40 Jahre Synanon - Stiftung Synanon

40 Jahre Synanon - Stiftung Synanon

Inhalt Gastbeitrag Vorwort Vorstand STIFTUNG SYNANON 40 Jahre Synanon, eine einzigartige Erfolgsgeschichte 2 Grußwort Walter Momper Präsident des ...

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Inhalt Gastbeitrag

Vorwort Vorstand STIFTUNG SYNANON 40 Jahre Synanon, eine einzigartige Erfolgsgeschichte

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Grußwort Walter Momper Präsident des Abgeordnetenhaus von Berlin 40 Jahre Synanon

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Kuratorium STIFTUNG SYNANON Eberhard Diepgen Eine Erfolgsgeschichte

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Chronik

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Die Synanon-Idee

Stationen der Synanon Lebensschule Von der Ankunft bis zum Auszug: 1 - 7

Stationen der Synanon Lebensschule Von der Ankunft bis zum Auszug: 8 - 13

Stationen der Synanon Lebensschule Von der Ankunft bis zum Auszug: 14 - 15

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Editorial Alexander Koch und Arne Schriever, Synanon 40 Jahre auf dem Königsweg

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Grußwort Klaus Wowereit Regierender Bürgermeister von Berlin 40 Jahre Synanon

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Kuratorium STIFTUNG SYNANON Vorstellung der Mitglieder

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Gastbeitrag Rolf Hüllinghorst Drogenabhängig und immer auf der Suche nach Hilfe

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Kampagne „Aufnahme sofort!“

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Gastbeitrag Prof. Barbara John Integration von Menschen mit Migrationshintergrund in der Suchthilfe

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Gastbeitrag Dr. jur. Jürgen Fleck Arbeit in Synanon – Fremdbestimmung oder Lebenselixier

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Stationen der Synanon Lebensschule Von der Ankunft bis zum Auszug: 16 - 17

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Impressum

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Gastbeitrag Rita Hornung Geschäftsführerin Marianne von Weizsäcker Fonds Integrationshilfe für ehemals Suchtkranke e.V. 40 Jahre Synanon

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Erfolgsgeschichten

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Vorwort Gastbeitrag des Vorstandes der STIFUNG SYNANON 40 Jahre Synanon, eine einzigartige Erfolgsgeschichte

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde und Förderer,

Uwe Schriever Vorstandsvorsitzender

Ulrich Letzsch Stellv. Vorstandsvorsitzender

Peter Elsing Vorstandsmitglied

„was Synanon ist und wie Synanon wirkt, weiß man nur, wenn man selbst dort gelebt hat,“ versuchte es eine Tochter ihrer besorgten Mutter zu erklären. Wenige Wochen vorher hatte sie in ihrer Verzweiflung nur noch einen Ausweg gesehen. Ein letztes Mal noch wollte sie es versuchen. Bei Synanon, zusammen mit Max, ihrem Sohn. Was daraus wurde, hat sie uns geschrieben. Für uns ist es eine Erfolgsgeschichte. Erfolgsgeschichten hat es in den 40 Jahren viele gegeben. Darauf sind wir stolz. Und doch können und wollen wir uns darauf nicht ausruhen. Die Herausforderungen stellen sich jeden Tag neu und anders. Jeder süchtige Mensch, der zu uns kommt, bringt seine Geschichte mit. Scheinbar hoffnungslose Fälle finden bei uns ihren Weg. Wer sich auf Synanon einlässt, der Gemeinschaft vertraut und sich einbringt, hat eine große Chance, über sich hinauszuwachsen. Wie sich der Weg eines süchtigen Menschen von der Ankunft bis zum Auszug aus unserer Gemeinschaft vollzieht, ist ab Seite 59 nachzulesen. Ein Versuch, das Synanon-Prinzip zu erklären. Synanon ist eine starke Gemeinschaft und hat sich gewandelt von der Lebensgemeinschaft zur Lebensschule. Wie alles begann und welche Entwicklungen Synanon genommen hat, berichten wir in unserer Chronik. Die Menschen in Synanon lernen, selbstverantwortlich zu leben. Sie haben Vorbilder, die als Ehemalige und heute Angestellte in allen Bereichen und Zweckbetrieben Synanons nicht mehr wegzudenken sind. Einige von ihnen mit ihren ganz persönlichen Erfolgsgeschichten stellen wir in dieser Broschüre näher vor. Bei aller Freude über Erreichtes sehen wir als von Sucht Betroffene mit Sorge auf die Entwicklung bei der Vergabe von Ersatzdrogen. 75.000 substituierte Opiatabhängige gibt es bereits in Deutschland. Diesem brennenden Thema widmen wir uns im Anschluss an dieses Vorwort. Jedem Menschen in Synanon bieten sich zahlreiche Möglichkeiten der Mitgestaltung und eigenen Entfaltung, der Entdeckung und Erprobung ungeahnter Talente und Fertigkeiten. Die Gemeinschaft hilft dem Einzelnen bei der Überwindung von Schwierigkeiten und Ängsten durch Austausch und Korrektur. Bereichert und inspiriert wird sie durch die vielen verschiedenen Menschen unterschiedlicher Herkunft, Muttersprache und Religion, die sich eingebracht und Spuren hinterlassen haben. Gemeinschaft funktioniert, auch wenn nicht alle das gleiche Weltbild haben. So wird die Idee Synanons täglich neu mit Leben erfüllt. An dieser Stelle danken wir allen, die uns auf unserem Weg begleiten und unterstützen. Nur durch die vielfältige Hilfe von Freunden und Förderern ist es uns möglich, süchtigen Menschen Hilfe zur Selbsthilfe zu geben.

Editorial Gastbeitrag

40 Jahre auf dem Königsweg

Laut einem bekannten Onlinelexikon steht der Begriff Königsweg für eine leichte und doch optimale Problemlösung. Für uns Süchtige, die in der Suchtselbsthilfe Synanon leben oder leben durften, um nüchtern zu werden, bedeutet der Begriff erst einmal ein Leben ohne Suchtmittel. Vollständig. Keine Drogen, kein Alkohol, keine bewusstseinsverändernden Medikamente, kein Tabak, keine Substitution. Totale Nüchternheit. Optimal für einen Süchtigen, auf jeden Fall. Aber auch leicht?!? Nein. Doch was im Leben ist bei genauer Betrachtung wirklich leicht? Der Königsweg ist in seiner Konsequenz eine radikale Vereinfachung: die Frage, ob und wie viel von was für einen gut oder schlecht wäre, stellt sich einfach nicht mehr. Es gibt nur Nüchternheit oder Rückfall. Weiß oder schwarz. Leben oder Tod. In diesem Sinne also doch ganz einfach. Nun liefert uns der Alltag aber zahlreiche Versuchungen. In der Regel gut zu erkennen, nicht selten aber auch subtil, als solche nicht gleich auszumachen. Treffen diese auf das teuflische Verlangen etwas zu nehmen, was für immer in uns verbleibt, im Verborgenen abwartend, lauernd, um oft plötzlich loszubrechen, wird es brandgefährlich - man steht kurz vor dem gefürchteten Rückfall. Selbstverständlich, die Kontrolle aufzugeben, sich wieder zuzuschütten, egal mit was, setzt eine willentliche Entscheidung jedes Einzelnen selbst voraus, die nur durch praktisches Handeln umgesetzt werden kann. Übrigens genau wie die Entscheidung, damit aufzuhören. Der vollständige Verzicht auf Suchtmittel aller Art vergrößert aber den Abstand immer weiter durch seine Eindeutigkeit, hilft uns bei der Entscheidung, clean zu bleiben. Der Abschied vom Zwanghaften, vom Ritual, zeigt Wirkung. Nimmt man nur einmal das Rauchen. Viele Süchtige sagen, wenn ich schon nichts anderes mehr nehmen darf, dann will ich wenigstens rauchen. Jeder (Ex-)Raucher kennt es aber: von Raucherpause zu Raucherpause leben, gemeinsam mit anderen frieren oder nass werden und nachts noch einmal los müssen, weil die Zigaretten alle sind. Die große Freiheit, die manche Hersteller noch immer propagieren, sieht anders aus. Also warum sollte man sich ausgerechnet als Süchtiger so etwas antun? Zumal das Suchtzentrum dadurch aktiv bleibt, alle 40 Minuten geht die Ich-muss-wieder-wasnehmen-Glocke los. Es lebt sich deutlich leichter ohne. Den heilsamen Weg der absoluten Nüchternheit zu beginnen, fällt nicht leicht, denn ohne den schmerzhaften Entzug kann ich ihn schon per Definition nicht gehen. Oder vielleicht doch? Auf absurde Experimente mit kontrolliertem Konsum bei Süchtigen möchten wir gar nicht erst eingehen, da Kontrollverlust ein wesentliches Merkmal der

von Alexander Koch und Arne Schriever

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Editorial Gastbeitrag

40 Jahre auf dem Königsweg

unheilbaren Suchterkrankung darstellt und diese dadurch natürlich nicht zum Stillstand kommt, was das Ziel einer jeden Behandlung sein muss. Substitution erscheint da viel interessanter. Studien berichten davon, dass es gute Erfolge bei der Kombination von Substitution und engmaschiger psychosozialer Betreuung gebe. Leider gibt es dafür immer nur Kontrollgruppen, die wie bisher konsumieren, und keine, die bei der gleichen Betreuung nichts nimmt. Dementsprechend weiß keiner, ob tatsächlich die Substitution oder doch eher die Betreuung den Erfolg gebracht hat. Zudem gibt es inzwischen immer mehr Fälle, in denen die Betreuung nur noch marginal oder gar nicht mehr stattfindet. Und von der Grundidee, den Süchtigen mittels Substitution allmählich in die Nüchternheit zu führen, wird immer häufiger mit dem fadenscheinigen Argument der Schadensbegrenzung abgewichen und die Dauermedikation verordnet - das selbsterklärte Scheitern. Es stellt sich daher zwingend die Frage: Wer hilft da eigentlich wem, und wem hilft es wirklich? Es gibt in Deutschland inzwischen über 75.000 substituierte Opiatabhängige, um welche sich ein gigantisches Versorgungsnetz mit zahlreichen Profiteuren aufbauen konnte. Das entspricht einer Stadt wie Gießen. Oder 1500 voll besetzten Reisebussen. Und es sind heute doppelt so viele wie vor 10 Jahren. Wo soll denn das noch hinführen? Darf es wirklich als Erfolg verkauft werden, wenn ein Substituierter, mit Hartz IV und einem Ein-Euro-Job versehen, weiterhin in einem System voller (nun nicht mehr nur stofflichen) Abhängigkeiten gefangen bleibt? Aber genau diese Situation wird in der Statistik als Erfolg gewertet. Dieser Irrweg wird nur noch von einem übertroffen: Diamorphin - der blanke Wahnsinn. Kontrolliertes Spritzen mit synthetischem Heroin auf Krankenschein. Auf den ersten Blick der Garten Eden für Junkies. Wenn man es denn erträgt, seine Droge wie Almosen ausgerechnet von einer Gesellschaft zugewiesen zu bekommen, an der man nicht aktiv teilnehmen möchte, geschweige denn könnte. Man bekommt seine Droge, darf sie sich dreimal täglich selber spritzen, Ärzte und Krankenschwestern passen sogar auf, dass man nicht aus Versehen dabei stirbt, und für die Nacht gibt’s auch noch Methadon, und arbeiten braucht man eh nicht. In einem Punkt ist dieses Vorgehen gegenüber der Substitution allerdings ein Stück weit ehrlicher. Von einer Rückführung in die Gesellschaft ist bei diesem Programm schon gar nicht mehr die Rede. Deshalb ist die Anwendung von Diamorphin auf das schärfste zu verurteilen! Darf eine Gesellschaft, die für sich in Anspruch nimmt, sozial zu sein, es wirklich zulassen, dass junge Menschen mit einem Eintrittsalter von 23 Jahren, nach nur zwei gescheiterten Therapien als schwerstabhängig eingestuft, die Fahrkarte für solch einen Geisterzug bekommen? So werden sie vollends ins Abseits gestellt und bleiben Sklaven der Droge und des Systems. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, jemanden dieser Versuchung auszusetzen. Als echte Alternative zum drogenbestimmten Leben bleibt nur der Weg der absoluten Abstinenz. Sein Anfang erscheint ohne Frage schwer. Vor allem zu Beginn ist er steil und unwegsam, mit vielen Stolperfallen versehen. Dem Abgrund an den Seiten stets recht nahe, kann

Editorial Gastbeitrag

schon ein leichtes Straucheln den erneuten Fall in die Sucht bedeuten. Aber schon hier kommt die Idee Synanons zum Tragen. Um den Weg zu beginnen, brauche ich zum einen ein nüchternes Umfeld, vor allem aber die Hilfe einer Gemeinschaft Gleichgesinnter, die aus eigener Erfahrung wissen, was mich in dieser Zeit bewegt und mir zusetzt. Welcher Lotse könnte besser sein, als derjenige, der den Weg schon oft gegangen ist? Doch was kommt danach? Nun bin ich drogenfrei und damit schon entscheidend weiter als mit Methadon oder anderen Ersatzstoffen. Reicht das nicht? Warum noch länger in Synanon verweilen, wo es hier oft genug nicht angenehm ist? Diese Frage stellt sich jeder Bewohner unzählige Male. Noch schlimmer - er kriegt sie oft genug an sich selbst gerichtet. Weil clean oder trocken sein eben nicht gleichzusetzen ist mit Nüchternheit. Es geht nicht nur um den Entzug. Auch die Arbeit in den Zweckbetrieben, die Ausbildungsmöglichkeiten, der wiedererlangte Führerschein, all das sind nur, wenn auch wichtige, Mittel zum Zweck. Wer dauerhaft abstinent bleiben will, muss vor allem im Kopf, mit dem Verstand wieder nüchtern werden. Das heißt, lernen in klaren Strukturen zu denken, um daraus handeln zu können, auch in schwierigen Situationen. Und dieses Lernen braucht eben Zeit, sogar Jahre. Genau das bietet Synanon. Hier muss ich nicht alles in drei oder sechs Monaten hinkriegen, weil dann das Projekt zu Ende geht oder die Krankenkasse nicht länger dafür aufkommt. Ich kann unter Beachtung der Regeln so lange bleiben, ja es wird mir sogar empfohlen, bis ich tatsächlich in der Lage bin, es auch wieder alleine zu schaffen - mit klarem Verstand. Und auf dem schwierigen Weg dahin kann ich stürzen. An jeder Stelle werde ich immer wieder Begleiter in Synanon finden, die mir aufhelfen, mir stützend zur Seite stehen. Sei es nun in den Gruppen oder in Gesprächen mit Einzelnen. Das Verstehen, aber auch das Durchschauen des Anderen scheint oft genug gnadenlos, ist aber eben ehrlich und damit hilfreich. Selbst wenn der Weg einmal vollends verlassen wird, kann er erneut angegangen werden. Viele kommen nur so zum Erfolg. Synanon ist eine Gemeinschaft, um nüchtern zu werden. Hier haben die Bewohner seit nunmehr 40 Jahren die Möglichkeit und Zeit, den Königsweg zu beginnen und über Jahre hinweg gemeinsam zu beschreiten. Solange sie wollen. Er ist steinig und voller Strapazen, aber wirklich erfolgreich. Enden wird er nie, denn süchtig bleibt man ein Leben lang. Erstaunlich viele, auch als hoffnungslos eingestufte Fälle, haben es geschafft. Sie haben sich das notwendige Rüstzeug erarbeitet. Denn irgendwann wird die Frage auftauchen: Was macht eigentlich ein Süchtiger, wenn er nichts mehr nimmt und sogar nüchtern ist? Selbstbestimmt und würdevoll leben.

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Grußwort Gastbeitrag des Präsidenten des Abgeordnetenhaus von Berlin 40 Jahre Synanon

Walter Momper Präsident des Abgeordnetenhaus von Berlin

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Mitglieder der Synanon-Gemeinschaft, liebe Interessierte, liebe Förderer, die Suchtselbsthilfegemeinschaft Synanon, die im Jahre 1971 von Betroffenen für Betroffene hier in Berlin gegründet wurde, feiert nunmehr ihr 40-jähriges Bestehen. Zu diesem Ereignis gratuliere ich ganz herzlich im Namen des Abgeordnetenhaus von Berlin und übermittle Ihnen meine persönlichen Glückwünsche. Im Laufe der Jahrzehnte haben Sie Synanon in eine über die Grenzen Berlins hinaus bekannte Stiftung ausgebaut. In diesen vier Jahrzehnten konnte Ihre Selbsthilfegemeinschaft über 23.000 Süchtigen auf ihrem schweren Weg zu einem Leben ohne Drogen zur Seite stehen. Eine Zeit, auf die Sie mit Stolz zurückblicken können.

Grußwort Gastbeitrag

Weite Teile der Berliner Bevölkerung sind leider direkt oder indirekt von den Begleiterscheinungen und Folgen süchtigen Verhaltens betroffen. Neben dem persönlichen und familiären Leid entstehen hohe Kosten, die mit der Behebung der individuellen und der gesellschaftlichen Folgeschäden und der Minderung der Folgeprobleme verbunden sind. Neben den Problemen mit der Beschaffungskriminalität muss in diesem Zusammenhang auch gesehen werden, dass üblicherweise der Handel mit illegalen Drogen vom organisierten Verbrechen übernommen wird und auch meist eng mit Korruption und Geldwäsche verbunden ist. Die Erlöse des Drogenhandels werden oft für die Bewaffnung von paramilitärischen Gruppen oder Armeen verwendet. Deshalb ist und bleibt die Reduzierung von Missbrauch und Abhängigkeit durch Maßnahmen der Suchtprävention das zentrale Ziel der Berliner Drogenpolitik. Suchtprävention bietet die Chance, im Vorfeld diese Probleme zu verhindern. Parallel dazu darf jedoch die Suchthilfe nicht vernachlässigt werden. Die Angebote der Synanon-Gemeinschaft sind aus dem breit gefächerten Angebot der Hilfestrukturen in ganz Deutschland nicht mehr wegzudenken und werden auch hier in Berlin weiterhin dringend gebraucht. Drogenabhängigen wieder ein selbstbestimmtes und eigenverantwortliches Leben zu ermöglichen und somit auch für eine adäquate Integration von Suchtkranken in unsere Gesellschaft zu sorgen, muss immer das Ziel aller im Suchthilfebereich Tätigen sein. Kritiker aus der Drogenszene werfen Synanon immer wieder „totalitäre Strukturen“ und „Gehirnwäsche“ vor. Das Drogenverbot innerhalb der Gemeinschaft schließe auch Substitutionsmittel wie Methadon und Medikamente für die Entgiftung ein – ein Drogenentzug würde deswegen prinzipiell „kalt“ durchgeführt. Zudem finde in der Gemeinschaft keine klassische Therapie statt, stattdessen würde auf Laientherapeuten und strikte Kontrolle gesetzt. Professionelle Therapie und Selbsthilfe sind jedoch keine Gegensätze, sondern können sich sinnvoll ergänzen. Unbestreitbar sind jedoch die häufigen Langzeiterfolge in Ihrer Drogen- und Alkoholabstinenz. Den von Ihnen propagierten Königsweg der absoluten Abstinenz kann nicht jeder Süchtige beschreiten, aber für viele Suchtkranke ist es genau der richtige Weg, um ein Leben ohne Drogen möglich zu machen. Wenn Menschen mit einer Suchtkrankheit bei Synanon mehr Lebensqualität und Lebensfreude im privaten und auch im beruflichen Alltag erfahren können, dann kann dieses Hilfsangebot nicht falsch sein. Es ist deshalb sehr zu begrüßen, dass Sie vor acht Jahren den Wandel von einer Lebensgemeinschaft zu einer Lebensschule auf Zeit vollzogen haben. In dieser Lebensschule sollen süchtige Menschen lernen, wie sie auch nach ihrem Aufenthalt bei Ihrer Selbsthilfegemeinschaft dauerhaft nüchtern leben können. Neben Ihrem wichtigen Projekt „Aufnahme sofort“, in dem jeder Süchtige zu Ihnen kommen kann – jederzeit und ohne Vorbedingungen, sind die Zweckbetriebe ein wichtiges Standbein Ihrer Suchtselbsthilfe. Hier werden die Bewohner aus- und weitergebildet und auf ein eigenständiges Leben nach der Synanon-Zeit vorbereitet. Aus- und Weiterbildung, Förderung eigenständiger Projekte, Insolvenzberatung, Tage der offenen Tür, Vermittlung privater und sozialer Kompetenzen sowie sportliche, kulturelle und kreative Freizeitaktivitäten sind nur einige Angebote Ihrer Selbsthilfe-Organisation. Das Berliner Abgeordnetenhaus wird Ihre wertvolle Arbeit mit Suchtkranken weiterhin wohlwollend begleiten, damit für alle Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt ein Leben ohne Drogen ein erreichbares Ziel bleibt. Ich wünsche Synanon so lange viele Erfolge, wie Sie in unserer Gesellschaft gebraucht werden.

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Grußwort Gastbeitrag des Regierenden Bürgermeisters von Berlin 40 Jahre Synanon

Klaus Wowereit Regierender Bürgermeister von Berlin

Gastbeitrag

Für Synanon ist 2011 ein ganz besonderes Jahr. Zum 40-jährigen Bestehen der Stiftung übermittle ich allen Mitgliedern, Förderern und Freunden im Namen des Senats von Berlin die herzlichsten Glückwünsche. Basierend auf einem Konzept aus den USA wurde die Stiftung im Jahr 1971 als eine Suchtselbsthilfegemeinschaft von Betroffenen für Betroffene gegründet, die sich im Laufe der Jahre immer mehr zu einer „Lebensschule auf Zeit“ entwickelt hat. Die weißen Umzugswagen mit der grünen Aufschrift „Synanon“ gehören längst zu Berlin, wie viele andere nicht mehr wegzudenkende Institutionen. Mit ihrer Präsenz in der ganzen Stadt wirbt Synanon für ein Anliegen, das viele umtreibt: „Leben ohne Drogen“. Mehr noch: Synanon leistet wirksame praktische Hilfe und ist zum Inbegriff für ein Leben ohne Drogen geworden. Damals wie heute war und ist es eine ehrgeizige Aufgabe, Drogenabhängigen die Chance zu geben, wieder ein drogenfreies und möglichst selbstbestimmtes, eigenständiges sowie eigenverantwortliches Leben zu erlernen und zu führen. Die Langzeiterfolge sind unbestreitbar und bemerkenswert zugleich. Sie beruhen auf effektiven Sozialisationsmaßnahmen. Viele eigene Erfahrungen von Betroffenen sind in die Arbeit von Synanon eingeflossen. Und viele Mitglieder tragen mit ihrem großartigen Engagement dazu bei, dass die Arbeit weiter geht und die Stiftungsidee in der täglichen Praxis lebendig wird. Ich danke allen Mitgliedern, Freunden und Förderern für das bisher Geleistete und bin davon überzeugt, dass Synanon für viele Betroffene eine große Chance bietet, ihrem Leben einen neuen Sinn zu geben. Deshalb wünsche ich der Stiftung Synanon, dass Sie ihre kraftvolle, vom Selbsthilfegedanken getragene Arbeit auch in den kommenden Jahrzehnten erfolgreich fortführen kann und sich immer neuen Herausforderungen in der Suchthilfe stellt.

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Kuratorium der STIFTUNG SYNANON Grußwort zum Jubiläum von Eberhard Diepgen Eine Erfolgsgeschichte

Eberhard Diepgen, Kuratoriumsmitglied 40 Jahre Synanon. Das ist Anlass zu einem Rückblick auf manch Auf und Ab der Suchselbsthilfegemeinschaft. Betroffene hatten die Vereinigung für Betroffene gegründet. Süchtige und suchtgefährdete Menschen sollten in ein eigenverantwortliches und selbstbestimmtes Leben geführt werden, ohne Drogen, Alkohol, Medikamentenabhängigkeit, Kriminalität und Gewalt. Mehr als 23 Tausend Männer und Frauen haben seitdem in Synanon gelebt. Große wirtschaftliche Probleme belasteten die Selbsthilfeeinrichtung in den vergangenen Jahrzehnten und konnten durch engagierten Einsatz und geschicktes Management gemeistert werden. In Zweckbetrieben werden die notwendigen Arbeitsplätze der Lebensschule Synanon angeboten, das Synanonhaus in der Bernburger Straße, das Jugendhaus in Karow und ein Ferienhaus in Mecklenburg-Vorpommern bieten Heimat auf dem schwierigen Pfad weg von allen Formen der Sucht. Eine Erfolgsgeschichte? JA! Ich bin mit dem Begriff zurückhaltend. Bei den Hilfesuchenden gab es immer wieder auch Rückschläge. Dennoch, ein JA erscheint bei aller Demut angemessen. Mit Selbsthilfe und dem strikten Gebot „keine Drogen, kein Alkohol, keine bewusstseinsverändernden Medikamente“ finden mehr Menschen ihren Weg aus den suchtbedingten Schwierigkeiten als in anderen Formen der „Drogentherapie“. Auf den Streit

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von „Experten“ über die statistischen Vergleichszahlen will ich mich bei dieser Feststellung gar nicht einlassen. Auch nicht auf die oft schon ideologisch geführte Auseinandersetzung über den richtigen Weg einer Drogentherapie; wegen des konsequenten „No Toleranz“ und der Konzeption einer langjährigen Hilfe und Verbundenheit in der Form einer Lebensschule wurde die Gemeinschaft von ihren Gegnern auch schon mal als Sekte denunziert. Die Idee der Drogenselbsthilfegemeinschaft folgt nicht dem Strom des Zeitgeistes. Dazu wirken der kalte Entzug und die damit verbundene kurzfristige Kontaktsperre auch als zu anstrengend für die Betroffenen und ihre Umwelt. Mir scheint, lieber geht man einfachere Wege und nutzt - auch zur Freude der Pharmaindustrie - die breite Palette von Medikamenten und Ersatzdrogen. Ich streite nicht darüber, ob auch diese Wege genutzt werden müssen. Ich halte aber fest: Ziel einer Drogentherapie sollte ein drogenfreies Leben ohne neue Abhängigkeiten von bewusstseinsverändernden Medikamenten sein. Und genau das wird im Regelfall nicht erreicht, wenn die Abhängigen mit Medikamenten nur ruhig gestellt und mit Ersatzdrogen entkriminalisiert und „fit“ gemacht werden für den Arbeitsmarkt. Dagegen stehen Idee und Praxis der Drogenselbsthilfegemeinschaft Synanon. Der Versuch einer Heilung konkurriert mit der Linderung der Suchtfolgen zur Wiedereingliederung in das gesellschaftliche Leben. Angesichts der Vielfalt und des Umfangs der Drogenabhängigkeiten wird man keinen Weg ausschließen können. Im Zweifel aber sollte der Weg von Synanon verstärkt genutzt werden. Mich jedenfalls haben die Alleinstellungsmerkmale der Einrichtung überzeugt. Ein Vorstand von früher „Süchtigen“ weiß wovon er redet, wenn von den Problemen der Drogenabhängigen geredet wird. Der kalte Entzug und eine kurzfristige Kontaktsperre nach der Aufnahme in die Gemeinschaft sind große Herausforderungen für die betroffenen Drogenabhängigen. Aber sie sind ein Weg in ein wirklich drogenfreies und selbstbestimmtes Leben. Und: einmalig in der Bundesrepublik. Es steht das Angebot: Aufnahme sofort. Alter, Herkunft, Religion spielen keine Rolle und – sonst leider bei sozialen Einrichtungen immer wichtiger – Kostenzusagen und ähnliche Bedingungen gibt es nicht. Wäre Synanon nicht bereits vor 40 Jahren gegründet worden, man müsste die Gründung heute nachholen. Als Mitglied des Kuratoriums will ich das Grußwort noch zu zwei weiteren Anmerkungen nutzen. Es sind nicht die wirtschaftlichen Daten, die mich in den letzten Jahren besonders erfreuten. Es sind die Berichte über Ausbildungsverträge von Synanonbewohnern, Ausbildungs- und Studienabschlüsse sowie nach erfolgreichem Abschluss der „Suchtkarriere“ das Ausscheiden aus dem engeren Kreis der Selbsthilfegemeinschaft. Synanon ist auch nicht nur fixiert auf das Thema Drogen und die Abhängigkeiten. Dafür gab es einen schönen Beweis. Synanon war mit seinem Zweckbetrieb Reitschule in Berlin Frohnau Gastgeber für die Deutsche Meisterschaft der Dressurreiter mit Handicap. Beim großen Thema Integration – nicht nur ein Thema der Migration – wurde über den Tellerrand geblickt und sozialpolitisches Engagement demonstriert. Synanon eine Erfolgsgeschichte. Ich wünsche, sie wird in den nächsten Jahrzehnten fortgesetzt.

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Kuratorium der STIFTUNG SYNANON Vorstellung der Mitglieder des Gremiums

Ehrenamtlich engagiert

Kuratoriumstreffen 2011 Hannelore Junge, Eberhard Diepgen, Ursula Birghan, Peter Rohrer, Prof. Barbara John, Nikolaus Ley (v.l.n.r.)

Kuratorium der STIFTUNG SYNANON

Peter Rohrer, Kuratoriumsvorsitzender, gehört dem Kuratorium seit dem Jahr 2000 an. Die Verbindung zu Synanon besteht schon seit Mitte der 1970er Jahre. Als Filialleiter und späterer Direktor der Commerzbank in Berlin betreute er u. a. die Finanzierung des ersten eigenen Synanon-Hauses in der Bernburger Str. 24/25. „Die Art der Suchthilfe, die Eigeninitiative von Synanon hat mich von Anfang an beeindruckt.“

Ursula Birghan, stellvertretende Kuratoriumsvorsitzende, ist Mitglied im Kuratorium seit dem Jahr 2000. Als langjähriges Mitglied des Abgeordnetenhaus von Berlin und Mitglied im Präsidium hat sie die Entwicklung Synanons über Jahrzehnte verfolgt. „Mich fasziniert die Erfolgsquote von Synanon. Diese Einrichtung ist für Berlin ganz wichtig.“

Eberhard Diepgen gehört dem Kuratorium seit dem Jahr 2003 an. In seiner Zeit als Regierender Bürgermeister von Berlin von 1984 bis 1989 und von 1991 bis 2001 hatte er schon frühzeitig Kontakt zu Synanon. „Mich überzeugt, wie hier mit den Süchtigen umgegangen und wie ihnen auf dem Weg aus der Sucht geholfen wird.“

Prof. Barbara John trat dem Kuratorium im Jahr 2007 bei. Als langjährige Ausländerbeauftragte von Berlin und heutige Vorstandsvorsitzende des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Landesverband Berlin, hat sie die Arbeit Synanons mit Interesse verfolgt. „Synanon gibt viel. Dieses ausgewogene Verhältnis ist bemerkenswert. Synanon bietet Berufe, soziale Beziehungen, Berufsabschlüsse und Beschäftigung. Das ist etwas, was ein neues und auch sinnvolles Leben ermöglicht.“

Hannelore Junge war von 2002 bis 2004 Mitglied im Vorstand der STIFTUNG SYNANON und wechselte im Jahr 2004 ins Kuratorium. Als Prokuristin in einem mittelständischen Unternehmen hat sie Synanon Mitte der 1970er Jahre kennengelernt. „Ich war von der Sache von Anfang an überzeugt. Synanon zeigt, dass Sucht eine Krankheit ist, die bekämpft werden kann. Die vielfältigen Entwicklungsmöglichkeiten der Bewohner Synanons im persönlichen und beruflichen Bereich sind schon einzigartig.“

Nikolaus Ley gehört dem Kuratorium seit dem Jahr 1999 an. In seiner Eigenschaft als Notar und Fachanwalt für Steuerrecht lernte er Synanon Mitte der 1980er Jahre kennen. „Die Arbeit von Synanon fand ich seit meiner ersten Berührung mit Synanon hocheindrucksvoll und habe mich deswegen im Jahr 1999 auf Bitten von Herrn Schriever gerne bereit erklärt, in das Kuratorium einzutreten. Die Arbeit macht mir viel Spaß, und ich freue mich, dass wir derzeit ein so lebendiges Kuratorium mit prominenten Zugängen haben.“

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Chronik

1971 Gründung: Eintragung ins Vereinsregister unter dem Namen Release Berlin e.V.

Mit diesem aus Heidelberg mitgebrachten alten VW-Bus als Grundstein des Synanon-Fuhrparks werden erste Möbeltransporte durchgeführt.

1972 Gründung des ersten Zweckbetriebes Transporte und Umzüge

Hofansicht des von 1972 bis 1978 bewohnten Hauses in der Oranienstraße 175.

Von Release Heidelberg kommend, ziehen im Oktober 1971 fünf drogenfreie Fixer - darunter Ingo und Irene Warnke mit ihrer zweijährigen Tochter - in das nicht beheizbare Büro einer schon seit längerem leerstehenden alten Fabrik in der Dennewitzstraße 33 in Berlin-Schöneberg. Die grundlegenden Ideen waren da und der Wille, eine nüchterne Gemeinschaft zu bilden. Am 22.12.1971 erfolgt die Eintragung ins Vereinsregister unter dem Namen Release Berlin e.V. Einen Tag später zieht die Gemeinschaft nach BerlinKreuzberg in die Oranienstraße 140 auf zwei mit Sanitär- und Heizanlagen sowie dicht schließenden Fenstern ausgestattete Fabriketagen. Allerdings ist der Mietvertrag nur auf drei Monate befristet und wird seitens des Vermieters dann auch zum August des Jahres 1972 gekündigt. Bereits im ersten Jahr der Gründung wird die Gemeinschaft von der Senatsverwaltung für Familie, Jugend und Sport mit einem Betrag von 7.400 DM und der Übernahme der monatlichen Miete in Höhe von 500 DM unterstützt. Dafür berät die ReleaseGemeinschaft hilfesuchende Drogensüchtige in ihrem Büro. Schon zu Beginn dieses Angebots zeigt sich, dass der Hilfebedarf drogensüchtiger Menschen nach Vermittlung und Unterstützung groß ist. Ca. 1.200 bis 1.500 Opiatabhängige in Westberlin. 67 Drogentote in Deutschland, davon 9 in Westberlin. Mittlerweile ist die Tragweite der Drogenproblematik in Politik, Gesellschaft und Öffentlichkeit angekommen. Mit einem noch aus Heidelberg mitgebrachten alten VW-Bus werden erste Möbeltransporte für türkische Nachbarn in der Dennewitzstraße ausgeführt. Im Februar des Jahres 1972 spenden Berliner Polizisten der Lebensgemeinschaft einen ausrangierten Polizei-Lkw. Das Geld dafür sammelten sie auf ihrer Faschingsfeier im Februar 1972. Der intensive Kontakt zu den Polizei-Beamten bestand bereits über die Anfang der 70er Jahre ins Leben gerufene Einsatzgruppe Erprobung und Sonderaufgaben. Bärchen, der kleine Mercedes-Transporter, wird der Gemeinschaft über viele Jahre hinweg treue Dienste leisten. Im August 1972 dann der Umzug in eine ehemalige Zimmerspringbrunnenfabrik in der Oranienstraße 175. Die Gemeinschaft hat viel zu tun, das neue Domizil instandzusetzen, denn das fünfstöckige Haus ist marode. Gemeinsam werden Wände und Fensterrahmen gestrichen, Küche und Dusche eingebaut, Zwischenwände eingezogen. Bis Juli 1978 wird es die Heimstätte des Vereins bleiben. Der Senat von Berlin fördert den Release Berlin e.V. mit 12 TDM für Anschaffungen. Umbenennung in Release 1 Berlin e.V., nachdem sich weitere Release-Gemeinschaften in unmittelbarer Nachbarschaft gründeten. Die Neuköllner Kirchengemeinde spendet die erste Druckmaschine, eine Rotaprint A4. Von dort kommen auch die ersten Druckaufträge. Mit einer bescheidenen Grundausstattung beginnt die neu gegründete Offsetdruckerei, Druckaufträge bis DIN-A4-Format auszuführen. Weitere Kleinaufträge verhelfen zu Einnahmen. Die Gemeinschaft wächst kontinuierlich. Durchschnittlich 8 Bewohner. 104 Drogentote in Deutschland, davon 6 in Westberlin. Renovierungsarbeiten in der Oranienstraße 175. Zur Gemeinschaft gehören fünf Erwachsene und ein Kind.

15 Rückwirkende Anerkennung der Gemeinnützigkeit und der besonderen Förderungswürdigkeit von Release 1 Berlin e.V. durch das Finanzamt für Körperschaften zum Januar 1972. Von nun an dürfen Spendenbescheinigungen ausgestellt werden. Der Zweckbetrieb Druckerei übernimmt kleinere Aufträge, so z. B. die Übersetzung und den Druck von Alexander Bassins Arbeit Daytop Village (aus Psychologie Today, Bd. II, Nr. 7, Dez. 1968). Damit möchte die Release-Gemeinschaft erreichen - so in einem beigefügten Schreiben erklärt -, dass bekannt wird, dass Süchtige keine hoffnungslosen Fälle sind. Anknüpfend an die in dieser Arbeit beschriebenen Erfahrungen von Synanon und Daytop Village wollen auch sie eine Selbstorganisation von ehemaligen Drogensüchtigen aufbauen, die ihnen und anderen Süchtigen die Möglichkeit gibt, ein drogenfreies und zufriedenes Leben zu führen. Ferner rufen sie Gleichgesinnte auf, sich zu melden. Der Brief endet mit einem ersten öffentlichen Spendenaufruf. Durchschnittlich 11 Bewohner bei vermehrten Aufnahmen. Ca. 1.500 bis 5.000 Opiatabhängige in Westberlin. 106 Drogentote in Deutschland, davon 6 in Westberlin. Die Druckerei stellt neben Briefpapier, Anzeigen und Ähnlichem jetzt auch Broschüren her. Auftraggeber sind Bezirksämter und Kirchenkreise. Durch den Kauf einer alten Druckerei für 10 TDM kommt es zur ersten größeren Investition. Auch der Zweckbetrieb Transport wird erweitert. Die Aufnahmevoraussetzungen werden verschärft. Wer zu Release will, muss an einem festgelegten Termin nüchtern erscheinen. Eine verbindliche Hausordnung, die für alle Bewohner des Hauses Oranienstraße 175 gilt, wird eingeführt. Im September gründet sich eine Frauengruppe.

1973 Anerkennung des Vereins als gemeinnützig; Gründung des Zweckbetriebes Druckerei

Auch nach außen soll sichtbar werden, dass hier release 1 zu Hause ist.

1974 Ausbau der Zweckbetriebe Umzüge und Druckerei; Verschärfung der Aufnahmeregularien

Durchschnittlich 17 Bewohner bei steigenden Aufnahmezahlen. 139 Drogentote in Deutschland, davon 13 in Westberlin.

Zum Überleben braucht Synanon Geld - woher? Der zweite Zweckbetrieb wird die Druckerei.

1975 Umbenennung von release 1 Berlin e.V. in Synanon International e.V. Um sich deutlich von den anderen Release-Gruppen zu unterscheiden, erfolgt im Oktober die Vereinsumbenennung in Synanon International e.V. Brieflich hatte die US-Organisation Synanon Foundation Inc., die als Vorbild gilt, die Verwendung des Namens gestattet. Den Anstoss dazu gab es bereits durch die Buchempfehlung eines befreundeten Arztes im Jahre 1971, als dieser statt Morphium Lewis Yablonskys Buch Synanon - The Tunnel back „verordnete“. Die Gründungsmitglieder von Synanon in Berlin sind fasziniert Schlafetage in der Oranienstraße.

16

Chronik

Erstes selbst hergestelltes Werbeplakat in eigener Sache.

von Yablonskys spannendem Bericht über Junkies, die genauso lebten wie sie: Lügen, stehlen, Stoff besorgen, high sein, down sein, einen Affen haben, auf turkey sein. Das Buch erzählt Suchtgeschichten und beschreibt den Weg in die Nüchternheit. Eigentlich ein Lehrbuch. 1975 erscheint die deutsche Ausgabe des Buches. Synanon ist ein Kunstwort. Es entstand, als sich eines der Mitglieder der Gemeinschaft für Drogen- und Alkoholabhängige, die vom Ex-Alkoholiker Charles E. (Chuck) Dederich 1958 in St. Monica/Kalifornien gegründet wurde, während eines Meetings versprach. Bei dem Versuch, die Begriffe Symposium und Seminar in einem Atemzug auszusprechen, entschlüpfte ihm ungewollt das Wort Synanon. Der Kontakt zu Synanon in Amerika wird nicht zuletzt durch gegenseitige Besuche in den folgenden Jahren intensiviert. Der Zweckbetrieb Umzüge und Transporte wird erweitert. Die Erlangung der dafür erforderlichen Güternahverkehrskonzession setzt den Erwerb des nötigen Versicherungsschutzes voraus, den Uwe Schriever, schon damals ein Freund der Suchtselbsthilfegemeinschaft, vermittelt. Durchschnittlich 22 Bewohner, viele Aufnahmen. Deutschland, davon 31 in Westberlin.

1976 Zweites Synanon-Haus wird eröffnet: der Jägerhof im Glienicker Volkspark

Zweites Synanon-Haus. Der Jägerhof im Volkspark Glienicke.

Botschafter der Nüchternheit. Synanon auf Info-Tour in Wiesbaden.

194 Drogentote in

Steigende Aufnahmezahlen. Es wird eng im Haus Oranienstraße 175. Mit dem Jägerhof mietet Synanon ein zweites Haus an. Das in Berlin-Wannsee im Volkspark Glienicke wunderschön gelegene frühere Senatskinderheim wird ab April renoviert und bezogen und soll später eine Stätte vor allem für Synanon-Bewohner mit ihren Kindern werden. Der Nutzungsvertrag gilt zunächst nur für ein Jahr mit dreimonatiger Kündigungsfrist. Die Gemeinschaft wird dort bis zum April 1992 insgesamt 16 schöne Jahre verbringen. Ein Mitglied von Synanon USA besucht die Berliner Suchtselbsthilfegemeinschaft. Der Gegenbesuch erfolgt im Sommer des gleichen Jahres durch Irene und Ingo Warnke. Aufgrund ihrer dort gesammelten Eindrücke werden die Grundregeln im Berliner Synanon erweitert: Die Meetings, jetzt Spiele (games) genannt, gehen über ein gruppendynamisches Streitgespräch hinaus und beinhalten nun auch Unterrichtseinheiten. Die kurzgeschorenen Haare (zur deutlichen Abgrenzung von langhaarigen Fixern auf der Szene) werden zur Pflicht. Aerobic wird zur Erhöhung der Gesundheit und körperlichen Leistungsfähigkeit eingeführt. Die Entwicklung einer Vielzahl kreativer und produktiver Freizeittätigkeiten durch Synanon-Bewohner (von Holzarbeiten über Malen/Zeichnen bis hin zum Töpfern) wird gefördert, womit der Grundstock für weitere Zweckbetriebe gelegt wird. Die Ernährung wird auf Vollwertkost umgestellt. Zucker und weißes Mehl werden vom Speiseplan gestrichen. Durchschnittlich 32 Bewohner, viele Aufnahmen. Deutschland, davon 54 in Westberlin.

337 Drogentote in

17 Als einziger Bürger Berlins wird Synanon-Mitbegründer Ingo Warnke zum Neujahrsempfang des Bundespräsidenten Walter Scheel eingeladen, der damit die gemeinnützige Arbeit Synanons würdigt. Erste Kontakte zu Berliner und bundesdeutschen Gerichten. Synanon intensiviert Öffentlichkeitsarbeit. Zunehmende Außenkontakte und erste Partnerbeziehungen zwischen Synanon-Mitgliedern und Nichtsüchtigen. Gründung des Förderkreises Freunde von Synanon. Im Jägerhof wird mit dem Gemüseanbau auf biologischdynamischer Grundlage begonnen. Durchschnittlich 42 Bewohner, viele Aufnahmen. Deutschland, davon 84 in Westberlin.

1977 Bundespräsident würdigt Arbeit von Synanon; erste Kontakte zu Berliner und bundesdeutschen Gerichten

380 Drogentote in

Der Jägerhof-Garten ist eine Wildnis und wird urbar gemacht. Erste Erfahrungen mit dem biologisch-dynamischen Anbau werden gesammelt.

Im Berliner Bezirk Kreuzberg wird das heruntergekommene Haus Bernburger Straße 24-25 erworben. Der Kaufpreis beträgt 585.000 DM. Für den Barkredit bei der Bank in Höhe von 500.000 DM verbürgt sich Uwe Schriever, langjähriger Freund Synanons. Der Rest wird aus Eigenmitteln finanziert. Mit einer großzügigen Unterstützung der Stiftung Deutsche Klassenlotterie in Höhe von 2,3 Mio DM und einem sehr großen Anteil Eigenleistung werden 3.000 m² Wohn- und Nutzfläche über einen längeren Zeitraum aufwendig saniert. Zu diesem Zeitpunkt konnte niemand in Synanon ahnen, dass die Renovierungsarbeiten insgesamt 8 Jahre dauern und die Gesamtkosten das Zehnfache des Kaufpreises betragen werden. Bis zum Januar 1991 wird es über einen Zeitraum von 13 Jahren das Stammhaus der Synanon-Gemeinschaft sein. Gründung des Zweckbetriebes Tischlerei. Gründung der

1978 Erwerb eines eigenen Hauses; Gründung des Synanon-Zweckbetriebes Tischlerei; Plakataktion über die Drogengefahr; Distanzierung von Synanon Amerika

Einzug in die Bernburger Straße 24-25. Das erste eigene Haus bekommt seinen Namen.

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Chronik

Befreundete Polizeibeamte lehren mit Ju-Jutsu die Kunst der Selbstverteidigung.

Synanon-Judo(Ju-Jutsu)-Sportgruppe. Drei zum Teil aus der Gründungszeit mit Synanon eng verbundene Berliner Polizeibeamte erteilen interessierten Synanon-Bewohnern von nun an über viele Jahre hinweg Unterricht in dieser Kampfsportart. Synanon distanziert sich vom US-amerikanischen Vorbild, da die mittlerweile zur Dekadenz neigende elitäre Führungsschicht von den ursprünglichen Ideen abzuweichen beginnt, was sektierische Auswüchse zur Folge hat. Synanon startet eine medienwirksame Werbeaktion unter dem Motto: Nüchtern, für ein Leben ohne Drogen mit einer Plakat- und Aufkleberreihe, die vom Berliner Grafiker Heribert Kintscher entworfen wurde. Der Berliner Rotary-Club spendet Synanon-Mitgliedern zwei Segelreisen auf der Ostsee. Sie werden begleitet von einem Team des ZDF. Das Medieninteresse an Synanon nimmt zu. In den folgenden Jahren kommt es zu regelmäßigen Berichten, Reportagen und Interviews. Gefragt ist die Meinung Synanons zu Drogen im allgemeinen sowie zur aktuellen Drogenpolitik. Durchschnittlich 53 Bewohner, viele Aufnahmen. 430 Drogentote in Deutschland, davon 62 in Westberlin. Die Zahl der Drogenabhängigen in der Bundesrepublik wird offiziell auf 40.000 bis 60.000 geschätzt.

1978 in der Oranienstraße. Ilse Reichel, die Senatorin für Familie, Jugend und Sport und ihr Landesdrogenbeauftragter Dr. Wolfgang Heckkmann mit Ingo Warnke.

In einer Plakataktion werden die Gefahren der Drogen drastisch dargestellt.

1979 Mitgliedschaft im DPWV; Ausbildungsbeginn in der Tischlerei

Synanon wird Mitglied im Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband (DPWV) sowie in der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege. Im Jägerhof wird die bio-dynamische Anbauweise intensiviert. Die Weltsicht der Anthroposophen erschließt sich den Mitgliedern von Synanon durch Kontakte mit einer Waldorf-Lehrerin von der Rudolf-Steiner-Schule in Berlin-Zehlendorf. Es folgt der Aufbau der Kinderabteilung Synanons unter Einbeziehung dieses Gedankengutes. Ausbildungsbeginn zum Tischler für drei Synanon-Bewohner. Zwei Gruppen von Synanon besuchen auf Einladung nacheinander Kibbuze in Israel. Die Verbindungen dorthin bestehen bereits seit einiger Zeit. Dreifach-Hochzeit in Synanon. Alle Paare haben sich in Synanon kennengelernt. Durchschnittlich 63 Bewohner, 90 Aufnahmen. 623 Drogentote in Deutschland, davon 81 in Westberlin. Die Synanon-Tischlerei nimmt ihre Arbeit mit drei Auszubildenden auf.

19 Erster Erhalt von Bußgeldern, die Synanon als anerkannte Drogenhilfe aus gerichtlichen Verfahren zugesprochen werden. Nach Transport, Druckerei und Tischlerei Gründung des vierten Synanon-Zweckbetriebes: Keramik. Für die Werkstatt wird ein gebrauchter Brennofen angeschafft. In der Verwaltung von Synanon wird die elektronische Datenverarbeitung eingeführt. Durchschnittlich 78 Bewohner, 119 Aufnahmen. Deutschland, davon 52 in Westberlin

1980 Erste Bußgeld-Zuweisungen; Synanon-Zweckbetrieb Keramik entsteht; SynanonVerwaltung setzt auf EDV

494 Drogentote in

Die Synanon-Keramik ist auf vielen Märkten wie hier auf dem Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche beliebt.

Gruppenbild hinter dem Haus in der Bernburger Straße 24.

Synanon feiert im Oktober 10-jähriges Bestehen mit einem öffentlichen Fest. Es erscheint die erste Dokumentation mit dem Titel: Synanon, für ein Leben ohne Drogen. Die 1978 begonnenen Restaurierungs- und Renovierungsarbeiten im Haus Bernburger Straße 24-25 werden abgeschlossen. Der Zweckbetrieb Druckerei ist mittlerweile in der Lage, anspruchsvolle Publikationen auf eigener Fotosatzanlage im Vierfarbdruck herzustellen. Der Zweckbetrieb Umzüge hat sich dank wachsender Auftragslage auf fünf Lkw vergrößert. Durchschnittlich 80 Bewohner, 63 Aufnahmen. 360 Drogentote in Deutschland, davon 65 in Westberlin. Der Film Wir Kinder vom Bahnhof Zoo mit dem Schicksal der Christiane F. wird zum Kino-Hit. Ab Juni können hilfesuchende Süchtige jederzeit - Tag und Nacht, rund um die Uhr - und ohne Vorbedingungen zu Synanon kommen. Dieses Angebot der Aufnahme sofort ist bundesweit einmalig. Die Veränderung der Aufnahmeregularien korrespondiert mit der Novellierung des Betäubungsmittelgesetzes (BtMG), wonach auf Antrag Therapie statt Strafe für straffällig gewordene Süchtige, deren Strafmaß unter zwei Jahren liegt, möglich wird. Im Juni erhält Synanon die staatliche Anerkennung als Therapieeinrichtung gemäß § 35 BtMG.

1981 Zehnjähriges Bestehen wird gefeiert

Lukrativer Transport-Auftrag einer Berliner Teppichfirma über mehrere Jahre.

1982 Einführung des bundesweit einmaligen Angebots der Aufnahme sofort; Staatliche Anerkennung als Therapieeinrichtung; Gründung der STIFTUNG SYNANON

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Chronik Gründung der STIFTUNG SYNANON im September: Ziel ist es, durch Förderung oder eigenes Betreiben von Selbsthilfe-Einrichtungen süchtigen und suchtgefährdeten Menschen ein Leben ohne Drogen zu lehren sowie Personen zu unterstützen, die langjährig in Selbsthilfegemeinschaften gelebt und mitgearbeitet haben und deshalb auf Alters- und/oder Invaliditätsvorsorge verzichtet haben. Die wachsende Arbeit der Organisation wird innerhalb der Verwaltung mit speziell auf Synanons Bedürfnisse zugeschnittener Software bewältigt. Synanon bietet darüber hinaus im Bereich EDV-gestützter Buchhaltung und Textverarbeitung Dienstleistungen für Berliner Firmen an. Synanon beginnt mit der Suche eines Hofes auf dem Lande (mit Platz für 20 bis 30 Menschen) in Westdeutschland. Durchschnittlich 110 Bewohner, 228 Aufnahmen. Deutschland, davon 40 in Westberlin.

383 Drogentote in

Die erste Keramikwerkstatt unter dem Dach der Bernburger Straße 24. Thomas Rottenbücher an der Töpferscheibe.

Einführung der Aufnahme sofort. Mit diesem vor dem Mutter-Kind-Haus in der Peter-Lenné-Straße entstandenen Foto macht Synanon auf das bundesweit einmalige Angebot aufmerksam.

1983 Drittes Synanon-Haus wird eröffnet; Ausbau der Zweckbetriebe; Gründung der Synanon-Tochterfirma GATES

Einzug in das Mutter-Kind-Haus in der Peter-Lenné-Straße. Mit seinem großen Garten ist es ein Paradies für die Synanon-Kinder.

Mit einer renovierungsbedürftigen Villa in der Peter-Lenné-Straße im Bezirk Zehlendorf bezieht Synanon im Oktober ein weiteres Haus. Dieses ist als Mutter-Kind-Haus geplant, wird die Kindergruppen aus dem Haus in der Bernburger Straße 24-25 aufnehmen und bietet Platz für weitere junge drogensüchtige Paare mit kleinen Kindern. Der Schwerpunkt der SynanonTransporte liegt jetzt beim Umzugsverkehr. Mit mehreren Lkw wird man der wachsenden Auftragslage gerecht. Synanon-Bewohner können innerhalb dieses Zweckbetriebes ihren Führerschein und Fähigkeiten im Transport- und Umzugsgewerbe erwerben. Der Zweckbetrieb Tischlerei wird zur Haustischlerei umgewandelt, da er sich wirtschaftlich auf längere Zeit nicht tragen kann. Der Zweckbetrieb Druckerei, dem eine Repro- und eine Fotosatzabteilung angegliedert sind, wird weiter ausgebaut. Ein Synanon-Bewohner beendet erfolgreich eine extern durchgeführte Erzieherausbildung. Mit Gründung der Firma GATES wird das erste SynanonNachsorge-Modell geschaffen. Die GmbH für Verwaltungs- und Managementaufgaben sowie Beratung und Schulung mietet

21 Räume in der Nähe des Haupthauses Bernburger Straße 24-25 an. Ehemalige Synanon-Bewohner arbeiten mit externen Fachleuten zusammen an Aufgaben. Sie üben für Synanon Verwaltungs- und Managementfunktionen aus und entwickeln Software für den Sozialbereich außerhalb Synanons. Erstmalig findet im Rahmen der halbjährlich stattfindenden Synanon-Tage ein großes Ehemaligen-Meeting statt. Die Kontakte und Freundschaften zu Menschen, die Synanon verlassen haben und nüchtern leben, werden erleichtert. Durchschnittlich 140 Bewohner, 292 Aufnahmen. Deutschland, davon 76 in Westberlin.

Endlich fertig. Die neue alte Fassade ist ein Werk der Denkmalpfleger. Der Schwerpunkt der Synanon-Transporte liegt jetzt beim Umzugsverkehr. Umzugs-Lkw vor dem Haus Bernburger Straße 24.

472 Drogentote in

1984

Schichtwechsel. Am Nachmittag übernehmen die Mütter ihre Kinder aus dem Kinderdienst.

Synanon erhält den Kinderschutzpreis der Hanse-Merkur-Versicherung in Hamburg. Im September erwirbt Synanon das 118 Hektar große Hofgut Fleckenbühl bei Marburg im Bundesland Hessen. Der landwirtschaftliche Betrieb wird in der Rechtsform einer gemeinnützigen und mildtätigen GmbH geführt, die im April gegründet wurde. Der Zweckbetrieb Umzüge ist seit Anfang des Jahres zur Durchführung des Möbelfernverkehrs berechtigt. Die ersten Fernumzüge gehen nach Hamburg, Hannover und Bremen. Synanon beginnt mit der Planung eines Neubaus, der auf dem Eckgrundstück Bernburger Straße 10 (gegenüber dem Haupthaus Bernburger Straße 24) entstehen soll, und tritt mit dem Bezirksamt Kreuzberg in Verhandlung über einen Erbbaurechtsvertrag. Mittlerweile ist Synanon in allen überregionalen Bußgeldlisten der Oberlandesgerichte verzeichnet. Ereignisse: Initiierung und Teilnahme an verschiedenen Veranstaltungen wie Konzerten und Töpfermärkten. Wiederholte Teilnahme von Synanon-Bewohnern am BerlinMarathon. Öffentliches Interesse an Synanon besteht nach wie vor. So sind Vertreter Synanons im Rahmen der ZDF-Suchtwoche im Oktober als Diskutanten im Fernsehen vertreten. Darüber hinaus nehmen Synanon-Mitglieder an verschiedenen Drogen-Fachtagungen in Berlin, Mainz und Hamburg teil. Angehende Sozialarbeiterinnen absolvieren bei Synanon ihr Praktikum. Durchschnittlich 160 Bewohner, 366 Aufnahmen. Deutschland, davon 32 in Westberlin.

361 Drogentote in

Synanon erhält Kinderschutzpreis; Erwerb des Hofguts Fleckenbühl, Planung eines SynanonHauses (Neubau) in der Bernburger Straße 10

Erwerb des Hofguts Fleckenbühl. Luftaufnahme vom Hof.

22

Chronik

1985 Hofgut Fleckenbühl wird in Betrieb genommen

Blick in den Fleckenbühler Kuhstall.

1986 Abschluss der Instandsetzungsarbeiten am Haus Bernburger Straße 24-25; Gründung des Synanon-Fachverlages; Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an zwei Synanon-Mitglieder

Die Inbetriebnahme des landwirtschaftlichen Zweckbetriebes beginnt mit Instandsetzungsarbeiten. Es folgt die Umstellung auf biologisch-dynamische Wirtschaftsweise. Die Auflagen des Demeter-Fachverbandes werden erfüllt. Synanon-Bewohner nehmen verstärkt an Weiterbildungskursen teil. Ein Synanon-Bewohner beendet erfolgreich seine Bäckerlehre. Die Druckerei beginnt mit der Herstellung und dem Vertrieb von Wohlfahrtsmarkenheften für die Zentrale des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Die Öffentlichkeitsarbeit wird erweitert. Namhafte Mediziner, Psychiater und Drogenexperten halten Vorträge in Synanon zu brisanten Themen wie zum Beispiel HIV und HCV mit anschließender Diskussion. Gesponsert von der Bayer AG, wird im Sommer ein halbstündiger Film über Synanon gedreht. Parallel zum Wirtschaftsgipfel findet ein Treffen der First Ladys Marianne Freifrau von Weizsäcker und Nancy Reagan, die die Anti-Drogen-Kampagne Just say No ins Leben gerufen hatte, statt. Zu dieser Veranstaltung eingeladen ist ein Vertreter Synanons. Durchschnittlich 180 Bewohner, 340 Aufnahmen. Deutschland, davon 39 in Westberlin.

324 Drogentote in

Nach 8 Jahren Bauzeit sind die Arbeiten am Haupthaus Bernburger Straße 24-25 abgeschlossen. Die Einweihungsfeier findet in feierlichem Rahmen mit zahlreichen Vertretern aus Politik und Gesellschaft statt. Die Senatorin für Jugend und Familie legt dem Abgeordnetenhaus von Berlin ein Finanzierungskonzept für den Synanon-Neubau Bernburger Straße 10 vor. Hofgut Fleckenbühl erhält die Anerkennung als biologisch-dynamischer Betrieb. Der Synanon-Fachverlag nimmt als sechster Zweckbetrieb mit der Herausgabe der Zwei-Monats-Zeitschrift SuchtReport - Europäische Fachzeitschrift für Suchtprobleme die Arbeit auf (Erstauflage: 10.000 Stück). Synanon wird Mitglied im Bundesverband der Druckindustrie und erhält so die Möglichkeit, auf die Bildungsangebote der Branche zurückzugreifen. Im Mai erhalten Synanons 1. Vorsitzender Ingo Warnke und Geschäftsführer Ralph-Dieter Wilk von Bundespräsident Richard von Weizsäcker das Bundesverdienstkreuz als Anerkennung für ihre langjährige und erfolgreiche Arbeit in der Drogenhilfe. Besuche in befreundeten Kibbuzen in Israel. Teilnahme an der Veranstaltungsreihe Suchtwoche des ZDF im Oktober. Kunstausstellungen im Synanon-Haus. Novum in der Geschichte Synanons: Erstes Angestelltenverhältnis mit einem ehemaligen Synanon-Bewohner. Ralph-Dieter Wilk verlässt nach 11 Jahren Zugehörigkeit zusammen mit Frau und Kind die Synanon-Gemeinschaft und arbeitet weiterhin als Geschäftsführer für Synanon. Diese Entscheidung des Vorstandes stößt bei vielen Mitgliedern der Synanon-Gemeinschaft auf Vorbehalte und Kritik. Durchschnittlich 200 Bewohner, 388 Aufnahmen. 348 Drogentote in Deutschland, davon 55 in Westberlin. Nach Schätzungen des BKA gibt es 60.000 Drogenabhängige in der Bundesrepublik.

Erstausgabe des SuchtReport Nov/Dez 1986.

23 Der Bewilligungsausschuss bei der Wohnungsbau-Kreditanstalt Berlin (WBK) hat sich für eine Förderung des Synanon-Neubaus Bernburger Straße 10 entschieden. Die Senatsverwaltung für Jugend und Familie fördert das Bauvorhaben mit 1,9 Mio DM. Im Mutter-Kind-Haus in der Peter-Lenné-Straße werden die umfangreichen Instandsetzungsmaßnahmen mit einer Einweihungsfeier beendet. Im Rahmen des Ausbaus der biologisch-dynamischen Landwirtschaft auf dem Hof Fleckenbühl legt ein Synanon-Bewohner erfolgreich die Prüfung zum Landwirtschaftsmeister ab. Synanon-Mitbegründer Ingo Warnke wird am 1. Oktober vom Regierenden Bürgermeister von Berlin, Eberhard Diepgen, im Rahmen einer Feierstunde am Tag der Verfassung in Anerkennung seiner hervorragenden Verdienste um Berlin der Verdienstorden des Landes Berlin verliehen. Synanon-Geschäftsführer Ralph-Dieter Wilk hält anlässlich der 13. Weltrechtskonferenz in Seoul, Südkorea, in der Sektion Health and Drug Law einen Vortrag zum Thema Therapie statt Strafe. Als Reaktion darauf folgen Berichterstattungen und Interviews in den deutschen Medien. Die Gattin des Bundespräsidenten, Marianne Freifrau von Weizsäcker, besucht in Begleitung ihrer persönlichen Referentin Synanon.

1987 Neubau des Synanon-Hauses Bernburger Straße 10 bewilligt; Ausbau der biologischdynamischen Landwirtschaft; Verdienstorden des Landes Berlin an Synanon-Mitbegründer; Teilnahme an Weltrechtskonferenz

Durchschnittlich 185 Bewohner, 468 Aufnahmen. 442 Drogentote in Deutschland, davon 41 in Westberlin. Die Anzahl der Betäubungsmittelabhängigen wird auf über 80.000, die der Kokainmissbraucher auf 5.000 bis 10.000 geschätzt. Die Finanzierung des dem Stammhaus gegenüber gelegenen Neubaus in der Bernburger Straße 10 ist gesichert. Baubeginn ist am 1. April. Bei der Grundsteinlegung am 14. Oktober sind u. a. die Bürgermeisterin Hanna Renate Laurin, der Staatssekretär für Jugend und Sport Prof. Dittberner sowie Kreuzbergs Bürgermeister Wolfgang Krüger mit Reden und Grußworten vertreten. In der Bernburger Straße 26 wird das Ladengeschäft Kunstpause eröffnet. Verkauft werden dort Waren des Zweckbetriebes Keramik sowie gestiftete Grafiken Berliner Künstler. Neben Irene Warnke und Synanon-Freund Edgar-Carlo Bettermann stellen weitere Künstler ihre Bilder und Arbeiten wechselnd aus. Hof Fleckenbühl erhält den Umweltpreis des Landkreises Marburg-Biedenkopf. Die wichtigsten Baumaßnahmen und Instandsetzungsarbeiten dort werden abgeschlossen. Im August wird den Polizeibeamten Klaus Scheel, Detlef Eichhorn und Herbert Staack für ihre mehrjährige ehrenamtliche Tätigkeit als Sportlehrer für Synanon im Rahmen einer feierlichen Veranstaltung das Bundesverdienstkreuz verliehen. Für das seit 1984 ehrenamtliche Vertreiben von Wohlfahrtsbriefmarken und Markenheften im Auftrag des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes (DPWV) überreicht Bundespräsident Richard von Weizsäcker eine Urkunde an einen Vertreter Synanons, der diese stellvertretend für den Berliner Landesverband des DPWV entgegen nimmt. Der ehemalige Generalbevollmächtigte für Wirtschaftsförderung des Landes Berlin, Robert G. Layton, sagt Synanon im November seine ehrenamtliche Mithilfe als Wirtschaftsberater zu. Schwerpunkt ist die Entwicklung langfristiger finanzieller und organisatorischer Konzepte. Der erste Schritt in diese Richtigung beginnt 1989 mit einem einjährigen Beschäftigungs- und Qualifizierungsprogramm für eine begrenzte Anzahl von

1988 Finanzierung des SynanonNeubaus gesichert; Eröffnung des Ladengeschäfts Kunstpause; Hof Fleckenbühl erhält Umweltpreis; Einführung eines Beschäftigungs- und Qualifizierungsprogramms

Gegenüber der Bernburger Straße 24 wird die Baugrube für das neue Haus Bernburger Straße 10 ausgehoben.

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Chronik Synanon-Bewohnern. Der Fuhrpark des Synanon-Zweckbetriebes Umzüge und Transporte wird auf 5 Möbelkofferwagen, 2 Kipper und ein 18-TonnerFahrzeug erweitert. Durchschnittlich 208 Bewohner, 549 Aufnahmen. 670 Drogentote in Deutschland, davon 80 in Westberlin. Nordrhein-Westfalen startet einen Modellversuch mit der Ersatzdroge Methadon. Jahresfest auf Hof Fleckenbühl.

1989 Aufnahme süchtiger Menschen aus der DDR; Start des Beschäftigungs- und Qualifizierungsprogramms; Demeter-Anerkennung für Hof Fleckenbühl

Eigenleistungen am SynanonNeubau Bernburger Straße 10.

Das neue Synanon-Haus in der Bernburger Straße 10 kurz vor der Einweihung.

1990 Einweihung des Synanon-Hauses Bernburger Straße 10; Fortsetzung des staatlich geförderten Beschäftigungsprogramms, Aufnahmezahlen steigen um 70 %

Im März lädt die Synanon-Gemeinschaft zum Ehemaligen-Treffen ein, dass von nun an regelmäßig zweimal im Jahr - zu Ostern in Berlin, im November in Fleckenbühl - stattfinden soll. Synanon beginnt damit, ehemalige Bewohner und andere nüchtern lebende Süchtige als gleichberechtigte Partner des Nüchternseins anzusprechen. Teilnahme an diversen Veranstaltungen und Kongressen. Hof Fleckenbühl erhält für seine Vieh- und Landwirtschaft die Anerkennung als Demeter-Betrieb. Im Hofladen werden Käse, Fleisch, Brot und Gemüse aus eigenem Anbau verkauft. Veränderte Aufnahmeregelung durch Einführung einer Probezeit von 14 Tagen für Neuankömmlinge. Erst nach dieser Zeit wird von den Bewerbern eine Entscheidung über eine längere Verweildauer in Synanon erwartet. Ab 1. April nehmen 29 Männer und 6 Frauen von Synanon an einem staatlichen Beschäftigungsprogramm mit besonderen berufsorientierten Beschäftigungs- und Qualifizierungsmaßnahmen teil. Die Zusammenarbeit erfolgt mit den Senatsverwaltungen für Arbeit, Verkehr und Betriebe sowie Gesundheit und Soziales und dem Bezirksamt Kreuzberg. Durch diese sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse werden erstmals in der Geschichte Synanons Bewohner in die Lage versetzt, mitgebrachte Schulden, Unterhaltsverpflichtungen und dgl. ganz bzw. teilweise begleichen zu können. Nach Grenzöffnung werden die ersten Hilfe suchenden Alkohol- und/oder Medikamentenabhängigen sowie drei Fixer aus der DDR aufgenommen. Der Neubau in der Bernburger Straße 10 ist noch nicht bezugsfertig und der Altbau gegenüber ist überbelegt. Der Anspruch, jederzeit jede abhängige Person in jedem Zustand aufzunehmen, fordert der Synanon-Gemeinschaft mehr denn je ab. Über Synanon wird in zahlreichen Medien, auch in denen der DDR, berichtet. Die Redaktion des Synanon-Fachverlages erhält von Günter Dahl, einem erfahrenen Journalisten des Magazins Stern und Freund aus den Gründungsjahren, fachliche Beratung und Unterstützung. Durchschnittlich 240 Bewohner, 689 Aufnahmen. Deutschland, davon 94 in Westberlin.

991 Drogentote in

Feierliche Eröffnung des Neubaus Bernburger Straße 10 am 15. Januar mit Gästen aus Politik und Öffentlichkeit wie der Bürgermeisterin Ingrid Stahmer, der Senatorin Anne Klein, dem Vorsitzenden des DPWV, Prof. Sengling, und anderen. Das Beschäftigungs- und Qualifizierungsprogramm wird von 35 auf 50 Plätze erweitert. Synanon-Zweckbetriebe engagieren sich in vielfältiger Art und Weise. So wird der Hof Fleckenbühl Mitglied der

25 Eröffnungsfeier des Synanon-Hauses in der Bernburger Straße 10.

Arbeitsgemeinschaft für Verarbeitung und Vertrieb von Demeter-Erzeugnissen e.V., Mitarbeiter der Druckerei besuchen wie in den Vorjahren die Fachmesse Drupa in Düsseldorf, der Fachverlag gibt mit dem Anti-Drogen-ABC eine Loseblatt-Sammlung heraus, der neu gegründete Zweckbetrieb Bäckerei mit dem Schwerpunkt auf Demeter-Produkte wird Mitglied der Bäckerinnung, der neu gegründete und somit achte Synanon-Zweckbetrieb Speise-Café & Markt öffnet in natürlich rauch- und alkoholfreier Atmosphäre mit der Ausstellung eines Malers. Traditionell finden in Synanon Kunstausstellungen, Konzert- und Musikveranstaltungen statt. Dr. Dietrich Kleiner, Psychiater und Drogenexperte und langjähriger Freund Synanons sowie engagiert im Informationskreis Drogenprobleme e.V., initiiert in den Räumen von Synanon eine Informationsveranstaltung, der 300 Mediziner aus der noch-DDR folgen. Ingo Warnke referiert an der Humboldt-Universität in Ostberlin vor 70 Ärzten zum Thema Suchtprophylaxe. Der Informationsbedarf ist groß und Synanon gefragt. Durchschnittlich 310 Bewohner, 1.068 Aufnahmen. Deutschland, davon 134 in Westberlin.

1.491 Drogentote in

Aufgrund der durch die Wiedervereinigung Deutschlands enorm angestiegenen Aufnahmezahlen in Synanon glauben die Verantwortlichen, diesem Bedarf auch künftig räumlich entsprechen zu müssen. Sie entschließen sich, das Stammhaus Bernburger Straße 24-25, das bei Erwerb im Jahre 1978 im Grenzgebiet einen Dornröschenschlaf fristete, aufzugeben. Vom Verkaufserlös dieses Hauses werden zwei von der Treuhandanstalt angebotene Grundstücke erworben. Zum einen das Grundstück Herzbergstraße 82 - 84 in Berlin-Lichtenberg, das das neue Synanon-Stammhaus werden soll, sowie das im Hohen Fläming (Land Brandenburg) gelegene ehemalige VEG (volkseigenes Gut) Schmerwitz. Letzteres mit der Verpflichtung, 65 ehemalige VEG-Mitarbeiter in einer zweijährigen ABM-Maßnahme für den Bereich des ökologischen Landbaus zu schulen und anschließend 25 Mitarbeiter fest einzustellen. Zweck der daraufhin gegründeten gemeinnützigen GmbH Gut Schmerwitz ist es, Synanon-Bewohnern Arbeitsmöglichkeiten in der

Zur Eröffnung des Hauses Bernburger Straße 10 spricht die Berliner Bürgermeisterin Hanna-Renate Laurien.

Senatorin Ingrid Stahmer (li.) und Bürgermeisterin Hanna-Renate Laurien mit Ingo Warnke.

1991 Verkauf des Stammhauses Bernburger Straße 24-25; Kauf des Grundstücks Herzbergstraße 82 - 84 in Berlin-Lichtenberg; Ewerb eines landwirtschaftlichen Betriebes im Land Brandenburg; 20-jähriges Bestehen Synanons

26

Chronik

Gut Schmerwitz mit 1.300 ha landwirtschaftlicher Nutzfläche wird erworben.

Landwirtschaft zu bieten. Bei der Umstellung auf biologisch-dynamischen Landbau übernimmt das Hofgut Fleckenbühl die Patenschaft. Brandenburgs Ministerin Dr. Regine Hildebrandt sagt nach einem Besuch in Schmerwitz, bei dem sie sich umfassend über die Vorhaben Synanons informierte, ihre künftige Unterstützung zu. Die beiden neuen Projekte stellen die leitenden Synanon-Mitglieder auf eine Belastungsprobe. Die räumlichen Improvisationen und die vermehrten Aufnahmen müssen gemeinsam mit immer mehr jüngeren und noch nicht so lange zur Gemeinschaft gehörenden SynanonMitgliedern bewältigt werden, denen Spezialwissen in den Haus- und Arbeitsbereichen noch vermittelt werden muss. Termine: Teilnahme mit einem Informationsstand des Synanon-Fachverlags beim 14. Bundesdrogenkongress des Fachverbandes Drogen und Rauschmittel e.V. (FDR). Empfang des Präsidenten des Präsidentenhauses von Malaysia und andere mehr. Im Oktober begeht Synanon das 20-jährige Bestehen improvisiert im neuen, noch instandzusetzenden Stammhaus Herzbergstraße, in das als erster Zweckbetrieb die Druckerei einzieht. Durchschnittlich 360 Bewohner, 724 Aufnahmen, 583 Krisenaufenthalte. 2.125 Drogentote in Deutschland, davon 240 in Berlin.

Verkauft: Synanon-Haus in der Bernburger Straße 24 (rechts). Gegenüber steht der Neubau Bernburger Straße 10.

Das Haus Herzbergstraße 82 - 84 kurz nach dem Erwerb (Innenhof).

1992 Ausbau des neuen Stammhauses Herzbergstraße; Ziele in der Drogenhilfe werden schriftlich fixiert; Weiterhin steigende Aufnahmezahlen

Die umfangreichen Bauarbeiten im neuen Stammhaus Herzbergstraße laufen auf Hochtouren. Künftig sollen dort alle Synanon-Zweckbetriebe einschließlich Verwaltung angesiedelt werden. Bereits im Juni wird die Bäckerei provisorisch in Betrieb genommen. Zu Jahresbeginn wird für alle Mitglieder der Verwaltung ein Bildungspass erstellt, der Bildungsangebote unter Berücksichtigung individueller Fähigkeiten bereit hält. SynanonMitglieder beginnen, ihre bisher verfolgten Ziele in der Drogenhilfe und die dazu notwendigen Maßnahmen und Voraussetzungen systematisch zu beschreiben und detailliert zu fixieren. Damit legen sie ihr Konzept der Suchthilfe in curricular-ähnlicher Form gemeinschaftlich und überpersonell fest. Sonstige Ereignisse: Empfang einer Delegation aus Guatemala, deren Teilnehmer sich als Gäste der Konrad-Adenauer-Stiftung einen Überblick über Sinn, Ziele und Methodik Synanons verschaffen möchten. Doppelhochzeit im

27 Mai. Damit gab es insgesamt 20 Eheschließungen in Synanon. Aufgabe des Jägerhofs im Juni mit Abschiedsfeier im April. Ein Teil der Bewohner zieht nach Schmerwitz und baut dort die Keramikwerkstatt auf. Der Zweckbetrieb Speisecafé wird vorerst geschlossen, denn Küche und Speiseraum werden für die Bewohner der Bernburger Straße 10 benötigt. Im Sommer erholen sich 20 Kinder aus Tschernobyl in Berlin und Schmerwitz. Hof Fleckenbühl nimmt teil an der im Zwei-Jahres-Rhythmus stattfindenden Leistungsschau der regionalen Wirtschaft, die zur Eröffnung von Hessens Ministerpräsident Hans Eichel besucht wird. Im November besichtigt der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen anlässlich seines Bezirksbesuches in Berlin-Lichtenberg das Haus Herzbergstraße. Mittlerweile leben und arbeiten dort ca. 50 Synanon-Bewohner unter provisorischen Bedingungen. Mit dem Mauerfall und der Wiedervereinigung Deutschlands ist für Synanon eine Zeit des raschen Wachstums gekommen. Die Gemeinschaft ist sich bewusst darüber, dass dies eine Besinnung auf die eigenen Ziele und Werte erfordert.

Baugrube für den Neubaukomplex Herzbergstraße in Berlin-Lichtenberg.

Durchschnittlich 450 Bewohner, 740 Aufnahmen, 503 Krisenaufenthalte. 2.099 Drogentote in Deutschland (in den neuen Bundesländern 3), davon 217 in Berlin. Die Anzahl der Betäubungsmittelverbraucher wird auf 100.000 bis 120.000, die der Aufputschmittelverbraucher (Kokain) auf über 40.000 geschätzt.

1993 Bauarbeiten in der Herzbergstraße schreiten voran; Mittlerweile 128 Synanon-Bewohner in Schmerwitz - Ausbau für 500 Menschen in Planung; Inbetriebnahme der Milchwirtschaft; Arbeitsbesuch von Vertretern des Berliner Drogenreferats in der Bernburger Straße 10

Skizze des neuen Synanon-Gebäudekomplexes in der Lichtenberger Herzbergstraße 82 - 84.

Das Haus Herzbergstraße soll nach Abschluss der Arbeiten, die noch bis 1996 andauern werden, Wohn- und Arbeitsraum für 500 Menschen bereit halten. Es ist somit das größte Bauvorhaben in der bisherigen Geschichte Synanons. Das Jahresfest zum 22-jährigen Bestehen findet am 9. Oktober zusammen mit einer Bauausstellung statt. Gute Kontakte zum Nachbarn, dem evangelischen Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge bestehen bereits. In Schmerwitz hat sich die Zahl der Bewohner von 40 auf 128 erhöht. Künftig sollen 500 süchtige Menschen in Schmerwitz ein neues Zuhause finden. Über Fördermöglichkeiten und andere wirtschaftliche Aspekte beraten vor Ort Brandenburgs Ministerpräsident Dr. Manfred Stolpe, Vertreter der Staatskanzlei und des Wohnungsbauministeriums sowie Landräte mit

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Chronik

Eröffnung der Milchwirtschaft auf Gut Schmerwitz.

Vertretern Synanons und deren Baubetreuern und Architekten. Anfang April besichtigen Vertreter des Brandenburgischen Ministeriums für Umwelt, Naturschutz und Raumordnung das Pilotvorhaben Biotop-Verbundsystem Schlamau-Schmerwitz. Im September findet auf Gut Schmerwitz das Richtfest des Kuhstalls in Hagelberg mit Platz für 250 Milchkühe statt. Im November dann die vorläufige Einweihungsfeier der Milcherzeugungsanlage mit EDVgestützter Futterzuteilung. Unter den mehr als 1.000 Gästen befinden sich Staatssekretäre des Ministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, der Landrat und der Architekt. Auf Hof Fleckenbühl in Hessen wird das Cafe Fleck mit angeschlossener Vollkornbäckerei eröffnet. Ein Hof-Bewohner legt die Prüfung zum Tierwirtschaftsmeister ab. Im Oktober besuchen Vertreter des Berliner Drogenreferats das Haus Bernburger Straße 10 und sprechen dort mit Verantwortlichen der Abteilung für zivil- und strafsächliche Betreuung. Vor dem Hintergrund der steigenden Aufnahmezahlen ist kompetente Beratung und Unterstützung dringend erforderlich. Sonstige Ereignisse: Besuch eines Gastprofessors aus China in Berlin und Schmerwitz. Auf Initiative von Irene Warnke findet die erste Schmerwitzer Kunstwoche statt. Künstler sind eine Woche lang in Schmerwitz zu Gast und arbeiten mit SynanonBewohnern an verschiedenen Kunstprojekten. Durchschnittlich 486 Bewohner, 1.089 Aufnahmen, 406 Krisenaufenthalte. 1.783 Drogentote in Deutschland (in den neuen Bundesländern 2), davon 142 in Berlin.

1994 Zahlreiche Besuche durch Vertreter von Bundes- und Landesministerien sowie ausländischer Regierungsvertreter

Seitenflügel des Kuhstalls in Hagelberg auf Synanon-Gut Schmerwitz.

Gut Schmerwitz empfängt in diesem Jahr besonders viele Gäste: Zu einem Gespräch über geplante Projektmaßnahmen unter der Überschrift Arbeit statt Sozialhilfe teffen sich die Leiterin des Sozialamtes, Vertreter des Landesamtes für Soziales und Versorgung und ein Mitarbeiter des Landesdrogenbeauftragten von Brandenburg mit Vertretern von Synanon. Ebenso finden Gespräche mit Brandenburgs Minister Hirch zur Neu- und Umgestaltung des Landschaftsbildes Hagelberg statt. Im Juli besucht die Parlamentarische Staatssekretärin Dr. Sabine Bergmann-Pohl Synanon Gut Schmerwitz. Auf ihrer Tour durch die neuen Bundesländer stattet die Umweltministerin des Landes Niedersachsen, Monika Griefahn, einen Besuch ab. Im Dezember dann wird Brandenburgs Umweltminister Matthias Platzeck empfangen. Hof Fleckenbühl erhält im August überraschend Besuch von Hessens Ministerpräsident Hans Eichel. Am 10. September wird 10-jähriges Bestehen gefeiert. 2.000 Gäste folgen der Einladung. An diesem Tag leben 115 Synanon-Bewohner, 92 Rinder, 45 Schweine, 5 Pferde sowie ungezählte Ziegen, Hunde und Katzen dort. Am 22. Dezember überreicht der hessische Staatssekretär Alexander Müller den Bewilligungsbescheid zum Aus- und Erweiterungsbauvorhaben für das Hofgut. Die Synanon-Bäckerei nimmt am Demeter-Fachgruppentreffen in Weinheim teil. Ereignisse: Zweite Schmerwitzer Kunstwoche findet statt. Feier zum 23-jährigen Bestehen Synanons in der Herzbergstraße. Vorträge befreundeter Mediziner in Synanon-Häusern: Unter anderen referiert Dr. Salloch Vogel vom Jüdischen Krankenhaus zum Thema Rückfallverhinderung und Tragen von Verantwortung für mich selbst und informiert darüber hinaus über Suchtstoffe in Lebensmitteln.

29 Besuche statten ab: Mitglieder des israelischen Kibbuzes Magen, der Direktor des malayischen Anti-Narcotics Task Force in Kuala Lumpur, Mitglieder der französischen Arche-Gemeinschaft La Fleyssiere, die Schweizer Nationalrätin Dr. Judith Stamm, die die Synanon-Häuser und Gut Schmerwitz besichtigt, sowie Mitglieder der staatlichen Selbsthilfeorganisation Fröso aus Schweden. 506 Bewohner per 01.01., 802 Aufnahmen, 258 Krisenaufenthalte. 1.624 Drogentote in Deutschland (in den neuen Bundesländern 6), davon 108 in Berlin. Die Zahl der Betäubungsmittelabhängigen (Heroin/Kokain) wird auf 150.000 bis 200.000 geschätzt. Dem Wunsch nach Selbständigkeit folgend, trennt sich im September nach 11 Jahren die Gemeinschaft auf Hof Fleckenbühl organisatorisch von Synanon in Berlin und Brandenburg. Als Suchthilfe Fleckenbühl e.V. arbeitet das Gut nach Synanon-Regeln weiter. Mit der Abtrennung im Sinne einer Zellteilung beginnt in der über 20-jährigen Geschichte Synanons ein neuer Abschnitt. Die Muttergemeinschaft Synanon lässt eines ihrer erwachsen gewordenen Kinder in die Selbständigkeit und Eigenverantwortlichkeit ziehen im Vertrauen darauf, dass das erwachsene Kind seinen weiteren Weg nach den Grundsätzen Synanons gehen wird. Mit Fortschreiten der Fertigstellung des neuen Stammhauses in der Lichtenberger Herzbergstraße, das Platz für 500 süchtige Menschen bieten soll, trennt sich Synanon schweren Herzens vom Mutter-Kind-Haus in der Peter-Lenné-Straße in Berlin-Dahlem. Da die angegangenen Großprojekte die Verantwortlichen in weiten Teilen anfangen zu überfordern und zudem die Gemeinschaft immens belasten, holt Synanon für Fragen der Organisation und Führung erstmals die Hilfe professioneller Unternehmensberater ins Haus. Die Mitarbeiter der holländischen Beratungsgesellschaft NPI interviewen und beraten bei mehreren Besuchen in Schmerwitz und Berlin. Besuche: Der parlamentarische Staatssekretär und Drogenbeauftragter der Bundesregierung Eduard Lintner informiert sich bei einer Führung durch das Haus Herzbergstraße über Synanon. Er wird begleitet vom Vorstandsvorsitzenden Ingo Warnke und Geschäftsführer Ralph-Dieter Wilk. Dr. Sabine Bergmann-Pohl, parlamentarische Staatssekretärin, und Dr. Hans Hinrich Knappe, MdB, besuchen Gut Schmerwitz. Ein Mitglied des

Auf Gut Schmerwitz haben alle Schweine einen großen Auslauf.

1995 Hof Fleckenbühl wird selbständig

Gut Schmerwitz: Gesunde Hühner brauchen Auslauf, Aufmerksamkeit und Pflege.

Vertrauen fassen zur neuen Umgebung. Eine neuaufgenomme Mutter begleitet ihre Kinder in den Kinderbereich.

Bis zur Aufgabe der Peter-Lenné-Straße hatte der Fachverlag dort sein Zuhause.

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Chronik Europäischen Parlaments im Politikbereich Drogenkriminalität und Drogenbekämpfung diskutiert im Haus Bernburger Straße 10 mit Vertretern Synanons über Fragen der Suchtarbeit und Suchtpolitik. Über das Jahr verteilt finden zahlreiche Veranstaltungen wie Tage der offenen Tür, Kunstwoche und Jahresfest in Schmerwitz statt. 437 Bewohner per 01.01., 677 Aufnahmen, 200 Krisenaufenthalte. 1.463 Drogentote in Deutschland (in den neuen Bundesländern 7), davon 72 in Berlin (bei geschätzten 8.000 Drogenabhängigen). Jeder 20. Deutsche gilt als suchtkrank. Allein die Zahl der Medikamentenabhängigen wird auf 1,4 Millionen Menschen geschätzt. Mit einem Pro-Kopf-Verbrauch von 11,4 Litern Alkohol liegt Deutschland weltweit an der Spitze.

Gut Schmerwitz: Das Oloid. Kunstobjekt und Rührgerät für bio-dynamische Präparate.

Blick in die Keramikwerkstatt in Schmerwitz.

1996 Namensumbenennung von Synanon International e.V. in Synanon e.V.; 25 Jahre Synanon und Einzug in die Herzbergstraße werden groß gefeiert

Baubesprechnung: Peter Elsing, Leiter des neuen Synanon-Hauses Herzbergstraße, bespricht Details mit den Architekten.

Namensumbenennung von Synanon International e.V. in Synanon e.V. Synanon feiert 25-jähriges Jubiläum und den Einzug in das neue Stammhaus Herzbergstraße 82 - 84, das aufgrund der finanziellen Fehlplanung bereits zu diesem Zeitpunkt schon an einen Immobilienfonds verkauft worden war. Die Einzugsfeier findet am 20.9. und 21.9. mit ca. 1.700 Gästen, einem bunten Programm und zahlreich auftretenden Künstlern statt. Festredner sind der Bundesdrogenbeauftragte Eduard Lintner und die Berliner Senatorin für Jugend und Familie Ingrid Stahmer. Mit dem Projekt Herzbergstraße ging eine Ära zu Ende und eine neue beginnt. Ein Pionier der Herzbergstraße hat es schon 1992 einmal treffend beschrieben: Neue Synanisten mussten hier früh Verantwortung übernehmen, wodurch der Status in der Synanon-Hierarchie, anders als in unseren anderen Häusern, zweitrangig wurde. In dem kleinen Rahmen wurden auch die vielen kleinen Gebote und Einschränkungen viel beweglicher gehandhabt, was den Umgang miteinander letztlich entspannte ... Es kommen ganz neue Leute, die gewissermaßen eine fertige Situation vorfinden, und alte Synanisten, die ihre Vorstellungen dem hiesigen Stil anpassen müssen. Auch das ist wieder sehr spannend. Hier wie auch in Schmerwitz wird Synanon sich merklich verändern.

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Synanon-Haus Herzbergstraße: Blick in den Speisesaal (li.), Hausansicht (u.)

5 Jahre Synanon Gut Schmerwitz. Das brandenburgische Wohnungsbauministerium bewilligt den Bau von 60 Wohneinheiten mit 150 Wohnplätzen. Konkret heißt das, dass mit dem Bau der geplanten 11 Neubauten im Dorf Schmerwitz begonnen werden kann, deren Fertigstellung für Ende 1997 geplant ist. In der hauseigenen Zeitung Neues von Synanon wird dazu geschrieben, dass man über die zunächst bewilligten Wohnplätze hinaus auf weitere mit entsprechenden Gemeinschaftsflächen für dann insgesamt 500 Menschen hoffe. Die Vision der Verantwortlichen von einem Synanon-Dorf wird weiter verfolgt. Die Fachzeitschrift SuchtReport erscheint seit nunmehr 10 Jahren, das Mitteilungsblatt Neues von Synanon seit 20 Jahren. 315 Bewohner per 01.01., 633 Aufnahmen, keine Angaben über Krisenaufenthalte erfasst. 1.624 Drogentote in Deutschland (in den neuen Bundesländern 6), davon 108 in Berlin. Seit 1990 hat sich die Zahl der 14- bis 15-jährigen Ecstasy-Konsumenten verdreifacht, bisher haben 540.000 Menschen Erfahrungen damit gemacht.

In den Jahren 1996/1997 gerät Synanon in die sich schon länger vorher abzeichnende schwere wirtschaftliche Krise. Grobe Managementfehler und Fehleinschätzungen der Verantwortlichen werden offenbar. Interne Meinungsverschiedenheiten zwischen den Verantwortlichen eskalieren. Die angegangenen Großprojekte unter Beratung und Betreuung von Bauträgern und Architekten entwickeln sich zu einem Fiasko, aus dem sich Synanon ohne fremde Hilfe nicht mehr befreien kann. Die Existenz der seit 25 Jahren bundesweit größten Suchtselbsthilfe ist bedroht. Vom Vorstand des Synanon e.V. Ende 1996 um Hilfe gebeten, sagt Uwe Schriever Anfang 1997 wieder einmal seine Unterstützung zu. Aus der anfänglichen Bereitschaft, für eine kurze Zeit beratend zur Seite zu stehen, wird schnell klar, dass tatsächliche Hilfe nur über einen längerfristigen Zeitraum erreicht werden kann. Uwe Schriever übernimmt die kaufmännische Betreuung und Beratung. Synanon beschreitet von nun an einen Weg, der überaus beschwerlich ist. Es wird ein Erbe angetreten, dass Widrigkeiten und Rückschläge bereit hält. Freunde und Förderer sind verschreckt von der Entwicklung, die mehr oder

Das Küchenteam freut sich über die neue Küche.

1997 Wirtschaftliche Probleme werden sichtbar; Uwe Schriever wird als kaufmännischer Berater hinzugezogen; Langzeitstudie wird veröffentlicht

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Chronik

Die Synanon-Töpferei im Holländischen Viertel in Potsdam.

weniger offenbar wird. Viele ziehen sich zurück. Das Vertrauen von Politik, Gesellschaft und Öffentlichkeit in die Suchtselbsthilfe Synanon muss neu erarbeitet werden. Die verbliebenen Verantwortlichen und neuen Mitstreiter um Uwe Schriever vollbringen auch in den darauffolgenden Jahren enorme Anstrengungen, um der Suchtselbsthilfe Synanon zu einer wirtschaftlichen Stabilität mit Rahmenbedingungen zu verhelfen, die für eine Fortführung der Suchthilfearbeit unerlässlich ist. Noch im Reformjahr 1997 wird der kontinuierliche Ausbau der Zweckbetriebe vorangetrieben. Dies beginnt mit einer Straffung der Arbeitsorganisation. Um der von nun an verstärkt angestrebten Aus- und Weiterbildung von Synanon-Bewohnern eine solide Grundlage zu geben, werden je ein Meister in der Druckerei und in der Bäckerei sowie in der Wäscherei beschäftigt. Im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit erscheint die Katamnese der selbstverwalteten Suchthilfe SYNANON unter Berücksichtigung der Bildung sozialer Netzwerke in Deutschland. Die Ergebnisse - 70 % bleiben dauerhaft nüchtern, nachdem sie zwei bis drei Jahre in Synanon gelebt haben - sprechen für eine erfolgreiche Suchtselbsthilfearbeit von Synanon. 297 Bewohner per 01.01., 869 Aufnahmen, keine Angaben über Krisenaufenthalte erfasst. 1.501 Drogentote in Deutschland. 187.022 Rauschgiftdelikte in Deutschland. Aufstellung zum Gruppenfoto: Die Teams der Synanon Umzüge vor ihren LKW.

Die Keramikwerkstatt gehört seit vielen Jahren zu den Synanon-Zweckbetrieben.

1998 Auszug aus dem SynanonHaus Herzbergstraße; Einführung eines offenen Meetings

Die mit dem neuen Eigentümer des Synanon-Hauses Herzbergstraße 82 - 84 im Jahre 1996 vereinbarte Jahresmiete kann nicht mehr aufgebracht werden. Obwohl der Mietvertrag auf 30 Jahre abgeschlossen wurde, ergibt sich für Synanon dennoch eine einmalige rechtliche Konstellation, den Mietvertrag vorzeitig aufzukündigen. Die meisten dort lebenden Menschen ziehen zurück ins Synanon-Haus in der Bernburger Straße 10 - die anderen nach Schmerwitz - und richten sich dort wieder ein. Innerhalb von nur sechs Wochen ziehen 190 Synanon-Bewohner mit allen Möbeln und Hausrat einschließlich Großküche und Verwaltung um. Die Zweckbetriebe Druckerei und Wäscherei werden in einer an die Bernburger Straße 10 angrenzenden Lagerhalle angesiedelt, nachdem diese instandgesetzt und renoviert wurde. Die Zweckbetriebe Umzüge, Clean up - Reinigung und Café & Markt (hieß vormals Kunstpause) finden im Synanon-Haus ihr neues Domizil. Die im

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Gruppenfoto: Wieder in der Bernburger Straße 10.

Fachverlag sowie in der Bäckerei und im Töpferladen Tätigen ziehen mit ihren Zweckbetrieben aufs Land nach Schmerwitz. Koordiniert und geleitet wird dieser in der Geschichte Synanons bisher nie da gewesene und an die Grenzen der Belastbarkeit gehende Großumzug von Peter Elsing, dem langjährigen Hausleiter und Vorstandsmitglied des Synanon e.V. Neu eingeführt wird ein offenes Meeting. Es findet jeden Montag um 19:00 Uhr im Synanon-Haus statt und wird wechselnd geleitet von zwei erfahrenen Synanon-Bewohnern. Damit wird dem neuen Zeitgeist in Synanon und dem Bedarf ehemaliger Synanon-Bewohner nach Austausch in Selbsthilfegruppen entsprochen. Dieses Angebot richtet sich dennoch generell an alle interessierten süchtigen Menschen, auch an jene, die noch nicht zur dauerhaften Nüchternheit gefunden haben. Aus den Zweckbetrieben: Synanon-KeramikLaden im Holländischen Viertel in Potsdam eröffnet. Synanon-Café wieder eröffnet im Synanon-Haus Bernburger Straße 10. 321 Bewohner per 01.01., 687 Aufnahmen, 103 Krisenaufenthalte. 1.674 Drogentote in Deutschland, davon 313 in Berlin. 205.099 Rauschgiftdelikte in Deutschland. Am 1.1.1999 - nach knapp zwei Jahren intensiver Sanierungsarbeit - übernimmt die in den 80er Jahren bereits ins Leben gerufene STIFTUNG SYNANON, deren einziges Ziel zunächst die Sicherung der Altersversorgung langjähriger Synanon-Mitglieder war, die Suchthilfeaufgaben des Synanon e.V. Damit vollzieht Synanon den strukturellen und inhaltlichen Wandel auch sichtbar nach außen. Synanon hat die Zeichen der Zeit erkannt und aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt, ohne jedoch die grundsätzliche Philosophie und das einzigartige Angebot der Aufnahme sofort aufzugeben. Das Abenteuer Herzbergstraße ist den nun Verantwortlichen noch immer gegenwärtig, zeigt es doch, wie schnell durch eine Kette interner Fehlentscheidungen plötzlich die finanzielle und somit auch ideelle Basis Synanons in ihrer Existenz bedroht sein kann. Unter dem Dach der Stiftung herrschen von nun an strikte Kostenkontrolle, Transparenz und Offenheit. Oberstes Gebot

Einführung eines offenes Meetings im Synanon-Haus für Ehemalige und andere. Es findet jeden Montag um 19:00 Uhr statt.

1999 STIFTUNG SYNANON übernimmt die Suchthilfeaufgaben des Synanon e.V., Strukturwandel in Synanon nimmt Gestalt an; Kinderprojekt in Schmerwitz bewilligt; Synanon geht ins Netz unter www.synanon.de

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Chronik

Kinderprojekt: Die Synanon-Kinder, belastet mit der Suchtvergangenheit ihrer Eltern, erhalten nun ganztägig in Schmerwitz professionelle Hilfe und Begleitung.

Esel Max erobert die Herzen der Kinder auf dem Gut Schmerwitz.

ist der Erhalt des Stiftungsvermögens zur Sicherstellung satzungsgemäßer Zwecke der Suchtselbsthilfe. Synanon erhebt nicht mehr den Anspruch, den allein gültigen Weg aus der Sucht zu bieten. Dennoch ist man in Synanon noch immer der festen Überzeugung, dass nur die strikte Abstinenz den sogenannten Königsweg aus der Drogensucht weist und es das Bestreben eines jeden Süchtigen sein soll, diesen obschon dornigen Weg zumindest zu versuchen. Durch behutsame Öffnung nach außen, der eine jahrelange und fortschreitende Form der Abschottung vorausging, versuchen die nun Verantwortlichen in Synanon, das Vertrauen von Politik und Öffentlichkeit zurück zu gewinnen und für die nach wie vor faszinierende Idee Synanons zu begeistern. Den Vorsitz im Vorstand übernimmt im Okober Peter Elsing, sein Stellvertreter wird Thomas Rottenbücher, ein weiteres Mitglied ist Ingo Warnke. Im Kuratorium unter Vorsitz von Irene Warnke, dem mittlerweile auch Uwe Schriever angehört, können Rechtsanwalt Dr. Klaus Riebschläger (ehemaliger Finanzsenator von Berlin) sowie Rechtsanwalt und Notar Nikolaus Ley zur ehrenamtlichen Mitarbeit gewonnen werden. Damit vollzieht sich Schritt für Schritt und auch nach außen hin sichtbar ein Generationswechsel in der Führung und Aufsicht der STIFTUNG SYNANON. Gäste: Informationsbesuch in Berlin und Schmerwitz durch Ministerialdirektor Dr. Boeter aus dem Bundesjustizministerium. Chinas stellvertretender Landwirtschaftsminister besucht Gut Schmerwitz, um sich vor Ort ein Bild über den biologisch-dynamischen Landbau zu machen. Mitglieder des Europäischen Sozialfonds auf ihrer Informationsreise über Drogenprojekte in den Mitgliedsstaaten besuchen das Synanon-Haus in der Bernburger Straße wie auch Teilnehmer der European Cities Against Drugs (ECAD) im Rahmen ihrer in Berlin stattfindenden Beiratssitzung. In Begleitung des Drogenreferats von Berlin besuchen fünf Mitglieder des Suchtstoffkontrollrates der Vereinten Nationen das Synanon-Haus, um sich einen persönlichen Eindruck von Synanon zu verschaffen. Konzept über Kinderprojekt wird bewilligt. Das Land Brandenburg übernimmt die Finanzierung. Traumatisierte und mit Erlebnissen aus der Suchtvergangenheit ihrer Eltern belastete Kinder erhalten nun in Schmerwitz ganztägig professionelle Hilfe und Begleitung durch Heilpädagogen und Erzieher. Interessantes aus den Zweckbetrieben: Café & Markt liefert zum Auftakt der Grünen Woche in Berlin sein bisher umfangreichstes Buffet mit biologisch-dynamischen Produkten aus eigener Herstellung und Verarbeitung. Im Laufe des Jahres ist dieser Zweckbetrieb bei zahlreichen Veranstaltungen wie Kanzleieröffnungen (eine in Anwesenheit des Bundeskanzlers Gerhard Schröder) und dem Frohnauer Dressurfestival mit Buffets aus eigener Herstellung gefragt. Ein Synanon-Bewohner erhält im November den Meisterbrief für das Elektrotechnikhandwerk vom Ministerpräsidenten des Landes Brandenburg Dr. Manfred Stolpe persönlich überreicht. Die Druckvorstufe der meistergeführten Synanon-Druckerei wird technisch aufgerüstet, so dass es einer Synanon-Bewohnerin möglich wird, eine Ausbildung zur Grafikdesignerin zu beginnen. Im Zweckbetrieb Keramik schließt Thomas Rottenbücher, Vorstandsmitglied, die Meisterausbildung im Keramikhandwerk erfolgreich ab; eine weitere Synanon-Bewohnerin besteht ihre Gesellenprüfung ebenfalls mit Erfolg. Gründung des Zweckbetriebes Elektrotechnik unter der Leitung eines Meisters, der zuvor als Bewohner Synanons die Meisterprüfung erfolgreich abgeschlossen hat.

35 Interessierte aus medizinisch-helfenden und handwerklichen Berufen absolvieren Praktika in diversen Zweckbetrieben und Arbeitsbereichen Synanons. Synanon geht mit www.synanon.de ins Internet. 295 Bewohner per 01.01., 564 Aufnahmen, 120 Krisenaufenthalte. 1.812 Drogentote in Deutschland, davon 205 in Berlin. 216.682 Rauschgiftdelikte in Deutschland. Synanon ist ab jetzt auch unter www.synanon.de zu erreichen.

Die Synanon-Mitbegründer Ingo und Irene Warnke erklären ihren Rücktritt aus Vorstand bzw. Kuratorium. Eine räumliche Trennung durch Auszug war dem bereits vorausgegangen. Der neue Vorstand besteht aus Peter Elsing, Thomas Rottenbücher und Ulrich Letzsch. Neuer Kuratoriumsvorsitzender wird Uwe Schriever. Peter Rohrer (Bankdirektor a.D.) und Ursula Birghan (langjähriges Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin) können als weitere Kuratoriumsmitglieder nach Rechtsanwalt Dr. Klaus Riebschläger und Rechtsanwalt und Notar Nikolaus Ley, die diesem bereits seit einem Jahr angehören, gewonnen werden. Im April werden der Betrieb und die landwirtschaftlichen Flächen (1.300 ha) in Schmerwitz an einen privaten Investor verkauft. Trotz zuvor eingeleiteter und intensiv verfolgter Sanierungsmaßnahmen, die parallel zu denen in Berlin liefen, war es den neuen Verantwortlichen nicht möglich, den Betrieb der Synanon Gut Schmerwitz GGmbH zu erhalten. Der Traum von einem Synanon auf dem Lande mit Rahmenbedingungen und einem Betätigungsfeld zur Rehabilitation suchtkranker Menschen, die idealer nicht sein können, muss der Realität weichen. Die sich bereits 1999 und Anfang 2000 abzeichnende prekäre Situation löst bei den Bewohnern Ängste und Besorgnis aus. So kann nach langen und intensiven Verhandlungen mit dem Land Brandenburg eine Übergangslösung in Form einer finanziellen Unterstützung für eine begrenzte Anzahl von Synanon-Bewohnern in Schmerwitz herbeigeführt werden. Die Bedingungen des Landes sind die Herauslösung der Suchthilfe aus der Synanon Gut Schmerwitz GGmbH und die Zusage Synanons, die Suchthilfearbeit nur noch mit einem kleineren Personenkreis (ca. 50 Erwachsene und 20 Kinder) weiterzuführen. Diesem Umstand ist es geschuldet, dass der Synanon Schmerwitz e.V. (im Vorstand: Thomas Rottenbücher, Uwe Schriever und Ulrich Letzsch) gegründet wird, der die Zusage des Landes Brandenburg auf finanzielle Unterstützung für die nächsten zwei Jahre erhält. Eine weitergehende Förderung durch das Land wird von vornherein ausgeschlossen, so dass man sich schon zu Beginn darauf konzentriert, eine langfristige Lösung für diesen neuen kleinen Verein zu finden, der sich als zweites Kind

2000 Generationswechsel - Vorstand und Kuratorium formieren sich neu; Suchthilfegemeinschaft in Schmerwitz wird selbständig mit Gründung des Synanon Schmerwitz e.V.; DHS stellt Jahrbuch Sucht im Synanon-Haus vor

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Die Bundesdrogenbeauftragte Christa Nickels (4. v. l.) in Begleitung ihres persönlichen Referenten Dr. Ingo Ilja Michels (2. v. l.) zu Besuch im Synanon-Haus. Uwe Schriever (1. v. l.) und Peter Elsing (3. v. r.), Synanon.

Bundesdrogenbeauftragte Christa Nickels im Gespräch mit SynanonBewohner im Zweckbetrieb Wäscherei.

Einführung des Qualitätsmanagements in den Zweckbetrieben nach ISO 9001: Unsere Qualitätsbeauftragten Bernd Eggler (2.v.l.) und Rainer Oestreicher (li.) bei einer Besprechung mit dem Vorstand Peter Elsing (2. r.) und Ulrich Letzsch (r.).

Synanons nach Hof Fleckenbühl im Jahre 1995 von der Mutter Synanon in Berlin abtrennt und in die Eigenständigkeit entlassen wird. Noch im Gründungsjahr erarbeiten die Verantwortlichen mit fachlicher Unterstützung durch den Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband, Landesverband Brandenburg ein Konzept, das der Suchtselbsthilfegemeinschaft in Schmerwitz, die sich kurze Zeit später in Scarabäus Hoher Fläming e.V. umbenennen wird, eine dauerhafte Existenz ermöglicht. In Berlin besucht die parlamentarische Staatssekretärin und Drogenbeauftrage der Bundesregierung Christa Nickels in Begleitung ihres persönlichen Referenten Dr. Ilja Michels das Synanon-Haus in der Bernburger Straße 10. Nach einem Rundgang durch das Haus einschließlich Besichtigung der vor Ort ansässigen Zweckbetriebe Druckerei, Wäscherei, Umzüge, Clean up - Reinigung und Café & Markt, bei dem sie zahlreiche Gespräche mit Bewohnern führte, erklärt sie, dass Synanon ein Angebot sei, das allerdings nicht für jeden Süchtigen geeignet sei. Dabei verweist sie auf das Methadonprogramm, das auch künfig von der Bundesregierung gefördert werde. Der ABB Elektrokonzern spendet Synanon 16 TDM aus Anlass seines 100-jährigen Bestehens, für das er insgesamt 100 TDM gemeinnützigen Zwecken zukommen lassen möchte. Den Scheck überreicht der Vorstandsvorsitzende der ABB in Deutschland dem Vorstand von Synanon persönlich. Das Qualitätsmanagement nach ISO 9001 soll in den Zweckbetrieben eingeführt werden. Sinn und Zweck der Einführung ist die Optimierung der Arbeitsabläufe in den Zweckbetrieben zur dauerhaften Qualitätssicherung. Synanon-Bewohner, die sich zum Drucker, Fotosetzer und Tischler haben ausbilden lassen, bestehen ihre Gesellenprüfungen. Die Synanon-Verwaltung wird von der Industrie- und Handelskammer als Ausbildungsbetrieb anerkannt. Die Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren stellt erstmals im Synanon-Haus der Presse ihr aktuelles Jahrbuch Sucht vor. 279 Bewohner per 01.01., 503 Aufnahmen, 86 Krisenaufenthalte. 2.030 Drogentote in Deutschland, davon 225 in Berlin. 226.563 Rauschgiftdelikte in Deutschland.

37 Die Kontaktpause für neue Synanon-Bewohner zu Verwandten, Freunden und Bekannten wird von sechs auf drei Monate verkürzt. Im Rahmen ihrer satzungsgemäßen Aufgaben bietet die STIFTUNG SYNANON süchtigen Menschen, die abstinent leben, einen drogenfreien Arbeitsplatz an. Die ersten Anstellungsverhältnisse mit ehemaligen Synanon-Bewohnern werden geschlossen. Die für Mitte September geplante Feier zum 30-jährigen Bestehen Synanons wird wegen der Terroranschläge am 11. September in den USA kurzfristig abgesagt. In Briefen würdigen der Bürgermeister und Senator für Schule, Jugend und Sport Klaus Böger sowie die Bezirksbürgermeisterin Dr. Bärbel Grygier die herausragenden Leistungen von Synanon. Synanon tritt dem Fachverband Drogen und Rauschmittel e.V. (FDR) bei und engagiert sich darüber hinaus als Gründungsmitglied in der Arbeitsgemeinschaft InnerCity, einem ausstiegsorientierten Zusammenschluss mehrerer Vereine und Verbände. Synanon-Bewohner nehmen an einer halbjährigen Suchthelferausbildung (168 Stunden), die von Dozenten des Paritätischen Bildungswerks durchgeführt wird, teil und erwerben umfangreiche Fachkenntnisse im Bereich der Suchthilfe. Gäste: Im März informiert sich die Bundestagsabgeordnete Iris Gleicke über die Rolle der Selbsthilfe im Selbsthilfesystem für Jugendliche. Eine Delegation der englischsprachigen CARICOM-Staaten stattet während einer Deutschlandreise zum Thema Humaner Strafvollzug, Resozialisierung, Menschenrechte Synanon einen Besuch ab. Die weltweit agierende Selbsthilfegruppe Al-Anon als Angehörigenvertretung süchtiger Menschen hält aus Anlass ihres 50. Bestehens eine Pressekonferenz im Synanon-Haus ab. Einführung des Qualitätsmanagementsystems DIN EN ISO 9001:2000 in den Synanon-Zweckbetrieben nach erfolgter Zertifizierung. Es wird eng im Hause Bernburger Straße 10, so dass man sich zur Aufgabe des im Erdgeschoss des Hauses befindlichen Zweckbetriebes Café & Markt entschließt. In die Räume zieht das Büro des Zweckbetriebes Umzüge. Die Verwaltung des Hotel Adlon und das Tierheim Lankwitz ziehen mit Synanon Umzüge um.

2001 Verkürzung der Kontaktpause; Einführung der Synanon-Nachsorge; Mitgliedschaft im FDR und bei InnerCity; 30-Jahres-Feier mit prominenten Gästen muss abgesagt werden; Einführung eines Qualitätsmanagementsystems

Erste Angestellte im Zweckbetrieb Umzüge: Frank und José (1. + 2. v. l.), Ehemalige.

139 Bewohner per 01.01., 467 Aufnahmen, 74 Krisenaufenthalte. 1.835 Drogentote in Deutschland, davon 189 in Berlin. 224.336 Rauschgiftdelikte in Deutschland.

Inhaltlicher Austausch beim zweimal jährlich stattfindenden Synanon-Tag.

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2002 Synanon holt 30-JahresFeier nach; Einführung der Synanon-Lebensschule; PARITÄTISCHE Ehrennadel in Gold an Uwe Schriever verliehen

Jubiliäumsfeier zum 30-jährigen Bestehen. Der Regierende Bürgermeister von Berlin Klaus Wowereit würdigt in seiner Rede die großartige Arbeit Synanons.

2003 Eberhard Diepgen wird Kuratoriumsmitglied; Synanon-Bewohner immer jünger; Mitgliedschaft im Deutschen Spendenrat e. V.; DPWV umgezogen; Start einer großen Plakataktion

Synanon feiert 30-jähriges Bestehen. Mehr als 400 Gäste kommen, darunter zahlreiche Abgeordnete des Bundestages und des Abgeordnetenhauses. Auf der Rednerliste stehen der Regierende Bürgermeister von Berlin Klaus Wowereit und die Drogenbeauftragte der Bundesregierung Marion Caspers-Merk. Der Wandel von der Lebensgemeinschaft zur Lebensschule wird vollzogen. Synanon-Bewohner werden von nun an individuell und nach ihren jeweiligen Möglichkeiten neben der täglichen Auseinandersetzung mit der Sucht gefordert und gefördert, die eigens geschaffenen umfangreichen Möglichkeiten der Aus- und Weiterbildung in kaufmännischen und handwerklichen Berufen für sich zu nutzen. Mehrere Ausbildungsverhältnisse werden geschlossen. Wechsel im Vorstand: Für den stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden, Thomas Rottenbücher, der um Entlassung aus dem Vorstand aufgrund von Arbeitsüberlastung durch seine Vorstandstätigkeit im Synanon Schmerwitz e.V. bittet, tritt Hannelore Junge, die die kaufmännischen Angelegenheiten Synanons schon seit Jahren begleitet, als drittes Mitglied in den Vorstand ein. Ulrich Letzsch wird stellvertretender Vorstandsvorsitzender. Im Mai wird Uwe Schriever die PARITÄTISCHE Ehrennadel in Gold für Sponsoring und langjähriges bürgerschaftliches Engagement zugunsten von Synanon - für ein Leben ohne Drogen des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes verliehen. Der Spendenverein des Berliner Tagesspiegel unterstützt Synanon unter der Überschrift Menschen helfen! mit 12.000 Euro, die für die Anschaffung dringend benötigter Betten, Matratzen, Decken und Bezüge verwendet werden. Beitritt zum neu gegründeten Arbeitskreis Zukunft vererben.de, einem Zusammenschluss von acht Vereinen und Verbänden, deren erklärtes Ziel es ist, über die Regelung des Nachlasses aufzuklären und dazu beizutragen, dass Vermächtnisse häufiger als bisher für die Ziele gemeinnütziger Organisationen eingesetzt werden können. 136 Bewohner per 01.01., 502 Aufnahmen, 76 Krisenaufenthalte. 1.513 Drogentote in Deutschland, davon 170 in Berlin. 246.518 Rauschgiftdelikte in Deutschland.

Eberhard Diepgen, ehemaliger Regierender Bürgermeister von Berlin, tritt dem Kuratorium der STIFTUNG SYNANON bei. Trend setzt sich fort: Immer mehr Jugendliche und junge Erwachsene suchen Zuflucht und Hilfe bei Synanon. Mittlerweile sind ein Drittel der Bewohner jünger als 25 Jahre. Schon seit Jahren ist auffällig, dass die hilfesuchenden unter 25-Jährigen neben Alkohol hauptsächlich Aufputschmittel und Designerdrogen wie Amphetamine, Speed, Ecstasy, Chrystal usw. konsumiert haben mit schweren physischen und vor allem psychischen Spätfolgen wie Konzentrationsschwächen, Halluzinationen, Psychosen, Schizophrenien, plötzlichen Angstzuständen und dergleichen belastet sind. Peter Elsing, Vorstandsvorsitzender der STIFTUNG SYNANON und Leiter des Synanon-Hauses, scheidet im November nach 20 Jahren Synanon-Zugehörigkeit aus gesundheitlichen Gründen aus. Die Leitung des Synanon-Hauses übernimmt der stellvertretende Vorstandsvorsitzende Ulrich Letzsch, der wie Peter Elsing seit dem Reformjahr 1997 zum Team der Verantwortlichen gehört und erheblichen Anteil an der Gestaltung und Umsetzung der Maßnahmen zur Neuausrichtung Synanons trägt.

39 Neues Angebot für junge Bewohner: Jugendliche haben die Möglichkeit, in einer Reitschule im Norden Berlins Praktika zu absolvieren. Durch die Arbeit mit Pferden soll das Verantwortungsgefühl und das Selbstbewusstsein des Einzelnen gestärkt werden, was in der Reittherapie als ein heilendes Moment bezeichnet wird. Synanon wird Mitglied im Deutschen Spendenrat e. V. Der Zweckbetrieb Umzüge erhält den Auftrag, den Umzug des Gesamtverbandes des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes von Frankfurt/ Main nach Berlin durchzuführen. Mit Unterstützung einer Werbefirma wird eine groß angelegte Aktion gestartet, um das Angebot der Aufnahme sofort bundesweit bekannt zu machen. Synanon-Bewohner geben auf insgesamt 11.500 Plakaten, die in Städten wie Hamburg, Frankfurt/Main, Berlin und Köln zu sehen sind, der Aktion im wahrsten Sinne des Wortes ihr Gesicht. Besuche: Von der Drogenbeauftragten des Landes Berlin Elfriede Koller im Januar. Von DPWV-Geschäftsführer und langjährigem Wegbegleiter Synanons Rüdiger Schmidtchen und seiner Frau ebenfalls im Januar. Vom Präsidenten des Suchtstoffkontrollrates der UNO sowie der Vizepräsidentin und weiteren Vertretern in Begleitung der Landesdrogenbeauftragten sowie Vertretern aus dem Büro der Bundesdrogenbeauftragten, Vertretern des Bundes und des Auswärtigen Amtes im Juli. Mittlerweile finden täglich Suchtpräventionsveranstaltungen im Synanon-Haus statt. Aufgrund der Authentizität, mit der Synanon-Bewohner über ihre Erfahrungen mit Drogen sprechen und Fragen beantworten, ist die Nachfrage von Lehrern und Schülern, Eltern, Auszubildenden in medizinisch-helfenden Berufen und anderen sehr groß. Pressekonferenz der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V. zur Vorstellung des Jahrbuch Sucht. Dabei werden die aktuellen Suchtzahlen veröffentlicht, wonach jährlich in Deutschland 220.000 Menschen an den Folgen ihrer Sucht sterben. Neues aus den Zweckbetrieben: Die Vermarktung erhält das BIO-Zertifikat. Neu ins Leben gerufen wird der Zweckbetrieb Catering. Die Buffets und Arrangements mit Produkten aus bio-dynamischem Anbau erfreuen sich schon bald großer Beliebtheit. Das Team ist besonders stolz auf regelmäßige Bestellungen aus Bundestag und Abgeordnetenhaus, in deren unmittelbarer Nachbarschaft sich das Synanon-Haus befindet. Kuratorium und Vorstand ziehen auf einer gemeinsamen Sitzung im Oktober Bilanz. Fünf Jahre ist es her, dass die STIFTUNG SYNANON die Suchthilfeaufgaben des Synanon e.V. übernommen hat. Im November findet die Versteigerungsaktion Traumfänger der Arbeitsgemeinschaft Zukunft vererben statt. Den Erlös (17 TEuro) dieser Charity-Veranstaltung, zu der zahlreiche Prominenz aus Politik, Unterhaltung, Sport und Gesellschaft erschienen, teilen sich die acht Mitgliedsorganisationen, zu denen auch Synanon gehört. 114 Bewohner per 01.01., 725 Aufnahmen, 84 Krisenaufenthalte. 1.477 Drogentote in Deutschland, davon 165 in Berlin. 255.575 Rauschgiftdelikte in Deutschland.

Bundesweite Plakataktion gestartet.

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2004 Ausbildungsangebot wird erweitert; Baubeginn in Berlin-Karow; Urlaubsdomizil in Steinhagen erworben; Auslauf des Qualifizierungsund Beschäftigungsprojektes

Umbauarbeiten am Urlaubsund Wochenenddomizil in Steinhagen bei Stralsund.

Ausbildungsangebot an Synanon-Bewohner wird erweitert: Mittlerweile haben Synanon-Bewohner die Möglichkeit, sich zwischen 13 Berufen in kaufmännischen und handwerklichen Bereichen zu entscheiden. Synanon übernimmt Patenschaft für angrenzenden Spielplatz in der Bernburger Straße. Baubeginn eines neuen Synanon-Hauses in Berlin-Karow, im Nordosten Berlins gelegen, mit finanzieller Unterstützung der Aktion Mensch und der Stiftung Deutsches Hilfswerk. Synanon-Bewohner bauen unter fachlicher Anleitung selbst mit. Jugendliche und junge Erwachsene, die vermehrt um Aufnahme bitten, sollen sich dort zunächst in familiärer und ländlicher Umgebung ihrem Alter entsprechend orientieren können, um so die für ihr weiteres Leben so wichtigen Entscheidungen über mitunter nachzuholende Schul- und Berufsausbildung treffen zu können. In den ebenfalls auf dem Grundstück angesiedelten Zweckbetrieben Tischlerei und Keramik werden Praktikumsangebote vorgehalten. Die Finanzierung des Projektes für 24 Jugendliche und junge Erwachsene ist beantragt. Erwerb eines Urlaubsdomiziles in Steinhagen bei Stralsund. Geplant sind der Ausbau eines vorhandenen alten Hauses und ein Neubau. Künftig sollen kleinere Gruppen von Synanon-Bewohnern dorthin therapeutische Urlaubs- und Wochenendfahrten unternehmen. Damit entfallen die Fahrten, die bisher in Jugendherbergen und Pensionen führten. Das Qualifizierungs- und Beschäftigungsprojekt läuft endgültig zum Ende des Jahres 2004 aus. Die Finanzierung des Landes Berlin für 30 Plätze war schon im Jahre 2003 gefährdet. In zahlreichen Gesprächen konnte eine Fortführung dieses für Synanon-Bewohner einmalige und wichtige Projekt zur Weiterbildung und Entschuldung - wenn auch mit Einschränkungen - erreicht werden. Veränderungen in Vorstand und Kuratorium: Peter Elsing scheidet Mitte des Jahres aus gesundheitlichen Gründen nun auch aus dem Vorstand aus, nachdem er bereits Ende des Vorjahres seine Tätigkeit als Synanon-Hausleiter aufgegeben hatte. Den Vorstandsvorsitz übernimmt Uwe Schriever, dessen bisheriges Amt des Kuratoriumsvorsitzenden auf den bislang stellvertretenden Kuratoriumsvorsitzenden Peter Rohrer übertragen wird. Neue stellvertretende Kuratoriumsvorsitzende wird Ursula Birghan. Michael Frommhold tritt für Hannelore Junge, die ins Kuratorium

41 wechselt, in den Vorstand ein. 154 Bewohner per 01.01., 692 Aufnahmen, 84 Krisenaufenthalte. 1.385 Drogentote in Deutschland, davon 192 in Berlin. 283.708 Rauschgiftdelikte in Deutschland. Nach einer Veröffentlichung der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V. trinkt jeder zweite Jugendliche regelmäßig hochprozentigen Alkohol. Das Einstiegsalter für regelmäßigen Alkohlkonsum liegt mittlerweile bei 14 Jahren. 6 % der 12- bis 24-Jährigen sind alkoholabhängig.

2005 Wohnprojekt in Berlin-Karow eröffnet; neues Qualifizierungsprojekt löst altes ab; Zweckbetrieb Druckerei geschlossen; Zweckbetrieb Reitschule gegründet; Bundesverdienstkreuz an Vorstandsvorsitzenden verliehen; Ausbildung wird groß geschrieben

Wohnprojekt in Berlin-Karow kurz vor der Einweihung im Mai 2005.

Mitte Mai wird das Wohnprojekt in Berlin-Karow feierlich eröffnet. Bezirksbürgermeister Burkhard Kleinert heißt Synanon in seiner Rede herzlich willkommen und sichert darüber hinaus die künftige Unterstützung des Bezirkes zu. Das zu einem großen Teil von Synanon-Bewohnern selbst gebaute Haus bietet 24 Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 17 und 25 Jahren Raum zur Entfaltung ihrer Persönlichkeit und zur Erlernung einer nüchterner Lebensweise. Erfahrene Synanon-Bewohner geben vor Ort die erforderliche Hilfestellung. Neues Qualifizierungsprojekt löst altes ab. Nach den Reformen auf dem Arbeitsmarkt, welche als Hartz IV durch die Presse gingen, und dem Wegfall des Bundessozialhilfegesetzes (BSHG), welches die finanzielle Grundlage für das bisherige Beschäftigungsprojekt war, kann Synanon erreichen, dass von Juni 2006 an vom JobCenter Friedrichshain-Kreuzberg und aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds 30 sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsplätze für Bewohner gefördert werden. Zweckbetrieb Druckerei geschlossen. Synanon muss aus wirtschaftlichen Gründen den bereits in den Gründungsjahren ins Leben gerufenen Zweckbetrieb aufgeben. Zahlreiche Bewohner haben dort in all den Jahren eine Aus- oder Weiterbildung absolviert bzw. eine sinnvolle Beschäftigung auf dem Wege ihrer Rehabilitation erfahren. Gründung einer Theatergruppe unter der ehrenamtlichen Leitung der Theaterregisseurin Meike Techem. Als erstes Stück wird Der Graf von Monte Christo aufgeführt. Zweckbetrieb Reitschule gegründet. Auf dem

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Wunderschön gelegen. Der Zweckbetrieb Reitschule im Berliner Norden.

Gelände einer bereits vorhandenen Reitanlage in Berlin-Frohnau wird dem neuen Zweckbetrieb ein eigener Bereich zur Verfügung gestellt. Zahlreiche Synanon-Bewohner nehmen das Angebot, dort ein Praktikum bzw. eine Ausbildung zum Pferdepfleger FN zu absolvieren, in Anspruch. Für alle anderen interessierten Synanon-Bewohnern besteht die Möglichkeit, Reitstunden und andere Freizeitaktivitäten auf der Anlage wahrzunehmen.

Uwe Schriever wird das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen. Überreicht wird der Orden von der Senatorin für Gesundheit, Soziales und Verbraucherschutz Dr. Heidi Knake-Werner. Feierstunde zur Ordensverleihung. v. l. n. r.: Arne Schriever, Dagmar Schriever, Dr. Heidi Knake-Werner, Uwe Schriever, Eberhard Diepgen, Michael Frommhold

Dem Vorstandsvorsitzenden, Uwe Schriever, wird im September das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland durch Bundespräsident Dr. Horst Köhler verliehen. In einer auf Wunsch Uwe Schrievers im Synanon-Haus stattfindenden Feierstunde mit zahlreichen Gästen aus Politik und Öffentlichkeit würdigt die Laudatorin Dr. Heidi Knake-Werner (Senatorin für Gesundheit, Soziales und Verbraucherschutz) sein überragend großes ehrenamtliches Engagement zu Gunsten der Suchtselbsthilfe Synanon. Besuche: Vom peruanischen Minister für Drogenkontrolle im Mai und vom schwedischen Drogenbeauftragten im Dezember. Beide Delegationen werden von Vertretern des Bundesgesundheitsministeriums in Berlin begleitet. Ausbildung: Im September beginnen für fünf Synanon-Bewohner Ausbildungen zum Garten- und Landschaftsgärtner, Gas-Wasser-Sanitär-

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Immer interessant und abwechslungsreich: Die wöchentlich stattfindende Schulung für alle Synanon-Auszubildenden mit Uwe Schriever (2. v.l.).

Installateur, Kaufmann für Bürokommunikation sowie Glas- und Gebäudereiniger. Zu diesem Zeitpunkt befinden sich insgesamt 11 Synanon-Bewohner in der Ausbildung. Der Trend von jährlich 10 Führerscheinausbildungen setzt sich fort. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. stellt ihr aktuelles Jahrbuch auf einer Pressekonferenz im Synanon-Haus vor. Nach den veröffentlichten Zahlen befindet sich Deutschland europaweit in der Spitzengruppe beim Alkoholkonsum. 9,3 Millionen Deutsche weisen einen gesundheitlich riskanten Alkoholkonsum auf. 141 Bewohner per 01.01., 642 Aufnahmen, 132 Krisenaufenthalte. 1.385 Drogentote in Deutschland, davon 192 in Berlin. 283.708 Rauschgiftdelikte in Deutschland.

2006 35 Jahre Synanon Resümee; Anerkennung als freier Träger der Jugendhilfe; ARD-Dokumentarfilm „Björns Weg aus dem Drogenrausch“; 14 Azubis im neuen Ausbildungsjahr – Bedarf steigt weiter an

Feier 35 Jahre Synanon: Michael Frommhold, Prof. Barbara John, Dr. Klaus Riebschläger, Eberhard Diepgen, Dr. Heidi Knake-Werner, Uwe Schriever, Rolf Hüllinghorst, Christine Köhler-Azara (v.l.n.r.)

35 Jahre bewegte und erfolgreiche Suchtselbsthilfearbeit liegen hinter Synanon. Mehr als 20.000 süchtige Männer und Frauen haben kurz-, mittelbis langfristig Hilfe und Unterstützung von der Suchtselbsthilfegemeinschaft erhalten. Viele von ihnen, die in zumeist ausweglos scheinenden Notsituationen kamen, führen heute - nach erfolgreich durchlaufener SynanonLebensschule - ein nüchternes und zufriedenes Leben. Darüber hinaus haben die Menschen in Synanon über die vielen Jahre hinweg in ca. 320.000

Ehrengast: Senatorin Dr. Heidi Knake-Werner

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Dreharbeiten zum Dokumentarfilm „Björns Weg aus dem Drogenrausch“ (Erstausstrahlung am 29.10.06, 17:30 Uhr, ARD).

Björn während der Dreharbeiten.

Synanon-Azubis 2006

persönlichen, vor allem telefonischen Beratungsgesprächen Süchtigen und deren Angehörigen, Freunden und Bekannten Auskunft, Rat, Trost und Lebenshilfe gegeben. Und mit bisher mehr als 7.000 abgehaltenen Suchtpräventionsveranstaltungen leisten Synanon-Bewohner ihren gesellschaftlichen Beitrag, vor allem Schüler, Eltern und andere interessierte Gruppen über die Gefahren der Sucht aus eigenem Erleben aufzuklären. Die Feierlichkeiten aus Anlass des 35-jährigen Bestehens finden am 15.09.2006 im Synanon-Haus statt. Gäste aus Politik und Öffentlichkeit, Vertreter von Vereinen und Verbänden sowie Angehörige, Freunde und Förderer Synanons sind anwesend. In besonderer Erinnerung bleiben den Bewohnern Synanons die an sie gerichteten abschließenden Worte der Vorstandsvorsitzenden des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Prof. Barbara John: „Sie alle leben ihn bereits, den Rausch der Nüchternheit!“ Weitere Festredner sind die Senatorin Dr. Heidi Knake-Werner, der Vorsitzende der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen, Rolf Hüllinghorst und Kuratoriumsmitglied Dr. Klaus Riebschläger. Nach langjähriger Planung erhält die STIFTUNG SYNANON am 15.02.2006 die Anerkennung als freier Träger der Jugendhilfe bei der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport. Im eigens dafür geschaffenen Synanon-JUGENDHAUS KAROW erhalten Jugendliche und junge Erwachsene mit besonderen sozialen Schwierigkeiten eine spezielle und im Hilfeplan mit den Jugendämtern festgelegte Betreuung. Das einzigartige an diesem Modellprojekt ist die enge Verzahnung von Suchtselbsthilfe durch mit im Haus lebende erfahrene Synanon-Bewohner und fachlich qualifizierter Unterstützung durch Sozialpädagogen. Die Journalistin Ellen Trapp und ein Fernsehteam drehen den Dokumentarfilm „Björns Weg aus dem Drogenrausch“, der erstmals am 29.10.2006 in der ARD ausgestrahlt wird. Am Beispiel eines Synanon-Bewohners wird exemplarisch aufgezeigt, wie Jugendliche in den Teufelskreis der Drogensucht geraten und wie der Ausstieg in ein selbstbestimmtes Leben ohne Drogen mit Hilfe der SynanonGemeinschaft gelingen kann. Im Synanon-Ferienhaus in Steinhagen wird am 25.08.2006 Richtfest gefeiert. Synanon-Bewohner sind mit Engagement

45 und Begeisterung am Bau dieses Hauses beteiligt. Finanziell unterstützt wird das Vorhaben von der Aktion Mensch und von der Stiftung Deutsches Hilfswerk. Ausbildung: Mittlerweile gibt es in Synanon 14 Auszubildende. Die Vielfalt der Ausbildungsberufe ist groß und reicht vom Kaufmann für Bürokommunikation über Gärtner, Maler und Lackierer, Koch, Tischler, Immobilienkaufmann bis hin zum neu geschaffenen Berufsbild der Fachkraft für Möbel-, Küchen- und Umzugsservice. Verschiedenes: Start eines weiteren MAE-Projektes mit 20 Plätzen zur Qualifizierung von Bewohnern. SynanonBewohner legen im Zweckbetrieb Reitschule Prüfung zum Pferdebasispass ab. Mitglieder der Synanon-eigenen Abteilung für Zivil- und Strafsachenbearbeitung von Bewohnern besuchen mehrtägige Kurse zur Schuldnerberatung. Der Beratungs- und Betreuungsbedarf von neuen Synanon-Bewohnern in Schuldenangelegenheiten steigt. Der Zweckbetrieb Wäscherei zieht um auf das Betriebsgelände in die Kiefholzstraße 401 in Berlin-Treptow, wo die Zweckbetriebe Bauhilfe und Malerei-Lackiererei angesiedelt sind. Zu Gast: Eine russische Delegation u. a. mit dem stellvertretenden Minister für Jugend und Familie, dem Leiter des Arbeitsamtes in Moskau und Juristen in Begleitung des Jugendaufbauwerks. 139 Bewohner per 01.01., 444 Aufnahmen, 157 Krisenaufenthalte. 1.296 Drogentote in Deutschland, davon 173 in Berlin. 255.019 Rauschgiftdelikte in Deutschland. Etwa ein Drittel der Jugendlichen und Heranwachsenden in Deutschland zwischen 12 und 25 Jahren haben Erfahrungen mit Marihuana und anderen illegalen Drogen. 40.000 jugendliche Konsumenten gelten als abhängig. (Quelle: Apothekermagazin „Gesundheit“) 9,5 Millionen Menschen in Deutschland trinken Alkohol in gesundheitlich riskanten Mengen, rund 1,3 Millionen sind alkoholkrank und 73.000 Menschen sterben an den Folgen des Alkoholmissbrauchs. (Quelle: Drogenbericht der Bundesregierung)

2007 Neues Mitglied im Kuratorium; Bundesdrogenbeauftragte zu Besuch, Synanon-Ferienhaus eingeweiht; DeichmannFörderpreis erhalten

Bundesdrogenbeauftragte Sabine Bätzing und Albert Kern, Referent im Bundesministerium für Gesundheit im Gespräch mit dem Synanon-Vorstand.

Zu Besuch: Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Sabine Bätzing, im März 2007. Ihre im Vorfeld zu diesem Besuch veröffentlichte Presseerklärung trägt die Überschrift „33 Jahre Rauchfrei Synanon“ und nimmt damit Bezug auf die in jenen Tagen gestartete „Rauchfrei“-Kampagne der Bundeszentrale

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Deichmann-Förderpreis für Schaffung von Perspektiven benachteiligter Jugendlicher auf dem Arbeitsmarkt: (v. l. n. r.) Michael Frommhold (Vorstand Synanon), Förderpreis-Initiator Heinrich Deichmann, Schirmherrin Christina Rau, Hermann W. (Azubi Synanon), Ulrich Letzsch (Vorstand Synanon), Sascha R. (Azubi Synanon)

Benefizkonzert des Bundesjuristenorchesters zugunsten von Synanon im Konzertsaal der Universität der Künste in Berlin.

für gesundheitliche Aufklärung (BzgA). Prof. Barbara John wird im Juni 2007 als 7. Mitglied ins Kuratorium der Stiftung Synanon gewählt. Die amtierende Vorsitzende des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, LV Berlin und ehemalige langjährige Ausländerbeauftragte des Landes Berlin ist bekannt für ihr hohes soziales Engagement. JUGENDHAUS KAROW wird am 24.10.2007 feierlich eröffnet. Anwesend sind Fachleute aus Jugendämtern und Senatsverwaltungen sowie Freunde und Förderer Synanons. Auf der Grundlage des SGB VIII und in Verbindung mit § 34 und § 41 KJHG bietet Synanon süchtigen und suchtgefährdeten Menschen ab dem 14. Lebensjahr Hilfe mit fachlicher Unterstützung durch Sozialpädagogen. Die Besonderheit dieses Modellprojektes ist die enge Verzahnung zur Suchtselbsthilfegemeinschaft. Der Hausleiter ist nicht nur ein langjähriges Mitglied der SynanonGemeinschaft, sondern lebt mit im Haus. Benefizkonzert des Bundesjuristenorchesters zugunsten von Synanon. Auf Initiative des Kuratoriumsmitglieds der Stiftung Synanon, Rechtsanwalt und Notar Nikolaus Ley, findet am 25.2.2007 im Konzertsaal der Universität der Künste in Berlin in Anwesenheit von mehr als 850 Gästen das Symphoniekonzert unter der Schirmherrschaft der Bundesministerin für Justiz, Brigitte Zypries, statt. Der Spendenverein „Menschen helfen!“ des Tagesspiegel überreichte Vertretern Synanons in einer feierlichen Veranstaltung im Haus des Malteser Hilfsdienstes in BerlinCharlottenburg einen Scheck über 8 TEUR, die für Anschaffungen im Kin-

47 derbereich im Synanon-Haus von den Lesern dieser Tageszeitung gespendet wurden. Auszeichnung mit dem Deichmann-Förderpreis für Schaffung von Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt für benachteiligte Jugendliche: Unter der Schirmherrschaft von Christina Rau, der Witwe des früheren Bundespräsidenten Johannes Rau, erhält Synanon in einer feierlichen Veranstaltung den mit 5.000 EUR dotierten Preis. Gewürdigt wird damit der Erfolg Synanons bei der Berufsausbildung jugendlicher Bewohner. Synanon-Ferienhaus in Steinhagen (bei Stralsund) feierlich eingeweiht: Am 13.10.2007 wird das Feriendomizil in Anwesenheit des Landrates, des Bürgermeisters, der Pastorin und Nachbarn sowie aus Berlin angereisten Mitgliedern des Kuratoriums und zahlreichen Bewohner Synanons seiner Bestimmung übergeben. Die Bewohner sind begeistert über den Standort in Ostseenähe und das Haus, das zum größten Teil in Eigenleistung gebaut und in der Sommersaison bereits von 5 Urlaubsgruppen genutzt wurde. Synanon-Bewohner ist einer von insgesamt 253 Berliner Auszubildenden der Sommerprüfung 2007, die ihre Ausbildung mit Auszeichnung bestanden haben. Die feierliche Übergabe der Urkunde erfolgt durch den Präsidenten der IHK Industrie- und Handelskammer zu Berlin. Informationsbesuche: Eine kubanische Delegation im März 2007, die Berliner Senatorin Katrin Lompscher und die Landesdrogenbeauftragte Christine Köhler-Azara am 16.8.2007, der Bundestagsabgeordnete Wolfgang Wieland am 27.8.2007, der Fraktionsvorsitzende der FDP im Abgeordnetenhaus von Berlin Markus Löning am 28.8.2007, der Fraktionsvorsitzende der SPD im Abgeordnetenhaus von Berlin Michael Müller am 28.8.2007, der Bundestagsabgeordnete Kai Wegner am 4.9.2007, die Regierungsdirektorin des Bundeskanzleramtes Susanne Wald am 6.9.2007, die Bundestagsabgeordnete Dr. Dagmar Enkelmann, eine Georgische Regierungsdelegation mit der First Lady Georgiens in Begleitung von Vertretern des Bundesgesundheitsministeriums am 23.10.2007 sowie die Vorstandsvorsitzende der Peter Dornier Stiftung, Maja Dornier, am 29.10.2007. Veranstaltungen: Die Synanon-Theatergruppe startet mit dem Stück „Che oder der Stern an der Boina“ in die neue Saison. 146 Bewohner per 01.01., 401 Aufnahmen, 155 Krisenaufenthalte. 1.394 Drogentote in Deutschland, davon 158 in Berlin. 248.355 Rauschgiftdelikte in Deutschland. Seit 2007 nimmt die Zahl der Alkoholischen Mixgetränke (Alcopops) vor allem bei Jugendlichen und Heranwachsenden durch gezielte Werbemaßnahmen der Bier- und Spirituosenindustrie dramatisch zu. Die Jugendlichen sind für neue Trink- und Lebensstile empfänglicher als früher. (Quelle: DHS, Jahrbuch Sucht) Ein Viertel aller Jugendlichen betrinkt sich einmal im Monat mit fünf oder mehr Gläsern Alkohol. Die Krankenhausaufenthalte von Jugendlichen haben sich von 9.500 im Jahr 2000 auf 19.400 im Jahr 2005 verdoppelt. (Quelle: Drogenbeauftragte der Bundesregierung)

Synanon Ferienhaus in Steinhagen bei Stralsund: Bei schönem Wetter wird natürlich draußen gegessen.

Zu Besuch im Synanon-Haus: Senatorin Katrin Lompscher (r.) und Landesdrogenbeauftragte Christine Köhler-Azara

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Chronik

2008 Bundespräsident Dr. Horst Köhler zu Besuch; Synanon ist Gastgeber einer Deutschen Meisterschaft; Erwerb des Synanon-Hauses; Rekord bei Ausbildung erreicht

Das Bundespräsidentenpaar besichtigt einen Wohnbereich im Synanon-Haus: Uwe Schriever (re) und Ulrich Letzsch berichten von den Lebens- und Wohnverhältnissen der Bewohner.

Bundespräsident Dr. Horst Köhler und seine Frau besuchen Synanon am 11. Dezember 2008 - ein Höhepunkt in der Geschichte der Suchtselbsthilfegemeinschaft: In einem Gespräch mit Vertretern von Vorstand und Kuratorium der Stiftung Synanon erklärt der Bundespräsident, dass die Ankunft vor dem Synanon-Haus: wichtige Arbeit Synanons Anerkennung und Respekt verdiene, was er durch Pressevertreter bitten den Bundespräsidenten um Informationen. seine Präsenz im Synanon-Haus öffentlichkeitswirksam unterstützen wolle. Bei einem dann folgenden Rundgang durchs Haus interessiert sich das Bundespräsidentenpaar für die Lebens- und Wohnverhältnisse der Bewohner, von denen einige im Anschluss daran bei einem gemeinsamen Essen die Gelegenheit haben, mehr zu berichten. Mit den Worten „Ich komme wieder!“ verabschiedet sich der Bundespräsident unter großem Beifall der Anwesenden im Saal. „Was für ein Tag!“ klingt es bei den Bewohnern Synanons nach. Der Bundespräsident im Gespräch mit den Mitgliedern des Kuratoriums und Synanon ist vom 23.5. bis des Vorstandes der STIFTUNG SYNANON sowie weiteren Gästen.

Verabschiedung vom Bundespräsidenten.

Im Gespräch: Acht Synanon-Bewohner sitzen zu Tisch mit dem Bundespräsidenten und seiner Gattin.

49 25.5.2008 Gastgeber der Deutschen Meisterschaft der Dressurreiter mit Handicap: Erstmals in der Geschichte des Reitsports in Deutschland absolvieren Regelsportler und Sportler mit Handicap ihre Prüfungen. In ihrem Grußwort im Programmheft würdigt Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel das integrative und damit wegweisende Konzept der Veranstaltung. Austragungsort ist die Reitanlage Am Poloplatz in Berlin-Frohnau, auf dem auch der im Jahre 2005 gegründete Synanon-Zweckbetrieb Reitschule ansässig ist. Geboren wurde die Idee durch Kontakte zur Landestrainerin für den Behindertenreitsport und das Vorhaben Synanons, auf diesem Gelände ein Reittherapiezentrum zu gründen. Die durch den Wegfall der Wohnungsbauförderungsmaßnahmen Synanon drohende Zwangsversteigerung des Stammhauses Bernburger Straße 10 konnte abgewendet werden. Die Gläubigerversammlung stimmte im September 2008 dem Kaufantrag Synanons nach einer mehr als zwei Jahre andauernden Verhandlungszeit zu. Wechsel im Vorstand: Anlässlich einer gemeinsamen Sitzung von Kuratorium und Vorstand wird am 02.02.2008 Dirk Mager einstimmig als 3. Vorstandsmitglied gewählt. Er tritt in die Amtszeit seines Vorgängers Michael Frommhold ein und übernimmt die Leitung des Hauses Bernburger Straße 10. Neuer Rekord bei Ausbildung: Der Bedarf der Bewohner Synanons nach kaufmännischer und handwerklicher Ausbildung hält ungebrochen an. 17 Auszubildende sind es allein im Jahr 2008. Die Abbrecherquote tendiert gen Null. 13 Zweckbetriebe ermöglichen Ausbildungen in mehr als doppelt soviel Berufsbildern. Besonders gefragt ist die Ausbildung zum Bürokaufmann und zum neu geschaffenen Berufsbild der Fachkraft für Möbel-, Küchen- und Umzugsservice. Die finanzielle Belastung Synanons ist immens. Der Status der Suchtselbsthilfe erweist sich in der Situation als Handicap, da schon allein eine Zuordnung der Zuständigkeit von Behörden bei der Antragstellung auf finanzielle Unterstützung unklar ist. Gespräche mit dem Bundesministerium für Gesundheit werden aufgenommen . Veranstaltungen: Synanon unterstützt die Aufklärungsaktion „Toter Winkel“ im Auftrag des Fachberaters für Verkehrserziehung des Berliner Senats. Wie in den Jahren zuvor demonstrieren Mitglieder des Zweckbetriebs Umzüge in ihrem eigens mitgebrachten Lkw Schülern einer 6. Klasse auf dem Schulhof die Existenz und Größe des Toten Winkels. Filmdokumentation über Synanon von Fachjury ausgezeichnet: „Gemeinsam nüchtern werden“ lautet der Titel der Abschlussarbeit von Berliner Studenten des Fachbereichs Medien. Mehrere Regionalsender strahlen den Film aus. Der Zweckbetrieb Clean up – Reinigung begeht 10-jähriges Bestehen. Aus dem mittlerweile zweitgrößten Synanon-Zweckbetrieb haben sich weitere eigenständige Zweckbetriebe wie Gärtnerei, Hauswartung, Heizung- und Sanitärtechnik, Elektrotechnik und andere mehr entwickelt, in denen Synanon-Bewohner Ausbildung und sinnvolle Beschäftigung unter realen Bedingungen erhalten. Beschäftigungsmaßnahme ÖBS (Öffentlicher Beschäftigungssektor) gestartet. Als eine der ersten Einrichtungen erhält Synanon für 12 Bewohner finanzielle Unterstützung aus Mitteln des JobCenters und des ESF (Europäischer Sozialfonds) bei dem Modellprojekt „Arbeit statt Sozialhilfe bzw. ALG II“. 22 weitere Bewohner konnten in ABM-Maßnahmen vermittelt werden, die aus Qualifizierung und Beschäftigung bestehen. Mittlerweile finden jährlich zahlreiche Veranstaltungen zum Thema Sucht im Synanon-Haus statt, bei der die Suchtselbsthilfe Synanon den Rahmen bietet und gleichzeitig die

Vorbereitung zur Siegerehrung: Turnierleiter Arne Schriever (Mitte) hilft beim Anlegen der Siegerschärpe.

Programmheft der Deutschen Meisterschaft der Dressurreiter mit Handicap: In ihrem Grußwort würdigt Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel das integrative und damit wegweisende Konzept der Veranstaltung.

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Gut aufgestellt: Das Team von Clean up im November 2008

Gelegenheit hat, sich den Teilnehmern vorzustellen: Im April treffen Teilnehmer der Suchtselbsthilfekonferenz der DHS (Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V.) ein, im Oktober tagen die Mitgliederversammlung des Deutschen Spendenrates und im Juli liest die Autorin Viktoria Tapp aus ihrem Buch „Gemeinsam besiegen wir den Alkohol“ vor Bewohnern Synanons und Gästen. Zu Gast: Eine chinesische Delegation in Begleitung von Vertretern des Bundesministeriums für Gesundheit, Deutschlandradio und Regionalrundfunksender rbb zu Interviews mit Bewohnern. 108 Bewohner per 01.01., 386 Aufnahmen, 136 Krisenaufenthalte. 1.449 Drogentote in Deutschland, davon 152 in Berlin. 239.951 Rauschgiftdelikte in Deutschland. Zuviel Zucker führt zu langfristigen Änderungen im Hirn und erhöht auch die Gefahr für den Missbrauch anderer Drogen. Auch Zucker schüttet Endorphine aus und bewirkt damit einen Rausch. (Quelle: Bart Hoebel, Princeton University) Jeder 12. Bundesbürger über 14 Jahre trinkt täglich alkoholische Getränke, das sind etwa 5,7 Millionen Deutsche. 45% der alkohol-trinkenden Männer haben schon einmal einen Filmriss gehabt. (Quelle: Forsa-Institut) Synanon unterstützt Aufklärungsaktion „Toter Winkel“ des Berliner Senats an einer Schule.

2009 Plakataktion „Aufnahme sofort!“ gestartet; Trauer um langjähriges Kuratoriumsmitglied; Wechsel im Vorstand; Besuch aus San Patrignano; Synanon wieder Gastgeber einer Deutschen Meisterschaft; Ausbildung wird groß geschrieben

Bundesweite Plakataktion „Aufnahme sofort!“: Drei Mitglieder der Synanon-Gemeinschaft geben der Aktion ihr Gesicht.

Gesponsert vom Fachverband Außenwerbung startet Synanon im Oktober die bundesweit angelegte Plakataktion „Aufnahme sofort!“. Drei Menschen der Gemeinschaft geben der Aktion ihr Gesicht. Die Botschaft ist klar. Jeder kann jederzeit zu Synanon kommen, Tag und Nacht und ohne Vorbedingungen. Die insgesamt 10.000 Plakate hängen in zahlreichen Groß- und auch Kleinstädten in der Nähe von Bahnhöfen, Haltestellen und Plätzen der Drogenszene. Gleichzeitig erhalten alle Drogenberatungsstellen in Deutschland Informationsmaterial dieser Aktion. Das Interesse von Betroffenen und Fachleuten ist groß. Vertreter Synanons besuchen bundesweit Drogenberatungsstellen.

51 Dr. Klaus Riebschläger, Berlins Finanzsenator a.D. und Mitglied des Kuratoriums der Stiftung Synanon seit 1999, verunglückt im September bei einem Flugzeugabsturz tödlich. Synanon trauert um einen Freund und Wegbegleiter, der in der ersten und schwierigen Zeit der ideellen und wirtschaftlichen Neuausrichtung wesentlich zum Ansehen Synanons in Gesellschaft und Politik beigetragen hat. Wechsel im Vorstand: Anlässlich einer gemeinsamen Sitzung von Kuratorium und Vorstand wird am 31.01.2009 Dr. Christian Walz einstimmig als 3. Vorstandsmitglied gewählt. Er tritt in die Amtszeit seines Vorgängers Dirk Mager ein und übernimmt die Leitung des Synanon-Hauses in der Bernburger Straße 10 und im Jugendprojekt „Jugendhaus Karow“, wo er in Abstimmung und Ergänzung zur sozialpädagogischen Leitung Ansprechpartner für die Betroffenen und deren Betreuer ist. Andrea Muccioli, der Präsident der weltweit bekannten Suchtselbsthilfegemeinschaft San Patrignano besucht Synanon im November. Vertreter Gegenbesuch von Andrea Muccioli (li), auf der Reitanlage in Berlin-Frohnau, nachdem Arne Schriever (re), Leiter unseres Zweckbetriebes Reitschule, bereits im Jahre 2005 anlässlich der Europameisterschaften im Springreiten Gast auf der beeindruckenden Anlage von San Patrignano sein durfte.

Andrea Muccioli (2. v. r), Präsident der weltweit bekannten Suchtselbsthilfegemeinschaft San Patrignano, im Gespräch mit Vertretern unseres Vorstandes.

Synanons waren in den Jahren zuvor bereits in der beeindruckenden „Welt ohne Drogen“ in den Hügeln oberhalb von Rimini in Italien zu Besuch. Seit Gründung San Patrignanos durch Vincenzo Muccioli im Jahre 1978 haben dort mehr als 18.000 süchtige Menschen über mehrere Jahre gelebt. Da die Konzeption von der Aufnahme über Ausbildung, Unterstützung und Heranführung an ein eigenständiges Leben ohne Drogen der Synanons gleicht, besteht großes Interesse von beiden Seiten an einem Erfahrungsaustausch. Nach dem Erfolg im Vorjahr ist Synanon im Juni 2009 wieder Gastgeber der Deutschen Meisterschaft für Dressurreiter mit Handicap. Die von zahlreichen Sponsoren unterstützte Veranstaltung auf dem Gelände des Synanon Zweckbetriebs Reitschule in Berlin-Frohnau steht unter dem Motto: „Eine Vision wird wahr – Integration wird selbstverständlich“. In seinem Grußwort an die Sportler, Betreuer und ehrenamtlichen Helfer der Veranstaltung hebt der Regierende Bürgermeister Berlins, Klaus Wowereit, hervor, dass diese Veranstaltung ein lebendiger Beweis für die Integrationskraft, die der Sport besitzt, sei, was zukünftig zur Normalität werden soll. Ausbildung wird in Synanon weiterhin groß geschrieben. Im September starten sechs Bewohner Synanons in ein Ausbildungsverhältnis, vier Bewohner schließen ihre Ausbildung erfolgreich ab. Acht Bewohner befinden sich im 2. bzw. 3. Ausbildungsjahr. Teilnahme an zahlreichen bundesweiten Veranstaltungen zum Thema Sucht. Die Integrationshilfe für ehemals Suchtkranke e.V., bekannt unter Marianne

Deutsche Meisterin 2009 der Dressurreiter mit Handicap Bettina Eistel mit BENETTON‘S FABULEUX. Für die Gastgeberin, die STIFTUNG SYNANON, gratuliert der Vorstandsvorsitzende, Uwe Schriever.

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Chronik von Weizsäcker Fonds, feiert am 24.4.2009 in Hamm ihr 20-jähriges Bestehen. Die Gründungsidee sei ihr durch den Kontakt zu Synanon gekommen in der Zeit als ihr Mann Regierender Bürgermeister von Berlin war, sagt Marianne von Weizsäcker in ihrer Festrede. Der Kontakt besteht seitdem fort. Der Weizsäcker Fonds unterstützt Bewohner Synanons in Entschuldungsfragen durch Beratung und Gewährung von Darlehen.

Zwei Mal wöchentlich finden im Synanon-Haus, Bernburger Straße 10, Seminare zur Suchtprophylaxe für Berliner Lehrer(innen) statt.

2010 Peter Elsing wieder im Vorstand; Jubiläum - 30 Jahre Drogenliga; Vorbereitung auf Synanon-Jubiläum - Appell an Verantwortliche in der Drogenpolitik

Aktion „Seelenwärmeressen“ für Obdachlose und Bedürftige. Begehrt am 4. Advent 2010 bei -14° am Bahnhof Zoo: Unsere Synanon-Erbsensuppe aus der Gulaschkanone.

116 Bewohner per 01.01., 355 Aufnahmen, 151 Krisenaufenthalte. 1.331 Drogentote in Deutschland, davon 155 in Berlin. 255.842 Rauschgiftdelikte in Deutschland. Ende September 2009 mussten schon so viele jugendliche „Komasäufer“ betreut werden wie im ganzen Jahr 2008. (Quelle: Apotheken Umschau“) Die Dunkelziffer der suchtartigen Nutzung des Internets, vor allem Online-Spielewelten, liegt in der Bundesrepublik bei ca. 2 Millionen Menschen. Tendenz steigend. (Quelle: Gabriele Farke, Online-Sucht Beraterin)

Aufgrund der großen Resonanz auf die im Jahr zuvor gestartete Plakataktion lädt Synanon ein zum „Tag der offenen Tür für Fachpublikum“, der im Februar stattfindet. Die Vertreter von Suchtberatungsstellen, Jugendämtern und –einrichtungen, Krankenhäusern, Jobcentern und Polizeidienststellen sind interessiert daran zu erfahren, wie es gelingt, jeden Einzelnen individuell in das Konzept der Synanon-Lebensschule einzubinden. Auf einer gemeinsamen Sitzung von Kuratorium und Vorstand der STIFTUNG SYNANON am 28.10.2010 wird Peter Elsing wieder in den Vorstand gewählt. Von 1998 bis 2004 hatte er den Vorsitz in diesem Gremium, den er aus gesundheitlichen Gründen aufgeben musste. Nie wirklich weg, wie er sagt, und wieder genesen, tritt er in die Amtszeit seines Vorgängers Dr. Christian Walz als 3. Vorstandsmitglied ein und übernimmt die Leitung des JUGENDHAUS KAROW. Die Drogenliga feiert 30-jähriges Bestehen. Synanon ist aktives Gründungsmitglied dieser heute nicht mehr wegzudenkenden sportlichen Vereinigung aus Mitgliedern verschiedener Suchthilfeeinrichtungen Berlins. Sport und Bewegung sind wichtig bei der Rehabilitation ehemals suchtmittelabhängiger Menschen, so die Motivation von Seiten Synanons. Die Turniere der Fußball- und Volleyballmannschaften an den Wochenenden tragen dazu bei, über den verbindenden Sport hinaus soziale Netzwerke zu knüpfen, Erfahrungen mit Gleichgesinnten auszutauschen bzw. Freundschaften zu pflegen. Zu Gast im Synanon-Haus: eine Serbische Regierungsdelegation mit 11 hochrangigen Mitarbeitern verschiedener Ministerien am 24.7., deren größtes Interesse dem Weg der strikten Abstinenz gilt; eine israelische Delegation mit 11 Mitarbeitern unterschiedlicher Suchthilfeeinrichtungen aus Haifa und Tel Aviv, die sich besonders mit der Rolle der Frauen in der Selbsthilfe und ihren speziellen Problematiken und Bedürfnissen auseinandersetzen; eine Ungarische Delegation mit 8 Sozialarbeitern des Landes am 17.11. und dem besonderen Interesse am Synanon-Jugendprojekt. Mit der Aktion „Seelenwärmeressen“ lädt Synanon am 4. Adventssontag bei klirrender Kälte von minus 14 Grad Obdachlose und Bedürftige am Bahnhof Zoo zur Erbsensuppe aus der Gulaschkanone ein. „In erster Linie geht es darum, mit den obdachlosen Menschen ins Gespräch zu kommen und ihnen Mut zu machen, den Schritt aus ihrer hoffnungslos scheinenden Situation zu

53 wagen“, heißt es in der Presseerklärung. Gesponsert wird die zum vierten Mal in Folge stattfindende Aktion wieder vom Fleischgroßhändler Recke. Unter der Überschrift „40 Jahre auf dem Königsweg“ im Leitartikel der Ende des Jahres erscheinenden Zeitung „Synanon heute“ 2010 richtet Synanon mit Blick auf die alarmierende Zahl von 70.000 mit Ersatzdrogen wie Methadon bzw. Diamorphin substituierten Menschen in Deutschland einen Appell an die Verantwortlichen in der Drogenpolitik, der sich dramatisch zuspitzende Suchtproblematik entgegenzuwirken. „Darf eine Gesellschaft, die für sich in Anspruch nimmt, sozial zu sein, es wirklich zulassen, dass junge Menschen mit einem Eintrittsalter von 23 Jahren, nach nur zwei gescheiterten Therapien als schwerstabhängig eingestuft, die Fahrkarte für solch einen Geisterzug bekommen?“ wird darin gefragt. Der Artikel macht klar, dass Ersatzdrogen keine „Krücke“ sein können und nur die absolute Abstinenz von Drogen auf Dauer eine lebenswerte Alternative für süchtige Menschen sein kann. 104 Bewohner per 1.1.2010, 248 Aufnahmen, 208 Krisenaufenthalte. 1.237 Drogentote in Deutschland, davon 124 in Berlin. Jährlich sterben in der Bundesrepublik ca. 140.000 Menschen an den Folgen des Nikotins. Es sind schätzungsweise 20 Millionen Deutsche nikotinabhängig und davon rauchen ca. 6,8 Millionen mehr als 20 Zigaretten am Tag. (Quelle: Deutsche Gesellschaft für Nikotinforschung) Die Raucherkrankheit COPD (chronisch-obstruktive Lungenerkrankung) ist die vierthäufigste Todesursache. Jeder fünfte Erkrankte erhält trotz Beschwerden keine entsprechende Diagnose vom Hausarzt. (Quelle: „Canadian Medical Association Journal“) Auffallend beim Bericht für 2010 des BKA (Bundeskriminalamt) ist die Zahl der Rauschgifttoten, die aufgrund einer Überdosis Substitutionsmittel (51 Tote Methadon/Polamidon und Subutex) und die derjenigen, die beim Konsum von Substitutionsmitteln in Verbindung mit sonstigen Drogen (116 Tote) gestorben sind. Entgegen dem Trend sind diese Zahlen gegenüber 2009 (39 und 127) somit leicht gestiegen (167 u. 166).

2011 Jubiläumsfeier 40 Jahre Synanon am 27. Mai 2011 im Synanon-Haus Festreden: Klaus Wowereit, Ehrengast, Regierender Bürgermeister von Berlin Josef Hecken, Staatssekretär im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Prof. Barbara John, Vorstandsvorsitzende des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Landesverband Berlin e.V. Mechthild Dyckmans, Drogenbeauftragte der Bundesregierung Christine Köhler-Azara, Landesdrogenbeauftragte von Berlin Rolf Hüllinghorst, Freund und Wegbegleiter, ehemaliger Geschäftsführer der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V. Uwe Schriever, Vorstandsvorsitzender

Sieg knapp verfehlt. Gemeinsam im Drachenboot: Traditionell nimmt das Synanon-Team I am Elefantenpokal des ADV teil und belegt stets vordere Plätze.

Reittherapie für Synanon-Bewohner im Zweckbetrieb Reitschule auf dem Poloplatz in Berlin-Frohnau. Geplant ist die Errichtung eines Reittherapiezentrums für Menschen mit körperlicher oder seelischer Behinderung. Ein Förderantrag auf Baukostenzuschuss wurde 2007 gestellt.

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Gastbeitrag von Rolf Hüllinghorst Drogenabhängig und immer auf der Suche nach Hilfe

Rolf Hüllinghorst Synanon Freund und Förderer Ehemaliger, langjähriger Vorsitzender der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V. Das sollte man nie vergessen: Im Leben eines drogenabhängigen Menschen dreht sich alles Denken und Handeln nur um das Suchtmittel. Dafür wird alles getan – unter Vernachlässigung aller anderen Lebensbereiche. Die Jagd nach dem Kick, der die Jagd nach dem Suchtmittel vorausgehen muss, beherrscht das Leben. Bis es nicht mehr geht, bis absolut keine Lösungen mehr gesehen werden. Das bezieht sich aber immer noch nicht auf die Abwendung vom Suchtmittel, sondern das bezieht sich zunächst einmal nur auf das Geld. Kein Geld, keine Drogen: Das bedeutet Entzug, das bedeutet Zusammenbruch. Wenn dann Hilfe angenommen wird, dann selten in dem Bewusstsein, sich von den Drogen lösen zu wollen, sondern zunächst einmal nur, um eine Lösung für die unangenehmen Begleit- und Folgekrankheiten zu finden. Darauf hat sich das professionell arbeitende Hilfesystem eingestellt. Die Bedürfnishierarchie, wie sie Maslow entwickelt hat, ist da eine große Hilfe. Zunächst einmal geht es darum, das Überleben zu sichern, indem die körperlichen Grundbedürfnisse gestillt werden: Essen, Schlafen, medizinische Hilfen. Dafür gibt es spezielle Einrichtungen. Dann muss eine Wohnung gefunden werden, der Arzt konsultiert und wieder gibt es dafür eine Stufe in der Hierarchie: Das gesunde Überleben sichern. Dann die Therapie in der Rehabilitationsklinik. Mit der anschließenden Adaption (Nachsorge). All das wird immer erfolgreicher, die Abstinenzquoten verbessern sich Jahr um Jahr. Aber diesen Weg gehen immer weniger Drogenabhängige. Viele – und dabei bin ich mir nicht so sicher, ob er selbstgewählt oder von professionellen Helfern empfohlen bzw. präferiert wird – gehen den einfacheren Weg der Substitution. Ein Suchtmittel wird durch ein anderes ersetzt, es wird billi-

Gastbeitrag

gend in Kauf genommen, dass nicht geheilt sondern gelindert wird, dass der Mensch wieder funktioniert aber nur mit eingeschränkter Lebensqualität, denn der Kopf ist noch nicht frei. Die Vergabe von Heroin an Schwerstabhängige ist die konsequente Weiterentwicklung, wenn auch ein Substitut nicht mehr die Lösung ist. Danach gibt es keine weitere Hilfe, dann ist Schluss, mehr geht nicht. Und ist es wirklich eine Lösung? Was ist also eine befriedigende Lösung? Gibt es einen Königsweg der Hilfe? Früher hat man geglaubt, dass der Dreischritt Beratung, Therapie und Nachsorge die alleinige Lösung sei, dass dieses der Königsweg hin zur Abstinenz vom Suchtmittel sei. Heute sind die Wege verschlungener, es gibt eine Vielzahl von Möglichkeiten, ein Hilfenetz hat sich entwickelt, durch das möglichst niemand mehr fallen soll, und auch hier bleibt das Ziel aller Maßnahmen die Abstinenz. Ist der Königsweg also ein Zick-zack-Weg? Bereits in den Anfangszeiten des Drogenproblems Ende der 60iger Jahre bildeten sich erste Gruppen, die dann zu Wohngemeinschaften zusammen zogen. In denen versucht wurde, gemeinsam das Drogenproblem – das auch als solches gesehen wurde – zu bekämpfen, zu lösen. Über die unterschiedlichsten Wege, über Erfolge, vor allen Dingen aber auch um den Streit über die richtigen Wege wurden viele Bücher geschrieben. Sicherlich geschah alles unter dem Leitsatz „Versuch und Irrtum“. Und auch damals schon begann der Weg von einzelnen, die ihre Abhängigkeit überwunden hatten und es nun der ganzen Welt zeigen wollten. Immer war es eine Gratwanderung zwischen Betroffenheit, Betroffenenkompetenz und Selbstüberschätzung. Zwischen der „glorreichen Vergangenheit“ unter Drogeneinfluss und der „Dämonisierung“ des Erlebten. Doch da gab es eine Gruppe in Berlin, die war derartig konsequent in der Ablehnung von Drogen und in den Anforderungen an sich selbst und an die eigene Gemeinschaft, dass die „Profis“ nur den Kopf schüttelten: Das kann nicht gut gehen, das lässt kein Drogenabhängiger mit sich machen. Davon waren alle überzeugt. Meine erste Begegnung mit diesen Menschen geht auf die Fachkonferenz 1987 der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) in Osnabrück zurück. Angereist in einem nicht mehr ganz neuen VW Bus, blaue Latzhosen und kurzgeschnittenes Haar. Ausgestattet mit einem schon fast übersteigerten Selbstbewusstsein. Nur so, wie wir es machen, kann es richtig sein. Und schon gab es wieder diese Auseinandersetzungen zwischen den Helfern und der Verteidigung der eigenen, richtigen Wege. Das ist immer noch so. Wenig ist evidenzbasiert, jeder Helfer hat „seine“ Drogenabhängigen mit ihren jeweiligen Problemen im Kopf und versucht, genau für diese Gruppe eine Lösung zu finden. Individualisierte Hilfe- und Therapiepläne ist dafür nur ein Stichwort, und das Hilfesystem muss immer

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Gastbeitrag

weiter ausdifferenziert werden, weil es immer wieder Menschen gibt, für die das bisherige Angebot nicht ausreicht. Und dann gibt es da immer noch diese Gruppe aus Berlin. Nicht mehr im Blaumann, nicht mehr mit kahlgeschorenem Kopf. Aber immer noch konsequent in den Ansätzen: Wer zu uns kommt, wird sofort willkommen geheißen, nicht aufgenommen. Es wird ab sofort auf alle Suchtmittel verzichtet. Keine Drogen, kein Alkohol, kein Tabak. Beim Entzug wird unterstützt – aber es wird auch sofort gefordert, etwas zu tun, mitzuhelfen, dass diese Hilfegemeinschaft existieren kann. Häufig höre ich, dass die Hilfesuchenden bei Synanon – das war der Name der Gruppe und ist heute der Name für ein erfolgreiches Selbsthilfeprojekt - ihre Freiheit an der Tür abgeben, weil es so viel Regeln gibt, an die man sich zu halten hat. Aber das stimmt so nicht. Genau das Gegenteil ist der Fall. Jemand, der von Drogen oder Suchtmitteln abhängig ist, ist nicht frei. Freiheit ist das Gegenteil von Abhängigkeit – und die Regeln sind der erste Schritt auf dem Weg zur persönlichen Freiheit. Auf dem Weg, wieder eigene Entscheidungen treffen zu können, die nicht von dem Denken an das Suchtmittel überlagert sind. Auf dem Weg zu eigenen Lebenszielen und nicht zu kurzfristigen Entscheidungen, wie ich jetzt überleben kann. Freiheit, die einem nicht geschenkt wird, sondern die mühsam wieder errungen wird. Das sind die Prinzipien der Selbsthilfe: Akzeptieren, dass man Hilfe benötigt. Hören und sehen, wie andere mit den gleichen Problemen diesen Weg gegangen sind, den Ausstieg geschafft haben. Überlegen, ob diese Wege, die in den Gruppentreffen immer wieder erzählt werden, die richtigen auch für mich sein können. Zweifel zulassen und äußern können. Das alles in einer Atmosphäre, in der man sich angenommen und ernst genommen fühlt. Im Erleben und im Gespräch werden neue Pläne und Chancen entwickelt, geäußert und besprochen. Und das gibt es nur selten in Deutschland, vor allen Dingen aber bei Synanon: Die persönlichen Pläne können im Rahmen von Synanon umgesetzt werden. Neue Berufsperspektiven werden entwickelt, eine Ausbildung wird angeboten und die Zweckbetriebe bieten Entwicklungschancen. Suchthilfe hat sich zu einem großen Arbeitsfeld entwickelt. Manchmal kann man den Eindruck haben, dass ein Kampf um Klienten und deren optimale Betreuung entbrannt ist. Es geht, zum Beispiel bei der Substitution, um viel Geld. Es geht um Belegung und Statistik. Und weil es, wie in allen gesellschaftlichen Bereichen, um die drei Dinge: Geld, Macht und Einfluss geht, besteht die Gefahr, dass die Betroffenen nicht mehr im Mittelpunkt der Bemühungen stehen. Gut, dass es Synanon gibt, Hilfe zur Selbsthilfe angeboten wird und immer wieder deutlich wird, dass der Königsweg aus der Abhängigkeit in die Freiheit führt. In die Freiheit in Verantwortung.

Die Synanon-Idee Gastbeitrag

Hilfe zur Selbsthilfe

Nach der Idee Synanons trägt jeder suchtmittelabhängige Mensch die Fähigkeit in sich, wieder ein drogenfreies Leben zu führen, wenn ihm der geeignete Rahmen dafür geboten wird. Diesen Rahmen bietet die 1971 in Berlin-Kreuzberg von Betroffenen für Betroffene gegründete Synanon-Gemeinschaft. Die Menschen in Synanon geben sich gegenseitig Hilfe zur Selbsthilfe und lernen so miteinander und voneinander, ein sinnerfülltes und zufriedenes Leben ohne Drogen zu führen.

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Stationen der Synanon Lebensschule Kampagne

Aufnahme sofort! Jederzeit Tag und Nacht

Keine Bewerbung Kostenübernahmebestätigung nicht erforderlich Keine Warteliste Entzug im Haus, wir helfen

Therapie statt Strafe nach § 35 ff. Betäubungsmittelgesetz (BtMG)

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eit Jahrzehnten schon steht Synanon für eine sofortige Aufnahme von süchtigen Menschen in Not. Unbürokratisch, ohne Vorbedingungen und ohne Ansehung der Person findet jeder bei uns Aufnahme, der dem Teufelskreis aus Sucht, Beschaffung und/oder Kriminalität entkommen will. Denn Sucht ist tödlich, wenn man nichts dagegen unternimmt. Wenn man den U-Bahnhof Potsdamer Platz in Richtung Anhalter Bahnhof verlässt, kann man den neongrünen Schriftzug "Synanon-Haus" am oberen Rand des fünfstöckigen Eckgebäudes nicht übersehen. Wie ein Fels in der Brandung inmitten der vielen Hochhäuser steht dort ein Haus, in dem süchtige Menschen Zuflucht finden und jederzeit und ohne Vorbehalte willkommen sind. Bis zu 800 Menschen jährlich bitten uns um "Aufnahme sofort!". Mehr als 23.000 waren es bereits seit Gründung unserer Suchtselbsthilfe im Jahre 1971. Was geht in den Menschen auf ihrem Weg zu Synanon vor? Wie nehmen sie die letzten, noch trennenden Schritte, die der Anfang eines neuen, hoffentlich nüchternen Lebens sein können? Manche rauchen noch vor dem Haus ihre letzte Zigarette. Erst wenn der letzte Vorrat an Drogen verbraucht ist und nichts mehr geht, ist Synanon für die meisten Süchtigen eine Alternative, eine Notlösung, ein Zufluchtsort, ist unsere Erfahrung aus nunmehr vier Jahrzehnten. Viele gehen auch nach wenigen Stunden, Tagen oder Wochen wieder. Die, die bleiben, kämpfen. Synanon steht für Klarheit und Konsequenz. Strikte Abstinenz ist die Voraussetzung für ein dauerhaft nüchternes und selbstbestimmtes Leben. Den meisten sieht man es an, wie sie sich innerlich aufbäumen und sich zwingen durchzuhalten. Am Anfang zählt man die Stunden, freut sich über jeden nüchternen Tag. In Synanon ist man Betroffener und Therapeut zugleich. Mit unserem Hilfsangebot der "Aufnahme sofort!" erreichen wir zumeist Menschen, die als austherapiert gelten oder schon gar nicht mehr krankenversichert sind. Auch wenn die wenigsten von ihnen über längere Zeit bei uns bleiben, hatten sie zum Zeitpunkt allergrößter Not und Hilflosigkeit die Einsicht, dem Suchtkreislauf entkommen zu müssen. Allein der Versuch des Ausstiegs aus der Sucht kann - auch wenn er nicht beim ersten Anlauf gelingt - ein erster Schritt sein. Scheinbar hoffnungslose Fälle haben ihren Weg in ein dauerhaft nüchternes und selbstbestimmtes Leben bei uns gefunden." Sucht hat viele Gesichter. Der Leidensdruck für den Betroffenen und seine Familie ist groß. Da noch immer die Zahl der suchtmittelabhängigen Menschen von Jahr zu Jahr dramatisch ansteigt, ist es uns ein großes Anliegen, suchtkranken Menschen, auch denen, die auf der Straße leben und keine Zuflucht mehr haben, einen Weg aus ihrer Notsituation aufzuzeigen. Obdachlosigkeit und Krankheit, Depressionen, Suizidgedanken und Hoffnungslosigkeit bestimmen ihr Leben. Ihre Rettung könnte unser Aufruf der "Aufnahme sofort!" sein.

Stationen der Synanon Lebensschule Von der Ankunft bis zum Auszug

Aufnahme sofort!

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Stationen der Synanon Lebensschule Die Ankunft

Die Ankunft Aufnahme sofort! 24 Stunden Tag und Nacht

Carolin: Entlassung aus der JVA vor 14 Stunden, 6-stündige Zugfahrt hinter mir, geplagt von Angst, Zweifeln und meiner Sucht. Ich setzte mich auf die Bank und eine Art Erleichterung macht sich in mir breit. Ein netter junger Mann (Herrmann W., HVA), kommt und spricht mit mir in einer sehr beruhigenden Art, er erklärt mir die 3 Grundregeln und wie es hier so abläuft und ich besiegele es voller Entschlossenheit mit einem klaren und eindeutigen „JA“. Marco: Ich weiß nicht mehr weiter. Spüre Erleichterung und Aufgabe. Harald: Bin Wiederkommer, zwar ziemlich angetrunken, aber auch erleichtert. Einfach nur froh, dass dieser lebensbedrohliche Mist vorbei ist. Frank: Gerade aus der Psychiatrie entlassen, der Zwangsunterbringung entkommen, randvoll mit Alkohol, Bewusstseinstrübung durch Diazepam; nur verschwommene Erinnerungen … froh, der Psychiatrie entkommen zu sein, Gewissheit, dass mir hier geholfen wird, das 3. Mal hier, kenne die Abläufe quasi wie im Schlaf.

Freundlicher Empfang

Einfach kommen!, heißt es im Flyer. Süchtige Frauen, Männer, Familien jeder ist jederzeit willkommen. Egal, welche Sucht vorliegt. Nirgendwo ein Aber. Wo ist der Haken, wenn es so unkompliziert ist? Es gibt keinen! Mut gehört dazu und der feste Wille, der Sucht entkommen zu wollen. Alles beginnt mit der Aufnahmebank, auf der jeder Hilfesuchende erst einmal Platz nimmt. Dies ist jederzeit, Tag und Nacht - rund um die Uhr - möglich, denn Synanon steht für Aufnahme sofort! Wenn die Not am größten scheint, am Tiefpunkt, wenn es keinen Ausweg mehr gibt, wenn Depressionen oder Suizidgedanken den süchtigen Menschen nicht mehr loslassen und er dem doch noch entkommen will. Wenn es um Leben und Tod geht.

Alles beginnt mit der Aufnahmebank

Stationen der Synanon Lebensschule

Der Hausverantwortliche heißt den Neuankömmling herzlich willkommen.

Die Symbolik ist eindeutig. Wenn ein süchtiger Mensch um Hilfe bittet, bedarf es zunächst nur weniger Worte. Der Empfangsdienst ist der erste, auf den ein Hilfesuchender trifft. Er weiß, was als nächstes zu tun ist und bittet ihn freundlich, erst einmal auf der Bank Platz zu nehmen. Der diensthabende Hausverantwortliche wird gerufen. Was erwartet mich?, fragen sich in dieser kurzen Zeit des Wartens die meisten. Es soll hart sein bei Synanon, kreisen die Gedanken weiter. Aber was ist damit gemeint? Viel Zeit zum Grübeln bleibt nicht. Der Hausverantwortliche trifft ein und heißt ihn erst einmal willkommen.

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Alexander: War das wirklich nötig? Ja, und gut, dass du endlich hier bist. Schau es dir in Ruhe an und überlege, ob du bleibst. Peter: In dem Moment, wo ich um Aufnahme bat und mich auf die Bank setzte, habe ich vor meiner desolaten Lebenssituation kapituliert. Ich hatte so ein Gefühl von „Tritt ein und lass alle Hoffnung fahren“, bei mir ging nichts mehr, draußen wäre ich gestorben und das meine ich wörtlich. Von Heroin runterkommen ist überall mies. Thomas: Was erwartet mich? Fühle mich völlig hilflos. Werde ich es schaffen, nicht zu rauchen? Sebastian: Die Gedanken kreisen immer noch um diese rote Packung Marlboro, die ich auf die Mauer legte, bevor ich zu Synanon ging. Es war so, als ob ich eine große Last ablegte. Ich friere. Vor Kälte? Keine Ahnung warum. Ich will nur noch ins Warme. Zum Glück läuft das hier alles sehr unkompliziert ab. Ja, diese rote Packung Marlboro auf der Mauer mit dem Feuerzeug oben drauf. Dieses Bild werde ich nie vergessen. Abschied in ein neues Leben.

... der Anfang ist geschafft

Mit dem Fahrstuhl geht es in den Aufnahmebereich.

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Stationen der Synanon Lebensschule Das erste Gespräch – im Aufnahmebereich

Erklärung der Synanon-Regeln NDÜ Nach Drogen Überprüfung

Das erste Gespräch Carolin: Zwei Frauen holen mich ab (sie sind nett) und bringen mich zur NDÜ, anschließend in ein Zimmer, wo ich erst mal schlafen kann, da es mittlerweile schon 01.00 Uhr nachts ist. Ich schlafe gut wie nie und bin ziemlich ruhig. Am Morgen kommt eine andere Frau zu mir und erklärt mir den weiteren Ablauf. Erst einmal gehen wir runter in einen riesigen Saal. Dort herrscht schon Hochbetrieb. Wir setzen uns an einen Tisch. Es gibt ein Frühstück wie im Hotel, ich kann nichts essen, bringe nur einen Kaffee runter. Dann ist es soweit. Das erste Gespräch mit der Hausleitung steht an. Marco: Will nur meine Ruhe. Was passiert gerade? Kann keinen klaren Gedanken fassen. Höre nicht zu. Panik. Harald: Keine neue Situation für mich. Die Leute kennen mich noch und ich habe keine verbrannte Erde hinterlassen. Mein Entschluss für ein nüchternes Leben steht fest. Thomas: Mir wird schnell klar, dass es für mich hier etwas völlig Neues wird. Viele

Aufnahme der Personalien

Der Hausverantwortliche begrüßt den Neuankömmling und erklärt ihm kurz die drei Grundregeln von Synanon, die die Basis des Zusammenlebens in der Gemeinschaft sind:

1.

2. 3.

keine Drogen, kein Alkohol, keine bewusstseinsverändernden Medikamente keine Gewalt oder deren Androhung kein Tabak, wir rauchen nicht

Im Aufnahmebereich: Überprüfung nach Drogen durch den Bereitschaftsdienst. Jedes Mitglied der Gemeinschaft mit einer Zugehörigkeit von mehr als drei Monaten leistet diesen Bereitschaftsdienst neben seiner sonstigen Beschäftigung und weiteren Nacht- und Empfangsdiensten ca. 1 x in der Woche.

Der Neuankömmling erhält frische Wäsche, kann duschen, essen und schlafen.

Stationen der Synanon Lebensschule

Im Aufnahmebereich: In der Obhut eines erfahrenen Bewohners.

Dabei vergewissert er sich, dass der Betreffende bereit ist, diese zu akzeptieren. Danach begleitet er den Neuankömmling in den Aufnahmebereich und übergibt ihn an die dort bereits informierten Diensthabenden von der Aufnahme-Bereitschaft. Sie erklären ihm zunächst wie es weitergeht und überzeugen sich davon, dass er keine Drogen mit ins Haus gebracht hat (Nach Drogen Überprüfung, NDÜ) Danach erhält der Neuankömmling frische Wäsche und die Möglichkeit zu duschen, zu essen und zu schlafen. Er verbleibt zunächst in der Obhut der erfahrenen Bewohner im Aufnahmebereich. Die Entzugsphase setzt ein. In den nächsten Tagen wird aus diesem Grund stets jemand in seiner Nähe sein. Der Entzug setzt ein: Angst vor der ersten Nacht in ungewohnter Umgebung.

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Leute. Alles ist neu. Was erzählt der Mann mir alles? Frank: Gespräch mit dem HVA (Hausverantwortlichen) über die Regeln findet in meinem Falle nicht mehr statt. Es wird mir zu verstehen gegeben, dass man eigentlich keinen Bock mehr auf mich hat. Man sagt mir, ich stünde schon fast auf der „never come back“-Liste, beim letzten Mal habe ich spontan während einer Gruppe Synanon verlassen und als Hauswirtschaftsleiter meine Truppe … Der HVA zeigt sich jedoch ob meines desolaten Zustandes gnädig und nimmt mich ins Haus mit den Worten: „Du kannst Dich für das morgige Aufnahmegespräch warm anziehen …“ Alexander: Das erste Gespräch war nicht wichtig, ich erinnere mich nicht an den Inhalt. Aber die Leute waren authentisch, keiner hat versucht, mir etwas vorzumachen. Das war angenehm. Peter: Bei mir gab es nichts mehr zu entscheiden, das was zu mir gesagt wurde, habe ich nicht wirklich wahrgenommen, ich habe zu allem abgenickt und bin mitgegangen. Sebastian: Die erste Nacht seit einer Ewigkeit ohne Drogen. Zum Glück ist es warm und zum Glück reden die anderen keinen Blödsinn.

Der Entzug setzt ein

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Stationen der Synanon Lebensschule Die Aufnahme - Entscheidung für ein nüchternes Leben

Erstes ausführliches Gespräch

Die Aufnahme Carolin: Panik macht sich in mir breit, schließlich geht es um mein LEBEN! Sie erklären mir nochmals, aber sehr genau die 3 Grundregeln und was hier wie genau vonstatten geht und ich aber erst mal ankommen solle ... Dann kommt die alles entscheidende Frage, die mein Leben bis heute beeinflusst: Möchtest Du das ?! Ich bin mir sicher, dieses eine Mal im Leben das Richtige zu tun und sage klar und deutlich „JA“. Thomas: Die erste Nacht im Synanon-Haus. Ich suche wieder nach Möglichkeiten zu saufen. Finde ich mich hier zurecht? Ich muss das hier irgendwie hinkriegen! Frank: An die NDÜ habe ich keine Erinnerungen mehr. Im Aufnahmebereich werde ich kühl empfangen, ich spüre, dass man mir meine „Flucht“ aus Synanon vor ca. 6 Wochen sehr krumm nehmen wird. Andererseits bin ich von dem Moment an, in dem ich im Aufnahmebereich im 3. OG mit meinem Entzug beginne, zum ersten Mal nach vielen Wochen vollständig angstfrei. Ich fühle mich in Sicherheit, quasi zu

Das erste ausführliche Gesrpäch mit der Hausleitung.

Das erste ausführliche Gespräch findet am Tag nach der Ankunft statt. Der Hausleiter bzw. Mitglieder der Hausleitung und des Leutejob (zuständig für alle Belange neuer Bewohner) nehmen sich für dieses erste Gespräch viel Zeit. Sie bitten den Neuankömmling, seine Geschichte zu erzählen und beantworten Fragen. Im weiteren Verlauf des Gesprächs erfährt der Neuankömmling Näheres über Synanon und das Leben in der Gemeinschaft, das von den drei Regeln, die ebenfalls ausführlich erklärt werden, geprägt ist. Sofern der Betreffende in der Lage ist, werden auch erste wichtige Daten zu seinem Status abgefragt. In erster Linie wird geprüft, ob gerichtliche Auflagen vorliegen, wo rasches Handeln erforderlich ist (Meldung an

Endlich: „Herzlich Willkommen“ in der Synanon-Gemeinschaft.

Hause. Mir ist nur mulmig zumute, wenn ich an das bevorstehende Aufnahmegespräch denke. Was wird aus mir, wenn sie mich nicht das 3. Mal wieder aufnehmen. Mir bleibt dann nur die Straße oder die Psychiatrie. Das Aufnahmegespräch wird von Ingo geführt, der nicht viele Worte macht, auch keine Vorhalte oder Schuldzuweisungen, er erklärt mir, ich

Stationen der Synanon Lebensschule

Einlagerung der persönlichen Sachen für die nächsten zwei Monate.

Gerichte, Staatsanwaltschaften, Polizei). Sollten dringende medizinische Behandlungen (z. B. bei Abszessen) notwendig sein, werden auch diese sofort eingeleitet. Für den kalten Entzug (ohne unterstützende Medikamente) ist es wichtig zu erfahren, welche Suchtmittel und in welcher Dosis der Betreffende zuletzt genommen hat. Am Schluss des Gesprächs wird der Neuankömmling gefragt, ob er unter Einhaltung der Regeln in die SynanonGemeinschaft aufgenommen werden möchte. Speisesaal im Synanon-Haus. Eine Sitzordnung gibt es nicht. Jeder sucht sich seinen Platz selbst aus. Der neue Bewohner hält sich zunächst an seinen Paten.

gehöre hierher und bekäme eine letzte Chance. „Fressehalten und machen“ sei bei mir angesagt. Ich bin erleichtert. Harald: Nichts Neues für mich. Komisches Gefühl, im Blaumann an meinem alten Einzelzimmer vorbei zu laufen. Marco: Ich brauche Hilfe! Wohin kann ich abhauen? Will nur meine Ruhe. Sollen mich alle in Ruhe lassen! Alexander: Die Aufnahme war skurril, erst die Filzprozedur, dann die Matratzen auf dem Boden und - auf den ersten Blick - ein paar Irre. Nach

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ein paar Stunden war es dann ganz in Ordnung. Das erste Gespräch über ein nüchternes Leben und seine eventuellen Vorteile fand dort statt, doch es war noch in weiter Ferne. Das Rezept dafür nicht: einfach dableiben. Peter: Die Aufnahme war kurz und schmerzlos, was mir recht war. Ich habe dem stellvertretenden Hausleiter gesagt, was mit mir los ist und wer mich auf die Idee gebracht hat zu Synanon zu kommen und damit war für ihn alles klar, der hatte ja Augen im Kopf, er wusste wie es mir geht. Was die Räumlichkeiten angeht, was soll ich sagen, ich war auf Entzug. Sebastian: Ich gehe zum Erstgespräch. Es ist wie am Vortag, alles sehr unkompliziert und einfach. Bist du krank? Vorstrafen? Willst du nach unseren drei Regeln leben? Nach 15 Minuten bin ich Mitglied in der Synanon-Gemeinschaft. Mir ist das egal. Warm, drogenfrei und vor allem kein Gefängnis wie vom Staatsanwalt angedroht. Alles ist hier so schön unkompliziert. Alles, was mit mir passiert macht Sinn. Kein langes Herumreden. Bist du süchtig, was hast du genommen und wann zum letzten Mal? Entzug, Krampfanfälle? Ja/nein und fertig. Die klare Ansage: Mitmachen!

Die Entscheidung ist gefallen

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Stationen der Synanon Lebensschule Die ersten Stunden im Synanon-Haus - Patenschaft – Kontaktpause

Die ersten Stunden

Carolin: Im „Blaumann“ in der Hauswirtschaft im Haus unterwegs. Die nächsten zwei Wochen mache ich einfach stumpf und ohne Gedanken meine Arbeit. Die gemeinsamen Mahlzeiten kommen mir so unwirklich vor. Man muss sich vorstellen, dass man mit ca. 120 anderen Menschen in einem Speisesaal sitzt, ja sogar wohnt, die man überhaupt noch nicht kennt ...?! Aber schon nach kurzer Zeit habe ich mich an meine Weggefährten gewöhnt und stelle fest, dass eigentlich jeder mit sich selbst beschäftigt ist! Thomas: Ich komme mir verloren vor. Obwohl alle das gleiche Problem haben, frage ich mich oft, was ich hier soll und warum es mich „erwischt“ hat. Peter: Ich habe keine Ahnung mehr, wer mein Pate war, ich habe keinen gebraucht, wenn ich was wissen wollte, habe ich gefragt, gebraucht habe ich nichts außer dem, was ich sowieso bekommen habe. Alexander: Fremd. Viele neue Gesichter. Aber wir auch die neuen - hatten ein gemeinsames Ziel und damit gleich eine Verständigungsebene. Trotz der Regeln sehr unkompliziert.

Einrichten im Neuenzimmer.

Der neu Aufgenommene bezieht ein sogenanntes Neuenzimmer, das er sich für die nächsten Wochen mit fünf anderen Bewohnern teilt. Die meisten von ihnen sind ebenfalls neu in der Gemeinschaft. Ein schon länger in Synanon lebender Bewohner wohnt als Verantwortlicher mit auf diesem Zimmer. Er zeigt dem neuen Mitbewohner das Haus. Gleich darauf wird er in seinem ersten Bereich, der Hauswirtschaft, vorgestellt. Ein erfahrener Bewohner wird ihm als Pate beigestellt. Dieser Pate bleibt in seiner unmittelbaren Nähe Ansprechpartner für alle Fragen, klärt ihn über die Strukturen und Zuständigkeiten innerhalb der Gemeinschaft auf und hilft ihm in dieser äußerst labilen Phase über eventuelle Schwierigkeiten hinweg. Unbekanntes strömt auf ihn ein. Einfach mitmachen!, heißt es. In Teepausengesprächen mit den anderen Neuen und bei abendlichen Zusammenkünften im Club

Im Gespräch mit dem Paten: Verarbeitung erster Eindrücke.

Frank: Alles sehr vertraut. Komme gut zurecht. Die ersten Gruppen sind sehr hart. Mir wird klar zu verstehen gegeben, dass ich kaum mehr eine Chance habe, wenn ich nicht kapituliere. Der Entzug macht mir zu schaffen. Allerdings bin ich froh, es geschafft zu haben, hier wieder anzukommen.

Stationen der Synanon Lebensschule

Der Hauswirtschaftsleiter begrüßt den neuen Bewohner.

kommt er mit anderen ins Gespräch. Er erfährt, dass es den anderen ähnlich geht wie ihm. Viele sind am Anfang unsicher und verzweifelt, ihre Gedanken kreisen um offene Strafverfahren, Schulden und um familiäre Konflikte. Die für alle geltende Kontaktpause zu Menschen aus ihrem vorherigen Umfeld in den ersten drei Monaten trägt dazu bei, den neuen Bewohner in dieser schwierigen Phase von weiteren, möglicherweise belastenden Situationen fernzuhalten. Er soll sich in seinem neuen Umfeld zurechtfinden, ohne mit Personen oder Dingen aus seiner Suchtvergangenheit konfrontiert zu werden. Auf Wunsch werden die Familie oder Vertrauenspersonen des neuen Bewohners über seine Aufnahme bei uns informiert.

Der neue Bewohner räumt die ihm zugeteilte frische Wäsche aus der SynanonKleiderkammer in sein Schrankfach. Seine mitgebrachten Sachen, die in der Zwischenzeit gereinigt und verwahrt werden, erhält er zwei Monate später zurück. Bis dahin trägt er wie alle anderen in der Hauswirtschaft einheitliche Kleidung, eine blaue Latzhose, die in Synanon kurz „Blaumann“ genannt wird.

Die Mitbewohner gehen in der ersten Woche auf Distanz zu mir. Marco: Muss es Synanon sein? Warum sind alle so nett? Traue der Sache nicht. Will Kontakt nach außen. Hauswirtschaft - warum soll ich das jetzt machen? Harald: Es ist an manchen Stellen sehr belastend, hier völlig neu anzufangen, aber ich möchte nüchtern leben.

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Sebastian: Die ersten Stunden sind sehr schwer. Man soll die Hände nicht in der Tasche haben, nicht alleine abhängen. Es gibt wohl keine Regel, die ich richtig befolge. Jeder sagt mir, was ich falsch mache. Auf was habe ich mich da eingelassen? Hat das was mit Sucht zu tun? Was sollen diese ganzen Regeln? Aber warm ist es und es gibt Essen wie im Schlaraffenland. Allein sein wäre jetzt sicherlich tödlich für mich. Es gibt einen Zimmer-, einen Wohnbereichs-, einen Etagen- und einen Hausverantwortlichen. Die sind nicht nur da, um mich zu reglementieren (das machen die anderen ja schon genug), nein, sie sind ansprechbar, wenn ich eigentlich abhauen will. Sie gehen auf mich zu, laden mich auf einen Spaziergang ein oder trinken mit mir einen Tee in den Gemeinschaftsräumen. Hier erfahre ich, warum alles so ist und dass die ersten Schritte immer die schwersten sind. Einfach nur bleiben und einfach mitmachen. Nachdenken ist am Anfang sehr gefährlich. Warum eigentlich? Nach 20 Jahren Drogenkonsum habe ich doch alles im Griff. Das soll mich nüchtern halten? Diese einfachen Ansagen?

… einrichten und mitmachen. Paten gefunden, Kontaktpause

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Stationen der Synanon Lebensschule In der Hauswirtschaft

Geregelter Tagesablauf Einfache Tätigkeiten Gespräche

Hauswirtschaft Carolin: Nun heißt es Tische eindecken in dem riesig großen Speisesaal, abwaschen, aufräumen, einfach mit den Händen nüchtern werden und abends nach getaner Arbeit einfach nur noch ins Bett fallen. Das hat den Vorteil, dass die erste Zeit sehr schnell vergeht! Marco: Welchen Sinn hat das? Schamgefühle. Erste Gespräche. Thomas: Gott sei dank, habe ich eine Beschäftigung. Diese fällt mir nicht schwer, ich habe zu tun und viele Pausen. Die anderen gehen mir stellenweise ganz schön auf die Nerven. Frank: Ich bin nur zwei Tage in der Hauswirtschaft gewesen und wechsele dann in die Küche. Beim Wiedereinstieg in den Synanon-Alltag ist für mich von Bedeutung zu wissen, dass der Hauwirtschaftsleiter ebenfalls ein „Wiederkommer“ ist und er meine Situation und meine Schwierigkeiten gut kennt.

Den Tisch richtig decken zu lernen, ist eine der ersten Tätigkeiten in der Hauswirtschaft, in die der neue Bewohner eingewiesen wird. Auch wenn die gespendeten Tische und Stühle verschiedenen Stilepochen der Möbelindustrie entspringen, die Anordnung des Geschirrs ist an jedem Platz und an jedem Tisch im Speisesaal gleich.

„Mit den Händen nüchtern werden“, ist eine Synanon-Weisheit, die auch heute noch Gültigkeit hat. Die Hauswirtschaft ist der erste Bereich für jeden neuen Bewohner. In diesen ersten vier Wochen lernt er, sich wieder in einem geregelten Tagesablauf zurechtzufinden. Er gewöhnt sich ein, lernt die anderen Bewohner kennen und erfährt mehr über das Leben in der

Der Abwasch ist gut organisiert. Schließlich gilt es, dreimal täglich für mehr als 100 Menschen im Haus das Geschirr zu spülen. Auch moderne Technik kommt zum Einsatz. Dem neuen Bewohner wird alles in Ruhe erklärt und gezeigt.

Harald: Ich bin zwar ein Wiederkommer, aber es wird auch von mir verlangt, dass ich als ehemaliger HVA alles weiß. Die Gratwanderung ist schwierig, gelingt mir aber ganz gut.

Stationen der Synanon Lebensschule

Team Hauswirtschaft bei der Mittagspause im Club. Anfangs sind viele Pausen nötig, die auch mit Gesprächen ausgefüllt werden.

Gemeinschaft und die Regeln des Zusammenlebens. Zusammen mit den anderen neuen Bewohnern wird er mit einfachen Hausarbeiten wie Fegen und Wischen der Treppenhäuser und Flure, Geschirrabwaschen und Tischdecken betraut. Darüber hinaus finden zu festgelegten Zeiten Gruppengespräche und gemeinsame Freizeitaktivitäten statt. Wie auch in den anderen Bereichen tragen die Mitglieder der Hauswirtschaft eine einheitliche Kleidung. Dies hat den Vorteil, dass sie sich untereinander erkennen und von anderen Bewohnern erkannt werden. Angeleitet wird die Hauswirtschaft stets von einem erfahrenen Bewohner Synanons. Team Hauswirtschaft: Gut organisiert und koordiniert unterwegs zum nächsten Einsatzort im Synanon-Haus.

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Durch den täglich immer gleichen Tagesablauf tritt bei mir so etwas wie „Normalisierung“ ein. Alexander: Die Hauswirtschaft: hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Man merkt sofort, ob jemand es ernst meint mit dem Nüchtern werden oder nicht. Allerdings nur, wenn man den direkten Kontakt hat, der HWL ist bereits viel zu weit weg. Muss er aber auch sein, sonst könnte er seinen Job nicht machen. Er darf keine zu engen persönlichen Beziehungen zu den Neuen aufbauen, sonst leidet er zu sehr unter denen, die es nicht ernst meinen. Die Tätigkeiten im Haus sind nebensächlich, es geht nur darum, ob man bleibt oder nicht. Peter: Mehr wie Besteck polieren ging erst mal nicht, mehr wurde auch nicht erwartet, wie ich das erste mal die Treppenhäuser fegen sollte, habe ich die letzten Etagen sitzend Stufe für Stufe mit dem Handfeger gemacht. Die Zeit in der Hauswirtschaft habe ich gebraucht, um wieder auf die Beine zu kommen. Das erste Highlight war, wie ich das erste mal vom Parterre bis zum Club im 5. Stock gelaufen bin und oben dachte: „Hey, du bist gelaufen!“

„Mit den Händen nüchtern werden!“ (SynanonSpruch)

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Stationen der Synanon Lebensschule Die erste Zeit in der Gemeinschaft – Kalter Entzug in warmer Atmosphäre

Die erste Zeit

Carolin: Feste Strukturen von Anfang an, d.h. um 6 Uhr aufstehen, duschen anziehen usw. Dann jeden Tag eine Gruppe, Teepausenseminare (ältere Bewohner erzählen über Suchtthemen, ihren Werdegang in Synanon), Spaziergänge und dann wieder zurück in den Bereich. Viele Gedanken und Ängste bezüglich der Familie, ob sie noch zu mir stehen usw. Marco: Gewöhne mich langsam an die Situation. Finde immer noch alles sehr merkwürdig. Ist alles nicht real für mich. Tagesabläufe sind kein Problem. Teepausen finde ich sehr unangenehm. Neuengruppen sind okay, sage aber nicht viel und über mich schon gar nicht. Frank: Nach zwei Tagen wechsele ich in die Küche und vom Neuenzimmer in ein Gemeinschaftszimmer. Die sehr intensive und harte Arbeit in der Küche lenkt mich ab. Die Leute in der Küche nehmen mich gut auf. Bei einem Gespräch mit der Hausleitung wird mir deutlich gesagt: „Für dich sind die nächsten zwei Jahre Synanon mit Küche gleichbedeutend. Bevor du hier nicht intensiv Verantwortung übernommen hast und einigermaßen kochen kannst, wird es bei dir keinen Bereichswechsel geben.“ Ich glaube, das war das

Heilsame Momente bei der Heileurythmie: Gemeinschaft (er)leben. Eine neue Erfahrung für viele.

Schon gleich nach dem Entzug, der bei einigen wenige Tage, bei anderen mehrere Wochen andauert, setzt im wahrsten Wortsinne Ernüchterung ein. Mit eigenem Entsetzen über ihre noch nicht lange zurückliegende „Suchtvergangenheit“ sehen sich viele neuen Bewohner vor einen Scherbenhaufen gestellt. Schuldgefühle und Scham machen sich breit. Manch einer sucht das Gespräch mit anderen, andere wiederum ziehen sich zurück. Was hilft, ist die feste Tagesstruktur von 6 bis 21:30 Uhr, die jeden neuen Bewohner fordert und einbindet. Täglich, außer am Sonntag, stehen Gruppengespräche, davon dreimal in der Woche so genannte Neuengruppen auf dem Plan. Außerdem finden dreimal wöchentlich Teepausengespräche in der Hauswirtschaft statt, in der gemeinsam mit erfahrenen Bewohnern über aktuelle und spezielle Suchtthemen gesprochen wird. Viele der neuen Bewohner wissen zu dem Zeitpunkt nicht viel über Sucht. Durch Vermittlung so geGedanken über das Leben. Die allseits beliebte Heileurythmie-Lehrerin Gabi in ihrem Element. Bei Eurythmie „schwänzt“ keiner, „denn sie ist Balsam für die Seele“, sind sich alle einig. Viele Ehemalige machen nach ihrem Auszug aus Synanon weiter mit in Gabis Kursen.

Stationen der Synanon Lebensschule

Motivation ist wichtig. Der Hauswirtschaftsleiter erklärt seinem Team die weiteren Schritte. Besprochen wird auch, was die neuen Bewohner bewegt.

nannten Suchtwissens soll erreicht werden, dass der neue Bewohner eigene „süchtige“ Verhaltensweisen erkennt und sich neue, „nüchterne“ aneignet. Heileurythmie, Joggen und Sauna sowie gemeinsame Spaziergänge sind das physische Kompensationsprogramm in dieser ersten und entscheidenden Zeit, die zwar Pflicht sind, von den meisten aber gern angenommen werden. Dies gilt auch für die gemeinsamen und zu festen Zeiten eingenommenen Mahlzeiten, die in der Synanon eigenen Küche täglich frisch und nahrhaft zubereitet werden. Team Hauswirtschaft auf dem Spaziergang zum Potsdamer Platz.

Harald: Kann ich alles. Bin froh, dass ich zu meinen Leuten keinen Kontakt haben kann. Es gehen mir natürlich viele Gedanken durch den Kopf. Aber es geht mir einigermaßen gut. Thomas: Es gibt so viele neue Sachen hier. Meine einzige Überlegung ist immer noch, wie ich hier weg komme.

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wirklich erste Mal, dass ich mich entschieden habe, meine Situation anzunehmen und der Synanon-Gemeinschaft zu vertrauen. Mir wird klar, die Hausleitung meint es ernst und wenn ich meinen Weg nicht konsequent gehe, werde ich sehr schnell wieder an dem Punkt sein, dass ich gehen werde. Alexander: Völlig befremdlich. Nach jahrelanger Isolation ein Sprung ins kalte Wasser. Dort merkt man aber, dass es den anderen genauso geht. Das hilft. Peter: Geregelte Tagesabläufe, feste Strukturen und Regeln sind, wenn ich nüchtern bin, nie mein Problem gewesen, das hat man in jeder Einrichtung, deswegen war ich in den Gruppen erst mal nicht so Thema. Kontakt zu Angehörigen wollte ich nicht, habe mich viel zu sehr geschämt und wollte mich von dieser Seite auch keiner Kritik aussetzen. Sebastian: Warum muss ich nur jeden Morgen duschen und mich rasieren? Das soll mich nüchtern halten? Auch die Zimmerordnung geht mir richtig gegen den Strich. Was soll das? Betten machen. Und diese vielen, kleinen Unterregeln. Wir schließen schon Wetten ab: Wie viele Unterregeln gibt es in Synanon und wer kennt Sie alle?

Vertrauen fassen, Gemeinschaft (er)leben

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Stationen der Synanon Lebensschule Klärung persönlicher Angelegenheiten

Klärung

Carolin: Sachverhalte werden abgefragt, Gericht wird informiert über meine Ankunft bei Synanon, mein neuer Wohnsitz wird angemeldet, Antrag auf Hartz IV wird gestellt, Versicherungsstatus wird geklärt, ich gehe zum Arzt usw. Marco: Meldeamt und weitere Termine sind angenehme Abwechselungen für mich. Frank: Da ich draußen nichts mehr habe, muss auch nichts mehr geklärt werden. Von den Dingen, die man für mich geregelt hat wie Meldeamt, Auseinandersetzung mit meinen Eltern, die es einfach nicht wahrhaben wollen, dass ich hier sein muss, bekomme ich nichts mit. Alexander: Unspektakulär, ich hatte jedoch auch keine besonderen Probleme mitgebracht. Peter: Mir war am Anfang nur wichtig, dass meine Wohnung gekündigt wird, damit diese Hintertür zu ist. Das ging auch recht flott, ich glaube so nach 2 Wochen wurden die ersten Schritte eingeleitet. Sebastian: Das Gespräch bei der Abteilung für Zivil- und Strafsachen (Ziv/Straf genannt) nordet mich ein. Dass ein Mensch so viel Mist bauen kann! Wohnung total verdreckt, Mietschulden, Ärger

In der Synanon eigenen Abteilung für Zivil- und Strafsachen werden die persönlichen Daten abgefragt, erfasst und vertraulich in Abstimmung mit dem Betreffenden bearbeitet.

Die Klärung persönlicher Angelegenheiten des neuen Bewohners beginnt schon am Tag nach seiner Aufnahme. Der im Erstgespräch ausgefüllte Fragebogen über den Status des Betreffenden wird in der Synanon eigenen Abteilung für zivil- und strafsächliche Betreuung weiter bearbeitet. Ein Mitglied dieses Bereiches führt mit dem Betreffenden ein ausführliches Gespräch, in dem er persönliche Daten abfragt. Es wird ermittelt, ob er polizeilich gemeldet ist und noch Ausweispapiere besitzt, was bei den meisten Bewohnern nicht der Fall ist. Des Weiteren wird geklärt, ob eine Wohnung gekündigt werden muss und ob Kranken-, Renten- und andere Versicherungen bestehen. Da viele zum Zeitpunkt ihrer Aufnahme nicht mehr krankenversichert sind, wird auch diese Anmeldung umgehend eingeleitet. Ebenso abgefragt werden Unterhalts- und andere Verpflichtungen. Die meisten neuen Bewohner können zunächst nur vage Angaben machen, auf die später konkreter eingegangen wird. Auch gesundheitliche Probleme werden angesprochen, um je nach Dringlichkeit entsprechende Maßnahmen einleiten zu können. Schon in den ersten Wochen erfolgt ein Gesundheits-Check, der auch Maßnahmen zur Zahnsanierung einschließt. Einmal wöchentlich hält ein Hausarzt Sprechstunde bei uns ab. Bewohner mit HIV- und/oder

Isolde (li.) kümmert sich um alle Terminangelegenheiten. Geschafft: Der erste Termin vor Gericht. Ein erfahrenes Mitglied von Ziv./Straf ist bei solchen Terminen immer dabei.

Stationen der Synanon Lebensschule

In der Sprechstunde von Dr. Voss. Der Arzt für Innere Medizin kommt einmal wöchentlich ins Synanon-Haus.

HCV-Infektionen nehmen darüber hinaus die Hilfe von Fachärzten und –kliniken unseres Vertrauens in Anspruch. Bei Vorliegen strafsächlicher Angelegenheiten gilt rasches Handeln. Bei vielen neuen Bewohnern stehen bereits Gerichtstermine an, bei einigen liegt sogar ein Haftbefehl vor. In einem solchen Fall melden wir uns beim jeweils zuständigen Gericht oder bei der Staatsanwaltschaft. Uns ist es wichtig dort mitzuteilen, dass der Betreffende bei uns bleiben möchte und gewillt ist, seinen Verpflichtungen/ Auflagen nachzukommen. Zu Gerichtsterminen begleiten wir den neuen Bewohner in jedem Fall. Parallel hierzu bemüht sich ein geschultes Team von Bewohnern um die Erfassung von Schuldenangelegenheiten, die bei fast allen neuen Bewohnern vorliegen. Zunächst wird ebenfalls stets in Absprache mit dem Betreffenden Kontakt zu Gläubigern aufgenommen, um Stundungsvereinbarungen zu treffen, die bis zur Klärung der Angelegenheit ein weiteres Anwachsen der Schulden vermeiden sollen. Aufgrund unserer jahrelangen Erfahrungen und guten Kontakte zur Polizei, zu Melde-, Ausländer- und sonstigen Behörden und Anwälten stehen wir Bewohnern mit Migrationshintergrund bzw. Ausländern mit geklärtem oder ungeklärtem Status in ihren persönlichen Angelegenheiten ebenfalls hilfreich zur Seite.

Im Vorraum des Arztzimmers warten schon die nächsten Patienten aus dem Haus.

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mit dem Bürgeramt, mit dem Staatsanwaltschaft und mit der Polizei. Am besten, man sperrt mich ein und wirft den Schlüssel ins tiefste Loch. Oder besser, man schmilzt ihn ein. Bin ich wirklich so eine Gefahr für die Allgemeinheit? Dass ich mir schade mit dem Drogenkonsum ist mir klar, aber dass ich so massiv in das Leben anderer eingreife, wird mir jetzt erst bewusst, als ich die von der Abteilung auf ein Papier gebrachte Liste sehe. War ich das alles? Bin ich wirklich so ein asoziales Subjekt? Ja, das bin ich! Mein Vermieter wäre fast gestorben an dem Stress und das ist noch das Harmloseste, was ich angerichtet habe. Was habe ich meinen Kindern, meinen Eltern angetan! Zum Glück bin ich in einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten, ansonsten gäbe es nur die eine Lösung für mich! Aber so ist es erträglich. Die Meinungen, wie normal ich im Gegensatz zu vielen anderen bin, sind zwar ziemlich doof, aber sie mindern mein Leid ein wenig und ich komme über den Tag. Ich soll von Tag zu Tag denken, sagt man mir, mehr kann ich auch nicht leisten. Wie konnte ich mir das nur antun? Ich lese diese Liste mit Tränen in den Augen und versuche cool zu wirken. Aber jeder sieht, wie sehr ich leide.

Ordnung und Strukturen schaffen

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Gastbeitrag von Prof. Barbara John Integration von Menschen mit Migrationshintergrund in der Suchthilfe

Prof. Barbara John Vorstandsvorsitzende des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Landesverband Berlin

„Aufnahme sofort!“ mit diesem Angebot macht SYNANON deutlich, dass „jederzeit, ohne Vorbedingungen und unabhängig von Alter, Herkunft, Religion etc.“ Menschen, die Hilfe brauchen, bei SYNANON aufgenommen werden. Jeder braucht die gleiche Chance. Jeder bekommt diese Chance. Aber für alle gelten die gleichen Regeln der Abstinenz von Drogen und Gewalt. Die Fachdiskussion zur Integration von Menschen mit Einwanderungsbiographie bewegt sich zwischen diesem, von SYNANON gewählten, integrativen Ansatz und kulturspezifischen Angeboten. Ein Entweder oder gibt es nicht. Das Prinzip „Alle werden gleich behandelt“ schafft die Basis für das Angebot. Können damit aber tatsächlich alle erreicht werden? Bei der Integration von Menschen mit Migrationshintergrund können zusätzliche Faktoren, wie Aufenthaltsunsicherheit und Diskriminierungserfahrungen von Bedeutung sein, ebenso wie sprachliche oder kulturell geprägte Umgangsformen mit Suchtverhalten. Individuelle und biografische Konstellationen auch unter einem migrationsspezifischen und kultursensiblen Aspekt zu betrachten, das kann andere Beratungs- und Therapiekonzepte notwendig machen. Migrationserfahrungen können, müssen aber nicht die Entstehung von Suchtverhalten bewirken. Dies erfordert eine Klärung dieses Sachverhaltes und präventive Strategien, um rechtzeitiges Umlenken möglich zu machen. Verlässliche Untersuchungen zu diesen Themen gibt es bisher kaum.

Gastbeitrag

Praxisbeispiele aus dem In- und Ausland zeigen, dass sowohl integrative Ansätze als auch ganz spezielle integrative Angebote umgesetzt werden. Erfolgreich scheint ein diversifiziertes und an den Bedarfen der konkreten Zielgruppen orientiertes Konzept. Darin können die Nutzung der Muttersprachen in bestimmten Angebotsbereichen, eine stärkere Einbindung von Familien in die Beratungs- und therapeutische Arbeit, die Kooperation mit Communities, aus denen die Klienten kommen, spezielle muttersprachige Gruppenangebote für bestimmte Themen oder Zeiten u.a.m. enthalten sein. Ein solches Konzept zu entwickeln, ist Aufgabe der Institutionen in der Suchthilfe. Es kann nur entstehen aus der Reflexion der praktischen Arbeit und mit dem genauen Blick auf die aktuelle Bezugsgruppe. Eine kontinuierliche fachliche Abwägung, ob und wann kulturspezifische Angebotsformen neben den für alle verbindlichen Angeboten eingesetzt werden sollten, ist verantwortliches Qualitätsmanagement in sozialen Einrichtungen. Die Frage der Beteiligung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit Migrationshintergrund in Suchthilfeeinrichtungen gehört zum Thema der gesellschaftlichen Spiegelung von Vielfalt in diesen Institutionen. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Migrationshintergrund sind nicht per se die Lösung für interkulturelle Aufgabenstellungen dieser Arbeit, aber sie können Zugänge erleichtern sowohl für die Klienten als auch für konzeptionelle Neuentwicklungen. Nicht zuletzt sei noch erwähnt, dass Integration von Menschen mit Migrationshintergrund in der Suchthilfe immer auch Lobbyarbeit verlangt, die die ausgrenzenden aufenthaltsrechtlichen Regelungen thematisiert und Veränderungen einfordert, damit ein suchtfreies Leben in unserer Gesellschaft gelingen kann. Die interkulturellen Ansätze der vergangene Jahre zu stärken und weiter zu entwickeln, das wünsche ich SYNANON und gratuliere herzlich zum 40-jährigen Bestehen.

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Stationen der Synanon Lebensschule Entscheidung für einen Bereich

Die Entscheidung Carolin: Die Entscheidung, in welchen Bereich ich nach der Hauswirtschaft wechsele, steht an: Mir ist schlecht und ich bin glücklich zugleich... Die Bekanntgabe erfolgt bei Kaffee und Kuchen mir wird mitgeteilt, dass ich in die Küche kommen werde. Mein Wunschbereich war die Reitschule Am Poloplatz, also nur „knapp“ daneben! Marco: In welchen Zweckbetrieb werde ich kommen? Ich bin sehr ungeduldig. Bleibe in der Hauswirtschaft. Ich spüre Enttäuschung und Wut. Warum alle anderen, nur nicht ich? Harald: Nach zwei Wochen komme ich auf den Pferdehof. Aus arbeitstechnischen Gründen bekomme ich ein Handy. Das gibt’s doch alles nicht, denke ich. Thomas: Ich komme zu den Umzügen, bin schockiert. Nach drei Tagen zu Clean up – welch eine Erleichterung. Frank: Bei der Entscheidung für einen Bereich werde ich nicht gefragt. Bei meinen früheren Aufenthalten in Synanon bin ich u. a. an der Küche gescheitert. Die Hausleitung meint, ich solle dort weitermachen, wo ich das letzte Mal gescheitert bin: „In Synanon machen wir grundsätzlich Dinge zu Ende und wir machen sie so lange,

Tradition an jedem Freitag Nachmittag: Kaffee- und Kuchenrunde mit dem Team Hauswirtschaft. Mit dabei: Vertreter der Hausleitung und Verantwortliche aus den Zweckbetrieben.

Die Entscheidung, in welchen Bereich oder Zweckbetrieb der neue Bewohner nach seiner Zeit in der Hauswirtschaft wechselt, trifft die Hausleitung in Abstimmung mit dem Leutejob und dem Paten. Berücksichtigt werden eventuell vorgebrachte Wünsche des Betreffenden. Die Bekanntgabe erfolgt einmal wöchentlich in der so genannten Kaffee- und Kuchenrunde der Hauswirtschaft. Bewährt hat sich, dass nicht unbedingt der Bereich als erster in Frage kommt, den sich der Betreffende wünscht, weil er sich aufgrund von Vorkenntnissen oder Fähigkeiten dort vermeintlich gut auskennt. Vielmehr sollen auch in dieser Phase des Nüchternwerdens bis dahin unbekannte

Die Hausleitung teilt in dieser Kafferunde mit, wer in welchen Arbeitsbereich wechselt. Die Bekanntgabe wird meist mit Spannung erwartet.

Stationen der Synanon Lebensschule

Erstes Gespräch mit dem Paten aus dem neuen Bereich, der Küche.

Erfahrungen und Eindrücke des Einzelnen dazu beitragen, eine neue, nüchterne Heran- und Umgehensweise mit Alltagssituationen zu erlernen. Für andere wiederum sind neue Tätigkeitsfelder wichtig, um herauszufinden, wo ihre Fähig- und Fertigkeiten liegen. Sollte der Wunsch des Bewohners für einen bestimmten Bereich oder Zweckbetrieb dauerhaft bestehen, wird dem in der Regel zu gegebener Zeit entsprochen. Die Einstellung des Einzelnen zu seinem Arbeitsbereich ist geprägt von seiner persönlichen Entwicklung. Viele haben an diesem Punkt angekommen bereits die Einsicht in die Notwendigkeit, dort mitzumachen, wo sie am meisten gebraucht werden und sind somit schon Vorbild für viele, die nach ihnen gekommen sind.

Die Eindrücke aus dem Gespräch werden verarbeitet. Am nächsten Tag schon geht der Alltag in der Küche los.

bis wir sie können“, lautet die Vorgabe an mich. Alexander: Nach weniger als 2 Wochen kam ich ins Büro. Jemand wurde gebraucht, ich wurde gefragt, ich habe ja gesagt. Was sonst? Ich wollte nie ins Büro. Ich arbeite jetzt (8 Jahre später) immer noch im Büro – und es macht Spaß. Zumindest manchmal. Peter: Wie es hieß, ich soll zu den Umzügen, habe ich geschluckt und mich gerade gemacht, dass es nicht geht wegen meiner Rückenprobleme. Die Verantwortlichen hatten ein Einsehen. Ich kam erst zu den Gebäudereinigern und dann nach ein zwei Wochen zum Zweckbetrieb Entsorgung und wurde Rümpler. Sebastian: Nach 9 Tagen komme ich zu Clean up. Bei Kaffee und Kuchen wird vorgelesen, wer wohin kommt. Mir ist das egal. Ich halte es eh nicht mehr lange aus. Die sind hier alle verrückt! Nüchtern mein Leben ertragen?! Sobald ich ein wenig klar im Kopf bin, haue ich ab! Warum soll ich mir diesen Mist antun? Warum soll ich nüchtern leben? Warum soll ich überhaupt leben? Ich will raus, so schnell wie es geht und den Kopf zumachen. Dieses Kopfkino kann ich nicht ertragen. Ich habe noch nie so gelacht, wie hier in Synanon.

Wechsel in einen neuen Arbeitsbereich

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Stationen der Synanon Lebensschule Leben in der Gemeinschaft Freizeit sinnvoll verbringen: In der Bibliothek trifft man sich gern auch zum Gespräch.

Gemeinschaft Carolin: Ich hätte es mir sehr viel schwieriger vorgestellt, aber mit Besuchen in Karow, oder Aktivitäten nach Steinhagen, Basteln, Sauna, wohl bemerkt alles erst nach getaner Arbeit, wird es mir nie zu öde und ich komme nicht ins Grübeln... Marco: Fühle mich nicht wohl auf dem Zimmer. Kein Ansprechpartner. Nur Regeln. Aktivitäten sind mir nicht wichtig. Brauche lange, bis ich die Angebote annehme. Mir ist klar, dass ich was tun muss, weil ich sonst keine Chance habe. Frank: In der ersten Zeit ist die Struktur im Gemeinschaftszimmer sehr wichtig für mich. Die klar geordnete Hierarchie (Zimmerverantwortlicher, 2. Mann etc.), die Ordnung in den kleinen Dingen wie das tägliche Rasieren und das zweimal tägliche Duschen gibt mir das Gefühl, auch wieder Ordnung in mein Leben zu bekommen. Mein erster Zimmerverantwortlicher prägt meine neue Einstellung zu vielen grundsätzlichen Dingen, die wichtig für mich sind. Harald: Ich versuche, mich mehr einzubringen. Mache Wochenendaktivität im Jugendhaus Karow mit. Meistens bin ich im Club und

Der neue Bewohner findet seinen Platz in der Gemeinschaft, die ihm zahlreiche Möglichkeiten der Mitgestaltung und eigenen Entfaltung bietet und behilflich ist bei der Überwindung von Schwierigkeiten und Ängsten. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Sucht und die Erprobung nüchterner Verhaltensweisen findet in alltäglichen Situationen statt. Regelmäßig früh aufzustehen, an den gemeinsamen Mahlzeiten teilzunehmen, diszipliniert im Team mitzuarbeiten und Konflikte mit anderen auszutragen sind die täglichen Bewährungsproben. Für den neuen Bewohner ist es hilfreich, sich bei Problemen an seinen Paten oder andere Vertraute, die die meisten bereits für sich gefunden haben, zu wenden. Auch die Freizeit sinnvoll und mit den anderen gemeinsam zu gestalten, muss neu erlernt werden. An Motivation und Gelegenheit für gemeinsame Aktivitäten mangelt es nicht. Aktivwochenenden im Ferienhaus an der Ostsee sind sicher ein Höhepunkt, nicht minder attraktiv aber sind auch die gemeinsam geplanten Ausflüge innerhalb Berlins und in die Umgebung, ins Jugendhaus Karow oder zum Reiterhof unseres Zweckbetriebs. Nicht zu vergessen die sportlichen Im Bereich gut eingearbeitet und nun verantwortlich für die Kühlkammer.

Stationen der Synanon Lebensschule

Eine neue Erfahrung für fast alle: Die Begegnung zwischen Mensch und Pferd. Erlebbar für alle Bewohner Synanons in Reittherapiestunden auf dem Gelände unseres Zweckbetriebs Reitschule in Berlin-Frohnau.

Angebote beim Drachenboottraining (im eigenen Boot), beim Fuß- oder Volleyball, kulturelle wie Museums-, Konzert- und Theaterbesuche und nicht zuletzt im Haus stattfindende im Fitnessraum, beim Billard, Kicker oder Basteln. Ein Regulativ für Konflikte, die unweigerlich entstehen und auch gewollt sind, damit sie ausgetragen werden, sind die dreimal wöchentlich stattfindenden Gruppengespräche. Hier hat jeder die Möglichkeit, Mitbewohner und Probleme anzusprechen. Ebenso muss er bereit sein, sich der Kritik von Mitbewohnern zu stellen. Eröffnung der Grillsaison in unserem Jugendwohnprojekt in Berlin-Karow: Vor allem neue Bewohner haben die Möglichkeit, dort ein Wochendende in ländlicher Atmosphäre aktiv zu verbringen. Sie haben Teil am Leben der Gemeinschaft, in dem Beschäftigung und Freizeit aufeinander abgestimmt sind.

Alexander: Hier bei Synanon hat mir Gemeinschaft zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder Spaß gemacht. Ungeahnte Möglichkeiten, Sport, Sauna, interessante Veranstaltungen und noch interessantere Leute. Synanon ist alles außer langweilig. Manchmal auch anstrengend, aber das gehört einfach dazu.

weine mich bei den älteren Mitbewohnern aus. Bin aber immer noch froh, hier zu sein. Thomas: Es gelingt mir, mich lange Zeit vor Aktivitäten „zu drücken“. Bin lieber im Club und hadere mit mir. Spazieren gehe ich auch nicht. Sebastian: Hier wird einem vieles vorgegeben. Aber um die Freizeitgestaltung muss man sich schon selber kümmern. Es sind Aushänge da, in die man sich eintragen kann. Aber was mache ich nur? Habe in den letzten 10 Jahren nur Drogen genommen. Keine Ahnung von Freizeitgestaltung. Also mache ich das Einfachste. Ich gehe Dienstag in die Eurythmie. Gabi ist schon eine ganz besondere Person. Soviel Power habe ich selten gesehen. Dann gehe ich jeden Sonntag schwimmen. Im Wasser fühle ich mich etwas besser und auch leichter. Meine Muskeln wollen den Körper nicht so tragen. Es tut immer noch alles weh. Sport werde ich machen. Volleyball ist ganz schön. Mal schauen. Peter: Mit meinem Zimmer hatte ich Glück, mein VA hat klare Grenzen gesetzt, was geht und was nicht, war aber auch kein zwanghafter Erbsenzähler. In meiner Freizeit habe ich erst mal die Bibliothek erkundet und bin viel mit anderen neuen Leuten rausgegangen.

Freude am Leben wieder entdecken

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Stationen der Synanon Lebensschule 2 Monate später: Übergabe der persönlichen Sachen Ein alltäglicher Vorgang: Das Heraussuchen persönlicher Sachen aus dem Lager durch Verantwortliche der Hausleitung bzw. des Leutejob. In dieser sogenannten Leutekammer sind die mitgebrachten Sachen der Bewohner für die ersten zwei Monate ihres Aufenthaltes verwahrt.

Die Übergabe Carolin: Bekomme die ersehnten Sachen zurück. Kaum etwas passt aber noch. Marco: Bin sehr gespannt. Als es soweit ist, kann ich keine Begeisterung spüren. Die Sachen sind mir nicht mehr wichtig. Harald: Meine Klamotten habe ich bei meiner Freundin gelassen, aber das stört mich nicht. In mir reift die Erkenntnis, dass ich noch eine ganze Weile bleiben muss. Thomas: Meine Sachen interessieren mich nicht. Für mich ist einzig und allein wichtig, dass ich es für mich irgendwie hinkriege. Ich weiß noch nicht einmal annähernd, was Nüchternheit ist. Frank: Eine Konfrontation mit meinem früheren Leben, ich hatte nicht viele Klamotten mitgebracht. Die Übergabe der alten Sachen belastet mich derart, dass ich sie wenig später zurückgebe und der Allgemeinheit spende. Bis zu meinem ersten Kleidereinkauf nach vier Monaten trage ich ausschließlich Kleidungsstücke aus der Synanon-Wäschekammer. Alexander: Eigene Kleidung. Noch passt sie. Wird dank des guten Essens nicht so bleiben.

Zwei Monate nach seiner Aufnahme in Synanon erhält der neue Bewohner seine persönlichen Sachen zurück. Viele hatten zum Zeitpunkt ihrer Aufnahme nur die Sachen, die sie am Leib trugen, vielleicht noch eine Uhr oder einen Ring. Manch einer ist erschrocken über das, was er dann wieder sieht und fragt sich, warum es ihm einst so wichtig erschien. Kleidung passt selten noch, denn das gute Essen hinterlässt seine Spuren, mal davon abgesehen, dass die Betreffenden in der akuten Phase ihrer Suchtmittelabhängigkeit

Der Verantwortliche aus der Hauswäscherei übergibt dem neuen Bewohner die nun gereinigten Kleidungsstücke, die er am Tag seiner Ankunft trug. Ebenso unterweist er ihn in die Gepflogenheiten der Hauswäsche bei Ab- und Ausgabe und teilt ihm eine Wäschenummer zu.

Stationen der Synanon Lebensschule

Zurück im Zimmer mit den gerade wieder erhaltenen persönlichen Sachen. Gemischte Gefühle beim Auspacken haben die meisten.

sich alles andere als ausgewogen ernährt haben. Ganz praktisch gesehen, freuen sich die meisten nun auf ihren ersten Kleidereinkauf, der in Kürze ansteht. Bis dahin greifen sie auf den Fundus der Synanon-Kleiderkammer zurück, der aus Spenden und zurückgelassenen Sachen ehemaliger Bewohner bestückt ist. Das Wiedererhalten der persönlichen Sachen kommt einem Etappenziel gleich, einem weiteren Schritt in die Nüchternheit, Selbständigkeit, Eigenverantwortung und ist in dem Sinne bedeutsam.

Wichtig: Das Einnähen der Wäschenummer. Durch diese Kennzeichnung ist es der Hauswäscherei möglich, den Bewohnern ihre persönlichen Kleidungsstücke zuzuordnen.

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Peter: Meine Sachen und alles, was mit meinem Leben vor Synanon zusammenhing, waren mir ziemlich egal. Nicht, dass ich mein Leben hier so toll fand, draußen und hinter mir war einfach nichts mehr. Kann mich noch erinnern, dass Alfred Ö. und ich immer noch in unseren Blaumännern im Klub saßen, da hätten wir schon Zivil tragen können. Ich habe im Rahmen meiner Tätigkeit meine Wohnung gerümpelt und die Reste meiner alten Existenz auf die Kippe gefahren, ich war erleichtert, die anderen haben mich auf Gruppe für verrückt erklärt. Was wichtig war, ist, dass sich in dieser Zeit rauskristallisiert hat, wer bleibt und dass sich der eine oder andere Kontakt im Haus entwickelte. Sebastian: Zwei Monate im Blaumann nähern sich dem Ende. Es ist anfänglich sehr seltsam gewesen, immer das Gleiche anzuhaben. Aber es macht einen Sinn, man gewinnt Abstand zu den persönlichen Dingen und man kann sich auf das Wesentliche konzentrieren. Es ist so verdammt schwer, keine Drogen zu nehmen. Man benötigt alle Energie, um nicht davon zu laufen. Jegliche Ablenkung kann im Rückfall enden.

Ein weiterer Schritt in mehr Eigenverantwortung

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Stationen der Synanon Lebensschule 3 Monate später: Aufhebung der Kontaktpause

Aufhebung Das erste Telefonat

Carolin: Auf diesen Tag habe ich hingefiebert. Ich fühle mich schlecht, bin unheimlich aufgeregt, ein unbeschreibliches Gefühl. In dem entscheidenden Moment habe ich solche Angst davor, mit meinen Eltern und meinem kleinen Sohn zu sprechen. Später stellt sich heraus, dass meine Angst unbegründet war. Meine Familie steht 10000-%ig hinter mir. Das erleichert mir die kommenden Monate ungemein! Harald: Ich telefoniere mit meinem Vater, will mich erklären. Möchte er gar nicht wissen. Einfach nur nüchtern werden. Komme in die Küche zurück und bin froh, wieder im Haus zu sein. Thomas: Schon Tage vorher habe ich Bauchschmerzen. Telefoniere mit meinem Bruder und habe ein komisches Gefühl dabei. Alexander: Mit Aufhebung der Kontaktpause kommt ein Stück altes Leben zurück, verbunden mit alten Problemen. Nicht jeder übersteht das unbeschadet. Bei mir hat es funktioniert.

Kontaktpause Die Kontaktaufnahme zur Familie und/oder Bekannten ist für viele in Synanon nicht leicht. Die meisten suchen Rat bei Vertrauten im Haus. Gelegenheiten für solche Gespräche ergeben sich überall.

Die Aufhebung der Kontaktpause ist bei den meisten ein sehr emotional schwieriges Thema. Wie werden Kinder, Partner, Eltern reagieren?, fragen sie sich, je näher das Datum rückt. Ein Chaos der Gefühle mit unbekanntem Ausgang. Für einige sind die drei Monate wie eine Ewigkeit vergangen und sie freuen sich auf diesen ersten Kontakt, andere wiederum wissen nicht genau, ob sie schon bereit dafür sind. Die meisten suchen das Gespräch, vertrauen sich anderen an und erfahren wie es bei ihnen war. Ist sich jemand unsicher, wird ihm geraten, sich noch Zeit zu lassen, um nicht in alte Verhaltensmuster und somit in Rückfallgefahr zu geraten.

Die Abstimmung eines Termins für das erste Telefonat mit der Familie ist erfolgt. Mit dabei ist ein erfahrener Bewohner, dem der Betreffende vertraut und der ihm dabei behilflich ist, der Familie die Regeln Synanons bei weiteren, dann folgenden Kontakten zu erklären.

Frank: Ebenfalls etwas sehr Emotionales, ohne den Zuspruch und die Unterstützung der Gemeinschaft wäre es mir nicht gelungen, den Kontakt zu meinem Sohn, der drei Jahre nicht bestand, wieder aufzubauen. In jeder Phase der Kontaktaufnahme kann ich mir Hilfe im Haus holen.

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Die Erleichterung ist zu dem neuen Bewohner anzusehen beim ersten Telefonat mit der Familie. Das nächste Telefonat wird der Betreffende dann schon allein führen.

Der neue Bewohner hat die Wahl, ob er zuerst telefoniert oder Besuch empfängt. In jedem Fall ist bei diesem Erstkontakt zu seiner Sicherheit ein Mitbewohner seines Vertrauens dabei, der die jeweiligen Verwandten oder Bekannten mit den Besonderheiten, die es zu beachten gilt, vertraut macht. Dies auch, um Missverständnisse für die Zukunft auszuschließen. Von den meisten auf beiden Seiten wird diese Begleitung als sehr hilfreich empfunden.

Der Besuch der Familie eines Bewohners steht an: Der Hauswirtschaftsleiter schaut im Gästezimmer nach dem Rechten. Wie überall im Haus, stehen auch Blumen im Gästezimmer für ein herzliches Willkommen.

Marco: Die Kontaktaufnahme zu meinen Eltern ist für mich wichtig. Ich frage mich wie sie reagieren und wie ich mich verhalten soll. Weiß nicht wohin mit meinen Emotionen. Fühle mich nach dem Telefonat befreit. Spüre, jetzt geht’s weiter. Erster Besuch von der Familie. Ich versuche sie zu überzeugen, dass alles gut ist und ich es jetzt alleine schaffe. Bei ihrer Abreise habe ich schlechtes Gefühl. Gibt es noch meine Freundin für mich? Wenn ja, was sage ich ihr?

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Peter: Von mir aus hätte die Kontaktpause auch noch 6 Monate sein können, vorher habe ich sowieso mit niemandem Kontakt aufgenommen, draußen war unwichtig. Kontakt zu meinem Kind habe ich, von obligatorischen Geburtstags-, Weihnachtskarten und so abgesehen, angefangen nach 2 Jahren aufzubauen, per EMail. Das erste Mal gesehen (nach 17 Jahren) habe ich sie dann 5 Jahre später. Sebastian: Nach drei Monaten in Synanon sind die Wogen ein wenig geglättet. Ich mache mir Gedanken über den Umgang mit meiner Familie. Auf den Gruppen ist mein asoziales Verhalten oft Thema. Ich verstehe ja selbst nicht, wie ich mein Leben so zerstören konnte, aber was empfinden dann erst die Menschen, die mich lieben oder denen ich etwas bedeute. Ich überlege, mit wem ich keinen Kontakt mehr haben will. Bekannte, die „drauf“ sind, sind kein Umgang für mich, obwohl ich mit denen einen langen Weg gegangen bin. Einen falschen Weg, sicher, aber man hat sich in dieser Zeit doch gut kennen gelernt. Einige von ihnen vermisse ich schon sehr.

Konfrontation mit der Vergangenheit

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Stationen der Synanon Lebensschule Angekommen: Verantwortung Lebensschule Gruppengespräche

Verantwortung Erstes Taschengeld Carolin: Nun steht die Verantwortung ins Haus, Arzttermine verantwortlich begleiten, Spazieren gehen mit neuen Frauen, Kinderdienst, doch trotzdem sitzt mir die Angst im Nacken, das gewonnene Vertrauen zu verlieren, etwas falsch zu machen. Harald: Nach 4 Monaten werde ich Zimmerverantwortlicher, wechsele von der Küche zur Verwaltung (Ziv/ Straf). Mein Verantwortungsbereich wächst schnell. Denke fast überhaupt nicht ans Abhauen. Habe keinen Kontakt zu meiner Freundin. Alexander: Ankommen. Ein großes Thema. Genauso wie loslassen. Man muss loslassen, um ankommen zu können. Hat bei mir ungefähr neun Monate gedauert und eine neue Entscheidung für das Hierbleiben abverlangt. Vielleicht der wichtigste Schritt während meines Aufenthaltes. Marco: Zimmerverantwortung nach drei Monaten ist kein Problem für mich. Bin nun Hauswirtschaftsleiter und somit Ansprechpartner für ganz neue Leute. Die Arbeit macht mir Spaß. Es läuft alles wie vor meinem Rückfall. Muss mehr auf mich achten.

Einweisung in die Kasse: Mit dem ersten Taschengeld erhält jeder Bewohner ein internes Konto. Jedes Mitglied der Gemeinschaft rechnet seine Ausgaben anhand von Belegen ab. Für Werner, der, bevor er zu Synanon kam, Bankangestellter war, ist dies oftmals eine Prüfung in Gelassenheit.

Mit dem Ende der Kontaktpause übernimmt der neue Bewohner spürbar mehr Verantwortung für sich und andere. Er erhält erstmals Taschengeld, über dessen Verwendung er künftig anhand von Belegen Rechenschaft ablegt. Der sorgsame Umgang mit Geld muss wieder erlernt werden. Vielen ist durch die Beschaffung von Drogen, Alkohol und anderen Suchtmitteln das Gefühl für Geld abhanden gekommen. Andererseits gilt diese Transparenz und Ordnung für jedes Mitglied der Gemeinschaft sowohl bei privaten als auch bei Ausgaben für die Bereiche und Zweckbetriebe. Ein weiterer wesentlicher Vertrauensbeweis der Gemeinschaft an den nun nicht mehr neuen, sondern mittlerweile angekommenen Mitbewohner ist die Übertragung einer Vielzahl neuer Aufgaben. Dazu zählt die Funktion des Zimmerverantwortlichen, die eine Bewährungs- und Belastungsprobe sein kann. Aber auch verantwortlich neue Bewohner zum Arzt oder zu Freizeitaktivitäten und ähnlichem mehr zu begleiten, gehört von nun an für ihn zum Alltag. Wann die Gemeinschaft ihn Zimmerverantwortlicher: Vor kurzem selbst noch neu auf dem Zimmer, ist die Zeit gekommen, selbst die Position des Zimmer-VA zu übernehmen. „Die Arbeitssachen kommen in den Bettkasten, Unterwäsche und andere Sachen in den Schrank“, gibt der neue Zimmer-VA nun weiter wie es ihm einst erklärt wurde.

Thomas: Komme ganz langsam in mehr Verantwortung rein. Im Arbeitsbereich bin ich 2. Mann, im Zimmer bin ich erstaunlicherweise nach sieben Monaten Verantwortlicher. Eigentlich will ich das gar nicht. Aber geht es hier nach Wollen?

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Angekommen auch im neuen Bereich. Routinierte Abläufe wie das Servieren des selbst gekochten Mittagessens geben Sicherheit. Täglich kommen neue Herausforderungen dazu.

für welche Dienste braucht, entnimmt er dem Dienstplan. Sein Tag erhält zunehmend mehr Struktur. Aber auch diese Aufgabe muss erlernt werden. Einen verpassten Dienst quittiert die Gemeinschaft umgehend. Gruppengespräche helfen den meisten, diese oder jene Situation oder Mitbewohner anzusprechen. Die Dynamik der Gruppengespräche ist dem Bewohner mittlerweile bekannt, er wendet Erlerntes an und bringt im besten Fall sich und andere damit weiter. Wieder ist ein Etappenziel erreicht, auf das der neue Bewohner aufbauen kann. Bei den meisten, die sich in dieser Phase befinden, herrscht an vielen Stellen noch Unsicherheit, auch das Gefühl, etwas falsch zu machen, was wiederum wichtig ist durchlebt zu werden, um gestärkt und für neue Aufgaben bereit daraus hervor zu gehen.

Peter: Nach 3 Monaten, aber auch vorher, hatte ich Verantwortung in meinem Arbeitsbereich, wir waren meistens zu zweit, mein VA war auf mich und ich auf ihn angewiesen. Ich hatte viel Freiheiten und dass ich die nicht ausgenutzt habe, finde ich erstmal verantwortlich. Manchmal hatten wir größere Objekte zu räumen, ganze Häuser, dann bekamen wir Unterstützung, zum Teil neue Leute, Mitbewohner die wir nicht wirklich kannten und einschätzen konnten. Wenn wir dann einen vollgemüllten Keller ausräumten, uns an irgendeiner Stelle Schnaps- und Weinflaschen entgegenkamen und ein Stock höher aus einer alten Hausapotheke die Codeincompretten (alles für eine Party) dann alle wieder nüchtern ins Haus zu bringen hatten, war das der Job, nicht das Haus; das lief nebenher. Zu Verantwortung in Synanon möchte ich nur noch dies schreiben: Ich bin nicht vor ihr weggelaufen und nicht an ihr zerbrochen. Die Gruppengespräche waren für mich in der ersten Zeit ein Programmpunkt, an dem ich pünktlich zu erscheinen, an dem ich teilzunehmen hatte. Später habe ich sie mehr genutzt, meine persönliche Situation zu schildern und meine Konflikte zu klären. Durch die permanente Nähe zu anderen, im ersten Jahr ist man praktisch nie allein, ist es wichtig, möglichst keinem Konflikt, den man mit einem anderen Mitbewohner hat, aus dem Weg zu gehen, sonst platzt man ziemlich schnell, sagt sich alle und alles ist doof

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und man geht. Die Gruppen waren für mich der Rahmen, meine Sachen zu klären, meine Sicht von Situationen und mein Bild von Personen zu überprüfen. Andere Mitbewohner haben das natürlich auch bei mir gemacht, in der Rückschau kann ich sagen, dass sich Kritik und positive Annahme die Waage hielten. Natürlich ist Kritik schmerzhaft. Was ich richtig nervig fand, war, dass ich immer wieder mit den selben Sachen konfrontiert wurde, was aber auch ok ist, weil ich sehen konnte: „Ja, so bin ich, ich bin nicht der aalglatte Typ, der von allen geliebt wird.“ Und wichtig, ich muss nicht Drogen nehmen, um mit erstmal negativen Gefühlen umzugehen. Frank: Die Gruppengespräche waren und sind für mich das Wesentliche in und an Synanon. Die Spiegelung meines Verhaltens durch die Gemeinschaft zwingt mich, Ehrlichkeit und Authentizität anzustreben, die für meine Nüchternheit unabdingbar notwendig sind. Die Gruppen, die es in dieser Einzigartigkeit ausschließlich in Synanon gibt, sind für mich noch heute die maßgebliche Begründung, warum ich gerne in Synanon lebe.

Noch mehr Verantwortung, nun auch für andere.

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Stationen der Synanon Lebensschule Angekommen: Im Zweckbetrieb / Arbeitsbereich

Beschäftigung Therapeutische Zweckbetriebe und Bereiche

Carolin: Am Sonntag Küchenkleidung bekommen, am Montag in meine „Uniform“ rein (endlich raus aus dem Blaumann!), Vorstellung im Bereich und dann heißt es nur noch machen... Frank: In den ersten zwei Jahren arbeite ich in der Küche. Anfangs versuche ich, aus dem von mir ungeliebten Bereich rauszukommen. Als Wiederkommer habe ich jedoch keine Chance. Ich muss mich zwangsläufig mit meiner Küchenaufgabe arrangieren. Und siehe da: nachdem ich einige grundlegende Sachen verstehe, entdecke ich meine Liebe zum Kochen. Nach vier Monaten überträgt man mir sogar die gesamte Küchenverantwortung. Das Kochen lässt mich bis heute nicht los. Ohne Synanon hätte ich diese Erfahrung nie gemacht.

Beliebt: Der Zweckbetrieb Umzüge. Vor allem jüngere Bewohner arbeiten dort gern mit. Es ist wohl der Mix aus körperlicher Tätigkeit verbunden mit der Freude über das Wiedererlangen der eigenen physischen Kräfte und der Kontakt zu den Umzugskunden, die umgehend auf die erbrachte Leistung reagieren.

Die selbst getroffene Entscheidung für einen Bereich oder Zweckbetrieb ist für jeden Bewohner bedeutsam. Das Vertrauen, das ihm die Gemeinschaft damit entgegenbringt, will er nicht enttäuschen. Zeigt es ihm doch, dass er auf dem richtigen Weg ist. Wichtige Stationen hier sind die Bekanntgabe seiner neuen Tätigkeit vor allen Mitgliedern der Gemeinschaft, der Erhalt der Arbeitskleidung und die Vorstellung in dem neuen Bereich oder Zweckbetrieb. Die auch äußerlich erkennbare Zugehörigkeit zu einem Arbeitsbereich ist den meisten sehr wichtig. Neues strömt auf den Bereichsneuling ein. Er betritt unbekanntes Terrain. In Ausübung seiner neuen Tätigkeit verlässt er nun jeden Morgen zusammen mit seinem Team das schützende SynanonHaus. Seine Entscheidung wird zu einer weiteren Bewährungsprobe. Mit Unsicherheiten, Ängsten oder sogar Suchtdruck muss der Bewohner auch in dieser Situation umgehen lernen. Aber auch in dieser entscheidenden Phase hilft dem jeweiligen Bewohner die Gemeinschaft. Er erhält einen BereichsPaten beigestellt, an den er sich wenden kann und der darauf achtet, dass

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Der Arbeitsbereich Küche bietet ein vielfältiges Betätigungsfeld und ist ideal geeignet als Einstieg für alle, die sich ausprobieren möchten. Täglich werden dort drei Mahlzeiten für mehr als 100 Bewohner zubereitet. Hinzu kommen zahlreiche CateringAufträge. Fast jeder Bewohner Synanons war schon einmal in der Küche tätig.

Stationen der Synanon Lebensschule

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Therapeutische Zweckbetriebe

Im Zweckbetrieb Gartenbau und –pflege sind zunehmend Arbeiten wie Wegebau und –pflasterung gefragt. Auch in diesem in Synanon sehr beliebten Zweckbetrieb sind die dort Tätigen unter realen Bedingungen der Arbeitswelt beschäftigt.

er mit leichten Tätigkeiten beginnt. Eine Überforderung – auch von Seiten des Betreffenden selbst – soll vermieden werden, damit er seine Motivation für diese neue Aufgabe nicht verliert. Es wird darauf geachtet, dass er nicht allein, sondern im Team seiner Beschäftigung nachgehen kann. Die therapeutischen Zweckbetriebe wie z. B. Umzüge, Reinigung, Gärtnerei oder Reitschule, um nur einige zu nennen, konfrontieren den neuen Bewohner mit der realen Arbeitswelt, in der er sein erlerntes Wissen anwenden und frühere - wie er heute weiß - falsche Verhaltensmuster vermeiden kann. Das ist nicht leicht und bedarf der Unterstützung der Mitbewohner. Die gegenseitige Korrektur und Einflussnahme auf falsche Verhaltensmuster ist erwünscht und gleichermaßen bedeutsam. Für den Betreffenden zumeist unmerklich wird sein Werdegang von den Verantwortlichen in Synanon begleitet. Hausleitung und Zweckbetriebsleiter stehen in regelmäßigem Austausch. Probleme werden klar und unmissverständlich in Gremien- oder Gruppengesprächen geklärt.

Vielfältig, abwechslungsreich und teamorientiert geht es auch in den Zweckbetrieben Malerei/Lackiererei und Clean up – Reinigung zu.

Umzüge Transporte Clean up Reinigung Gartenbau und -pflege Entsorgung / Entrümpelung Hauswartung Malerei / Lackiererei Tischlerei Wäscherei Catering Reitschule / Therapeutisches Reiten Hausbereiche Hausleitung Allgemeine Verwaltung Hauswäscherei Küche Hauswirtschaft Haustechnik Zivil- und Strafsachenbearbeitung Schuldenregulierung Fuhrparkpflege

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Stationen der Synanon Lebensschule Angekommen: Im Zweckbetrieb / Arbeitsbereich

Zweckbetriebsleiter: Jan Schneck Alexander: Arbeit ist OK. Wäre auch ziemlich langweilig ohne, wenn man keine Drogen nimmt. Peter: Mein Job als Rümpler war mein erster wirklicher Halt und in der Rückschau meine beste Zeit bei Synanon, Wolfgang P. und ich waren meistens zu zweit unterwegs, wir waren klar, was die 3 Regeln angeht, ich habe mich immer in Sicherheit bei ihm gefühlt. Die Zeit war wichtig, um nach dem Entzug wieder klarer im Kopf zu werden. Ich erinnere mich, dass wir spät abends nach Hause kamen, kaputt von der Arbeit, rabenschwarz vom Räumen irgendwelcher Kohlekeller und immer noch gut drauf und der Empfangsdienst sagte: „So sieht zufriedene Nüchternheit aus“, und er hatte recht. Sebastian: Nie hätte ich gedacht, jemals zu sagen: „Zum Glück gibt es die Arbeit in Synanon“. Etwas zu seinem Ding machen und das so gut wie möglich. Sobald ich länger untätig bin, denke ich über mein Leben nach und das bringt im Augenblick nicht sehr viel. Ich bekomme relativ schnell Rückfallgedanken, denn ich habe alles kaputt gemacht. Einen Strich ziehen und nach vorne schauen. Aber so einfach geht das nicht. Der Kopf arbeitet und geht seinen eigenen Weg. Deshalb ist es wichtig, den Kopf und sich selbst

Stationen der Synanon Lebensschule

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zu beschäftigen. Ich bin im Reinigungsteam und ich wusste nicht, dass diese Arbeit so umfangreich ist. Rudolf, auch Bodengott genannt, bringt mir alles bei. Welcher Reiniger zu welchem Boden gehört, welches Wachs wo und wie oft aufzutragen ist. So vergeht die Zeit ohne unnötige Gedanken. Die Vergangenheit kann man erst angehen, wenn man stabiler ist. Marco: Fühle mich wohl in der Hauswirtschaft. Nach einem Jahr wechsele ich ins Büro. Ganz neue Arbeiten kommen auf mich zu. Im Büro sind die Leute, die schon lange nüchtern sind. Ein klarer Vorteil für mich. Harald: Für mich stellt sich die Frage überhaupt nicht, ob ich diesen oder jenen Arbeitsbereich gern mache oder nicht. Thomas: Bin bei Clean up und denke vier bis fünf Monate lang jeden Morgen immer vor dem Frühstück: So das war’s, ich gehe. Nach dem Frühstück war es okay. Ich habe mich an das Putzen gewöhnt. Aber immer erst nach dem Frühstück.

Sinnvolle Beschäftigung als Therapie

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Gastbeitrag von Dr. jur. Jürgen Fleck Arbeit in Synanon - Fremdbestimmung oder Lebenselixier

Dr. jur. Jürgen Fleck Synanon Freund und Förderer

„Ein Mensch ist entspannt und zufrieden, wenn er mit ganzem Herzen bei der Arbeit war und sein Bestes gegeben hat.“ So heißt es in der Synanon-Philosophie. Der Wert der Arbeit ist bereits bei Gründung von Synanon erkannt worden, schon 1971 begann alles mit einem Auftrag zu einem Möbeltransport. Es war wohl nicht so sehr eine rationale Entscheidung, als vielmehr Intuition und Kreativität des Süchtigen, wie schnöde Notwendigkeit zum eigenen Unterhalt beizutragen. Damals bestand noch die Idee einer Wohn- oder gar Lebensgemeinschaft. Es waren noch „68er“-Gedanken lebendig, Wohngemeinschaften waren „in“, Elemente des Urchristentums aber auch des Sozialismus bzw. Kommunismus, gemeinsames Leben in Kibbuz-Kommunen und andere Ideen, die wir aus dieser Zeit kennen. Vieles hat sich überlebt und als falsch herausgestellt. Mit der Änderung der Lebensgemeinschaft zur Lebensschule hat Synanon einen innovativen und zukunftsweisenden Weg eingeschlagen. Selbsthilfe für Suchtkranke als Episode für Phasen des Lebens, in denen Unterstützung gebraucht wird (Jost Leune, Geschäftsführer des Fachverbandes Drogen und Rauschmittel e.V., Beitrag zur Selbsthilfe im Schreiben an Synanon vom 21. Mai 2005, veröffentlicht auf der Homepage von Synanon 2005/2006). Eines ist geblieben und hat sich verstärkt: Arbeit als Entwicklungsprozeß zur Nüchternheit. Arbeit ist ein zentraler Bestandteil unseres Lebens. Über die Arbeit entwickelt sich Selbstwertgefühl. Es geht auch um das Gefühl, gebraucht zu werden, also die Frage der Nützlichkeit der Arbeit. Wem nutzt die Arbeit, wie nutzt die Arbeit? Handelt es sich bei der Arbeit in Synanon um fremdbestimmte Tätigkeit im Sinne des Arbeitsrechts? Nach der Konzeption zum Entwurf eines Arbeitsgesetzbuches sollte der Arbeitsvertrag weiterhin ein schuldrechtlicher Vertrag sein. Der Beantwortung durch die Wissenschaft sollte es jedoch überlassen bleiben, ob der Arbeitsvertrag ein Dienstvertrag besonderer Art sei oder ein Vertrag „sui generis“ - eigener Art -, der neben Dienst- und Werkvertrag stehe (Martin Becker, Arbeitsvertrag und Arbeitsverhältnis während der Weimarer Republik und in der Zeit des Nationalsozialismus, Frankfurt am Main, 2005, Seite 312). Heute spricht davon niemand mehr, obwohl ein Arbeitsgesetzbuch immer noch nicht existiert. Der Arbeitsvertrag ist eine eigene Institution, die ihre Rechtsgrundlage im individuellen Teil nach wie vor im Dienstvertragsrecht des BGB (§ 611) hat. Es gilt der Grundsatz der Vertragsfreiheit, wobei allerdings die

Gastbeitrag

Entwicklung des Arbeitsrechts als Einschränkung dieser Vertragsfreiheit angesehen werden muß. So können zwingende Vorschriften beispielsweise des Kündigungsschutzes oder des Arbeitsschutzes nicht abbedungen werden. Der Arbeitgeber ist weder Sittenwächter noch Therapeut des Arbeitnehmers. Die Differenzierung zwischen Arbeitsrecht einerseits und Therapie andererseits ergibt sich aus dem Spannungsfeld der Autonomie des Arbeitnehmers auf der einen Seite und dem Weisungsrecht und der Kontrolle des Arbeitgebers auf der anderen Seite. Das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit nach Artikel 2 des Grundgesetzes gilt auch im Arbeitsverhältnis und ist in § 75 Absatz 2 des Betriebsverfassungsgesetzes noch einmal ausdrücklich statuiert. Der Arbeitnehmer hat nichts als seine Dienstleistung, der Mensch trägt, ohne daß man Marx allzu sehr bemühen muß, „seine Haut zu Markte“. Daß die klare Abgrenzung und Trennung zwischen Therapie und Arbeitsrecht überhaupt erforderlich wurde, ergibt sich historisch aus teilweise missionarischem Übereifer in der betrieblichen Suchtkrankenhilfe oder - modern - aus dem betrieblichen Gesundheitsmanagement. Dieser „Übereifer“ hat wiederum geschichtlich seine Grundlage darin, daß Suchtkrankheiten zunächst überhaupt nicht als Krankheiten anerkannt waren. Erst mit der grundlegenden und bahnbrechenden Entscheidung des Bundessozialgerichts vom Juni 1968 hat sich der Krankheitsbegriff für Sucht etabliert. Die Krankheit zeige sich im „nicht-mehr-Aufhören-können“ im sog. Kontrollverlust. Diesen Krankheitsbegriff hat das Bundesarbeitsgericht übernommen. Inzwischen hat sich eine ständige Rechtsprechung gebildet. So fordert auch das Bundesarbeitsgericht vor einer Kündigung als ultima ratio, daß dem suchtkranken Arbeitnehmer eine Therapie angeboten werden müsse. Der Arbeitsplatz ist jedoch nicht der Ort der Therapie, wenngleich in den Arbeits- und Umweltbedingungen Voraussetzungen geschaffen werden müssen, eine Gesundheitsgefährdung zu vermeiden. Dies bedeutet für den suchtkranken Arbeitnehmer, daß das Risiko des Rückfalls bei der Rückkehr auf den Arbeitsplatz minimiert werden muß. Wenn also beispielsweise der Arbeitnehmer nach erfolgreicher Therapie auf den Arbeitsplatz zurückkehrt und von seinen Kollegen aufgefordert wird, einen „mitzutrinken“, nachdem er nunmehr „geheilt“ ist, mindert sich seine rechtliche Verantwortung für den Rückfall. Die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers gebietet, derartige Situationen zu vermeiden. Es gibt keinen Arbeitsvertrag „sui generis“ etwa in der Form, daß dienstrechtliche und therapeutische Elemente enthalten sind. Dies würde zu unauflösbaren Wertungswidersprüchen führen. Völlig anderes gilt, wenn die Arbeit selbst Therapie ist. Süchtige erkennen oft intuitiv den Wert der Arbeit. Die Ablenkung, das Befassen mit anderen Problemen, die mit der Arbeit verbundene Wertschätzung und soziale Anerkennung helfen, die Suchtproblematik zu bewältigen. Dabei kann es auch zu einer Suchtverlagerung kommen, der Alcoholic wird zum Workoholic. Arbeitsrechtlich ist dies allerdings noch nie beanstandet worden. Ziel der Arbeit als Therapie ist jedoch nicht Suchtverlagerung, sondern Suchtbewältigung. Synanon hat den Wert der Arbeit als therapeutische Maßnahme in vollem Umfang erkannt und nicht nur in seine Philosophie einbezogen, sondern in der Praxis umgesetzt. Es sind 13 Zweckbetriebe entstanden, in denen die Menschen in Synanon arbeiten können. Inzwischen ist auch in der professionellen Suchtarbeit anerkannt, daß als wichtige Therapieelemente konkrete Projekte geschaffen werden, so die Arbeit als Therapie, im besonderen Landschafts/Gartenbau, Ausbau und Renovieren, Hausmeisterei, Kochen usw. (Peter Amann, Von der Therapie zur Prävention der Suchtgefährdung, Logotherapie und Existenzanalyse im Alltag, in Otmar Wiesmeyr, Alexander Batthyány , Sinn und Person: Beiträge zur Logotherapie und Existenzanalyse von Viktor E. Frankl, 2006, S. 201). Die Parallelität zu den Zweckbetrieben von Synanon ist verblüffend: Umzüge/Transporte, Clean-up-Reinigung, Gartenbau und -pflege, Entsorgung/Ent-rümpelung, Bauhilfe, Hauswartung, Malerei-Lackiererei, Tischlerei, Wäscherei, Catering, Reitschule.

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Gastbeitrag

Daraus folgt aber nicht, daß Synanon inzwischen ins Profilager gewechselt ist, nach wie vor ist Synanon eine Suchthilfegemeinschaft im Sinne der Selbsthilfe, die von Betroffenen für Betroffene gegründet wurde. Synanon versteht sich als Lebensschule auf Zeit, in der die Menschen lernen können, ohne Drogen zu leben. Ein wesentliches Element dieser Schule ist die Tätigkeit in den Zweckbetrieben. Diese Tätigkeit erbringen die Mitglieder der Synanongemeinschaft freiwillig, wobei die jeweilige Neigung für den Zweckbetrieb berücksichtigt wird. Die Zweckbetriebe sind, wie Synanon selbst es ausdrückt, „das Herzstück unserer Suchtselbsthilfe“. Viele der Betroffenen lernen durch die Tätigkeit erstmals in ihrem Leben, daß eine sich wiederholende Tätigkeit ausgeübt wird, daß Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit nicht nur spießige Tugenden, sondern Werte des Lebens sind. Ebenso wie die Tätigkeit lernen sie Freizeit in gemeinsamen Unternehmungen zu genießen und nicht zuletzt bietet die Beschäftigung die Voraussetzung dafür, nach der Schule in Synanon ein eigenständiges, selbstbestimmtes und drogenfreies Leben zu führen. Aus dieser inhaltlichen Bestimmung ergibt sich, daß nicht das Arbeits- oder Beschäftigungsverhältnis im arbeits- oder sozialrechtlichen Sinne im Vordergrund steht, sondern die Arbeit selbst als Therapie. Hieraus wiederum folgt, daß für diese Verhältnisse die arbeits- oder sozialversicherungsrechtliche Betrachtung nicht geeignet ist, die Arbeit in Synanon läßt sich nicht hierauf reduzieren. Es handelt sich vielmehr um eine Solidargemeinschaft, in der jeder seinen Beitrag leistet und Hilfe erhält. Damit wird auch das Gefühl vermittelt, selbst für die Frühstücksbrötchen zu sorgen, woraus wiederum eine Befriedigung und nicht zuletzt eine Stärkung des Selbstwertgefühls entsteht. Zudem wird das Gemeinschaftsgefühl gefördert, es bedarf keiner Konstruktion von corporate identity. Wie auf der einen Seite somit keine Vergütungsansprüche entstehen, werden auf der anderen Seite arbeitsrechtliche Sanktionsmaßnahmen nicht begründet. Es spielt keine Rolle, ob ein Mitglied der Suchtselbsthilfegemeinschaft „low performer“ ist. Vielmehr fängt die Gemeinschaft auch „Schlechtleistungen“ auf und ermuntert die Menschen, nach ihren Fähigkeiten zu arbeiten. Das hauptsächliche Ziel ist clean oder trocken zu bleiben. Zum Therapiekonzept gehört, daß jeder sich nach seinen Kräften und Fähigkeiten in die Gemeinschaft einbringt und dort auch Pflichten übernimmt. Ausgehend von einfachen Arbeiten des täglichen Lebens können je nach Kräften und Stabilisierung größere Verpflichtungen übernommen werden, z. B. mit der Tätigkeit in den Zweckbetrieben. Die Menschen in Synanon sollen auf ein selbstverantwortliches Leben außerhalb der Gemeinschaft vorbereitet werden und zum Erhalt der Gemeinschaft nach ihren jeweiligen Kräften beitragen. Vielfach überschätzen und beschönigen die Bewohner von Synanon, so hat es ein langjähriger Synanongemeinschafter einmal ausgedrückt, ihre Arbeitsleistung wenn sie außerhalb der Gemeinschaft dazu befragt werden. Das mag damit zu tun haben, daß die Bewohner von Synanon oft längere Zeit unregelmäßig oder auch gar nicht gearbeitet haben, einen geregelten Tagesablauf nicht mehr kannten und Schwierigkeiten hatten, sich daran wieder zu gewöhnen. So werden oft alltägliche Verrichtungen als „Arbeit“ empfunden. Es mag auch der Wunsch eine Rolle spielen, leistungsfähig zu sein und sich in der Gemeinschaft von Synanon - so das Mitglied - nützlich zu machen. Dies alles zeigt, daß die Arbeit in Synanon nicht fremdbestimmt ist, sondern der Selbstverwirklichung der in Synanon lebenden Menschen dient. Niemand wird zu einer Tätigkeit gezwungen. Es soll hier nicht verschwiegen werden, daß böse Zungen sogar von Arbeitslager gesprochen haben. Eine solche Bezeichnung ist nicht nur verfehlt und diskriminierend, sie verbietet sich vielmehr von selbst aus der nationalsozialistischen Vergangenheit, wobei gerade die Tatsache, daß Süchtige in Arbeitshäusern oder Arbeitslagern „verwahrt“ worden sind, besonders zynisch erscheint. Der Arbeitsbegriff hat hier eine tödliche und entwürdigende Umklammerung erlitten. Jeder verharmlosende oder gar ästhetisierende Gebrauch des historisch bestimmten oder

Gastbeitrag

ausgefüllten Begriffs verbietet sich seitdem (vgl. zur ähnlichen Problematik Oskar Negt, Arbeit und menschliche Würde, 2. Aufl., 2002, S. 474). In den Zweckbetrieben bietet Synanon Ausbildungsmöglichkeiten. Für viele der Betroffenen ist es überhaupt erstmals möglich, eine Ausbildung zu erlangen. Die Betrachtung hier gestaltet sich etwas komplexer, denn selbstverständlich müssen die öffentlich-rechtlichen Voraussetzungen für ein Ausbildungsverhältnis eingehalten werden, also beispielsweise die Qualifikation der Ausbilder nach dem Berufsbildungsgesetz. Insofern ist Synanon auf professionelle Hilfe - nicht therapeutische - angewiesen. So sind in allen Zweckbetrieben Meister oder sonst qualifizierte Ausbilder vorhanden. Dennoch ist auch hier vorrangig die Therapie, das drogenfreie Leben. Inzwischen haben 21 Auszubildende den qualifizierten Abschluß erhalten. Dies zeigt, daß Synanon selbst eine Institution „sui generis“ ist, Synanon ist weder eine Therapieeinrichtung noch Arbeitgeber im herkömmlichen Sinne, dennoch sind von beiden Elemente enthalten. So gelten im Grundsatz die allgemeinen Regeln des Arbeitsrechts, wenn Menschen in Synanon nach ihrem Aufenthalt - Synanon selbst empfiehlt mindestens 2 Jahre zu bleiben - eine reguläre Anstellung in einem der Synanon-Zweckbetriebe erhalten. Aus der Verpflichtung, die Arbeitsleistung zu erbringen, folgt, daß der Arbeitnehmer bei seiner Tätigkeit frei von jeglichen Drogen und psychoaktiven Substanzen sein muß, die seine Leistungsfähigkeit einschränken, oder ein Verhalten verursachen, durch das der Betriebsfrieden gestört wird. Der Mythos der Droge - legal oder illegal - als Stimulans und Quelle der Kreativität und innovativer Ideen hat sich längst als Märchen entpuppt. Ein absolutes Alkohol- und Drogenverbot am Arbeitsplatz verstößt nicht gegen das Persönlichkeitsrecht, da nach heutigen Erkenntnissen auch schon geringe alkoholische oder sonstige Drogenbeeinflussung zu nicht unerheblichen Ausfällen führen kann und die Anforderungen am Arbeitsplatz generell gestiegen sind. Für die Anstellungsverhältnisse gilt ein absolutes Alkohol- und Drogenverbot, das versteht sich von selbst. Darüber hinaus wird aber auch generell Abstinenz verlangt. Dies könnte im „normalen“ Arbeitsverhältnis ein unzulässiger Eingriff in die Intimsphäre und eine Verletzung des Persönlichkeitsrechts sein. Da Synanon jedoch die Idee des Lebens ohne Drogen verkörpert und eine therapeutische Zielsetzung verfolgt, ist es am ehesten mit einem sog. Tendenzbetrieb zu vergleichen. Ein Tendenzbetrieb ist ein Betrieb, mit dem der Unternehmer nicht nur Geld verdienen will, sondern mit dem er ausschließlich oder auch nur zusätzlich andere Ziele verfolgt. Im Gesetz ausdrücklich genannt - § 118 Betriebsverfassungsgesetz - sind politische, koalitionspolitische, konfessionelle, karitative, erzieherische, wissenschaftliche oder künstlerische Bestimmungen. Hieraus wiederum folgt, daß die Forderung nach Abstinenz nicht gegen das Persönlichkeitsrecht verstößt. In kaum einem anderen Rechtsgebiet ist die Interdependenz zwischen Recht und Psyche so ausgeprägt, wie im Arbeitsrecht. Aus Zweck und Ziel von Synanon ergibt sich die Berechtigung, absolute Abstinenz der Betroffenen einzufordern. Mit der Arbeit in Synanon wird ein Mehrwert geschaffen, der dazu dient, die Gemeinschaft zu ernähren und zu erhalten (siehe auch Leune, a.a.O.). In einer Gesellschaft, in der immer mehr sozialstaatliche Leistungen abgebaut werden, ist diese Selbsthilfe für die Betroffenen existentiell notwendig. Arbeit ist für die Menschen in Synanon deshalb nicht fremdbestimmt, sie ist Lebenselixier.

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Stationen der Synanon Lebensschule Die Entscheidung für eine Ausbildung

Ausbildung Berufsausbildung Qualifizierung Führerschein Interne Schulungen Marco: Da ich eine abgeschlossene Ausbildung habe, kommen für mich nur weitere Fortbildungen in Betracht. Anfangs bin ich sehr ungeduldig, kann mich aber bremsen. Habe genug Zeit. Es ist nicht wie sonst: immer schneller, höher, weiter. Nun geht es Schritt für Schritt. Thomas: Habe mich nach zwei Jahren und drei Monaten in Synanon überreden lassen, eine Ausbildung zum Immobilienkaufmann zu machen. Bin dann auch total begeistert. Alexander: Fortbildung. Führerschein. Ausbildung. Synanon hat mir all das ermöglicht, und ich bin sehr dankbar dafür. Nach den ersten Fortbildungen an der VHS habe ich meinen Führerschein wiedererlangt, was mir in vielen Jahren zuvor nicht gelungen ist. Dann brauchte ich eine neue Aufgabe. Da ich keine abgeschlossene Ausbildung hatte, habe ich mich bei Synanon beworben und die Ausbildung mit Auszeichnung abgeschlossen.

Im Synanon-Schulungsraum: Hier frischen vor allem neue Bewohner im Rahmen von Beschäftigungs- und Qualifizierungskursen Grundkenntnisse auf. Ebenso im Angebot sind weiterführende Kurse. Eine im Rahmen dieser Maßnahme für jeden Bewohner erstellte Profiling-Analyse hilft beim Herausfinden von beruflichen Interessen und Fähigkeiten.

Ausbildung wird in Synanon groß geschrieben. Die Entscheidung für eine Ausbildung folgt bei den meisten als Konsequenz ihres bisherigen Weges unweigerlich dann, wenn sie sich auch nach eigener Einschätzung in den vorgenannten Stationen der Lebensschule bewährt haben. Der Bedarf nach Ausbildung, der sich bei den Bewohnern Synanons in den letzten 10 Jahren verstärkt entwickelt hat, hält unvermindert an. Durchschnittlich absolvieren 10 bis 17 Bewohner eine Berufsausbildung. Selten zwar, dennoch beachtenswert, schließt sich bei dem einen oder anderen weiterhin in Synanon lebenden Bewohner ein Fernstudium an. Öfter aber ist es so, dass Bewohner nach ihrem Auszug aus Synanon ein Direkt- oder Fernstudium aufnehmen. In allen Zweckbetrieben und nahezu allen Bereichen Synanons wird ausgebildet. Zur Auswahl stehen sowohl kaufmännische als auch handwerkliche Berufe in insgesamt 17 Berufsbildern. Besonders gefragt sind die Ausbildungen zum Bürokaufmann bzw. Kaufmann für Bürokommunikation, in dieser Richtung angeboten wird aber auch der Versicherungs- bzw. Immobilienkaufmann. Bei den handwerklichen Berufen stehen Ausbildungen zum Gärtner, zum Maler und Lackierer, zum Tischler und zum Glas- und Gebäudereiniger hoch im Kurs. Zunehmend gefragt ist auch der erst vor wenigen Jahren von der Handwerkskammer Berlin neu ins Programm aufgenommene

Unterstützung und Beratung bei der Berufswahl erfährt der Betreffende auch bei den Verantwortlichen in den Zweckbetrieben. Von Vorteil ist die Möglichkeit der vielfältigen Erprobung in Form von Praktika, was viele Synanon-Bewohner als Entscheidungshilfe gern in Anspruch nehmen.

Stationen der Synanon Lebensschule

Ein Meilenstein: Der 1. Clean-Geburtstag. Es wird gefeiert mit Torte und Gästen. Bedeutsam aber auch deshalb, weil der Betreffende von nun an die Möglichkeit hat, eine Ausbildung zu beginnen.

Ausbildungsberuf zur Fachkraft für Möbel-, Küchen- und Umzugsservice. Das Interesse unserer Bewohner für diesen über einen Zeitraum von immerhin 3 Jahren währenden Ausbildungsberuf resultiert aus der vorher erworbenen Praxiserfahrung in diesem Synanon eigenen Zweckbetrieb. Oftmals sind es aber auch Impulse von Mitbewohnern, die bei dem Betreffenden den Anstoß geben, über eine Ausbildung nachzudenken. „Wenn er es schafft, dann schaffe ich es auch!“, ist bei vielen die Motivation schlechthin. Und dennoch ist es für jeden Einzelnen ein großer Schritt, der gut überlegt sein will. In jedem Fall sind es mehr als zwei Jahre, auf die sich der Betreffende festlegt. Viele müssen sich erst einmal gedanklich an die zeitliche Dimension herantasten. Später dann kommen andere Zweifel. Wird es mir gelingen, in einer Berufsschule mit sicher viel jüngeren Mitschülern das Lernpensum zu bewältigen?, ist eine Frage, die jeden beschäftigt. In Synanon liegt der Altersdurchschnitt derer, die eine Ausbildung machen, bei 30 Jahren. So mancher hier „drückt“ mit über 40 Jahren noch die Schulbank. Der Hauptanteil aber liegt bei den unter 30-jährigen, die über keine Berufsausbildung verfügen, wenn sie zu Synanon kommen. Der Entschluss für eine Ausbildung reift bei dem Betreffenden hier über mehrere Monate heran. Viele sind sich zunächst unsicher, welche Ausbildung für sie die richtige ist. Geburtstagstisch: Das „Geburtstagskind“ erzählt „seine Geschichte“. Von nun an eröffnen sich zahlreiche, weitere Möglichkeiten. Nach der ersten Verantwortung für kleinere Aufgaben und Dienste erwächst Verantwortung für andere (Aufnahmebereitschaft, verantwortlich aus dem Haus gehen, nach Drogen überprüfen, Zimmer- und Teamverantwortung) ist er in der Lage, für sich selbst im größeren Maße Verantwortung zu übernehmen.

Sebastian: Ich sitze hier an meinem Cleangeburtstagstisch und denke über dieses eine Jahr nach. Ein Jahr ohne Drogen, ich habe es gepackt!? Nein, jetzt fängt es erst richtig an. Auf den Gruppen höre ich oft was von „nie wieder“ und „ein Leben lang“. Ein Jahr ist ein guter Grundstein. Wie gestalte ich die Zukunft? Kann ich wieder zurück in meine alte Heimat? Bin ich schon so stabil, um alleine ohne Synanon zu leben. Der Gong ertönt, ich darf zu der Gemeinschaft sprechen. Bedanke mich artig und denke über das Jahr nach. Was kann ich für meine Zukunft tun. Auf der Jahresgruppe erzähle ich meine Geschichte. Das ist Tradition und macht jeder so. Mir wird klar, dass ich nichts gelernt habe und nur als Hilfsarbeiter arbeiten kann, wenn ich nichts unternehme. Ich denke über eine Ausbildung nach. Hier in Synanon? Ständig werde ich darauf angesprochen, andere sagen, in meinem Alter sollte ich das lieber lassen. Wo sonst kann ich denn überhaupt noch eine Ausbildung machen? Wer wartet denn schon auf einen alten Junkie wie mich? Nach vielen Gesprächen steht mein Entschluss fest. Ich möchte eine Ausbildung machen, eine käufmännische. Ich mache Praktika in verschiedenen Bereichen. Beim Kaufmann für Versicherung und Finanzen ist es dann geblieben.

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Stationen der Synanon Lebensschule Die Entscheidung für eine Ausbildung

Berufsbilder Bürokaufmann Kaufmann für Bürokommunikation Kaufmann für Versicherung und Finanzen Immobilienkaufmann Finanzbuchhalter Maler und Lackierer Gärtner, Fachrichtung Garten- und Landschaftsbau

Im Synanon-Schulungsraum im Unterricht bei Dipl.-Handelslehrerin Lena Unfried: Der Einstieg ist für jeden möglich, da das Unterrichtsprogramm auf jeden Einzelnen individuell zugeschnitten wird. Vom Grundkurs in Deutsch und Mathematik bis hin zum Europäischen Computerführerschein wird jeder Teilnehmer dort geschult, wo er Bedarf hat. ProfilingAnalysen im Rahmen dieser Kurse geben Hinweise darauf, welche Ausbildungsberufe bzw. Qualifizierungsmaßnahmen für den Betreffenden in Frage kommen.

Durch ihren bisherigen Werdegang in Synanon haben sie in verschiedenen Bereichen und Zweckbetrieben Erfahrungen sammeln und sich ausprobieren können. Aber ist es tatsächlich das, was sie sich für ihr späteres Leben auch vorstellen können? Eine Rolle spielen auch gesundheitliche Einschränkungen. Die Zeit des Drogenkonsums hinterlässt Spuren. Was hilft, ist der Austausch mit anderen. In einem ausführlichen Gespräch mit Mitgliedern der Hausleitung und Verantwortlichen der Zweckbetriebe und Bereiche hat der Ausbildungsanwärter Gelegenheit, sich anzuvertrauen und Möglichkeiten auszuloten. Nicht selten wird dem Betreffenden zunächst vorgeschlagen, Praktika in verschiedenen Bereichen zu absolvieren, um die in Frage kommenden Ausbildungsberufe einzugrenzen. Hierbei helfen auch die Ergebnisse aus den sogenannten Profiling-Analysen, die für jeden Bewohner im Rahmen einer zumeist vorangegangenen Beschäftigungs- und Qualifizierungsmaßnahme erstellt werden. Für viele Bewohner ist der Erwerb

Pferdepfleger Pferdewirt Fachkraft für Möbel-, Küchenund Umzugsservice Glas- und Gebäudereiniger Tischler Baupolier Koch

Die praktische Ausbildung erfolgt in den Zweckbetrieben. Praktikant Gordon (li) interessiert sich für den Beruf der Fachkraft für Möbel-, Küchen und Umzugsservice. Teamleiter Frank bespricht mit ihm den anstehenden Umzugsauftrag: „Für jeden Umzug gibt es ein Formular, auf dem alle relevanten Daten des Kunden stehen.“ Bevor es losgeht, werden Details zum Auftrag besprochen. „Zufriedene Kunden sind der Lohn unserer Arbeit“, sagt Frank, „wir setzen alles daran, dem guten Ruf unseres Zweckbetriebes gerecht zu werden.“

Stationen der Synanon Lebensschule

Ausbildungsbeginn: Beim Ausfüllen der Formulare für die Berufsschule ist unser Team von Ziv/Straf behilflich.

oder die Wiedererlangung des Führerscheines in Ergänzung zur Berufsausbildung und als Investition in die berufliche Zukunft dringend erforderlich. Jährlich ermöglichen wir acht bis zehn Bewohnern diese kostenintensive Maßnahme. Weitere interne Schulungen wie z. B. Kurse in den Grundlagenfächern Deutsch und Mathematik, aber auch in Englisch und in EDV (Erwerb des Europäischen Computerführerscheines) sind Standard in unserem Programm der Lebensschule und werden von den meisten Bewohnern mehrfach in Anspruch genommen. Hierfür steht uns eine Diplom-Handelslehrerin zur Verfügung, die den jeweiligen Bewohnern auch bei besonderen Problematiken wie z. B. Legasthenie einfühlsam zur Seite steht. Darüber hinaus nutzen unsere Bewohner die Angebote in Volkshochschulen, zumeist sind es Deutschsprachkurse für Menschen mit Migrationshintergrund.

Peter: In meinem ersten Jahr bei Synanon habe ich ja als Rümpler gearbeitet und mir wurde immer klarer, dass ich mit Mitte 40 und diversen Wehwehchen auf Dauer keine körperlich schweren Arbeiten mehr machen konnte und auch nicht wollte. Meine alten Berufe Zahntechniker und Gärtner gingen nicht mehr, im ersten habe ich jeden Tag (14 Jahre) irgendwas konsumiert, für den anderen war ich nicht fit genug und hatte es meiner Meinung auch einfach nicht drauf. Dass Arbeit eine wichtige Säule für ein abstinentes Leben ist, ist auch klar. Es fing für mich damit an, dass ich erst mal meine Defizite gesehen habe. Ich hatte keinerlei EDV-Kenntnisse und das fand ich schlimm, wir leben im Informationszeitalter und ich hatte das Gefühl, dass eine wichtige Entwicklung in der Welt komplett an mir vorbeiging. In Synanon heißt es: „Mach erst mal, was angesagt ist, und wenn du das ein paar Monate gemacht hast, dann bist du dran, einen Wunsch zu äußern.“ Mein Wunsch nach knapp einem Jahr im Bereich Entsorgung lautete: „Ich will ins Büro!“ Nach einigen Zwischenstationen, mehreren Monaten als Verantwortlicher bei den Gebäudereinigern und noch ein paar Monaten als HWL (Hauswirtschaftsleiter),

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saß ich dann das erste Mal an einem PC. Es hat ein bisschen Geduld gebraucht, war aber kein Problem ich hatte nichts Besseres vor. Der Prozess von der „Bank“ bis zum Beginn meiner Ausbildung hat ca. 3 Jahre gedauert. Neben meiner Arbeit im Leutejob und als Mitarbeiter im Hausbüro habe ich überwiegend im Büro gearbeitet und da machte es für mich einfach Sinn, noch mal eine Ausbildung zu machen in einem Tätigkeitsfeld, das mich ausfüllt und wo ich das Gefühl habe, das kann ich bis zur Rente machen, das hat für mich Perspektive. Bei Ulrich, dem Hausleiter, meinem Chef, habe ich mit meinem Wunsch, Kaufmann für Bürokommunikation zu werden, offene Türen eingerannt. Formal war das kein Problem. Die anderen haben mitbekommen, dass mein Wunsch kein aus Langeweile geborener Schnellschuss war, sondern ein gewachsener Prozess und dass ich mir reiflich überlegt habe, mich noch mehre Jahre für ein Leben bei Synanon zu entscheiden. Die Zeit hat mir recht gegeben. Heute arbeite ich als kaufmännischer Angestellter. Meine Arbeit ist Teil meiner Strukturen, die mich clean halten.

Investition in die Zukunft

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Stationen der Synanon Lebensschule Lebensschule: Regelung persönlicher Dinge

Persönliches Gemeinschaft Verantwortung Kontakt zur Familie Freundeskreis Gesundheit Klärung von Zivilund Strafsachen Entschuldung

Carolin: Zusammenführung mit meinem Sohn, er wohnt jetzt auch hier, ich biete ihm einen geregelten Tagesablauf und bin durch ihn glücklich. Ich bin sicherer geworden im Reden (in den Gruppen bleibt einem da nichts anderes übrig), habe gelernt, mein eigenes Suchtverhalten zu erkennen und nüchternes Verhalten anzuwenden. Ich kann schwierige Situationen aushalten, ohne gleich weg zu rennen oder mich mit Drogen abzudichten, kann Konfliktlösungen selbst erarbeiten und umsetzen. Mein geregelter Tagesablauf ist mir wichtig.

In der Synanon eigenen Abteilung für Zivil- und Strafsachen: Die Regulierung von Schulden ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Es bedarf vieler Gespräche und Verhandlungen mit Gläubigern. Bisher wurde für jeden eine Lösung gefunden, der in eigener Sache drangeblieben ist.

Mitten drin in der Lebensschule, ist es Zeit für eine Bestandsaufnahme: Der Betreffende gehört, da er mittlerweile mehr als ein bis zwei Jahre in Synanon lebt, schon zu den erfahrenen Bewohnern. Wo ist sein Platz in der Gemeinschaft? Wo liegen seine Stärken und wo hat er noch Schwächen? Ist es ihm gelungen, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen? Die Entwicklung des Betreffenden schreitet voran. Ging es für ihn am Anfang darum nüchtern zu bleiben und mitzumachen, kommt es nun darauf an, die auf dem bisherigen Weg erworbenen Kompetenzen und Fähigkeiten zu festigen und auszubauen. Die Freude am nüchternen Leben sollte über allem stehen. Für viele war es am Anfang ihres Weges in Synanon unvorstellbar, diese Freude ohne Drogen überhaupt empfinden zu können. Ganz praktisch gesehen, müssen bestimmte persönliche Themen in Angriff genommen sein. Die Wiederherstellung der Gesundheit ist überaus wichtig. Behandlungen, Therapien sind – soweit erforderlich – eigenverantwortlich wahrzunehmen.

Symbolisch: Die Übergabe der Schuldenakte an den Betreffenden nach erfolgreichem Abschluss der Vergleichsverhandlungen mit Gläubigern. Unser geschultes Team arbeitet eng zusammen mit dem Marianne von Weizsäcker Fonds und besucht regelmäßig Kurse der Bundesakademie für Kirche und Diakonie in Berlin, beim Diakonischen Werk Berlin Statdtmitte e.V. Beratungsstelle für Überschuldete, Schuldner und Insolvenzberatung und beim Paritätischen in Berlin (Forum Schuldnerberatung).

Stationen der Synanon Lebensschule

Wichtig nach wie vor und in jeder Phase der persönlichen Entwicklung: Der Austausch mit Gleichgesinnten in Gruppengesprächen.

Die Wiederaufnahme der Kontakte zur Familie, vor allem zu Kindern, der Aufbau eines nüchternen Freundeskreises und die sinnvolle Gestaltung der Freizeit sind wahrlich große Aufgaben, denen sich der Betreffende nun widmen sollte. Eine wesentliche Voraussetzung dafür ist eine sinnvolle Beschäftigung, die dem Bewohner Freude, Zufriedenheit und Selbstvertrauen gibt. Arbeit ist in Synanon Therapie und von unermesslichem Wert für jeden Einzelnen in seiner persönlichen Entwicklung. Die meisten Bewohner sind in dieser Phase verantwortlich in verschiedenen Bereichen und somit Vorbild. Sie sind aufgefordert, in dieser Vorbildfunktion Mitbewohner zu motivieren, auf Fehler aufmerksam zu machen, eben hinzuschauen und sich für andere zu interessieren. Vor dem Hintergrund eigener und mitunter sehr komplexer Probleme ist dies für den Betreffenden sicher nicht immer leicht, trägt aber enorm dazu bei, in eigener Sache wachsam zu bleiben. Es gilt, diese Herausforderungen anzunehmen, als Chance zu sehen und bereit zu sein, sich auch

Gemeinschaftsgefühl erleben: Einfühlsam ermuntert Heileurythmielehrerin Gabi ihre Kursteilnehmer, mit ausdrucksstarken Gesten Gefühle zuzulassen. Sie versteht es, die Phantasie zu beflügeln. Spielerisch werden Scheu und Ängste überwunden. Der Kurs findet jeden Dienstag im 5. Stock unseres Hauses statt.

Harald: Meine Familie steht voll und ganz hinter und zu mir. Das ist mir sehr wichtig. Eine Ausbildung strebe ich wohl nicht mehr an. Manchmal habe ich schon noch Lust, zu trinken, aber die Momente werden weniger. Ich lerne, damit umzugehen. Das Wichtigste für mich ist, Verantwortung für mich selbst zu übernehmen. Ich bin dabei. Thomas: Nach ca. 2 ½ Jahren bin ich entschuldet. Der Verantwortung mir gegenüber bin ich nie gerecht geworden. Habe mich mit meiner alten (verbotenen) Liebe getroffen. War die letzten drei Monate nur noch außer Haus. Alexander: Verantwortung: Zimmer, Bereichsleiter, HVA. Das schult den eigenen Charakter, in dem man immer wieder mit Situationen konfrontiert wird, die man so nicht mehr haben möchte und entsprechend nach einer Lösungsoptimierung sucht, ohne seine eigenen Grundsätze und die, die man vertreten muss, aufzugeben. Meine persönlichen Dinge konnten alle im Rahmen des Möglichen geregelt werden. Peter: Im Rahmen meiner Teilnahme an einer Beschäftigungsmaßnahme konnten meine Mietschulden bezahlt werden, absolut wichtig, ohne eine saubere Schufa ist es schwer eine Wohnung zu finden. Das war absolut hilfreich.

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Stationen der Synanon Lebensschule Lebensschule: Regelung persönlicher Dinge

Neue Herausforderungen annehmen. Der Betreffende hat jederzeit die Möglichkeit, sich in den Zweckbetrieben und Bereichen über seine beruflichen Perspektiven zu informieren und in der Praxis zu erproben. Die persönliche Entfaltung jedes Einzelnen im persönlichen und im beruflichen Bereich ist den Verantwortlichen in Synanon ein Herzensanliegen.

Sebastian: Wer hätte das gedacht? Ich bin Verantwortlicher auf meiner Tour und auf meinem Zimmer. Wie kaputt ich mich noch fühle und jetzt soll ich Verantwortung übernehmen? Meiner erster Tag auf Tour, und was passiert? Ich vergesse die Objektschlüssel. Wie man kann man so doof sein? Sofort der normale Reflex, Fluchtgedanken, Kopf zu machen und die Türe hinter mir abschließen. Keiner kommt an mich ran und ich ballere mich mit dem Stoff in eine mir so vertraute Welt, in der mir nichts passieren kann. Handschweiß, feuchte Stirn, wie sage ich bloß, dass ich die Schlüssel vergessen habe und wir nochmal zurück fahren müssen? Einfach gerade aus. Augen zu und durch. Ein Gelächter bricht aus. Wir fahren zurück, ich bezahle eine

der Kritik von Mitbewohnern zu stellen. Der Umgang mit sich und anderen in den Synanon-Gesprächsgruppen steht mehr denn je auf dem Prüfstand. Es geht um das Erkennen von Schwierigkeiten bei der Bewältigung von Alltagssituationen. Problemverlagerungen und Ausweichstrategien führen mitunter in neue Abhängigkeiten, die der Entwicklung des Einzelnen im Wege stehen. Manche „vergraben“ sich in ihre Tätigkeit und sind unfähig, andere um Hilfe zu bitten. Ihr Status der längeren Zugehörigkeit kann für andere eine Hürde sein, Hilfe anzubieten. Hier ist Weitsicht der Hausleitung und anderer Verantwortlicher der Gemeinschaft gefragt. Ein weiteres wichtiges

Typische Situation am Abend im Synanon-Club: Dort treffen neue und langjährige Bewohner Synanons aufeinander und verbringen gemeinsam ihre Freizeit. Der Austausch zwischen neuen und schon länger in Synanon lebenden Bewohnern ist erwünscht und bedeutsam für jeden.

Stationen der Synanon Lebensschule

Abmelden im Empfang zum Spaziergang mit neuen Leuten: Täglich geübte Praxis und selbstverständlich für jeden, der sich verantwortlich fühlt.

Thema für die meisten ist die Entschuldung, die in enger Begleitung durch unser auf diesem Gebiet geschultes Team der Synanon eigenen Abteilung für Zivil- und Strafsachen erfolgt. Bis es zu Rückzahlungsvereinbarungen mit Gläubigern und eventuell zur Zusammenarbeit mit dem Marianne von Weizsäcker Fonds kommt oder – bei hoher Verschuldung – ein persönliches Insolvenzverfahren beantragt wird, vergeht in der Regel ein Zeitraum von einem Jahr. Ziel aller Bemühungen ist es, jedem Bewohner Synanons nach erfolgreich durchlaufener Lebensschule den Start in ein eigenständiges und finanziell geordnetes Leben zu ermöglichen.

Runde Kaffee und ich merke, so schlimm ist das nicht, Fehler zu machen. Auf dem Zimmer muss ich auf einmal Dinge durchsetzen, die mich selbst so aufregen. Aber Verantwortung zu haben, bringt mich auf jeden Fall weiter. Viele Dinge machen auf einmal einen Sinn, die vorher nur unnötiger Stress waren. Ordnung halten, tägliches Duschen und vieles mehr. Ja, es gibt Leute, die man bei der Körperhygiene beaufsichtigen muss. Wenn ich das nicht tue, duschen sie einfach nicht. Die einfachsten Dinge haben wir verlernt oder haben sie noch nie drauf gehabt? Meine Schuldenakte liest sich wie ein schlechter Krimi. Eigentlich komme ich nie wieder da raus. Miet-, Bank- und Unterhaltsschulden. Wie soll ich jemals wieder normal leben mit so einem Berg vor mir? Alles fein aufgelistet und das meiste gestundet. Aber Stundung ist nur aufgeschoben. Dann endlich schuldenfrei. Nur die Unterhaltsschulden bleiben.

Perspektiven schaffen Die Bibliothek ist ein Ort im Synanon-Haus, in dem sich viele Bewohner gern aufhalten. Die Bücher dort stammen aus Spenden von Freunden unserer Suchtselbsthilfe. Sobald eine neue Bücherkiste eintrifft, sind die „Leseratten“ zur Stelle. Für die alphabetische und thematische Ordnung sorgt der Bibliotheksverantwortliche.

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Gastbeitrag von Rita Hornung 40 Jahre Synanon

Rita Hornung Geschäftsführerin Marianne von Weizsäcker Stiftung Integrationshilfe für ehemals Suchtkranke e.V. „Eine mächtige Flamme entsteht aus einem winzigen Funken“ (Dante Alighieri)

Die Marianne von Weizsäcker Stiftung engagiert sich seit über 20 Jahren erfolgreich im Bereich der Entschuldungshilfen für ehemals suchtkranke Menschen. Durch die Klärung der Schuldverpflichtungen unterstützt sie nachhaltig den Therapieerfolg und eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft. Seit fast 20 Jahren besteht zu Synanon eine enge Verbindung und gute Zusammenarbeit. Gemeinsam entwickeln wir eine auf den Einzelfall zugeschnittene ganzheitliche Problemlösung für die betroffenen Menschen. Synanon bietet in besonderer Weise ein abgestuftes Beratungsangebot bei der für den Therapieerfolg so wichtigen Entschuldung. Insbesondere die Verknüpfung der Therapie mit gezielten Hilfen für eine berufliche Perspektive – lange Zeit genau wie die Entschuldung ein Randthema bei den Rehabilitationsbemühungen – wurde von Synanon von Anfang an als wichtig angesehen, konsequent verfolgt und hat damit Bedeutung weit über Berlin hinaus. Heute blickt Synanon auf 40 Jahre erfolgreiche Arbeit zurück. Insbesondere die letzten Jahre waren geprägt von tiefgreifenden Veränderungen der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und gesetzlichen Rahmenbedingungen, zuletzt die Zusammenlegung von Arbeits- und Sozialhilfe (SGB II) zum 01.01.2005. Zudem sinken seit vielen Jahren die Reallöhne und die Menschen sind von häufigeren und längeren Zeiten von Arbeitslosigkeit betroffen. Dies hat zu einem deutlichen Anstieg der Überschuldungsprobleme geführt.

Gastbeitrag

Viele Menschen sehen sich heute einer zementierten Überschuldungssituation gegenüber und viele haben auch keine Möglichkeit, sich aus dem Bezug von Sozialleistungen wieder zu befreien. Die ungeklärte Schuldensituation, die damit verbundene Ausweg- und Perspektivlosigkeit machen krank. Viele Menschen müssen heute mit einer unsicheren Erwerbsbiographie leben und haben Einkommen, die dauerhaft unterhalb der Pfändungsfreigrenzen liegen unabhängig davon, ob sie berufstätig sind oder nicht. Ferner wird den Menschen für die Bewältigung des Alltages immer mehr abverlangt. Dies alles hat zu einer Atmosphäre von Verunsicherung und Überforderung beigetragen, von der in besonderer Weise suchtkranke Menschen betroffen sind. Diese Probleme erfordern mehr denn je ein umfassendes und ganzheitliches Betreuungskonzept und einen langfristig angelegten Beratungsprozess, der nicht nur die kaufmännischen Aspekte der Schuldenregulierung sondern auch die menschlichen Aspekte berücksichtigt. Denn nach wie vor sind die Entschuldungshilfen und die Entwicklung einer beruflichen Perspektive unverzichtbare Bausteine für einen nachhaltigen Therapieerfolg. Die wirtschaftliche Stärkung der Menschen bewirkt eine soziale Stabilität. Vor diesem Hintergrund ist unsere Arbeit nicht leichter geworden, aber um so wichtiger. Unsere Hilfen sind oftmals der einzige Ausweg für die Menschen. Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen haben Synanon und die Weizsäcker Stiftung nicht nachgelassen, gemeinsam den betroffenen Menschen zu helfen, sich aus dem Teufelskreis der Überschuldung zu befreien. Die „Lebensschule auf Zeit“ von Synanon unterstützt die Menschen dabei, in einer immer komplizierter werdenden Welt wieder Halt zu finden. Aus dem „kleinen Funken“ vor 40 Jahren in der Fabrik in der Dennewitzstraße ist inzwischen durch viele Menschen mit großem Engagement ein mächtiges Feuer geworden. Synanon hat vielen Betroffenen geholfen, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und einen Neuanfang zu wagen. Die Marianne von Weizsäcker Stiftung gratuliert Synanon herzlich zum 40jährigen Bestehen und wünscht weiterhin viel Erfolg bei der engagierten Arbeit. Gleichzeitig übersende ich Ihnen die besten Wünsche unserer Schirmherrin, Frau Marianne von Weizsäcker. Wir bedanken uns für die gemeinsame Zusammenarbeit und freuen uns auf eine erfolgreiche Fortsetzung.

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Stationen der Synanon Lebensschule Freizeitgestaltung

Freizeit Sinnvoll gestalten und gemeinsam erleben Sport Kultur Bereichsaktivitäten Abendgestaltung Ausflüge am Wochenende Therapeutische Urlaubsfahrten ins Ferienhaus

Carolin: Vor Synanon bestand meine Freizeit aus Kriminalität und Drogenbeschaffung. In Synanon habe ich gelernt, meine Freizeit sinnvoll zu nutzen und Dinge zu tun, an denen ich viel Freude habe, ganz normale Dinge, die „normale“ Menschen tun, auch zu tun und Spaß daran zu haben. Für mich ist es jetzt sogar mal richtig schön, mir einfach ein Buch zu nehmen und zu lesen, was ich früher nie getan hätte.

Reittherapie im Zweckbetrieb Reitschule: Die dort Tätigen sorgen dafür, dass vor allem neue Bewohner abwechslungsreiche und heilsame Stunden beim Umgang mit Pferden auf der wunderschön gelegenen Reitanlage in Berlin-Frohnau erleben können. Kai, links im Bild, ist Ehemaliger mit Berufsabschluss in Synanon und mittlerweile Angestellter im Synanon-Projekt „Reittherapiezentrum“.

Sinnvolle Freizeitgestaltung ist für jeden Bewohner Synanons eine gewaltige Herausforderung. Die Fähigkeit dazu ist den meisten in ihrer Zeit des Drogenmissbrauchs abhanden gekommen. Der Freizeit wieder eine Struktur zu geben, lernt der Betreffende in kleinen Schritten. Jeder in Synanon ist aufgefordert, sich an den vielfältigen Freizeitaktivitäten der Gemeinschaft zu beteiligen. Das Angebot reicht von Abendveranstaltungen im Haus über sportliche und kulturelle Aktivitäten bis hin zu gemeinsamen therapeu-

Freizeit gemeinsam und mit „Kind und Kegel“ erleben wie hier Jan Schneck, unser Zweckbetriebsleiter, der mit seiner Frau und seinen beiden Kindern der Einladung zur „Grillsaisoneröffnung“ im Jugendhaus Karow gern gefolgt ist.

Stationen der Synanon Lebensschule

Siegreich im Drachenboot war die Mannschaft von Synanon I im Jahre 2008 beim Drachenbootrennen um den Elefantencup des ADV e.V: In den Jahren davor und danach wurde der Sieg nur knapp verfehlt. „Macht nichts“, sagen alle, „trainiert wird trotzdem, Saison ist immer“. Verständlich, wenn man im eigenen neuen Boot beim Heiligenseer Kanuclub nicht nur eine Heimstatt gefunden hat, sondern dort auch Unterstützung und praktische Tipps erhält.

tischen Wochenend- und Urlaubsfahrten. Seit einigen Jahren gehört auch Therapeutisches Reiten auf dem Gelände unseres Zweckbetriebes Reitschule zum Angebot, das gern genutzt wird. Synanon ist Gründungsmitglied der Drogenliga und dort seitdem aktiv mit einer Fußball- und einer Volleyballmannschaft vertreten. Auch Joggen, Heileurythmie und Schwimmen sind klassische und stets gefragte Aktivitäten, für die sich viele in Synanon begeistern. Gerhard (re), mit seinen 79 Jahren nicht nur der älteste Bewohner Synanons, sondern auch die „Nr. 1“ auf der Leuteliste, feiert seinen 15. Clean-Geburtstag im Haus. Seinen Lebensgeburtstag wenige Tage vorher beging er mit seinen Kindern, Enkeln, Urenkeln und Angehörigen „ganz groß“. Wie immer, haben sie ihn damit überrascht.

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Marco: Was meine Freizeitgestaltung angeht, bin ich immer noch auf Hilfe und Antrieb angewiesen. Suche nach festen Strukturen. Brauche ich eine feste Struktur für meine Freizeit? Harald: Im Vergleich zu meinem letzten Aufenthalt hier gestalte ich meine Freizeit sinnvoll. Ich habe angefangen zu joggen, besuche kulturelle Veranstaltungen und Einrichtungen (Oper, Konzerte, Museen). Ich mache das zwar größtenteils alleine, aber ich fühle mich sehr wohl dabei. Seit 1 ½ Jahren besuche ich auch wieder Gottesdienste im Berliner Dom, was mir gut tut. Thomas: Ich kann meine Freizeit nie sinnvoll nutzen. Ich bin in der Stadt bummeln, Kaffee trinken und lese viel. Ich bin kaum mit anderen Bewohnern zusammen. Sebastian: Mit einem Ball in der Hand stehe ich in der Sporthalle. Früher war ich jedes Wochenende beim Sport. Aber dann hat ja der ganze Mist angefangen. Mir geht so viel durch den Kopf. Ich will mich bewegen, etwas tun. Doch so leicht ist das nicht. Ist das wirklich mein Körper? Langsam macht es Spaß. Wir lachen viel gemeinsam. Freizeit ist etwas Kostbares und man kann sie so vernünftig gestalten. Schwimmen, Volleyball oder ein Spiel im Club. Es gibt immer etwas zu tun hier. Man muss sich kümmern. Selbsthilfe ist angesagt.

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Stationen der Synanon Lebensschule Freizeitgestaltung

Freizeitaktivitäten Fußball Volleyball Drachenbootfahren Schwimmen Joggen Fitness Radfahren Tischtennis Inline-Skaten Billard Kreatives Gestalten Töpfern Sauna Salsa-Tanzkurs Eurythmie Therapeutisches Reiten Konzert- und Theaterbesuche Museums- und Ausstellungsbesuche Sprachkurse Computerkurse Kurse in Grundlagenfächern (Deutsch, Mathe, kfm. Schriftverkehr), Rhetorik Ausflüge ins Umland und ins Ferienhaus in Ostseenähe

Stationen der Synanon Lebensschule

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Peter: Wirklich Freizeit waren für mich die Kinoabende im Sojus, wir sind zu mehreren nach Marzahn gefahren, jeder wusste, was er wollte und jeder hat dafür gesorgt, dass es da war. Wir fuhren mit der S-Bahn, redeten dummes Zeug und sahen uns einen Film an. Was lief, war eigentlich egal, die Aktion an sich, die Fahrt, das Zusammensein mit den anderen war das eigentliche Ding. Auch wenn man später nach einem Jahr allein unterwegs war und dort vorbeikam, es war immer jemand von uns da. Bei Aktivitäten, egal, ob nun einfache Freizeitveranstaltungen, Urlaub oder Weihnachten/Ostern, war ich später meistens konkret für irgendwas verantwortlich oder verantwortlich aufgrund der Länge meiner Zugehörigkeit. Entspannung stellte sich erst dann ein, wenn wir mit den Leuten wieder im Haus waren, sich alle angemeldet hatten bzw. die Veranstaltung abgeschlossen und klar war, es ist nichts schiefgegangen, alle noch da, keiner rückfällig. Im Urlaub war natürlich schon Ruhe angesagt, aber spätestens wenn der Kassenverantwortliche bei Werner abrechnen musste, war erst wieder Entspannung, wenn alles erledigt war.

Horizonte erweitern, Text Glück empfinden

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Stationen der Synanon Lebensschule Lebensschule erfolgreich durchlaufen? Zukunftspläne - Auszugsphase

Zukunftspläne Finanzielle Starthilfe Wohnraumvermittlung Beschäftigung, drogenfreier Arbeitsplatz Vermittlung zu anderen Suchtselbsthilfegruppen „Die ersten drei bis sechs Monate nach Beendigung einer Therapie oder nach Verlassen einer Therapeutischen Gemeinschaft gelten für die Betroffenen als sehr kritische Zeit, in der zwei Drittel aller Rückfälle stattfinden (Anton/Schulz, 1990, Küfner et al. 1988). Durch effektive Nachsorgearbeit können Rückfallgefahren minimiert werden. Es handelt sich hierbei gleichzeitig um Vorsorge bzw. Sekundärprävention (Schwoon, 1988).“

Der Betreffende teilt in Gruppengesprächen und auf Meetings mit, dass er seinen Auszug plant. In diesen Gesprächen hat er die Möglichkeit um Rat zu fragen. Es ist üblich und erwünscht, dass die anderen Mitglieder der Gemeinschaft einbezogen werden, eventuelle Bedenken äußern, Hinweise geben, Fragen stellen.

Der Betreffende beschäftigt sich gedanklich über einen längeren Zeitraum mit seinem Auszug. Er bespricht dies mit der Hausleitung oder anderen Menschen seines Vertrauens, wägt Für und Wider seiner Entscheidung ab und wählt den passenden Zeitpunkt aus. Die meisten wenden sich an Mitbewohner oder ehemalige Bewohner, mit denen sie weiterhin in Kontakt stehen. Ist der Entschluss gefasst und sind die Vorstellungen von einem Leben außerhalb Synanons gefestigt, teilt der Betreffende diesen Entschluss nach vorheriger schriftlicher Ankündigung auf der einmal monatlich stattfindenden öffentlichen Sitzung des Erweiterten Vorstandes mit. In diesem Gremium formuliert er aus, wie er sich die Unterstützung der Gemeinschaft bei diesem Schritt vorstellt. Die Gemeinschaft ihrerseits ist nun informiert und bereit, behilflich zu sein. Die Koordinierung obliegt dem Betreffenden selbst. Auch ist er gefordert, seine Aufgaben- und Verantwortungsbereiche an Mitbewohner zu übertragen. Damit erhält er die Möglichkeit, sich zu bewähren, seiner Verantwortung gerecht zu werden sowie sich und anderen zu beweisen, dass er für ein eigenständiges Leben bereit ist. Wir halten ein umfangreiches Nachsorgeangebot für Mitglieder der Gemeinschaft bereit, das von finanzieller und materieller Starthilfe bis hin zur Wohnungs- und Arbeitsplatzvermittlung reicht. Ebenso sind wir behilflich bei der Kontaktaufnahme zu Selbsthilfegruppen. Finanzielle Starthilfe: Jeder Synanon-Bewohner, der die Lebensschule erfolgreich durchlaufen hat, bekommt zum Auszug eine finanzielle Hilfe mit auf den Weg. Darüber hinaus können wir unseren Bewohnern gebrauchte Möbel, Hausrat, Elektrogeräte und anderes mehr, die uns gespendet werden, zur Ersteinrichtung ihrer Wohnung mit auf den Weg geben.

Stationen der Synanon Lebensschule

Wohnung gesucht und gefunden. Zur Sicherheit wird eine Vertrauensperson bei der Besichtigung und bei Vertragsunterzeichnung hinzugezogen.

Wohnraumvermittlung: Wir helfen bei der Vermittlung von Wohnungen, da es für den Einzelnen aufgrund seiner Biografie oftmals nicht leicht ist, eine Wohnung auf dem freien Wohnungsmarkt zu finden. Seit einigen Jahren schon halten wir über unsere Stiftung angemietete Wohnungen für Wohngemeinschaften ehemaliger Bewohner vor, was gern in Anspruch genommen wird. Nach der längeren Zeit des Lebens in der Synanon-Gemeinschaft fühlen sich viele sicherer, den nächsten Schritt in ein eigenständiges Leben zusammen mit Gleichgesinnten zu gehen. Ein weiteres, ähnliches Modell bietet sich Bewohnern in der Auszugsphase in unserem Wohnprojekt in Berlin-Karow. Sie erhalten dort ein eigenes Zimmer und die Möglichkeit, weiterhin – wenn auch eingeschränkt – am Synanon-Gemeinschaftsleben teilzunehmen. Dieser Mix aus Eigenständigkeit und Teilhabe am SynanonLeben ist ein Novum in der Geschichte Synanons. Beide letztgenannten Wohnmodelle sind verknüpft mit einem Anstellungsverhältnis in unseren stiftungseigenen therapeutischen Zweckbetrieben.

Mit Zetteln markiert: Mobiliar und Elektrogeräte aus dem Möbellager für die neue Wohnung. Jetzt muss nur noch der Transport organisiert werden. Bereitwillige Helfer finden sich immer.

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Marco: Pläne für die Zukunft habe ich noch eine Menge. Ich kann und werde noch Einiges für mich tun. Auszugsphase? Auszug oder der Gedanke an den Auszug macht mir noch Sorge. Harald: Ob die Lebensschule erfolgreich ist, weiß ich erst, wenn ich ausgezogen bin. Auf alle Fälle werde ich nicht mehr alleine wohnen. Thomas: Ich habe, denke ich, vieles falsch gemacht. Meine Zukunftspläne habe ich durch die Wiederaufnahme des Kontaktes zu meiner Freundin völlig außer Acht gelassen. Meine Lebensschule war nicht erfolgreich. Ich habe mich ablenken lassen und bin nach zwei Jahren und sieben Monaten „über die Bank gegangen“. Ich war nach zwei Tagen rückfällig und nach 2 ½ Wochen wieder hier. Frank: Allgemein. Das Einzigartige an Synanon ist, dass man den Zeitpunkt des Auszuges selbst bestimmen kann. Kein Kostenträger oder externe Umstände zwingen einen vorzeitig abzubrechen. Alexander: Ich denke schon, dass ich die Lebensschule erfolgreich durchlaufen habe: Führerschein, Ausbildung, Hochzeit, Anstellung, Kind. Ich freue mich auf alles weitere, was in meinem Leben noch kommt. Nüchtern. Peter: Meine Zeit war einfach gekommen, Stillstand ist bekanntlich Rückschritt.

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Stationen der Synanon Lebensschule Lebensschule erfolgreich durchlaufen? Zukunftspläne - Auszugsphase Frank G. (re.) Teamleiter im Zweckbetrieb Umzüge:

Frank G.: Als ich 1991 zu Synanon kam, brauchte ich Hilfe. Heute, 20 Jahre später, blicke ich auf eine reichhaltige Zeit mit Synanon zurück. Ich habe gelernt, wieder wach zu leben und bin auch nach meinem Auszug 1998 mit Synanon weiter verbunden geblieben. Seitdem arbeite ich hier als Teamleiter bei den Umzügen und nehmeauch wenn ich nicht mehr in der Gemeinschaft wohne – aktiv am Leben der Menschen in Synanon teil.

Beschäftigung, drogenfreier Arbeitsplatz: Arbeits- und Beschäftigungsprojekte sind Teil unserer Qualifizierungsangebote. Sie bieten vielfältige Möglichkeiten der allmählichen Gewöhnung an Arbeitstätigkeiten und –abläufe bis hin zur Vollzeitbeschäftigung. Nach Ablauf der Projektzeit sind die Chancen zur Wiedereingliederung der Projektteilnehmer in den Arbeitsmarkt bzw. zur Vermittlung in weiterführende Maßnahmen der Fortbildung und Umschulung realistisch. Für Bewohner, die die von uns empfohlene Zeit von zwei bis vier Jahren erfolgreich beendet haben, besteht jederzeit die Möglichkeit, einen drogenfreien Arbeitsplatz in einem unserer Zweckbetriebe zu erhalten. Im 40. Jahr des Bestehens unserer Suchtselbsthilfe Synanon beschäftigen wir

Jörg B.: 2004 bin ich zu Synanon gekommen und habe 3 1/2 Jahre in der Gemeinschaft gelebt. In dieser Zeit bin ich durch viele Höhen und Tiefen gegangen. Vor allem war es nicht immer einfach für mich, mit den Re- Jörg B., Teamleiter im geln hier klarzukommen. Zweckbetrieb Umzüge: Nach einem Jahr wurde ich Verantwortlicher in einem Umzugsteam. Mit der Hilfe von Synanon habe ich, womit ich überhaupt nicht mehr gerechnet hatte, meinen Führerschein wiederbekommen. Bei meinem über lange Zeit andauernden Entschuldungsprogramm wurde ich hautnah begleitet von der der Gläubiger. Für einen im Vergleich dazu geringen Restbetrag wurde Synanon eigenen Abteilung mir durch Vermittlung von Synanon ein Darlehen gewährt, das ich zwifür Zivil- und Strafsachen. schenzeitlich abbezahlen konnte. Darüber hinaus ist es mir heute mögDass mir dann ein Großteil lich, meinen Unterhaltsverpflichtungen nachzukommen. Der Weg für meiner Schulden in Höhe mein weiteres Leben ist aber nicht nur aus finanzieller Sicht geebnet. Bevon 27 TEUR erlassen worsonders wichtig war für mich der nahtlose Übergang vom Bewohner zum den ist, verdanke ich auch Angestellten im Jahre 2007. Diese Sicherheit ist nach wie vor wichtig für den Forderungsverzichten mich. Ohne Synanon wäre ich nicht der, der ich heute bin. Danke.

Stationen der Synanon Lebensschule

Begrüßung zum „Offenen Meeting“ im Synanon-Haus.

26 ehemalige Synanon-Bewohner in sozialversicherungspflichtigen Anstellungsverhältnissen und stehen mit fünf in der Auszugsphase befindlichen Bewohnern kurz vor Vertragsabschluss. Die Beschäftigung ehemaliger Bewohner in Synanon eigenen Bereichen und Zweckbetrieben ist von großer Bedeutung sowohl für die Betreffenden selbst, da sie die Sicherheit eines drogenfreien Arbeitsplatzes nicht nur schätzen, sondern zum Teil auch brauchen. Zum anderen unterstützen und stabilisieren sie mit ihrem vorbildhaften Einsatz, der über die eigentliche Beschäftigung hinausgeht, das ganzheitliche und nachhaltige Konzept der Synanon-Lebensschule. Der ideelle Wert zum Wohle der Synanon-Gemeinschaft ist von großer Bedeutung und trägt in erheblichem Maße zum Erhalt der Gemeinschaft bei. Nicht zuletzt aber wird die Idee Synanons mit Leben erfüllt. Synanon-Meeting: Seit vielen Jahren schon bieten wir Menschen mit Suchtproblemen jeden Montag um 19 Uhr in unserem Synanon-Haus die Möglichkeit, sich mit Gleichgesinnten in drogen- und rauchfreier Atmosphäre über ihre Sucht und alles, was damit zusammenhängt, auszutauschen. Dieses Angebot wird von Ehemaligen, schwerpunktmäßig von denen, die gerade erst ausgezogen sind, genutzt. In diesen Gruppengesprächen sollen die Betroffenen gegenseitig Anregung und Hilfe erfahren. Vermittlung zu anderen Suchtselbsthilfegruppen: Noch während seines Aufenthaltes in Synanon hat jeder Bewohner die Möglichkeit, externe Suchtselbsthilfegruppen, zu deren Vorstellung wir zwei Mal im Monat ins Haus einladen, kennenzulernen. Für den einen oder anderen ergeben sich dadurch Kontakte, die er nach seinem Auszug aus Synanon weiter nutzt. Wir sind bestrebt, jedem Bewohner spätestens in der Auszugsphase, die in der Regel drei bis sechs Monate beträgt, diese Möglichkeit nahe zu bringen.

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Sebastian: Ich bin jetzt fast 8 Jahre in Synanon und ich habe sehr viel erreicht. Ausbildung, Studium und vor allem: Ich bin zufrieden nüchtern. Der Schritt nach draußen fällt mir sehr schwer. Ich habe Angst vor dem Rückfall. Das Kokain hat schreckliche Spuren in meinem Kopf hinterlassen. Ich habe immer noch den Ammoniak-Geschmack im Mund und bin manchmal immer noch so nahe am Rückfall. Es gab Zeiten, da habe ich mich gehasst für diese Angst, aber jetzt kann ich sagen, dass diese Angst mich nüchtern hält. Und diese Nüchternheit steht über allem. Nichts wird diese Nüchternheit in Gefahr bringen und wenn, gehe ich sofort meinen Weg. Ich bin durch und durch süchtig, habe 20 Jahre dieser Sucht nachgegeben. Das will ich nie wieder! Aber der Weg ist steinig und schwer. Auch der Weg aus Synanon ist nicht leicht. Raus aus dieser Käseglocke und rein in eine schöne, aber harte Welt. Ich weiß, eines Tages muss ich auch diesen Schritt wagen.

SynanonLebenschule erfolgreich abgeschlossen

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Erfolgsgeschichten

Herman W. 27 Jahre, 6 Jahre clean, Ausbildung zum Gärtner, Fachrichtung Gartenund Landschaftsbau in Synanon absolviert, jetzt angestellt bei Synanon als Gärtner

„Aufnahme sofort!“ war die Rettung

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n der Suchtselbsthilfegemeinschaft gelebt habe ich 5 ½ Jahre. In dieser Zeit habe ich eine Ausbildung zum Gärtner mit Fachrichtung Garten- und Landschaftsbau im stiftungseigenen Zweckbetrieb erfolgreich abgeschlossen, einen LKW-Führerschein gemacht und eine Menge anderer vorzeigbarer Dinge für mich erreicht, vor allem aber eine in winzigen Schritten erfolgte große Entwicklung in Bezug auf mein ganzheitliches Wohlbefinden vollzogen. Dazu musste in meinem Kopf an einer Menge Schrauben gedreht werden. Für mich selbst eine vorher undenkbare Entwicklung. Gelebt habe ich einen großen Teil meiner Synanon-Zeit im der Stiftung zugehörigen Jugendhaus Karow, in dem Jugendliche, die direkt aus der Jugendhilfe kommen, zusammen mit Synanon-Bewohnern leben. Diese Lebensweise, in einer im Vergleich zum Haupthaus in der Bernburger Straße, kleineren, ruhigeren Gemeinschaft hatte mehr angenehme Seiten als Störfaktoren, ich fühlte mich dort im Durchschnitt betrachtet sehr wohl. Auch die Arbeit mit den Jugendlichen, die in ihrer Persönlichkeitsstruktur nicht immer leicht zu ertragen waren, machte mir trotz aller Anstrengungen in der Summe Spaß. In den Jugendlichen sah ich ein teilweises Abbild meiner eigenen Teenagerzeit mit den lebensbestimmenden Motiven: aus Prinzip dagegen, lebenserfahrenere Menschen haben sowieso keine Ahnung, verstehen einen nicht und die meisten sind auch noch doof. Auch habe ich durch den oft zu Unrecht mit etwas Neid von mir betrachteten, nicht immer hilfreichen „Schonwaschgang“, den die Jugendlichen erfuhren, meine eigenen, oft hart erkämpften nüchternen Tage immer mehr zu schätzen gelernt. Irgendwann kam der Punkt, an dem ich wieder einen Schritt vor die Tür wagen wollte. Ich stellte mir vor, in eine kleine, bezahlbare, mir stadtbezirklich zusagende Wohnung zu

Erfolgsgeschichten

ziehen und - um den Übergang in ein fast normales Leben sanft zu gestalten - für einen offenen Zeitrahmen hier angestellt zu bleiben. Gedanklich saß ich schon in meiner eigenen Wohnung, vor allem die positiven Seiten sehend, als man mich fragte, ob ich Interesse daran hätte, über meinen Auszug hinaus im Jugendhaus wohnen zu bleiben, als Mieter mit Anstellungsverhältnis. Ich habe lange überlegt. Eine meiner Befürchtungen war, dass man mich für unfähig halten könnte, auf meinen eigenen Beinchen zu stehen. Da ich aber nicht lebe, um darüber nachzudenken, was andere über mich denken, jedem meine Entscheidungen zu erklären und so reibungsarm und öffentlichkeitswirksam wie möglich zu handeln, habe ich mich nach der Vor- und Nachteilsabwägung dafür entschieden. Jetzt bin ich sehr glücklich über diese mir gegebene Möglichkeit, die - wie so vieles nicht von Endlosigkeit gekennzeichnet ist - nur eine Station in meinem Leben sein wird. Für den Moment geht es mir ausgesprochen gut damit. Es war eher ein Zufall, dem ich meine Aufnahme bei Synanon verdanke. Der Weg in eine „normale“ Therapie mit Nachsorge, auf dem ich mich befand, schien unerreichbar. Gespräche in der Drogenberatung, beim Psychologen, Antragstellung für die Kostenübernahme, Vorstellungen in Einrichtungen … Die ganze Prozedur erschien mir unendlich lang, nicht meinen Bedürfnissen entsprechend und war mir in dem Zustand, in dem ich mich befand, einfach zu viel. Ich habe Kokain gespritzt, exzessiv getrunken, gekifft. Nicht unbedingt eine lebensverlängernde und der Gesundheit zuträgliche Verhaltensweise. Ich wog 55 kg bei einer Größe von 180 cm und sah nicht nach blühendem Leben aus. In Anführungsstrichen habe ich nicht die Zeit gehabt, ein halbes Jahr auf eine Bewilligung meines Antrages zu warten, vielleicht hätte ich die Bewilligung auch nicht mehr erlebt oder der „Wunsch“ jetzt aufzuhören, wäre im Sande verlaufen. Ich wollte, damals noch für den Moment, einfach raus aus dem Leben, welches ich führte, weg von den Drogen, Abstand gewinnen. Ich brauchte Hilfe, zeitnah und konnte nicht - weiter gefährlich konsumierend - mich alle drei Wochen vorstellen, um zu zeigen, dass ich noch motiviert bin aufzuhören oder besser gesagt, dass ich noch lebe. Aus heutiger Sicht, mit meinem erworbenen Wissen über meine Sucht und meinem mit sehr viel Glück gesegnetem Konsumverhalten, eine absurde Verfahrensweise. Meine Bitte um Aufnahme hatte mit der Absicht, etwas an meinem Lebensstil zu verändern, dauerhafter Abstinenz den Drogen gegenüber usw. wenig zu tun. In erster Linie war es wieder mal eine Flucht, ausnahmsweise in die richtige Richtung. Sicher, ein drogenfreies Leben zu wollen, war ich mir nicht, es erschien mir unvorstellbar, für immer damit aufzuhören. Bewusstseinsverändernde Substanzen spielten seit meinem 16. Lebensjahr die Hauptrolle, sie gehörten einfach dazu, wie die anderen Grundbedürfnisse. Es war die Not und Ausweglosigkeit, in der ich mich befand. Das Konsumieren an sich, das kurzzeitige Vergessen der Realität, war angenehm, es war mein hauptsächlicher Lebensinhalt, aber die Beschaffung bei stetig steigendem Bedarf wurde immer mehr zur Unmöglichkeit. Das Kokain hat diesen, auf den Endbahnhof zusteuernden Prozess, stark beschleunigt. Aus heutiger Sicht eine glückliche Schicksalsfügung. Ich hätte ihn noch mit größerer Aufwendung an krimineller Energie verzögern können, aber meine Grenzen waren erreicht. Im Grunde genommen hatte ich aus damaliger Sicht ein Finanzierungsproblem, hätte ich dieses lösen können, hätte ich mich wahrscheinlich nie mit dem Gedanken befasst aufzuhören. Deshalb ist es auch ganz gut so wie es gekommen ist, wem auch immer ich dafür danken könnte. Der Preis für das immer kürzer andauernde „Vergnügen“ wurde einfach zu hoch und auf einen Gefängnisaufenthalt hatte ich noch weniger Lust als damit aufzuhören. Ich habe mich für das mir kleiner erscheinende Übel entschieden. Eine Vorstellung über die Bedeutung meiner Entscheidung hatte ich nicht. Der für mich ausschlaggebende Punkt zu Synanon zu gehen, war das Angebot der sofortigen Aufnahme ohne Vorbedingungen. Gewartet hatte ich schon lange genug. Zum Zeitpunkt meiner Aufnahme war ich nicht wirklich überzeugt, ein Süchtiger zu sein. Ich, ein Kranker, ein Hilfsbedürftiger, einer von „denen“? Nie im Leben! In den sechs Jahren dauerhaften Konsums habe ich aufgrund der Denkanstöße meiner Eltern zwar öfter darüber nachgedacht, aber die Einsicht hatte ich trotz allem nicht.

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Durch die Biographien der anderen Bewohner, die ich in Gesprächen und auf Gruppen zu hören bekam, die - für mich überraschend - meiner ähnelten, wurde mir schnell klar, dass ich ein ernsthaftes Problem hatte, was nicht mit drei Wochen Venenkur zu beheben ist. Das war hart. Ich musste mich mit Blick auf diese unbestreitbaren Parallelen förmlich dazu zwingen, mich - wogegen ich mich so lange gewehrt hatte - als suchtkranken, hilfsbedürftigen Menschen zu begreifen, zu akzeptieren und das nicht nur verbal für einen kurzen Moment wie in dem meiner Aufnahme oder meiner Therapieplatzbemühungen. Und ich musste mit diesem schwer anzunehmendem Wissen darum die richtigen Konsequenzen ziehen. Die Regeln, einzelne Personen und das ganze System gaben oft genug Anlass, Anstoß daran zu finden und eine Flucht für mich zu rechtfertigen, aber mich quälten mehr meine Gedanken, meine Depressionen, die jetzt ohne Stoff erst zum Vorschein kamen. Unvorhersehbare, ohne erkennbaren Auslöser, manchmal Tage andauernde „Verstimmungen“, die alles so unerträglich schwarz malten, dass ich am liebsten ohne eigenes Verschulden gestorben wäre, um es nicht aushalten zu müssen. Stoff gab es hier zum Glück nicht mehr und ich war davon überzeugt wiederkommen zu müssen, wenn ich jetzt fliehen würde. Deshalb blieb ich. Die schlechten Phasen wurden seltener, kürzer und gingen immer vorbei. Zunehmend konnte ich die Zeiten, in denen es mir nicht schlecht ging, mehr und mehr nutzen und die schon immer dagewesenen, aber nicht wahrgenommenen, weil für selbstverständlich erachteten schönen Seiten am Leben genießen. Ganz ohne Stoff. Meist waren es die kleinen Dinge, an denen ich mich auf einmal erfreuen konnte, wie auf einem Sommernachtsspaziergang den süßlichen Duft der Lindenblüten zu riechen, den warmen Wind auf der Haut zu spüren und den Grillen zu lauschen. Die Möglichkeit, mich in der Natur zu bewegen, sie mit allen Sinnen wahrzunehmen und sie in ihrer Fülle zu genießen, macht auch heute noch einen Teil meiner Zufriedenheit aus. Dem zuträglich sind auch noch viele andere Faktoren wie zum Beispiel die schnelle, aber bedachte Lösung anstehender, in welchem Lebensbereich auch immer vorkommender Probleme. Jedes Aufschieben nagt an meinem Wohlbefinden. Die (Wieder)Entdeckung dieser Zusammenhänge und Umsetzung der Erkenntnisse erleichterte mir mein Hiersein stetig und verhalf mir zum Glauben an die Möglichkeit eines suchtmittelfreien Lebens. Aus einem realitätsnahen Tagesablauf mit vielen, immer wiederkehrenden ähnlichen Situation, vor denen ich zum Teil gerne geflohen wäre, habe ich mühsam, in sehr kleinen Schritten gelernt, dass man das alles auch ohne Drogen aushalten kann. Meine Vorstellungen vom Leben wurden realitätsbezogener, der bewegungsunfähige Träumer (ich) entwickelte sich langsam zum handlungsfähigen und -willigen Realist, was dazu führte, dass ich meinem neuen Leben, damit es auch nach Synanon Bestand hat, ein Fundament geben wollte mit einer Ausbildung, die ich wohl oder übel ohnehin irgendwann einmal hätte machen müssen. Das Nützliche verband sich mit dem Notwendigen auf meinem Weg in eine dauerhafte Nüchternheit. Unter keinen Umständen wollte ich noch mehr Zeit „verlieren“, meine „Drogenkarriere“ hatte mir – das spürte ich plötzlich sehr deutlich – schon genug davon genommen. Ich hatte Glück und arbeitete von Anfang an im Gartenbau, ein kleiner Wunsch, der in Erfüllung ging. Meine Mutter, Dipl.-Ing. auf diesem Gebiet, hatte früher vergebens versucht, mir den Beruf näher zu bringen. Die Ferienarbeit als Schüler hat mich von diesem Berufsfeld mehr abgeschreckt als angezogen. Die Vielseitigkeit dieses Berufes habe ich durch die früh übertragene Eigenverantwortung erst hier kennengelernt. Als mich mein Chef dann zum ersten Mal einen Baum mit Steigeisen und Motorsäge abtragen ließ, stand meine Entscheidung für diesen Beruf fest. Das war für mich interessanter als jede ebenerdige Tätigkeit, die ich zuvor verrichtet hatte. Aus meiner Leidenschaft zur Seilklettertechnik im Baum, die ich in Kursen verfeinern konnte, und meinem großen Interesse an der Baumpflege entwickelte sich mein heutiges Beschäftigungsfeld. Meine Ausbildung zum Gärtner, einer meiner vielen Anker, der mich oft davon abhielt, alles hinzuschmeißen, habe ich erfolgreich abgeschlossen. Für mich ein Meilenstein, mal etwas durchgezogen zu haben. Früher hat sich bei vielem, was ich tat, sehr schnell Langeweile und Gleichgültigkeit gegenüber dem Angepacktem breit gemacht. Nah dran war ich auch jetzt immer wieder. Durch Motivation und Hilfestellungen der anderen, aber auch aufgrund der bereits gemachten Erfahrungen aus vorherigen Abbrüchen und meinem Ehrgeiz,

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Herman in seinem Element: Im Baum mit Steigeisen und zwei (!) Motorsägen (li.) sowie nach getaner Arbeit.

wenigstens einmal das Ziel zu erreichen, habe ich längere Durststrecken überwinden können. Meine teils in Eigenregie gemeisterte Ausbildung hat mich andererseits auch oft an die Grenzen der psychischen Belastbarkeit getrieben. Gründe (für mich) und Gedanken aufzugeben hatte ich genug, zu meinem Glück tat ich es nicht. Auch die lange Zeit, die ich nun schon nüchtern gelebt und in der ich mich ständig weiterentwickelt habe, hat mir mit Sicherheit nicht geschadet. Geld hätte ich am Anfang darauf nicht gewettet, abgesehen davon, dass wir das hier nicht dürfen. Dass sich so viel in einem selbst verändern kann, wenn man die Dinge einfach angeht, auch wenn die Einsicht in die Richtigkeit erst später kommt. Aus dem Müssen ist meist ein Wollen geworden. Hätte ich nur getan, wozu ich Lust gehabt hätte, würde ich diese Zeilen hier mit Sicherheit nicht mehr schreiben können. Das Wichtigste aber ist, dass ich wieder Freude und Sinn am (drogenfreien) Leben gefunden habe und mich so mit all meinen Macken und immer noch auftretenden „Verstimmungen“ akzeptieren kann und einen vernünftigen Umgang damit gefunden habe. Dies mag für manch einen eine Selbstverständlichkeit sein, für mich war es ein langer, mit vielen selbst aufgestellten Hindernissen, beschwerlicher Weg, für dessen aufgezeigte Begehung mit allen Geländern, Brücken und Wegweisern ich mich nur immer wieder bedanken kann.

Wohlverdiente Pause. Team Gartenbau: Herman, 2. v. l., Gärtnermeister Alois Reitzer, re.

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Alexander Koch 38 Jahre, 8 Jahre clean, verheiratet mit Mandy seit Mai 2009 (Foto re.) Ausbildung zum Kaufmann für Bürokommunikation in Synanon absolviert, derzeit Fernstudium der Wirtschaftswissenschaften, Angestellter bei Synanon

8 Jahre nüchtern oder die Wiederentdeckung der Heliozentrik

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or 5 Jahren schrieb ich einen Artikel für die Ausgabe „35 Jahre Synanon“, damals lebte ich gerade 3 Jahre bei Synanon, und ich schrieb über mich. Ausschließlich. Das war für mich und die Zeit angemessen und passend. Aber jetzt ist es das nicht mehr. Und das zeigt mir deutlicher als alles andere, was sich in den letzten 5 Jahren bei mir getan hat. Ich war immer absolut egozentrisch. Die Welt musste sich immer um mich drehen, wenn das nicht mehr der Fall war, bin ich woanders hingegangen, wo ich wieder das Gefühl hatte, es wäre so. Irgendwann habe ich mir meine Welt dann selber gebaut, das war weniger anstrengend, sie fand als Rausch in meinem Kopf statt, und sie hat sich gedreht, so oft ich wollte. Manchmal hat sie gar nicht mehr damit aufgehört. Zum Glück ist mir auch das irgendwann zu langweilig geworden und ich bin bei Synanon gelandet. Nachdem ich dort alles getan und gelernt habe, was mir irgendwie helfen konnte (Fortbildungen, Führerschein, Ausbildung und vor allem nüchtern zu leben) und ich mich auch auf privater Ebene weiterentwickeln konnte (ich bin seit zwei Jahren glücklich verheiratet), lebe ich inzwischen mit meiner Frau zusammen und arbeite als Angestellter für Synanon. Und das bin ich gerne. Ich weiß, dass ich für eine gute Sache arbeite, denn es hat bei mir selbst funktioniert. Es ist keine abstrakte Weltverbesserung, kein verblendetes Gutmenschentum. Sondern konkrete Hilfe für diejenigen, die es in Anspruch nehmen wollen. Niemand kann sich daran bereichern. Wir arbeiten nur für unsere Bewohner, das ist der Kern der Arbeit. Die Leute, und dass es ihnen besser geht. Dass sie irgendwann einmal auf eigenen Füßen stehen können. Der Weg ist lang und beschwerlich, aber wir helfen ihnen, solange sie wollen. Bis sie am Ziel sind. Und im Laufe der Jahre habe ich viele Ergebnisse gesehen, die jede Arbeit daran in höchstem Maße wert waren. Vor allen Dingen hat es mir die Augen geöffnet, dass ich nicht das Zentrum dieser Welt bin. Nicht einmal mehr meiner eigenen. Vor wenigen Tagen hat meine Frau unseren Sohn zur Welt gebracht. Wenn ich den Kleinen auf dem Arm habe, spüre ich unmittelbar, dass Verantwortung mehr bedeutet als nur Alexander mit keine Drogen mehr zu nehmen. Viel mehr. Vincent

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Unser Schritt in ein neues Leben

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solde: Am 11.09.1995 bin ich auf Anraten meiner Ärztin mit meinen beiden Kindern zu Synanon gegangen und habe um Aufnahme gebeten. Ich wollte der Sucht einfach nur noch entkommen. Mein Gefühl sagte mir, dass ich hier genau richtig bin und ich fühlte mich geborgen in diesem nüchternen Rahmen. Auf den Gruppen habe ich gelernt, mich mit meiner Sucht auseinander zu setzen. Schrittweise konnte Thorsten und Isolde ich mir Suchtwissen aneignen und Hinweise für Veränderungen annehmen. Diese sieben Jahre in Synanon waren in Bezug auf meine persönliche Weiterentwicklung und der bewussten Auseinandersetzung mit der Sucht eine wertvolle Zeit. Ich habe akzeptiert, dass ich Alkoholikerin bin und nie wieder Alkohol trinken darf. Das hat mir das Leben wieder lebenswert gemacht. Dieses schöne Gefühl erfüllt mich mit Stolz. Eine selbstverständliche Form der Dankbarkeit ist für mich, in meinem Arbeitsbereich für zivil- und strafsächliche Betreuung von Synanon-Bewohnern meine ganze Kraft einzubringen, um den Menschen, die zu uns gekommen sind, bei der Regelung ihrer bisher vernachlässigten Angelegenheiten zu helfen. Dankbar bin ich Synanon auch dafür, dass meinem Sohn Stefan ermöglicht wurde, im Zweckbetrieb Tischlerei 1998 eine Ausbildung zum Tischler zu beginnen, die er 2001 erfolgreich beendet hat. Thorsten: Eine Fernsehsendung hatte mich auf Synanon aufmerksam gemacht. Am 18.12.1992 habe ich die Synanon-Gemeinschaft um Aufnahme gebeten, wo ich bis 2002 gelebt habe. Seit Dezember 2006 bin ich als angestellter Teamleiter bei den Synanon-Umzügen beschäftigt. Durch meine Alkoholsucht hatte ich alles verloren, die Wohnung, den Führerschein. Was ich hatte, waren viele Schulden. Ich bin bei Synanon geblieben, weil mir die Leute in Synanon gesagt haben: „Bleib einfach bei uns und dann regeln sich deine mitgebrachten Probleme von ganz allein.“ So war es dann auch. In den 10 Jahren habe ich gelernt zu akzeptieren, dass ich Alkoholiker bin. Meinen Führerschein habe ich wieder bekommen und meine Schulden wurden reguliert. Im Zweckbetrieb Umzüge habe ich mir ab 1994 durch regelmäßige interne Schulungen mein Wissen über die Durchführung von Umzügen mit allen technischen Anforderungen angeeignet. In den vier Jahren meiner Tätigkeit im Zweckbetrieb Umzüge habe ich es geschafft, nach einem Jahr die Verantwortung für ein Umzugsteam übertragen zu bekommen. Später dann, im Jahr 1998, habe ich eine Ausbildung zum Tischler im Zweckbetrieb Tischlerei begonnen, die ich im Jahr 2000 erfolgreich beenden konnte. 1995 habe ich meine heutige Lebenspartnerin Isolde, die mit ihren Kindern Stefan und Erik zu Synanon kam, kennen gelernt. Nach Beendigung der Kontaktpause von sechs Monaten hat unsere Beziehung begonnen. Gemeinsam haben wir unser Wissen darüber, wie ein Leben ohne Alkohol, Drogen, Medikamente und die oft damit verbundene Kriminalität aussehen kann, angeeignet und an neue Mitbewohner auf den Gruppen weitergegeben. Das hat auch uns gestärkt. Isolde und Thorsten: Im November 2002 sind wir mit Stefan und Erik aus Synanon ausgezogen und haben den Start in ein nüchternes Leben nach Synanon vollzogen. Wir haben uns in Berlin-Karow ein neues Zuhause aufgebaut, wo für uns und unsere Kinder die 3 Regeln von Synanon gelten. Auch unsere Gäste wissen, dass in unserer Wohnung kein Alkohol getrunken und nicht geraucht wird. Für den Aufbau eines nüchternen Umfeldes haben wir uns sofort nach unserem Auszug der Guttempler-Gemeinschaft „Spreeathen“ angeschlossen und sind im Jahr 2003 dem Guttempler-Orden beigetreten. In dieser Gemeinschaft haben wir unser Wissen über Sucht, das wir uns bei Synanon angeeignet haben, eingebracht und konnten dadurch Gästen und Mitgliedern helfen. Wir schauen mit Stolz auf unsere Nüchternheit, die wir dank Synanon verbunden mit unserem eigenen Willen erreicht haben.

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Ein Ehemaliger bei Synanon

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nfang Februar 2009 bin ich nach 5 Jahren und 8 Monaten bei Synanon ausgezogen. Meinen Auszug konnte ich gut vorbereiten, ich war lange clean, Alkohol und Drogen spielten keine Rolle mehr, bei Synanon hatte ich Kaufmann für Bürokommunikation gelernt, einen Beruf, in dem ich arbeiten wollte, eine kleine Wohnung konnte ich auch mieten, alles war schön. Die erste Zeit habe ich noch ehrenamtlich Peter M. bei Synanon mitgeholfen. Später 49 Jahre, habe ich dann ein Angebot belebte 6 Jahre in der Synanon-Gemeinschaft, kommen, wieder in meinem alten Ausbildung zum Kaufmann für Bürokommunikation Beruf, als Gärtner, zu arbeiten. in Synanon absolviert, Angestellter bei Synanon Das war ja eigentlich nicht das, was ich in Zukunft machen wollte, aber die Arbeit war nicht schwer und der Arbeitsplatz war nicht weit von meinem neuen Wohnort entfernt. Im Nachhinein kann ich sagen, dass sich Ziele ändern können, aber es sollte schon gute Gründe geben. Bequemlichkeit ist für einen süchtigen Menschen nicht immer ein guter Ratgeber, vor allen Dingen dann nicht, wenn man seine eigentlichen Ziele aus den Augen verliert. In meinem Fall eine langfristige berufliche Perspektive und ganz wichtig, das Wichtigste überhaupt, meine Abstinenz: die Grundlage für alles. Bei meinem Auszug aus Synanon hatte ich nicht vor, wieder zu konsumieren, über fünfeinhalb Jahre einfach so abhaken, ich doch nicht. Irrtum. Nachdem der Rahmen weg war und ich mich draußen ein bisschen umgesehen hatte, war das erste Glas wieder nur eine Armlänge entfernt und schnell getrunken. Nach dem ersten Glas war meine Sucht direkt aktiv und ich habe mit so einer Selbstverständlichkeit konsumiert, als wäre mein Zusammenbruch 2003, der mich zu Synanon gebracht hatte, nie passiert, als hätte ich nicht mehrere Jahre mit vielen hundert Süchtigen unter einem Dach gelebt. Ich war schnell wieder auf einer Flasche Schnaps am Tag und dann ging’s weiter, erst Cannabis und als ich mich richtig hoch dosiert hatte und trotzdem nichts mehr merkte, habe ich das konsumiert, was ich eigentlich, wenn ich ehrlich bin, vom ersten Glas an wirklich konsumieren wollte: Heroin. Ich hatte die ganze Zeit noch gearbeitet, keine Fehlzeiten, das lief noch, gerade so eben. Erst habe ich zwischendurch noch mal einen Tag Pause beim Heroin konsumieren gemacht, ich wollte ja nicht gleich wieder voll drauf kommen, aber es war so wie es immer gewesen war. Nach ein paar Wochen war ich wieder drauf. Nach nicht ganz einem Monat war er dann da, mein Tiefpunkt. Ich nahm mir ein paar Tage frei und versuchte, zuhause zu entziehen. Das ging gar nicht, ich habe gerade mal einen Tag durchgehalten und bin dann wieder los und habe eingekauft. Mir wurde klar: „Peter du schaffst es nicht allein, du brauchst Hilfe, mal wieder.“ Synanon wäre am schnellsten gegangen, aber das hat zu diesem Zeitpunkt meine Scham nicht zugelassen. Am nächsten Tag habe ich mit viel Glück gleich einen Entgiftungsplatz bekommen. Die Mitarbeiter kannten mich noch aus früheren Draufzeiten und aus meiner Zeit bei Synanon als gefestigten, abstinenten Süchtigen. Was soll ich sagen, man kann nur eins retten: Sein Leben oder sein Gesicht. Die haben nur mit dem Kopf geschüttelt, nicht mal einen Monat wieder auf Heroin und ich sah schon wieder aus wie der „Tod auf Latschen“.

Erfolgsgeschichten

Es kam wie es kommen musste. Am ersten Donnerstag meines Aufenthaltes in der Entgiftung kamen Harald und Eva, zwei Bewohner von Synanon, um Synanon vorzustellen. Die beiden haben auch nur mit dem Kopf geschüttelt. Nach den 10 Tagen in der Entgiftung habe ich mir Selbsthilfegruppen gesucht. Ich hörte den Leuten zu, die mehrere Tage, Wochen, Monate und für mich am schlimmsten, die mehrere Jahre clean waren. Nach dem Entzug fing mein Kopf wieder an zu arbeiten. Was hast du weggeworfen, du hattest Pläne, du wolltest Kontakt zu deinem Kind aufbauen, eine vernünftige Arbeit suchen, selbstbestimmt leben und jetzt hangelst du dich von einem Tag zum nächsten. Meinen Gärtnerjob habe ich weiter gemacht. Ich glaube, die Laubharkerei im Herbst, es war mittlerweile November, hat mich gerettet, da kam mir das erste Mal wieder so richtig in den Kopf, was ich bei Synanon gelernt habe. Mit den Händen nüchtern werden und einer verbindlichen Struktur folgen, die mich durch den Tag bringt. Pünktlich aufstehen, pünktlich zur Arbeit erscheinen, die Arbeit vernünftig machen, so lange ich beide Hände am Werkzeug habe, habe ich keine Hand frei zum Drogen nehmen, meinen Haushalt in Schuss halten und ganz wichtig: jeden Tag in eine Gruppe. So reihte sich ein cleaner Tag an den nächsten. Ich suchte mir zusätzlich eine ambulante Therapie und begab mich in ein UK-Programm. Im Frühjahr lief mein Vertrag als Gärtner aus und ich war mittlerweile wieder so klar im Kopf, um über so was wie meine berufliche Zukunft nachzudenken. Den ersten Kontakt zu Synanon, nach dem Rückfall, habe ich über die offenen Meetings am Montag wieder aufgenommen und später dann per Mail wegen einer möglichen Beschäftigung in der Verwaltung nachgefragt. Ich wollte unbedingt als Kaufmann für Bürokommunikation arbeiten und das möglichst in einem cleanen Rahmen. Die Reaktion war verständlicherweise erst mal verhalten, es war ja bekannt, was ich im letzten Sommer veranstaltet hatte. Ich bin trotzdem dran geblieben. Wer mir in dieser Situation sehr geholfen und mir das nötige Vertrauen geschenkt hat, war Ulrich, der Hausleiter von Synanon. Er hat mich ermutigt und dafür kann ich nur danke sagen. Seit März arbeite ich jetzt stundenweise in der Verwaltung von Synanon und kümmere mich um die Auftragsbearbeitung der therapeutischen Zweckbetriebe. Natürlich wurde vor allem am Anfang genau auf mich geschaut, ich musste auch die eine oder andere Urinprobe abgeben, aber mittlerweile ist das Vertrauen soweit wieder hergestellt. Wachsam müssen wir sowieso immer sein, bei jedem von uns. Von den Synanisten, mit denen ich während der Arbeit Kontakt habe, habe ich keine Vorbehalte bezüglich meines, mittlerweile ja wieder cleanen Lebensweges zu spüren bekommen. Die Leute bei Synanon haben ihre Gruppen im Haus und ich mache meine Therapie und besuche meine Gruppen draußen. Das ist für mich schon was Besonderes, da Synanon sich ja ganz klar als Selbsthilfe versteht und ich außerhalb mit Hilfe von Therapeuten meine Suchterkrankung bearbeite. Was die Arbeit angeht, bin ich einfach nur froh, dass ich von Robert sehr gut eingearbeitet worden bin und meine Vorgesetzte die Geduld und Ruhe in Person ist. Das Arbeiten mit Rechnungen und Angeboten hat für mich etwas wundervoll Ordnendes. Wenn die Zahlen nicht stimmen, merke ich sofort, dass ich nicht konzentriert bei der Sache bin und das hilft mir, mich nicht so sehr in meinen Gedanken zu verlieren. Zwischenmenschlich ist der Kontakt einfach okay, ob das an meinem Arbeitsplatz in der Verwaltung oder mit den Leuten im Synanon-Haus ist. Ich kann mit Menschen, die die gleichen Probleme haben wie ich, über meine persönlichen Sachen sprechen und fühle mich wirklich gut aufgehoben. Außerhalb der Arbeit entwickelt sich mit Bewohnern von Synanon auch langsam wieder was. Letztes Wochenende habe ich Alois endlich mal in Karow zum Brunch besucht. Das war gut, alte Bekannte wie Robin und Herman wieder zu sehen und mit den Bewohnern des Jugendhauses in Karow den Sonntagvormittag zu verbringen. Ein Brunch mit Synanisten ist doch etwas Schönes. Nächstes Wochenende ist Synanon-Tag, da bin ich eingeladen und schon gespannt wie es so wird. Synanon ist wieder eine Säule meines drogenfreien Lebensweges geworden, das hätte ich bei meinem Auszug im letzten Jahr so nicht gedacht. Dafür möchte ich Danke sagen. (Fortsetzung: „Ein neuer Lebensabschnitt“ auf der nächsten Seite)

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Erfolgsgeschichten Fortsetzung von Peter M. Ein Ehemaliger bei Synanon - Ein neuer Lebensabschnitt Im ersten Jahr meiner wieder gewonnenen Abstinenz war die stundenweise Tätigkeit in der Auftragsbearbeitung genau richtig. Eine richtige Arbeit, kein therapeutisches Laubharken und trotzdem Zeit meine Therapie zu machen, wobei ich sagen muss, dass das Laubharken auch seine Zeit hatte und zu dieser ganz wichtig für mich war. Halbe Tage zu arbeiten und mich im Anschluss meinen Befindlichkeiten zu widmen, war natürlich sehr angenehm. Nur ist die Abhängigkeit von Zahlungen des JobCenters eben eine Abhängigkeit und ich hatte meinen Wunsch, ein unabhängiges Leben zu führen, nicht aufgegeben. Davon abgesehen habe ich ein Kind, für das ich unterhaltspflichtig bin, die eine oder andere Verbindlichkeit und - nicht zu vergessen - Wünsche. Der Mensch lebt bekanntlich nicht vom Brot allein. Gegen Ende meiner ambulanten Therapie fasste ich den Entschluss, mich um eine Vollzeitstelle bei Synanon zu bewerben. Was soll ich sagen, es hat geklappt. Seit Dezember habe ich einen unbefristeten Arbeitsvertrag bei der STIFTUNG SYNANON. Eine Besonderheit ist, dass das seit 1992 mein erstes Arbeitsverhältnis auf dem ersten Arbeitsmarkt ist. In all den Jahren habe ich überwiegend gearbeitet, aber eben in irgendwelchen vom Amt finanzierten Arbeits-Projekten, wo es keine wirkliche Herausforderung für mich selbst oder echte Anforderung an Leistung oder Qualität durch den Träger der Maßnahmen gab. Kam man pünktlich, regelmäßig und nüchtern zur Einsatzstelle hatte man schon über 90 Prozent erfüllt. Einen Arbeitsplatz zu haben, für den ich ein Gehalt beziehe, für das eine werthaltige Gegenleistung von mir verlangt wird, das ist schon was anderes. Durch das mehr an Stunden hat sich natürlich mein Aufgabenspektrum erweitert. Für jemanden wie mich, der Zeitmanagement nicht zu seinen Spezialgebieten zählt, ist das eine Herausforderung. Was zuerst, was ist wichtig, was kann ich nach hinten stellen? Nicht zu vergessen: Meine private Zeit ist ja jetzt auch ein bisschen weniger geworden. Selbsthilfegruppen besuchen unter der Woche, Freizeitgestaltung, da muss ich mich jetzt schon manchmal richtig antreiben. Am Anfang hatte ich noch ein paar abschließende Termine bei meiner Therapeutin. Die hat nur gelacht und fand es herrlich, dass ich jetzt die gleichen Probleme habe wie die meisten Normalbürger. Ich bin wieder ein Stück mehr in der Normalität angekommen. In der Zeit, in der ich bei Synanon lebte, wurde das alles über das Regelwerk und die Struktur im Haus am Laufen gehalten. Jetzt bin ich an der Stelle wirklich noch mal mehr auf mich gestellt. Fühlt sich gut an. Und ich stelle fest, dass ich an den richtigen Stellen Muskeln kriege. Wenn ich am Anfang außer Arbeiten, Essen und Schlafen nicht viel gemacht habe, wird es jetzt von Woche zu Woche spürbar mehr. Es geht weiter.

Wolfgang M. 59 Jahre ... einfach machen! Vor drei Jahren ausgezogen und immer noch mit Synanon verbunden; erhält hier von seinem Kollegen Mario fachliche Einblicke in die Feinheiten der Bilanzbuchhaltung.

Erfolgsgeschichten

Nachgefragt 5 Jahre später

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Fünf Jahre ist es nun her, dass mein kleiner Artikel unter der Überschrift „Zwei Jahre in Synanon“ in der Jubiläumsbroschüre zum 35. Jahrestag unserer Berliner Suchtselbsthilfe veröffentlicht wurde.

nzwischen ist viel passiert … Wenn ich heute wie jeden Morgen pünktlich zur Arbeit ins Büro fahre, fühlt sich das schon (fast) normal an. Dabei ist es alles andere als das und ich muss mir immer wieder klarmachen, wie enorm wertvoll die letzte Zeit für mich war. Im Jahr 2007 konnte ich meine Ausbildung zum Bürokaufmann in Synanon erfolgreich abschließen, für mich ein Riesenerfolg, da dies mein erster Berufsabschluss überhaupt war. Im Sommer jenen Jahres fuhr ich mit einer Gruppe von sieben Leuten für 3 Wochen in unser neu fertiggestelltes Urlaubshaus in Steinhagen in Mecklenburg-Vorpommern, ganz in der Nähe der Ostsee. Dabei durfte ich verantwortlich das Amt des Kassenwarts ausführen. Ebenfalls in jenem Jahr nahm ich zum zweiten Mal nach 2005 an unserer Synanon-Theatergruppe teil, die über den Zeitraum eines Dreivierteljahres unter der professionellen Leitung einer Berliner Theaterregisseurin ein Stück probte und im Frühsommer 2007 zur Aufführung brachte. Die Premiere fand in einem improvisierten Theatersaal in der Tiefgarage des Synanon-Hauses statt und war unvergesslich. Die Angst, die Prüfungsvorbereitungen für die Berufsschule und die Theaterarbeit nicht unter einen Hut zu bekommen, erwies sich mit ein wenig Organisation als unbegründet. Im Rahmen meiner Ausbildung wechselte ich Ende 2006 von der Abteilung für Zivil- und Strafsachen in die kaufmännische SynanonVerwaltung, um in der Auftragsbearbeitung tätig zu sein, d. h., ich schrieb Angebote und Rechnungen für die Kunden der Zweckbetriebe Malerei, Gartenbau, Tischlerei und Hauswartung. Dieses Aufgabenfeld machte mir sehr viel Spaß und ich kam hier das erste Mal mit dem Arbeitsbereich der Buchhaltung in Berührung. Im Jahr 2008 war es für mich an der Zeit, aus der schützenden Gemeinschaft Synanons auszuziehen und ein selbständiges Leben „draußen“ zu beginnen. Ich bekam dafür alle denkbare Unterstützung, z. B. Zeit für alle organisatorischen Erledigungen wie die Wohnungssuche und eine finanzielle Starthilfe. Außerdem eine kleine Grundausstattung mit Möbeln aus Spenden, die die Stiftung Synanon dankenswerterweise erhält. Am wichtigsten auf dem Weg in eine nüchterne Zukunft ist für einen Süchtigen jedoch eine feste, sinnerfüllte Tätigkeit. Ich bewarb mich bei der Stiftung Synanon um ein Anstellungsverhältnis und konnte „nahtlos“ auf meinem Aufgabengebiet weiterarbeiten. Mit dem Unterschied, dass ich jetzt nicht mehr jeden Morgen aus dem Synanon-Haus, sondern von meiner Wohnung aus zur Arbeit fuhr, was nach solch langer Zeit in der Gemeinschaft schon eine gewisse Umstellung war. Inzwischen bin ich für eine mit Synanon verbundene Hausverwaltung tätig und bearbeite dort u. a. die Mietenbuchhaltung und die Bezahlung der Rechnungen. Die Tatsache, dass man mir das Vertrauen entgegenbringt, dabei oft auch mit größeren Geldsummen 40 Jahre, lebte 4 Jahre in der Synanon-Gemeinschaft, verantwortungsvoll umzugehen und ich dies auch mit Freude und Ausbildung zum Bürokaufmann in Synanon Interesse mache, ist eine weitere Bestätigung, auf dem richtigen absolviert, Angestellter in einem mit Synanon Weg zu sein und den „ganz normalen“ Alltag zu meistern, was für verbundenen Unternehmen einen Süchtigen nun mal nicht selbstverständlich ist. Mein Auszug aus Synanon liegt nun schon 2 ½ Jahre zurück und ich denke, dass ich gute Voraussetzungen habe, dauerhaft nüchtern zu leben. Die Anerkennung in der beruflichen Tätigkeit gibt mir Selbstsicherheit. Nicht zuletzt haben Freunde und Bekannte, mein soziales Umfeld, ein Auge auf mich. Mein Leben teilt sich aus heutiger Sicht wohl in eine Vor- und in eine Nach-Synanon-Zeit, wobei mein Wunsch, die erstere nie mehr zu erleben, mit der Zeit immer stärker geworden ist. Ohne Synanon hätte ich diesen Weg so sicherlich nicht gehen können.

Mario T.

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Erfolgsgeschichten

Sebastian L.

„Das Glück ist mit dem Tüchtigen“

43 Jahre, 8 Jahre clean, Ausbildung zum Kaufmann für Versicherung und Finanzen und Fernstudium zum Versicherungsfachwirt in Synanon absolviert, Angestellter in einem mit Synanon verbundenen Unternehmen

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n diesen sieben Jahren, in denen ich bereits in Synanon lebe, habe ich schon den einen oder anderen Beitrag für unsere Zeitung geschrieben. Mal habe ich von der Volleyballmannschaft berichtet, in der ich aktiv war und die ich durch viele Siege und einige Niederlagen hindurch verantwortlich betreut habe, andere Male von meiner Ausbildung oder von meinem Leben in der Synanon-Gemeinschaft. Meiner Meinung nach kommt ein jeder hier eines Tages an den Punkt, an dem er Abschied nehmen sollte. „Mein Tag des Abschieds“, der 1. Oktober 2010, wird – wenn diese Ausgabe erscheint – schon gewesen sein. Ich möchte gerne auf diesem Wege „Tschüss und Danke“ sagen. Danke an Synanon und danke an alle, die mich auf meinem Weg begleitet haben. Dankeschön für ein neues Leben. Die Eckdaten meiner Synanon-Geschichte sind leicht festzuhalten. Gekommen bin ich am 22.03.2003 aus Singen am Hohentwiel. Ich hatte wirklich alles konsumiert und mein Leben war ein einziges Trümmerfeld. Ich hatte nur falsche Freunde und mein körperlicher und geistiger Zustand war sehr schlecht. Ich wog nur 65 kg und meine Zähne waren fast alle schwarz. Der Staatsanwalt in Singen hat mir angedroht, mich für eine Zeitlang einzusperren, wenn ich nicht etwas gegen meinen Drogenkonsum unternehmen würde. Hier in Synanon war ich in den ersten 15 Monaten bei Clean-up beschäftigt und reinigte im Team mit fünf bis acht weiteren Synanon-Bewohnern Objekte wie z. B. Arztpraxen, Anwaltskanzleien und Kindergärten. In dieser ersten Zeit hier, in der ich in einem 5-MannZimmer wohnte, habe ich viel gelernt und begriffen. Der Kontakt zu den anderen und die vielen kleinen Reibereien, die ständig da waren, haben mir in meiner nüchternen Entwicklung sehr geholfen. Nicht einfach wegzulaufen, zu kneifen oder den Kopf zuzumachen, wenn es schwierig wird, sondern das alles nüchtern auszuhalten, war eine völlig neue Erfahrung für mich. Am meisten habe ich als Zimmerverantwortlicher und als Verantwortlicher für ein Reinigungsteam gelernt. Selbst Verantwortung zu tragen, Entscheidungen zu treffen, die man früher von anderen als Schikane angesehen hätte, ließen bei mir die Erkenntnis zu, dass viele Menschen wie meine Eltern und andere früher wohl öfter mal recht gehabt haben als ich es erkennen wollte. Plötzlich habe ich gespürt – und das war eine eindrucksvolle Erfahrung für mich - wie schwer es

Erfolgsgeschichten

ist, selbst unangenehme Entscheidungen zu treffen und die Konsequenzen daraus auch zu tragen. Nach ca. einem Jahr Synanon-Zugehörigkeit ist es für jeden hier möglich, eine Ausbildung zu machen. Ich überlegte fieberhaft. Auch wenn ich es gern wollte, eigentlich traute ich mir das selbst kaum zu. Meine Vorstellungen darüber, welche Ausbildungen für mich in Frage kommen könnten, waren noch nicht konkret. Auch mein Alter – immerhin war ich zu dem Zeitpunkt bereits 37 Jahre alt – spielte bei meinen Überlegungen eine Rolle. Nach meinem ersten nüchternen Jahr, dem aber 20 Jahre Drogenkonsums vorausgegangen waren, konnte ich jedenfalls nur ahnen, was mir liegen und gefallen könnte. So richtig klar im Kopf war ich auf jeden Fall noch nicht und so fand ich es sehr hilfreich, Praktika in verschiedenen kaufmännischen und handwerklichen Bereichen Synanons absolvieren zu können. So gewann ich zumindest einen groben Überblick. Rückblickend kann ich sagen, dass das eine so verrückte Zeit war, in der mir alles möglich schien. Ich habe so viel Energie in meine Nüchternheit gesteckt, dass ich immer öfter wirkliche Freude an meinem neuen Leben fand. Ich wurde seit langem wieder respektiert und nicht mehr von oben herab behandelt. Es waren die vielen Gespräche auf Augenhöhe, die vielen Menschen, die mich immer wieder motivierten, die mich zu dem Entschluss gebracht haben, eine Ausbildung in Angriff zu nehmen. Es klingt für mich immer noch wie ein Wunder und viele hielten mich in der Beziehung für vollkommen überzogen. Es ist nicht ohne weiteres nachvollziehbar, wie ein schlechter Hauptschüler nach so einer langen Pause zu einem guten bis sehr guten Auszubildenden in der Versicherungswirtschaft wird. Es war nicht immer leicht und das Lernen war manchmal eine Qual. Aber ich habe es auf Anhieb hinbekommen, meine Ausbildung mit einem halbwegs guten Schnitt abzuschließen. Ich kann nicht beschreiben, was für ein Gefühl das war, einen Ausbildungsnachweis in den Händen zu halten. Ich war noch nie in meinem Leben so stolz auf mich selbst. Ich kann mich bei den Beteiligten nicht genug dafür bedanken, so etwas Wunderbares für mich in die Wege geleitet zu haben. Es klingt ja immer wie ein Loblied auf Synanon über den Vorstand und es gibt Menschen, die sicherlich denken, das alles sei ein aufgeblasenes Gerede. Ich kann nur von mir sagen, ich war tot und jetzt lebe ich wieder; ich war auf der Straße und jetzt bin ich wieder in einem Haus, habe einen Beruf und kann am Leben teilnehmen. Nach meiner Ausbildung sagte ich mir: Da muss noch was kommen! 4 ½ Jahre war ich nun schon in Synanon. Ich hatte irgendwie das Gefühl, noch nicht fertig zu sein, noch nicht ausgelernt zu haben. Ich entschloss mich, auch noch die Ausbildung zum Versicherungsfachwirt in Angriff zu nehmen. Eine große Sache für einen Hauptschüler, gestand ich mir selbst ein. Auch diese Zeit, in die ich viel Fleiß und Zeit investiert habe, liegt nun hinter mir. Wieder ist es mir gelungen, mit der Hilfe und dem Rückhalt der Gemeinschaft eine für mich große Sache zu meistern. Ich hatte Nachhilfe in Englisch, Deutsch im Förderkurs und Rechtslehre; alles gratis von Mitbewohnern im Haus. Die Unterstützung und Ermunterung von Gleichgesinnten haben mich immer wieder angetrieben. Ich kann es selbst kaum glauben, dass ich den Versicherungsfachwirt geschafft habe und mit neuem Mut und großer Lebensfreude meinen Weg gehen kann. Hätte mir das jemand im Jahre 2003 prophezeit, hätte ich ihn sehr wahrscheinlich ausgelacht. Ich bin so froh, dass es Synanon gibt, eine Gemeinschaft, die mich vorbehaltlos aufgenommen hat. Natürlich muss man hier die Ärmel hochkrempeln und mitmachen. Aber wo muss man das nicht? Natürlich ist es nicht einfach, nüchtern zu bleiben; aber wo ist es denn einfach? Natürlich ist der Weg steinig und hart, aber wie kann es denn leicht gehen, nüchtern zu werden? Um das Ganze mal zu verdeutlichen würde ich gerne ein paar Fakten sprechen lassen: Als ich am 22.03.2003 gekommen bin, wog ich bei einer Körpergröße von 1,80 m gerade noch 65 kg, hatte schlechte Zähne, 30.000 Euro Schulden und keine Ausbildung. Heute habe ich ein normales Gewicht, keine Schulden mehr dank dem Entschuldungsprogramm in Synanon und die erwähnten Ausbildungen. Auch meinen Führerschein habe ich nach vielen Jahren wieder erhalten. Eine wirklich tolle Bilanz, finde ich. Derzeit bin ich mit meinem Umzug in eine von Synanon zur Verfügung gestellte Wohnung befasst. Ich habe mich ganz bewusst für dieses Nachsorgeprojekt entschieden, weil ich auf meinem Weg in ein normales Leben außerhalb Synanons nichts überstürzen will. Ich freue mich auf meine Zukunft mit meiner Freundin. Ich nehme derzeit Abschied von einem sehr anstrengenden, aber auch sehr schönen Lebensabschnitt in Synanon und danke nochmals allen, die mich begleitet und unterstützt haben, sehr herzlich.

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Erfolgsgeschichten

Vorbildlich Jan Schneck

33 Jahre, 6 Jahre clean

Leiter der Synanon Zweckbetriebe

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ein Weg in Synanon ging wie bei fast jedem, der längere Zeit hier ist, durch viele Bereiche hindurch. Als ich mich im November 2005 auf die Aufnahme-Bank setzte, war das auch der letzte Versuch meiner Familie, mir noch einmal zu helfen. Ich schaffte es einfach nicht, alleine mit dem Trinken aufzuhören. Sie lieferten mich also hier ab und wollten mich auch so schnell nicht wieder sehen. Mir war es ernst. Ich wollte mich ändern. Nach dem Aufnahmegespräch kam ich – wie jeder Neue hier - in die Hauswirtschaft, später dann nach meinem körperlichen Entzug und Eingewöhnung in die Gemeinschaft wechselte ich in die Küche. Das war für mich eine völlig neue Erfahrung, denn vor meiner Zeit in Synanon habe ich viele Jahre in einem Berliner Warenhaus Computer verkauft. Von Kochen hatte ich bisher keine Ahnung. Als ein paar Monate vergangen waren, brauchte unser Umzugsbüro Verstärkung und da man in Synanon dort eingesetzt wird, wo man gebraucht wird, wechselte ich ins Umzugsbüro. Nach einer weiteren Zeit von 1 ½ Jahren wurde ich Verantwortlicher unseres Zweckbetriebs Clean up – Reinigung. Aber auch im Freizeitbereich wollte ich mich einbringen und Verantwortung übernehmen. Ich machte mit in der Fußballmannschaft, ging spazieren mit neuen Leuten, kümmerte mich um die Blumen im Haus, übernahm Dienste im Kinderbereich und organisierte Kirchenbesuche, wenn es von Bewohnern gewünscht wurde. Egal, welche Tätigkeiten ich ausübte, sie machten mir immer Freude. Früher konnte ich mit Freizeit gar nicht umgehen, weil ich eben nur getrunken habe. In Synanon dann spürte ich förmlich, wie mir Freizeitaktivitäten beim Nüchternbleiben halfen und mir Lebensfreude schenkten, die ich schon lange nicht mehr empfinden konnte. Plötzlich war aber noch mehr möglich. Ich nahm an Volkshochschulkursen teil und schaffte auf Anhieb meinen Führerschein, was mir in den 10 Jahren davor trotz mehrerer Anläufe nicht gelang. Meine Zähne sind saniert worden. Vor meiner Zeit in Synanon habe ich alles andere gemacht, aber zum Arzt bin ich nie gegangen. Ein ganz wichtiger Punkt waren auch meine Schulden. Mir war klar, dass ich diese kaum selbst abbezahlen könnte. Geholfen hat mir das Entschuldungsprogramm von Synanon. Ich konnte nach drei Jahren schuldenfrei ausziehen. Nach einiger Zeit hatte ich auch wieder Kontakt zu meiner Familie. Heute haben sie wieder Vertrauen in mich. Darüber bin ich froh und dankbar. Ein besonderes Glück ist für mich heute meine eigene Familie. Meine Frau habe ich in Synanon kennengelernt. Einige Wochen vor der Geburt unserer Tochter sind wir ausgezogen in eine von Synanon vermittelte Wohnung. Neben einer finanziellen Starthilfe haben wir auch eine Grundausstattung an Möbeln mitnehmen dürfen. Am 20.08.2010 haben wir im schönen Baden–Württemberg, wo Aus dem Familienalbum: Taufe der Kinder meine Frau geboren und aufgewachsen ist, geheiratet. An diesem Tag wurden auch unsere beiden Kinder getauft. Für uns und unsere Familien war es ein unvergessliches Ereignis. Mein Leben hat wieder einen Sinn. Die Herausforderungen des Alltags nehme ich gern an, denn sie helfen mir, mich weiter zu entwickeln. Heute weiß ich, dass es sich lohnt, nüchtern zu leben.

Erfolgsgeschichten

Heute ist heute Es ist aus dem Gestern gewachsen …

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m 28.10.2010 ist meine Mutter gestorben. Neben der Trauer holen mich Gedanken zur Vergangenheit ein. Was hatte meine Mutter damals für Ängste, als ich ihr sagen musste: „Ich kann nicht mehr, ich geh zu Synanon!“ Damals hatte ich sie an eine Drogenberatung in Nürnberg verwiesen, damit sie sich dort über Synanon aufklären lassen möge … Doch was Synanon ist und wie Synanon wirkt, weiß man nur, wenn man selbst dort gelebt hat. Mit den Händen nüchtern werden … Einfach machen … Wer am Fenster steht, der geht … Wer kennt sie nicht, diese Synanon-Sprüche. Dahinter steckt ein intensives Leben-lernen auf engem Raum mit gewaltigen Auf- und Ab-Bewegungen und mit extrem vielen unterschiedlichen Mitbewohnern(innen). Über allem schwebt der enorme Druck, im Leben nüchtern zurechtkommen zu müssen – denn von Wollen konnte am Anfang keine Rede sein. Sechs Jahre lebte ich in Synanon. Erst viele Jahre später kann ich endlich die Früchte ernten, die offensichtlich so lange gebraucht haben, um reif zu werden. Dazwischen liegen Jahre mit viel ehrenamtlicher Arbeit, in der ich alte Menschen in der Häuslichkeit betreute und HospizArbeit, also Sterbebegleitung, machte. Ich besuchte eine Vielzahl an Fort- und Weiterbildungen, hegte tausend Zweifel an der Sinnhaftigkeit meines Tuns und erkämpfte mir so einen Platz als Betreuungsassistentin in einem Krankenhaus. Heute – in meiner Arbeitswelt – begegnen mir viele solcher Menschen, an denen ich mir früher die Zähne ausgebissen habe. Heute muss ich nicht mehr beißen – und ich bin auch nicht mehr so schnell verletzlich. Mein Selbstbewusstsein bin ich. Übrigens, einen schönen alten Bauernschrank und eine dazu gehörige Kommode hat mir meine Mutter vererbt. Die müssen jetzt von Nürnberg nach Berlin geschafft werden. Heute eben sehe ich einen Synanon-LKW fahren. Schon hebt sich winkend meine Hand. Natürlich! Synanon … die „TRAPOS“! Und gleich werde ich aktiv. Kurze Zeit später fährt ein LKW von Augsburg über Nürnberg, macht eine Beiladung, und 19:30 Uhr stehen sie vor meiner Tür: der Schrank, die Kommode und die Trapos. Ratzfatz – alles hoch getragen, aufgebaut – so wie ich es kenne und schätze. Und ach … den Fahrer kenne ich auch noch.

Karin und Max sind heute 56 und 21 Jahre alt. Lebten von 1996 - 2002 in Synanon.

Max im Jahre 1996, als er mit seiner Mutter Karin zu Synanon kam.

Erinnerungen … am Nachholtisch: Kinder kommen zuerst … die Reisen, die große Gemeinschaft, die Trapos, die Sauna, Ostereier suchen, Kinderdienst in Lichtenberg mit Christiane und Corinna, Weihnachen in Synanon waren die schönsten, Kinder Synanon Tage in Schmerwitz, die kleinen Schokotäfelchen vom Koch, Brunch am Sonntag, immer lecker Essen. Kind sein in Synanon war für mich wunderbar.

Max

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Herausgeber STIFTUNG SYNANON Bernburger Straße 10, 10963 Berlin Tel. 030 55000-0, Fax -220 E-Mail: [email protected] www.synanon.de v.i.S.d.P.: STIFTUNG SYNANON, 1. Vorsitzender: Uwe Schriever Konzeption, Text, Gestaltung

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Martina Baldauf, Synanon Satz, Druck punctum - die werbemacher Ulmenstraße 40, 15370 Fredersdorf Tel. 033439 16308-0, Fax -16 www.punctum-diewerbemacher.de Fotos Peter Hennig Archiv Synanon

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