Alter schützt vor Torheit - Narro-Altfischerzunft

Alter schützt vor Torheit - Narro-Altfischerzunft

SÜDKURIER NR. 35 | MP DONNERSTAG, 12. FEBRUAR 2015 2 Themen des Tages SD ÜO DN KNThemen 2 UE R ISETRA GN,R 1. 23. 5F |E BMRPU A R 2 des 015 Tages Zum...

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SÜDKURIER NR. 35 | MP DONNERSTAG, 12. FEBRUAR 2015

2 Themen des Tages SD ÜO DN KNThemen 2 UE R ISETRA GN,R 1. 23. 5F |E BMRPU A R 2 des 015 Tages Zum Tag GESAGT IST GESAGT

Z U M S C H M U T Z I GE

Das ganze Jahr Fastnacht An der Fastnacht werden die Großkopfeten gefeiert. Alles ist wie immer. Aber das ist schon schlimm genug. VO N W I L L I W. W I C H T I G ( W W W )

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V

erlorene Liebesmüh’, vertane Lebenszeit. Diese Zeilen sind geschrieben, um nie gelesen zu werden. Warum ist es nicht möglich, einfach mal ein Stück Zeitung weiß zu lassen? Als Bekenntnis, sagen wir, der fastnächtlichen Unvollkommenheit. Wozu schreiben, wenn die Adressaten heute garantiert anderweitig beschäftigt sind? Sie sind alle auf der Gass’, tröten, trinken, torkeln in schnell schäbig scheinender Kostümierung. Schmutziger Dunschdig halt. Irgendwann wird ihnen übel, im besten Falle schaffen sie es gerade noch nach Hause. Zum Glück weiß der Himmel alleine, wozu dieses Stück Heimatzeitung heute noch genutzt wird. Dabei ist das Thema interessant – gerade fürs närrische Volk. Es geht um die Frage, warum an Fastnacht dieselben Großkopfeten vornedran sind wie sonst auch. Spitzenpolitiker werden mit Narrenorden zugehängt und halten dann spitze Reden auf andere Spitzenpolitiker. Promis national („Der Herr Minischderpräsident“) bis lokal („Unser Burgi“) werden hofiert und gehätschelt und belegen die besten Plätze neben den adrettesten Damen. Sollte es an Fastnacht nicht anders sein – die Kleinen vorn, die Großen hinten, das Volk spricht und die Macht schweigt? Von wegen! Narrenfunktionäre sind eitel und wollen – wenn schon, denn schon – einen anerkannten Spitzennarren neben sich. So hören wir Wahlkampfreden, bloß gereimt und mit viel Täräh-Täräh-Täräh dazwischen. Dem Vernehmen nach unterhalten fastnächtlich stark geforderte Politiker sogenannte Närrische Referate (När-Re), in denen Witzeprofis mithilfe diverser Reimelexika ganzjährig Wahlprogramme in fastnächtliche Verse transferieren. Man erkennt die Referate an den bunten Luftschlangen im Briefkopf.

Auch bei der launigen Betriebsfeier sitzt Scharnierfabrikant Schlottke vorn, schlürft Schampus und wärmt sich an der Unterwürfigkeit seiner Knechte, und wenn beim kecken närrischen Betriebsprogramm einem Naivling ein zu deftiger Schlottke-Witz entfleucht, dann gibt es Aschermittwoch ein häsfreies Einzelgespräch und im Wiederholungsfalle die Freistellung als Chance.

Oktoberfest und Conchita Wurst Daraus ließe sich folgern, Fastnacht sei eigentlich wie der Rest des Jahres, nur dass die Leute etwas seltsam gekleidet sind. Tatsächlich aber ist es andersrum: Das ganze Jahr ist Fastnacht. Die Anlässe, sich zu verkleiden und zu betrinken, jagen sich. Fußball-WM, Grill-WM, Oktoberfest, Dschungelcamp, Weihnachtsmarkt, Conchita Wurst, Halloween – überall schminke-schminke, winke-winke. Wem das nicht reicht, der kann im August in das Städtchen Senj an der kroatischen Küste reisen. Dort wird der Karneval im Hochsommer gefeiert – was den sichtbaren Vorteil hat, dass die langbeinigen Mäschgerle mit wesentlich weniger Kostüm auskommen, hä. (Ja, okay, ist ein Macho-Satz, liebe Redaktion. Geht gar nicht. Bitte unbedingt rausstreichen, bevor Ihr nachher auf die Fastnacht stürmt! Bloß nicht vergessen!!) Das ganze Jahr ist Fastnacht. Das erklärt, warum Wladimir Putin sagt, er habe zwar von Ferne von gewissen Turbulenzen in der Ukraine gehört, habe damit aber garantiert nichts zu tun. Es erklärt, warum ein armes Ministerle jetzt die luftige Stammtischidee einer Pkw-Maut nur für Ausländer so in Gesetze und Ausnahmen pressen muss, dass sich die finanziellen Verluste in Grenzen halten. Und der amerikanische Präsident ärgert sich, dass ihn dauernd irgendwelche ominösen Besucher in seinem großen Weißen Haus mit ihren Problemchen volltexten und ihn vom geliebten Golfspiel abhalten. Berufliche Tätigkeit als Handicap. Wer hilft? Wir! Mutig werden wir an der Entfastnachtisierung der Welt arbeiten. Wir decken sämtliche Missstände auf, wir gehen knallhart bis an den Rand – Oha, da ist er ja schon . . .

„Unser Asylsystem knüpft an die politische Verfolgung an und ist nicht das geeignete Instrumentarium, um Wirtschaftsflüchtlingen zu helfen.“ Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes ....................................... „Die vielen Asylbewerber und Geduldeten dürfen wir nicht monatelang tatenlos in ihren Unterkünften herumsitzen lassen.“ Aydan Özoguz, SPD-Integrationsbeauftragte der Bundesregierung ....................................... „Wer heute nach einem Einwanderungsgesetz ruft, wird für modern gehalten. Wer dann noch sagt, ,Deutschland ist ein Einwanderungsland’, der gilt als besonders toll. Das ist aber zu kurz gesprungen.“ Volker Bouffier, hessischer CDU-Ministerpräsident ....................................... GUT ZU WISSEN

Dialekt schreibt ! Jeder die Fas(t)nacht anders

Heute wird sich mancher aufmerksame Leser der Zeitung die Augen reiben: Warum schreibt man auf diesen Seiten einmal Fasnacht und daneben Fastnacht? Einmal mit, einmal ohne „t“? Die schwankende Orthografie hat nichts mit dem Alkoholpegel der Redakteure zu tun – dieser ist von der Obrigkeit auf null gesetzt. Der Grund liegt im feinen Unterschied der hiesigen Dialekte: So wie die fünfte Jahreszeit verschieden gefeiert wird, wird sie auch verschieden ausgesprochen. Der Älbler liebt die Fasnet und der See-Alemanne seine Fasnacht. Nur die ehrenwerten Hüter des Brauchtums wollen uns die Fastnacht verbindlich vorschreiben. Geht nicht. Das Brauchtum ist die letzte Insel, die vor Konrad Duden und Werner Mezger sicher ist. Wie wäre es eigentlich mit der Variante Fassnacht? In den kommenden Tagen wird manches Fass aufgemacht. (ali)

Heute Das digitale Angebot für Mitglieder BILDERGALERIEN

Die Fasnacht tobt in der Region Bei SÜDKURIER Online finden Sie alle Bilder, Videos und Texte zum närrischen Treiben in der Region!

Alter schützt vor nicht

Torheit

➤ Nirgends ist die Fasnacht älter als in Laufenburg ➤ Ein habsburgischer Herzog stiftet das erste Fleckenhäs ➤ Bis heute werden nur Männer als Mitglied aufgenommen V O N U L I F R I C K E R , Z Z T. L A U F E N B U R G

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So fühlt sich Fasnacht an: hölzerne Maske mit großen Augen, leicht geöffnete volle Lippen und ein Gesichtsausdruck, der unbestimmbar ist. Diese Larve stammt aus Laufenburg, Kreis Waldshut, und zählt zu den ältesten Zeugen der Fasnacht. Sie stammt aus der Zeit um 1700 und ist in dieser Altersklasse konkurrenzlos. Auch wenn sie von Schrammen und Gebrauchsspuren gezeichnet ist: Das Holzlärvle mit den riesigen Augäpfeln und Kopftuch ist faszinierend. Das gute Stück ist der Ötzi im Bestand der fasnachtlichen Frühmenschen. Es gehört zur Narro-Altfischerzunft 1386 in Laufenburg. Hinter dem langen Namen verbirgt sich eine hochinteressante Vereinigung mit Wurzeln bis ins Mittelalter hinab: Die Altfischerzunft verkörpert mit die älteste Fasnacht im süddeutschen Raum. Nach Einschätzung von Werner Mezger verfügt der Ort „mit über die ältesten Holzmaskenbestände im gesamten alemannischen Raum“. Ob sie absolut die älteste Zunft ist, will der Volkskundler nicht beschwören. Doch bescheinigt Mezger den 72 aktiven Narren hier ein „Alleinstellungsmerkmal“: Sie machen vieles anders als anderswo. Wie ist erklärbar, dass gerade hier die ältesten Narren ihr Unwesen treiben? Fragen dieses historischen Kalibers sind nur in Laufenburg selbst zu lösen. Ortstermin im Haus Maria Grün, direkt am Rhein. Hinter der ehrwürdigen Fassade der Villa verbirgt sich die Zunftstube der Narro-Altfischerzunft. Das Allerheiligste gewissermaßen, wo die Prähistorie der fünften Jahreszeit gepflegt wird. Claus Epting, 47 Jahre alt, empfängt in der Zunftstube Besucher und andere Narren. Die Zunftoberen tagen hier zwischen Vitrinen mit alten Masken. Der holzgetäfelte Raum atmet Altertum, etwa so wie der Salon eines englischen Herrenclubs mit Humidor und trockenem Whiskey. Claus Epting ist im Zivilberuf Werkzeugmacher und in der Freizeit Zunftmeister. Er vertritt seine 71 Kollegen nach außen und hat viel Arbeit, sagt er. Heute schreitet er mit dem Reporter durch die Heiligen Hallen der Narretei. Ein Gang rückwärts in die Geschichte einer ebenso faszinierenden wie eigenartigen Vereinigung. Die lange Geschichte ist dem Laufenburger Narro auf den Leib geschneidert. Jedes seiner Beigaben und Stücke ist wichtig und wird von der Zunft auch

www.suedkurier.de/fasnacht Der ukrainische Teufelskreis

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Harald Glööckler hat „Ja“ gesagt

JA N S O N

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Eigentlich hängt Harald Glööckler gern alles an die große Glocke – nur nicht seine Hochzeit.

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Abstimmung vom 11. Februar Finden Sie es richtig, in den Kommunen die Hürden für Bürgerentscheide abzusenken? 54 % – Ja, so kommt der Wille der Bürger am besten zum Ausdruck. 46 % – Nein, meist bleiben den Abstimmungen zu viele Bürger fern. Frage heute: Sollten Schweizer und österreichische Sender in Deutschland frei empfangbar bleiben? www.suedkurier.de/umfrage

Zwei Länder, ein Brauch Laufenburg liegt südlich und nördlich des Rheins. Der Fluss war jahrhundertelang nur ein Gewässer und keine politische Grenze. Erst Napoleon, damals Erster Konsul der französischen Republik, wies den südlichen Teil der Schweiz und den nördlichen Teil dem Großherzogtum Baden zu. Die Fasnacht feiern beide gemeinsam, sie ist gemeinsames Erbe – egal wie der Franken gerade steht. Nach einem ausgeklügelten Ablauf treffen sich beide auf der Rheinbrücke und gehen ein Stück gemeinsam. Die Narronen (Mehrzahl von Narro) sehen auf beiden Seiten gleich aus: Fleckengewand, Fischernetz oder Gabensack. Schwarze Schuhe und weiße Handschuhe. Die Masken stehen für verschiedene Stimmungen: lachend, weinend, verzerrt (Grotesken). (uli)

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genau kontrolliert. „Die Schuhe müssen schwarz sein“, sagt Epting, „denn früher gab es statt der Schuhwichse nur Ruß zum Schwärzen“. Dazu weiße Handschuhe und ein Fischernetz, das über die Schulter getragen wird. „Ganz früher war die Fischerei der wichtigste Beruf im Ort“, weiß der Zunftmeister. Schon der Stadtname weist auf gefährliches Wasser hin: Das Wort Laufen steht im Alemannischen für Stromschnelle. Aus dem reißenden Wasser zogen die Fischer unter erheblichem Risiko einen seltenen und wohlschmeckenden Fisch heraus: den Salm. Heute gibt es die Stromschnellen nicht mehr und keinen Salm und keine Berufsfischer. Nur in der Altfischerzunft ist dieses Kapitel aufbewahrt. So wird Fasnacht zur gelebten Geschichte. Claus Epting erzählt. Er weist auf das Gewand des Narro, bestehend aus Jacke und Hose, auf die viele bunte Stoffflecken aufgenäht sind. Wie fast alles in dem schmucken Städtchen dies- und jenseits des Rheins steckt auch da eine Geschichte dahinter. Der Legende zufolge gehen die Blätz (oder Blätzli) auf dem Häs auf den damaligen Landesherrn Herzog Leopold III. zurück. Der Habsburger war 1386 Stadtherr, nachdem er die Stadt seinem hochverschul-

................................................ „Wir sind eine reine Männerzunft, und daran wird sich auch nichts ändern.“ Claus Epting, Zunftmeister der Laufenburger Narro-Altfischerzunft 1386 ................................................ deten Vetter Hans abgenommen hatte. Leopold gab den Großzügigen und stellte den Fischern einen Wunsch frei. Diese wollten nichts sehnlicher als ein buntes Kleid, ein Gewand also, das aus verschiedenen Fetzen zusammengestoppelt wird. Der Herzog gewährte ihnen also den Blätz, generös wie er war und wie alle Habsburger waren: Leere Taschen, aber immer mit vollen Händen ausgeben. So wird es bis heute überliefert. So geht also die Sage, doch ist das eine sinnige Sage, da sie eine wichtige historische Ära getreu spiegelt: Über Jahrhunderte hinweg war diese österreichische Dynastie am Hoch- und Oberrhein begütert und beherrschend. Und die Stammburg selbst, die Habsburg, liegt im heutigen Kanton Aargau. Ein Tagesritt von Laufenburg entfernt.