Anmerkungsapparat - Schmetterling Verlag

Anmerkungsapparat - Schmetterling Verlag

Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Eine Aneignung. Reihe theorie.org. 1. Auflage. Stuttgart: Schmetterling Verlag 200...

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Eine Aneignung. Reihe theorie.org. 1. Auflage. Stuttgart: Schmetterling Verlag 2004. ISBN 3-89657-586-4.

Anmerkungsapparat Zu 1

Einleitung

Anm1 La Reprise Als der erste revolutionäre Aufstand und Wilde Generalstreik – der Pariser Mai 1968 –, den ein hochindustrialisiertes Land nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte, von den alten Mächten Frankreichs gestoppt wurde, filmten am 10. Juni 1968 anonyme Pariser Filmstudenten eine Szene vor der »Wonder«-Batteriefabrik in Paris, bei der das Ende des großen Streiks verkündet wurde. Dieses zwölfminütige Rohmaterial bildet den Ausgangspunkt und das Zentrum des 1996 gedrehten Dokumentarfilms »La reprise du travail aux usines Wonder«. In einer dramatischen Detektivarbeit begab sich der Regisseur Hervé Le Roux auf die Suche nach allen damals Beteiligten vor und hinter der Kamera. In seinem Film lässt er sie nicht nur über das damalige Ereignis erzählen, sondern konfrontiert sie auch mit dem historischen Filmdokument. (Frz. la reprise: Wiederaufnahme [des Verfahrens],

Wiederaufführung,

Wiederholungszeichen,

Wiederbeginn,

Wiederingangkommen,

Wiedereinnahme, Wiedereroberung, Wiederergreifung, Überholung, Ausbesserung, Wiederaufleben, Aufschwung, Auftourenkommen, neuer Gang, neue Runde.)

Anm2 Zu den deutschen Übersetzungen situationistischer Originaltexte Bei den Zitaten aus den Zeitschriftenbänden der SI halten wir uns in der Regel an die – gegenüber der kompletten Veröffentlichung der Zeitschriften in den zwei Bänden »Situationistische Internationale 1958-1969« – aktuellere Übersetzung in Gestalt der Textkompilation »Der Beginn einer Epoche«, da diese für geneigte LeserInnen einfacher zu bekommen ist. In den Zitatnachweisen werden aber beide Quellen angegeben, wobei die verwendete Übersetzung zuerst genannt wird. Eingriffe in Übersetzungen, wenn wir dies anhand des französischen Originals für angebracht erachten, behalten wir uns allerdings vor. Für oft zitierte Texte und Werke benützen wir Abkürzungen, welche im Abkürzungsverzeichnis der Literaturangaben aufgelistet sind. Ansonsten wird AutorIn plus Jahreszahl der Veröffentlichung angegeben.

Anm3 Situation und Psychoanalyse Der aus einer Traumatisierung und Verdrängung hervorgehende krankmachende Teufelskreis kann laut Sigmund Freud (1856-1939), dem Begründer der modernen Psychoanalyse, durchbrochen werden, indem wir die traumatisierende »Situation reproduzieren, um sie zu einem Ablauf durch bewusste Tätigkeit zu leiten«, die unbewusste Fixierung, »die Einstellung auf die Situationen der

Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat Symptombildung« aufzulösen, »die vergessenen Situationen und Zusammenhänge« aus der Verdrängung zu befreien, »sich in eine frühere Situation zu versetzen« und sogar »komplizierte Situationen in der analytischen Therapie selbst zu schaffen und durchsichtig zu erhalten.« [FGW10:126f.]

Anm4 SituationistInnen – Teil der Linken? »Die Linke« (ursprünglich Sammelbezeichnung für die links Sitzenden im Parlament der Französischen Revolution, die im wesentlichen Jakobiner waren) war nie mehr als der linke politische Flügel der bürgerlichen Gesellschaft: universal und radikal für »Freiheit und Gleichheit«, »Solidarität«, »soziale Gerechtigkeit«, Durchsetzung von Demokratie und Menschenrechten für alle – keines dieser Ziele und Anliegen überschreitet den Horizont der bürgerlichen Gesellschaft. »Die Linke« kämpfte von jeher dafür, die »Schattenseite« (SI) dieser Gesellschaft zu beseitigen und die »Sonne von Freiheit und Glück« für alle scheinen zu lassen: »Das Tauschwertsystem und mehr das Geldsystem sind in der Tat das System der Freiheit und Gleichheit [...]. Was diese Sozialisten von den bürgerlichen Apologeten unterscheidet, ist auf der einen Seite das Gefühl der Widersprüche des Systems, andrerseits der Utopismus, den notwendigen Unterschied zwischen der realen und idealen Gestalt der bürgerlichen Gesellschaft nicht zu begreifen und daher das überflüssige Geschäft zu übernehmen, den idealen Ausdruck, das verklärte und von der Wirklichkeit selbst als solches aus sich geworfne reflektierte Lichtbild selbst wieder verwirklichen zu wollen.« [Marx1953:916]. Wer den utopischidealistischen Horizont dieses bürgerlichen, in der Regel kleinbürgerlichen Radikalismus überschritt durch das Bestreben, den Umsturz der kapitalistischen Produktionsverhältnisse herbeizuführen, hörte damit schon auf, bloß links zu sein (ohne damit etwa rechts zu werden), und wurde revolutionär (z.B. ein Marx hätte sich schwerlich einfach als »Linker« kennzeichnen lassen). Die Bezugsgröße für »Linke« wie »Revolutionäre« ist das Proletariat: »Linke« vertreten es als (bürgerliche) Repräsentation oder nehmen a priori ihren Abschied davon, »Revolutionäre« organisieren darin seine Konstitution als mögliches Subjekt des möglichen Communismus. »Linke« sind positiv oder negativ auf den Staat fixiert, sie nehmen ihn als das einzig denkbare Subjekt übergreifender Gesellschaftlichkeit. Der vielbeklagte historische »Niedergang der Linken« entsprach der sukzessiven Verwirklichung der bürgerlichen Werte durch den Kapitalismus selbst, der zu ihrer Durchsetzung nun kaum noch seines radikalen idealistisch-utopischen Flügels bedarf. Dafür ist »die Linke« – die sich als Restlinke selbst unermüdlich zur Wiederauferstehung animiert – seit dem Ausgang des 20. Jahrhunderts endgültiges Sammelbecken

für

die

»strömungsübergreifende«

politische

»Bündnispolitik«

erstarrter

Zerfallsprodukte der alten sozialistischen Bewegung geworden. (Benennungen wie »rätistisch«, »anarchistisch«, »stalinistisch«, »trotzkistisch« etc. wurden in dieser allgemeinen Auflösung deshalb zunehmend irrelevant.) Derzeit wird der »Abschied vom Proletariat« widerrufen und erneut »die soziale Frage« entdeckt... Aber all dies geschieht nur durch Regression auf den frühsozialistischen Wertekosmos – Gefühlssozialismus, Rückgriff auf kleine, warme, direkte Gemeinschaft und vor allem auf die große Gemeinschaft der antiimperialistischen Völker sowie auf der Basis kurzatmigantikapitalististischen Ressentiments gegen Geldmenschentum und Bankenmacht... Die Linke ist

2

Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat gemeinsam mit dem Kapitalismus, dessen spiegelverkehrte Negativ-Utopie sie bildet, zur Reaktion auf der ganzen Linie übergegangen.

Anm5 Communismus: Begriff und Gestaltungen Die Schreibweise des Terminus »Communismus« mit »C« im vorliegenden Buch hat folgende Relevanz: Sie soll erstens in einem erneuten Anlauf an die ursprünglichen Ansprüche des so genannten »wissenschaftlichen Communismus« zunächst theoretisch zu Beginn der Ära Marx und dann praktisch mit der Pariser Commune (1871) anknüpfen. (Hierbei soll nicht verhehlt werden, dass Marx selbst so gut wie nie von einem wissenschaftlichen Communismus oder Sozialismus zu sprechen pflegte, weil sich die Wissenschaftlichkeit für ihn als theoretischer Ausdruck der wirklichen Bewegung von selbst verstand). Sie grenzt sich damit zweitens von den inzwischen allgegenwärtigen und missbräuchlichen Wortbedeutungen in bürgerlicher Wissenschaft, Ideologie und Alltagsdenken ab; u.a. von denjenigen Konnotationen, welche auf der einen Seite durch inflationäre Verwendung des Wortes in Organisationen und Parteien entstanden sind, die das »K« in ihrem Namen führen, und denjenigen, die auf der anderen Seite den immer schon herrschenden Antikommunismus evozieren. Drittens

soll

endlich

wieder

der

internationalistische

und

cosmopolitische

Charakter

des

Communismus zur Geltung gebracht werden, der in den regionalistischen, nationalistischen etc. Erscheinungsformen des 20. Jahrhunderts untergegangen ist, die von allen parteikommunistischen Gestalten wie »russischer Kommunismus«, »chinesischer Kommunismus« etc. unlösbar waren. Viertens soll mit diesem winzigen Eingriff auch eine immer noch ausstehende Selbstkritik des wissenschaftlichen

Communismus

an

seiner

eigenen

»rohen«,

utopisch-kommunistischen

Vorgeschichte bis heute, seinen theoretischen und praktischen Illusionen, seinen Verstellungen und Verirrungen,

gewissermaßen

»minimalistisch«

(mittels

zeichenhaftem

Ersetzen

des

heruntergekommenen »K«, das niemand mehr hören und sehen kann, durch das Hohe C) angeregt werden.

Anm6 Revolutionen und Theorie Wir lehnen die Unterscheidung zwischen den Termini »Revolutionstheorie« – als fachhistorischer Gegenstand positivistischer Forschung – und »revolutionäre Theorie« – im Sinne eines doktrinären idealistischen Verständnisses der »revolutionären-Theorie-per-se« ab: Wir werden bei der Darstellung der Theorie der Bedingungen der Möglichkeit von Revolution weder von den historisch-empirischen Revolutionen abstrahieren können noch dem idealistisch-mechanistischen Verständnis eines orthodoxen »Marxismus« das Wort reden, der immer schon weiß, wie sich der Gang der Geschichte entwickeln wird. Dagegen wenden wir hier den Begriff »Revolutionstheorie«, ohne ihn vom historischmaterialistischen Boden als »positive Wissenschaft« abzulösen. Stattdessen wird er im Sinne der Marxschen 11. Feuerbachthese [MEW3:7] und in der Intention der Erklärung in »Die deutsche Ideologie« verwendet: Für uns ist im Sinne von Marx alle Wissenschaft nur »die Wissenschaft der Geschichte.« [MEW3:18]. Diese in eine theoretische Deutung bestimmter historischer Situationen,

3

Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat »die jede Umkehr unmöglich« machten (siehe Einleitungspräambel im Enchiridion), hineinzuwenden scheint uns als Versuch für das Verstehen, Erklären und Begreifen der SI angemessen. Wie unzulänglich auch Einzelne dies heute erfüllen können, für die kollektive revolutionstheoretische Initiative, die wir anregen möchten, bleibt die von Walter Benjamin formulierte Devise: »Die materialistische Geschichtsdarstellung führt die Vergangenheit dazu, die Gegenwart in eine kritische Lage zu bringen.« [Passagenwerk Band 2: 588]

Anm7 Theorie und Macht, Ideologie und Ohnmacht »Die Theorie der Revolution [...] hat effektive Existenz nur durch ihren praktischen Sieg [...]. Die revolutionäre Theorie ist die Domäne der Gefahr, die Domäne der Ungewißheit; sie ist denen verwehrt, die die beruhigenden Gewißheiten der Ideologie wollen, einschließlich der offiziellen Gewißheit, standhafte Feinde jeder Ideologie zu sein. Die Revolution, um die es geht, ist eine Form menschlicher Beziehungen. Sie nimmt teil an der sozialen Existenz. Sie ist ein Konflikt von universellen Interessen, die die Totalität der sozialen Praxis betreffen, und darin allein unterscheidet sie sich von den anderen Konflikten. Die Gesetze des Konflikts sind ihre Gesetze, der Krieg ist ihr Weg, und ihre Operationen lassen sich eher mit einer Kunst als mit einer wissenschaftlichen Untersuchung oder einer Bestandsaufnahme guter Absichten vergleichen. Die Theorie der Revolution wird nach diesem einzigen Kriterium beurteilt, daß ihr Wissen eine Macht werden muß.« [DwS§46.]

Anm8 Historismus, Katastrophismus, Aktualisierung Walter Benjamin forderte für die historischen Phänomene eine »Aktualisierung« als »Rettung«: »Wovor werden die Phänomene gerettet? Nicht nur vor dem Verruf und der Mißachtung, in die sie geraten sind, als vor der Katastrophe, wie eine bestimmte Art ihrer Überlieferung, ihre ‚Würdigung als Erbe’ sie sehr oft darstellt. – Sie werden durch die Aufweisung des Sprungs an ihnen gerettet. – Es gibt eine Überlieferung, die Katastrophe ist.« Und Adorno erwiderte in einem Brief an Benjamin (5.6.1935): »Das Jüngstvergangene stellt allemal sich dar, als sei es durch Katastrophen vernichtet worden.« Deshalb antwortete Benjamin: »Gerade hier hat der historische Materialismus alle Ursache, sich gegen die bürgerliche Denkgewohnheit scharf abzugrenzen. Sein Grundbegriff ist nicht Fortschritt, sondern Aktualisierung.« [Benjamin1982,I:501; II:574; II:586f; vgl. I:494f; II:587f; II:593].

Anm9 »Ausweglos« scheinende Situation, pseudopraktische Resignation oder Praxis der Theorie Ähnlich wie Theodor W. Adorno (1903-1969) einen solchen Ausweg in seinen Worten skizzierte: » Eingesperrte möchten verzweifelt heraus. In solchen Situationen denkt man nicht mehr, oder unter fiktiven Voraussetzungen. In der verabsolutierten Praxis reagiert man nur und darum falsch. Einen Ausweg könnte einzig Denken finden, und zwar eines, dem nicht vorgeschrieben wird, was herauskommen soll, wie so häufig in jenen Diskussionen, bei denen feststeht, wer recht behalten muß, und die deshalb nicht der Sache weiterhelfen, sondern unweigerlich in Taktik ausarten. Sind die

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat Türen verrammelt, so darf der Gedanke erst recht nicht abbrechen. Er hätte die Gründe zu analysieren und daraus die Konsequenz zu ziehen. An ihm ist es, nicht die Situation als endgültig hinzunehmen. Zu verändern ist sie, wenn irgend, durch ungeschmälerte Einsicht. Der Sprung in die Praxis kuriert den Gedanken nicht von der Resignation, solange er bezahlt wird mit dem geheimen Wissen, daß es so doch nicht gehe.« [AdornoGW,Bd.10.2:796].

Anm10 »Einen Situationismus gibt es nicht«, höchstens situationistische Praxisformen »Künftig sind die Situationisten überall, und ihre Aufgabe ist überall. [...] Der Begriff selbst des ‚Situationisten’ wurde von uns lediglich deshalb verwandt, um bei der Wiederaufnahme des sozialen Kriegs eine gewisse Anzahl von Perspektiven und Thesen durchzubringen. Jetzt, wo das geschehen ist, mag dieses situationistische Etikett in einer Zeit, die noch Etiketten braucht, gut für die Revolution einer Epoche bleiben, aber auf ganz andere Weise. Wie im übrigen eine gewisse Anzahl von Situationisten Veranlassung finden mag, sich unmittelbar untereinander zu assoziieren – und zwar zunächst für die aktuelle Aufgabe des Übergangs aus der ersten Periode der von den Massen aufgenommenen revolutionären Parolen zu dem geschichtlichen Begreifen der Gesamtheit der Theorie, und zu ihrer notwendigen Entwicklung –, das werden die Modalitäten des praktischen Kampfes bestimmen, und kein organisatorischer Apriorismus.« [DwS§53]

Anm11 Waren die SituationistInnen bewusst »benjaminianisch«? Pierre Missac (1910-1986), der in späteren Jahren ein Doppelleben als Schriftsteller und Direktor in einer Rückversicherungsgesellschaft führte, lernte 1937 Walter Benjamin (1892-1940) kennen – durch Vermittlung von Georges Batailles. Er übersetzte »Über den Begriff der Geschichte«, das ihm Benjamin im März 1940 selbst vorgelesen und von dem er ihm ein Exemplar übergeben hatte. Die Übersetzung erschien im Oktober 1947 in der sehr verbreiteten Zeitschrift »temps modernes«. (Die 1969 in »Le monde des livres« publizierte Würdigung Benjamins ging auf seine Initiative zurück.) Seitdem

lag

in

Frankreich

die

Benjaminsche

Geschichtstheorie

»in

der

Luft«.

[Vgl.

BW(Briefe)Bd.VI:172].

Anm12 Über Guy Debord, SI-Mitglied bis 1972 Guy Debord (1931-1994) in Paris geboren, in Cannes aufgewachsen, schloss sich 1951 der lettristischen Bewegung an, »einer vollständigen Opposition gegen die gesamte ästhetische Bewegung«, die sich zur Lettristischen Internationale (LI) radikalisierte. Auf der »Suche nach neuen Interventionsverfahren« versuchte die LI die »Aufhebung der Kunst« in Richtung einer sozialen Revolution voranzutreiben [BE:36]. Debord drehte mehrere Filme, bei denen es im wesentlichen darum ging, die Passivität der ZuschauerInnen zu durchbrechen oder sie mit ihrer eigenen Rolle als bloßes Publikum zu konfrontieren. Die Kritik der Passivität, die Mechanismen, welche die Menschen davon abhalten, das gesellschaftliche Leben aktiv zu gestalten, führte Debord zu einer kritischen

5

Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat Aneignung der Theorien von Georg W. F. Hegel, Karl Marx, Sigmund Freud, Georg Lukács und anderen, die er in diversen Zeitschriftenartikeln und v.a. in seinem Hauptwerk »Die Gesellschaft des Spektakels« (1967) miteinander verschmolz. 1957 war er Mitinitiator für die

Gründung der

Situationistischen Internationalen (1957-1972) und blieb bis zuletzt einer ihrer wesentlichen Protagonisten. Zwischen 1972 und bis zu seinem Tod drehte er noch einige Filme und verfasste einige wenige Texte. Am 30.11.1994 nahm sich Debord nach Auftreten einer schweren Krankheit das Leben.

Anm13 Über Raoul Vaneigem, SI-Mitglied bis 1970 Der

Belgier

Raoul

Vaneigem

(*1934),

geboren

in

Lisses,

Studium

und

Diplom

der

Literaturwissenschaften an der Universität Libre de Bruxelles, lernte Guy Debord 1960 über den marxistischen Philosophen Henry Lefèbvre kennen [vgl. Kaufmann2004:216]. Er schloss sich der SI an und gründete 1961 zusammen mit Attila Kotányi (*1924), einem Ungarn, der 1956 über Jugoslawien nach Brüssel flüchtete, das situationistische »Büro für einen unitären Urbanismus« [vgl. BE:95ff/SI1:223ff]. Während seiner Zeit bei der SI schrieb er richtungsweisende Artikel und große Essais wie vor allem die »Basisbanalitäten« [BE:122ff/SI1,2:285ff,42ff] und von 1963-1965 das »Handbuch der Lebenskunst für die jungen Generationen« [Vaneigem1980]. Mit seinem originellen Verbinden der Philosophien und Theorien von Karl Marx, Sören Kierkegaard und Friedrich Nietzsche verkörperte er die eher existenz- und lebensphilosophische Tendenz innerhalb der SI. Im November 1970 verließ Vaneigem die SI, nicht ohne vorher noch eine »Rücktrittserklärung« verfasst zu haben [siehe DwS:144f]. Nach seinem Verlassen der SI verfasste er mehrere Bücher und beteiligte sich an praktischen Aktionsbewegungen, in denen er jener anarcho-vitalistischen Tendenz treu blieb. [Vgl. auch: Charles2002].

Anm14 Über Asger Jorn, SI-Mitglied bis 1961 Der dänische Maler Asger Jorn (Asger Oluf Jørgensen 1914-1973), geboren in West-Jütland, schloss sich 1933 der kommunistischen Partei an. Während der Besetzung Dänemarks durch NaziDeutschland gab Jorn zusammen mit anderen dänischen Künstlern die Zeitschrift »Helhesten« (dt.: Das Höllenpferd, 1941-1944) heraus, als Teil des »Kulturkampfes [...], um den nationalsozialistischen Einfluß aus dem dänischen Geistesleben herauszuhalten« [Jorn zit. n. Andersen2001:102]. Er war Mitbegründer der Künstlergruppe COBRA (COpenhaben, BRuxelles, Amsterdam 1948-1951), einem experimentellen Kollektiv, das den Anspruch hatte, »alle sterilen und dogmatischen Theorien beiseite« zu lassen [Gallisaires1995:6], und des »Mouvement pour un Bauhaus Imaginiste« (MIBI 1954-1956), das »im Gegensatz zur Welle des industriellen Designs und der angewandten Kunst« die »Begeisterung und Inspiration der freien Künste am Bauhaus wieder zum Leben erwecken« wollte [Andersen in Messer1994:14]. 1954 nahm er Kontakt zur Lettristischen Internationalen auf, und so kam es, dass das MIBI und die LI in der 1957 gegründeten Situationistischen Internationalen (SI) aufgingen. Kurz bevor die SI mit den Künstlern und Architekten, insoweit sie innerhalb der SI am

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat Charakter einer modernistischen Künstler-Avantgardeorganisation festhielten, gebrochen hat, verließ Asger Jorn 1961 offiziell die SI, um als »Georges Keller [...] in der S.I. ein bescheidenes Untergrundleben [zu] führen« [Ohrt1990:247] und zugleich die "Zweite SI", die sein Bruder Jörgen Nash auf skandinavischem Terrain gründete, zu unterstützen; er finanzierte außerdem weiterhin viele der situationistischen Aktivitäten und blieb u.a. auch mit Guy Debord befreundet, der ihn noch kurz nach Auflösung der SI sehr würdigte [siehe Debord 2001]. Am 1.5.1973 starb Asger Jorn an Lungenkrebs.

Anm15 Über Constant, SI-Mitglied bis1960 Der aus Amsterdam stammende Constant (Constant Nieuwenhuys, *1920) lernt 1946 in Paris Asger Jorn kennen. 1948 ist er u.a. zusammen mit Jorn einer der Gründer des Künstlerkollektivs COBRA (COpenhague, BRuxelles, Amsterdam 1948-1951). Unter dem Namen »New Babylon« entwickelt er ein urbanistisches Kulturprojekt, das sowohl Politik, Architektur wie kreativ-spielerische Ästhetik umfasst und in vielfältigen Modellen entfaltet wird. Die zukünftige Stadt wird von ihm dabei als über dem Erdboden auf Stützen gestelltes, sich ausdehnendes System verschiedener netzartiger Strukturen vorgestellt. Die Neu-Babylonier streifen darin permanent umher auf der Suche nach neuen Erfahrungen und unbekanntem Ambiente. Sie können ihre Umgebung jeweils aktiv umgestalten und endlos variieren. Constant entwirft diese Architektur gesellschaftlich übergreifend als konkrete Utopie [vgl. Sadler1998].

Zu 2

Die Situationistische Internationale in ihrer Zeit

Anm16 Dadaismus und Surrealismus – kritische Bezugsgrößen für LettristInnen und SituationistInnen Dadaismus: Die Dada-Bewegung, die während des Ersten Weltkriegs entstand, stellte die gesamte bisherige Kunst und Politik in Frage, indem sie durch gezielte Banalität und Unlogik gegen die Bourgeoisie, das Künstlertum und vor allem gegen den Wahnsinn des Krieges und des Alltags wie der Vernunftordnung der Gesellschaft, die ihn hervorbrachte, protestierte. Ungeklärt bleibt, ob sich die Dada-Bewegung nach dem französischen Wort »dada« (franz.: Schaukelpferd) oder nach einem damals bekannten Haarwaschmittel namens »DADA« benannt hatte. Am 5. Februar 1916 gründeten Hugo Ball (1886-1974) und Emmy Hennings (1885-1948) in einer Züricher Bar das »Cabaret Voltaire«, eine Mischung aus Nachtclub und Kunstsalon. Junge Dichter und Künstler wurden eingeladen, dort ihre Werke vorzutragen, Bilder aufzuhängen oder selbst zu musizieren. Obwohl das »Cabaret Voltaire« nur sechs Monate bestand, war klar, dass sich hier eine neue künstlerische Bewegung mit antibürgerlicher Grundhaltung formiert hatte, und daraufhin breitete sich die dadaistische Idee schnell international aus. Dada war ein Protest gegen alle Aspekte westlicher Kultur, besonders gegen den Militarismus während und nach dem Ersten Weltkrieg. Gegen Ende des Ersten Weltkriegs entstanden in Frankreich, Deutschland und den Vereinigten Staaten Dada-Galerien,

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat wurden Dada-Zeitschriften gegründet und Dada-Manifeste geschrieben. Hans Arp (1886-1966) und Max Ernst (»Dadamax Ernst«, 1891-1976) veranstalteten in Köln dadaistische Versammlungen. Richard Huelsenbeck (1892-1974) und Raoul Hausmann (1886-1971) gründeten einen Dada-Club in Berlin, zu dessen Mitgliedern Künstler wie Georg Grosz (1893-1959), Hannah Höch (1869-1978) und John Heartfield (1891-1968) gehörten. Ebenfalls in Berlin fand 1920 die Erste Internationale DadaMesse statt. Die Dadaisten sagten allen etablierten Kunstformen den Kampf an. Durch eine ironische Synthese von Archaischem, Banalem und moderner Technik versuchten sie die Sinnlosigkeit von herrschender Logik, normalem Intellekt und bürgerlicher Ratio wie Kultur zu verdeutlichen. Lärmmusik,

Simultanvorträge,

Zufallsgedichte,

Photomontagen

und

Collagen

aus

Zeitungsausschnitten, Photos und Alltagsgegenständen gehörten zu ihren Ausdrucksmitteln. Ihre theatralischen Aufführungen und Manifeste wurden von vornherein entworfen, um zu schockieren oder zu verwirren mit dem Ziel, die Öffentlichkeit durcheinanderzubringen, damit sie die angenommenen ästhetischen Werte radikal in Frage stelle. Zu ähnlichen Aufständen gegen konventionelle Kunst kam es gleichzeitig in New York und in Paris, die – initiiert von Man Ray (18901976), Marcel Duchamp (1887-1968), Francis Picabia (1879-1953), Arthur Cravan (1887-1920) u.a. – zur Inspiration für die Surrealistische Bewegung wurden. Der rumänische Dichter Tristan Tzara (18931963), der schon beim »Cabaret Voltaire« mitgewirkt hatte, initiierte 1919 mit Picabia in Paris eine Dada-Gruppe, zu der vor allem Literaten wie André Breton (1896-1966), Louis Aragon (1897-1982) oder Paul Eluard (1895-1952) gehörten, die sich bald dem Surrealismus verschrieben. Als Bewegung zerfiel Dada in den Jahren um 1920. (André Breton organisierte einen Kongreß zur Neuorientierung des Pariser Dada, der von Tzara vereitelt wurde.) Mitte der 1950er Jahre wurde ein Interesse an Dada in New York City unter Komponisten, Schriftstellern und Künstlern wiederbelebt, die viele Arbeiten mit dadaistischen Merkmalen produzierten. Surrealismus: Die vom französischen Schriftsteller André Breton seit 1921 in Paris mit einem unvergleichlichen Charisma geführte surrealistische Bewegung suchte die eigentümliche Wirklichkeit des Menschen im Unbewussten auf, verwertete Rausch- und Traumerlebnisse als Quell der künstlerischen Eingebung und bemühte sich in ihren Formenexperimenten, das Bewusstsein und die Wirklichkeit global zu erweitern und alle geltenden Werte umzustürzen. Der Name Surrealismus geht auf Guillaume Apollinaire (1880-1918) zurück, der sein Theaterstück »Les Mamelles de Tirésias« (1917; wörtlich: »Die Titten des Teiresías«, jenes blinden Sehers in der griechischen Götterwelt, der vorübergehend das Geschlecht gewechselt hatte) mit dem Untertitel »surrealistisches Drama« versah und mit dieser Bezeichnung einen den fotografischen Realismus, den Naturalismus und den Symbolismus

überschreitenden

Wirklichkeitsbezug

bzw.

dessen

sprachliche

Vermittlungsmechanismen meinte. Bei Breton hingegen bezeichnet der Begriff eine spontane verbale oder künstlerische Schöpfung aus dem Unbewussten heraus; er schrieb: »Ich glaube an die künftige Auflösung dieser scheinbar so gegensätzlichen Zustände von Traum und Wirklichkeit in einer Art absoluter Realität, wenn man so sagen kann: Surrealität.« [Das Manifest des Surrealismus, Paris 1924]. Der Traum sollte als Katalysator zur Vereinigung zweier Welten, einer inneren und einer äußeren, dienen. Wie der Dadaismus hatte auch der Surrealismus eine revolutionäre Zielsetzung: »‚Ändere die Welt’, hat Marx gesagt; ‚ändere das Leben’, hat Rimbaud gesagt, diese beiden Losungen

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat sind für uns identisch« [Breton1972:251]. Breton, Eluard, Aragon und viele andere traten Mitte, Ende der 20er Jahre der Kommunistischen Partei Frankreichs bei. Breton wurde 1933 wieder rausgeworfen, da er seine Sympathien für Trotzki und seine Aversion gegen den Stalinismus stets offenherzig bekundete. Vielfältige politische Streitigkeiten, wie die Devise »le surréalisme au service de la révolution« (»der surrealismus im dienste der revolution« – so lautete der programmatische Titel einer Zeitschrift) realpolitisch umzusetzen sei,

und die sich vor allem seit dem Exil bedeutender

SurrealistInnen in den USA und Mexico während der NS-Okkupation Europas verstärkende »Wendung zum Mystizismus« [Dupuis:98] trugen zur beginnenden Auflösung des Surrealismus bei. Die »Abendröte« seit den 1930er Jahren war allerdings ein ebenso langwieriger wie produktiver Niedergang. Bedeutende Künstlerinnen gingen aus dieser Bewegung hervor, wie Frida Kahlo (19071954), Nusch Èluard, Eileen Agar, Lee Miller, Kay Sage (1898-1963), Léonor Fini, Toyen, Valentine Hugo, Ithell Colquhoun, Leonora Carrington und Remedios Varo [vgl. Chadwick 1986]. Für das aktivste revolutionäre Engagement steht vor allem Benjamin Péret (1899-1959), der im Spanischen Bürgerkrieg kämpfte (während der Ex- und Pseudosurrealist Salvador Dalí (1904-1989) dort für die Konterrevolution Partei ergriff und auch künstlerisch keinesfalls mit der surrealistischen Avantgarde zu verwechseln ist, eine Identifikation, die gleichwohl als vulgäres Vorurteil verbreitet ist). Trotz einer gewissen Wiederbelebung während der Jahre der Résistance (1940-44) kann nach dem zweiten Weltkrieg von einer lebendigen surrealistischen Bewegung kaum noch die Rede sein. [Vgl. die späte Abrechnung »Der radioaktive Kadaver« von seiten Vaneigems unter dem Pseudonym Jules Francois Dupuis (dt.1977).]

Anm17 Frühe SituationistInnen und ihre lettristischen Ursprünge Guy Debord lernte 1951 bei den Filmfestspielen in Cannes – der Stadt, in der er aufgewachsen war, – Isidore Isou (*1925) und die lettristische Bewegung kennen, schloss sich ihr an und siedelte kurze Zeit später nach Paris um. Debord erinnert sich an seine erste Zeit im Pariser Stadtteil Saint-Germain-desPrés: »In dem verrufenen Viertel, in das es meine Jugend zog, als wollte sie dort ihre Lehrjahre abschließen, schienen sich alle Anzeichen eines unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruchs des gesamten Zivilisationsgebäudes miteinander verabredet zu haben. Hier fanden sich stets Leute, die nur negativ definiert werden konnten, weil sie keinen Beruf hatten, keinem Studium nachgingen und keine Kunst ausübten.« [Debord1997:31]. Michèle Bernstein (*1932) wuchs in der Normandie auf, musste als Kind während der NaziOkkupation ihren »jüdischen Namen« verbergen, studierte zunächst an der Sorbonne in Paris und lernte Anfang der 1950er Jahre in der Spelunke »Chez Moineau« – Treffpunkt der lettristischen Bewegung – im Stadtteil Saint-Germain-des-Prés diejenigen Leute kennen, von denen sie meinte, mit ihnen »die alte Welt durch eine neue ersetzen« zu können [zit. n. Marcus1996:392]. In den ersten Nummern der situationistischen Revue trat sie ab und zu mit sehr klaren, ebenso immanent avantgardistisch argumentierenden wie unumwunden revolutionären Kritiken am Künstlertum hervor. Auch verfasste sie, um der SI Geld zu verschaffen, zwei Romane – »Tous les chevaux du roi«, Paris 1960; »La nuit« Paris 1961–, bei denen sie Fragmente der Unterhaltungsliteratur und von Klassikern

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat plagiierte und neu zusammensetzte. (Eine Analyse dieser Romane findet sich in Ohrt1999:30ff.) Zusammen mit J. V. Martin (dänisches SI-Mitglied bis 1972) setzte sie 1963 als »Antikunstwerke" Reliefplastiken wie "Der Sieg der Pariser Commune", "Die Rückkehr der Bande Bonnot" und andere "Zweckentfremdungen der Pop-Art" u.a. in Aktionen gegen das europäische Bunkerbauprogramm ein [SI2:121]. Sie leistete jahrelang eine ungeheure redaktionelle Arbeit. [vgl. Jaqueline de Jong: Eine Frau in der Situationistischen Internationale. (Ausstellungskatalog) Wien 1997] 1967 trat sie aus der SI aus. Ivan Chtchegloff (Pseudonym: Gilles Ivain, *1934) stößt ebenfalls um 1950 zur letrristischen Bewegung. Als Stichwortgeber, Visionär und »Feuerwerk der Ideen« [Ohrt1990:75] von prägendem Einfluss auf die GenossInnen, lassen sich viele seiner Inspirationen später in der SI wiedererkennen. Er verfasst 1953 das »Formular für einen neuen Urbanismus« [BE:53ff/SI1:20ff], in dem er experimentelle Verhaltensweisen zur Aneignung des städtischen Raumes und dessen Transformation in radikal neuartige, utopisch anmutende Stadtlandschaften vorschlägt. »Manche beschreiben ihn als Genie und als Visionär, aber auch als labilen Charakter, den die Polizei 1950 [...] festnimmt, weil er den Eiffelturm in die Luft jagen will, dessen Lichter ihn am Schlafen hindern. 1954 wird er aus der Lettristischen

Internationale

ausgeschlossen

[...]

wegen

‚Mythomanie,

Deutungswahn

und

mangelndem revolutionärem Bewußtsein’ [...].« [Kaufmann2004:143] Erst nachdem Chtchegloff in die Psychiatrie eingewiesen wird, gehen Debord und seinen GenossInnen »die Augen auf, und sie protestieren gegen jede Art von Internierung« [ebd.]. Der Ausschluss Chtchegloffs war der einzige, der in der Geschichte der LI und der SI praktisch widerrufen wurde. In der Revue der SI wurden Auszüge seiner »Briefe aus der Ferne« [BE:171ff/SI2:130ff] abgedruckt, und er wirkte somit in der SI als eine Art »‚Revenant’ (Geist, Gespenst)« [Kaufmann2004:144]. »In der Ferne, irgendwo in der Nähe seiner ‚Klinik’ lebt Ivan Chtcheglov noch heute« [Ohrt1990:76]. Er kann als der »Erfinder« der »Zweckentfremdung der Psychoanalyse« für eine Vergesellschaftung als Psychogeographie und dérives gelten, deren Konkretisierungen aus dem antizipatorischen Unbewussten bzw. Vorbewussten (als Traum von einer anderen Stadtlandschaft, die sich bereits durch Umherschweifen vermessen und umgestalten lässt, obwohl sie uns noch nicht gehört) bis zur Erschließung raumzeitlicher Stützpunkte und

Konstruktion

aneignender

Situationen

die

situationistische

Revolutionstheorie

und

Praxisexperimente zutiefst geprägt haben. Der britische Künstler Ralph Rumney (1934-2002) nahm 1957 – kurz vor der Gründung der SI – Kontakt zur LI auf. Die Photos, die während dem Gründungstreffen der SI gemacht wurden, stammen von ihm. Schon im März 1958 wurde er aus der SI ausgeschlossen. Er verfasste das Buch »Le Consul«, in dem er »in äußerst amüsanter und hintergründiger Weise« [Ohrt,JW2002,Nr.14] so manchen Klatsch um die SI erzählt. Er gilt zeitlebens als »Künstler des Verschwindens« – seiner Malerei wie seiner Person – bei dem Abenteuer der psychogeographischen Erschließung des urbanen Dschungels »einer Welt der Langeweile«, wobei er »sich unter unseren vielfachen Erinnerungen verliert und auflöst.« [SI1:34]. !Ex.: Zu Ritual und Sinn der Ausschlusspraxis der SI.

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat Anm18 Aufstieg und Niedergang des Lettrismus Innerhalb der LettristInnen begannen sich zwei gegensätzliche Strömungen herauszubilden: die eine um Isou bewegte sich weiter auf dem Feld von Kunst und Ästhetik, die andere hielt es mehr mit dadaistischer »Anti-Kunst« und kultureller Sabotage. Diese zweite Gruppe erreichte in Frankreich einen gewissen Bekanntheitsgrad, als sie anlässlich der Ostermesse in Notre Dame 1950 den Priester einschloss und anstatt seiner einen Lettristen auf die Kanzel stellte, der nach dem Nietzsche-Zitat »Gott ist tot« seine Ansprache abbrechen musste, um mit seinen Freunden der Lynchjustiz durch die aufgebrachten Gottesdienstbesucher zu entgehen. 1951 stieß der damals neunzehnjährige GuyErnest Debord zu den LettristInnen und schloss sich umgehend dem aktionistischen Teil an. Zum offenen Bruch der beiden Flügel kam es 1952, als Isou eine geplante Störaktion der Pressekonferenz von Charlie Chaplin im Pariser Hotel Ritz der Presse verriet. Chaplin hatte man sich ausgesucht, weil er, dem Terror der McCarthy-Inquisition entflohen, nun in Europa bereit war, Ehrungen durch die englische Königin und das französische Staatsoberhaupt entgegenzunehmen. Die Aktion war auch aufgrund des Verdachtes geplant worden, dass Isou und einige seiner Anhänger eine Karriere in oder zumindest ein Auskommen mit der Filmbranche anstrebten. Isous Denunziation beseitigte diesbezüglich die letzten Zweifel. (Näheres zu diesen Vorfällen in: a) Metzger1988 b) Marcus1989 c) Ohrt1990 d) Kaufmann2004.)

Anm19 Zum Begriff der Situation Wie beherrschend das Wort »Situation« von 1944 bis 1960 zumindest in Frankreich war, und zwar – ob bewusst oder unbewusst – auf allen Ebenen des modernen Alltagslebens, zeigt sich in der Namensgebung aller Bände, in denen Jean-Paul Sartre (1905-1980) seine »Essais« herausgab. Sie erschienen von 1945 bis vor seinem Tod unter dem Titel »Situations I-VIII«. Das lateinische Wort »situatio« heißt »Lage«, »Stellung«, von »situare«: »hinstellen«, und hat v.a. geographische und militärische Bedeutung [vgl ausführlicher: Ohrt1990:162ff]. Bei Hegel kommt dem Begriff »Situation« in philosophischer Hinsicht eine besondere Bedeutung zu. Er bestimmt »Situation« als »‚Mittelstufe zwischen dem allgemeinen in sich unbewegten Weltzustande und der in sich zu Aktion und Reaktion aufgeschlossenen konkreten Handlung’ [...].Insofern Hegel [...] die (voll entfaltete) Situation als Konkretion (‚Bestimmtheit’) eines Allgemeinen durch Kollision und Konflikt bestimmt sein läßt, führen durchaus gewisse Linien von seinem zum Situationsbegriff der Existenzphilosophie.« [HWP, Stichwort »Situation«, 923f]. Im Anschluss an die Philosophie Sören Kierkegaards (1813-1845) ist nach Karl Jaspers (1883-1969) die Situation des Menschen »bestimmt durch Grenzsituationen: ‚Grenzsituationen [...] erschüttern den Menschen und bringen ihn zu sich.’« [Ebd.] Nach Nicolai Hartmann (1882-1950) gehört zur Situation zweierlei: »Sie ‚kommt ungerufen, sie überfällt den Menschen, er ‚gerät’ in sie. Ist er aber einmal in sie geraten, so ist er auch in ihr gefangen: er kann nicht mehr ‚zurück’ aus ihr.’ Andererseits: ‚Zum Handeln zwingt ihn die Situation unter allen Umständen. Wie er aber zu handeln hat, schreibt sie ihm nicht vor. Darin hat er Freiheit. So ergibt sich die [...] eigenartige Sachlage: die Situation, in die er gerät, ist für ihn zugleich Unfreiheit und Freiheit,

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat Zwang und Spielraum«. [Ebd.] Ganz ähnlich kennzeichnet sie auch Sartre: »Eine Situation setzt sich [...] zusammen aus einer bestimmten Lage, in der man sich gerade befindet, und der Freiheit, darauf zu antworten«. [Ebd.] Der SI zufolge lässt sich aber Freiheit nicht bloß dadurch erfahren, dass man irgendwie in eine Situation gerät, die dann Entscheidungen erfordert, sondern auch dadurch, dass sich Situationen aktiv konstruieren lassen, insbesondere als revolutionäre Situationen. Und hier steht dann vor allem Karl Marx Pate für den Situationsbegriff der SI: die proletarische Revolution als gesellschaftliche, historische »Situation [...] die jede Umkehr unmöglich macht« [MEW8:118]. Auch die klassische Psychoanalyse wird von Sigmund Freud entlang Situationen (z.B. ödipale Konstellation, traumatisierende Situation, Triebschicksale und -konflikte) entwickelt (vgl. auch Anm3). Walter Benjamin und Adorno haben jeweils auf ihre Weise »Situation« und »Konstellation« ins Zentrum der geschichtstheoretischen »Konstruktion« gestellt und vor allem »die Katastrophe« ins Auge gefasst. »Dem revolutionären Denker bestätigt sich die eigentümliche revolutionäre Chance jedes geschichtlichen Augenblicks aus der politischen Situation heraus.« [Benjamin 1984,168].

Anm20 Zur Aufhebung des Politischen So wie schon die LI erklärte 1964 auch die SI ihre Ablehnung von traditionell verstandener Politik: »Unter ‚politischer Bewegung’ versteht man heute die spezialisierte Tätigkeit von Gruppen – bzw., Parteiführern, die aus der organisierten Passivität ihrer militanten Anhänger die Unterdrückungskraft ihrer zukünftigen Macht schöpfen. Die Situationistische Internationale will mit der hierarchischen Macht nichts gemein haben, auf welche Weise es auch sein mag. Sie ist also weder eine politische Bewegung noch eine Soziologie der politischen Mystifikation.« [SI2:112f]. Die situationistische Begründung dieser Kritik des Politischen hat mit der anarchistischen dogmatischen Politik-Abstinenz wenig bis nichts zu tun, sondern geht auf die dialektische historische Kritik schon des frühen Marx am jakobinistischen »Wunderglauben an die Demokratie« und an die Staatlichkeit zurück, denen die Überwindung der bürgerlichen Sphärentrennung (und die damit verbundene Spaltung der Individuen in einerseits privater ökonomischer Bürger-Mensch: »homme bourgeois«, andererseits öffentlicher politischer Staatsbürger-Mensch: »homme citoyen«) revolutionär entgegenzusetzen ist: »Erst wenn der wirkliche individuelle Mensch den abstrakten Staatsbürger in sich zurücknimmt und als individueller Mensch in seinem empirischen Leben, in seiner individuellen Arbeit, in seinen individuellen Verhältnissen, Gattungswesen geworden ist, erst wenn der Mensch seine ‚forces propres’ [ihm eigentümlichen Wesenskräfte] als gesellschaftliche Kräfte erkannt und organisiert hat und daher die gesellschaftliche Kraft nicht mehr in der Gestalt der politischen Kraft von sich trennt, erst dann ist die menschliche Emanzipation vollbracht.« [MEW 1:370]

Anm21 Totum und Kohärenz Gegenüber der deutschen Übersetzung dieser Stelle, die »une théorie d’ensemble« mit »ganzheitlicher Theorie« übersetzt [vgl. Potlatch:227], schlagen wir »in sich zusammenhängende

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat Theorie« vor, um den New-Age-Konnotationen von Ganzheitlichkeit auszuweichen und auf den später einzuführenden und u.a. von Debord oft gebrauchten Begriff der »kohärenten Theorie« hinzuleiten.

Anm22 »Es gibt keinen Situationismus.« – Innere und äussere Feinderklärung Wie Marx noch zuletzt klarstellte, »alles was ich weiß, daß ich kein Marxist bin« [vgl. MEW35:388 u. MEW37:450], so stellte die SI an diesem Punkt ihre antidoktrinäre Ideologiefeindschaft immer wieder klar, »weil wir den Ausdruck ‚Situationismus’ ablehnen, der eigentlich die einzige geeignete Kategorie wäre, uns in das herrschende Spektakel einzuführen, indem er uns darin als eine Ideologie im Marxschen Sinne integrieren würde« – verstanden als falsches, verkehrtes Bewusstsein [SI2:114]. Im Nachhinein historisierte sie das Phänomen und ging von hier aus zur Kennzeichnung und Kritik des »Prosituationismus« (siehe Ende des Kapitels 2) über: »Der Situationismus ist die Jugendkrise der situationistischen Praxis, die den entscheidenden Moment einer ersten bedeutsamen extensiven Entwicklung erreicht hat, den Moment, wo sie praktisch das Spektakel beherrschen muss, das sich ihrer bemächtigt.« [DwS§26].

Anm23 Geld und Macht der SituationistInnen Zur sozialen Selbstverortung der SI-Mitglieder hieß es in der letzten Nummer ihrer Revue (1969) in Reaktion auf öffentliches Orakeln und Projizieren, wer wohl diese revolutionäre »Elite« verkörpern und finanzieren würde: Man »wirft dieser ‚Elite’ vor, die die SI darstellen soll, eine führende Organisation zu sein – wie denn? –, die Diktatur der Theorie darzustellen – durch welche Vermittlung? – und aus reichen Bourgeois zu bestehen – darüber lachen wir lieber! Der letztere Einwand wäre, wenn er stimmte, nicht weniger schwachsinnig, da einige sehr bekannte Revolutionäre des 19.Jahrhunderts – sozio-ökonomisch gesehen – proletarisierte Intellektuelle und selbst mehr oder weniger Schmarotzer und bürgerlicher oder fürstlicher Abstammung waren. Jedenfalls können wir allen Verdächtigen, die uns bei jeder Gelegenheit als eine Elite der Studentenwelt präsentieren, eine für sie recht beklagenswerte Wahrheit entgegensetzen: nehmen wir die Verfasser der drei einzigen bisher von uns veröffentlichten Bücher als Beispiel, so sind zwei von ihnen Arbeitersöhne, und der dritte – einer, der wie kein anderer seine gesellschaftliche Stellung verloren hat – war nicht einmal Student.« [SI2:434f]. Dann wiederum: »Während man uns gleichzeitig das Gegenteil vorwirft, greift man einige Situationisten wegen der Lohnarbeit an, die sie eventuell verrichten mußten. Sind einige von uns Maurer, Seeleute, Hafenarbeiter gewesen, – dann ist das nichts anderes als künstlerischer Proletkult. [...] Was Debord betrifft, [...], er verdiene seinen Lebensunterhalt und finanziere sogar die SI dadurch, daß er ganz einfach beim Pokerspiel mogelt. Von René Viénet ist gesagt worden, er sei an verschiedenen ‚rackets’ beteiligt – er ist sozusagen ein Sinologe. Andere tadeln ihn auch deshalb. Zusammenfassend: die Situationisten – und ein hoher Prozentsatz unserer Ausschlüsse kann das bezeugen – haben nie etwas getan, indem sie für ihr persönliches ökonomisches Überleben oder auch für ihre kollektive Finanzierung (denn das sind zwei verschiedene Fragen) sorgten, das den

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat allgemeinen revolutionären Methoden, die wir behauptet haben, und der Kohärenz des praktischen Prozesses, den diese mit sich bringen, entgegensteht.« [SI2:438f]. !Ex.: Zu Ritual und Sinn der Ausschlusspraxis der SI.

Anm24 »Nashismus« Jørgen Nash (Jørgen Jørgensen *1920) »führte ein abenteuerlustiges Leben als Ziegenhirte, Holzfäller,

Boxer,

Zirkusartist,

Seemann

u.a.

Er

war

aktiv

in

der

kommunistischen

Widerstandsbewegung während der nazistischen Okkupation Dänemarks. Bei einer Sabotageaktion in Deutschland geschnappt, wurde er in Berlin-Moabit in U-Haft genommen.« [Nash1993, Klappentext.] Er kaufte in den 1960er Jahren einen Hof in Südschweden, den er »Drakabygget« (dt. Drachenhügel) taufte, und gründete dort ein Kunstzentrum. Im März 1962 wurde er von der SI ausgeschlossen wegen »Verschwörung« mit den sogenannten »Nationalsituationisten« um die deutsche Gruppe SPUR und weil er »mit dem ‚situationistischen’ Stempel versehene Kunstwaren schnell [...] verbreiten« wollte [SI1:311f], was die SI als »kontersituationistische Operation« des »Nashismus« betrachtete [SI2:29f]. Kunstgeschichtlich wird diese skandinavische Entwicklung unter »Zweite Situationistische Internationale« abgehandelt [vgl. Ohrt1990:262ff u. Andersen2001:375ff]. !Ex.: Zu Ritual und Sinn der Ausschlusspraxis der SI.

Anm25 »SPURismus« Um aus der stickigen, vormodernen Atmosphäre des postfaschistischen CDU/CSU-Staats einmal herauszukommen, fand auch die – in den Augen solcher Cosmopoliten wie Debord einfach nur »lächerliche« (Debord) – deutsche »Gruppe SPUR«, »les spuristes« (Debord), Anfang der 1960er zur SI [vgl. Ohrt1990:219]. Dies waren eine Hand voll Künstler, meist Maler aus München, mit Schwabinger Stil und der typisch deutschen Vorstellung, dass Revolution erstens nicht viel mit »Proletariat« zu tun haben könne, zweitens modernistische Künstler-Avantgarde darstelle und drittens unbedingt permanente »Gaudi« sein müsse. Nur dann könnte sie auch irgendwie populär sein. Kurz, »der Geist«, den diese Bierdunst-Bohemiens – als Vorläufer der später so genannten »Spaßguerilla« – beschworen, hieß Max Stirner und war lebendiger denn je in der BRD. (Genaueres siehe: !Ex.: »Die deutsche Misere«.) So hieß es in ihrem »Manifest«: »Wir werden der objektiven Unverbindlichkeit eine militante Diktatur des Geistes entgegensetzen. Wir können nichts dafür, daß wir gut malen. Wir bemühen uns auch noch in diesem Sinn. Wir sind arrogant und exzentrisch. Wir spotten jeder Beschreibung. (...) Wir sind die dritte Welle. Wir sind ein Meer von Wellen (Situationismus).« usw. und endete mit dem Ausruf: »Wir sind die Maler der Zukunft!« [SPUR1991]. Der etwas später hinzugekommene Dieter Kunzelmann sorgte für das Missverständnis eines deutschen »Situationismus«, erst recht, nachdem er zusammen mit den »Kunst-Puristen« aus der SI ausgeschlossen worden war. Bereits auf der 4.Konferenz der SI in London 1960 war jedoch der ganze fertige Antagonismus auf den Tisch gekommen: in einer langen »Erklärung der deutschen Sektion« als schriftliche Antwort auf einen Fragebogen zum situationistischen »Gesamtprogramm der

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat Befreiung« und ob »es gesellschaftliche Kräfte gibt, auf die sich die SI stützen kann? Welche Kräfte sind dies? Unter welchen Bedingungen?«. Die von Heimrad Prem vorgelesene deutsche Antwort darauf griff »die Tendenz zur Unterstützung eines revolutionären Proletariats an, da die Unterzeichner die revolutionären Fähigkeiten der Arbeiter gegen die bürokratischen Eingriffe, die ihre Bewegung beherrscht haben, stark in Zweifel ziehen. Die deutsche Sektion meint, die SI solle sich vorbereiten, ihr ganzes Programm allein zu verwirklichen, indem sie die Avantgardekünstler mobilisiert, die von der heutigen Gesellschaft in unerträgliche Verhältnisse versetzt werden und sich nur auf sich selbst verlassen können, um sich der Waffen der Konditionierung zu bemächtigen«, so las man im Bericht über diese Konferenz in der SI-Revue N°5, und weiter: »Debord antwortet auf diese Stellungnahme mit einer scharfen Kritik. Während einer Nachtsitzung wird die deutsche Erklärung weiter geprüft. (...) Die Debatte über die deutsche Stellungnahme fängt jedoch immer wieder an – und zwar, indem sie zu ihrem Kernpunkt zurückgeführt wird: der Hypothese der zufriedenen Arbeiter. Kotányi wendet sich an die deutschen Delegierten, um sie daran zu erinnern, dass die ‚wilden Streiks’ sich in anderen fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern vermehrt haben, während man seit 1945 in Deutschland scheinbar

passive

und

zufriedene

Arbeiter

sowie

legale,

zur

Unterhaltung

der

Gewerkschaftsmitglieder mit Musik organisierte Streiks sehen konnte. Seiner Meinung nach, fügt er hinzu, verkennen sie stark den deutschen Arbeiter selbst.« Nach langer, getrennter Beratung der Sektionen schließlich »gibt [Hans-Peter] Zimmer im Namen seiner Gruppe bekannt, sie nehme die vorige Erklärung zurück, nicht weil sie sie für bedeutungslos halte, sondern um der situationistischen Tätigkeit jetzt keine Bremsklötze in den Weg zu legen. ‚Wir erklären’, schließt Zimmer, ‚dass wir (...) die heutige Diskussion, die wir als zweitrangig gegenüber der Gesamtentwicklung betrachten, für die Zukunft offenhalten wollen.’ Allgemeine Billigung. Dennoch verlangen Kotányi und dann auch Debord, dass ins Protokoll aufgenommen wird, dass sie die heute diskutierte Frage nicht für zweitrangig halten.« [SI1:173f] Die Weichen waren also längst gestellt, die Spuren der Unvereinbarkeit liegen in aller wünschenswerten öffentlichen Klarheit zutage.

Anm26 »Die Provos« Zwischen 1965 und 1967 erlebten die Niederlande – v.a. Amsterdam – eine mehr oder weniger symbolische »Störung des Friedens« durch die sogenannte Provo-Bewegung, die u.a. aus Teilen der Anti-Vietnamkriegs- und StudentInnenbewegung wie auch aus jungen KünstlerInnen bestand. Ihre spektakulären Aktionsformen umfassten unter anderem das Bemalen von Werbetafeln und Denkmälern mit dem Ziel, auf unterschiedlichste Kritikpunkte an der bürgerlich-rechtschaffen sich gebenden Gesellschaft aufmerksam zu machen. Der Provo-Bewegung war vor allem daran gelegen, die Umweltverschmutzung ins Visier zu nehmen, aber auch die »Scheinheiligkeit des holländischen kollektiven Gedächtnisses« [a.f.r.i.k.a.:133], nicht wirklich etwas Wirksames gegen die deutschen Nazi-Okkupanten unternommen sondern zum Teil sogar mit ihnen kollaboriert zu haben. Es gab auch eine Zeitschrift namens »Provo«. [Vgl. ebd.]. Die SI urteilte über die Provos: »Vor allem aber haben die sich weiterentwickelnden praktischen Widersprüche der heutigen Gesellschaft die lächerliche Institutionalisierung der Provo-Revolte

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat weggeschwemmt, so wie sie ihren authentischen Teil erzeugt hatten. Am konformistischsten hatten sich die Provos gezeigt, als sie das soziologisch-journalistische Dogma des Verschwindens des Proletariats wiederaufgenommen hatten, die Sicherheit, dass die Arbeiter zufrieden und vollkommene Spiessbürger geworden seien. Der Amsterdamer Aufstand vom 14. Juni 1966 [...] dessen Umfang die Provos in dem falschesten Licht bekannt gaben, gab eigentlich eine schon tote Bewegung bekannt. Genau an dem Tag war die Provo-Bewegung gestorben, als es sich um einen mustergültigen Arbeiteraufstand unserer Epoche handelte [...]. Dann blieb die Provo-Hierarchie [...] sich aber selbst treu: sie missbilligte die Gewalt, verurteilte die Arbeiter, rief über Rundfunk und Fernsehen zur Ruhe auf und ging in ihrer Gemeinheit so weit, auf spektakuläre Weise geschlossen die Stadt zu verlassen, um mit dem guten Beispiel der Passivität voranzugehen.« [SI2:320].

Anm27 Die Studentenbroschüre (1966) des »Straßburger Skandals« Eingeleitet wurde die Broschüre »Über das Elend im Studentenmilieu« mit dem Marxschen Motto: »die Schmach noch schmachvoller machen, indem man sie publiziert« [MEW1:381] und war demgemäß als Schmähschrift gegen das Studentenmilieu formuliert. So lautet schon der erste Satz: »Ohne große Gefahr, uns zu irren, können wir behaupten, daß der Student in Frankreich nach dem Polizisten und dem Priester das weitestgehend verachtetste Wesen ist. Wenn auch die Gründe für seine Verachtung oft falsche sind und aus der herrschenden Ideologie stammen, so werden die Gründe, aus denen er vom Standpunkt der revolutionären Kritik her wirklich verachtungswürdig ist und verachtet wird, verdrängt und nicht eingestanden.« [BE:216]

Anm28 Der situationistische Theorie/Praxis-Funke Ein bürgerlicher Publizist schrieb 1968 ganz betäubt: »Der Beobachter kann nur über die Geschwindigkeit staunen, mit der der Funke auf die gesamte Universität und außerhalb der Universität auf die Jugend im allgemeinen übergesprungen ist. Es scheint, daß die von einer kleinen Minorität echter Revolutionäre formulierten Parolen was weiß ich was für undefinierbare Wirkungen in der Seele der neuen Generation ausgelöst haben. [...] Eine Tatsache verdient besondere Beachtung: wir erleben wieder, wie vor fünfzig Jahren, Gruppen junger Leute, die sich ganz und gar der Revolution widmen, die mit Hilfe einer erprobten Technik die günstigen Momente abwarten können, um von ihnen beherrschte Unruhen auszulösen oder zu radikalisieren, um danach in den Untergrund zurückzukehren« [zit. n. SI2:392].

Anm29 Über Sanguinetti, spätes SI-Mitglied bis 1972 Gianfranco Sanguinetti gründete (zusammen mit Paolo Salvadori) 1969 eine italienische Sektion der SI. 1975 verfasste er einen »Wahrhaften Bericht über die letzte Chance, den Kapitalismus in Italien zu retten«, ein Buch, das in Italien großes Aufsehen erregte. Unter dem Pseudonym »Censor« gibt sich Sanguinetti für einen zynischen Kapitalisten aus, »der dem Machtapparat die jeweiligen Vorzüge

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat auseinandersetzt, den die Strategie des historischen Kompromisses und des Staatsterrorismus mit sich bringen.« [Kaufmann2004:343] »Man vermutete den Autor, da er ausgezeichnete Kenntnisse über die aktuellen Probleme des Kapitalismus besaß, in der herrschenden Klasse selbst – bis Sanguinetti sich zu erkennen gab.« [Ohrt1998:35] 1980 erregte er mit dem Buch »Über den Terrorismus und den Staat« abermals Aufsehen, einer Analyse der Entführung und Tötung Aldo Moros durch die »Brigate Rosse«, in der er die Steuerung dieser Entführung durch die italienischen Geheimdienste plausibel machte. [Sanguinetti1981]

Anm30 Die späte SI in Italien Nicht allzu lange nach der SI-Konferenz in Venedig (1969) gelang es der italienischen Sektion der SI gerade noch mit realistischem Gespür, »sich den Ermittlungen der Polizei nach der Explosion der Bomben zu entziehen, die die Behörden für Innere Sicherheit des italienischen Staates im Dezember 1969 benutzt hatten, um die Bewegung der wilden Streiks, die in diesem Moment eine Drohung unmittelbarer Subversion bildete, zu brechen oder hinauszuzögern. Auch veröffentlichte und verteilte sie sogleich im Untergrund das Flugblatt ’il Reichstag bruscia?’ [Brennt der Reichstag?, Anm. BBZN], das bereits mehrere Monate, bevor die italienischen Linksradikalen die ersten schüchternen Zweifel anmeldeten, dieses Manöver in der Hauptsache aufdeckte.« [DwS:106.] (Das Flugblatt ist abgedruckt in Sanguinetti1981:114ff.)

Anm31 Legendenbildung: »Verschwörer-SI« In einer Fernsehansprache am 7. Juli 1968 bediente auch Charles de Gaulle diesen Mythos: »Dieser Ausbruch wurde von einigen Gruppen provoziert, die gegen die moderne Gesellschaft revoltieren, gegen die Konsumgesellschaft, gegen die technologische Gesellschaft, ob kommunistisch im Osten oder kapitalistisch im Westen [...] von Gruppen, die ansonsten nicht wissen, was sie an die Stelle dieser Gesellschaft setzen würden, sondern an der Negation Vergnügen finden.« [Zitiert nach Marcus1989:38].

Anm32 Prosituationistisches Syndrom: »die legendäre SI« Schon auf der 8. Konferenz der SI – es sollte die letzte gewesen sein – zeigte sich das gespenstisch genug. Gleichsam als würde es sich um einen sowjetischen oder chinesischen »Parteitag der Sieger« handeln, »erschien der ‚prosituationistische’ Geist in Venedig auf grandiose Weise. Während einige Genossen systematisch Vaneigems vorsichtiges Schweigen imitierten, verbrauchte die Hälfte der Teilnehmer dreiviertel der Zeit, um mit größter Entschlossenheit die gleichen vagen Gemeinplätze zu wiederholen, die jeder vorangegangene Redner bestätigt hatte [...] Kurz: die Situationisten waren achtzehn an der Zahl, aber sie hatten den Geist von vieren.« [DwS:105] Gewiss gelang es – gemäß dem späteren harten Urteil der situationistischen »Zertrümmerer« der SI – »einem Teil dieser Konferenz [...], gute Analysen der revolutionären Politik in Europa und Amerika zu formulieren und vor

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat allem die Entwicklung der sozialen Krise Italiens in den folgenden Monaten vorauszusehen sowie unsere Interventionsmöglichkeiten. Wenn eine solche Debatte auch sicherlich die extremistischste und am besten informierte politische Gruppe am Werk zeigte, die es damals auf der Welt gab, so wurde aber auch sichtbar, dass die besten Aspekte dessen, was die SI ebenfalls bedeutete, als grundlegende Theorie, Kritik und Kreation in der Gesamtheit des Lebens, oder einfach nur als Fähigkeit zum wirklichen Dialog zwischen autonomen Individuen – als ‚Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist’ [MEW4: 482, Anm. BBZN] – dort völlig fehlten.« [DwS:104].

Zu 3

Die begriffliche Kohärenz situationistischer Theorie und Praxis als revolutionäre Kritik des Proletariats

Anm33 Situationistische Ökonomie der Begierden »Die Definition der neuen Armut ist natürlich nicht möglich ohne diejenige des neuen Reichtums. Dem von der herrschenden Gesellschaft verbreiteten Bild – wonach sie aus sich selbst heraus und unter dem zugelassenen Druck des Reformismus die Ökonomie des Profits zu einer Ökonomie der Bedürfnisse umgewandelt hat – ist eine Ökonomie der Begierde entgegenzusetzen, die man folgendermaßen umschreiben könnte: die technisierte Gesellschaft mit der Vorstellungskraft davon, was man aus ihr machen kann. Die Ökonomie der Bedürfnisse wird in Begriffen der Gewohnheit verfälscht. Die Gewohnheit ist der natürliche Prozeß, durch welchen sich die (erfüllte, verwirklichte) Begierde zu einem Bedürfnis degradiert, was auch bedeutet: daß sie sich bestätigt, objektiviert und überall als Bedürfnis zu erkennen gibt. Aber die gegenwärtige Ökonomie stellt unmittelbar Gewohnheiten her, und sie manipuliert Menschen ohne Begierden, indem sie sie aus ihren Begierden vertreibt.« [BE:120, SI1:268]. Ausführlicheres zum Begriff der »Begierde« siehe weiter unten, sowie !Ex.: Die Kategorien »Natur« und »Geschlecht« und die Sprachkritik und !Ex.: »Das System der Bedürfnisse«.

Anm34 Begriff der Monade, Monadologie Marx überträgt ab und zu den von Leibniz (1646-1716) geprägten philosophischen Begriff der Monade auf die in der Gesellschaft atomisierten Individuen, »des Menschen als isolierter auf sich zurückgezogener Monade.« [MEW1:364]. Die grundlegenden Merkmale der Leibnizschen Monaden sind u.a., dass 1.) sie weder Ausdehnung noch Gestalt haben, d.h. eindimensional sind [vgl. auch Marcuse 1988], 2.) keine mit anderen identisch ist, 3.) sie sich selbst genügend sind, aber dadurch gleichzeitig ihr Zusammenhang gewährleistet sein muss und 4.) jede für sich betrachtet einen »Spiegel der Welt« darstellt. Der Spezialist für diesen Marxschen Leibniz-Bezug ist Hans Heinz Holz. [Vgl. Holz2003].

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat Anm35 Spektakelanalyse und Medienkritik Dem ersten Eindruck, die Spektakelkritik stelle im Grunde lediglich eine Medienkritik dar, steuert Debord gleich von Anfang an entgegen: »Das Spektakel kann nicht als Übertreibung einer Welt des Schauens, als Produkt der Techniken der Massenverarbeitung von Bildern begriffen werden. Es ist vielmehr eine tatsächlich gewordene, ins Materielle übertragene Weltanschauung. Es ist eine Anschauung der Welt, die sich vergegenständlicht hat.« [GdS§5]. Zugleich ist es eine Leistung der Spektakelkritik, auch zu einer radikalen und modernen Medienkritik vorgedrungen zu sein. Sie jedoch allein darauf zu reduzieren, hieße, von ihrer Staats- und Ökonomiekritik zu abstrahieren. Somit würde ihre Kritik an der kapitalistischen Produktionsweise insgesamt, ihre Kritik an der Wert- und Warenform, an der Klassenstrukturiertheit der Gesellschaft etc. ausgeblendet.

Anm36 Kritik als wissenschaftliche Methode: Anspruch und Grenze So eng die Spektakelkritik mit der Marxschen »Kritik der politischen Ökonomie« auch verbunden bleibt, zeichnet sich bei der Art und Weise der Kritik doch zumindest eine kleine Verschiebung gegenüber der Marxschen kritischen Methode ab. Marx’ Verfahrensweise ist eine immanente Kritik sowohl des Kapitalismus als auch der in seiner Zeit vorherrschenden Theorien darüber. Seine Kritik spielt sich innerhalb der wissenschaftlich-philosophischen Standards seiner Zeit ab, wobei er u. a. die begrifflich-historische Methode Hegels weiterentwickelt und umgestaltet hat. Die wissenschaftlichphilosophische Qualität – zumindest was »Das Kapital, Kritik der politischen Ökonomie« [MEW23-25] betrifft – erreichte zwar eine bis dahin nicht gesehene Höhe, die gerade auch heute ungeheuer beeindruckend

ist.

Jedoch

wurde

von

Marx

der

dahinterstehende

(fast

schon

wissenschaftsfetischistische) Anspruch einer solchen »artistischen« Gestalt der Wissenschaftlichkeit selbst nicht thematisiert oder gar kritisch hinterfragt. Dieser wurde von Marx höher denn je geschraubt und konnte weder von ihm in seiner Lebenszeit noch jemals nach seinem Tode von irgendjemandem eingelöst werden. Debord, der keinerlei Autoritäten – auch nicht in der Theorieproduktion – anerkennt, kritisiert nun Marx gerade an dessen noch zu naivem Anspruch von Wissenschaftlichkeit, als einer strengen Wissenschaft von Gesetzmäßigkeiten: »Was die Marxsche Theorie eng mit dem wissenschaftlichen Denken verbindet, ist das rationelle Begreifen der Kräfte, die in der Gesellschaft wirklich walten.« Aber gerade weil sie strategisch darauf ausgerichtet ist, diejenigen in der Gesellschaft waltenden Kräfte zu unterstützen, die darauf aus sind, diese zu überwinden, ist diese Theorie, die zugleich Kritik ist, »grundlegend ein Jenseits des wissenschaftlichen Denkens, in dem dieses nur als aufgehobenes aufbewahrt wird« [GdS§81]. Zwar seien Methode und Kenntnis der Wissenschaft hilfreich, aber das »Projekt, die Wirtschaft zu überwinden, von der Geschichte Besitz zu ergreifen, kann nicht selbst wissenschaftlich sein, auch wenn es die Wissenschaft der Gesellschaft kennen – und zu sich zurückführen – muß.« [GdS§82] Debord erinnert daran, dass Marx selbst es war, der sagte: »Wir kennen nur eine einzige Wissenschaft, die Wissenschaft der Geschichte.« [MEW3:18,vgl.

GdS§81]

Und

diese

Geschichte

der

(uns

schriftlich

zugänglichen)

Menschheitsentwicklung ist bekanntlich »eine Geschichte von Klassenkämpfen« [MEW21:357)],

19

Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat welche gerade nicht deterministisch, gemäß starrer Gesetzmäßigkeiten funktioniert und deshalb auch nicht auf eine wissenschaftliche Darstellung oder gar Doktrin abzubilden sein kann, »die die gegenwärtige Geschichte durch eine wissenschaftliche Erkenntnis zu beherrschen glaubt« [GdS§82]. Aber, so Debord, »gerade die deterministisch-wissenschaftliche Seite im Marxschen Denken war die Bresche, durch die der Prozeß der ‚Ideologisierung’ noch zu seinen Lebzeiten eindrang, und um so mehr in das der Arbeiterbewegung hinterlassene theoretische Erbe.« [GdS§84]. Dieser Mangel an Reflexion wird von Debord allerdings historisch betrachtet: »Der Mangel in der Marxschen Theorie ist natürlich der Mangel des revolutionären Kampfes des Proletariates seiner Epoche. Die Arbeiterklasse im Deutschland von 1848 hat nicht die Revolution in Permanenz dekretiert; die Kommune wurde in der Isolierung besiegt. Die revolutionäre Theorie kann daher noch nicht ihre eigene vollständige Existenz erreichen.« [GdS§85] Und so kommt Debord zu folgendem Schluss: »es geht um ein Begreifen des Kampfes und keineswegs des Gesetzes.« [GdS§81] Was natürlich nicht heißt, dass das Begreifen der in der bürgerlichen Gesellschaft waltenden ökonomischen Gesetzmäßigkeiten vernachlässigt werden sollte. Nur permanent aufeinander bezogen sind praktische Kämpfe und zugrundeliegende Gesetze theoretisch begreifbar.

Anm37 Die ganze Spektakeltheorie gründet sich auf Entwendung Eine Entwendung in »Die Gesellschaft des Spektakels« praktiziert Debord gleich zu Beginn in §1, indem er den ersten Satz aus Marx’ »Das Kapital« modifiziert: »Das ganze Leben der Gesellschaften, in welchen die modernen Produktionsbedingungen herrschen, erscheint als eine ungeheure Sammlung von Spektakeln. Alles was unmittelbar erlebt wurde, ist in eine Vorstellung entwichen.« [GdS:§1]. Bei Marx heißt es: »Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ‚ungeheure Warensammlung’, die einzelne Ware als seine Elementarform.« [MEW23:49].

Anm38 Die situationistische Begrifflichkeit – nicht kontemplativ beschränkt Dies gilt auch für solche Begriffe, die der vorherrschenden »linken« Meinung nach als unbrauchbar gelten, wie etwa der Begriff des »Proletariats« oder der Begriff der »Entfremdung«, der, wie einige MeinungsführerInnen glauben machen wollen, angeblich »rein« philosophisch sein soll [so z.B. Jappe1995:144]. (Zum Begriff »Entfremdung« vgl. Exkurs: !Ex.: Arbeit und Entfremdung.) Dabei wird meist nicht berücksichtigt, dass sich einige der scheinbar ausschließlich philosophischen Begriffe in Bezug auf die Marxsche und des weiteren auch auf die situationistische Revolutionstheorie als strategische, mitunter als interventionistische Begriffe entpuppen. Gemäß der 11. Feuerbachthese von Marx haben die »Philosophen [...] die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt drauf an, sie zu verändern« [MEW3:7]. Diese meist wenig verstandene These wurde oftmals – in zwei Satzhälften dualistisch auseinandergerissen – als Marxsches Abwenden von der Philosophie missinterpretiert und nicht als eine praxis-philosophische Wende begriffen, bei der die »Arbeit des Begriffs« streng an den »Begriff der Arbeit« gebunden bleibt und bei der die rein kontemplativen Begriffsentwicklungen –

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat sowohl des anschauenden Materialismus als auch des Idealismus – in eine kritische, interventionistische Begriffsaneignung überführt werden. [Vgl. dazu auch Debords Ausführungen über die kritische Theorie und die Methode der Entwendung in den Thesen GdS§§204-211].

Anm39 Darstellungsform der Gesellschaft des Spektakels Der Aufbau des Buchtextes »Die Gesellschaft des Spektakels«, bestehend aus neun Kapiteln, ist thesenförmig. Das Ganze der Darstellung besteht aus reflektierenden Thesen, die sich aus den unterschiedlichsten Gesichtspunkten ständig aufeinander beziehen und ineinander spiegeln, ähnlich wie die Marxschen »Thesen über Feuerbach« [vgl. MEW3:533], die Debord sehr schätzte.

Anm40 »Fetischismus« – eine begriffliche Analogie Zur Etymologie des Wortes Fetisch schreibt W. F. Haug: »Das Wort Fetisch kommt aus dem Portugiesischen; es leitet sich vom lateinischen ‚facticum’ her, welches auf ‚facere’ zurückgeht, und heißt wiederum Machwerk, wenn auch die Bedeutung zu Macht-Werk hinüberschillert und das portugiesische Wort feitiço dann so viel wie Zauber heißt. Seine besondere Bedeutung hat dieser Begriff in der Sprache portugiesischer Missionare in Afrika bekommen. In ihr bezeichnet er von christlichem Standpunkt aus den Sachverhalt, dass es ‚primitive’ Gesellschaften gibt, in denen die Menschen ernsthaft glauben, dass Dinge, die sie dazu noch selber mit ihrer eigenen Hände Arbeit gemacht haben, Macht über sie haben. Diese Ding-Götter bei afrikanischen Kulturen nannten die Missionare ‚kritisch-entlarvend’ ‚Fetische’. [...] Was ist dieser afrikanische Fetischismus gegenüber dem europäischen, bei dem die gesamte Regelung der gesellschaftlichen Produktion, die über Wohl und Unwohl der Menschen entscheidet, der Eigendynamik der Machwerke überlassen wird und der sich äußert im Kult – der nebenbei bemerkt nicht minder religiös aufgeladen ist – des ‚abstrakten Machwerks’, des Geldes.« [Haug1974:167].

Anm41 Vorsicht bei der Aneignung der Marxschen Wert(form)theorie aus zweiter Hand! Da es uns lediglich darauf ankommt, die Spektakeltheorie in ihrer Verankerung in der »Kritik der politischen Ökonomie« deutlich zu machen, und wir der Komplexität der Marxschen Kritik der Wertund Warenform an dieser Stelle nicht gerecht werden können, verweisen wir als vorläufige Verlegenheitslösungen auf die gerade noch erträglichen Hinführungen, wie z.B. Haug 1974, Heinrich 2004. Wir möchten dabei aber energisch betonen, dass eine kollektive Aneignung der Marxschen Darstellung in seiner »Kritik der politischen Ökonomie« unumgänglich ist und immer noch aussteht. Einen neueren Ansatz zu solcher kollektiven und umfassenden Selbstaneignung der Kritik der politischen Ökonomie in Gänze stellt z.B. das fortlaufende offene online-Projekt www.mxks.de dar, in das sich jede/r einklinken kann. Ausführlicheres zum Begriff »Wertspiegel« mit Schwergewicht auf dem Wertbegriff selbst, im Unterschied zur »Wertform«, die wir hier in den Vordergrund stellen mussten: !Ex.: »Wertspiegel«.

21

Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat

Anm42 Nichtwarenförmige Produktionsweise war und ist menschenmöglich. Dies ist für Marx die Gelegenheit, als Ergebnis seiner späten ethnologischen Studien auf die urcommunistischen Gesellschaften hinzuweisen, die er wiederholt als historisches Argument für den Nachweis

der

Möglichkeit

Klasseneigentums

an

den

von

Communismus

gesellschaftlichen

gegen

jegliche

Verewigung

Produktionsbedingungen

geltend

des

privaten

macht

[vgl.

MEW19:359] (ohne allerdings diesen Ur-Communismus als reale Option im Hier und Jetzt geltend zu machen): »Damit besitzt der Gebrauchswert – als Gebrauchswert der ‚Ware’ – selbst einen historischspezifischen Charakter. Im primitiven Gemeinwesen, worin z.B. die Lebensmittel gemeinschaftlich produziert und verteilt werden unter den Gemeindegenossen, befriedigt das gemeinsame Produkt direkt die Lebensbedürfnisse jedes Gemeindegenossen, jedes Produzenten, der gesellschaftliche Charakter des Produkts, des Gebrauchswerts, liegt hier in seinem [gemeinsamen] gemeinschaftlichen Charakter.« [MEW19:370].

Anm43 Grundlegend fürs Marxsche Verständnis: Doppelcharakter aller Arbeit Deshalb setzt Marx noch einmal extra folgenden Passus in die zweite Auflage des »KapitaI«, um die Wertformanalyse zu begründen: »Alle Arbeit ist einerseits Verausgabung menschlicher Arbeitskraft im physiologischen Sinn, und in dieser Eigenschaft gleicher menschlicher oder abstrakt menschlicher Arbeit bildet sie den Warenwert. Alle Arbeit ist andererseits Verausgabung menschlicher Arbeitskraft in besonderer zweckbestimmter Form, und in dieser Eigenschaft konkreter nützlicher Arbeit produziert sie Gebrauchswerte.« [MEW23:61]. In die französische Ausgabe letzter Hand (1875) schließt er sogar noch drei Sätze an, um die Untrennbarkeit von konkreter und abstrakter Arbeit und den Aspekt der wissenschaftlichen Betrachtung wie natürlich allererst der praktischen Geltung, unter dem beide Faktoren jeweils historisch hervortreten, zu verdeutlichen: »Ebenso wie die Ware vor allem ein nützliches Gebrauchsding sein muss, um ein Wert zu sein, ebenso muss die Arbeit vor allem nützlich sein, um als Verausgabung menschlicher Kraft, menschlicher Arbeit, im abstrakten Sinne des Wortes, betrachtet zu werden. Die Substanz des Wertes und die Wertgröße sind nun bestimmt. Zu analysieren bleibt die Form des Wertes.« [MarxLeCapital1875:49; eigene Übersetzung. Das Original lautet: »De même que la marchandise doit avant tout être une utilité pour être une valeur, de même le travail doit être avant tout utile pour être censé dépense de force humaine, travail humain, dans le sens abstrait du mot. La substance de la valeur et la grandeur de valeur sont maintenant déterminées. Reste à analyser la forme de la valeur.«]

Anm44 Wertform-Analyse, Fetischismus-Analyse, Austauschprozess-Analyse Diese Fragestellung von Marx zur Entstehung des Geldes hat der japanische Marxforscher Teinosuke Otani so zusammengefasst: »Die Wertformanalyse klärt auf, wie der Wert der Ware im Gebrauchswert einer anderen Ware, am Ende in Geld, ausgedrückt wird; die Fetischismusanalyse klärt auf, warum

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat die Arbeit im Warenwert, und damit zugleich, warum der Warenwert im Gebrauchswert einer anderen Ware, am Ende in Geld, ausgedrückt werden muss; die Austauschprozessanalyse klärt auf, durch welche Umstände die Geldbildung notwendig wird und durch welche [gesellschaftliche] Praxis es gebildet wird. Wenn so die Wertformanalyse nach dem ‚Wie’ der Tatsache, dass Ware Geld ist, die Fetischismusanalyse nach ihrem ‚Warum’ und die Austauschprozessanalyse nach ihrem ‚Wodurch’ fragt, könnte man sagen, daß uns gerade der am Anfang zitierte Satz [‚...wie, warum, wodurch Ware Geld ist’, Anm. BBZN] diese drei deutlich zu unterscheidenden Fragen über die Entstehung des Geldes erkennen lässt – und zwar in der Reihenfolge, wie Marx sie im ‚Kapital’ erörterte.« [Otani a.a.O.].

Anm45 Psychoanalyse: »narzisstisches Stadium« der Ichbildung als Spiegelung Die Struktur des geschlossenen Bannkreises, die Marx für den Wertspiegel aufzeigt, wird auch für ein weiteres vertracktes Subjekt-Objekt-Verhältnis auf der Ebene von Subjektivitätstheorie zum Problem; gemeint ist das Problem der Ich-Bildung, welches die Psychoanalyse aufwirft. Für sie ist in der Entwicklung des Subjekts das narzisstische Stadium zentral. Verkehrt ist die Fixierung des »Narziss« auf sein identisches Spiegelbild, weil der einseitige Blick auf sein Gleiches die libidinöse »Objektbesetzung« des Anderen (Nichtidentischen) verunmöglicht. Die narzisstische Persönlichkeit, die in diesem einmal notwendigen Stadium fixiert bleibt, »lebt« dann nur für ihr spiegelverkehrtes Bild, aus dem sie ihre illusionäre am Ende tödliche Identität bezieht. Beide Problemebenen, die der »Kritik der politischen Ökonomie« und die der »Kritik der libidinösen Ökonomie«, werden von der SI zusammengedacht: Das Spektakel ist ihnen gewissermaßen der Wertspiegel, der das narzisstische Privat-Subjekt der gesellschaftlichen Produktion verschlingt. Siehe: [GdS§§215,217-219] und !Ex.: »Wertspiegel«.

Anm46 Reflexionsbestimmung: Schlüsselbegriff dialektischen Denkens Auf der Begriffsbildungsebene – nach Hegels »Wissenschaft der Logik« [HW Bd. 5 u. 6] – sind Reflexionsbestimmungen bspw. Schein, Wesen, Erscheinung; Allgemeines, Besonderes, Einzelnes; Form, Inhalt, Stoff; Quantität, Qualität; Unmittelbarkeit, Vermittlung etc. Aber auch Begriffe, welche nur ihren Sinn auf den Verweis ihres Gegenteils beziehen, d.h. polarische Begriffe, werden als Reflexionsbestimmungen bezeichnet, wie etwa links/rechts, oben/unten, Nordpol/Südpol, Herr/Knecht etc. und in Marx’ Beispiel König/Untertan. Absolut getrennt von seinem Gegenteil kann ein solcher Begriff nichts bezeichnen, er wäre leer und unsinnig. Was die Hegelschen »Reflexionsbestimmungen« [HW6:35ff] betrifft, so machen sie Lukács zufolge sogar den rationalen, nicht mystifikatorischen Gehalt der Hegelschen Dialektik überhaupt aus. [Vgl. OgS1:527ff,532]. »Wer die Welt vernünftig ansieht, den sieht sie auch vernünftig an; beides ist in Wechselbestimmung«, so Hegel [zit. n. OgS:531]. Marx spricht dies auch aus, kritisiert dabei aber sofort den Hegelschen Konstruktivismus, dem zufolge alle »Natur« durch »Arbeit« konstruiert würde, die der Menschen bzw. die eines Weltgeistes [vgl. OgS1:532ff,540ff].

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat

Anm47 Das Kapital erscheint als Subjekt, die Arbeitenden werden Objekte An anderer Stelle führt Marx aus: »Innerhalb des Produktionsprozesses entwickelte sich das Kapital zum Kommando über die Arbeit, d.h. über die sich betätigende Arbeitskraft oder den Arbeiter selbst. [...] Die Produktionsmittel verwandelten sich [unter dem Kapitalkommando, Anm. BBZN] sofort in Mittel zur Einsaugung fremder Arbeit. Es ist nicht mehr der Arbeiter, der die Produktionsmittel anwendet, sondern es sind die Produktionsmittel, die den Arbeiter anwenden. Statt von ihm als stoffliche Elemente seiner produktiven Tätigkeit verzehrt zu werden, verzehren sie ihn als Ferment ihres eignen Lebensprozesses, und der Lebensprozeß des Kapitals besteht nur in seiner Bewegung als sich selbst verwertender Wert.« [MEW23:328f]. Vaneigem schildert, wie dies 1963 erlebt wird: »Wo sind die Verantwortlichen, diejenigen, die niedergeschlagen werden sollen? Wir werden durch ein System, durch eine abstrakte Form beherrscht. [...] Überall gleich ist die Qualität: wir sind alle proletarisiert oder wir haben gute Aussichten es zu werden.« [SI2:56/BE:147]

Anm48 Krisenzyklus: Vergessen und gewaltsames Erinnern Überproduktionskrisen treten dadurch in Erscheinung, dass der Wert produzierter Warenmassen auf dem Markt nicht realisiert werden kann, dass also Produktionsprozesse in Produktenwerten resultieren, die größer sind als die Nachfrage, deren Gesamtumfang durch eben diese Produktionsprozesse gesetzt ist [vgl. MEW25:254]. Auch hier berührt die Kritik der politischen Ökonomie die psychoanalytische Dimension (Kritik der libidinösen Ökonomie), wenn Marx die Krise als Anamnese nach der Amnesie definiert: »Hinc [daher, Anm. BBZN] die Überproduktion: d.h. die plötzliche Erinnerung aller dieser notwendigen Momente der auf das Kapital gegründeten Produktion; daher allgemeine Entwertung infolge des Vergessens derselben.« [MEW42:329]. Wer sich für eine fundierte Rekonstruktion der Marschen Krisentheorie interessiert, sei hingewiesen auf das Werk »Krise und Kapitalismus bei Marx« [vgl. Bader1975].

Anm49 »Gespenster, Untote, Wiedergänger«: Leitmotiv des Untergrunds Als guter Aufklärer scheut Marx vor keinem Gespenst zurück und versucht zugleich damit zu spielen. Im bekannten einleitenden Satz des »Manifest der kommunistischen Partei« wird das GespensterMotiv gewendet: »Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus.« [MEW4:461] Diese spezielle Art der »Negation der Negation« macht auch die SI im Schlusssatz der »Adresse an die Revolutionäre Algeriens und aller Länder« scharf: »Die ersten Gesten der einsetzenden revolutionären Epoche konzentrieren in sich einen neuen – offenen oder verborgenen – Inhalt der Kritik an den gegenwärtigen Gesellschaften, so wie neue Kampfformen; wie Gespenster erscheinen in ihnen auch die unreduzierbaren Augenblicke der gesamten alten, uneingelöst gebliebenen revolutionären Geschichte wieder. So wird die herrschende Gesellschaft, die so gern mit ihrer permanenten Modernisierung prahlt, auf harte Gegenspieler stoßen, denn sie beginnt endlich selbst

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat damit, ihre eigene modernisierte Negation zu produzieren.« [BE:188/SI2:193f]. Doch auch an anderer Stelle wird das Wiedergängermotiv des gespenstischen »Untoten« von der Kritik der bürgerlichen Subjektivität mittels der Spiegelmetapher behandelt: Freud »Das Unheimliche« (1919) [vgl. FGW XII]; Derrida »Marx’ Gespenster« [vgl. Derrida1995].

Anm50 Westlicher Marxismus und Communismus: Bezugsfigur Lukács Der ungarische Philosoph Georg Lukács (1885-1971) gilt v.a. durch seine frühe Aufsatzsammlung »Geschichte und Klassenbewußtsein« (1923) als Wegbereiter des sogenannten »Westlichen Marxismus«, mit welchem er neben Debord [vgl. Jappe1999:19ff.] u.a. auch die kritische Theorie der »Frankfurter Schule« (Horkheimer, Adorno, Marcuse et al.) nicht unwesentlich beeinflusst hat. Doch insbesondere seine beiden Spätwerke »Die Eigenart des Ästhetischen« (1963) – mit der er eine ernstzunehmende marxistische Ästhetik begründet hat – und das posthum erschienene Hauptwerk (1970) »Zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins« – welches v.a. die Begriffe »Arbeit« und »Entfremdung« neu aufgriff – versuchten sein vormaliges »Überhegeln Hegels« (Lukács) zu korrigieren. Die frappierenden Parallelen der zeitgleich entstehenden Theorien des späten Lukács und der SituationistInnen in den 1960er Jahren wurden bisher nur aufgewiesen in dem Essay »Die Situationisten, Auftakt zum Westlichen Communismus« von Zwi Schritkopcher (1997) [siehe Schritkopcher1997].

Anm51 Praxis: Alternativstruktur und post-festum-Kriterium menschlichen Handelns Beim tätigen Handeln allerdings liegt der Mangel an Reflexionsmöglichkeit aber auch im Wesen des Handelns selbst begründet. Denn bei konkreten Alternativentscheidungen, bei denen weder der gesamte Möglichkeitsspielraum des Handelns überblickt werden kann noch alle Bedingungen eingesehen und kontrolliert werden können, stellt es sich immer erst im Nachhinein heraus, ob die getroffenen Entscheidungen richtig waren oder nicht. Dies ist ein weiterer Grund, »Ideologie« nicht im allzu engen Sinne als bloß »falsches Bewusstsein« zu bestimmen.

Anm52 Subjekt oder Objekt? Subjekte sind die Menschen deshalb, weil die jeweils spezifisch-historische Gesellschaftsform Produkt der Handlungen und des gemeinsamen, wenngleich gesellschaftlich unbewussten Wirkens der Individuen ist. Der Subjektbegriff wird von der SI nicht im überhistorischen Sinne einer anthropologischen Konstante – d.h. eines unveränderlichen menschlichen Wesens – verwendet. Als bewusste Subjekte sind die gesellschaftlichen Individuen bisher weitgehend nur potenzielle Subjekte. In Bezug auf ein bewusstes gesamtgesellschaftliches Wirken stellen sie keine wirklichen Subjekte dar, da keine der bisherigen historisch entwickelten Gesellschaftsformen ein bewusstes Produkt auf der Grundlage

freier

und

bewusster

Handlungen

25

gewesen

ist,

sondern

blindes

Durchsetzen

Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat »gesellschaftlicher Naturgesetze«, wie Marx es nennt, deren Objekte die handelnden Subjekte noch immer geblieben sind.

Anm53 Subjektive Reproduktion objektiver Prozesse: Spiegelungen Wie aufgrund des vorigen Kapitels schon deutlich geworden sein sollte, ist

»Widerspiegelung«

allerdings nicht in einem photographischen Sinne als unmittelbare Eins-zu-eins-Abbildung zu verstehen, sondern bewegt sich stets in Bezug auf die »sinnlich-praktische Tätigkeit« bei der menschlichen Erkenntnis der Welt, d.h. sie ist als »mimetische Reproduktion« (Lukács; Mimesis: Darstellung, Nachahmung) in Bezug auf die menschliche Praxis und ihre spezifisch menschliche Sinnlichkeit zu betrachten.

Anm54 Die Gleichgültigkeit des Geldes Die Blindheit drückt sich z.B. darin aus, dass zwei vollkommen verschiedene Sachen mit ein- und demselben, quantitativ-abstrakten Maßstab gemessen werden, nämlich dem Geld, und das noch lange, bevor etwa ein moralisches oder sonstiges Urteil ausgesprochen wird. So kann dann – je nach eingenommenem Standpunkt – bspw. saubere Luft als weniger oder als mehr wert erscheinen als die Umsatzeinbußen der Industrie infolge von Umweltauflagen. Mittels der Geldform lassen sich hier also die Gesundheit des Einzelnen mit den Interessen der Industrie, also Birnen = Äpfel oder, mit Marx’ Beispiel: Leinwand = Rock, über einen Kamm scheren; vor dem Richterstuhl des Geldes ist alles gleich-gültig.

Anm55 Am Markt muss das Kapital als okkulte Macht erscheinen In der Zirkulationssphäre, in der Waren gegen Geld und Geld gegen Waren ausgetauscht werden und in der sich Geld in wundersamer Weise zu vermehren scheint, geht der Wert »beständig aus der einen Form in die andre über [...], ohne sich in dieser Bewegung zu verlieren, und verwandelt sich so in ein automatisches Subjekt. Fixiert man die besondren Erscheinungsformen, welche der sich verwertende Wert im Kreislauf seines Lebens abwechselnd annimmt, so erhält man die Erklärungen: Kapital ist Geld, Kapital ist Ware. In der Tat aber wird der Wert hier das Subjekt eines Prozesses, worin er unter dem beständigen Wechsel der Formen von Geld und Ware seine Größe selbst verändert, sich als Mehrwert von sich selbst als ursprünglichem Wert abstößt, sich selbst verwertet. Denn die Bewegung, worin er Mehrwert zusetzt, ist seine eigne Bewegung, seine Verwertung also Selbstverwertung. Er hat die okkulte Qualität erhalten, Wert zu setzen, weil er Wert ist. Er wirft lebendige Junge oder legt wenigstens goldne Eier.« [MEW23:169].

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat Anm56 Materialistische Religionskritik als Voraussetzung radikaler Gesellschaftskritik Der Hegel-Schüler Ludwig Feuerbach (1804-1872) legte mit »Das Wesen des Christentums« (1841) eine Religionskritik vor, durch welche auch Marx und Engels entscheidend in ihrer »materialistischen Wende« weg von den Junghegelianern beeinflusst wurden. Feuerbach geht über die bis dahin vorliegenden Religionskritiken der Aufklärung (z.B. Diderot, La Mettrie etc.) hinaus, indem er Religion und Theologie nicht mehr einfach auf leere Einbildung, Irrtum und »Priesterbetrug« zurückführt, sondern die Kritik der Religion in einer Anthropologie verankert: »Die Religion ist der Traum des menschlichen Geistes. Aber auch im Traume befinden wir uns nicht im Nichts oder im Himmel, sondern auf der Erde.« [Feuerbach,GWBd.5:22]. In der Religion befreie sich der Mensch von den Schranken der Natur; allerdings stelle sich der Mensch in der Religion sein Wesen befreit von den individuellen Schranken vor, so dass auf »Gott« die wesentlichen Prädikate (Eigenschaften) der menschlichen Gattung, Vernunft, Unendlichkeit, Liebe, Allgegenwärtigkeit etc. übertragen werden. Die Religion beruhe deshalb notwendigerweise auf dem Unterschied zwischen dem Einzelnen und der Gattung: »Der Mensch – dies ist das Geheimnis der Religion – vergegenständlicht sein Wesen und macht dann wieder sich zum Gegenstand dieses vergegenständlichten, in ein Subjekt, eine Person verwandelten Wesens; er denkt sich, ist sich Gegenstand, aber als Gegenstand eines Gegenstands, eines andern Wesens. So hier. Der Mensch ist ein Gegenstand Gottes.« [Feuerbach,GWBd.5:75]. Doch Marx zufolge bleibt der Hauptmangel der Feuerbachschen Religionskritik, dass sie die sinnlichmenschliche

Praxis

nicht

zugleich

auch

als

gegenständliche

gesellschaftliche

Praxis

(Produktionsweisen) begreift, d.h.: »Soweit Feuerbach Materialist ist, kommt die Geschichte bei ihm nicht vor, und soweit er die Geschichte in Betracht zieht, ist er kein Materialist.« [MEW3:45]. Debord zitiert in der »Gesellschaft des Spektakels als Präambel seines ersten Kapitels folgende Stelle aus »Das Wesen des Christentums«: »Aber freilich [...] diese Zeit, welche das Bild der Sache, die Kopie dem Original, die Vorstellung der Wirklichkeit, den Schein dem Wesen vorzieht [...]; denn heilig ist ihr nur die Illusion, profan aber die Wahrheit. Ja, die Heiligkeit steigt in ihren Augen in demselben Maße, als die Wahrheit ab- und die Illusion zunimmt, so daß der höchste Grad der Illusion für sie auch der höchste Grad der Heiligkeit ist.« [Feuerbach,GWBd.5:22-23; vgl. GdS:11].

Anm57 »Fordismus« als Hilfsbezeichnung für eine Gestalt kapitalistischer Massenproduktion und Alltagskultur In den 1920er Jahren setzte eine Revolutionierung der Produktionsverhältnisse ein, die mit dem Namen des US-Automobilfabrikanten Henry Ford verbunden ist und darum von Antonio Gramsci als Fordismus bezeichnet wurde. Die Grundlage dafür bildet ein Zusammenspiel aus neuen Produktionsweisen, Massenproduktion mit Fließband und extrem hoher Arbeitsteilung (die schon Anfang des 20. Jahrhunderts von Fredrick Winslow Taylor eingeführt und als »wissenschaftliche Betriebsführung« begründet wurde), Betriebspsychologie, Sozialdienste, Werkärzte, Industriepfarrer, Betriebssport etc. welches insgesamt in den USA als »Human-Relation«-Bewegung bezeichnet wurde. [vgl. Strehle1991:152ff]. Hinzu kommt ein neues Konsum- und Freizeitmodell für das Proletariat. Henry Ford entwickelte ein Auto, das auch für »seine« Arbeiter erwerbbar werden sollte,

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat ähnlich wie kurze Zeit später die Nationalsozialisten in Deutschland Ferdinand Porsche den Auftrag für einen »Volkswagen« erteilten. In der sogenannten »Human-Relation«-Forschung wurden Betriebsexperimente zur Leistungssteigerung gemacht, die stark an Tierversuche erinnern. »Der Fordismus reicht weiter bis in die Stadtentwicklung: Es entstanden die neuen Vorstädte mit den dominierenden ‚Wohnsilos’. Der hohen betrieblichen Arbeitsteilung entspricht die Funktionsteilung der einzelnen Siedlungszonen: Wohnen Arbeiten, Erholen« [Strehle1991:154]. Diesen scheinbar auswegslosen Kreislauf des fordistischen Alltags, dessen Rhythmus die Proletarisierten sich unterziehen müssen, brachte ein Slogan im Pariser Mai 1968 auf folgende Formel: »métro –boulot – dodo« (dt.: Métro-Fahren – Malochen – Pennen [genauer: »Heia machen«, da »dodo« Babysprache ist]). Auf staatlicher Ebene geht mit dem Fordismus eine keynesianische Wirtschaftspolitik einher. John M. Keynes entwickelte in den 1930er Jahren »eine wirtschaftspolitische Anti-Krisenstrategie mit zentraler Rolle des Staates. Der Staat soll sich zukünftig gezielt anti-zyklisch verhalten und notfalls dafür auch massive Staatshaushaltsdefizite in Kauf nehmen« [Strehle1991:156] (was aber spätestens in den 1970er Jahren an die Grenze der Finanzierbarkeit stieß). Doch die Revolutionierung der Produktionsweisen in den 1920er Jahren betraf nicht nur die industrielle Massenproduktion sondern auch die gesamte Kulturindustrie. Mit dem Aufkommen neuer Produktions- und Reproduktionstechniken für Bild und Tonwurde die Sphäre der Kunst einer massiven Veränderung unterzogen. Das Kunstwerk wurde seither auf Massenebene reproduzierbar: die Filmkunst entstand, Kino, Fernsehen verbreiteten sich etc. Kunstwerk und Masse gerieten insgesamt in ein völlig neues Verhältnis, wie Walter Benjamin feststellt. [Vgl. Benjamin1963:14ff, vgl. auch DdA 128ff].

Anm58 »Bourgeoisie« und »Proletariat«: tendenziell nur noch »zwei Lager« Vgl. auch die von Marx und Engels beschriebene Lagerbildungstendenz im »Manifest der kommunistischen Partei [MEW4:463] mit Debord 1979 [GdS:304.]. Den Marxschen Lager-Begriff aktualisierte

vor

allem

Michael

Mauke

in

»Die

Klassentheorie

von

Marx

und

Engels«

[Mauke1970:103f,173f].

Anm59 Religiöses und spektakuläres »Heiliges« Schon Marx hat die Religion als »das Opium des Volks« bezeichnet [MEW1:378] – und nicht, wie Generationen von Linken ihrem »Verständnis« kapitaler Vergesellschaftung entsprechend gerne missverstanden, als »Opium für das Volk«. – Eine weitläufige Kritik des Spektakels als Fortentwicklung des Mythos, der Religion und »des Heiligen« in den Klassengesellschaften bis in die Moderne versuchte Raoul Vaneigem in seinem Essay »Basisbanalitäten«, mit dem die situationistische Theorie des Spektakulären 1962 eröffnet wurde [BE122ff; SI1:285ff, SI2:42ff].

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat Anm60 Das Integrierte Spektakuläre, »das keine Widerrede duldet« Ließ sich der Monolog des Spektakels über sich selbst Mitte der 1960er Jahre noch zusammenfassen in »Was erscheint, ist gut, was gut ist, erscheint« [GdS§12], so übersetzte Debord zehn Jahre später das Selbstgespräch des sich zuerst in Italien herausbildenden Integrierten Spektakels in: »So ist es.« [GdS:302] Da das integrierte Spektakel sich keinem »system-alternativen« Konkurrenten-Spektakel mehr gegenübersieht, muss es sich nicht mehr selbst lobpreisen; es kann sich als historisch endgültig alternativlos darstellen.

Anm61 Fortschreitende Enteignung von gesellschaftlicher Raum-Zeit Das Prinzip des spektakulären Urbanismus bei der Gestaltung des städtischen Raumes lässt sich in gewisser Weise auf die Bewegung der Ware Arbeitskraft im globalen Raum übertragen: Im »abstrakten Raum des Marktes« können sich die Waren tendenziell immer freier bewegen (von rudimentär vorhandenen Schutzzöllen abgesehen), während global betrachtet es für die meisten Menschen immer schwieriger, oftmals gar unmöglich (z.B. aufgrund der Verschärfung von Einwanderungsbestimmungen) wird, ihre Wohn- und Arbeitsorte frei zu wählen. Nur auf der Grundlage unmenschlicher Zwangsverhältnisse versuchen die Menschen ihren Überlebensstandort zu ändern, entweder in der Form des Überlebenskampfes als MigrantInnen oder als »flexible Menschen« [vgl. Sennett2000] in ihrer Pseudofreiheit als Ware Arbeitskraft. Im zweiten Falle wählt »die unsichtbare Hand des Marktes« den Standort der Ware Arbeitskraft, während es sich im ersten Falle aus der Sicht des Kapitals und seiner »nationalen Wettbewerbsstaaten« um überflüssige Waren handelt, deren Existenzbedingungen daher auch nicht garantiert werden müssen.

Anm62 Religion, moderne Alltagsreligion, Antisemitismus Unter kapitalistischer Vergesellschaftung haben Religionen im Prinzip einen schweren Stand, da der Kapitalismus tendenziell alle überkommenen, traditionellen gesellschaftlichen Formen gemäß seinen Verwertungsbedürfnissen ummodelt und anpasst, und dazu gehören auch die menschliche Gemeinschaften regulierenden »großen« Religionen: traditioneller Glaube und Transzendenz spielen eine immer geringere Rolle im Alltagsleben der Menschen. Zugleich bilden sich aber ideologische Formen aus, die der Soziologe Detlev Claussen unter Rückgriff auf Marx und Adorno »Alltagsreligion« nennt. [Vgl. Claussen2000]. Denn trotz der tendenziellen Auflösung religiöser Formen im Kapitalismus bilden sich mit Rassismus, Antisemitismus und Xenophobie Ersatzideologien immer wieder neu, die auch das politische Handeln bestimmen. Claussen begreift die »Produktion von Antisemitismus im Alltag« zugleich als eine »Verankerung des Antisemitismus im Unbewussten«. [Claussen1991:199]. Der Antisemitismus bilde den zentralen Bestandteil der Alltagsreligion. Claussen weist darauf hin, dass der Haß auf »den/die Juden/in« dem Menschen »der verdinglichten Welt etwas gibt, woran man sich halten kann« [ebd.:197]. Der Antisemitismus als Alltagsreligion wird damit vom politischen Antisemitismus, der in erster Linie ein Mittel zur Herrschaftssicherung ist, unterschieden. Der

29

Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat Warenfetisch, den Marx als Ideologiebildungsprozess aufgezeigt hat, wird – so Claussen –»im Vorbewußten und Unterbewußten weiter bearbeitet« [ebd.:48], bis am Schluss die europäische Alltagsreligion des Antisemitismus herauskommt, bei der das antisemitische Bewusstsein überall »das Judentum" am Werk sieht, »obwohl es nur der Wert ist, der sich an alles haftet« [ebd.:198]. Schon Horkheimer und Adorno arbeiteten in »Elemente des Antisemitismus« die gesellschaftliche Basis heraus: »Die Verfolgung der Juden, wie Verfolgung überhaupt, ist von der Klassengesellschaft nicht zu trennen. Deren Wesen, wie sehr es sich zu Zeiten verstecke, ist die Gewalt, die heute sich offenbart.«

[HorkheimerGS,Bd.5:199,

vgl.

DdA:178].

Und

weiter:

»Erst

die

Blindheit

des

Antisemitismus, seine Intentionslosigkeit, verleiht der Erklärung, er sei ein Ventil, ihr Maß an Wahrheit. Die Wut entlädt sich auf den, der auffällt ohne Schutz. Und wie die Opfer untereinander auswechselbar sind, je nach der Konstellation: Vagabunden, Juden, Protestanten, Katholiken, kann jedes von ihnen anstelle der Mörder treten, in derselben blinden Lust des Totschlags, sobald es als die Norm sich mächtig fühlt. Es gibt keinen genuinen Antisemitismus, gewiß keine geborenen Antisemiten. Die Erwachsenen, denen der Ruf nach Judenblut zur zweiten Natur geworden ist, wissen so wenig warum, wie die Jugend, die es vergießen soll.« [Ebd.:200f]. Der politische, manipulatorische Antisemitismus und der alltagsreligiöse werden somit als sich wechselseitig bedingende verstanden, welche im eliminatorischen Antisemitismus münden können. 1952 in Kalifornien stellt Adorno fest: »Immer wieder stößt man darauf, daß Antisemiten die ihnen bekannten Juden vom Vorurteil ausnehmen und nur die andern attackieren; und in Gegenden, in denen überhaupt keine Juden leben, scheint der Antisemitismus nicht geringer zu sein als in Zentren jüdischer Bevölkerung. Ob der Antisemitismus jemals mit dem psychischen Sosein der Juden viel zu tun hatte, ist fraglich. Heute hat er es ganz gewiß nicht. Er wurde längst zum manipulierbaren, ideologischen Herrschaftsmittel geschliffen. Die Kunst der Agitatoren, die von je zum Antisemitismus gehörten, besteht darin, auf höchst rationale Weise irrationale Momente in den von ihnen Erreichten zu erwecken. Die Abhebung des ‚sekundären’, eigentlich schon gar nicht mehr spontanen und darum doppelt unversöhnlichen Antisemitismus vom älteren, noch nicht durchorganisierten ist unbedingt geboten, wenn man nicht dem Grauen von heute allzu harmlose Begriffe entgegensetzen möchte. Die psychologische, ‚beseelende’ Auffassung hat selber, gegenüber dem administrativ durchgeführten Mord, etwas von solcher Harmlosigkeit.« [AdornoGS,Bd.20.1:385]. Gleichwohl schüttete Adorno mit seiner Kritik dieses alles nur »verstehenden« Psychologismus sowie einer bürgerlich angepassten, »neofreudianisch« verpfafften, »revidierten Psychoanalyse« [1946,dt.1952; Minima Moralia §§ 36-40] nie das Kind mit dem Bade aus: seine Verteidigung des emanzipatorischen Ansatzes, der revolutionären Methode »der jüdischen Wissenschaft« (Anna Freud) Psychoanalyse verband ihn mit den communistischen VerteidigerInnen

der

Psychoanalyse

um

Otto

Fenichel.

Bahnbrechend

war

die

erste

psychoanalytische Tagung zur Analyse des Antisemitismus, die Adorno mit Horkheimer, Fenichel, Ernst Simmel e.a. 1944 in San Francisco organisierte [Simmel1993, mit dem Nachwort von H. Dahmer zur dt. Ausgabe: »Antisemitismus gestern und heute«].

30

Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat Anm63 Subsumtion der Individuen unter die Arbeitsteilungen nur analytisch sinnvoll, als Fixierung jedoch wieder fetischistisch Die Frage, welche konkreten Individuen mit welchen Berufen nun eigentlich dem Proletariat angehören und welche nicht, führt allerdings immer wieder im Handumdrehen zu einem blinden Positivismus, der – angesichts der bunten empirisch zu konstatierenden Berufsvielfalt – die Wirkungsmechanismen

und

gesellschaftlichen

Fortschritte

des

Prozesses

der

gesamtgesellschaftlichen Arbeitsteilung und seiner Bedingungen (Eigentumsverhältnisse, Kontrollund Manipulationsmechanismen, Wechsel der Jobs als praktische »Arbeit sans phrase« [MEW 42:38f], Kooperationsfähigkeiten und sonstige objektiven und subjektiven Vermögen etc.) nicht mehr erkennen kann. Orthodoxe MarxistInnen und bürgerliche SoziologInnen sitzen bei dieser Frage – zwar unter umgekehrten Vorzeichen – gleichermaßen der Fetischisierung auf und tragen, so Adorno, zur »Unsichtbarkeit der Klassen in der Versteinerung ihres Verhältnisses« bei [Adorno1975:10] aufgrund der Personifizierung von Sachverhalten und Versachlichung von Personen. Überdies bewog »die verlogene Leugnung der Klassen« im bürokratischen Staatsozialismus »die verantwortlichen Träger der Theorie, den Klassenbegriff selber als Lehrstück zu hüten, ohne ihn weiterzutreiben.« [Adorno1975:11]. Näheres dazu: !Ex.: Mystifikation der Lohnform.

Anm64 Extrem verzerrte Nichtidentität von Sein und Bewusstsein entspricht der proletarischen Lebenssituation »Es handelt sich nicht darum, was dieser oder jener Proletarier oder selbst das ganze Proletariat als Ziel sich einstweilen vorstellt. Es handelt sich darum, was es ist und was es diesem Sein gemäß geschichtlich zu tun gezwungen sein wird. Sein Ziel und seine geschichtliche Aktion ist in seiner eignen Lebenssituation wie in der ganzen Organisation der heutigen bürgerlichen Gesellschaft sinnfällig, unwiderruflich vorgezeichnet.« [MEW2:38].

Anm65 Ökonomistische Verkennung der ökonomischen Sphärendialektik und der historischen Reproduktionstotalität Der Linkskommunist Gilles Dauvé bspw. hat behauptet, dass die situationistische Kritik ausschließlich der Zirkulationssphäre verhaftet sei. [Vgl. Dauvé2000]. Hätte die SI nicht direkt an der Marxschen Kritik der kapitalistischen Produktionsweise, des Arbeits- und Verwertungsprozesses angesetzt, so wäre in der Tat keine Weiterentwicklung der Konsum- und Bedürfniskritik hin zu einer revolutionären Subjektivitätstheorie möglich gewesen. Die Kritik Dauvés an der SI-Theorie fällt vielmehr auf ihn selbst zurück: Indem er meint bemängeln zu müssen, dass Debord nicht gezeigt hätte, wie das Spektakel »vom Kapitalismus produziert wird«, reißt er selbst die kapitalistische Produktion und die spektakuläre Waren- und Bilderproduktion auseinander, um beide zusammengehörenden Momente getrennten Sphären zuzuordnen (Produktion und Zirkulation) Allein aus der Produktionssphäre heraus lässt sich die Dynamik des Kapitals nicht begreifen; dieser Dynamik vorausgesetzt ist vielmehr immer schon die

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat Einheit von kapitalistischer Produktion, Zirkulation, Distribution und Konsumtion [MEW42:19-34]. Dauvé kann somit selbst keinen Begriff einer spektakulären Produktionsweise entwickeln, weil er in seiner ökonomistischen Blindheit gegenüber der kapitalistischen Bilderproduktion diese aktuelle Form der Warenproduktion und Kapitalakkumulation nicht wahrnimmt bzw. sie nicht ernstnimmt. Der ökonomie-bornierte Dualismus eines Dauvé fällt zugleich auch hinter die Marxsche Methode der historischen Analyse von Produktionsweisen als jeweils einer eigengesetzlichen Reproduktionstotalität zurück, in der materiell-ökonomische Momente (»ökonomische Basis«) und ideelle, institutionelle bis psychomentale Momente (»ideologischer und politischer Überbau« [MEW 13:8f] eben kein starres dualistisches Schema darstellen, sondern sich in komplexesten Formen der Wechselbedingung auseinander und zueinander entwickeln, jeweils in einer bestimmten historischen Situation »zum übergreifenden Moment« (Marx) über die anderen Momente werden können. Andernfalls wäre gar keine Revolution, kein Umsturz einer bestimmten Reproduktionstotalität durch die Menschen mit Willen und Bewusstsein möglich. [Vgl. Lukács: »Die Reproduktion« in: OgS2: 203-227, 249-290 Vgl. auch Anm103.]

Anm66 Die Wert- und Warenform als »das struktive Zentrum« aller Sphären der kapitalistischen Totalität Erst der sogenannte »Westliche Marxismus«, wie etwa Karl Korsch, die Budapester Schule (Lukács, Mészáros, Heller etc.), die kritische Theorie (Horkheimer, Adorno, Marcuse etc.) oder Walter Benjamin erarbeiteten zu diesem Problemkomplex, indem sie wieder direkt von Marx ausgingen, entsprechende Ansätze. Guy Debord entwendete etliche Textstellen aus Lukács’ Aufsatzsammlung »Geschichte und Klassenbewußtsein« und nahm folgende Passage daraus sogar in »Die Gesellschaft des Spektakels« als Präambel des zweiten Kapitels auf: »Denn nur als Universalkategorie des gesamten gesellschaftlichen Seins ist die Ware in ihrer unverfälschten Wesensart begreifbar. Erst in diesem Zusammenhang

gewinnt die durch das Warenverhältnis entstandene Verdinglichung eine

entscheidende Bedeutung sowohl für die objektive Entwicklung der Gesellschaft wie für das Verhalten der Menschen zu ihr; für das Unterworfenwerden ihres Bewußtseins den Formen, in denen sich diese Verdinglichung ausdrückt [...]. Diese Willenlosigkeit steigert sich noch dadurch, daß mit zunehmender Rationalisierung und Mechanisierung des Arbeitsprozesses die Tätigkeit des Arbeiters immer stärker ihren Tätigkeitscharakter verliert und zu einer kontemplativen Haltung wird.« [GdS:29 u. GuK:260,264].

Anm67 Das Proletariat definiert sich als historischer Prozess der doppelten Negation und Destruktion Schon der frühe Marx vor 1848 begreift das damals historisch durch den massenhaften Pauperismus im Vormärz auch in Deutschland sichtbar gewordene Proletariat als Produkt der bürgerlichen Gesellschaft des Privateigentums an den modernen gesellschaftlichen Produktionsbedingungen: »Es ist die negative Seite des Gegensatzes«, und innerhalb des konstituierenden Gegensatzes der modernen Gesellschaft bilden die »Proletarier die destruktive Partei«.[MEW 2:37]. Mit der Herausbildung und Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft ist nach dieser Logik unweigerlich

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat die Herausbildung und Reproduktion einer Gesellschaftsklasse verbunden, in der sich »alle Mängel der Gesellschaft« konzentrieren, einer »Klasse mit radikalen Ketten, einer Klasse der bürgerlichen Gesellschaft, welche keine Klasse der bürgerlichen Gesellschaft ist, eines Standes, welcher die Auflösung aller Stände ist, einer Sphäre, welche einen universellen Charakter durch ihre universellen Leiden besitzt und kein besondres Recht in Anspruch nimmt, weil kein besondres Unrecht, sondern das Unrecht schlechthin an ihr verübt wird, welche nicht mehr auf einen historischen, sondern nur noch auf den menschlichen Titel provozieren kann.« [MEW1:388,390] Das »Unrecht schlechthin« wäre als die Gesamtheit aller Enteignungen und Entfremdungen dieser Klasse und dieser Individuen von ihren Potenzen, Fähigkeiten und Möglichkeiten definiert – sowohl positiv als auch negativ (»Etwas fehlt« – wie Ernst Bloch dieses Negative formulierte). Die Auflösung der bürgerlichen und vorbürgerlichen »Werte« wird als Destruktion der historisch herausgebildeten menschlichen Persönlichkeit (in Westeuropa vor allem: »der Renaissancemensch« als Ideal vom »ganzen Menschen«) erlebt und empfunden (Klassizismus, Romantik [vgl. MEW42:95f]). Dieser Prozess der »Entmenschlichung« [Adorno1975:22] des Proletariats setzt sich im modernsten Kapitalismus fort, so Debord: »Seine Existenz in der gesteigerten Entfremdung des modernen Kapitalismus dauert unerbittlich fort: dieses Proletariat besteht aus der ungeheuren Mehrzahl der Arbeiter, die jede Macht über die Bestimmung ihres Lebens verloren haben und sich, sobald sie das wissen, wieder als Proletariat definieren, als das in der Gesellschaft wirkende Negative.« [GdS§114].

Anm68 Cosmopolitische Disponibilität des modernen Proletariats »Übrigens setzt die Masse von bloßen Arbeitern – massenhafte von Kapital oder von irgendeiner bornierten Befriedigung abgeschnittne Arbeiterkraft – und darum auch der nicht mehr temporäre Verlust dieser Arbeit selbst als einer gesicherten Lebensquelle durch die Konkurrenz den Weltmarkt voraus.« [MEW3:35f].

Anm69 KapitalistInnen als bewusste TrägerInnen der Kapitalbewegung: der objektive Inhalt der Geldvermehrung ist subjektiver Zweck des personifizierten, mit Willen und Bewusstsein begabten Kapitals. Ihrer Möglichkeit nach scheint die Wertsumme des Geldes aber auch schon vorher Kapital zu sein: »An sich ist die Geldsumme erst Kapital, d.h. ihrer Bestimmung nach, weil sie in einer Weise angewandt, verausgabt werden soll, die ihre Vergrößerung zum Zweck hat, weil sie zum Zweck ihrer Vergrößerung verausgabt wird. Erscheint dies mit Bezug auf die vorhandne Wert- oder Geldsumme als ihre Bestimmung, ihr innerer Trieb, Tendenz, so mit Bezug auf den Kapitalisten, d.h. Besitzer dieser Geldsumme, in dessen Hand sie diese Funktion untergehen [undergo, d.h. durchmachen, vollziehen; BBZN] soll, als Absicht, Zweck.« [MEGAII,4:52].

33

Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat Anm70 Wissenschaftlich genauer Begriff der Arbeit: die Voraussetzung für die Sprengung des Lohnfetischs und das Begreifen der Mehrwertproduktion. Hier zeigt sich außerdem, wie entscheidend es ist, Arbeitskraft, also die Möglichkeit zu arbeiten, von der Arbeit selbst, der wirklichen und insofern wirkenden, also der Verwirklichung der Arbeitskraft im Arbeitsprozess, begrifflich strikt zu unterscheiden.

Anm71 Reproduktionsform »Familie«: bedeutender vorkapitalistischer und kapitalistischer Faktor Marx stellt die Familie – in ihren verschiedenen historischen Formen und Vorformen – als den primären Ort der menschlichen Reproduktion dar und im Kapitalismus daher auch der Reproduktion der Ware Arbeitskraft, und er benennt die Reproduktion der Arbeiterklasse als elementare Bedingung für die Reproduktion des Kapitals: »Die Produktion des Lebens, sowohl des eignen in der Arbeit wie des fremden in der Zeugung, erscheint nun schon sogleich als ein doppeltes Verhältnis – einerseits als natürliches, andrerseits als gesellschaftliches Verhältnis« [MEW3:29]. Wie bei jeder Ware schwankt auch der Preis der Arbeitskraft um ihren Wert. Aus der Bestimmung nun, dass der Wert der Arbeitskraft gleich dem Wert der – auf je unterschiedlichem »historisch und moralisch« erkämpftem Niveau (Marx) – zu ihrem Unterhalt notwendigen Lebensmittel sei, ergibt sich folgendes: »Die Summe der zur Produktion der Arbeitskraft notwendigen Lebensmittel schließt also die Lebensmittel der Ersatzmänner ein, d.h. der Kinder der Arbeiter, so daß sich diese Race eigentümlicher Warenbesitzer auf dem Warenmarkte verewigt.« [MEW23:186]. Marx betont des Weiteren, dass »das Kapital die für die Konsumtion nötige Familienarbeit usurpiert hat«.[MEW23:417,FN]. Damit muss auch die Hausarbeit, wenngleich von Marx nicht weiter berücksichtigt und ausgeführt – wenn auch keineswegs übergangen oder gar abgewertet sondern zunächst lediglich an der Stelle beschrieben, die sie im Kapitalismus nun mal ausfüllt – ein wesentlicher Aspekt der Werttheorie sein. Darauf machen marxistische Feministinnen seit Ende der 1960er immer wieder aufmerksam. Allerdings muss darauf hingewiesen werden, dass dieses Thema innerhalb der feministischen Theorie sehr umstritten ist. Einen sehr guten Überblick hierüber bieten die Artikel im »Historisch-kritischen Wörterbuch des Feminismus« unter den Stichworten »Geschlechterverhältnisse«, »Hausarbeitsdebatte«, »Hausfrau«, »Hausfrauisierung« und »häusliche Produktionsweise« [Haug,Frigga2003]. Siehe auch die Broschüre »Kapitalismus und Hausarbeit« [autonome gruppe 1. mai].

Anm72 »Konstantes« und »variables Kapital«: ökonomiekritische Formeln zur Entfetischisierung von Kapital und Lohnarbeit »Der Teil des Kapitals also, der sich in Produktionsmittel, d.h. in Rohmaterial, Hilfsstoffe und Arbeitsmittel umsetzt, verändert seine Wertgröße nicht im Produktionsprozeß. Ich nenne ihn daher konstanten Kapitalteil, oder kürzer: konstantes Kapital. Der in Arbeitskraft umgesetzte Teil des Kapitals verändert dagegen seinen Wert im Produktionsprozeß. Er reproduziert sein eignes Äquivalent und einen Überschuß darüber, Mehrwert, der selbst wechseln, größer oder kleiner sein kann. Aus

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat einer konstanten Größe verwandelt sich dieser Teil des Kapitals fortwährend in eine variable. Ich nenne ihn daher variablen Kapitalteil, oder kürzer: variables Kapital. Dieselben Kapitalbestandteile, die sich

vom

Standpunkt

des

Arbeitsprozesses

als

objektive

und

subjektive

Faktoren,

als

Produktionsmittel und Arbeitskraft unterscheiden, unterscheiden sich vom Standpunkt des Verwertungsprozesses als konstantes Kapital und variables Kapital.« [MEW23:223f].

Anm73 Sind z.B. »Angestellte« auch nur Proletarisierte – oder »was Besseres«? Die Problematik des Dienstleistungssektors und des »kommerziellen Arbeiters« behandelt Marx in: MEW24:133ff. MEW25:303-312, MEW26.1:134,386f. Als kleines Handbuch für die Vielzahl komplizierter Grenz- und Zwischenformen der Klassensegmente innerhalb und außerhalb des gesellschaftlichen Gesamtarbeiters ist nach wie vor am übersichtlichsten (mit Zitaten auch der entlegensten Marx-Stellen) der Klassiker von Michael Mauke: »Die Klassentheorie von Marx und Engels« (1970). Als ähnlich verdienstvoll kann der Klassiker von Ulf Kadritzke gelten: »Angestellte, die geduldigen Arbeiter« (1975), der vor allem auch den pseudomarxistischen Humbug von den »neuen Mittelklassen« dekonstruiert. In Band 1 des Historisch-kritischen Wörterbuchs des Marxismus gibt dieser Autor noch einmal eine gute Zusammenfassung der bis heute vernachlässigten Forschung. Für die besonders gebrochene, illusionstreibende Bewusstseinslage der Angestellten im 20. Jahrhundert – vor allem am Beispiel des Berlin um 1930 – leistete der im Dunstkreis der Kritischen Theorie arbeitende Siegfried Kracauer Pionierarbeit: »Die Angestellten. Aus dem neuesten Deutschland« ist die klassische Studie der damals aufblühenden urbanistischen »Angestelltenkultur« an der Schwelle zum NS-Faschismus, die deutlich schon alle kulturindustriellen Wesenszüge der Gesellschaft des Spektakels aufweist.

Anm74 Situationistische Nüchternheit angesichts einer angeblich privilegierten ArbeiterInnenbevölkerung oder »Arbeiteraristokratie« in den Metropolen des Weltmarkts »Daß es die Ausplünderung des Planeten dem Kapitalismus in seinem imperialistischen Stadium gestattet, eine große Zahl von besser bezahlten Facharbeitern zu unterhalten, ist eine Feststellung, die, unter einem moralischen Deckmantel, ohne jegliche Tragweite für die Bewertung der revolutionären Politik des Proletariats ist. Auch der letzte ‚spezialisierte Arbeiter’ der heutigen französischen oder deutschen Industrie kommt, selbst wenn er ein besonders schlecht behandelter und bedürftiger ‚Gastarbeiter’ ist, in den Vorteil der planetarischen Ausbeutung des Jute- oder Kupferproduzenten in den unterentwickelten Ländern und ist nichtsdestoweniger ein Proletarier. Die Facharbeiter, die über mehr Zeit, Geld und Ausbildung verfügen, haben in der Geschichte der Klassenkämpfe mit ihrem Los zufriedene Wähler abgegeben, aber häufig auch extremistische Revolutionäre« [DwS§35].

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat Anm75 Das Kapital löst sich in letzter Instanz analytisch in Menschen und ihre Beziehungen, ihre Kämpfe auf Man darf dabei nie vergessen, dass das »Kapital [...] kein Ding [ist], so wenig wie Geld ein Ding ist. Im Kapital, wie im Geld, stellen sich bestimmte gesellschaftliche Verhältnisse der Personen als Verhältnisse von Dingen zu Personen dar, oder erscheinen bestimmte gesellschaftliche Beziehungen als gesellschaftliche Natureigenschaften von Dingen.« [MEGAII,4:79].

Anm76 »Charaktermasken« Marx, der gerne aus der klassischen Poesie zitierte, konnte den Begriff »Charaktermaske« bei Jean Paul, aber auch bei Goethe finden, der in »Faust II« auf dem Kostümfest des kaiserlichen Karnevals die Allegorie des Reichtums auftreten lässt: als »vermummter Plutus, Maskenheld«, der eine unsichtbare Klassenschranke gegen »das Volk« setzt. Aber auch der Einfluss Hegels zeigt sich deutlich, wenn dieser über die »Selbständigkeit des individuellen Charakters schreibt: »Masken sind zwar auch bestimmte Charaktere, aber sie zeigen diese Bestimmtheit nur in deren Abstraktion und Allgemeinheit, ohne subjektive Individualität. Die Charaktere dagegen unserer Stufe sind jeder für sich ein eigentümlicher Charakter, ein Ganzes für sich, ein individuelles Subjekt. Sprechen wir deshalb hier dennoch von Formalismus und Abstraktion des Charakters, so bezieht sich dies nur darauf, daß der Hauptinhalt, die Welt solches Charakters einerseits als beschränkt und dadurch abstrakt, andererseits als zufällig erscheint.« [HW14:199] Was Hegel hier bereits radikal historisiert: die Bühnen-Welt eines bestimmten Charakters, wird von Marx »umgestülpt« in den funktionalen Charakter einer bestimmten klassengesellschaftlichen Welt, die ihre ProtagonistInnen, AgentInnen, HandlungsträgerInnen von Kindesbeinen an zum ständigen Auftritt auf der dramatischen Bühne der Repräsentation der verschiedenen Klasseninteressen zwingt. Damit kann die soziale Stelle und das Verhalten eines Individuums – das, was dann bei S. Freud, W. Reich und O. Fenichel als sozial entstandener »Charakterpanzer« eines Menschen psychoanalytisch begreifbar und veränderbar wird –, auch auf der Bühne eines »theatrum mundi« (Welt-Theater) anschaulich gemacht werden, wo die Handelnden als SchauspielerInnen mit ihren sozialen Masken, Rollen und Gesten auftreten (so leiht Marx z.B. die Rolle und Stimme des »Shylock« aus Shakespeares »Kaufmann von Venedig« (1596) abwechselnd der Charaktermaske des Kapitalisten und der des Proletarisierten). Vor allem Bertolt Brecht (1898-1956) – auf den die SI sich an einigen Stellen

positiv

bezieht



arbeitete

an

der

ästhetischen

(sinnlich-erkennbar

machenden)

Darstellungstechnik eines historisch-materialistisch zu begreifenden »theatrum mundi«, durch welche das Zusammenfallen von Charakteren und Klassenindividuen aus der verdinglichten Statik »ewigmenschlicher«

Stereotypen

befreit

werden

kann,

indem

gegenüber

den

proletarisierten

ZuschauerInnen das vertraute Bühnen-Spektakulum in verfremdete, befremdende, zu reflektierende Situationen

gewendet

wird,

wo

vermittels

bewusster,

kritischer

Darstellung

durch

die

SchauspielerInnen das passive Hinnehmen der dargestellten Welt in (lustvolle) Irritation und kritischer Distanz ihr gegenüber, tendenziell in möglichst aktives gesellschaftlich bewusstes Handeln freigesetzt wird, d.h. in revolutionäre Umgestaltung der gesellschaftlichen Rollen und Verhältnisse der Menschen

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat umgesetzt werden kann. Brecht fasst diese Techniken in »Kleines Organon für das Theater« zusammen [vgl. Brecht1964]. Hierbei wird an den Charakteren, Rollen, Masken, Gesten usw. der Personen auf der Bühne mittels einer historisch-realistischen Spiegelungsmethode angesetzt, um die spektakuläre Struktur des Welttheaters (»Kunst und Leben«) zu kippen. Mittels »Spiel« (hier: Schauspiel) und »Experiment« [vgl. Brecht1964,Absch.52] und den von den SchauspielerInnen als Charakter-Masken dargestellte und von den handelnden Personen in der gesellschaftlichen Alltagsrealität kritisierte Situation aus gilt es die Sphäre der getrennten Ästhetik in die anderen Sphären der kapitalistischen Reproduktionstotalität hinein zu entfesseln, um diese aufzuheben. Brecht glaubte hierbei zwar noch an die »Macht« der Kunst, des Theaters, während die SituationistInnen den Akzent eindeutig auf die »Verwirklichung durch Aufhebung« der Kunst setzten, die Rolle »der Schauspieler« als solche bekämpften, das Schau-Spiel in das Postulat völlig freigesetzten Experimentierens gegen alle Charaktermasken-TrägerInnen auflösten und die Fouriersche SpielKonzeption des ständig die »Rollen« wechselnden gesellschaftlichen Verkehrs miteinander neu belebten (travail attractif). Damit sollte der Verfestigung der Persönlichkeit zum verdinglichten, starren »Charakterpanzer« als Charaktermaske entgegengewirkt werden. Der SI zufolge (1958) hat Brecht »die Zerstörung des Theaterschauspiels sowie Forderungen aufgezeigt, die darüber hinausgehen. Man kann sagen, dass die Konstruktion der Situationen das Theater nur in demselben Sinne ersetzen wird, in dem die wirkliche Konstruktion des Lebens die Religion ersetzt hat. [...] die wirkliche Vollendung des Individuums – auch in dem von den Situationisten entdeckten Kunsterlebnis – kann unmöglich ohne die kollektive Beherrschung der Welt geschehen: vor ihr gibt es noch keine Individuen, sondern nur Gestalten, die mit den Dingen umgehen, die ihnen von den anderen anarchisch gegeben werden. In Zufallssituationen treffen wir getrennte, ziellos herumziehende Individuen.« Diese »erhalten ihre feste Umwelt der Langeweile aufrecht. Wir werden diese Bedingungen zugrunderichten, indem wir das Brandzeichen eines höheren Spiels an einigen Punkten erscheinen lassen. [...] Gegen alle rückläufigen Formen des Spiels, die seine Rückkehr zu einer infantilen, immer einer reaktionären Politik verbundenen Entwicklungsstufe darstellen, müssen wir die Experimentalformen eines revolutionären Spiels behaupten.« [SI1:17; vgl. SI1:180] Ab Marx über Brecht bis zur SI ist somit das Spiel gegen die Charakter-Masken gekehrt worden: die sich im Spiel miteinander befreienden Persönlichkeiten lösen damit das Spectaculum des Welt-Theaters auf. Ende des 20.Jahrhunderts hat die gesellschaftliche Emanzipationsbewegung schließlich auch in größerem Ausmaß, als historisch dies je zuvor möglich schien, zur radikalen Infragestellung des Charakterpanzers als »Körperpanzer«, als im Körperbild »des Geschlechts« (begriffen in seiner gesellschaftsdurchformten Dimension als sozio-kulturelle Geschlechterrolle) verfestigter genderCharaktermasken ausgegriffen und spielerisch-experimentierend die wechselnde, nichtfestzulegende »Performativität des Geschlechts und der Sexualität« auszureizen begonnen. Egal, ob sie dies mit weitgehend völlig überzogenen idealistischen Entlehnungen des an den Universitäten des ausgehenden 20. Jahrhunderts

herrschenden »radikalen Konstruktivismus«, einer brutalen

Manipulationsideologie des überall anzusetzenden

Skalpells, sowie diverser subjektivistischer

Diskurstheorien (die allesamt auf dem »Wille zur Macht«-Agnostizismus eines Nietzsche beruhen) scheinwissenschaftlich überhöhen zu müssen glauben [vgl. Friederike Kuster 2002]. Jedenfalls greifen

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat die Intentionen von gender-studies, queer-theory und vor allem die ihnen zugrundeliegenden Praxisformen der »transgender-, intersex- etc. awareness«-Bewegung direkt schon den ödipalen Kern der

Geschlechterrollen-Prägung,

»Zwangsheterosexualität«

und

sonstigen

Charakterpanzer-

Normierung der Menschen in der konservativsten und reaktionärsten Institution aller überkommenen Gesellschaftsordnungen:

der

Familie,

durch

befreiende

Aufhebungsversuche

der

Geschlechterfixierungen an. Sie wagen damit eine »Kritik der libidinösen Ökonomie«, die in ihrer Wechselbedingung auf die politische Ökonomie gar nicht zu überschätzen ist, fordert sie doch praktisch-emotional von dieser persönlichsten, »privatesten« Seite des bürgerlichen Individuums her die radikalste Infragestellung der eigenen gesellschaftlichen »Charaktermaske« heraus, bringt das eingespielte Rollenspiel der bürgerlichen Gesellschaft, ihre »Furien der Leidenschaften« (Marx) womöglich durcheinander. !Ex.: Die Kategorien »Natur« und »Geschlecht« und die Sprachkritik, !Ex.: Das Theorie-PraxisVerhältnis und die »Konstruktion von Situationen«.

Anm77 »Charaktermaske«: nicht persönlich wertend, aber soziales Interesse kennzeichnend Dass Marx die Charaktermasken nicht moralisch abwertend fasst, sondern als Personifikationen ökonomischer Verhältnisse, stellt er im Vorwort zum »Kapital« klar: »Zur Vermeidung möglicher Mißverständnisse ein Wort. Die Gestalten von Kapitalist und Grundeigentümer zeichne ich keineswegs in rosigem Licht. Aber es handelt sich hier um die Personen nur, soweit sie die Personifikation ökonomischer Kategorien sind, Träger von bestimmten Klassenverhältnissen und Interessen. Weniger als jeder andere kann mein Standpunkt, der die Entwicklung der ökonomischen Gesellschaftsformation als einen naturgeschichtlichen Prozeß auffaßt, den einzelnen verantwortlich machen für Verhältnisse, deren Geschöpf er sozial bleibt, sosehr er sich auch subjektiv über sie erheben mag.« [MEW23:16]. Somit wird auch der Kapitalist als wirkliche Person nicht für die ökonomisch-gesellschaftlichen Verhältnisse verantwortlich gemacht oder gar angeklagt, sondern als gleichfalls entfremdet begriffen. Allerdings hält ihn diese besondere Entfremdung zusammen mit seinem Klasseninteresse im Bestehenden fest, wohingegen der Entfremdung der Proletarisierten eine diametral

verschiedene

»Lebenssituation«

existenziell

und

interessenbedingt

zugrundeliegt

[MEW2:37].

Anm78 Alles »Menscheln« kann nicht darüber hinwegtäuschen Denn vor dem Produktionsprozess treten sie sich als Warenbesitzer gegenüber »und haben nur ein Geldverhältnis zusammen, innerhalb des Produktionsprozesses als personifizierte Funktionäre der Faktoren dieses Prozesses, der Kapitalist als ‚Kapital’, der unmittelbare Produzent als ‚Arbeit’, und ihr Verhältnis ist bestimmt durch die Arbeit als bloßen Faktor des sich selbst verwertenden Kapitals.« [MEGAII,4:92 u. vgl. 128].

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat Anm79 Die situationistische Skepsis gegenüber dem Studentenmilieu Angesichts der spektakulären Glorifizierung der StudentInnen zum angeblichen Subjekt der neuen Revolte zu Beginn der proletarischen Kämpfe in den 1960er Jahren und

der ernüchternden

Relativierung dieser Zuschreibung am Ende jener Dekade war es für eine moderne Revolutionstheorie das Gebot der Zeit, gerade jene Schicht genauer unter die Lupe zu nehmen und jenen Dünkel zu desillusionieren. Denn die StudentInnen sind nichts anderes als die in Ausbildung sich befindenden potentiellen zukünftigen Führungskräfte.

Anm80 Führungskraft-Habitus und "die feinen Unterschiede" Wenige

Jahre,

bevor

der

französische

Soziologie

Pierre

Bourdieu

die

Ausdrücke

»Distinktionsgewinn«, »kulturelles Kapital« und »Habitustheorie« prägte und mit den Ergebnissen seiner sozio-ethnologischen Feldforschung hierzu Furore machen sollte, hat die SI, zwar ohne diese Formeln

zu

gebrauchen,

schichtspezifischen

aber

dafür

Abweichungen

und

begrifflich

mit

Abgrenzungen

unvergleichlicher innerhalb

der

Tiefenschärfe,

die

Proletarisierten

als

neuentwickelte Massenerscheinung der Verdinglichung (Funktion der Gadgets, »Tokenism«, Leitbild der »Führungskraft«) herausgearbeitet. Bourdieu verwendete seine soziologischen Begrifflichkeiten wie »Distinktionsgewinn« vor allem in der detaillierten Beschreibung von Formen der Abgrenzung gegenüber anderen zu dem Zweck, aus dieser Absetzung von ihnen einen kulturellen Nutzen zu schlagen, »sei es anhand der direkt am Körper sich abzeichnenden Auswirkungen (Schlankheit, Bräune, sichtbare Muskulatur etc.), sei es aufgrund der damit eröffneten Chancen, in exklusiven Gruppen Fuß zu fassen (Golf, Polo, etc.).« [Bourdieu1987:44]. Von allen Distinktionen vermitteln laut Bourdieu v.a. diejenigen Prestige und Anerkennung, welche am deutlichsten die vermeintliche Stellung in der Sozialstruktur zu erkennen geben, wie z.B. Kleidung, Sprache (Wortwahl, Akzent, Gesten und Körpersprache etc.), Manieren, Geschmack, kulinarische wie ästhetische Kennerschaft, kulturelle Weltläufigkeit etc. Die Bourdieu-Theorie stellte allerdings nur in ihrer empirischen Leistung etwas Neues dar, hatte doch bereits um 1900 der vielseitige Außenseiter-Soziologe in den USA, Thorstein Veblen, mit seinem bis heute vielbeachteten Buch »The Theory of the Leisure Class« die »conspicuous

consumption«,

d.h.

Prestigekonsumtion

tatsächlicher

und

vermeintlicher

Führungsschichten-Angehöriger zum Kern einer sozialdarwinistisch und utilitaristisch gefärbten »Ökonomie der Institutionen« im sich mächtig entfaltenden Kapitalismus »des amerikanischen Jahrhunderts« gemacht.

Anm81 Angst vor dem Absturz: kulturindustrielle Bilder vom »Proletariat« Oberflächlich und begriffslos, aber um so plastischer und lustiger ist dies von Barbara Ehrenreich für die USA der 1980er Jahre beschrieben in ihrem Essay über die nicht zuletzt am laufenden Band durch Hollywood vermittelten Bilder vom »Proletariat« als Sog-Bild des Schreckens und der heimlichen Bewunderung [Ehrenreich1994].

39

Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat

Anm82 Situationistisches Porträt der »Führungskraft« (Auszug) »Die Führungskraft ist der Konsument ‚par excellence’, das heißt der Zuschauer ‚par excellence’. Die Führungskraft steht daher, immer unsicher und immer enttäuscht, im Zentrum des modernen falschen Bewußtseins und der gesellschaftlichen Entfremdung. Im Gegensatz zum Bourgeois, zum Arbeiter, zum Leibeigenen, zum Feudalherrn fühlt sich die Führungskraft nie an ihrem Platz. Immer strebt sie danach, mehr zu sein als sie ist und als sie sein kann. Sie ist zielstrebig und zugleich voller Zweifel. Sie ist der Mensch des Unbehagens, nie ihrer selbst sicher, was sie jedoch vortäuscht. Sie ist der absolut abhängige Mensch, der meint, er müsse die Freiheit selbst fordern, die in ihrem in mäßigem Überfluß vorhandenen Konsum idealisiert wird. Sie ist der Ehrgeizige, der ständig seiner im übrigen erbärmlichen Zukunft zugewendet ist, während sie bereits bezweifelt, ob sie ihren gegenwärtigen Platz gut genug ausfüllt. Es ist kein Zufall [...], daß die Führungskraft immer ehemaliger Student ist. Die Führungskraft ist der Mensch des Mangels: ihre Droge ist die Ideologie des reinen Spektakels, des Spektakels des Nichts.« [DwS§36].

Anm83 Warum das Kapital in Gestalt von »ArbeitgeberInnen« erscheint (realer Schein) Betrachtet man den gesamten gesellschaftlichen Funktionszusammenhang nüchtern, so ist »der Käufer des Arbeitsvermögens [...] nur die Personifikation von vergegenständlichter Arbeit, die einen Teil ihrer selbst in Form von Lebensmitteln an den Arbeiter abgibt, um das lebendige Arbeitsvermögen ihrem anderen Teil einzuverleiben und durch diese Einverleibung sich ganz zu erhalten und über ihr ursprüngliches Maß hinaus zu wachsen.« [MEGAII,4:78].

Anm84 Der Humanismus der Ware: der Mensch als verdinglichtes Wesen aufgespannt zwischen »freier« Lohnarbeit und »freier Wahl« der »Lebenswelt« Die beiden Originalsätze, die sich Debord hier von Marx aneignet, lauten folgendermaßen: 1. »Es versteht sich von selbst, daß die Nationalökonomie den Proletarier, d.h. den, der ohne Kapital und Grundrente, rein von der Arbeit und einer einseitigen, abstrakten Arbeit lebt, nur als Arbeiter betrachtet. Sie kann daher den Satz aufstellen, daß er ebensowohl, wie jedes Pferd, soviel erwerben muß, um arbeiten zu können. Sie betrachtet ihn nicht in seiner arbeitslosen Zeit, als Mensch, sondern überläßt diese Betrachtung der Kriminaljustiz, den Ärzten, der Religion, den statistischen Tabellen, der Politik und dem Bettelvogt.« [MEW40:477]. 2. »Unter dem Schein einer Anerkennung des Menschen ist also die Nationalökonomie, deren Prinzip die Arbeit, vielmehr nur die konsequente Durchführung der Verleugnung des Menschen, indem er selbst nicht mehr in einer äußerlichen Spannung zu dem äußerlichen Wesen des Privateigentums steht, sondern er selbst dies gespannte Wesen des Privateigentums geworden ist.« [Ebd.:530-531]. Umgekehrt waren die wenigen »marxistischen« Versuche verfehlt, aus der Konsumsphäre die radikale Möglichkeit einer Emanzipation für die LohnarbeiterInnen abzuleiten, die in die »freie Wahl«

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat der individuellen Freizeitgestaltung hineinprojiziert werden kann im Sinne einer Revolutionierung von Kultur-, Alltags- und Lebensstil in der kulturellen Konkurrenz der KonsumentInnen. Eine solche Tendenz scheint uns auch in dem deutschen Klassiker der kulturalistischen linken Scene der ausgehenden 1980erJahre durchzuschlagen: Günther Jacob, »Kapitalismus und Lebenswelt. Theorie des bürgerlichen Individuums bei Marx« [Jacob1986]. In diesem in der Pop-Linken beliebten zirkulations- und konsumtionsbornierten Überziehen der »Freiheit in der Konsumsphäre« bzw. der kulturell-»lebensweltlichen« Wahlmöglichkeit des Konkurrenz-Individuums im »Freizeit«-Alltag rächte sich wieder einmal, dass die FortsetzerInnen der »Neuen Linken« geschlossen an der Analyse der Reproduktionstotalität im Spätwerk von Lukács vorbeigegangen sind: dort hätten sie bereits ab 1963 (»Die Eigenart des Ästhetischen«) und vor allem im Hauptwerk 1970 (»Zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins«, vollständig verfügbar erst 1986), im Kapitel »Die Entfremdung«, eine Proportionierung des Kulturellen und der »Freizeitsphäre« zur Ökonomie im strengen Sinne der Kritik der politischen Ökonomie finden können, die dem wirklichen »Spielraum« des modernen Individuums für radikale Lebensveränderung seine nüchterne materialistische, aber zugleich revolutionär-ethische Stelle geben kann. Die kapitalistische fetischisierte Form von Muße – nämlich eben als »die Freizeit«, welche die SituationistInnen auch sarkastisch als »die Arbeit am Konsum« bezeichneten – ist zwar nicht direkt mechanisch aus der Sphäre der Ökonomie abzuleiten, um so entscheidender jedoch abhängig vom elementarsten Klassenkampf (um Lohn, Arbeitstag etc.) und damit bereits vom historisch-moralischen Faktor seines Subjekts [vgl. auch W.Benjamin »über den Begriff der Geschichte« These 4]. Hinzu kommt im consumer capitalism der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die

wachsende

ökonomische

Bedeutung

der

Manipulation

der

KonsumentInnen

in

allen

Lebensbereichen, die jedoch ebenfalls durch immer komplexere Vermittlungsketten zwischen ökonomischen Determinationen einerseits, wachsenden ökonomischen wie nicht-ökonomischen Zufälligkeiten andererseits

in der unabgeschlossenen Totalität des gesellschaftlichen Seins

gebrochen sind und durch Bewusstseinsprozesse (Kritik, kollektive Praxisexperimente, individuelles Risiko etc., d.h. letztlich auch individuelle ethische Entscheidungen) weiter aktiv durchkreuzt werden können. Die Berührungspunkte zur Theorie der SI sind dabei unübersehbar.

Anm85 In den warenfetischistischen »Passagen« ist die gesellschaftliche GesamtarbeiterIn in die einzelne (Ver-)KäuferIn aufgelöst Konkret versuchte diesen Alltagszustand am aufkommenden Proletariat im kapitalistisch urbanisierten »Paris, Hauptstadt des 19. Jh.« Walter Benjamin sichtbar zu machen: als »zerstückelten Leib« einer revolutionären Gesellschaftsklasse, die sich in der Individuierung (d.h.: Zerstückelung) in einzelne bürgerliche Käufermonaden in den Einkaufspassagen (heute: Shopping Malls) verliert, bevor diese Klasse

es

in

einer

Ausnahmesituation

(Krieg

1871)

plötzlich

schafft,

kollektiv

zum

gesamtgesellschaftlichen bewussten Handeln als produzierendes Subjekt zu erwachen und die Commune zu errichten, bevor sie erneut in den warenfetischistischen Dämmerschlaf und lohnarbeiterischen Albtraum des individuellen Objektseins zurückgeworfen wird [vgl. Güde1992].

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat Anm86 Spektakuläre Ersatzrolle des Stars: Verkörperung der »Wahl« von Pseudo-Leben »Indem er das Bild einer möglichen Rolle in sich konzentriert, konzentriert der Star – d.h. die spektakuläre Darstellung des lebendigen Menschen – diese Banalität. Der Stand eines Stars ist die Spezialisierung des scheinbaren Erlebten, ist das Objekt der Identifizierung mit dem seichten, scheinbaren Leben, welches die Zerstückelung der wirklich erlebten Produktionsspezialisierungen aufwiegen

soll.

Die

Stars

sind

da,

um

verschiedenerlei

Typen

von

Lebensstilen

und

Gesellschaftsauffassungen darzustellen, denen es global zu wirken freisteht. Sie verkörpern das unzulängliche Resultat der gesellschaftlichen Arbeit, indem sie Nebenprodukte dieser Arbeit mimen, die als deren Zweck magisch über sie erhoben werden: die Macht und die Ferien, die Entscheidung und der Konsum, die am Anfang und am Ende eines unbestrittenen Prozesses stehen. Dort personalisiert sich die Regierungsgewalt zu einem Pseudostar, hier läßt sich der Star des Konsums als Pseudogewalt über das Erleben durch Plebiszit akklamieren. Aber diese Aktivitäten des Stars sind so wenig verschiedenartig wie wirklich global.« [GdS§60].

Anm87 Gesellschaftliche Nichtigkeit und spektakuläre »Hoffnungsmaschinerie« via Bilder Jedoch: »Im Elend der Aufmerksamkeitsverteilung tritt [...] das Elend der sie konstituierenden Gesellschaft nicht zurück; im Gegenteil, es gipfelt darin.« [Strube2002]

Anm88 Gesellschaftliche Raum-Zeit-Kontrolle: situationistisches Klassenkriterium Nach Marx ist »Zeit [...] der Raum zu menschlicher Entwicklung. Ein Mensch, der nicht über freie Zeit verfügt, dessen ganze Lebenszeit – abgesehn von rein physischen Unterbrechungen durch Schlaf, Mahlzeiten usw. – von seiner Arbeit für den Kapitalisten verschlungen wird, ist weniger als ein Lasttier. Er ist eine bloße Maschine zur Produktion von fremdem Reichtum, körperlich gebrochen und geistig verroht.« [MEW16:144].

Anm89 Problem der Begrifflichkeit: Worauf richtet sich »le désir« (»der Wunsch« als Begehren, Begierde) eigentlich und wie drückt er sich aus? Nach Jacques Lacan (1901-1981), der die Psychoanalyse in eine andere Richtung als die LinksFreudianerInnen entwickelte, ist die Unmöglichkeit, Begehren (frz.: le désir) und Bedürfnisbefriedigung zur Deckung zu bringen, eine anthropologische Konstante. Lacan versucht in seiner Neuinterpretation der Freudschen »Ödipustheorie« diesen Zusammenhang auf den Begriff »Phallus« als »Signifikant des Wunsches« (Lacan; d.h.: das symbolische Zeichen für das Begehren, der sprachliche und/oder bildliche Repräsentant der Begierde) zu zentrieren, auf den, als Symbol, wie er betont, sich beide Geschlechter beziehen. Beide Geschlechter unterliegen schon im Kindesalter, so Lacan (hier S. Freud folgend), dem Kastrationskomplex, wobei er für die Mädchen den Beginn (»das, was man mir weggenommen hat«) und für die Jungen den Ausgang (»das, was man mir wegnehmen kann«) des

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat ödipalen Konflikts bestimmt. Das »Phallische« ist dabei, so Lacans Deutung, der undefinierbare »Mangel« schlechthin, das, was fehlt, das Objekt des Begehrens als leere Abstraktion, eine Leerstelle, die am Ort »des Anderen« ihren Platz einnimmt (»ich habe nicht das, was andere haben – bin bestraft worden« bzw. »ich kann dessen beraubt werden, wie andere – kann bestraft werden«). Abgesehen von der sprach- und zeichentheoretischen (semiologischen) Erweiterung des »Ödipus«Modells

(Kind-Mutter-Vater)

vom

biologisch-Triebtheoretischen

ins

gesellschaftlich-

Diskurstheoretische (von manchen bezeichnet als »die zweite Revolution der Psychoanalyse«) trifft Lacan sicherlich eine historisch-anthropologische Gattungs-Invariante mit der Feststellung, dass das Zur-Deckung-Bringen von Begehren und Bedürfnisbefriedigung niemals in absoluter Weise zu schaffen ist und dabei immer eine gewisse Differenz bestehenbleibt, auf welche übrigens auch schon Hegel hingewiesen hat. Jedoch ist es prinzipiell möglich, aus dieser Differenz eine vorwärtstreibende Erfahrung zu beziehen, d.h. eine Differenzerfahrung, aufgrund derer in einem positiven Sinne gelernt werden kann, um möglichst unlustvermeidend die Lücke ein Stück kleiner werden zu lassen. Das »Spektakel«

jedoch

verhüllt

die

Möglichkeit

dieser

emanzipatorisch

vorwärtstreibenden

Differenzerfahrung, indem es die Differenz für seine eigene kompensatorische, bloß momentan »schmerzstillende«, surrogathafte Steigerungder Pseudo-Befriedigung (illusorische »Befriedigung«), für die spektakuläre Warenproduktion auf höherer Ebene benutzt, und zwar durch die bilderförmige Besetzung dieser Differenzerfahrung. Es verdinglicht »die Plombe« zur ewigen Ware. Debord spricht vom »reicher gewordenen Entzug«. Es muss hier erwähnt werden, dass die SI den (für den späteren Poststrukturalismus besonders bedeutenden) Universitäts-Guru Lacan alles andere als hochschätzte; sie warf ihm 1966 direkt Rekuperation der Freudschen Theorie und ihre Überführung in eine dunkle Sprachphilosophie vom Zuschnitt

Martin Heideggers vor [vgl. SI2:220]. »So nimmt Lacan in den Pariser Salons unter

Bewunderung aller Schwachköpfe Heideggers Rezept wieder auf [...], mit dem einzigen Motiv, Spiegelfechterei zu betreiben [...], und macht es [...] möglich, die kulturellen Shows

[...] des

getrennten Denkens zu organisieren, die seit langem vom Denken getrennt, versteinert und tot sind.« [SI2:212]. Als eine um sorgfältiges Verstehen bemühte marxistische Annäherung an die von Freud über Lacan bis zu den Lacan-Schülerinnen der Tel-Quel-Gruppe führende poststrukturalistische Entwicklungsrichtung der Psychoanalyse empfehlen wir die Darstellung von Inge Suchsland: »Julia Kristeva zur Einführung« [Suchsland 1992].

Anm90 Das Spektakel: Analogie zum Traum Bei S. Freud heißt es: »Der Traum ist der Wächter des Schlafes, nicht sein Störer.« [FGW,Bd.II/III:239]. Der gedeutete »Traumschlaf des Proletariats« gilt Walter Benjamin als Vorbewusstes in einer revolutionären »Theorie des Erwachens«. [Vgl. Opitz2000:341ff]. In Benjamins Worten: »Das Kollektiv drückt zunächst seine Lebensbedingungen aus. Sie finden im Traum ihren Ausdruck und im Erwachen ihre Deutung. [...] Das Jetzt der Erkennbarkeit ist der Augenblick des Erwachens.« [BW,Bd.V,1:495f u. 608].

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat Anm91 Zur Kategorie Möglichkeit: »Dýnamis« Die Möglichkeit der Wasserlöslichkeit des Zuckers zu verwirklichen hieße dann, ihn wirklich in Wasser aufzulösen.

So

gesehen

beinhalten

alle

Gegenstände,

Naturgegebenheiten,

menschlichen

Objektivationen etc. Möglichkeiten, die nicht verwirklicht sind; sie weisen damit über sich selbst hinaus. Objektive Möglichkeiten stehen damit der Wirklichkeit negativ gegenüber, eben weil sie nicht bzw. noch nicht verwirklicht sind. Die Realität objektiver Möglichkeiten zeigt sich gerade in Handlungen. Eine Handlung hat immer den grundlegenden Charakter einer Alternativentscheidung, sonst wäre es keine Handlung sondern ein bloß automatischer Ursache-Wirkungs-Mechanismus oder Reflex. Insofern besteht auch der Charakter der Manipulation darin, die Möglichkeitsspielräume von Handlungen einzuschränken, auf die Alternativentscheidungen einzuwirken, bestimmte Handlungen wahrscheinlicher und andere unwahrscheinlicher zu machen. In der spektakulären Warengesellschaft geschieht dies jedoch in einer Form, in der Alternativentscheidungen als bloße Wahlmöglichkeiten von spektakulären Waren und warenförmigen Spektakeln erscheinen. Die »falsche Wahl« (SI), Pseudo-Alternative oder der »Markt der Möglichkeiten« bestehen dann gemessen an einem – nur erst der Möglichkeit nach – selbstbestimmten Leben darin, in der bestehenden Wirklichkeit keine tatsächliche Wahlmöglichkeit zuzulassen. Die dýnamis (altgriech.: »im Wirklichen angelegte Möglichkeit«; von Aristoteles herausgearbeitete und von Marx permanent verwendete Kategorie) verkümmert damit zur bloßen Utopie – die selbst zum beliebigen Bildersortiment, zu einer Ware wird (»unsere Utopie«, »linke Utopie«, »konkrete Utopie«, »das ganz Andere« und dergleichen leere Abstraktionen als Surrogat für Communismus »dynámei«, wie Marx das ausdrückte, d.h. für seine Verwirklichung). In diesen ScheinAlternativen diesseits des Möglichen besteht eine der grundlegenden Manipulationsweisen der Gesellschaft des Spektakels. Die von Marx begonnene Kritik der politischen Ökonomie, Religion usw. ebenso wie die situationistische Spektakelkritik verstehen sich als dezidiert antiutopisch. Es gilt in jeder Situation die reale Alternative herauszufinden. »Dynámei«, d.h. der Möglichkeit nach, ist die richtige Alternativ-Option immer schon

in der realen Widersprüchlichkeit angelegt da. [Vgl.

grundsätzlich zu »Dýnamis« und »Verwirklichung«: OgS2:31-43]

Anm92 Komplexität der Entfremdungen Schon

innerhalb

der

gesellschaftlichen

Formation

des

Kapitalismus

entwickeln

die

Entfremdungsformen gewisse Eigendynamiken, die nur noch in einer hochgradig vermittelten Weise mit den Arbeitsprozessen und der gesamtgesellschaftlichen Arbeitsteilung zusammenhängen (ohne allerdings sich vollständig davon zu lösen). Will man gerade diese Eigendynamiken in den Blickpunkt der Kritik nehmen, muss man von jeglichem mechanisch-ökonomischen Reduktionismus Abstand nehmen und gerade auch außerökonomische Momente berücksichtigen. Man denke nur an die Rolle der Familienform, der Traditionen usw. bei der patriarchalen Entfremdung, oder die Rolle der Biologie, des Rechts und der Nationenbildung bei der rassistischen Entfremdung, sowie die Rolle der Religion, der

massenhaft

paranoiden

psychischen

Projektionsmechanismen

44

bei

der

antisemitischen

Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat Entfremdung etc. Allen diesen z.T. bösartig-massenmörderischen Entfremdungsformen ist mit der gängigen linken "moralisierenden Kritik und kritisierenden Moral" (Marx) allein nicht beizukommen. Darauf genauer einzugehen würde allerdings den Rahmen einer Einführung sprengen, die sich zunächst auf die allgemeine Entfremdungskritik der SI beschränken muss. Als uneingeholte Klassiker für die Entwicklung historisch-materialistischer Entfremdungskritik können wir hier nur empfehlen: I.Mészáros1970, Margaret Alice Fay 1979 [Der Einfluss von Adam Smith auf Karl Marx' Theorie der Entfremdung. Eine Rekonstruktion der Ökonomisch-philosophischen Manuskripte aus dem Jahr 1844. Frankfurt, NewYork 1979], Lukács: »Die Entfremdung« [in ZOgS2:501-730]

Anm93 Aufhebung des Fourierismus als moderne Verwirklichung des Spiels Charles Fourier (1772-1837) entwarf eine frühcommunistische Utopie, deren wesentliche Elemente die der Aufhebung des Stadt-Land-Gegensatzes, der untergeordneten Rolle der Frau, der Arbeitsteilung und des Staates sind. Er setzte dabei auf einen dezentralisierten Aufbau des Gemeinwesens in Form von Großkommunen (den Phalanstères mit ca. 500-1800 Personen). Herbert Marcuse bemerkt zu Fourier: »Die Umwandlung von Arbeit in Lust ist der zentrale Gedanke von Fouriers gigantischer sozialistischer Utopie. [...] Fourier ist überzeugt, daß diese Verwandlung eine völlige Veränderung der sozialen Einrichtungen voraussetzte: die Verteilung des Sozialprodukts entsprechend dem Bedürfnis, Übertragung von Funktionen entsprechend den individuellen Fähigkeiten und Neigungen, kurze Arbeitszeiten und so weiter.« [Marcuse1995:213f]. Zur Kritik an der utopistisch-okkultistischen Gestalt des fourieristischen Sektenkommunismus gehört auch die Kritik an seiner aus der Zirkulationsborniertheit der frühsozialistischen

Kritik des »Geldsystems« und der

bürgerlichen Konkurrenzgesellschaft entspringenden zeittypischen Judophobie. Aber im Gegensatz zum später auftretenden Proudhon – dessen Judenfeindschaft mit Frauenfeindschaft einhergeht [vgl. SI2:228 u. Anm219] – ist Fourier ein entschiedener »Feminist« gewesen, für den der Emanzipationsgrad der Frau als das untrüglichste Kriterium für den jeweiligen Emanzipationsgrad der ganzen Gesellschaftsformation galt. Auch wenn sie denn Utopismus und die verkürzte, naive Kritik des »Geldsystems« bei Fourier immer wieder kritisieren, so weisen sowohl Marx als auch die SI wiederholt auf seine vorwissenschaftlichantizipatorischen einzigartigen Leistungen hin. Marx verteidigt Fourier energisch gegen die billige Utopismuskritik eines Max Stirner und später eines Eugen Dühring, die das Kind mit dem Bade ausschütten, indem sie den kritischen, realistischen Scharfblick jenes frühen Analytikers der bürgerlichen Widersprüche und ihrer ökonomischen wie libidinösen Aufhebungsmöglichkeiten gleich mit »erledigen« wollen [vgl. MEW2:88,208; MEW3:401,498-502; MEW23:307,471]. Marx setzt sich eingehend mit dem Begriff des »Spiels« in Reflexionsbestimmung zur Arbeit auseinander (travail répulsif / travail attractif) und rettet seinen materialistischen Gehalt [MEW42:512,607]. Die SI stellt Fourier mit ihrer revolutionären Konzeption des Spiel(en)s erneut vom utopischen Kopf auf die modernen Füße und setzt ihm sogar 1969 in einer Aktion während eines Warnstreiks ein gefaketes »Bronze«-Denkmal auf einem Sockel mitten in Paris, »der leergeblieben war, seit die Nazis die erste Fassung weggebracht hatten« – diesmal mit einer Tafel zum Gedächtnis der Barrikadenkämpferinnen

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat vom Mai 1968 [SI2:439f]. Vaneigem fordert als zukünftiges theoretisches Programm, gegen die »Ideologie der Konfusion«, zur »Lobrede auf Charles Fourier« auf [SI2:187] und dazu, hinsichtlich der Möglichkeit einer »generalisierten Selbstverwaltung« Fouriers Projekt zu radikalisieren [vgl. BE:297/SI2:412]. Die SI befinde sich, so Vaneigem, »auf der Linie des Protests, die de Sade, Fourier, Lewis Caroll, Lautréamont, den Surrealismus und den Lettrismus (zumindest in seinen am wenigsten bekannten Strömungen, die auch die extremsten wurden) verbindet.« [BE:145/SI2:55]. Und weiter: »Es ist eines der großen Verdienste Fouriers, daß er die Notwendigkeit deutlich gemacht hat, auf der Stelle – und das heißt für uns, vom Beginn des generalisierten Aufstands an – die objektiven Bedingungen der individuellen Emanzipation zu verwirklichen. Der Beginn des revolutionären Moments muß für alle eine sofortige Steigerung der Lebenslust bedeuten – den bewußt erlebten Eintritt in die Totalität.« [BE:294/SI2:410].

Anm94 »Die menschliche Gattung« radikal historisch zu begreifen Um Missverständnissen vorzubeugen, muss an dieser Stelle ausdrücklich betont werden, dass der Mensch als Gattungswesen nicht als von den einzelnen Individuen getrenntes oder abstrahiertes Wesen bestehen kann. Es verkörpert sich durch die einzelnen Individuen, so wie die einzelnen Löwen, die Delphine usw. der Gattung Säugetiere angehören. Ansonsten wäre das Gattungswesen in der Tat ein mystisches Konstrukt. Vor allem (und im Gegensatz zu den Tieren) handelt es sich beim Menschen um eine eminent geschichtsmächtige Spezies, die ihre Geschichte (qua Arbeit und zwecksetzender Praxis) selber macht. Der Mensch zeichnet sich – nach Marx – im Prinzip durch »die freie bewußte Lebenstätigkeit« aus, sie ist »der Gattungscharakter des Menschen« [MEW40:516]. Dieser ermöglicht es ihm, »seine Lebenstätigkeit selbst zum Gegenstand seines Wollens und seines Bewußtseins« zu machen. Zentraler Ort für die Verwirklichung dieses Gattungswesens des Menschen ist die »Bearbeitung der gegenständlichen Welt, [... die] Produktion ist sein werktätiges Gattungsleben.« [MEW40:517]. Der Mensch kann also niemals als Einzelwesen adäquat bestimmt werden, denn sowohl hinsichtlich seiner natürlichen wie seiner sozialen Wesensbestimmung kann er sich immer nur in und aus lebenspraktischen gesellschaftlichen Bezügen der Gattung behaupten und verwirklichen. Die entfremdete Arbeit aber entfremdet dem Menschen die Gattung, indem sie ihm »das Gattungsleben zum Mittel des individuellen Lebens« macht, ihn also aufs Überleben »allein gegen alle« reduziert, indem sie ihm die wesensmäßig angelegten Möglichkeiten zu einer bewussten, praktischen und solidarischenSelbstverwirklichung als »gesellschaftlichem Individuum« (Marx) nimmt: »Das Leben erscheint nur als Lebensmittel.« [MEW40:516]. »Mein Arbeiten ist nicht Leben." [MEW 42:463] Die SI knüpft direkt an Marx’ Begriff des menschlichen Gattungswesens an und spricht ebenfalls von »wirklichen menschlichen Ausdrucksformen«, vom menschlichen Wesen, das sich in den Revolten gegen die Entfremdungen des Spektakels zeigt, weil sie ein »Protest des Menschen gegen das unmenschliche Leben« sind, der »auf der Ebene des einzig wirklichen Individuums ansetzt, und weil die Gemeinschaft, von der das rebellierende Individuum getrennt ist, die wirkliche gesellschaftliche Natur des Menschen, die menschliche Natur ist« [BE183f/SI2153f].

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat

Anm95 »Zurückweichen der Naturschranke« (Marx) und »der mögliche Gebrauch des beherrschten Sektors der Natur« (SI) So regeln in immer weniger starkem Maß Naturgegebenheiten und die Zufälligkeiten der Geburt (Geschlechtszuordnung, soziales Milieu) die menschlichen Gesellschaften. War es in den Feudalgesellschaften noch von lebensentscheidender Bedeutung, in welchen gesellschaftlichen Stand man zufällig hineingeboren wurde, so lösen sich im Kapitalismus derartige Pseudo-Naturverhältnisse der Menschen immer mehr auf. Die Gesellschaft »als einen naturgeschichtlichen Prozess« [MEW23:12,16] begreifen und ebenso bewusst beherrschen lernen wie die Gesetzmäßigkeiten der anorganischen und organischen Natur – dies ist in Marx’ Ausdrucksweise das Programm der Kritik der politischen Ökonomie. So auch die SI: »Die Aneignung der Natur durch den Menschen – das ist gerade das Abenteuer, auf das wir uns eingelassen haben. Das ist unbestreitbar; nur darüber und davon ausgehend kann man diskutieren.« [SI2:7/BE:148] Mit dieser Lautréamont-Entwendung leitet die SI 1963 ihre neue Formulierung der Marxschen Klassentheorie nach dem Kriterium der »Kontrolle über die gesellschaftliche Raum-Zeit« ein [ebd. S.18/116].

Anm96 Historische Kartographie der Entfremdung: »Ungleichzeitigkeit« der Entfremdungen Lukács weist darauf hin, dass »Entfremdung« im Singular nur ein analytisch abstrakter Blick auf die Phänomene der Entfremdung, sozusagen ein Sammelbegriff ist. Konkret treten Entfremdungen stets im Plural, in völlig unterschiedlichen Weisen auf [vgl. OgS2:528]. So tauchen beispielsweise innerhalb der kapitalistisch strukturierten Gesellschaften auch vorkapitalistische Entfremdungsweisen – wenn auch in etwas veränderter Form – immer wieder auf. Marx spricht von »Trümmern und Elementen« vergangener Produktionsweisen, »von denen teils noch unüberwundne Reste sich in ihr fortschleppen« [MEW13:636]. Ihr kulturelles Recycling, ihr »Spiel mit den faulen Trümmern« [MEW1:80] wird selbst zur Warenproduktion, so Marx und Debord, die vielfältige reaktionärromantische Bedürfnisse befriedigen (aber eben keine »radikalen«) [vgl.GdS§62]. »Es ist die Verfaulung der damaligen Welt, die sich selbst genießt.« [MEW1:80].

Anm97 Entwicklung der persönlichen Fähigkeiten hin zur Entfaltung des gesellschaftlichen Individuums Diese Entwicklung bedeutet gerade nicht die Gleichmacherei eines staatssozialistischen Grau-inGrau, sondern im Gegenteil die freie Entfaltung heterogener Fähigkeiten, Eigenarten und Vorlieben aufgrund je individueller Bedürfnisse – vor allem aber deren Abwechslungen in wirklich freier Wahl und ein experimentelles Erforschen neuer Bedürfnisse, da bei communistischer Produktion und Verteilung auch für jede/n »die materielle Ausstattung« dafür zur Verfügung steht (die SI spricht von wirklichen »Abenteuern« [vgl. BE:296f/SI2:413f]). Eine mögliche communistische Revolution kann nur mit der »Entscheidung, den Raum nach den Bedürfnissen der Macht der Arbeiterräte [...] zu rekonstruieren« [GdS§179] beginnen.

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat

Anm98 Verhältnis von Sein und Bewusstsein: psychoanalytisch am Individuum zu erkennen als »Ich«-Bildung und »Realitätsprinzip« Nach Sigmund Freud (in seiner »zweiten Theorie des psychischen Apparats«) ist das »Ich« Mittler der Interessen der ganzen Person. Es ist ein Vermittlungsorgan, das zwischen Triebansprüchen (dem »Es«),

verinnerlichten

gesellschaftlichen

Ver-

und

Geboten

(dem

»Über-Ich«)

und

dem

Realitätsprinzip der Außenwelt auftritt und zugleich als Bewusstseins-Instanz eine relative, wenn auch nicht der ganzen Gesellschaft gegenüber absolute, Autonomie besitzt. (Freuds »erste Theorie des psychischen Apparats« begründete die dialektische Dualität vom »System Unbewusstes« sowie dem Vorbewussten, d.h. Traum, einerseits und dem Bewusstsein andererseits.) Bei der »Verdrängung« ist stets im Auge zu behalten, dass sowohl verbotene oder schon als solche angstmachende Triebwünsche als auch Versagungen, Kränkungen und Traumatisierungen (Verletzungen) zunächst spontan aus dem Ich/Bewusstsein verdrängt werden müssen, um dieses im gesellschaftlichen realen Alltag überlebensfähig zu erhalten. Mehr dazu: !Ex.: Die SI und die Psychoanalyse.

Anm99 Psychopathologie des spektakulären Alltagslebens »Wer passiv sein täglich fremdes Schicksal erleidet, wird daher zu einem Wahnsinn getrieben, der illusorisch auf dieses Schicksal reagiert, indem er sich mit magischen Techniken behilft. Die Anerkennung und der Konsum der Waren stehen im Zentrum dieser Pseudoantwort auf eine Kommunikation ohne Antwort. Das Nachahmungsbedürfnis, das der Konsument empfindet, entspricht genau dem infantilen Bedürfnis, das durch alle Aspekte seiner fundamentalen Enteignung bedingt wird. Nach den Worten, die Gabel [Joseph Gabel: ungarisch-französischer Psychoanalytiker, dessen Buch »Ideologie und Schizophrenie« Anfang der 1960er Jahre erschien] für ein ganz anderes pathologisches Niveau anwendet, ‚kompensiert hier das anormale Bedürfnis, sich zur Schau zu stellen, ein quälendes Gefühl, am Rande des Lebens zu stehen’.« [GdS §219].

Anm100 Der doppelte Genitiv und die Subjekt-Objekt-Dialektik An der Formel »Kritik des Alltagslebens« (Lefèbvre, SI) fällt auf, dass sie aus einem doppelten Genitiv besteht, der den Doppelcharakter dieser kritischen Praxis ausdrückt, nämlich dass die Kritik am Alltagsleben zugleich nur eine Kritik mittels des alltäglichen Lebens sein kann, als Kritik, »die das alltägliche Leben über all das souverän ausüben würde, was ihm unnütz äußerlich ist.« [BE:102/SI1:230] (Dieser doppelte Genitiv steht in der Tradition der Kantschen Kritiken, wie z.B. der »Kritik der reinen Vernunft«, der »Kritik der Urteilskraft« etc., und so auch der Marxschen »Kritik der politischen Ökonomie«, die ebenfalls auf den Doppelcharakter der Kritik weisen. Sogar »die Kritik der Religion« wird auf diese Weise von Marx in Anschlag gebracht als im Keim auch »die Protestation gegen das wirkliche Elend«, die im Sinne einer »negativen Theologie« (Walter Benjamin) historischmaterialistisch ernstzunehmen und zu wenden ist. [MEW1:378f; vgl. W. Benjamin: Erste These »Über

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat den Begriff der Geschichte« sowie die Notiz: »Marx hat in der Vorstellung der klassenlosen Gesellschaft die Vorstellung der messianischen Zeit säkularisiert. Und das war gut so.« [BW I,3,S.1231 Archivnr.MS1098v / Benjamin1984:156,167]

Anm101 Doppelcharakter des Arbeitsbegriffs: gattungsmäßiger und kapitalistischer Aspekt, beide historisch zu fassen »Denn erstens erscheint dem Menschen die Arbeit, die Lebenstätigkeit, das produktive Leben selbst nur als ein Mittel zur Befriedigung eines Bedürfnisses, des Bedürfnisses der Erhaltung der physischen Existenz. Das produktive Leben ist aber das Gattungsleben. Es ist das Leben erzeugende Leben. In der Art der Lebenstätigkeit liegt der ganze Charakter einer species, ihr Gattungscharakter, und die freie bewußte Tätigkeit ist der Gattungscharakter des Menschen.« [MEW40:516]. »Es versteht sich zunächst von selbst, daß der Arbeiter seinen ganzen Lebenstag durch nichts ist außer Arbeitskraft, daß daher alle seine disponible Zeit von Natur und Rechts wegen Arbeitszeit ist, also der Selbstverwertung des Kapitals angehört. Zeit zu menschlicher Bildung, zu geistiger Entwicklung, zur Erfüllung sozialer Funktionen, zu geselligem Verkehr, zum freien Spiel der physischen und geistigen Lebenskräfte, selbst die Feierzeit des Sonntags – und wäre es im Lande der Sabbatheiligen – reiner Firlefanz!« [MEW23:280 – Mit dem »Lande der Sabbatheiligen« ist das puritanische England gemeint, wo am Sonntag »eigentlich« strenges Arbeitsverbot herrschte – für die Philister.]. Auch die SI schränkt den Arbeitsbegriff keineswegs auf die kapitalistische Formbestimmtheit der menschlichen Tätigkeit ein [vgl. z.B. BE:149f / SI2:7f].

Anm102 Weshalb die links geläufige Formel von einer »Reproduktionssphäre« Humbug ist »Von gesellschaftlichem Standpunkt ist also die Arbeiterklasse, auch außerhalb des unmittelbaren Arbeitsprozesses, ebensosehr Zubehör des Kapitals als das tote Arbeitsinstrument. Selbst ihre individuelle Konsumtion ist innerhalb gewisser Grenzen nur ein Moment des Reproduktionsprozesses des Kapitals.« [MEW23:598f; vgl. auch MEGA II,4:78ff]. Die SI erfasste diese dialektische Unteilbarkeit der kapitalistischen Reproduktion phänomenologisch treffend hinsichtlich dem Teil des Alltagslebens der Lohnabhängigen, den sie als »die Arbeit am Konsum« oder »die Arbeit an der Freizeit« bezeichnete.

Anm103 »Langeweile« – psychoanalytische Erklärung: anhaltende Ohnmacht in einer angespannten Situation Der marxistische Psychoanalytiker Otto Fenichel (1887-1946) hebt in seinem Text »Zur Psychologie der Langeweile« besonders »die Beziehungen zwischen Langeweile und Einsamkeit« hervor, interessiert sich jedoch auch für die »normale« Langeweile: »Sie tritt ein, wenn man nicht tun darf, was man will, oder wenn man etwas tun muß, was man nicht will.« Den normalen wie den krankhaften Formen der Langeweile liegt jedoch immer die Situation zugrunde: »Etwas Erwartetes tritt nicht ein.«

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat Wobei Fenichel wie andere Psychoanalytiker »die Langeweile überhaupt mit dem Phänomen des Zeitgeizes in Verbindung bringt.« [Fenichel1985Bd.I:306ff].

Anm104 Weder als »Freizeitgestaltung« noch als »Humanisierung der Arbeit« kann die kapitalistische Reproduktionstotalität umgestürzt werden Der Kritik orthodoxer MarxistInnen, die situationistische Kritik ziele lediglich auf die Zirkulationssphäre, den Bereich des Austauschs, des Kaufs und Verkaufs von Arbeitskraft und anderen Waren, ab, wobei diese ökonomistischen KritikerInnen aus der Kritik der Freizeit lediglich gewissermaßen einen Nebenwiderspruch konstruieren, hält die SI entgegen: »Gerade für die Kritik des marxistischen Gedankens einer Ausdehnung der Freizeit bringt die Erfahrung der leeren Freizeit im modernen Kapitalismus natürlich eine zutreffende Berichtigung: Es stimmt, daß die vollständige, freie Verfügung über die Zeit zuerst die Umwandlung der Arbeit voraussetzt sowie deren Aneignung zu Zwecken und für Bedingungen, die sich vollkommen von der bislang herrschenden Zwangsarbeit unterscheiden [...]. Diejenigen aber, die von dieser Feststellung ausgehend den ganzen Akzent auf die Notwendigkeit legen, die Arbeit selbst zu verändern, sie zu rationalisieren sowie die Menschen dafür zu interessieren, und dabei die Idee des freien Lebensinhalts vernachlässigen (sagen wir einer materiell ausgerüsteten schöpferischen Macht, die sowohl über die – modifizierte – klassische Arbeitszeit als auch über die Erholungs- und Verfügungszeit hinaus entwickelt werden muß), laufen Gefahr, eine Harmonisierung der aktuellen Produktion, eine größere Leistungsfähigkeit zu kaschieren.« [BE:92/SI1:210]. Vgl. auch Anm65.

Anm105 Frühe situationistische Denunzierung einer »Kolonisierung der Lebenswelt« »Ich glaube, man kann so weit gehen, diese Ebene des alltäglichen Lebens einen kolonisierten Sektor zu nennen. Man hat auf der Ebene der Weltwirtschaft festgestellt, daß Unterentwicklung und Kolonisierung in Wechselwirkung zueinander stehen. Allem Anschein nach gilt das gleiche auch für die Ebene der wirtschaftlich-sozialen Ordnung und der Praxis.« [BE:100/SI1:228]. Die situationistische Formel des »alltäglichen Lebens als kolonisierter Sektor« ist jedoch nicht reformistisch-kulturalistisch wie später bei Habermas zu verstehen, sondern revolutionär als bewusster Angriff auf die kapitalistische Alltagstotalität.

Anm106 Kritik des Alltagslebens und Alltagsbewusstseins greift nur in der Totalität Ebenso bestimmt auch Henri Lefèbvre, der einen gewissen Einfluss auf die situationistische Kritik des alltäglichen Lebens ausübte, das Verhältnis von Alltag zu den spezialisierteren ideologischen Sphären: »Die höheren differenzierten und hoch spezialisierten Tätigkeiten haben sich immer nur zum Schein vom Alltagsleben getrennt. Das mit ihnen einhergehende Bewusstsein, selbständig zu sein, bezeichnet noch ihre Bindung ans Alltagsleben, das sie nur deshalb direkt oder indirekt kritisieren konnten, weil sie sich über dieses stellten.« [Lefèbvre1974:94].

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat

Anm107 Wiedergewinnung des unverkürzten Marxschen "Ideologie"-Begriffs: als gesellschaftliche Bewusstseins-Funktion Es muss daran erinnert werden, dass fast nur Lukács anknüpfend an Marx unter ideologischen Formen historische ideelle Konfliktformen und eigenständige gesellschaftliche Klassenkampfkomplexe (»juristische, politische, religiöse, künstlerische oder philosophische«) versteht, »worin sich die Menschen dieses Konflikts bewußt werden und ihn ausfechten.« [MEW13:9; OgS2:397f,490]. Auch wenn sich Debord im Handgemenge mit den Ideologen der Linken immer wieder dazu hinreißen lässt, Ideologie verkürzt lediglich mit falschem Bewusstsein gleichzusetzen, so knüpft er im wesentlichen doch genau an die ursprüngliche, weiter gefasste (und nicht einfach moralisierend-abwertende) Bestimmung des Ideologiebegriffs von Marx und Lukács an, wenn er auf die wirkmächtigen Folgen dieser widerspruchsgeladenen Bewusstseinsfunktion für den materiellen Lebensprozess der Gesamtgesellschaft aufmerksam macht: »Die Ideologie ist im konfliktorischen Verlauf der Geschichte die Grundlage des Denkens einer Klassengesellschaft. Ideologische Gegebenheiten waren niemals nur bloße Hirngespinste, sondern das entstellte Bewußtsein der Realitäten und als solche reelle Faktoren, die ihrerseits eine reell entstellende Wirkung ausübten«. [GdS§212].

Anm108 Theorie als Deutungs- und Übersetzungsarbeit sozialer »Gesten« für bewusste Praxis Die Aufgabe einer revolutionären Theorie besteht unter anderem darin, diese Gesten zu deuten, ihre zunächst

unverständliche,

»irrationale«

Sprache

zu

dechiffrieren,

eine

Geschichte

dieser

»unterirdischen« (SI) Kämpfe zu schreiben und den in den Praxisformen der Kämpfenden sich ausdrückenden Einzelerfahrungen eine kohärente Sprache zu geben, sie auf den Begriff zu bringen bzw. sie in die Sprache des gesellschaftlichen Selbstbewusstseins und historischen Handelns mit Willen und Bewusstsein zu übersetzen (worauf unten noch genauer einzugehen sein wird).

Anm109 »Die zwei reinen Klassen, zu denen die gesamte Analyse in ‚Das Kapital’ hinführt« und das situationistischen Postulat »der Klasse des Bewusstseins« Debord bezieht sich an dieser Stelle wieder auf Lukács, diesmal ohne ihn direkt zu nennen, aber völlig im Geiste von dessen problematischer (weil »überhegelter«) These in der Frühschrift »Geschichte und Klassenbewusstsein« (1923). Bei Lukács heißt es: »Bourgeoisie und Proletariat sind die einzigen, reinen Klassen der bürgerlichen Gesellschaft; d.h. nur ihr Dasein und ihre Weiterentwicklung beruht ausschließlich auf der Entwicklung des modernen Produktionsprozesses, und nur von ihren Existenzbedingungen aus ist ein Plan zur Organisation der ganzen Gesellschaft überhaupt vorstellbar.« [GuK:233]. 1970 kritisiert der auf seinem »Weg zu Marx« weiter als die meisten »Marxisten« vorangekommene Lukács sowohl den noch geschichtsphilosophisch-»logizistisch« überzogenen Ansatz von »Geschichte und Klassenbewusstsein« als auch die marxistischleninistischen »Verheerungen in der Theorie« seit der Stalin-Ära in der angeblich realsozialistischen

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat Übergangsformation, in der »die offizielle Theorie der Planung die entscheidenden Momente der Marxschen Theorie der gesellschaftlichen Reproduktion völlig ignoriert. Es entstand in marxistischer Terminologie ein völliger und völlig willkürlicher Subjektivismus«, gegen den Lukács erneut die theoretische Selbstaneignungsbewegung durch die Proletarisierten einklagt. Hatte doch schon einmal »die große revolutionäre Krise, die dem Ersten Weltkrieg und der Entstehung der Sowjetrepublik entsprang, in verschiedenen Ländern ein neues, frisches, nicht mehr von den verbürgerlichten Traditionen der Sozialdemokratie entstelltes Studium des Marxismus angeregt. (Von Gramsci bis Caudwell gibt es eine ganze Reihe solcher Anläufe; auch mein Buch ‚Geschichte und Klassenbewusstsein’

ist

aus

solchen

gleichmacherisch-schematisierende

Druck

Bestrebungen hat

solche

entstanden. Tendenzen

Jedoch in

der

der

Stalinsche

Kommunistischen

Internationalen – und nur in ihr konnten sie beheimatet sein – bald zum Schweigen gebracht.)« [OgS1:577]. In dem letzten Satz zeigt sich noch einmal, dass die irrationalen parteikommunistischen, staatssozialistischen Scheuklappen des alten Lukács – trotz und »neben seiner tiefen theoretischen Arbeit« (Debord) – bis zuletzt doch keine endgültige Verabschiedung der idealistischen Vorstellung von der Verschmelzung der »Klasse des Bewusstseins« und der leninistischen »Partei«, als einem »identischen Subjekt-Objekt«, zugelassen haben. (Zu dieser Ambivalenz und Problematik von Lukács siehe die situationistische Einschätzung in GdS§112, wobei Debord unseres Wissen nach vom späten Lukács keine Kenntnis nahm).

Anm110 Beim beliebten linken Herumdrehen am Marxschen Arbeitsbegriff machte die SI nicht mit Moishe Postone und seinen Epigonen ist an dieser Stelle zunächst entschieden Recht zu geben, dass es sich bei der Marxschen »Kritik der politischen Ökonomie« um eine Fundamentalkritik der bürgerlichen Kategorien handelt, welche somit auch die Arbeit als Zentralkategorie betrifft; wie auch darin, dass die Marxsche Kritik die Arbeit nicht bloß als eine überhistorische Kategorie behandelt. [Vgl. Postone 2003:112ff]. Zugleich verwerfen sie jedoch – entweder versteckt oder offen – die Marxsche Unterscheidung zwischen der – zwar durch alle Gesellschaftsformen durchgängigen aber sich gleichzeitig historisch entwickelnden – menschlichen gattungskonstituierenden Substanz der Arbeit und der jeweiligen spezifischen gesellschaftlichen Form dieser Arbeit. Sie schütten damit das Kind mit dem Bade aus. Die substanzielle Seite der Arbeit, der alle gesellschaftlichen Formen durchziehende »Stoffwechselprozess zwischen Mensch und Natur« [vgl. MEW23:192], wird von den VertreterInnen der kant-marxistischen akademischen Konfusion letztlich selbst als eine statisch-überhistorische Bestimmung angesehen. Sie fallen dabei noch hinter Hegel zurück, da selbst dieser »Substanz« als eine sich entwickelnde Substanz, »als die Bewegung des Sichselbstsetzens oder die Vermittlung des Sichanderswerdens« auffasst. [HW3:23]. Jener Stoffwechselprozess verändert sich permanent mit der Entwicklung der Produktivkräfte und kann nur als ein »Zurückweichen der Naturschranken«, als ein »immer-gesellschaftlicher-Werden des Menschen« begriffen werden; er stellt als dieser Prozess »in seinen allgemeinen Momenten [...] in der Tat unveränderliche Naturbedingungen der menschlichen Arbeit« dar [MEGA II,4:93; vgl. OgS:532]. Insofern ist nicht nur die akzidenzielle sondern auch die substanzielle Seite der Arbeit als zutiefst historisch zu verstehen; denn das einzige, was von Marx als

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat »unveränderlich« aufgefasst wird, ist die Prozesshaftigkeit, die Historizität selbst. (Es kann also auch keine Rede davon sein, dass Marx’ Arbeitsbegriff inkonsistent oder ambivalent wäre, wie Michael Heinrich meint [vgl. Heinrich 1999:16ff.]) Postone et al. weisen zwar zu Recht darauf hin, dass es für die Überwindung der kapitalistischen Arbeit nicht allein damit getan ist, nur ihre akzidenzielle Seite zu ändern, z.B. die Lohnform abzustreifen und die Besitzverhältnisse zu ändern. Aber indem sie auf der Grundlage ihres offensichtlichen Unverständnisses von Historizität den substanziellen Aspekt des Marxschen Arbeitsbegriffs verwerfen, blenden sie zugleich sein emanzipatorisches Potenzial, Medium menschlicher Subjektwerdung sein zu können, aus. Damit kommen sie zwangsläufig zu einer Art messianistischer Vorstellung, dass die Menschheit von der Arbeit schlechthin befreit werden müsse. Dabei lassen sie außer Acht, dass dies eine Neuauflage der These vom »Ende der Geschichte« zur logischen Folge hat, welche Marx z.B. in seiner Hegelkritik schon ausführlich kritisiert hatte [vgl. MEW40:568-588]. Das situationistische Projekt der »Beseitigung« der Form, der »Verdinglichung der menschlichen Arbeit« im doppelten, substanziell befreienden Sinne einer Aufhebung der Arbeit »zugunsten eines neuen Typs freier Tätigkeit« [SI2:8/BE:150], ihre tendenzielle Transformation zum Spiel etc., wird weiter unten diskutiert. (Weiteres zu dieser Diskussion siehe auch: !Ex.: Arbeit und Entfremdung.)

Anm111 »Sekundärer Krankheitsgewinn« – revolutionstheoretische Relevanz eines psychoanalytischen Begriffs Der psychoanalytische Begriff »Krankheitsgewinn« bezeichnet ganz allgemein »jede direkte oder indirekte Befriedigung, die ein Subjekt aus seiner Krankheit zieht.« Der »primäre Krankheitsgewinn« zeichnet sich v.a. durch »Befriedigung im Symptom, Flucht in die Krankheit und vorteilhafte Veränderung der Beziehungen zur Umwelt« aus. Dagegen unterscheidet sich der »sekundäre Krankheitsgewinn« durch »sein nachträgliches Auftreten als zusätzlicher Gewinn oder Ausnützung einer bereits bestehenden Krankheit [... und] die Tatsache, daß es sich eher um narzißtische oder mit der

Selbsterhaltung

verknüpfte,

als

um

direkte

libidinöse

Befriedigungen

handelt.«

[Laplanche/Pontalis1996:274]. Der Terminus »sekundärer Krankheitsgewinn« bezeichnet also das Problem, dass der Kranke zunächst aus seinem Leiden nicht wirklich heraus »will«, weil er daraus noch unbewusst einen gewissen »Gewinn« bezieht, z.B. Pflege und Zuwendung zu genießen, Lust aus dem Weheklagen zu ziehen usw., so dass die Therapeutik dieses unbewusste Verharren in der Krankheit nicht bedienen darf (»Abstinenzgebot«). [Vgl. Fenichel1997Bd.I:182f]. Revolutionäre PsychoanalytikerInnen – wie der geheime »Fenichel-Kreis« in den 1930/40er Jahren in der Emigration – diskutierten in diesem Zusammenhang vor allem das massenpsychologische Problem, wie die relativ lustvolle Teilnahme großer Teile der Proletarisierten an der Erzeugung und Steigerung ihres eigenen und anderen zugefügten Leidens, ihrer eigenen Selbstverknechtung und wechselseitigen Unterdrückung, Misshandlung, Ermordung usw. in Perioden wie kapitalistischem Krieg und faschistischer Terrorherrschaft, antisemitischer deutscher NS-Vernichtungsmaschinerie, aber auch schon in der normalen bürgerlichen Lohnsklaverei und demokratischen Ohnmächtigkeit der Verwalteten usw., psychisch im Einsatz gegen die eigenen Interessen funktionieren kann. [Otto

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat Fenichel: 119 Rundbriefe (Medienkombination). Frankfurt/M, Basel 1998] Fast nur die »Kritische Theorie« der Ära Adorno, auch psychoanalytisch denkende RevolutionstheoretikerInnen wie Marcuse, knüpften an dieser entscheidenden sozialpsychologischen Problemstellung an. Und die SI zog in ihrer eigenen Wiederaufnahme dieser Fragestellung die Konsequenz: »Die meisten Menschen leben in dem von der Macht kenntnisreich aufrechterhaltenen Schrecken vor dem Erwachen zu sich selbst. [...] Früher oder später muss sich die SI als eine Therapeutik definieren« [SI2:48/BE:139].

Anm112 Zum Interessenbegriff So spricht Marx – laut Agnes Heller – in Bezug auf das revolutionäre Proletariat an keiner Stelle von »Klasseninteresse« schlechthin, da Interessen entweder immer nur Partikularinteressen sein können und ihren Sinn nur in Bezug auf die egoistische Nutzenkategorie haben oder sich auf eine politische Kampfsituation beziehen. Von einem revolutionären Klasseninteresse kann nur dann gesprochen werden, wenn – Marx zufolge – »die Herrschaft des Kapitals [...] für diese Masse eine gemeinsame Situation, gemeinsame Interessen geschaffen [hat]. So ist diese Masse bereits eine Klasse gegenüber dem Kapital, aber noch nicht für sich selbst. In dem Kampf, den wir nur in einigen Phasen gekennzeichnet haben, findet sich diese Masse zusammen, konstituiert sie sich als Klasse für sich selbst. Die Interessen, welche sie verteidigt, werden Klasseninteressen. Aber der Kampf von Klasse gegen Klasse ist ein politischer Kampf.« [MEW4:181]. Sich also auf »das Interesse der Arbeiterklasse« zu berufen, kann nur zweierlei bedeuten: sich entweder auf solche bloß politischen Kämpfe zu beziehen, die den Kapitalismus nicht zu überwinden trachten, sondern »(sozial)partnerschaftlich« nach ihrer Etablierung als Klasse streben (statt nach Selbstaufhebung der Klasse mit der Klassengesellschaft als solcher); oder es handelt sich um eine Projektion der Eigeninteressen der Berufsrevolutionäre auf das revolutionäre Proletariat, quasi ständische, korporativistische Interessen einer Funktionärskaste, die sie als Repräsentation »des Proletariats« institutionalisieren und damit ihre machtpolitischen Interessen zum Vorschein bringen (dahingehend, das Proletariat zur Manövriermasse einer Bürokratie zu machen, die mit den überkommenen Herrschaftsapparaten rivalisiert). [Vgl. Heller1980:62-75]. Auf diese Interessenskala bezog sich die SI wie immer in der Perspektive der Totalität des Lohnsystems und wies damit sarkastisch das Geschäft der FunktionärInnen für mehr Verteilungsgerechtigkeit »im Interesse der arbeitenden Menschen« in seine Schranken: »Der Menschlichkeits- und Unmenschlichkeitsgrad wird nach rein quantitativen Variationen der Passivität gemessen. Überall gleich ist die Qualität: wir sind alle proletarisiert, oder wir haben gute Aussichten, es zu werden. Was tun die traditionellen ‚Revolutionäre’? Sie verkleinern die Stufen so, dass einige Proletarier nicht mehr Proletarier als andere sind. Welche Partei hat das Ende des Proletariats in ihrem Programm?« [SI2:56/BE:147].

Anm113 »Das Proletariat ist revolutionär oder es ist nichts« Vgl. auch Georges Sand (1804-1876), die Marx am Ende von »Das Elend der Philosophie« zitierte: »Kampf oder Tod; blutiger Krieg oder das Nichts. So ist die Frage unerbittlich gestellt.« [MEW4:182].

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat Dieses »Nichts« meint nicht etwa ein leeres, nihilistisches oder existenzialistisches »Nichts« eines philosophischen Nirwana, sondern ein historisches Nichtsein oder Sein als revolutionäre weltgesellschaftliche Klasse des Bewusstseins.

Anm114 Der historische Prozess des Negativen und seine situationistische Ausdrucksform »Während die Scheinerben des Marxismus in einer mit Positivität vollgestopften Welt den Teil des Negativen vergaßen und damit zugleich die Dialektik ins Museum brachten, verkündeten die Situationisten die Auferstehung eben dieses Negativen und erkannten die Wirklichkeit eben dieser Dialektik, deren Sprache und deren ‚aufrührerischen Stil‘ (Debord) sie fanden.« [Francois Bott, »Les situationistes et l‘économie cannibale« zit. n. DwS§6(b)]. Und Andreas Benl stellt in seinem hervorragenden Aufsatz »Eine Situation schaffen, die jede Umkehr unmöglich macht« als Resümee fest, die SI habe »einen der anspruchsvollsten Versuche unternommen, ‚Geschichte mit der Möglichkeit, die stets konkret in ihr sichtbar wird’ (Horkheimer), zu konfrontieren.« [Benl1999:77].

Anm115 Partikularistische versus revolutionäre Aneignungsbewegung; Zweck, Grenzen und historischer Funktionswandel von »Gewerkschaften« So schon Marx: »Gewerkschaften [...] verfehlen ihren Zweck gänzlich, sobald sie sich darauf beschränken, einen Kleinkrieg gegen die Wirkungen des bestehenden Systems zu führen, statt gleichzeitig zu versuchen, es zu ändern, statt ihre organisierten Kräfte zu gebrauchen als einen Hebel zur schließlichen Befreiung der Arbeiterklasse, das heißt zur endgültigen Abschaffung des Lohnsystems.« [MEW16:152]. So propagiert die SI z.B. 1962 die neuen Korrespondenzen und Dokumentationen in Frankreich, den USA etc. »über den ständigen Widerstand der Arbeiter während der Arbeit (gegen die ganze Organisation dieser Arbeit), über die Entpolitisierung und die Interesselosigkeit gegenüber den Gewerkschaften, die zu Mechanismen der Integration der Arbeiter in die Gesellschaft und zu zusätzlichen Instrumenten im ökonomischen Waffenarsenal des bürokratisierten Kapitalismus geworden sind.« [SI1:261/BE:113]

Anm116 Traum, Deutung, Realisierung Zur Erweckung dieser im Traumzustand befangenen Potenzen formulierte Marx in einem Brief an Arnold Ruge (1802-1880) eine Art Programm, das schon nahezu den Ansatz der Psychoanalyse vorwegnimmt: »Die Reform des Bewußtseins besteht nur darin, daß man die Welt ihr Bewußtsein innewerden läßt, daß man sie aus dem Traum über sich selbst aufweckt, daß man ihre eignen Aktionen ihr erklärt. [...] Unser Wahlspruch muß also sein: Reform des Bewußtseins nicht durch Dogmen, sondern durch Analysierung des mystischen, sich selbst unklaren Bewußtseins, trete es nun religiös oder politisch auf. Es wird sich dann zeigen, daß die Welt längst den Traum von einer Sache besitzt, von der sie nur das Bewußtsein besitzen muß, um sie wirklich zu besitzen. Es wird sich

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat zeigen, daß es sich nicht um einen großen Gedankenstrich zwischen Vergangenheit und Zukunft handelt, sondern um die Vollziehung der Gedanken der Vergangenheit. Es wird sich endlich zeigen, daß die Menschheit keine neue Arbeit beginnt, sondern mit Bewußtsein ihre alte Arbeit zustande bringt.« [MEW1:346]. Die verzerrten, auf dem Kopf gehenden Traumbilder von der Sache und der Arbeit wären dabei nüchtern materialistisch auf ihre realen Gehalte zu bringen, historisch auf die communistischen Füße zu stellen. 1963 legt die SI z.B. den »human touch« der Werbung für neue Büro-Vollautomation mit dem Hinweis analytisch bloß, »wie sehr ein solches Bild [von den ‚idyllischen Maschinen’ im Kapitalismus und der absoluten ‚Abschaffung der Arbeit’ aufgrund vollautomatisierter Produktion] einen grundsätzlichen Traum der heutigen Gesellschaft ausdrückt (die herrschenden Träume sind die Träume der herrschenden Klasse) – und zwar die Erwartung eines Punktes in der gesellschaftlichen Entwicklung, an dem die passive Betrachtung der Produktionsmaschinen sich ohne fühlbaren Bruch an die passive Betrachtung der Konsumtionsmaschinen angliedert. Im technisierten Nirwana des reinen passiven Zeitkonsums hätte man nur noch dem Tun zuzusehen – und da nur die Maschinen für dieses ‚Tun’ sorgen würden, wäre es für immer das ‚Tun’ der Maschinenbesitzer (wobei das Eigentumsrecht – das Recht darauf, zu gebrauchen und zu missbrauchen – immer mehr vor der Macht der kompetenten und paternalistischen Programmierer zurücktreten würde).« [SI2:9/BE:150] Die SI traf damit bereits die verschiedensten heutigen High-Tech-Utopien von einer »Abschaffung der Arbeit«

an

der

bürgerlich-idealistischen

Wurzel,

welche

die

Kardinalfrage

des

privaten

Klasseneigentums an den gesellschaftlichen Produktionsmitteln schlicht ersetzen durch die Auskunft, »die mikroelektronische Revolution« habe doch nun endlich das Proletariat zur »obsoleten« Kategorie gemacht, »die Krise des Tauschwerts« an den Rand des apokalyptischen Zusammenbruchs getrieben und damit den Weg für den allgemeinen »produktiven Müßiggang«, aus dem Stand, bereitet. Mit dieser – schon zu ihrer Zeit mit jeweils anderen technologischen Erscheinungen argumentierenden – idealistischen Traumtänzerei (z.B. von Paul Lafargue: »Das Recht auf Faulheit« 1848) hatten es weder Marx noch die SI, wenn sie historisch-materialistisch die »Realisierung unserer Träume« postulierten.

Anm117 Zur situationistischen Klassenbestimmung vom »Proletariat das sich selbst aufhebt« Abstrakt gefolgert heißt es schon im »Kommunistischen Manifest«: »Wenn das Proletariat im Kampfe gegen die Bourgeoisie sich notwendig zur Klasse vereint, durch eine Revolution sich zur herrschenden Klasse macht und als herrschende Klasse gewaltsam die alten Produktionsverhältnisse aufhebt,

so

hebt

es

mit

diesen

Produktionsverhältnissen

die

Existenzbedingungen

des

Klassengegensatzes, die Klassen überhaupt, und damit seine eigene Herrschaft als Klasse auf.« [MEW4:482].

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat Anm118 Revolutionäres Organisationsprinzip: weder »Repräsentation« als Bürokratie noch »Anarch« als individualistischer »Einziger« Schon die erste »Internationale Arbeiter Association« machte in ihren Statuten darauf aufmerksam, dass »die Befreiung der Arbeiterklasse [...] das Werk der Arbeiterklasse selbst sein« muss, und gegenüber der Führungsriege der deutschen Sozialdemokratie grenzten sich Marx und Engels schon im Ansatz energisch gegen jegliche StellvertreterInnenpolitik ab: »Wir können also nicht zusammengehn mit Leuten, die es offen aussprechen, daß die Arbeiter zu ungebildet sind, sich selbst zu befreien, und erst von oben herab befreit werden müssen, durch philanthropische Groß- und Kleinbürger.« [MEW19:165]. Die historische Erfahrung der ArbeiterInnenbewegung bestätigt im Nachhinein

die

Unbedingtheit

kompromissloser,

vehementer

Zurückweisung

hierarchischer

Organisationsvorstellungen überhaupt, wie auch die SI feststellt: Die bisherige Geschichte der Klassenkämpfe bestätigt, dass alle Formen und Ideologien der »Befreiung von oben« – auch wenn sie noch so »gut gemeint« sind – letztlich immer nur zu ihrem Gegenteil führten, nämlich zur Repräsentation. Das Kriterium einer revolutionären Organisierung könne dagegen nur lauten: »Eine vor der Macht der Räte bestehende revolutionäre Organisation – die im Kampf ihre eigene Form wird finden müssen – weiß bereits aus all diesen geschichtlichen Gründen, daß sie die Klasse nicht repräsentiert. Sie muß sich selbst nur als eine radikale Trennung von der Welt der Trennung erkennen.« [GdS§119]. Auf der anderen Seite müssten, so die SI, aber auch »die einseitigen Auffassungen Stirners über die Beziehungen des Egoisten zur Organisation, die er je nach Laune wählt und verlässt (obwohl sie einen wahren Kern dieses Aspektes der Freiheit enthalten)« zurückgewiesen werden. Denn sie »ermöglichen seiner passiven und entwaffneten Schattenorganisation keine selbständige Basis. Sie besteht als Organisation nur, um momentan einen einzigen ‚Egoisten’ anzulocken, dessen persönliches Spiel mit Recht den groben Soziozentrismus dieser belanglosen Organisation verachtet (tatsächlich kann das stirnerianische Individuum genau so gut dem reaktionärsten Verein beitreten, um aus ihm seinen persönlichen Vorteil zu ziehen). Aber jede freie Vereinigung – ‚ein Band und keine Macht’ –, in der mehrere Individuen auf gemeinsamer Basis zusammenkommen, kann nicht der passive Gegenstand einer einzigen Laune sein. Diejenigen, die weder beurteilen noch befehlen wollen, müssen jeden von sich weisen, dessen Verhalten sie verpflichten will.« [SI2:220]. Denn umgekehrt, so die SI, besteht die einzig legitime revolutionäre Verpflichtung in »der nichthierarchisierten Organisation eines gemeinsamen Projekts [...], das nur durch die Selbstdisziplin der Individuen aufrechterhalten werden kann, die sich selbst in der Kohärenz der Theorien und der Handlungen erproben, durch die jeder den Anspruch erheben kann, alle anderen zu verpflichten.« [a.a.O.] !Ex.: Zu Ritual und Sinn der Ausschlusspraxis der SI.

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat Anm119 »Cosmonautischer« Internationalismus der SI Gerade auf das entscheidende Kriterium des internationalen Charakters der proletarischen Kämpfe haben Marx und Engels immer wieder hingewiesen, wie z.B. in den Formulierungen für die »Internationale Arbeiter Association«:, dass »die Emanzipation der Arbeiterklasse durch die Arbeiterklasse selbst erobert werden muß; daß der Kampf für die Emanzipation der Arbeiterklasse kein Kampf für Klassenvorrechte und Monopole ist, sondern für gleiche Rechte und Pflichten und für die Vernichtung aller Klassenherrschaft; [...] daß die Emanzipation der Arbeiterklasse weder eine lokale, noch eine nationale, sondern eine soziale Aufgabe ist, welche alle Länder umfaßt«. [MEW16:14]. Daran lässt auch die SI nie einen Zweifel, so z.B. in ihrer »Adresse an die Revolutionäre Algeriens und aller Länder« (Algier, Juli 1965): »Die kommenden Revolutionen finden nur dann in der Welt Hilfe, wenn sie die Welt in ihrer Totalität in Angriff nehmen.« [BE:187/SI2:192] Schon am Ende der KünstlerInnen-Phase der SI (1963) schrieb Uwe Lausen: die Aufhebung jeglichen »Vaterlandes« und jeder darauf fixierten Gemeinschaft »wird allerdings von den Situationisten vertreten, wenn sie sich darum bemühen, mit Stützpunkten des unitären Urbanismus zu experimentieren. Die Entfremdung kann nur dort bekämpft werden, wo man sich selber wiederfinden und bilden kann. [...] Selbstverständlich brauchen wir nicht irgendwie zur Natur zurückzukehren, genauso wie wir kein Vaterland zu verlieren haben und weder die alte Gastfreundschaft noch die naiven Spiele wiederherstellen wollen. Es handelt sich vielmehr darum, die unerlässlichen Lebenssituationen herauszufinden, um sie auf höherer Ebene zu reproduzieren.« [SI2:71] Am Versagen der Linken – in diesem Falle angesichts des bewaffneten Emanzipationskampfes in Algerien um 1962 – wies die SI auf: »Die internationalistische Solidarität – falls sie nicht zu einem Moralismus ultralinker Christen herabgewürdigt wird – kann nur die Solidarität der Revolutionäre beider Länder sein«, d.h.: die revolutionäre Initiative gegen die Reaktion innerhalb des »eigenen« Landes, anstatt »Volksfront«Allianzen wieder aufzuwärmen und für archaische »Befreiungsfront«-Gemeinschaften zu schwärmen. Die SI zog 1962 das Fazit: »Keine Gruppe konnte diese Gelegenheit exemplarisch benutzen, indem sie das maximale Programm der potentiellen Revolte der kapitalistischen Gesellschaft mit einem maximalen

Programm

der

gegenwärtigen

Revolte

der

Kolonisierten

verband.«

In

ihrem

traditionalistischen Minimalismus besiegelte diese Linke bloß »die vollständige Trennung zwischen den Arbeitern Frankreichs und Algeriens, von der man verstehen muss, dass sie nicht räumlich, sondern zeitlich war«! [SI1:273f] Die gewiss noch äußerst abstrakt wenn auch erfrischend vernünftig formulierte Stützpunkte-Konzeption dieses situationistischen »Cosmonauten«-Internationalismus [vgl.SI2:71] gewissermaßen der Vergleichzeitigung des Ungleichzeitigen erblickt »Die Gesellschaft des Spektakels« zusammengefasst »in der Macht der Räte, die jede andere Macht international ersetzen muss«, und in ihrer möglichen historischen »Kraft, die der erlebten Zeit den Raum unterwerfen kann. Die proletarische Revolution ist diese Kritik der menschlichen Geographie, durch welche die Individuen und die Gemeinschaften die Landschaften und die Ereignisse konstruieren müssen, die der Aneignung nicht nur mehr ihrer Arbeit, sondern ihrer gesamten Geschichte entsprechen. In diesem bewegten Raum des Spiels und der frei gewählten Variationen der

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat Spielregeln«, so Debord, treffen und vollziehen perspektivisch experimentell die Proletarisierten und die RevolutionärInnen an jedem beliebigen Ort der Welt »die Entscheidung, den Raum nach den Bedürfnissen der Macht der Arbeiterräte, der anti-staatlichen Diktatur des Proletariats, des vollstreckbaren Dialogs vollständig zu rekonstruieren.« [GdS§§117,178,179]. Der proletarische Internationalismus der SituationistInnen hat also nie seinen psychogeographischen Totalitätsanspruch verlassen.

Anm120 Zur Marxschen Metaphorik moderner Theorie-Praxis-Revolution Die ganze Formulierung von Marx lautet: »Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muß gestürzt werden durch materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift. Die Theorie ist fähig, die Massen zu ergreifen, sobald sie ad hominem demonstriert, und sie demonstriert ad hominem, sobald sie radikal wird. Radikal sein ist die Sache an der Wurzel fassen. Die Wurzel für den Menschen ist aber der Mensch selbst.« [MEW1:385] (ad hominem: am Menschen konkret und für konkrete menschliche Anschauung fasslich, d.h. sinnlich evident und rational begreiflich zugleich).

Anm121 Strategie und Taktik Strategie ist eine theoriegeleitete Zweckgebundenheit. Sie verbindet viele konkrete Handlungen miteinander und orientiert sie auf ein bestimmtes, gesetztes Ziel hin. Sie ist ein die einzelnen Handlungen übergreifendes theoriegebundenes, reflektorisches Moment. Das unterscheidet sie von der Taktik, welche situativ auf die einzelnen Handlungen beschränkt bleibt. Taktik richtet sich immer nur auf die Verwirklichung kurzfristiger Zwecke in konkreten Situationen, wie z.B. das Reagieren auf tagespolitische Ereignisse. Die Taktik ist viel stärker spielerisch-experimentell und intuitiv bestimmt als die Strategie. Losgelöst von der strategischen Theorie wird Taktik allerdings sehr schnell willkürlich werden (verselbständigter Taktizismus), weil sich die konkreten Zwecke beständig gemäß den situativen Erfordernissen ändern. Die Heterogenität von Strategie und Taktik, was ihren notwendigen Zusammenhang und zugleich ihre jeweils verschiedene Aufgabe beim revolutionären Handeln im gesellschaftlichen Seinskomplex (sozusagen als gesellschaftliche »Kriegsführung«) kennzeichnet, »entsprungen aus dem Verhältnis des Teils zum Ganzen, ist die einzige reale Grundlage, um dieses Verhältnis theoretisch wie praktisch richtig zu fassen.« [OgS2:253]. In der Totalität des Ganzes-TeileVerhältnisses und seinen immanenten Konfliktlinien erweist sich schnell: Die revolutionäre »Theorie hat effektive Existenz nur durch ihren praktischen Sieg«, und, wie die SI zuletzt betonte: »Die revolutionäre Theorie ist die Domäne der Gefahr, die Domäne der Ungewissheit;« weil die moderne communistische Revolution »ein Konflikt von universellen Interessen, die die Totalität der sozialen Praxis betreffen«, also ein Komplex einer Art Kriegsführung ist, welcher eine proletarische Kriegskunst und ein Kriegswissen erfordert: »Die Gesetze des Konflikts sind ihre Gesetze, der Krieg ist ihr Weg, und ihre Operationen lassen sich eher mit einer Kunst als mit einer wissenschaftlichen Untersuchung

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat oder einer Bestandsaufnahme guter Absichten vergleichen. Die Theorie der Revolution wird nach diesem einzigen Kriterium beurteilt, dass ihr Wissen eine Macht werden muss.« [DwS§46]

Anm122 Zum Begriff der »Diktatur« Im Begriff »Diktat« steckt somit sowohl das Sich-Behaupten und Bestimmen als auch die artistische Seite des Zum-Tanzen-Zwingens, wie schon der junge Marx schreibt, man müsse die »versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, daß man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt!« [MEW1:381]. Diktieren leitet sich vom lateinischen Verb »dico« her, das verschiedene Bedeutungen in sich vereint: 1. a) zeigen, weisen; b) festsetzen, bestimmen; c) ernennen; d) (vor)sagen; e) (rednerisch) verteidigen; f) behaupten; g)

(be)nennen h) singen; dichten; i) darstellen; 2. »dicto«: a) beständig

sagen; b) vorsagen, diktieren.

Anm123 Bestimmung der revolutionären Klassendiktatur: Durchgangspunkt zur permanenten Umwälzung aller bisherigen Gesellschaftsordnung In »Die Klassenkämpfe in Frankreich« zog Marx nach den europäischen Revolutionsanläufen von 1848ff, die in den bürgerlichen Revolutionsansätzen steckenblieben, erstmals historisch das Fazit: Der Communismus oder revolutionäre Sozialismus »ist die Permanenzerklärung der Revolution, die Klassendiktatur

des

Proletariats

als

notwendiger

Durchgangspunkt

zur

Abschaffung

der

Klassenunterschiede überhaupt, zur Abschaffung sämtlicher Produktionsverhältnisse, worauf sie beruhen,

zur

Abschaffung

Produktionsverhältnissen

sämtlicher

entsprechen,

gesellschaftlicher

zur

Umwälzung

Beziehungen,

sämtlicher

Ideen,

die

die aus

diesen diesen

gesellschaftlichen Beziehungen hervorgehen.« [MEW7:89f]. Bereits angesichts der Konterrevolution, die 1848 in Deutschland sogar schon die Errichtung einer bürgerlich-demokratischen Macht im Keim ersticken konnte, hatte Marx in »Die Krisis und die Konterrevolution« in der »Neuen Rheinischen Zeitung – Organ der Demokratie« die einfache historische Tatsache festgehalten: »Jeder provisorische Staatszustand nach einer Revolution erfordert eine Diktatur, und zwar eine energische Diktatur.« [MEW5:402] Die Frage nur, welche Gesellschaftsklasse sie ausübt.

Anm124 Mit Marx' kritischer Methode gegen »den Marxismus« als doktrinäre Ideologie Wie Maximilien Rubel, Herausgeber und Übersetzer der Marx-Schriften in Frankreich, bezieht sich die SI, sozusagen im Rubelschen Sinne, auf »Marx als Kritiker des Marxismus« und kämpft für bestimmte Begrifflichkeiten,

erscheinen

sie

historisch

durch

bestimmte

»repräsentative«

Praxis-

Theorieformen auch noch so sinnentlehrt und bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. [Vgl. Rubel 1996].

60

und

Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat Anm125 Rätebewegung und Rekuperation: »Räte-Ideologie« Nach dem Scheitern der proletarischen Kämpfe im Pariser Mai 1968 wurde – wie von der SI schon befürchtet und nun von der Nexialistischen Internationalen (NI) Mitte der 1970er Jahre analysiert – dieses Organisationsprinzip aber wiederum in verstümmelter Form in das Spektakel integriert und damit zum bloßen romantischen Bild der Arbeiterräte: »Die sich anbahnende Epoche ist und wird eine Epoche der Räte sein. Auf spektakuläre Weise. Durch alle Poren. Schon sprechen alle Machthaber, die sich gezwungen sehen, einen höheren Grad an Beteiligung anzugehen, von Gesellschaftsvertrag, Mitbestimmung,

Ideenmajorität,

Generalversammlungen,

geteilter

Verantwortung, Delegierten,

Komitees aller Art.« Die NI meint, dass durch diesen Rekuperationsprozess, durch alle politischen Fraktionen hindurch, vom despotischen Machthaber bis hin zu den Vertretern des Linksradikalismus, eine Räteideologie im Entstehen begriffen sei. »Das Aufkommen der Räteideologie als neue Verwaltungsform der alten Welt ist vor allem – zentral – die Enteignung des ganzen akkumulierten Gedächtnisses des Proletariats von seiner eigenen Geschichte, insbesondere von seiner Erfahrung der Räte und der organisatorischen Möglichkeit des revolutionären Werdens.« [NI1980:91ff]. Die NI war ein in den 1970er Jahren in Frankreich unternommener Versuch, das Erbe der SI anzutreten, der allerdings kurze Zeit nach seiner Entstehung bereits gescheitert ist.

Anm126 Keine Auseinandersetzung der SI mit dem Operaismus Der Operaismus entwickelte sich als linksradikale Strömung in den 1960er Jahren hauptsächlich in Italien aufgrund der Vorstellung einer Ablehnung der Arbeit und der »Arbeiterautonomie« in den Fabriken. Als erste Annäherung an die Herangehensweise des Operaismus empfehlen wir Balestrini1994; siehe auch: !Ex.: Europa vor und nach 1968: Spanien, Frankreich, Italien, England.

Anm127 (Un)verhältnis der SI zum NS-Philosophen Heidegger Im »Brief über den Humanismus« (1946) findet sich die berühmte Äußerung Martin Heideggers (18891976): »Die Sprache ist das Haus des Seins. Die Denkenden und Dichtenden sind die Wächter dieser Behausung.« [Heidegger1967:145]. Die SI nennt Heidegger bei ihrem Detournement allerdings nicht. An anderer Stelle schreibt sie über diesen tiefen Deutschen sarkastisch: »Heideggers Rezept« der »dunkle[n] Zersplitterung der Sprache« war so erfolgreich, »dass viele Schöngeister nicht glauben wollen, dass ein so tiefer Denker wirklich Nazi gewesen sein kann«. [SI2:212].

Anm128 Situationistisches Erbe und Verwerfen der lettristischen »Neo-Kunst« Bei ihrer Diagnose einer »Dienstverweigerung der Worte« innerhalb der literarischen klassischen Avantgarde sind noch die Einflüsse von Isidore Isou auf die späteren SituationistInnen spürbar, wenngleich auch nicht mehr seine Naivität. Der Begründer der lettristischen Bewegung Isou beschrieb die Kritik des poetischen Stils als einen Zersetzungsprozess: Charles Baudelaire (1821-1867) hätte

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat die klassische Erzählung zugunsten der poetischen Form zerstört, Paul Verlaine (1844-1896) die poetische Form zugunsten der einzelnen Verszeile, Arthur Rimbaud (1854-1891) den Vers zugunsten des Wortes, Stéphane Mallarmé (1842-1898) schließlich hätte den Klang betont und das Wort vollendet. Dada hätte den Glauben an das Genie und die Überzeugung zerschmettert; seit Dada hocke die Kunst in einem Komposthaufen. Und nach James Joyce (1882-1941), dessen Romane die Kommunikation selbst in Frage gestellt hätten, war für Isou auch echte Kommunikation unmöglich geworden. Die Wörter hätten sich ihrer Bedeutung entledigt und schwebten frei umher – er wolle daher, erklärte Isou, den Buchstaben vor dem Wort retten und als Zeichen in den Äther entlassen. Es könne sich dann ein neues Alphabet für eine neue Sprache bilden, mit der sich eine neue Welt von Ausdrucksformen gestalten lasse, mit der nun sagbar sei, was noch niemals zuvor gesagt wurde. Wenn neue Geschichten erzählt würden, ließen sich diese auch leben, und so könnte eine völlig neue Welt erschaffen werden. [Vgl. Marcus1996:256ff]. Auch wenn sie die Leistungen der von Isou benannten avantgardistischen Tendenzen in jenem Zersetzungsprozess des poetischen Stils ebenfalls anerkennt, so findet die SI allerdings die geometrische Anordnung der historischen Ereignisse, die Isou vornahm, ziemlich lächerlich [vgl. SI1:142f] und seine vorgeschlagene zukünftige Kunst solipsistisch [vgl. SI1:147f]. (Solipsismus: Standpunkt, der nur das eigene Ich mit seinen Bewusstseinsinhalten als das einzig Wirkliche gelten lässt und alle anderen Ichs mit der gesamten Außenwelt nur als dessen Vorstellung annimmt).

Anm129 Situationistische Analogien zum Komplex Sprache: Worte und Beutestücke, Begriffsarbeit und Zwangsarbeit »Die von der revolutionären Kritik geschmiedeten Worte sind wie die Waffen der Partisanen, die auf dem Schlachtfeld zurückgelassen wurden: Sie fallen in die Hände der Konterrevolution; und wie Kriegsgefangene sind sie dem Regime der Zwangsarbeit unterworfen.« [BE:192/SI2:199]. Diese situationistische Auffassung vom Kern aller menschlichen Kultur, der Sprache, wurde von Walter Benjamin in der geschichtstheoretischen These IV in ähnlicher Weise für die gesamte kulturelle Überlieferung der bisherigen Klassengesellschaften formuliert: »Die jeweils Herrschenden sind aber die Erben aller, die je gesiegt haben. [...] Damit ist dem historischen Materialisten genug gesagt. Wer immer bis zum heutigen Tage den Sieg davontrug, der marschiert mit in dem Triumphzug, der die heute Herrschenden über die dahinführt, die heute am Boden liegen. Die Beute wird, wie das immer so üblich war, im Triumphzug mitgeführt. Man bezeichnet sie als die Kulturgüter. Sie werden im historischen Materialisten mit einem distanzierten Betrachter zu rechnen haben. Denn was er an Kulturgütern überblickt, [...] dankt sein Dasein nicht nur der Mühe der großen Genien, die es geschaffen haben, sondern auch der namenlosen Fron ihrer Zeitgenossen. Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein. Und wie es selbst nicht frei ist von Barbarei, so ist es auch der Prozess der Überlieferung nicht, in dem es von dem einen an den andern gefallen ist. Der historische Materialist rückt daher nach Maßgabe des Möglichen von ihr ab. Er

betrachtet

es

als

seine

Aufgabe,

die

Geschichte

gegen

den

Strich

zu

bürsten.«

[W.Benjamin1984,159f] Dies wollte das situationistische Projekt durch die Erstellung eines neuen

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat Wörterbuches in Angriff genommen sehen; d.h. durch das fortgeführte historische Projekt der dadaistischen

Zertrümmerung

und

kategorialen

Umwälzung

des

gesamten

verdinglichten

Überlieferungskomplexes der Wörter, das zugleich eine Rettung der Begriffsarbeit sein sollte, in der Sphäre der Sprache – und damit in allen Sphären des gesellschaftlichen Seins und Bewusstseins.

Anm130 Das Schicksal revolutionärer Theoriebildung: erst »Totschweigen«, dann »Leichenfleddern« Ähnliches wie bei der Marxschen Theorie lässt sich heutzutage in Bezug auf die SI-Theorie beobachten, wobei das Ausmaß der Rekuperation ihr gegenüber bei weitem nicht so geschichtsmächtig wurde wie bei der Marxschen Theorie.

Anm131 Situationistische Zweckentfremdungen »Wir benutzen bestimmte Konzepte, die bereits von den Spezialisten benutzt wurden; dabei geben wir ihnen jedoch einen neuen Inhalt und richten sie gegen die Spezialisierungen.« [BE:193/SI2:200].

Anm132 Kunst: heterogene Sphäre ideeller gesellschaftlicher Praxis mit ihren homogenen materiellen Ausdrucksmedien Im folgenden soll unter »Kunst« die gesellschaftlich relativ eigenständige Sphäre verstanden werden, die die verschiedenen Künste, z.B. Literatur, Musik, Malerei, Bildhauerei, Theater, Kino, aber auch Architektur etc. beinhaltet.

Anm133 Die Kirschen der Freiheit schillern begrifflich und hängen theoretisch so hoch wie praktisch »Freiheit« weist allerdings immer diesen Doppelcharakter auf: a) die – im philosophischen Sinne nicht wertend gemeinte – positive Bestimmung der freien Wahl; d.h. »frei zu« irgendetwas zu sein, und b) die – ebenfalls nicht wertend gemeinte – negative Bestimmung, »frei von« irgendetwas zu sein. Letztere kann das Freisein von äußeren Zwängen, aber auch von Mitteln, Ressourcen etc. bedeuten. In Bezug auf die Handlungsfreiheit ist insbesondere auf die Dialektik der Freiheit hinzuweisen, die v.a. Hegel immer wieder betonte: Jedweder Versuch, Freiheit zu realisieren, negiert oder mindert Freiheit. Jede Handlung vernichtet die Möglichkeit ihres Anders-sein-Könnens, also die ihr zugrunde liegende Freiheit. Denn mit jeder vollzogenen Entscheidung legt man sich fest. Gleichzeitig können durch Handlungsvollzüge auch neue Handlungsspielräume eröffnet werden, die neue freie Entscheidungen zulassen. Insofern lässt sich »Freiheit« streng genommen nicht substantivieren, sondern muss jeweils konkret im dialektischen Wechselspiel von Position (Setzen, Bestimmen etc.) und Negation (Verneinen, Begrenzen etc.) bestimmt werden. Der Verständlichkeit halber, d.h. mit Konzessionen an die Alltagssprache, wird im Text dennoch »Freiheit« in der Substantivform verwendet. (Lukács fasst Mitte der 1960er Jahre die historisch-materialistischen Bestimmungsversuche der Kategorie »Freiheit« ab Marx zusammen: »Die besondere Schwierigkeit für eine – allgemein methodologische –

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat Untersuchung der Freiheit liegt gerade darin, dass sie zu den vielgestaltigsten, vielseitigsten, schillerndsten Erscheinungen der gesellschaftlichen Entwicklung gehört. Man könnte sagen: Jedes einzelne relativ eigengesetzlich gewordene Gebiet des gesellschaftlichen Seins reproduziert je eine eigene Form der Freiheit, die noch dazu, simultan mit der gesellschaftlich-geschichtlichen Entwicklung der betreffenden Sphäre, ebenfalls bedeutsamen Wandlungen unterworfen ist [...]. Eine solche Differenzierung ist schon darum theoretisch höchst wichtig, weil die idealistische Philosophie um jeden Preis einen einheitlich-systematischen Begriff der Freiheit suchte und jeweils auch gefunden zu haben vermeinte [...]. Als Bestimmung des in der Gesellschaft lebenden und in der Gesellschaft handelnden Menschen ist die Freiheit nie völlig ohne Determination [...]. Das, was Hegel als eigentliche Notwendigkeit in ihrer Identität mit der Freiheit bezeichnet, bleibt aber ein kosmisches Mysterium.« Und Lukács fordert weitergehend in strengster Begriffsarbeit an der Überwindung des auch unter den Marxisten so beliebt gewordenen Satzes von der »Freiheit als Einsicht in die Notwendigkeit« (Engels), es müsse »bei einer so wichtigen, so populären und einflussreich gewordenen Stelle die Unzulänglichkeit der bloßen ‚materialistischen Umstülpung’ der Hegelschen Philosophie und des Materialismus überhaupt nachdrücklich aufgezeigt werden.« [OgS2:97-107] Ungefähr zur gleichen Zeit spitzt Debord in »Die Gesellschaft des Spektakels« die Kritik des Anarchismus auf genau diesen Idealismus zu (er nennt es Ideologie): »Die Anarchisten haben ein Ideal zu verwirklichen. Der Anarchismus ist die noch ideologische Negation des Staates und der Klassen, d.h. der gesellschaftlichen Bedingungen selbst der abgesonderten Ideologie. Er ist die Ideologie der reinen Freiheit, die alles gleichmacht und jede Idee des geschichtlichen Übels beseitigt. [...] Die Anarchisten [...] sind im allgemeinen um so mittelmäßiger, als ihre intellektuelle Tätigkeit hauptsächlich daraus ausgeht, einige endgültige Wahrheiten zu wiederholen. Die ideologische Achtung vor der Einstimmigkeit in der Entscheidung hat vielmehr die unkontrollierte Autorität von Spezialisten der Freiheit in der Organisation selbst begünstigt«, was sich auf die Beziehungen zum Proletariat und postulierten »Volk« immer wieder als entscheidendes Hemmnis auswirke, nämlich »als Weigerung, den Gegensatz zwischen den Bedingungen einer im derzeitigen Kampf gruppierten Minderheit und denen der Gesellschaft freier Individuen in Betracht zu ziehen«.[GdS§§92,93,94].)

Anm134 »Dionysisches« und »System Unbewusstes«: Grad der Deutung, Sublimation, Organisation Ohne sich unmittelbar auf Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844-1900) zu beziehen, knüpfte Sigmund Freud (1856-1939) an dessen Vorstellung in »Die Geburt der Tragödie« (1871) von der Spannung zwischen »der dionysischen Macht« (der kleinasiatische Gott Dionysos war auch unter dem lateinischen Namen »Bacchus« bekannt, die Kulte waren orgiastisch und grausam) und »dem apollinischen Prinzip« der Traumdeutung und künstlerischen Formgebung an: durch den großangelegten psychoanalytischen Versuch einer quasi naturwissenschaftlichen Psychologie der Triebenergetik, des »System Unbewusstes« und »Vorbewusstes« und der rationalen Traumdeutung. In der SI sehen wir als eher »dionysisch« gestimmten Exponenten Raoul Vaneigem mit der Bevorzugung des Traum- und

Rauschhaften sowie zerstörerischer Massenimpulse als dem

tendenziell übergreifenden Moment der revolutionären Praxis hervortreten, demgegenüber als einen

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat um so strenger »apollinisch« artikulierenden Exponenten Guy Debord: hier kommt die sublimierende, organisierende, die sozialen Triebkräfte auf den Begriff bringende Einheit von »Ratio, Rausch, Revolution« wiederholt zum Ausdruck in der Hegelschen Spannung zwischen einem »bacchantischen Taumel der Begriffe« [HW3:46] und der apollinischen »Arbeit des Begriffs«, das z.B. die letzte SIRevue im Rückblick auf den Mai 1968 so in Anschlag bringt: »Damals konnte man in diesem ‚bacchantischen Taumel’ der Wahrheit, ‚an dem kein Glied nicht trunken ist’ (Hegel), sehen, wie Massen – bereits Massen – durch die Entdeckung der Ware und des Spektakels als Wirklichkeiten des zu zerstörenden Pseudo-Lebens berauscht waren.« [SI2:380]

Anm135 Musealisierung als Sinngebung im Absterben der Kunst So Debord: »In dieser Epoche der Museen, in der es keine künstlerische Kommunikation mehr geben kann, sind alle vergangenen Momente der Kunst gleichermaßen zugelassen, denn bei dem heutigen Verlust aller Kommunikationsbedingungen leidet kein Moment der Kunst mehr unter dem Verlust seiner besonderen Kommunikationsbedingungen.« [GdS§189].

Anm136 Sakrale Verselbstzweckung im Mausoleum der Kunst Ähnlich diagnostiziert Benjamin diesen Prozess: Mit dem Aufkommen neuer Reproduktionsmittel, wie z.B. der Photographie, aber auch aufgrund des Hervortretens der Klassenkämpfe, spürte die Kunst das Nahen einer Krise. Als diese »unverkennbar geworden ist, reagierte sie mit der Lehre vom l’art pour l’art, die eine Theologie der Kunst ist.« [Benjamin1963:17]. Mit der Entwicklung zu ihrer relativen Selbständigkeit entstand »die Idee einer ‚reinen’ Kunst [...], die nicht nur jede soziale Funktion sondern auch jede Bestimmung durch einen gegenständlichen Vorwurf ablehnt.« [Ebd.].

Anm137 Dada und danach In seinem Pamphlet »Deutschland muß untergehen!« beantwortet der Dadaist Richard Huelsenbeck die Frage »Was ist die deutsche Kultur?« mit: »Dreck«.[Vgl. Huelsenbeck1984]. Angesichts der »Schlächtereien des Weltkrieges« wollte Dada die verlogenen und scheinheiligen Werte und Ideale der bürgerlichen Gesellschaft enttarnen und zerstören. »Alles, was mit Geist, Kultur und Innerlichkeit zusammenhing, sollte nach Huelsenbeck ‚gegen angemessene Preise’ auf den Veranstaltungen ‚abgeschlachtet’ werden.« [Bergius1989:312]. Auf seinem Fotoportrait bei einer Ausstellung ließ George Grosz folgende Sätze montieren: »Dada ist die willentliche Zersetzung der bürgerlichen Begriffswelt« und »Dada steht auf Seiten des revolutionären Proletariats« [zit. n. Bergius:361]. Der französische Avantgardekünstler Marcel Duchamp, im Kunstmodernismus epochemachender Einzelgänger, der sich eher in der Nähe des Surrealismus bewegte, zeigte dann als Kunstwerke gewöhnliche kommerzielle Produkte, solche, wie man sie in jedem Laden bekommt,

z.B. ein

Flaschenregal und eine Pissoirschüssel, was er als ästhetisierte Objekte einer Rezeptionstotalität

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat kurzerhand »ready-mades« nannte. Ein Ready-made kann man als einen einfachen industriellen Gebrauchsgegenstand bezeichnen, der aus seiner ursprünglichen Umgebung herausgenommen und zum Kunstobjekt erklärt wurde.

Anm138 Die kapitalistische Kulturreproduktion in der Rekuperationstotalität: Produktivkräfte als Destruktivkräfte »Der Kapitalismus erfindet neue Kampfformen – Marktplanung, Erweiterung des Distributionssektors, faschistische Regierungen –, stützt sich auf die entarteten Arbeiterführungen und vertuscht durch verschiedene reformistische Taktiken die Klassengegensätze. [...] In der Kultur [...] laufen die teilweise Annektierung der neuen Werte und die absichtlich anti-kulturelle Produktion mit den Mitteln der Großindustrie (Roman, Film), eine natürliche Folge der Verdummung der Jugend in Schule und Familie, als konfusionistische, konterrevolutionäre Verfahren parallel. Die herrschende Ideologie organisiert die Banalisierung der subversiven Entdeckungen und verbreitet sie im Überfluß, nachdem sie sie sterilisiert hat. Ihr gelingt es sogar, die subversiven Individuen zu benutzen: durch Verfälschung ihrer Werke, wenn sie tot sind, und schon zu Lebzeiten durch die gesamte ideologische Konfusion, indem sie sie mit einer ihrer mystischen Lehren, mit denen sie Handel treibt, wie mit einer Droge narkotisiert.« [BE:28f].

Anm139 Antisemitische Hirngespinste werden im kapitalistischen Alltagsleben gesponnen Bilder, Phantasmata und Stereotypen vom »Juden« als »Shylock« (erpresserischer Geldverleiher), Geldmenschen, Blutsauger, Kinderschächter etc. und »den Juden« bzw. »dem Judentum« als undurchschaubarer, allesbesitzender Weltverschwörungsmacht sind der Möglichkeit nach in den Strukturen und dem Mechanismus der kapitalistischen Produktion, Zirkulation, Gesamtreproduktion und ihren Fetischgestalten – die zuerst Marx mit der Kritik der politischen Ökonomie aufgewiesen hat – strukturell angelegt (das Kapital saugt die lebendige Arbeit aus, usw.: kein Hirngespinst, sondern tatsächliche

Spindel

für

verdrehte

Hirne).

Verrückte,

geschlossene

und

besessene

Welterklärungsantworten auf die Frage »Wer ist an meinem, unserem Unglück schuld?« entspringen als »Alltagsreligion« gerade bei den Lohnabhängigen permanent der Ranküne und den »Furien der Privatinteressen« (Marx), die dann leicht gegen Juden als historische Sündenböcke in der bürgerlichen Geschichte Europas gerichtet werden können. Wer den Antisemitismus bekämpfen will, aber über den Kapitalismus und die mit ihm zusammenhängende Konstitution der Subjekte nicht sprechen mag, wird diesen Subjekten gegenüber lediglich zum Moralisieren verdammt sein und letzten Endes dazu, sie ohne und mit bürgerlicher Gewalt »zivilisierend« zu unterdrücken, d.h. endgültig als Objekte zu behandeln. Damit kann die gesellschaftliche Wurzel des Antisemitismus nicht erfasst und schon gar nicht beseitigt werden, denn diese besteht in den Produktionsverhältnissen der bürgerlichen Produktionsweise. Ohne Selbsterziehung der produzierenden Gesellschaftsklasse zum bewussten Subjekt ist der wechselseitige Bedingungszusammenhang von Kapitalismus und Antisemitismus nicht aufhebbar. Diese Bewusstseinsarbeit muss zugleich an der Bedürfnisstruktur der vom

Kapital

ausgebeuteten

und

lohnabhängigen

66

Subjekte

ansetzen.

Die

klassischen

Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat linksfreudianischen, communistischen Psychoanalytiker Wilhelm Reich und Otto Fenichel etwa leisteten in den 1930er und 1940er Jahren Pionierarbeit für den Aufweis libidinöser Motive und unterdrückter Massenbedürfnisse bei der Entstehung und Funktionalisierung abgespaltener psychischer Selbsthass- und Triebbefriedigungsprojektionen auf »die Juden«, vor allem in Deutschland. [Siehe: Simmel1993; vgl. auch Adorno/Horkheimer1992:177-217].

Anm140 Konterrevolution ästhetisch – der futuristische Beitrag Futurismus: kunst-avantgardistische Strömung im Ausgang des Ersten Weltkriegs, die sich eng mit dem italienischen Faschismus verband und die »Ästhetisierung der Politik« (Benjamin) am weitesten vorantrieb, so in der Feier der »Schönheit des Krieges« (z.B. Marinetti). Es gab aber auch eine russische, politisch entgegengesetzte Richtung, die mit der Kulturrevolution der frühen Sowjetunion in Verbindung stand (z.B. der Dichter Majakowski, der angesichts der Durchsetzung der stalinistischen Konterrevolution in den Freitod ging). Beide Varianten berauschten sich an den technologischen Modernisierungsschüben und militarisierten Formen einer Massenmobilmachung rückständiger Gesellschaften für »die Zukunft« eines totalen Industriestaats.

Anm141 Dekadente »Abendröte des Kapitalismus« (Lukács) – »Aber welch eine Abendröte!« (Hanns Eisler) Lukács dagegen sieht in der Zersetzung der künstlerischen Formen durch die beiden Avantgardebewegungen Dadaismus und Surrealismus (ebenso wie im Expressionismus) im wesentlichen kein kritisches Potenzial. Er schätzt diesen Auflösungsprozess der Kunst im modernen Kapitalismus im Gegenteil als einen rein apologetischen »konformistischen Nonkonformismus« ein, da er nur die Zersetzung der vorbürgerlichen Reste durch den kapitalistischen Verwertungsprozess zum Ausdruck bringe, nicht jedoch die revolutionäre Gegendynamik in der bestehenden Gesellschaft, die sogar im »bürgerlichen Erbe« der »großen Kunstwerke« (vor allem des 19. Jahrhunderts aufgrund der Aufstiegs- und Entfaltungsperiode des Kapitalismus) breit angelegt und historisch über sich hinaustreibend sei. Allerdings gesteht Lukács seit Mitte der 1950er Jahre (in den Aufsätzen »Wider den mißverstandenen Realismus« und »Die Gegenwartsbedeutung des kritischen Realismus«) der kunstmodernistischen Avantgarde sehr viel mehr an Fortschrittspotenzial zu und löst sich zunehmend vom einseitigen »Lob des 19. Jahrhunderts« hinsichtlich der Form-Inhalt-Kriterien für das ästhetische Urteil. Zweifellos hat der bedeutende marxistische Systematiker einer philosophischen Ästhetik hinsichtlich des großen Mittelmaßes und der Haupttendenz modernistischer und postmodernistischer Kunstproduktion nur des Kaisers neue Kleider beim Namen genannt. Es ist der gesamte Hofstaat dieses Kaisers, der Lukács dafür hasserfüllt und unisono zum toten Hund erklärt. Danach ist natürlich auch Debord als in der Wolle gefärbter Lukácsianer, d.h. Antimodernist, ja Kunstfeind usw. ausgemacht, weil er von Dekadenz und sogar von »Entartung« spricht, sich über den Scharlatanismus der »Avantgardisten« alteriert usw., und Lukácsianer ist er tatsächlich, was das betrifft – wie Marx! Aber nur nach einer Seite hin. Das wirkliche Problem der marxistischen »Dekadenz«-Theorie liegt woanders. Lukács’ unbeirrbar hoch angesetzte Maßstäbe für revolutionäre

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat ästhetische Formgebung kranken daran – und können aufgrund dessen kaum noch irgendwo verwirklicht sein –, dass er die (aktuelle) Aufhebung der Kunst als getrennte Sphäre weder begreifen noch sich vorstellen kann und alle emanzipatorische Mimetik (künstlerische Reproduktion der gesellschaftlich-historischen Wirklichkeit in einer »Werktotalität«) noch in dieser rein-ästhetischen Sphäre festhalten, konzentrieren und vollendet sehen will.

Anm142 »Avantgarde«? Wohl eher Arrièregarde. Diese apologetische Ideologie der Kunst ist auch im gegenwärtigen Millennium die vorherrschende und lässt sich anhand einiger Traditionslinien aus dem 20. Jahrhundert exemplifizieren, wie dies Anselm Jappe folgendermaßen darstellt: »Wenn sich die Zerstörung der Formen im absurden Theater, im Nouveau Roman, in der neuen abstrakten Malerei oder im Pop-art wiederholt, so drückt das nicht mehr die geschichtliche Auflösung der Gesellschaftsordnung aus. Es kommt dabei nur noch eine flache und objektiv affirmative Kopie des Bestehenden heraus [...]. In dieser Situation wird die Zersetzung der künstlerischen Formen dem tatsächlichen Zustand der Welt vollkommen isomorph und kann keinerlei Schock mehr versetzen.« [Jappe1995:151,171].

Anm143 Lukács’ Bestimmung von «Stil» als «siegreiche, allgemein verbreitete und allgemein wirkende Form in einer Zeit» Zitiert nach Wirkus1975:47.

Anm144 Berichtigung eines unausrottbaren konter-situationistischen Vorurteils »Unter dieser armseligen und abstrakten Formel ‚die Phantasie an die Macht’« ließ der SI zufolge die Bewegung der Mai-Revolte eine seichte Modeströmung hochkommen, die nicht wusste, »mit welchen Mitteln diese Macht praktisch auszuüben und alles neu zu erfinden ist, und der es aus Mangel an Macht auch an Phantasie fehlte.« [BE:254/SI2:330]. Vielmehr gehe es darum, so die SI, »aus unseren Begierden die Wirklichkeit zu machen.« [BE:256/SI2:332]. Dies sei dann »eine präzise historische Arbeit« und damit »genau das Gegenteil der intellektuellen Prostitution, die ihre Illusion der Beständigkeit irgendeiner vorhandenen Wirklichkeit aufpropft.« [Ebd.]. Trotz dieser Kritik an jener 1968er-Parole wird die SI fälschlicherweise immer wieder mit ihr in Verbindung gebracht; leider geschah dies auch in der Buchreihe »theorie.org« in Josef Hierlmeiers sonst so gelungenen Einführung »Internationalismus« [vgl. Hierlmeier2002:52].

Anm145 Revolution und Poesie Dazu die SI: »Jede Revolution entstand durch die Poesie, wurde zunächst mit der Kraft der Poesie gemacht. Dieses Phänomen ist den Revolutionstheoretikern bisher entgangen, und es entgeht ihnen weiter (man kann es auch nicht verstehen, wenn man noch an dem alten Konzept der Revolution oder

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat der Poesie klebt), während es von den Konterrevolutionären generell bemerkt wurde. Dort, wo die Poesie existiert, macht sie ihnen Angst, und hartnäckig sind sie dabei, sich ihrer durch verschiedene Exorzismen, von der öffentlichen Verbrennung bis zur reinen Stilforschung, zu entledigen. Der Moment der wirklichen Poesie, die ‚die ganze Zeit vor sich hat’, will jedes Mal die gesamte Welt und die ganze Zukunft nach seinem eigenen Ziel neu ausrichten. Solange er andauert, kann es mit seinen Forderungen keine Kompromisse geben. Er bringt die nicht beglichenen Schulden der Geschichte noch einmal ins Spiel.« [BE:163f/SI2:39f].

Anm146 »Arbeitet nie!« – Lebensstil der LI und SI: Appell zur Subversion gegen jegliche Zwangsarbeit und zur Abschaffung von Lohnarbeit und Kapital Eine Kapitel-Überschrift im »Manifest gegen die Arbeit« der KRISIS-Gruppe etwa lautet: »Ein Programm der Abschaffungen gegen die Liebhaber der Arbeit« [Krisis1999]. Dagegen war die dokumentierte Wandparole der LI (1953), die von situationistischen TeinehmerInnen der »Bewegung der Besetzungen« 1968 in Paris wieder aufgegriffen wurde, »Ne travaillez jamais!« (dt.: »Arbeitet nie!«), nicht auf eine krude »Abschaffung der Arbeit« gerichtet, sondern propagierte einerseits die allgemeine Verweigerung der Lohnarbeit als »Spur und Zeugnis einer besonderen Lebensweise« [BE:142/SI2:51]. Andererseits wurde die Kritik der Arbeit weiter entwickelt bis zur begrifflich genauen Parole der SI: »abolition du travail aliéné« (dt.: »Aufhebung der entfremdeten Arbeit«). Diese drückt ein gesellschaftliches Programm der revolutionären Aufhebung und Vergesellschaftung der Arbeit aus, wie z.B. in Debords Bildübermalung 1963 [vgl. Ohrt1990:270].

Anm147 Zurückweichen der Naturschranke schließt Vordringen künstlerischer Produktion und Revolution ein Marx selbst sagt zum Humanisierungsprozess durch die Arbeit, der sich im Kapitalismus in negativer Form am Menschen vollzieht: »Indem er durch diese Bewegung auf die Natur außer ihm wirkt und sie verändert, verändert er zugleich seine eigne Natur. Er entwickelt die in ihr schlummernden Potenzen und unterwirft das Spiel ihrer Kräfte seiner eignen Botmäßigkeit.« [MEW23:192]. Die SI hebt 1964 diesen Zusammenhang hervor: »Die historischen Bedingungen unserer Zeit aber, die gerade mit dem Überschreiten einer Schwelle im Aneignungsprozess der Natur durch den Menschen und damit mit dem konkreten Projekt einer klassenlosen Gesellschaft verknüpft sind, sind so beschaffen, dass sie eine zwangsläufig revolutionäre Kunst hervorgebracht haben. [...] Die gegenwärtige Krise der Kunst ist mit derjenigen der Arbeiterbewegung seit der Niederlage der russischen Revolution und mit der Modernisierung des Kapitalismus verbunden.« [SI2:132]

Anm148 Zur Dialektik zwischen »Reich der Freiheit« und »Reich der Notwendigkeit« Marx bestimmt diese Dialektik folgendermaßen: »Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört; es liegt also der Natur der Sache nach jenseits der Sphäre der eigentlichen materiellen Produktion. Wie der Wilde mit der

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat Natur ringen muß, um seine Bedürfnisse zu befriedigen, um sein Leben zu erhalten und zu reproduzieren, so muß es der Zivilisierte, und er muß es in allen Gesellschaftsformen und unter allen möglichen

Produktionsweisen.

Mit

seiner

Entwicklung

erweitert

sich

dies

Reich

der

Naturnotwendigkeit, weil die Bedürfnisse; aber zugleich erweitern sich die Produktivkräfte, die diese befriedigen. Die Freiheit in diesem Gebiet kann nur darin bestehn, daß der vergesellschaftete Mensch, die assoziierten Produzenten, diesen ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu werden; ihn mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den ihrer menschlichen Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen vollziehn. Aber es bleibt dies immer ein Reich der Notwendigkeit. Jenseits desselben beginnt die menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt, das wahre Reich der Freiheit, das aber nur auf jenem Reich der Notwendigkeit als seiner Basis aufblühn kann.« [MEW25:828]. Die SI knüpft inhaltlich genau da an: »Die materielle Befreiung ist eine Vorbedingung für die Befreiung der menschlichen Geschichte« [SI2:7/BE:149] und sie konkretisiert diese Feststellung in Bezug auf die Räteorganisierung: »Die ersten revolutionären Maßnahmen werden notwendigerweise die Arbeitszeit und die gesamte versklavende Arbeit auf ein Minimum reduzieren. [...] Die Räte werden mit reizvollen Formen der lästigen Arbeiten experimentieren, nicht etwa, um deren Mühseligkeit zu verbergen, sondern um diese durch eine spielerische Organisation auszugleichen und so weit wie nur möglich zugunsten der Kreativität zu beseitigen«, heißt es in den »Ratschlägen für die Zivilisierten, die generalisierte Selbstverwaltung betreffend«, die Vaneigem 1969 in der letzten SI-Revue gegeben hat [BE:296/SI2:413]. Es darf gleichzeitig jedoch nicht aus den Augen verloren werden, dass diese Transformation von Arbeit in Spiel schon bei jeder revolutionären Organisierung im Hier und Jetzt beginnen muss, und zwar als Aufhebung der Trennungen, der Spezialisierungen und der Repräsentation, wie die SI deutlich macht: »Wir wollen das Experimentieren, weil wir neue Spiele wollen. [...] Diejenigen, die Experimente im alltäglichen Leben machen, sind auch die revolutionäre Avantgarde [...]. Ein Berufsplagiator kann nicht experimentieren. Ein Berufsrevolutionär kann nichts spielen. Derjenige der zum Spezialisten der neuen Spiele werden will, kann nichts spielen. Heute kann eine Revolution nichts anderes sein als eine Kritik an der Revolution (als einer getrennten Spezialisierung). Diese Kritik an der Revolution muss den Sinn einer Verteidigung des Spiels haben. Ein Revolutionär, der spielt, verkörpert den dialektischen Widerspruch. Der Berufsrevolutionär blockiert diesen Widerspruch, indem er zur neuen getrennten Macht wird.« [SI2:69].

Anm149 »Dérive«, dem es aufs revolutionäre Ziel ankommt – statt »Nomadisieren«, dem die Bewegung alles ist Debord grenzt sich mit der wissenschaftlich-methodischen Verfahrensweise des dérive an dieser Stelle gleichzeitig von den surrealistischen Spaziergängen ab, die er aufgrund ihres passivischen Verhaltens für reaktionär erachtet. [Vgl. BE:65 und Kaufmann 2004:151]. Der situationistische dérive ist des weiteren heutzutage von der Ideologie des »Nomadisierens« abzugrenzen, die nach der SI-Ära entstand und in Teilen der »undogmatischen« Linken Mode geworden ist. Sie geht auf ein

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat lebensphilosophisches Dogma von Gilles Deleuze (1925-1995) und anderen postmodernistischen Professoren zurück, die sich mit ihrem nomadischen Denken von der begrifflichen Strenge und Kohärenz dialektischen Denkens absetzten. Während das »sesshafte Denken« in einem »geschlossenen Raum« (sich) bewegen, die Verbindungen und Kommunikationen regulieren müsse, könne das nomadische Denken von Punkt zu Punkt um des Weges willen bewegen [vgl. Deleuze/Guattari1992:498f].

Schon

Jahre

vor

dieser

postmodernen

»Nomadologie«

(Deleuze/Guattari) grenzt Debord den situationistischen dérive vom nomadischen Umherschweifen ab und bezieht sich dabei auf Hegel: »Hegel bemerkt, daß ‚das Umherschweifen der Nomaden nur formell ist, weil es in einförmige Kreise beschränkt ist’.« [GdS127].

Anm150 Unitärer (Anti-)Urbanismus, Psychogeographie und dérives In den Jahren des Übergangs von ihrer künstlerdominierten zu ihrer revolutionären Phase machte die SI in Amsterdam (1959) ihr »Büro für einen unitären Urbanismus« auf, das Anfang der 1960er Jahre in Brüssel die situationistische »Kritik des Urbanismus« auf Grundlage eines »Elementarprogramms« ausarbeitete [SI1:87,178,211,223,240]. Die Konzeption des dérive als antizipatorischerForschungsund Lebensweise revolutionär assoziierter Menschen in Zeiten einer Windstille der Klassenkämpfe in der urbanistischen Moderne geht maßgeblich zurück auf den Lettristen und Situationisten Gilles Ivain (Ivan Chtchegloff: »Bericht über den Urbanismus« 1953), der als Erfinder dieses Zugangs zur »Nordwestpassage der Revolution« in psychogeographischer Dimension gelten kann. Für die LettristInnen wie für die SituationistInnen formulierte er wegweisend: »der Ausgangspunkt des Traumes liegt in der Wirklichkeit, und in ihr verwirklicht er sich.« [SI1:20].

Anm151 Der dérive als Erforschung eines bestimmten urbanen Spielraumes Dazu Debord: »Der Spielraum des Umherschweifens ist mehr oder weniger genau danach bestimmt, ob diese Tätigkeit die Erforschung eines Geländes oder verwirrende emotionale Ergebnisse bezweckt. Nicht zu vernachlässigen ist die Tatsache, daß diese beiden Aspekte vielfach interferieren, so daß es unmöglich ist, einen im reinen Zustand auszusondern.« [BE:66/SI1:61].

Anm152 »Negation der Negation« – leicht misszuverstehen In Abwandlung der Hegelschen logizistischen Vorstellung der »Negation der Negation«, als Aufhebung im Modus des Denkens, spielt die SI auf Marx an, der in »Das Kapital« Bd. I die »Expropriation der Expropriateure« als Negation der Negation bezeichnet, d.h. die »Verwandlung [...] des kapitalistischen Eigentums in gesellschaftliches.« [MEW23:791]. Bei der Hegelschen Negation der Negation wird der Widerspruch als der die Reflexion vorwärtstreibende Impuls betrachtet. Die festgestellte Einseitigkeit (Abstraktheit) einer vorgefundenen oder festgelegten Bestimmung (Position) verweist auf einen Mangel oder eine Unbestimmtheit (Negativität), der/die zu überwinden ist. So wird das unberücksichtigte Andere (d.h. andere mögliche

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat Bestimmungen) mit dem vorhandenen Gegenstand konfrontiert (Negation der Position: unbestimmte Negation) und systematisch mit einbezogen (Negation der Negation: bestimmte Negation), wodurch die zuvor vorhandene Trennung (der Position von weiteren möglichen Bestimmungen) überwunden wird, zugleich als Unterscheidung bewahrt bleibt. Dadurch verändert sich das vorher einseitige Ganze zu einer neuen Position und somit zu einer reicheren Totalität auf höherer Stufe (Aufhebung); und von hier aus kann dieser Bestimmungsprozess wieder aufs Neue beginnen. (Um Missverständnissen vorzubeugen: Bei diesem dialektischen Prozess werden nicht etwa Widersprüche zugelassen und die Bestimmungen dadurch willkürlich; wie z.B., dass ein Gegenstand zugleich »rot« und »nicht rot« sei. Sondern wenn Widersprüche angetroffen oder aufgefunden werden, dann werden sie zu Ausgangspunkten des Reflexionsprozesses, der auf Gesichtspunkte möglicher Bestimmungen verweist. Widersprüche treten in diesem Prozess v.a. dann auf, wenn z.B. eine vorgefundene Bestimmung mit der Möglichkeit des Anders-BestimmenKönnens konfrontiert wird.) Näheres dazu: !Ex.: Dialektik und offene Totalität und !Ex.: Dialektische Topik.

Anm153 Zur subversiven Kraft des Lachens Vor allem der sowjetische dissidente Forscher Mikhail Bakhtin (1895-1975) untersuchte das Lachen als Subversion und als untergründige Kultur des »Karnevalesken« in den Klassenkämpfen. [Vgl. Clark and Holquist 1984]

Anm154 Erweckung von Begierden, experimentell auf die materielle Basis einer neuen Wirklichkeit gerichtet »Die wirklich experimentelle Richtung der situationistischen Tätigkeit besteht darin, ausgehend von mehr oder weniger deutlich erkannten Begierden, ein zeitlich begrenztes, diese Begierden begünstigendes Aktionsfeld zu schaffen.« [BE:48/SI1:16].

Anm155 Chiliasmus: religionsgeschichtliche Sammelbezeichnung für apokalyptische Heilserwartungen eines Gottesreiches auf Erden Die Vorstellung des Chiliasmus ist im Mittelmeerraum und Europa aus dem Christentum hervorgegangen, welches ein »Tausendjähriges Reich Christi auf Erden« nach dessen mutmaßlicher »Wiederkunft vor dem Weltende« herbeisehnte. Sie stützt sich auf die wörtliche Auslegung der Apokalypse [vgl. Bibel, Offenbarung n. Johannes 20,1-10]. Dieses Tausendjährige Reich, in welchem der Satan keine Macht in der Welt hätte, wäre dann nur eine Phase der Ruhe und Unterbrechung des Endkampfes vor der Endgültigen Vernichtung des Bösen. Erst danach würde das Gericht über die gesamte Welt heireinbrechen und die Neuschöpfung alles Seienden beginnen [ebd. 11-15].

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat Anm156 Utilitarismus: eine Form der Ideologie von der bürgerlichen Gesellschaft als der besten aller möglichen Welten V.a. beim englischen Moralphilosophen Jeremy Bentham (1748-1832) finden wir, wie Marx zeigt, eine »vollständige Subsumtion aller existierenden Verhältnisse unter das Nützlichkeitsverhältnis [...]. Die Nützlichkeitstheorie entwickelt daher allerdings den Zusammenhang sämtlicher bestehenden Verhältnisse mit ökonomischen, aber nur auf eine beschränkte Weise. [...] In der Teilung der Arbeit wird die Privattätigkeit des Einzelnen gemeinnützlich; die Gemeinnützlichkeit Benthams reduziert sich auf dieselbe Gemeinnützlichkeit, die überhaupt in der Konkurrenz geltend gemacht wird. Durch das Hereinziehen der ökonomischen Verhältnisse [...] kamen die bestimmten Exploitationsverhältnisse der einzelnen Klassen herein [...]. Der ökonomische Inhalt verwandelte die Nützlichkeitstheorie allmählich in eine bloße Apologie des Bestehenden, in den Nachweis, daß unter den existierenden Bedingungen die jetzigen Verhältnisse der Menschen zueinander die vorteilhaftesten und gemeinnützlichsten seien.« [MEW3:397ff.]

Anm157 Blanquismus und Bakuninismus: frühe und wiederkehrende Gestalten militanter Organisation des Proletariats Louis-Auguste Blanqui (1805-1881) nahm an der Februarrevolution 1848 teil, wurde ein Jahr später verhaftet und 1859 durch eine Amnestie befreit. Er propagierte systematisch den zentralisierten bewaffneten Aufstand mit Eroberung der Staatsmacht durch die stellvertretende Geheimorganisation »des Proletariats«. Marx hat bewusst seine Formel von der »Diktatur des Proletariats« aufgegriffen, seine Geheimbund- und Repräsentations-Konzeption jedoch strikt verworfen. Blanqui war einer der bedeutendsten Köpfe der proletarischen Revolution im 19.Jahrhundert, für deren politisch-militärische Organisierung er selbst unermüdlich arbeitete, nicht ohne nachhaltige Wirkung auf die Kampfmoral der Klasse-für-sich. Als der Aufstand der Pariser Commune1871 beginnt, ist er wieder mal inhaftiert. Michail Bakunin (1814-1876) zufolge muss die Revolution durch eine kleine Gruppe von Berufsrevolutionären, die eine Art von revolutionärem Generalstab bilden, vorbereitet werden. (1864 gründete er eine »Internationale Revolutionäre Gesellschaft« als Geheimorganisation – auch »Internationale Brüderschaft« genannt.) Die Aufgabe einer solchen Gruppe bestehe darin, die Bauern, die Arbeiter und ihre schlummernden revolutionären Leidenschaften durch revolutionäre Taten zu entfesseln. Jeder Aufruhr, so erfolglos er auch unmittelbar sein mag, ist seiner Ansicht nach nützlich, weil das »Volk« erst im Kampf lerne, seine Kräfte und Energien zu entwickeln. Denn das Volk, besonders die Bauern, verstünden die Ideen nur in konkreter Form. Es könne daher nicht durch wissenschaftliche Grundsätze oder durch Dekrete, sondern allein durch revolutionäre Taten revolutioniert werden. Siehe: !Ex.: Die situationistische Kritik des Anarchismus.

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat Anm158 Versuchung und Kritik der blanquistischen Repräsentation Marenssin weiter dazu: »Die Blanquisten glaubten tatsächlich, daß eine kleine Zahl entschlossener und gut organisierter Leute in der Lage sei, im richtigen Augenblick an die Macht zu kommen, diese dann mit aller Entschiedenheit einzusetzen und auch zu behaupten, bis sie die Massen auf ihrer Seite haben. Der Blanquismus hatte insofern recht, als er unter Ausnutzung der günstigen Lage der Bourgeoisie die politische Macht hätte entreißen können. Unrecht hatte er aber, weil er, selbst wenn er erfolgreich gewesen wäre, doch nichts anderes getan hätte, als sich selbst an die Stelle der ohnmächtigen Klasse zu setzen, um sein Programm zu verwirklichen. Und das ist früher oder später allen so ergangen, die den blanquistischen Grundsätzen gefolgt sind.« [Marenssin1998:48].

Anm159 Kritik am Konzept der Klandestinität In der bisherigen Geschichte zeigte sich, dass das Konzept der Klandestinität einen idealen Nährboden für staatliche Spitzel und »agents provocateur« abgibt. In Anbetracht dessen muss es einer wirklichen proletarischen Bewegung schwerfallen, zwischen den »authentischen Aktionen« und staatlich gelenkten Operationen zu unterscheiden. Je schwerer eine solche Unterscheidung fällt, d.h. je weniger solche Gruppen von den Diensten der Staatsapparate selbst zu unterscheiden sind, desto nutzloser werden sie für das revolutionäre Proletariat [vgl. GdS:296]. In der Regel erweisen sie sich immer wieder als hemmender Faktor für seine Selbstorganisierung.

Anm160 »Die Postmoderne«: Lyotards Philosophie für »Erwachsengewordene« nach ’68 Jean-François Lyotard (1924-1998) – ein vom Katholizismus und der stalinistischen KP Frankreichs geprägter »linker« Professor, der übrigens eine Zeit lang in der Gruppe »Socialisme ou Barbarie« um Cornelius Castoriadis (Cardan) mitgearbeitet hat, mit der sich auch Guy Debord intensiv auseinandersetzte und die insofern einen gewissen Einfluss auf die SI-Theorie ausübte, – hat den Terminus »Postmoderne« 1979 in die philosophische Diskussion eingeführt. Das Wort soll eine Denkhaltung, Philosophie und die ganze ihr zugrundeliegende historische Epoche (im unlösbaren Zusammenhang mit der Vorstellung des »Posthistoire« als dem »Ende der Geschichte« und dem »Poststrukturalismus« als der Vollendung und Auflösung des »Strukturalismus«) bezeichnen. Lyotard und andere VertreterInnen des Postmodernismus vertreten die Auffassung, dass emanzipatorische Fragestellungen nach dem von ihnen konstatierten Ende »der Großen (modernen) MetaErzählungen« (Liberalismus, Marxismus, Anarchismus etc.) neu zu setzen wären; denn jene (beliebigen und rein subjektiv-willkürlich entstandenen) Erzählungen hätten sich selbst diskreditiert. Als narrative (erzählerische) Konstruktionen einer angeblichen Totalität der Welt, der Geschichte und Gesellschaft sowie »des Menschen« seien diese Großen Erzählungen der Moderne in letzter Instanz nur den Köpfen von totalitären okzidentalen patriarchalen »Meisterdenkern« entsprungen und hätten als

Wissens-»Dispositive

der

Macht«

ausschließlich

der

modernen

totalitären

Macht

der

Herrschenden und des »Faschismus in uns« gedient. Dieser – ebenso augenfälligen wie

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat unbestreitbar-halben – Wahrheit der Geschichte der bürgerlichen Moderne, die auszusprechen nichts Neues ist und als deren ökonomische Grundlage seit Marx' »Kapital« die Herstellung der WeltTotalität im fertigen Weltmarkt bekannt ist, setzen die PostmodernistInnen (ausgehend vom Agnostizismus und der Religionskritik ihres Säulenheiligen Nietzsche) nun allerdings keine Kritik (von Ökonomie, Politik, Ideologien, Wissenschaftsverständnis etc.) entgegen, sondern nichts als die Feier des Fragments und die Affirmation des Bestehenden, das angeblich jegliche Möglichkeit von Subjektwerdung aus der Welt geschafft habe. Die PostmodernistInnen sprechen mit euphorischer Fröhlichkeit den »Zusammenbruch der Signifikantenketten« im Verlauf der Bewusstseinsgestalten der kapitalistischen Moderne aus und erklären ihn kurzerhand zum Wesen des gesellschaftlichen Seins (d.h.

»Zeichen

von

Zeichen

von

Zeichen

usw.«,

die

sich

auf

keinerlei

objektiv-realen

Seinszusammenhang mehr zurückführen oder herleiten lassen). Die Ideologien, aber zugleich auch die darin enthaltenen wissenschaftlichen und ideologiekritischen Theoriebildungsansätze der Moderne versucht die »postmoderne« Philosophie pauschal zu verabschieden (wobei sie deren realen Niedergang nach mehr oder weniger katastrophischen Erfahrungen im 20. Jahrhundert, besonders in Gestalt des im Stalinismus blamierten »Marxismus-Leninismus«, teilweise nur noch zu konstatieren braucht) und dagegen eine »radikale«, tatsächlich völlig beliebige Pluralität der warenförmigen Wahl zu exponieren sowie die Möglichkeit eines »neuen Wissens« und einer »neuen Gerechtigkeit« unter den

Bedingungen

irreduzibler

Heterogenität

(Vielheit)

und

radikaler

Inkommensurabilität

(Unvergleichbarkeit) zu reflektieren: als letzten Endes ausschließlich ästhetische Struktur des Seins (»denn nur als ästhetisches Phänomen ist das Dasein und die Welt ewig gerechtfertigt « so das Nietzsche-Dogma aller PostmodernistInnen). Dabei wurde diese philosophische Richtung zu einer der heftigsten

Kritikerinnen

von

»Dialektik«

schlechthin

und

den

damit

verbundenen

Begriffsdifferenzierungen wie z.B. »Wesen und Erscheinung«, »Form und Substanz«, sowie der gattungsgeschichtlichen »Vernünftigkeit in der Geschichte« (Hegel) i.S.v. humanistischer Ratio überhaupt etc. Der Postsituationist Jaime Semprun, der in seinem Buch »Rive Gauche – ein Pamphlet gegen die Meisterschwätzer« entschieden gegen derartige VertreterInnen der französischen akademischen »Intelligenz« polemisiert, charakterisiert diese folgendermaßen: »All die eifrigen Totengräber der Theorie, der Kritik und des Negativen behaupten, es im Namen von irgendetwas zu sein, das viel subversiver sei als diese alten Geschichten, und nicht nur deswegen, weil sie kein Interesse daran finden können. [...] Die Menschen haben nicht auf Lyotard gewartet, um Widerstand gegen die Verdinglichung zu leisten – immer noch schweift die Begierde umher.« [Semprun1979:31f]. Leider blieb diese arg grobklotzige Polemik der bisher einzige situationistische Versuch einer PoMoKritik und konnte deshalb mühelos von einem der Kritisierten, nämlich dem Neo-Nietzscheaner Gilles Deleuze, in das für die westeuropäische Linke einflussreiche Theorem der »Wunschmaschinen«, die es gelte »explodieren zu lassen«, rekuperativ eingespeist werden [vgl. G.Deleuze1977]. Es gibt immer wieder Versuche, die situationistische Theorie als bloße Vorläuferin postmoderner Philosophien zu deuten, so z.B. Sadie Plants »The Most Radical Gesture – The Situationist International in a Postmodern Age« [Plant1992]. Auch wenn sich einige postmoderne VertreterInnen – allen voran Jean Baudrillard (*1929) [vgl. Baudrillard1978] – bei der SI nach deren Auflösung wie in einem Steinbruch bedienten, um sie zu rekuperieren, so muss doch entgegen Sadie Plant festgestellt

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat werden, dass die Zielrichtung dieser Philosophien zur Revolutionstheorie der SI diametral gegenläufig ist und sie schon deshalb keinerlei Weiterentwicklung der situationistischen Theorie darstellen, etwa als ein »Schillern der Revolte« (wie der postmodernistisch gewendete deutsche Exponent der »Subversiven Aktion«, Frank Böckelmann, es Ende der 1970er Jahre in einem einflussreichen Büchlein der BRD-Linken unter diesem Titel versprach). Denn soweit sie nicht überhaupt jede gesellschaftliche Ziel- und Zwecksetzung – ganz in der »antihumanistischen« Tradition des Strukturalismus, der jeglichen Begriff von einem geschichtlich handelnden Humansubjekt streng verbietet – von sich weist, erschöpft sich die poststrukturalistische und postmodernistische Vorstellung von »Emanzipation«, mit einem treffenden Wort Lyotards ausgedrückt, darauf, »das fröhliche Delirium des Kapitalismus« zu genießen, indem »man« sich seiner Fragmentierung aller Subjektivität vergnügt anpasst und dem »Prinzip der reinen Beschleunigung« (Lyotard) seiner objektiven Gesetze ein Optimum an individueller Karriere in der Lohnabhängigkeit, dem Geldmachen oder der Prekarität abgewinnt. Siehe auch: !Ex.: Dialektische Topik, !Ex.: Dialektik und offene Totalität und !Ex.: »Kohärenz« in Theorie und Praxis.

Anm161 Zum Datendandy: Datenraum als Straße und Salon »Der Datendandy sammelt Information nur, um damit zu prahlen, und nicht, um sie zu übertragen. Er ist sehr gut, vielleicht ein bißchen zu gut oder sogar übertrieben gut informiert. Auf zweckgerichtete Fragen treffen unerwünschte Antworten ein. Er kommt ständig mit etwas anderem an. Dem Phänotyp des Datendandys begegnet man mit dem gleichen Schrecken wie seinem historischen Vorgänger, dem Straße und Salon als Spielraum dienten. Die elegante Extravaganz, mit der das detaillierteste Konversationswissen zur Schau gestellt wird, schockiert die zielbewußten Medienbenutzer. Der Datendandy spottet über die maßvolle Konsumtion und die dosierte Einnahme geläufiger Nachrichten und Unterhaltung und läßt sich nicht vom Übermaß oder Overload spezialisierten Wissens aus der Ruhe bringen.« [AgenturBilwet1994:75]

Anm162 Erfolgreich »nicht eine Theorie der SI, sondern die Theorie des Proletariats« »Die S.I. war lediglich darin erfolgreich, daß sie ‚die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt’, ausgedrückt hat, und daß sie sie auszudrücken verstanden hat: das heißt, daß sie es verstanden hat, damit zu beginnen, bei dem subjektiv negativen Teil des Prozesses, seiner ‚Schattenseite’, seiner eigenen unbekannten Theorie Gehör zu verschaffen, der Theorie, die diese Seite der sozialen Praxis hervorbringt, und die sie zunächst nicht kennt. Die S.I. gehörte selbst zu dieser ‚Schattenseite’.« [DwS§3].

Anm163 Praxis der Theorie, Theorie der Praxis, Praxis der Theorie, Theorie der Praxis, usw. So sind jegliche theoretischen Resultate, die im allgemeinen als »Theorien« bezeichnet werden, nur aufgrund einer kritischen Forschungs- und Darstellungspraxis entstanden. Mehr noch: die allgemeine

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat Grundlage jeglicher Theorie ist die historisch-gesellschaftliche Praxis. Gleichzeitig jedoch ist keine menschliche Praxis möglich – als eine Praxis, die nicht bloß instinkthaft reagiert –, ohne irgendwelche theoretischen Vorstellungen, die sie begleiten und die aus ihr bezogen werden (auch wenn diese in den seltensten Fällen voll bewusst sind, geschweige denn – ohne Verstümmelungen – vollständig in ein System integriert werden können).

Anm164 »Wir haben nur Öl hingebracht, wo Feuer war.« Obwohl Vincent Kaufmann diese Metapher Debords richtig zitiert, verkehrt er anschließend immer wieder die Stellung des Feuers und des Öls und verdreht damit ihren Inhalt. Um es aristotelisch auszudrücken, verkehrt er dabei »dýnamis«, die potenzielle Kraft, und »enérgeia«, die prozessauslösende Kraft, welche etwas in Bewegung bringt. [Kaufmann2004:239ff, v.a.:244].

Anm165 Stützpunkte zwischen zwei Welten, eine katastrophistische Konzeption Vaneigem legte eine Stützpunkte-Konzeption vor, bei der es um folgendes gehen müsse: »a) sich als ein an die Totalität [...] angeschlossenes Ganzes verstehen (jedes Fragment ist Totalität, und die Totalität kann nur fragmentarisch sein); b) situationistische Stützpunkte errichten, die [...] ein befreites Leben vorbereiten sollen; c) [...] für einen Stil des Lebens gegen die Lebensweisen [...]; d) neue Begierden auf dem sorgfältig abzusuchenden Feld des heute Möglichen bestimmen; e) sich aller technischen Mittel bemächtigen, die die Beherrschung des Möglichen sichern können. Durch diese wechselseitigen Beeinflussungen wird das Projekt einer permanenten Revolution auf nicht zu erschöpfende Weise entworfen. Unsere Lage ist die zwischen zwei Welten: die eine erkennen wir nicht an, während die andere noch nicht existiert. Es kommt darauf an, den Zusammenstoß vorzubereiten. Das Ende einer Welt zu beschleunigen, die Katastrophe, bei der die Situationisten die ihrigen erkennen werden.« [SI1:278f]. Diese Art communistischer Katastrophismus konnte unmöglich nur auf friedlich-schiedliche KünstlerInnenprojekte zurückgreifen, sondern musste von vornherein auf eine gewaltige proletarische Erhebung setzen. Es ging der SI niemals darum, kleine »temporäre autonome (Wohlfühl-)Zonen« zu errichten [vgl. »Die Temporäre Autonome Zone«, Bey 1991]. Die Stützpunkte-Strategie der SI konnte einzig auf den Ausbruch des Proletariats-für-sich bauen ebenso, wie solche Stützpunkte durch ihr Vorhandensein die Suche, Plausibilisierung und Propagierung der proletarischen Unzufriedenheit – das Negative im Bestehenden – als Basis ansprechen, aussprechen und zum sozialen Umsturz anreizen sollten.

Anm166 Das Wissen ums Warten – »zu warten verstehen« Franz Kafka (1883-1924) hat auf den Widerspruch hingewiesen, der sich aus dem Gegeneinander von »Ungeduld« und »Lässigkeit« ergibt, also einem »Zu-wenig- Warten« und einem »ZuvielWarten«: »Es gibt zwei menschliche Hauptsünden, aus welchen sich alle andern ableiten, Ungeduld

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat und Lässigkeit. Wegen der Ungeduld sind wir aus dem Paradies ausgewiesen worden, wegen der Lässigkeit können wir nicht zurück.« [Kafka1953:39].

Zu 4

Kritik der Geschichte: Traumata und Topoi revolutionärer Anläufe

Anm167 Topoi: Stützpunkte für Orientierung in erster Annäherung, Topik als provisorisches Hilfssystem praxisnah Da die Topik, die Methode der Auffindung von Argumenten, ursprünglich für rhetorische Zwecke im politischen Handgemenge entwickelt wurde und zur selbständigen »Bildung des Volkes« [HW18:411] in der Polis-Demokratie, ist sie einerseits ur-demokratisch populär. Andererseits steht sie aber auch immer in der Gefahr, in Klischees und Gemeinplätzigkeit (locus communis) abzugleiten. Hegel fasst zusammen: Topik ist »eine Menge von Örtern, Bestimmungen, die man als eine Tafel mit ihren Einteilungen in der Vorstellung befestigte, um diese Seiten bei allem Vorkommenden anzuwenden. [...] Die Topik ist [...] zum Auffassen und Bestimmen von verschiedenen Seiten [...], aber so, daß [...] das Tableau nicht nur ein Gemälde von äußerlichen Bildern ist, sondern ein System von Gedankenbestimmungen, allgemeinen Vorstellungen; [...] eine tiefere innere Bedeutung [...]« aufweist. [HW20:31ff]. Dabei versichert sich die Topik der gesellschaftlichen Geltung und ermöglicht die inhaltliche Fülle der Gesichtspunkte; sie garantiert eine Rationalität auch außerhalb der Wissenschaft, die gerade dort relevant wird, wo es Fachkompetenzen in ihren Gegenständen und Grundsätzen erst zu bestimmen gilt, oder dort, wo zwingende Beweise (im mathematischen Sinne) nicht möglich sind: im Bereich menschlicher Praxis. Allerdings muss auf die Gefahr hingewiesen werden, dass die Topik zu einer »Schwatzlehre, ein Unterricht in der Kunst, über jede beliebige Frage schablonenhaft etwas zu ‚sagen’« [Mauthner,Bd.II:66] verkommen kann, wenn sie nicht strategisch an die dialektische Begriffsbildung gekoppelt ist. Vgl. !Ex.: Dialektische Topik.

Anm168 Zur Auswahl der Revolutionskomplexe im Fokus der SI-Darstellung Die im Enchiridion vorliegende Auswahl der historischen Komplexe begründet sich zunächst aus der notwendig äußerst knappen, Akzente setzenden Darstellung des Buches selbst heraus. Da wir Autoren nicht kompetent sind, eine Gesamtschau zu liefern, sind die LeserInnen des weiteren aufgefordert, selber hier vermisste Komplexe oder Facetten hinzuzufügen, wie etwa zu Lateinamerika, Afrika, usw. SI-Statements zu folgenden Ländern finden sich z.B: grundsätzlich zum Trikont, siehe GdS§113; zu Algerien u.a. siehe u.a. SI1:38, 273f; SI2:154-165,188-194; zum Kongo u.a. SI1:253,257,275; SI2:110f. Der Vietnam-Krieg wurde ausführlicher und exemplarisch auf die sozioökonomische Geschichte der Region zurückgeführt in BE:208ff/SI2:261ff. Ausführlicher und ihren jeweiligen Sachverhalten angemessener finden sich alle im Enchiridion angerissenen Komplexe auf der Website www.theorie.org, dort aber auch etliche weitere. So wurde bspw. aus der Vorsicht heraus, komplexe Sachverhalte nicht unangemessen zu reduzieren, auch der

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat ursprünglich im Enchiridion als Kapitel 4.7 gedachte Abschnitt »Herausforderung Israel« herausgenommen, weil er in der durch die Buchfassung bedingten Kürze noch nicht dem Anspruch des derzeitigen »state of the art« zu genügen scheint. Unter diesem Aspekt warnte uns z.B. ein Gegenleser: »Eine kürzere Würdigung des ambivalenten Verhältnisses der SI zu Israel (die, positivistisch gesehen, natürlich der marginalen Bedeutung des Themas für die SI entspräche) droht als Verkürzung gelesen zu werden.« Siehe ausführlich zu Israel: !Ex.: Herausforderung Israel. Allerdings blieb im Enchiridion dennoch einiges zum Thema »Israel« erhalten, und zwar in Kapitel 5.2.2.

Anm169 Orthodoxie Lenin sagte über »den Marxismus«, er sei »allmächtig, weil er wahr ist.« Die Organisation, die diese geschlossene ‚Wahrheit’« zu besitzen meint, glaubt damit allmächtig werden zu können. SI-nahe Beispiele für eine communistische Bloßstellung des Stalinismus als auf einer Lüge beruhende Macht sind die Stalin-Monographien von Boris Souvarine und Maximilien Rubel. [Vgl. Souvarine1992 u. Rubel2002].

Anm170 Marx empfiehlt 1881 für Russland die Form der dort noch bestehenden Bauerncommune als »der unmittelbare Ausgangspunkt« für communistische Revolution, »ohne mit ihrem Selbstmord zu beginnen« Auf die Frage von Vera Sassulitsch, ob für das archaisch strukturierte Russland nicht eventuell auch ein anderer historischer Weg des Übergangs zum Communismus offen stehen könnte, als der über kapitalistische Produktions- und Ausbeutungsformen, den die Länder Westeuropas durchlaufen müssten, antwortete Marx: »Ich habe [...] die ‚historische Unvermeidlichkeit’ dieser Bewegung ausdrücklich auf die Länder Westeuropas beschränkt [...]. Vom historischen Standpunkt aus gesehen ist das einzige ernsthafte Argument, das zugunsten der unvermeidlichen Auflösung der Gemeinde der russischen Bauern angeführt werden könnte, folgendes: Wenn man sehr weit zurückblickt, findet man überall in Westeuropa das Gemeindeeigentum eines mehr oder weniger archaischen Typus’; es ist mit dem gesellschaftlichen Fortschritt überall verschwunden. Warum sollte es demselben Schicksal allein in Rußland entgehen? Ich antworte: Weil Rußland, dank eines einzigartigen Zusammentreffens von Umständen, die noch in nationalem Maßstab vorhandene Dorfgemeinde sich nach und nach von ihren primitiven Wesenszügen befreien und sich unmittelbar als Element der kollektiven Produktion in nationalem Maßstab entwickeln kann. Gerade auf Grund ihrer Gleichzeitigkeit mit der kapitalistischen Produktion kann sie sich deren positive Errungenschaften aneignen, ohne ihre furchtbaren Wechselfälle durchzumachen. Rußland lebt nicht isoliert von der modernen Welt, noch weniger ist es die Beute eines fremden Eroberers wie Ostindien.« [MEW19:384f]. Marx führt weitere besondere Eigenschaften der russischen Dorfgemeinde auf, welche es ihr im Prinzip ermöglichen könnten, im Zusammenhang mit einer russischen Revolution und einer proletarischen Revolution im Westen, nicht die kapitalistische Produktionsweise durchlaufen zu müssen. »Die in ‚Kapital’ gegebene Analyse

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat enthält also keinerlei Beweise – weder für noch gegen die Lebensfähigkeit der Dorfgemeinde, aber das Spezialstudium, das ich darüber getrieben und wofür ich mir Material aus Originalquellen beschafft habe, hat mich überzeugt, daß diese Dorfgemeinde der Stützpunkt der sozialen Wiedergeburt Rußlands ist; damit sie aber in diesem Sinne wirken kann, müßte man zuerst die zerstörenden Einflüsse, die von allen Seiten auf sie einstürmen, beseitigen, und ihr sodann die normalen Bedingungen einer natürlichen Entwicklung sichern.« [MEW19:243]. Und weiter: »Wenn die Revolution zur rechten Zeit erfolgt, wenn sie alle ihre Kräfte konzentriert, um den freien Aufschwung der Dorfgemeinde zu sichern, wird diese sich bald als ein Element der Überlegenheit über die vom kapitalistischen Regime versklavten Länder entwickeln.« [MEW19:395]. Da diese Einschätzung nicht durchdrang, zugleich aber auch ab Ende des 19. Jahrhunderts ein staatlich künstlich hochgezüchteter Kapitalismus in Russland und eine gewisse Transformation der sklavenartigen

Abhängigkeit

hochkonzentrierten,

rasanten

der

Bauern

von

Herausbildung

den

eines

Grundeigentümern ebenso

einherging

minoritären

wie

mit

der

kampfkräftigen

Proletariats, verwarfen die russischen »Marxisten«, allen voran Lenin und Trotzki, die Marxsche Fragestellung des Übergangs und setzten entschieden aufs westliche Modell der kapitalistischen Akkumulation, nur aus dem Zarismus heraus (explosiv-revolutionär) eben in staatskapitalistischer Form. Siehe: Rubel1984 und !Ex.: Räte-Revolution und »Sowjetmacht«: die russische Revolution und was daraus wurde.

Anm171 Hintergründe zur Sowjetrevolution um Kronstadt 1921 Literatur dazu: Oberländer, E. u. Kool, F.(Hg): Arbeiterdemokratie oder Parteidiktatur (Dokumente Bd1: Opposition innerhalb der Partei, Bd. 2: Kronstadt); sowie Artikelserie in »junge welt« 1997 über Kronstadt, von Klaus Gietinger.

Anm172 Hintergründe zum Bauernkrieg im Kampf um die Sowjetrevolution Literatur dazu: Arschinoff, Peter: Geschichte der Machnobewegung (1918-1921). Münster 1998; Volin: Die unbekannte Revolution. Hamburg 1983.

Anm173 Näheres zur Gefährlichkeit der vom Kronstadt-Sowjet ausgehenden Bewegung für das prekäre Regime der Bolsheviki Literatur dazu: Guérin1997 und Gietinger1997.

Anm174 Chinesische Revolution und Maoismus – für die SI gipfelnd im »konzentrierten Spektakel« als sogenannte Große Proletarische Kulturrevolution (1966-69) Der besondere Weg eines Fünftels der Menschheit in der chinesischen Revolution ist so komplex, dass er hier in der Buchfassung keinen Platz finden kann, wenn wir diesem Topos und Trauma auch

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat nur einigermaßen gerecht werden sollen. Maßgeblich für den Blick der SI auf diese Revolution war die Darstellung des »Insiders« Victor Serge über die fatale stalinistische Weichenstellung um 1927 [Vgl. Serge1975]. Siehe auch: !Ex.: Revolution in China und Maoismus: Die »Kulturrevolution« als Explosionspunkt.

Anm175 Der Spanische Revolutionskrieg als prägende Zäsur für das lettristische und situationistische Revolutionsverständnis und Geschichtsbild In ihrer lettristischen Vorgeschichte hatten die jungen späteren SituationistInnen in Paris und London noch zahlreiche mehr oder weniger anarchistische Veteranen des Spanischen Revolutionskriegs kennengelernt, die in bestimmten Treffpunkten und Kneipen ihre Erfahrungen weitergaben, die erst zehn, fünfzehn Jahre zurücklagen. [Vgl.: Mension2002].

Anm176 Hintergründe zum Spanischen Revolutionskrieg 1936-39 Vgl. Kaminski1986, Broué1975, Guérin1967, etc.

Anm177 »Reife« oder »Unreife« einer konkreten Gesellschaftlichkeit für communistische Produktionsweise – was kann objektiver Gradmesser sein? Hier haben wir wieder den Topos, dass es kein sogenanntes »Reife«-Kriterium für die Möglichkeit der Aufnahme des Kampfes für Communismus gibt, das getrennt von Willen und Bewusstsein der Menschen zu bestimmen wäre (etwa: die Produktivkräfte einer Gesellschaft sind noch nicht reif genug entwickelt – denn erst müssten die Menschen durch den entwickelten Kapitalismus gargekocht werden ...). Sondern: »Von allen Produktionsinstrumenten ist die größte Produktivkraft die revolutionäre Klasse selbst. [...]. Die Bedingung der Befreiung der arbeitenden Klasse ist die Abschaffung jeder Klasse.« [MEW4:181]. Im herausgebildeten kapitalistischen Weltmarkt des 20. Jahrhunderts sind ohnehin in jeder Region hinreichende Ansätze sachlicher Produktivkräfte für einen Beginn der communistischen Weltrevolution an diesem oder jenem Ort da. Von dieser »Basisbanalität« des historischen Materialismus ging die SI wie selbstverständlich aus (vgl. MEW3:35f).

So

wäre

bei

höherem

Klassenbewusstseinsgrad

und

gesamtgesellschaftlich-

internationalistischem Organisationsgrad um 1937 ein Überspringen der proletarischen und bäuerlichen Revolution von Spanien auf Nordafrika und Europa, gerade auch in die vom stalinistischen Terrorismus der »Großen Säuberungen« gepeinigte SU hinein, eventuell möglich gewesen.

81

Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat Anm178 Trotz ökonomischer und mentaler Rückständigkeit hoher Grad der Selbstorganisierung: Beispiel der »Kolonne Durruti« (Verletzlichkeit der Massenbewegung im Charisma einer Führergestalt) Daraus bezog die SI ihre maximalistische Position für »eine Macht ohne Vermittlung, eine Macht, die die direkte Aktion aller enthält. Das Leitbild dafür wäre die Kolonne Durruti, die von Stadt zu Dorf marschiert, die bürgerlichen Elemente liquidiert und es den Arbeitern überträgt, sich selbst zu organisieren.« [BE:148/SI2:57].

Anm179 Der anarcho-communistische Überschwang direkter Versuche zum Übergang: die communistische Umwälzung in Spanien hatte keine Zeit sich zu entfalten Zur Überprüfung dieser Einschätzung verweisen wir hier nur auf die Klassiker Broué1975; Kaminski1986; Borkenau1986; Kleinspehn1989; Bernecker1986. Eine grausame Kritik der Naivität und Illusionen hinsichtlich direkten Übergangsversuchen zu communistischer Produktion und Verteilung (»Abschaffung des Geldes« in vielen Dörfern usw.) findet sich in der rätecommunistischen Zeitschrift »Der revolutionäre Funke« (Hg: Kommunistischer Zirkel, Berlin 1996) N°9: »Spanien 1936: Der Mythos der anarchistischen Kollektive«.

Anm180 Sprachmagie oder Sprachkritik? – Revolution der Sprache in Permanenz Sensibilisiert durch den Einwand einer Gegenleserin haben die Autoren an dieser Stelle die Begrifflichkeit »die Vergewaltigung der Befreiungshoffnungen und -bestrebungen«, zunächst in »der Missbrauch der Befreiungshoffnungen und -bestrebungen«, und schließlich in »die tiefe Enttäuschung der Befreiungshoffnungen und -bestrebungen« geändert. Die Diskussion darüber war unter den Autoren kontrovers. Auf den Websites www.theorie.org und www.lareprise.org werden wir einen Exkurs begründen, der den Komplex »Geschlechterverhältnis« tiefer legt, als es in diesem Buch möglich ist. Was hier unter sprachkritischer Hinsicht relevant wurde, zeigt sich dort bspw. an von der SI ausgeblendeten Themen, wie »Zwangsheterosexualität«, patriarchale Arbeitsteilung etc.: !Ex.: Die Kategorien »Natur« und »Geschlecht« und die Sprachkritik. Die Autoren hegen die Hoffnung, dass dieser Exkurs in einen kollektiven kritischen Diskurs zu diesem Thema überführt werden kann, wozu alle LeserInnen herzlich eingeladen und aufgefordert sind.

Anm181 Die Kämpfe um den Kongo – ein situationistisches Leitmotiv der 1960er Dekade Das Beispiel der »Kongokrise«, von dem alle noch betäubt waren, wurde als typisch angeführt: »Im Kongo haben 1960 die belgischen Fallschirmjäger, das Expeditionskorps der UNO und der speziell auf die ‚Bergwerks-Union’ [»Union Minière«: belgischer staatsmonopolistischer Konzern, der dann die bodenschatzreiche Provinz Katanga abspaltete, Anm. BBZN] zugeschnittene Staat den revolutionären Schwung des Volkes gebrochen, das glaubte, seine Unabhängigkeit errungen zu haben« [BE: 188/SI 2: 192f].

82

Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat

Anm182 »Umwertung aller Werte« und Überwindung des Nietzscheanismus Das situationistische »maximale Programm der verallgemeinerten Selbstverwaltung« beinhaltet den Topos, der bei Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844-1900) mit der »Umwertung aller Werte« bezeichnet wurde, und kann gleichzeitig als eine »Verwirklichung der Philosophie« im Sinne von Marx begriffen werden. Die Diskussion um die Religionskritik Nietzsches – deren Zwiespältigkeit von Lukács als »religiöser Atheismus« charakterisiert wurde – ist bis heute äußerst kontrovers: eine Traditionslinie der Nietzscheanischen Philosophie führte vor allem von Deutschland aus nach rechts in eine reaktionäre »Lebensphilosophie«; in Frankreich wurde Nietzsche eher von links her rezipiert, und dies führte zu einem agnostizistischen Relativismus und Perspektivismus (Schlagwort: Postmoderne), oftmals ebenfalls lebensphilosophisch aufgeladen. Im Gegensatz zur religiösen Welt, in der »Gott« den Platz einer Repräsentationsinstanz aller Werte einnimmt, geht es bei Nietzsches »Umwertung aller Werte« konsequent darum, den Menschen in den Mittelpunkt zu rücken, in den Mittelpunkt des Lebens überhaupt. Der Grundwert der neuen Wertordnung wird »das Leben«. Es geht um ein »Jasagen zum Leben noch in seinen fremdesten und härtesten Problemen, der Wille zum Leben im Opfer seiner höchsten Typen, der eigenen Unerschöpflichkeit frohwerdend [...], um [...] die ewige Lust des Werdens selbst zu sein, – jene Lust, die auch noch die Lust am Vernichten in sich schließt.« [Ebd.:1032] Der Mensch steht im Mittelpunkt dieses großen Schaffensprozesses des Lebens, das ständig über sich hinausdrängt. Er ist »ein Übergang und ein Untergang« [ebd.:281]. Der Weg des Menschen führe auf etwas, das mehr ist als der Mensch, aber nicht zu einem Gott, sondern zum »Übermenschen«, so Nietzsche. Der Übermensch werde eine neue und höhere Art des Menschen sein. Der Mensch der Gegenwart dagegen sei »ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Übermensch, – ein Seil über einem Abgrunde.« [Ebd.]. Die Bestimmung, über sich hinauszudrängen, komme nicht nur dem menschlichen Dasein zu. Nietzsche versteht sie als Grundzug allen Lebens, ja des Seins überhaupt (abstrakt, d.h. unterschiedslos als biologisches und gesellschaftliches, objektives und psychisches Sein in einem vorgestellt). Daher spricht er allem, was ist, d.h. dem gesamten Sein, den Charakter des »Willens zur Macht« zu. Dieser Prozess des Lebens, des Schaffens und der Zerstörung hat in seiner umfassenden Naturhaftigkeit bei Nietzsche nichts, worauf er zugeht, keinen Zweck und kein Ziel. Darum ist er im tiefsten Wesen nihilistisch. »Bejahung des Lebens« heißt also letztinstanzlich Bejahung des nihilistischen Charakter des Lebens. Der höchste Ausdruck dafür ist, so Nietzsche, die »ewige Wiederkehr« als äußerste Form des Nihilismus: »Das Dasein, so wie es ist, ohne Sinn und Ziel, aber unvermeidlich wiederkehrend, ohne ein Finale ins Nichts: ‚die ewige Wiederkehr’. Das ist die extremste Form des Nihilismus: das Nichts (das ‚Sinnlose’) ewig.« [NietzscheWerke, Bd.3:853] Doch als konsequentestem Nihilisten kann es Nietzsche nur darum gehen, auch den Nihilismus selbst zu überwinden oder ihn zumindest an seine Grenze zu führen, und das bedeutet schließlich die »Umwertung aller Werte« [u.a. NietzscheWerke,Bd.2:897]. Denn eben das sinnlose Dasein gilt es zu bejahen und inmitten der Sinnlosigkeit Sinn zu schaffen. »Ein freigewordener Geist steht mit einem freudigen und vertrauenden Fatalismus mitten im All, im Glauben, daß nur das Einzelne verwerflich

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat ist, daß im Ganzen sich alles erlöst und bejaht – er verneint nicht mehr.« Darum ist der tiefste Ausdruck der Haltung Nietzsches die Liebe zum Schicksal, der »amor fati« [vgl. NietzscheWerke, Bd.2:1098] Daraus folgt aber keine Schicksalsergebenheit sondern vielmehr die Parole »’Nichts ist wahr, alles ist erlaubt’« [NietzscheWerke, Bd.2:511], die den Möglichkeitsraum einer experimentellen Praxis eröffnet. Denn wenn als Folge des konsequenten Nihilismus nichts Gegebenes als »wahr« anerkannt wird, dann ist wieder alles möglich. Das »schaffende, wollende, wertende Ich« wird nun »das Maß und der Wert der Dinge.« [NietzscheWerke, Bd.2: 298]. Doch durch die Abstraktheit seiner Begrifflichkeit, wie z.B. »das Leben«, »der Mensch« etc., aufgrund des Ausblendens von spezifischer historischer Gesellschaftlichkeit, lässt die Philosophie Nietzsches immer wieder die Möglichkeit offen, einen rechten, elitären und vernichtenden HerrenmenschenNietzscheanismus

daraus

abzuleiten

(prä-

und

post-faschistische

Philosophen

und

nationalsozialistische Propagandisten sprechen von »Nietzsche als Schwert des Geistes«), ebenso wie

einen

»Linksnietzscheanismus«

bei

der

Entwicklung

einer

revolutionär

gemeinten

Lebensphilosophie. Für diese Ambivalenz der Nietzsche-Verwendung stehen auf der rechten bis faschistischen Seite v.a. in Deutschland allen voran Oswald Spengler (»Der Untergang des Abendlandes«, 1923), Martin Heidegger (»Sein und Zeit«, 1927), Alfred Rosenberg (»Der Mythos der Zwanzigsten Jahrhunderts«, 1930), Alfred Baeumler (»Nietzsche, der Philosoph und Politiker«, 1931), Ludwig Klages (»Der Geist als Widersacher der Seele«, 1932), Ernst Jünger (»Der Arbeiter«, 1932), auf der linken Seite v.a. in Frankreich entlang der surrealistischen und revolutionären Vorgeschichte der SI vor allem die Namen Georges Bataille (»Der verfemte Teil«, 1949), Walter Benjamin (»Das Passagen-Werk«,

1927-1940),

Michel

Foucault

(»Die

Ordnung

der

Dinge«,

1966)

und

postmodernistische Philosophen eines »Nietzsche in Frankreich«, gipfelnd im Lebensphilosophen der »explodierenden Wunschmaschinen« und der Revolte des »Anti-Ödipus« bei Gilles Deleuze 1973. Dem religionskritisch-lebensbejahenden, revolte-ermutigenden Zug der Philosophie Nietzsches folgen einzelne EssayistInnen der SI (am deutlichsten: Vaneigem) unter den französischen Bedingungen einer überwiegend linken Nietzsche-Rezeption zunächst, wobei sie aber die »Umwertung aller Werte« nicht – wie Nietzsche – einerseits lebensphilosophisch und andererseits ichbezogen und letztlich elitär auflösen, sondern in Richtung Marx wenden, d.h. gesellschaftsbezogen-communistisch und konsequent historisch. So gehen diese SituationistInnen den reaktionären und massenverachtenden Weg Nietzsches nicht mit, sondern entwenden ihn gesellschaftskritisch nach vorne. Das fängt bei der Religionskritik an, aus der Nietzsche sein Menschenbild ableitete, er dabei jegliche Ethik und jede Gesellschaftlichkeit als Maßstab fürs Ich verwarf und ein dezidiert amoralisches (nicht unmoralisches!, sondern jenseitig aller Moralvorstellungen) Verhalten der Ich-Monade setzte, die in einer Überwindung der jüdisch-christlichen Moral der Nächstenliebe alles Schwache beseitigen sollte (»O meine Brüder, bin ich denn grausam? Aber ich sage: was fällt, das soll man auch noch stoßen!« [NW,Bd.2: 455]). Die SI dagegen hält es hier mit Marx und dessen religionskritischem Postulat: »Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, dass der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei«; er folgert daraus sofort eine revolutionäre, gesellschaftsbezogene Ethik »mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist«. Die »Umwertung aller Werte« erhält des weiteren dann folgenden

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat Charakter: Die »durch das entfremdete gesellschaftliche Leben aufgezwungenen Werte«, von denen die SI an jener Stelle [siehe Enchiridion:180] spricht, entsprechen zunächst jenen, von denen Marx sagt, dass »mit der Verwertung der Sachenwelt [...] die Entwertung der Menschenwelt in direktem Verhältnis zu[nimmt]« [MEW40:511]. Es ist die Warenökonomie, die schon eine »Umwertung aller Werte« vollzieht, wenngleich erst in negativer und entfremdeter Form als Entwertung der Menschenwelt. Alle bisherigen (ebenfalls entfremdeten) ideellen Repräsentationsinstanzen aller Werte, wie etwa Gott in der religiösen Welt, König bzw. Fürst in der staatlich-politischen Welt oder der kategorische Imperativ der idealistischen Ethik, sind letztinstanzlich durch die Repräsentationsinstanz des ökonomischen Wertes wenn nicht gar schon ersetzt, dann doch zumindest ihm untergeordnet. Es braucht also »nur noch« diese letzte Repräsentationsinstanz zugrundegerichtet zu werden und durch eine freie generalisierte Selbstverwaltung ersetzt zu werden, um die »Umwertung aller Werte« zu verwirklichen, welche dann dem Menschen ein freies experimentelles Leben ermöglicht. Der durch die kapitalistische Produktionsweise inkohärent, widersprüchlich und entfremdet vor sich gehende historische Verlauf der »Umwertung aller Werte« kann – situationistisch gesprochen – durch die revolutionäre Organisierung und die Konstruktion von Situationen in eine »Kohärenz der Kritik« umgekehrt werden. Der Nietzscheanische Topos der »Umwertung aller Werte« ist damit unter Rückgriff auf die Marxsche Wertkritik im situationistischen Topos der »umkehrbaren Kohärenz« aufgehoben. [BE:186/SI2:191, vgl. auch 3.2.1 und GdS§§119-121,127,140-145,147,206].

Anm183 Traumatisierung durch »das diffuse Spektakuläre«: Reizüberflutung in Permanenz, Verstärkungen und Zusammenbrüche der Abwehrmechanismen Laplanche und Pontalis heben die Tendenz zur Desintegration der traumatisierten Persönlichkeit hervor: die traumatisierende Reizüberflutung ist »schließlich und vor allem, nach Freud, ein psychischer Konflikt, der das Individuum daran hindert, die gemachte Erfahrung seiner bewussten Persönlichkeit zu integrieren (Abwehr).« [Laplanche1977:515] Das Spektakel, »das die Verwischung der Grenzen von Ich und Welt durch die Erdrückung des Ichs ist, das von der gleichzeitigen An- und Abwesenheit der Welt belagert wird,« führt Debord zufolge zur Desintegration dieses Ich und zu regressivem Verhalten oder Zusammenbrüchen: »Wer passiv sein täglich fremdes Schicksal erleidet, wird daher zu einem Wahnsinn getrieben, der illusorisch auf dieses Schicksal reagiert, indem er sich mit magischen Techniken behilft. Die Anerkennung und der Konsum der Waren stehen im Zentrum dieser Pseudoantwort auf eine Kommunikation ohne Antwort.« [GdS§219]. (Das enthumanisierende Moment dieser Massenerscheinung hat Günther Anders unter der Formel »Die Antiquiertheit des Menschen« phänomenologisch beschrieben [Anders1980].) Näheres: !Ex.: Traumatisierung, Abwehr, Verdrängung.

Anm184 Polarisierung und Formwandel der beiden Hauptklassen im Kapitalismus So geht z.B. Michael Mauke in »Die Klassentheorie von Marx und Engels« von »zwei Lagern« aus, in welche sich die modernste Klassengesellschaft polarisiert. Statt den eigentlich unsinnigen Terminus

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat »Staatskapitalismus« zu übernehmen [vgl. Mauke:76], spricht er von der »Bürokratisierung des Kapitalverhältnisses« und zitiert dabei Horkheimer: »An die Stelle der ökonomischen Charaktermaske ist die bürokratische Charaktermaske des staatsmonopolistischen Managers getreten.« [Mauke:103f]. Analog dazu baute Hans-Jürgen Krahl die These Horkheimers vom »Integralen Etatismus« weiter aus. [Vgl. Krahl1971].

Anm185 Das US-Abenteuer in Südostasien Anfang der 1960er bis Mitte der 1970er Jahre: Eckdaten Der Vietnam-Krieg oder sogenannter Zweiter Indochinakrieg fand seine Hochphase während der Jahre 1964-1975. Der Vietnamkrieg war in vielerlei Hinsicht ein direkter Nachfolger des französischen Indochinakrieges (auch Erster Indochinakrieg), den die Franzosen seit dem Zweiten Weltkrieg um ihre Kolonien in Indochina und gegen die Unabhängigkeitsbewegung unter KP-Führer Ho Chi Minh führten. Nachdem die vietnamesischen »kommunistischen« Streitkräfte (Vietmînh) die französische Kolonialarmee (Fremdenlegion) 1954 besiegt hatten, erlangte die Kolonie die Unabhängigkeit. Unter Hegemonie der »Vietmînh« für eine »Indochinesische Föderation« und gemäß des Genfer Abkommens wurde Vietnam provisorisch in einen »kommunistischen« Norden und in einen nichtkommunistischen westlich orientierten Süden aufgeteilt, wobei dieses Abkommen demokratische Einheitswahlen für das Jahr 1956 vorsah, die jedoch vom südvietnamesischen Diêm-Regime suspendiert wurden, vor allem um die fällige Agrarrevolution zu verhindern und die lange Tradition der Bauernaufstände zu ersticken. Als Reaktion auf die Wahlannullierung wurde die Nationale Befreiungsfront (Front National de Libération, FNL), eine Guerillabewegung, als Opposition zur südvietnamesischen Regierung gebildet. (Der Westen nannte die Nationale Befreiungsfront Viet Cong, Abk. für Vietnam Cong San, vietnamesischer Kommunist. Die Befreiungsfront selbst gebrauchte diesen Namen nie.) Als Reaktion auf den Guerillakrieg begannen die USA, militärische Berater zur Unterstützung der Südregierung zu entsenden. Nordvietnam und die UdSSR stützten die Nationale Befreiungsfront mit Waffen und Versorgungsmaterial, Militärberatern und regulären Truppen der nordvietnamesischen Armee. Die US-amerikanische Einmischung in den Krieg erfolgte als ein stufenweiser Prozess, die sich als militärische Einmischung über die Jahre unter den aufeinander folgenden US-Präsidenten Eisenhower, Kennedy, Johnson und Nixon, steigerte. Ab 1961 wurde der Vietnamkrieg zum ersten (und letzten wirklichen) Fernsehkrieg der USA, was ihr Ansehen und Selbstwertgefühl schwer geschädigt hat: nach Meinungsumfragen missbilligte 1969 sogar die Mehrheit der US-Bevölkerung die Kriegsbeteiligung. Präsident John F. Kennedy hatte im Juni 1961 (nach der gescheiterten Invasion in der kubanischen Bay of Pigs) der Presse verkündet: »Nun haben wir die Aufgabe, unsere Stärke glaubwürdig zu demonstrieren, und in Vietnam ist der Ort, es zu tun.« Es gab nie eine formale Kriegserklärung. Der Beginn der Eskalation mit verstärkter Präsenz von USMilitärs datiert auf Oktober 1961. Februar 1962 wurde eine US-Kommandozentrale direkt in Saigon eingerichtet. Danach begann die Zwangsumsiedlung der südvietnamesischen Bauern in sogenannte »strategische Dörfer«, sprich: lagerartige »Wehrdörfer«, zu dem strategischen Zweck der Isolierung der in der Bevölkerung sich »wie der Fisch im Wasser« bewegenden Guerilla von ebendieser Bevölkerung, in der Hauptmasse Bauern, deren Kampf für demokratische Unabhängigkeit und soziale

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat Emanzipation die FNL organisierte. Ab Mai 1963 trat die buddhistische Opposition in Südvietnam, u.a. mit spektakulären Selbstverbrennungen, äußerst öffentlichkeitswirksam gegen die US-hörige Regierung auf den Plan. November 1963 wurde das völlig isolierte katholische Regime des südvietnamesischen Diêm-Clans durch eine offen als US-Marionettenregime agierende Reihe von Militärcliquen ersetzt. Die Antikriegsbewegungen zur Beendigung der US-Intervention eskalierten sich nun weltweit, am stärksten in den USA selbst. Am 7. August 1964 verabschiedete der US-Kongress eine gemeinsame Resolution zum Tonkin-Zwischenfall (als Reaktion auf einen fälschlich angenommenen Angriff von nordvietnamesischen Kanonenbooten auf die US-Zerstörer »Maddox« und »Turner Joy« im Golf von Tonkin), die Präsident Johnson eine breite Unterstützung für eine USEinmischung in den Krieg gab. Am 8. März 1965 landeten die ersten 3.500 US-Marines in Südvietnam. Seit diesem Beginn der Dauerbombardements auf ganz Vietnam wurden 6 Mio. Tonnen Bomben bis 1971 abgeworfen (Napalm, Dschungelentlaubung u.a. mittels der Chemikalie »Agent Orange« etc. wurden mit dem Nebenzweck eines Experimentierfeldes für moderne Waffen- und Kriegführungstechnologie eingesetzt). Ab Februar 1965 forcierten die USA die »Amerikanisierung des Krieges«, so die offizielle Formel für verstärkten direkten US-Bodentruppeneinsatz. September 1967 fanden südvietnamesische Scheinwahlen statt zur Installierung des Thieu-Regimes, das erst 1975 mit dem Ende des Vietnamkriegs unterging. 1968/1969 waren über 540.000 GIs im Einsatz; sogenannte »Body-Count«-Methoden bei der Guerillabekämpfung waren üblich (nach der Devise: »auf 10 getötete Dorfbewohner kommen wahrscheinlich 2 getötete Vietcong«), im März 1968 wurden Massaker (unter US-Leutnant Calley in den Dörfern My Lai und Son My) bekannt. Die amerikanische Bevölkerung konnte all dies vor dem Fernseher mitverfolgen und sahen Bilder der rund 700 Journalisten vor Ort, die verletzte Soldaten, mit Leichen übersäte Straßen und zerbombte Städte. Dies bildete eine wesentliche Voraussetzung für das Verstärken der Antikriegsbewegung, die ca. 1964 begann. Ab 1969 (im Januar Beginn der Präsidentschaft Nixon) begann der Übergang zur »Vietnamisierung des Krieges«, was eine schrittweise Rückführung der US-Soldaten aus Vietnam bei weiterer Eskalierung des Krieges bedeutete, der doch noch »gewonnen« werden sollte. 1970 wurden bei Massenprotesten gegen den Einfall (Luft und Boden) ins neutrale Kambodscha (um es als Hinterland für nordvietnamesische Militärtransporte auszuschalten – wiederum ohne Kriegserklärung seitens der USA) an der Kent State University vier US-Studenten von Nationalgarde erschossen, an der Jackson State University zwei schwarze Studenten. Diese und andere Repressionsakte der NixonAdministration

riefen

eine

wachsende

Militanz

sowohl

in

der

afroamerikanischen

Emanzipationsbewegung als auch der sich radikalisierenden StudentInnen- und Jugendbewegung aus den lohnabhängigen »Mittelschichten« hervor, die sich als internationalistisch verstand. Es ist auch schwierig, genau zu sagen, wer als »Vietnamkriegsopfer« gilt; noch heute werden Menschen durch nicht explodierte Sprengkörper getötet. Vergiftungen, Verkrüppelungen und Umweltschäden durch weitflächigen Einsatz der sogenannten Entlaubungsmitteln wirken bis in die Gegenwart. Die niedrigsten Opferschätzungen, basierend auf zuletzt veröffentlichten nordvietnamesischen Aussagen, belaufen sich auf 1,5 Millionen getötete Vietnamesen und 58.226 amerikanische Soldaten starben im Krieg oder sind vermisst. – Das US-amerikanische Desaster »Vietnam« bleibt ein tief einschneidendes Trauma in der inneren und äußeren Identifizierung mit dem »American Dream«.

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat Literatur: 1) ereignisgeschichtlich bis zur endgültigen Niederlage des südvietnamesischen Regimes 1975: Adams, W. P. e.a. (Hg): Die Vereinigten Staaten von Amerika (Fischer Weltgeschichte Band 30). Frankfurt a. M. 1977. 2) Das historische Bild der BRD-Linken der 1960er Jahre von diesem Krieg bis zur »Têt-Offensive« der FNL und nordvietnamesischen Kontingente (Ostern 1968, dem militärischen Wendepunkt im Vietnamkrieg, wo schockartig klar wurde, dass die USA trotz Einsatz aller technologischen Mittel den Krieg nicht »gewinnen« konnten) war nachhaltig geprägt durch die sorgfältig recherchierte Studie von Jürgen Horlemann und Peter Gäng: Vietnam. Genesis eines Konflikts. Frankfurt a. M. 1967. Aus trotzkistischer Erzählperspektive resümiert Jonathan Neale: Der amerikanische Krieg – Vietnam 1960-1975. Karlsruhe 2004.

Eine einführende dokumentarische

Zusammenschau mit neuerem Archivmaterial gibt der Film-Essay von Errol Morris: »The Fog of War« (USA 2003).

Anm186 Die SI zur spezifischen Zusammensetzung des Proletariats in den USA Die SI lehnte angesichts dieser USA-spezifischen neuen revolutionären Erhebung in so verschiedenen Flügeln oder Segmenten der Klasse-an-sich jede »Randgruppentheorie« ab, wie sie etwa Herbert Marcuse entwickelte und dabei den Topos »Abschied vom Proletariat« in der »Neuen Linken« des Westens mit vorbereitete [vgl. Marcuse1988]. Dagegen stellte die SI fest: »Wir erleben in unserer Epoche mit, wie die Karten im Klassenkampf neu ausgegeben werden – was sicherlich weder dessen Abschaffung noch dessen genaue Fortsetzung nach dem alten Schema bedeutet« [BE:160/SI2:18], und benutzte den amerikanischen Ausdruck »new deal« (die Karten neu mischen), bevor sie zu ihrer Neudefinition der Proletarität kam [vgl. ebd u. 3.4.2]. Am Sockel des US-Proletariats – d.h. auch großer Teile der »industriellen Reservearmee« [MEW 23:670-673f], welche gern als »Subproletariat« bezeichnet werden, flammte der Kampf gegen die älteste Form der Verknechtung in der nordamerikanischen Gesellschaft wieder auf. Als »the black dimension« bezeichnete Raya Dunayevskaya die entscheidende Rolle der African Americans in der Geschichte der USA. Zuerst als amerikanische Sklaven und dann als unterer Teil der Lohnsklaven waren sie stets erste Kraft der Rebellion, Revolte und Revolution gegen das alte und neue, südliche und nördliche System der Sklaverei. Hierin hatte schon Marx die Achillesferse des US-Kapitalismus gesehen und ihre welthistorische Bedeutung zusammen mit anderen Emanzipationsbewegungen gegen verschiedenste Formen der Versklavung der Arbeit hervorgehoben. [Vgl. Dunayevskaya1998:S.87-91f,103-108,191].

Anm187 Klischees über die USA – »nicht aus den Büchern in die Wirklichkeit, sondern aus der Wirklichkeit in die Bücher gekommen«? Als Beleg für die in dieser Kürze sicherlich klischeehaft wirkenden Stichworte und Formeln verweisen wir hier nur auf die amerikanistischen Zusammenfassungen von Jerome Karabel »The Failure of American Socialism« [dt. in: Dollars & Träume N°5/1982] und von G. Armanski »Mankind's Second Chance« [in: Dollars & TräumeN°3/1981]. Näheres auch: !Ex.: USA: Explosionspunkt des diffusen Spektakels.

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat

Anm188 Die Stelle der »Gadgets« in der Warenwelt des diffusen Spektakels Eine wesentliche Dimension des diffusen Spektakels macht die SI am »Gadget« fest: »Der auf der Entwicklung des Warenüberflusses angelangte Kapitalismus verteilt seine Glücksvorstellung und folglich die des hierarchischen Erfolgs in unzählige Gegenstände und Gadgets, die ebensoviele Zugehörigkeiten zu verschiedenen Schichten der Konsumgesellschaft auf wirkliche und illusorische Weise zugleich zum Ausdruck bringen.« [BE:185/SI2:190]. Damit sind zugleich zentrale Werte der US-Bürger, nämlich »Pursuit of Happiness« und »Success«, erfasst. Die SI analysiert den GadgetCharakter vor allem an der Rolle des Automobils, seine zunehmende Funktion als Gegenstand der »Prestigekonsumtion« und spektakuläres Bild (Image). Der situationistische Begriff und das Theorem vom »Gadget« sind hier zwar zentral, aber viel zu komplex, um an dieser Stelle ausführlich dargestellt werden zu können; genaueres dazu: !Ex.: Das SI-Theorem von den »Gadgets«.

Anm189 Zivilgesellschaft ist im Kapitalismus nicht ohne Barbareigesellschaft zu haben Marx über »Zivilisation« und ihre unlösbare Identität mit ihrem dazugehörigen Widerspruch, der »Barbarei«, im Kapitalismus, so über die offenherzige Äußerung »der zivilisatorischen Mission des Kapitals« an den Opfern: »Die tiefe Heuchelei der bürgerlichen Zivilisation und die von ihr nicht zu trennende Barbarei liegen unverschleiert vor unseren Augen, sobald wir den Blick von ihrer Heimat, in der sie unter respektablen Formen auftreten, nach den Kolonien wenden, wo sie sich in ihrer ganzen Nacktheit zeigen. [...] So sehen die Männer ‚des Eigentums, der Ordnung, der Familie und der Religion’ aus!« [MEW 9:225]. Im Vietnam-Krieg (Eskalation 1962-1975), der zugleich der erste und letzte Fernsehkrieg war, wurde das Umschlagen der hochtechnologischen Produktivkräfte in barbarische Destruktivkräfte augenfällig. Zum Krieg der USA in Vietnam: Eckdaten in Anm185, sowie näher im Exkurs !Ex.: Explosionspunkt des diffusen Spektakels.

Anm190 Keine Diktatur über die Bedürfnisse sondern »Luxus für alle« und mehr als das Die SI leiht das Wort jeglicher Bewegung einer direkten Aneignung des produzierbaren Reichtums, der Gebrauchsdinge, ob nützlich oder nicht – wie eben in den Plünderungs-Feten der Aufstände seit Watts. Ihr kommt es vielmehr dabei auf die proletarische Selbstbestimmung des gesamten gesellschaftlichen Gebrauchs, der Werte (nicht bloß im ökonomischen Sinne auf Tauschwerte reduziert) und »des Gebrauchs des Lebens« als neu zu definierendem System an, wobei genau in diesem Prozess erst das Proletariat, als solches sich selbst aufhebend, als »Klasse des Bewusstseins« formgebend bestimmen kann.

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat Anm191 Zu den Weather People und ihrer vorwärtstreibenden Intention in USA Spätere Ansätze zu einer communistischen »Metropolenguerilla« gingen um 1970 aus der StudentInnen- und Jugendbewegung hervor: Der »Weather Underground« ist dokumentiert in dem Film von Emile de Antonio (USA 1976) »Underground« und mit den Interviews in deutscher Übersetzung von Sven van Reden: »Underground – Studien zum amerikanischen Dokumentarfilm.« [Reden1997].

Anm192 Die verlorenen Kinder des modernen Proletariats Das Lebensgefühl und Selbstverständnis dieser jungen späteren LettristInnen und SituationistInnen als »enfants perdu(e)s« sowie ihre strikte Verweigerung der Lohnarbeit und ihre erklärte Wildheit des hordenartigen »Umherschweifens« erinnert an die Kennzeichnung der Proletarität beim jungen Marx: »Der Wilde, das Tier hat doch das Bedürfnis der Jagd, der Bewegung etc., der Geselligkeit. Die Vereinfachung der Maschine, der Arbeit wird dazu benutzt, um den erst werdenden Menschen, den ganz unausgebildeten Menschen – das Kind – zum Arbeiter zu machen, wie der Arbeiter ein verwahrlostes Kind geworden ist.« [MEW40:548]

Anm193 Fixierung auf versteinerte Gestalten »der Linken« und Apologetik ihrer erpresserischen »Realität« – auf diese Wand stieß auch schon die SI Schon die Tatsache, dass linke Köpfe vom Format eines Sartre aus dieser ideologischen Systemfalle nie hinauskamen, »trotz allem« immer die SU, die VR China, Kuba usw. apologetisch schöngeredet haben, oder dass eine Bezugsfigur der ästhetisch-politischen Avantgarde wie der »Vater des Surrealismus«, André Breton, nach seiner Rückkehr aus dem US-Exil in Frankreich versauerte und verbauerte, indem er sich in Musealisierung und Okkultismus verzog, zeigt, wie desolat sich für die jungen LettristInnen und SituationistInnen die europäische Situation »nach dem Krieg vor dem Krieg« auf der Schattenseite dieser Gesellschaft darstellte. Zur Verblendung der westlichen Linken siehe insbesondere den Exkurs: !Ex.: Revolution in China und Maoismus: Die »Kulturrevolution« als Explosionspunkt.

Anm194 Hegel-Hasser Schopenhauer entging der SI nicht Der Titel von Arthur Schopenhauers (1788-1860) philosophischem Hauptwerk »Die Welt als Wille und Vorstellung« (1818) wird von der SI in verschiedenen Zusammenhängen immer wieder sarkastisch entwendet, so hier in dem Titel: »Urbanismus als Wille und Vorstellung« [SI2:97]. Übrigens war die boshafte Kennzeichnung »Grandhotel ‚Abgrund’« für geschichtspessimistisches, praxis-scheues und proletariats-erhabenes Philosophieren im Dunstkreis der »Frankfurter Schule« seitens Lukács ursprünglich auf den Frankfurter Spießerphilosophen Schopenhauer (den auch schon Nietzsche als seinen großen Lehrer rühmte) gemünzt. Die »machtgeschützte Innerlichkeit« (Thomas Mann) dieses

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat typischen deutschen Denkers der Erhabenheit über den Pöbel und der Praxisfeindlichkeit wahrer Theorie war 1848/49 angesichts des demokratischen Revolutionsversuchs in eine derartige Panik umgeschlagen, dass er seine aristokratische »Unabhängigkeit« nihilistischer Kontemplation einen Moment lang aufgab, als endlich die Truppen der Konterrevolution nahten: »und unser Philosoph beeilt sich, einem preußischen Offizier seinen Operngucker zu überreichen, damit dieser besser auf das aufständische Volk schießen könne.« [Lukács1974:162,198].

Anm195 Situationistische Beispiele für ästhetische Formen gegen Politik und Kunst J.

V.

Martins

und

Michèle

Bernsteins

»thermonukleare

Kartographien«,

Anti-Bilder

als

Zweckentfremdungen der Pop-Art und als Kunstnegation, die 1963/64 z.T. als Manifestationen eingesetzt wurden, wie das Relief des verkohlten »Europa viereinhalb Stunden nach dem Beginn des Dritten

Weltkriegs«

[SI2:136]

oder

ähnliche

plastische

Darstellungen

verschiedener

geschichts(ent)wendender Kriegsführungszenarios (wie: »Der Sieg der Pariser Commune« und »Die Rückkehr der Bande Bonnot« von Michèle Bernstein) waren Teil einer Anti-Bunkersystem-Kampagne der SI und wurden dann bei den »Zwischenfällen in Randers« (gegen die Beteiligung deutscher Truppen im Rahmen von NATO-Manövern 1965) mit richtigem Instinkt vom deutsch-NATO-dänischen Klassenfeind zerstört [vgl. SI2:166-171]. Diese Episode soll nur zeigen, wie die SI an den Komplex Europa mit ihren sparsamen und gezielten Mitteln heranging: als Angriff auf eine umfassende Verbunkerung – nicht nur, in Form des damals von der NATO betriebenen »Doomsday System«, ganz materiell als Kriegsvorbereitung begriffen – und nicht nur ohne jeden Anflug von Pazifismus –, sondern vor allem begriffen als Einbunkerung der Lebensmöglichkeiten, ja des bloßen Überlebens, unter dem kapitalistischen Alltagsstumpfsinn – gerade auch mit seinem konsumistischen Komfort, den Gadgets (z.B. Automobilkultur, die Europa zubetonierte), den Club-Méditerrannée- und WeekendFreizeit-Einfassungen sowie der »modernen« Architektur für die Massen an der Oberfläche des wiederaufgebauten Europa selbst. [Vgl. SI1:253/BE106]. Abbildungen in: »Phantom Avantgarde« [R.Ohrt1990, S.90,274]

Anm196 Situationistisches Beispiel für zeitgemäße Anregungen revolutionärer Agitation und Programmatik So standen die Villen der reichen Deutschen an der Costa Brava als Wunschbilder, die von den Kriegsgewinner-Deutschen für sich realisiert worden waren, für die Verdrängung des letzten europäischen Krieges und insbesondere des spanischen Revolutionskriegs. Sie blieben »trotz« des Massentourismus wegen der weiterbestehenden Klassen- und Eigentumsverhältnisse für die Lohnabhängigen doch unerreichbar. Die SI schlug den RevolutionärInnen in Franco-Spanien als gemeinsamen Programmpunkt für die Agitation gegen die spanischen und europäischen Klassen zumindest erst einmal die Ankündigung entschädigungsloser Enteignung dieser Immobilen vor [vgl. SI2:175ff]. Näheres dazu: !Ex.: Europa vor und nach 1968: Spanien, Frankreich, Italien, England.

91

Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat Anm197 Gegen die Verdrängung von Antisemitismus, Shoah und Kollaboration in Frankreich Diese Begriffe nehmen in Sartres erstem politischem Essay, den Überlegungen zur Judenfrage, 1944/45 geschrieben und 1946 erstmalig veröffentlicht, einen zentralen Platz ein. Dieser Text, der ursprünglich »Porträt des Antisemiten« hieß, ist heute noch erstaunlich und erschreckend aktuell. Er erschien in einer neuen, erstmals akzeptablen deutschen Übersetzung und mit einem die Vorgeschichte ausführlich nachzeichnenden Nachwort von Vincent von Wroblewsky 1994 als Rowohlt Taschenbuch (Band 2 der Politischen Schriften). Im Anhang dieser Ausgabe sind alle Äußerungen Sartres zu den Themen Juden und Israel versammelt.

Anm198 Das Schweigen der SI: Ansatzpunkt für geschichtsrevisionistische Rekuperationsversuche »linkskommunistischer« Auschwitzleugner Auschwitzleugnung ging u.a. einher mit Texten wie »Auschwitz – le grand alibi«, nach welchen »die deutsche Arbeiterklasse«, von »der internationalen Bourgeoisie« durch den »Komplex Auschwitz« erpresserisch vom Revolutionmachen abgehalten würde. Im Pariser Buchladen »La Vieille Taupe« waren von 1960 bis 1966 Texte und Bücher der SI zu haben; danach wurde von der SI ein anderer Buchladen für den Verkauf ihrer Texte gewählt [vgl. SI2:314]. Dieser Laden mauserte sich später zum Tummelplatz diverser GeschichtsrevisionistInnen. Der Buchladenbesitzer (außerdem Verleger des Auschwitzleugners Robert Faurisson) Pierre Guillaume versuchte Debord posthum – als dieser sich nicht mehr wehren konnte – ebenfalls in das Lager des Geschichtsrevisionismus einzureihen. Aus Debords Schweigen zur »Affäre Faurisson« deutet er ein heimliches Einverstandensein Debords. So versucht er auch Debords »Kommentare zur Gesellschaft des Spektakels« (1988) zu interpretieren und zwar dahingehend, dass alles darin Stehende irgendwie auch auf den Geschichtsrevisionismus angewendet werden könnte: »Es gibt keinen einzigen Satz in diesem Text Debords, der nicht ganz und gar konkret durch das Schicksal der Revisionisten und, nach dem Los zu urteilen, das ihnen bereitet wird, einzig von ihnen illustriert werden könnte«. [Guillaume1996:26] Solcherlei »Beweise« – es werden noch andere mit derselben »bestechenden Beweiskraft« aufgeführt – können nur dem Kopf eines Verschwörungstheoretikers entspringen. (Der Text Guillaumes »Guy Debord« wurde in der neurechten Postille »Sleipnir« [Sleipnir, Heft 1, 1996] in deutscher Übersetzung abgedruckt.)

Anm199 Moses Hess: Co-Autor der historisch-materialistischen Kritik »Die deutsche Ideologie«, der zum Begründer des communistischen Zionismus wurde und in Deutschland und Israel bis heute nicht der Rede wert gehalten wird Dem »Handbuch des nutzlosen Wissens« entnehmen wir folgende Tatbestände zur Person Moses Hess (1812-1875): »Moses Hess ‚erfand’ den Kommunismus. Deshalb veröffentlichte die Akademie der Wissenschaften der DDR nur diejenigen seiner Schriften, die sich mit dem Zionismus beschäftigen. [...] Moses Hess ‚erfand’ den Zionismus; deshalb veröffentlicht ein Professor der

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat Universität Tel Aviv nur diejenigen seiner Schriften, die sich mit dem Kommunismus beschäftigen. Moses Hess bekehrte in Bonn den Trierer Hegelianer Karl Marx zum Kommunismus und machte ihn zum Redakteur der ‚Rheinischen Zeitung’. Moses Hess bekehrte in Elberfeld den Industriellensohn Friedrich Engels zum Kommunismus. Moses Hess machte Karl Marx mit Friedrich Engels bekannt. Moses Hess übersetzte in Paris Marx’ ‚Das Kapital’ ins Französische, schrieb danach die grundlegende Kritik am ‚Kapital’, und Marx sprach nie mehr ein Wort mit ihm.« [Haefs1989] Dem ist hier fürs erste nichts hinzuzufügen.

Anm200 »Die deutsche Misere« hat Unzählige nicht nur um den Schlaf gebracht Der Artikel von Helmut Peitsch im Historisch-kritischen Wörterbuch des Marxismus zum Stichwort »Deutsche Misere« gibt eine ausgezeichnete Zusammenschau.

Anm201 Situationistische Provokation der revolutionären Marxschen Antwort durch Zitat der politischbornierten Frage (Präambel zur Negation der Kultur in der Gesellschaft des Spektakels) »Wir werden eine politische Revolution erleben? Wir, die Zeitgenossen dieser Deutschen? Mein Freund, Sie glauben, was Sie wünschen… Wenn ich Deutschland nach seiner bisherigen und nach seiner gegenwärtigen Geschichte beurteile, so werden Sie mir nicht einwerfen, seine ganze Geschichte sei verfälscht, und seine ganze jetzige Öffentlichkeit stelle nicht den eigentlichen Zustand des Volkes dar. Lesen Sie die Zeitungen, welche Sie wollen, überzeugen Sie sich, daß man nicht aufhört - und Sie werden zugeben, daß die Zensur niemand hindert aufzuhören -, die Freiheit und das Nationalglück zu loben, welches wir besitzen…« [Ruge (Brief an Marx, März 1843) zit. n. GdS:155]. Auf diesen rein politischen Stoßseufzer des linkshegelianischen deutschen Demokraten Ruge antwortete der junge Karl Marx in dem Exil-Briefwechsel 1843 bereits ökonomie- und psychologiebezogen durch den Hinweis auf die treibenden Widersprüche auch sogar in den verpreußten deutschen Zuständen: »Sie werden nicht sagen, ich hielte die Gegenwart zu hoch, und wenn ich dennoch nicht an ihr verzweifle, so ist es nur ihre eigene verzweifelte Lage, die mich mit Hoffnung erfüllt. [...] Das System des Erwerbs und Handels, des Besitzes und der Ausbeutung der Menschen führt aber [...] zu einem Bruch innerhalb der jetzigen Gesellschaft, den das alte System nicht zu heilen vermag [...]. Von unserer Seite muss die alte Welt vollkommen ans Tageslicht gezogen werden und die neue positiv ausgebildet werden. Je länger die Ereignisse der denkenden Menschheit Zeit lassen, sich zu besinnen, und der leidenden, sich zu sammeln, um so vollendeter wird das Produkt in die Welt treten, welches die Gegenwart in ihrem Schoße trägt.« [MEW1:342f.].

Anm202 Wissen/Macht: Theorie/Praxis Man könnte dieses Regelsystem näher als »Machtdispositiv« im Sinne Foucaults bezeichnen [vgl. Foucault1978], das sich sowohl in Nietzsches »Willen zur Macht«, als auch dem Wort von Wilhelm Liebknecht ausdrückt, dass Wissen Macht sei, und bei der SI wieder in der Formel aufgenommen

93

Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat wird: »Die Theorie der Revolution wird nach diesem einzigen Kriterium beurteilt, daß ihr Wissen eine Macht werden muß«. [DwS§46].

Anm203 P. J. Dietzgen oder die historische Möglichkeit der proletarischen »Klasse des Bewusstseins« ohne »Erzieher« und Organisatoren »von außen« Der Arbeiter-Philosoph Peter Joseph Dietzgen (1828-1888; Hauptwerk: »Das Wesen der menschlichen Kopfarbeit«) ist wohl das bekannteste Beispiel für das hohe Niveau der selbständigen Theoriebildungsfähigkeiten des Proletariats in jener Ära. (Verschiedene Rätekommunisten haben Dietzgen im 20.Jahrhundert wiederum in antiintellektualistischer Manier zum Prototypus eines quasi»Proletkult« überhöht: angebliches Beispiel dafür, dass nur die Handarbeit letztlich auch richtige, proletarisch klassenbewusste Kopfarbeit und Weltanschauung hervorbringen könne – so auch H. G. Haasis im Nachwort zu: [Dietzgen 1973].)

Anm204 Zur Kriminalgeschichte einer Parteiphilologie Über die Geschichte der Nichtveröffentlichung, dann Verstümmelung, Manipulation, Verschleppung und schließlich bis heute nicht vollständig erfolgten Text-Rekonstruktion der Manuskripte und schließlich des ganzen Buches von Marx, Engels und Moses Hess »Die deutsche Ideologie« (1845) informiert Michael Koltan [vgl. Koltan2002].

Anm205 Machtphantasie »Deutschland« und imperiale Strategien ihrer Durchsetzung: drei Varianten Die bisherigen Anläufe, die überlegenen kapitalistischen Konkurrenten auszuschalten (Entfesselung von bisher zwei Weltkriegen), liefen deutscherseits immer über drei Varianten der »Kerneuropa«Strategie, welche näher von Wolfgang Michal aufgezeigt werden [vgl. Michal1995]. Vom Liberalen Friedrich Naumann bis Wilhelm II. und Ludendorff wurden die »Mitteleuropa«-Varianten tatsächlich strategisch und mit dem ersten »Griff nach der Weltmacht« durch das Reich militärisch angestrebt. Auch Hitler ging für den zweiten deutschen Griff nach der Weltmacht davon aus: »Deutschland ist erst Deutschland, wenn es Europa ist.« [zit. bei Rothermund1979].

Anm206 Hintergründe zur proletarischen Revolution und sozialdemokratische Konterrevolution in Deutschland, November 1918/19 Literatur: ak kassiber1996; Retzlaw1976; Döblin1995.

Anm207 Deutscher Schäferhund und Bluthund – zwei sozialdemokratische Zuchtexemplare Von Friedrich Ebert (1871-1925) – Sozialdemokrat und Reichspräsident von 1919-1925 – ist sein Ausspruch überliefert, »Ich hasse die Revolution wie die Sünde«, als er gefragt wurde, ob er sich zum

94

Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat Repräsentanten der Sozialdemokratie für die »Arbeitsgemeinschaft« mit der alten Macht hergeben würde, was er dann auch tat. Gustav Noske (1868-1946): sozialdemokratischer Politiker, warf 1919 mit Unterstützung Eberts den Spartakusaufstand nieder und rechtfertigte dies schon im Voraus mit den überlieferten Worten: »Einer muss der Bluthund sein.« Von 1919 -1920 war er Reichswehrminister. SPD-Noske, der von den Nazis hochgeehrt wurde, steht der SI als Chiffre für die »sozialistische« bzw. linke Konterrevolution schlechthin: »Die erste Aufgabe der revolutionären Organisation, der Preis für ihre Existenzberechtigung ist gewiss die Kohärenz, die unerbittliche Kritik, die ‚die Macht der Gewohnheit‘ – die grösste Kraft der alten Welt bei den Massen – niederwerfen muss. Am meisten müssen in einem revolutionären Augenblick ‚die Gewohnheiten der Linken‘ bekämpft werden. In diesem Augenblick entwaffnet ihr Noske – oder er tötet euch.« [SI2:174]. Siehe auch: !Ex.: »Die deutsche Misere«.

Anm208 »Luxemburgistisch« waren die SituationistInnen auch nicht Es ist seltsam, dass die SI ansonsten sich mit Rosa Luxemburg (1871-1991), ihrer Kritik des bolshevikischen Organisations- und Revolutionskonzepts und ihrer konkreten Praxis, ihrer Kritik der Leninschen Behandlung der »nationalen Frage«, vor allem aber mit ihrer eigenständigen Theoriebildung

(Fortschreibung

der

Kritik

der

politischen

Ökonomie,

Imperialismustheorie,

Krisentheorie) – in: »Die Akkumulation des Kapitals« (1913), »Massenstreik, Partei und Gewerkschaften (1906), »Organisationsfragen der russischen Sozialdemokratie« (1903), »Die Krise der Sozialdemokratie« (Junius-Broschüre 1916) und »Die russische Revolution« (1918) – sich an keiner uns bekannten Stelle auseinandergesetzt hat. So können wir heute nicht sagen, wie die SI direkt Rosa Luxemburgs Theorie der Massen- und Klassen-Spontaneität in der Frage der Selbstorganisierung des Proletariats und der CommunistInnen bewertet hat.

Anm209 Einmal warf die SI einen genaueren Blick auf die deutschen Zustände, in denen sich das Proletariat verlor Organisationen wie KAPD, AAUD, AAUD-E, KAUD werden im Aufsatz »Vorbemerkungen über die Räte und die Räteorganisation« (1969) von René Riesel akribisch untersucht [siehe: SI2:397-407]. Es ist sehr bedauerlich, dass gerade dieser wichtige Aufsatz in der Textkompilation »Der Beginn einer Epoche« fehlt.

Anm210 Der Parteibildungsprozess des Proletariats zwischen den konterrevolutionären Schüben innerhalb der deutschen Misere: in der Forschung fast noch so blind wie ein Maulwurf Einen neueren Forschungsertrag zu dieser Dimension hat z.B. der sozialdemokratische Forscher Jens Becker

vorgelegt

[vgl.

Becker2000].

Er

zeigt:

die

Wüste

lebte!

Parteikommunismus war sie eben für die SI überhaupt nicht von Interesse.

95

Aber

als

Wüste

des

Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat

Anm211 Mächte der Repräsentation und Äusserungen der Negation im Tauwetter So spricht auch Debord von einem Widerspruch, der sich auftat zwischen der »von der stalinistischen Periode in einigen nationalen Arbeiterklassen hinterlassene[n] Macht« und »den Äußerungen der inneren Negation [...], die sich vor der Welt mit dem Arbeiteraufstand in Ostberlin, der den Bürokraten ihre Forderung nach einer ‚Metallarbeiterregierung’ entgegensetzte, zu behaupten begannen, und die sogar einmal bis zur Macht der Arbeiterräte in Ungarn führten« [GdS§111].

Anm212 »Nationalsituationismus« als »SPURismus« und D(e)utschkismus: links-rechtes Schillern der deutschen Revolte Subversive Aktion war der Name einer Gruppe, die zwischen 1962 und 1965 Kritik- und Aktionsformen

entwickelte,

die

eine

prägende

Rolle

in

der

darauffolgenden

deutschen

Studentenrevolte und ihrer linkspopulistisch-aktionistischen Fortschreibungsformen spielen sollten. Sie war aus der Münchner Künstlergruppe SPUR hervorgegangen, die bis Februar 1962 zur SI gehört hatte. Bei der SI wurden diese Schwabinger Krach-Gaudi-»Avantgardisten« von Anfang an gar nicht erst ernst genommen und abfällig als »les spuristes« bezeichnet. Auf eine »Liquidierung dieser lächerlichen Gruppe SPUR« arbeitete Debord von Anfang an hin. [Vgl. Ohrt190:219]. Der Repräsentant der »Außerparlamentarischen Opposition« (APO) Rudi Dutschke (1940-1979) hatte es zugleich mit den Visionen von »der deutschen Nation« und einer »neuen sozialistischen Linkspartei«. Die SI sprach, wenn auch nur wenige Male, so doch immer nur mit beißendem Spott über diesen »Marcuse-Anhänger« mit seinem »Anarcho-Maoismus« [BE:288/SI2:370], der – wie alle diese revoluzzernden Deutschen in den Augen der SI – seinen Abschied vom Proletariat nahm. Die tragische Biographie dieses deutschen Linken ist Beispiel für die ganze Miserabilität der deutschen Zustände: Von der Linken wurde er zum »Kopf der Bewegung« gemacht, von der Rechten in den Kopf geschossen, dann verfasste er das Buch »Versuch, Lenin vom Kopf auf die Füße zu stellen« und wurde ein »verkopfter« deutscher Professor auf dem »Marsch durch die Institutionen«. Bevor er an seiner Kopfverletzung starb, rief er noch inbrünstig »Holger, der Kampf geht weiter!« am Grabe von Holger Meins, einem Märtyrer der RAF, welche die Theorie stets nur als eine Leidenschaft des Kopfes abgetan hatte (statt wie Karl Marx die Theorie gegen die deutschen Zustände zu setzen als den »Kopf der Leidenschaft« [MEW1:379]. Wir geben diese Vignette hier nur, um noch einmal das ganze Elend der deutschen Linken vor Augen zu führen. Die Verdienste gerade auch des theoretisch anregenden Rudi

Dutschke

für

den

verzweifelten

Versuch

der

»antiautoritären

Bewegung«,

»Außerparlamentarischen Opposition« (APO) und ihren Ausläufern in der BRD, die postfaschistischen deutschen

Zustände

des

CDU-Staats

und

der

Republik

der

Großen

Koalition,

der

Notstandsgesetzgebung und der inneren und äußeren Neuaufrüstung unter dem Brandt- und Schmidt-Regime (»Modell Deutschland«) aufzumischen und in neue Formen des Klassenkampfes zu übertragen, wollen wir keinesfalls schmälern. Doch anders akzentuierend als Wolfgang Kraushaar [Zusammenfassung siehe Trumann2002:191] möchten wir hier die a-proletarische Schlagseite

96

Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat Dutschkes betonen, die in seiner Wahrnehmung durch die SI bei dieser ganz im Vordergrund stand. Mehr dazu: !Ex.: »Die deutsche Misere«. In einem Sammelband von 1976 ihrer Zeitschriften und Dokumente sind fast alle nationalen Bezugsgrößen späterer linksradikaler Verirrungen versammelt: Frank Böckelmann, Rudi Dutschke, Dieter Kunzelmann, Bernd Rabehl und Gruppe SPUR [vgl. Böckelmann/Nagel2002].

Anm213 »Nationalsituationismus« und deutsche »Querfront«-Ansätze mit Großem W Ein Paradebeispiel dafür ist der Ausstellungskatalog des Werkbund-Archivs Berlin Nov. 1991, der von Wolfgang Dreßen, Dieter Kunzelmann und Eckhard Siepmann herausgegeben wurde: Er packte mannigfaltige Texte der LI und SI mit Dokumenten u.a. von Rudi Dutschke, Fritz Teufel, Rainer Langhans zusammen. Bezeichnend dabei ist v.a., dass er den offen neurechten Ideologen und Schrittmacher eines »europiden« völkischen Kulturalismus, nämlich Henning Eichberg (Zeitschrift »Wir Selbst« etc.), mit dem Aufsatz »Vergleichender Wandalismus« zu Wort kommen ließ. [Siehe: Dreßen/Kunzelmann/Siepmann1991].

Anm214 »Revolte!«: eine post-situationistische Episode in den aussichtslosen deutschen Zuständen Der Versuch der Gruppe um die Zeitschrift »Revolte!« in der Mitte und den ausgehenden 1970er Jahren, die situationistische Initiative als Subrealistische Bewegung in der BRD der »Tendenzwende«, des »deutschen Herbstes« und der »Neuen Sozialen Bewegungen« fortzuschreiben, lief subversionspraktisch ebenso ins Leere (d.h. er musste nahezu gesetzmäßig in den vernagelten deutschen Zuständen scheitern, im Befindlichkeitsmuff der deutschen Linken erstickt werden), wie er theoriepraktisch auf verdienstvollste Weise die Ausnahme zur Regel der deutschen Misere und ihrer Linken dargestellt hat. Siehe: Revolte! Nr.1-31, Subrealisten1979.

Anm215 Gesellschaftlicher Zuteilungsmodus von Arbeitsleistung und Bedürfnisbefriedigung Original heißt es bei Marx: »Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen« [MEW19:21] und bezieht sich auf »eine höhere Phase der communistischen Gesellschaft« [ebd.]. Der leninistische Staatssozialismus klopfte das bürgerliche Leistungsprinzip »Jeder nach seiner Arbeitsleistung«, interpretiert als Lohnarbeit, für diese Phase fest. Für den modernen Kapitalismus zeigt Vaneigem: »Das Spektakel ist der Ort, wo sich die Zwangsarbeit in ein akzeptiertes Opfer verwandelt. Nichts kann verdächtiger sein als die Formel: ‚Jedem nach seiner Arbeit’ in einer Welt, in der die Arbeit eine Erpressung zum Überleben ist; geschweige denn die Formel: ‚Jedem nach seinen Bedürfnissen’, in einer Welt, in der die Bedürfnisse von der Macht bestimmt werden.« [BE:140/SI2:49]. Damit trifft Vaneigem jeden bürgerlichen Pseudosozialismus und vermeint damit auch das Wesen des Nationalsozialismus zu erfassen.

97

Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat Anm216 Nicht nur »Belagerungszustand« sondern »Ausnahmezustand« Denn »état de siège« – so im Original bei Debord – wird im Französischen, das in der Rechtssprache kein besonderes Wortäquivalent für das deutsche »Ausnahmezustand« kennt, geläufig mit einigen Attributen für die Bezeichnung dieser gesellschaftlichen Kriegseröffnungs-Situation eingesetzt. Darauf weist Giorgio Agamben in seiner kurzen Geschichte des »Ausnahmezustands« in Frankreich seit der Revolution von 1789 hin [Agamben2004:18]. Im Zusammenhang mit der These VIII »Über den Begriff der Geschichte« von Walter Benjamin wird der implizite Bezug von Debord auf Carl Schmitt deutlich, der als wesentlich für Faschismus die absolute Staatsgewalt sieht: Dieser konterrevolutionäre, aber realistische Dezisionismus des katholischen »politischen Theologen« und bis heute beherrschenden NS- und BRD-Rechtsphilosophen Carl Schmitt wird von Walter Benjamin revolutionär umgedreht (d.h. in seiner »negativen Theologie« für die proletarische Revolution realistisch entwendet), so in der These VIII »Über den Begriff der Geschichte«: »Die Tradition der Unterdrückten belehrt uns darüber, daß der ‚Ausnahmezustand’, in dem wir leben, die Regel ist. Wir müssen zu einem Begriff der Geschichte kommen, der dem entspricht. Dann wird uns als unsere Aufgabe die Herbeiführung des wirklichen Ausnahmezustands vor Augen stehen; und dadurch wird unsere Position im Kampf gegen den Faschismus sich verbessern.« [Benjamin1984:160]

Zu 5

Die Kritik der SI und die Möglichkeiten einer Überwindung der Verhältnisse

Anm217 Fähigkeit zu Dialog, zu dialektischem Denken, zu Strategie in der Praxis Nach der Auflösung der Blockkonfrontation und der endgültigen Durchsetzung des integrierten Spektakels ist nach der Einschätzung des späten Debord den Herrschenden, der »Oberhoheit des Spektakulären«, die Fähigkeit zu strategischem Denken endgültig verloren gegangen, weil ihnen jeder Sinn für dialektisches Denken abhanden kam. (»Dialektik für Manager«-Seminare etc. sind ein Surrogat: eine Art von Rhetorik-Schulungen, die auch diese Bezeichnung kaum verdienen.) In den »Kommentaren zur Gesellschaft des Spektakels« zeigt Debord noch 1988: Dialektik gibt es nur, wo es Dialog gibt. Dialektik kann sich auch nur entwickeln, wo zumindest formale Logik erlernt und angewandt wird, und Strategie wiederum gibt es nur auf dem Feld der Dialektik. Folglich sei die endgültige Unfähigkeit der Herrschenden zu beobachten, strategisch zu denken und zu handeln, da sie ja monologisch organisiert sind, die Logik lediglich als binäre Logik den Computern überlassen und sich der pragmatistischen und konstruktivistischen Denke hingeben, da dialektisches Denken »im übrigen auch niemand von ihnen verlangt« (Debord). Dagegen besteht die Möglichkeit aufgrund der Fähigkeiten der einstweilen wieder völlig zerstreuten Proletarisierten, auf ihrer Seite doch wieder zum Dialog und damit zu dialektischem Denken zu gelangen, wieder »lesen zu lernen« und strategisches Handeln zu entwickeln und darüber sich zur »Klasse des Bewußtseins« zu reorganisieren. [GdS:208, vgl.212,219-223; siehe auch !Ex.: Dialektik und offene Totalität und !Ex.: Strategie und Taktik.

98

Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat Anm218 Gesellschaftliches Individuum: im Kapitalismus nur erst in negativer Form (abstrakt und individuiert, d.h. »zerstückelt«) »Durch die Teilung der Arbeit ist schon von vornherein die Teilung auch der Arbeitsbedingungen, Werkzeuge und Materialien gegeben und damit die Zersplitterung des akkumulierten Kapitals an verschiedne Eigentümer, und damit die Zersplitterung zwischen Kapital und Arbeit, und die verschiedenen Formen des Eigentums selbst. Je mehr sich die Teilung der Arbeit ausbildet und je mehr die Akkumulation wächst, desto schärfer bildet sich auch diese Zersplitterung aus. Die Arbeit selbst kann nur bestehen unter der Voraussetzung dieser Zersplitterung. [...] Es zeigen sich hier also zwei Fakta. Erstens erscheinen die Produktivkräfte als ganz unabhängig und losgerissen von den Individuen, als eine eigne Welt neben den Individuen, was darin seinen Grund hat, daß die Individuen, deren Kräfte sie sind, zersplittert und im Gegensatz gegeneinander existieren, während diese Kräfte andererseits nur im Verkehr und Zusammenhang dieser Individuen wirkliche Kräfte sind. Also auf der einen Seite eine Totalität von Produktivkräften, die gleichsam eine sachliche Gestalt angenommen haben und für die Individuen selbst nicht mehr die Kräfte der Individuen, sondern des Privateigentums [sind], und daher der Individuen nur, insofern sie Privateigentümer sind. [...] Auf der andern Seite steht diesen Produktivkräften die Majorität der Individuen gegenüber, von denen diese Kräfte losgerissen sind und die daher alles wirklichen Lebensinhalts beraubt, abstrakte Individuen geworden sind, die aber dadurch erst in den Stand gesetzt werden, als Individuen miteinander in Verbindung zu treten. Der einzige Zusammenhang, in dem sie noch mit den Produktivkräften und mit ihrer eignen Existenz stehen, die Arbeit, hat bei ihnen allen Schein der Selbstbetätigung

verloren

und

erhält

ihr

Leben

nur.

Indem

sie

es

verkümmert.«

[MEW3:66f/MEGA1972:109f].

Anm219 Kritik am Proudhonismus, eines antisemitisch aufgeladenen Anarchismus/Sozialismus »gegen Geld und Zinswirtschaft«, für »die natürliche, reine einfache Warenproduktion« Pierre Joseph Proudhon (1809-1865) faßte in seiner aufsehenerregenden ersten Schrift »Was ist das Eigentum?« (1840) seine Kritik des Eigentumsrechts in die berühmt gewordene (übrigens schon 60 Jahre vor ihm von Brissot de Varville gebrauchte) Formel: »Eigentum ist Diebstahl«, die jedoch nur besagen will, dass das auf Ausbeutung fremder Arbeit beruhende Eigentum »Diebstahl« sei. Proudhon wollte nicht privatwirtschaftliche Produktionsweise überhaupt, sondern nur ihre beiden »Hauptübel«, Geld und Zins, abschaffen, an deren Stelle sein auf dem Prinzip der solidarischen Gegenseitigkeit beruhendes »mutualistisches« Kreditsystem des freien Tauschverkehrs treten soll (Mutualismus:

System

der

gegenseitigen

sozialen

Hilfsbereitschaft

als

Grundlage

eines

Förderalismus, welcher schließlich den Staat ersetzen soll). Während der Wert, so Proudhon, ursprünglich für Gleichheit stand und wieder stehen soll, stehe das Geld für Ungerechtigkeit und Ungleichheit. Das Geld (reduziert auf Gold und Silber) sei »der Despot der Zirkulation«, weil es unter den Waren den ersten Platz einnehme und den anderen Waren ihren Wert zuweise. Aus diesem Privileg des Geldes heraus erklärte und kritisierte Proudhon den Zins (was in Europa aus historischen

99

Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat Gründen sehr schnell zu antisemitischen Konnotationen führt). Diesen hielt er für das Hauptproblem am Kapitalismus. In seiner Schrift »Die Widersprüche der Nationalökonomie oder Philosophie des Elends« (1846) stellte er diesem sein Ideal einer gerechten Gesellschaft gegenüber: Es ist eine Gesellschaft, welche nun endlich wirkliche Äquivalente tauschen solle. Da der Wert einer Ware in Arbeitszeit gemessen werde, dürfe Geld nichts anderes sein als ein Arbeitsstundenzettel. Die Arbeitsstundenzettel sollen durch eine Tauschbank verwaltet werden. Damit sei gewährleistet, dass wirkliche Äquivalente getauscht würden, und dies galt Proudhon als Garant für gesellschaftliche Gleichheit und Gerechtigkeit. Marx, der 1844 in Paris Bekanntschaft mit Proudhon machte und ihm, wie er später sagte, vergeblich versuchte, Hegelsche Philosophie beizubringen, kritisierte in »Das Elend der Philosophie« [MEW4:63ff] die Proudhonschen Vorstellungen sehr akribisch, u.a. auch deshalb, weil Proudhon bei den philosophisch wenig kundigen französischen Arbeitern den Ruf eines bedeutenden Denkers hatte, während die deutsche sozialistische Emigration ihn als großen Ökonomen feierte: »Herr Proudhon genießt das Unglück, auf eigentümliche Art verkannt zu werden. In Frankreich hat er das Recht, ein schlechter Ökonom zu sein, weil man ihn für einen tüchtigen deutschen Philosophen hält; in Deutschland dagegen darf er ein schlechter Philosoph sein, weil er für einen der stärksten französischen Ökonomen gilt.« [MEW4:65]. Marx zeigt, dass man den Zins nur dann sinnvoll kritisieren kann, wenn man das Kapitalverhältnis kritisiert; denn der Zins lässt sich nur abschaffen, wenn man seine Voraussetzungen, Waren-, Geld-, und Kapitalproduktion, aufhebt. Dass der Wert, gemessen in Arbeitszeit, denen Garanten für die beständige und allseitige Gleichheit aller Dinge und Menschen abgeben würde, entpuppt sich damit als Illusion: »Wenn Herr Proudhon zugibt, daß der Wert der Produkte durch die Arbeitszeit bestimmt wird, so muß er gleichfalls die oszillatorische Bewegung anerkennen, die allein aus der Arbeitszeit das Maß des Wertes macht. Es gibt kein fertig konstituiertes ‚Proportionalitätsverhältnis’, es gibt nur eine konstituierende Bewegung.« [MEW4:94] Aber diese Bewegung ist das prozessierende Kapital. Und »selbst die Gleichheit der Salaire, wie sie Proudhon fordert, verwandelt nur das Verhältnis des jetzigen Arbeiters zu seiner Arbeit in das Verhältnis aller Menschen zur Arbeit. Die Gesellschaft wird dann als abstrakter Kapitalist gefaßt. Arbeitslohn ist eine unmittelbare Folge der entfremdeten Arbeit, und die entfremdete Arbeit ist die unmittelbare Ursache des Privateigentums. Mit der einen muß daher auch die andere Seite fallen.« [MEW40:521]. (Siehe ausführliche Kritik proudhonistischer Vorstellungen in Rakowitz2000.) Die SI sprach von dem anarcho-sozialistischen Säulenheiligen als: »dieser Proudhon, ein ständiger Befürworter

der

Ordnung,

der

die

bestehende

Ordnung

im

Privateigentum

(durch

das

Genossenschaftswesen) und überall sonst verbessern will; der unpolitische Feind jedes gewaltsamen Kampfes; der rückständige Geist, der mitten im XIX. Jahrhundert keine andere Wahl für die Frau sieht und duldet als die zwischen dem Zustand einer Prostituierten und dem einer Hausfrau; der Mann, der seine ganze Untüchtigkeit als Moralist trefflich zusammengefasst hat, indem er sich gerade gegen das bestehende Minimum an Arbeiterautonomie entschied: ‚Es gibt genauso wenig ein Streikrecht wie ein Recht auf Inzest und Ehebruch.’ (Proudhon)« [SI2:228]. An früherer Stelle schrieb die SI, dass »Proudhons ‚Mutualismus’ von 1848 (...) danach strebte, sich am Rand des Privateigentums zu organisieren«. Im Gegensatz dazu »kann die wirkliche, revolutionäre Selbstverwaltung nur dadurch

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat errungen werden, dass die vorhandenen Eigentumstitel mit Waffengewalt abgeschafft werden.« [SI2:163].

Anm220 Die Welt ist keine Ware! – für den »Idiotismus des Landlebens« Es sei zumindest erwähnt, dass es in anderen Ländern länger dauerte, bis Landfreaks und Ökokommunen es zur »Politikfähigkeit« brachten. In Frankreich hat z.B. José Bové seine Karriere aus dem postsituationistischen Milieu aufs Land gerettet, wo er heute als alteuropäischer Bauer und Ernährungsberater für das Antiglobalisierungs-Spektakel von sich reden macht.

Anm221 »Die Sitten verbessern sich«, »die Ideen verbessern sich«, die situationistischen Plagiate nehmen daran teil Mehrmals von SI-Autoren entwendetes Lautréamont-Wort über das Plagiat aus seinen »Poésies II« (1870): »Die Worte, die das Böse ausdrücken, sind dazu bestimmt, eine nutzvolle Bedeutung anzunehmen. Die Ideen verbessern sich. Die Bedeutung der Worte hat daran Anteil. Das Plagiat ist notwendig. Der Fortschritt schließt es mit ein.« [Ducasse1979:46; vgl. GdS§207: direktes Plagiat!] Siehe auch !Ex.: Die Kategorien »Natur« und »Geschlecht« und die Sprachkritik und im Enchiridion: Fußnote 78.

Anm222 Die »Dreyfus-Affäre«: Menetekel des »Sozialismus der dummen Kerls« für den dummen Sozialismus, der den Antisemitismus nicht begreifen wollte In seinem empfehlenswerten Buch »Das Shylock-Syndrom – oder: Die Dramaturgie der Barbarei« kennzeichnet der rechte Systemtheoretiker D.Schwanitz die Konstellation in der Dreyfus-Affäre 1897, die spätere historische Konstellationen vorwegnahm: »das Volk ist zu den Demagogen übergelaufen, während die Sozialisten abseits stehen. Unter dem Einfluss der antisemitischen Hetze der 'Libre parole' geht der Mob zur 'Partei der Ordnung' über. Die Ordnung, das ist die, die man erst errichten will durch die Liquidation der Republik. Zum ersten Mal gibt es ein Bündnis zwischen Adel, Klerus und Großbourgeoisie einerseits und den aufgeputschten Massen andererseits. Das ideologische Bindeglied ist der Antisemitismus. Mit ihm treibt die ‚Libre parole’ die Massen den Vertretern der alten Ordnung zu. Doch die modernen Agitatoren, die mit einer ganz neuen Skrupellosigkeit operieren, sind bald die Herren in diesem Bündnis. Bei Leuten wie Maurice Barrès und Charles Maurras stehen wir an der Wiege des Faschismus. Sie kombinieren schon das Unmögliche: revolutionäre Radikalität und reaktionäre Ideologie.« [Schwanitz1998,S.189f].

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Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Anmerkungsapparat Anm223 Deutscher Parteikommunismus nach Rosa Luxemburgs Ermordung: blind für eigenen Antisemitismus (Hintergründe) Antisemitismus von links. Olaf Kistenmacher: Vom Judas zum Judenkapital. Antisemitische Denkformen

in

der

KPD

der

Weimarer

Republik.

Nachzuhören

unter:

http//:freieradios.nadir.org/reihen/antisem.php. Ausführlich, besonders zu den spärlichen, unzulänglichen Alibi-Versuchen der Thälmann-KPD, einen »marxistisch-leninistischen

Kampf

gegen

den

Antisemitismus«

zu

dokumentieren:

Gruppe

M.A.G.M.A.2002.

Anm224 Haltung zur Shoah und zum Staat Israel: Prüfstein communistischer Konkretion Keinesfalls können die entsprechenden Ansätze als gleichwertig angesehen werden, reicht die Fallhöhe doch sehr weit: von Aussetzern, die in Israel einen Vorposten »für den Kommunismus« ausmachen wollen (Joachim Bruhn), über elende Versuche, die Shoah als eine Station »der Modernisierung« (der Wertvergesellschaftung) in die ‚Katastrophe der Moderne‘ einzureihen (Krisis) bis hin zu dem komplett wahnsinnigen Unterfangen, in der Shoah einen Knebel der internationalen Bourgeoisie für das deutsche Proletariat ausmachen zu wollen (Bordigisten).

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