht, sich den Unterarm aufzuritzen, nicht in Selbsttötungsabsicht, mehr als Demonstration des eigenen Leidens. Dies grenzte eindeutig an Gefährdung der eigenen Gesundheit, der Wunsch, sich selbst körperliche Schmerzen zuzufügen, war das destruktive Signal aggressiver Gefühle.

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Wechselbäder Auswirkungen auf mich

Leider gab es zu dieser Zeit keine unmittelbar Beteiligten, die unser Verhalten und unserer Reaktionen ähnlich ganz hätten wahrnehmen können. Beim Schreiben über diesen speziellen Teil unserer Erlebnisse spüre ich noch einmal das drückende Gefühl in der Magengegend, das Kribbeln im ganzen Körper und den erhöhten Herzschlag so aufregend wie in den tatsächlich durchlebten Situationen – über ein Jahr später. Heute kann ich vom Schreibtisch aufstehen, eine Pause machen, mit wiederhergestellter Besonnenheit und beruhigender Distanz weiterarbeiten. Der extreme Gegensatz zu damals, als ein Luftholen kaum möglich war. Ich kenne eine vergleichbare Stimmung nur bei heraufziehendem Gewittern: Entlädt es sich, zieht es vorbei, wie lange wird es dauern, und wie heftig geht es nieder, und woher kommt es eigentlich so plötzlich? Schließlich war vorher kein Wölkchen zu sehen. Eine allgegenwärtige Belastung, die unausweichliche Konfrontation mit den Konflikten hielten mich in Bann. Mit weichen Knien und Herzklopfen betrat ich in dieser Phase die Wohnung, und verließ sie erschöpft mit dem bedrückenden Gefühl am Abend: Hoffentlich passiert heute Nacht nichts Katastrophales. Auf Fotos dürfte ich damals nur mit geduckter Körperhaltung und eingezogenem Kopf zu sehen sein. Die Unsicherheit, was im nächsten Moment passiert, hinterließ ein ängstliches Gefühl. Saßen wir gemütlich beisammen und entstand bei mir der Eindruck, eine gute, gemeinsame Atmosphäre zu spüren, so konnte sich das binnen Minuten radikal ändern. Anfänglich war manchmal nicht der winzigste Hinweis zu beobachten, die kalte Dusche erwischte uns um so unvorbereiteter: Was ist denn nun los, wie ernst meinen die das, habe ich das irgendwie provoziert, worum geht’s überhaupt, soll ich eingreifen und wenn ja, dann wie? Ein Bündel Rätsel, und die Betroffenen sorgten mehr dafür, dass es dicker wurde als vielleicht mal eines zu lösen. Packe ich es nicht mehr, versage ich, blicke ich als „zuständiger Pädagoge“ nicht mehr durch. Kann ich mich überhaupt selber vor Verletzungen (und dies im handfesten Sinne) ausreichend schützen? Das alles waren bedeutsame Eindrücke und Fragen.

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Die zweite Reaktion war Ärger, der mehr aus dem Nichtverstehen der Hintergründe der ablaufenden Geschichten entstand. Die kalte Wut steig in mir auf, wenn wir den ganzen Tag Möbel für den Gemeinschaftsraum zusammengekarrt hatten, um ihn etwas wohnlicher zu gestalten, diese Idylle noch nicht mal das Morgengrauen erlebte, und ich dann auch noch mit dem Abtransport der Überreste zur Müllkippe beschäftigt war. Zum einen war es für mich total schwachsinnig, die Bude, in der man lebt, zu zerkloppen, zum anderen fühlte ich mich wie ihr Hampelmann, der nur wichtig für die Besorgung von genügend Nachschub für die Saalschlachten war. Für wen tue ich denn das, wer musste denn nun hier wohnen, und wen interessiert das überhaupt, dass es etwas wohnlicher wird? Entsprechend kotzte ich meine Unzufriedenheit auch aus, gelegentlich schrie ich durch die ganze Wohnung. Ich habe bestimmt selten so eine Menge Wut und Aufregung provozierende Augenblicke aufeinanderfolgend erlebt. Sonst war ich schon mehr bemüht, möglichst harmonische und integrierende Momente zu schaffen und die gefährlichen und konfliktgeladenen zwar nicht gerade zu umschiffen, aber doch nicht so spektakulär werden zu lassen. Jetzt stürmten ständig Ereignisse auf mich ein, die ich nur dadurch umgehen konnte, dass ich um die ganze Wohngemeinschaft einen großen Bogen machte. Darin aber wurde ich ständig herausgefordert, mit Gefühlen umzugehen, deren Bewusstwerdung ich normalerweise lieber gedämpft hätte. Dementsprechend war mein „Arbeitstag“ mit dem Verlassen der Wohnung auch noch lange nicht zu Ende. Beim Abendessen zu Hause kreiselten meine Gedanken um den abgelaufenen Tag, mit allem Wenn und Aber, unerreichbar und insgesamt kaum nachvollziehbar für meine Mitbewohner. Ich fühlte mich damit alleine gelassen. Kleine Wochenendenreisen brachten mir auch keinen Abstand: Freitags stand ich noch unter dem Druck desselben Tages, sonnabends versuchte ich langsam abzuschalten, und sonntags stellte ich mir vor, was mich Montag erwartete. Die Kneipe und damit der direkte Zugang zu Bier stellte abends immer häufiger einen Ort der Entspannung dar. Nach dem zweiten oder dritten Glas wich so langsam die Spannung „Das darf doch alles nicht war sein!“ von mir. Später am Abend war dann alles nicht mehr ganz so schlimm, und außerdem saß man ja schließlich gemütlich beisammen. Auf dem Weg nach Hause verhinderte der Nebel in der Birne dann alle Gedanken, außer dem, endlich schlafen zu können und sorgte zumindest bis zum Weckerklingeln für eine ruhige Nacht.

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Ich hatte aber auch das sichere Gefühl: Ich will und ich muss damit klarkommen. Vielleicht begründet in der Hoffnung, es müsste irgendwann ja mal besser werden. Vielleicht auch bedingt durch die Berührung mit dem anderen Leben der Jugendlichen, die ich einfach gern hatte, die mich anzogen, die ich doch nicht verstand, weil sie mir Rätsel aufgaben, welche ich mit meinen bisherigen Lebenserfahrungen und meinem gut gemeinten Willen alleine nicht lösen konnte.

Aggressivität – Hintergründe und einige mögliche Ursachen

Die Jugendlichen zeigten uns selten offen die Wurzeln ihrer inneren Spannungen und die Auslöser für Gewalt und Brutalität. Unmissverständlich dagegen führten sie uns vor Augen, dass dies zu ihrem Leben, ihrer Persönlichkeit gehört, so untrennbar wie ihr starker Lebenswille, ihre Freude und Begeisterung. Wollten wir die WG tatsächlich als J u g e n d – Wohngemeinschaft begreifen, so mussten wir die Aggressivität im wahrsten Sinne des Wortes mit einziehen lassen und der Raum zum Ausleben musste da sein. Im Kopf alles klar – im Empfinden alles sehr bedrohlich und undurchsichtig. Uns wurden zumindest zwei Ebenen deutlich, auf denen wir das Problem angehen konnten: Zum einen war es notwendig, die Entstehungsbedingungen für das Aggressive der Jugendlichen herauszubekommen und zum zweiten, warum wir als Berater mit diesem Verhalten so viel Schwierigkeiten hatten und wo wir unserer eigene Aggressivität ließen?

Zunächst gehörte dazu, uns mit den Erfahrungen anderer Leute auseinanderzusetzen, denn das Thema „Aggression“ ist ja nun wahrlich nicht neu. Jede Menge Bücher beschäftigen sich theoretisch damit, einige haben wir davon auch gelesen. Zusätzlich haben wir in diversen Supervisionsbesprechungen die Entstehungsbedingungen herausgearbeitet: Unser Verständnis von Aggression lässt sich darin zusammenfassen, dass Enttäuschungen und Gefahr zwei Ursachen sind, die zu aggressivem Verhalten führen können. Jede Beeinträchtigung zielgerichteter Handlungen, bei denen also z.B. der angestrebte Erfolg 83

ausbleibt, führt zu Frustrationen, die auf der einen Seite Aggressionen produzieren, auf der anderen Seite Fluchtverhalten und Resignation hervorrufen könne. Eine ernste Gefahr für Menschen kann durch lebensbedrohende Ereignisse, Verletzung oder Versagen fundamentaler Bedürfnisse und sich nicht erfüllende Hoffnungen oder Versprechen entstehen. Wenn daraus aggressive Impulse wachsen, so haben sie meistens das Ziel, den oder die Verursacher dieser Gefühle unschädlich zu machen. Von besonderer Bedeutung ist die spürbare Furcht vor solchen bedrohlichen Situationen. In scheinbar auswegloser Angst und Verzweiflung, wenn alle Lösungsstrategien erfolglos sind oder erst überhaupt keine entwickelt wurden, um das Hindernis adäquat zu bewältigen, kann sich eine unberechenbare und undifferenzierbare Gewalt Bahn brechen, die wahllos gegen alles und alle gerichtet ist. Aggressives Verhalten wird erfolgversprechend in verschiedenen Situationen des Lebens erlernt und bestätigt. Ob in Filmen, im Fernsehen, im Verhalten Erwachsener zu Kindern, Vorgesetzter zu Untergebenen, zwischen Erwachsenen, bei Polizei-Knüppel-Einsätzen, Kriegen, usw. … jedem wird ein reichhaltiges Angebot von aggressiven Verhaltensmustern von klein auf geboten: der Härtere, der Brutalere, der Stärkere, der Mächtigere setzte sich durch. Diese Schablonen werden in vergleichbaren Alltagssituationen fast automatisch reproduziert. Soweit die theoretische Grundlage auf der wir standen, während wir den Gefahren ins Auge blicken mussten. Wir mussten herausfinden warum gerade jetzt bei den Jugendlichen immer genau die Verhaltensmöglichkeit abliefen, die im schlimmsten Fall zu erwarten waren. Der „wissenschaftliche“ Hintergrund machte es uns leichter, die nahestehenden Fragestellungen klarer zu fassen und aufmerksamer für die zentralen Momente im Alltag zu sein.

Was sagt der Alltag ... ? Ein Teil der Theorie bestätigte sich in sofern, dass wir tatsächlich Gefahren als häufige Auslöser beobachten konnten. Jeder Schritt in Richtung einer von der Gesellschaft akzeptierten Form der Lebensbewältigung, erforderte von den Jugendlichen, die Fähigkeit zu erlernen, ihre Unterbrechbarkeit und Impulsivität zu regulieren. Denn ihre Unbeherrschtheit führte sie 84

ständig an zwei Abgründe: 1. Sie wurden durch ihr augenscheinlich nicht angemessenes Verhalten als behinderte oder einfach irre Menschen ausgesondert und dementsprechend unmenschlich ausgeschlossen (Gefahr der Ausgrenzung) 2. Jede konfliktträchtige Situation, sei es auf der Arbeitsstelle, in der Schule, Behörde, Disco, Kneipe, im Kaufhaus, U-Bahn oder sonst wo, war potentiell Auslöser für heftige aggressive Reaktionen. Geschah dies in aller Öffentlichkeit, bestand die ständige Gefahr von Kriminalisierung und Strafverfolgung (was auch oft eintrat). Der Umgang mit diesem Bereich wurde zur zentralen Fragestellung. Beim Kennenlernen in der Anfangsphase der JWG hatten wir von den Bewohnern einen Teil ihrer Lebensbedingungen, ihrer äußeren Lebenswirklichkeit begriffen. Jetzt mussten wir einige Teile der 'inneren' Wirklichkeit verstehen lernen. In vielen Gesprächen, im Erleben und Interpretieren von Abläufen des täglichen Zusammenlebens förderten wir gemeinsam weitere Hintergründe ans Tageslicht: Der Umzug von Heim in eine Jugendwohngemeinschaft stellte für die Jugendlichen eine radikale Änderung gewohnter Zusammenhänge dar. Bisher gab die Orientierung an Ordnung, Gehorsam und Sauberkeit automatische Bezugspunkte. Jetzt wurde von ihnen Solidarität, Mitbestimmung und Selbstständigkeit verlangt. Die „Rund-um-die-Uhr“ Betreuung fiel weg, wenig Kontinuität im Alltag, kein Korsett von Bestimmungen und Vorschriften mit deutlichen Konsequenzen bei deren Übertretung , eine unbekannte Wohngegend, die bedrohliche Nähe zu einem Freizeitheim mit viel älteren Jugendlichen, denen sie sich unterlegen fühlten, eine von Beginn an ziemlich ablehnend eingestellte Nachbarschaft, kein umfassendes Versorgungsangebot mehr, unsichere Beziehungen zu uns als erwachsene Bezugspersonen, usw... Allein diese äußeren Bedingungen waren Grund genug für eine durchgängige Beunruhigung, für Verhaltensunsicherheit (Gefahr fehlender Sicherheit). Sieht man sich jedoch die vielen Stationen in ihrem Leben an, so wurde diese Beunruhigung zusätzlich gespeist von der Befürchtung, wie lange werde ich wohl hier bleiben können, wann werde ich wieder weggeschickt, was kommt als nächstes? Sie nahmen die WG zum Teil schon als eine Chance wahr, doch immer gleichzeitig mit einer Bedrohung gepaart: Zu oft waren sie aus sicher geglaubten Lebenszusammenhängen herausgefallen (worden), sei es aus Familien, Pflegestellen, Heimen unterschiedlicher Prägung und Größe, Schulen, Ausbildungsplätzen 85

und Arbeitsstellen. Und immer wurde ihnen die stereotype Begründung dafür mitgeliefert, dass sie es eben mit ihrer Unfähigkeit und ihrem Versagen selbst verursacht hätten. Dies hat sich tief in ihr Bewusstsein eingegraben, schuldig zu sein; es nicht Wert zu sein, die Lehrstelle zu behalten, die Zuneigung der Mutter zu empfangen oder der Liebe von anderen Erwachsenen sicher zu sein. Durch die turbulente Erfahrung rückte eine Wiederholung dieser deprimierenden Erfahrung offensichtlich in spürbare Nähe - wieder zu versagen, wieder schicksalsabhängig mit allen Bedürfnissen enttäuscht zu werden. Die Gefahr verletzender Isolation produzierte Tag für Tag Aggressivität. In Massenpflegeeinrichtungen, die sie ja alle zwischen 5 und 17 Jahren durchlebt hatten, ist das Erlernen eines Verhaltens überlebensnotwendig, mit dem Aufmerksamkeit und Durchsetzungsvermögen gegenüber den Leidensgenossen erreicht werden kann. In der Ergänzung zur grundsätzlichen Beschreibung von Heimerziehung, lässt sich hier konkretisieren, dass es dort eines Dauerkampfes bedarf, um einige Vergünstigungen, Vorrechte, Macht in der Gruppe oder einfach zu Zuwendung durch besondere Beachtung zu erstreiten. Aggressives Verhalten ist erfolgreich, um anderen Gruppenmitgliedern Angst einzuflößen, die pädagogischen Mitarbeiter zum Handeln zu zwingen und zwar in Form individueller Beschäftigung, das größte Stück Fleisch beim Mittagsessen oder den besten Sitzplatz bei einer Filmvorführung zu ergattern und um überhaupt dokumentierten, ich bin wer, ich unterscheide mich von anderen, ich bin ein INDIVIDUUM. Natürlich folgen jeweils auch eine Menge Sanktionen, es gibt aber trotzdem genügend erfolgversprechende Resultate, die die Heimjugendlichen darin bestärken, mit aggressiven Aktivitäten die Erfüllung bestimmter Wünsche erreichen zu können. In den vielen Jahren war dies einfach Bestandteil ihrer selbst geworden, der natürlich auch erst mal in dem neuen Lebensraum WG das Verhalten diktierte. Z.B. bei Jürgen hatte sich das soweit entwickelt, dass fast jede Kontaktaufnahme mit uns nur über diesen Weg möglich war: Sein Interesse an einem Gespräch fand darin Ausdruck, dass er mit allen möglichen Gegenständen nach mir warf, durch gezielte Aktionen Kleinholz im Gemeinschaftsraum fabrizierte, irgendwelche mir wichtigen Unterlagen zerriss oder verbrannte oder mich stundenlang mit einem Netz von verletzenden Äußerungen und Provokationen einwob. Grundsätzlich entstehen überall dort Aggressionen, wo Menschen gezwungen werden, sich einer Macht im weitesten Sinne unterzuordnen, wo es zur Selbstverständlichkeit wird, gehorsam zu sein und die individuellen Ansprüche und Wünsche völlig uninteressant werden. 86

Wir alle sind diesen Mechanismen unserer gesellschaftlichen Struktur ausgesetzt. Nur in Sondereinrichtungen, wie z.B. Heimen, sind die Ausweichmöglichkeiten fast gleich Null, der Gehorsam wird ungeschminkte und brutale Voraussetzung zum Leben. Es hatte sich dadurch ein Reservoir an Wut und Rache angesammelt, das jederzeit abrufbereit lauerte. Dieses wurde jetzt aktiv, wo sich Gelegenheit zum Ausleben ergab, entweder weil keine Strafen angedroht wurden oder es sogar 'erlaubt' wurde (Boxveranstaltungen, Kriege, …). Für die ehemaligen Heimjugendlichen war dieser Raum ja erst mal die WG, ihre WG, wo zunächst keine festgelegten Sanktionen warteten. Dazu boten sich noch Mitbewohner und Berater als Blitzableiter an, wobei sich die letztgenannten besonders dadurch hervortaten, das sie sich anfänglich recht wenig wehrten!

Eine weitere große Gefahrenquelle war die tägliche Bestätigung, dass ihre Fähigkeiten unterhalb der altersgemäßen, gesellschaftlichen Anforderungen liegen. Wer einen Aushilfsjob wegen fehlendem Sonderabschluss nicht bekam, wegen ständiger Arbeitslosigkeit keine Kohle für den sonnabendlichen Disco-Besuch hatte, die seltene Post nicht entziffern konnte, beim Zahltag im Jugendamt monatlich zu spüren bekam, Mensch 3. Klasse zu sein und wer in der Gruppe der Gleichaltrigen 'keine Schnitte' sieht, weil die modernen John-Travolta-Stiefel den halben Sozialhilfesatz kosten würden, dem wird keine Chance gegeben, sich aus einer Randstellung zu lösen, der bekommt Tag für Tag den Nachweis seiner Unfähigkeit geliefert.

Eine weitere wesentliche Sache hängt mit der plötzlich veränderten Atmosphäre ihrer unmittelbaren Umgebung zusammen. Unser Bestreben als Berater war, eine gesicherte und für jeden hilfreiche Wohnsituation zu schaffen. Unsere freundschaftlichen Gefühle und unsere Zuneigung gegenüber den Jugendlichen drückten wir von Anfang an ziemlich direkt aus. Dadurch fielen wir, nach den ersten Wochen, für die Rolle der Kontrolleure ihres Lebens aus, denn bisher hatte der Großteil aller Erwachsenen die Funktion, in ihnen unliebsame Entwicklungen und spezielles Verhalten durch Strafen und gezielte Gegenaggressionen zu verhindern. Da wir uns erklärtermaßen und spürbar anders verhielten, eröffneten wir damit einen unkontrollierten Aktionsraum, die Wohngemeinschaft. Die lang angestauten Hassimpulse konnten nun relativ ungehindert ausgedrückt werden. Waren diese in den verschiedenen Erziehungseinrichtungen noch durch Verbote und Drohungen zu unterdrücken versucht worden, so waren jetzt weder 'Anstand' oder moralisches Schuldgefühl - „das darf 87

man nicht machen!“ - über Bord. Die WG wurde ihr Zuhause, im wahrsten Sinne des Wortes, wo sich jeder so ausleben kann, wie er gerade will, ohne Pflicht zur Rücksichtnahme oder Zurückhaltung. Die Nähe unseres Zusammenseins machte uns während der gesamten WG-Zeit zu den wichtigsten erwachsenen Bezugspersonen. Anfangs waren die Bewohner von unserer Haltung fasziniert, sie mochten uns schon nach kurzer Zeit. Um so erschrockener waren wir, als dies scheinbar ins Gegenteil umschlug: Die Jugendlichen begannen ihre Erfahrungen mit früheren wichtigen Personen (Eltern, Erzieher, Pflegeeltern, Geschwister, …) auf uns zu übertragen. Leider waren diese in erdrückender Mehrheit durch die ständigen Enttäuschungen mit extrem negativen Gefühlen besetzt. Bis in welches haarkleine Detail sich dies in unserem Zusammenleben auswirkte, will ich an zwei Beispielen aufzeigen: Eine ganz bestimmte Bewegung meiner Hand, eine Geste, ein Augenaufschlag, ein besonderer Gesichtsausdruck, eine Redewendung, meine Körperhaltung und die Betonung besonderer Worte reichten oft aus, diese früheren Erfahrungen mit Menschen zu reaktivieren und zwar so intensiv, als geschähen sie gerade in diesem Moment wieder. Ganz gleich bei welchem Thema, zu welcher Uhrzeit oder an welchem Ort: tauchte durch mein Verhalten eine Ähnlichkeit zu einem Menschen auf, die mit der gefühlsmäßigen Erinnerung an Nichtbeachtung, Verletzung, Verlassen-Werden oder Misshandlung gekoppelt war, sofort dominierte diese Vergangenheit die Befindlichkeit der Jugendlichen. Für mich waren das mit die erschreckensten und kompliziertesten Momente, denn woher sollte ich (am besten vorher) wissen, mit welchem gesprochenen Satz ich an den verhassten Vater oder die unterdrückende Mutter erinnerte bzw. erinnern würde? Das aktuelle Gespräch oder das momentane Geschehen wurde jedenfalls unwichtig. Die Vergangenheit und oft nur die vage Vorahnung einer möglicherweise eintretenden vergleichbaren Situation, rückte in den Mittelpunkt und bestimmte unverrückbar die Atmosphäre. Tagebuch: Hans fummelte im Flur an seinem Fahrrad, Tretlagerschaden. Nach geraumer Zeit kommt er zu mir und erzählt mir davon. Ich bekomme das nur mit halben Ohr mit, da ich mich gerade auf das Formulieren eines Antrages konzentriere. Ich drehe nur kurz den Kopf zur Seite und frage ihn, ob er damit nicht alleine klar kommt. Die Gesichtsfarbe von Hans wechselt augenblicklich. Sich in eine maßlose Empörung steigernd brüllt er mich an, was ich mir den einbilde, ich brauche ihm sowieso nicht zu helfen und könne ihm im übrigen gestohlen bleiben. Erschreckt versuche ich einzulenken, doch vergebens, begleitet von übelsten Beschimpfungen kracht das 88

Werkzeug über den Flur und das Fahrrad segelt in hohem Bogen in die Ecke. Nichts geht mehr!

Relativ selten fanden wir den genauen Anlass: Ich hatte kurzzeitig die Gestalt seines großen Bruders angenommen, der ihn grundsätzlich für zu klein, zu ungeschickt und für zu dumm hielt, eine Aufgabe zu bewältigen. Je mehr wir uns bemühten, die Atmosphäre zufriedenstellend zu beeinflussen und uns persönlich anboten, desto gewaltsamer und vehementer kamen uns die Reaktionen entgegen. Offenbar musste es damit zusammenhängen, dass die Jugendlichen positive affektive Beziehungen zu Erwachsenen nur sehr unvollkommen oder überhaupt nicht erlebt hatten. Auf alle Fälle fehlte bei ihnen das Vertrauen und das hoffnungsvolle Gefühl in Beziehungen, das Sich-verlassen-können und die Bereitschaft, sich gefühlsmäßig auf einen anderen einzulassen. Gerade da boten wir uns als Menschen an und gerieten so in eine Schusslinie: Einerseits passten wir in das gewohnte Bild des 'bösen Erwachsenen' nicht mehr ganz rein und ihre perfekt gelernte Abwehr- und Trotzstrategien fanden keinen treffenden Adressaten. Andererseits berührten wir durch den täglichen Umgang bei ihnen ungewohnte Teile ihres Gefühlserlebens, mit dem sie nicht so recht etwas anzufangen wussten. Es blieb ihnen also nur die Wahl zwischen der Aufgabe ihres bisherigen Verhaltenskonzepte und dem Versuch, uns zu den Erfahrungen der Vergangenheit passend zu machen. Letzteres wurde in der ersten Monaten täglich versucht. Durch gezielte Provokationen wurden uns immer wieder Fallen gebaut, die bewirken sollten, uns zu zwingen sie zu bestrafen und zu beschimpfen, ihnen unsere Zuneigung zu entziehen und sie schließlich ganz abzulehnen, genau wie jeder 'normale' Erwachsene in ihrem Leben bisher.

Keine neue Erkenntnis, doch immer wieder verblüffend zutreffend war die Lernsituation für aggressives Verhalten, die aus der alltäglichen Begegnung mit Gewalt resultieren. Ein Film im Fernsehen, in dem sich der „Gute“ mit Waffengewalt, Schlägereien oder sonstigen Brutalitäten durchsetzt, um zum Schluss als heißgeliebter Held und Gewinner die Bühne zu verlassen, verstärkte das vermeintlich verheißungsvolle Verhaltenskonzept der Anerkennung und des Durchsetzungsvermögens durch Gewalt. Flimmernd vom Bildschirm wurde ihnen eine Teil ihrer eigenen Erfahrung vor Auge geführt. 89

Dazu noch die Bestätigung für die Richtigkeit, so zu handeln und nicht anders, denn schließlich zeigt es sogar das Fernsehen. Oft wurde das Geschehene sofort reproduziert. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie viele Western diverse Schlägereien auf dem Gewissen haben; das WG-eigene Cowboyfest mit Gaspistolen findet in abgewandelter Form mehrmals wöchentlich im deutschen Fernsehen und auf deutschen Straßen statt.

Die Nähe von 7 Menschen mit vergleichbaren Schwierigkeiten stellte sich als ein weiterer Faktor heraus. Wir konnten beobachten, dass die unterschiedliche Bewältigung der täglichen Klippen sowie von Konflikten der Psyche zur Beunruhigung beitrug. Beim erfolgreichen Abschluss einer Arbeitsstellensuchaktion war dies z.B. leicht nachzuvollziehen. Hatte einer tatsächlich nach langer Suche einen Arbeitsplatz ergattert, war die Freude darüber bei den anderen nicht gerade so wie bei mir, eher umgekehrt. Ich hatte den Eindruck, dass der ungelöste Zustand der Arbeitslosigkeit und die damit verbundene Unzufriedenheit die Reaktion der anderen Jugendlichen darauf entsprechend bestimmte. Das Gefühl 'hier hat einer die Sache besser im Griff als ich selber' bewirkte eine Bedrohung, weil die Unzulänglichkeit und das scheinbare Versagen bei der Lösung derselben Schwierigkeit im krassen und deutlich sichtbaren Gegensatz dazu standen. Die Mafia-Aktion im Zimmer von Klaus ging auch auf das Konto solcher Empfindungen. Er hatte schließlich zeitweilig einen relativ stabilen Lebensrhythmus mit befriedigenden Beziehungen gefunden, gerade auch mit Frauen, und kam mit den Anforderungen der Schule ganz gut zurecht. Dies stand im Gegensatz zur Befindlichkeit der meisten anderen Bewohner während dieser Zeit. Die Abwehr der dadurch mobilisierten Gefühle von Benachteiligung drückte sich in massiver Herabsetzung und Verachtung des jeweils besser Situierten aus, bis hin zu gezielten Versuchen, wie bei Klaus, ihn durch Zerstörung seines Zimmers aus dem Blickfeld zu jagen. Die Entwicklung war bei allen nicht gleichmäßig und so stellten diese Widersprüchlichkeiten immerwährende Auslösemomente für Aggressionen dar. Umgekehrt galt das gleiche. Hatte Michael eine Phase ständigen Alkoholkonsums, war er der 'Penner' der Gruppe, der doch gleich auf der Parkbank übernachten solle und zum Volllaufen keine JWG brauchte. Nicht wegen seines Trinkens isolierte und hasste ihn die Gruppe, sondern weil er ein so verlottertes Leben führte und in dreckigen und zerrissenen Klamotten herumlief. Ein Zustand der allen drohte, wenn einige wenige ihrer Stützpfeiler im Leben 90

wegfallen würden.

Die fehlenden Fähigkeiten, die Befriedigung von Bedürfnissen aufzuschieben, wollen wir erneut an dieser Stelle nennen. Wir Erwachsene haben irgendwann mal gelernt, differenzierte Wünsche wahrzunehmen, planvolle Schritte zu ihrer Erfüllung einzuleiten, sie durch Sprache und Symbole zu äußern und die realen Lebensumstände mit einzubeziehen. Wir können eher den Ursprüngen der Wünsche nachgehen und dadurch zielgerichtete Wege zur Erfüllung finden; ihnen durch Ideen und Phantasie wandelbare Formen geben und sie auch aufschieben, um eine bessere Gelegenheit zur Verwirklichung abzuwarten. In gewissem Rahmen haben wir dafür den notwendigen Entfaltungsraum. Diesen Umgang haben die Jugendlichen nur sehr bruchstückhaft erlernen können. Die Fähigkeit, Bedürfnisse umzusetzen und auf die gegebenen Bedingungen des Alltags abzustimmen, wurde in ihrem ganzen Leben von der Erfahrung durchkreuzt, dass ihr Wollen keine Bedeutung hatte, weder danach gefragt noch zugestanden wurde, überhaupt Ansprüche zu haben. Tauchte in diesem unmenschlichen Rahmen eine Lücke auf, konnte Erfolg, d.h. Wunscherfüllung, nur durch sofortiges Handeln und rücksichtsloses Durchsetzen erreicht werden. Denn diese Chance könnte im nächsten Augenblick verpasst sein oder ungewiss bleiben, ob sie jemals wieder auftaucht, wenn sie jetzt nicht ganz und total ausgeschöpft würde. Ein Aufschub oder auch nur teilweise Befriedigung war gleichzusetzen mit keiner Befriedigung. Leicht verständlich, dass es für diese Jugendlichen keine Lernfelder gab, innere Ansprüche mit den o.g. Steuerungsfähigkeiten aufzunehmen und auszuprobieren. Oft kam es mir vor, als ob der einmal entstandene Wunsch den betreffenden Jugendlichen völlig durchdrang, ihn in Besitz nahm. Der innere Reiz wurde dann so stark, oder die Möglichkeit mit ihm umzugehen war so schwach ausgeprägt, dass er unaufhaltsam in gezielte Aktivität nach außen umgesetzt werden mussten. In vielen Augenblicken wurden dabei Gefahren, mögliche Risiken, das Abwägen von günstigen Zeitpunkten und das Abschätzen der Erfolgsaussichten ausgeblendet. Es entstanden halsbrecherische Aktionen, jedenfalls sahen wir es so, denn jedes auftauchende Hindernis wandelte sich zu akuten Bedrohung ihrer ganzen Person. Wir wollen hier kurz an die Situation erinnern, in der die Küchentür solch ein Hindernis darstellte. Sie stand verschlossen zwischen dem Wunsch, den Hunger zu stillen und der Dose Rindfleisch in der Küche. Der Zeitraum, den Schlüssel zu suchen, nach Ersatz zu fragen oder 91

auf die anderen zu warten, betrug nur wenige Sekunden. Dieser Zustand war aber unerträglich, deshalb stellte die Tür auch keinen an sich eigentlich ganz nützlichen und erhaltenswerten Gegenstand dar, sondern eine Bedrohung, die dann ja auch auf direktem Wege beseitigt wurde. Auf meine Vorwürfe schallte uns entrüstet und entwaffnend die Antwort im Chor entgegen: „Soll'n wir etwa verhungern???“

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Und ich als Berater...?

Mit Theorie und genauem Beobachten lassen sich Auslösesituationen für viele Handlungen relativ leicht erklären. Das Leben und die Reaktionen der Bewohner zu entziffern, es zu begreifen, stellte langfristig nicht die Schwierigkeit dar. Es wurde zum entschiedenen Punkt, mitanzusehen, zuzulassen und manchmal sogar auszuhalten. Trotz erklärbarer Hintergründe zuckte ich in entsprechenden Momenten zusammen, jagten mir Peter, Matthias und die anderen Angst und Wut zugleich ein. Ich empfand vieles als verletzende Angriffe auf mich. Mein Inneres pendelte zwischen „Bloß-nicht-anmerkenlassen“ wie tief ich mich getroffen fühlte und einem resignativen Rückzug als geplagter Sozialarbeiter, der eben alles auszuhalten hat und mit eingezogenem Kopf über sich ergehen lassen muss. Dann auch wieder Rachegelüste, die eingesteckten Schläge wieder auszuteilen; die scheinbare Überlegenheit als Pädagoge auszunutzen – das lass ich mir doch nicht gefallen! Aus diesem Hin und Her formte sich eine Strategie mit dem Schwerpunkt, die gefürchteten Augenblicke möglichst schon im Ansatz mit Macht zu unterdrücken oder konfliktträchtigen Auseinandersetzungen dieser Art aus dem Wege zu gehen. Diese Strategie funktionierte nach kurzer Zeit nicht mehr, weil die auf mich einstürmenden Erlebnisse zu massiv und zahlreich waren. Andere Umgangsalternativen standen mir nur sehr spärlich zur Verfügung. Hier irgendwo lag der Kern dafür, dass mich die Ereignisse so verwirrten und hier musste klarer werden, warum das so war. Direkt und offen auf mich persönlich gerichtete Aggression war ich in diesem Ausmaß nicht gewohnt. Im Zusammensein mit den Menschen meiner privaten Umgebung wurde sie fast gänzlich ausgespart, zumindest in spontanen Äußerungen. Kam sie zum Vorschein, entstanden peinliche Ratlosigkeit und das Bemühen, unmittelbar integrierend die Spannung abzubauen: „So schlimm ist das doch auch wieder nicht!“. Es wurde von mir meistens mehr als persönliche Ablehnung interpretiert, jedenfalls nicht als gängiges Verhalten betrachtet. Insgesamt hatte mir meine Erziehung vermittelt, dass aggressives Verhalten kein erfolgversprechender Weg sei. Wollte ich etwas erreichen, fehlte mir dabei Hilfe und Zuwendung oder fühlte ich mich gekränkt, begegneten die Erwachsenen meinem wütigen Verhalten mehr mit Nichtachtung als mit Aufmerksamkeit, mehr mit zusätzlicher Bestrafung 93

als mit großzügiger Einwilligung. In der Grundschulzeit war es noch das Weinen oder bloßes Verstummen, mit dem ich Enttäuschungen zum Ausdruck brachte. Spätestens auf dem Gymnasium wurden beide Gefühlsäußerungen jedoch als kindisch verlacht, mit dem Hinweis abgetan, aus dem Alter wäre ich ja nun raus. Dafür lernte ich immer mehr Verhaltensweisen, um in angepasster Form mit meinen Empfindungen umzugehen. Je mehr ich in die Welt der Erwachsenen hineinwuchs, desto mehr verlernte ich, überhaupt meine Gefühle ernstzunehmen, geschweige denn, sie unmittelbar auszuleben. Mir Erregung anmerken zu lassen, wütend zu werden, Enttäuschungen sichtbar zu machen, mal eine Scheibe einzuschmeißen oder jemanden lauthals zu beschimpfen, wurde verwoben mit dem Etikett, eine unverzeihliche Schwäche zu zeigen, mir einen Ausrutscher auf dem "ErwachsenenParkett" zu erlauben. Und einfach aus Angst vor nicht kalkulierbaren Reaktionen meiner Umgebung lernte ich viel zu reden, mich mit vielen Sachen zufrieden zu geben, Kompromisse einzugehen, vielleicht nicht mehr so dringende Wünsche zu haben und mir einzureden, es lohne sich ja doch nicht, sich darüber aufzuregen, bringt ja nichts ein.

Diese sorgsam von mir umschifften Konfliktklippen tauchten auf einmal brenzlig nahe wieder auf. Tag für Tag berührten mich die Ereignisse an einer empfindlichen Stelle, die in mir säuberlich verpackt waren, eigene Aggressionen, die mir eigentlich nicht mehr gefährlich sein sollten; nicht mehr unkontrolliert mein Handeln bestimmen sollten. In der Zeit als Heimerzieher gab mir die Macht des Amtes genügend Instrumente, diese Aktivitäten bei den Jugendlichen oberflächlich zu sanktionieren und mir damit auch vom Leibe zu halten. Die Ausbildung kippte noch etwas „Sozialarbeiter – Klient“ - Distanz dazu oder auch Helfer – Hilfebedürftiger – Ideologie, Wissender – Unwissender - Verhältnis: Ich hatte gelernt, das Problem bei meinem gegenüber zu suchen und nicht bei mir.

Mit jeder Fuhre zerstörter Einrichtungsgegenstände zum Müll, begrub ich auch anfangs einen Teil meiner Hoffnungen, die von meinem Bild einer gut gelaunten, allen förderlichen Gemeinschaft ausgefüllt waren. Ich konnte mich nicht rausziehen durch die Feststellung 'ist ja nicht mein Zuhause, nicht mein Geld, von dem die neuen Möbel wiederbeschafft werden, nicht mein Gemeinschaftsraum, in dem ich zu leben habe'.

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Jedes Mal bekamen die Zweifel neue Nahrung, ob die JWG wirklich länger Bestand habe würde, als die prophezeiten sechs Wochen. Untrennbar damit waren bei mir die Befürchtungen geknüpft, die Aufgabe in der WG nicht zu erfüllen; die Vorahnung vom Scheitern des gesamten Vorhabens bestimmte zeitweilig mein Gefühl. Mit jedem zertrümmerten Tisch oder Stuhl gingen noch andere Vorstellungen kaputt. Ich hatte gelernt, die Tür zum Auf- und Zumachen, den Tisch zum Essen, den Stuhl zum Sitzen zu benutzen. Außerdem war ich darauf bedacht, materielle Werte möglichst lange zu erhalten und sie angemessen schonend zu behandeln. Das vollkommene Gegenteil wurde mir täglich demonstriert: Der Stuhl als Wurfgeschoß, der Tisch als Übungsplatte zum Messerwerfen, die Tür als lästiges Hindernis. Diesem enormen Verschleiß und der von mir vermuteten Einstellung der Jugendlichen: „Ist mir doch scheißegal, was mit den Sachen passiert“, stand ich verständnislos gegenüber. Dazu trat der unangenehme Druck, dieses Verhalten der Bewohner gegenüber Außenstehenden rechtfertigen und erklären zu müssen. Wie sollte ich einem Mitglied des Trägervereins verklickern, dass sein Geschenk für die Einrichtung in Form einer schicken Wanduhr nur drei Stunden funktionierte, dies zwar sehr traurig sei, aber ansonsten eine wie auch immer geartete Folgerichtigkeit hatte? Welchen Eindruck nahmen wohl die beiden Vertreter der Jugendverwaltung bei ihrem ersten Besuch bei uns mit, nachdem sie beim Eintreffen ausgerechnet in die Schusslinie einer Schlägerei gerieten und mehr hin- und hergestoßen als freiwillig die WG betraten...? Oder wie sollte ich den Erziehern aus dem Heim verdeutlichen, dass die WG für ihre ehemaligen Zöglinge eine gute Chance sei, wenn wir während dieses Gespräches auf der Erde des Gemeinschaftsraumes kauern mussten, da die Stühle gerade ausgegangen waren...? Das Urteil der Unfähigkeit und zwar über Bewohner und Berater folgte manchmal auf dem Fuße.

Zwei Versuche, mit meinen Gefühlen umzugehen, waren als trickreiche Auswege immer griffbereit. Eine Versuchung bestand darin, durch mehr Wissen über die Hintergründe von diesen und jenen Reaktionen der Betroffenen ein Verständnis wachsen zu lassen, das mich scheinbar befähigte, Angriffe und Kränkungen gegenüber meiner Person wegzustecken. Etwa so: „Ist doch nicht so schlimm“ - „Man muss doch die Vergangenheit der Menschen sehen“ - „Es gibt 95

doch die und die Gründe für das Verhalten, ist doch ganz verständlich“ - „Er kann einfach nicht anders“ - "eben 'entwicklungsbedingt'". Damit war ich vorerst aus dem Schneider und vermittelte mir selber den Eindruck, über den Dingen zu stehen, die Betroffenheit in mir abzumildern und dann anschließend zu verhaltenstechnischen und sozialarbeiterisch-methodischen Fragen überzugehen. Meine Angst und Enttäuschung waren damit nicht aus der Welt, sie waren höchstens nicht mehr so präsent. Irgendwo im Unbewusstsein zwischengelagert, suchten sich meine Spannungen Ventile in scheinbar zufälligen Momenten und es boten sich häufig Gelegenheiten, sie sogar mit dem Prädikat 'pädagogisch notwendig' auszuleben. Damit schließt sich dann die zweite Versuchung nahtlos an: Die Gefahrenabwendung und Bewältigung von Empfindungen durch erzieherischen Aktionismus gegenüber den betroffenen Kindern und Jugendlichen.

Ein Beispiel dazu: Mit Hans zusammen hatte ich in mühsamer Kleinarbeit den Flur der Wohnung wieder begehbar gemacht. Eine Stunde später war der Urzustand wieder hergestellt, versehen mit sichtbaren Zeichen gezielter Zerstörung (umgekippte Schränke, vom Putz befreite Mauerstellen, usw.). Was in mir vorging habe ich gerade beschrieben. Was draußen rauskam, blieb mehr oder weniger, die Veranstalter des Chaos zu beschimpfen, ihnen Versagen, schwachsinniges Verhalten, Unfähigkeit und weiß-der-Henker noch alles vorzuwerfen und das Ganze mit einer Strafe oder Strafandrohung zu krönen. Kein Satz über mich, meine Verunsicherung, meinen Ärger. Lediglich der Nachweis über die Unfähigkeit der Betroffenen. Dies stellte sich oft als verführerisch direkter Weg dar, die Aggressionen der 'pädagogisch Handelnden' auf erzieherisch begründbare und legitimierte Art und Weise voll zu Lasten der Jugendlichen auszutragen. In diesem Zusammenhang bekommt Bestrafung eine zentrale Bedeutung (wo es sich schon fast lohnt, einen zweiten Bericht drüber zu schreiben!). Das Verhalten der Jugendlichen, das in mir Konflikte und Verunsicherung auslöst, mit Strafen zu unterbinden, ist der gängige Mechanismus. Es wird nach außen allerdings als notwendige 'Verhaltensregulierung' für die betroffenen Kinder verkauft . Strafmaßnahmen als Ablass von „Gegenaggressionen“. Dem sind junge Menschen häufig ziemlich schutzlos ausgeliefert und in der Jugendarbeit haben sich eine Menge entsprechender Instrumente entwickelt: Das Hausverbot im Freizeitheim, der 96

Tadel, Verweis und „Vor-der-Tür-stehn“ z.B. in der Schule, Kriminalisierung mit dem Ergebnis Jugendstrafen und Arreste, der Rausschmiss oder die Androhung aus Familien, Heimen, Pflegefamilien und Jugendwohngemeinschaften ausgeschlossen zu werden, die geschlossene Unterbringung oder heilpädagogische bzw. jugendpsychiatrische Spezialbehandlung. Dieses tradierte Prinzip hat sich so tief eingefressen, dass wir diesem Automatismus nur sehr unvollkommen entgegensteuern konnten, trotz der Versuche, möglichst viele der bewussten und unbewussten Vorgänge in den Griff zu bekommen. Bei der Reflexion darüber hat uns eine Sache geholfen: Die Trennung zwischen den beobachtbaren und interpretierten Problemen im Verhalten der Jugendlichen auf der einen Seite und andererseits die unmittelbaren Auswirkungen auf mich, meine eigenen unbewältigten Konfliktbereiche, die dadurch reaktiviert werden und mich selber viel mehr in meinen Reaktionen bestimmen. Obwohl die Trennung nur sehr bruchstückhaft von uns eingehalten werden konnte, stellte sie die Grundlage dar, in ziemlich komplexen Gefühlsbereichen menschliche und konstruktive Verhaltensmöglichkeiten zu erlernen.

Und nur, wenn ich lerne, mit meiner Aggressivität umzugehen, kann ich mit den Jugendlichen für sie sinnvolle Möglichkeiten entwickeln.

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Der mühsame Weg der Veränderung

Wenn wir hier über erlebte Umgangsmöglichkeiten mit Aggressivität schreiben, muss eines dabei unmissverständlichen sein: Die wesentlichen Ursachen liegen in den gesellschaftlichen Lebensbedingungen, denen wir ausgesetzt sind. Unterdrückung, Entmutigung und Isolierung sind zu Bausteinen in den Erfahrungen der Jugendlichen geworden. Brutalität, Gewalt, und Zwang in verschiedenen Erscheinungsweisen gehören wie selbstverständlich zum Alltag; wir nehmen sie oft schon als „ natürlich“ wahr. Diese Vorbedingungen begrenzen den Erfolg von sogenannten 'pädagogischen Maßnahmen' und stellen sie in Frage. Es wird zur Anmaßung zu glauben, im Rahmen einer Jugendwohngemeinschaft gerade das Problem destruktiven Verhaltens auch nur im Entferntesten angemessen lösen zu können. Das hieße nämlich, gesellschaftlich und politisch bedingte Konflikte in psychologisierender Weise bei den am meisten davon Betroffenen regulieren zu wollen. Es bestand bei uns oft die Gefahr, diese Zusammenhänge, und damit die tatsächlichen Ursachen, aus den Augen zu verlieren. Auf der anderen Seite wird dadurch die Notwendigkeit begründet, nicht nur in seinem kleinen überschaubaren Arbeitsbereich sozialarbeiterisch oder sonst wie aktiv zu werden, sondern gerade auch dort einzugreifen, wo die eigentlichen Quellen für solche Konflikte liegen. Eine zweite Erkenntnis hat unsere Einstellung stark geprägt. Bisher hatten wir Aggression meistens als unkontrollierte Destruktion beschrieben. Dies ist aber nur ein Teil. Der andere Teil ist die Fähigkeit des bewussten und kontrollierten Umgangs mit aggressiven Impulsen, die sich gegen Zustände richtet, die eine individuelle menschliche Entwicklung, die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit verhindern. Sie ist also, besonders für diese Jugendlichen, überlebensnotwendig. Auch deshalb wurde es nicht zu unserem Ziel, Aggressivität grundsätzlich auszuschalten oder zu hemmen. Vielmehr wurde klar, dass jede Entwicklung von Gemeinsamkeiten in der Gruppe, jede solidarische Interessenvertretung und das Erleben eines Zusammengehörigkeitsgefühls unweigerlich nur über eine sinnvolle Steuerung dieser massiven Impulse erlebbar machen zu war. Vorrang in der WG-Zeit hatte das Erlernen möglicher Formen einer gemeinsamen Kommunikation, eines gemeinsamen Lebens; nicht machtvolle politische Aktionen, die sich auf die Behebung von Ursachen richten. So rückten die positiven Aspekte der spannungsgeladenen Momente für uns überhaupt erst 98

mal ins Blickfeld. Das zeitweilig extrem zerstörerische Verhalten der Jugendlichen war eine Form des Inbesitznehmens ihrer Wohnung am Vorarlberger Damm. Sah es zwar so aus, als ob die Räumlichkeiten möglichst unbrauchbar gemacht werden sollten, hatte es jedoch langfristig auch die Wirkung, das Gefühl zu stärken: Hier bin ich zu Hause, ich kann mich so benehmen, wie ich will, ich kann auch meine Wut ausleben ohne Angst vor unmittelbarer Strafe! Und es wurde ihr Zuhause, wenn noch so zertrümmert, auch wenn ich es schon lange nicht mehr hätte ertragen können. Gleichzeitig war es der Versuch, auszutesten wie viel Bewegungsraum denn wirklich für die Bewohner vorhanden ist, wo Grenzen und von wem Grenzen gesteckt werden und wo es für sie gefährlich wird. Ihre verblüffende Offenheit, Gefühle so ungeschminkt und radikal auszuleben, hatte ich bei kaum anderen Menschen so erlebt. In krasser Form gaben sie mir dadurch auch eine Art Vertrauen, denn sie lebten offen ihr Leben vor mir. Häufig wurde ich gleichzeitig getestet: 'Was hältst du denn aus, du unser Berater, was machst du damit?' Wir haben mutwillige Zerstörung und körperliche Gewalt innerhalb der WG stets abgelehnt und die Jugendlichen über unsere Auffassung keinen Moment lang im Zweifel gelassen. Das hört sich vielleicht mächtig an, ist es aber nicht. Zum einen war es für mich wichtig, den Betroffenen meine ehrliche Haltung zu vermitteln, damit ich für sie einschätzbar wurde und meine Meinung nicht ein schwammiges Etwas blieb. So klar die Fronten bei Auseinandersetzungen dadurch verteilt waren, so unbequemer wurden sie. Wir zwangen uns, ständig an diesem Punkt dranzubleiben. Diese Auseinandersetzungen wurden oft lautstark, hatten aber letztlich zur Folge, alternative Handlungsschritte entstehen zu lassen.

Es gab verschiedene Bereiche, in denen wir dem Ausleben der Gefühle eindeutige Grenzen setzten. Nicht selten drohten die Konsequenzen, für die Jugendlichen unüberschaubar zu werden, z.B. beim Versuch mit leeren Flaschen vorbeifahrende Autos abzuschießen. Bei der Gefährdung anderer Menschen war das einfühlsame Reagieren zu Ende. Es konnte ihnen zugemutet werden, in bestimmten Situationen Grenzziehungen unsererseits zu ertragen, z.T hatten sie es schon gelernt zu akzeptieren. Z.B. beim Bauen eines Holzregales verhinderten wir, dass Matthias und Peter auch die nähere Umgebung (Wände, Türen, Fenster, …) mit Hämmern bearbeiteten, so dass ein gezieltes und sinnvolles Handwerken unmöglich wurde. Diese Eingriffe mussten der Fähigkeit des jeweiligen Jugendlichen angepasst sein, sie zu verarbeiten und nicht als Angriff auf seine Person verstehen. Auf Letzteres reagierten sie mit 99

totalem Wegflippen und Ausweichen, wodurch jede Form der Bewältigung ausgeschlossen wurde. Dies passierte nicht nur bei erlebten Einschränkungen, sondern an unterschiedlichen Stellen im Alltag: Beim Umbau seines Zimmers widerfuhren Michael mehrere kleine Missgeschicke. Es klappte alles nicht so, wie er sich es vorgestellt hatte. In seinem Ärger darüber steigerte er sich in einen Erregungszustand, der sein Wesen änderte und jegliche Ansprechbarkeit zunichte machte. Er verlor die Kontrolle über sich selber und unbeeinflussbar wurde kurzerhand aus seinem Raum so ziemlich Kleinholz. Wenn wir solch eine Entwicklung spürten, griffen wir auch vorher ein. Ich weiß nicht, ob es Glück oder Absicht war, dass diese Ausbrüche oft in unserem Beisein abliefen, fast erschien es mir wie eine Aufforderung, da beschützend einzugreifen. Jedenfalls galt es, in den genannten Fällen möglichst frühzeitig und vor allem angemessen zu reagieren. Je länger wir mit den Jugendlichen quasi zusammen lebten, desto individueller konnten wir den Grad der Gefährdung beurteilen und persönlicher auf jeden eingehen. Damit meine ich auch, unterscheiden zu lernen zwischen der Realität der Bewohner und meiner eigenen, denn Vieles wirkte auf mich gespenstischer als auf die Jugendlichen. Meine Angst alleine hatte mich oft herausgefordert, massiv einzugreifen, mehr um mich zu schützen und nicht weil es aus der Situation her erforderlich gewesen wäre. Tagebuch: Jürgen steht im Gemeinschaftsraum am Fenster und telefoniert. Er schlenkert dabei mit seinem Fuß und stößt, offensichtlich gedankenlos, gegen die Heizkörperverkleidung, die Hans, Arthur und ich vor zwei Tagen montiert hatten. Dabei löst sich eine Platte aus der Verankerung und Jürgen geht nun daran, langsam Stückchen für Stückchen davon abzubrechen, soweit er mit seiner freien Hand beim Telefonieren drankommt. Ich sehe das, gehe zu ihm, lege sein Hand aufs Fensterbrett und zeige ihm einen Vogel. Er sieht mich erstaunt an, dann auf die Verkleidung, dreht sich von mir weg und telefoniert weiter. Nachdem er aufgehört hat zu telefonieren, gehe ich zu ihm und mache ihm begreiflich, dass es mich unheimlich ärgert, mein schönes Werk in Stücke gehen zu sehen. Ich fordere ihn auf das Ding mit mir gemeinsam zu reparieren.

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Dieses recht unscheinbar wirkende Beispiel aus dem Tagebuch hat eine Menge Sprengstoff in sich: Meine Geste, um ihn von einer weiteren Zerstörung abzuhalten, erschien angemessen und reichte aus. Wäre es nach meinem Gefühl gegangen, hätte ich sofort mein zorniges Gefühl ehrlich ihm gegenüber gezeigt, wäre bei Jürgen genauso ehrlich folgende Kettenreaktion in Bewegung gekommen: Ich, Erwachsener, scheiße ihn zusammen für eine Sache, die mir nicht passt, mich ärgert. Jürgen ist es gewohnt als Mensch nur und ausschließlich über sein Verhalten beurteilt zu werden. Meine Kritik trifft nicht nur ein Verhalten von ihm, sondern ihn als Person, der wieder einmal, wie schon so oft, Mist gebaut hat. Auf einmal geht es nicht mehr um meinen Ärger, sondern ausschließlich um die Abwehr meines persönlichen Angriffs auf ihn. Jürgen verteidigt sich mit Händen und Füßen, denn er will nicht wieder als Doofer dastehen, bis er völlig überzeugt vertritt, er habe die Heizkörperverkleidung überhaupt nicht berührt, ich solle ihm das mal nachweisen und außerdem wäre das alles nur ein Trick von mir, ihn anzumachen und ich würde ihn ja sowieso immer für alles verantwortlich machen. Ich bleibe offen und ehrlich, fühle mich verschaukelt, zeige ihm das und bestehe darauf, dass er den Schaden sofort repariert. Jürgen erklärt mich für verrückt, er weiß gar nicht, was ich von ihm will, er hätte schließlich nur in Ruhe hier telefoniert, aber ich müsse ja überall meine Nase reinstecken und er hätte schon gemerkt, dass ich ihn von Anfang an nicht leiden konnte. Dann tritt er ein paar Mal kräftig gegen den Rest der Verkleidung, die danach keine mehr ist, geht wutschnaubend raus und ruft zurück nun hätte ich doch wenigstens wirklich einen Grund mich aufzuregen!!

So standen wir oft vor einem Dilemma. Reagieren wir so, wie wir es gerade empfinden, setzten wir zu 95% die beschriebene Kette in Gang. Die Ursache des Gesprächs spielte nach drei Sätzen überhaupt keine Rolle mehr und damit die Auseinandersetzung mit meinen Empfindungen. Mein Gegenüber spürt eine persönliche Erniedrigung auf sich zukommen und sieht in mir den ärgsten Feind, den es gibt. Als Schlusspunkt lege ich den Grundstein und Anreiz für die nächste Aggression von Jürgen, denn so wie ich mit ihm umgegangen bin, kann man ja nun wirklich wütend werden!

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Verhalte ich mich dagegen 'pädagogisch sinnvoll', lasse ich mich ein Stück raus, bin ich nicht direkt offen und kontrolliere mein Verhalten, weil ich z.B. meinen Ärger nur dosiert und an ausgesuchter Stelle rauslasse. Dadurch ermögliche ich zwar erst überhaupt eine adäquate Umgangsform, die nur auf meine Betroffenheit reduziert sein darf, ohne den geringsten Hauch eines Vorwurfes, bin aber Sozialarbeiter und nicht ich: Grenzen der Menschlichkeit?

Wie beschrieben, ging es darum, erst mal das sich entwickelnde Chaos in Grenzen halten, damit die Folgen nicht noch zusätzlich katastrophal stimulierend wirkten. Weiterhin mussten wir im alltäglichen Umgang irgendwie hundert Mal am Tag reagieren können, ohne dadurch ständig neue Anreize für Aggressionen zu bieten. Manchmal reichten dafür relativ unscheinbare Mittel aus: Beim gemeinsamen Abendessen, wo alles munter darauflosmampft, beginnt Peter rhythmisch mit der Gabel auf seinen Teller zu schlagen, mit anwachsender Lautstärke und Heftigkeit. Die in der Luft liegende und mehrmals erlebte Porzellanschlacht konnte z.B. dadurch verhindert werden, indem ich zu Peter direkten Blickkontakt aufnahm, verbunden mit einer eindeutig missbilligenden Geste. Drohende Ausflippreaktionen, die sich blitzschnell auf die ganze Gruppe hätten übertragen können und sich grenzenlos steigern konnten, konnten für den Augenblick vermieden werden. In dieser Art gab es eine Menge Zeichen, bestimmte Handbewegungen, Worte, Körperhaltung, körperliche Nähe oder Berühren, die ausreichend waren, die Unruhe bei dem Betroffenen in Grenzen zu halten. Was ich hier als gezieltes Verhalten beschriebe, war meistens nicht in diesem Sinne planvoll entstanden. Viele Menschen die ich mag, fasse ich z.B. gerne auch an, will ich kritisieren und loben oder auch aussprechen, was mir an dem anderen auffällt. Mein 'normales' Verhalten bekam an vielen Stellen nun eine erweiterte Bedeutung im gemeinsamen Leben in der WG.

Tagebuch: Hans kommt in die JWG und findet mich im Gemeinschaftsraum, wo ich gerade mit einem Freund rede. Er nimmt die Haltung eines Boxers an und beginnt mit der 1. Runde direkt vor meiner Nase: „Jetzt haue ich dich k.o.!“ Halb im Spaß, mit zunehmenden Ernst, landen die ersten Treffer auf Oberarm, Rippen und Bauch. Mit Fußtritten gegen meinen Stuhl versucht er mich vom Hocker zu kippen und beginnt mit verschiedenen Gegenständen nach mir zu werfen. Mir reicht's schließlich, ich gehe auf ihn zu, ohne auf seine Verstellung einzugehen: „O.k. Hans, du machst jetzt hier einen Aufstand, nur damit ich Zeit für dich habe, also, was willst Du?“ Hans hält inne 102

und sieht mich verdutzt an, murmelt etwas von ' immer das dämliche Gequatsche...', dreht sich ab und sagt beim Weggehen: „Ich will dich nachher sprechen, komm in mein Zimmer.“

Die offene Äußerung meiner Vermutung, was er mit seinem Auftritt bezwecken wollte, nahm dem ganzen Ablauf die Spitze. Ein weiterer Aspekt war das bewusste Ignorieren des aggressiven 'Beiwerks'. Das gelang immer dann, wenn die eigentliche Absicht erkennbar war, und ich direkt darauf zusteuern konnte. So verlor der Reiz an Wirkung, eine Show, wie oben beschrieben, abzuziehen. Und so lernten wir bewusst eine Vielzahl von Verhaltensalternativen, die für unseren täglichen, manchmal stündlichen Umgang mit aggressiven Impulsen unumgänglich waren. Auf der anderen Seite und eigentlich noch häufiger, erlebten wir oft hinterher, wie unser unmittelbares gefühlsmäßiges Reagieren Geschehen beeinflussen konnte, ohne geplante Absicht.

Grundsätzliche Veränderungen ergaben sich auch aus der Atmosphäre in der WG. Erstaunlicherweise trugen der Bewegungs- und Wandlungsfreiraum jedes Einzelnen, die persönliche Ausstattung der Räume, z.T. der Gruppenzusammenhang, die Kontinuität in der Beratung, die Entscheidungsfreiheit zwischen Gruppenleben und Individualität, das Vorhandensein einer größeren Gruppe von Erwachsenen (die Gruppe des Trägers) als Sicherheit im Hintergrund und noch andere Faktoren dazu bei, der Wut und dem Hass zu begegnen. Dies müssten wir sehr detailliert beschreiben, damit es überhaupt verständlich wird. Jedenfalls haben wir gemerkt, wie ein auf die Betroffenen zugeschnittenes Klima (und das in sehr umfassenden Sinne) konstruktives Miteinanderleben unterstützte. Diese Rahmenbedingungen hatten den gleichen Stellenwert bei den angestrebten Veränderungen, wie gezieltes und geplantes Eingreifen im Alltag, sie sind quasi Bestandteil der Verhaltensänderung selber geworden. Bei vielen Gelegenheiten, in denen Aggressivität ausgelebt wurde, ergab sich daraus zwangsläufig die Konfrontation mit den unmittelbaren Folgen. Zum einen machte es der begrenzte Rahmen der JWG möglich, extreme Verhaltensabläufe in allen Einzelheiten in den 103

Vordergrund rücken zu lassen, original und 'urwüchsig'. Zum anderen war die WG kein absoluter Schonraum, denn die anderen Bewohner, Gäste, wir Berater, Nachbarn, Polizei, Behörden, usw. nötigten die Jugendlichen, sich mit den realen Konsequenzen ihres Tuns zu beschäftigen und unausweichlich konkrete Schritte zur Bewältigung anzugehen. Die heißgeliebten Ablenkungsmanöver, Verdränger, das Leugnen oder Wegschieben der Probleme hatten nur selten eine Chance. Tagebuch: Der erste Schnee ist gefallen. Alle sind in guter Stimmung. Matthias, Jürgen und Peter machen sich sofort dran, eine Schneeballschlacht vor unserer Wohnung in Gang zu setzen. Nachdem sie sich selber genügend eingeseift haben, werden neue Ziele gesucht und in Kunden gefunden, die ihre Einkäufe in den umliegenden Geschäften tätigen. Nach einigen Treffern, die mit spöttischen Sprüchen begleitet werden, greifen Ladenbesitzer und Käufer zur Gegenwehr, indem sie die drei unter wütenden Beschimpfungen vertreiben. Sie flüchten zurück in die Wohnung, wo 10 Minuten später die Polizei eintrifft und wegen Körperverletzung ermittelt. Danach haben sie sich den heftigen Vorwürfen von Hans und Arthur auszusetzen, die den ohnehin nicht glänzenden Ruf der WG noch weiter gefährdet sehen und keine Bullen in der Wohnung haben wollen. Sie stimmen für den sofortigen Rausschmiss von Matthias, Jürgen und Peter!

Soweit wir dabei waren, war es eine Aufgabe, die Konsequenzen auf eine verdaubares Maß zu reduzieren und viel entscheidender, mit den Bewohnern Wege zu finden, die unausweichlichen Folgen ihres Verhaltens zu überstehen, ohne abzuhauen, den Kopf in den Sand zu stecken oder vor Angst noch mehr Mist zu bauen, mit natürlich noch gewaltigeren Folgen. Das schloss eine erneute Beschäftigung mit dem eigentlichen Vorgang und den möglichen Ursachen ein, wie auch das Prinzip: Wenn schon einer Scheiße baut, dann muss er lernen damit fertig zu werden. Anlass, konkreter Ablauf und Ergebnis, diese drei Teile erlebten wir zum Teil in ganz eingrenzbaren Vorgängen mit und fanden so leichter den Zugang, uns mit den Jugendlichen Stück für Stück an die Ursachen heranzutasten. Vorausgesetzt, sie wollten das, und unsere Kräfte reichten aus. Im Gegensatz dazu hatte das Sammelsurium fertiger Endeindrücke, bei Ereignissen, deren Gang wir nicht beobachten konnten, uns eher überwältigt und zu Detektiven gemacht, die nun die Indizien haarklein rekonstruieren mussten.

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Im Kopf hatten wir manchmal die Idee, zeitweilig bei den Jugendlichen mit einzuziehen, um besser verstehen zu lernen. Besonders die zeitintensive Anfangsphase kam dann fast einem Einzug gleich, anders hätten wir vieles wohl nicht kapiert oder jedenfalls in einer anderen Wirklichkeit geklebt: Tagebuch: Arthur sitzt konzentriert in seinem Zimmer mit 'nem blauen Auge und umgekipptem Couchtisch: Michael hätte ihm grundlos ein paar geknallt. Matthias und Klaus kommen, kümmern sich um ihn. Ich gehe zu Michael, der unruhig in seinem Zimmer hin und her tigert. Er sieht mich trotzig an, ich soll ihn bloß in Ruhe lassen! Ich mache deutlich, dass es wichtig für mich ist, zu wissen, was ihn so aufwühlt. Nicht ganz wörtliche Antwort: '… Alles Mist, ich hab' solche Wut bekommen, das hat mich alles so wahnsinnig aufgeregt, … der Chef auf der Arbeit, sowieso nicht schaffen und dann noch der blöde Spruch von Arthur, ... dann passierte es einfach. Ich wollte ihm keine hauen, plötzlich war es schon vorbei, kannste nichts gegen machen, läuft automatisch, … ach, das begreifst du ja doch nicht, nu' hau schon ab...'

Etwas in sich selbst zu haben, was sie nicht beeinflussen können, was urplötzlich das Kommando übernimmt und ungewollt brenzlige Situationen provoziert, war für sie genauso wie für mich unheimlich. Michael erzählte mir dies alles mit dem Unterton 'hat alles keinen Sinn, glaubt mir ja doch kein Schwein und nun bestrafe mich schon, her mit dem Knüppel'. Was in ihm bei diesen Anlässen vorging, schien in der Vergangenheit immer unter den todsicher eingesetzten Strafen und Sanktionen verschütt gegangen zu sein. Jede Spur von Vorwurf, Drohung oder missbilligender Haltung in meiner Stimme, die daran erinnerte, und jede Wette, Michael hätte die gewohnte Platte aufgelegt: „Wenn der mich anmacht, kriegt er paar auf's Maul, klare Angelegenheit!“ Ende – Aus. Ich hoffte, es ist durch das Beispiel etwas verständlicher geworden, wie groß die Bedeutung des Einfühlens und Nachempfindens war, im Gegensatz zum bloßen Beurteilen des Endresultats. In diesem Fall schloss sich ein ausführliches Gespräch über Arbeit, Ungerechtigkeit, Möglichkeiten der Veränderung, Wut ablassen, usw. an, das später zusammen mit Arthur fortgesetzt wurde, dem Michael dann seine Reaktion nochmal erklären konnte. Mir fällt dazu gerade noch ein: Es ist nicht nur wichtig, sich um das offensichtliche Opfer einer solchen Szene zu kümmern, sondern zwingend, mit dem scheinbaren 'Übeltäter', in 105

diesem Fall Michael, gleichfalls Gelegenheit und Platz zu geben, mit seinem Durcheinandersein und seiner Betroffenheit etwas anzufangen. Eigentlich wurde es dadurch erst möglich, Alternativen zu finden, um zu verhindern, dass sie ihren Frust z.B. auf Arbeitsstellen sich gegenseitig um die Ohren fetzten.

Diese Alternativen mussten erst mal vorgelebt und ausprobiert werden. Sie sahen ganz individuell verschieden aus. Nicht nur Michael, auch Hans und Jürgen erlebten unkontrollierte Ausbrüche von Wut und Hass. Zunächst mal mussten die Zusammenhänge zwischen bestimmten Auslöse-Erlebnissen und dem entsprechenden wunden Punkt in ihnen gefunden und begreiflich gemacht werden, damit dies keine unerklärten „Zufälle“ blieben. Eine weitere Voraussetzung ist das Wahrnehmen der Anzeichen, die das Eintreten dieser extremen Impulsivität bei ihnen andeuteten. Das bot ihnen erst die Gelegenheit, anderen Menschen dies zu vermitteln und zwar so rechtzeitig, dass ein beschützendes Eingreifen aus der Umgebung mögliche war oder sich selber in diesem Moment einen Platz zu suchen, wo die eigene Gefährdung sowie die anderer reduziert wurde. Wut zu speichern war ja nicht ihr Problem, mehr, sie bei der richtigen Adresse abzuladen.

So ungefähr sah das Gerüst aus, was wir zur Bewältigung gemeinsam mit den Jugendlichen entworfen hatten.

Das blaue Auge von Arthur hätte also besser dem Chef von Michael gestanden, der mit seinen herabwürdigenden Äußerungen der Anlass für die ganz Sachen war. Leider bezahlten die Jugendlichen ihre spontanste und direkteste Reaktion sehr häufig mit dem Preis der Kriminalisierung und Verurteilung. Und die Gruppe der Gleichaltrigen, hier die Bewohner der WG, durfte sich nicht gegenseitig als Hauklotz benutzen. Die letzten Reste der Möglichkeit, sich gemeinschaftlich zur Wehr zu setzen, wären dann im allgemeinen Hick-Hack auf alle Fälle begraben worden. Und so versuchte jeder langsam mit sich klarzukommen: Jürgens tragende Gefühle, die Langeweile und Nutzlosigkeit, brachte er uns gegenüber in nie enden wollenden Provokationen zum Ausdruck, mit dem Ziel, irgendwie eine Form von Aufmerksamkeit zu ergattern. Von den anderen wurde er wegen seiner „Großen Klappe“ und 106

„Nichts dahinter“ abgelehnt, ausgeschlossen oder schlichtweg rausgeworfen: "Muttersöhnchen". Seine Stereo-Anlage, zeitweilig sein einziges Interesse, wurde für ihn wie eine Notbremse, ein Medium, in dem er seine Unruhe, wenn sie ihn zu übermächtigen drohte, unterbringen konnte. Über das gemeinsame Musikhören, Diskussionen über Texte und Technik, ergaben sich letztlich Gespräche, die um seine fehlende Perspektive und andere Hintergründe seiner Unzufriedenheit kreisten. Schrittweise planten wir erst Stunden, dann halbe Tage, dann Tage zusammen, um seine Energien in für ihn sinnvolle Aufgaben zu lenken und sie nicht dadurch zu verpulvern, daß er mich drei Stunden lang mit Papierkügelchen bewarf. Dies war zu Beginn täglich erforderlich, später bekam es bei ihm mehr Eigendynamik und er konnte z.B. mehr gemeinsam mit Peter unternehmen. Wir wurden weniger notwendig, denn er lernte langsam, seine Zeit mit den Menschen seiner Umgebung gestalterisch auszufüllen. Unsicherheit gegenüber der Wohnsituation und Angst vor dem Alleinsein trieben Peter zu permanenter Unrast und wirklich blinden aggressiven Aktionen. Dies war sein Weg, sich einer Beziehung zu vergewissern. Dieser Weg hatte natürlich bei den Bewohnern genau den gegenteiligen Erfolg, mit der Folge, dass er noch mehr ausrastete, usw.. Wir bestärkten ihn in den Ansätzen, gruppendienliche Dinge in Angriff zu nehmen. Peter schien nach ein paar Monaten ein Motor für WG-Aktionen zu werden, seien es Müllabtransporte, Kaffee-TrinkenNachmittage, Umräumaktivitäten, Spielabende, Abwaschorgien, usw.. Ich erkannte ihn dabei nicht wieder. Der Großteil seiner destruktiven Impulse wandelte sich in aufbauende. Einhellige Anerkennung und das Gruppenerlebnis selbst machten eine zeitlang einen etwas ruhigeren und zufriedeneren Menschen aus ihm. Im Sommer widmete er sich tagelang der Vorbereitung von Straßenfesten und der Koordination der Informations- und Verkaufstische unseres Trägervereins. Hans, aufgewachsen in einer Welt von Erwachsenen mit der Auffassung, er tauge nichts und sei etwas dümmlich, klinkte an Stellen aus, in denen er Gefahr lief, Anforderungen nicht standhalten zu können. Täglich in der Schule traf er wieder darauf, mit entsprechenden Reaktionen. Im ersten halben Jahr boten wir uns als Allzeit-Bereit-Partner an, denen er sofort seine Aufregung mitteilen konnte. Es wurde zur regelmäßigen Übung, die längerfristig mit den anderen Erwachsenen weitergeführt wurde. Dies wurde in dem Maß überflüssig, in dem ein neues Gefühl bei ihm zum Tragen kam: das Leben in der WG zu meistern und eigenständig handlungsfähig zu sein.

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Der mühsame Weg der Veränderung fand auch noch auf einer zweiten Ebene statt, die von der Gruppenatmosphäre und vom WG-Lebensrahmen bestimmt wurde. Diese beiden Komponenten waren Grundlage für eine vertrauensvolle Stimmung und gleichzeitig Verursacher gespannter Reizbarkeit. Eine Vorbedingung ist von fundamentaler Wichtigkeit: Die Wohnung war ihr Zuhause, darum musste nicht gekämpft werden, es mussten keine hohen Anforderungen erfüllt werden und es mussten nicht laufend Nachweise für die Berechtigung erbracht werden, würdig zu sein, einen Platz in der WG zu beanspruchen, um dort einfach leben zu können! Wurde das für diese Jugendlichen nicht spürbar, waren dauerhaft Verbesserungen ihres Lebensgefühls fast schon ausgeschlossen. Durch das Ausnutzen des relativ großen Handlungsraumes innerhalb der WG, der zunächst mal nicht unmittelbar durch Sanktionen bedroht war, lebten die Jugendlichen ihre Wut aus und obwohl es mehr so aussah, als ob sie alles kurz und klein schlagen würden, begann die WG an Wert für sie zu wachsen, gerade weil sie hier die Bewegungsfreiheit hatten. Die Wohnung stellte nicht nur einen momentanen Aufenthaltsort dar, sie wurde mehr und mehr ein Stück Geborgenheit, Rückzugspunkt, eine zentrale Stelle für ihr Leben. Eine Kette von Veränderungen ging daraus hervor. Neben dem Umgang mit Aggressionen gerieten wir hier an ihre Wurzeln. Die Gefahr der Isolierung, der Vereinsamung und der Vereinzelung, als wesentliche Quelle für destruktives Verhalten, konnte an dieser Stelle nachhaltig beeinflusst werden und das schlug sich direkt auf das Lebensgefühl der Bewohner nieder: Es wurde plötzlich wichtig, wie gemütlich die einzelnen Zimmer sind. Mit dem Gemeinschaftsraum, Möbeln und Hausrat wurde zweckdienlich umgegangen, weil er jetzt tatsächlich auch einen spürbaren Zweck bekam. Gemeinsame Absprachen und Beschlüsse wurden gefordert, das Eingehen und Zuhören untereinander bekam, in gewissen Grenzen, Beachtung, war nun nicht nur blödes Geschwafel. Die neue, ungewohnte, fremde Umgebung füllte sich mit ihrem Leben und sie nahmen es in die Hand. Diese wachsende Selbstvertrauen und die Zuversicht ließ sie Konflikte und Enttäuschungen innerhalb und außerhalb der JWG aufrechter bestehen. Angst- und Gefahrenabbau wurde auch durch überschaubare Abläufe im Alltag verstärkt. Die Möglichkeit der Orientierung an gewisse Regelmäßigkeiten, milderte die Unvorhersehbarkeit und reduzierte Befürchtungen und Beunruhigungen. Gleichzeitig war das eine Gratwanderung, denn Regelungen für die ganze Gruppe standen zeitweilig den betont 108

individuellen Wegen der Einzelnen entgegen. Trotzdem legten wir, Kristin und Wilfried, unsere Anwesenheit in der WG zeitlich verbindlich fest. Die wesentlichen WGBesprechungen, abgesehen von einigen Unterbrechungen, kamen einem Forum gleich, in das alles einmündete. Regelmäßige Gruppenunternehmungen fangen auf einmal wöchentlich statt. Bei extrem gespannter Atmosphäre stellten Spontanversammlungen aller, um einen Pott Tee und Kuchen, einen garantierten Ruhepunkt dar, an dem die Hintergründe klar und für jeden die nächsten Handlungsschritte gefunden wurden.

Dies passierte insbesondere bei Ausflippreaktionen und aggressiven Entladungen, die ja jeden in seiner Befindlichkeit nachdrücklich beeinträchtigten. Weiterhin hatte jeder Bewohner zu jeder Zeit Anspruch, mit uns Beratern alleine zu sprechen; Gespräche, bei denen kein anderer stören durfte. Dieses Recht wurde von allen ausdrücklich hervorgehoben und bekam einen nie erwarteten Stellenwert. Die Jugendlichen und wir bezogen diese Gesprächsmöglichkeit gezielt in die Lösung konfliktträchtiger Situationen sowie angstbesetzter Geschehnisse mit ein. Diese und viele ähnliche Formen der Bewältigung des Alltages haben die Bewohner z.T. bis heute tradiert, ihrer veränderten Lebenssituation angepasst, z.T. unabhängig von fremder Hilfe. 109

Ganz kurz noch eine dritte Ebene, auf der die Veränderungen sich mühsam entwickelten: Erlebten Enttäuschungen und Benachteiligungen musste der Schein des Schicksalhaften und Unveränderbaren genommen werden, indem Handlungsschritte gegen sichtbare Verursacher aufgezeigt wurden. Für die Wut, z.B durch wenig einfühlsame Lehrer erzeugt, durfte nicht die WG der Schrottplatz sein, auf dem alles wirkungslos abgeladen werden konnte. Mit Jürgen und Hans, beide Schüler, strebten wir Wege an, ihren Ärger unmittelbar an die „Erzeuger“ zu richten. Bei 'Erziehungsschwierigkeiten' waren wir Berater für die Schulpädagogen oft die einzigen ernst zu nehmenden Ansprechpartner. Wir führte die Gespräche aber ausschließlich im Beisein der Betroffenen (wodurch die Lehrer etwas gehemmt wirkten). So wurde erfahrbar, dass Kritik auch mal in die andere Richtung gehen kann und der Lehrer, bloß weil er als Erwachsener vorn in der Klasse steht, keine unantastbare Autorität ist. Die diffusen und ambivalenten Beziehungen zu ihren Eltern standen jeden Tag mit im Raum und überschatteten ihr Leben. Nach mehreren Besuchen bei der Mutter von Hans konnte er das Bild vom „kleinen dummen Jungen“ ihr gegenüber langsam aber nachdrücklich aus dem Weg räumen und sich zumindest mit einer Portion Selbstsicherheit darstellen, so wie er sich wirklich fühlte. Stück für Stück nahm die drückende Belastung aus der Vergangenheit spürbar ab. Peter und Michael ließen sich vom Chef einer Firma, der sie wegen Unfähigkeit vor die Tür gesetzt hat, nicht mehr so einfach abspeisen und demoralisieren. Sie begannen ihm gegenüber zu verdeutlichen, dass 12 Stunden Drecksarbeit für 5.80 DM/pro Stunde wohl nur von einem Sklaventreiber jeden Tag verlangt werden könne und sie auf diese Ausnutzung ihrer Kraft nicht angewiesen seien.

Sie begannen, sich auch gegen die Willkür der Vertreter des behördlichen Jugendamtes zu wehren. Den Rechtsanspruch auf Förderung, und darauf, wie normale Menschen behandelt zu werden, setzten sie gezielt ein, je mehr sie begriffen, nicht aus Gnade monatlich ihr Geld zu bekommen. Viele dieser kleinen Schritte waren der Anfang, nicht mehr bei jeder Auseinandersetzung durch blindwütiges Reagieren Kopf und Knast zu riskieren, sondern sich, gemeinsam mit ähnlich Betroffenen, gezielt zur Wehr zu setzen. 110

Anhängsel (trotzdem lesenswert)

Einige völlig unbeabsichtigte Folgen dieses Berichtes...

Nachdem wir eine Anzahl von Seiten dieses 'Werken' im ersten Entwurf vorliegen hatten, tauchte von Freunden und Kollegen immer häufiger die Frage auf: „Was sagen eigentlich die Jugendlichen dazu, dass ihr so einfach über sie schreibt?“ Klar, wir hatten ihnen über unser Vorhaben erzählt, aber für sie war die Verwirklichung ziemlich weit weg und sie konnten insgesamt damit offenbar wenig anfangen - wie gehabt: Erstmal kein Problem! Sie verglichen es etwa mit unserem Tagebuch, das Kristin und ich in der gesamten Zeit relativ regelmäßig führten. Zunächst betrachteten wir das Tagebuch (mit dem Titel „WIR“) als unsere ureigenste persönliche Schuttablade, doch nach wenigen Monaten stellten die Bewohner zunehmend vehement ihre Ansprüche, daraus etwas vorgelesen zu bekommen, denn schließlich ging ja auch um sie und das wollten sie gefälligst wissen. Ein Tauziehen begann: Auf der einen Seite unsere Befürchtungen von der Reaktion der Jugendlichen, wenn sie unsere ungefilterten Eintragungen zu hören bekommen und im „stillen Kämmerlein“ ganz anders denken. Es endete schließlich damit, dass sie uns Seite für Seite und Tag für Tag aus der Nase zogen, nach wenigen Wochen alles bekannt war und der Titel in „Unser Wir“ umgetauft wurde. Das Tagebuch diente fortan zeitweise als richtiges Vorlesebuch, ungefähr so: „Kristin, lies uns doch mal die Stelle mit der eingetretenen Tür vor, wo du so ausgerastet bist...“.

Trotzdem befürchtete ich nun, da dieser umfangreichere Bericht ja weit über einzelne Tagesbucheintragungen hinaus ging und für fremde Menschen bestimmt war, eine zumindest missmutige Ablehnung von Seiten der Jugendlichen – 'Was geht denn das andere Leute an?'. Als die ganze Gruppe mit Kristin von einer Reise wiederkam, auf der die ersten Seiten vorgelesen werden sollten, hagelte es tatsächlich Proteste. Als erster rief mich Hans an und fragte, was denn der Quatsch soll, ihn im Bericht ständig Hans zu nennen und nicht seinen richtigen Namen? Schließlich wäre er es doch gewesen, über den ich geschrieben hätte, 111

abgesehen davon, dass mir mit dem Namen Hans sowieso der blödeste von allen eingefallen wäre! Ansonsten berichtete er mir, sie hätten sich beim Lesen echt klasse amüsiert, wäre doch alles in allem wirklich 'ne saustarke Zeit gewesen und Kristin und ich hätten ja noch längst nicht alles gecheckt, was damals wirklich abgegangen wäre. Aber in einer 'Stillen Runde' würde er mir mal davon ein bisschen erzählen. Irgendwie wurden meine Bedenken auf den Kopf gestellt. Die Jugendlichen wollten nun plötzlich aus ihrer Sicht selber die „Wahre Geschichte der Jugendwohngemeinschaft Vorarlberger Damm“ schreiben. Arthur und Michael beklagten, nach ihrer Meinung nicht ausreichend im Bericht erwähnt worden zu sein. Und ein paar Textstellen, die sich missverständlich anhörten, sollten auf alle Fälle verändert werden - "was soll'n denn die Leute von uns denken...?". Daraus entwickelten sich äußerst wichtige Gespräche über die Vergangenheit. Wir begannen Interviews mit Einzelnen zu machen (eines davon ist hier vollständig im Anhang). Die Überschrift „UNSER WIR“ wurde vom Tagebuch auf den großen Bericht übernommen, usw.. Leider fehlte uns hier die Zeit und die Energie, diesen ganzen sich öffnenden Möglichkeiten intensiv genug nachzugehen, ohne unser bis dahin Geschriebenes zu den Akten legen zu müssen.

Geblieben sind einige überraschende Auswirkungen, die der Erlebnisbericht auf die Jugendlichen hatte. Alle waren einhellig begeistert, dass über sie geschrieben wird. Nicht in Form eines heimlichen Erziehungsberichtes oder psychologischen Gutachtens; vielmehr so, dass sie sich darin wiederfinden konnten. Ich glaube, sie waren auch überrascht, als einzelne Personen so wichtig genommen und hervorgehoben zu werden. Darum war es schnell klar: der Bericht ist „unser Buch“.

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Gerade weil sich die Bewohner oft dem Hier und Jetzt so schicksalhaft ausgeliefert fühlten, bekam noch eine andere Sache Gewicht: Eine individuelle Vergangenheit zu haben, kam als neue Dimension in das Blickfeld. Und zwar eine zeitliche begrenzte Vergangenheit, die plötzlich wie ein offenes Buch vor ihnen lag: Ein Abschnitt ihres Lebens, den sie mit geformt, in dem sie sich verändert hatten und der ihre eigene Erinnerung aktivierte – wie war ich damals, was mache ich heute? Jahrelang waren ihnen von Ämtern, Heimen, Eltern und Ärzten Verhaltensauffälligkeiten und eine natürliche Lebensunfähigkeit festgeschrieben worden - das Stigma „unveränderliches Heimkind“. Dies schien für einen Augenblick, vielleicht auch für länger, zu wanken. Der Nachweis ihrer Stärke spiegelt sich hier in Ansätzen, doch unübersehbar, wieder. Auch blieb ihnen die triumphierende Feststellung, aus uns erwachsenen Beratern, aus Kristin und Wilfried, doch noch ganz brauchbare Menschen gemacht zu haben, obwohl wir am Anfang, nach ihrer Meinung, so ziemlich Null-Durchblick hatten.

Wenn uns die Vergangenheit als bewusst erlebter Teil unser selbst gegenwärtig ist, wird die Zukunft ein Stück greifbarer.

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Arthur über sich. Interview im Frühjahr 1981

Also, ick bin genau 1,75 m groß und ziemlich kräftig gebaut, habe blonde Haare und blaue Augen und bin schon 20 Jahre alt. Man kann sagen, dass ich handwerklich geschickt bin, also immer was so zum Rumbauen haben muss... na ja, dann natürlich laute Musik, das is' klar, ick sag och mal Discogänger, dann wissen die Leute schon besser über mich Bescheid. In gewisser Weise bin ick ein unregelmäßiger Mensch, so zum Arbeiten jedenfalls. Hab' schon als Maler und Fensterputzer gearbeitet, ach, das mache ich schon gerne, natürlich will ick noch 'ne Lehre machen, wenn ich eine bekommen kann. Und da fehlt natürlich noch: tierlieb, also Tiere sind für mich ganz wichtig, das Größte, müssen sein. Und für's Buch noch: am Anfang hab' ich mit Hans in einem Zimmer am Vorarlberger Damm gewohnt, später hatte ich dann 2 dufte Zimmer für mich alleine.

Wo warst Du, bevor Du in die WG eingezogen bist? So 68 bin ich in die Wadzeck (Heilpädagogisches Heim) gekommen, vorher war ich schon in zwei anderen Heimen, weiß ick aber nich' mehr ganz so genau. Zwischendrin auch mal zu Hause beim Alten, hat er uns rausgeholt nach Hause mit meinen 2 Geschwistern, muss so zwischen 73 und 76 gewesen sein. Aber da ist mir nichts mehr in Erinnerung, das war alles so... hat mir jedenfalls gestunken, war nich' so wie 'ne richtige Familie, jedenfalls nich' so, wie sie sein soll und dann wieder zurück in'ne Wadzeck, bis zur WG. Ick war immer auf einer Schule in Kreuzberg, obwohl ich hätte woanders hin gekonnt, bin ich da in Kreuzberg geblieben. Da hab ich auch den Hauptschulabschluss gemacht, ja, sogar mit Erfolg, immerhin! Die Lehrerin hat aber och dabei ein Auge zugedrückt. So, das ist wohl alles.

Wie hast Du die Zeit im Heim in Erinnerung, an was musst Du heute noch oft denken? Muss ich mal im Kopf nachdenken, ach ja, über den Erzieher B hab ich mich oft aufgeregt. War gerade '78, da bin ich in die Erste (Gruppe) gekommen. Sollte ich am 24. (Weihnachten) Küchendienst machen. Ich kam aus der Schule, danach habe ich mich erst mal hingehauen, um nich' tot auf'm Abend zu sein. Da hatte ich keine Lust zu, da wollte der sich mit mir 114

prügeln, der kam so in mein Zimmer rein, aber da hat keiner was zu suchen, da hab' ich nur den reingelassen, den ich wollte, jedenfalls mit dem Typen gab's immer Ärger. Der hat vorher in'ner Kneipe gearbeitet und wollte jetzt 'nen Chef machen. Wenn man von der Schule zu seinen Eltern nach Hause kommt, dann ist man irgendwie freier... Im Heim ist das so'n Doppelstress. Man muss in der Schule gehorchen oder es ignorieren und im Heim dann auch wieder, immer Streitereien. Die Erzieher konnten sie auch nicht lösen, ja da rutschten sogar laufend Messer durch die Luft, ja echt! Gestört hat mich auch, dass alles so aggressiv war, immer Action, Anschreien und Prügel, usw... . Ich hab' mich immer zurückgezogen, also zurückgehalten, kannst echt nichts machen gegen, hab' es so über mich ergehen lassen, is' so wie höhere Gewalt und du kannst nich' weg, wo sollste auch hin? Das ist immer stärker geworden, hat sich nicht gelegt gehabt. Die wollten aus mir ja einen anständigen Menschen machen oder sowas, haben die ja vor, aber das hält keiner aus, immer neue Gesichter, muss man sich reinversetzen, ständig 'was anderen, nee, das ist nichts. - Dufte war, dass man seine eigenen Klamotten, Anziehsachen und Möbel, mitbringen konnte, nicht die Sachen vom Heim aus nehmen muss. Und dann konnten wir noch Haustiere halten und da hatte ich ja am meisten von allen, ich hatte Karnickel, Mäuse, große Aquarien... An einem bestimmten Alter hatten wir auch länger Ausgang... Einmal war so'n Praktikant bei uns auf der Gruppe, für'n halbes Jahr, mit dem habe ich mich echt gut verstanden, obwohl er nur Praktikant war, hat er 'ne Menge Aktivitäten gemacht, der hat auch die Gruppe im Griff gehabt, besonders so die Gewalt unter Kontrolle. Da hat der Erzieher R., der blöde Typ, mir die Küche zugeschlossen, weil ich erst zum Arzt gehen sollte und dann Abendbrot essen. Der hat mir richtig das Essen verweigert, ich hätt' mich fast geprügelt mit dem. Der Praktikant hat's dann geregelt, haben wir uns hingesetzt und darüber gequatscht, sich aufregen bringt ja doch nichts... Der hat uns als Person angesehen, da war nicht der Heimjunge, der nichts weiß, sondern wie ein Erwachsener, so gleichberechtigt will ich mal sagen...

Was war, als zum ersten Mal bei dir die WG auftauchte? Bei WG, na, da hat man mehr Freiheit, kannste machen was du willst. Keiner sagt, wenn du nach Hause kommen musst, wollte auch aus dem Heim raus und mal sehen, wie's draußen geht. Freunde hat man zwar schon gehabt, aber im Heim kann man sich nicht so richtig entfalten, 115

da kannste nich' sagen: Komm' mal mit zu mir nach Hause besonders wenn du mal 'ne Braut hast, immer muss du dich abmelden und die gucken dann, was issen das für eine und so... Ich hätt' schon vorher raus gekonnt, ich wäre die Stütze der 1. Gruppe, hab'n die wirklich gesagt. Ich hatte ja dann auch Vorsprung durch das Seminar über Jugendwohngemeinschaften, sozusagen kannte ich mich da aus. Der Heimleiter und die Erzieher haben uns dann gesagt, wer aus den einzelnen Gruppen für die WG in Frage kommt. Ich wollte auf alle Fälle mit Leuten die ich kenne ausziehen, da wusste ich, wie die sich entwickelt haben, das hab' ich ja über Jahre mitbekommen, das war auch so ne' Atmosphäre, unter uns zu sein, war schon akzeptiert, musste nicht besondere Dinge können oder vormachen. In der Vorbereitungszeit hat man die Leute eigentlich erst so richtig kennen gelernt, da war man nicht gleich 'ne Pfeife, wenn du mal was nicht so richtig rausgebracht hast oder was nicht ausdrücken konntest, da brauchteste keinen Schiss vor zu haben. Was ne WG sein soll wussten wir nicht genau, mehr so: mal hingehen und sehen, ob das was wird... . Da mussten wir dann alles selber organisieren, was wir haben wollten, dafür, will mal sagen, musste die Initiative ergreifen, da musst was tun, was sonst immer das Heim gemacht hat. Aber da haben wir uns echt kennengelernt und du konntest auch einschätzen, der ist so und der so...

Wolltest du mal aus der WG raus und zurück ins Heim? Nee, mit dem Gedanken zurück in'ne Wadzeck habe ich eigentlich nicht richtig gespielt, war ja froh raus zu sein. Wenn's mal keinen Ausweg gab, bei ganz beschissener Stimmung, z.B. bei dem Ärger mit dem Freizeitheim, da wollte ich bloß weit weg, bloß raus. Ich wollte auch zwischendurch mal weg sein können, mit anderen Leuten quatschen, nicht immer dieselben, das brauchste einfach, muss mal sein. Meistens bin ich dann zu meinem Alten ausgerückt, na, weißte ja noch...

Was würdest Du heute jemandem erzählen, der in eine WG will? Über die WG würd' ich alles erzählen, was schief laufen kann, und dass WG was tolles ist. Ich würd' ihm vielleicht sogar einen Platz suchen, wäre für mich, will mal sagen, ein Triumph, einem aus der Patsche zu helfen. Sicher gab's auch Streitereien, aber die gingen vorbei, wurden immer gelöst. Da haste die Chance die Sachen alleine zu regeln, ohne Erzieher, da 116

stellte sich keiner zwischen, dass es über die Erwachsenen laufen muss. Du musst natürlich freiwillig wollen und du musst, … also ich war ja nervlich stark genug mich durchzusetzen, es muss sich mehr Gemeinschaft bilden, aber du musst dich auch dagegen absetzen können. Du hast ja auch eigene Rechte mit dem Mietvertrag. Man muss natürlich aufpassen, dass die Wohnung gesichert ist.

Wie willst du heute leben? Heute denke ich an 'ne große Wohnung, mit 1 oder 2 anderen wohnen, … kenne auch schon 2 Leute, die das machen könnten. Aber es müssen welche aus meinem engsten Raum sein, die ich gut kenne. Die Miete wird dann so geteilt, jeder aber seinen Raum, wo man abschalten kann und in der Küche wird dann gekocht und ein paar Tage müssen sein, wo man unter sich bleibt. Gemeinsam weggehen, nich' dass man sich nur immer kurz abends sieht, sonst kann man nicht zu 'ner Gemeinschaft werden. Dann auch mit den Mietern ins Gespräch kommen, damit man nicht so ein anonymer Mensch bleibt, dass man mal hört, wie das im Haus überhaupt so läuft, zusammen vielleicht auch den Garten im Hof benutzen, das Haus soll ja auch so 'ne Art Gemeinschaft werden, so mit Studenten oder anderen jungen Leuten, da findet man schneller Kontakt zu denen...

Siehst Du einen Unterschied zwischen Dir und den Jugendlichen im Heim? Is' 'ne peinliche Frage, na, ist schon 'nen Unterschied, ob du deine Braut mit nach Hause oder ins Heim mitbringst. Inner WG bin ich 'ne Persönlichkeit, da kann ich auch was erklären... Du lernst auch die Wahrheit in der Welt kennen, was der Staat über dich denkt, wie du dich dem Staat gegenüber verhalten musst, man hat dann Wissen über das, was passiert. Auf'm Amt weiß ich was ich sagen darf und was nicht. Du weißt ja im Heim nicht, was passiert, wenn du ausziehst, wie das dann aussieht. Du könntest die dann fragen, was sie dir empfehlen können, aber da wissen die ja auch nichts, jedenfalls kriegste nichts mit davon... Im Heim musste dich anpassen, wenn du das nicht bringst, wirste rausgefeuert. Die WG ist deine Bude, hast selbst geschaffen und selbst gebaut, gehört gewissermaßen alles zu mir, da fühle ich mich schon irgendwie als Erwachsener...

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Hast Du jemals geglaubt, Kristin und Wilfried hauen ab? Ich hab' mich schon überhaupt gewundert, das ihr bei all' den Geschichten geblieben seid, aber ich hab' mich damit nicht weiter beschäftigt, war mir auch egal. Nur als die Miete geklaut wurde, da dacht' ich dass ihr Schluss macht, keinen Bock mehr habt, Euch mit uns zu streiten und immer so auseinanderzusetzen... Ich hab' mir 'ne eigene Arbeit gesucht und die Miete alleine bezahlt und meine Sachen alleine gemacht. Ich wollte euch auch nicht so auf der Pelle hängen und wenn ich nicht mehr weiter wusste, konnte ich mich mit euch einigen. Da kamen immer ganz überraschende Fragen von euch, da wusste ich nicht was ich sagen soll, die hatte ich mir nie überlegt, dann hab' ich euch Recht gegeben, stimmte ja dann auch irgendwie...

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Schreiben – einige Erfahrungen

Wir haben uns weit über ein Jahr, mit vielen Monaten Unterbrechung, mit dem Aufschreiben dieses Teils unserer Vergangenheit beschäftigt. Und das in dieser Form zum ersten Mal: Schreiben und nicht Reden, kein lockeres Gespräch mit vielen Geschichten über einen interessanten Zeitabschnitt, sondern Formulieren von Sätzen und Kapiteln, die so stehen bleiben, wie sie geschrieben wurden, nachlesbar, unveränderbar und damit angreifbar.

Als Kristin und ich uns zum ersten Mal trafen, um unser 'Werk' in Angriff zu nehmen, wollten wir eine Gliederung als Denk- und Schreibskelett erarbeiten, wie beim Aufsatz in der Schule. Wir waren von der Idee begeistert und trafen uns damals fast täglich, um daran herumzubasteln. Und täglich merkten wir dabei deutlicher, dass wir nicht über Form und Inhalt nachdachten und redeten, viel mehr über das Geschehene der letzten zwei Jahre, über uns selber darin. Eine Unmenge von Erlebnissen, Situationen und Reaktionen zog erneut an unseren Augen und Gefühlen vorbei – der Kugelschreiber und die leeren Blätter Papier blieben vorerst ungenutzt auf dem Schreibtisch liegen. Wir tauchten nochmal so richtig ein, diesmal ohne den Druck, ganz praktisch und unmittelbar handeln zu müssen, ohne die Unsicherheiten und Ängste in den konkreten heiklen Momenten mit mehr Betroffenheit. Viele Dinge erschienen plötzlich in einem ganz anderen Licht. Z.B stellten wir fest, dass wir in der gesamten Zeit nicht einmal ernstlich gestritten hatten. Der tägliche Handlungsdruck, unsere inneren und die von außen kommenden Erwartungen, eine gute Arbeit zu machen, trieb uns zu einer Einigkeit, die für gegenseitige Kritik, Zweifel und ungute Gefühle zwischen uns wenig Platz ließ. Diese unbequemen Dinge hatte wir oft nie so nahe an uns herangelassen, denn sie gefährdeten diese scheinbar notwendige, weitgehende Übereinstimmung. Sie gefährdeten damit die Sicherheit, schwierige Augenblicke erfolgreich zu bestehen, hätten an unseren gegenseitig zugeschriebenen typischen Positionen getastet. Unsere Rollenverteilung, meine mehr typisch männliche und Kristin's eher weibliche, hatten wir nie grundsätzlich in Frage gestellt. Z.B. hatten wir nie so richtig an uns herangelassen, dass zwei Bewohner, Matthias und Peter, zwischenzeitlich ausgezogen waren, weil sie weder mit der Wohngemeinschaft noch letztlich 119

mit uns zurechtgekommen sind. Trotz unserer Bemühungen: Hatten wir versagt, was hätten wir anders machen können und sollen? Z.B fiel mir auf, warum ich die Probleme der Jugendlichen oft als Katastrophe dargestellt habe und meine Arbeit als eine äußerst anstrengende: Zum einen gab es dadurch jede Menge Anerkennung für so eine „schwere Beschäftigung“ - 'Wie du bloß so etwas aushältst, ich könnte das nicht!' - und zum anderen stellte es eine leicht einsehbare Erklärung für Rückschläge und 'Fehlentwicklungen' dar, nach dem Motto „War ja auch nicht anders von ihnen zu erwarten!“. Schlechte Karten für die Jugendlichen und ein Freibrief für mich, denn meine Unfähigkeit oder mein mögliches Versagen konnte ja dadurch nun wirklich nicht ursächlich an den auftretenden Problemen beteiligt sein! Eigentlich Schlag auf Schlag fördert wir diese bis dahin versteckten, verdrängten und übertünchten Ungereimtheiten hervor. Damit blätterte Tag für Tag etwas Putz von unserer stolzen Selbstbewusstsein-Fassade, eine gute Arbeit gemacht und auch bis zum Ende durchgeführt zu haben. Ich hatte in dieser Zeit mehr das Gefühl, wie z.B. an den oben aufgeführten Punkten, erst am Anfang mit mir zu stehen. Diese Zeit, diese konzentrierte „Nacharbeit“, war das erste merkliche Resultat, obwohl noch nicht ein Satz auf dem Paper stand, nicht ein Gliederungspunkt klar war. Gelegenheit zum Atmen holen, zur Besinnung zu kommen, Veränderung in mir und um mich herum festzustellen - dafür nehmen und fordern wir wenig oder meistens überhaupt keine Zeit, es erscheint uns oft viel zu unbedeutend. Der Bodensatz unbewältigter Eindrücke geht dann in der nächsten Aktivität einfach unter. „Formulieren“ hatte ich gelernt: Anträge auf Finanzierung, Konzepte für pädagogische Projekte, Mitteilungen an das Jugendamt, Rechenschaftsberichte, Protokolle, alles korrekt und sachlich, runde Sätze, klare Struktur, kurz: behördengerecht. So habe ich dann auch erst mal losgelegt. Beim Beschreiben und Darstellen der Jugendlichen ging es noch ganz gut, wollte ich etwas über mich aussagen etwas schwieriger, aber immerhin, die Seiten füllten sich. Nach zwei bis drei Monaten hatten wir einen Teil in einer vorläufigen Fassung fertig, den wir Freuden zum Lesen gaben, als eine Art Rückkopplung, ob das überhaupt lesenswert und zu verstehen sei. Es kamen auch reichlich Kommentare und Kritik, darunter ziemlich übereinstimmend der Tenor: Hört sich alles schon recht brauchbar an, auch interessant zu 120

lesen, aber mich als Autor würde man nur daran erkennen, dass typischerweise nichts über meine Empfindungen, meine Person und meine unmittelbare Reaktion zu erkennen wäre! Ich war total ungeübt, über mich als handelnde Person, über meine Gefühle zu schreiben. Ich las Stellen nochmal nach und merkte, wie ich immer ähnliche Worte benutzte und die dann auch noch viel zu klobig, zu ungenau, einfach zu allgemein klangen. Und so saß ich manchmal tagelang an einem Abschnitt, wobei sich der Papierkorb langsam mit untauglichen Schreibversuchen füllte, bis irgendwann etwas dastand, was nicht nur eine leise Ahnung vermittelte, von dem, was ich wirklich sagen wollten, sondern tatsächlich etwas eindeutiges, auch von mir. Am nächsten Morgen stellte ich dann fest, dass es sich eigentlich ziemlich unmöglich liest, was ich da am Abend vorher zusammengebraut hatte, und das gleiche Spielchen begann von vorne. Neben den passenden Worten musste ich mit meiner Angst ringen: Kann ich das so stehen lassen, wer das wohl alles lesen wird, ist das alles klar genug oder liest ein anderer etwas ganz anderes daraus, womöglich kann es in einer völlig entgegengesetzten Form interpretiert werden, was denken wohl die potentiellen Leser von mir, ist das nicht zu naiv, zu wenig Fakten, zu leicht angreifbar...? Meine Befürchtungen traten in den Vordergrund, dass das alles vielleicht ganz einfach zu widerlegen sei, nicht schlüssig begründet, nicht restlos ausführlich erläutert, nicht wissenschaftlich und umfassend genug sei. Um dieses Gefühl zu vermeiden, wuchsen die Themen und Kapitel nur so aus der Kugelschreibermine, alles war wichtig, musste erwähnt werden. Jede These zog entsprechende Ausführungen nach sich und diese Ausführungen ihrerseits wiederum passende Ergänzungen, usw... . Nur um mir ja nicht eine Blöße zu geben und dem Leser eine Gelegenheit, unser Geschreibe als Quatsch abzutun oder schlichtweg als falsch zu bezeichnen. Die Zeit, unsere Ausdauer und Kraft und unser Interesse an der Erstellung dieses Berichtes setzten dann die Grenzen. Besonders mein Drang zur Perfektion wich allmählich dem Mut zur Lücke, zum Risiko und dem Selbstbewusstsein, dass alles nun mal so war und: Wer will, der wird schon das Richtige rauslesen können und wer das Gegenteil beweisen will, dem werde ich auch durch noch so langatmige Erläuterungen nicht begegnen können. So blieben allerdings einige Themenbereiche auf der Strecke oder meistens im Rohbau stecken: Z.B. die Jugendwohngemeinschaft als Teil der Gesellschaft und der staatlichen Jugendhilfe, die Bedeutung und der Einfluss unserer Supervisionssitzungen. Welchen Stellenwert und welche Auswirkungen unsere Beziehungen zu den Jugendlichen hatten und die Auseinandersetzungen um Therapie-Erziehung-Menschlichkeit. 121

Wir stellten auch fest, dass nicht die durchgängige gesellschaftliche Analyse vom geringfügigsten Verhalten bis zum Hauptwiderspruch die Stärke unseres Berichtes ist, sondern die Möglichkeit, ganz praktisch die JWG von innen zu erleben, das Fühlen, Denken und Handeln der Beteiligten nachzuvollziehen.

Und deshalb ist das jetzt unwiderruflich der letzte Absatz: Der Markt ist voller Bücher mit pädagogischen, psychologischen, soziologischen, auf alle Fälle 'wissenschaftlichen' Abhandlungen. Praxisbeispiele sind dabei oft nur der Zuckerguss, damit sie leichter geschluckt werden. Die meisten Autoren, die Bücher schreiben, sind Leute, die über die praktischen Erfahrungen anderer berichten, sie auswerten, zusammenfassen und dann zu einem Ergebnis kommen, wie es richtig ist und wie man's machen soll. Das ist nicht nur beim Bücherschreiben so, ähnlich entstehen die Strukturen der Sozialen Arbeit, Verordnungen, Richtlinien und Sozialplanung. Der direkte Austausch der unmittelbar an den Prozessen Beteiligten ist weitgehend lahm gelegt oder geht nur über die oben genannte, wissenschaftliche Aufbereitung oder die Verformung durch Behördenbonzen und sonstige 'Fachleute'. Damit geht nicht nur die Originalität zwischen uns Handelnden verloren, wir geben die Möglichkeit und das Recht aus der Hand, selber die Planung im Sozialen Bereich zu bestimmen, Veränderungen, Theoriebildung, politische Einschätzung und entsprechende Handlungskonsequenzen in eigener Regie zu entwickeln und mehr Menschlichkeit als Wissenschaftlichkeit und sozialrechtlich glatte Lösungen durchzusetzen. Jeder wurstelt in seinem kleinen Arbeitsbereich herum und hält ihn letztlich für so unbedeutend, dass praktischer Austausch, aber besonders weitergehende Forderungen und Ziele, sowie zukunftsweisende Schritte den Sozial-Technokraten überlassen bleiben, wir uns dann lediglich wieder mit deren Ergebnissen rumschlagen müssen

Erobern wir uns das Gefühl zurück, dass unser Erleben gemeinsam mit Kindern, Jugendlichen, usw. wichtiger ist als jedes Gesetz, jede Verordnung, jede Heimstruktur und jede Dienstanweisung, und nur das gemeinsame Erfahren unserer Leben der Motor für sinnvolle, menschliche Veränderungen nicht nur im Sozialen Bereich sein kann.

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Hinweis auf Bücher

Folgende Bücher fanden wir spannend, hilfreich und für uns gewinnbringend. Vieles, was in ihnen steht, hat uns zu neuen Erkenntnissen und auf neue Ideen gebracht. Deshalb haben sie bewusst oder unbewusst Einfluss auf diesen Bericht gehabt:

Anton S. MAKARENKO, "Der Weg ins Leben, Ein pädagogisches Poem", Frankfurt, 1972

Bruno BETTELHEIM, "Liebe allein genügt nicht", Stuttgart, 1972

Christine ROCHEFORT, "Zum Glück geht’s dem Sommer entgegen", Frankfurt, 1979

Dieter PILZ/ Siegfried SCHUBENZ, "Schulversagen und Kindertherapie", Köln, 1979

Götz ALY, "Wofür wirst du eigentlich bezahlt?", Berlin, 1977

Hrsg. H. SELG, "Zur Aggression verdammt", Berlin, 1973

Peter BROSCH, "Fürsorgeerziehung, Heimterror u. Gegenwehr", Frankfurt, 1972

Fritz REDL/David WINEMANN, "Kinder, die hassen", München, 1979

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Hrsg. VEREIN ALTERNATIVER HEIMERZIEHUNG e.V., "Jugendwohngemeinschaften, Chance u. Illusion", Hamburg, 1979

Hrsg. AG Sozialpolitischer Arbeitskreise (AG SPAK), "Jugendwohnkollektive – zwischen Chance u. Illusion", München, 1976

SENATOR FÜR SCHULWESEN, JUGEND UND SPORT, Leitsätze für die Einrichtung und finanzielle Förderung v. Wohngemeinschaften im Bereich der Jugendhilfe, Berlin, 1975

Ausführliche Informationen und Materialien über den Gesamtbereich Wohngemeinschaften in Berlin-West über Andreas L I E D T K E (Sen. f. Schulwesen, Jug. u. Sport, Potsdamer Str. 58 in 1 Berlin-30), der seit vielen Jahren in diesem Bereich tätig ist.

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"Ehe du Erwachsener anfängst, aus deinem Erfahrungsschatz an uns Jugendliche etwas auszuteilen, lerne erst mal kennen, lerne unsere Welt begreifen und dann überlege dir, ob du uns überhaupt was sagen kannst.". So die Jugendlichen einer der ersten betreuten Jugendwohngemeinschaften Berlins zu ihren Sozialpädagogen (1978). Das gemeinsame Ziel: Jeder für sich soll mit allem umgehen können, was überlebensnotwendig war und ist. In jedem Handlungsschritt dieser der späteren Lebensweltorientierung vorausgehenden Pädagogik steckt ein Stück zukünftiger Lebensgestaltung. Nicht die durchgängige gesellschaftliche Analyse vom geringfügigsten Verhalten bis zum Hauptwiderspruch, nicht machtvolle politische Aktionen sind die Stärke dieser Arbeitsform, Vorrang hat das Erlernen möglicher Formen einer gemeinsamen Kommunikation, eines gemeinsamen Lebens.

1976 - 2016

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