Abschlußbericht des Modellprojektes Sozialräumliches - Stadt Celle

Abschlußbericht des Modellprojektes Sozialräumliches - Stadt Celle

Abschlußbericht des Modellprojektes Sozialräumliches Arbeiten und Sozialraumbudgetierung Ein Modellversuch der Stadt Celle mit finanzieller Unterstütz...

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Abschlußbericht des Modellprojektes Sozialräumliches Arbeiten und Sozialraumbudgetierung Ein Modellversuch der Stadt Celle mit finanzieller Unterstützung des Landes Niedersachsen

Modellzeitraum: 1.5. 02 – 1.5.05 Vorgelegt von:

Georg Schäfer, Stadt Celle

Mitautoren: Jeanette Block-Menze: Controllingergebnisse Ilka Radke: Ergebnisse einer Befragung in Stadtteilprojekten Thomas Röttger: Entwicklung der Jugendhilfe in Celle Stefan Knop/Detlef Uekermann: Beispielfall zur Ressourcennutzung aus dem Sozialraum 3 Kontrollierte Praxis Berichterstatter: Detlef Uekermann: AG 1 Qualifizierungsprozess Martina Rudolph: AG 2 Sozialraumorientierung und Prävention Walter Gautschi: AG 3 Kooperationspartner Sabine Oswald: AG 4 Ressourcen Jürgen Kerfin: AG 5 Ambulante Hilfen Michael Graubohm: AG 6 Flexibilisierung von Hilfen

1

Martina Rudolph: Projektskizze „Schüler helfen Schülern“ Erarbeitung von Kennzahlen: Dr. Erzberger Gesellschaft für innovative Sozialforschung und Sozialplanung e.V., Bremen Verantwortlich für das Filmprojekt: Jörg Zschimmer Christopher Langen Frank Baebenroth Elfriedei Mönnikes

Produktion/Kamera/Schnitt Buch/Regie Reportagen Begleitung während der Dreharbeiten

Das Motto unserer Arbeit im Modellprojekt wurde sehr treffend in einer Arbeitsgruppe der kontrollierten Praxis beschrieben: Für alle Beteiligten ist der „Spaßfaktor“ sehr groß. Dies bringt Erfolg. Erfolg bringt Bestätigung, Bestätigung motiviert zur Weiterarbeit. Wir machen weiter! Es hat uns trotz der vielfältigen Baustellen, der kritischen Diskurse nach innen und außen und der hohen selbst gesetzten Anforderungen Spaß gemacht. Deshalb an dieser Stelle Dank an das Land Niedersachsen für die finanzielle Unterstützung und die gute Begleitung durch das Landesjugendamt.

2

Inhalt: Vorwort 1.

10

2. 2.1 2.2 2.3 2.4 2.5 2.5.1 2.6 2.6.1 2.6.2 2.6.3 2.6.4 2.6.5 2.7 2.7.1 2.8 2.9 2.9.1

Das Modell der Sozialraumbudgetierung in Celle Zielsetzungen des Budgetmodells 14 Leitsätze 15 Selbstverständnisse 18 Vertragliche Rahmenbedingungen – Finanzierungsmodalitäten 19 Organisation und Steuerung 24 Erfahrungen mit den Steuerverfahren 27 1 Controllingverfahren 28 Adressatenbefragung 29 Gegenseitige Mitarbeiterbefragung 30 Operatives Controlling Stadtteilprojekte 31 Finanzcontrolling 32 Erziehungshilfeworkshop 33 Qualitätsentwicklung 33 S.M.A.R.T und AZOMP 33 Personalentwicklung 35 Celle – Beschreibung einer Stadt mit eigenem Jugendamt 38 Entwicklung der Jugendhilfe in Celle 40

3. 3.1

Hilfeplanverfahren 49 Adressatenorientierung – Versuch einer systematischen Einordnung 50 Umgang mit Informationen 51 Kinder und Familien im Aushandlungsprozess 52 Jugendhilfe ist auch im Wächteramt adressatenorientiert 53 Entscheidungen nicht „für“ sondern „mit“ den Adressaten 53 Hilfeplanverfahren unter Budgetbedingungen 54 Verantwortung teilen 57 Trägervielfalt im Sozialraum sichert Qualität 59 Sozialräumliche Verankerung der Fachkräfte in der ambulanten Einzelfallhilfe 59

3.2 3.3 3.4 3.5 3.6 3.7 3.8 3.9

1

Alltagsparadigma –Versuch einer Einordnung der Jugendhilfepädagogik in eine Theorie sozialer Arbeit

7

Hier werden im Wesentlichen nur die Verfahren vorgestellt, die Ergebnisse befinden sich in Kap. 7

3

3.10 3.11 3.12 4. 4.1 4.2 4.3 4.4 4.5 4.5.1 4.5.2

5. 5.1 5.2 5.2.1 5.2.2 5.2.3 5.2.4 5.2.5 5.2.6

6. 6.1 6.1.1 6.1.2 6.1.3

Flexibilisierung im Hilfeplanverfahren – zwischen fallspezifischen und fallunspezifischen Leistungen Hilfeplanung am pädagogischen Bedarf orientieren Flexible Hilfesettings Zielerreichung: Ergebnisse Ziel 1: Senkung der stationären Fallzahlen durch niedrigschwellige sozialräumliche Angebote Ziel 2: Veränderung von Budgetanteilen in niedrigschwelligere Gestaltungsformen Ziel 3: Förderung der sozialen Infrastruktur im Stadtteil Ziel 4 : Flexibilisierung der Erziehungshilfen Ziel 5: Ressourcennutzung und Einbeziehung in Regeleinrichtungen Beispielfall zur Ressourcennutzung aus dem Sozialraumgremium III / Neuenhäusen Projektskizze „Schüler helfen Schülern“ – ein Beispiel für ehrenamtliche Arbeit und Zusammenarbeit mit Schule (2005 ausgezeichnet mit dem Grundschulpreis im bundesweiten Wettbewerb „Engagement macht Schule“)

62 62 63 66 67 70 74 74 75 81

83

Ausgewählte Aspekte des Budgetmodells 86 Budgetumfang – Beschränkung oder Ausweitung? Machtverlust und Zugewinn – Versuch einer Bewertung von Kooperation 87 Nimmt die Trägerselbständigkeit bei zunehmender Kooperation ab? 89 Erweiterung der fachlich-methodischen Handlungsspielräume durch Kooperation 91 Erweiterung der finanziellen Handlungsspielräume 92 Machtverlust und Zugewinn im operativen Bereich 92 Präsenz im Sozialraum – Meinungsführerschaften - Entflechtungsprozesse 94 Verantwortung für die Gesamtsteuerung – eine gemeinsame Aufgabe der Vertragspartner 97 Unmittelbare Leistungen im Rahmen des Modellprojektes Wissenschaftliche Begleitung Beirat Fortbildung fallunspezifische Arbeit und Ressourcennutzung Fachtag Erziehungshilfe

98 98 98 98 99 4

6.1.4

6.4 6.5

Fachkräfteaustausch der freien und der öffentlichen Träger der Jugendhilfe der Städte Celle und Hannover in Celle als Veranstaltung des Niedersächsischen Landesjugendamtes 100 Kontrollierte Praxis – Rahmenbedingungen 101 Ergebnisse der Kontrollierten Praxis AG 1 Qualifizierungsprozess 104 Ergebnisse der Kontrollierten Praxis AG 2 Sozialraumorientierung und Prävention 105 Ergebnisse der Kontrollierten Praxis AG 3 Kooperationspartner 107 Ergebnisse der Kontrollierten Praxis AG 4 Ehrenamtliche Arbeit und bürgerschaftliches Engagement in der Jugendhilfe in Celle 110 Ergebnisse der Kontrollierten Praxis AG 5 Flexibilisierung von Hilfen 116 Ergebnisse der Kontrollierten Praxis AG 6 Ambulante Hilfen 122 Kontrollierte Praxis als Methode der Selbstevaluation und Praxisforschung 125 Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für innovative Sozialforschung und Sozialplanung e. V. (GISS) 126 Celler Familienkrisendienst 128 Ergebnisse einer Befragung in Stadtteilprojekten 137

6.6 6.7

Wissenstransfer Filmprojekt

150 152

7. 7.1 7.2 7.3 7.3.1 7.3.2 7.3.3 7.3.4 7.4 7.5 7.6

Controlling und Qualitätsentwicklung – Ergebnisse AG Qualität Finanzcontrolling Operatives Controlling Volunteers in der Hausaufgabenbetreuung Weitere Daten Elterngespräche/Elternberatung Volunteers Adressatenbefragung Gegenseitige Mitarbeitereinschätzung – Ergebnisse Längsschnittuntersuchung zur Adressaten- und Mitarbeiterbefragung Auswertung „Herausfordernder Ziele“

155 159 170 172 172 173 174 174 175 188

6.2 6.2.1 6.2.2 6.2.3 6.2.4 6.2.5 6.2.6 6.2.7 6.3

7.7 8. 8.1 8.2

198 202

Fazit Alles was Recht ist – eine rechtliche Einschätzung der Sozialraumbudgetierung 212 Zusammenfassung der Ergebnisse 220 5

Tabellen/Anlagen

6

Vorwort: Das Modellprojekt „Sozialräumliches Arbeiten und Sozialraumbudgetierung“ begleitet die Veränderungen der Jugendhilfe-Praxis in der Stadt Celle seit 2003. Es schließt unmittelbar an die Erfahrungen des Bundesmodellprojektes INTEGRA an. Das Bundesmodellprojekt INTEGRA diente der Implementierung und Qualifizierung integrierter, regionalisierter Angebotsstrukturen in der Jugendhilfe. Fünf Modellregionen Frankfurt/Oder, Erfurt, Dresden, Lankdreis Tübingen und die Stadt Celle nahmen an diesem Projekt teil. Die erste Projektphase verlief vom 1. 9. 1998 bis 30. 8. 2001, eine zweite schloss sich bis 30.9.2003 an. An dieser zweiten Phase nahm die Stadt Celle nicht teil. Der Entschluss, mit dem Modellprojekt „Sozialräumliches Arbeiten und Sozialraumbudgetierung“ den eigenen Weg mit einem aus Mitteln des Landes Niedersachsen geförderten Modellprojekt von Mai 2003 bis April 2005 weiter zu gehen hat sich als richtig erwiesen. Wir können heute auf eine Vielzahl von Erfahrungen sozialräumlicher Gestaltung von Jugendhilfe im Rahmen eines trägerorientierten kooperativen Sozialraumbudgets verweisen und haben diese in dem vorliegenden Abschlussbericht zusammengeführt. Für die Entwicklung in Celle war die Förderung als Modell ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zu einer den veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen angepassten Jugendhilfe. Mit wesentlicher finanzieller Unterstützung des Landes konnte die Modellversuchsphase nun abgeschlossen werden. Die Stadt Celle und die kooperierenden freien Träger der Jugendhilfe in Celle danken für diese Unterstützung. Wir können auf eine erfolgreiche Fortentwicklung des 1998 begonnen Weges blicken, der sich durch Kontinuität in der Entwicklung auszeichnet. Dies ist unter anderem ein Verdienst der kooperierenden Träger, die den Versuchungen widerstanden, eigene Vorteile auszunutzen und sich dem Ganzen verantwortlich fühlten, immer bereit, gemeinsame Lösungen zu finden. Dank auch an dieser Stelle dem Jugendhilfeausschuss, der mit viel Verständnis immer bereit war, die notwendigen Entwicklungsschritte abzusichern.

7

Getragen wurde die Entwicklung jedoch vor allem durch die Bereitschaft der Mitarbeiter2, die ihre Ansichten immer offen vertreten, sich jedoch zu keinem Zeitpunkt verweigert haben und den Prozess maßgeblich fortentwickelt haben. Das hier beschriebene Modell steht exemplarisch für eine Verknüpfung von Organisationsentwicklung (Trägerkooperation), Finanzierung von Jugendhilfeleistungen (Sozialraumbudget) und inhaltlicher Entwicklung (flexible Erziehungshilfe). Über die inhaltliche Sinnhaftigkeit flexibler, sozialräumlich orientierter Erziehungshilfen besteht weitgehend Einigkeit, jedoch mangelt es den gut gemeinten Absichtserklärungen und Anforderungen oft an Realitätsbezug und praxistauglichen Instrumentarien zur Umsetzung der Inhalte und der für richtig empfundenen Konzepte. Ein Forderungskatalog mit unangreifbaren Vorgaben aus dem Lehrbuch nutzt nichts in einer Praxis, die Kompromisse fordert, mit Alltagssituationen konfrontiert ist und widerstreitende Interessen integrieren muss. Wir stellen uns der Kritik, Marktmechanismen auszuhebeln, Haushaltsdeckelung zu betreiben3, Verantwortung an die Betroffenen im Sozialraum zurückzugeben4 und die Einheit der Jugendhilfe zu gefährden5 und werden in dem vorliegenden Bericht den hoffentlich überzeugenden Gegenbeweis einer an fachlichen Kriterien orientierten Problemlösung antreten. Wir danken an dieser Stelle den Beiratsmitgliedern Frau Wagner (Nds. Landesjugendamt, Frau Dr. Lösche (Erziehungsberatungsstelle Landkreis Celle), Herrn Prof. Dr. Pilz (Institut für Sportwissenschaft, Universität Hannover) und Herrn Hekele (Praxisberater und Fortbildner) für ihre wissenschaftliche Begleitung, ihre kritische praxisnahe Beratung und ihre immer konstruktive Einmischung. Der Beirat war für die am Prozess beteiligten Leitungskräfte u. a. der Ort, an dem fernab von Konkurrenz und Alltagsgeschäft Kerngehalte und Entwicklungen reflektiert und vorangetrieben werden konnten. Wir werden nach Beendigung dieses Projektes diese engagierte Runde vermissen. Der Prozess der Gesamtentwicklung in Celle ist der Versuch, die Anforderungen an die Praxis auch unter Berücksichtigung verschärfter ökonomischer Bedingungen weiterzuentwickeln.

2

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in diesem Bericht die männliche Form verwendet. Die weibliche Form ist somit einbezogen. 3 Krölls, A.: Die Sozialraumbudgetierung aus jugendhilfepolitischer und jugendhilferechtlicher Sicht. In: Mertens, R. (Hg): Sozialraumorientierung – Zwischen fachlicher Innovation und rechtlicher Machbarkeit, München 2002 S. 183 -201 4 Wolff, M.: Integrierte Hilfen vs. Versäulte Erziehungshilfen. In: Mertens, R.: a.a.O. S. 47 5 Schippmann, W.: „Sozialraumorientierung“ in der Jugendhilfe. Kritische Anmerkungen zu einem (un)zeitgemäßen Ansatz. In: Mertens, R.: a. a. O. S. 141

8

Die Autoren und Berichterstatter dieses Abschlußberichtes haben sich um eine kritische Auseinandersetzung bemüht und werden auch Schwachstellen des Modells und Entwicklungsbedarfe beleuchten. Der vorgelegte Bericht ist der Versuch, die organisatorischen, rechtlichen und strukturellen Voraussetzungen zu beschreiben und mit den fachlichen Entwicklungen zu verknüpfen. Im ersten Teil des Berichtes wird versucht, ein theoretisches Bild (Paradigma) zu vermitteln, das eine Wertorientierte Einordnung sozialräumlicher Jugendhilfepädagogik in Ansätzen ermöglicht. Der zweite Teil des Berichtes beschreibt das Modell Celle und die Entwicklung. Hier werden Sie Hinweise zur Organisation sozialräumlicher Hilfen unter Budgetbedingungen finden. Der dritte Teil beschäftigt sich mit dem Hilfeplanverfahren und seinen spezifischen Bedingungen und Möglichkeiten im Budgetmodell. Im vierten Teil werden die unter Ziff. 2.1 nur numerisch aufgezählten 5 Zielsetzungen des Budgetmodells differenzierter betrachtet. Im fünften Teil stehen ausgewählte Aspekte und Veränderungen im Dreiecksverhältnis von Organisation, Mitarbeitern und Adressaten im Blickfeld der Betrachtungen. Im sechsten Teil werden die Leistungen beschrieben, die im unmittelbaren Zusammenhang mit der Projektförderung stehen. Unter anderem sind hier Ausführungen zu Kennzahlenentwicklungen, zu den Ergebnissen der „kontrollierten Praxis“ und eine Adressatenbefragung in den Stadtteilprojekten gemacht. Der siebte Teil enthält eine Darstellung der Ergebnisse des Fach- und Finanzcontrollings. Die Ausführungen zum Controlling im zweiten Teil enthalten Hinweise zur Organisation und zu den Instrumenten. Teil 8 enthält u. a. eine Auseinandersetzung mit den jüngsten Urteilen zum Budgetmodell. Der Bericht stellt im Wesentlichen auf die Entwicklungsbedingungen in Celle ab. Dennoch ist eine Vergleichbarkeit exemplarisch gegeben. Die induktive Vorgehensweise lässt durchaus Verallgemeinerungen zu, wie neuere Konzepte der Sozial(arbeits)forschung belegen6. Die Selbstbetroffenheit steht der Sichtweise des Forschens und der (Selbst-) Reflexion nicht entgegen. 6

s. Müller,B.: Praktiker als Forscher – Forschen als Praxis: Eine Wahlverwandtschaft? In: Neue Praxis 1/2001, S. 3-8

9

Im Gegensatz zum INTEGRA-Abschlußbericht besteht hier die Möglichkeit, die Entwicklung eines Projektes als Ganzes darzustellen. Es tut der Praxis wohl, nicht nur als Bestätigung für theoretisch bereits vorgedachte Annahmen und Überzeugungen herhalten zu müssen. Insofern wird sich der Bericht an einigen Stellen auch kritisch mit dem INTEGRA-Projekt auseinandersetzen, an dem die Stadt Celle im ersten Modellversuchsabschnitt 1998 – 2001 teilgenommen hat. In seinen inhaltlichen Aussagen hat das INTEGRA-Projekt durchaus Akzente gesetzt und war ein wichtiger Faktor für die Entwicklung in Celle. 1.

Alltagsparadigma7 – Versuch einer Einordnung der Jugendhilfepädagogik in eine Theorie Sozialer Arbeit

Die soziale Praxis im Modellversuch ist wesentlich verankert im Alltagsparadigma. Der folgende Text bezieht sich auf einen Fachbeitrag von Rita Sahle8. Eine weitergehende Befassung ist im Rahmen dieser Abhandlung nicht möglich. Dennoch erscheint vor dem Hintergrund der dargestellten Praxis die Rückbindung an theoretische Grundannahmen erforderlich. Dabei ist zu beachten, dass, wie Rita Sahle feststellt, sich die dargestellten Paradigmen eher ähnlich sind und nur wenige pointierte Unterscheidungen aufweisen, was ganz allgemein als Schwäche von Theorien der Sozialen Arbeit bedauert wird. Dennoch sei der Versuch einer Theoriegebundenen Einordnung unternommen. 1. Das systemische Paradigma: „(Soziale) Probleme sind in Sprache, Bilder, Begriffe, erfasstes und bewertetes stummes subjektives Leiden von Menschen in und an der Gesellschaft und Kultur, die auf unerfüllte Bedürfnisse als auch unerfüllbare Wünsche zurückgehen (Staub-Bernasconi 1995, 105,)“9. Im systemischen Paradigma sind verschiedene Theorien integriert: Theorie sozialer Probleme, Bedürfnistheorie, systemische Metatheorie. „Es bezieht sich auf ein Grundbedürfnis der Menschen und die Notwendigkeit der Bedürfnisbefriedigung angesichts knapper Ressourcen“10. 7

Ein Paradigma (Beispiel, Muster) ist nach Kuhn eine „allgemein anerkannte wissenschaftliche Leistung, die für eine gewisse Zeit einer Gemeinschaft von Fachleuten Modelle und Lösungen liefert“. Zit. aus: Sahle, R.: Paradigmen der Sozialen Arbeit – Ein Vergleich in: Mühlum, A. (Hg.) Sozialarbeitswissenschaft – Wissenschaft der sozialen Arbeit, Freiburg, 2004, S. 295 – 335 „Die Entscheidung für ein bestimmtes Paradigma beinhaltet die Festlegung auf eine bestimmte Art des Erkennens, Denkens und Handelns.“ Engelke, E.: Soziale Arbeit als Wissenschaft – Eine Orientierung. Freiburg 1993, S. 39 -40 8 Sahle,R.: a. a. O. Frau Sahle vergleicht die unterschiedlichen Ansätze in ihrem Fachaufsatz. Dieser Vergleich kann hier aus Platzgründen nicht dargestellt werden. Deshalb sei ausdrücklich auf diesen Fachartikel hingewiesen. 9 Sahle, R.: a. a. O. S. 299 10 Sahle, R.: a. a. O. S. 299

10

2. Das Paradigma der alltäglichen Lebensführung: „Das Leben lebt sich nicht von allein, sondern muss aktiv gelebt werden. (Voss 1991, 257)“11. Im Paradigma der alltäglichen Lebensführung liegt „der Fokus auf den praktischen Tätigkeiten einer Person, die sich alltäglich wiederholen und ein funktional differenziertes strukturiertes Trägersystem bilden“12. 3. Das ökosoziale Paradigma: „Lebenszusammenhänge (sind) ökologisch aufzufassen, um damit ihrer Komplexität, ihrer Vielseitigkeit, ihrem systemischen Eingebundensein in situ gerecht zu werden (Wendt 1986, 50)“13. „Das ökosoziale Paradigma bezieht sich auf den „komplexen Wirkungszusammenhang von sozialen, ökonomischen, kulturellen und natürlichen Aspekten der Umwelt, die Störungen in der Mensch-Umwelt-Transaktion auslösen und die Alltagsbewältigung erschweren können“14. 4. Das subjekttheoretische Paradigma: „Das sozialpädagogische Problem tritt als ein Problem des Individuums und seiner Individualität auf (Winkler 1988, 124)“15. Im subjektiven Paradigma stehen die Gefährdungen der Moderne subjektbezogen im Vordergrund. Es steht in der sozialpädagogischen Traditionslinie der sozialen Arbeit. Es scheint in der gesellschaftswissenschaftlichen Diskussion der vergangenen drei Jahrzehnte ein eher friedvolles Nebeneinander, ein „sowohl als auch“ verschiedener Theorieansätze oder Theoreme zu geben als einen wirklichen Theoriestreit. Im Zusammenhang mit den verfolgten Zielsetzungen des Modellprojektes in Celle kann eine Nähe zum Alltagsparadigma und zu Gemeinwesenorientierten Theorien angenommen werden:

11

Sahle Sahle, R.: a. a. O. S. 300 13 a.a.O. 14 a.a.O. 15 a.a.O. 12

11

5. Das Alltagsparadigma: „Alltag meint einen Modus des Handelns, eine spezifische Art, Wirklichkeit zu erfahren, sich in ihr zu orientieren, sie zu gestalten.“ (Thiersch 1995 b, 46).“16 Das Alltagsparadigma geht davon aus, dass die Lebenswelt durch die unterschiedlichen Erscheinungsformen der Ungleichheit in unserer Gesellschaft und den Brüchigkeiten, Chancen, Risiken, Unsicherheiten bestimmt ist (Giddins, Anthony17, Beck, Ulrich18). Die Individualisierung der Lebensverhältnisse führt zur Herauslösung aus historisch vorgegebenen Sozialformen und Bindungen und zur Aufgabe von tradierten Sicherheiten, Logiken, Handlungsweisen, Glaubenssätzen und Normen (Freisetzungen19) und führt in eine neue Art der sozialen Einbindung, die nicht nur zu gelungener Emanzipation, sondern auch zur Institutionalisierung und Standardisierung von Lebenslagen sowie zur Kolonialisierung der Lebenswelt (Überformung der Lebenswelt durch Systeme s. Habermas20) führt. Der Einzelne sieht sich dem Staat als soziale Kontrollinstanz gegenüber, er steht in Abhängigkeit zu gesellschaftlichen Bedingungen (Recht, Moden, Planungen) und ist in zunehmendem Maße marktabhängig21. Der individualisierte Mensch wird abhängig von vielfältigen Vergesellschaftsprozessen, auf die er immer weniger Einfluss hat. Nach Thiersch ist vor dem Hintergrund der heutigen gesellschaftlichen Prozesse die lebensweltorientierte Arbeit der Versuch, „das alte Selbstverständnis der sozialen Arbeit (in den gegebenen Problemen anzusetzen und in den Verhältnissen zu agieren) für die heutigen Verhältnisse (und in den Instrumentarien heutiger Sozialwissenschaft) fortzuschreiben“. 22 Das Alltagsparadigma bezieht sich auf die Form der Bewältigung von Anforderungen und die Verarbeitung von Problemen in der Lebenswelt der Adressaten. Menschen sind nicht abstrakt zu sehen, sondern in ihren konkreten Lebensverhältnissen. Alltagsorientierung, Lebensweltorientierung und Adressatenorientierung werden im Folgen in diesem Sinne synonym verwandt. Sie beziehen sich, und hier ist noch einmal Thiersch zu zitieren, auf –

„die Pragmatik von Problemerfahrungen und Lösungsentwürfen,

16

a.a. O. S. 299 Giddens, A.: Leben in einer posttraditionalen Gesellschaft. In: Beck, U./Giddens,A/ Lash,S.: Reflexive Modernisierung. Eine Kontroverse. Frankfurt/M. 1996 18 Beck, U.: Risikogesellschaft. Fankfurt/M. 1986 19 Beck, U. a.a.O. S. 20 Habermas, J.: Theorie des kommunikativen Handelns. Fankfurt/M. 1981 21 Sennet, R.: Der flexible Mensch, Frankfurt/M. 22 Thiersch, Hans - Notizen zum Zusammenhang von Lebenswelt, Flexibilisierung und flexiblen Hilfen. In: Peters,F/ Trede,W./ Winkler, M. (Hg.): Integrierte Erziehungshilfen. Frankfurt/M. 1998, S. 26 17

12



die Ganzheitlichkeit von Erfahrungen in der Kreuzung individueller, sozialer, materieller und politischer Aspekte,



die Einbettung dieser Erfahrungen in gegebene soziale Lebenszusammenhänge und Beziehungssysteme, also der Verwandtschaft, der Bekanntschaft, der Szenen der Region,



das Wissen um die vielfältige und oft widersprüchliche Gemengelage von Belastungen und Ressourcen, von Ansätzen zur Problemlösung und Unzulänglichkeiten in der Problemlösung in der Alltagserfahrung (soziale Arbeit darf nicht einfach als Antwort auf Probleme verstanden werden, sondern ist der Vorschlag alternativer Antworten auf schon verfügbare Antworten),



die Spannung zwischen der Pragmatik des Überlebens und Zurechtkommens und den immer auch in Traurigkeit, Resignation, Wut und Hoffnung angelegten Erwartungen zu besseren, gelingenderen Lösungen und zu den sozialstaatlichen Selbstansprüchen unserer Gesellschaft.“23

Die Gerechtigkeitsforderung wird mit dem Sozialstaatspostulat (dem Selbstanspruch der Gesellschaft nach sozialer Gerechtigkeit) begründet. Unter dem Gesichtspunkt von Adressatenorientierung ist die Anerkennung des Menschen als Subjekt seiner Lebenspraxis und die Herstellung der Vereinbarkeit von sozialer Gerechtigkeit und individueller Autonomie unverzichtbar. Wichtig sind u. a. ein ganzheitliches und kommunikatives Aushandeln von Problemlösungen unter Beachtung der Autonomie jedes beteiligten Adressaten und die Verknüpfung mit verschiedenen Strukturmaximen (Prävention, Regionalisierung, Alltagsnähe, Integration, Partizipation, Vernetzung). „Soziale Welt ist eine Welt der Bedeutungen, die von Subjekten interpretiert und somit (neu) konstituiert werden.“ Dies bildet den objektiven Bedingungsrahmen für subjektive Interpretationen. Das Reflexions- und Forschungsinteresse bezieht sich auf die Handlungs-, Deutungs-, Lern- und Bewältigungsmuster der Adressaten im Alltag und ihre Reaktionen auf soziale Dienstleistungen im sozialen Alltag.24 Wichtig für die Praxis ist somit der Angebotscharakter der Hilfen, die Schaffung von Möglichkeiten verbesserter Selbsthilfe ohne allerdings eine Angebotsform i. S. neoliberaler Sozialstaatlichkeit zu adaptieren, die die Fähigkeit voraussetzt, in eigener Verantwortung Hilfemodule sach- und zielgerichtet in Anspruch nehmen zu können und den Teil der Gesellschaft, der zur selbständigen Inanspruchnahme nicht fähig ist, ausgrenzt und lediglich materiell auf unterstem Ni-

23 24

a.a.O. S. 27 s. Sahle, R. a. a. O.

13

veau versorgt25. Wie zu zeigen sein wird, ist sozialräumliche Erziehungshilfe zunächst relativ voraussetzungslos (niedrigschwellig), fordert aber Beteiligung und Mitwirkung im Prozess der Hilfedurchführung zunehmend ein. Die Leitsätze26 als Grundlage der Jugendhilfe in Celle müssen sich an den Grundannahmen des Alltagsparadigmas messen lassen und halten, wie ich meine, einer Überprüfung stand. Nach dieser kurzen theoretischen Einordnung nun die praxisorientierte Beschreibung des Sozialraummodells Celle:

2.

Das Modell der Sozialraumbudgetierung in Celle

In diesem Kapitel 2 wird das Budgetmodell in einem Gesamtüberblick vorgestellt. Die vertiefende Beschäftigung mit verschiedenen Aspekten des Modells erfolgt im weiteren Verlauf der Abhandlung. 2.1

Zielsetzungen des Budgetmodells

Budgetierung der Jugendhilfe wird im hier verwendeten Sinne als ein Projekt zur Qualifizierung der Jugendhilfe und nicht als ein Deckelungsinstrument sozialer Leistungen verstanden. Es soll die Ansprüche des alltagsparadigmatischen Theoriemodells soweit es geht einlösen. Daneben werden auch aus den erhofften Synergieeffekten durchaus positive finanzielle Wirkungen erwartet.27 Um Erziehungshilfen zu flexibilisieren und das Sozialraumbudget auf den Weg zu bringen waren neben vielerlei wichtigen Gründen u. a folgende praxisorientierte Zielsetzungen handlungsleitend: 1. die Senkung der stationären Fallzahlen durch niedrigschwellige sozialräumliche Angebote;

25

Hartz IV, das Gesundheitssystem u. a. Sozialleistungssysteme setzen zunehmend den globalisierten, flexiblen und mobilen Menschen voraus: informiert, berechenbar, anpassungsfähig und marktförmig. Jugendhilfe im Alltagsparadigma bezieht sich gerade auf die Schwachen, Ausgegrenzten und sucht Benachteiligte im Lebensumfeld auf. Sozialraumbudgetierung senkt die Zugangsvoraussetzungen für Hilfe und ist damit gerade kein auf Kommstruktur ausgerichtetes Hilfemodell, das voraussetzungsreich und fern der Lebenswelt der Adressaten Hilfe im Rathaus bündelt. 26 s. Leitsätze als Grundlage der Jugendhilfe in Celle (s. Anhang 1) 27 „Die These lautet, dass Kostenbewusstsein und Qualität in einem positiven Zusammenhang stehen, weil genauer hingeschaut wird, was für welches Geld getan wird, und weil bisweilen Alternativen in den Blick kommen, die gerade deswegen nachhaltiger sind, weil sie nicht nur mit Geld zu bezahlen sind.“ Budde, W./Früchtel, F., unveröffentlichtes Manuskript S. 15

14

2. die Veränderung von Budgetanteilen in niedrigschwelligere Gestaltungsformen: gemeinwesenorientierte Angebote vor niedrigschwelligen Einzel- und Gruppenangeboten, niedrigschwellig vor ambulant, ambulant vor stationär; 3. die Förderung der sozialen Infrastruktur in den Stadtteilen; 4. die Flexibilisierung der Hilfen und 5. die Ressourcennutzung und die Einbeziehung von Regeleinrichtungen Zu den 5 Zielsetzungen werden im Kapitel 4 (Zielerreichung: Ergebnisse) nähere Ausführungen gemacht. 2.2

Leitsätze28

Zur Vorbereitung des Sozialraumbudgets war die inhaltliche Auseinandersetzung über ein gemeinsam mit den freien Trägern der Jugendhilfe auszuhandelndes Selbstverständnis sozialräumlicher Arbeit notwendig. Die Diskussion darüber fand Eingang in die gemeinsam entwickelten Leitsätze. Es war hilfreich, den Veränderungsprozess mit einem alle Fachkräfte einbeziehenden breiten Diskurs über Ziele und Inhalte sozialräumlicher Arbeit und einer Sozialraumbudgetierung zu beginnen und dafür fast eineinhalb Jahre Zeit zu haben. Später wurden die für Celle entwickelten Leitsätze zur Grundlage der Leitziele des INTEGRA-Modellprojektes. Die Entwicklung der Leitsätze erfolgte weitgehend ohne Hilfe (Organisationsberatung etc.) von außen. Ein flammender Vortrag von Prof. Hinte stimmte die Fachkräfte emotional auf die Veränderungsbedarfe ein. Weitere Hilfestellungen ergaben sich später aus der Teilnahme am INTEGRA-Modellprojekt, für das als Regionalmoderatoren Herr Kurt Hekele, Fachberater beim Verbund Sozialtherapeutischer Einrichtungen, Herr Thomas Röttger, Leiter der Abteilung Jugendhilfe der Stiftung Linerhaus und Herr Georg Schäfer, Leiter des ASD zeitlich im Gesamtumfang einer Planstelle von 10/98 – 9/01 freigestellt waren. Wichtig für das Modellprojekt Celle war dabei, dass die Regionalmoderatoren gleichzeitig als Institutionenvertreter in verantwortlicher Stellung für ihre jeweiligen Institutionen Prozesse initiieren und vorantreiben konnten29. Jede Verände28

s. Anlage 1 Zur Diskussion, welche Stellung der Regionalmoderatoren in der jeweiligen Organisation für den Prozess der Umsetzung der INTEGRA-Ziele am hilfreichsten war s.: Mehr Flexibilität, Integration und Sozialraumbezug in

29

15

rung braucht Initiatoren, die den Prozess voranbringen30. Für den Aufbau organisatorischer Strukturen war die Stellung der Initiatoren im jeweiligen Organisationszusammenhang von Bedeutung. Möglicherweise sind für die Beförderung von Praxisentwicklung andere, mehr auf der kollegialen Ebene angesiedelte Initiatoren hilfreicher. Für die notwendigen strukturellen Veränderungen in Celle war die Zugehörigkeit der Regionalmoderatoren zur Leitungsebene sinnvoll. Dadurch wurden im Vergleich mit anderen INTEGRA-Regionen31 die strukturellen Veränderungen in Celle am weitesten vorangetrieben. Kommen wir von der Beschreibung der Entwicklung der gemeinsamen Leitbildentwicklung zu deren Inhalten: Die Leitsätze beinhalten Aussagen zu den Schwerpunktbereichen: • Adressaten/Ziele • Organisation/Struktur • Methoden/Fachlichkeit und • Personalentwicklung Die Schwerpunktbereiche der Leitsätze beinhalten u. a. zentrale methodische Planungskriterien (s. Methode AZOMP, Kap. 2.7.1). Insbesondere die Adressatenorientierten Leitsätze sind auch heute noch Richtschnur aber häufig im Falle der Praxisanwendung auch Streitobjekt. Sie orientieren sich weitgehend am Alltagsparadigma. Die Adressatenbezogenen Leitziele im Einzelnen: 1. Subjektorientierung – heute vielfach als „Adressatenorientierung“ benannt, hat bisher in der Celler Praxis viele Diskussionen ausgelöst. Insgesamt hat sich die Praxis diesem Ziel recht weit angenähert (so im Hilfeplanverfahren, in Beteiligungsprozessen und im Controllingverfahren – Adressatenbefragung), dennoch ist der Konflikt zwischen Fachlichkeit und Selbstbestimmung des Adressaten nicht aufgelöst, vielleicht auch nicht auflösbar (s. Kap. 3, Hilfeplanung). 2. Jungen- und Mädchenarbeit – dieses Leitziel wird sehr kontrovers diskutiert insbesondere wenn es um Geschlechtsspezifische Angebote in den Projekten geht oder um das Mädchenspezifische Projekt, das Zielgrupder Erziehungshilfe. Abschlußbericht des Bundesmodellprojekts INTEGRA – Phase I. Frankfurt/Main 2001, S. 22 30 Schnurr, J. Der Einzelfall, der Sozialraum und die Endlichkeit von Ressourcen. In: Zentralblatt für Jugendrecht 3/2005, S. 103: „ Außerdem braucht es mindestens eine Person, die das Ganze zu seiner/ihrer Herzensangelegenheit macht.“ In Celle waren es gleich mehrere Zugpferde, sowohl in der Leitungsebene als auch in der Mitarbeiterebene. 31 Dies sind: Frankfurt/Oder, Erfurt, Dresden und der Landkreis Tübingen

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penspezifisch ausgerichtet ist und somit dem Gesichtspunkt der Sozialräumlichkeit nicht entspricht. 3. Zielorientierter Prozess – die Frage der Zielentwicklung und vor allem der Zielbestimmung wird immer noch kontrovers geführt (s. Kap. 2.7.1) 4. Selbstbestimmung und Fachlichkeit müssen in Einklang gebracht werden, wobei das Verhältnis von Eltern, Kind und System unter dem Lebensweltgesichtspunkt zu betrachten ist und das Systeminteresse zurückzutreten hat. Der Lebensweltgesichtspunkt hat in der Praxis von Jugendämtern nicht immer Vorrang vor Systeminteressen. (s. Kap.: Kap. 3 Hilfeplanung) 5. Partizipation – Beteiligung der Adressaten ist eines der konsensfähigen, im Detail aber dennoch umstrittenen Haltungen im Alltag (s. Kap. 3.5) 6. Integration – ist eine der wichtigen Aufgaben die sich aus einer Gemeinwesenorientierten Verantwortung für den Stadtteil ergeben. Hier wird die Zielsetzung von GWA als Arbeitsprinzip am deutlichsten (s. Kap. 3.10). Allerdings stößt der Integrationsauftrag auch immer wieder an die grundsätzlichen Grenzen des (beschränkten) Auftrags von Erziehungshilfe. 7. Ressourcenorientierung – der Ausbau der Ressourcen ergibt sich nicht selbstverständlich und benötigt strukturelle Rahmenbedingungen und Anreize. (s. Kap. 4.5 ) 8. Prävention – dieser Begriff ist inzwischen stark strapaziert. Hier bedeutet Prävention eine gewisse Vorrangstellung fallunspezifischer Hilfen. Vor dem Hintergrund der jeweiligen Trägerselbstverständnisse wird zum einen ein Vorrangverhältnis des Rechtsanspruchs auf eine individuelle Hilfeleistung vor einer allgemeinen fallunspezifischen Hilfe aufgrund der stärkeren rechtlichen Anspruchsnormierung angenommen (Legitimitätsdimension)32, zum anderen bestehen Haltungen, die fallunspezifischen sozialräumlichen Hilfen bei Reduzierung der fallspezifischen Hilfen auszubauen (Sinndimension - s. Kap. S. 4.2 ). Die gemeinsam entwickelten Begrifflichkeiten beinhalten in der Praxis durchaus Ambiguitäten (Mehrdeutigkeiten) und Interpretationsspielräume. Dennoch dienen die Leitsätze der Sinnstiftung vor dem Hintergrund einer durchaus gewünschten Pluralität von Interpretationsmustern33. Gerade die Pluralität von In32

Klatetzki, T: Noch einmal: Was sind flexibel organisierte Erziehungshilfen? In: Peters/Trede/Winkler Hrg. Integrierte Erziehungshilfen, Frankfurt/Main 1998, S. 328 33 „Je mehr Deutungsmuster eine flexible Organisation dabei im Rahmen ihres pluralen Überbaus sinnstiftend zur Anwendung bringen kann, desto mehr Bearbeitungsoptionen stehen ihr angesichts eines Problems zur Verfü-

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terpretationsmustern gehört, folgt man neueren Erkenntnissen der Organisationstheorie, zum Wesen einer „lernenden Organisation“. Allerdings ist gelegentlich ein Beharrungsvermögen feststellbar, das sich außerhalb der tolerierbaren Gemeinsamkeiten bewegt. Beharrungsvermögen ergibt sich zum Teil aus ureigensten Interessenlagen der Organisation, persönlicher Konkurrenz, der Fortsetzung von Handlungsroutinen usw. An einigen Stellen wird dies im Bericht deutlich. Dennoch überwiegt im Rahmen des Modellprojektes die Bereitschaft zur Klärung kontroverser Haltungen im kritischen Diskurs34. 2.3

Selbstverständnisse

Vor dem Hintergrund der festgestellten Mitarbeiterspezifischen Interpretationsmuster erscheint es fast unmöglich, für soziale Organisationen ein allgemeingültiges theoretisches Selbstverständnis anzunehmen, das auch von allen geteilt und gelebt wird. Ein gemeinsames Selbstverständnis übergreifend zwischen freien und öffentlichen Trägern nicht nur zu vereinbaren, sondern ebenfalls zu leben ist besonders schwer. Es lässt sich allenfalls in einem gemeinsamen Rahmen der Theoriebildung herstellen als gemeinsame Haltung („praktische Ideologien“35) und über eine gemeinsam abgestimmte organisatorische Ordnung (funktional rational36). Bei der Frage, ob ein Trägerübergreifendes gemeinsames Selbstverständnis überhaupt erforderlich ist, werden quer durch alle Träger von den Fachkräften gung. Damit unterschiedliche Probleminterpretationen vorgeschlagen werden, bedarf es eines Kommunikationsklimas in der Organisation (Poole 1985), das neue Perspektiven wertschätzt.“ Klatetzki, T.: a.a.O. 34 Der Kritische Diskurs ist in Anlehnung an Hekele eine Methode der Austragung unterschiedlicher Meinungen in Kooperationsbeziehungen: „Herrschaftsfrei und ohne Zwang“. s.: Hekele, K.: Sich am Jugendlichen orientieren – Ein Handlungsmodell für Subjektorientierte Soziale Arbeit. Weinheim /München 2005, S. 140 35 Klatetzki a. a. O. In der Unterscheidung von Legitimations- und Herrschaftsdimension und Sinndimension wird deutlich, dass wesentliche Unterschiede in der Interpretation sozialer Problemlagen bestehen. Der Legitimations- und Herrschaftsdimension, (d. h. der Ausrichtung auf Recht und Gesetz, organisierte Regeln der Verwaltung und das auf die Sanktionierung von Handeln ausgerichtete Selbstverständnis ) steht die Sinndimension gegenüber, die als praktische Ideologien zu verstehen sind. Praktische Ideologien dienen der Sinnstiftung und sind Ausdruck der kollektiven Vorstellungen einer Organisation. Die Sinndimension orientiert sich an den in der Alltagspraxis beobachteten Notwendigkeiten sozialer Arbeit. Die Notwendigkeiten können aber nur bearbeitet werden, wenn ein gemeinsames Selbstverständnis darüber herbeigeführt wird, was und vor allem auf welcher Grundlage ein soziales Phänomen als „soziales Problem“ definiert wird. Die Sinndimension sollte, so Klatetzki, maßgeblich sein zur Strukturierung des sozialen Handelns. Herrschafts- und Legitimationsdimension sind demgegenüber nachgeordnet. Viele Jugendämter strukturieren ihr Handeln immer noch über eine ausschließlich an verpflichtenden Rechtsnormen orientierte Auslegung von Rechtsansprüchen, die dann eine ausschließliche Einzelfallorientierte Leistung hervorbringt i. S. eines chirurgischen Eingriffs. Diese Haltung mischt sich mit Befürchtungen, mit einer Veränderung der Jugendhilfepraxis gehe eine Verschlechterung der derzeitigen Rechtsposition des Leistungsadressaten einher. Das kann aber doch nicht dazu führen, dass aus dieser defensiven Haltung heraus nichts anderes mehr gedacht und getan werden darf. 36 s. Weber, M.: 1922, Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen 1972

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sicherlich unterschiedliche Standpunkte vertreten. Häufig stimmen die Haltungen der Mitarbeiter nicht einmal mit dem Selbstverständnis des Anstellungsträgers überein37. Kommen wir bei einer solchen Unterschiedlichkeit überhaupt zu Gemeinsamkeiten oder sollte man in dieser Hinsicht „Leine lassen“ und lieber über Organisation steuern (quantitative Kennzahlen, Vergleichsringe, Haushaltsvorgaben und gelegentliche Leitungseingriffe)? Wir meinen aus der Einschätzung des Verlaufs in Celle, dass die Auseinandersetzung über ein gemeinsames Verständnis von Arbeit und eine gemeinsame Haltung zum Arbeitsinhalt am Beginn eines Umsteuerungsprozesses und fortlaufend gemeinsam mit allen Beteiligten (vertikal und horizontal) wichtig und immer wieder zu kommunizieren ist. Wer sozialräumlich Hilfe organisieren will muss der Sinndimension einen Vorsprung lassen und das Verhältnis von Legitimation und Herrschaft neu definieren. Nur die Kommune, die bereit ist, sich auf diesen Selbstklärungsprozess einzulassen, wird erfolgreich sozialräumliche Konzepte durchsetzen können. Das gemeinsame Selbstverständnis soll allerdings Freiheit lassen für Widerspruch. Die Sinndimension soll als vielfältige Einheit verstanden werden, getragen von einer „Ideologie der Pluralität“38, vielleicht nicht so sehr mit den Instrumenten von Richtlinien, sondern im Sinne eines „managements of meaning.“39 2.4

Vertragliche Rahmenbedingungen – Finanzierungsmodalitäten

Die Stadt Celle hat die niedrigschwelligen, ambulanten und teilstationären Erziehungshilfen seit 2001 budgetiert und an die vier in Celle tätigen freien Träger der Jugendhilfe übertragen. Die Hilfeleistungen erfolgen sozialräumlich in 6 Sozialräumen40 (10.000 – 15.000 Einwohner), die sich an den Ortsteilgrenzen orientieren. Die in Celle gewählte Budgetform ist in Bezug auf die Mittelverteilung trägerorientiert, d. h. die freien Träger der Jugendhilfe verwalten den ihnen zur Ver37

Frank, G., Reiß, C., Wolf, M.: „Wenn man die Ideologie weglässt machen alle das gleiche“ – Eine Untersuchung zum Praxisverständnis leitender Fachkräfte unter Bedingungen des Wandels der freien Wohlfahrtspflege, Arbeitshilfen Heft 47, Eigenverlag des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge, Frqankfurt/M. 1994 38 Klatetzki, a. a. O. S. 327 39 Klatzetzki a. a.O. S. 329 40 Im Folgenden wird für die administrativ-räumliche Gliederung der Begriff „Sozialraum“ ebenso verwendet, wie für ein vom Adressaten definiertes Lebensumfeld und Gemeinwesenorientierte Methodik. Die von Deinet eingeführte Differenzierung wird im Alltagshandeln durchaus beachtet. Deinet,U.: „Aneignung“ und „Lebenswelt“ – der sozialräumliche Blick der Jugendarbeit. In: Merten, R.: a.a.O. S. 151-166

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fügung gestellten Budgetanteil selbständig im Rahmen der Festlegungen (Verträge41, Vertragszusätze, Leitsätze, Absprachen der Planungs- und Steuerungsgruppe und Vereinbarungen der Arbeitskreise Gemeinwesenarbeit und Qualität). Das Celler Budgetmodell unterscheidet sich damit von anderen Budgetierungsformen, die die Budgetverantwortung beim öffentlichen Träger belassen. Die Budgetform ist Bestandteil eines kooperativen Modells, das weitgehend nicht auf marktwirtschaftlich konkurrente Rahmenbedingungen setzt. Wie weit dies umgesetzt ist und welche Instrumente an die Stelle von Marktmechanismen treten, wird im Kapitel 5.2 beschrieben. Kooperativ ist das Budgetmodell auch deshalb, weil jeweils mindestens zwei Träger im Sozialraum offiziell kooperieren und so die Monopolstellung nur eines Trägers in einem Sozialbezirk verhindert wird. Das Wunsch- und Wahlrecht ist somit gewährleistet, zumal auch nicht im Sozialraum und nicht im Budget verankerte Träger Einzelfallhilfen durchführen können Öffnungsklausel). Die Entscheidung trifft der Adressat. Das Celler Sozialraumbudget beläuft sich im Rechnungsjahr 2004 auf inzwischen 2 Mio. €. Es umfasst ambulante, teilstationäre, niedrigschwellige, sozialräumliche, fallspezifische und fallunspezifische Erziehungshilfen sowie infrastrukturelle Leistungen. Zielsetzung ist die Förderung einer • adressatenorienierten • flexiblen • sozialräumlich gestalteten und • ressourcenorientierten Jugendhilfe42. Die Budgetierung ermöglicht eine Auslastungsquote von 100% und damit einen faktischen Zugewinn von 5 % Leistung gegenüber dem Einzelfall-finanzierten Fachleistungsstundenmodell. Für jeden Sozialraum sind zwei ASD-Fachkräfte örtlich und sachlich zuständig. Das Celler Budgetmodell orientiert sich weitgehend an den Vorstellungen des KGST-Berichtes 12/9843, ebenso wie das Stuttgarter Modell. In Celle besteht allerdings im Gegensatz zu Stuttgart kein Trägermonopol in den Sozialräumen. 41

Verträge s. Anlage 11 u. 12 Näheres zur Struktur und Organisation des trägerorientierten Sozialraumbudgets in Celle kann einer Materialmappe entnommen werden, die sämtliche Vereinbarungen, Regelungen, Dienstanweisungen zur Hilfeplanung zum Controlling und Aufsätze zum Budget und zur Qualitätsentwicklung von K. Hekele und G. Schäfer enthält. (zu bestellen gegen einen Selbstkostenpreis von 14 € bei G. Schäfer, Jugend- und Sozialamt, Stadt Celle, Helmuth-.Hörstmann-Weg 3, 29221 Celle oder tel. 05141-12250, mail: [email protected] 43 KGSt-Bericht 12/98, Kontraktmanagement 42

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Die freien Träger der Jugendhilfe in Celle44 haben sich zu einer Trägerkooperation auf vertraglicher Grundlage zusammengeschlossen und so eine Form gewählt, die ihnen weitgehende Eigenständigkeit garantiert45. Die Teilbeträge des Budgets kommen jeweils zur Quartalsmitte an die beteiligten freien Träger zur Auszahlung. Die auf die freien Träger entfallenden Budgetanteile orientieren sich an den Marktanteilen der freien Träger der Jugendhilfe im Rechnungsjahr 1999 und 2000 und werden unverändert fortgeschrieben. Im Budget befindet sich ein Anteil von ca. 20% (möglichst + x) für fallunspezifische Hilfen46 (Hilfen im Vorfeld von Erziehungshilfen ohne Bescheid und individuellen Hilfeplan). Diese Leistungen werden überwiegend durch 6 Stadtteilprojekte sowie das Projekt "Schüler helfen Schülern"47 angeboten und umfassen gruppenpädagogische Angebote für Kinder/Jugendliche und Familien mit HzEAnspruch aber auch im Vorfeld erzieherischer Hilfen, sowie gemeinwesenorientierte und infrastrukturelle Leistungen (Stadtteil-AG´s, Stadtteilrunden, befristete Bewohnerprojekte etc; im Sinne von § 1 Abs. 4 Ziff. 3 SGB VIII). Die auf die sog. fallunspezifischen Hilfen entfallenden Anteile haben sich von 18% im Jahre 2001 auf 28 % im Rechnungsjahr 2003 erhöht; 2004: 20 %). 1,5 Planstellen je Stadtteilprojekt48 stehen jeweils hälftig zur Erfüllung fallunspezifischer und fallspezifischer Aufgaben zur Verfügung, zuzüglich weiterer Personal- und Sachkosten für besondere Projekte (Projekt „Schüler helfen Schülern“, „Krähennest“) sowie Beteiligungen der Träger an Projekten in Trägerschaft Dritter, z. B. „Offene Kinder- und Jugendarbeit in Altencelle e. V.“ (OKIJ, ein Projekt, das mit professioneller Unterstützung von Ehrenamtlichen betrieben wird) und weiterer Projekte, die außerhalb der Stadtteilprojekte von Trägern selbständig geführt werden (Mädchenspezifisches Projekt). Die Projekte werden in einer sog. „bunten Liste“ aufgeführt49 und sind dort kostenmäßig als Anteil des Sozialraumbudgets erfasst.

44

Dies sind die Träger: Caritas, Pstalozzi-Stiftung, Stiftung Linerhaus und Verbund Sozialtherapeutischer Einrichtungen 45 Im Gegensatz zu privatrechtlichen Rechtsformen wie GbR oder gGmbH. Vertrag der Trägerkooperation s. Anlage 12 46 Intern herrscht Einigkeit darüber, dass die Unterscheidung von fallspezifischen und fallunspezifischen Erziehungshilfen sich in Konzepten felxibler Erziehungshilfen ausschließen sollte. Die weitgehende Abschaffung der Versäulung von Hilfeleistungen durch flexible Konzepte sollte nicht durch eine neue Versäulung von fallspezifisch (mit Rechtsanspruch) und fallunspezifisch (ohne Rechtsanspruch) rückgängig gemacht werden. Im Controlling, im rechtlichen Rahmen und in der Budgetfinanzierung wird diese Unterscheidung jedoch zwangsläufig zur Differenzierung benötigt. Synonym werden die Begriffe "nierigschwellig" "stadtteilorientiert" oder „infrastrukturell“ gebraucht, wohl wissend, daß diese dieselbe Gefahr von Versäulung in sich tragen. Die Unterscheidung dient somit lediglich der Differenzierung von Sachverhalten. 47 Projektskizze „Schüler helfen Schülern“ s. Kap. 4.5.2 48 Namentlich die Stadtteilprojekte „Alte Molkerei“, Alte Schmiede“, „Windmühle“, „Meudon 22“ und „Caritas Point“. 49 Zur „bunten Liste“ s. Anlage 2

21

2/3 der Leistungen der 6 Stadtteilprojekte werden pauschal als fallspezifische Leistungen abgerechnet, das umfasst in den Projekten jeweils 4-8 Fälle (mit Bescheid und Hilfeplan = Hilfeplankinder)50. Die Anzahl der Hilfefälle in den Stadtteilprojekten hat keinen Einfluss auf die pauschalierte Gesamtsumme der Abrechnung. In der Abrechnung der Hilfefälle mit Rechtsanspruch in Stadtteilprojekten (Schülerhilfegruppen u. a. Aktivitäten) wird die Gesamtsumme jeweils durch die Anzahl der Kinder mit Hilfeplan dividiert und monatlich für das Finanzcontrolling ermittelt. Damit schwanken die individuellen Kosten pro Hilfeplankind nach der Anzahl der Betreuten, die Pauschalsumme bleibt gleich. Die Abhängigkeit der Finanzierung von bestimmten Soll-Fallzahlen kann zu „erwünschten“ Fallzahlen führen, um einen möglichst gleich bleibenden Finanzierungseffekt zu erreichen. Hier würde die Entscheidung: „Wann wird ein Fall zum Fall?“ Finanzierungsgesichtspunkten unterworfen. Die Entscheidung über Rechtsanspruch oder Niedrigschwelligkeit sollte im Rahmen des Budgets ausschließlich nach pädagogischen Kriterien getroffen werden. Deshalb werden die fallspezifischen Leistungen pauschal mit 2/3 abgerechnet und die sozialräumlichen Leistungen im Stadtteilprojekt mit 1/3. Zusätzliche Kosten und neue Projekte sind nach Genehmigung durch die Planungs- und Steuerungsgruppe ebenfalls über die bunte Liste abzurechnen. Grundlage für die Finanzierung der Stadtteilprojekte sind nicht die Kostensätze der Fachleistungsstunden sondern die niedrigeren „reinen“ Personalkosten zuzüglich der tatsächlichen Sachkosten. Die Kostenanteile sozialräumlicher Arbeit in Stadtteilprojekten unterscheiden sich von den einzelfallorientierten Anforderungen an die Netto-Fachleistungsstunde. Wenn man so will, liegt der Finanzierung der Stadtteilprojekte die Finanzierungsform des § 74 SGB VIII zugrunde. Ca. 40 % des Budgets werden auf die Stadtteilprojekte verwendet jeweils zur Hälfte für fallspezifische und für fallunspezifische Leistungen. Die sog. Hilfeplankinder mit Rechtsanspruch in Stadtteilprojekten werden ebenso im Finanzcontrolling erfasst wie die fallunspezifischen Einzelfälle. Die fallunspezifischen Leistungen werden im operativen Controlling (s. Kap.7) nachgewiesen.

50

Hilfeplankinder sind Kinder, die in den Stadtteilprojekten unter den Voraussetzungen einer fallspezifischen Erziehungshilfeleistung (§ 27 Abs. 2 SGB VIII) teilnehmen. Zum Arbeitsbegriff „Hilfeplankinder“ s. Kap.3.10.

22

Zur Auszahlung kommen vierteljährlich lediglich 95 % der Budgetsumme an die Träger. Die Auszahlung der restlichen 5 % erfolgt im darauf folgenden Jahr und ist an bestimmte Bedingungen geknüpft: 1. Teilnahme am betriebswirtschaftlichen Berichtswesen und am Controllingverfahren (3 %)51 2. Nachweispflichten über die geleisteten Stunden pro Hilfefall (2 %) Daneben werden inzwischen zusätzlich bis zu 2 % (40.000 €) der Budgetsumme gewährt, wenn für die Finanzierung von Volunteers52 bis zu 3 % der Budgetsumme (60.000 €) nachgewiesen werden können. Ein Prozent der Aufwendungen für Volunteers muss aus der Budgetsumme finanziert werden. Einen weiteren 1 %igen Bonus vergab der Jugendhilfeausschuss bis 2004 bei nachweislich guter Leistung. Inzwischen haben kommunalrechtliche Bedenken dazu geführt, von der Bonusregelung wegen „guter Leistungen“ abzusehen53. Abb. 1 Beispiel: Budgetberechnung 2004 Budgetauszahlung54 (Vertrag Ziff. 6.3)

Bei Teilnahme am Qualitätscontrolling (Vertrag Ziff.6.31)

Bei Vorlage vertraglich vereinbarter Nachweise (Vertrag Ziff. 6.3.2)

Leistungsbonus für 2003 durch Beschluss JHA (Vertrag Ziff. 6.3.5)

Abrechnung von bis zu 2% für den Einbezug von Volunteers55 (Vertrag Ziff. 6.3.3)

95%

3%

2%

1%

bis 2%57

Budget einschl. Personal- und Sachkostensteigerung von 1,4% in 2004

zu 95%

Einführung der VerstärkerRegelung auf Nachweis56

bis zu 1%

51

Die Angaben fließen in die jährlichen Controllingberichte ein und dienen der Gesamtplanung und Steuerung. Unter „Volunteers“ werden alle Personen zusammengefasst, die nicht festangestellte professionelle Mitarbeiter oder Berufspraktikanten der Sozialarbeit sind, als Ehrenamtliche, Freiwillige, Berufs(wieder)einsteiger, Honorarkräfte, Praktikanten usw. 53 Ausgaben sind an nachweislich erfolgte Leistungen geknüpft. Ein Bonus ist eine Gutschrift auf eine erfolgte Leistung, allerdings ohne dass dem Bonus selbst eine Leistung zugrunde liegt. 54 Vierteljährliche Auszahlung an die freien Träger der Jugendhilfe 55 Ehrenamtliche, Praktikanten, geringfügig Beschäftigte etc. 56 Die Verstärkerregelung sollte die Finanzierung der nicht-pädagogischen Bedarfe im Stadtteil stärker berücksichtigen, so z. B.: a) Die Kosten für den Mittagstisch in den Projekten . 2003 wurden nach überschlägigen Berechnungen immerhin 32.000 € aus dem Budget für die Versorgung von Kindern mit Mittagessen in den Projekten finanziert (ca. 12.500 Mahlzeiten jährlich). Der Mittagstisch wird in den Stadtteilprojekten 4x wöchentlich, in anderen Projektformen zumeist 1 x wöchentlich angeboten. Teilweise wird ein Kostenbeitrag verlangt, durch den jährlich ca. 6.000 € mitfinanziert werden. b) Daneben sollte die Verstärkerregelung als Anreiz für Familien dienen, aktiv zum Gelingen des Hilfeprozesses beizutragen. So können kleinere Geschenke bis hin zu einem Familienurlaub zu dieser Form von Verstärkerregelung gehören. c) Zum dritten sollte die Möglichkeit geschaffen werden, die Kosten für die Ressourcennutzung (Vereine, Sport) aufzufangen, z. B. durch Übernahme von Vereinsbeiträgen oder Sachmittel wie Fußballschuhe etc. 52

Leider wurde die Verstärkerregelung aufgrund der allgemeinen kommunalen Finanzentwicklung der Stadt nicht beschlossen, so dass die Bereitschaft der freien Träger, in Verstärker (insbesondere in b und c) zu investieren, sich nicht erkennbar erhöht hat. Im Vordergrund der Überlegungen der freien Träger steht immer noch die Personalkostenfinanzierung. Das Budget wird vorrangig als Personalkosten kalkuliert, so dass für die Verstärker = Sachkosten wenig Verfügungsmasse bleibt. 57

2% bei Nachweis von 3% des Gesamtbudgets

23

Die Vorstellung der inhaltlichen und finanziellen Entwicklung erfolgt jährlich in einem Erziehungshilfeworkshop, zu dem der Jugendhilfeausschuss eingeladen wird. Hier ergibt sich die notwendige Aufmerksamkeit für die inhaltliche und politische Auseinandersetzung um Kernfragen der Jugendpolitik und der Budgetbemessung als Ausdruck kommunalpolitischer Entscheidungsverantwortung. 2.5

Organisation und Steuerung

Die freien Träger der Jugendhilfe kooperieren auf Leitungsebene mit dem öffentlichen Träger in einer Planungs- und Steuerungsgruppe58. Fragen der Steuerung und Koordination fachlicher Anforderungen werden zwischen den freien Trägern und dem öffentlichen Träger der Jugendhilfe im Fachkoordinationsteam (FAKT) behandelt. FAKT kann Anträge an die Planungsund Steuerungsgruppe stellen. Das operative Geschäft erfolgt in Bezug auf die Aufgabenschwerpunkte im Stadtteil und in den Stadtteilprojekten unter Mitwirkung des ASD im Sozialraumgremium (gemeinsame Planungen fallunspezifischer, niedrigschwelliger und Gemeinwesenorientierter Angebote) und bezogen auf den individuellen Rechtsanspruchsbegründenden Hilfebedarf in Einzelfällen zwischen den freien Trägern im Stadtteil (ausschließlich Fachkräfte freier Träger ohne ASD, s. Kapitel 3) im Trägergremium. Die Basis für Stadtteilorientierte Arbeit bilden je nach Sozialraum zusammengesetzte Stadtteil-AGs (kontinuierliche Form der Auseinandersetzung mit allen Stadtteilbedingungen) Stadtteilforen und –Konferenzen (einmalige Veranstaltungen, aus denen sich sporadisch weiterarbeitende Arbeitsgruppen und Arbeitsprojekte entwickeln) und Arbeitsgruppen. Diese Veranstaltungen sind immer Bürgeröffentlich und finden zumeist mit Beteiligung von Ortspolitik statt. Der Arbeitskreis Gemeinwesenarbeit (AK GWA) ist ein Zusammenschluss der Trägermitarbeiter, die überwiegend fallunspezifische Arbeit in den Stadtteilprojekten leisten und Fachkräften des ASD. Hier werden neue Entwicklungen der Arbeit in den Stadtteilprojekten vorangetrieben, Erfahrungen ausgetauscht, gemeinsame Planungen besprochen und Verabredungen zum Controlling getroffen. Der AK GWA ist berechtigt, bei der Planungs- und Steuerungsgruppe Anträge zu stellen.

58

Mehr zur Entwicklung und Funktion der Gremien: Kap. 5.25

24

Der Arbeitskreis Qualität ist ein Zusammenschluss der Qualitätsbeauftragten und der Leitungsebene der Träger zur Qualitätsentwicklung. Hier werden Qualitätskonzepte, Befragungen, Kennzahlen und Indikatoren entwickelt, sowie bestehende Verfahren auf ihre Qualität kritisch überprüft. Der Beirat begleitet die Entwicklung im kritischen Dialog mit den beteiligten fachverantwortlichen Vertretern der Jugendhilfeinstitutionen im Rahmen der Zielsetzungen des Modellprojektes „Sozialräumliches Arbeiten und Sozialraumbudgetierung“. Soviel zur Aufbauorganisation der Jugendhilfe im Rahmen des Budgets. Damit sind die wesentlichen Innovations- Steuerungs- und Entscheidungsgremien benannt.

25

Abb.2: Anlage 1 zum Budgetvertrag Koordination ab 01.01.2004 Planungs- und Steuerungsgruppe (max. 10 Personen 4 Treffen jährl.)

Zusammensetzung: beauftragteTrägervertreter/Geschäftsführer Aufgabe: Entscheidungen treffen im Rahmen des Budgetvertrages Funktion: Trägerübergreifendes Steuerungsgremium

Fachkoordinationsteam (FAKT) (löst Budgetkoordination im bisherigen Konzept ab) (max. 12 Personen 6 Treffen jährl.) Zusammensetzung: beauftragte Trägervertreter der Planungs- und Steuerungsgruppe sowie Sprecher der Sozialraumgremien und Fachverantwortliche des ASD Aufgabe: Steuerung und Koordination fachlicher Anforderungen Funktion: Ausgleich zwischen übergreifender Steuerung und Alltagsanforderungen

Sozialraumgremium Zusammensetzung: ASD-Bezirksmitarbeiter und je 1 Mitarbeiter eines freien Trägers aus dem Sozialraum Aufgabe: Koordination der Arbeit in den Stadtteilprojekten Funktion: Steuerung der Arbeit vor Ort Neustadt Heese

Wietzenbruch Westercelle

Altstadt Neuenhäusen

Altencelle

Hehlentor Kl. Hehlen Boye

nördlich der Aller

Sozialraumforen / Stadtteil-AG‘s Zusammensetzung: Sozialraumgremium, Volonteers, Fachkräfte anderer Institutionen, interessierte Bürger, Ortsrat Aufgabe: Koordination der Aufgaben im Stadtteil, Diskussion von Entwicklungen Funktion: Herstellung von Beteiligung

Arbeitskreis Gemeinwesenarbeit Zusammensetzung: Mitarbeiter in Stadtteilprojekten und im ASD sowie FAKT Aufgabe: Entwicklung neuer Formen niedrigschwelliger Arbeit, Abstimmung von Projekten, Vereinbarung von Controlling- und Selbstevaluationsverfahren Funktion: fachliche Weiterentwicklung von Verfahren und Methoden

Arbeitskreis Qualität Zusammensetzung: von den Trägern benannte Qualitätsbeauftragte Aufgabe: Entwicklung von Qualitätsverfahren (Messung) und Standards sowie Überprüfung und Auswertung Funktion: Qualitätssicherung

Beirat: Modellprojekt sozialräumliches Arbeiten und Sozialraumbudgetierung Zusammensetzung: Frau Wagner (Landesjugendamt), Herr Prof. Dr. Pilz, Institut für Sportwissenschaft Uni Hannover) Frau Dr. Lösche (Erziehungsberatungsstelle), Herr Hekele (Privatdozent) sowie beauftragte Trägervertreter Aufgabe: Begleitung der Fortentwicklung Funktion: Reflexion und Beratung

26

2.5.1

Erfahrungen mit den Steuerverfahren

Ein Argument gegen eine sozialräumliche Budgetierung ist immer wieder der hohe Koordinierungsaufwand, der zur Steuerung der Hilfen und Angebote notwendig ist. Sicherlich erfordert die Einführung des Modells eine erhebliche Anstrengung und zusätzlichen Personalaufwand auf allen Seiten (öffentliche und freie Träger). Allerdings entfallen zukünftig die Anstrengungen und Kosten der Fallakquise der freien Träger, sei es mittels farbiger Werbebroschüre oder Begleitung der Fachkräfte durch Fachberater oder sonstige Vorgesetzte bei Einzelfallbezogenen Auftragsanbahnungsgesprächen. Diese Zeit verbringen die Fachkräfte und Leitungsmitarbeiter nun in Koordinationsgesprächen. Die im Kapitel 2.5 dargestellten Gremien haben sich als sinnvoll herausgestellt und sind bezüglich Teilnehmerzahl, Tagungshäufigkeit und zeitlichem Aufwand bestimmt und nachweisbar. Der Personalaufwand entspricht insgesamt ca. einer Personalstelle. 59 Komplexere Anforderungen an die Praxis machen komplexere Organisationsformen notwendig.60 Die Planungs- und Steuerungsgruppe ist ein Gremium, das auf dem Konsensprinzip aufbaut. Es können keine Mehrheitsbeschlüsse gefasst werden, die irgendeinen Träger gegen seinen Willen binden. Das Konsensprinzip erfordert die Bereitschaft zum Kompromiss. Dem öffentlichen Träger kommt dabei eine entscheidende Rolle zu. Er ist gesamtverantwortlich (§ 79 SGB VIII). Er hat nicht nur die Rolle eines beobachtenden Teilnehmers, obwohl man annehmen könnte, dass durch die Verteilung der Mittel nun andere, nämlich die freien Träger, verantwortlich seien. Die Gesamtverantwortung wird mit der Überweisung der Mittel zur Quartalsmitte nicht auf die freien Träger übertragen. Freie Träger sind, selbst wenn ihnen diese Aufgabe rechtlich zustehen würde, nicht in der Lage die Gesamtverantwortung zu übernehmen. Sie unterliegen ihren durch Konkurrenz und ihrem Organisationsinteresse (Sicherung und Erhalt der eigenen Organisation) bestimmten eigenen Gesetzlichkeiten, die immer noch vor dem Gesamtinteresse stehen. So ist beispielsweise die Veränderung von Marktanteilen zwischen den Trägern äußerst schwierig. Selbstaufgabe wird man von den freien Trägern nicht erwarten können.

59 60

s. Anlage 2: „bunte Liste“ Klatetzki in Peter/Trede/Winkler Hrg. a. a. O. S. 328 f.

27

Dennoch lässt sich im Rahmen eines immer möglichen kritischen Diskurses in den Gremien eine gemeinsame Linie erkennen, die für die Prozesse und die Arbeit insgesamt von Vorteil ist, wenn auch nicht alle Ziele erreichbar erscheinen. Es besteht in gewisser Weise ein Zwang zum Kompromiss, will man sich als Träger nicht für das Scheitern eines von allen anerkannten guten Gesamtkonzeptes verantwortlich machen lassen. Die Verantwortung für das Scheitern kann dazu führen, dass der Träger mit dem „schwarzen Peter“ nicht adäquat berücksichtigt wird, wenn „die Karten neu gemischt“ werden. Abhängigkeiten, die Fragen von Geld und Macht berühren sind auch in diesem Modell nicht zu vermeiden. Die Situation der freien Träger ist dann eine starke, wenn eine gemeinsame Haltung gegenüber dem öffentlichen Träger entwickelt wird. So hat sich durchaus eine Partnerschaft zwischen beiden Organisationen auf „Augenhöhe“ entwickelt. 2.6

Controllingverfahren

Wichtiger Bestandteil für den Nachweis der Leistungserbringung und der Qualität im Budget sind die unter dem Begriff „Controlling“ zusammengefassten Verfahren: 1. Finanzcontrolling 2. Operatives Controlling Stadtteilprojekte 3. Adressatenbefragung 4. Gegenseitige Mitarbeitereinschätzung 5. Qualitätsentwicklungsverfahren Die Verfahren 1- 4 dienen zurzeit als Nachweis für die geleistete Arbeit und als Bemessungsgrundlage für den prospektiven Budgetrahmen. Das Qualitätsentwicklungsverfahren soll die pädagogische Qualität abbilden. Dieses Verfahren befindet sich noch weitgehend in der Diskussion. Wenn man das Controlling auf die Zielsystematik einer Balanced-Score-Card ausrichtet, dann ergibt sich folgendes Bild:

28

Abb.: Controlling System auf der Grundlage von Balanced-Score-Card Adressaten (Adressatenbefragung)

Finanzen (Finanzcontrolling)

Mitarbeiter (gegenseitige Mitar-

Prozesse (operatives Controlling

beiterbefragung)

Stadtteilprojekte) S.M.A.R.T., AZOMP

2.6.1

Adressatenbefragung

Anlage der Befragung Die Beteiligung von Adressaten ist ein Qualitätsmerkmal in der sozialen Arbeit und ist in den Leitsätzen verankert. Die Einhaltung von Qualitätsmerkmalen soll im Rahmen der Adressatenbefragung überprüft werden. Die Adressatenbefragung bezieht sich ausschließlich auf ambulante und teilstationäre Einzelfallhilfen. Seit dem 01.01.2001 findet im Rahmen der Qualitätssicherung die Adressatenbefragung statt. Befragt werden die Leistungsberechtigten Adressaten (die Personensorgeberechtigten) per Fragebogen zu verschiedenen Aspekten der Qualität in der Hilfe zur Erziehung und zu verschiedenen Zeitpunkten während der Erziehungshilfeleistung. Im Verlauf der Hilfe zur Erziehung erhalten die Adressaten insgesamt 3-mal Gelegenheit, über einen Fragebogen Feedback zu geben. Ein halbes Jahr nach Hilfeende soll eine telefonische Nachhaltigkeitsüberprüfung stattfinden. Eine solche ist bisher nicht durchgeführt worden. Die Fragebögen werden von dem fallzuständigen Bezirkssozialarbeiter ausgehändigt. Der Adressat hat die Möglichkeit, den Bogen sofort auszufüllen und der Fachkraft in einem verschlossenen Umschlag wieder mitzugeben oder ihn später per Post zurückzuschicken. 29

Abb. 4: Bogen 1 2 3 4

Zeitlicher Ablauf Adressatenbefragung Zeitpunkt Nach der 1. Hilfeplanung Nach der 1. Fortschreibung (ca. 1/2 Jahr nach Hilfebeginn) Nach Beendigung der Hilfe, unabhängig von der Dauer Ein halbes Jahr nach Hilfeende durch telefonische Abfrage

Inhalt Adressatenorientierung, Partizipation, Ressourcenorientierung Adressaten-Zufriedenheit. Die Adressaten werden zu einer Einschätzung ihrer Situation seit Hilfebeginn aufgefordert. Adressaten-Zufriedenheit, Zielerreichung. Es wird nach einer erneuten Kontaktaufnahme bei Bedarf gefragt. Nachhaltigkeitsprüfung

Fragebögen s. Anlage 8 2.6.2

Gegenseitige Mitarbeiterbefragung

Die Mitarbeitereinschätzung zum Hilfeplanverfahren ergänzt die Adressatenbefragung um den Teil der Fachkräfte. Die beteiligten Fachkräfte des öffentlichen Trägers und der Trägerkooperation schätzen gegenseitig die im Hilfeplanverfahren erbrachten Leistungen ein. Zu Beginn einer Hilfeleistung (genauer: nach der ersten Hilfeplankonferenz) wird die erbrachte Leistung der ASD-Fachkraft von der fallzuständigen Fachkraft des die Hilfe ausführenden freien Trägers eingeschätzt. Die Vorbereitung und die Durchführung der Hilfeplankonferenz sowie die Dokumentation des Hilfebedarfs werden bewertet. Zum Ende der Hilfe werden von der ASD-Fachkraft die Durchführung der Hilfe und die erbrachten Leistungen des freien Trägers beurteilt. Die Hilfe durchführende Fachkraft des Trägers beurteilt ebenfalls bei Hilfeende die Fallbegleitung und Unterstützungsleistungen der ASD-Fachkraft. Fragebögen s. Anlage 9

30

2.6.3

Operatives Controlling Stadtteilprojekte

Das operative Controlling dient zur Abbildung der Angebotsstruktur der Stadtteilprojekte. Seit September 1999 wird das operative Controlling kontinuierlich zu Steuerungszwecken genutzt. Ziel des operativen Controllings ist die quantitative Abbildung der Angebotsstruktur in den beteiligten Stadtteilprojekten sowie die qualitative Weiterentwicklung der Projekte über Kennzahlen und Zielzahlen. Im Rahmen des Operativen Controllings werden die Angebotsstrukturen der Stadtteilprojekte ausgewertet. Parallel wird dazu der Altersaufbau der Kinder und Jugendlichen, der Status nach den Kategorien „Hilfeplan/Nichthilfeplankinder“ und „Gäste“ (siehe unten) usw. ausgewertet. Selbstverständlich werden alle Auswertungen geschlechtsspezifisch durchgeführt. Da alle teilnehmenden Stadtteilprojekte im Rahmen von Hilfe zur Erziehung finanziert werden, haben sie auch den Auftrag, Elternberatungen durchzuführen. Diese werden nach den Kategorien „Beratung“ und „Kontakte“ ausgewertet. Im Rahmen der Angebotsstruktur wird zudem ausgewertet, wie viele Ehrenamtliche für welche Tätigkeit gewonnen werden konnten. Ferner wird erhoben, ob und welche Kooperationspartner vorhanden sind. Die Daten der Stadtteilprojekte und des Projektes „Schüler helfen Schülern“ werden monatlich erhoben und erfasst, in Jahresberichten zusammengestellt und mit Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen der Projekte und des ASD diskutiert und im Rahmen des Erziehungshilfeworkshops dem JHA vorgestellt. 2004 wurden erfasst: • Tägliche Erfassung ƒ Kinder in Hausaufgabenbetreuung (geschlechtsspezifisch), ƒ Kinder in gruppenpädagogischen Angeboten (geschlechtsspezifisch), ƒ Öffnungszeiten und Einsatz von Fachkräften/Volunteers , • Monatliche Erfassung ƒ Anzahl der Volunteers nach Tätigkeitsfeldern, ƒ Umfang der Elternarbeit, • Jährliche Erfassung ƒ Kooperationspartner, ƒ Spenden und andere Zuwendungen.

31

Grundlage für das operative Controlling ist die „bunte Liste“. Werden bunte Liste und die Ergebnisse des operativen Controllings in Bezug zueinander gesetzt, dann ergeben sich im Ergebnis (Zahl der Auftritte, Anzahl der Gruppen und Projekte, Einbezug der Volunteers etc.) Bezüge zwischen Ergebnis und notwendig geleistetem Aufwand. 2.6.4

Finanzcontrolling

Im Finanzcontrolling werden alle fallspezifischen Hilfen mit Rechtsanspruch aufgelistet61 (Träger, Aktenzeichen, Name, Vornahme, Geburtsdatum, Straße, Sozialraumgremium, Beginn, Befristung, Ende, Bemerkung, Projekt, Kontierung, Kosten/Zeitaufwand pro Fall/Monat) und vierteljährlich auf der Basis der erbrachten Fachleistungsstunden von den vier freien Trägern gegenüber dem öffentlichen Träger nachgewiesen. Der Nachweis dient als Beleg für die vierteljährlich auszuzahlenden Teilbudgets und am Jahresende als Nachweis für das Gesamtbudget. Laut Vertrag werden hier ca. 80% des Budgets nachgewiesen.62 Das Finanzcontrolling gibt eine einwandfreie Übersicht über jeden Fall. Jede Maßnahme kann unter Beiziehung des Hilfeplanes hinsichtlich Stundenzahl Laufzeit usw. ebenso gut überprüft werden wie jede Einzelfallhilfe, die nach Fachleistungsstunde abgerechnet wird. Die Befürchtung, die Einzelleistung würde im Budget nicht mehr nachvollziehbar sein, ist unbegründet. Der Nachweis der Rechtsanspruchsbegründenden Hilfen zur Erziehung ist durchaus ausreichend, um von diesem auf die fallunspezifischen Hilfen zu schließen. Die fallunspezifischen Hilfen werden im Finanzcontrolling kostenmäßig nicht erfasst. Auskunft über die fallunspezifisch geleistete Arbeit gibt das operative Controlling, das nach inhaltlichen, strukturellen und quantitativen Schwerpunkten differenziert. Das operative Controlling enthält keinen Stundennachweis. Die fallspezifischen Einzelfallhilfen, die einen Rechtsanspruch begründen werden durch die freien Träger der Jugendhilfe per Datenträgeraustausch nachgewiesen. Wir haben festgestellt, dass es ausreichend ist, den größten Teil der Hilfen über das Finanzcontrolling Einzelfallbezogen nachzuweisen und die fallunspezifischen Hilfen anhand von quantitativen und qualitativen Daten im operativen Controlling nachzuweisen.

61

Excel-Tabelle ausgewertet auf Access Auf spezielle Probleme der Datenerfassung wird hier nicht eingegangen, zumal diese in der Regel fehlende oder falsche Eintragungen betreffen oder Probleme des Datenabgleichs beinhalten, Alltagsprobleme also, die allen Praktikern geläufig sind.

62

32

Ein wenig Gestaltungsspielraum in der Budgetfinanzierung muss den freien Trägern als Anreiz zugestanden werden. 2.6.5

Erziehungshilfeworkshop

Der Erziehungshilfe-Workshop dient der Information der politisch Verantwortlichen und gibt vor allem den Mitgliedern des Jugendhilfeausschusses Gelegenheit, Fragen zum Sozialraumbudget zu diskutieren und budgetrelevante Entscheidungen vorzubereiten. Am Erziehungshilfe-Workshop nehmen außer den Mitgliedern des Jugendhilfeausschusses die Sprecher der Sozialraumgremien, Vertreter des ASD, der Planungs- u. Steuerungsgruppe, der AG „Qualität“ und des Beirates des Modellprojektes teil. Themenschwerpunkte waren die Versorgungssituation von Kindern in den Stadtteilen, der Einsatz von Volunteers in der sozialen Arbeit, die Vorstellung des Celler Familienkrisendienstes oder das Thema „Hilfeabbrüche – zwischen Versagensängsten und konsequentem Handeln“ und immer wieder auch die Interpretation der Controllingdaten. Diese Form des Austausches hat zu mehr Transparenz der Jugendhilfeleistungen geführt und den Politikern die Zielsetzung der Budgetsteuerung deutlich werden lassen. 2.7

Qualitätsentwicklung

Qualität – eine gemeinsame Aufgabe Mit der Budgetierung geht eine Verständigung freier und öffentlicher Träger darüber einher, was unter Qualität in der sozialen Arbeit zu verstehen ist. Danach muss auch der öffentliche Träger der Jugendhilfe seine Leistung definieren und seine Qualität in Bezug auf die Planung einer Erziehungshilfe messen und nachweisen. Entsprechende Konzepte sind in der Qualitätsentwicklungsvereinbarung bereits zugrunde gelegt. 2.7.1

S.M.A.R.T und AZOMP

Zwei wesentliche Begrifflichkeiten zur Herstellung und Überprüfung von Qualität sind von K. Hekele63 im Rahmen des Modellprozesses entwickelt worden und finden in Zielfindungsprozessen Anwendung.

63

Hekele., K.: a.a.O. S. 145-184

33

Das S.M.A.R.T-Kriterium hat Eingang in individuelle Hilfeplanungsprozesse als verbindliches Qualitätskriterium gefunden, während AZOMP im Zusammenhang mit sozialräumlichen Planungsprozessen eingeführt ist. Wichtig ist bei der Arbeit mit S.M.A.R.T. und AZOMP, dass die jeweiligen Qualitätskriterien gleichzeitig und gleichwertig zu beachten sind. S.M.A.R.T steht z. B. für die Konkretisierung und Zielüberprüfung im Hilfeplanverfahren aber auch für die kleinschrittige Durchführungsplanung: S. = spezifisch

(„Spezifisch“ bezieht sich auf eine möglichst konkrete operationalisierte Zielsetzung in Abgrenzung zu sehr abstrakten und allgemeinen Zielen, wie wir sie häufig in Hilfeplänen finden.)

M.= messbar

(„Messbar“ steht für die Angabe, wann ein Zielfortschritt als erreicht gilt)

A.= akzeptabel

(„Akzeptabel“ steht für die Bereitschaft zur Annahme der Ziele aus Sicht der Adressaten)

R.= realistisch

(„Realistisch“ ist ein Prüfkriterium, das die Durchführbarkeit und Einschätzung der Möglichkeiten/Ressourcen beinhaltet)

T.= terminiert

(„Terminiert“ bezieht sich auf den zeitlichen Rahmen der Umsetzung der Ziele)

S.M.A.R.T ist das Qualitätskriterium, das jedem Hilfeplan zugrunde liegt und das zur Überprüfung der Hilfeplanung durch die Fachaufsicht dient. AZOMP eignet sich in der Praxis eher für sozialräumliche, planerische Prozesse und die Projektplanung. A= Adressaten

(„Adressaten“ werden unterschieden nach „direkten“ Adressaten, für die eine Leistung erbracht werden soll und „indirekte“ Adressaten, die am Prozess beteiligt werden sollen, z. B. Schule, Nachbarn, Ortsrat etc.)

Z= Ziele

(„Ziele“ orientieren sich an den übergeordneten Leitsätzen. Adressaten, Ziele und Leitsätze sind in Übereinstimmung zu bringen.)64

64

Während bei der Rechtsanspruchsbegründenden Einzelfallhilfe ein Dreiecksverhältnis zwischen Leistungsgewährer, Leistungserbringer und Leistungsadressat besteht, treten bei sozialräumlichen Planungsprozessen lediglich Leistungsgewährer und Leistungserbringer in ein Rechtsverhältnis ein. Da die Adressaten rechtlich nicht am Prozess beteiligt sind, ist es dennoch für den Erfolg besonders wichtig, sie in den Planungsprozess hereinzuholen und maßgeblich zu beteiligen. In den Leitsätzen als Grundlage der Jugendhilfe in Celle ist die Adressatenorientierung ausdrücklich für alle Bereiche verankert.

34

O= Organisation („Organisation/Struktur“ ist der Bereich, der Absprachen zur organisatorischen Umsetzung beinhaltet.) M= Methoden

(„Methoden/Fachlichkeit“ bezieht sich auf die möglichst kreative Ausgestaltung und fachliche Umsetzung)

P= Personen

(„Personen“ sind die professionell handelnden Personen. Unter diesem Kriterium werden die Möglichkeiten freier Mitarbeiterressourcen im Rahmen des Sozialraumbudgets eingeschätzt).

Nach den AZOMP Kriterien werden z. B. eingereichte Konzepte aus den Stadtteilprojekten von der Planungs- und Steuerungsgruppe überprüft und entschieden. Der Vorteil der Steuerungs- und Prüfkriterien S.M.A.R.T. und AZOMP liegt in der guten Verständlichkeit, der Vollständigkeit der zu beachtenden Bedingungen und der Gemeinsamkeit Trägerübergreifender Anwendung. 2.8

Personalentwicklung

Personalentwicklung ist ein wichtiges Element der Leistungserbringung. Sozialpädagogische Fachkräfte müssen mehr als andere Berufsgruppen ihre Persönlichkeit, ihre Haltungen in den Gestaltungsprozess einer Hilfeleistung einbringen. Dieser Gestaltungsprozess ist immer auch verbunden mit einem Beziehungsprozess und –verlauf in den sich die Fachkraft als Person einbringt. Zudem sind soziale Organisationen „mit dem Problem der Mehrdeutigkeit von Sachverhalten konfrontiert.“65 Das macht manchmal das Verhältnis zur Organisation und zur Leitung besonders kompliziert. Die Abläufe in der Sozialpädagogik sind aber nun auch wieder nicht so wundersam, dass sie menschlichem Ermessen und damit menschlicher Bewertung völlig entzogen sind. Somit fallen Sozialpädagogen zu Recht auch unter allgemeingültige organisatorische Regeln. Klatetzki spricht im Zusammenhang mit Jugendämtern von „lose gekoppelten Systemen“66 und „flexiblen Organisationen“. Zur Verdeutlichung führt Klatetzki (in Anlehnung an Ortmann67) die Strukturdimensionen für das organisierte Handeln der Jugendhilfe68 an:

65

Klatetzki in Peters/Trede/Winkler a. a. O. S.325 In Anlehnung an die Luhmannsche Systemtheorie 67 Ortmann, G.: Formen der Produktion. Organisation und Rekursivität. Opladen 1995 S. 60 68 Klatetzki, a. a. O. S. 325 66

35

Abb. 5: Strukturdimensionen sozialer Arbeit StrukturdiSinnkonstituti- Legitimatimension on on Regeln der Regeln der Arten von Sinnbildung SanktionieRegeln und rung von Ressourcen Handeln Modalitäten Interpretations- Normen schema Beispiele für Modalitäten

Dimensionierung des Handelns

Herrschaft Autoritative und allokative Ressourcen

AutoritatiÖkonom. ve/administrative & techn. Machtmittel Machtmittel Rechtliche Arbeitsorganisa- Geldmittel Wahrneh-Pflegetion, z. B. Normen mungsmuster sätze - Autorität und Organisati- -KJHG -Spenden onsvokabular, z. Organisierte - Hierarchie B. in Form von Regeln Verwaltungsvor- Technik - formelle – -KFZ - informelle gaben -Einzelfall-, -Gruppen-, Immobilien Sozialraumorientierung KommunikatiSanktionie- Autoritativ- adÖkonom.ves Handeln rendes ministratives techn. Handeln Handeln Handeln

Leitung muss neue Probleminterpretationen einbringen, im Sinne eines „management of meaning“, weil Leitung „einen anderen Blickwinkel auf vorhandene Probleme hat als die in Handlungszusammenhänge verstrickten betreuenden Mitarbeiter und weil zum anderen Leitung als Autorität das plurale Sinnsystem der Organisation symbolisiert. Je weniger Leitungspersonal zu einem „management of meaning“ in der Lage ist, desto einfallsloser dürften die Handlungsstrategien der Einrichtung ausfallen“69. Da das Wissen in der Sozialarbeit auf der Grundlage praktischer Erfahrungen erworben ist70 darf diese häufig auch als Alltagserfahrung beschriebene Ebene keinesfalls bei Leitungsentscheidungen übergangen werden. Dennoch gilt es, aus der theoretischen Auseinandersetzung, der Wissenschaft und methodischen Konzepten entwickelte Handlungsalternativen aufzuzeigen, die für die Arbeit eine Neudimensionierung der Arbeitsweisen bedeuten. Initialzündung für sozial69

Klatetzki, a.a. O. S. 329 „Rezeptwissen über den typischen Verlauf von Ereignissen“ oder „prozessuales Wissen, das die Form eines Skripts hat“ s. Klatetzki/Ashauer, Handlungsroutinen in INTEGRA_Projekten, Zentrum für Planung und Evaluation Sozialer Dienste der Universität Siegen, Schriftenreihe Nr. 12, S. 5

70

36

räumliche Entwicklungen waren theoretische teilweise verschüttete Konzepte der Gemeinwesenarbeit aus den 70iger Jahren, die allerdings 30 Jahre später auch nur deshalb erfolgreich waren, weil ein Teil der Praxis bereit war, sich mit den Ideen erneut auseinanderzusetzen. Diese kurze theoretische Betrachtung hat einen wesentlichen Bezug zum Celler Projekt. Zunächst zur Struktur der Leitung: Die pädagogisch verantwortlichen Leitungen der Träger sind in den Arbeitskreisen (Planungs- und Steuerungsgruppe, FAKT und AG Qualität) präsent und übernehmen eine übergeordnete Funktion im Sinne des Gesamtprozesses, also nicht nur Leitungsverantwortung für die Mitarbeiter des eigenen Trägers. Dies ist ein wichtiger Vorteil des Organisationszusammenhanges (Sozialraumbudget). Im der Hierarchie des ASD übernehmen zwei Mitarbeiter die Fachaufsicht in den beiden ASD-Teams (jeweils 13 Fachkräfte).71 Ein Fachdienstleiter nimmt die Dienst- und erweiterte Fachaufsicht wahr. Die wirtschaftliche Jugendhilfe ist in den Fachdienst eingegliedert, hat allerdings keine Produktverantwortung und somit ausführende Funktion. Dabei steht außer Frage, dass die hohe Kompetenz der Mitarbeiter der wirtschaftlichen Jugendhilfe den reibungslosen Ablauf maßgeblich unterstützt. Die wirtschaftliche Jugendhilfe hat jedoch nicht, wie in manchen Jugendämtern, Sitz und Stimme in Fach- oder Hilfeplankonferenzen. Um die ganzheitliche Fallverantwortung und Finanzverantwortung zu dokumentieren, erstellen die Sozialarbeiter die Bescheide selbständig und sind auch für Anhörungen bei Ablehnung zuständig, mit Unterstützung der wirtschaftlichen Jugendhilfe. Die Strukturen im ASD sind klar geregelt, dennoch ergeben sich unterschiedliche Einschätzungen von Problemstellungen und Handlungsalternativen. Der „kritische Diskurs“ als fachlicher Streit zwischen Leitung und Fachkräften ist die Auseinandersetzungsform, die sich im Laufe der Jahre etabliert hat und die ein Miteinander ermöglicht. Selten sind Leitungseingriffe als Anweisung oder enge Koppelung notwendig. Es wird Wert darauf gelegt, Verantwortlichkeiten und damit auch Leitungsverantwortlichkeiten deutlich zu machen. Leitungshierarchie beginnt für die meisten Mitarbeiter im ASD bei der Fachdienstleitung.

71

Im ASD sind 12 Vollzeitstellen für Bezirkssozialarbeit (90 % KJHG, 10 % Aufgabenbereiche außerhalb des KJHG – früher BSHG), zwei für JGH, 2,5 für Vollzeitpflege/Adoption, eine für Heimbetreuung, eine für Freiwilligenagentur/Seniorenarbeit, 0,5 für Flüchtlinge und Asylbewerber, 0,5 für Räumungen/Mietschulden vorgesehen. Zum Fachdienst gehören daneben noch die Bereiche Beistandschaften/Vormundschaften und wirtschaftliche Jugendhilfe.

37

Die tariflich nicht herausgehobene Stellung der Fachverantwortlichen wird nicht eindeutig mit Leitung identifiziert. Teamarbeit ist gut eingeführt, hat aber eine eher funktionale Bedeutung. Es gibt die Möglichkeit zur Fortbildung, regelmäßigen Fallsupervision, Inhouseschulung, Klausurtage und interessengebundene Vertiefungsgebiete von Fachkräften, deren spezielle Kenntnisse abgefragt und eingebracht werden können. Die freien Träger sind in ihrer inneren Struktur sehr unterschiedlich organisiert und beinhalten in der Mehrheit eine klassische hierarchische Führungsstruktur. Neben der Geschäftsführung steht in der zweiten Reihe eine pädagogische Verantwortungsebene, die die inhaltlichen Prozesse maßgeblich steuert. Ein Träger arbeitet auf der Ebene eines kooperativen Zusammenarbeitskonzeptes, das sich selbst steuert und auf hierarchische Leitung weitgehend verzichtet. Da es mir nicht ansteht, die Organisationsstruktur der Träger zu bewerten, sei nur der Hinweis gestattet, dass abgesehen von einigen Strukturbedingten Unterschieden die Organisationsstruktur der Träger auf die inhaltliche Zusammenarbeit keinen wesentlichen Einfluss hat. Wichtig ist vielmehr der Wille der Akteure, sich im Rahmen der Leitsätze gemeinsam zu entwickeln. Auf das Thema Konkurrenz und Kooperation wird allerdings noch einmal gesondert eingegangen (Kap.: 5.2). 2.9

Celle – Beschreibung einer Stadt mit eigenem Jugendamt

Es wurde bisher bewusst darauf verzichtet, die Stadt Celle näher zu beschreiben und Strukturdaten zu erläutern. Ein Argument, das im Zusammenhang mit dem Sozialraumbudget immer wieder genannt wird, ist das Argument, dass das eigene Jugendamt für derartige Budgetierungen strukturell nicht geeignet ist. „Zu groß“, zu klein“, „Stadt oder Landkreis“, „andere Trägerlandschaft“, „Akteure, die solches nicht zulassen werden“, „Widerstand im Mitarbeiter- oder Leitungskreis“ - vieles kann zur Verhinderung von sozialräumlichen Konzepten und Budgetmodellen angeführt werden. Dennoch zeigen viele Beispiele inzwischen, dass das Budgetmodell nicht von besonderen Voraussetzungen abhängig ist, sondern den Strukturen jeweils anzupassen ist (Stadt Hannover, Landkreis Lüneburg). Deshalb war mir wichtig, zunächst die Strukturen zu beschreiben, die dem Sozialraumbudgetmodell zugrunde liegen. Die Stadt Celle (72.000 Einwohner) ist eine kreisangehörige Stadt mit Versorgungsfunktion für das Umland (Landkreis Celle ca. 120.000 Einwohner). Der überregional bekannte historische Stadtkern, ist u. a. von touristischer Bedeutung. Die Wirtschaft ist vor allem geprägt durch Dienstleistungen und Produkte im Zusammenhang mit der Erdölindustrie, zum anderen aber auch durch Dienstleistungsunternehmen und öffentliche Einrichtungen wie das Oberlandesgericht. 38

Die Bevölkerungsstruktur ist eher heterogen. So findet sich zum einen gehobenes Bildungsbürgertum, zum anderen aber auch eine Monostruktur von Zuwanderern, zu denen fast ausschließlich yezidische Kurden und Aussiedlerfamilien gehören. Aufgrund der guten Erfahrungen im Bereich vernetzter und integrierter Konzepte besteht in allen gesellschaftlichen und politischen Bereichen eine große Akzeptanz flexibler Leistungserbringung, integrativer Handlungsorientierung und vor allem auch Betroffenenbeteiligung. Die Stadt Celle erhielt im Jahr 2000 den Hauptpreis im Landeswettbewerb „Niedersachsen - Kinderland“ für die Beteiligung von Kindern. Von den ca. 72.000 Einwohnern sind 12,9 % unter 18 Jahre alt, 20,8 % über 65 Jahre. Der Ausländeranteil liegt bei 5,6 %, davon sind ca. 80 % kurdischyezidischer Herkunft. Ca. 20% der Bevölkerung hat einen Migrationshintergrund, die Arbeitslosenquote liegt bei 9,5 %, die Sozialhilfedichte bei 7,5 % und 33,8 % der Sozialhilfeempfänger sind unter 15 Jahre. Die Jugendamtsaufgaben werden von der Stadt in eigener Verantwortung erledigt. Die Aufgaben sind in eine Fachbereichsstruktur eingegliedert. Die Erziehungshilfe wird im Fachdienst Kinder, Jugend und Familien erledigt, zu dem organisatorisch die Vormundschaften und Beistandschaften und die wirtschaftliche Jugendhilfe zugeordnet sind. Die 6 Bezirke werden jeweils von zwei ASD-Vollzeitstellen betreut (ca. 6.500 Einwohner pro Mitarbeiter). Pflegekinderdienst, Jugendgerichtshilfe und Heimbetreuung sind spezialisiert. Zwei Fachverantwortliche (ausschließlich Fachaufsicht) und der Fachdienstleiter nehmen die Fachberatung, Dienst- und Fachaufsicht im ASD wahr. Das muss zur Einordnung der Strukturdaten ausreichen. Die freien Träger der Jugendhilfe sind mittelgroß, zum großen Teil regional orientiert, mit Sitz am Ort. Ein großer Träger ist im Großraum Hannover ansässig und unterhält in Celle u. a. eine Heimeinrichtung und eine Schule für Erziehungshilfe. Ein Träger bietet stationär Erziehungsstellen an, zwei Träger arbeiten ausschließlich ambulant bzw. teilstationär. Sicherlich sind die Bedingungen am Ort eine wichtige Voraussetzung für Entwicklungen. Deshalb werden sozialräumliche Ansätze immer wieder Unterschiede aufweisen. Im Sinne des Modellprojektes geht es hier nicht um die 1:1 Umsetzung des Celler Modells sondern um die Vermittlung von Erkenntnissen Prozessverläufen und Ergebnissen, die in ihrem Kerngehalt allerdings zum großen Teil übertragbar sind. 39

Im Folgenden wird die Umstellung der Jugendhilfe auf eine sozialräumliche Struktur beschrieben, ein Prozess, der bereits 1994 begann. 2.9.1

Entwicklung der Jugendhilfe in Celle

Abb. 6:

2004

Cel Fam kris Schüler he 2003 Schülern 2002 Qualitätsentwi Modellförderu 2001 Land Niedersa

Der Weg in Celle von 1990 bis heute

2000 1999 1998 1997 1996 1995 1994 1994 - 1997 seit 1991 1990

Sozialraumbudget JuMP Alte Schmiede

Trägerkooperation Celle Leitsätze

INTEGRA

Krähennest und POINT

Jugendwerkstatt gGmbH

Arbeitskreis Gemeinwesenarbeit

AG nach § 78 KJHG

Umbau von Tagesgruppen in Stadtteilprojekte

Zusammenlegung Jugend- und Sozialamt Stadtteilkonferenzen

8. Jugendbericht KJHG

Achter Jugendbericht der Bundesregierung Der 8. Jugendbericht der Bundesregierung 1990, entfachte in der Fachwelt und auch in Celle die Diskussion um einen Paradigmenwechsel in der Jugendhilfe. Neue Begriffe waren „Flexibilisierung der Hilfen“, „Dezentralisierung und Re-

40

gionalisierung“, „präventiv vor ambulant“, „ambulant vor stationär“, „Gemeinwesenorientierung“ und „Ressourcenorientierung“. Dieser Bericht fiel in Celle auf fruchtbaren Boden, waren es doch vornehmlich einige Akteure des öffentlichen Trägers und auch einige freie Träger, die sich gerne mit diesem Thema auseinandersetzen. 1991: Stadtteilkonferenzen So begannen wir seit 1991 in Celle so genannte Stadtteilkonferenzen durchzuführen. Teilnehmer waren hier neben Bürgerinnen und Bürgern der verschiedenen Stadtteile, Fachkräfte der Jugendhilfe von öffentlichen und freien Trägern, Schulen, soziale Einrichtungen, Vereine, Verbände. Menschen, die sich für Kinder und Jugendliche im Stadtteil verantwortlich fühlen, wurden zusammengeführt, um den Ist-Stand zu erfassen und Problembereiche zu benennen. 1991: Veränderung der Sozialen Dienste Parallel zu dieser Entwicklung wurden die sozialen Dienste des Jugendamtes und des Sozialamtes in Celle neu organisiert und schließlich nach einer 2jährigen Modellphase 1994 im Jugendamt zusammengeführt. Die im Konzept gewünschte verstärkte Vernetzung von Sozialhilfe und Jugendhilfe, hat sich zwar nie eingestellt. Die ASD-Aufgaben haben sich von einem Verhältnis von ca. 40 % allgemeine Aufgaben/Sozialhilfe zu 60% Jugendhilfe zu einem Verhältnis von 20% zu 80 % bei gleich bleibender Mitarbeiterzahl verändert. Die Abteilung Sonderdienste Jugendhilfe wurde aufgelöst und den Bezirken organisatorisch zugeordnet. Die Stadt wurde in 6 Stadtteilbezirke mit etwa gleich großem Aufgabenvolumen, orientiert an den Ortsteilgrenzen organisatorisch aufgeteilt. Für die weitere Diskussion ist wichtig, dass dies nachher auch unsere Sozialräume waren, wohl wissend, dass Sozialraum nicht gleich Sozialraum ist, und diese Diskussion darüber unendlich lange geführt werden kann. Auch wichtig ist an dieser Stelle, dass in den späteren Jahren ab 1996 mit der zunehmenden Finanzverantwortung der Bezirke auch eine zunehmende Finanzverantwortung der Mitarbeiter des ASD einherging. Die Sozialarbeiter schreiben ihre Bescheide selbst und tragen die Fall- und Finanzverantwortung. Die wirtschaftliche Jugendhilfe beschränkt sich auf haushaltstechnische und verwaltungsrechtliche Belange (Annexleistungen). 1994 – 1997: Umbau von Tagesgruppen in Stadtteilprojekte 1994 wurde bereits mit der sozialräumlichen Öffnung begonnen, indem das erste Stadtteilprojekt eingerichtet wurde. Heute gibt es mittlerweile 6 Stadtteilprojekte in Celle. Sie wurden im Wesentlichen kostenneutral durch die Reduzierung von 41

Tagesgruppenplätzen finanziert. 2 der 3 Anbieter von Tagesgruppen, die Stiftung Linerhaus war der erste und der Verbund Sozialtherapeutischer Einrichtungen, der VSE der zweite, widmeten in den Jahren 1994 – 1997 insgesamt 20 Tagesgruppenplätze schrittweise zu 4 niedrigschwelligen Stadtteilprojekten in Sozialen Brennpunkten um. Es entstanden in Reihenfolge: der Holzhof, (heute Windmühle – Stiftung Linerhaus) Meudon 22 (VSE und Caritas), die Alte Schmiede (VSE mit Tagesgruppe Stiftung Linerhaus) und die Alte Molkerei mit dem Kuhkaff (Stiftung Linerhaus). Die Stadtteilprojekte sind als Jugendhilfeeinheiten organisiert. Das Stadtteilteam besteht aus Mitarbeitern des Allgemeinen Sozialen Dienstes und der freien Träger. Eine Kooperation zwischen öffentlichem und freiem Träger wird hier das erste Mal praktisch in einem Projekt geübt. Im gemeinsam erarbeiteten Konzept waren dies die ersten Inseln der Kooperation. Nun wurden nicht einfach Tagesgruppenkinder in eine niedrigschwelligere Struktur versetzt, dies erfolgte schrittweise durch die kleinschrittige Umwandlung von Tagesgruppenplätzen. Wenn Kinder aus den Tagesgruppen herausgewachsen sind, wurden die Mittel in die Stadtteilarbeit umgewidmet. Stadtteilarbeit auf der Basis von Dienstleistungsverträgen bedeutet mehr Planungssicherheit durch eine prospektive Projektfinanzierung für den freien Träger. Die freien Träger konnten mit den pauschalierten Finanzmitteln für die Stadtteilprojekte den Umbau finanzieren und mussten keinen finanziellen Verlust befürchten. Im Projekt werden die Kinder in einer Kernzeit von Montag bis Donnerstag nach der Schule bis in den späten Nachmittag hinein betreut. 1 ½ Planstellen zusätzlich geringfügig Beschäftigte, ABM- und BSHG-Kräften (Volunteers) stehen pro Stadtteilprojekt zur Verfügung. In einer tagesstrukturierenden Form, ähnlich der Tagesgruppe und dem Hort, werden Kinder mit Mittagessen, Schularbeitenbetreuung, Nachmittagsangeboten, Elternberatung und dergleichen versorgt. Hier erhalten sozialräumliche, niedrigschwellige Methoden und die Vernetzungsarbeit im Stadtteil einen hohen Stellenwert. Seit 1990: AG nach §78 KJHG Mit Beginn der Stadtteilarbeit haben die anerkannten Träger der freien Jugendhilfe gemeinsam mit dem öffentlichen Träger die Arbeitsgemeinschaft nach § 78 KJHG gebildet mit dem Ziel, die Gesamtplanung zu koordinieren, die Zusammenarbeit auf institutioneller Ebene zu gewährleisten und geplante Maßnahmen aufeinander abzustimmen. Die AG 78 hat in Celle eine wichtige Funktion mit empfehlender Kompetenz gegenüber dem Jugendhilfeausschuss. Hier wurden z.B. auch die Reformansätze behandelt, was zu einer gewissen konzeptionellen Breitenwirkung führte. 42

Inzwischen hat die AG 78 durch die neue Organisationsform (Planungs- und Steuerungsgruppe/FAKT) ihre strukturierende Funktion verloren und ist weitgehend „eingeschlafen“. 1995: Arbeitskreis Gemeinwesenarbeit (AK GWA) Dies ist ein Arbeitskreis, der sich zum Erfahrungsaustausch aus Fachkräften und Personen in übergeordneten Funktionen zusammensetzt. Mitarbeiter der freien Träger und des öffentlichen Trägers, die hauptamtlich sozialräumliche Arbeit praktizierten, treffen sich hier zum Erfahrungsaustausch.. Durch ein zunehmendes Interesse an der stadtteilorientierten Arbeit hat sich dieser Arbeitskreis erweitert, sodass heute hier viele neue Entwicklungen auf den Weg gebracht werden mit Empfehlung zur Beschlussfassung durch die Planungs- und Steuerungsgruppe. Sowohl interessierte Mitarbeiter als auch Leitungskräfte sind an dem Arbeitskreis beteiligt. 1996: Jugendwerkstatt Celle gGmbH 1995 gab es eine weitere wichtige Kooperationsform von freien Trägern der Jugendhilfe: Die Bildung der Jugendwerkstatt Celle als gemeinsame gGmbH. Drei freie Träger der Jugendhilfe in Celle die Stiftung Linerhaus, der VSE und das Celler Ev. Kinderheim (CEK), gründeten eine gemeinnützige GmbH als Angebot zur beruflichen Orientierung und zur Schulpflichterfüllung Jugendlicher und junger Erwachsener in Celle. Praktisch bedeutet dies, dass sich die drei Träger auf ein gemeinsames Konzept einigen mussten, eine gemeinsame wirtschaftliche und rechtliche Basis finden und das Personal und einen Geschäftsführer gemeinsam einstellen mussten, usw. Das erste Mal wurde in einer gemeinsam gewählten Struktur eine Jugendhilfeleistung erbracht, in der auch jeder ein bisschen sein institutionelles „Nähkästchen“ öffnen musste. 1997: Caritas POINT 1997 hat der Caritas-Verband Celle in einem Außenbezirk ein Stadtteilprojekt eröffnet und dort zunächst soziale Gruppenarbeit und SPFH angeboten. Neben sozialer Gruppenarbeit und Hausaufgabenbetreuung dient der Caritas Point inzwischen vor allem Müttern und Frauen als Treffpunkt mit einem niedrigschwelligen Beratungsangebot. 1997: Krähennest 1998 entstand das „Krähennest“ aus einer Kindertagesstätte in einem sozialen Brennpunkt. Hier werden Hausaufgabenbetreuung, geschlechtsbewusste soziale Gruppenarbeit und Sprachkurse geleistet. Das Projekt ist auch ein niedrigschwelliges Beratungsangebot für die überwiegend yezidisch / kurdische 43

Bevölkerung. Die Leistungen werden von verschiedenen Nutzern unter Beteiligung der Bewohner erbracht. Die Rahmenbedingungen sicherte zunächst eine Trägerkooperation ab. Inzwischen wird die Einrichtung vom VSE betreut. Die personellen Rahmenbedingungen sind etwas ungünstiger als in den anderen Stadtteilprojekten, wurden aber in den letzten Jahren ständig ausgebaut. 1998: Integra Ein weiterer Baustein der Entwicklung war sicherlich das Modellprojekt INTEGRA. INTEGRA ist aus einer bundesweiten Initiative engagierter Fachleute entstanden, die sich für eine flexible sozialräumliche Jugendhilfe einsetzten. Der Fachverband IGfH – die Internationale Gesellschaft für Erzieherische Hilfen – konnte als Projektträger gewonnen werden. Bund und Länder finanzierten das Projekt. Es entstanden 5 Modellregionen: Celle, der Landkreis Tübingen, aus den alten Bundesländern, Frankfurt/Oder, Dresden und Erfurt aus den neuen Bundesländern. Auswahlkriterium für die Regionen war, dass die Kommunen sich bereits mit eigenem Reformansatz ausgezeichnet hatten. Dies war ja in Celle bereits in weitestgehendem Maße der Fall. Celle stellte sich dieser Aufgabe mit 3 Regionalmoderatoren aus dem Kreis verantwortlicher Leitungskräfte von zwei freien und dem öffentlichen Träger im Rahmen der Förderung einer Planstelle. Unter den sich über INTEGRA bietenden Möglichkeiten konnten die vorhandenen Reformansätze vorangetrieben werden. 1999: Leitsätze der Kinder- und Jugendhilfe in Celle Die grundlegenden Inhalte wurde über INTEGRA 1999 in Leitsätze zusammengefasst und auf allen Ebenen im Kreis der Fachkräfte in der AG 78, in der Dezernats- und Amtsleitung diskutiert und schließlich im Jugendhilfeausschuss als Leitsätze der Jugendhilfe Celle verabschiedet und sind nun verbindlich für alle Jugendhilfeträger in Celle. In den Leitsätzen sind Grundaussagen zur Kooperation, zur Vernetzung, zur wechselseitigen Beteiligung zwischen öffentlichen und freien Trägern, zu Organisationsformen, zu Entscheidungsstrukturen und der Institutionalisierung einer zielorientierten Zusammenarbeit festgeschrieben. Sie sind die gemeinsame inhaltliche Plattform der Sozialraumbudgetierung, sie sind Richtschnur der inhaltlichen Steuerung und der Qualitätsentwicklung. Ab diesem Zeitpunkt (1998) haben wir uns in Celle mit Formen weitergehender Finanzierbarkeit der Modelle auseinandergesetzt. In den Stadtteilprojekten gab es schon eine Projektfinanzierung mit kleineren Stundenkontingenten für ambulante und niedrigschwellige Hilfen. Hinzu kamen noch herkömmliche Abrechnungsmodelle bei den Tagesgruppen und ambulanten Hilfen (Fachleistungsstunden). 44

2000: Alte Schmiede Vorerst gab es aber noch ein weiteres Projekt der Kooperation, die „Alte Schmiede“. Im Stadtteil Heese konnten hier der VSE und die Stiftung Linerhaus 2 nebeneinander liegende Häuser mit größerer Freifläche erwerben. Mittlerweile ist die Alte Schmiede ein Kommunikationszentrum für Kinder, Jugendliche und Bürger aus dem Stadtteil. Hier entstanden neben dem üblichen Angebot der Stadtteilprojekte weitere Angebote wie z.B. Tagesgruppe, Schülergruppe, Stadtteilcafé der Jugendwerkstatt, ehrenamtliche Schuldnerberatung, Koma Dilan, eine kurdische Tanzgruppe und vieles mehr. 2000: Trägerkooperation Celle Die Diskussion um Trägerverbünde in Celle wurde auf breiter Basis angegangen. Dies gilt in erster Linie für vereinzelte Projekte und in zweiter Linie auch für Trägerübergreifende Strukturen auf Mitarbeiterebene, auf Projektebene und auf Leitungsebene. Die 4 freien Träger der Jugendhilfe ließen Ende 2000 ihre gemeinsam gewonnenen Erfahrungen zur Kooperation in einen Trägerverbund münden, genannt Trägerkooperation Celle, um gemeinsam mit der Stadt Celle eine neue Steuerung der Jugendhilfe umzusetzen. Zur Durchführung dieses kooperativen Budgetmodells bedurfte es einer Vereinbarung der 4 freien Träger der Jugendhilfe untereinander, um die Rechtsbeziehung und die Aufgabenwahrnehmung intern zu regeln. Die freien Träger der Jugendhilfe haben sich zu dieser Trägerkooperation zusammengeschlossen, die die Trägerautonomie sichert und Vereinbarungen auf der Basis des Vertrages absichert. 2000: Arbeitskreis für Jungen- und Männerpädagogik (JuMp) Die Arbeitsgruppe „Jungen- und Männer-Pädagogik“, JuMP, hat sich Träger übergreifend auf Initiative der Mitarbeiterebene gegründet. Der größere Spielraum einer budgetierten Finanzierungsform machte dies möglich. Ausgestattet mit finanziellen Mitteln, Räumen, Know-how und der Freistellung von Fachkräften wurde die Jungenbewusste Arbeit qualifiziert. Aus Trägerperspektive sollten die wenigen männlichen Mitarbeiter gezielter für bestimmte geschlechtsspezifische Problemstellungen in der Gruppenpädagogik aber auch im Einzelfall eingesetzt werden. Der Arbeitskreis wurde zeitweise mit Trägerübergreifenden Entscheidungskompetenzen versehen. Die Mitglieder bilden heute den Arbeitskreis „Jungen-Männer-Pädagogik“. Diese Gruppe befindet sich auch wie viele andere in einem ständig währenden Veränderungsprozess und hat jetzt mittlerweile eine etwas lockere Anbindung gefunden. Zeitweise entfaltete die Gruppe eine sehr selbstbewusste Eigenständigkeit.

45

2001: Vertrag Sozialraumbudget und Qualitätsentwicklungsvereinbarung Nach fast 2-jähriger Verhandlungs- und Vorbereitungsphase startete die Trägerkooperation und die Stadt Celle am 01.01.2001 mit dem Modellprojekt Sozialraumbudget Celle. Und schließlich, um die gute Qualität der Jugendhilfe zu gewährleisten wurde ein gemeinsames Qualitätskonzept erstellt, das sowohl für die freien als auch für die öffentlichen Träger verbindlich ist. Diese Verbindlichkeit wird in einer gemeinsamen Qualitätsentwicklungsvereinbarung abgesichert. 2002 – 2005: Modellförderung durch das Land Niedersachsen Nach dem Ausstieg der Stadt Celle aus dem INTEGRA-Modellprojekt im Jahre 2001 konnte das Land Niedersachsen für eine weitere Förderung gewonnen werden und startete im Jahr 2002 das Modellvorhaben „Sozialräumliches Arbeiten und Sozialraumbudgetierung in der Jugendhilfe am Beispiel der Stadt Celle“. Der Gesamtumfang des Projektes mit seinem alle Bereiche der Jugendhilfe umfassenden Ansatz und seiner Bedeutung für Niedersachsen und darüber hinaus begründete seinerzeit den Antrag auf Förderung. 2003: Schüler helfen Schülern Der Name des Beteiligungsprojektes des VSE ist Programm: Unter der Anleitung älterer engagierter Gymnasiasten erhalten kurdische Kinder in 2 Grundschulen Schularbeiten- und Freizeitbegleitung. Neben der regelmäßigen Erledigung der Hausaufgaben und der zahlreich entwickelten Freizeitaktivitäten spielt das gemeinsame interkulturelle Erleben eine große Rolle. Seit 2003 ist das Projekt fester Budgetbestandteil der sozialräumlichen Arbeit (s. Kap.: 4.5.2). 2004: Celler Familienkrisendienst (CFKD) Seit Herbst 2004 führten die langjährigen Verhandlungen mit der Stadt Celle zur Einführung des CFKD. Ähnlich anderen Modellen (Familien Aktivierendes Management und Familie Im Mittelpunkt) war es vor allem der Bremer Familienkrisendienst, der mit seiner Arbeit Vorbildfunktion hatte. Die freien Träger bilden auch hier eine Kooperation zur Umsetzung und Durchführung dieses Arbeitsansatzes, der die Funktion einer intensiven Klärung im familiären Kontext bei angezeigter Fremdplatzierung beinhaltet. In einer sechswöchigen Intensivphase werden die Konflikte thematisiert und gemeinsam mit den pädagogischen Fachkräften nach Lösungsalternativen gesucht (s. Kap.: 6.4). Budgetentwicklung Hier noch mal einige Worte zur Budgetentwicklung. Das Budget sollte zunächst in einem Modellbezirk erprobt werden. Die Schaffung von Parallelstrukturen aber, insbesondere im Abrechnungsverfahren und in der Alltagsarbeit, ließen die 46

Verantwortlichen von einer Erprobung in einem Modellbezirk abrücken. Das Sozialraumbudget wurde so von Anfang an auf das Gesamtgebiet der Stadt ausgerichtet. Die Vorteile dieser Entscheidung waren: - gleiche Ausgangsbedingungen für alle Bezirke (in Modellprojekten entstehen häufig Konkurrenzen zwischen alten und neuen Modellen.). - Die Erprobung einer einheitlichen Finanzierungsform und - die Überprüfung im Echtbetrieb. „Beim Geld hört der Spaß auf“. Diese Erkenntnis mussten auch die Akteure machen, als es um die Festlegung des Finanzierungsmodells ging. Orientiert an dem Stuttgarter Modell wurde ein Finanzierungsmodell entworfen, das mehr als 1 Jahr von den Beteiligten diskutiert und entwickelt wurde. Der ursprüngliche Modellbeginn wurde um ein halbes Jahr auf den 01.01.2001 verschoben, weil die beteiligten Träger die Rahmenbedingungen noch nicht ausreichend geklärt hatten. Die Vertragsparteien einigten sich bei der Zugrundelegung der finanziellen Modalitäten auf das Rechnungsjahr 1999, weil zu Beginn des Modellversuchsjahres 2001 das Rechnungsergebnis des Jahres 2000 noch nicht vorlag. Zur Bemessung der Finanzierung und der Marktanteile der freien Träger wurde das Rechnungsergebnis auf der Grundlage der tatsächlich in 1999 an die freien Träger gezahlten Finanzmittel ermittelt. Mit diesem Verfahren waren die im Rahmen eines Rechnungsjahres üblichen Überschneidungen zum Jahresende bereinigt. Hier hatten wir den ersten Fehler eingebaut. Die Erkenntnis war, dass die Grundlage der Budgetbemessung möglichst zeitnah an das Jahr angepasst werden sollte, in dem das Sozialraumbudget auf den Weg gebracht werden soll. Die Praxis zeigte, dass die Marktanteile 1999 erheblich von den Marktanteilen 2000 abwichen, sodass die freien Träger im Modelljahr ihre Marktanteile untereinander anpassen mussten und der öffentliche Träger auf Grund höherer Rechnungsergebnisse im Jahr 2000 ca. 30.000 € als Aufstockung des Budgets in Aussicht gestellt hatte. Es spricht für die Trägerkooperation, dass die einmal festgelegten Marktanteile unter Berücksichtigung der Rechnungsergebnisse 2000 verändert werden konnten, ohne dass die Kooperation gesprengt wurde. Die Berechnung der Budgetanteile des Jahres 2001 auf der Grundlage des Jahres 1999 sollte die freien Träger vor der Situation bewahren, einerseits Gespräche über Kooperation zu führen und andererseits um die Marktanteile zu konkurrieren. Es hat sich andererseits aber gezeigt, dass eine zeitnahe Ermittlung der Marktanteile auf der Grundlage des Jahres 2000 verlässlicher gewesen wäre und die Nachverhandlungen erübrigt hätten. Die Arbeit der Stadtteilprojekte (1,5 Planstellen je Sozialraum) werden im Rahmen der anfallenden tatsächlichen Personalkosten abgerechnet, während die fallspezifischen Leistungen außerhalb der Projekte auf der Grundlage der Nettofachleistungsstunde abgerechnet werden. Dieser Stundensatz wurde statt der 95%igen Auslastung nun mit einem 100%igen Auslastungssatz verhandelt, weil in einem Budget jeder Mitarbeiter zu 100 % eingesetzt werden kann. Fallen we47

niger Fachleistungsstunden an, so können sich die Fachkräfte im Stadtteilprojekt nützlich machen, sozialräumlich arbeiten oder sich für infrastrukturelle Veränderungen einsetzen. So führt die Veränderung der Kosten der Fachleistungsstunde nicht zu einer anteiligen Reduzierung des Budgets. Mit diesem Entgegenkommen deckte der öffentliche Träger einen Teil des Entwicklungsaufwandes der freien Träger ab. Zudem wurde ein erheblicher Teil der Entwicklungsarbeit durch das Modellprojektes INTEGRA geleistet. Zusammenfassung der regionalen Ausgangslage in Celle Die regionale Ausgangslage in Celle war geprägt durch ein bereits vorhandenes Geflecht fallunspezifischer, niedrigschwelliger Hilfeangebote in Stadtteilprojekten, die bereits als Teilbudget finanziert wurden. Unter diesen Voraussetzungen war der nächste Schritt einer flächendeckenden Budgetierung im Gesamtstadtgebiet nicht mehr so groß. Gleichzeitig war die regionale Ausgangslage geprägt durch einen intensiven Austausch zwischen dem öffentlichem und freien Trägern und teilweise gemeinsamen Entwicklungen in gemeinsamen Arbeitskreisen. Ein dritter wichtiger Faktor ist sicherlich das Engagement der Akteure. Die Gesamtverantwortung bleibt beim öffentlichen Träger. Die freien Träger der Jugendhilfe sind aber an der Gesamtverantwortung beteiligt. Die politische Verantwortung verbleibt in den politischen Gremien. Die Minimierung von Trägerkonkurrenz führt dazu, dass die positiven Wirkungen von Konkurrenz wie Marktorientierung, Dienstleistungsorientierung als Wettbewerb in anderer Form hergestellt werden müssen. Dies ist nur über ein wirksames Controlling möglich und führt dazu, dass der Wettbewerb als kritischer Dialog über Inhalte geführt werden kann. Rückblick Nach nunmehr fast 5 Jahren Erfahrung mit dem Budgetmodell haben sich die erhofften Wirkungen zum großen Teil eingestellt. Dies sind insbesondere: - die Flexibilisierung des Erziehungshilfeangebotes, - die Implementierung sozialräumlicher Arbeitsweisen, - die Schaffung niedrigschwelliger Angebote im Vorfeld erzieherischer Hilfen, - die Einführung einer adressatenorientierten Hilfeplanung, - die Einführung eines effektiven Controllings mit den 4 Modulen Adressatenbefragung, gegenseitige Mitarbeitereinschätzung, Finanzcontrolling und Controlling Stadtteilprojekte. - Die Einrichtung von 6 Stadtteilprojekten, aus denen heraus lebensweltnah erzieherische Hilfen geleistet werden können. - Eine zielgerichtete Steuerung erzieherischer und infrastruktureller Hilfen, 48

- der Ausbau gruppenpädagogischer Maßnahmen und gemeinwesenorientierter Ansätze. 3.

Hilfeplanverfahren

Die Hilfeplanung ist das zentrale Steuerungsinstrument Rechtsanspruchsbegründender Erziehungshilfen. Vielfältige Vorstellungen bestehen hinsichtlich der Gestaltung dieses Planungs- und Steuerungsinstrumentes. Die Durchführung der Hilfeplanung und die Anzahl der Beteiligten am Hilfeplanprozess sind örtlich sehr unterschiedlich (s. Kap. 3.2). Die Entwicklung des Verständnisses von Professionalität im Verfahren geht von Adressatenorientierung über Aushandlungsprozess bis hin zu Analyse- und Diagnoseverfahren (s. Kap. 3.3). Aus Sicht des Adressaten kann das Hilfeplanverfahren als Prozess weitgehender Selbst- oder Fremdbestimmung aufgefasst und bewertet werden. (s. Kap. 3.5). Im Falle von Kindeswohlgefährdung bestehen unterschiedliche Auffassungen bezüglich des Spannungsfeldes von Elternrecht im Hilfeplanverfahren und dem Wächteramt (s. Kap. 3.4). Eine große Bandbreite besteht im Verhältnis zwischen Leistungsgewährer (Jugendämter) und Leistungserbringer (meist: freie Träger der Jugendhilfe) in der Übernahme von Verantwortung. Wir finden teilweise sehr hierarchisch gegliederte Kooperationsbeziehungen, aber auch Kooperation auf Augenhöhe (s. Kap. 3.7). Die Trägervielfalt in einzelfallfinanzierten Hilfen wird unter dem Gesichtspunkt von Wettbewerb und Marktwirtschaft als Grundwert unserer Wirtschaftsordnung verteidigt. Die Herstellung von Trägervielfalt im Budgetmodell ist jedoch ebenso möglich (s. Kap. 3.8). Die Versäulung von Erziehungshilfen wird durch immer stärkere Spezialisierung vorangetrieben, andererseits kann auch durch ganzheitliche, flexible Konzepte eine größere Vielfalt von Möglichkeiten entstehen (s. Kap. 3.9). In Modellen flexibler Hilfe verschwimmen die Unterscheidungen von „fallspezifisch und fallunspezifisch“. Dies ist so nur in einem Budgetmodell möglich (s. Kap. 3.10 und 3.12). Der Hilfeplan wird als Kostensteuerungsinstrument (als Anlage zum Bescheid zur Legitimierung des Rechtsanspruchs) oder als pädagogisches Steuerungsinstrument (Sinndimension)72 interpretiert. 72

s. Klatetzki, a. a. O. S. 325

49

Es gibt also ein breites Spektrum von Auffassungen und Praxen die über alle Jugendämter der Republik verteilt sind. In den folgenden 12 Kapiteln ist der Versuch unternommen, die Hilfeplanung vor dem Hintergrund spezifischer Leitsätze und einer sozialräumlichen Budgetierung zu beschreiben und zu reflektieren. 3.1

Adressatenorientierung – Versuch einer systematischen Einschätzung

Die Tatsache, dass über die Haltung der Fachkräfte zur Adressatenorientierung heute, 6 Jahre nach Formulierung der Leitsätze noch diskutiert wird, z. B. aus Anlass der Ergebnisse der Adressatenbefragung (s. Kap. 7.4) zeigt, dass es in der Praxis immer noch Gesprächsbedarf über Grundhaltungen zur Sozialen Arbeit gibt. Die aus persönlichen Haltungen heraus entwickelten Sichtweisen sind sicherlich das schwierigste Feld von Mitarbeiterführung zwischen Aufsicht, Corporate Identity, Vertrauen und Eigenverantwortung. Im Leitbild wird im Zusammenhang mit dem Leitziel „Selbstbestimmung“ noch das Wort „Aushandlungsprozess“ verwendet, was darauf hindeutet, dass aus dem Adressatenwillen und den fachlichen Ansprüchen ein Kompromiss erarbeitet werden müsse und man sich auf „halber Strecke“ mit seinen Vorstellungen entgegenkommen könne. Inzwischen hat sich dieses Verständnis insbesondere in der Leitungsebene des öffentlichen und der freien Träger eindeutig zugunsten einer stärkeren Adressatenorientierung verändert. Es wird an diesem Beispiel deutlich, dass sich der Fokus des „offiziellen Selbstverständnisses“ im Laufe der Zeit verändert. Haltungen und Grundeinstellungen scheinen sich trotz umfänglicher Fortbildungen nur schwer zu verändern. Dabei sollte allerdings berücksichtig werden, dass die Fachkräfte sich in vielen Bereichen (Sozialräumlichkeit, kollegiale Trägerkooperation, Ressourcenorientierung etc.) sehr positiv mit den Konzepten auseinandergesetzt haben und diese hervorragend umsetzen. Nur an manchen Stellen treffen Theorie, Leitungssicht und Alltagspraxis nach wie vor konflikthaft aufeinander. Im Folgenden soll der Versuch gemacht werden, die Frage der Adressatenorientierung methodisch aufzubereiten. Dazu wird folgendes Modell gewählt, das zwischen den beiden Polen „Adressatenorientierung“ (Lebenswelt) und „Gesellschaftsorientierung“ (System)73 eine Einschätzungsskala anbietet.

73

Im Sinne der Terminologie von Habermas

50

Abb. 7 :

Kriterien der Hilfeplanung und Hilfegestaltung

Aus Fachsicht:

Adressatenorientierung [Hilfe orientiert sich ausschließlich am Adressatenwunsch soweit nicht unverhältnismäßige Mehrkosten (§ 5 Abs. 2, S. 1) entstehen] ASD berät den Adressaten bei seinen Entscheidungen

Modifizierte Adressatenorientierung (Hilfe orientiert sich überwiegend am Adressatenwunsch und nur teilweise an fachlichen Gesichtspunkten)

Aushandlungsprozess (Hilfe ist das Ergebnis von 50 % Adressatenwille und 50 % Fachlichkeit)

Modifizierte Fachorientierung (Hilfe wird überwiegend an fachlichen Gesichtspunkten der Sozialarbeit ausgerichtet)

Ausschließliche Fachorientierung (Der ASD formuliert die Anforderungen an die im Einzelfall gebotene Hilfe ohne Berücksichtigung des Adressatenwunsches

Aus gesellschafltspolitischer Sicht:

Individuelle Hilfe

Individuelle Hilfe mit geringer gesellschaftlicher Interessenquote

Geteilte individuelle Hilfe/gesellschaf tliche Interessenquote

Überwiegend gesellschaftliche Interessen

Ausschließlich Gesellschaftlicher /sozialpolitisc her Auftrag

Aus Sicht des Dienstleistungsmodells:

Adressat ist Kunde und bestimmt Art und Weise der Inanspruchnahme der Dienstleistung

Adressat ist Kunde; Leistungsfinanzierer (Steuerzahler, Gesellschaft) hat in geringem Maße Einfluss auf die Kundenentscheidung

Adressat und Leistungsfinanzierer (Steuerzahler, Gesellschaft) sind zu gleichen Teilen Kunde

Leistungsfinanzierer (Steuerzahler, Gesellschaft) ist Kunde und Auftraggeber

Aus Adressatensicht:

Selbstbestimmung

Modifizierte Selbstbestimmung

Selbst- und Fremdbestimmung zu gleichen Teilen

Leistungsfinanzierer (Steuerzahler, Gesellschaft) ist Kunde, Adressat hat in geringem Umfang Einfluss auf die Maßnahmeentscheidung Modifizierte Fremdbestimmung

3.2

Fremdbestimmung

Umgang mit Information

Viele Anhänger einer vernetzten Hilfeplanung streben unter dem Stichwort sozialräumlicher Netzwerkarbeit die frühzeitige gegenseitige Information und enge Zusammenarbeit zwischen öffentlichen Trägern (Leistungsgewährer) und freien Trägern (Leistungserbringer) an. Unter präventiven Gesichtspunkten wird der Sozialraum für die professionelle Sozialarbeit zum Informationsraum als Frühwarnsystem und zur Identifikation abweichender Entwicklungen.

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Müssen daher alle Fachkräfte im Sozialraum alles wissen? Muss jedes Hilfeplandetail allen Sozial(raum)arbeitern bekannt sein? Teilweise drängt sich diese Sichtweise im Zusammenhang mit Sozialraumkonzepten auf. Nach unserer Ansicht besteht jedoch gerade in sozialräumlichen Konzepten die Gefahr einer Kolonialisierung von Lebenswelten74. Datenschutzbelange, die auch immer den Schutz der Privatsphäre beinhalten, müssen berücksichtigt bleiben. Adressatenorientierung bedeutet im Sinne unserer Leitsätze immer auch Schutz der Privatsphäre, professionelle Zurückhaltung und Respekt vor der Lebenssituation anderer. Sozialräumliches Arbeiten bedeutet nicht, den Ring um potentielle Problemfamilien enger zu ziehen. Elf Mitarbeiter in einer multiprofessionell und multiinstitutionell sozialräumlich ausgerichteten Helferkonferenz75, die über eine „notwendige und geeignete“ (§ 27 SGB VIII) Einzelfallhilfe entscheiden sind sowohl ökonomisch, datenschutzrechtlich (bearbeitende Stelle) als auch inhaltlich und methodisch-fachlich entschieden zu viel. Auch wenn die Betroffenen dem Arrangement mittels Schweigepflichtsentbindung zugestimmt haben ist dies kein Argument für eine solche Veranstaltung. 3.3

Kinder und Familien im Aushandlungsprozess

Jugendhilfe ist ein sozialpädagogisches Angebot mit Rechtsanspruch des Adressaten. Adressatenorientierung als Qualitätsmerkmal muss dem Adressaten die Chance eröffnen, die Hilfeplanung in seinem Sinne beeinflussen zu können. Dies trifft nicht nur für die leistungsberechtigten Eltern, sondern auch für deren Kinder zu. Sie sind häufig in erster Linie „Betroffene“ der Hilfen. Sie sind daher nicht nur in den Aushandlungsprozess fördernd einzubeziehen, sondern ihre Hilfeerwartungen und Vorstellungen sollen zur Grundlage der Hilfeplanungen gemacht werden, an ihre Vorstellungen von Hilfefortschritt und Zielerreichung ist anzuknüpfen. 74

Die Gefahr der Kolonialisierung von Lebenswelten hat bereits der 8. Jugendbericht aufgegriffen In der Veröffentlichung der Stadt Frankfurt/Oder wird dazu ausgeführt:„ Das Stadtteilteam setzt sich zusammen aus allen Mitarbeitern des ASD Teams, einem Mitarbeiter der wirtschaftlichen Jugendhilfe, dem Vertreter der Jugendgerichtshilfe und je einem Mitarbeiter der (zum Projektbeginn ansässigen) HzE-Träger des ASDGebietes sowie einem Mitarbeiter der Caritas-Beratungsstelle. (Namen der Mitarbeiter siehe Anlage 1)“ Soweit das Zitat. Die Anlage 1 besteht aus einer Anwesenheitstabelle, die Platz für 11 (!) Beratungsteilnehmer bietet. s. Leitner, Hans/Richter, Hanka, Eine Stadt bewegt sich! – Über die Entwicklung integrierter, flexibler und regionalsierter Hilfen zur Erziehung; Frankfurt Oder, Eigenverlag S. 93 Ohne die zweifellos guten Ergebnisse des INTEGRA-Prozesses in Frankfurt/Oder schmälern zu wollen, darf doch darauf hingewiesen werden, dass dort die Entscheidungen über Erziehungshilfen in einem Rahmen getroffen werden, der unter den Gesichtspunkten der Celler Leitsätze nicht zulässig wäre.

75

52

3.4

Jugendhilfe ist auch im Wächteramt adressatenorientiert

Deutlich ist zwischen dem Dienstleistungs(an)gebot der Hilfen zur Erziehung und dem Wächteramt bei Kindeswohlgefährdung zu unterscheiden. In Fällen von Kindeswohlgefährdung ist die Beziehung zwischen Adressat und „Wächter“ eine deutlich andere. Salgo76 macht jedoch darauf aufmerksam, dass der Widerspruch zwischen Hilfeorientierung und Eingriffsorientierung „kein Gegensatzpaar, sondern unterschiedliche, je nach Sachlage sogar gleichzeitig oder sukzessiv einzusetzende Bewältigungsstrategien“77 sind. Adressatenorientierung in Fällen von Kindeswohlgefährdung ist somit immer auch Kinderschutz und kein Gegensatz zum Wächteramt. Das Doppelmandat bleibt auch beim Sozialraummodell erhalten. 3.5

Entscheidungen nicht „für“ sondern „mit“ dem Adressaten

Die Fachkonferenz/Helferkonferenz, oder wie auch immer die vorbereitenden Runden bezeichnet werden um dem Rechtstatbestand des „Zusammenwirkens mehrerer Fachkräfte“ zu gewährleisten, ist im Celler Sozialraumbudgetmodell nicht mehr der Raum, in dem sich Fachkräfte in kreativer, aber zuweilen auch recht spekulativer Sinnstiftung Gedanken über einen Fall machen, den sie von der fallzuständigen Fachkraft subjektiv geschildert bekommen und deren Akteure dem Team mehrheitlich nicht persönlich bekannt sind. Häufig werden die Adressaten nicht einmal nach Größe, Wesensart usw. beschrieben, während die Beziehungsgeflechte der für die meisten Anwesenden anonymen Akteure intensiv diskutiert werden78. Adressatenorientierung folgt hier eindeutig einem „Kundenmodell“, obwohl die Bezeichnung „Kunde“ ein wirtschaftliches Beziehungsmuster beschreibt, das pädagogischer Hilfeleistung nicht gerecht wird und eher eine neoliberale Einstellung zur Sozialarbeit verkörpert. „Kundenmodell“ unter dem Gesichtspunkt von Adressatenorientierung bezieht sich hier auf die Möglichkeit des „Kunden“ eine Dienstleistung in Form, Art und Maß zu bestimmen, unter Berücksichtigung der gesetzlichen Bestimmungen, die den Adressaten zu einer notwendigen und geeigneten Hilfe hinführen, aber auch den Leistungsfinanzierer vor Maßlosigkeit schützen sollen. Es gibt keinen eigenständigen Erziehungsauftrag des 76

Salgo, L: „Helfen mit Risikominimierung“ für das Kind S. 25. In: Jugendämter zwischen Hilfe und Kontrolle, Sozialpädagogisches Institut im SOS –Kinderdorf e.V. (Hg), München 2001 77 Salgo, a.a.O. 78 Leider greift der Abschlussbericht des Integra-Modellprojektes diese Kontroverse mit seinen Auswirkungen auf die Praxis des Hilfeplanverfahrens nicht auf, sondern stellt die beteiligten Modelle unkommentiert nebeneinander. s. Abschlußbericht INTEGRA

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Gesetzgebers an das Jugendamt oder einen fachlichen Anspruch auf eine lokal oder übergreifend übliche Form von Pädagogik. Immer bestimmen im Erziehungsprozess in erster Linie die Eltern die Pädagogik und die Kinder sind im Rahmen ihrer Möglichkeiten und Rechte frühzeitig zu beteiligen. 3.6

Hilfeplanverfahren unter Budgetbedingungen

Die Diskussion der o. a. Fragen hat im Jugendamt Celle zu einem differenzierten Umgang mit dem Ablauf der Hilfeplanung unter besonderer Wertschätzung der Adressatenbeteiligung (i. S. der Leitsätze) geführt. Dies kommt auch im Hilfeplanverfahren zum Ausdruck:

54

Abb. 8: Ablauf des Hilfeplanverfahrens im Jugendamt der Stadt Celle Stadt Celle Stadt Celle JugendJugend-und und Sozialamt Sozialamt

Hilfeplanverfahren

512 512

Adressat

1. Exploration, Information des Adressaten Gemeinsamer Hilfeentwurf

ASD-Fachkraft Fachkonferenz

2. Rückmeldung an ASD-Fachkraft - Prüfung des Vorschlags gemeinsam mit dem Adressaten 4.

ausschließlich ASD: Prüfung des Hilfeentwurfs, Bedarfskonkretisierung 3.

Hilfeplangespräch Ausgestaltung der Hilfe durch Adressat, ASDFachkraft und Betreuer 5.

Trägergremium

ausschließlich Trägerkooperation: Fallverteilung, Mitarbeiterauswahl, Prüfung der vorhandenen Ressourcen,

Überprüfung des Hilfesettings Anpassung der Hilfe nach 6 Wochen

Hilfeplangespräch

Vor dem erneuten Hilfeplangespräch: Beratung ASDAdressat zum Hilfeverlauf

Überprüfung spätestens nach 6 Monaten durch Adressat, ASD und Betreuer

Fachkonferenz im ASD nur 1xjährl.

6.

Erläuterungen zur Abb. 8: a. Exploration Zunächst tritt nur der fallzuständige ASD-Mitarbeiter mit dem Adressaten in Kontakt um • eine Exploration zu erstellen, • die Möglichkeiten der Hilfe zu erkunden und

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• ein gemeinsames Hilfeplankonzept zu erstellen, das vor allem die Vorstellungen der Adressaten berücksichtigt.79 b. Fachkonferenz Das Hilfeplankonzept wird in der Fachkonferenz der ASD Mitarbeiter80 (in der Regel 3 Personen) lediglich auf die „Fallangemessenheit“ überprüft.81 An der Fachkonferenz nehmen lediglich die Fallführende Fachkraft, deren Vertretung und der Fachverantwortliche teil. Das Ergebnisprotokoll und die sich daraus ergebenden Rahmenbedingungen der Fallführung (Stundenanteile, Ressourcen, Mitarbeiterprofil) werden dem Trägergremium durch den Fallführenden Sozialarbeiter schriftlich (per Vordruck82) mitgeteilt. c. Trägergremium Nach der Fachkonferenz wird der Erziehungshilfebedarf dem Trägergremium im Stadtteil, das ausschließlich aus Mitarbeitern freier Träger besteht (Sozialraumsprecher und jeweils ein Vertreter jedes weiteren im Stadtteil tätigen freien Trägers) weitergemeldet (2-3 Fachkräfte). Das Trägergremium überprüft lediglich, ob die personellen und sächlichen Möglichkeiten zur Hilfedurchführung zur Verfügung stehen. Im Trägergremium wird der Fall nicht noch einmal neu diskutiert. Ausgangspunkt für das Trägergremium ist lediglich • der Bedarf, • der Einbezug von sozialräumlichen Ressourcen und • der Auftrag zur Herstellung eines flexiblen Hilfesettings.

79

Das Sozialraumbudget ermöglicht hier eine ganz andere Aufgabenzuschreibung der Beteiligten. Der ASD ist nicht mehr in erster Linie Leistungsgewährer, der Bedarf und finanziellen Spielraum definiert. Er ist zunächst frei von einschränkenden Finanzierungsüberlegungen und muss nicht wie beim Fachleistungsstundenmodell mit dem Leistungserbringer um Stundenanteile feilschen, sondern kann sich ausschließlich auf die Eignung und Notwendigkeit der Hilfe, sowie den Adressatenwillen und pädagogische Gesichtspunkte konzentrieren. Der freie Träger hat im Hilfeplanverfahren nicht mehr darauf zu achten, den Auftrag zur Absicherung der Trägerexistenz zu erhalten. Hilfeplanungen werden im Budgetmodell nicht mehr durch marktwirtschaftliche Nebenkriegsschauplätze z. B. Ungleichgewicht von Leistungsgewährer (Macht über Trägerauswahl, Umfang und Kosten) und Leistungserbringer (Bittstellerrolle) belastet; sozialpädagogische Überlegungen können somit stärker Platz greifen. Der ASD befindet sich unter Budgetbedingungen zum Adressaten im Hilfeplanverfahren in der Rolle eines Beraters. 80 Das Zusammenwirken der Fachkräfte bezieht sich in dieser Phase der Entscheidung über die geeignete und notwendige Hilfe ausschließlich auf das Jugendamt. s. Münder; J.: Sozialraumorientierung und das Kinder- und Jugendhilferecht, Rechtsgutachten im Auftrag von IGfH und SOS-Kinderdorf e.V. In: Sozialpädagogisches Institut im SOS-Kinderdorf e. V. (Hg): Sozialraumorientierung auf dem Prüfstand. München 2001, S. 77ff. 81 Hier soll nicht die gesamte Fallgeschichte diskutiert werden. Natürlich steht bei Bedarf (aber nur dann) die Möglichkeit kollegialer Beratung oder externer Supervision zur Verfügung. Münder hat in seinem Rechtsgutachten (Münder a.a.O.) über das Sozialraumbudget nochmals unterstrichen, dass die Entscheidung über die Hilfe ausschließlich beim öffentlichen Träger liegt. Demokratische Abstimmungsmodelle zwischen den Beteiligten (öff. Tr., fr. Tr., Jugendhilfeplanung, wirtsch. Jugendhilfe, Leitung, Adressaten oder wem auch immer) sind im SGB VIII nicht vorgesehen und rechtlich wohl auch nicht haltbar (Stichwort: Verantwortlichkeiten stärken!). 82 Vordruck s. Anlage 3

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Müssen aus Sicht des Trägergremiums Anpassungen vorgenommen werden oder werden neue Perspektiven und kreative Möglichkeiten entwickelt, beginnen Verhandlungen mit dem ASD, der sich mit dem Adressaten über die Akzeptanz des veränderten Vorschlags berät. d. Hilfeplangespräch Sodann erfolgt die Hilfeplankonferenz, in der die unmittelbar Beteiligten (fallzuständiger ASD-Mitarbeiter, Betreuer, Adressaten zuzüglich der von ihnen einvernehmlich gewünschten weiteren Beteiligten) die Ziele konkretisieren und Absprachen treffen. e. Überprüfung des Hilfesettings auf Fallangemessenheit Nach 6 Wochen wird die Umsetzung des Hilfesettings überprüft und evtl. verändert. Erst jetzt gilt die Einstiegsphase in das Hilfeplanverfahren als abgeschlossen83 3.7

Verantwortung teilen

Was ist anders? Anstelle einer frühzeitigen Verständigung von öffentlichem und freien Trägern der Jugendhilfe über den Hilfebedarf bringt im Celler Hilfeplanmodell jeder Beteiligte seine spezifische Funktion und Verantwortung ein: • Der Adressat seine Verantwortung für Zielsetzung, Art und Umfang der beantragten Hilfeleistung sowie seinen Anteil am Prozess der Leistungserbringung (uno actu), den er wesentlich selbst bestimmt, schließlich sind die Eltern sorgeberechtigt und die Kinder sind altersangemessen zu beteiligen. • der ASD seine Verantwortung für die Hilfeplanung und die Unterstützung des Adressaten i. S. einer „Verbraucherberatung“84, 83

Die 6-Wochenfrist zur Hilfeüberprüfung wird als wichtige Reflexionsmöglichkeit noch nicht ausreichend im Verfahren berücksichtigt, weil in dieser Phase fallzuständige Mitarbeiter Fragen zu reflektieren haben, wie z. B.: „Liegt mir die Familie? Wo habe ich Schwierigkeiten? Ist das angestrebte Hilfeziel realistisch und überhaupt erreichbar?“ Mitarbeiter berichten aus der Erfahrung, dass diese Fragen nicht exakt nach 6 Wochen sondern auch früher oder später auftauchen können, sodass die zeitlich gefasste 6 Wochenfrist nur ein Anhaltspunkt sein kann. 84 Die Bezeichnung „Verbraucherberatung“ hat im ASD Entrüstung ausgelöst. Der ASD Leitung wurde vorgeworfen, den hohen Anspruch an die sozialarbeiterische Fachlichkeit und Verantwortlichkeit mit der Verwendung dieses Begriffes zu missachten. Dabei sollte der begriffliche Querverweis lediglich die starke Position des Adressaten herausstellen: Der ASD als fachlicher Berater des Adressaten bei der Inanspruchnahme der Dienstleistung eines freien Trägers der Jugendhilfe. Im Zusammenhang mit dieser Diskussion wurde offensichtlich, dass der ASD für sich mehr in Anspruch nimmt, als die ausschließliche Fallbegleitung. Der ASD ist weiterhin Motor der Hilfe und formuliert fürsorglich auch weiterhin Hilfeziele für den Adressaten, weil diese „das nicht können“, „nicht wissen, was für sie gut ist“ „wir die Ziele doch im Rahmen des Wächteramtes bestimmen müssen“ „Adressaten zur Zielformulierung und zielgerichteten Mitarbeit nicht in der Lage sind“ etc. Hier wird eine ernst zu nehmende Schnittstelle zwischen Adressatenorientierung und fachlich/fürsorglicher (Fremd)bestimmung deutlich. Dies kann dazu führen, dass bei näherem Hinsehen die fachliche Entscheidung in der Fachkonferenz oft gar nicht auf der Grundlage des zwischen fallzuständiger Fachkraft und Adressaten ausgehandelten Hilfeentwurfs getroffen wird. Gesagt wird, dass der Adressatenwille im Verfahren berücksichtigt werde. Offensichtlich wurde

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• der ASD seine Verantwortung für den Kinderschutz (Wächteramt), • die freien Träger (Trägerkooperation) ihre Verantwortung für die notwenige Bereitstellung von Ressourcen und die Prüfung der Möglichkeiten im Rahmen des Budgets, • der Bezugsbetreuer/Familienhelfer seine Verantwortung für den Fallverlauf und für den Erfolg der Hilfeleistung, der durch Beziehungskontinuität, Einsatz von Methoden, weiteren Ressourcen etc. sicherzustellen ist. Die Akzeptanz für dieses Modell der Hilfeplanung war bei den Mitarbeitern im ASD Celle nicht von Anfang an vorhanden. Der frühzeitige Austausch über einen Fall unter großer Beteiligung weiterer Fachkräfte gibt den Beteiligten das Gefühl persönlicher Sicherheit und Gemeinsamkeit. Das Adressatenorientierte Modell berücksichtigt stärker die unteilbaren Verantwortlichkeiten der einzelnen Akteure. Im Übrigen muss kein Mitarbeiter mit seinem Problem allein stehen, da Supervision, Fachberatung und kollegiale Beratung im Einzelfall immer möglich ist. Die Vorteile des Adressatenorientierten Modells sind inzwischen von den Fachkräften weitgehend akzeptiert. Es ist jedoch notwendig, immer wieder an die Leitsätze zur Adressatenorientierung zu erinnern. Die neuen Modelle flexibler Erziehungshilfe lassen sich bei allen formalen Voraussetzungen und Qualitätsindikatoren besonders daran messen, in welcher Form der Adressatenwille in die Hilfeplanung tatsächlich eingeflossen ist. Dies ist eines der entscheidenden Qualitätsmerkmale sozialpädagogischen Handelns überhaupt. Damit ist nicht gemeint, dass in allem dem Adressatenwillen gefolgt werden muss. Sicherlich gibt es eine Grenze aus fachlicher Sicht, die bestimmte Ideen als nicht mit dem Gesetz vereinbar, nicht praktikabel oder als die Rechte beteiligter Angehöriger einschränkend oder gefährdend abzulehnen sind.

aber sehr viel stärker auf die eigenen fachlichen Aspekte gesetzt als dies bei strenger Betrachtung der Leitsätze und des Ablaufschemas (s. Abb. 8) zu erwarten wäre. Werden hier Haltungen konserviert, die den Leitsätzen entgegenstehen? Es wird seitens der ASD-Leitung eingestanden, dass der Diskurs über diese Frage erst spät thematisiert wurde und so Handlungsroutinen die Entwicklung überdauern konnten. Zurzeit scheint manchmal eher eine Adressatenwertschätzung als eine selbst bestimmte Hilfe möglich zu sein. Eine teilweise durchaus sinnvolle Fürsorglichkeit steht mit der (Verbraucher)Beratungsrolle im Widerstreit. Vielleicht ist das dargestellte Modell in Bezug auf die Rolle des ASD und den hohen Anspruch an die Adressatenselbstbestimmung zu optimistisch. Dieser Ansicht sind im Übrigen der Beirat und die Leitungsebnen der freien Träger der Jugendhilfe nicht. Es gilt weiterhin auch für die Praxis der Satz, dass jeder, der ein Problem hat auch grundsätzliche Vorstellungen einer Lösung hat, an denen methodisch angeknüpft werden kann. Es besteht an diesem Punkt noch Klärungsbedarf in der Praxis.

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Insgesamt ist jedoch der Adressatenwille die Voraussetzung und Richtschnur für sozialarbeiterisches Dienstleistungshandeln im Celler Modell. 3.8

Trägervielfalt im Sozialraum sichert Qualität

In einem Modell, das Träger auf ein gemeinsames übergreifendes Leitbild verpflichtet, könnte, so die Einlassungen einiger Kritiker, die Trägervielfalt leiden. Wie also stellt sich das Problem in der Praxis dar? In einer Umfrage unter ASD-Mitarbeitern wurde deutlich, dass den vier freien Träger der Jugendhilfe in Celle durchaus weiterhin spezifische Trägerprofile zugeschrieben werden. In Sozialräumen, in denen nicht alle Träger vertreten waren, forderten die ASD Fachkräfte die Profile dieser Träger ein.85 Trägerpluralität ist ein wichtiges Qualitätsmerkmal. Es gibt bei den ASD-Mitarbeitern persönliche Vorlieben, die sich auf das Trägerprofil beziehen aber auch auf Erfahrungen gründen. Das Budgetmodell gibt dem Mitarbeiter des ASD nicht mehr die Möglichkeit, diesen Vorlieben zu folgen, da die Entscheidung von den Faktoren: Bedarfsprofil, Trägerverantwortung im Sozialraum und Mitarbeiterauslastung abhängig ist und extern durch das Trägergremium getroffen wird. Das Trägergremium (Leistungserbringer) konnte sich im Laufe der Zeit immer besser auf das vom ASD formulierte Bedarfsprofil einstellen (s. gegenseitige Mitarbeitereinschätzung Kap. 7.5). Inzwischen ist die Bedarfsanforderung86 im Hilfeplanverfahren (zeitlicher Bedarf, Mitarbeiterprofil, Ressourcen, etc.) konkretisiert und es besteht die Anforderung an die Leitungen der beteiligten Träger, Durchlässigkeit in der Verfügbarkeit der Mitarbeiter zwischen den sozialräumlich organisierten Teams herzustellen, damit die richtige Fachkraft zukünftig auch im richtigen Fall und am richtigen Ort eingesetzt werden kann. Die Diskussion um die Durchlässigkeit der sozialräumlich organisierten Trägergremien zeigt, dass monopolistische Lösungen nur eingeschränkte Trägerangebote und -profile zulassen und von der Praxis als problematisch eingeschätzt werden müssen. 3.9 Sozialräumliche Verankerung der Fachkräfte in der ambulanten Einzelfallhilfe 85 86

Dokumentation einer Klausurtagung im ASD Celle, internes Protokoll, 2002 Bedarfsanforderungsvordruck: Anlage 3 im Anhang

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72 % des Budgets standen 2003 für Einzelfallhilfen mit Rechtsanspruch zur Verfügung. 28 % des Budgets wurden für sozialräumliche, fallunspezifische Leistungen verbraucht. Dies war der bisher höchste fallunspezifische Anteil am Sozialraumbudget. Die Verpflichtung zu sozialräumlichem Handeln obliegt nicht nur den Mitarbeiter/innen der freien Träger, die überwiegend im infrastrukturellen oder fallunspezifischen Kontext in den Stadtteilprojekten arbeiten. Auch die Einzelfallhelfer sollten einen sozialräumlichen Bezug entwickeln und aus diesem heraus ressourcenorientiert handeln. Wir hatten angenommen, dass auch die individuellen Erziehungshilfeleistungen in einem sozialräumlichen Kontext erbracht werden, d. h. dass mehrere Einzelfallhilfen in einem Stadtteil von einem „örtlich zuständigen“ – sozialräumlich verankerten - Mitarbeiter erbracht werden. Dieser sammelt Kenntnisse über sozialräumliche Besonderheiten und Ressourcen und kann aufgrund seiner Kenntnis diese in das Hilfesetting einbauen. Wir haben im Rahmen von Modellprojektauswertungen feststellen müssen, dass die zunächst angenommene sozialräumliche Verortung der Einzelfallhilfen zum großen Teil gar nicht besteht. Eine erste Auswertung von Einzelfällen ergab, dass in 40 % der Fälle lediglich die Bearbeitung eines Falles im Sozialraum pro Mitarbeiter möglich war87.

87

Anmerkung: Eine annähernd vollständige sozialräumliche Verankerung ist bei den Fachkräften vorhanden, die im Fallunspezifischen Bereich arbeiten. Diese sind in unserer Auswertung nicht berücksichtigt. Es wurde ausschließlich nach Einzelfallhilfen ausgezählt. Daraus ergeben sich nach der vorrangigen Ausrichtung Tätigkeitsprofile von „Sozialraumarbeitern“, „Einzelfallhelfern“ und „Multifunktionskräften“. Hierbei ist auch zu beachten, dass die Sozialräume in Celle relativ klein sind (10.000 – 15.000 Einwohner).

60

Abb.9: Anzahl der fallspezifischen Fälle pro Mitarbeiter im Soziaraum Anzahl der fallspezifischen Hilfen pro Mitarbeiter im Sozialraum

22% 4 Fälle pro Mitarb.

40% 1 Fall pro Mitarb.

19% 3 Fälle pro Mitarb. 19% 2 Fälle pro Mitarb.

Es gibt Mechanismen, die einer stärken sozialräumlichen Zuständigkeitsverteilung entgegenstehen. Dies sind zum einen organisatorische Gründe. Die Verteilung der Fälle richtet sich u. a. ganz schlicht nach den freien Kapazitäten der Fachkräfte aus. Die Personalsteuerung erfolgt auf Trägerebene, da hier auch die Personalverantwortung liegt. Das Trägergremium im Stadtteil hat keine formalen Berechtigungen, Mitarbeiter einzusetzen. Die Auslastungsquote von 100 % macht natürlich eine differenzierte Personalsteuerung notwendig. Der räumliche Aufgabenbereich der freien Träger geht über den städtischen Zuständigkeitsrahmen hinaus. Teilweise sind Mitarbeiter nicht nur im Stadtgebiet sondern darüber hinaus auch im Landkreis Celle tätig. Im Landkreis wird noch nach dem einzelfallorientierten Fachleistungsstundenmodell gearbeitet, was die Träger immer auch vor das Problem schwankender Auslastungen stellt. Ein weiterer Grund für die geringe sozialräumliche Mitarbeiterzuordnung von Einzelfallhilfen liegt darin, dass der ASD jeweils ein fallangemessenes Mitarbeiterprofil anfordert. Im Hilfeplanverfahren wird ein fallspezifisches Mitarbeiterprofil entwickelt, das nach Geschlecht, Kenntnisse, Haltung, Typus differenziert und von dem anzunehmen ist, dass dieser „ideale“ Helfer der ist, der dem Adressaten die größte Empathie entgegenbringen und die effizienteste Hilfestellung leisten kann. Mitarbeiter auf die derartige Profile passen, stehen nicht immer 61

sozialräumlich bereit. Als Folge ergibt sich daraus eine Sozialraumübergreifende Auswahl der Fallführenden Mitarbeiter. Wie weit sich die sozialräumliche Verankerung der Einzelfallhelfer verbessern lässt, hängt von der Personalsteuerung der freien Träger ab. Zumindest das Mitarbeiterprofil ist ein fachliches Kriterium, das in seiner Wertigkeit gleichrangig neben dem Kriterium der sozialräumlichen Verankerung steht. Wir sind wegen des Ergebnisses nicht bestürzt, es ist jedoch wichtig die Hintergründe zu kennen, um nicht von falschen Annahmen auszugehen. Sozialräumliche Verankerung ist ein oft leichtfertig gebrauchte Zuschreibung, die nur selten überprüft wird. 3.10

Flexibilisierung im Hilfeplanverfahren zwischen fallspezifischen und fallunspezifischen Leistungen

Ich habe versucht, deutlich zu machen, dass die Budgetierung zu einem veränderten Verständnis von Hilfeplanung führt. Die „Gewährung“88 von Hilfe bemisst sich nicht mehr unbedingt am Rechtsanspruch, sondern kann als niedrigschwelliges Angebot, als Hilfesetting in Verbindung mit anderen, rechtsanspruchsbegründenden Leistungen, Hilfen in Regeleinrichtungen oder als infrastrukturelle Leistung mit oder ohne Hilfeplan geleistet werden. Die Grenzen zwischen fallspezifischen und fallunspezifischen Hilfen verwischen, zumal einer neuen Versäulung fallunspezifischer und fallspezifischer Hilfen soweit wie möglich vorgebeugt werden sollte. In Celle sind 20 % + x des Finanzvolumens des Budgets für Hilfen (ohne Hilfeplan) vorgesehen, die keinen Rechtsanspruch auslösen, wobei eine Messbarkeit der Anteile aufgrund der Integration von fallspezifischen und fallunspezifischen Hilfesettings immer weniger möglich ist. Unter dem Gesichtspunkt integrierter Hilfen ist der Blick eher auf die Verschränkung von fallspezifisch und fallunspezifisch gerichtet als auf deren formale Trennung. K. Hekele plädiert dafür, auf eine Kategorisierung von fall- und fallunspezifisch ganz zu verzichten.89 3.11

Hilfeplanung am pädagogischen Bedarf orientieren

Mit der Entkoppelung des Hilfeplanes von der Finanzierung und den Verwaltungserfordernissen kann Hilfeplanung ein flexibles Instrument der Steuerung pädagogischer Ereignisse werden, und zwar sowohl in Bezug auf Einzelfallhilfen als auch auf gruppenpädagogische Maßnahmen etc. Damit kann die Hilfe dem Bedarf entsprechend angepasst werden.

88 89

Im adressatenorientierten Modell müsste es besser heißen: “Anforderung“ von Hilfe Hekele, Kurt, Sozialraumorientierung in der Jugendhilfe; AFET-Mitgliederrundbrief Nr. 3/2003, S. 17 ff.

62

In einer Familie, in der alle Beteiligten bemüht sind, am Problem intensiv zu arbeiten und großer Konsens über die Zielsetzung besteht, könnte eine „abgespeckte“ Version des Hilfeplanverfahrens durchaus ausreichen. Im Falle einer gruppenpädagogischen Maßnahme kann es ausreichend sein, dass ASD und freie Träger die Entwicklung der Gruppe zur Grundlage für die Hilfeplanung machen und einzelne Phänomene gesondert aufführen. Allerdings ist von der Möglichkeit, „Gruppenhilfepläne“ zu erstellen bisher kein Gebrauch gemacht worden, obwohl die Diskussion darüber immer wieder entsteht. Möglicherweise bestehen kaum Erfahrungen in der Jugendhilfe, Gruppenverhalten einzuschätzen, zu interpretieren und Zielerreichungen in Gruppen zu überprüfen. Jugendhilfe ist eben jahrzehntelang individuell einsozialisiert. Weitergehend kann auch Hilfeplanung in Bezug auf ein Gemeinwesenorientiertes Ziel ausgerichtet und evaluiert werden. In diesem Arbeitsfeld werden über Controlling-Verfahren90 herausfordernde Ziele entwickelt, die regelmäßig unter Federführung der Jugendhilfeplanung und Einsatz der AZOMP-Kriterien (s. Kap.: 2.7.1) erhoben und ausgewertet werden. Hilfeplanung wird im Budgetmodell einzig bestimmt aus Zweckmäßigkeits- und Zielerreichungsüberlegungen. Die Leitfunktion des Hilfeplanes, den Rechtsanspruchsbegründenden Bescheid zu legitimieren, tritt hinter die pädagogische Steuerungsfunktion zurück. Der Hilfeplan muss von keinem Beteiligten mehr "wasserdicht" gemacht werden, um intern den Rechtsanspruch durchzusetzen. Art und Umfang richten sich am Einzelfall aus und können dann auch in niedrigschwelliger Form oder in Kombination mit anderen klassischen Erziehungshilfen erbracht werden. Sicherlich müssen dabei auch bestimmte Anforderungen an die Dokumentation der Hilfe etc. berücksichtigt werden. 3.12

Flexible Hilfesettings

Obwohl sich die Erziehungshilfe möglichst übergangslos und integriert gestalten soll, haben wir in der Praxis • die Hilfen ohne Hilfeplan, die mehr oder weniger sporadisch in Anspruch genommen werden, meist im gruppenpädagogischen Kontext (Hausaufga-

90

In Celle wird pro Jahr ein herausforderndes Ziel pro Sozialraum geplant und evaluiert. Darüber hinaus hat sich die Zielsteuerung der Stadtteilprojekte im Rahmen eines operativen Controllings bewährt. Hier werden mit wenigen klaren Formulierungen für alle Stadtteilprojekte verbindliche Ziele bestimmt, die zum Jahresende evaluiert werden, so z. B. das Ziel: die Öffnung der Projekte im Stadtteil; Indikator: Erhöhung des Anteils der jugendlichen Gäste in Stadtteilprojekten. Ziel: Stärkere Einbeziehung sog. Lückekinder über 10 Jahre; Indikator: Erhöhung des Altersdurchschnitts der Besucher von durchschnittlich 10 auf 12 Jahre. Ziel: Stärkung der Beratungsfunktion der Projekte gegenüber der Entlastungsfunktion/Betreuungsfunktion; Indikator: Erhöhung der Zahl der Elternberatungen um das doppelte.

63

benhilfen) oder als öffentliche Veranstaltung (Frauenfrühstück, Computerprojekte etc.) • und die Einzelfallorientierten Hilfen gem. § 27 KJHG als Erziehungshilfen, sowie • die infrastrukturellen, Gemeinwesenorientierten Leistungen. Trotz der fließenden Übergänge sind in der Praxis unterschiedliche Kombinationen von Erziehungshilfen untereinander und in Verbindung mit anderen Angeboten möglich: • Wir können zunächst die klassischen Erziehungshilfen mit anderen „Klassikern“ kombinieren, eine eher starre Kombination auf versäulter Grundlage, sinnvoll gelegentlich in der Kombination von Vollzeitpflege und ambulanter Erziehungshilfe, wenn das Pflegeverhältnis zu scheitern droht. • Dann gibt es die Kombination von fallspezifischer Erziehungshilfe mit fallunspezifisch begleitender Hilfe in Verantwortung und als Angebot der Jugendhilfe, z.B. SPFH als Einzelfallhilfe und Hausaufgabenbetreuung als gruppenpädagogische Leistung (ohne Hilfeplanverfahren gem. § 36 SGB VIII) in einem Stadtteilprojekt oder als individuelle Sozialpädagogische Schülerhilfe zu Hause. • Leistungen von Volunteers (Ehrenamtliche etc. im Einzelfall in Projekten und Vereinen im Stadtteil) in Kombination mit Leistungen von Fachkräften; • Erziehungshilfe mit Angeboten der Jugendhilfe in Kooperation mit Regeleinrichtungen (Schule, Hort, Vereine etc.); • Darüber hinaus gibt es auch eine Verknüpfung der genannten Angebote zu den sozialräumlich organisierten, Gemeinwesenorientierten Leistungen (Teilnahme eines Kindes mit erzieherischem Bedarf gem. § 27 KJHG (Hilfeplankind) an einem Stadtteilfest, beim Verteilen der Stadtteilzeitung etc.). • Weiter ist die Verknüpfung von Personalleistungen (Kosten) mit sächlichen Leistungen möglich (Übernahme von Vereinsbeiträgen, Leistungs- und Erfolgsbonus für die tätige Mitarbeit der Adressaten) • Zuletzt und leider immer häufiger dient die Hilfe in den Stadtteilprojekten der materiellen Versorgung der Kinder mit einer in allen Projekten inzwischen angebotenen regelmäßigen Mittagsmahlzeit. 64

Abb. 10 Kombinationsmöglichkeiten von Hilfen im Rahmen des Sozialraumbudgets Kombinationsmöglichkeiten von Hilfen im Rahmen des Sozialraumbudgets:

Einzelfallhilfe

Gruppenspezifische Angebote im Stadtteilprojekt

Leistungen von Volunteers

Ressourcen: Angebote in Regeleinrichtungen, Vereinen etc.

Teilnahme an gemeinwesenorientierten Aktionen

Übernahme sächlicher Ausstattungen: Vereinsbeiträge etc.

Versorgung von Kindern mit Mahlzeiten etc.

Einzelfallhilfe Gruppenspezifische Angebote im Stadtteilprojekt Leistungen von Volunteers Ressourcen: z. B. Angebote in Regeleinrichtungen, Verienen, etc. Teilnahme an gemeinwesenorientierten Aktionen Übernahme sächlicher Ausstattungen: Vereinsbeiträge etc. Versorgung von Kindern mit Mahlzeiten etc.

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Angesichts dieser Palette von Möglichkeiten und Kombinationen stellt sich dem Leser vielleicht die Frage: Ist das noch Jugendhilfe? In vielen Jugendämtern, die ich im Zusammenhang mit dem Modellprojektes besucht habe, gab es eine Anzahl von sozialräumlichen Angeboten, die als Jugendpflegerische Angebote oder im Rahmen von Jugendsozialarbeit durchgeführt wurden. Die Frage dort war, ob die Einbeziehung dieser Angebote in Erziehungshilfe nicht zu einer flexibleren Hilfeleistung führen könne. Sicherlich hat die Jugendpflege/ Jugendsozialarbeit häufig einen besseren Zugang zu Vereinen und Verbänden und ein im Sozialraum ansässiges Jugendzentrum ist in jedem Fall sozialräumlich einzubeziehen. Die Frage ist nur, ob Erziehungshilfe tatsächlich in der Lage ist ihre versäulte einzelfallorientierte Praxis zu verändern, wenn Jugendpflege und Jugendsozialarbeit den flexiblen Teil übernehmen. Jugendpflege und Jugendsozialarbeit haben eine andere Ausrichtung, ein anderes Theoriegebäude, eine andere Zielsetzung und ein anderes Selbstverständnis. Ich bin nicht sicher, ob eine Einbezie65

hung von Jugendhilfe und Jugendsozialarbeit zu Veränderungen der Erziehungshilfepraxis führen kann. Erziehungshilfe muss den Schritt der Veränderung hin zu flexiblen und niedrigschwelligen Angeboten selbst gehen. Eine sozialräumliche, niedrigschwellige und frühzeitige Hilfe, die sich an potentielles Jugendhilfeklientel richtet wird sich verlässlich i. S. von Vermeidung von Hilfekarrieren nur aus der Erziehungshilfe selbst entwickeln. Bei einer sozialräumlichen Struktur muss Erziehungshilfe die Balance halten zwischen dem adressatenspezifischen Effekt der Vermeidung von Hilfekarrieren und der Schaffung und Unterstützung von Rahmenbedingungen, die ebenfalls dem spezifischen Hilfezweck, der Vermeidung von Jugendhilfe dienen. Wenn diese von einigen (auch von freien Trägern) vielleicht bedauerte Engführung auf den spezifischen Hilfezweck von Erziehungshilfe nicht berücksichtigt wird, dann ufert der Anspruch an Erziehungshilfe aus, dann stellen Regeleinrichtungen, Politik, Bürger, Stadtsoziologie und andere soziale Organisationen Ansprüche, die aus dem spezifischen Auftrag des SGB VIII an Erziehungshilfe nicht herleitbar sind und zu einer inhaltlichen und finanziellen Überforderung führen. Die erweiterten Möglichkeiten einer flexiblen Erziehungshilfe müssen wir in den Blick nehmen und als kreative Chance einbeziehen. Das heißt aber nicht, dass z. B. der Erziehungsauftrag der Regeleinrichtungen, die Aufträge von Jugendpflege und Jugendsozialarbeit von den Zielen der erzieherischen Hilfen dominiert werden. Kooperation unter Respekt vor der anderen Professionalität und deren Aufgaben ist der schmale Grad zwischen gelingender Zusammenarbeit und gegenseitiger Anspruchshaltung. Kooperation ist so immer auch zunächst die Aufgabe von Anspruchshaltungen. Integration in die Normalität des Alltags erfordert aber das Wissen voneinander, die Anerkennung des Könnens untereinander und das Bemühen umeinander. Die flexible Hilfeleistung kommt nicht mehr nur aus einer Hand91, umso wichtiger ist die Koordination, die immer in den Händen des ASD liegen muss92. 4.

Zielerreichung - Ergebnisse

In den folgenden Kapiteln werden aus Sicht des öffentlichen Trägers der Jugendhilfe anhand der 5 wichtigsten Zielfelder (s. Kap. 2.1) Ergebnisse interpre91

Beziehungskontinuität ist häufig ein Argument gegen Hilfesettings, die von mehreren Helfern ausgeführt werden. In der überwiegenden Anzahl der Fälle ist es für die Entwicklung von Kindern günstiger, wenn sie in einem sozialräumlich orientierten Projekt sich Ihren Lieblingserzieher für Schularbeiten, für Gespräche für Events, Nähe und Kontakt selbst suchen können. Da muss der Casemanager, der die Planungs- und Maßnahmeverantwortung trägt nicht unbedingt auch noch „gemocht“ werden (obwohl man sich darum bemühen sollte). Der Casemanager (ASD) sollte in der Lage sein, gelegentlich auch mal die unangenehmen Wahrheiten sagen zu dürfen. 92 S. Münder, J.: a.a.O.: S.25 ff.

66

tiert, Einschätzungen vorgenommen und Erfahrungen berichtet. Grundlage bieten die Jahre 2001 – 2005. 4.1

Ziel 1: Senkung der stationären Fallzahlen durch niedrigschwellige sozialräumliche Angebote

Die stationären Kosten außerhalb des Budgets, betreffen den so genannten Budgetteil B des Vertrages93, den Teil also, der nicht unmittelbar in den Budgetrahmen einbezogen ist, auf den sich sozialräumliches Arbeiten jedoch positiv im Sinne einer Verhinderung von Fremdunterbringung oder einer verkürzten stationären Verweildauer auf die Heimkosten auswirken soll. Abb. 11:

Entwicklung der stationären Erziehungshilfen seit 1990 (einschl. § 41 und § 35a)

Entwicklung der stationären Erziehungshilfen seit 1990 (einschl. § 41 und § 35a) 69 59

63

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20 04 30 .0 6. 20 05

20 03

20 02

20 01

20 00

19 99

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19 92

43

19 91

19 90

80 70 60 50 40 30 20 10 0

Seit Einrichtung des ersten Stadtteilprojektes in Celle 1994 erfolgte eine geringe aber kontinuierliche Reduzierung der Heimunterbringungen um 5% von durchschnittlich 66 Fällen (Durchschnitt der Jahre 1990 – 1994) auf 63 Fälle (Durchschnitt der Jahre 1995 – 2000). Mit Einführung des Sozialraumbudgets sank die durchschnittliche Fallzahl nochmals um 7 % von 63 (Durchschnitt der Jahre 1995 – 2000) auf 59 Fälle (Durchschnitt der Jahre 2001 – 2004). Der Trend 93

Der Budgetteil A betrifft die unmittelbaren Kosten der ambulanten und stationären Hilfen zu r Erziehung mit Rechtsanspruch (geschätzter Anteil im Budgetvertrag 80%) und die sogenannten fallunspezifischen Kosten (geschätzter Anteil im Budgetvertrag ca. 20 %). Die stationären Hilfen Budgetteil B sind nicht Teil des Sozialraumbudgets und werden vom öffentlichen Träger der Jugendhilfe verwaltet.

67

scheint sich fortzusetzen. Die rasante Entwicklung im Jahr 2005 scheint auf einen nachhaltigen Einfluss der Bemühungen um sozialräumliche Lösungswege zurückzuführen sein. Hierzu gehört u. a. der im Rahmen des Modellprojektes entwickelte Celler Familienkrisendienst, bzw. die Einbeziehung von Fachkräften der freien Träger bei Entscheidungen über Fremdunterbringungen (s. Kap.6.4). Wesentlich sind die geringeren Heimunterbringungszahlen auf die sozialräumlichen Angebote zurückzuführen, zumal in diesem Zeitraum kein verstärkter äußerer Zwang zur Haushaltskonsolidierung durch Ratsbeschlüsse etc. ausgeübt wurde. Die erfreulich moderate Steigerung der Jugendhilfekosten in Celle in Höhe von 27% in den letzten 10 Jahren liegt im Rahmen der Lebenshaltungskostenentwicklung. Wir geben 2004 damit nicht mehr Geld für die Jugendhilfe (einschl. § 35a und § 41 KJHG) aus als 1994. Die Reduzierung der Heimunterbringungen ist im Wesentlichen drei Faktoren zuzuschreiben: a) Die niedrigschwelligen, wohnumfeldnahen Hilfen führen dazu, dass viele Kinder rechtzeitig eine Hilfe erhalten (präventiver Effekt) und die Hilfe nicht als ausgrenzend erlebt wird. Freundeskreise bleiben erhalten (Lebensweltlicher Effekt). b) Mit einer sozialräumlichen Hilfe kann die Fremdunterbringung zumindest herausgezögert werden, was die Heimaufenthalte verkürzt (Verzögerungseffekt). c) In die Entscheidung der Fachkonferenz (ASD) über Heimerziehung werden Fachberater der freien Träger einbezogen, die den Auftrag haben, flexible, ambulante Gestaltungsformen der Hilfe als Gegenentwurf zu präsentieren und umzusetzen. Inzwischen ist zur Krisenintervention ein Celler Familienkrisendienst eingerichtet, der in einer 6-wöchigen intensiven Familienbegleitung (insgesamt 20 Std./Woche) die Frage der Notwendigkeit von Fremdunterbringung mit den Familienmitgliedern klärt (fachlichmethodischer Effekt). Ein Teil der Reduzierungen der Fremdunterbringungen kann somit durchaus der Wirkung sozialräumlicher Umstellungen und verstärkt seit 2001 der Sozialraumbudgetierung und damit einhergehend den Veränderungen in der Praxis zugeschrieben werden. 1999 fand sich in ersten Konzeptionsentwürfen das Ziel der Halbierung der Heimerziehungszahlen. Dieses Ziel wurde damals als utopisch gestrichen. Wenn man jedoch die Fallzahl aus dem Dez. 2000 (66) mit der Fallzahl im Juli 2005 (43) vergleicht, dann haben wir bereits ¾ dieses Zieles erreicht. Da in den Jahren 1990 – 2001 keine systematischen Auswertungen über die Zuund Abgänge sowie die Maßnahmelaufzeiten oder Altersermittlungen erfolgten, 68

kann keine gesicherte Prognose darüber abgegeben werden, ob die Fallzahlenreduzierung auch von kürzeren Verweildauern oder einer später einsetzenden Heimerziehung beeinflusst sind. Hierzu fehlen Vergleichszahlen. Die zu einem späteren Zeitpunkt einsetzende stationäre Hilfe (durchschnittliches Aufnahmealter von Jungen 13,5 Jahre, von Mädchen 14,5 Jahre) kann auch ein Ergebnis sozialräumlicher Veränderungen sein. Ein gut ausgebautes ambulantes und niedrigschwelliges Angebot im Vorfeld von Heimerziehung trägt dazu bei, Heimaufenthalte zu verkürzen. Gleiches trifft auch auf die Verselbständigungsphase zu. Auch hier kann ein anschlussfähiges ambulantes Netzwerk rechtzeitige Verselbständigungsbemühungen unterstützen. Aus Sicht des öffentlichen Trägers der Jugendhilfe ist die Entwicklung im Heimbereich ermutigend und ein Hinweis darauf, dass das Budgetmodell positive Trends der Verringerung von Heimerziehung zumindest unterstützt. Die These, dass eine ausschließlich auf ambulante Hilfen beschränkte Budgetierung zu Verdrängungsprozessen in Richtung stationärer Hilfen und damit zu einer Erhöhung der stationären Ausgaben führt, kann aufgrund der Zahlen nicht bestätigt werden94. Auf die im Vertrag vorgesehene Koppelung von stationären Ausgaben (s. Vertrag Ziff. 6.5.1, Anlage 11) mit Ausgaben für niedrigschwellig/ambulante Hilfen im Sinne einer Finanzierungsbalance zwischen ambulanten und stationären Hilfearten ist verzichtet worden, weil zum einen die stationären Kosten trotz sinkender Fallzahlen ansteigen können und die Jahresergebnisse von so vielen haushaltstechnischen Details beeinflusst sind, so dass eine gerechte Koppelung von sinkenden stationären Ausgaben mit einer entsprechenden Erhöhung des Sozialraumbudgets nach unseren bisherigen Erfahrungen nur schwer möglich ist. Wir haben daher auf die vertraglich mögliche technische Lösung zugunsten einer politischen Entscheidung über die Budgethöhe im Jugendhilfeausschuss verzichtet. Fazit: Obwohl kausale Ursache - Wirkungszusammenhänge in der Sozialarbeit nur selten herzustellen sind, kann aus den vorliegenden Daten und der sozialräumlich orientierten Entwicklung seit 1994 und verstärkt seit der sozialräumlichen Budgetierung 2001 der vorsichtige Schluss gezogen werden, dass die Stärkung der niedrigschwelligen und ambulanten Hilfen zu sinkenden Fallzahlen in der Heimerziehung führt. Es scheint damit eines unserer zentralen Ziele erreicht.

94

Die Verweisung an Institutionen und Hilfearten außerhalb des Budgets wird als „Budgetflucht“ bezeichnet.

69

4.2

Ziel 2: Veränderung von Budgetanteilen in niedrigschwellige Gestaltungsformen

Abb.: 12 Aufteilung Sozialraumbudget in der Jugendhilfe 2001-2004

Aufteilung Sozialraumbudget in der Jugendhilfe 2001 - 2004 120% 100%

10% 8%

6%

80%

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20%

81%

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80%

60% 40%

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20% 0% 2001

2002

fallspezifische Kosten

fallunspezifische Kosten

2003

2004

fallunspez. Ausgaben fr. Träger über den Budgetrahmen hinaus

Die Jahresbilanz des Sozialraumbudgets ist bezogen auf den Versorgungsauftrag ermutigend. Der Budgetrahmen wurde in den Jahren 2001 - 2004 in voller Höhe ausgeschöpft und musste nur einmal angepasst werden. Die errechneten Gesamtbudgets wurden wie folgt ausgeschöpft: 2001:

110 %;

2002: 2003: 2004:

100 %; 106 %; 100 %.

(die Träger wiesen 10 % Ausgaben über BudgetSoll nach. Eine prozentuale Budgetaufstockung in Höhe von 3 % erfolgte im Jahr 2002 als Anpassung an das Budgetergebnis 2001) keine Anpassung keine Anpassung Keine Anpassung 70

Die prospektiven Sach- und Personalkostenanpassungen erfolgten jährlich. Sie haben aber keine Auswirkungen bei den Darstellungen in Prozent. Einige bisher über Einzelverträge finanzierte Projekte wurden nachträglich in das Budget aufgenommen, so dass sich die Budgetsumme von 1,8 Mio. € auf 2 Mio. € erhöhte. Alle niedrigschwelligen Hilfen, die jeweils zum Jahresbeginn angeboten wurden, konnten aufrecht erhalten werden, alle neuen Rechtsanspruchsbegründenden fallspezifischen Hilfen konnten im Rahmen der bisherigen Bewilligungsmaßstäbe realisiert werden. Lediglich zur Jahresmitte 2002 musste eine Korrektur zugunsten der finanziellen Budgetsteuerung erfolgen, weil die freien Träger der Jugendhilfe signalisierten, dass das Budget zum Jahresende nicht ausreichen würde. In Zusammenarbeit mit dem ASD wurden die Hilfefälle so weit wie möglich sozial verträglich95 um 12 % durch Beendigung oder Stundenreduzierung heruntergefahren, so dass nach dem unterjährigen Steuerungseingriff der Budgetrahmen zum Jahresende gehalten werden konnte. Ein Budget bietet somit durchaus in einem gewissen Rahmen wirkungsvolle Möglichkeiten der Kostensteuerung. Darüber hinaus konnte der Anteil der niedrigschwelligen Hilfeangebote ohne Rechtsanspruch (18% -28 %) im Beobachtungszeitraum 2001 - 2004 gesichert werden. Es mag Kritiker des Sozialraumbudgets beruhigen, dass immerhin noch ca. 80 % der Hilfen durch Rechtsanspruch gesichert sind, obwohl es das erklärte Bestreben der kooperierenden Träger ist, den fallunspezifischen Anteil auszubauen. Die sozialräumlichen Leistungen werden in die sog. "Bunte Liste"96, aufgenommen. Neue Projekte werden von den Stadtteilprojekten benannt und durch Beschluss der Planungs- und Steuerungsgruppe im Budgetrahmen zusätzlich zu den bestehenden Angeboten in die Finanzierung aufgenommen. Die „Bunte Liste“ enthält eine Vielzahl von Projekten, die sich im Laufe eines Jahres ergeben, • weil Jugendliche einen Bedarf formuliert haben, • weil ein Ehrenamtlicher etwas anbieten möchte, • weil eine besondere Gruppe von Jugendlichen Bedarf signalisiert oder • weil Zuschüsse Dritter eingeworben werden können, etc. Hier einige Beispiele aus dem Jahr 2003:

95 96

(s. Adressatenbefragung Kap.: 7.4) s. Anhang 5

71

• In der GS Bruchhagen im Stadtteil Westercelle wurde eine bestehende Nachmittagsbetreuung aufgefangen, die infolge auslaufender ABM-Mittel durch die Schule nicht mehr aufrechterhalten werden konnte. Nach Prüfung des Bedarfs und der sozialräumlichen Rahmenbedingungen wurde die Maßnahme durch Honorarkräfte und Ehrenamtliche sowie begleitend durch Fachkräfte eines freien Trägers fortgesetzt. Normalerweise ist die Erziehungshilfe nicht Ausfallbürge schulischer Angebote, da in diesem Fall aber kein Stadtteilprojekt im Sozialraum existiert, wurden hier gewisse Verpflichtungen zur Unterstützung gesehen und positive Effekte für die Erziehungshilfe angesichts der Teilnehmerstruktur erwartet (s. Film). • An der Hehlentorschule ist das überaus erfolgreiche Projekt „Schüler helfen Schülern“ angelaufen (s. Kap. 4.5.2 und Film). • Im Stadtteil Wietzenbruch verhandeln Mitarbeiter über ein Projekt in Zusammenarbeit mit dem NABU (s. Film). • Das Stadtteilprojekt "Alte Molkerei" konnte das "Kuh-Kaff", ein Kinder- und Jugendcafe´ (auch für Erwachsene) wiedereröffnen und ein Gartenprojekt in einer Schrebergartenkolonie einrichten (s. Film). • In einigen Stadtteilprojekten sind Computerkurse eingerichtet worden, um benachteiligten Kindern den Anschluss an die modernen Kommunikationsmittel zu ermöglichen. Die Besucherzahlen in den Projekten haben sich um 100 % kontinuierlich erhöht und es werden zunehmend Ehrenamtliche einbezogen bei gleich bleibendem fallunspezifischem Budgetanteil.

72

Abb. 13:

Schüler/innen in Hausaufgabenbetreuung in Projekten pro Tag

Schüler/innen in Hausaufgabenbetreuung in Projekten pro Tag 120 106

108

100 82 80 70 60

52

40

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0 2000

2001

2002

2003

2004

Anzahl pro Tag

2004 wurden täglich 108 Kinder in 6 Stadtteilprojekten, dem Krähennest und dem Projekt „Schüler helfen Schülern“ pädagogisch bei den Hausaufgaben betreut. Darüber hinaus nimmt täglich eine Vielzahl von Kindern an gruppenpädagogischen Maßnahmen teil. Offensichtlich ist es bei den niedrigschwelligen Hilfen und bei den Erziehungshilfen zu Synergien gekommen. Durch verstärkte Ressourcennutzung und Einbindungen von Ehrenamtlichen erfolgten Entlastungen der Fachkräfte. So konnten steigende Fallzahlen durch Hilfeflexibilisierung kostenneutral ausgeglichen werden97. Erfolgreiche Ehrenamtlichenarbeit nimmt aber wiederum Engagement und Zeit von Fachkräften in Anspruch.

97

2004: durchschnittlich bewilligte Netto-Fachleistungsstunde SPFH = 4 Std./Woche, Erziehungsbeistandschaften = 3,5 Std./Woche

73

4.3

Ziel 3: Förderung der sozialen Infrastruktur im Stadtteil

Die freien Träger und der ASD haben mit ihrem Engagement im Stadtteil über Konferenzen und Stadtteilrunden, über kontinuierliche AGs wie im Stadtteil Heese und themenorientierte Gruppen wie im Stadtteil Hehlentor versucht, die Verantwortung der Bürger für ihr Gemeinwesen zu stärken und zur Förderung einer tragfähigen, ausgleichenden sozialen Infrastruktur im Stadtteil beizutragen. Damit ist ausdrücklich keine Einmischung in politische Verantwortlichkeiten, auch keine Organisation von Gegenöffentlichkeit beabsichtigt oder der Versuch der Umsetzung einer gesellschaftswissenschaftlichen Theorie wie die Kommunitarismus-Bewegung (Etzioni)98 oder die Orientierung an Begriffen wie „Sozialem Kapital“ (Putnam)99, sondern einzig und allein der Versuch, benachteiligende Lebensbedingungen und strukturelle Integrationshemmnisse zu beseitigen, um von sozialen Problemen geprägte Individuallagen mit Anspruch auf Sozial- und Versorgungsleistungen gar nicht erst entstehen zu lassen. Jugendhilfe wird durch das gemeinwesenorientierte Tätigkeitsfeld, aber auch durch die offenen Angebote und individuellen Erziehungshilfen zu einem integrierten Bestandteil des Zusammenlebens im Stadtteil. Wir sind dem Ziel, die infrastrukturellen Bedingungen in den Stadtteilen zu verbessern, näher gekommen. 4.4

Ziel 4: Flexibilisierung der Erziehungshilfen

Es stellt sich die Frage, ob unsere Dienstleistungen tatsächlich flexibler geworden sind und welche Chancen und Hemmnisse sich im Verlaufe der Modellphase ergeben haben. Es hat sich eine hohe Flexibilität zwischen den klassischen Einzelfallbezogenen Hilfen zur Erziehung und den Leistungen in den Stadtteilprojekten ergeben. Die Flexibilität der Leistungen bezieht sich zunächst im Wesentlichen auf die Zusammenarbeit der Fachkräfte untereinander. Hier ist in allen Stadtteilteams eine vertrauensvolle Zusammenarbeit gewachsen. Die Trägerkooperation ist auf der Fachkräfteebene gelungen.

98 99

Etzioni, A.: Die faire Gesellschaft. Jenseits von Sozialismus und Kapitalismus. Frankfurt/M. 1996 Putnam, R.D.: Bowling alone: the collapse and revival of Amerikan community. New York 2000

74

Eine weitere Flexibilisierung der Erziehungshilfeleistungen ist durch •

Einbeziehung von Leistungen im sozialen Umfeld bei Nachbarn, Vereinen, Ehrenamtlichen oder



durch den Einsatz kostengünstigerer Institutionen und Personen z. B. durch Beteiligung freiberuflich Tätiger oder



durch Personen/Institutionen, die bereits Kontakt zum Klientel haben, aber einer anderen fachlichen Profession angehören (Lehrer, Therapeuten etc.) oder



als Zuwendungen an die Adressaten in Form von Belohnungssystemen für intensive Mitarbeit etc. zu erzielen, oder



durch die Übernahme von Sachleistungen wie Vereinsbeiträgen etc.

zu erreichen. In diesen Bereichen gibt es aus Sicht des öffentlichen Trägers noch Entwicklungsbedarf. Erziehungshilfe bedarf im flexiblen Setting gründlicher Planung und die Möglichkeit der flexiblen Finanzierung durch das Budget. Dennoch wollte sich zu Beginn der Budgetierung die flexible Kombination von Erziehungshilfe und –helfern (Personal) mit anderen Ressourcen (z. B. direkte Geldleistungen oder Geldleistungen als Aufwandsentschädigung für Ehrenamtliche – für die freien Träger sind dies Sachleistungen) nicht einstellen. Die freien Träger haben sich im ersten Modelljahr wie bisher als „Beschäftigungsgesellschaften für Sozialpädagogen“ verhalten. Um auf die Aufgabe angemessen vorbereitet zu sein haben die vier Träger ihre auf der Basis von 1999 errechneten Marktanteile in vollem Umfang vorsorglich in Form von Fachpersonal vorgehalten. Damit bleibt der Spielraum für die Ressourcennutzung außerhalb des trägerfinanzierten Personals gering. Der Anspruch auf Flexibilisierung von Hilfen bleibt auf die trägereigenen Fachpersonalressourcen beschränkt. Der Einbezug und die Finanzierung von Ehrenamtlichen, Praktikanten oder kostengünstigeren Anbietern scheiterte weitgehend daran, dass sich die freien Träger der Jugendhilfe auf der Basis der einzelfallfinanzierten Philosophie überwiegend ihren Organisationszielen verpflichtet sahen und sich nicht vorrangig im Sinne der Ziele des Gesamtprozesses verhielten. Die Unterstützung einer selbständigen Elterninitiative im Stadtteil erfolgte deshalb nur zögerlich, weil sich der Vorteil der Förderung einer Freiwilligeninitiative für die Organisation nicht erschließt, insbesondere dann, wenn diese Initiative weiterhin selbständig bleiben will. 75

Aus diesem Grund hat die Stadt Celle im Budgetjahr 2002 reagiert und das Sozialraumbudget für die Finanzierung und Unterstützung von Volunteers um 1 % erhöht. Die Abrechnung erfolgt auf Einzelnachweis. Diesen Anreiz haben die freien Träger aufgenommen, so dass 2003 ein weiteres 1 % aufgestockt wurde, das allerdings nur dann ausgezahlt wird, wenn die Träger 1 % der Aufwendungen für Volunteers aus dem Sozialraumbudget nachweisen. So werden auf Nachweis von 3 % der Budgetsumme (60.000 €) für Volunteers 2 % (40.000 €) zusätzlich zum Gesamtbudget ausgezahlt. Freie Träger dürfen sich bei ihren Flexibilitätsbemühungen nicht ausschließlich auf ihre trägereigenen Ressourcen beschränken. Freie Träger sind im Budgetmodell nicht mehr nur Leistungserbringer sondern mitverantwortliche Planer. Flexibilisierung i. S. von ressourcenorientierter Planung, die alle Möglichkeiten in Betracht zieht, stellt sich im Budgetmodell nicht von selbst ein. Erst durch die Schaffung von Anreizen zum Einsatz von Volunteers und Geldressourcen kann Jugendhilfe ihren Handlungsspielraum erweitern. Ein zu üppig bemessenes Personalbudget kann dazu führen, dass Leistungen, die andere kostengünstiger, wirkungsvoller oder Alltags- und Adressatenorientierter erbringen können, nicht in Anspruch genommen werden, weil eigenes Personal ausreichend vorhanden ist. Dies führt dazu, dass Träger versuchen, vorwiegend mit eigenen Angeboten im Budgetrahmen zu expandieren. Überspitzt könnte man meinen, dass der Zwang zur Flexibilisierung sich erst einstellt, wenn die Aufgaben mit eigenem Personal nicht mehr ausreichend wahrgenommen werden können, d. h. wenn das Geld knapp wird oder sich die Aufgaben erweitern. Erst bei knappem Budget besteht der Zwang zum Umsteuern, getreu dem Sprichwort, dass aus der Not die Tugend gemacht wird. Da die Logik der Unterfinanzierung allerdings auch die Gefahr der Schlechtleistung in sich birgt, steht andererseits der öffentliche Träger in der Gesamtverantwortung, bei nicht ausreichendem Budget gegenzusteuern. „Auskömmlich“ ist offensichtlich die Begrifflichkeit, die beste Ergebnisse hervorruft und die nur aufgrund guter Kenntnis der Rahmenbedingungen einschätzbar ist. Sozialräumliches Arbeiten ist nur möglich, wenn die Volunteers je nach Einzelfall mittels sächlicher Vorteile (kleine Präsente, Ehrungen etc.), Aufwandsentschädigung oder Bezahlung wert geschätzt werden können und dafür durch die freien Träger der Jugendhilfe Mittel aus dem Budget bereitgestellt werden. Anerkennung der Leistung ist insbesondere in sozialen Berufen und mehr noch im Ehrenamt ein wichtiger ethischer aber auch wirtschaftlicher Aspekt. Die kurzzeitige Beschäftigung einer näher am Klientel befindlichen engagierten Lehrerin für 20 ausgehandelte € in einer Nebentätigkeit kann sinnvoller sein als 76

die Befassung eines fest angestellten Sozialpädagogen für 50 €. Diese Logik muss sich auch in der Fachkräfteebene durchsetzen. Hier ergibt sich Handlungsspielraum, der zurzeit noch nicht optimal ausgeschöpft wird. Im ersten Budgetjahr wurde ein großer Teil sozialräumlicher Ressourcennutzung vom öffentlichen Träger der Jugendhilfe außerhalb des Budgets finanziert. Es verstößt jedoch gegen das Prinzip der Flexibilität von Erziehungshilfe im Einzelfall und gegen die weitgehende Übertragung von Finanzierungs- und Durchführungsverantwortung auf die Trägerkooperation, wenn Ressourcenorientierte Lösungen ausschließlich durch den öffentlichen Träger außerhalb des vereinbarten Rahmens finanziert werden sollen. Andererseits wird der Einsatz von Ehrenamtlichen und Semiprofessionellen den freien Trägern vom Gesetzgeber nicht leicht gemacht. Die Finanzierung ehrenamtlichen oder (Semi-)professionellen Engagements führt durch die vom Gesetzgeber eingeführte restriktive Handhabung von Honorarleistungen z. B. dazu, dass mit Schülern, die in der Hausaufgabenbetreuung eingesetzt werden, Arbeitsverträge für geringfügig Beschäftigte abgeschlossen werden müssen. Hier liegen wesentliche Hemmnisse der Honorierung von sozialen Ad-hocLeistungen Ehrenamtlicher, von Nachbarn etc. 4.5

Ziel 5: Ressourcennutzung und Einbeziehung von Regeleinrichtungen

Ressourcennutzung ist zum einen das Zauberwort für Reformstrategen zur Haushaltskonsolidierung zum anderen aber auch das Schreckgespenst, das für Sozialabbau steht und die Rückgabe der Verantwortung an die Adressaten bedeutet100. Im Rahmen des Modellprojektes wurde der Ressourcennutzung in Einzelfallhilfen nachgegangen. Dazu wurden die erzieherischen Einzelfallhilfen anhand der Hilfepläne untersucht. Die zentrale Fragestellung bezog sich auf die Anzahl der Fälle mit Ressourcennutzung und die Art der einbezogenen Ressourcen. Während der Ersterhebung wurde es den beurteilenden Fachkräften in den Sozialräumen überlassen, selbst zu entscheiden, was sie als „Ressource“ definieren. Eine vorherige Eingrenzung und Definition hätte den Umfang der Möglichkeiten eingeschränkt. Der Verzicht auf eine Definition führte dazu, dass einer gewissen Subjektivität der begrifflichen Abgrenzung Vorschub geleistet wurde. So haben einige Fachkräfte Leistungen als „Ressource“ benannt, die andere als Regelleistung defi100

Wolff, M.: a. a. O. S. 47

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niert haben (so z. B. in den Bereichen Schule, Kita, Familien, Sozialleistungsträger). Die Ergebnisse sind durch diese Definitionsunklarheiten allerdings nur um schätzungsweise +/- 10 % beeinflusst (s. u.). Die meisten Mitarbeiter hatten eine identische Vorstellung von „Ressource“. Die Ressourcen wurden zu zwei Zeitpunkten unter Federführung der Fachverantwortlichen im ASD erhoben. Alle zum Erhebungszeitpunkt vorliegenden Hilfepläne wurden auf einen sozialräumlichen Ressourcenbezug (Benennung von Ressourcen im Text) des Hilfeplanes hin überprüft. Die Ergebnisse wurden nach Sozialräumen ausgewertet. Die in den Hilfeplänen benannten sozialräumlichen Ressourcen veränderten sich im Zeitraum von 1.1.04 (n= 91) bis 31.10.04 (n= 79) von durchschnittlich 70 % auf 66 %. Die Extremwerte der benannten Ressourcen lagen zwischen 100 % (Benennung sozialräumlicher Ressourcen in jedem überprüften Hilfeplan eines Sozialraums) und 28 % (Benennung von Ressourcen in 28 % der Hilfepläne). Ressourcen reduzierten sich in dem Sozialraum mit dem höchsten Ressourceneinsatz von 100 % der Hilfefälle zwischen den Erhebungszeitpunkten auf 55 %. Die Ressourcennutzung im Sozialraum mit dem geringsten Ressourcenanteil erhöhte sich im Erhebungszeitraum von 28 % auf 55 %. Die Ergebnisse beider Erhebungszeitpunkte wurden erst nach der Gesamtauswertung bekannt gegeben, so dass zwischenzeitlich keine korrigierende Reaktion nach der Ersterhebung erfolgen konnte. Die Ergebnisse in dem Sozialraum mit der größten Ressourcendichte und der geringsten Ressourcendichte glichen sich innerhalb eines ¾ Jahres an. Es ist nicht zu vermuten, dass in den beiden stark abweichenden Sozialräumen wesentliche Veränderungen in den Haltungen und Einstellungen der Fachkräfte innerhalb eines ¾ Jahres für den veränderten Ressourceneinsatz verantwortlich waren. Daher ist zu vermuten, dass der Ressourceneinsatz auch bei sozialräumlichen Angebotsstrukturen offensichtlich sehr einzelfallabhängig ist. Insgesamt ist das Ergebnis zufrieden stellend. Im weiteren Verlauf des Abgleichs der benannten sozialräumlichen Ressourcen wurden Differenzierungen vorgenommen, die zu einer höheren Validität der Vergleichbarkeit der Ressourcen führen wird. Bei Überprüfungen in den Hilfeplänen, werden Ressourcen zukünftig nicht berücksichtigt, • die gesetzlich zum Unterhalt verpflichtete Personen betreffen • Leistungen der Sozialversicherungen betreffen • Leistungen aus gesetzlichem Auftrag/Rechtsanspruch z. B. Regelleistungen von Kita und Schule.

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Schnittstellen gibt es bei der Definition von Ressource nach wie vor dort, wo Regeleinrichtungen Sonderprojekte anbieten z. B. Schulprojekte am Nachmittag etc101. Ein zweiter wichtiger Punkt betrifft das Verhältnis zwischen Erziehungshilfe und Regeleinrichtungen, wie Schule, Kindertagesstätten einschließlich der Anforderungen von Polizei, Kriminalprävention, Selbsthilfegruppen, Initiativen etc. an die Jugendhilfe. Hier und da gibt es sehr weitgehende Überlegungen, alle Jugendhilfemittel und darüber hinaus noch andere Sozialleistungen im Sinne von ganzheitlichen Konzepten zu integrieren. Angesichts der vielfältigen und komplexen Fragen, die die Budgetübertragung nach sich zieht, kann nur Sorgfalt und Vorsicht vor allzu weitgehenden Aufgabenbündelungen empfohlen werden. Es gibt Kommunen, die die Leistungen der Jugendhilfe und Jugendsozialarbeit ins Budget integrieren102. Dies war für Celle nicht beabsichtigt, weil Schulsozialarbeit auf die Institution Schule konzentriert ist und ihr ausreichend Aufgaben aus dem schulischen Tätigkeitsfeld zuwachsen. Die Maßnahmen der Jugendberufshilfe sind auf die berufliche Qualifikation ausgerichtet und verfolgen keine vorwiegend sozialräumlichen und erzieherischen Zielsetzungen. Die Jugendpflege ist in Celle nicht sehr ausgebaut (1 Stadtjugendpfleger, 2 Mitarbeiter Mobile Jugendarbeit, 1 Mitarbeiter Jugendschutz, 1 Mitarbeiter Jugendzentrum) und nicht sozialräumlich ausgerichtet. Ein Jugendzentrum arbeitet stadtteilorientiert zusammen. Kooperationen mit einem großen Jugendkulturzentrum erfolgten bisher auf der Ebene sporadischer Aktionen. Fast alle genannten Bereiche haben keine genuin sozialräumliche Ausrichtung und sind daher als eigenständige Kooperationspartner zu betrachten, nicht jedoch als Teil des Sozialraumbudgets. Daher haben wir es bei der Bündelung der ambulanten, teilstationären und niedrigschwelligen Angebote im Sozialraumbudget belassen. Wenn die Erziehungshilfe den engen Rahmen eines „Reparaturbetriebes“ verlässt und mit seinen Leistungen öffentlicher, das heißt auch öffentlicher wahrnehmbar wird, werden sofort Schnittstellen deutlich. Es werden neue Anforderungen an die Jugendhilfe formuliert und neue Aufgaben zugewiesen. Wir erle101

Ressourcennutzung im Controllingverfahren Keine Ressource Ressource Großeltern Tante, Onkel Therapie durch Krankenkasse Fallmanagement der BA Schule Schulhoföffnungsprojekt Kindergarten halbtags - Rechtsanspruch Ganztagsbetreuung, Hort Eine Liste der Ressourcen ist im Anhang Anlage 4 eingefügt. 102

z. B. Landkreis Lüneburg

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ben dies z. Zt. in den Bereichen Schulverweigerer, Nachmittagsbetreuungen an Schulen, päd. Mittagstischen (materielle Versorgungssituation von Kindern und deren Familien), Teilnahme an Stadtteil AGs und Stadtteilfesten, Gesundheitsfürsorge für Säuglinge und Kleinkinder, Integration von Migranten usw. Wer sich im sozialen Bereich ins Rampenlicht begibt, der wird mit Anforderungen und Aufträgen überhäuft. Dabei möchte auch die Jugendhilfe gern bestehende Angebote nutzen, um sich zu entlasten. Jugendhilfe ist nicht für alle unbearbeiteten gesellschaftlichen Aufgabenfelder verantwortlich, insbesondere dann nicht, wenn sie überwiegend in der Zuständigkeit anderer Institutionen liegen. Jugendhilfe ist jedoch gern bereit, ihren Beitrag zu leisten, wenn Effekte erzielt werden können, die für ihre Zielsetzungen und Aufgabenfelder nützlich sind. Hier liegt ein sensibles Feld zwischen Anforderung und Überforderung. Es ist nicht einsehbar, dass das Sozialraumbudget für andere Zwecke ausgegeben wird. Wie weit das Budget mit anderen Aufgabenfeldern zusammengefasst werden soll ist in Fortführung der Sozialraumbudgetdebatte schon erörtert worden, allerdings bisher ohne praxistaugliches Konzept. Im Sozialraumorientierten Erziehungshilfebudget muss die Frage zum spezifischen Auftrag immer lauten: „Welche Vorteile bringt die Kooperation für • die Ausübung des Wächteramtes, • für die Kinder mit Rechtsanspruch auf Erziehungshilfe, • für die benachteiligten Kinder und Familien in dieser Stadt und • für die Infrastrukturen in denen sie leben. Wenn die Erziehungshilfen so gestaltet werden können, dass sich nicht nur die individuellen Lebensbedingungen des Einzelnen sondern auch die Infrastruktur ihres Umfeldes verbessern, dann können wir vielleicht eines Tages die individuellen Hilfen nachhaltiger als bisher reduzieren und über die Verbesserung der sozialen Infrastruktur eine positive Entwicklung einleiten, die Fehlentwicklungen im frühen Stadium verhindert. Verbesserung von Infrastruktur kann aber nur gemeinsam mit anderen Institutionen, die bereit sind sich für gemeinsame Anliegen zu engagieren, gelingen. Es gilt bei der Kooperation ein Gleichgewicht von „geben und nehmen“ herzustellen. Ist dieses Gleichgewicht nicht herstellbar, besteht die Gefahr, dass Kernaufgaben der Erziehungshilfe vernachlässigt werden. Inzwischen haben wir auch hier Erfahrungen gesammelt. So manches Projekt, das wünschenswert erscheint muss zunächst vor dem Hintergrund der organisierten Personalkapazitäten der Bearbeitung der Einzelfälle geopfert werden. Es ist erstaunlich, dass die Mitarbeiter trotz der hohen Anforderungen es immer wieder schaffen, dennoch das aus Fachsicht „wünschenswerte Projekt“ auf die 80

Beine zu stellen und zu erhalten. Hier gewinnt der geschaffene Gestaltungs- und Planungsspielraum auf der Fachkräfte-Ebene einen hohen praktischen Stellenwert. Insgesamt ist die sozialräumliche Kooperation im Budgetmodell verbessert, die Kontakte sind häufiger und inzwischen auch ergebnisreicher. Im Folgenden soll exemplarisch an einem Beispielfall die Nutzung von Ressourcen aufgezeigt werden. Das Fallbeispiel bezieht sich auf vergleichsweise positive Rahmenbedingungen. Das soll aber nicht bedeuten, dass Ressourcennutzung auf Fallkonstellationen beschränkt bleibt, die ein hohes Mitwirkungspotential aufweisen. 4.5.1

Beispielfall: Ressourcennutzung im SRG III/Neuenhäusen

Persönliche Daten der beteiligten Adressaten (anonymisiert): Mutter: Vater: Kinder:

Frau D. , 36 Jahre alt, Herr D.: Friedhelm, 12 Jahre alt, Herbert, 11 Jahre alt

Vater : Kinder:

Herr G.: Justus, 3, Jahre alt Kunigunde, 2 Jahre alt

Fallspezifische Kenntnisse/Kontaktaufnahme: Die Kontaktaufnahme der Mutter zum ASD erfolgte im Frühjahr 2003. Sie hatte sich beratend an den ASD gewandt, um Unterstützung für ihre momentane Situation zu erhalten. Aufgrund der Auseinandersetzungen mit ihrem ersten Mann, Vater der älteren Kinder, und ihrem jetzt getrennt lebenden Ehemann, Vater der jüngeren Kinder, war Frau D. sehr erschöpft. Hinzu kamen finanzielle Schwierigkeiten, Auseinandersetzungen mit Ämtern und Vermietern. Darüber hinaus stand für Justus ein stationärer Aufenthalt in einer Kinderklinik in Hannover mit OP an. Frau D. hatte Angst, dass die Familie auseinander bricht. Sie trug sich mit Gedanken, den älteren Sohn zum Vater zu geben, obwohl dieser dies eigentlich nicht wollte. Besuchsregelungen für die Kinder liefen schwierig.

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Ressourcen, fallunspezifische Kenntnisse: Die 3 Kinder sind nett, die großen Jungen kümmern sich auch um die Kleinen, Friedhelm und Herbert sind recht selbstständig. Schulische Auffälligkeiten sind nicht vorhanden, die Jungen gehen seit Sommer 2004 auf die Realschule. Ziel und Umsetzung der SPFH und der Erziehungsbeistandschaft: Seit Oktober 2003 wird die Familie durch eine Familienhelferin begleitet. Problemstellungen und allgemeine Ziele wurden benannt, z. B. (wörtl. Zitat im Hilfeplan): „ ich will ruhiger werden“ und „ ich will das hinkriegen“(Mutter), „ ich bin nicht unfähig die Kinder zu erziehen, ich will es nur allen Recht machen, ich kann mich schlecht abgrenzen.“ Die Ziele wurden im Hilfeplanverfahren, so weit differenziert, dass sich auch die Kinder darin wieder finden konnten. Neben der SPFH wurde auch eine ambulante Betreuung installiert, um eine weitere Ausgrenzung der älteren Jungen zu minimieren, und einem „Auseinanderbrechen der Familie“ entgegen zu wirken. Umsetzung der Ressourcen in der Familie: In der Einzelbetreuung zeigten sich die beiden älteren Jungen von Beginn an sehr lustlos und unmotiviert. Ihr Interesse war, vorrangig etwas mit gleichaltrigen Freunden zu unternehmen. Zudem standen sie in starker Konkurrenz und waren eifersüchtig aufeinander. Eine gemeinsame Betreuung war somit nicht umsetzbar. Nach Einschätzung der Fachkraft waren beide Jungen verhältnismäßig fit; sie zeigten großes Eigeninteresse und hatten viele Freunde. Auch schulisch gab es keine Auffälligkeiten. Nachdem nunmehr Vielerlei gegen eine Fortführung der Familienhilfe sprach, wurde gemeinsam nach Alternativen gesucht, ohne die Ziele aus dem Blick zu verlieren. Eine Möglichkeit wäre der regelmäßige Besuch der nahe gelegenen Jugendhilfeeinheit, doch das wollten die Kinder nicht. Ihr Interesse galt dem Sport. Eine der Schwierigkeit bestand jedoch darin, dass der Vereinsbeitrag von der Familie nicht aufgebracht werden konnte. Wieder wurde gemeinsam überlegt und der Mutter der Vorschlag unterbreitet, dass das Sozialraumgremium den Familienbeitrag für ein halbes Jahr über82

nimmt, wenn sie das Stadtteilprojekt „ Windmühle“ als Gegenleistung für ein Jahr ehrenamtlich unterstützt. Die Mutter konnte sich mit diesem Gedanken gut arrangieren und ist nunmehr seit einigen Monaten zuständig für die regelmäßige Bepflanzung und Pflege der zahlreichen Blumen im und am Gebäude des Stadtteilprojektes Windmühle. Darüber hinaus unterstützt sie bei Festen und zeigt sich insgesamt zuverlässig und weitestgehend eigenständig. Die beiden Kinder konnten tatsächlich in den Sportverein integriert werden und nehmen dieses Angebot mit Begeisterung und regelmäßig wahr. Leider wurde der Finanzposten „Verstärker“ vom Jugendhilfeausschuss nicht genehmigt (s. o.). Weitere Maßnahmen dieser Art lassen sich somit zurzeit noch nicht ohne Einschränkungen finanzieren103. 4.5.2

Projektskizze Schüler helfen Schülern – ein Beispiel für ehrenamtliche Arbeit und Zusammenarbeit mit Schule

Im Folgenden wird beispielhaft ein innovatives Projekt vorgestellt, das sich im Verlaufe des Modellprojektes aus der Praxis heraus entwickelt hat und durch Umschichtung von Budgetanteilen (Bunte Liste) als niedrigschwelliges, flexibles Leistungsangebot entwickelt worden ist. Hintergrund Seit 1997 gibt es in Celle einen runden Tisch, an dem Schulleiter und Vertreter der Jugendhilfe im Austausch miteinander stehen und daran arbeiten, den Erlass „Zusammenarbeit von Jugendhilfe und Schule“ umzusetzen. Auf Grund der herkömmlichen Finanzierungsmodalitäten ließ sich manche gute Idee nicht verwirklichen. Einen entscheidenden Schritt voran brachte uns die Leitlinien-Diskussion sozialraumorientierter Jugendhilfe in Celle und deren Verabschiedung im Jugendhilfeausschuss im Jahr 2000.

103

Anmerkung d. Verf.: Das Beispiel zeigt, dass Jugendhilfe durchaus in kreativer Form geleistet werden kann und nicht immer in der klassischen Versäulung stattfinden muss. Hinweis zum letzten Absatz: Die Hilfe als Verstärker (Vereinsbeiträge, Motivationsanreize für die Mitarbeit von Kindern und Familien etc.) sollte mit bis zu einem Prozent Aufschlag zum Sozialraumbudget die im Fall geschilderten Möglichkeiten unterstützen. Nachdem der JHA eine solche Erhöhung abgelehnt hat, erfolgt in diesem Beispiel Kritik unter Hinweis auf den Beschluss. Dies zeigt, dass aus dem vorhandenen Budget heraus Sachmittel wie Vereinsbeiträge immer noch den Status von zusätzlichen Leistungen haben und nicht selbstverständlich eingesetzt werden.

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Damit verbunden war die Umstrukturierung der Finanzierung der Jugendhilfe durch ein Budget. Dies versetzte die freien Träger in die Lage, über Einzelbetreuungsmaßnahmen hinaus präventiv niederschwellig tätig zu werden. Im Netz der Zusammenarbeit von Schule und Jugendhilfe ließ sich so die Idee Schüler helfen Schülern sehr schnell umsetzen. Seit 2003 arbeitet der VSE als Projektträger nach folgendem Konzept: Adressaten Die Kinder -

Schüler der 3. und 4. Klassen, die nachmittags keine oder unzureichende Unterstützung bei den Hausaufgaben und ihrer Freizeitgestaltung erhalten (niemand da, Eltern sprechen kein Deutsch, Mutter ist überlastet o.ä.), aber nicht so auffällig sind, dass bereits umfangreichere Jugendhilfemaßnahmen in Frage kommen werden von den Lehrern dem Projekt benannt. Etwa 2/3 von ihnen sind yezidisch kurdischer Abstammung.

Die Jugend- Über die Gewinnung einer Schlüsselperson fand sich das Team der lichen Betreuer, bestehend aus 3 Jungen (16 – 17 Jahre) und vier Mädchen (15 – 17 Jahre) zusammen. Es besteht eine freundschaftliche Verbindung der „Teamer“ untereinander. Alle besuchen Celler Gymnasien (9. – 11. Klasse). Vier leben im Stadtteil Hehlentor und waren als Grundschüler an der Hehlentorschule, der Schule, an der das Projekt begonnen wurde. Einige hatten so einen sehr persönlichen sozialräumlichen Bezug zum Projekt. Zielsetzung -

Für Kinder und Jugendliche gelten gleichermaßen die übergeordneten Leitsätze der Jugendhilfe in Celle (Partizipation, Prävention und Integration). Praxisziele für die Kinder sind schwerpunktmäßig: Spaß am Lernen und sozialen Miteinander zu gewinnen sowie Entlastung im Schulalltag zu erfahren; für die ausführenden Jugendlichen die Übernahme von Verantwortung, den Bezug zu anderen Lebenswelten, sozialen Realitäten und anderen Kulturen.

Organisation - An vier Nachmittagen finden für jeweils 2 – 2,5 Stunden in einem Klassenraum der Schule Hausarbeiten und Spiel und Lernangebote statt. Jeweils 4 Jugendliche betreuen im Durchschnitt 16 Kinder. Die Jugendlichen erhalten für ihren Einsatz eine Aufwandsentschädigung.

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Die Jugendlichen überlegen sich die Spielangebote und bereiten diese vor. Ihre Einsätze regeln sie untereinander. Funktion des anleitenden Sozialpädagogen Der Sozialpädagoge (0,25 Planstelle) organisiert den betrieblichen Rahmen, Öffnungszeiten, Räume, Sachausstattung. Er ist Bindeglied zwischen Schulleitung, Lehrern, Hausmeister und Teamern sowie Ansprechpartner bei besonderen Vorkommnissen, Absprachen und Klärungsprozessen. Er reflektiert mit den Jugendlichen die Arbeit und ist etwa zu 2/3 der Öffnungszeit anwesend. Seine Tätigkeit ist darauf ausgerichtet, die Teamer zu unterstützen, ihre Arbeit mit den Kindern zu fördern und zu qualifizieren. Der Schulleiter vermittelt den Lehrern und dem Hausmeister Hintergrund und Zielsetzung des Jugendhilfeangebotes, er sorgt für Akzeptanz und notwendigen Informationsfluss und sorgt dafür, dass die Ressourcen der Schule dem Projekt zur Verfügung stehen (Küche, Werkraum, Sporthalle). Er steht im regelmäßigen Austausch mit den Sozialpädagogen und begleitet die monatlichen Reflexionstreffen mit den Jugendlichen. Methoden

Der Sozialpädagoge begleitet die Teamer methodisch mit Hilfe der „Kollegialen Beratung“, vermittelt gruppenpädagogisch Kenntnisse und hilft bei notwendigen Grenzsetzungen. Die Jugendlichen geben Hilfestellung bei der Hausaufgabenbetreuung und führen Spiel- und Lernangebote durch, abgestimmt auch auf geschlechtsspezifische Interessen (Fußball, Basteln, Kochen, Backen, Bewegung, Spiel). Das Projekt ist Bestandteil des Vertrages. Dies beinhaltet auch die Einbeziehung in die gemeinsame Qualitätssteuerung auf der Grundlage der Qualitätsentwicklungsvereinbarung. Dadurch kommen für das Projekt auch entsprechende Methoden der Evaluation und das operative Controlling zur Anwendung.

Ergebnis und Perspektiven -

Zu Beginn war für die Beteiligten offen, ob die Kinder das Angebot überhaupt wahrnehmen werden. Die bisherige Teilnahme übersteigt unsere Erwartungen hier bei weitem. Von 12 angesprochenen Kindern kommen 11 regelmäßig. Weitere Kinder kamen aus Eigeninitiative dazu. Entsprachen sie der Ziel85

gruppe, wurden sie mit aufgenommen. Es bildete sich eine Kerngruppe von 16 Kindern, die bis heute kontinuierlich arbeitet. Die Gruppe beginnt um 15:00 Uhr. Ein Teil der Kinder ist meist bereits um 14.00 Uhr da. Im Laufe der Zeit brachten die Kinder immer wieder Gäste mit. Dies wird positiv bewertet, muss aber zum Teil eingeschränkt werden, da sonst die Qualität des Angebotes leidet. Der offene Charakter der Grundschule Hehlentor ist wichtiger Bestandteil des Angebotes. So wird die Anwesenheit der Kinder außerhalb der Schulzeiten auch für den Hausmeister und die Reinigungskräfte nicht als störend empfunden – wer zu früh zum Projekt kommt und im Schulgebäude herumläuft, muss dem Hausmeister helfen (was sie sogar gerne tun). Zum jetzigen Zeitpunkt wird angestrebt, das Projekt unbefristet fortzuführen. Die Jugendlichen haben ihre weitere Mitarbeit zugesichert. Die Kindergruppe wird sich durch den Abgang der 4. Klasse zur Hälfte verändern. Der Schulleiter bemüht sich, der Gruppe einen eigenen Raum zur Verfügung zu stellen (Dachausbau / Umwidmung anderer Funktionsräume), den diese selbst gestalten wird. Besonders erfolgreich ist das Angebot, da der „Spaßfaktor“ für alle Beteiligten sehr groß ist. Dies bringt Erfolg, Erfolg bringt Bestätigung, Bestätigung motiviert zur Weiterarbeit. Inzwischen ist das Projekt an einer weiteren Schule in den Klassenstufen 5 und 6 eingerichtet, mit großem Erfolg. 5. 5.1.

Ausgewählte Aspekte des Budgetmodells Budgetumfang – Beschränkung oder Ausweitung?

Immer wieder passiert es, dass öffentliche und freie Träger der Jugendhilfe eine ausgeprägte Misstrauenskultur pflegen, die sich historisch weit zurückverfolgen lässt. Der Zweifel an der Fähigkeit des Partners zur Aufrichtigkeit sitzt tief. Budgetflucht104 ist einerseits eines der Argumente gegen eine sozialräumliche Budgetierung, andererseits aber auch ein Argument für eine weitgehende Einbeziehung 104

Säuberlich, U./Osterndorff, G.: Sozialraumbudget und neue Steuerung – Bremerhaven verknüpft Fachlichkeit mit Wirtschaftlichkeit. In: Blätter der Wohlfahrtspflege, Ausgabe 1/04 S.24 - 26

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der stationären Hilfen. Budgetflucht unterstellt in diesem Zusammenhang sich zu Lasten von Heimerziehung im ambulanten Bereich zu entlasten und Fälle in diese Richtung abzuschieben. U.a. wird aus diesem Grund die Einbeziehung von Heimerziehung in das Budget von vielen gefordert. Bei der Bemessung des budgetierten Umfangs sollten Überlegungen zur Struktur der Heimerziehung berücksichtigt werden. Kinder aus dem Zuständigkeitsbereich Celle sind in 29 Einrichtungen untergebracht, davon 7 im Umfeld von mehr als 100 km. Über 90 % der Hilfen sind bei Trägern untergebracht, die nicht Teil der Trägerkooperation sind. Die Trägerkooperation vor diesem strukturellen Rahmen in die Beteiligung der Belegung und Steuerung der stationären Heimerziehung mittels Budget einzubeziehen, erscheint nicht logisch. Es gibt zurzeit für den öffentlichen Träger in Celle angesichts der geschilderten Heimstruktur kein plausibles Argument für die Aufnahme der stationären Hilfen ins Budget. Anders ist dies in Kommunen, die die überwiegende Anzahl von Heimerziehung bei Trägern unterbringen, die ihren Sitz im Jugendamtsbezirk haben. Es ist daher sorgfältig abzuwägen, welche Effekte durch die Einbeziehung stationärer Hilfen entstehen. 5.2 Machtverlust und Zugewinn –Versuch einer Bewertung von Kooperation Unter dem Gesichtspunkt von Kooperationsverpflichtungen, Vertragstreue und Wohlverhaltenserwartungen stellt sich im Sozialraumbudgetmodell für die freien Träger die Frage nach den Wirkungen der Kooperation unter Budgetbedingungen. Kooperation ist nach Boettcher105 (Boettcher 1974) die paradoxe Strategie, durch Aufgabe von Selbständigkeit eine Erweiterung des eigenen Handlungsspielraums zu erreichen. Parallel dazu sind Organisationsveränderungen für die einzelnen Akteure immer begleitet von Gewinn- und Verlusterfahrungen für die Organisation aber auch für die Beteiligten. Die Feststellung Boettchers ist auf kooperative Budgetmodelle übertragbar. Der öffentliche Träger der Jugendhilfe schränkt im kooperativen Budgetmodell seine alleinige Definitionsmacht weiter ein, als dies die gesetzlich eingeforderten Verpflichtungen zur Beteiligung freier Träger im KJHG erfordern. Die gesetzlichen

105

Boettcher 1974, zit nach van Santen, E./ Seckinger, M: Kooperation: Mythos und Realität einer Praxis. München 2003, S. 49

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Kooperations- und Beteiligungserfordernisse werden von Jugendämtern ohnehin sehr unterschiedlich gehandhabt. Kooperation wird zumindest in der Fachliteratur als das Allheilmittel beschworen um die negativen Folgen von Marktförmigkeit und Wettbewerb in der Jugendhilfe zu kompensieren106. Kein Beitrag der sich mit Markt und Wettbewerb in der Jugendhilfe auseinandersetzt verzichtet auf intensive Appelle zur Zusammenarbeit der Marktkonkurrenten. Offensichtlich ist das Bedürfnis nach Ausgleich und Konsens in Zeiten einer zugespitzten Marktförmigkeit groß. Dabei wird hinsichtlich der Bewertung der gesetzlich vorgeschriebenen Kooperationserfordernisse häufig maßlos übertrieben. In den immer wieder als Kooperationsinstrument hervorgehobenen Arbeitsgemeinschaften (§ 78 KJHG) ist lediglich die Abstimmung geplanter Maßnahmen vorgesehen, damit diese „sich gegenseitig ergänzen“. Hier ist Zusammenarbeit lediglich zum Zwecke der Koordination gefordert. Die frühzeitige Planungsbeteiligung (§ 80 Abs. 2 KJHG) bezieht sich auf ein Anhörungsrecht im Jugendhilfeausschuss. Das Verhältnis von öffentlichen zu freien Trägern der Jugendhilfe ist auch im KJHG ein Auftragsverhältnis (§ 3KJHG) mit einer eindeutigen Zuschreibung der Leistungsgewährung (§ 3 Leistungsverpflichtung) als Aufgabe des öffentlichen Trägers. Die partnerschaftliche Zusammenarbeit und das Subsidiaritätsprinzip verpflichten den öffentlichen Träger der Jugendhilfe sehr allgemein (§ 4KJHG). Der Vertrag zum Sozialraumbudget Celle fordert, zum einen unter Hinweis auf die gemeinsam geschaffene Grundlage der „Leitsätze als Grundlage der Jugendhilfe in Celle“ ein gemeinsames Grundverständnis ein, zum anderen wird die Verpflichtung zu gemeinsam getragener Verantwortung auch durch den Hinweis in Ziff. 3 des Vertrages zum Sozialraumbudget deutlich: „Der öffentliche Träger und die beteiligten freien Träger der Jugendhilfe tragen für die notwendigen Innovationen eine gemeinsame Verantwortung und arbeiten bei der Fortentwicklung des Konzeptes vertrauensvoll zusammen“. Oder noch deutlicher unter Ziff. 4.1 des Vertrages: „Die Gesamtsteuerung erfolgt im Rahmen des Budgets über eine Planungs- und Steuerungsgruppe, die sich aus bis zu zwei Vertretern der Vertragsparteien zusammensetzt.“ Somit sitzen in der Planungs- und Steuerungsgruppe 8 Vertreterinnen/Vertreter der freien Träger zwei Vertreterinnen/Vertretern des öffentlichen Trägers gegenüber. Entscheidungen können jedoch nur im einvernehmlichen Konsens und nicht per Mehrheitsbeschluss gefasst werden. Die rechtlich normierte Gesamtverantwortung des öffentlichen Trägers der Jugendhilfe (§79 KJHG) verbleibt auch im Budgetmodell beim öffentlichen Träger (Vertrag Ziff. 6.1: „Der öffentliche Träger ist im Rahmen des 106

Wohlfahrt, N.: Markt und Wettbewerb im Verhältnis zwischen öffentlichen und freien Trägern der Jugendhilfe. In: Otto /Schnurr (Hrg.): Privatisierung und Wettbewerb in der Jugendhilfe - Marktorientierte Modernisierungsstrategien in internationaler Perspektive. Neuwied 2000, S. 285

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Sozialraumbudgets verantwortlich für: … zentrale Vorgaben zu fachlichen Standards der Hilfen im Sinne der Gesamtverantwortung nach § 79 KJHG.“) Der Sozialraumbudgetvertrag geht weit über die gesetzlichen Kooperationsanforderungen hinaus und benennt konkrete wechselseitige Verpflichtungen. Der Hinweis von Böttcher durch Aufgabe von Selbständigkeit eine Erweiterung des eigenen Handlungsspielraums zu erreichen trifft sowohl für den öffentlichen als auch für die freien Träger der Jugendhilfe zu. Die freien Träger verpflichten sich mit der Einhaltung des Budgets zur Beachtung der finanziellen Rahmenbedingungen und erhalten für das Budgetjahr Planungssicherheit. Der erweiterte Handlungsspielraum bezieht sich bei den freien Trägern auf die flexible Hilfegestaltung (s. Kap. 3) und ermöglicht damit einhergehend einen größeren eigenständigen Handlungsspielraum. Besonderen Wert legt der Gesetzgeber auf die Selbständigkeit der freien Jugendhilfe in Zielsetzung und Durchführung ihrer Aufgaben, sowie in der Gestaltung der Organisationsstruktur. Es stellt sich also die Frage, ob unter Budgetbedingungen die Pluralität und Eigenständigkeit der freien Träger der Jugendhilfe weiterhin gewährleistet ist? Die Selbstständigkeit des Handelns kann durch die vertraglichen Bindungen betroffen sein oder durch Rücksichtnahmen auf die Trägerinteressen der beteiligten Vertragspartner. Die formale Trägerselbständigkeit als juristische Person, Unternehmen und Institution bleibt erhalten (s. Ziff. 6.1 des Vertrages), anders wäre dies im Falle eines Trägerzusammenschlusses als GbR oder g GmbH. 5.2.1

Nimmt die Trägerselbständigkeit bei zunehmender Kooperation ab?

Diese Frage ist sicherlich eine der spannendsten im Rahmen der Kooperation unter Budgetbedingungen. Auch wenn die juristische Selbständigkeit der Träger unberührt bleibt, kann die Organisationshoheit, Handlungsfreiheit und das Selbstverständnis der Träger betroffen sein. Nehmen die gemeinsam mit anderen Trägern vereinbarten Standards und Leitsätze tatsächlich Einfluss auf die eigenen Entscheidungsspielräume, die Unternehmensziele und vielleicht sogar auf die Selbständigkeit nach innen und außen? Das Trägerselbstverständnis und Trägerleitbild ist ein notwendiges Unterscheidungsmerkmal zu anderen Trägern, das zum einen dazu dient, wahrnehmbare Abgrenzungen zu anderen Trägern zu erreichen (Organisationsziele), Umsätze 89

zu erzielen (Finanzziele) und die Mitarbeiter unter der Trägerideologie zu vereinen (Personalentwicklungsziele). Dass dabei häufig die Träger, die im gleichen Wohlfahrtsverband zusammengeschlossen sind, und die ein fast identisches Selbstverständnis eint, am Markt die größten Konkurrenten sind, ist der Tatsache geschuldet, dass sich bei gleichem Angebot und gleichem Trägerselbstverständnis die Marktanteile potentiell reduzieren. Für solche Träger ist es unabdingbar, im Rahmen einer Marktstrategie die vermeintlichen Unterschiede sichtbar zu machen um konkurrenzfähig zu bleiben. Dabei beherrschen marginale, teilweise an Zielgruppen und Spezialisierungen ausgerichtete Unterschiede im Trägerangebot die Marktstrategie, d.h. Nebensächlichkeiten und Schlagworte erhalten eine deutliche Aufwertung in der Werbestrategie des Anbieters107. Dennoch soll hier nicht ausgeschlossen werden, dass möglicherweise tatsächlich wichtige Unterschiede zwischen den freien Trägern der Jugendhilfe bestehen und diese auch in der Praxis identifizierbar gelebt werden. Selbst wenn berechtigte Zweifel an dem angebracht sind, was beim Adressaten an Trägerselbstverständnis ankommt, so gibt es doch Unterschiede, die mit dem Begriff „Trägerpluralität“ umschrieben werden können und auf die das immer wieder diskutierte, in der Praxis aber nur selten eine Rolle spielende Wunsch und Wahlrecht zielt. Führen die engen Kooperationsprozesse also dazu, dass die Mitarbeiter von der Trägerideologie der Marktkonkurrenten infiziert werden und ihre organisationsspezifischen Interessen sozialräumlichen Erfordernissen untergeordnet werden? Ingesamt kann nach vier Jahren Budgetpraxis festgestellt werden, dass die Identifikation der Mitarbeiter über den Dienstherrn immer noch weitergehender ist als das gemeinsam entwickelte sozialräumliche Selbstverständnis. Alle Träger nutzen nach wie vor die internen Strukturen, Verfahren und Standards des Anstellungsträgers. Sicherlich haben einige verbindlich eingeführte gemeinsame Controllingverfahren und Methoden (S.M.A.R.T und AZOMP) mehr oder weniger identifizierbar Eingang gefunden, dennoch arbeitet der Caritas-Verband eng mit dem von Margarethe Rothe entworfenen Selbsthilfeplänen, der VSE nach den von K. Hekele entwickelten Verfahren („sich am Jugendlichen orientieren“, „Team als Methode“ etc.), die Stiftung Linerhaus und die Pestalozzi-Stiftung mit dem Celler Ev. Kinderheim auf der Grundlage eines systemischen Selbstverständnisses. All diese Verfahren stärken den Trägerbezug.

107

s. Frank, G./Reis, C./Wolf, M.: „Wenn man die Ideologie weglässt, machen alle das gleiche“. Eine Untersuchung zum Praxisverständnis leitender Fachkräfte unter Bedingungen des Wandels der freien Wohlfahrtspflege. Frankfurt/Main 1994. Eigenverlag des Deutschen Vereins

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Jeder Träger folgt weiterhin seiner Trägerideologie, die methodischen Werkzeuge bleiben erhalten, gemeinsame Qualitätsentwicklungen wie S.M.A.R.T und AZOMP sind hinzugefügt worden, haben aber das Trägerselbstverständnis weitgehend unberührt gelassen. Nach außen und innen ist der Anstellungsträger nach wie vor sozialraumübergreifend gegenüber seinen Mitarbeitern „Herr im Ring“ und umgekehrt findet die Identifikation der Mitarbeiter nach wie vor über den Anstellungsträger statt und erst in zweiter Linie über den Sozialraum. Allerdings ist durch die Zusammenarbeit vor Ort und gemeinsame Fortbildungen die Kenntnis übereinander allgemein gewachsen. Zum zweiten wird häufiger, aber immer noch nicht selbstverständlich, auch die Fachberatung anderer Träger in Anspruch genommen. Drittens ist natürlich gerade der Erfolg der (insbesondere mittleren) Leitungsebene auch davon abhängig, dass sich die „eigenen“ Mitarbeiter am Anstellungsträger orientieren. Wenn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter reihenweise zur Fachberatung „konkurrierend“ kooperierender Träger überlaufen, dann steht der Fachberater schnell im eigenen Hause in der Kritik. Schließlich ist das Trägerselbstverständnis auch in einer nach wie vor von Konkurrenz geprägten Situation weiterhin ein wichtiger Faktor, •

weil die Träger nicht sicher sein können, dass das Sozialraumbudget durch politische oder gerichtliche Entscheidungen unbeeinflusst die nächsten Jahre überdauern wird und es dann darauf ankommt über gute Startbedingungen und verlässliche Strukturen zu verfügen,



weil sich über Trägerselbstverständnisse Definitionsmacht über Ziele und Inhalte des Gesamtbudgets ableiten,108



weil die Trägerstruktur den Erhalt der Eigenständigkeit nahe legt und



weil das Ziel der Organisation immer auf den Erhalt derselben gerichtet ist.

Die Strukturen und Organisationsmuster freier Träger führen dazu, dass selbst bei intensiver Kooperation im Sozialraumbudgetmodell die Wahrung der inhaltlichen und organisatorischen Eigenständigkeit in jedem Falle gewahrt bleibt.

108

Häufig werden unter Berufung auf die Leitsätze Trägerselbstverständnisse eingebracht.

91

Mir ist kein Sozialraumbudget bekannt, das zu einem Trägerzusammenschluss in einer übergeordneten Einheit führte109. 5.2.2

Erweiterung der fachlich-methodischen Handlungsspielräume durch Kooperation

Neben der – wie wir gesehen haben - eingeschränkten Abgabe von Definitionsmacht erfährt die Jugendhilfe öffentlicher und freier Träger eine erhebliche Erweiterung des eigenen Handlungsspielraums im Sinne flexibler Möglichkeiten der Gestaltung sowohl im Einzelfall als auch im infrastrukturellen und präventiven Bereich. Die Erweiterung der Handlungsspielräume betrifft die Flexibilität der Erziehungshilfe, die Implementierung sozialräumlicher Angebote und das Ausbalancieren von individuellen, rechtsanspruchsbegründenden Hilfen und niedrigschwelligen Angeboten im Rahmen des Budgets. Die Dienstleistung Jugendhilfe kann somit jederzeit in flexibler und sozialräumlicher Form angeboten werden. 5.2.3

Erweiterung der finanziellen Handlungsspielräume

Als weiteres Beispiel für die Wirkungen von Kooperation i. S. der Definition von Boettcher sei der Bereich der Finanzierung angeführt. Dem Machtverlust des öffentlichen Trägers durch die Beteiligung der freien Träger der Jugendhilfe an der Finanzverantwortung steht ein Zugewinn an finanzieller Stabilität (Budgetrahmen) gegenüber. Einen Zugewinn an Planungssicherheit haben im übrigen auch die freien Träger, indem sie über das Jahr hinweg kontinuierlich eingehende Abschlagzahlungen erhalten, die nicht von der Anzahl der erwirtschafteten Fachleistungsstunden abhängig sind und dem Träger somit Planungssicherheit gewährleisten. Beide Seiten bemühen sich so um das Einhalten des Budgetrahmens. 5.2.4

Machtverlust und Zugewinn im operativen Bereich

Auch die Kooperationsbeziehungen im operativen Bereich waren von Machtverlust und Zugewinn geprägt. Insgesamt wurde im Jugendamt zu Beginn des Veränderungsprozesses die völlige Entmachtung des ASD befürchtet. Sehr schnell wurde jedoch deutlich, dass dies nicht eintreten werde. Zumindest die Bereiche Wächteramt, Trennungs- und Scheidungsberatung und die stationären Hilfen 109

Das Beispiel der Jugendwerkstatt in Celle als Trägerzusammenschluss zur Erfüllung einer bisher nicht durch die Träger wahrgenommenen Aufgabe ist auf einen unwesentlichen Teilbereich der kooperierenden Träger begrenzt (begrenzte Kooperation als Marktstrategie von konkurrierenden Trägern zur gemeinsamen Aufgabenerfüllung sind auch in der Wirtschaft nicht ungewöhnlich).

92

blieben von den Veränderungen ohnehin weitgehend verschont und für die Erziehungshilfen blieb die Verantwortlichkeit für die Abwicklung und das Verfahren weiterhin beim ASD. In der Hilfeplanung allerdings führte die konsequente Trennung der Verantwortungsbereiche Hilfeplanung und Durchführung dennoch zu erheblichen Bedenken und letztlich zu einem Machtverlust im ASD, dem jedoch auch hier wieder positive Zugewinne gegenüber stehen. Im Rahmen der Adressatenorientierung wurden allerdings auch Machtbereiche im Sinne von Selbstbestimmung an die Adressaten übertragen. Die nachfolgende Tabelle vollzieht in Stichworten eine Gewinn- und Verlustbilanz. Abb. 14: Machtverlust und Zugewinn im operativen Bereich

Hilfeplanverfahren

Sozialräumliche Hilfen

110

Machtverlust des öffentlichen Trägers Definitionsmacht der Hilfe liegt überwiegend beim Adressaten, nicht mehr beim ASD.110

Zugewinn des öffentlichen Trägers Alles ist möglich, keine Anforderungen an die Hilfe sind grds. ausgeschlossen (Flexibilität statt standardisierte Versäulung). ASD-Mitarbeiter Verantwortlichkeiist lediglich Beten sind klar begleiter, nicht mehr nannt, „Herr“ des Verhöherer Anspruch fahrens. an die Mitarbeit des Adressaten i. S. von Rechten und Pflichten. Stadtteilprojekte Anbindung an den liegen grds. in der Sozialraum über Verantwortung die Projekte. der freien Träger.

Machtverlust des freien Trägers

Zugewinn des freien Trägers

Definitionsmacht liegt beim Adressaten.

Freier Träger ist für die Hilfedurchführung alleinverantwortlich.

Freier Träger reagiert auf Anforderungen eines vorgegebenen Hilfeprofils.

Freier Träger hat mehr Spielraum in der konkreten Ausgestaltung der Hilfe im Alltag.

Strategische Entscheidungen müssen mit dem ASD vereinbart werden.

ASD definiert sich nicht mehr ausschließlich über den Rechtanspruch auf Einzelfallhilfen.

Die Sicherheit der Koppelung von Hilfen an Rechtsansprüche fällt in Bezug auf die infrastrukturellen Leistungen weitgehend weg.

Erweiterung der Möglichkeiten und Kombination von Hilfeleistungen Neue Anforderungsprofile Kreative Gestaltungsspielräume werden erschlossen; Prävention.

Kreative Gestaltungsspielräume werden erschlossen; Prävention.

Ausnahme: Wächteramt / Kindeswohlgefährdungen

93

5.2.5 Präsenz im Sozialraum – Meinungsführerschaften - Entflechtungsprozesse Im Folgenden soll auf die Frage nach der Zuordnung von Trägern im Sozialraum eingegangen werden. Nachdem im ersten Budgetjahr jeder Träger in jedem Sozialraum präsent sein wollte, was zu einer 10%igen Budgetüberschreitung führte, hat sich eine zunehmende Entflechtung ergeben, so dass in jedem der 6 Sozialräume jeweils ein Träger die Federführung oder zumindest eine gewisse informelle Meinungsführerschaft übernommen hat. Diese findet u. a. ihren Ausdruck in der Funktion des Sozialraumsprechers, der aufgrund seiner Qualifikation und Eignung zumeist eine herausgehobene Stellung (auch beim jeweiligen Anstellungsträger) hat bzw. sich diese im Laufe des Projektes erworben hat (sozialräumliche Kompetenz). Der Sozialraumsprecher hat die Funktion einer Außenvertretung, aber ohne Vorgesetztenfunktion (s.o.: Mitarbeiterbindung an Träger). Es wird Wert darauf gelegt, dass Entscheidungen im sozialräumlichen Kontext von allen Beteiligten insbesondere auch von den beiden ASD-Mitarbeitern im Sozialraum mitgetragen werden. Während zu Beginn des Sozialraumbudgets fast alle Träger in fast allen Sozialräumen vertreten waren ergibt sich nunmehr folgendes Bild: Abb.: 15

Trägerlandschaft in den Sozialräumen

Stand 2004

Trägeranzahl:

Trägerzugehörigkeit Sozialraumsprecher

111

SRG 1

SRG 2

SRG 3

SRG 4

SRG 5

SRG 6

Neustadt / Heese

Wietzenbruch / Westercelle

Altstadt / Neuenhäusen

Blumlage / Altencelle

Hehlentor, Klein Hehlen, Boye

Nördlich der Aller mit Vorwerk

3 VSE111

2 Caritas

2 Linerhaus

2 Linerhaus

3 2 Celler VSE Ev. Kinderheim

Im Fettdruck: Trägerzugehörigkeit und größter Marktanteil im Sozialraum stimmen überein.

94

Abb.: 16

Marktanteil der Träger in den Sozialräumen in %

Im Finanzcontrolling sozialräumlich nicht zuzuordnen SRG 1 Neustadt / Heese SRG 2 Wietzenbruch Westercelle SRG 3 Altstadt / Neuenhäusen SRG 4 Blumlage / Altencelle SRG 5 Hehlentor, Klein Hehlen, Boye SRG 6 Nördlich der Aller mit Vorwerk Marktanteil der Träger in allen Sozialräumen

Anteil des So- davon in %: zialraums am Caritas Gesamtbudget 5,25 0,8

Gesamt CEK

Linerhaus

VSE

78,8

6,9

13,8

100,3

21,68

6,2

8,8

13,1

71,9

100

17,7

48,2

11,8

32,2

7,8

100

14,1

12,5

10,4

73,1

3,6

99,6

17,7

9,4

0

79,9

10,7

100

9,3

10

28,3

13,4

48,3

100

17

21,6

6,9

14,6

56,8

99,9

15,6

20,7

33,3

30,4

100

Die Positionierungen in den Sozialräumen erfolgten unspektakulär. Es gab keine konkurrenzhaften Auseinandersetzungen, zumindest nicht für den öffentlichen Träger wahrnehmbar. Was sich hinter den Türen der Besprechungen der Trägerkooperation abspielt, bleibt dem öffentlichen Träger häufig verborgen. Abb.: 17 Anzahl der Beteiligungen der Träger in den 6 Sozialräumen SRG 6 Budget- SRG 1 SRG 2 SRG 3 SRG 4 SRG 5 Hehlen- nördl. jahr NeuWietAltstadt/ Blumd. Altor/Kl. stadt/ zenbruch Neuenlage/ ler mit HehHeese /Westercelle häusen Altenlen/Boy Vorcelle werk e Anzahl 3 3 3 3 4 2 2001 Anzahl 3 2 2 2 3 2 2004

95

Abb.: 18

Trägerpräsenz in den 6 Sozialräumen: Caritas

2001 2004

4 4

Celler Ev. Kinderheim 5 3

Linerhaus

VSE

5 4

4 3

So teilen sich die Trägerverantwortlichkeiten im Sozialraum nach den Budgetanteilen. Die Gesamtverantwortlichkeit aller Träger bleibt allerdings ungeteilt. Träger nehmen durchaus im Einzelfall auch in Sozialräumen Aufgaben wahr, in denen sie nicht vertreten sind. Sie vertreten mit Blick auf die Gesamtentwicklung ihre Meinung auch zu aktuellen Entscheidungen in Sozialräumen, in denen sie nicht beteiligt sind (Planungs- und Steuerungsgruppe). Die Sozialraumübergreifende Verantwortlichkeit ist ein Vorteil des Gesamtbudgets, da jede Veränderung in einem Sozialraum Auswirkungen auf andere Sozialräume und das Gesamte gleichermaßen hat. Die Festigung der Strukturen brachte Änderungen in der Ablauf- und Aufbauorganisation und der Steuerung mit sich. Zu Beginn der Sozialraumbudgetierung wurde ein Strukturproblem in der sozialraumübergreifenden Verteilung von Mitarbeiterressourcen gesehen. Es wurde befürchtet, dass Sozialraumteams nicht bereit sind, bei Bedarf in anderen Sozialräumen auszuhelfen. Deshalb wurde unterhalb der Planungs- und Steuerungsgruppe eine „Arbeitsgruppe Budgetsteuerung“ installiert, um die Bedarfe Sozialraum übergreifend zu koordinieren. In diesem Gremium war federführend eine Leitungskraft aus der Planungsund Steuerungsgruppe vertreten und die 6 Sozialraumsprecher. Es hat sich nach zwei Jahren gezeigt, dass das Instrument der „Arbeitsgruppe Budgetsteuerung“ zu unflexibel ist, um auf kurzfristig gemeldete Bedarfe zu reagieren, sodass das Gremium gar nicht in Anspruch genommen wurde. Die Sozialraumsprecher handelten die Verteilung von Fällen Sozialraum übergreifend durch telefonische Absprache bereits auf unterer Ebene eigenverantwortlich aus. Parallel zu dieser Entwicklung ergab sich der Wunsch nach stärkerer fachlicher Ausrichtung des Gremiums, was zur Umbenennung der AG Budgetsteuerung in FAKT (Fachkoordinationsteam) führte. Diese Arbeitsgruppe bildet nun die Brücke zwischen den Belangen der Basis und der Planungs- und Steuerungsgruppe. Kritisiert wird wiederholt die lange Bearbeitungsdauer von Anträgen aus den Sozialräumen in der Planungs- und Steuerungsgruppe. Die Planungs- und Steuerungsgruppe tut sich teilweise mit Entscheidungen schwer, weil sich hier die Konkurrenz der Träger durch die Anwesenheit der Spitzenvertreter offenbart. Hier werden die ideologischen Schlachten vor dem Hintergrund der Träger96

selbstverständnisse geschlagen. Hilfreich war dabei, dass sich die freien Träger in Abwesenheit des öffentlichen Trägers in der Trägerkooperation treffen, Positionen verhandeln und zu gemeinsamen Positionen finden bevor mit dem öffentlichen Träger verhandelt wird. Diese Form der Vorbereitung von Positionen in der Trägerkooperation auf Seiten der freien Träger wurde zeitweise aufgegeben, so dass die Planungs- und Steuerungsgruppe Austragungsort von Positionierungen wurde. Dies ist nicht effektiv, zumal der öffentliche Träger häufig zum Schiedsrichter erwählt wird. Vieles spricht also für eine gemeinsame Positionierung der freien Träger bevor der Diskurs mit dem öffentlichen Träger begonnen wird. Es spricht für die Planungs- und Steuerungsgruppe, dass letztendlich immer von Allen mitgetragene Kompromisse erzielt werden und nur selten Entscheidungen umgesetzt werden, die von der Minderheit lediglich toleriert werden. Durch die Einrichtung von FAKT können einige Fragen bereits dort vorberaten werden. Dies befördert die Schnelligkeit von Entscheidungen der Steuerungsebene ebenso wie die Vorberatung von Themen durch die freien Träger im Rahmen der Trägerkooperation. 5.2.6 Verantwortung für die Gesamtsteuerung – eine gemeinsame Aufgabe der Vertragspartner. Absprachen zwischen den Trägern, Indikatoren zur Ergebnismessung und Zielgerichtete Steuerung können dazu führen, dass die Trägerinteressen hinter den Planungsinteressen im Sinne der Leitsätze zurückstehen müssen. Das Vertrauen in die Zukunftsfähigkeit des Modells ist aber so weit gefestigt, dass dies gelingt. Da die Zusammenarbeit nach wie vor auch vom Wettbewerb bestimmt ist und die Notwendigkeit eines ordnenden Faktors wichtig ist, behält der öffentliche Träger eine wichtige Funktion. Der Wille zum Umsteuern in der Jugendhilfe ist bei allen vier Trägern in Celle vorhanden. Die effektivere Möglichkeit zum bewussten Steuern ist ein wichtiger Vorteil des Budgetmodells. Im Folgenden werden die unmittelbar mit dem Modellprojekt erbrachten Leistungen beschrieben. Diese haben den Gesamtprozess der Jugendhilfe in Celle maßgeblich befördert.

97

6. 6.1 6.1.1

Unmittelbare Leistungen im Rahmen des Modellprojektes Wissenschaftliche Begleitung Beirat

Die wissenschaftliche Begleitung des Projektes erfolgte durch den Beirat, der während des Projektzeitraumes kontinuierlich das Projekt begleitete. Der Beirat setzte sich zusammen aus •

Frau Wagner, Dezernentin im Nds. Landesjugendamt,



Frau Dr. Lösche, Leiterin der Erziehungsberatungsstelle des Landkreises Celle,



Herrn Hekele, bis zum Ausscheiden aus dem VSE aus Altersgründen als Fachberater des Verbundes sozialtherapeutischer Einrichtungen e. V., danach als Privatdozent,



Herrn Prof. Dr. Pilz, Lehrstuhl für Sportpädagogik an der Universität Hannover.

Die wissenschaftliche Begleitung erfolgte durch einen kritischen Diskurs struktureller Gegebenheiten, aktueller Planungen und die Reflexion aufgrund von Theorien der sozialen Arbeit und einem darauf aufbauenden Praxisverständnis. Diese Mischung der Begleitung durch den Beirat war hoch effizient und ergab zum einen Anregungen für Teilprojekte, Veränderungsbedarfe und Hinweise zu aktuellen Entwicklungen und Erkenntnissen. Aus dem Beirat erfolgten aber auch Dienstleistungen, teilweise unentgeltlich, so die Auswertung einer Mitarbeiterbefragung durch Herrn Dr. Pilz an der Universität Hannover im Jahre 2003112. Des Weiteren erfolgte die wissenschaftliche Begleitung von Projekten durch Herrn Hekele. 6.1.2

Fortbildung fallunspezifische Arbeit und Ressourcennutzung

Da das Gesamtmodell der Sozialraumbudgetierung zu Beginn des Projektzeitraumes bereits bestand, war es immer wieder erforderlich, die wissenschaftliche Begleitung auf Teilaspekte des sozialräumlichen Arbeitens zu richten. So wurde eine Fortbildung "fallunspezifischer Arbeit/Sozialraumorientierung“ des Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISSAP) an der Universität Essen im Jahre 2002 dazu genutzt, Alltagshandeln zu reflektieren und Lerneffekte zu erzielen. Die Fortbildung hatte außerordentliche große Auswirkungen auf das Ver112

Eine erste Befragung erfolgte bereits zum Zeitpunkt der Einführung des Sozialraumbudgets 2001

98

ständnis sozialräumlichen Handelns und bezog so die Mitarbeiterebene wieder in die konzeptionelle Projektausrichtung ein, nachdem in den Jahren 2000 und 2001 durch Einrichtung des Projektes, Vertragsschließung usw. im Gesamtverlauf des Prozesses die Mitarbeiteranliegen weniger beachtet worden sind, als dies notwendig gewesen wäre. Zudem war die Fortbildung die erste gemeinsame von freien Trägern und ASD. Insofern ergaben sich vielfältige Berührungspunkte, die unmittelbar für die Zusammenarbeit nutzbar waren. Eine zweite mit dem ISSAP im Jahre 2003 durchgeführte Fachtagung zum Ressourcentraining war eingebettet in die Diskussion um die Ressourcennutzung und erfolgte ebenfalls durch Einbeziehung der Mitarbeiterebene aller Träger. Insbesondere der zu Beginn des Projektes doch recht schleppend verlaufende Einbezug von Ressourcen im Stadtteil verbesserte sich erheblich. 6.1.3

Fachtag „Erziehungshilfe“:

Im Folgenden wird auf das Ergebnis eines Fachtages hingewiesen, der u.a. auf wesentliche Fragestellungen aus Sicht der ASD-Mitarbeiter einging. Thema: „Was sich verändert?“ Datum: 02.07.2003 Teilnehmer: Praktiker vor Ort Der Fachtag „Erziehungshilfe“ beschäftigte sich im 1. Teil mit 3 Thesen: 1.

Sozialräumliches Arbeiten führt zu einem vermehrten Fallaufkommen in einzelnen Bereichen von Hilfe zur Erziehung und zusätzlichen Anforderungen durch Kinder, Jugendliche und Familien, die einen möglichen Rechtsanspruch nicht einlösen, aber dennoch Hilfe einfordern (Stichworte: Niedrigschwelligkeit, Gehstruktur, Präsenz vor Ort, Vertrauen).

2.

Die Aufmerksamkeit, und Sensibilität für Veränderungen im Stadtteil (sozialräumliche, strukturelle Verantwortung) und für niedrigschwellige Gruppenarbeit geht zu Lasten der Aufmerksamkeit individueller Einzelfallhilfen mit Rechtsanspruch geht. Hinweise darauf wurden vor dem Hintergrund von folgenden Entwicklungen diskutiert: a)

einer geringeren durchschnittlichen Stundenzahl ambulanter Hilfen im Einzelfall,

b)

einer geringeren Anzahl intensiver Hilfearrangements mit hohem Stundenaufwand, 99

einer leicht erhöhten Heimunterbringungsquote (Neufälle)113,

c) d)

3.

den Daten der Adressatenbefragung (2001 waren 3 %, 2002 jedoch 16 % mit dem Ende der Hilfe nicht einverstanden) als Hinweis auf budgetregulierende Eingriffe.

Stadtteilprojekte bieten Flexibilität im Kindesalter. Ältere Jugendliche hingegen erhalten immer noch mit der Erziehungsbeistandschaft (EB) eine klassische Form der Einzelfallhilfe. Die drei Thesen wurden unter den Fragestellungen diskutiert: 1. Können Sie diese Annahmen bestätigen? 2. Was ist zu verändern? 3. Wie kann auf Entwicklungen innerhalb aber auch außerhalb des Budgets reagiert werden? Die Ergebnisse der Fachtagung wurden in entsprechende Entwicklungen aufgenommen: 1. Veränderungen der Beteiligung freier Träger bei Entscheidungen über Heimerziehung: kollegiale Beratung nur noch durch Fachberater (s. Kap. 6.4) 2. Einrichtung von 6 Praxisforschungsprojekten im Rahmen „Kontrollierter Praxis“ (s. kap. 6.2), 3. Konzeptionelle Entwicklung von Intensiver Familienhilfe als Clearingmaßnahme bei beabsichtigter Fremdunterbringung (s. Kap. 6.4). 6.1.4

Fachkräfteaustausch der freien und öffentlichen Träger der Erziehungshilfe der Städte Celle und Hannover

Am 28.10.2003 fand in Zusammenarbeit der freien und öffentlichen Träger der Erziehungshilfe Celle und Hannover und dem Nds. Landesjugendamt ein Fachkräfteaustausch statt. Die Städte Celle und Hannover flexibilisieren seit Jahren kontinuierlich die Jugendhilfe. Die Stadt Hannover steht kurz vor der Einführung eines Kontraktmanagements auf der Grundlage von Budgetierung.

113

Lediglich eine vorübergehende Entwicklung

100

Es sollte den Mitarbeitern der freien und öffentlichen Träger die Möglichkeit des interkommunalen Austausches gegeben werden, Erfahrungen zu reflektieren und voneinander zu lernen. U. a. wurde der Falleinstieg, der Umgang im Alltag mit dem Budget und dem Hilfeplanverlauf, die Orientierung am Adressaten sowie die Einbeziehung der freien Träger in die Fachberatung besprochen. Im Plenum wurde deutlich, dass beide Städte einen erheblichen Schritt hinsichtlich der Flexibilisierung der Jugendhilfe durchgeführt haben. Hannover hat in den Stadtbezirken Ricklingen / Mühlenberg die ersten Erfahrungen gesammelt und versucht, anhand erster Erfahrungswerte Eckdaten zu setzen. Erstaunen brachte die Erkenntnis, dass durchaus ähnliche fachliche Einschätzungen zu unterschiedlichen Handhabungen führen können. So ist die Entscheidung in Hannover, die freien Träger schon frühzeitig in die Fachkonferenz (FK) einzubeziehen, vor dem Hintergrund des Celler Modells kontrovers diskutiert worden. Zusammenfassend konnte festgestellt werden, dass die Flexibilisierung der Jugendhilfe die Arbeit vielfältiger macht und Menschen in den Stadtteilen mehr anspricht, weil deren Interessen einen höheren Stellenwert haben. Seminarkritik wurde insbesondere an der Zusammensetzung der Arbeitsgruppen geäußert, weil nicht in jeder Arbeitsgruppe alle beteiligten Institutionen (KSD Hannover, freie Träger Hannover) vertreten waren und so einige Mitarbeiter das Gefühl hatten in bekanntem örtlichen Rahmen zu diskutieren. Die Rückmeldungen zum Seminar wiesen eine breite Streuung auf. Das Landesjugendamt als Mitveranstalter stellte die grundsätzliche Frage, ob derartige Fachkräfteaustausche zwischen Institutionen ein geeignetes Mittel für Erfahrungsaustausch, gemeinsame Reflexion und Lernerfahrungen im Sinne des Fortbildungsauftrages des Landesjugendamtes sind. Die vielfältigen Diskussionsstränge, die sich während des Fachtages dennoch ergaben, werden im September 2005 in eine weitere Veranstaltung münden, die die Stadt Hannover, den Landkreis Lüneburg und die Stadt Celle in Celle zusammenbringen wird. 6.2

Kontrollierte Praxis - Rahmenbedingungen

Die stärkere Beteiligung der Fachkräfteebene an der Ausgestaltung der Prozesse, die Förderung des Interesses an der fachtheoretischen Auseinandersetzung und die Berücksichtigung von Methodik im Alltagshandeln sind Qualifizierungsmaßnahmen die auf die Personalentwicklung zielen. Mit zunehmendem Verlauf 101

und mit zunehmender Sicherheit im Umgang mit der sozialräumlichen Budgetierung wurde im Beirat die Idee entwickelt, eine Forschungsperspektive zu entwickeln, die möglichst von den Mitarbeitern selbst bestimmt umgesetzt werden kann. Dabei ergab sich sowohl die Möglichkeit einer praxisreflektierenden Gestaltung als auch eine Möglichkeit, als Akteur eine Forschungsperspektive in eigener Sache114 einzunehmen. Dazu wurde empfohlen, kleine selbst inszenierte Reflexionsprojekte zu ermöglichen, deren Themenstellung, Umfang und Ausgestaltung in die Hände der Fachkräfte gelegt werden sollten mit möglichst wenig Vorgaben und ohne Einflussnahme der Leitungsebene. Es wurde darüber Konsens erzielt, dass die Teilnahme freiwillig ist, die Themenauswahl, die Methodenwahl und die Inanspruchnahme von externer Begleitung von den Akteuren ebenso selbst bestimmt wird, wie die Zeitanteile. Die Fachkräfte sollten die Möglichkeit erhalten, in einem selbst gewählten und von ihnen für wichtig erachteten Themenfeld forschend115 zu arbeiten. Vorgegeben war lediglich ein Zwischenbericht an den Beirat nach einem halben Jahr Laufzeit im Spätsommer 2003 und ein Ergebnis im Frühjahr 2004. Die Zeiträume verzögerten sich insbesondere in der Findungsphase. Das erste Projekt endete bereits im Sommer 2003, das letzte Projekt legte seinen umfangreichen Endbericht im Mai 2005 vor. Im Februar 2004 wurden die Zwischenergebnisse im Beirat besprochen und mit Bewertungen für die Fortsetzung der Arbeit versehen. Insgesamt waren in 6 Projekten zwischen 5 und 12 Teilnehmer pro Gruppe tätig, einige davon aufgrund Arbeitgeberwechsel etc. nur zeitweise. Insgesamt nahmen 49 Mitarbeiter aller 5 Jugendhilfeträger teil, davon fast die Hälfte aus dem ASD. Dies unterstreicht die Wichtigkeit für den ASD vor dem Hintergrund der Gesamtverantwortung. Die Arbeitsgruppen sollten trägerübergreifend arbeiten und die Trägervielfalt abbilden. Es bestand die Möglichkeit, im Rahmen des Modellprojektes alle 114

Es ist inzwischen unumstritten, dass Forschung in eigener Sache durchaus möglich ist. Forschend bedeutet hier im Sinne eines zirkulären Verhältnisses zwischen Theoriebildung und Praxis. Der weitgehende Praxisbezug, wie ihn von Kardorff formuliert ist im Rahmen der kontrollierten Praxis hergestellt. Die Freiheit der Mitarbeiter in der Themengestaltung, Zuordnung zur Arbeitsgruppe, Umfang, Aufwand, Organisation und die „Freiheit des Scheiterns“ wurde gewählt, weil die berechtigte Befürchtung bestand, dass die Mitarbeiter/innen und Mitarbeiter aufgrund der unablässigen Diskussionen der vergangenen Jahre (seit 1998) um Konzepte, Regelungen, Theorien, der neuen Fachlichkeit und der neuen Messinstrumente und Controllingverfahren und der intensiven Einbindung in die INTEGRA-Prozesse einer neuen Anforderung von „außen“ im Sinne einer externen wissenschaftlichen Begleitung ablehnend gegenüber stehen. So wurde der Einbezug von Wissenschaft in die Verantwortung der Mitarbeiter gelegt und dem Bedürfnis der Mitarbeiter nach selbstreflexiver und selbst kontrollierter Praxis Rechnung getragen. Drei von 6 Arbeitsgruppen nutzten eine externe wissenschaftliche Begleitung. In einem zirkulären Prozess wurden zumindest teilweise Beobachtungen, Theorien und Erklärungen induktiv (Überprüfen von Begriffen) und deduktiv (Entwicklung von Begriffen, Kategorien) einbezogen. Insgesamt ist nach Beendigung der Kontrollierten Praxis insbesondere in den Arbeitsgruppen, die sich der wissenschaftlichen Hilfe bedient haben, die Akzeptanz des Einbezugs externer Wissenschaftler gewachsen. Dafür haben allerdings die externen Begleiter (Kurt Hekele, Dr. Erzberger, GISS, Bremen) auch durch ihre kritische und respektvolle Haltung im Umgang mit der Praxis selbst gesorgt.

115

102

Formen fachlicher/wissenschaftlicher Begleitung und Unterstützung einzufordern. Die einzige Auflage für die Arbeitsgruppen bestand darin, nach einem halben Jahr einen Zwischenbericht und nach einem Jahr einen Abschlußbericht vorzulegen. Die Abschlußberichte sind unter Kapitel 4.6.1. - 4.6.6 verkürzt dargestellt116 und geben u. a. einen vertiefenden Einblick in die Alltagspraxis. Die Idee der kontrollierten Praxis wurde mit großem Zuspruch angenommen. Die Leitungsebene des ASD war durch die beiden Fachverantwortlichen (Fachaufsicht) und die freien Träger durch Fachberater in einigen Arbeitsgruppen vertreten. Die ausgewählten Themenstellungen orientierten sich an den Fragen der Alltagspraxis. Die Zusammenarbeit wurde als konstruktiv erlebt. Die Intensität der Kontakte, die Anzahl der Treffen und die Laufzeit der AG´s war recht unterschiedlich, wie sich auch die Arbeitsergebnisse in Form und Inhalt unterscheiden. Die ersten Erfahrungen mit der „Kontrollierten Praxis“ als Instrument der Personalentwicklung bestätigen unsere Hoffnungen, einen selbst bestimmten Prozess der Selbstreflexion initiieren zu können. Es wird nach Abschluss und Vorlage der Ergebnisse die Aufgabe der Leitung sein, die Ergebnisse offen zu legen und sie in den zukünftigen Aufgabenstellungen zu berücksichtigen. Im Übrigen war das Argument, man habe keine Zeit für die Mitwirkung nur selten zu hören. Die Möglichkeit der Selbstgestaltung hat offensichtlich bei vielen Fachkräften Interesse geweckt. Die Erfahrung, dass ein großes Trägerübergreifendes Interesse an der inhaltlichen Gestaltung der Arbeit besteht, macht Mut für weitere Entwicklungen. 3 Arbeitsgruppen nahmen externe Beratung an. Einmal wurde das Beiratsmitglied Kurt Hekele für eine begleitende Beratung, einmal für die Vorbereitung und Durchführung einer Veranstaltung in Anspruch genommen. GISS wurde von der AG 6 für Beratung bei der Auswertung einer Befragung und der Ergebnisinterpretation in Anspruch genommen. Derartige Kontakte zwischen Praxis und Wissenschaft/Theorie hätten durchaus häufiger stattfinden können und sind offensichtlich noch nicht selbstverständlich. Das hängt möglicherweise damit zusammen, dass die Entwicklungen der vergangenen Jahre weitgehend selbst gesteuert abliefen und Celle kein Hochschulstandort ist, an dem die Begegnung von Theorie und Praxis eine übliche Gepflogenheit ist.

116

Die Original-Berichte sind dem Abschlußbericht als Nachweis gegenüber dem Landesjugendamt beigefügt.

103

Die Mitarbeiter sahen überwiegend die Möglichkeit, ihr Alltagshandeln zu reflektieren und wissenschaftlich zu evaluieren. Es bildeten sich sechs Arbeitsgruppen zu den Praxisfeldern: 1. 2. 3. 4. 5. 6.

Qualifizierungsprozess Sozialraumorientierung und Prävention Kooperationspartner Ressourcen Ambulante Hilfen Flexibilisierung von Hilfen

6.2.1 Ergebnisse der Kontrollierten Praxis AG 1117: Qualifizierungsprozess Die AG 1 behandelte unter den Themenschwerpunkt „Qualifizierungsprozess“ das Hilfeplanverfahren. Dazu wurden 5 Hilfepläne exemplarisch nach folgenden Indikatoren untersucht: 1. Beteiligung von Kindern 2. Zielformulierungen 3. „wörtliche Rede „ als zielführende Zitierweise“ im Hilfeplan 4. Verständlichkeit der Sprache 5. Beachtung der SMART-Kriterien 6. Vollständigkeit 7. Ressourcenorientierung Die Überprüfung der vorliegenden Hilfepläne nach den genannten Indikatoren führte zu einer Reihe von Hinweisen. An dieser Stelle werden von den zumeist sehr konkreten und praxisnahen Hinweisen zum Hilfeplanverfahren nur die benannt, die sich generalisieren lassen.

117

Teilnehmer: Herr Claassen/Stiftung Linerhaus, Frau Rathmann/Caritas Verband, Herr Mehls/VRH, Frau Engelmann/VSE, Frau Reiter/ASD, Frau Menzel/ASD, Frau Blessin/ASD, Herr Uekermann/ASD (Berichterstatter)

104

So empfiehlt die AG •

die Beibehaltung der wörtlichen Zitierweise der Ziele der Adressaten im Hilfeplan. Dies dient der Identifikation und häufig auch der Allgemeinverständlichkeit.



nähere Ausführungen (kurz und knapp) zum Ziel und Zweck der Jugendhilfemaßnahme machen, dies kommt offensichtlich häufig zu kurz.



Praxisziele tatsächlich als Ziele zu formulieren und nicht als Wünsche oder Aufträge,

• •

es sind auch die Leitziele/übergeordneten Ziele zu formulieren. Hilfepläne sollten gewissenhaft nach den SMART-Kriterien immer wieder überprüft werden.

• •

Fremdwörter sind im Hilfeplan zu vermeiden, Grundsätzlich sind Kinder in die Hilfeplanung einzubeziehen. Dies ist zu dokumentieren, ebenso ist die Nicht-Beteiligung zu dokumentieren.

Die AG traf sich innerhalb eines halben Jahres 5 mal und beendete danach ihre Arbeit. 6.2.2

Ergebnisse der Kontrollierten Praxis AG 2: Sozialraumorientierung und Prävention118

Die Arbeitsgruppe formulierte Thesen zum Thema und stellte fest, dass sich der beobachtbare positive Nutzwert der konkreten Alltagsarbeit nicht anhand von Indikatoren zufrieden stellend messen lässt. Dazu trägt die große Vielzahl von sozialräumlichen Leistungen und die Schwierigkeit des Nachweises präventiver Leistungen bei. Die Arbeitsgruppe stellte der negativen Zielsetzung von Prävention, der „Vermeidung von Verschlimmerungen“ eine positive Rahmung gegenüber, die auf eine grundsätzlich „positive Zukunftsgestaltung“ ausgerichtet ist.

118

Frau Wrotecki (Caritas Celle); Frau Mönnikes (Caritas Celle) ;Herr Deleker (Caritas Celle) ; Frau Willeke (VSE Celle) ; Frau Klekamp (Stadt Celle) Frau Rudolph (VSE Celle) Berichterstatterin ;

105

Zur Beratung holte die AG externe wissenschaftliche Hilfe ein119. Die AG bereitete zur Erweiterung der Erkenntnis und des Rahmens einen Fachkräfteaustausch mit dem AK GWA vor. Der Verlauf des Austauschs wurde evaluiert. Zwei Fragestellungen/Aufträge wurden an den AK GWA gerichtet: 1.

Diskutieren Sie Beispiele aus Ihrer sozialräumlichen Arbeit, von deren präventiver Wichtigkeit Sie gemeinsam überzeugt sind.

2.

Sprechen Sie auch darüber, was präventive Arbeit fördert und was sie behindert. Die Arbeitsergebnisse wurden in den Bereichen „offene Gruppenarbeit“, „Beratung“, „Schülergruppe“, „Mittagstisch“, „Folkloregruppe“ und „Schüler helfen Schülern“ diskutiert. Zusammenfassend wurde in allen Arbeitsgruppen festgestellt: •

Das Prinzip der Räumlichkeit (Kinder brauchen Orte/Räume),



Motivation, etwas zusammen zu tun,



Vertraute Bezugspersonen (Beziehungskontinuität),



Positive Haltung der vertrauten Bezugsperson (kommunikativ, freundlich, verbindlich),



Kenntnis der Leitsätze,



Flexible und ausreichende Arbeitszeiten,



Fachliche Anerkennung von außen auch für Gruppenpädagogik (hier wird argumentiert, dass die per Hilfeplanung verankerte Einzelfallarbeit einen höheren Stellenwert genießt),



Fehlerfreundlichkeit,



Grenzen setzen,



Unterstützung, Anerkennung und Qualifizierung.

Die AG unterstreicht die Notwendigkeit des öffentlichen politischen Diskurses über das Thema Sozialraumorientierung120.

119

K. Hekele, Beiratsmitglied, Praxisberater und INTEGRA-Moderator

106

An der Veranstaltung nahmen 51 Fachkräfte teil. Die Mitarbeiter der 3 Arbeitsgruppen beurteilten die präventive Bedeutung der dargestellten Praxisbeispiele auf einer Skala von 1 (+) – 7 (-) und Mittelwerten von 4,9 – 5,8 (Durchschnitt 5,2) insgesamt positiv allerdings mit einer breiten Streuung von 0.91 – 1.37 (Durchschnitt 1,24). Die breite Streuung weist darauf hin, dass der präventiven Bedeutung durchaus auch Skepsis entgegengebracht wird. 6.2.3

Ergebnisse der Kontrollierten Praxis AG 3:121 Kooperationspartner

Die Arbeitsgruppe bezog sich zunächst auf den Hilfeplan und formulierte in neun Punkten Anspruch („so soll es sein“), Realität („so erlebe ich es“) und Lernerfolg („im Prozess dazu gelernt“). Im zweiten Schritt bezog sich die Gruppe auf die Frage: „Wer ist Moderator des Hilfeplanprozesses?“ und vollzog auch hier tabellarisch eine Dreiteilung von „Anlass“ „Wer ist Moderator?“ „Was wird erreicht?“. Die Fragestellungen beziehen sich auf Feststellungen zu den Beteiligten am Hilfeplanprozess in 10 Schritten. Im dritten Teil entwickelte die Gruppe eine neue Organisationsstruktur. Aus den drei zusammengestellten, inhaltlich sehr konkret beschriebenen Matrixen entwickelt die Gruppe eine Beschreibung des Vorgehens (Abschlussbericht). Im 5. Teil werden die Erkenntnisse als „Wunschgedanken“ konkretisiert und zusammengefasst. Da die Vorschläge teilweise vom Selbstverständnis des öffentlichen und der freien Träger abweichen, sind die Hinweise der Arbeitsgruppe in einer Fußnote kommentiert.

120

Das verschriftete Arbeitsergebnis enthält eine Vielzahl von Einzelbeispielen gelungener Prävention, die hier aus Platzgründen nicht nachvollzogen werden können. 121 Teilnehmer: Herr Christiansen/Stiftung Linerhaus; Frau Koch/Caritas; Herr Gerull/VSE; Herr Voigt/ASD; Herr Gautschi/ASD (Berichterstatter)

107

Kritik und Vorschläge im Einzelnen: Hilfeplanung: a)

Der freie Träger ist am Beratungsprozess zu Beginn der Hilfeplanung nicht beteiligt122. Die relativ späte Einbeziehung des Mitarbeiters des freien Trägers zum Hilfeplangespräch erschwert die Einarbeitung. Ein erster Austausch über die Wahrnehmungen zum Fall findet erst zur ersten Hilfeplanüberprüfung statt. Vorschlag: Bei Adressaten mit „Jugendhilfeerfahrung“ sollten vorhandene Erkenntnisse gemeinsam mit dem freien Träger aufgearbeitet werden.123

b)

Die Versäulung von Hilfen findet immer noch statt. Vorschlag: Flexibilisierung von Maßnahmen auch außerhalb der gesetzlichen Regelungen124.

c) Der Maßanzug der Eltern ist oft zu groß für die Kinder. Vorschlag: Eltern nicht aus der Verantwortung lassen. d) Die Mitarbeiterzuordnung orientiert sich nach den freien Mitarbeiterkapazitäten der Träger. Hinweis: Sozialräume bei der Mitarbeiterzuordnung stärker beachten125. e)

Es wird an verschiedenen Stellen die mangelnde Konkretisierung von Zielsetzungen kritisiert. Vorschläge zur Organisation der Hilfeplanung: Moderation der Hilfeplanung bei Einrichtung der Hilfe durch den freien Träger126.

f)

Die Ziel- und Maßnahmeüberprüfung nach 6 Wochen sollte als weitere Hilfeplankonferenz zur Konkretisierung der Ziele stattfinden. Zurzeit wäre ein Telefonat des ASD mit dem Trägermitarbeiter und dem Adressa-

122

Die Beschreibung des Hilfeplanverfahrens und die Gründe für den Verfahrensablauf sind in Kap.3 enthalten. Hier sei der Hinweis erlaubt, dass Daten beim Betroffenen zu erheben sind. Eine Sonderbehandlung von ehemaligem Jugendhilfeklientel ist nicht zu vertreten. Der Wunsch, auf gesammelte Erkenntnisse zurückzugreifen erscheint ebenso verständlich wie ein frühzeitiger Einbezug des freien Trägers. Es ist unter Kapitel 3 Hilfeplanung bereits ausgeführt, weshalb das Verfahren unter der Berücksichtigung von Adressatenorientierung so und nicht anders verlaufen kann. Wenn subjektive Gefühle die Arbeit bestimmen, dann ist dies ein Hinweis auf ein meth. Defizit, das aufgearbeitet werden sollte. 124 Eine stärkere Flexibilisierung wird angestrebt, allerdings sind gesetzliche Rahmenbedingungen zu berücksichtigen und die Erfahrung, dass Eltern und Kinder durchaus auch Einzelfalllösungen (einen Sozialarbeiter ganz für sich) wünschen. Einzelfallhilfen sind nicht per se abzulehnen. 125 Auch hierzu wurde an anderer Stelle (Kapitel. 3.9 )schon einmal Stellung genommen. Organisatorische Notwendigkeiten und die Orientierung an einem bestimmten Mitarbeiterprofil führen häufig zu Lösungen, die eine sozialräumliche Mitarbeiterauswahl nicht ermöglichen. 126 Dies würde zur Abkehr von Verantwortlichkeiten führen: ASD: Hilfeplanung und Moderation des Planungsprozesses, freie Träger: Hilfedurchführung 123

108

ten ausreichend. Adressat und Trägermitarbeiter stellen dem ASDMitarbeiter ihre erarbeiteten Ziele vor.127 Vorschläge zur Organisationsstruktur: a)

Jeder Bezirk bekommt ein Kontingent an Fachleistungsstunden bzw. ein Budget, die das Sozialraumgremium verwaltet (Sozialraumwährung).

b)

Budgets werden nicht trägerbezogen sondern sozialraumbezogen ausgezahlt. Dies, so die Verfasser in der AG 3, würde die Teamstruktur in den Stadtteilen stärken.128

c)

Es wird eine stärkere Autonomie der Sozialraumgremien und eine Stärkung der Stellung des Sozialraumgremiumssprechers angeregt129.

d)

Zukünftig soll der jeweilige Mittelabfluss in den Stadtteilprojekten erhoben werden.130

127

Hier wird ein zusätzlicher Termin für alle Beteiligten eingefordert, der Kosten verursacht. Im Prinzip erscheint dies unnötig. Wenn wie vorgesehen, die Hilfeplanziele nach den SMART-Kriterien erarbeitet sind, dann sind sie Richtschnur der Arbeit für den Mitarbeiter des freien Trägers. Bei gravierenden Änderungen der Hilfeziele kann jederzeit ein neues Hilfeplangespräch erfolgen. Der Vorschlag, dass Adressat und Trägermitarbeiter die Zielerreichung gemeinsam vorstellen, wird gern aufgenommen, bezieht er doch die gelegentlich im ASD geäußerte Kritik mit ein, Trägervertreter würden im Hilfeplangespräch nur wenig über Alltagssituationen berichten. So sei es manchmal nicht möglich, sich ein Bild zu machen. 128 Eine solche festgeschriebene Aufteilung von Mitarbeiterressourcen und Budget würde zu „Sozialraumegoismen“ und Ansprüchen führen und einen Kapazitätsausgleich im Rahmen des Gesamtbudgets erschweren. Die Fähigkeit der Sozialräume auf dem „kleinen Dienstweg“ Ausgleiche bei Überlastung und Unterauslastung zu schaffen ist enorm und war nicht von vornherein zu erwarten. Warum sollte daran etwas geändert werden? Des Weiteren stellt sich die Frage, wer rechtsverbindlich im Sozialraum Budgets entgegennehmen und verwalten soll. Feste sozialräumliche Budgets wird es nicht geben. 129 Eine stärkere Autonomie der Sozialraumgremien führt zu einer Parallelstruktur zu den Anstellungsträgern. Die Stärkung der Sprecherfunktion kann zu Konflikten mit der Trägerstruktur führen. Wer legt zukünftig Ziele und Weg der Arbeit fest? Die sozialräumliche Kooperation ist zwar erwünscht, dennoch steht letztendlich der Anstellungsträger für die Qualität der Arbeit ein und nicht das Sozialraumgremium. Ein mit vielfältigen Rechten ausgestattetes Sozialraumgremium ist schwerer in die Gesamtverantwortung einzubinden und gerät in die Gefahr, ein Eigenleben zu führen. Die Stärkung der Sprecherfunktion kann zu Konflikten mit der Trägerstruktur führen. Ein solcher Vorschlag wird keine Umsetzungschance haben. 130 Dies würde dazu führen, dass anstelle eines Finanzcontrollings 6 eigenständige Budgets erhoben und überprüft werden müssen. Es ergeben sich daraus unzählige Rechtsfragen, die wie Zuständigkeitsfragen zwischen örtlich zuständigen Sozialleistungsträgern zu klären wären.

109

Wunschgedanken: a)

Es gibt in jedem Stadtteil ein trägerübergreifendes Team in einer Anlaufstelle einschließlich ASD.131 Der erste Hilfeplan ist ein „vorläufiger“132

b) c)

Die AG fordert einen langjährigen (5 Jahre) Bestandsschutz der Stellen, um nicht zum Abschluss erfolgreicher Arbeit auf der Straße zu stehen.133 Die Arbeitsgruppe hat sich unter der Zielsetzung der Kooperation mutig mit Alternativen befasst und diese aus dem Alltag heraus entwickelt. Da diese Entwicklungen aus der Sicht der Sozialraumgremien gedacht sind, geraten sie zwangsläufig mit übergeordneten Organisations- und Steuerungszielen in Konflikt. Insofern zeigt die Beschäftigung mit dem Thema auch die Mehrdeutigkeit von Leitsätzen, Arbeitsprinzipien und Haltungen. 6.2.4

Ergebnisse der Kontrollierten Praxis AG 4: Ehrenamtliche Arbeit und bürgerschaftliches Engagement in der Jugendhilfe in Celle

Arbeitstitel: Ehrenamt, Bürgeramt und Engagement, Mitgestaltungsmöglichkeiten für eine neue Definition von Arbeit und Lebenswelt unter besonderer Berücksichtigung von vorhandenen Ressourcen, existenzabsichernde Aspekte und Interessenlagen der Beteiligten am Fallbeispiel der Jugendhilfe134 Die Arbeitsgruppe hat einen 30seitigen Bericht abgeliefert und ist das Thema mit viel Engagement und sehr strukturiert angegangen. An dieser Stelle sollen nur einige wichtige Arbeitsergebnisse vorgestellt werden.

131

Die AG 3 greift hier eine auch in der Fachöffentlichkeit immer wieder geforderte Bedingung für sozialräumliches Arbeiten auf: Dezentralität der Träger einschließlich des Jugendamtes. In Celle (72.000 Einwohner) ist eine solche Dezentralität des ASD in den Stadtteilen (durchschnittlich 12.000 Einwohner) nicht sinnvoll. Der sozialräumliche Bezug ist nicht das einzige Steuerungskriterium für Entscheidungen einer Dienstleistungsbehörde. 132 Wenn Hilfeplanung ohnehin als (allerdings als für alle Beteiligten verbindlicher) Prozess stattfindet, dann macht die Aufteilung in „vorläufig“ und „endgültig“ keinen Sinn. 133 Hier kommt die Befürchtung zum Ausdruck, die Budgetlösung verfolge als heimliches Ziel doch die Rationalisierung und das Abschmelzen sozialer Standards. Dieser Gefahr ist Jugendhilfe durch politische Entscheidungen grundsätzlich in jedem Modell ausgesetzt. 134 Erarbeitet von: Kerstin Ahlborn, Gerd Averbeck, Stefan Knop, Stiftung Linerhaus; Susanne Koch, Prakt., Ute Vogt-Behrens, Elmar Wingenroth, Berichterstattung: Sabine Oswald Zeitraum der Erhebung: 01.07.2002 – 30.06.2003 Beratung: Kurt Hekele, Psychologe und Fachberater,

110

Die AG hat sich zunächst mit begrifflichen Klärungen beschäftigt. Das große Spektrum des Einsatzes von Ehrenamtlichen (Volunteers) wird benannt: „Das Spektrum ehrenamtlicher Tätigkeiten in der Jugendhilfe reicht von der Tätigkeit in Projekten und Jugendhilfeeinrichtungen, der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen bis hin zum Bau und der Gestaltung von Spielflächen. In der Regel sind es Erwachsene, die sich freiwillig engagieren. Jugendliche in diesem Tätigkeitsfeld erleben wir in der Jugendpflege, die sich dort nach Erlangung des Jugendgruppenleiterausweises einbinden lassen. - In der Jugendhilfe in Celle engagieren sich auch Jugendliche für Kinder im Rahmen des Projektes „Schüler helfen Schülern“135. Für die Gewinnung von Ehrenamtlichen steht der persönliche Kontakt und die Beziehungsarbeit. „Durch eine andere Erfahrung aus der Vergangenheit wissen wir, dass eine Ver-

teilung von Handzetteln mit der Ermutigung, sich ehrenamtlich zu engagieren, eingelegt in ein hiesiges Sonntagsblatt, Menschen nicht anspricht und keine Motivation weckt, sich sozial einzubringen.“ (6) Abb.: 19

Was fördert und was behindert die Ehrenamtlichenarbeit:

fördert Atmosphäre Ansprechpartner Beziehungsarbeit Verlässlichkeit Klare Aufgabenbeschreibung Sorgfältige Einführung Kontinuierliche Begleitung Entscheidungsspielräume Beteiligung Wertschätzung Stabiler überschaubarer Rahmen Schutz vor Überforderung

behindert Fluktuation Unruhe / Stress Fehlende Anleitung Gefühl, Lückenbüßer zu sein

Der AG ging es auch um das Thema der Verabschiedung, das häufig nicht ernst genug genommen würde und stärker ritualisiert werden sollte. Ebenso signalisiert das Nachfragen Interesse und Wertschätzung, wenn ein Volunteer Termine nicht einhält. Er ist in gleichem Maße wertgeschätzter Teil des Projektes.

135

Ag-Bericht S. 6 Im Folgenden werden die jeweiligen zitierten Seitenzahlen der Arbeitsgruppenberichte im Text in ( ) kenntlich gemacht.

111

Ehrenamtliche, die sich in der Jugendhilfe engagieren, haben andere Motivationen und Hintergründe. „In der Jugendhilfe sind es oft Mitmenschen, Eltern von Kindern der Schülergruppe, die einen eigenen Hilfebedarf signalisieren, und es sind eher benachteiligte Frauen und Männer, wie auch Jugendliche.“ (8) Ergebnisse der Befragung zum ehrenamtlichen Engagement: Als Praxisprojekt hat die AG 4 eine Befragung der 6 Stadtteilprojekte durchgeführt um die Erfahrungen der Projekte auszuwerten. Aus den Rückmeldungen wurden Thesen für die Ehrenamtlichenarbeit in Celle entwickelt. A.

„Bandbreite der Arbeit – Was wird im Rahmen der ehrenamtlichen Arbeit und des bürgerschaftlichen Engagements in der Jugendhilfe in Celle geleistet?“ These 1: In den Projekten liegt der Schwerpunkt in der individuellen/ pädagogischen Förderung von benachteiligten Kindern und Jugendlichen. Ehrenamtliche werden unterstützend tätig. (14) Ergebnis: „Die Ehrenamtlichen schöpfen aus ihren Lebenserfahrungen, können darüber recht schnell Nähe zum Gegenüber herstellen, haben häufig eine gemeinsame Sprache. Sie haben einen guten „Draht“ zu den Adressaten und zum Umfeld. Sie reagieren betroffen und agieren sowohl rational wie auch „aus dem Bauch“ heraus, so unsere Einschätzung. Damit sind sie in der Regel eine unschätzbar wertvolle Ressource.“ (14) These 2: Die Zusammenarbeit von Ehrenamtlichen und Sozialarbeitern gelingt dann, wenn Formen der Arbeitsteilung gefunden werden und wenn die Stärken der Arbeit des anderen anerkannt werden. Davon profitieren insbesondere auch die Adressaten unserer Arbeit. Ergebnis: „In der Praxis zeigt sich, dass die Unterschiede zwischen Fachkräften und Ehrenamtlichen verflachen, wir nähern uns an. Ziel der Arbeit mit engagierten Mitmenschen ist es, mit ihnen auf „Augenhöhe“ zu reden, sie als Partner in der Sozialarbeit anzuerkennen.“ (14). These 3: Das „vielfältige Leben“ in den Projekten über die Schülergruppen hinaus ist nur durch Unterstützung der Ehrenamtlichen so zu leisten.

112

Ergebnis: „Ehrenamtliche arbeiten unter fachlicher Anleitung in den Projekten im pädagogischen, hauswirtschaftlichen und handwerklichen Bereich. Mit ihrer Unterstützung sind die Jugendhilfeprojekte so etwas wie Stadtteilhäuser geworden, in denen vielschichtiges Leben stattfindet. Die meisten zusätzlichen Angebote … können nur durch sie aufrechterhalten werden. – Im Grunde wird auch mit ihnen der Ansatz der Ganzheitlichkeit, der „Verbesserung der Lebensqualität im Stadtteil“ verwirklicht. Diese klassische Stadtteilarbeit bringt Synergieeffekte für die Jugendhilfe.“ (15). These 4: „Schüler helfen Schülern“ – Ältere Schüler übernehmen regelmäßig Verantwortung für jüngere Kinder. Ein enges Netz der Zusammenarbeit zwischen Jugendhilfe und Schule lässt sich verwirklichen. „Unter Anleitung eines Sozialpädagogen vermitteln ältere Schüler in Schulräumen schwerpunktmäßig Spaß am Lernen und sozialen Miteinander, schaffen Entlastung im Schulalltag. Aber nicht nur die Kinder sind Lernende, sondern auch die Jugendlichen selbst. Sie übernehmen eine wichtige Gemeinschaftsaufgabe und Verantwortung für andere, erhalten Kenntnisse anderer Lebenswelten, sozialer Realitäten und anderer Kulturen. – Für alle Beteiligten ist der „Spaßfaktor“ sehr groß. Dies bringt Erfolg. Erfolg bringt Bestätigung, Bestätigung motiviert zur Weiterarbeit. – Die Jugendlichen sind sehr zuverlässig und mit Eifer dabei.“(16) B.

Welche Ziele werden durch das Engagement von Mitbürgerinnen und Mitbürgern erreicht? These 1: Die Arbeit mit Ehrenamtlichen muss im Einklang mit den Grundwerten / Leitsätzen stehen, wie sie im Arbeitskreis Gemeinwesen 1998 verabschiedet wurden136. These 2: Es gibt auf die Menschen im Stadtteil bezogene gemeinsame Ziele von Institution und Ehrenamt. Ergebnis: „Ausführlicher diskutiert wurde der Aspekt „kostengünstig notwendige (praktische) Arbeiten erledigen“. Wir sträuben uns innerlich, den Einsatz der Ehrenamtlichen als „kostengünstig“ zu bezeichnen, sollen doch keine Lücken mit „billigen“ Hilfskräften gestopft werden. Tatsächlich ist es so, dass die freiwillig Engagierten auch Aufgaben übernehmen (z.B. handwerkliche Tätigkeiten), die 136

Wenn im Folgenden nicht zu allen Thesen Ausführungen gemacht sind, so wurden die Thesen inhaltlich weitgehend bestätigt und sind aus Platzgründen hier nicht aufgeführt. Die Gesamttexte sind in den Abschlußberichten der AG´s der kontrollierten Praxis allerdings nachzulesen.

113

Einspareffekte für die Jugendhilfeprojekte nach sich ziehen. Wir greifen auf deren Wissen, Kompetenz und Einsatzfreude zurück, nutzen ihre Ressourcen, ohne diese Ehrenamtlichen auszunutzen. Wir sehen sie nicht als „billige Hilfskräfte“, die Lücken füllen.“ (18) „Die Ressourcen und die sozialräumlichen Leistungen sind unkomplizierter zu nutzen, hier erleben die Bürger in ihrer Nähe Jugendhilfe in einer anderen Form. Sie kann unkomplizierter, selbstverständlicher genutzt werden und liefert damit zur Normalisierung der Jugendhilfe einen hohen Beitrag.“ (18) C.

Wie wurden die Personen, die ehrenamtliche Arbeit und bürgerschaftliches Engagement in der Jugendhilfe leisten, gewonnen? These 1: Sozialarbeiter, die gut in den Projekten und im Stadtteil verankert sind, mehr Nähe zu den Menschen herstellen können, gewinnen eher Ehrenamtliche. These 2: Sozialarbeiter sind eher Bedenkenträger; Nichtprofis gehen konsequenter ihren Weg137. These 3: Schlüsselpersonen im Ehrenamt sind Menschen mit der Fähigkeit, andere zu integrieren.

D.

Wie wird die Arbeit der sich freiwillig Engagierten honoriert und finanziert? These 1: Freiwillige sind keine kostengünstige Alternative für Leistungen in der Jugendhilfe. Und es kann in keinem Fall darum gehen, Lücken mit „billigen Hilfskräften“ zu füllen. „Wenn ehrenamtliches Engagement entlohnt wird, dann ist es immer für eine regelmäßige Tätigkeit, die in Verbindung mit der Betreuung und Begleitung von Kindern, Eltern oder kleinen Gruppen steht. Die Höhe der Aufwandsentschädigung variiert und liegt zwischen drei und sechs Euro pro Stunde. Jedes Projekt entscheidet selbständig über die Höhe der Entschädigung.“ (20) „Sehr selten hingegen ist der Einsatz gemeinnützig tätiger Personen über das BSHG (bis 31.12.2004 praktiziert). Nur rund ein Drittel der Einrichtungen nehmen diese Möglichkeit in Anspruch. Vorrangig sind diese Ehrenamtlichen in Arbeitsbereichen aktiv, die verhältnismäßig viele Wochenarbeitsstunden erfor137

Eine sehr selbstkritische These, die wohl eher so gemeint ist, dass Ehrenamtliche häufig unbefangener mit Situationen umgehen können und aus ihrer andersartigen Berufs- und Lebenserfahrung schöpfen. Allerdings lässt sich daraus nicht die Forderung nach Deprofessionalisierung sozialer Arbeit im weitesten Sinne ableiten.

114

dern, so z.B. in der Küche, um täglich das Mittagessen für die Kinder zuzubereiten.“ (21) E.

Welche Formen der Anleitung werden geleistet?

These 1: Der Entlastung, die der Einsatz von Ehrenamtlichen mit sich bringt, steht die Belastung der Fachkraft durch die Anleitung gegenüber. Ergebnis: „Die Anleitung wird fast ausschließlich von den Fachkräften vor Ort übernommen. In der Regel verteilt sie sich auf mehrere Personen, während lediglich in einer Einrichtung die komplette Anleitung von einer Fachkraft durchgeführt wird. Aber auch Praktikanten sind in der Funktion des Anleiters genannt worden. Die Anleitung erfolgt zumeist in Form eines Gespräches. Dieses findet zum einen punktuell statt in den so genannten Tür- und Angelgesprächen, zum Teil aber auch terminiert in einem wöchentlichen oder monatlichen Rhythmus. Inhaltlich geht es dabei u. a. um eine gemeinsame Aufgabenverteilung, terminliche Planungen oder aber auch die allgemeine Lagebesprechung. – Eine ausführliche inhaltliche Reflexion mit den Ehrenamtlichen findet kaum statt. Die Anleitung wird mitunter noch vernachlässigt, oft auf Grund mangelnder Zeit seitens der Fachkräfte. Sie ist jedoch unerlässlich, wenn man die Unterstützung der ehrenamtlichen Personen mittel- oder langfristig für die Arbeit sichern will. Auch unter den Ehrenamtlichen gibt es Konflikte. Hier wird eine andere Form der Anleitung notwendig, es gilt zu klären und zu vermitteln. Grundtechniken der Mediation sind hier hilfreich anzuwenden, ggf. sollten sie im Rahmen einer Fortbildung erlernt werden.“ (21) In den Schlussbemerkungen beschreibt die AG 4 das Verhältnis von Professionalität und Ehrenamt anschaulich: „Ein Alleinanspruch seitens der Sozialarbeiter/-innen bezüglich der Kompetenz in der sozialen Arbeit in den Projekten besteht nicht. Zu unseren Qualitätsmerkmalen gehört eine intelligente Verbindung von professioneller und ehrenamtlicher Tätigkeit. Jeder setzt seine eigenen Schwerpunkte, beide stehen aber in wechselseitiger Beziehung oder Ergänzung zueinander. – Ehrenamtliche gefährden keine Arbeitsplätze pädagogischer Fachkräfte. Dieser Gedanke hat uns im Verlauf der Diskussion immer wieder beschäftigt.“ (22)

115

Bilanz der Zusammenarbeit in der AG 4 der Kontrollierten Praxis: Im Nachwort äußert sich die AG 4 positiv zum Gruppenprozess. Dies ist ein wichtiger Hinweis zur Methodik der „Kontrollierten Praxis“ (in diesem Falle mit externer Begleitung): „Am Ende dieses gemeinsamen Prozesses in der Arbeitsgruppe haben wir Bilanz gezogen. Folgende Erkenntnisse sind festzuhalten: ¾

öffentlicher und freier Träger haben offen miteinander kooperiert, es gab Platz für Querdenker/-innen und wir haben losgelöst von Strukturen oder des Eingebundenseins diskutiert,

¾

keiner hat „Blessuren“ davon getragen, die Diskussionen verliefen kontrovers und fair,

¾

der erlebte kritische Diskurs hatte hohe Qualität, es war eine konstruktive Mitarbeit aller, eine Bereicherung für die Arbeit,

¾

in der Arbeitsgruppe zeigte sich der deutliche Bezug zur Praxis, jeder konnte sich persönlich gut auf das Thema einlassen,

¾

es herrschte große Offenheit mit dem, was ist, es wurde nichts beschönigt,

¾

hilfreich für die Arbeit. Der gesamte Prozess hat erhebliche Zeit von allen in Anspruch genommen, die jeder gern und selbstverständlich eingebracht hat, weil es ein Thema unseres beruflichen (wie privaten) Alltags ist. Wir alle konnten profitieren – auch im trägerübergreifenden Miteinander - und gerade die Zusammenarbeit der Kollegen von unterschiedlichen Trägern hat diese Arbeit lebendig werden lassen. Es war spannend und hat Spaß gemacht, sich mit diesem Thema, den Zahlen, Fakten und Taten, die dahinter stehen, so intensiv zu befassen und diese vorliegende gemeinschaftliche Arbeit entstehen zu lassen.“ (23) 6.2.5

Ergebnisse der Kontrollierten Praxis AG 5: Flexibilisierung von Hilfen138

138

Teilnehmer: Frau Lüth (VSE), Frau Schulze (Caritas), Frau Hemmesdorfer (ASD), Frau Wagenknecht (ASD/Jugendgerichtshilfe), Berichterstatter: Herr Graubohm (ASD)

116

Die folgenden Ausführungen sind das Ergebnis eines Zwischenberichts, der im Februar 2004 erstellt wurde. Die Arbeitsgruppe löste sich danach auf. In der Arbeitsgruppe wurden sowohl Fälle vorgestellt, bei denen der Hilfeverlauf in Bezug auf flexible Hilfen positiv war, als auch Maßnahmen ohne flexible Formen der Hilfe. Die Auswertung der Fälle erfolgte unter den Fragestellungen: • Was war fördernd, was war hemmend? • Welche flexiblen Hilfen, Hilfeformen wurden konkret genutzt? • Nachhaltigkeit? Daraus ergaben sich folgende Thesen / Ergebnisse: a)

Die Einbindung von sozialräumlichen Ressourcen139 in ambulante Einzelmaßnahmen erfolgt in geringerem Maße, als dies die schriftlichen Ausführungen vorsehen: a. b. c. d.

b)

Sozialräumliche Öffnung der Jugendhilfe in Celle durch Einrichtung von Stadtteilprojekten in 1994; Leitsätze in 2000 und Qualitätsvereinbarungen in 2002; In den organisatorischen Leitsätzen ist ein integrativer, flexibler und sozialräumlicher Hilfeansatz beschrieben; In den zurückliegenden 2 Jahren wurden schwerpunktmäßig die niedrigschwelligen Angebote für die Jugendhilfe in den Stadtteilen ausgebaut.

Hilfen zur Erziehung werden häufig in einer Phase eingerichtet, in der die Adressaten kaum/keine Ressourcen haben und der ASD nach Exploration zu Hilfebeginn zunächst noch keine benennen kann.

139

Der Begriff „sozialräumliche Ressource“ wurde hier nicht auf die von Stadtteilprojekten ausgehenden Aktionen und Angebote bezogen sondern auf die Bereiche Nachbarschaft, Umfeld, Ehrenamtlichkeit. Des Weiteren wurde die Ressource auf die individuelle Hilfe im Einzelfall bezogen, nicht auf Gruppenaktivitäten im Stadtteil, in die sich „Ressourcen“ besser einbeziehen lassen. Dies ist ein schwieriges Feld, woran die Arbeitsgruppe letztlich auch scheiterte.

117

Abb.: 20

Schaubild: Integrativer, flexibler, sozialräumlicher Hilfeansatz

Integrativer, flexibler,sozialräumlicher Hilfeansatz Hilfearrangements "Maßanzug"

2.Unterstützung durch Verwandschaft, Freunde und Nachbarschaft 3.Regelangebote, z.B. Kindergarten, Schule, Jugendpflege 4. Vereine, Verbände und Organisationen 5. Angebote der Stadtteilprojekte

Betreuung über freie Träger

Exploration über ASD

1. Selbsthilfe der Addressaten

6. Hilfe zu Erziehung nach §§ 27 KJHG ASD / Michael Graubohm

118

c)

Im Verlauf der Hilfeleistung werden Ressourcen sichtbar oder erarbeitet. Niedrigschwellige Angebote in den Stadtteilprojekten sind schnell verfügbar und werden gut angenommen.

d)

Die Nachbarin, die mit der Nachbarstochter Schularbeiten macht oder der Jugendleiter eines Fußballvereines, der sich außerhalb von Fußball für seine Spieler engagiert, kam in den ausgewerteten Hilfeplänen nicht vor. Eine Ressourcenauswertung der ambulanten Maßnahmen im Jahr 2003 im SRG VI ergab ähnliche Ergebnisse140: a.

Bei den 41 Maßnahmen wurden bei 9 Maßnahmen (22%) sozialräumliche Ressourcen genutzt.

b.

3x Ganztagsbetreuung im Kindergarten, 2x Frauenfrühstück, 1x Hort, 1x Haushaltshilfe, 1x Tagespflege, 1x Computer AG, 2x Schülergruppe. Alles bis auf die Haushaltshilfe Ressourcen aus erweiterten Regelangeboten oder Angeboten des Stadtteilprojektes.

c.

Bei den 7 abgeschlossenen Maßnahmen mit Zielerreichung wurden 3x sozialräumliche Angebote auch weiterhin in Anspruch genommen. (Frauenfrühstück, Computer AG und Schülergruppe).

d.

Es bedarf, um die gewonnenen Ressourcen zu festigen, eines weiteren Einsatzes der Fachkräfte (Motivationsarbeit – erinnern, ermutigen, drängen, stützen, begleiten).

e.

Sozialraumorientierung, Verankerung im Sozialraum sind Zielsetzungen der Fachkräfte. Im Stadtteil Vorwerk mit dem sogenannten sozialen Brennpunkt der „ehemaligen Engländerwohnungen“ wirkt

140

Ein halbes Jahr später ergab eine Gesamterhebung ambulanter Hilfen (91 Hilfepläne, Stichtag: 1.1.2004 und 79 Hilfepläne, Stichtag: 31.10.04) eine Benennung von sozialräumlichen Ressourcen in durchschnittlich 70 % der Hilfepläne (s. Kap. 4.5). Die AG 5 bezog sich auf Material aus dem ersten Halbjahr 2003. Grundsätzlich ist bei der Auswertung über Hilfepläne zu berücksichtigen, dass Hilfepläne prospektive Aussagen treffen. Sozialräumliche Ressourcen können im Laufe des Verfahrens hinzukommen. Daher ist zu vermuten, dass die tatsächliche Inanspruchnahme sozialräumlicher Ressourcen höher liegt. Häufig, so der Eindruck, wird die Benennung von Ressourcen auch einfach vergessen. Aufgrund der Rückmeldung der AG 5 wurde noch einmal darauf hingewiesen, dass die Ressourcen im Hilfeplan ausdrücklich benannt und in die Hilfeplanung einzubeziehen sind, was dann für 2004 auch zu günstigeren Zahlen führte. Einigen Mitarbeitern war die Einbeziehung der niedrigschwelligen Ressourcen in das Hilfeplanverfahren offenbar noch nicht geläufig. Eine Erfahrung aus der Entwicklung des sozialräumlichen Arbeitens wird dabei deutlich: Es braucht viel Zeit, bis sich eine andere Jugendhilfesicht etabliert. Die Hinweise der Arbeitsgruppe waren insofern hilfreich für die Qualitätsentwicklung im Hilfeplanverfahren (hier Ressourcenberücksichtigung im Hilfeplanverfahren). Hier zeigt sich, dass auch eine Arbeitsgruppe, die „scheitert“ hilfreiche Hinweise für die Weiterentwicklung der Arbeit geben kann. Ergänzend sei hier angeführt, dass hier die Sichtweise auf Ressourcennutzung ausgehend von Einzelfallhilfen erfolgte und damit nicht die Ressourcennutzung berücksichtigte, die anstelle von Erziehungshilfen niedrigschwellig erbracht werden.

119

sich die hohe Fluktuation negativ auf die Eingliederung der Kinder ins soziale Umfeld aus. Die Wohndauer im Stadtteil vor Maßnahmebeginn ist in Vorwerk deutlich niedriger als in den anderen Stadtteilen des SRG’s, die Anzahl mit HzE vor der laufenden Maßnahme deutlich höher. Sind sozialräumliche Bindungen für die Adressaten eher nebensächlich oder vielleicht aufgrund der Belastungen des Stadtteils nicht herstellbar? Planungen der Arbeitsgruppe zum weiteren Vorgehen Die Teilnehmer der Arbeitsgruppe haben sich entschieden, bis Mitte des Jahres die Arbeit auszusetzen. Die Gruppenarbeit wird derzeit als „schleppend“ erlebt, insbesondere da es keine Fälle gibt, die zu anderen Aussagen führen könnten. Es scheint wenig gelungene Beispiele zu geben, in denen Ressourcen genutzt werden, die über Angebote der Stadtteilprojekte hinausgehen. Wobei hervorgehoben werden muss, dass der Nutzen dieser Angebote für die HzE Maßnahmen von allen Arbeitsgruppenteilnehmern als sehr hoch bewertet wird. Nach Auffassung der Arbeitsgruppe bedarf es in den SRG Teams neuer Aufbruchstimmung. Anmerkungen des Berichterstatters: 141 Bei der Zusammenstellung der Arbeitsergebnisse kamen mir Zweifel an unserem Ansatz, die Thematik „Flexible Hilfen“ mit der Auswertung von laufenden Maßnahmen anzugehen. Die Vorgehensweise wurde von mir vorgeschlagen, trotzdem möchte ich eine andere Sichtweise nachtragen: Vielleicht hätten wir uns mit den Fällen beschäftigen sollen, die nach Eingang im ASD nicht zu Fällen mit Maßnahmen nach § 27 KJHG wurden. Also Betrachtung der Falleingangsphase unter den Aspekten : • Welche Ressourcen und Hilfestellungen gab es, die HzE in den üblichen Formen zu vermeiden? Der Weg sich auf die Ausgestaltung der ambulanten Maßnahmen und deren Flexibilisierung zu konzentrieren ist notwendig aber nicht ausreichend und vom Ansatz eigentlich schon zu spät. Das Kind, die Familie ist ein Jugendhilfefall, mit Fachkonferenz, Hilfeplan, Bescheid und gewährter Hilfe.

141

Der Verfasser des Berichtes: Michael Graubohm (ASD Celle)

120

Mit der Einrichtung der niedrigschwelligen Angebote in den Stadtteilprojekten und dem „sich zuständig erklären für den Stadtteil“ (siehe SRG Geschäftordnung) haben wir einen anderen Weg der Jugendhilfe beschritten (Prävention). Zur Flexibilisierung von Hilfen gehören Maßnahmen und Angebote, die die Chance bieten, dass Jugendhilfe in herkömmlicher Weise nicht notwendig wird. Dieses allein aus Mitteln der Jugendhilfe leisten zu können ist Utopie. M.E. steht die Trennung von Jugendhilfe und Jugendpflege und derer Mittel (Geld und Fachwissen) einem flexiblen und integrativen Hilfeansatz entgegen142. Vernachlässigt hatten wir in der Arbeitsgruppe die Anforderungen und Herausforderungen an die Fachkräfte. Die Anforderungen und Herausforderungen an die Fachkräfte in den SRG’s sind nach der Umstellung auf Sozialraumorientierte Jugendhilfe hoch. Die Fachkräfte zeigen hohes Engagement und Arbeitseinsatz, die vielfältigen Angebote in den Stadtteilprojekten am Laufen zu halten. Gleichzeitig sind laut Budgetvertrag alle ambulanten Maßnahmen zu bedienen. Es bleibt wenig Raum, sich für weitere Veränderungen, für weitere Flexibilisierung von Hilfen zu engagieren. Vordergründig scheint es an nicht ausreichenden Zeitkapazitäten zu liegen143. Dahinter könnte auch die Unsicherheit stehen, wie die eigene zukünftige Arbeit aussehen wird und ob man den neuen Anforderungen gerecht werden kann. •

Bei den niedrigschwelligen Angeboten in den Stadtteilprojekten konnten kurzfristig Erfolge und Anerkennung verbucht werden. Es gab viel zu tun, eigene Ideen wurden umgesetzt und es bewegte sich etwas.



Die Spannung in den Arbeitsteams zu halten ist anstrengend, wenn der Alltag einkehrt, es „nur noch“ kleine Erfolge gibt, der große Wurf nicht mehr vor Augen ist144.

142

Der Berichterstatter führt hier einen wichtigen Aspekt ein: die Koppelung von niedrigschwelligen Erziehungshilfen mit Angeboten der Jugendpflege. Wir haben bisher aus drei Gründen davon abgesehen: 1. die für Erziehungshilfekooperation geeigneten Ressourcen der Jugendpflege haben in Celle ein geringes Volumen, 2. Jugendpflege hat grundsätzlich eine andere Zielsetzung, die wichtig und nicht durch Erziehungshilfeanforderungen überformt werden dürfen. 3. Mitarbeiter der Jugendpflege haben eine andere Fachlichkeit, andere Grundhaltungen z. B. in der Zusammenarbeit mit Eltern und ein anderes Selbstverständnis, was sich auch daran festmacht, dass sich Jugendhilfe auf andere theoretische Grundlagen stützt als die Erziehungshilfe, andere Fachzeitschriften liest usw.. Dennoch sind fruchtbare Kooperationen wie sich auch in unserer Praxis zeigt, möglich. Ob die Einbeziehung der Jugendpflege in ein Sozialraumbudget allerdings eine glückliche Entscheidung ist, mag dahin gestellt bleiben und lässt sich z. B. an dem Budgetmodell des Landkreises Lüneburg vielleicht in einigen Jahren ablesen. 143 Die personellen Voraussetzungen im ASD Celle sind mit einer Einwohnerrate von 1 : 6.500 Einwohner sehr günstig. 144 Den „Spannungsbogen“ in einem zwar fortschrittlichen, aber inzwischen etablierten Modell zu erhalten stellt Leitung vor große Aufgaben, zumal der sozialräumliche Ansatz nur dann erfolgreich ist, wenn die Fachkräfte sich als Motor von Entwicklungen verstehen, Ehrenamtliche, Kinder und Familien zum Mittun motivieren und dazu die Grundhaltung und Bereitschaft mitbringen und förderliche Bedingungen vorfinden.

121

Bei Ressourcen in ambulanten Maßnahmen kommt es weniger auf die Ideen der Fachkräfte an (was brauchen die Adressaten), als darauf, was die Adressaten für sich selbst als Ressource sehen und annehmen können. Die stolz angelegte Ressourcenkartei ist dabei der kleinste Schritt. Natürlich habe auch ich zuerst eine Kartei auf dem PC angelegt. 6.2.6

Ergebnisse der Kontrollierten Praxis AG 6: Ambulante Hilfen – Arbeitsinhalte und -methoden in der Einzel- und Familienhilfe145

Die AG 6 arbeitete mit einem hohen zeitlichen und persönlichen Aufwand und traf sich monatlich von Mitte 2003 bis April 2005 regelmäßig. Nach einer Festlegung des Aufgabenumfangs stand eine umfangreiche Befragung zu ambulanten Hilfen im Mittelpunkt des Interesses. „Die sich anschließende anonym durchgeführte Erhebung sollte zum Ziel haben, über die Auswertung der dann vorliegenden Erfahrungen, Anregungen zu formulieren, die der pädagogisch-inhaltlichen Ausgestaltung der Hilfen zu Gute kommen und in die Gesamtqualität der Arbeit Eingang finden. Es war beabsichtigt, eventuell weiter vorhandene („schlummernde“) Wünsche, Vorstellungen und Ideen aufzudecken, die bislang nicht ausgesprochen, bzw. auch nicht in die Hilfeplanungen aufgenommen (zugelassen?) wurden, die aber einen Betreuungsprozess sinnvoll begleiten könnten.“ (4) Im weiteren Verlauf der standardisierten schriftlichen Adressatenbefragung stellte sich heraus, dass empirisch gesicherte Ergebnisse wohl nicht zu erreichen waren. Aus diesem Anlass, aber leider zu spät um die Befragung noch auf eine sozialwissenschaftlicher Methodik genügende Grundlage zu stellen, wurde Herr Dr. Erzberger von GISS einbezogen. Dennoch sind die Ergebnisse für die örtliche Praxis brauchbar und geben Hinweise. Zur Anlage der Untersuchung: Die Grundgesamtheit, also die Gruppe, über die Aussagen getroffen werden sollte, wird für die drei Teiluntersuchungen folgendermaßen definiert: Teiluntersuchung I: Alle Kinder/Jugendliche, für die in Celle in der Zeit vom 15.05.2004 bis zum 30.09.2004 eine Hilfe im Rahmen von Erziehungsbeistandschaft (EB) oder So145

Arbeitsgruppenmitglieder: ANKE MAKOWSKI- JÜRGEN KERFIN - (BERICHTERSTATTER); KATHERINE LECHLER- ILKA RADKE - INGO MEYER- ANGELIKA WEBER- ECKART SCHMIDT-

122

zialpädagogischer Familienhilfe (SPFH) bestand, die zwischen 8 und 18 Jahre alt sind. Teiluntersuchung II: Alle Eltern (Erziehungsberechtigte), für die in Celle in der Zeit vom 15.05.2004 bis zum 30.09.2004 eine Hilfe im Rahmen von EB oder SPFH bestand. Teiluntersuchung III: Alle Betreuer, die in Celle in der Zeit vom 15.05.2004 bis zum 30.09.2004 für eine Hilfe im Rahmen von EB oder SPFH zuständig waren. Es sollte versucht werden, generelle Aussagen zu allen zu diesem Zeitpunkt aktuellen EB und SPFH in Celle zu erhalten. Der Rücklauf betrug bei den Kindern 18,2 % (n=25), bei den Eltern 29,8 (n=28) und bei den Fachkräften 50 % (n= 19). Da angesichts der Höhe der Ausfallquote bei Kindern und Eltern keine Anhaltspunkte vorliegen, ob die Art des Ausfalls zufällig ist, können die Ergebnisse nicht als abgesichert gelten. Bei der Befragung nach der Qualität der Leistungen verteilten die fallzuständigen Fachkräfte die Fragebögen. Auch dies kann Einfluss auf die Antworten haben, die das Ergebnis beeinflussen. Der Erhebungsprozess wurde nicht ausreichend dokumentiert. So traten doch einige Mängel zutage, die bei einer rechtzeitigen Inanspruchnahme wissenschaftlicher Begleitung hätten ausgeschaltet werden können. Für die Mitglieder der AG war diese Erfahrung ein wichtiger Lernprozess. Angesichts der allseits durchgeführten Befragungen ist diese Erfahrung nicht ungewöhnlich. Besonders wenn man berücksichtigt, wie vielerorts im Rahmen von Kennzahlenerhebungen von unhinterfragten Annahmen ausgegangen wird, kann die AG 6 am Ende für sich die Erfahrung verbuchen, dass Befragungen, die den Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben die Einhaltung von spezifischen Vorgaben und Kenntnissen notwendig machen. Da die Ergebnisse dennoch interessante Schlaglichter auf die Jugendhilfe in Celle werfen, soll an dieser Stelle die Zusammenfassung der vielfältigen Ergebnisse wiedergegeben werden: Zusammenfassung / Fazit „Trotz der bereits benannten Einschränkungen lassen sich, bei aller Zurückhaltung in der Bewertung der Aussagen, dennoch folgende Tendenzen ablesen: 123



Die Form der Zusammenarbeit und Zielerarbeitung im Hilfeplanverfahren bilden eine gute Arbeitsgrundlage.



Sowohl Kinder, Jugendliche, wie auch Eltern und Betreuer halten - zu jeweils einem Drittel – die Betreuungszeit für zu gering. Seitens der Betreuer ist zu klären, ob im Einzelfall eine zeitliche Ausweitung notwendig ist, um die gesetzten Ziele zu erreichen.



Ziele sind allen Befragten wichtig. Sie aber klar und eindeutig zu formulieren steht in der Verantwortung von allen Beteiligten und gelingt anscheinend mit Erwachsenen besser als mit Kindern. Die Auswertung lässt vermuten, dass weitere Ziele oder „heimliche Ziele, stille Reserven“ vorhanden sind, auf deren Erfassung methodisch eingegangen werden sollte.



Betreuungsarbeit ist Beziehungsarbeit. Nach Aussagen der Kinder hat Kontinuität der Betreuungspersonen erste Priorität. Die Antworten der Kinder, Jugendlichen und Eltern zeigen an, dass sich Erfolge einer guten Zusammenarbeit ursprünglich in dem Gefühl begründen, dass ein Vertrauensverhältnis zur Betreuungsperson entstehen bzw. sich entwickeln kann.



Die angebotenen ambulanten Hilfen unterliegen der Prämisse von Motivation und Bereitschaft zur freiwilligen Annahme. In der Auswertung ist ein Zusammenhang zwischen Alter und Motivation festzustellen. Die Betreuer erleben, dass Kinder bis 12 Jahren gut motiviert sind, Jugendliche mit zunehmendem Alter bis zur Volljährigkeit aber mit abnehmender Tendenz. Das kann bedeuten, dass im Hilfeplanverfahren die eigentlichen Ziele der Jugendlichen nicht im Mittelpunkt stehen, oder im Rahmen der Betreuung es noch zu wenig gelingt, sich auf die Jugendlichen einzustellen.



Da, nach Einschätzung der Betreuer, die Eltern mit zunehmendem Alter der Kinder /Jugendlichen in ihrer Motivation nachlassen, rechtlich jedoch verantwortlich bleiben, sind Methoden zu entwickeln, wie man die Eltern wieder in ihre Verantwortung zurückführt.



Unterstützende Pfeiler einer gelingenden Betreuungsarbeit sind eine umfassende materielle Grundausstattung, Möglichkeiten zu Information und Austausch und Vermeidung von (individuell unterschiedlich erlebten) weiteren Hinderungsgründen. Häufig genannt wurde der Wunsch nach Reduzierung des bürokratischen Arbeitsaufwandes. Hier sind offenbar Organisationsstrukturen trägerintern zu überprüfen. Für einen optimalen Betreuungsverlauf werden eine gemeinsame Grundhaltung und eine bessere Zusammenarbeit zwischen den Trägern gewünscht.



Überraschenderweise wird die Wirkung der SPFH im Unterschied zur EB von den Kindern/Jugendlichen deutlich positiver eingeschätzt; während die Eltern die EB als wirkungsvoller erleben. Es scheint, dass Eltern die Betreuung von Kindern/Jugendlichen durch eine EB als positiv entlastend erleben. Das kann daran liegen, dass die Hilfe weniger auf eine Veränderung des Fa124

miliensystems abzielt, sondern mehr kompensatorisch wirkt. Erneut wird deutlich, dass methodische Überlegungen dahingehend notwendig sind, wie die Einbeziehung der Eltern besser gelingen kann. •

Die Bündelung von Hilfen zu Formen der Gruppenarbeit wird von Eltern und Kindern als Betreuungsangebot nahezu einstimmig abgelehnt146. Auch die Betreuer halten die Umsetzung für schwierig bis nicht durchführbar. Dies ist bei weiteren Planungen zu berücksichtigen.“ (40)

Die Ergebnisse der Arbeitsgruppen sind so wichtig, dass sie in den kritischen Diskurs147 zwischen freien und öffentlichen Trägern eingespeist und im Rahmen der Qualitätsentwicklung weiterverfolgt werden müssen. Dabei ist ein Dilemma offensichtlich: Die Ressource Zeit, die bei der Arbeit mit den Adressaten (subjektiv?) fehlt, fehlt auch bei der Reflexion.

6.2.7

Kontrollierte Praxis als Methode der Selbstevaluation und Praxisforschung

An dieser Stelle sei der Dank auch des Beirates an die Beteiligten ausdrücklich erklärt. Es sind in den Arbeitsgruppen wichtige Ergebnisse auf hohem Niveau entstanden und sicherlich auch so manche Einsicht. Die Methode der kontrollierten Praxis ist als Qualifizierungsmodul im Sinne von Praxisforschung auszubauen. Dabei lässt sich auf einigen Erfahrungen aufbauen: •

So hat sich die Freiwilligkeit der Themenwahl, der Gestaltung sowie Art und Umfang als sinnvoll erwiesen. Die Freiwilligkeit wurde insbesondere vor dem Hintergrund der vielfältigen externen Anforderungen gewählt, um nicht Frustration und den Anschein einer weiteren fremdbestimmten Auftragsarbeit aufkommen zu lassen.



Wissenschaftliche Begleitung sollte um den Erkenntnisprozess zu qualifizieren regelhaft begleitend eingesetzt werden. Interessanter Weise bewegten sich die meisten Arbeitsgruppen forschend im Arbeitsfeld. So gerät der Blick der Praxis in Richtung Forschung/Theorie und führt vielleicht dazu, das Interesse für Wissenschaft zu wecken, was ein großer Fortschritt wäre und ein

146

Die Frage der Zusammenfassung von Erziehungsbeistandschaften in Gruppenarrangements wird in der Mitarbeiterschaft sehr kontrovers diskutiert. Das Ergebnis der Befragung (n=19) erbrachte noch eine überwiegende Zustimmung bei den 6-12jährigen (37 % Zustimmung : 10 % Ablehnung); bei den 13 – 15 jährigen (32% Zustimmung : 21% Ablehnung); bei den 16 – 18jährigen (11% Zustimmung : 52 % Ablehnung). Allerdings lagen die Ausfälle (fehlende Antwort) jeweils zwischen 32 und 37 %. So stellt sich aus Steuerungssicht die Frage, ob die Flexibilisierung von Hilfearrangements in Richtung Gruppenpädagogik bei den 16 – 18jährigen ihre Grenzen findet. 147 Möglichst herrschaftsfrei und ohne Zwang

125

Beitrag zur Qualifizierung der sozialen Arbeit. So können bestehende Konzepte im Rahmen von Praxisforschung (Handlungsforschung) angewandt werden. Dies hätte allerdings eine notwendige Einführung und Vorbereitung zur Voraussetzung. •

Die Beschäftigung mit den Arbeitsergebnissen, die Zusammenführung der Anregungen und der Diskurs mit den Mitarbeitern ist Leitungsaufgabe und wird im Sinne einer Reflexionsschleife in den Diskurs mit den Fachkräften eingespeist. Für das Frühjahr 2006 ist hierzu ein Fachtag geplant.



Es hat sich gezeigt, dass auch kritische, vielleicht nur von einigen geteilte Einschätzungen vorgenommen wurden. Es gilt, auch zu diesen Einschätzungen einen kritischen Diskurs zu führen.

Das Modul „kontrollierte Praxis“ wird in Celle in das Qualitätsentwicklungskonzept eingearbeitet. Voraussetzung ist allerdings, an welcher Stelle wir inzwischen überflüssig gewordene Zeitanteile streichen. Diese Überlegung fordert ein Budget immer ein und ist somit ein qualitatives Steuerungsinstrument zur Überprüfung notwendiger und weniger notwendiger zeitlicher Anteile und Prioritätensetzung. 6.3

Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für innovative Sozialforschung und Sozialplanung e. V (GISS)

Herr Dr. Erzberger von GISS begleitete von 2004 bis 2005 zum einen intensiv die Arbeitsgruppe 6 der kontrollierten Praxis, zum anderen wurden mit GISS die bestehenden Controllingverfahren überprüft und Kennzahlen entwickelt (so z. B. zur Hausaufgabenbetreuung). Die Zusammenarbeit war insgesamt sehr fruchtbar. Daher unser Dank an Herrn Dr. Erzberger, der immer wieder bereit war, die Fragen aus der Praxis aufzugreifen und vor seinem wissenschaftlichen Hintergrund kompetent und verständlich zu beantworten. Adressatenbefragung/Mitarbeitereinschätzung Das erste Projekt mit GISS bezog sich auf die 3. Auswertung der Adressatenbefragung, die auf der Grundlage einer 5-wertigen Intervallskala regelmäßig zu Ergebnissen führte, die weit überwiegend im positiven Bereich lagen und daher nur eine einfache Auswertung ermöglichten (s. Kap. 7.4). Die Auswertungen von Kreuztabellen brachte ebenfalls wenige differenzierte Erkenntnisse zutage. Um eine höhere Differenzierung herbeizuführen wurden die Skalenwerte auf der Abszisse (x-Achse) auf 11 erweitert. Zudem wurden alle Fragen noch einmal hinsichtlich der Validität und der Zielsetzung der Fragestellungen überprüft und teilweise für das Jahr 2005 verändert. Dazu tagte eine Arbeitsgruppe im ASD begleitend. 126

Auf die Ergebnisse der Befragungen 2005 dürfen wir gespannt sein. Im Grundsatz ergeben sich allerdings Fragen nach der Aussagekraft von Fragebogenerhebungen, die zudem mit Rücksicht auf die Adressatenfreundlichkeit nicht sehr differenziert sein dürfen. Da zumeist nur 60 % der Befragten antworten (was wir allerdings als einen hohen Wert ansehen) steht die Beantwortung der Frage noch aus, ob sich bei den 40 %, die trotz Erinnerung nicht antworten nicht der Kern der Unzufriedenen befindet. Sollte sich für 2005 kein differenziertes Ergebnis ergeben und der Trend der Ergebnisse denen der Vorjahre folgen, so steht die statistische Methode der quantitativen Fragebogenerhebung in Frage, da sie nur sehr allgemeine Aussagen zulässt. Es müssen zum vertieften erkenntnisleitenden Interesse differenziertere quantitative Verfahren oder der Einsatz qualitativer Verfahren überlegt werden. Hier stellt sich jedoch die Alltagsfrage eines jeden Jugendamtes: Wer soll das machen? Wer finanziert das? Und was passiert mit den Schlussfolgerungen? In der Zusammenarbeit mit GISS ist deutlich geworden, dass die Objektivierbarkeit von quantitativ ermittelten statistischen Daten ihre Grenzen hat148. Zu einer wichtigen Erkenntnis ist die Tatsache herangereift, dass Jugendhilfeplanung nicht nur auf der Ermittlung von Kennzahlen und Daten gegründet werden kann um Steuerungsprobleme zu lösen, sondern dass auch das Interesse an eigener partieller Forschung dazu gehört, möglicherweise im Kontext mit der „kontrollierten Praxis“ um die Mechanismen von Jugendhilfe besser zu verstehen. Qualifizierung zur Datenerhebung und –verarbeitung Des Weiteren führte GISS insgesamt drei Tages-Veranstaltungen zur Qualifizierung von Mitarbeitern im Bereich der Evaluation durch, die auch von anderen Jugendämtern aus Niedersachsen besucht wurden. Hier wurde in einer Arbeitseinheit zu statistischen Verfahren geschult, zum anderen erfolgte eine Einführung in das statistische Auswertungsprogramm „WINSTAT“. Unterstützung der AG 6 Kontrollierte Praxis GISS begleitete ebenfalls eine Arbeitsgruppe der kontrollierten Praxis bei der Erarbeitung des Ergebnisberichtes und der Auswertung und Interpretation der erhobenen Daten. Dabei wurde deutlich, dass die Einbeziehung wissenschaftlicher Kenntnis von Anfang an hilfreich ist. Häufig besteht bei Praktikern eine Abneigung in das durch die eigene Professionalität (Alltagswissen und Berufswissen) beherrschten Arbeitsfeld Dritte einzubeziehen. Diese Skepsis scheint durch die gute Zusammenarbeit mit GISS überwunden (s. Kap.: 6.2.5). Kennzahlerarbeitung zur Hausaufgabenbetreuung

148

s. Positivismusstreit

127

Als vierten Schwerpunkt begleitete GISS die Erarbeitung einer Kennzahl zur Hausaufgabenbetreuung149. Die 4 methodisch unterschiedlichen Angebote „Sozialpädagogische Schülerhilfe“, „Schüler helfen Schülern“, „Hausaufgabenbetreuung in Stadtteilprojekten“ und die „Schulsozialarbeit“ sollten in einem umfassenden Vergleich hinsichtlich der Kosten, Zahl der Schüler (Auftritte), Zeit- und Aufmerksamkeitsanteil pro Schüler sowie des Verhältnisses von „Ehrenamtlich“ und „Hauptamtlich“ evaluiert werden. Erste Experimente mit der Formel zeigen gute Ergebnisse, allerdings müssen die Parameter vorher bestimmt werden. Es gibt einen erheblichen Diskussionsbedarf zu den Parametern der Evaluation, besonders wenn die Zeugnisnoten als Referenzgröße für „Erfolg“ herangezogen werden sollen. An der Diskussion mit den Fachkräften über eine Evaluation der Qualität anhand der Zeugnisnoten und der Auswertung der Zeugnis-Bemerkungen zum Sozialverhalten und zu Fehlzeiten zeigt sich deutlich das unterschiedliche Bildungsverständnis von Sozialpädagogik und Schule. Das Controllingverfahren zur Hausaufgabenbetreuung, das 2006 durchgeführt werden soll enthält noch einigen Zündstoff. 6.4

Celler Familienkrisendienst

Zu Beginn des Modellprojektes bestanden Befürchtungen, dass durch die Budgetierung stationäre Hilfen ansteigen werden. Diese Annahmen haben sich nicht bestätigt. Die freien Träger haben alle ambulanten Möglichkeiten zur Vermeidung stationärer Hilfen ausgeschöpft. Seit 2002 sind vor einer Heimunterbringung jeweils zwei Fachberater freier Träger an der Fachkonferenz des ASD mit dem Auftrag beteiligt, ambulante Alternativen zur Fremdunterbringung vorzuschlagen. Diese Aufgabe wird mit großem Ernst wahrgenommen, auch wenn beschlossene Folgemaßnahmen im Einzelfall eine zusätzliche Belastung des Sozialraumbudgets bedeuten. Dennoch gibt es aus Sicht der freien Träger keinen objektiv erkennbaren Vorteil für einen besonderen Einsatz zur Verhinderung von Heimerziehung. Wenn auch das fachliche Bemühen der Träger zu würdigen ist, so ist der Anreiz zur Vermeidung von Heimerziehung aus Systemsicht nicht vorhanden und abhängig vom gegenseitigen Vertrauen und Verständnis der Beteiligten. Da nicht immer auf Wohlwollen zu vertrauen ist, sind weitere Alternativen zur Reduzierung der Heimunterbringungen im System zu installieren. Abb. 21 Grafik: terbringung: 149

Das bisherige Modell: Hilfeplanung bei Fremdun-

s. Anhang Anlage 5

128

Ablaufplan stationäre Hilfe Antragstellung

Bedarfsprüfung durch fallführenden Mitarbeiter

Fachkonferenz mit externer Fachberatung Auftrag: Alternativen zur Heimerziehung entwickeln Entscheidung im Jugendamt

Ausgestaltung der Hilfe (Hilfeplangespräche mit Adressaten) 129

Neben die fachliche Beratung der freien Träger bei Fremdunterbringung im Hilfeplanverfahren ist 2004 als neue Entwicklung aus dem Modellprojekt heraus der Familienkrisendienst getreten. Celler Familienkrisendienst (CFK) Der Celler Familienkrisendienst (CFK) hat die Funktion einer Clearingstelle vor Fremdunterbringung. In einem intensiven Bemühen der Adressaten soll die Frage einer möglichen Trennung thematisiert und gemeinsam nach Lösungsalternativen gesucht werden. Der CFK wurde in Anlehnung an den Bremer Familienkrisendienst eingerichtet. Einer Evaluationsstudie der GISS über den Bremer Familienkrisendienst konnten wichtige Hinweise und Anregungen entnommen werden. Ein Konzept zum Erhalt von familiären und sozialräumlichen Bezügen Eine intensive 6wöchige Krisenintervention (ähnlich FAM, FIM) orientiert am Modell des Bremer Familienkrisendienstes bietet ab 2004 eine zusätzliche Möglichkeit zur Klärung der Notwendigkeit von Heimerziehung. Auszüge aus dem Konzept: I. Grundsätze für die Arbeit in den Familien sind: • Familien sind die Experten für ihre Situation • Systemische Sichtweise • Lebensweltorientierung • Ressourcenorientierung • Gemeinwesenarbeit als Arbeitsprinzip • Prävention • Hilfe zur Selbsthilfe Der Arbeitsansatz ist geprägt durch Alltagsorientierung, Flexibilität, Sozialräumlichkeit und Kontinuität. Die Betreuung ist geschlechtsbewußt. Die jeweiligen besonderen sozialen und kulturellen Bedürfnisse werden berücksichtigt (siehe auch "Leitsätze der Jugendhilfe in Celle", verabschiedet im Jahr 2000).

130

II. Familien in Krisensituationen Das Angebot richtet sich an unterschiedliche Familiensysteme, wie beispielsweise Ein-Eltern-Familien, Familien mit einem Stiefelternteil, „Ersatzfamilien“, Pflegefamilien etc. Es sind Familiensysteme, die entweder für sich selbst Hilfen einfordern und/oder bei denen von dritten die Notwendigkeit der Unterstützung gesehen wird. Es handelt sich um Familien in Krisensituationen mit vielschichtigen Problemen. Krisen bringen auch die Kräfte zu ihrer Lösung hervor. Es gibt grundsätzlich keine Ausschlusskriterien für die Betreuung. In besonderen Fällen jedoch ist von einem Einsatz in der Familie abzusehen und zwar dann, wenn •

die Sicherheit der Kinder nicht gewährleistet werden kann



keine Kooperationsbereitschaft mindestens eines Familienmitgliedes besteht. III. Voraussetzungen für eine familienunterstützende Krisenintervention Indikatoren: • Die Fremdunterbringung mindestens eines Kindes droht 150 • Rückführung eines fremduntergebrachten Kindes steht an (Begleitung/Vorbereitung) weitere Voraussetzungen: • Kooperationsbereitschaft mindestens eines Erwachsenen muss gegeben sein. • Es besteht keine akute Gefahr für die Kinder. Sollte diese im Verlauf des Einsatzes auftreten, sind vorrangig alle notwendigen Vorkehrungen zur Sicherung des Kindeswohls bis hin zur Information des ASD und des Abbruchs der Maßnahme zu treffen. IV. Betreuungsintensität Die Betreuungszeiten in der Familie richten sich nach dem im Hilfeplan gemeinsam mit allen Beteiligten festgestellten Bedarf. Der Umfang der Betreuung ist, je nach Problemlage, variabel und kann bei intensiven Maßnahmen an bis zu 7 Tagen in der Woche abgedeckt werden. Die zusätzliche Bereitstellung einer Rufbereitschaft ab 20:00 Uhr an allen Tagen (Wochenende, Feiertagen) ist möglich. Die Betreuungsintensität kann entsprechend dem Bedarf flexibel gestaltet werden. Dies ist erforderlich in akuten Krisen und umfasst durchschnittlich 16 Wochenstunden zum Einstieg in die Arbeit mit der Familie. 150

Nicht bei jeder drohenden Fremdunterbringung werden familienintensivierende Hilfen zwangsläufig vorgeschaltet

131

Aufgrund fachlicher Reflexion entscheidet der Familien-Krisendienst, in welcher personellen Form der Einsatz stattfindet. Mögliche Formen sind: -

Eine Fachkraft übernimmt den Dienst. Eine zweite ist nur im Vertretungsfall tätig, ist allerdings ständig zu informieren.

-

Zwei Fachkräfte sind durchgängig tätig, jeweils mit halber Stundenzahl.

-

Zwei Fachkräfte sind durchgängig tätig, hier mit unterschiedlichen Arbeitsschwerpunkten (z.B. Paarberatung, besondere Themenstellungen).

Im Laufe der Maßnahme ist ein zielorientiertes Vorgehen in Verbindung mit zeitlich terminierten Arbeitsaufträgen zur erfolgreichen Bewältigung vorhandener Problemlagen Grundlage der Betreuung. Es handelt sich um eine zeitintensive, kurzfristige Maßnahme (begrenzt auf max. 6 Wochen), die die Bearbeitung eines konkreten, begrenzten Auftrages beinhaltet (siehe auch unter IV. Ziele). In der Regel ist davon auszugehen, dass Anschlussmaßnahmen notwendig sind. Das Initiieren einer solchen Maßnahme ist Bestandteil der Zusammenarbeit mit dem öffentlichen Träger und bereits in der sechswöchigen Phase einzubeziehen. V. Team Die betreuenden Personen bilden ein eigenständiges, trägerübergreifendes Team. Es besteht aus 6 bis 8 Mitarbeitern. Sie haben die Eignung, Fortbildung, die Bereitschaft und das entsprechende Stundenpotential, eine familienaktivierende Maßnahme für 6 Wochen durchzuführen. Jeder der 4 Träger benennt eine männliche und eine weibliche Fachkraft. Damit kann das Wunsch- und Wahlrecht und die sozialräumliche Orientierung sichergestellt werden. Die Mitarbeiter sind täglich bis 20.00 Uhr ständig erreichbar für die Familie und arbeiten 6 Wochen mit der Familie zusammen. Für Urlaubs- und Krankheitsfälle ist eine Vertretung vorgesehen. Ab 20.00 Uhr besteht ein Bereitschaftsdienst.

132

Qualifikation der Mitarbeiter: Die Mitarbeiter sind: – Sozialpädagogische Fachkräfte mit Berufserfahrung oder/und Zusatzausbildung. – Qualifizierung der Arbeit durch Teilnahme an regelmäßigen Fortbildungen – Kenntnisse im Gemeinwesen – Teambesprechungen finden an 2 Stunden wöchentlich statt. Für Dokumentation wird 1 Stunde wöchentlich benötigt. In Teamsitzung erfolgen: Fallbesprechungen ( Beteiligung von Adressaten ) Organisation Interne Qualifizierung Qualitätssicherung Selbstevaluation Coaching VI. Methoden Zur Verfügung stehende Methoden sind: • systemische Sichtweise • integrierter Hilfeansatz • sozialräumliche Orientierung • Geschlechtsbewusstes Arbeiten reflektiert mit Hilfe von: • Kollegialer Beratung • Praxisberatung / Supervision • Psychologische, fachärztliche oder therapeutische Beratung unter Anwendung von: • Qualitätssteuerung • Selbstevaluation VII. Sozialpädagogische Leistungen Ausgehend davon, dass die Familiensysteme sich in akuten Krisen oder dauerhaft in ähnlich belasteten Situationen befinden, sind Entlastungsmöglichkeiten zu schaffen. Dies ist gewährleistet sowohl durch die bereits beschriebene hohe 133

Betreuungsintensität als auch durch Kooperation mit örtlich vorhandenen Trägern der Jugendhilfe, Institutionen oder Einzelpersonen. Die Träger erbringen im Rahmen dieses Konzeptes alle Leistungen, die zur Zielerreichung (Verhinderung der Fremdunterbringung oder Rückführung) notwendig, im Hilfeplan definiert und innerhalb des Zeitrahmens durchführbar sind. Es können auch Leistungen begonnen werden, die in weitere längerfristige Folgemaßnahmen münden. Klientenbezogene Leistungen finden „face to face“ statt oder sind unmittelbare Hilfe für das Familiensystem. Hierunter fällt auch die Hilfeplanung. VIII. Beratungsleistungen Vor dem Hintergrund der vielschichtigen und intensiven Tätigkeit in der Familienunterstützenden Krisenintervention ist ein hohes Maß an fachlicher Kompetenz in methodischer Hinsicht zu erbringen. Dies erfordert, dass die Betreuungsarbeit eingebettet, begleitet und unterstützt wird durch Praxisberatung. Zu den Leistungen gehören: Fallbezogene Fachberatung - Fallanalyse - Einzelfallberatung - Beratung über die Geeignetheit der Familienkrisenhilfe - Hilfe-/Betreuungsplanung Teamberatung/Supervision - Reflexion der Hilfe - Nutzung der Teamressourcen durch "Team als Methode" Geschlechtsbewusste Beratung Sozialpsychiatrische Beratung Konzept- und Methodenentwicklung - Subjektorientierte Methoden - "Vom Fall zum Feld" - Sozialräumliche Öffnung / Lebensweltorientierung - GWA als Arbeitsprinzip - Integrierter Hilfeansatz - Familienintensivierende Konzepte

134

IX. Verfahren der Entscheidung Die Verantwortung für die Durchführung von Fach- und Hilfeplankonferenzen obliegt dem öffentlichen Träger der Jugendhilfe unter Berücksichtigung seiner Garantenstellung. Er entscheidet über die Durchführung der Maßnahme und die Rahmenbedingungen unter Berücksichtigung der gesetzlichen Beteiligungserfordernisse. a) Fachkonferenz Fallanamnese und -analyse Klärung von Eignung und Notwendigkeit Formulierung von Zielen b) Hilfeplangespräch Ziele konkretisieren, in dem Æ Ziele mit jedem Familienmitglied formuliert werden Æ Rahmenbedingungen geklärt werden c) Aktivierungsphase/Zielfindungsprozess Ziele lt. Hilfeplan umsetzen kleine, kurzfristige Teilziele erarbeiten, die sich auf ein selbstbezogenes Handeln beziehen Æ Kinderschutz gewährleisten Æ Erfolgserlebnisse schaffen Æ motivieren Æ akute Krisen bearbeiten Æ Soziales Umfeld anbinden Zeitrahmen: 6 Wochen / Stundenumfang 20 Netto-Fachleistungsstunden d) Resümee: Erfolgt im Hilfeplangespräch mit allen Beteiligten: Æ Überprüfung des bisherigen Auftrages Æ Berücksichtigung neuer Erkenntnisse Æ Beurteilung, ob es eine weitere Zusammenarbeit geben soll Æ Beurteilung des Hilfeverlaufs/-erfolgs durch die Familie e) Æ

Festlegung weiterer Interventionen: Anschlussmaßnahmen sollen nahtlos erfolgen und sind rechtzeitig einzuleiten Æ Trägerübergreifende Angebote nutzen

135

f) Æ Æ

Evaluation Folgekontakt nach 6 Monaten absprechen Rückmeldung an den öffentlichen Träger

X. Finanzen Durchschnittlich wird von 20 Netto-Fachleistungsstunden / Woche incl. Fachberatung und Rufbereitschaft ausgegangen. Die Finanzierung ist zwischen den Trägern der Jugendhilfe in einer Leistungsund Entgeltvereinbarung festgeschrieben. Teil der Vereinbarung ist die Qualitätsvereinbarung. Zur Unterstützung der Bemühungen kann mit den Familien ein materieller Anreiz vereinbart werden, der sowohl dazu dienen kann, das Erreichte zu sichern (Elterntrainingsseminare etc.), der aber auch lediglich i. S. einer materiellen Belohnung ( z. B. in Form von Kino-, Restaurantbesuchen, Anschaffungen für die Familie, Vereinsbeiträgen u.ä.m.) gewährt werden kann. Eine lediglich materielle Belohnung soll pro Fall 100 € nicht überschreiten. Die Bedingungen sind im Hilfeplan individuell festzulegen. Für ein Handgeld stehen pro Fall 100 € zur Verfügung. XI. Qualitätssicherung Es gilt die Qualitätsentwicklungsvereinbarung. Bestehende Trägerkonzepte (Methoden) werden berücksichtigt. --------------Erste Ergebnisse Soviel zum Konzept. Inzwischen sind 4 Interventionen durch den CFK erfolgt. In drei Fällen wurde eine Heimunterbringung verhindert. Ambulante und teilstationäre Maßnahmen (SPFH und Tagesgruppe) setzten zur Problembewältigung im Anschluss ein. Die Anschlusshilfen werden bis zu einem Jahr nicht aus dem Budget finanziert sondern aus Mitteln der Heimerziehung. Damit können die freien Träger im Budgetrahmen agieren ohne zunächst Belastungen im Gesamtbudget befürchten zu müssen. Nach einem Jahr wechselt die Folgemaßnahme in das Budget. Vorausgegangene Hilfen werden auf die Anschlusshilfen finanziell angerechnet, so dass nur der Unterschiedsbetrag zusätzlich zum Budget zu erstatten ist. Es wird angestrebt, für die recht komplizierte Lösung eine prozentuale Pauschallösung im Rahmen des Budgets zu finden.

136

Die Schulung der Mitarbeiter zum Konzept des CFK erfolgte in einer modularen Inhouse-Schulung mit zeitweise 20 Teilnehmern. Auch nicht unmittelbar beteiligte Mitarbeiter des ASD nahmen die Fortbildung in Anspruch, die vom ifobs (Institut für Fortbildung, Organisationsberatung und Supervision g GmbH) mit Sitz in Bielefeld durchgeführt wurde. Fortbildungsbegleitend konnte bereits mit Familien gearbeitet werden. Die Kosten der Fortbildung trug der öffentliche Träger. Erste Erfahrungen mit dem CFK sind sehr positiv. Eine tabellarische Dokumentation einer CFK-Hilfe ist im Anhang 6 veröffentlicht. 6.5

Ergebnisse einer Befragung in Stadtteilprojekten

In der Zeit von März-April 2005 wurden in den Stadtteilprojekten leitfadengestützte Interviews mit 23 Kindern und 9 Eltern auf Band aufgezeichnet und ausgewertet. Die Befragung wurde von Frau Radke (Diplom-Sozialwirtin) durchgeführt. Frau Radke war im Bereich Jugendhilfeplanung beschäftigt und weder Eltern noch Kindern im Projekt bekannt, bzw. dort mit sozialpädagogischen Aufgaben betraut. Frau Radke hatte den Status einer externen Interviewerin. Zielsetzung der Befragung war eine Einschätzung der niedrgischwelligen sozialräumlichen Angebote aus der Adressatensicht. Basisdaten: Die Befragten waren nach Projekten unterschiedlich verteilt. Im Stadtteilprojekt „Alte Schmiede“ waren lediglich kurdische Eltern und Kinder der Tanzgruppe „Koma Dilan“ auskunftsbereit. Diese Gruppe hat einen etwas anderen Status als die Besucher der Stadtteilprojekte. Das Stadtteilprojekt „Alte Schmiede“ bildet damit keine vergleichbare Befragungsgruppe. Dennoch wurden die Ergebnisse unter Berücksichtigung der Besonderheiten in die Auswertungen einbezogen.

137

Abb. 22

Projektzugehörigkeit Projektzugehörigkeit

M 22 13%

Windmühle 4% Alte Molkerei 27%

Krähennest 13%

Caritas Point 17%

Alte Schmiede / Koma Dilan 26% n = 23

Das Geschlechterverhältnis ist nahezu gleich (52% Jungen). Die Verteilung nach Kindern mit und Kindern ohne Hilfeplan ist ebenfalls nahezu gleich. Bei den Kindern mit Hilfeplan überwogen die Jungen. Das Altersspektrum der interviewten Kinder reichte von 7 – 16 Jahre. Abb. 23

Altersverteilung n = 23

Altersverteilung der Befragten Häufigkeit 4

3

2

1

0 6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

Alter in Jahren

Die Familiensituation der interviewten Kinder und Jugendlichen stellt sich wie folgt dar:

138

Abb.: 24

Familiensituation Familiensituation zusammenlebend mit Vater und Stiefmutter 4%

zusammenlebend nur mit Vater 9%

zusammenlebend mit Mutter und Vater 52%

zusammenlebend nur mit Mutter 35%

n = 23

Die Familiensituation verteilt sich annähernd gleich sowohl auf Kinder mit Hilfeplan als auch auf solche ohne Hilfeplan. Die Arbeitssituation der Eltern wird durch die bereits erwähnte Unterschiedlichkeit der Sozialstruktur der befragten kurdischen Gruppe „Koma Dilan“ beeinflusst. Hier sind die Eltern im Verhältnis zur Gesamtgruppe weit häufiger gemeinsam erziehend und berufstätig. Abb.: 25

Erwerbsstatus der Familienmitglieder Familienmitglieder arbeitend? weiß nicht 4%

Vater und Mutter arbeitend (auch Teilzeit) 22%

alleinerziehend und arbeitslos 40% nur ein Elternteil arbeitend, der andere zu Hause 17%

n = 23 Vater und Mutter arbeitslos 13%

alleinerziehend und arbeitend 4%

Der Geschwisteranteil dar Befragten Kinder ist wesentlich höher als in der Gesamtbevölkerung.

139

Abb.: 26

Geschwisteranzahl Anzahl Geschwister

Häufigkeit

n = 23

8 7 6 5 4 3 2 1

1

G

Ei nz el ki nd

es ch w is te rk in d 2 G es ch w is te r 3 G es ch w is te r 4 G es ch w is te r 5 G es ch w is te r 6 G es ch w is te r 7 G es ch w is te r 8 G es ch w is te r 9 G es ch w is te r

0

Die Häufigkeitsverteilung der Kinder in der Geschwisterreihe ergab, dass überwiegend Erst- oder Zweitgeborene befragt wurden. Abb.: 27

Stellung in der Geschwisterreihe Stellung in der Geschwisterreihe

Häufigkeit

n = 23

7 6 5 4 3 2 1 0 1. Kind

2. Kind

3. Kind

4. Kind

5. Kind

6. Kind

7. Kind

Der Schulbesuch bezieht sich auf einen großen Anteil an Sonderschulkindern. Keiner der befragten Realschüler nimmt aufgrund einer Erziehungshilfemaßnahme an den Aktivitäten des Stadtteilprojektes teil.

140

b) Befragungsergebnisse: b.a) Kinder b.b) Schulbesuch: Abb.: 28

Schulbesuch Welche Schule besuchst Du?

Sonderschulen 26%

Grundschule 26%

Realschule 13%

n = 23 Hauptschule 35%

Die Frage nach der Schulmotivation wird unterschiedlich beantwortet. 13 % gehen nicht gern zur Schule. Abb.: 29

Akzeptanz der Schule

Gehst Du gerne zur Schule? Wie findest Du die Schule? nein, ungern 13%

ja, gerne 44% manchmal, mittelmäßig 26%

n = 23 ja, aber… 17%

An die Frage mit dem Schulbesuch schloss sich aus aktuellem Anlass einer öffentlichen Diskussion über das für und wider der Ausgabe von teilweise kosten-

141

losen Mahlzeiten für Kinder in den Projekten151 an. Dabei gab mehr als die Hälfte an, ohne Frühstück zur Schule zu gehen. b.c) Versorgungssituation Abb.: 30

Frühstücksgewohnheiten Wann und was isst Du vormittags? gar nichts 4%

Frühstück zu Hause + Pausenbrot oder Geld 43% nur Pausenbrot oder Geld 53%

n = 23

Das Mittagessen in den Stadtteilprojekten, wird zum großen Teil durch Ehrenamtliche, Auszubildende im Bereich Hauswirtschaft oder gemeinsam mit den Kindern erstellt. Alle Kinder, die an den Schülergruppen (n= 17) teilnehmen, nehmen auch am Mittagessen teil. Die negative Bewertung bezieht sich überwiegend auf ein Projekt.

151

Die örtliche Presse beschäftigte sich aufgrund der Diskussion im JHA in einem Artikel mit dem Anspruch der Gesellschaft (des Steuerzahlers) auf Versorgung und Erziehung durch Eltern. Viele Eltern, deren Kinder in den Projekten Mittagessen erhielten, fühlten sich diskriminiert. Die Reaktion einer Mutter auf den Artikel: „Aber der Artikel neulich in der CZ (örtl. Presseorgan d. Verf.) da drüber , der war ja schlecht. Das hörte sich da so an, als würde ich meinem Kind nicht zu essen geben! Ich meine, in manchen Familien ist das vielleicht so, aber in den meisten doch nicht! Der Herr Ende (Redakteur, der Verf.) hat ja keine Ahnung!“ Im Rahmen der Diskussion über die Essenausgabe in Projekten wurde der Verwaltung der Auftrag erteilt, gleiche Rahmenbedingungen zu schaffen. Dies beinhaltet nun einen Kostenbeitrag von 1 € bzw. die Möglichkeit, den Kostenbeitrag durch die Übernahme von Aufgaben im Projekt auszugleichen, die verstärkte Beteiligung von Eltern und Kindern am Kochen in den Projekten, die Durchführung von angeleiteten Kochkursen, sowie Aktionstage für gesunde Ernährung. Die Mehrheitsfraktion war überwiegend der Ansicht, dass die Eltern für die Versorgung der Kinder mehr Verantwortung übernehmen sollen und dazu angeleitet werden sollten. Auf die Vielfältigkeit und Vielschichtigkeit der jeweils vom Einzelfall abhängigen Situation der Kinder in den Stadtteilprojekten kann an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden.

142

Abb.: 31

Mittagessen im Projekt

Bekommst Du Dein Mittagessen im Projekt? Wie findest Du das? Häufigkeit

n = 23

12 10

8 6 4

2 0 Mittagessen im Projekt, Mittagessen im Projekt, Mittagessen im Projekt, positiv bewertet mittelmäßig bewertet negativ bewertet

Mittagessen nicht im Angebot

Der nächste Fragenkomplex beschäftigt sich mit dem Verständnis und Verstehen der organisatorischen Zusammenhänge des Systems Jugendhilfe, von dem die Befragten in ihrer Lebenswelt betroffen sind. In der Wahrnehmung der Kinder wird die unmittelbare Initiative zur Teilnahme am Projekt (wer hat dich da hin geschickt?) ausschließlich mit dem Umfeld identifiziert. In keinem Fall wurden Sozialarbeiter als Initiatoren benannt, obwohl mit Sicherheit bei den Kindern mit Hilfeplan erste Anregungen auch aus diesem Kreis kamen.

143

b.d) Fragen zum Stadtteilprojekt Abb.: 32

Aufnahmesituation im Stadtteilprojekt Wie bist Du zum Projekt gekommen?

durch Schule / Lehrer 9%

Sonstiges 4%

durch Geschwister 13% durch Eltern / Familie 48%

durch Sozialarbeiter 0%

durch Andere, die schon im Projekt waren 17%

n = 23 durch Freunde / Bekannte 9%

Die Vielfalt der Teilnahmemöglichkeiten spiegelt sich in den Antworten der Kinder wider. 47 % der Kinder nehmen mehrere Angebote in den Stadtteilprojekten wahr. Abb.: 33

Inanspruchnahme des Stadtteilprojektes Woran nimmst Du hier teil?

Koma Dilan und Hausaufgabenhilfe 4%

Koma Dilan und Aktionen 4% nur Hausaufgabenhilfe 36%

nur Koma Dilan 17%

Hausaufgabenhilfe und Aktionen 4%

Hausaufgabenhilfe, andere Gruppen und Aktionen 26%

n = 23

Hausaufgabenhilfe und andere Gruppen 9%

Weiter wurde nach der Vorstellung von der Dauer der Teilnahme im Stadtteilprojekt gefragt. Keines der Kinder konnte einen konkreten Beendigungstermin 144

nennen. Dies macht deutlich, dass die Hilfe im Stadtteilprojekt längerfristig erwartet wird und man sich aus der Maßnahme (häufig aus Altersgründen) ausschleicht. Die Frage nach den Highlights in den Stadtteilprojekten wird überwiegend mit körperlich aktiven Beschäftigungen angegeben (besonders Sommerfreizeiten). Einen Hinweis auf die soziale Einbindung, eine der wichtigen Zielsetzungen sozialräumlicher Angebote enthält die Antwort auf die Frage: Triffst Du hier im Projekt Deine Freunde? 91 % der Kinder bejahen dies. Mehr als ¾ der Kinder finden, dass das Stadtteilprojekt am richtigen Ort ist („Nähe“, „gut erreichbar“). Nach der Auffassung der Kinder interessieren sich ca. 65% der Eltern für das, „was Du hier machst“, 26 % manchmal, 9 % eher nicht. Größere Unterschiede zwischen Kindern mit und ohne Hilfeplan finden sich nicht. Im weitern Verlauf wurden die Kinder mit einem Hilfeplan besonders zum Hilfeplanverfahren befragt. Die Grundgesamtheit beträgt n = 11. • • • • • c. c.a

10 von 11 Kindern wissen (mit Erläuterungen), dass sie im Stadtteilprojekt eine Erziehungshilfe erhalten, 9 kennen ihren Sozialarbeiter im Jugendamt, alle sind bei der Hilfeplanung dabei gewesen, 8 Kinder wissen, was sich ändern soll und benennen Besispiele, 7 Kinder glauben fest daran, dass sie diese auch erreichen können Auswertung der Eltern-Interviews: Basisdaten

Die Verteilung der interviewten Eltern auf die Projekte unterscheidet sich von der prozentualen Verteilung der Kinder. Hierbei ist auffällig, dass das Auskunftsinteresse bei Eltern mit Hilfeplan höher war als bei den Eltern ohne Hilfeplan. Die Überprüfung ergab, dass Eltern und Kinder (sogar 7 jährige) über diese Tatsache übereinstimmend informiert waren.

145

Abb.: 43

Elternbefragung – Aufteilung auf die Stadtteilprojekte in % Projektzugehörigkeit der Kinder

ein Kind Windmühle und ein Kind Alte Molkerei; 1

M 22; 1 Alte Molkerei; 4

Krähennest; 1

Caritas Point; 1 Alte Schmiede / Koma Dilan; 1

Die familiäre Situation ergab 5 Alleinerziehende, 3 gemeinsam Erziehende, 1 Stiefelternfamilie. Die Anzahl der Kinder stellt sich wie folgt dar: Abb. 35

Elternbefragung – Anzahl der Kinder Wie viele Kinder haben Sie?

Häufigkeit 3

2

1

0 1 Kind

2 Kinder

3 Kinder

4 Kinder

5 Kinder

6 Kinder

7 Kinder

8 Kinder

9 Kinder 10 Kinder

146

Im Rahmen des Interviews fällt auf, dass die Kinder z. T. gänzlich andere Angaben zur beruflichen Situation der Eltern gemacht haben und nur wenig Kenntnis darüber haben, wer in der Familie womit beruflich beschäftigt ist. Von den befragten Eltern sind 6 allein erziehend und arbeitslos, ein Elternpaar ist arbeitslos, in zwei Fällen ist ein Elternteil berufstätig. c.b) Fragen an die Eltern zur Jugendhilfemaßnahme Bei der Frage, wer das Kind in das Stadtteilprojekt geschickt hat, benennen in vier Fällen die Eltern sich selbst, in einem Fall das Jugendamt, in 2 Fällen das Sozialpädiatrische Zentrum, in einem Fall eine Freundin, (1 Fehlanzeige). Aufmerksam auf das Stadtteilprojekt wurden 4 Eltern durch das Jugendamt, 2 durch eine Freundin, durch Lehrer, Kindergarten und „Aufbau einer Gruppe im Projekt“ in je einem Fall. Interessant sind auch die Wahrnehmungen der Eltern zur Verweildauer im Projekt pro Woche. 3 Eltern gehen von weniger als 10 Stunden aus152, 6 von mehr als 10. Die Hälfte der Eltern berichtet, dass die Kinder schon mehr als 2 Jahre das Stadtteilprojekt besuchen. Dies bestätigt die Beobachtung, dass die Hilfe in einem Stadtteilprojekt (nicht unbedingt die Hilfe mit Hilfeplan) langfristig begleitend angelegt ist, was für manche Fallkonstellationen durchaus hilfreich ist. Eine zeitliche Begrenzung konnten die Eltern nicht angeben. Alle Eltern bejahten den weiteren Besuch ihres Kindes im Stadtteilprojekt. In den Interviews wird häufig geäußert, dass die Hilfe als Entlastung und Erleichterung empfunden wird. Die Einschätzung eingetretener Verhaltensänderungen wird eher indifferent beurteilt.

152

Dies sind insbesondere die Kinder, die an Koma Dilan ausschließlich teilnehmen

147

Abb.: 36

Elternbefragung - Maßnahmeerfolg Seitdem Ihr Kind in das Projekt geht, hat sich etwas in seinem Verhalten verändert?

Häufigkeit 3

2

1

0 ja

teilweise / nicht viel

nein, aber …

weiß nicht / undifferenziert

Die folgenden ausgewählten Aussagen der Eltern zu diesem Thema geben ein Bild darüber ab, welche Veränderungen teilweise eingetreten sind: ¾

„Die Situation morgens ist besser geworden. Und ihre Hausaufgaben macht sie nun im Projekt.“

¾

„Nein. Aber mir ist nur wichtig, dass meine Kinder sehen, dass ihr Verhalten Konsequenzen hat. Ihr ADS153 soll kein Freifahrtschein sein. Sie müssen klare Grenzen erfahren, die zu Hause und im Projekt gleich sind. Und das klappt in Absprache mit der Schülerhilfe sehr gut!“

¾

„Eigentlich hat sich nicht viel verändert. Er ist immer noch sehr schüchtern, aber der Kontakt zu anderen Kindern ist etwas besser geworden.“

¾

„Das mit dem Essen ist besser geworden.“

¾

„Meine ältere Tochter geht jetzt auf Regeln ein und hört mehr zu. Sie hat nicht mehr nur noch ihren eigenen Standpunkt. Meine jüngere Tochter hat Sprachprobleme und fühlt sich im Projekt sehr angenommen. Sie hat Vertrauen zu den Mitarbeitern gefasst.“

¾

„Meine Kinder sind ruhiger geworden. Die schulischen Leistungen haben sich positiver entwickelt. Und meine Tochter ist nicht mehr so zickig.“

153

Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom

148

¾

„Das tut meinen Kindern gut da, wenn sie nach Hause kommen, sind Sie ausgeglichener. Sie wollen sich auch einbringen.“

Alle Eltern geben an, das Stadtteilprojekt zu Gesprächen aufzusuchen, in einem Fall wurde das Stadtteilprojekt als erste Anlaufstelle benannt, in einem weiteren Fall wurde ein STEP-Elterntraining besucht. Den Eltern sind die Ansprechpartner im Projekt persönlich bekannt. Ein Drittel der Eltern hat mit anderen Eltern aus dem Projekt persönliche Kontakte entwickelt und trifft sich zum Teil auch privat, ein weiteres Drittel hält Kontakt zu Eltern, die ihnen bereits vorher persönlich bekannt waren. Das letzte Drittel hat keine persönlichen Kontakte mit anderen Eltern im Projekt. Ein Teil bedauert dies. Das Mittagessen im Projekt wird als entlastend erlebt, 4 Eltern könnten sich vorstellen beim Kochen zu helfen, ein Elternteil lehnte dies ab. An Ideen und Vorschlägen wurde geäußert: • eine spezielle Gruppe für ADS-Kinder • mehr Ordnung bei den Hausaufgaben • mehr Personal • mehr Mithilfe durch die Eltern Zur Frage der Beurteilung des Stadtteilprojektes insgesamt erfolgen ausschließlich überaus positive Rückmeldungen. d.)

Gesamteinschätzung:

Bezug nehmend auf die These, Hilfeplankinder seien schwieriger, kann nicht festgestellt werden, dass es markante Unterschiede zwischen Hilfeplankindern und Kindern ohne Hilfeplan gibt. Aufgefallen ist jedoch, dass die Eltern der Hilfeplankinder eher zum Interview bereit waren und auch ein größeres Interesse für die Arbeit in den Stadtteilprojekten signalisierten. Durch die Hilfeplangespräche sitzen sie direkt mit im Boot, kennen das Gespräch als Methode und Aushandlungsprozess, entwickeln daher ein größeres Interesse an der Zusammenarbeit und bringen sich selbst stärker ein154. Weiterhin ist interessant, dass die kurdischen Eltern fast alle gemeinsam erziehend sind und dass zudem die drei Kinder, die als einzige aus der Untersu154

Hier wird die Frage berührt, ob das Hilfeplanverfahren, das von den Eltern Mitarbeit einfordert, diese mehr motiviert (ihnen den „Ernst der Lage“ deutlicher werden lässt) als eine Hilfe, die relativ voraussetzungslos (ohne Jugendhilfeantrag und Hilfeplanverfahren) und unverbindlich daherkommt. Gerade die stärkere Einforderung von Elterngesprächen in den Stadtteilprojekten führte 2002/2003 dazu, dass Eltern die Stadtteilprojekte nicht nur als günstige Versorgungseinrichtung „anzapfen“ sondern einen eigenen Beitrag zu leisten bereit sind (s. Kap.:4.5.1; 7.3 und 7.7)

149

chungsgruppe auf eine Realschule gehen, dem kurdischen Kulturkreis angehören. Das Interview mit einem kurdischen Vater (ID-Nr. 18b) ist geradezu geprägt von dem Gedanken, dass Bildung und Ausbildung die Basis für alles andere sind. Dies kann als Hinweis gewertet werden, dass kurdische Kinder der Gruppe Koma Dilan aus einem eher bildungsnahen Milieu die Projekte besuchen, während für die Gesamtgruppe der Kurden eine geringe Bildungsorientierung festzustellen ist. Allerdings ist zu berücksichtigen, dass Koma Dilan eine eher externe Gruppe im Stadtteilprojekt darstellt. Die Unkenntnis der Kinder der beruflichen Situation der Eltern ist auffällig. Dies lässt vermuten, dass die Kommunikation zwischen Eltern und Kindern in den Familien nur unzureichend stattfindet, bzw. das Thema Beruf negativ besetzt und wenig kommuniziert wird. Die interviewten Eltern sind mit dem Angebot der Projekte insgesamt sehr zufrieden, unabhängig davon ob sie eine Verhaltensänderung bei den Kindern feststellen konnten oder nicht. Leider pflegen die Eltern ihre im Projekt geknüpften Kontakte zu anderen Elternteilen privat nur selten weiter. Auf Einladung gehen sie aber sehr gern in das Projekt. Vielleicht kann an dieser Stelle angesetzt werden, damit sich ein Netzwerk helfender Kontakte unter den Eltern entwickeln kann. Sogar dem Thema „Mitkochen in den Projekten“ gegenüber sind die Eltern nicht grundsätzlich abgeneigt. Tendenziell wünschen sie sich, dass die Arbeit der Stadtteilprojekte ausgeweitet wird. Die Arbeit, die die Sozialarbeiter vor Ort in den Stadtteilprojekten leisten, erfährt seitens der interviewten Eltern eine sehr große Wertschätzung. Die Auswertung der Interviews zeigt: Sowohl den Kindern als auch den Eltern bedeutet die angebotene Hilfe, die in den Stadtteilprojekten geleistet wird, sehr viel. 6.6

Wissenstransfer

Das Interesse am Celler Budgetmodell ist groß. Inzwischen hat z. B. der Landkreis Oder-Spree das Modell übernommen, viele Kommunen experimentieren in Teilbereichen. Wir haben im Zusammenhang mit dem INTEGRA Bundesprojekt das Modell in zahlreichen Kommunen und öffentlichen Veranstaltungen vorgestellt, so z. B. auf Einladung einer Fraktion der Stadt Bielefeld, in München unter Beteiligung von Professoren der Uni München und dem dortigen Sozialdezernenten, im JHA 150

des Landkreises Diepholz, in Lüneburg usw. sowie auf Fachtagungen u. a. mit dem Niedersächsischen Landesjugendamt, Fachhochschulen und an der Universität Bamberg. Vertreter des Bundes, so z. B. dem Abt. Ltr. im Bundesministerium für Jugend, Herr Dr. Fricke, aber auch Vertretern anderer Kommunen und freier Träger, so z. B. dem Diak. Werk Essen konnten die Erfahrungen mitgeteilt werden. Insbesondere freie Träger aus den neuen Bundesländern zeigten Interesse. In Niedersachsen haben wir fast alle Jugendamtsbezirke (freie oder öffentliche Träger) erreicht. Viele Interessierte haben uns in Celle besucht. Diese Form des Wissenstransfers wurde auch im Rahmen des Modellprojektes von den ehemaligen Celler INTEGRA-Moderatoren Hekele, Röttger und Schäfer fortgesetzt. Besonders intensiv wurden 2004 im Rahmen einer außerordentlichen Amtsleitertagung des ehem. Regierungsbezirks Lüneburg Chancen und Risiken verschiedener sozialräumlicher Budgetmodelle diskutiert. Die Stadt Celle hatte im Rahmen des Modellprojektes eingeladen. Hier wurde deutlich, dass inzwischen fast alle Jugendämter der Region in entsprechenden Versuchen mehr oder weniger weit gekommen sind, die Finanzierung von Jugendhilfe in Budgets zu bündeln. Nicht alle sind bereit, die Träger so weitgehend in die Verantwortung zu nehmen, häufig steht die Budgetierung noch unter der ausschließlichen Kontrolle der Kommunen. Erfreulich, dass Bewegung in die versäulte Hilfelandschaft kommt, Skepsis allerdings in manchen Fällen gegenüber einigen offensichtlichen Einsparabsichten. Aus Hessen erfolgten Einladungen, sogar dann noch als bekannt wurde, dass die Landesregierung ein hessisches INTEGRA-Modell nicht finanzieren werde. Bundesweit gerät Jugendhilfe, so mein Eindruck, in Bewegung. Die Materialmappe, die im Rahmen des Modellprojektes neu aufgelegt wurde, wird weiterhin rege nachgefragt. Unter Einbezug der Kollegen Hekele (Beirat), Röttger (Stiftung Linerhaus) und meiner Beteiligung, sowie der Jugendhilfeplanung und weiterer Mitarbeiter sind in der Projektphase ca. 80 Veranstaltungen selbst durchgeführt oder besucht worden. Darüber hinaus wurde im Rahmen des Modellprojektes eine Vielzahl von telefonischen und schriftlichen Anfragen beantwortet. Die bundesweite Diskussion über Veränderungen in der Finanzierung der Jugendhilfe ist durch das bekanntere Stuttgarter Modell aber auch durch unsere Erfahrungen im INTEGRA-Prozess in Gang gesetzt worden, teilweise auch begleitet mit kritischen Einschätzungen z. B. von Dr. Wiesner vom Bundesministerium und anderen, die davor warnen, Budgetierungen als finanzielles Decke151

lungsinstrument zu missbrauchen. Diese Zuschreibung führt teilweise zu Missverständnissen. Die Fortsetzung des begonnenen Prozesses, aber auch die Fortsetzung des inhaltlichen Dialogs über die Qualität sozialer Arbeit im Budgetmodell kann inzwischen an vielen verschiedenen Modellen studiert werden, trotz der Widrigkeiten der neuern rechtlichen Entwicklung in Hamburg und Münster. Dabei stehen viele am Anfang. Wir können in Celle auf eine vierjährige Praxis verweisen und sind daher in der Lage, Einschätzungen aus einem mittelfristigen Erfahrungszeitraum geben zu können. Das Modellprojekt mit finanzieller Unterstützung hat sowohl den Prozess der Entwicklung beschleunigt als auch den Wissenstransfer in andere Regionen und damit eine dynamische Entwicklung angestoßen, die sicherlich immer auch im kritischen Blick behalten werden sollte. Insofern war das Landesjugendamt immer auch kritischer Begleiter der eingeleiteten Prozesse in Celle. 6.7

FilmProjekt Im Rahmen der kontrollierten Praxis der Arbeitsgruppe 2 „Sozialraumorientierung und Prävention“ entstand die Idee, nicht nur über das Modellprojekt in schriftlicher Form oder durch Vorträge zu berichten, sondern die Veränderungen, die in einer flexiblen Erziehungshilfepraxis deutlich werden, mit filmischen Mitteln darzustellen. Die AG hat die Voraussetzungen für ein solches Projekt festgelegt, sich maßgeblich um die Umsetzung des Projektes bemüht und insbesondere auch dafür gesorgt, dass möglichst viele Kinder und Jugendliche in das Projekt einbezogen werden konnten. Nach Sichtung verschiedener Angebote konnte die Firma Jörg Zschimmer, Medienprojekte in Hannover, gewonnen werden. Jörg Zschimmer war während des Projektes zuständig für Produktion, Kamera und Schnitt, sein Kollege Christopher Langen für das Buch und die Regie. Als Moderator führt durch den Film der Journalist und der NDR-Mitarbeiter Frank Beabenroth. Das Filmprojekt umfasste drei Drehtage und gibt nach Einschätzung der Teilnehmer der kontrollierten Praxis AG 2 die Botschaft in einer viertelstündigen szenischen Zusammenstellung auch für Laien verständlich das Anliegen der Jugendhilfe in Celle wieder. Der Film soll „ein öffentliches Interesse für die Notwendigkeit der Durchführung der beschriebenen Initiativen herstellen, um in der Prioritätenliste der politischen Entscheider einen vorderen Platz einnehmen zu können. Zudem muss eine Identifikationsplattform für Unternehmen und private 152

Spender hergestellt werden um neue Finanzmittel akquirieren zu können. … Der Film soll dabei eine zentrale Aufgabe erfüllen. Es gilt, die Herzen und Köpfe derjenigen zu erreichen, die die Weiterführung der Arbeit gewährleisten können und sollen“.155 Der Film hat eine Funktion nach innen, indem sich die teilnehmenden Kinder und Jugendlichen mit dem Medium Film auseinandersetzen können und sich im Film wieder erkennen können. Der Film dient als Anlass zur Reflexion über das Gruppengeschehen. Er dient dazu, im weiteren Verlauf Eltern und Erwachsene aus dem Stadtteil einzubeziehen. Der Film dient sicherlich der Selbstdarstellung und Festigung der Projekte, insbesondere im Bereich der politischen Entscheidungsträger. Er dient in Bezug auf das Modellprojekt als Nachweis für die Erreichung der Projektziele. Er dient darüber hinaus Institutionen einschl. dem Landesjugendamt zu Weiterbildungszwecken, Vorträgen in der Öffentlichkeit (ggf. sollen regionale Sender auf den Film aufmerksam gemacht werden). Er dient aber auch als Anreiz für Diskussionen der Fachöffentlichkeit, obwohl der Film tiefer gehende Reflexionen oder gar wissenschaftliche Beschreibungen bewusst vermeidet. „Der Film muss: a) bei den Rezipienten aufgrund seiner Machart eine Eigendynamik in Gang setzen, muss weitererzählt, „weitergezeigt“, weiterverbreitet werden können, b) und daher auch in einer technischen Form zur Verfügung stehen, die das ermöglicht.“156 Die Form einer viertelstündigen informativ gestalteten Reportage scheint dieser Forderung sehr nahe zu kommen. „Erfolgsfaktoren für den Film sind: c) eine einfache Verständlichkeit mit klarer Botschaft und Handlungsaufforderung an die Zuschauer, d) die gleichberechtigte Berücksichtigung von Unterhaltung, Information und Emotion

155

zitiert nach Jörg Zschimmer und Christopher Langen, treatment zur Filmproduktion AK Sozialraumorientierung und Prävention, S. 2 156 Zschimmer a.a.O.

153

e) und dabei extrem ehrlich, glaubwürdig und sympathisch „rüberzukommen“. Inhaltlich soll der Film f) exemplarisch Fallbeispiele nachzeichnen g) und den Arbeitskreis als kompetenten, tatkräftigen und seriösen Partner darstellen“.157 Die ursprüngliche Überlegung, drei bis fünf Sequenzen (ähnlich einem Werbeclip) von ca. 30 bis 40 Sekunden Dauer zu produzieren, wurde in Abstimmung mit dem Landesjugendamt verworfen, so dass nun doch eher auf die inhaltliche Auseinandersetzung gesetzt wurde. Bei der Erarbeitung von Spots war die Idee, diese den örtlichen Kinos zur Weiterverbreitung anzubieten. Das Filmteam wollte bei den Spots Alltagshelden und keine Opfer, Sympathieträger oder Problemmenschen zeigen. Es sollte deutlich werden, dass sich im Alltag dieser Menschen etwas Positives verändert hat. Ein Spot hätte von der Kinowerbung bis zur Integration auf der Website von der Einbettung in Powerdateien als Einstimmer von Präsentation bis zur Endlosschleife auf Monitoren im Rahmen von Infoständen, von EMailversand bis zur Einbettung in CD-ROM und DVD-Medien bis zur klassischen Videovorführung verwendet werden können. „Der Film/die Spots überfordern nicht die Geduld ihrer Zuschauer, die Message wird wahrgenommen, kurz und prägnant. Die Spots entsprechen modernen Sehgewohnheiten. Die Spots erzeugen per se einen höheren Grad an Aufmerksamkeit. Die Spots können unterschiedliche Schwerpunkte setzen, ohne dass der Überblick verloren geht“158. Bei der Stoffentwicklung wurden die Kinder und Jugendlichen beteiligt, soweit dies an drei Drehtagen möglich war. Ideen und praktische Mithilfe wurden bereits vorher von den Pädagogen vorbereitet. Spots hätten den Vorteil, so die Filmemacher, dass eine Teilnahme an diversen Film- und Videofestivals denkbar und auch ein überregionales Publikum zu erreichen wäre. All diese Überlegungen wurden gemeinsam mit dem Landesjugendamt abgewogen, und es wurde sich auch in der AG 2 der kontrollierten Praxis für einen 20-minütigen Film entschieden.

157 158

a.a.O. a.a.O.

154

Während der Produktion hat Frau Mönnikes vom Caritasverband das Team begleitet und, wie sie berichtet, nicht nur eine Menge über das Filmen gelernt, sondern auch einen tieferen Einblick in die Struktur der beteiligten Projekte erhalten. Der Film zeigt in vier Sequenzen die Projekte „Schüler helfen Schüler“, ein „Schulhoföffnungsprojekt“ in Westercelle, das „Kuhkaff“ als Kinder- und Jugendcafe des Projektes Alte Molkerei, und das „Waldkinderprojekt“, das die Jugendhilfe in Kooperation mit dem Naturschutzbund Deutschlands (NABU) gemeinsam gestaltet. In der Mitte des Films beantwortet der Fachdienstleiter ASD in seinem Büro die Fragen des Reporters zum sozialräumlichen Arbeiten in Celle. Insgesamt wird von bisher allen Zuschauern das Projekt als filmische Dokumentation einer Entwicklung sehr positiv beurteilt. Der Film wird auf DVD, CD-ROM und Video vervielfältigt und gegen eine Schutzgebühr gemeinsam mit diesem Bericht zum Herstellungspreis weitergegeben. Die Verbreitung in den Projekten, bei Kooperationspartnern etc. erfolgt kostenlos. Der Film ist der letzte Teil des Modellprojektes und wird sicherlich dazu führen, den begonnenen Weg konsequent weiter zu beschreiten. 7.

Controlling und Qualitätsentwicklung – Ergebnisse

Die sozialräumliche Budgetierung verlangt detaillierte Nachweise zu den erbrachten Leistungen. Das von uns entwickelte Controlling (insbesondere das Finanzcontrolling versetzt uns in die Lage, jede Finanzierung im Detail nachzuweisen und mit Hilfe einiger Parameter in Bezug zu Sozialräumlichkeit, Laufzeit, Geschlecht usw. zu setzen. Damit können Prozesse der Jugendhilfeplanung unterstützt werden. Die Stadtteilprojekte können für die niedrigschwelligen Hilfen über das operative Controlling zwar keinen detaillierten Kostennachweis führen, es kann aber die Arbeit dokumentiert und mit den Gesamtkosten in Beziehung gesetzt werden. Die Adressatenbefragung liefert uns die Einschätzung des „Kunden“ und die gegenseitige Mitarbeitereinschätzung gibt uns Hinweise auf die Arbeit der beteiligten professionellen Fachkräfte, ein System, das alle wichtigen Faktoren berücksichtigt. Zusammengeführt und gesteuert wird das Qualitätsverfahren von der AG Qualität, die die Ergebnisse überwacht und den Prozess der Qualitätsentwicklung initiiert und begleitet. Weniger erfolgreich wurden einige Annahmen in die Budgetbemessung vertraglich eingeführt, die das Budget sog. sozialstrukturellen Veränderungen oder anderen Entwicklungen automatisch anpassen sollten. 155

Die vertragliche Fassung des Sozialraumbudgetvertrages enthielt eine Anzahl von budgetrelevanten Kennzahlen mit Einfluss auf die Finanzierung. Einige dieser Reglungen haben sich als Fehler behaftet oder unrealistisch herausgestellt und sind im neuen Vertragsentwurf nicht mehr enthalten. Heute gilt: Die Budgetbemessung sollte nicht von allzu vielen vertraglich fixierten Einflussfaktoren abhängig gemacht werden sondern eher der politischen Steuerung überlassen werden. Ein der Aufgabe und den Anforderungen gerechtes Budget ergibt sich nicht aus einer juristisch festgelegten Vielzahl von Faktoren sondern aus einer Gesamtbewertung von Ergebnis, Reflexion des Ergebnisses, (veränderten) Zielsetzungen, Kostenberechnung und politischem Willen. Abb.: 37 Hier noch einmal die ursprünglichen Faktoren mit Einfluss auf die Budgethöhe und Kommentar aus heutiger Sicht: Vertraglich vereinbarte Budgetrelevante Controlling-Kennzahlen 1.

2.

JHA zur Entscheidung(x) oder z. K. (-) X EntAnteil fallspezifischer/fallunspezifischer Hil- scheidung über Budfen 80:20 (Teilbudget A : gethöhe Teilbudget B) (s. 6. 2.1 u. 6.2.2 des Vertrages) Koppelung der Entwicklung X von stationären Hilfen mit der Budgethöhe (s. 6.5.1 des Vertrages)

Hinweise zur Sinnhaftigkeit

Dies ist lediglich eine unverbindliche, allerdings realistische Verhältniszahl. Sie sollte nicht verbindlich mit finanzieller Wirkung auf das Budget vereinbart werden, weil die Flexibilität der Hilfegestaltung darunter leidet. Die Koppelungen der Budgets sind im Ursprungsvertrag nur vage benannt. Vor einer finanziellen Koppelung der beiden Finanzierungsbereiche stationär und ambulant, in welcher Form auch immer, ist zu warnen auch wenn ein entlastender Effekt gewünscht ist und Einsparungen im stationären Bereich dem Budget zugute kommen sollen. So stand in den Jahren 2001 -2003 einer tendenziell sinkenden Fallzahlenentwicklung im Heimbereich leicht gestiegene Kosten gegenüber, die z. T. durch Abrechnungs- und Zahlungsmodalitäten im 156

Vertraglich vereinbarte Budgetrelevante Controlling-Kennzahlen

JHA zur Entscheidung(x) oder z. K. (-)

3.

Teilnahme am Qualitätscontrolling (3 %) (s. 6.3.1 des Vertrages)

-

4.

Nachweispflichten (2%) (s. 6.3.2 des Vertrages) Einsatz von Volunteers auf Nachweis (1%) (s. 6.3.3 des Vertrages)

-

6.

Leistungsbonus (s. 6.3.5 des Vertrages)

X

7.

Die Reintegration von stati- onären Erziehungshilfen soll finanziell für ein Jahr außerhalb des Budgets finanziert werden. (s. 6.3.4 des Vertrages) Sozialstrukturelle Verände- rungen/Berücksichtigung von Wanderungsbewegun-

5.

8.

-

Hinweise zur Sinnhaftigkeit

Haushaltsjahr aber auch durch Kostensteigerungen der Einrichtungen hervorgerufen sind. Aus dem neuen Vertragsentwurf wurde dieser Punkt gestrichen. Die Ziffern 3-4 betreffen nachvollziehbare Leistungen, zu denen sich die freien Träger verpflichten und bei deren Nicht-einhaltung Abzüge vom Budget drohen. beibehalten s.o. beibehalten Ein Nachweis von 3 % des Budgets für den Einsatz von Volunteers kann eine zusätzliche Zahlung des öffentlichen Trägers auslösen. Diese Vereinbarung soll die Verpflichtung zum sozialräumlichen Ressourceneinsatz stärken. beibehalten Der Leistungsbonus für die Einhaltung des Budgets und nachweislich gute Leistungen ist aus kommunalrechtlicher Sicht umstritten weil für den Bonus selbst keine Leistungen nachgewiesen werden können. Dies verstößt gegen fiskalische Grundsätze. Daher wird diese Vertragsvereinbarung für die Zukunft gestrichen. Die Kennzahl war in der Vergangenheit ohne Bedeutung, da die Mehrzahl der stationären Fälle ohnehin aufgrund des Aufnahmealters in die Verselbständigung geht. Vereinbarung wird gestrichen. Diese Kennzahlen führen kumulierend zu eher zufälligen Ergebnissen in % hinter dem Komma. 157

Vertraglich vereinbarte Budgetrelevante Controlling-Kennzahlen

JHA zur Entscheidung(x) oder z. K. (-)

Hinweise zur Sinnhaftigkeit

Vereinbarung wird gestrichen.

gen/demografischen Wandel Anteil der unter 21 jährigen im Verhältnis zum Vorjahr Anteil der unter 21 jährigen Bezieher von Hilfe zum Lebensunterhalt im Verhältnis zum Vorjahr (s. 6.5.2 des Vertrages) 9.

Veränderungen im Fallaufkommen (Zuzüge/Abgänge > 5) (s. 6.5.3 des Vertrages)

-

10.

Fälle von Nichterfüllbarkeit des Betreuungsauftrags (s. 6.5.4 des Vertrages)

11.

Fälle von Unklarheiten über Hilfesettings (s. 6.6 des Vertrages)

12.

Feststellung der Zweckbindung von Ersparnis (s. 6.7 des Vertrages -alt)

-

Die Vereinbarung kam bisher nicht zur Anwendung, weil sich das Verhältnis von Zu- und Abgängen langfristig statistisch annähert. Vereinbarung wird gestrichen. Von dieser Regelung wurde bisher einmal Gebrauch gemacht, allerdings wurden die Kosten geteilt, weil die Auffassungen unterschiedlich waren und damit der öffentlichen Träger von seinem Letztentscheidungsrecht (s. 6.6 des Vertrages) Gebrauch machte. beibehalten Das Letztentscheidungsrecht des öffentlichen Trägers bringt zum einen Rechtsklarheit, führt aber in der Konsequenz zu einer Kostenteilung (in 4 Jahren zwei Fälle) beibehalten Die Zweckbindung von Ersparnis betrifft die ursprüngliche Idee, bei eingesparten Budgetmitteln 50 % den freien Trägern automatisch als Zuschlag zum Budget des Folgejahres zu gewähren. Diese Regelung engt den politischen Gestaltungsspielraum ein und verstößt gegen kommunales 158

Vertraglich vereinbarte Budgetrelevante Controlling-Kennzahlen

JHA zur Entscheidung(x) oder z. K. (-)

Hinweise zur Sinnhaftigkeit

Haushaltsrecht (s. Bonusregelung) Regelung bereits zwischenzeitlich aus dem Vertrag genommen

7.1

AG Qualität

Dieser Bericht ist eine Dokumentation der Arbeit der Arbeitsgruppe Qualität über einen Zeitraum von 5 Jahren. Auch wenn nicht alle Hinweise ohne differenzierte Kenntnis der Einzelheiten nachvollziehbar sein werden, so wird an einigen Stellen doch deutlich, dass Jugendhilfeplanung hier prozessbezogen federführend beteiligt ist im Gegensatz zu prognostischer oder nachvollziehender Erhebung von generierten statistischen Daten. Jugendhilfeplanung wird gegenwartsbezogen steuerungsunterstützend tätig und ist somit Teil des Geschehens. a)

Organisation Die AG Qualität ist Teil des Controlling-Systems (i. S. von Planung und Steuerung). Die AG Qualität ist auftragsgebunden an die Planungs- und Steuerungsgruppe. Die von der AG Qualität entwickelten Konzepte und Verfahren sind mit der Planungs- und Steuerungsgruppe abzusprechen bzw. zu genehmigen. Die AG Qualität ist in ihrer inhaltlichen Ausgestaltung der Arbeit nicht weisungsgebunden. Die AG Qualität arbeitet seit 2000 kontinuierlich mit hoher Themen- und Teilnehmerkonstanz. Jeder Träger stellt einen Mitarbeiter aus der pädagogischen Leitung. Der Fachdienstleiter ASD sowie die Jugendhilfeplanerin sind beteiligt. Darüber hinaus nimmt regelmäßig der Leiter einer privaten stationären Jugendhilfeeinrichtung an den Sitzungen teil. Die Koordination der AG ist der Jugendhilfeplanerin übertragen. Zeitweise wurde die AG durch eine Mitarbeiterin des Caritas und einen Mitarbeiter des ASD erweitert. Dies erschien notwendig, um einen größeren Praxisbezug herstellen zu können. Aufgrund der Arbeitsdichte der Fachkräfte konnte deren Mitarbeit nicht aufrechterhalten werden.

b)

Aufgaben Ziel der Arbeit ist die Umsetzung der Qualitätsvereinbarung, insbesondere die Initiierung, Implementierung, Überprüfung und Weiterentwicklung der Verfah159

ren sowie die Datensammlung und Prozessbegleitung in der Praxis. Es geht u. a. darum, neue Verfahren zu entwickeln und Anwendungsfragen zu klären. Folgende Aufgaben leiten sich aus der AG Qualität im Einzelnen ab: 1.

Überprüfung von übergreifenden Zielen und Indikatoren/Kennzahlen ggf. unter der Beteiligung der Fachkräfte,

2.

Qualifizierung des Hilfeplanverfahrens

3.

Unterstützung bei der Qualitätsentwicklung und Überprüfung der Praxisziele.

4.

Unterstützung bei der Qualitätsentwicklung und Überprüfung der operativen Controllingverfahren sowie bei der Weiterentwicklung von Praxiszielen und Indikatoren

5. 6. 7. 8.

Definition von Indikatoren, Kennzahlen Erläuterung von Indikatoren, Kennzahlen, Messverfahren, Qualitätssicherungsverfahren (Fortbildung, Workshops) Vereinheitlichung von Instrumenten, Rastern usw. Überprüfung, Bündelung und Evaluierung der Controllingverfahren (im Wesentlichen: Adressatenbefragung, gegenseitige Mitarbeitereinschätzung, operatives Controlling) und Ergebnissicherung. In der Praxis ist immer wieder • der Hinweis auf die Aufgaben der AG, • die Einforderung von Fristgerechtigkeit, Vollständigkeit und Einsicht in die Notwendigkeit der Erhebungen und • das Angebot zur Anleitung und Beratung Aufgabenfeld der AG Qualität.

c)

Arbeitsergebnisse Bestimmte Themen kehren immer wieder auf die Tagesordnung zurück. Dies hat sicherlich nichts damit zu tun, dass sie nicht gut genug bearbeitet worden sind und noch offene Fragen blieben, sondern vielmehr damit, dass der Prozess, in dem wir uns befinden, teilweise so schnelllebig ist, dass getroffene Absprachen und Regelungen überarbeitet kurzfristig werden müssen. Teilweise ändern Mitarbeiter in der Praxis in eigener Kreativität Verfahren oder Fragestellungen, die die Auswertbarkeit gefährden. Teilweise sind Vorgaben interpretationsfähig 160

und -bedürftig. Hier ist die AG Qualität immer wieder gefordert, richtig zu stellen, (wieder) zu vereinheitlichen und Begriffe zu klären. Im Folgenden sind die wichtigsten Themenbereiche nach Jahrgängen geordnet benannt und kurz beschrieben. Teilweise sind die Themen in diesem Bericht an anderer Stelle bereits in einem anderen Zusammenhang thematisiert. In diesen Fällen erfolgt ein Querverweis. d) Zielsetzung 2000 Es fällt auf, dass die Jahresthemen nicht immer mit den tatsächlichen Arbeitsfeldern übereinstimmen. Dies ist der Schnelligkeit der Praxisentwicklung, des Prozesses und der Steuerungsanforderungen im sozialräumlichen Handlungsrahmen geschuldet.

♦ ♦ ♦ ♦

Im Jahr 2000 (dem Jahr der Vorbereitung des Sozialraumbudgets) beschäftigte sich die AG Qualität mit folgenden Themen: Hilfeplanverfahren = Steuerungsinstrument für sozialräumliches Arbeiten und Hilfen zur Erziehung Kooperation und verantwortliche Beteiligung Gemeinsame Fortbildungen Konzepte zur Qualitätssicherung Abb.: 38 Thema

Aufgaben und Entwicklungen der AG Qualität 2000 Inhalt/Leistungen

Qualitätsentwicklungskonzepte

HP-Verfahren

Die Vorstellung und Diskussion der Qualitätsentwicklungskonzepte in der AG hat die gemeinsame Entwicklung von Qualitätsstandards in der Hilfe zur Erziehung als Zielsetzung. Die Eigenverantwortlichkeit und die Individualität des einzelnen Trägers ist davon nicht betroffen. Im Vorfeld des Budgetmodells wurde neben der Entwicklung der Leitsätze die Frage der Verantwortlichkeiten im Hilfeplanverfahren thematisiert. Von der Auffassung, das Gesamtverfahren den freien Trägern zu übertragen bis hin zu gemeinsamer Fallverantwortung von Anfang an wurde alles diskutiert, bis letztendlich die Aufteilung zwischen Planungsverantwortung (ASD) und Durchführungsverantwortung (freie Träger) einvernehmlich vereinbart werden konnte. Darüber hinaus wurde die Frage erörtert, wie die Hilfen im Einzelfall und die sozialräumliche Arbeit zu steuern sind und wie die Adressatenbeteiligung dabei zu berücksichtigen ist. 161

Thema

Gemeinsame Fortbildungen Hilfeplananalyse/ Adressatenbeteiligung

e)

Inhalt/Leistungen Insbesondere die Inhalte der Hilfeplananalyse und die damit im Zusammenhang befindlichen Fragestellungen waren schon zu diesem frühen Zeitpunkt relevant: Adressatenbeteiligung als Inhaltliche Beteiligungsmöglichkeit Welche methodischen Verfahren werden angewendet? Adressatenfreundliche Formulierungen/Ansprache/ Formblattgestaltung des Hilfeplans Zielformulierungen (abstrakt oder konkret und realistisch) Diskussion und Implementierung der Steuerungskriterien SMART und A.Z.O.M.P Zusammensetzung der Fachkonferenz Aushandlungsprozess des Hilfebedarfs nicht erst in der Fachkonferenz sondern vorher mit dem Adressaten Der im Vertragstext vorgesehene Erziehungshilfeworkshop wird vorbereitet und die Auswertung Sozialraumbudget 2001 vorbereitet. Die Qualitätsverfahren sollen dem JHA inhaltlich vorgestellt werden. Ziel ist die Qualifizierung des Hilfeplanverfahrens Die Beteiligung der Adressaten am Hilfeplanverfahren muss sichergestellt werden. Es geht um echte Beteiligung nicht nur um Anwesenheit. Das Rückmeldeverfahren der Adressatenbefragung wird entworfen.

Zielsetzung 2001



Konkretisierung der sozialräumlichen Arbeit



zielorientiertes Arbeiten



Methoden der Qualitätsentwicklung



Aufgabenüberprüfung der AG Qualität



Systematik der Qualitätssteuerung



Qualitätsentwicklungskonzept



Hilfeplanverfahren und Qualitätsmerkmale



Indikatoren 162

Abb.: 39 Aufgaben und Entwicklungen der AG Qualität 2001 Thema Inhalt / Leistungen Konkretisierung der Alle Projekte sind aufgefordert, sich jährlich neue hersozialräumlichen ausfordernde Ziele zu setzen, um die sozialräumliche Arbeit Entwicklung zu beschleunigen. zielorientiertes ArSozialräumliche Ereignisse sollen ab sofort zielorienbeiten tiert geplant werden. In Hilfeplanungen/Betreuungsplänen soll vermehrt auf Zielorientierung geachtet werden. Eine Checkliste „zielorientiertes Planen“ soll erarbeitet werden. Eingangsqualität Der Diskurs um die Eingansqualität machte noch einmal die unterschiedlichen Werthaltungen und Trägerselbstverständnisse deutlich, bezog sich allerdings auch auf die Verpflichtung der Orientierung an den Gemeinsamkeiten (Leitsätze der Jugendhilfe in Celle). Zur Eingangsqualität gehört die Transparenz der Planungen und der Umgang mit „Trägerrezepten und –geheimnissen“. Organisation der Immer wieder galt es in der AG Qualität die Struktur Qualitätsentwicklung und Funktion des sozialen Raumes zu klären (Sozialräume als Organisations- und Steuerungseinheiten versus individuell definierte Lebensräume). Sozialraum bezieht sich im Wesentlichen auf eine Organisationsund Steuerungseinheit, während sozialräumliches Arbeiten inhaltlich die Methodik und die Orientierung des sozialen Raumes am Subjekt beinhaltet. Als Organisationseinheiten/Steuereinheiten im so definierten Sozialraum werden nur die Sozialraumgremien benannt - alles andere würde zu Parallelstrukturen führen. Ihnen obliegt die Qualitätsentwicklung und operative Steuerung für die sozialräumliche Entwicklung im Alltag. Für Einzelfälle findet die Qualitätssteuerung durch das Hilfeplanverfahren statt. Die Träger sind im Rahmen ihrer Dienst- und Fachaufsicht für die Qualität verantwortlich.

163

f)

Zielsetzung 2002



Fertigstellung des Qualitätsentwicklungskonzeptes



Fachtag Qualitätsentwicklung



Methodische Handreichungen



Steuerung sozialräumlicher Leistungen



Kennzahlen



Steuerung Qualitätsentwicklung Abb.: 40 Thema

Aufgaben und Entwicklungen der AG Qualität 2002 Inhalt/Leistungen

Indikatoren, Organisation der Qualitätsentwicklung Steuerung

Auswertung des Fachtages Qualitätsentwicklung AK GWA

Geschäftsordnung

Zeitkapazität

Indikatoren für gute Arbeit, für den Nachweis von Wirtschaftlichkeit, für die Einhaltung des Budgets werden durch die AG Qualität in Kraft gesetzt und evaluiert. Die Praxis fordert, die Ergebnisse möglichst allen zeitnah zugänglich zu machen. Um die vielfältigen Neuerungen aus der Qualitäts-AG kritisch begleiten zu können fordert die Praxis beim öffentlichen Träger mehr Beteiligung ein. Diese Themen werden in einer zeitweise wöchentlich (z. Zt. etwa monatlich) stattfindenden Themenstunde (eine Zeitstunde) von Fachkräften des ASD intern begleitet. Dadurch wird die Praxisbeteiligung eingelöst und der Entwicklungsprozess vorangetrieben und inhaltlich geklärt. Beim Fachtag Qualitätsentwicklung war eine große Bereitschaft der Fachkräfte festzustellen, sich mit dem Thema zu beschäftigen und die Einführung von Qualitätsstandards aktiv zu begleiten. Der AK GWA wird für die AG Qualität ein wichtiges Gremium um fachliche Diskussionen über Qualität zu führen und die Ergebnisse in die jeweilige Träger-/ Teamstruktur zurückzukoppeln. Wie in jedem Gremium, auch hier nach einiger Zeit die Geschäftsordnungsdiskussion. Diese wird allerdings als nicht vordringlich und notwendig erachtet. Die AG möchte sich der aktuellen Probleme annehmen. Die Zeitkapazitäten für den Entwicklungs- und Fortschreibungsaufwand wird für alle Gremien festgelegt, so auch für die AG Qualität. Für 2003 wird ein Stundenkontingent von 24 Stunden (8Treffen x 3 Std.) 164

Thema

Inhalt/Leistungen

als ausreichend angesehen. Das Kontingent bezieht sich auf die reine Sitzungszeit ohne Vor- und Nachbereitung. Fortschreibung der Konzeptionelle Veränderungen müssen als Anlage zum Qualitätsentwick- Vertrag geschlossen werden und werden als „Anlalung und -verfahren gen/Methodische Handreichungen“ zur verbindlichen Vertrags- und Arbeitsgrundlage. Sie sollen 1 x jährlich überarbeitet und aktualisiert werden, was bisher allerdings angesichts anderer Themenstellungen noch aussteht. Methodische Hand- Die Diskussion um die Handreichungen wirft die Frage reichungen auf, welchen Grad an Verbindlichkeit diese haben sollen um ggf. trägerspezifische Regelungen zu ersetzen. Daher wurde ein Vorwort notwendig mit dem Hinweis, dass trägerbezogene Dienstanweisungen nicht außer Kraft gesetzt sind. Die methodischen Handreichungen enthalten allg. gültige Vordrucke/Verfahren, die in der Anwendung und Auswertung sind, Hinweise zu AZOMP, SMART, das Schaubild Hilfeplanung, Erläuterungen, Vorlage und Protokoll der Fachkonferenz, Ankreuzbogen Bedarfsfeststellung und den Hilfeplanvordruck. Es werden trägerübergreifend kleinere Fortbildungseinheiten zur Erweiterung der Methodenkompetenz durchgeführt.

g)

Zielsetzungen 2003



Fertigstellung Methodische Handreichungen



kontrollierte Praxis



Adressatenbefragung, Mitarbeitereinschätzung



Controllingverfahren



Kennzahlen

165

Abb.: 41 Thema

Aufgaben und Entwicklungen der AG Qualität 2003 Inhalt/Leistungen

wissenschaftliche Begleitung (kontrollierte Praxis) Steuerungsbögen Abgrenzung Stadtteilprojekte - Lückekinder – Hort

Ergebnisse der Adressatenbefragung

Ergebnisse der Mitarbeitereinschätzung zum Hilfeplanverfahren Ergebnisse der MA

Der Transfer der Kontrollierten Praxis soll in die AG Qualität erfolgen. Jedem Thema sollte sich nach Möglichkeit ein Mitglied der AG Qualität zuordnen. Dieses Ziel wurde nicht konsequent weiterverfolgt. Immer wieder sind die Zeitpunkte für die Abgabe von Steuerungs- und Erhebungsbögen Thema. Es gilt die Maxime: „Regeleinrichtung vor Sondereinrichtung.“ Lückekinder (12-15 Jahre) suchen die Hausaufgabenbetreuung der Projekte nicht entsprechend den Erwartungen auf. Trotz zweimaligen Versuchs mittels eines zielorientierten Prozesses den Alterskernbereich (10-12 Jahre) in den Projekten heraufzusetzen konnte dieses Ziel nicht erreicht werden. Es entstand daher die Idee, die weitgehend einzelfallorientierte Erziehungsbeistandschaft „gruppenfähig“ zu machen. Die entsprechende Umsetzung dieser Überlegungen steht noch aus. Widerstände sind vorhanden (s. Kap. 6.5) Immer wieder werden die Controlling-Instrumente thematisiert, verändert und präzisiert. So z. B.: Ort der Hilfeplanung = Qualitätsindikator siehe Qualitätsvereinbarung 30 % der Adressaten, die nicht den Ort der Hilfeplanung auswählen könnten, werden von der AG Qualität als zu hoch eingestuft. Max.15 % werden als Ziel festgelegt. Unzufriedenheit mit dem Ende der Hilfe und mit dem Ergebnis 2002 Die Verschlechterung der beiden Ergebnisse wird auf einen finanziellen Steuerungseingriff zugunsten der Budgeteinhaltung zur Jahresmitte 2002 zurückgeführt. Sollte sich dieser Trend fortsetzen, muss dies Auswirkungen auf das Budget haben. Die Rückläufe der Mitarbeiterbefragung sind schlecht (2003: 63-55%159 / 2004: 50-60%) und aufgrund der Anonymität kaum zu beeinflussen. Aus Leitungssicht gehört die Leistungseinschätzung zu den dienstlichen Pflichten, aus Sicht der Mitarbeiterschaft gibt es nach wie vor erhebliche Vorbehalte. Doch auch Einzelergebnisse sind Anlass zur Überprüfung,

159

Es werden jeweils 3 Fragebögen eingesetzt, zwei beurteilen die Arbeit des Mitarbeiters des öffentlichen Trägers, einer die Arbeit des freien Trägermitarbeiters.

166

Thema

Inhalt/Leistungen

– Befragung

so z. B. die Unzufriedenheit der Mitarbeiter/innen mit der Umsetzung der Leitsätze. Immer wieder gibt es die Diskussion in der Verwaltung um Kennzahlensysteme (KiK-Bertelsmann Kernkennzahlen Jugend oder die KGST-Kennzahlen, und die verwaltungsinternen Kennzahlen sowie die Kennzahlen im Kompass-Projekt (Bertelsmann) oder in neuester Zeit: Integrierte Berichterstattung Niedersachsen) deren Erhebung immer wieder ansteht und sich teilweise mit den Steuerungskennzahlen des Sozialraumbudgets überschneidet. Aus dem operativen Controlling kommt der Wunsch zur differenzierteren Vergleichbarkeit Kennzahlen weiter zu entwickeln und zu bilden. Die Diskussion dreht sich auch um die Frage der Definition von Qualität. Die Entwicklung einer Kennzahl für die Hausaufgabenbetreuung ist Thema. Die Kennzahl soll sowohl das Verhältnis von Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen definieren, den Kostenaufwand berücksichtigen und den Zeitfaktor in Bezug zur Anzahl der Betreuer/innen bemessen. Darüber hinaus sollte die Regelmäßigkeit des Besuchs der Kinder ein Indikator für Qualität sein. Hinsichtlich der Qualität der Leistung wird sehr kontrovers diskutiert, ob die Einbeziehung von Zensuren einschließlich der Kopfnoten ein Qualitätsmerkmal darstellt. Auch stellt sich die Frage nach der förderlichen Länge von Hausaufgabenhilfe. Im Rahmen der immer wieder erforderlichen Überprüfung der Daten im operativen Controlling der Stadtteilprojekte steht u. a. die Klärung an ob die Öffnungszeiten im Stadtteilprojekt mit den Betreuungszeiten übereinstimmen. Wie werden die unterschiedlichen Ferienzeiten berücksichtigt? Wie erfolgt die Gewichtung von Fachkräften und Honorarkräften? Was macht die Unterschiedlichkeit der Systeme und die Unterschiedlichkeit der Professionen und der Nichtprofessionellen aus (Schülerhilfe in Stadtteilprojekten: – Ehrenamtliche/Hauptamtliche; Sozialpädagogische Schülerhilfe – Lehrer/Dipl.Päd.; Schüler helfen Schülern – Schüler höherer Schulen/Sozialarbeiter als Anleiter; Schulsozialarbeit – Sozialarbeiter).

Kennzahlen

Kennzahlen operatives Controlling

167

h)

Zielsetzungen 2004



Kennzahlenentwicklung abschließen



Effektivität der Schülerhilfe / Schülergruppen



Steuerungsblatt Abb.: 42 Thema

Aufgaben und Entwicklungen der AG Qualität 2004 Inhalt/Leistungen

Vorarbeiten für die Da Geschlechtsbewusstes Arbeiten für 2005 nicht als Zielplanung 2006 herausforderndes Ziel aufgenommen wurde schlägt die AG Qualität dies als Zielsetzung für 2006 vor. Es müssen Indikatoren erarbeitet werden, um das Ziel konkret formulieren zu können. Hausaufgabenhilfe Der AK GWA hat Qualitätskriterien der Hausaufgabenund geschlechtshilfe erarbeitet. Diese müssen jetzt ins Controlling einspezifische Ange- gearbeitet werden. Auch in diesem Jahr findet eine konbote troverse Diskussion darüber statt, ob die Schulleistungen in die Kennzahlen einfließen sollen. AdressatenbefraDie Adressatenbefragung wird in Zusammenarbeit mit gung GISS für 2005 komplett neu überarbeitet. Steuerung sozialIn Bezug auf die herausfordernden Ziele werden Indikaräumlicher Leistun- toren eingeführt. Ein entsprechender Steuerungsbogen gen wird ab 2005 für jedes SRG eingeführt. Im Rating sind drei Standardfragen enthalten: In welchem Umfang sind die Adressaten beteiligt? In welchem Umfang sind geschlechtsbewusste Aspekte berücksichtigt? In welchem Umfang sind sozialräumliche Aspekte berücksichtigt? Rating-Fragen zur Im Zusammenhang mit dem herausfordernden Ziel für Adressatenbeteili- 2005, die Adressatenbeteiligung in bestehenden Projekgung ten zu erhöhen, sollen am Anfang und am Ende des Jahres die Adressaten befragt werden. Kennzahlen Die erarbeitete Kennzahl zur Schülerbetreuung von Herrn Erzberger (GISS) wird angenommen. Hieraus erwachsen der AG Qualität erhebliche organisatorische Aufgaben. Aufschlüsselung Die gegenseitige Mitarbeiterbefragung soll nicht mehr der Adressatenbe- anonym erfolgen und erst am Jahresende ausgewertet fragung nach Trä- werden sondern soll dem jeweiligen Mitarbeiter zeitnah gern eine Fremdeinschätzung spiegeln. Dies hat den Vorteil, dass im Sinne der Qualifikation des Hilfeplanungspro168

Thema

Inhalt/Leistungen zesses sofort reagiert werden kann, wenn Kritik geäußert wird. Dies setzt jedoch den reflektierten Umgang mit Kritik voraus. Diese unmittelbare Form wird durch die Mitarbeitervertretung eines Trägers abgelehnt, ein weiterer Träger war lediglich bereit, die Auswertung auf Teamebene zuzulassen, so dass die Auswertung der gegenseitigen Mitarbeitereinschätzung der freien Träger zum Jahresende 2005 nur trägerbezogen differenziert werden kann. Dies ist schon ein Fortschritt zur bisherigen undifferenzierten Gesamtauswertung. Für die ASDFachkräfte findet allerdings eine mitarbeiterbezogene Auswertung statt. Der Personalrat willigt ein, solange kein Mitarbeiter die Auswertung ausdrücklich missbilligt. Die Ergebnisse gehen im ASD mit max. 10 % in die Leistungsbeurteilung ein.

i) Zusammenarbeit – kritische Anmerkungen Die Träger unterscheiden sich in Philosophie, Angebotsstruktur und nicht zu unterschätzen in der Leitungs- und Entscheidungsstruktur erheblich. Besonders die letztgenannten Punkte spielten und spielen in den Diskussionen immer wieder eine große Rolle. Teilweise gehören komplizierte Rückkoppelungsprozesse in die Fachpraxis zur Trägerstruktur, teilweise haben die Teilnehmer der AG Qualität keine „Prokura“, teilweise werden Zusagen gemacht, die Nicht eingehalten werden, sich verschleppen oder nicht ankommen. Daneben gibt aber auch die Schnittstelle zwischen der Gesamtverantwortung des Öffentlichen Trägers und der Durchführungsverantwortung der freien Träger Anlass zu Missverständnissen und Konflikten. Das Missverständnis beruht teilweise darauf, dass der öffentliche Träger bei aller Augenhöhe doch Leistungsgewährer bleibt und seine Definition von Controlling auf die Überprüfung der Trägerleistungen gerichtet ist, was teilweise als Kontrolle empfunden wird. So kommt es immer wieder vor, dass der öffentliche Träger ein Q-Verfahren einführen will und die Träger aber ihr Veto einlegen. In der AG Qualität ist Platz, darüber zu streiten. Im Zweifel muss der öffentliche Träger auf Informationen verzichten, die die „Trägerpersönlichkeit“ subjektiv als Grenzüberschreitung wahrnimmt. Bei Mitarbeiterbezogenen Daten verläuft die Grenze auch häufig zwischen Mitarbeiterschaft (-vertretung) und Leitung quer durch eine Anzahl von Trägern.

169

In der AG Qualität ist ein vertrauensvoller Rahmen entstanden, der es ermöglicht, kontrovers die unterschiedlichen Standpunkte zu diskutieren. Durch die kontinuierliche Teilnahme der AG – Mitglieder ist ein vertrauensvolles Miteinander entstanden in dem der eine oder andere Fettnapf gemeinsam aus dem Weg geräumt wird. 7.2

Finanzcontrolling - Ergebnisse

Zum Verfahren verweise ich auf Ziff. 2.6.4. An dieser Stelle ist auf einige grundlegende Entwicklungen der Finanzziele hinzuweisen. Dabei stehen nur die Faktoren im Vordergrund die von grundsätzlicher Bedeutung sind, nicht jedoch die Ausprägungen, die den spezifischen Celler Rahmenbedingungen zuzuschreiben sind. In der spezifischen Form der Hilfeleistung in Stadtteilprojekten werden inzwischen über 40 % der Hilfen des Sozialraumbudgets erbracht (2001: 35 %). 17 % werden (im Durchschnitt der Jahre 2001-2004) für Kinder in Stadtteilprojekten mit einem Hilfeplan als Erziehungshilfeleistung erbracht, 27 % als fallunspezifische niedrigschwellige Leistungen ohne Hilfeplan. 76 % der Hilfeplankinder sind 6 – 13 Jahre alt, 23 % 14 – 21 Jahre und 1 % unter 6 Jahre. Damit liegt der Alterskernbereich etwa im gleichen Durchschnitt wie der Alterskernbereich der Stadtteilprojekte (10 -12 Jahre). Der Vergleich von Bevölkerungsanteil im Sozialraum zu Kostenanteil der Jugendhilfe im Sozialraum ergibt Abweichungen von max. 31 % erhöhte Budgetanteile zu max. 39 % verringerte Budgetanteile im Verhältnis zum Bevölkerungsanteil. Bei einer kleinräumigen Zuordnung von Budgetanteilen müssten derartige Verhältniszahlen schon statistisch sehr belastbar sein um als Indikator für eine sozialräumliche Zuordnung von Geld dienen zu können. Da die Faktoren der Hilfegewährung so vielschichtig sind, ist in Celle die Idee einer eigenständigen Finanzausstattung der Sozialräume verworfen worden. Das Finanzcontrolling ermöglicht einen Vergleich nach Kostenkategorien pro Monat. Insgesamt liegt die durchschnittliche SPFH bei 4 Stunden Nettofachleistungsstunde pro Woche und die Erziehungsbeistandschaft bei 3,5 Std. Die überwiegende Fallzahl bei SPFH und bei Erziehungsbeistandschaften liegt bei 500 1000 € Monatskosten. Einer Zunahme der SPFH-Fälle um 10 % im Jahr 2004 gegenüber dem Vorjahr steht eine Reduzierung des Budgetanteils von 2 % auf 21 % gegenüber (Erziehungsbeistandschaft: 3,5% Reduzierung des Anteils am Sozialraumbudget auf 17 %). Entsprechend ist bei beiden Hilfearten im Finanzcontrolling ein Trend zu den kostengünstigeren Kategorien (Verkürzung der 170

Stundenanzahl) festzustellen, niedrigschwelliger Leistungen.

häufig

allerdings

unter

Einbeziehung

Die Laufzeiten der Erziehungsbeistandschaften haben sich 2004 erhöht, die der SPFH sind gesunken. Die Laufzeiten beinhalten aber auch Abbrüche, so dass diese das Ergebnis beeinflussen. Wie schon an anderer Stelle betont, ist die Schnittstelle zwischen Abbruch und Hilfebeendigung nicht eindeutig definierbar, so dass wir davon abgesehen haben, Abbrüche extra zu berücksichtigen. Sie gehen jeweils in die erhobenen Fallzahlen ein. Der Trend zu geringeren Stundenzahlen und Kostenkategorien pro Fall kann zum einen vorsichtig als Leistungsverdichtung interpretiert werden, oder als Nutzung von Synergien, insbesondere unter Berücksichtigung der steigenden Inanspruchnahme von Ressourcen, Volunteers und offenen Erziehungshilfeformen (s. Fußnote 140 Kap. 6.2.5). Möglicherweise fallen hier beide Komponenten zusammen. Bei Hinzuziehung der Adressatenbefragung (Einverständnis mit dem Hilfeende, Kap. 7.4) lässt sich kein Unmut darüber ausmachen, dass hier Hilfen nicht ausreichend bemessen werden, allerdings gibt die Befragung in den Stadtteilprojekten (Kap.: 6.5) gewisse Hinweise auf den Wunsch der Adressaten zu längeren Hilfelaufzeiten. An diesem Beispiel wird die Verschränkung von finanziellem Controlling und Adressatenmeinung deutlich. Abb.44: in % im Monat

Tabelle: SPFH und EB nach Kostenkategorien - 500 € 500 -1000 € 1000-1500 € über 1500 €

SPFH (n= 66) 15% EB (n = 69) 23%

57% 61%

24% 13%

5% 3%

Die Entwicklung der Hilfen zur Erziehung in Celle seit 1993 belegt eine Zunahme der fallspezifischen Fallzahlen (ambulant, teilstationär und stationär einschl. § 35a SGB VIII) um 30% (Stand 2004), unter Hinzurechnung der fallunspezifisch betreuten Kinder um 45 %. Dabei sind die stationären Fallzahlen (§ 34, 35 a, 41 SGB VIII) im gleichen Zeitraum um 32 % gesunken, die teilstationären Fallzahlen um 64 % reduziert und die ambulanten Fallzahlen (ohne fallunspezifische Leistungen) von 38 auf 205 = um 540 % angestiegen (teilweise allerdings mitbedingt durch erhebliche Anstiege im Bereich der LRSÜbungsbehandlungen). Unter Kostengesichtspunkten erhöhten sich die Erziehungshilfen insgesamt (einschließlich § 35a SGB VIII) innerhalb von 11 (1994160 – 2004) Jahren um 27 % (Preisbereinigt um 21,4 % = 5,6 %)161. Dies entspricht im Wesentlichen der 160

Beginn erster sozialräumlicher Versuche durch Tagesgruppenplatzabbau Im Vergleich: Westdeutschland zwischen 1992 und 2002: 83 % (allerdings einschl. Mutter-KindEinrichtungen und Inobhutnahmen) 161

171

Steigerungsrate des Lebenshaltungskostenindexes. Die Kosten der stationären Hilfen reduzierten sich um 8 %, die Ausgaben für ambulante und inzwischen auch niedrigschwellige Hilfen stiegen um 98 %. Somit kann davon ausgegangen werden, dass ein Teil der Entwicklung immer noch auch unter dem Gesichtspunkt der allgemeinen langfristigen Ambulantisierung von Hilfen betrachtet werden muss. 7.3

Operatives Controlling

Das Operative Controlling überprüft die fallunspezifischen Leistungen (Erläuterungen zum Verfahren s. Kap. 2.6.3). Um einen kleinen Überblick der Situation der Stadtteilprojekte zu geben sei angemerkt, dass vier Projekte in einer Einfamilienhaussituation, drei Projekte in größeren, teilweise zusammengelegten Wohnungen residieren, vier Projekte mit einer budgetierten Mitarbeiteranzahl von 1,5 geführt werden und die anderen zumeist erheblich darunter liegen. Die zu versorgenden Bereiche liegen zwischen 5.000 und 15.000 Einwohner. Die in allen 6 Projekten bestehende Hausaufgabenbetreuung bezog 2000 insgesamt täglich 52 Kinder ein. Inzwischen sind es 108 Kinder. 2001 wurden 31% Kinder mit einem unmittelbaren Rechtsanspruch auf Hilfe zur Erziehung, 58 % kontinuierlich teilnehmende weitere Kinder ohne Rechtsanspruch und 12 % sporadische Gäste erhoben. Diese Daten werden zurzeit nicht mehr generiert.162 7.3.1

Volunteers in der Hausaufgabenbetreuung

Im Controlling der Hausaufgabenbetreuung, die einen Schwerpunkt in der Betreuungsleistung am Nachmittag ausmacht wird deutlich, dass die Unterschiede in der Betreuungsintensität der Schularbeitenhilfe zwischen 1 und 3 anleitenden sozialpädagogischen Fachkräften je Stadtteilprojekt lagen. Hier galt es unter Steuerungsgesichtspunkten eine Annäherung in der Qualität der Ausstattung mit Fachkräften vorzunehmen. Daher wurde 2003 im Rahmen eines für alle Stadtteilprojekte verbindlichen Steuerungsziels eine Beteiligung von mindestens 30 % Volunteers an der Hausaufgabenbetreuung eingeführt.

162

Es ist bei einer Reihe von Daten, insbesondere bei denen, die per Hand erhoben werden, abzuwägen, ob der Erkenntnisgrad noch im Einklang mit dem Aufwand steht. Insofern wird eine Datenerhebung nur nach dem Nutzwert beurteilt. Das Verhältnis von „Hilfeplankindern“ und „Nicht-Hilfeplankindern“ und „sporadischen Gästen“ ist vor dem Hintergrund flexibler Hilfearrangements nicht (mehr) steuerungsrelevant. Zudem werden die Hilfeplankinder in Stadtteilprojekten über das Finanzcontrolling erfasst.

172

Drei Projekte erreichten 2003 nicht annähernd die Zielzahl (Abb.l 45 weiß hinterlegt). Die Ergebnisse der Volunteers im Ergebnis 2004 finden Sie in der Tabelle Klammern. Abb.: 45 Hausaufgabenbetreuung 2003 (2004): Anteil im Verhältnis 1 Fachkraft zu 2 Volunteers Verhältnis 2:1 = erreicht bei > 33% Hausaufgabenbetreuungen M 22, SG163 1 M22, SG 2 Krähennest Windmühle Grünschnäbel POINT, SG 1 POINT, SG 2 Alte Schmiede Alte Molkerei SG1 Alte Molkerei SG2 Schüler helfen Schülern GS Schüler helfen Schülern OS164

Angebotszeiten

Betreuungsstunden

Betreuungsstunden Fachkräfte

Betreuungsstunden Volunteers

184:00 85:30 848:30 345:00 178:30 64:00 108:00 162:00 272:00

403:48 169:00 506:00 470:30 279:15 128:00 178:30 321:16 406:00

362:00 162:30 328:00 371:00 150:30 64:00 108:00 316:00 258:00

95% 96% 65% 79% 54% 50% 61% 98% 64%

141:00

317:30

114:30

36%

110:00

402:00

94:00

23%

19 (113) 6:30 178 (469) 99:30 (130) 128:45 64 (68) 70:30 (111) 5:16 (150) 148 (101) (200) 203 (gesamt: (874) 308

5% 4% 35% 21% 46% 50% 39% 2% 36%

(25%) (43%) (23%)

(50%) (50%) (32%) (35%) (72%) 64% (78%) 77%

Während zwei Stadtteilprojekte auch 2004 die Zielzahl verfehlten, ist dennoch insgesamt eine stärkere Beteiligung von Volunteers an der Hausaufgabenbetreuung festzustellen (im Stadtteilprojekt Alte Molkerei Schülergruppe 2: 72 %). Schüler helfen Schülern ist ausschließlich auf die Ehrenamtlichkeit angelegt. Die 22 % Fachkraft in 2004 beziehen sich auf die Anleitung der Schüler. 7.3.2

Weitere Daten

Die Öffnungstage der Projekte lagen 2002 zwischen 117 und 169 Tagen mit jeweils individuell abweichenden Betreuungszeiten für Hausaufgabenhilfen. Geschlechtspezifisch lag der Anteil in den Projekten 2001 zwischen 43 % und 66 % Jungen und 2003 bei durchschnittlich 56 % Mädchenanteil (2004: 51%). Die Alterskernstruktur liegt zwischen 9 und 13 Jahren. 19 koedukative Angebote für junge Menschen (vom Zirkusprojekt bis zum Russischunterricht) stehen 6 geschlechtsspezifischen gegenüber. Die 11 frauenspezifischen Angebote (Mutter-Kind-Gruppen bis Orientierungskursen für Aussiedlerinnen) enthalten parallel 10 ergänzende Angebote zur Kinderbetreuung. 4 wei-

163 164

Erläuterung der Abkürzungen: SG = Schülergruppen, 2004 nur insgesamt erhoben; Wegfall der Orientierungsstufe, Neue Standorte des Angebotes

173

tere Angebote (Seniorenfrühstück, Kegeln, Ausgabe von Mahlzeiten und Lebensmitteln) komplettieren das Angebot der Projekte. 7.3.3

Elterngespräche /lternberatung

In den ersten Jahren des Ausbaus der Stadtteilprojekte (1994) entstand der Eindruck, dass die entlastende Wirkung der Angebote gern angenommen wird, die Möglichkeiten zur Beratung - wenn überhaupt – so doch eher bei anderen Institutionen wie ASD, Erziehungsberatungsstelle gesucht werden. Das Zutrauen der Eltern bezog sich auf die Aufsichts- und Erziehungskompetenz der Mitarbeiter in den Stadtteilprojekten, nicht auf die Beratungskompetenz. Es wurde notwendig die Beratungskompetenz in den Projekten stärker in den Vordergrund zu stellen und diese von den Fachkräften auch stärker einzufordern. Das operative Controlling half durch Zielzahlen, die Entwicklung zu beschleunigen. Die geringe Anzahl von Elternberatungen (angemeldete Gespräche von mindestens 30 Min. Dauer, keine Hilfeplangespräche) +in einigen Projekten dazu, dass die Zielzahl für 2003 auf mindestens 2 Elternberatungen im Jahr festgesetzt wurde. Die Zielzahl wurde von allen Projekten erreicht. 2004 lagen die Elternberatungen im Schnitt bei 2 – 5 Terminen, die Elternkontakte je Projekt und Jahr zwischen 9 und 32 (Sollwert: 4) 7.3.4

Volunteers

Der Einbezug ehrenamtlicher Helfer und anderer (sog. Volunteers) gelingt besonders gut in der Wahrnehmung organisatorischer Aufgaben im Alltag oder gruppenpädagogischer Angebote. Für die Einzelfallbetreuung erschließt sich das Ehrenamt meist aufgrund der notwendigen fachlichen Anforderungen nicht. Bei den ehrenamtlichen Helfern dominieren die Frauen. Die Tätigkeitsfelder sind vielfältig. Die Anzahl der Kooperationspartner kann nur annähernd ermittelt werden, da es große Interpretationsspielräume gibt. Es ist jedoch festzustellen, dass den Projekten im Stadtkernbereich offensichtlich größere Möglichkeiten zur Kooperation offen stehen (Geschäftsleute, Schulen etc.). Zwischen 8 und 37 Kooperationspartner wurden 2001 benannt. Das operative Controlling zeigt im Jahresvergleich interessante Entwicklungen in den Projekten auf und dient der langfristigen Planung von Aufgaben der Stadtteilprojekte. Regelmäßig jährlich stattfindende Auswertungen geben Anhaltspunkte auch für kritische Nachfragen, zeigen Teamkonflikte auf, geben 174

Hinweise auf Strukturen und Veränderungen im Soziotop und geben den öffentlichen Entscheidungsträgern Hinweise auf die Zielsteuerung im Gesamtprozess (§ 79 SGB VIII). 7.4

Adressatenbefragung

Das Instrument der Adressatenbefragung wurde 2001 erstmals auf den Weg gebracht und ausgewertet. Die Beteiligung von Adressaten ist ein Qualitätsmerkmal in der sozialen Arbeit. Die Einhaltung dieser Qualitätsmerkmale soll im Rahmen der Adressatenbefragung überprüft werden. Die Adressatenbefragung bezieht sich ausschließlich auf die ambulanten Hilfen zur Erziehung. Befragt werden die Leistungsberechtigten Adressaten (die Personensorgeberechtigten) per Fragebogen zu unterschiedlichen Qualitätsaspekten in der Hilfe zur Erziehung. Dies sind: •

Adressatenorientierung,



Partizipation,



Ressourcenorientierung,



Adressatenzufriedenheit,



Zielerreichung.

Im Verlauf der Hilfen zur Erziehung erhalten die Adressaten insgesamt dreimal Gelegenheit, über einen Fragebogen Feedback zu geben. Die Fragebögen werden von dem fallzuständigen Sozialarbeiter des Allgemeinen Sozialdienstes ausgehändigt. Die Adressaten haben die Möglichkeit, den Bogen sofort auszufüllen und ihn in einem verschlossenen Umschlag wieder mitzugeben oder ihn später per Post zurückzuschicken. Sollte dieser Rücklauf nicht erfolgen, wird erinnert und den Adressaten erneut ein Fragebogen übersandt. Diesem ist ein Freiumschlag beigefügt, um einen höheren Rücklauf zu sichern. a) Zeitlicher Ablauf: Den ersten Fragebogen erhalten die Adressaten nach der ersten Hilfeplanung, die mit Einrichtung der Hilfe durchgeführt wird. Mit diesem Fragebogen soll erfasst werden, ob Adressaten beteiligt werden und ihre Vorstellungen bei der Hilfegestaltung berücksichtigt worden sind. Ferner wird festgestellt, ob Ressourcen zur Unterstützung der Adressaten vorhanden sind. Nach der ersten Fortschreibung der ambulanten Hilfe zur Erziehung – ca. ein halbes Jahr nach Hilfebeginn – wird die zweite Befragung durchgeführt. Der 175

Fragebogen wird eingesetzt, um die Zufriedenheit der Adressaten mit der Hilfeart zu dokumentieren. Die Adressaten werden zu einer Einschätzung ihrer Situation seit Hilfebeginn bzw. zur Veränderung der Situation aufgefordert. Der dritte Fragebogen wird unmittelbar nach Beendigung der Hilfe nach dem Abschlussgespräch der Hilfeplanung den Adressaten übergeben. Der Fragebogen beschäftigt sich mit der Adressatenzufriedenheit und der Zielerreichung. Es wird außerdem die Bereitschaft zur erneuten Kontaktaufnahme abgefragt sowie seit 2003 nochmals überprüft, ob helfende Kontakte im Umfeld vorhanden sind. Der so genannte Nachhaltigkeitsbogen, mit dem die Adressaten ein Jahr nach Ende der Hilfegewährung nochmals befragt werden sollten, ist 2003 fertig gestellt worden und kommt 2004 zum Einsatz. Es werden rückwirkend alle Adressaten, deren Hilfen in der Zeit vom 01.10.2002 bis März 2003 beendet worden sind, befragt.165 Die Ergebnisse 2001 - 2004 im Einzelnen: b) Rücklauf Die Rücklaufquote sinkt kontinuierlich. Über die Hintergründe kann nur spekuliert werden. Möglicherweise war das Engagement im ersten Jahr bei allen Beteiligten höher. Statistik ist ein ungeliebtes Kind in der Sozialpädagogik. Vielleicht haben die guten Ergebnisse beruhigende Wirkung oder es sind innerorganisatorische Rahmenbedingungen dafür verantwortlich (Reduzierung der Stelle der Jugendhilfeplanerin mit gleichzeitiger Einführung eines Telearbeitarbeitsplatzes).

176

Abb.: 46

Adressatenbefragung - Rücklaufquote

Adressaten - Befragung Rücklaufquote 80,50% 69,64% 67,35% 65,06% 61,50% 55,88% 51,76%

61,10% 58,49%

Sollwert 50%

45,68% 42,19% 2001

32,79%

2002 2003 2004

Fragebogen 1

Fragebogen 2

Fragebogen 3

Diagramm 1: Rücklaufquote der Fragebögen 1 bis 3

c) Auswertung der Befragung Die Auswertung der einzelnen Fragen spiegelt ein hohes Maß an Akzeptanz und Zufriedenheit bei den Adressaten der ambulanten Hilfen zur Erziehung wider. Die einzelnen Ergebnisse werden anhand der thematischen Schwerpunkte vorgestellt:

165



Akzeptanz der Hilfe,



Partizipation,



Ort der Hilfeplanung



Ende der Hilfe



Zufriedenheit der Adressaten,



Veränderungen seit Hilfebeginn



Zufriedenheit mit dem Ergebnis



Verbesserung der Lebenssituation



Ressourcen und Kontakte.

s. Block, Adressatenbefragung 2004

177

Im direkten Anschluss an die Einzelauswertungen der Basisdaten sind Kreuzabfragen dargestellt. Kreuzabfragen sind Auswertungen, die die verschiedenen Basiszahlen miteinander in Verbindung bringen. Die Auswertung erfolgt im Zeitvergleich der Jahre 2001 bis 2004. Bei einzelnen Fragestellungen wurde ein Zielwertkorridor festgelegt. Innerhalb dieses Zielkorridors sollten sich die Ergebnisse bewegen. c.a) Akzeptanz der Hilfe Auch 2004 wurde der Zielwert von 85 bis zu 90 % Akzeptanz der Hilfe erreicht. Abb.: 47

Akzeptanz der Hilfe Ist die Hilfe von Ihnen gewünscht? Frage 1 Bogen 1

2003

2002

2001

94%

98%

93%

96%

3% 3%

Zielkoridor 85 - 90 %

2004

N= 36

2%

2%

4%

4%

ja nein o.A

Diagramm 2: Hilfe gewünscht?

c.b) Partizipation Die Adressatenbeteiligung wird an verschiedenen Stellen der Befragung überprüft. Im Fragebogen 1 wird überprüft, ob die Vorstellungen der Adressaten bei der Hilfeplanung berücksichtigt worden sind und somit die Hilfe adressatenorientiert ausgerichtet ist. 89 % aller befragten Adressaten haben angegeben, dass ihre Vorstellungen in der Hilfeplanung berücksichtigt worden sind. 8 % gaben an, dass ihre Vorstellungen noch teilweise berücksichtigt wurden. 3 % dies entspricht einem Fragebogen – gaben zu dieser Fragestellung keine Auskunft. 178

Die Ergebnisse zeigen eine deutliche an den Adressaten orientierte Hilfeleistung. Die theoretische Grundlage des Alltagsparadigmas scheint sich in der Praxis widerzuspiegeln. c.b.a) Kreuzabfrage zur Partizipation Interessant ist die Verknüpfung der vorangegangenen Fragestellungen nach der gewünschten Hilfe und der Frage nach der Berücksichtigung der Vorstellungen der Adressaten in der Hilfeplanung. 89 % der Adressaten mit einer gewünschten Hilfe sahen ihre Vorstellungen bei der Hilfeplanung berücksichtigt. 6 % benennen, dass ihre Vorstellungen nur teilweise berücksichtigt worden sind. Abb.: 48

Beteiligung/Selbbstbestimmung Gewünschte Hilfe und berücksichtigte Vorstellungen 2% 16%

9%

14%

6%

Vorstelluungen berücksichtigt nein Vorstellungen teilweise berücksichtigt

80%

2001

85%

2002

83%

2003

Hilfe gewünscht

89%

Vorstellungen berücksichtigt

2004

Diagramm 4: Gewünschte Hilfe und berücksichtigte Vorstellungen

c.c) Ort der Hilfeplanung Ebenfalls wird gefragt, ob die Adressaten den Ort der Hilfeplanung bestimmt haben. In der Qualitätsentwicklungsvereinbarung wurde der Ort der Hilfeplanung als ein wichtiges Qualitätsmerkmal im Sinne von Beteiligung und Adressatenorientierung benannt. Den Adressaten sollten in einem sogenannten „Heimspiel“ in vertrauter Situation die Hilfeplanung ermöglicht werden. Dies heißt nicht, dass der Ort immer die Wohnung der Adressaten sein soll, aber die Adressaten sollen den Ort selbst auswählen können. 179

Im Rahmen der Qualitätsentwicklungsvereinbarung wurde festgelegt, dass mindestens 85 % der Adressaten den Ort der Hilfeplanung ausgewählt haben sollten. Aus dem Diagramm wird sehr deutlich, dass dieses Ziel 2004 erstmals fast erreicht worden ist. Zur Frage des Ortes der Hilfeplangespräche gab es erhebliche Diskussionen bezüglich der oft beschränkten Möglichkeiten im häuslichen Rahmen eine ruhige Gesprächsatmosphäre zu schaffen oder bezüglich anderer organisatorischer Vorteile im Amt. Die Erhebung bezieht sich bewusst nicht auf die Frage, wie viele Hilfeplangespräche im häuslichen Umfeld stattgefunden haben, weil dies unterstellt, dass der Adressat in jedem Falle die häusliche Beratungssituation vorzieht. Wir gehen davon aus, dass dem Adressaten alle Möglichkeiten (häuslicher Rahmen, Amt, anderer Ort, z. B. Stadtteilprojekt) vorgestellt worden sind. Abb. 49

Beteiligung - Ort des Hilfeplanes Haben Sie den Ort des Hilfeplangespräches bestimmt? Frage 3 Bogen 1

83% 72%

70% 63%

2001 2002 2003 2004

28%

30%

26% 14% 7% 2%

ja

nein

2%

3%

o.A

Diagramm 3: Ort des Hilfeplangespräches

180

c.d) Ende der Hilfe Zum Ende der Hilfe mit Fragebogen 3 wird noch einmal die Frage zur Beteiligung formuliert: „Mit dem Hilfeende bin ich ...“. Damit soll festgestellt werden, ob der Zeitpunkt für die Beendigung der Hilfe mit dem Adressaten abgestimmt ist und im Interesse der Adressaten liegt. Nach dem subjektiven Empfinden der Adressaten sind 80 % mit dem Hilfeende einverstanden. 16 % sind damit nicht einverstanden. Der Anteil der Adressaten, die sich nicht mit dem Ende der Hilfe einverstanden erklärt haben, ist seit 2002 annähernd gleich geblieben. Die Gründe für eine negative Einschätzung des Hilfeendes sind nicht bekannt. Die neue Form der Fragebögen (Anlage 10) sieht die Möglichkeit von Zusatzkommentaren vor. Die Gründe für die angelnde Akzeptanz der Hilfebeendigung können sowohl in einer stärkeren Ausrichtung der Jugendhilfe an Finanzzielen (Selbststeuerung der Träger im Rahmen des Budgets), aber auch durchaus fachlich begründet sein i. S. von Selbst- und Fremdwahrnehmung des Verselbständigungsgrades. Das Jahr 2001 war in vieler Hinsicht ein Phänomen166. Möglicherweise wurden hier vor dem Hintergrund der Einzelfallfinanzierten Philosophie Hilfen länger gehalten. Immerhin wurde im Jahr 2001 das Budget um 10 % überschritten. Daraus allerdings Hinweise zu extrahieren, die Hilfen würden nicht ausreichend lange gewährt, halte ich für zu einfach, zumal es unterstellt, dass Einzelfallfinanzierte Hilfen immer bis zum vom Adressaten akzeptierten Ende laufen. Hier fehlen Vergleichszahlen, die wahrscheinlich unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Bedingungen nur sehr bedingt vergleichbar sein dürften.

166

Das Jahr 2001 galt allerdings in vielerlei Hinsicht als Probelauf mit möglichen Auswirkungen auf die Datenvalidität.

181

Abb.: 51

Einverständnis mit dem Hilfeende Mit dem Ende der Hilfe bin ich ... Frage 1 Bogen 3

2004

2003

2002

80%

16%

85%

5%

n= 44

15% einverstanden nicht einverstanden ohne Angabe

76%

16%

8% 3%

2001

3%

94% Zielkorridor 75 -85%

Diagramm 5: Ende der Hilfe

c.e) Zufriedenheit der Adressaten Nach der ersten Fortschreibung der Hilfe werden die Adressaten konkret nach ihrer Zufriedenheit mit der Hilfeart gefragt. In 2004 muss allerdings berücksichtigt werden, dass der Rücklauf des Fragebogens 2 deutlich unterhalb der Repräsentativität liegt. Nach der Ergebniszufriedenheit wird zum Ende der Hilfe mit dem 3. Fragebogen gefragt. Nach der ersten Fortschreibung geben 93 % (n=29) der Befragten an, dass sie mit der vereinbarten Hilfe zufrieden sind.

182

Abb.: 52 Zufriedenheitsabfrage Ich bin mit der vereinbarten Hilfe ... zufrieden teilweise nicht zufrieden zufrieden 2001 2002 2003 2004

87% (91%)167 83% (73 %) 88% (70%) 93% (68 %)

9% (6%) 12% (22%) 4% (19%) 7% (18%)

0% (3%) 0% (3%) 2% (11%) 0% (9%)

ohne Angabe 4% (0%) 5% (3%) 6% (0%) 0% (5 %)

Summe 100% (99%) 100% (100%) 100% (100%) 100% (100%)

Auffällig ist eine Abnahme der Zufriedenheit zum Hilfeende (Ziffern in Klammern) mit Ausnahme des Jahres 2001. Ebenso deutlich ist eine tendenzielle Zunahme der Unzufriedenheit im Jahresvergleich. Beides bewegt sich im Toleranzbereich. Da wir nicht wissen, ob die Familien, die geantwortet haben einen repräsentativen Durchschnitt bilden und die Überzeugungen der Gruppe, die nicht geantwortet haben, nicht bekannt sind, so liegt hierin ein methodisches Defizit der Untersuchung. Wir werden uns in nächster Zeit sicherlich mit denen näher befassen, die sich nicht an der Adressatenbefragung beteiligt haben um dieses methodische Defizit zu beseitigen.. c.f) Veränderungen seit Hilfebeginn Ein Indikator für die Zufriedenheit mit der Hilfe ist auch die Einschätzung, ob Veränderungen der Situation seit Hilfebeginn stattgefunden haben. Bereits nach dem ersten halben Jahr der Hilfe geben 79 % der Adressaten an, dass sich durch die Hilfe ihre Situation verbessert habe. Während die Frage nach der Zufriedenheit eine sehr allgemeine Befindlichkeit abfragt, ist die Frage nach der Veränderung konkreter auf das Hilfeplanziel gemünzt. Hier ergeben sich im Jahresvergleich kaum Veränderungen.

167

Ohne Klammer: Zufriedenheit mit der Hilfe nach einem halben Jahr. In Klammern: (Ergebniszufriedenheit am Ende der Hilfe)

183

Abb. 53

Veränderung der Situation seit Hilfebeginn Meine Situation hat sich seit Hilfebeginn ... Frage 2 Bogen2

2004

79%

17%

2003

78%

14%

2%6%

2002

79%

12%

5% 5%

3%

verbessert nicht verändert verschlechtert ohne Angabe

2% 2001

80%

13%

4%

Diagramm 6: Ergebniszufriedenheit

c.g) Zufriedenheit mit dem Ergebnis Zum Ende der Hilfe antworteten 68 % der Adressaten, dass sie mit dem Ergebnis der Hilfe zufrieden sind. Inhaltlich ergibt sich eine Verbindung zu den Aussagen zum Hilfeende.

184

Abb.: 54

Ergebniszufriedenheit Mit dem Ergebnis der Hilfe bin ich ... Frage 2 Bogen 3

2004

68%

2003

2002

2001

18%

70%

9%

19%

73%

22%

91%

5%

n=44

11%

3%3%

zufrieden teilweise zufrieden nicht zufrieden ohne Angabe

6% 3%

Diagramm 7: Ergebniszufriedenheit

c.g.a) Verbesserung der Lebenssituation (Kreuzabfrage) An diese Auswertung schließt sich die Frage an, ob die Adressaten, die mit der vereinbarten Hilfe zufrieden sind, auch eine Verbesserung ihrer Situation seit Hilfebeginn feststellen. 83 % der Adressaten sind 2004 mit der Hilfe zufrieden und stellen eine Situationsverbesserung fest. Dieser Zusammenhang war statistisch zu erwarten.

185

Abb. 55 Kreuzabfrage: Verbesserung der Lebenssituation der mit der zufriedenen Adressaten Zufriedenheit und Veränderung durch die Hilfe

2%

2% 11%

10%

4% 4%

7%

79%

83%

73%

74%

2001 (N=44)

2002 (N=42)

2003(N=42)

2004 (N=24)

zufrieden

zufrieden

zufrieden

zufrieden

Situation verschlechtert Situation nicht verändert Situation verbessert

Diagramm 8: Zufriedenheit und Veränderung durch die Hilfe

c.h) Ressourcen Die Ressourcenorientierung ist ein wichtiger Schwerpunkt der sozialen Arbeit in Celle. Sie ist in den Leitsätzen zur Celler Jugendhilfe verankert. Ressourcen werden im Rahmen der Befragung aus zwei Perspektiven abgefragt. Zum einen wird konkret nach helfenden Kontakten im Stadtteil bzw. in Celle als Ressource gefragt. Über helfende Kontakte in Celle verfügen 78 % der Adressaten der Hilfen zur Erziehung. Dies ist eine deutliche Steigerung zum Vorjahr 2003. Ein möglicher Erklärungsansatz wäre, dass die präventive Arbeit der Stadtteilprojekte als „helfender Kontakt“ bereits zur Verfügung steht und entsprechende Beratungsangebote schon genutzt werden. An anderer Stelle wird nach der in der Person selbst liegenden Ressource und ihren Stärken gefragt. Zeitpunkt der Befragung ist die erste Fortschreibung der Hilfe nach einem halben Jahr. Hier geben 76 % der Adressaten an, dass das – „was sie gut können“ - anerkannt wird (so die Frageformulierung nach den Ressourcen). 24 % der Adressaten geben hier noch ein „teilweise“ an. Dies ist insgesamt betrachtet eine Steigerung im Vergleich zum Vorjahr und untermauert, dass der Umsteuerungsprozess, der in den letzten Jahren begonnen und fortgesetzt worden ist, sich verfestigt hat und der stärkenorientierte Ansatz die Sichtweise, dass Adressaten von Hilfen zur Erziehung nicht nur Defizite son186

dern auch Stärken einbringen, berücksichtigt wird (Alltagsparadigma). Es gilt nach wie vor, die Stärken der Adressaten weiter zu fördern und diese zur Verbesserung der Situation einzusetzen. Das Votum der Adressaten zeigt deutlich, dass den Fachkräften dies gelungen ist. Mit Beendigung der Hilfe werden die Adressaten darüber befragt, ob sie bei Bedarf wieder Kontakt zum Jugendamt aufnehmen würden. 84 % - in den Vorjahren waren es 70 % - der Adressaten von Hilfen zur Erziehung, die bis zum 31.12. des Vorjahres beendet worden sind, geben an, bei Bedarf wieder Kontakt zum Jugendamt aufzunehmen und diese Ressource nutzen zu wollen. 7 % sagen deutlich, dass sie nicht wieder Kontakt zum Jugendamt aufnehmen würden. Abb. 56

Kundenzufriedenheit Würden Sie wieder Kontakt zum Jugendamt aufnehmen? Frage 3 Bogen 3

88%

84%

84% 70%

2001 2002 2003 2004

12%

11%

15%

15% 5%

ja

vielleicht

3%

7%

nein

Diagramm 9: Erneute Kontaktaufnahme

d) Schlussbemerkung Grundsätzlich ist bei den Jahresvergleichen zu berücksichtigen, dass in jedem Jahr völlig andere Adressaten, mit anderen sozialen Problemlagen und anderen Erziehungshilfen befragt werden, d. h. Veränderungen nie auf die gleichen Vorjahressituationen bezogen werden können, sondern jeweils ganz andere individuelle Voraussetzungen haben. Dennoch ermöglicht uns diese Art der Befragung vorsichtige Rückschlüsse auf die geleistete Arbeit im Rahmen des Sozialraumbudgets. In der folgenden Zeit muss an den angemerkten Stellen ein kritischer Diskurs mit allen Beteiligten geführt werden, um die Ergebnisse entsprechend aufzuarbeiten und evtl. Defizite zu beheben. 187

In Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für innovative Sozialforschung und Sozialplanung e.V. (GISS) wurden die Fragebögen der Adressatenbefragung und der Mitarbeitereinschätzung überarbeitet. Neben neuen bzw. überarbeiteten Fragestellungen sind vor allen Dingen die Skalierungen der Antwortmöglichkeiten verändert worden. Durch eine größere Zahl an Antwortmöglichkeiten soll ein differenziertes Ergebnis abgebildet werden, um eine größere Steuerungsmöglichkeit zu haben. 7.5

Gegenseitige Mitarbeitereinschätzung Anlage der Befragung

Die Mitarbeitereinschätzung zum Hilfeplanverfahren ergänzt die Adressatenbefragung um den Teil der professionellen Helfer. Die beteiligten Fachkräfte schätzen gegenseitig die im Hilfeplanverfahren erbrachten Leistungen ein168. 1.

Mit Einrichtung der Hilfe wird die erbrachte Leistung der ASD-Fachkraft von der fallzuständigen Fachkraft des Hilfeausführenden freien Trägers eingeschätzt. Bewertet wird die Vorbereitung und die Durchführung der Hilfeplankonferenz sowie die Dokumentation des Hilfebedarfs.

2.

Zum Ende der Hilfe werden von der ASD-Fachkraft die Durchführung der Hilfe und die erbrachten Leistungen des freien Trägers beurteilt.

3.

Die Hilfedurchführende Fachkraft des Trägers beurteilt die Fallbegleitung und Unterstützungsleistungen der ASD-Fachkraft. Wie bei der Adressatenbefragung werden die Fragebögen anonym ausgewertet. a) Rücklauf Der Rücklauf des ersten Bogens liegt bei 50 % (n= 49). Dies ist eine deutliche Verschlechterung gegenüber dem Vorjahr und besonders ärgerlich. Offensichtlich versuchen sich Mitarbeiter hinter der Anonymität der Befragung einer Beurteilung zu entziehen. Es gibt, das hat die Diskussion um diese Form der Befragung bestätigt, erhebliche Widerstände. Die Rücklaufquote des Bogens "ASD beurteilt Träger" liegt bei 59,38 % (n= 60), der Rücklauf des Bogens "Träger beurteilt ASD" liegt bei 53,23 % (n= 56). Auch die Bögen, die bei Hilfeende auszufüllen sind, weisen einen geringeren Rücklauf als im Vorjahr aus. 168

s. Anlage 9

188

b). Auswertung: Vorbereitung und Durchführung der Hilfeplanung b.a) Dokumentation und Information durch den ASD Wichtig ist eine adäquate Dokumentation und Vorbereitung der Hilfeplanung durch die ASD-Fachkraft. Zu 90 %, so die Rückmeldung der Mitarbeiter der freien Träger, hat die Dokumentation und Information zur Einschätzung der notwendigen Hilfeleistung vorgelegen. Dies ist ein über die letzten 3 Jahre konstanter Wert. Abb. 57 Mitarbeiterbefragung mit Aussage über den ASD zur Dokumentation und Information zum ersten Hilfeplanungsgespräch Dokumentation und Information ausreichend?

90%

2004 (N=49)

10% 5% 2%3%

90%

2003 (N=61)

6% 3% 3% 89%

2002 (N=35)

ja

teilweise

nein

o.A.

Diagramm 1: Dokumentation und Information

b.b) Auftragserteilung an den freien Träger durch den ASD Für die Einrichtung der notwendigen und geeigneten Hilfe ist es wichtig, dass der Auftrag sachlich klar und der Situation angemessen erteilt wird. Zu 88 % erfüllt die Auftragserteilung diese Anforderungen, zu 10 % nur teilweise. In einem Fall (2 %) wird dies verneint.

189

Abb. 58 Mitarbeiterbefragung mit Aussage über den ASD zur Klarheit und Angemessenheit der Auftragserteilung an den freien Träger 2002 (N=35)

ja teilweise nein o.A.

2003 (N=61)

80 % 17 % 0% 3%

2004 (N=49)

85 % 10 % 3% 2%

88% 10% 2% 0%

Die tatsächliche Hilfeplanung wurde in 2003 in 76 % gut bis sehr gut beurteilt. 22 % halten die Durchführung der Hilfeplanung für angemessen. Hier bestätigen die Fachkräfte die positive Einschätzung der Adressaten zum Hilfeplanverfahren. Auch die Adressaten beschieden eine hohe Zufriedenheit mit der professionellen Abwicklung der Hilfeplanverfahren. Abb.: 59 Mitarbeiterbefragung mit Aussage über den ASD zur Vorbereitung und Durchführung der Hilfeplanung Die Vorbereitung und Durchführung der Hilfeplanung war ...

3%

2%

2%

20%

2% 22%

31%

46%

45% 44%

31%

2002 (N=35)

21% 2003 (N=61)

o.A. gar nicht angemessen teilweise angemessen angemessen gut sehr

31%

2004 (N=49)

Diagramm 2: Vorbereitung und Durchführung der Hilfeplanung

c) Durchführung der Hilfe Zum Ende der Hilfe bewerten sowohl die Fachkräfte des ASD als auch die des beteiligten Trägers die erbrachten Leistungen. Dies ist unabhängig von der Dauer der Hilfe. Zur Qualitätsprüfung wurden an die jeweiligen Fachkräfte zwei Fragen zur Zusammenarbeit bzw. Organisation der Hilfe formuliert. 190

c.a) Bewertung der Maßnahmedurchführung Zum einen wird die Durchführung des gesamten Hilfeplanverfahrens über die gesamte Dauer des Hilfeverlaufes bewertet. Dies erfolgt mit 30 % als sehr gut und 55 % als gut. Trotz der auf den ersten Blick erscheinenden Verschlechterung handelt es sich hier um hervorragende Werte für den ASD. Die Ergebnisse drücken eine im Jahresvergleich geringfügig kritischere Haltung aus, was zum einen objektiven Tatbeständen geschuldet sein könnte aber auch auf strengere Bewertungsparameter der beurteilenden Trägermitarbeiter zurückzuführen wäre, vielleicht aber auch als Reaktion auf veröffentlichte Vorjahresergebnisse nach dem Mott „wie du mir, so ich dir“. Es ist uns bewusst dass hier sehr viel subjektive Wahrnehmung zur Beurteilung führt. Abb.: 60 Mitarbeiterbefragung mit Aussage über den ASD zur Durchführung des Hilfeplanverfahrens während des gesamten Hilfeverlaufs Durchführung des Hilfeplanverfahrens während des Hilfeverlaufs

gar nicht

ausreichend

angemessen

gut

sehr gut

2%

2%

7% 11%

2004 (N=56) 2003 (N=30) 2002 (N=8)

20% 55%

27%

62,5%

30% 37,5%

47%

Diagramm 3: Durchführung des Hilfeplanverfahrens

c.b) Organisation der Hilfe durch das Trägergremium Die Organisation der Hilfe durch das Trägergremium beurteilt der ASD zu 38 % als sehr gut und zu 45 % als gut. Auch hier bestätigt sich eine gute Zusammenarbeit der Träger.

191

Abb. : 61 Mitarbeiterbefragung mit Aussage über das Trägergremium zur Organisation der Hilfe (Umsetzung der Voraussetzungen der Hilfeanfrage) Organisation der Hilfe durch das Trägergremium 3% o.A.

gar nicht

ausreichend

2%

3% 3%

8% 8%

mittel

12%

2004 (N=60) 2003 (N=32) 2002 (N=12)

17% 45%

gut

48%

17% 38%

sehr

c.c)

30%

42%

Fachliche Unterstützung durch den ASD während des Hilfeverlaufs

Die Zusammenarbeit zwischen den Trägern wird, wie bereits ersichtlich, während des gesamten Hilfeprozesses von allen Beteiligten als positiv beurteilt. Dies ist auch aus den folgenden beiden Diagrammen ersichtlich. Lediglich in 2 Fällen (4 %) wurde die fachliche Unterstützung bemängelt. Bei einem Gesamtergebnis von 87 % Zufriedenheit fallen diese nicht weiter ins Gewicht.

192

Abb. 62 Mitarbeiterbefragung mit Aussage über die fachliche Unterstützung des ASD während des gesamten Hilfeverlaufs Fachliche Unterstützung durch ASD während des Hilfeverlaufs

4% 9%

20% 50%

gar nicht befriedigend gut sehr gut

40% 43%

50%

47%

37%

2002 (N=8)

2003 (N=30)

2004 (N=56)

Diagramm 5: Fachliche Unterstützung durch ASD

Auch im folgenden Diagramm kann das bereits zum vorhergehenden gesagte ursächlich sein. c.d) Informationsfluss vom freien Träger zum ASD Abb.: 63 Mitarbeiterbefragung mit Aussage über die Information des freien Trägers an den ASD Über wichtige Veränderungen würde ich seitens des Trägers rechtzeitig informiert

2004 (N=60)

88%

8%

3%

2003 (N=32)

88%

9%

3%

2002 (N=12)

83%

regelmäßig

unregelmäßig

17%

gar nicht

o.A.

193

d) Einsatz von fallunspezifischen Hilfen / Ressourcen während des Hilfeverlaufes Die Voraussetzungen für den Einsatz von fallunspezifischen Hilfen in der ambulanten Hilfe zur Erziehung sind durch die Einrichtung des Sozialraumbudgets erleichtert worden, vor allem wenn es um die Einbeziehung von Nachbarschaft und ehrenamtlichen Helfern geht. Abb.: 64 Mitarbeiterbefragung mit Aussage über den Einsatz von Ressourcen durch den freien Träger

Einsatz von Ressourcen 50% 45% 40% 35% 30% 25% 20% 15% 10% 5% 0%

43%

39% 35%

33%

33%

25% 22% 18%

18%

18%

15%

13% 8%

12%

12% 6%

8%

8%

10%

2002 (N=12)

2003 (N=32)

o. A.

tig e ns so

po rt) Eh re na m tli ch St e ad tte ilp ro je kt e an de Ki ta re /S so ch z. ul -p e äd .A ng eb ot e

Ve re in

(z .B .S

sc ha ft

2%

ac hb ar N

42%

2004 (N=60)

Im Vergleich zum Vorjahr hat es bei der Einbeziehung sozialräumlicher Ressourcen einige leichte Veränderungen gegeben. Auffällig ist, dass es offensichtlich wieder gelungen ist, Ehrenamtliche in die Einzelfallhilfen mit einzubeziehen allerdings im Gegensatz zu den Recherchen der AG 3 der kontrollierten Praxis (s. Kap.: 6.2.3). Das Problem des Einbezugs von Ehrenamtlichen in fallspezifische Hilfesettings ist bekannt. Teilweise sind die Familien dagegen, teilweise sind Ehrenamtliche nicht geeignet, teilweise sprechen gewichtige fachliche Gründe dagegen, insbesondere bei Kindeswohlgefährdung. Der deutliche Rückgang des Wertes für die Ressource Kindertagesstätten und Schulen hat nicht zu bedeuten, dass diese Regeleinrichtungen nicht mehr verstärkt berücksichtigt werden, sondern viel mehr damit, dass Regeleinrichtungen nicht mehr als Ressource im eigentlichem Sinn definiert werden. Nur die über den üblichen Besuch der Kita hinausgehende Aktionen werden als einzubeziehende Ressource verstanden, eine ähnliche Definition gibt es für die Schule. 194

Die Zahlen verdeutlichen die große Bedeutung der Stadtteilprojekte als Unterstützungsleistung bei Einzelfallhilfen. Besonders hervorzuheben ist, dass die Sportvereine als Ressource zunehmend genutzt werden. e) Gründe zur Beendigung der Hilfe Abb.: 65 Mitarbeiterbefragung mit Aussage über die Gründe zum Hilfeende aus Sicht der freien Träger

Gründe zum Hilfeende 48%

Zielerreichung

41% 33%

Umwandlung in andere Hilfe

23% 24% 25%

11% 3%

2004 (N=60) 2003 (N=32)

Wegzug

17%

2002 (N=12)

18%

Abbruch

32% 17%

andere Gründe 8%

Diagramm 8: Endegründe

Die Zielerreichung ist 2004 mit 48 % der Hauptgrund für die Beendigung einer Hilfe. In 23 % der beendeten Hilfen wurde die Hilfeart verändert. Dies kann der Ausstieg aus der Hilfe durch ein niedrigschwelligeres Angebot sein, es ist aber auch möglich, dass die Hilfeintensität verstärkt wurde, indem die Betreuung in eine teilstationäre oder gar stationäre Hilfe umgewandelt wurde. Nur noch 18% (Vorjahreswert = 32 %) der Hilfen wurden abgebrochen. In beiden Jahren handelt es sich um 11 Fälle. Die Vorjahreszahl hat uns auf den ersten Blick überrascht. Der Abbruch einer Maßnahme beinhaltet jedoch nicht automatisch ein negatives Ergebnis. Wir müssen berücksichtigen, dass die Inanspruchnahme der Hilfe auf Antrag erfolgt und jederzeit vom Antragsteller beendet werden kann. Ebenso kann der ASD den Abbruch bei fehlender Mitwirkung verfügen. Häufig treten andere Hilfesysteme an die Stelle der Einzelfallbezoge195

nen Erziehungshilfen. Da der ASD keine Ausschlussindikatoren wie Suchtmittelabhängigkeit, Gewalt, kriminelles Umfeld, Unzuverlässigkeiten, psychische Erkrankungen etc. für eine Erziehungshilfe kennt, wird jede familiäre Ausgangssituation zunächst akzeptiert. Es genügt die Bereitschaft zur Antragstellung, die häufig vor dem Hintergrund eines möglichen Sorgerechtsentzuges nicht einmal selbst bestimmt vorhanden ist. Auch statistische Gründe können eine Rolle spielen (Rücklauf bei ca. 60 %, Definitionsprobleme von „Abbruch„ etc.). Vor diesem Hintergrund sind die Abbrüche einzuschätzen. Mit Aussagen im Bereich des Hilfeabbruchs ist also vorsichtig umzugehen, zumal sich das Ergebnis von 2003 im Folgejahr nicht wiederholt hat. f) Zielerreichung Der Zielerreichungsgrad wird von der Fallführenden Fachkraft des freien Trägers und des ASD eingeschätzt. Die freien Träger der Jugendhilfe stellen zu 68 % und die ASD Mitarbeiter zu 58% eine Zielerreichung von über 75 % fest. Der Zielerreichungsgrad deckt sich grundsätzlich mit den positiven Rückmeldungen aus der Adressatenbefragung. Abb.: 66 Mitarbeiterbefragung – Zielerreichungsgrade aus der Sicht der Fachkraft des öffentlichen und des freien Trägers Freie Träger ASD < 50 % 9% 5% = 50 % 7% 13% < 75 % 14% 17% < 99 % 52% 25% = 100 % 16% 33% o.A. 2% 7% gesamt 100% 100% Die Mitarbeiterbefragung ist die heikelste Mission im Controlling-Verfahren. Um detaillierte Ergebnisse zu bekommen wurde die Frage aufgeworfen, ob es zu den arbeitsvertraglichen Verpflichtungen der Fachkräfte gehört, eine wertende Beurteilung über andere Fachkräfte abgeben zu müssen. Zur Erhöhung der Rückmeldequote sollte eine Möglichkeit in das Verfahren implementiert werden, das die Vollständigkeit der Rückläufe überwacht. Damit wäre allerdings auch eine Mitarbeiterspezifische -, Sozialraumspezifische-, Geschlechtsspezifische, Trägerspezifische usw. Auswertungsmöglichkeit impliziert. Die Mitarbeiter des ASD ging in dieser Diskussion in die Offensive: Wenn schon Rückmeldungen Mitarbeiterspezifisch auswertbar sind, dann sollte die Auswertung nicht erst am Jahresende erfolgen, sondern als Trägerrückmeldung zum Fall, also sofort, mit der Möglichkeit, bei negativen Einschätzungen aktuell Fallbezogen Probleme im kritischen Diskurs ausräumen zu können. Die ASD-Mitarbeiter 196

fragten beim Fachdienstleiter an, ob und wie denn die Rückmeldungen in die Beurteilungen einfließen, wenn sie der Vorgesetztenebene bekannt werden. Die Vorgesetzten wurden u. a. mit der Frage konfrontiert, durch welche objektiven Kriterien bei 32 Mitarbeitern im Fachdienst und einem eher strategisch ausgerichteten Management, eine detaillierte Beurteilung möglich sei. Der Vorgesetzte (in diesem Falle der Autor dieses Abschlußberichtes) musste eingestehen, dass viele Eindrücke Zufallsgeleitet sind. Dagegen ist die gegenseitige Mitarbeiterbefragung ein objektives Einschätzungskriterium. Somit wurde vereinbart, dass diese Form der Fremdeinschätzung zu 10 % in die Beurteilungen eingehen werden. Wenn die Ergebnisse schon der Leitungsebene bekannt werden, dann können sie ähnlich wie andere Alltagseindrücke nicht unberücksichtigt bleiben. Es wäre unehrlich zu behaupten, eine transparente Rückmeldung Dritter zum Leistungsstand der Fachkräfte würde nicht in irgendeiner Form in die Gesamtbeurteilung einfließen. Während der ASD diese Form der Offenlegung der Fremdeinschätzung seit Anfang 2005 praktiziert, hatten die freien Träger damit offensichtlich mehr Probleme. Ein Träger wollte lediglich eine Teambezogene Auswertungsform ermöglichen, bei einem Träger konnte sich der Personalrat nicht mit dem Verfahren anfreunden. Seine Begründung, der öffentliche Träger könnte Mitarbeiterbezogene Dossiers anlegen und diese gegen den Träger verwenden. Trotz Dementi des Jugendamtes blieb der Personalrat bei seiner Meinung. So wird es auf Trägerebene 2005 erstmals zum Jahresende eine Trägerspezifische Auswertung geben, während im ASD Mitarbeiterbezogen ausgewertet wird. Über die Herstellung von Transparenz unter den Trägern ist noch zu entscheiden (Ranking?). Mitarbeiterspezifisch werden im ASD die Ergebnisse nur intern ausgewertet. Wir betreten mit der gegenseitigen Leistungsbeurteilung ein sensibles Feld, das nur dann gelingen kann, wenn sich gleiche Parameter herausbilden und die Befragung nicht instrumentalisiert wird. Es gibt also noch viele Fragezeichen auch bezüglich der Frage, ob dies vielleicht ein Kriterium werden könnte, um einen Leistungsbezogenen Wettbewerb im Modell zu initiieren. Hier sind wir über das Stadium der Überlegungen noch nicht hinausgekommen und warten auf erste Ergebnisse der Mitarbeiterbezogenen und Trägerbezogenen Auswertung.

197

7.6 a)

Längsschnittuntersuchung zur Adressaten- und Mitarbeiterbefragung

Anlage der Befragungen und des Längsschnittvergleichs Über eine Statistiknummer ist es möglich, die Fragebögen einem Fallverlauf zuzuordnen169. Dies lässt eine fallbezogene Auswertung der Adressatenbefragung von Beginn bis Ende einer Hilfe zu. Ergänzend werden die Fragebögen der gegenseitigen Mitarbeitereinschätzung hinzugezogen. So kann zum Verlauf einer Einschätzung der Hilfe durch Adressaten die Einschätzung der Fallführenden ASD-Fachkraft und der Betreuungskraft des beteiligten freien Trägers hinzugezogen werden. Während der freie Träger die Planung und Begleitung der Erziehungshilfe bewertet, bezieht sich der ASD auf die Betreuungsleistung des hinzugezogenen freien Trägers. So kann durch die insgesamt 7 Fragebögen (mit Nachhaltigkeitsbefragung) der gesamte Fallverlauf aus verschiedenen Blickwinkeln in einer Längsschnittauswertung berücksichtigt werden. In die Längsschnittuntersuchung sind alle im Zeitraum zwischen 2001 bis 2004 begonnenen und beendeten Fälle (Gesamtfallverläufe) einbezogen worden, zu denen teilweise oder komplett Rückmeldungen vorliegen. Leider liegen in nur 38 Fällen wirklich alle 6 Bögen vor. Da uns aber voranging Kreuzabfragen interessieren zu denen nicht alle 6 Bögen vorliegen müssen ist dies nicht von allzu großer Bedeutung. In jeder Auswertung (n)dokumentiert.

wird

die

Zahl

der

ausgewerteten

Bögen

Folgende Fragestellungen waren für die Auswertung relevant: • Bestimmt die Akzeptanz der Hilfe den weiteren Verlauf? Hypothese: Adressaten, die nicht mit der ausgewählten Hilfe einverstanden sind, sie nicht gewünscht haben, arbeiten auch nicht auf eine hohe Ergebniszufriedenheit hin und entsprechend den Zielsetzungen mit. b) Ergebnisse b.a) Bestimmt die Akzeptanz der Hilfe den weiteren Verlauf? (n= 87 Fragebögen, Adressatenfragebögen)) Ergebniszufriedenheit bei anfänglicher Ablehnung der Hilfe Lediglich in 2 Fällen (2,3%) wurde die Hilfe nicht gewünscht, die Ergebniszufriedenheit liegt in diesen Fällen erstaunlicherweise am Ende bei einer vol169

Die Fallbezogene Zuordnung und Auswertung erfolgt ausschließlich durch die Jugendhilfeplanung zu statistischen Auswertungszwecken.

198

len Ergebniszufriedenheit bzw. bei einer Teilzufriedenheit. Aufgrund der geringen Fallzahl ist die Überprüfung der Hypothese nicht möglich, allerdings bestätigt sich in der Tendenz bei aller gebotenen Zurückhaltung, die Annahme, dass sich auch mit ablehnenden Haltungen eine gewisse Ergebniszufriedenheit erreichen lässt. Im Falle der Teilzufriedenheit ist das Hilfeende durch einen Abbruch der Hilfe herbeigeführt worden. Im anderen Fall liegt hierzu leider keine Aussage vor. Ergebniszufriedenheit bei Akzeptanz der Hilfe Die Akzeptanz der Hilfe führt wie zu erwarten war zu einer hohen Ergebniszufriedenheit. In nur 5 Fällen (6%) sind die Adressaten unzufrieden mit dem Ergebnis der erhaltenen Erziehungshilfe. Leider war die Befragung ohne die Möglichkeit der offenen Fragen angelegt170, sodass an dieser Stelle keine weitere Aussage dazu getroffen werden kann. Ab.: 67 denheit

Längsschnittuntersuchung Hilfewunsch und ErgebniszufrieHilfewunsch und Ergebniszufriedenheit

6%

5%

18% Ergebniszufriedenheit Teilerbegniszufriedenheit Ergebnisunzufriedenheit 0.A.

71%

Hypothese: Eine mangelnde Akzeptanz der Hilfe führt zu einem vorzeitigen Hilfeende. b.b) Gründe, die zum Hilfeende geführt haben (n=104, Mitarbeiterfragebogen des ASD) Endegrund und Nichtakzeptanz der Hilfe 170

Dies ist im neu gestalteten Fragebogen systematisch verändert

199

Von Interesse sind die Rückmeldungen der Adressaten, die nicht mit dem Hilfeende einverstanden waren bezogen auf die Fragestellung nach der Ergebniszufriedenheit und dem Endegrund in den Kategorien „Abbruch“ und „Umwandlung“. Ca 15% der Adressaten sagen, dass sie nicht mit dem Ende der Maßnahme einverstanden sind. Endegrund und Akzeptanz des Hilfeendes Die Jahresauswertungen haben bei der Akzepteanz der Beendigung der Hilfe einen Wert zwischen 86 und 94% erreicht. Zu dieser Fragestellung können nur Fälle ausgewertet werden bei denen der Adressatenfragebogen 3, Frage 1 (Hilfeende) und der Mitarbeiterfragebogen freier Träger 6, Frage 5 (Endegrund) vorliegen. Endegrund und Nicht-Akzeptanz des Hilfeendes In dieser Konstellation haben 10 Adressaten angeben, nicht mit dem Ende der Hilfe einverstanden zu sein. Darunter befinden sich 4 Abbrüche und zwei Umwandlungen in eine andere Hilfeart. In 4 weiteren Fällen wurde die Hilfe planmäßig beendet. Es ist zu vermuten, dass die 4 Abbrüche durch den ASD erfolgten. Die beiden Fälle einer Umwandlung waren vermutlich nicht im Sinne des Adressaten erfolgt. Die Anzahl der Abbrüche ist deutlich erhöht (40 %) gegenüber der Grundgesamtheit (Durchschnitt der Jahre 2002-2004 = 23%). Ein Bezug zwischen mangelnder Akzeptanz und Hilfeabbruch ist gegeben. Nicht-Akzeptanz des Hilfeendes trotz Zielerreichung Erstaunlich sind die 4 Adressaten, die trotz benannter Zielerreichung nicht mit dem Hilfeende einverstanden waren. Hier stellt sich die Frage ob alle Ziele im Hilfeplan benannt worden sind, oder ob es noch unbearbeitete Probleme gibt, oder ob die Adressaten die lieb gewonnene Sozialpädagogische Fachkraft nicht gehen lassen wollen. Ergebniszufriedenheit nach Endegrund Das Diagramm „Ergebniszufriedenheit nach Endegrund“ stützt das zu erwartende Ergebnis: Abbrüche „erzeugen“ lediglich eine ausdrückliche Ergebniszufriedenheit von 25%, „Umwandlung der Hilfe“ und „Zielerreichung“ eine Ergebniszufriedenheit von über 70%.

200

Abb.: 68 Längsschnittuntersuchung – Ergebniszufriedenheit aus Adressatensicht und Endegrund Ergebniszufriedenheit aus Sicht der Adressaten nach Endegrund

Zielerreichung (N=32)

72%

Umwandlung (N=17)

19%

71%

9%

29% zufrieden teilweise zufrieden nicht zufrieden o.A.

Wegzug (N=7)

86%

Abbruch (N=12)

25%

0%

c)

10%

14%

50%

20%

30%

40%

50%

25%

60%

70%

80%

90%

100%

Zufriedenheit Hypothese: Adressatenbeteiligung fördert die Zufriedenheit mit dem Ergebnis Der Zusammenhang zwischen Adressatenbeteiligung im Hilfeplanprozess und der Zufriedenheit mit dem Hilfeverlauf ist im Rahmen der Längsschnittuntersuchung interessant. c.a) Zusammenhang zwischen Adressatenbeteiligung im Hilfeplanprozess und der Zufriedenheit mit dem Hilfeverlauf (n= 124) Aus dem Diagramm ist ersichtlich, dass eine hohe Zufriedenheit mit dem Hilfeverlauf auf eine hohe Einbeziehung der Vorstellungen des Adressaten zurückzuführen ist. Dies ist ein wichtiger Hinweis auf die Annahme, dass der Adressat den Hilfeverlauf weitgehend selbst bestimmen soll um eine möglichst weitgehende Zufriedenheit zu erreichen. Lediglich 1% fand die eigenen Vorstellungen nicht berücksichtigt und war dem entsprechend auch mit dem Hilfeverlauf nicht zufrieden. 24 % der teilweise zufriedenen Adressaten sahen ihre Vorstellungen nicht berücksichtigt. Damit ist die Hypothese bestätigt, dass die Berücksichtigung der Vorstellungen des Adressaten die Zufriedenheit mit dem Hilfeverlauf begünstigt. 201

Die überwiegende Zahl (76 %) sehen ihre Vorstellungen berücksichtigt. 92 % davon sind auch mit dem Hilfeverlauf zufrieden, 7 % sind dennoch nur zum Teil mit dem Hilfeverlauf zufrieden und lediglich 1 % ist trotz Berücksichtigung der Vorstellungen mit dem Hilfeverlauf unzufrieden. Abb.: 69 verlauf

Längsschnittuntersuchung – Zufriedenheitsabfragen im HilfeZufriedenheit im Verlauf der Hilfe

1 7

nicht zufrieden teilweise zufrieden zufrieden

92

4 13 Vorstellung berücksichtigt

teilweise

Vorstellung berücksichtigt

1 nicht Vorstellung berücksichtigt

c.b) Zielerreichungsgrad zwischen Fachkräften ASD, freien Träger und Adressaten Hypothese: Es gibt eine übereinstimmende Wahrnehmung von Adressaten, Mitarbeitern freier Träger und dem ASD bezüglich der Zielerreichung. Alle am Hilfeplanverfahren Beteiligten wurden nach der Ergebniszufriedenheit befragt. Die Adressaten wurden nach der Zufriedenheit (zufrieden/teilweise zufrieden und nicht zufrieden) mit dem Ergebnis der Hilfe befragt (Adressatenfragebogen 3). Die Fachkräfte des ASD und der freien Träger wurden nach dem Grad der Zielerreichung in % befragt (Fragebögen 6 Frage 5 und Fragebogen 7 Frage 39). Die %-Ergebnisse der Fachkräftebefragung wurden in die entsprechenden Zufriedenheits-Kategorien der Adressatenbefragung umgewandelt. In 37 Fällen gibt es eine Übereinstimmung in der Beurteilung des Ergebnisses. In 26 Fällen gibt es keine Übereinstimmung in der Beurteilung, wovon 202

die Hälfte keine wesentlichen Abweichungen beinhalten. Die Abweichungen gestalten sich wie folgt: • In 9 Fällen ist der Adressat deutlich zufriedener171 mit dem Ergebnis als die beteiligten Fachkräfte. • In 4 Fällen tendiert die Ergebniszufriedenheit der Adressaten gen NULL während die beteiligten Fachkräfte teilweise sogar eine sehr hohe Zufriedenheit mit dem Ergebnis ausweisen. • Die restlichen 13 Fälle weisen keine wesentlichen Abweichungen aus. Als Ergebnis kann eine hohe Übereinstimmung zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung angenommen werden, was ebenfalls ein Hinweis darauf ist, die Selbstwahrnehmung und das Beurteilungsvermögen von Adressaten durchaus zu einem realistischen Ausgangspunkt von Hilfeleistung zu machen. d)

Einsatz von Ressourcen (Fragebogen 6, Frage 1; Rückmeldebogen ASD) Der Einsatz von Ressourcen in Fallunspezifischen Hilfen ist ein wichtiger Aspekt des sozialräumlichen Arbeitens. Im Erhebungszeitraum 2002 bis 2004 werden die Veränderungen deutlich. Nach einer Neudefinition von „Ressourcen“ wurden im Jahr 2004 Regeleinrichtungen wie Kita und Schule nicht mehr als Ressource definiert solange sich die vermeintliche Ressource lediglich auf Regelleistungen beziehen. Dadurch ist der Einbruch von 33 % in 2003 auf 2% in 2004 zu erklären. Es ist nicht auszuschließen, dass die teilweise erheblichen Veränderungen auf unterschiedlichen Zuordnungen zurückzuführen sind. Dennoch lässt die Zunahme in Bezug auf die Vereine eine Hinwendung zu den „elementaren“ oder klassischen Ressourcen vermuten. Vielleicht werden derartige vorhandene Ressourcen vielleicht auch zunehmend häufiger erfragt, weil ganz allgemein „Wert darauf gelegt wird“. Die Fragestellung nach der Ressourcennutzung differenziert nicht nach vorhandenen und neu geschaffenen Ressourcen. Hier liegt eine Schwachstelle in der Befragungssystematik.

171

„Deutlich“ heißt hier eine Abweichung von mindestens 33 %

203

Abb.: 70

Längsschnittuntersuchung – Einsatz von Ressourcen

Einsatz von Ressourcen 50% 45% 40% 35% 30% 25% 20% 15% 10% 5% 0%

43%

42% 39% 35%

33%

25% 22% 18%

18%

8%

18% 15%

13%

12%

12% 6%

8%

8%

10%

o. A.

Ve re in

so ns t ig e

rs ch af t

(z .B .S po rt) Eh re na m t li ch St e ad tte ilp ro je kt e an de Ki ta re /S so ch z. ul -p e äd .A ng eb ot e

2%

ac hb a N

33%

2002 (N=12)

2003 (N=32)

2004 (N=60)

d.a) Ressourceneinsatz bei Adressaten, die selbst keine Ressourcen zu Beginn der Hilfe benannt haben. Neben vielen Einfachnennungen wie Sportverein, „der Laden“, Freunde, „AAT“, Nachbarschaft, Tagesklinik, Theater wurden vorrangig institutionelle Ressourcen als solche benannt. Das wären: Stadtteilprojekte und Kindertagesstätten, sowie Schulen. Ressourceneinsatz bei Adressaten, die selbst benannten, selbst keine Ressourcen zu haben: (n=38) Hier überwiegen die Stadtteilprojekte und die Regeleinrichtungen. Dies ist ein Hinweis darauf, dass sich Familien mit wenig Ressourcen diese „klassischen“ häufig Mittelschichtspezifischen Ressourcen (Bekannte, Freunde, Vereine, Bildungseinrichtungen) erst erobern müssen. Dazu muss erst die Akzeptanz der Vereine für Jugendhilfeklientel im Einzelfall errungen werden. Dies ist, wie die Praxis zeigt oft ein dorniger Weg mit viel Überzeugung, Begleitung, Vermittlung und (sprachlicher) Übersetzungstätigkeit und dieser Weg führt über die Regeleinrichtungen und die Stadtteilprojekte.

204

Abb.: 71 Längsschnittuntersuchung - Ressourceneinsatz bei Adressaten, die selbst keine Ressourcen zu Hilfebeginn benannt haben Ressourceneinsatz bei Adressaten, die selbst benannten KEINE Ressourcen zu haben

7% 14% 41%

38%

7.7

Stadtteilprojekt Kita/Schule Keine Ressource Familie

Auswertung: Herausfordernde Sozialräumliche Ziele

Die Steuerung über Ziele ist im Sozialraumbudget nicht nur für die individuelle Hilfeplanung sondern auch für die sozialräumlichen Leistungen und die Gesamtplanung wichtig. Da der Markt als Regelungsinstrument im Sozialraumbudget-Modell weitgehend ausfällt, gewinnt die Steuerung über Ziele und deren diskursive Kommunikation in den Gremien eine enorme Bedeutung und ersetzt die Steuerungsfunktion des Marktes, die im Idealfall dafür sorgt, dass sich gute Fachlichkeit durchsetzt. Allerdings kann aufgrund der korporativen Strukturen der Wohlfahrtspflege und der Tatsache, dass es sich hier um einen staatlich inszenierten Markt handelt, der Konsument (uno actu) an der Dienstleistungsproduktion beteiligt ist und die Dienstleistung nicht von ihm selbst bezahlt wird, von einer marktförmig regulierenden Funktion nicht ohne weiteres ausgegangen werden. Für die Steuerung des Sozialraumbudgets ist Zielsetzung, Zielüberprüfung und Entwicklung neuer Ziele eine ständige Spirale zur Erweiterung des Handlungswissens einer Organisation und damit zur Erweiterung der Interpretationsmöglichkeit von Problemen (Ambiguität), was letztlich ebenso günstigstenfalls zu einer besseren Fachlichkeit führt (Prinzip der „.lernenden“ Organisation).

205

Zur Qualifizierung, Steuerung und Verbesserung der sozialräumlichen Arbeit wurde im Arbeitskreis GWA 2001 festgelegt, für die Zielplanungen der Projekte die Qualitätsverfahren S.M.A.R.T172 und AZOMP einzuführen und jeweils ein herausforderndes Ziel für jedes Sozialraumgremium zu benennen173. Die Fachkräfte in den Sozialräumen sind in der Wahl ihres Zieles frei. Das Entwicklungsziel der Sozialräume wird jeweils dem AK GWA vorgestellt. Die Arbeitskreisteilnehmer sind aufgerufen im kritischen Diskurs die Ziele zu hinterfragen, die Sozialraummitarbeiter haben ihre Zielsetzungen zu verteidigen, ggf. zu verändern. Nach einem festgelegten Zeitrahmen (6 Monate – 1 Jahr) werden die Ergebnisse vorgestellt, von den Teilnehmern eingeschätzt und zu bewertet (Gesamtergebnis nach Mittelwert und Streuung berechnet). In der Auseinandersetzung mit der Aufgabe entstand die Phantasie, dass dieses Ziel besonders herausragend im Vergleich zu den Alltagszielen und den sonstigen Zielplanungen sein sollte. Dies war jedoch so nicht gemeint, vielmehr wurde durch die Ausgangssituation angestrebt, analog zur Hilfeplanung Steuerungselemente für sozialräumliche Entwicklungen einzuführen und die Ergebnisse methodisch zu evaluieren. 1. Die Methoden S.M.A.R.T und AZOMP zur Zielentwicklungsplanung sollten eingeübt und Erfahrungen damit vertieft werden. 2. Die Planung in den Sozialraumgremien sollte konkretisiert und verbindlicher werden. Ziele sollten im Alltag nicht untergehen. 3. Die Methode des kritischen Diskurses sollte beim Hinterfragen der Zielplanungen durch die Mitarbeiter der anderen Sozialraumgremien geübt und als kritische Form der inhaltlichen Auseinandersetzung ermöglicht werden. Die Ziele sollten nach AZOMP (Beachtung aller relevanten Bereiche) geplant und vorgestellt werden, wobei die Ziele nach S.M.A.R.T (Zielüberprüfung) präzisiert sein sollten. Herausfordernde Ziele 2001: Sozialraumgremium (SRG) I, Neustadt - Heese Vorläufiges Ziel: Das Stadtteilprojekt Alte Schmiede wollte sich als Treffpunkt und Kontaktstelle für Schülerinnen einschließlich Schulschwänzer im Alter von 12-16 Jahren entwickeln und professionelle Angebote und Ansprechpartner zur Verfügung stellen. Als Erfolg wird definiert, dass durchschnittlich 12 Schülerin172 173

s. Kap. 2.7.1 Unabhängig davon werden jährlich gemeinsame Ziele festgelegt, die übergreifend für alle Beteiligten gelten.

206

nen regelmäßig die Alte Schmiede nutzen. Die Planungen wurden in das Qualitäts-Schema eingetragen, über AZOMP, S.M.A.R.T wurden dann Widersprüche deutlich: unter O (= Organisation) wurde der Aufwand deutlich, für die dann unter P (= Personal) nicht genügend Fachkräfte zur Umsetzung vorhanden waren. Die Verfahrensweisen AZOMP und S.M.A.R.T wurden als hilfreich empfunden. Interessant, aber aus der Alltagspraxis bekannt, ist die Feststellung, dass Aufgaben häufig geplant werden ohne Bezug zu den personellen Ressourcen. Im Plenum des Arbeitskreises GWA wurde das vorgestellte Ziel als unrealistisch aufgrund der fehlenden personellen Ressourcen eingestuft und die Empfehlung (kritischer Diskurs) gegeben, es zu verwerfen. Das Sozialraumgremium wies dies als zu voreilig zurück. SRG III Neuenhäusen/Altstadt: Die Inanspruchnahme des Projektes verlief ungünstiger als in vergleichbaren anderen, die Rahmenbedingungen (Größe, Lage, Mitarbeiterfluktuation) sind schlechter als in anderen vergleichbaren Projekten. Das Interesse des Umfeldes, der Ressourceneinsatz entwickelte sich ebenfalls nur langsam. Als Zielfragen wurden formuliert: 1. Braucht dieser Stadtteil ein Projekt? 2. Trifft das derzeitige Projektangebot den Bedarf? Um diese Zielfragen zu klären, wurde eine Bedarfsanalyse nach den Verfahren S.M.A.R.T und AZOMP geplant. SRG VI Vorwerk und andere Bezirke nördlich der Aller: Als herausforderndes Ziel wurde die Mitgestaltung des Sommerfestes im Rahmen der Vorwerker Woche unter Beteiligung der Bewohner benannt. Aus herausforderndes Ziel wurde formuliert, zwei Personen sollten für die Organisation zusätzlich gewonnen werden, 15 Personen sollten Angebote machen, darüber hinaus sollten 20 Erwachsene und 40 Kinder aus dem Bereich Alt-Vorwerk174 zur Teilnahme motiviert werden. Nach einer kurzen Darstellung der Ausgangslage werden die Ziele formuliert und mit S.M.A.R.T präzisiert. Für die Umsetzung wird AZOMP herangezogen. Darüber hinaus finden Messungen per Skaleneinschätzung darüber statt, wie das Fest bei den Teilnehmern angekommen ist. Alle Mitarbeiter des Sozialraumgremiums sind sich einig, dass unabhängig von der Frage des P (= Personalein-

174

Die ehemaligen Wohnungen der englischen Garnison inmitten des Stadtteils wurden Ende der 80iger Jahre geräumt und überwiegend von sozial schwächeren Schichten bezogen. Dadurch ergab sich eine bis heute anhaltende Abgrenzung der etablierten „Alt-Vorwerker“ mit den neu Hinzugezogenen. Zielstellung war hier, AltVorwerker in die Wohngegend der Neubürger zu locken um Normalität (Verständigung und Kontakte) anzubahnen.

207

satz) unbedingt an diesem herausfordernden Ziel festzuhalten, da es zur Integration des Projektes M 22 im Stadtteil Vorwerk beiträgt. SRG IV Blumlage/Alte Molkerei: Ziel ist die Belebung des Cafe Kuh-Kaff, eines Kinder- und Schülercafe´s. Die Analyse des Bedarfs ist nach einer Befragung von Kindern, Eltern, Jugendlichen, Ehrenamtlichen, älteren Menschen, fremden Erwachsenen und Institutionen sowie Bürgern auf der Straße, unstrittig. SRG V Hehlentor, Klein-Hehlen, Boye: Ziel ist die Einrichtung eines Stadtteilorientierten Angebotes für Lücke-Kinder. Nach Beschreibung der Ausgangssituation wurden über AZOMP Aussagen zu Adressaten, Zielfindung, zur Organisation, zur Evaluation und Messinstrumenten auch für Personalentwicklung sowie zu deren Anleitung gemacht. S.M.A.R.T wurde zur weiteren Differenzierung genutzt, die Instrumente wurden als hilfreich eingeschätzt. Herausfordernde Ziele 2002 (Im folgenden werden die einzelnen Ziele nicht näher ausgeführt, es wird lediglich das Verfahren zur Bewertung der Ziele und die Ergebnisse der Bewertung des Verlaufs und des Ergebnisses der Bemühungen zur Zielerreichung abgebildet.) Für die Zielplanungen wurde mit einem Rating und anschließendem kritischen Diskurs ein weiteres Qualitätssicherungsverfahren mit einbezogen. Die Ergebnisse sind mittels standardisiertem Fragebogen (Skalenwerte: 1-7) bei den Teilnehmern des AK GWA erhoben. Mittelwert und Streuung der Einschätzung des AKGWA sind jeweils abgebildet. Grau unterlegte Daten zeigen eine Abweichung vom Soll-Wert an. „Adressatenbezug“ zeigt die Planungs- und Durchführungsbeteiligung an. 2003 wurde diese Kategorie um die Einschätzung des „Adressatennutzens“ erweitert. Abb.:72

Herausfordernde Ziele 2002

Februar/März 02

Dezember 02

SRG 1 N 15 15

M 5,9 6,1

S 0,8 0,7

Spielplatzgestaltung m. Jungengruppe

sozialräumliche Relevanz

Jungengruppe hat sich aufgelöst

Adressatenbezug

SRG 1 wurde N

M

S

Planstelle im Krähen208

Februar/März 02

Dezember 02

nest 14 13

6,6 6,4

1,0 1,1

wurde nicht vorgestellt

N 15 15

N 15 13

N 15 15

N 16 16

N 14 13

M 5,6 5,9

M 5,8 2,9

M 5,4 5,3

M 5,9 6,3

M 4,5 4,4

Legende: n=Nennungen

S 1,6 0,9

S 0,8 0,8

S 1,3 1,5

S 1,1 0,6

S 1,5 1,0

sozialräumliche Relevanz

nicht berichtet

Adressatenbezug

SRG 1 offene Gruppe sozialräumliche Relevanz Adressatenbezug

SRG 2 Alt und Jung sozialräumliche Relevanz Adressatenbezug

SRG 3 Stadtteilrunde sozialräumliche Relevanz Adressatenbezug

SRG 4 Gartenprojekt sozialräumliche Relevanz Adressatenbezug

SRG 5 Schüler helfen Schülern sozialräumliche Relevanz Adressatenbezug

SRG 6 Computer AG sozialräumliche Relevanz Adressatenbezug

N 15 15

M S 6,1 0,7 5,3 0,9

N 16 16

M S 4,5 1,3 4,8 1,3

N 15 15

M S 5,1 1,2 4,2 1,6

N 16 16

M S 4,8 1,1 4,6 1,3

N 16 16

M S 5,8 0,9 6,3 0,8

N 16 16

M S 5,0 1,1 5,9 0,7

diskutierenswert: M <= 4,x

209

Februar/März 02

Dezember 02

M=Mittelwert

S >= 1,x

S=Streuung

Herausfordernde Ziele 2003 2003 wurde das Rating noch um den Punkt „Nutzen für den Adressaten“ (Adressatenorientierung) erweitert. Abb.: 73

Herausfordernde Ziele 2003

Gartenprojekt

1 Beteiligung der Adressaten bei der Zielfindung sozialräumliche Relevanz Nutzen für die Adressaten

2

3

1 1

4

5

6

7

1

3 2

3 5

2 1

1 1

1

2

4

2

1

3

4

5

6

7

N

M

S

10

4,7

1,6

11

4,6

1,3

10

5,0

1,1

N

M

S

13

6,8

0,5

13

6,5

0,9

13

6,6

0,6

N

M

S

12

6,0

0,9

12

6,6

0,6

12

6,7

0,6

N

M

S

10

4,7

0,6

Verschönerung des Krähennestes

1

2

Beteiligung der Adressaten bei der Zielfindung sozialräumliche Relevanz Nutzen für die Adressaten

1

1 1

1

12 10

1

3

9

5

6

7

Schulhoföffnung Westercelle

1

2

3

Beteiligung der Adressaten bei der Zielfindung sozialräumliche Relevanz Nutzen für die Adressaten

4 1

2 1

5 3

4 8

1

2

9

4

5

6

7

4

5

1

Kleiderkammer Windmühle

1 Beteiligung der Adressaten

2

3

210

Gartenprojekt

1

2

3

4

5

6

7

N

M

S

5

11

5,9

1,0

11

6,6

0,5

N

M

S

12

4,9

1,1

12

5,8

1,0

12

6,2

0,8

N

M

S

12

5,1

0,8

12

5,8

0,8

12

5,7

0,8

N

M

S

10

5,2

1,4

10

6,5

0,5

10

6,4

0,9

bei der Zielfindung sozialräumliche Relevanz Nutzen für die Adressaten

6 4

7

6

7

Erhaltung der sozialräuml. Leistungen

1 Beteiligung der Adressaten bei der Zielfindung sozialräumliche Relevanz Nutzen für die Adressaten

2

3

1

4 2 1

5 5 4

4 3

4

3

4

5

5

6

7

Discoveranstaltung

1

2

3

Beteiligung der Adressaten bei der Zielfindung sozialräumliche Relevanz Nutzen für die Adressaten

4 3 1

5 3

4 6

2

1

4

5

2

4

5

6

7

Aussiedler als Ehrenamtliche gewinnen

1 Beteiligung der Adressaten bei der Zielfindung sozialräumliche Relevanz Nutzen für die Adressaten

2

3 2

1

2 3

3 5

2 5 7

Herausforderndes Ziel 2004 Als Ergebnis wurde Ende 2004 festgehalten, dass es aufgrund der Fallkonstellation in Einzelfällen schwierig ist, sozialräumliche Ressourcen mit einzubeziehen. Insgesamt wurde die Ressourcenkartei als wenig hilfreich betrachtet. 2004 wurde von dem bisher durchgeführten Ratingverfahren abstand genommen, da erstmals ein gemeinsames Übergeordnetes Ziel vereinbart worden ist. „ 211

Die Nutzung von sozialräumlichen Möglichkeiten und Ressourcen im Rahmen von ambulanter Hilfe zur Erziehung nach § 27 SGB VIII wird erhoben und ausgebaut. Eine statistische Zunahme ist nachweisbar.“ (Protokollauszug 04.09.2003). „Das Globalziel bezieht sich auf Adressaten, die schon bestehende HzE – Fälle sind, nicht auf Adressaten im präventiven Bereich“ (Protokollauszug 11.12.2003). Das Ergebnis ist unter Kapitel 4.5 abgedruckt. Herausforderndes Ziel 2005 Für das Jahr 2005 wurde als herausforderendes Ziel festgelegt, die Adressatenbeteiligung in den verschiedensten Prozessen zu fördern und zu verbessern. Von der Evaluierung eigenständiger Stadtteilprojektbezogener Ziele wurde u. a. wegen des Aufwands zunächst abgesehen. Herausforderndes Ziel 2006 Die Planungen für 2006 sehen „geschlechtsbewußtes Arbeiten im Sinne der Leitsätze“ als Ziel vor. 8. 8.1

Fazit: Alles was Recht ist – eine rechtliche Einschätzung der Sozialraumbudgetierung

Sozialraumkonzepte, insbesondere Konzepte die eine Budgetierung vorsehen, sind nicht erst seit den Beschlüssen des Verwaltungsgerichts Hamburg (B 05.08.2004 – 13 E 2873/04), des Oberverwaltungsgerichts Hamburg (B 10.11.2004 Bs 388/04) und des Verwaltungsgerichts Berlin (B 19.10.2004 – 18 A 404.04) rechtlich umstritten. Prof. Münder hat sich bereits im Gutachten der SOS-Kinderdörfer mit den Schwierigkeiten budgetierter Sozialraumkonzepte auseinandergesetzt. Münder wies dort bereits auf die bestehenden rechtlichen Schwachstellen hin, sah allerdings unter gewissen Voraussetzungen (Öffnungsklausel für weitere Beteiligungen von Trägern am Budget, Gewährleistung des Wunsch- und Wahlrechtes und finanzielle Offenheit - „Rechtsansprüche sind immer Budgetsprengend und damit auch Sozialraumbudgetsprengend.“175) durchaus Chancen für die Rechtsform sozialräumlicher Budgetierung. Nach dem Vorliegen der ersten drei Entscheidungen von Verwaltungsgerichten äußert sich Münder zurückhaltender: „Insgesamt erscheint es so denkbar, dass die Sozialraumorientierung nach den besonders kritischen Punkten der Trägervielfalt und der Berufsfreiheit dann möglich ist, wenn mit allen geeigneten Leistungsanbietern (unabhängig von ihrer sozialräumlichen Beteiligung) entsprechende Vereinbarungen abgeschlossen werden, eine ergebnisoffene Beratung der Leis175

Münder, J. 2001: Sozialraumorientierung und das Kinder- und Jugendhilferecht in SOS-Kinderdorf 2001

212

tungsberechtigten und eine (wirkliche) Befristung (auf längstens drei Jahre)176 stattfindet“177. Jede Art sozialräumlicher Budgetierung scheint rechtlich angreifbar, und die Spielräume sind so eng ausgelegt, dass Budgetlösungen faktisch nicht mehr möglich erscheinen. Es bleibt daher auch umstritten, ob der Celler Budgetvertrag die rechtlichen Voraussetzungen erfüllt. In den Kommunen, die mit sozialräumlichen Budgetmodellen erste Erfahrungen sammeln, regt sich Unmut über die Unterordnung fachlicher und sozialpolitischer Erwägungen unter die Dominanz der Rechtsdogmatik. Auch wenn einige Autoren es immer wieder behaupten, ist das Budgetmodell nicht per se ein Instrument finanzieller Deckelung, sondern eine Finanzierungsund Organisationsform, die sozialräumliches Arbeiten, soziale Infrastrukturpolitik und die Gesamt- und Planungsverantwortung im Sinne eines Beitrags zu positiven Lebensbedingungen178 erst möglich macht. Es ist nicht einsehbar, warum die Wahrnehmung dieser Verantwortung, die sich an die Adressaten von Jugendhilfe richtet, den Interessen von einzelnen Leistungsanbietern geopfert werden soll, nur weil diesen eine tatsächliche oder vermeintliche Chance am Markt nicht eingeräumt wird. Dabei besteht für kein Jugendamt eine Verpflichtung zur Berücksichtigung eines bestimmten freien Trägers. Das Jugendamt ist auch ohne Budgetierung in jeglicher Hinsicht in seiner Entscheidung über die Schwerpunktlegung seiner Zusammenarbeit frei und lediglich verpflichtet ein in der Praxis fast nicht wahrnehmbares Wunsch und Wahlrecht des Adressaten zu akzeptieren. Der Unterschied ist nur der, dass hier eine Trägerauswahl im Einzelfall getroffen wird und dort eine Trägerauswahl durch Ausschreibung oder Vertrag in Bezug auf eine Vielzahl von Leistungen. Das Ergebnis ist in vielen Fällen das gleiche: einige Träger werden gemieden, andere gefördert. Wettbewerbs- und Marktorientierung gehört dahin, wo es sich um einen echten Markt handelt.179 Die vorliegenden Gerichtsurteile passen allerdings in eine Zeit,

176

Münder, J. 2005: Sozialraumkonzepte auf dem rechtlichen Prüfstand in Zentralblatt für Jugendrecht März 2005, Seite 98 177 Anders jedoch das Verwaltungsgericht Berlin in seinem Urteil vom 19.10.2004: hier wird überhaupt kein Spielraum für eine Befristung gesehen, weil auch in kürzeren Zeiträumen ein Wettbewerbsnachteil und eine Einschränkung der Berufsfreiheit gerade bei kleineren Trägern möglich wäre. 178 Siehe § 1 Abs. 3 Ziffer 4 SGB VIII 179 Im jugendhilferechtlichen Dreiecksverhältnis zwischen Leistungsgewährer, Leistungserbringer und Adressat handelt es sich nicht um einen echten Markt, da zum einen der Adressat die Hilfe nicht finanziert, zum anderen verpflichtet ist, an der Leistungserbringung maßgeblich mitzuarbeiten (uno-actu-Prinzip)

213

die vorwiegend Rechte von Unternehmen (auch sozialen Unternehmen) absichert und den kommunalen Spielraum weitgehend einschränkt. Angesichts der rechtlichen Argumentation möchte ich den Versuch machen, noch einmal gegen bestimmte Rechtspositionen fachlich zu argumentieren. Die Entscheidungen der Gerichte haben bestätigt, dass die Subventionsfinanzierung über § 74 SGB VIII oder gegenseitige (Beschaffungs-/Leistungs-)Verträge nur in den Bereichen möglich ist, in denen keine individuellen Rechtsansprüche von Leistungsberechtigten bestehen.180 Münder macht allerdings darauf aufmerksam, dass bei derartigen Leistungsverträgen das Vergaberecht und die jeweiligen Haushaltsordnungen zu berücksichtigen sind. Münder weist in seinem Gutachten 2001 darauf hin, dass die so genannten „fallunspezifischen Hilfen“, die er als infrastrukturelle Leistungen bezeichnet, durchaus im Rahmen des § 74 SGB VIII vereinbart werden können. Nun hätten Kommunen die Möglichkeit, zur Sicherstellung sozialräumlicher niedrigschwelliger Angebote einen möglichst großen Teil der bestehenden Erziehungshilfeangebote unspezifisch anzubieten, also unterhalb der Schwelle der Rechtsanspruchsfinanzierung. Dies könnte im Extremfall dazu führen, dass alle ambulanten Jugendhilfeleistungen infrastrukturell, d. h. unterhalb der Rechtsanspruchsschwelle gewährleistet werden. Wenn die Hilfen aus dem Sozialraum heraus niedrigschwellig erbracht werden, wird die nächste Schwelle, die des zu gewährleistenden Rechtsanspruchs, erst gar nicht erreicht. Dem Adressaten ist es in der Regel relativ egal, ob er einen Bescheid über eine Jugendhilfeleistung erhält oder ob mit ihm bestimmte (rechtlich unverbindliche aber methodisch durchaus verbindliche) Absprachen getroffen werden. Lediglich im Rahmen der Garantenpflicht empfiehlt es sich, mit rechtsanspruchsbegründenden Leistungen Rechtssicherheit herzustellen. Die Gerichte gehen davon aus, dass Jugendhilfeleistungen immer im Dreiecksverhältnis zu erbringen sind. Wie am Beispiel Celle dokumentiert, werden 20 % der Budgetleistungen bereits fallunspezifisch und niedrigschwellig erbracht, d. h. auf der Ebene einer zweiseitigen Rechtsbeziehung, die rein rechtlich das Klientel faktisch ausschließt, in der Praxis jedoch unter dem Leitbild „Alltagsparadigma“ genau das Gegenteil zulässt, nämlich eine sozialpädagogisch gewollte intensive Beteiligung. Es wäre also durchaus denkbar, dass zunehmend Leistungen der Erziehungshilfe niedrigschwellig ohne Bescheiderteilung im Rahmen

180

Siehe Münder 2005 a.a.O., Seite 90

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von Subventions- oder Leistungsverträgen zwischen öffentlichen und freien Jugendhilfeträgern erbracht werden181. Ob diese Position für alle Jugendämter langfristig durchhaltbar ist und ob rechtlich diese Position aufrechterhalten werden kann, ist nicht einschätzbar. Die Position wäre jedoch fachlich denkbar und aus Sicht der Stadt Celle mit einem hohen Grad an niedrigschwelligen Angeboten durchaus durchführbar. Abgesehen von diesem Ausweg sei noch einmal kurz auf die Erfahrungen eingegangen, die im Laufe von vier Jahren Sozialraumbudgetierung bezüglich des Wunsch- und Wahlrechtes, der finanziellen Öffnungsklausel und der Beteiligung Dritter gemacht wurden. Immer wieder wird die Einschränkung des Wunsch- und Wahlrechts der Leistungsberechtigten nach § 5 SGB VIII durch die faktische Verknappung im Rahmen der Trägerexklusivität als wichtiger Rechtsgrundsatz angeführt, gegen den Sozialraumbudgetierung verstößt. Eine Befragung der freien Jugenhilfeträger in Celle erbrachte, dass im Rahmen der Budgetierung lediglich 2 Mal vom Wunsch- und Wahlrecht Gebrauch gemacht wurde und ein bestimmter Träger beauftragt wurde, der kein Angebot im Sozialraum vorhielt. Dadurch, dass in allen Sozialräumen grundsätzlich alle Träger und überdies auch Anbieter außerhalb des Sozialraumbudgets zur Verfügung stehen, ist in Celle faktisch keine Beeinträchtigung des Wunsch- und Wahlrechts möglich. Ist ein Träger im Sozialraum nicht vertreten, so besteht dennoch die Möglichkeit der Einbeziehung eines weiteren Anbieters aus Celle. Geht der Wunsch eines Klienten in Richtung eines Anbieters außerhalb des Budgets oder, was häufiger der Fall ist, wird die Stadt Celle durch Umzug der Eltern in einen bestehenden Hilfefall zuständig, so führt der bisher zuständige Träger die Hilfe bis zum Ende auf Wunsch des Adressaten selbstverständlich durch. Im Übrigen ist die individuelle Leistungsfinanzierung von Jugendämtern kein Garant dafür, dass das Wunsch- und Wahlrecht beachtet wird. Ein weiterer Rechtsaspekt betrifft die als Trägerexklusivität bezeichnete Reduzierung der Trägervielfalt auf die am Sozialraumbudget beteiligten Träger. Im Vertrag der Stadt Celle ist eindeutig durch eine Öffnungsklausel die Möglichkeit des Beitritts weiterer Träger eröffnet.

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Dabei ist zukünftig auszuloten, ob über den neuen § 36a SGB VIII Budgetierungsformen in Vereinbarungen abgesichert werden können.

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Einzelanbieter können außerhalb des Budgets ihre Leistungen erbringen. Die Entscheidung trifft der Adressat in Beratung mit dem fallzuständigen ASDMitarbeiter. Die außerhalb des Budgets geleisteten Kosten werden im Folgejahr auf das Sozialraumbudget angerechnet. So ist die Beteiligung anderer kleiner Träger und Einzelanbieter gewährleistet. Für die Frage, ob dies zur Existenz ausreicht, ist das Jugendamt nicht verantwortlich. Anbieter mit guten Ergebnissen werden hier besser ins Geschäft kommen als andere. Insbesondere kleine Leistungsanbieter mit geringem Personal sind nicht in der Lage, sozialräumliche Leistungen vorzuhalten oder sich an den Planungs- und Steuerungsgremien (Planungs- und Steuerungsgruppe FAKT, AK GWA, AG Qualität, Trägergremium etc.) zu beteiligen. Deshalb ist es diesen faktisch gar nicht möglich, selbst bei Berücksichtigung im Sozialraumbudget, ihren vertraglichen Leistungsverpflichtungen (Teilnahme an den Gremien) nachzukommen. Als Ausweg erscheint die vorgesehene Regelung praktikabel. Ob dies allerdings einer juristischen Überprüfung standhält, erscheint zumindest offen. Das Argument, dass durch ein Budget individuelle Rechtsansprüche nicht oder nicht hinreichend realisiert werden können bzw. ausgehöhlt werden (so OVG Hamburg, VG Berlin) unterstellt die Funktion eines Budgets als Deckelungsinstrument. Diese Argumentation verkennt, dass jede in versäulte Haushaltsstellen gegossene Haushaltsplanung ein weit gewichtigeres Deckelungsinstrument darstellt als ein Sozialraumbudget, das auch noch eine Öffnungsklausel für Nachfinanzierungen bereithält. In den meisten Jugendämtern ist es doch so, dass Mitarbeiter angewiesen werden, zum Jahresende den Haushaltsrahmen einzuhalten und damit angewiesen werden, gegen Rechtsansprüche zu verstoßen. Die Budgetform bezieht lediglich die freien Träger der Jugendhilfe in die Finanzierungsverantwortung mit ein. Dagegen können selbst Verwaltungsgerichte eigentlich nichts einwenden. Bleibt letzten Endes ein Aspekt, der allerdings von der derzeitigen Rechtsprechung (noch) nicht berührt ist. Die Möglichkeit des Wettbewerbs der Träger untereinander, der in einem konsensualen Modell wie dem Budgetmodell in anderer Form stattfindet (s. Kapitel 5.2). Dennoch fehlt trotz derzeitiger relativer Zufriedenheit mit dem Budgetmodell das Wettbewerbselement, das – zumindest in der Theorie dafür sorgt dass die Starken (nicht immer die Besten) sich durchsetzen und Wettbewerb zu einer höheren Form der Leistungserbringung führt (so die Theorie), indem schwache Träger ausgemerzt werden. 216

Dieser Aspekt der langfristigen Auswirkungen bei weitgehendem Verzicht auf den marktförmigen Wettbewerb ist bisher in der Literatur und Theorie nicht berücksichtigt, weil die meisten Jugendämter, die mit Sozialraumbudgets experimentieren, sich zurzeit in der Phase der Implementierung dieses Instrumentes befinden. Was geschieht mit Budgetmodellen, in denen die Marktanteile festgelegt sind? Gibt es Möglichkeiten der Veränderung des Status Quo der Mittelverteilung? Neben Stuttgart ist Celle das älteste Projekt und insofern tauchen nach vier Jahren Budgetierung Fragen nach der Veränderung von Trägeranteilen im Budget und damit Wettbewerbsgesichtspunkte wieder auf. Im Celler Budgetmodell blieben bisher alle Träger im Wesentlichen in ihrem Marktanteil konstant. Es gibt keine Instrumente, die aufgrund fachlicher Qualität oder Leistungsfähigkeit die Einzelleistung eines Jugendhilfeträgers dokumentieren. Leistungsfähige Träger können sich in diesem Modell keinen Vorteil erarbeiten und die Frage nach der Erhöhung des eigenen Budgetanteils (auf Kosten anderer) ist durchaus legitim. Andererseits würde Wettbewerb die sozialräumliche Zusammenarbeit stören, weil jeder Träger gehalten wäre, seinen Anteil am Ergebnis gesondert darzustellen um sich Vorteile im Kampf um den Kuchen zu sichern. Da sich das Interesse an guter Arbeit besonders für die Mitarbeiter nicht nur an den Marktanteilen „ihres“ Trägers ausrichtet, sondern – wie wir wissen – auch über „positive Wertschätzung und Anerkennung“ (als Begrifflichkeit bei Fichte und Hegel seit 1800 bekannt), könnte man die Frage des wirtschaftlichen Wettbewerbs vernachlässigen und allein auf die Motivationsprinzipien „Vertrauen“, „Eigenständigkeit“ und „Anerkennung der geleisteten Arbeit“ setzen. Dieser Betrachtung vermag ich jedoch nicht allein zu vertrauen. Die positiven Wirkungen von Konkurrenz und Marktgesetzlichkeiten sind ebenso belegt, auch wenn es sich hier nicht um einen echten Markt handelt. Die Frage des Lohns der guten Arbeit ist legitim, auch im Budgetmodell. Zum einen kann dies bezogen werden auf eine Bewertung der Arbeit des einzelnen Mitarbeiters (Leistungszulage). Hierfür fehlen die Kriterien. Leistungsaspekte können aber auch bezogen werden auf das Stadtteilteam, wie die Mitarbeiter der AG 3 der kontrollierten Praxis dies einfordern, indem sie die Eigenständigkeit der Stadtteilteams herausstellen. Dies führt jedoch zu Problemen, da die Stadtteilteams dann eine eigene Rechtspersönlichkeit in Form eines Vereins, einer GbR oder einer gGmbH haben müssten. Dies werden die Träger jedoch nicht zulassen. Eine Aufwertung der rechtlichen Stellung der Stadtteilprojekte würde die Situation wie dargelegt verkomplizieren.

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Die freien Träger, die sich u. a. deshalb zum Sozialraumbudget bekannt haben, weil sie die Sicherheit des Marktanteils schätzen, haben sich damit dem marktförmigen Wettbewerb entzogen. Dennoch ist in der Praxis festzustellen: Der Wettbewerb182 zwischen den Anbietern ist auch nach 4 Jahren Sozialraumbudget ungebrochen. Es gibt aber auch im Budgetmodell seitens des Jugendamtes, nicht sehr ausgeprägt, aber dennoch eindeutige Präferenzen für den einen oder anderen Träger, dem man gern einen größeren Marktanteil zugestehen würde. Gleiches gilt für einen Vergleich der Stadtteilprojekte, bei denen allerdings auch immer federführend ein Träger identifizierbare Verantwortung trägt183. Insbesondere die im Rahmen der intensiven Zusammenarbeit gewonnenen Einblicke in die Trägerstrukturen führen zu einer differenzierteren Bewertung der unterschiedlichen Trägerleistungen, die allerdings weitgehend ohne Konsequenz bleibt. Dies erscheint als eine Schwachstelle des Konzeptes, die theoretisch und praktisch noch nicht aufgelöst ist. Es stellt sich daher die Frage, was wäre, wenn die Sozialraumbudgetierung zu einem Zeitpunkt X beendet würde mit dem Ziel, einen Korridor zu schaffen, in dem durch Wettbewerb eine Neuverteilung der Marktanteile ermöglicht würde. Hier stellt sich weitergehend die Frage ob der freie Wettbewerb, der ja durchaus anzuzweifeln ist, tatsächlich eine Veränderung der Marktanteile zugunsten eines fachlich qualifizierteren Trägers durchsetzen würde, oder ob nicht doch wieder die Träger mit den besseren Verbindungen und Seilschaften im Vorteil wären. Unter dem Gesichtspunkt von Innovationsgewinnern und –verlierern wäre es hoch interessant zu erfahren, ob nach einer solchen Wettbewerbssituation die Träger wieder zur vertrauensvollen Zusammenarbeit in der Lage wären, wie sie sich auf eine solche Phase vorbereiten würden und mit welchen organisatorischen, finanziellen und sonstigen Auswirkungen zu rechnen wäre. Möglicherweise haben die nach wie vor eher konkurrenten Träger Vorteile in einer solchen Phase gegenüber den kooperativen. In Hamburg und Berlin wird, wenn auch unter einem anderen Fokus, es sicherlich interessant sein, wie sich die Trägerlandschaft nach dem Ausflug in die sozialräumliche Budgetierung entwickelt. Eines ist allerdings sicher: Sollte eine in die Jahre gekommene Sozialraumbudgetlösung an Spannkraft und Effektivität 182

Wettbewerb steht hier für eine Situation, die sich nicht vorrangig auf Veränderung von Marktanteilen zu Lasten anderer Träger bezieht, sondern einen Wettbewerb des öffentlichen Ansehens, der Ideen, sicherlich auch der Erschließung und Sicherung von Marktnischen innerhalb und außerhalb des Sozialraumbudgetrahmens. Konkurrenz wird hier i. S. von Marktkonkurrenz gebraucht. 183 Verantwortung macht sich interessanter Weise an dem Besitz/Anmietung der Immobilie im Sozialraum fest.

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verlieren, so wäre sicherlich über eine wettbewerbsorientierte Öffnung erneut nachzudenken. Günstiger wäre es allerdings, Lösungen innerhalb des Systems zu finden. Ein Träger hat in Celle genau diesen Diskurs begonnen und mutig seinen Anspruch auf Erhöhung seiner Marktanteile formuliert und dazu interessante Änderungsvorschläge angekündigt. Es wird innerhalb von Budgetlösungen Zeiten geben in der (frei nach Goethe) „die Welt zu einer neuen zusammengeschlagen“ werden muss, d. h. die Prioritäten anders verteilt werden. Es entstehen innerhalb eines Budgets durchaus Bestandswahrungen, die um des lieben Friedens willen nicht angetastet werden. Solche Bestände gibt es auch außerhalb von Budgetlösungen. Im Sozialraumbudget gibt es den Vorteil, dass Bestehendes immer wieder von der Praxis der Mitarbeiter hinterfragt wird. Wenn es um die Frage der Implementierung einer neuen Idee geht, stehen sämtliche laufenden Projekte auf dem Prüfstand. Allerdings führt das Bemühen um Konsens auch häufig zu Rücksichtnahmen. Quintessenz: Es ist außerordentlich betrüblich, dass Entwicklungen in der Erziehungshilfe von fachfremden juristischen Überlegungen dominiert werden. Ohne Zweifel ist Recht und Gesetz zu akzeptieren. Es wäre im Sinne der kommunalen Gesamtverantwortung für die Jugendhilfe daher hilfreich, wenn die kommunalen Zusammenschlüsse sich beim Gesetzgeber für die rechtliche Absicherung sozialräumlicher Konzepte und Sozialraumbudgetierungen einsetzen würden. Es ist nicht einzusehen, weshalb ein öffentlicher Träger auf der Grundlage des KJHG bestimmte Träger belegen kann, andere willentlich und wissentlich unberücksichtigt lassen kann, im Sozialraumbudget jedoch die Möglichkeit der Inanspruchnahme grundsätzlich bis ins Kleinste eingeräumt werden muss. Es ist zu erwarten, dass nicht in allen Kommunen entsprechende Verwaltungsgerichtsurteile erstritten werden, da nicht davon auszugehen ist, dass die Kläger zukünftig als Träger freudig in Anspruch genommen werden. Die Inanspruchnahme oder Nichtinanspruchnahme eines bestimmten Trägers ist fachlich nur über das Wunsch- und Wahlrecht herzuleiten. Es gibt somit keinen Anspruch auf Berücksichtigung aller Anbieter in einem Sozialraum. Insofern sind erstrittene Urteile möglicherweise ein Pyrrhussieg. Man wird auch nichts daran ändern können, dass in katholischen Bezirken eher die Caritas und in evangelisch dominierten Bezirken eher das Diakonische Werk zum Zuge kommt. Beim Sozialraumbudgetmodell geht es ausschließlich um ein Organisationsmodell sozialer Arbeit, das wieder stärker Lebenslagen in den Blick nimmt und sich 219

gegen den Trend zur Individualisierung184 und Therapeutisierung stellt. Diesen Anforderungen an soziale Arbeit darf sich die Rechtsprechung nicht entgegenstellen und einseitig Trends setzen. Unter Berücksichtigung der Erfahrungen sowohl mit marktorientierten Konkurrenzmodellen als auch mit dem Sozialraummodell sollten beide Modelle die Chance der rechtlichen Zulässigkeit erhalten. Dazu ist der Gesetzgeber gefordert, Rahmenbedingungen zu schaffen, die Budgetmodelle ausdrücklich unter gewissen Voraussetzungen legitimieren. 8.2

Zusammenfassung der Ergebnisse

Das Budgetmodell in der Erziehungshilfe enthält eine Menge von positiven Effekten, • so eine eindeutig vor dem Einsetzen von Erziehungshilfen beginnende Verantwortung, • die Möglichkeit der Integration von Hilfestrukturen, • die kreative Ausgestaltung von individuellen Hilfesettings, • eine Stärkung der Adressaten, • die Möglichkeit der Planung und Steuerung der Jugendhilfe anhand von Finanz- und inhaltlichen Controllingdaten einschl. der Evaluation, • und die Freude der Mitarbeiter, in einem sozialräumlichen Tätigkeitsfeld zu arbeiten und endlich einmal im Stadtteil nicht nur als einsamer Einzelfallhelfer für Problemfälle sondern als kompetenter Gesprächspartner im Stadtteil wahrgenommen zu werden, • die Partnerschaft „auf Augenhöhe“ zwischen freien und öffentlichem Träger der Jugendhilfe. Sozialpädagogische Argumente gegen flexible, sozialräumliche Hilfen werden heute nicht mehr formuliert. Sozialräumliches Arbeiten als Methode ist also weitgehend unstrittig. Lediglich die Ernsthaftigkeit, mit der die neuen Vokabeln gefüllt werden und mit der der organisatorische Rahmen verändert wird ist nicht immer deutlich. Nicht alles, was zurzeit unter den neuen Begrifflichkeiten firmiert, hält den Ansprüchen an eine zeitgemäße Jugendhilfe stand. Dieser Beitrag ist aus Sicht der maßgeblich Beteiligten der Versuch der Rechtfertigung einer Vielzahl von Überlegungen, Gesprächen und Entscheidungen, die uns im Jugendamt Celle dahin geführt haben, wo wir z. Zt. stehen: in einem Prozess, der viel versprechende Ansätze bereithält aber auch noch einige Unge-

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s. Ulrich Beck, Risikogesellschaft – Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt/Main 1986 Ulrich Beck/Elisabeth Beck-Gersheim (Hrsg.) Riskante Freiheiten, Frankfurt/Main 1994

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reimtheiten. Letztere sind aber auf keinen Fall größer als die Ungereimtheiten im System einzelfallfinanzierter, versäulter Hilfen. Das finanzielle und inhaltliche Risiko haben wir auf die niedrigschwelligen und ambulanten Hilfen eingegrenzt. Weitere Schritte (z. B. in Richtung der Einbeziehung von Jugendhilfe oder Jugendsozialarbeit oder der stationären Hilfen) werden wir jedoch erst gehen, wenn die Vorteile weitergehender Systeme überzeugend nachgewiesen und auf Praxistauglichkeit geprüft werden können. Bliebe am Schluss noch zu erwähnen, dass der gesamte Umgestaltungsprozess gemeinsam mit den Kooperationspartnern ohne Hilfe und Finanzierung einer Organisations- oder sonstigen Beratung, allerdings mit der Möglichkeit der Reflexion und Mitfinanzierung durch Bund und dem Land Niedersachen im Rahmen des Bundesmodellprojektes INTEGRA185 über drei Jahre begleitet wurde. Die Koordination des INTEGRA-Projektes lag bei der IGfH in Frankfurt und wurde u. a. durch einen örtlichen Beirat186 begleitet. Die Stadt Celle hat sich der zweiten Förderphase des INTEGRA Bundesmodellprojektes nicht angeschlossen und hat im Landesjugendamt Niedersachsen einen guten Partner gefunden, der inhaltlich und finanziell das Modell begleitet, um die Zielsetzungen des Modells in der Praxis voranzutreiben. Wir sind der festen Überzeugung, dass die derzeitige Praxis dem Ziel einer lebenswelt - oder alltagsorientierten Jugendhilfe ein Stück näher gekommen ist und mit herkömmlichen Mitteln nicht hätte erreicht werden können. Dies ist Nachweis genug, um über eine Umsteuerung der Jugendhilfe nachzudenken.

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weitere beteiligte Gebietskörperschaften: Städte Dresden, Erfurt, Frankfurt/Oder und der Landkreis Tübingen Prof. Dr. Gunther Pilz, Fachbereich Dr. Lösche, Leiterin der Erziehungsberatungsstelle Landkreis Celle Herr Kröger, ehem. Dezernent im Landesjugendamt Niedersachen In dessen Nachfolge: Frau Wagner, Dezernentin im Landesjugendamt Niedersachsen 186

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