Anne Gabrisch Robert Walser und Franz Blei - Robert Walser-Zentrum

Anne Gabrisch Robert Walser und Franz Blei - Robert Walser-Zentrum

Robert Walser-Gesellschaft, Beethovenstrasse 7, 8002 Zürich www.walser-archiv.ch 1 © bei A. Hussel Anne Gabrisch Robert Walser und Franz Blei – Oder...

354KB Sizes 0 Downloads 22 Views

Recommend Documents

Peter Utz - Robert Walser-Zentrum
Juli 1926 im «Berliner Tageblatt» erschien (KWA. III/1, S. 74–77). Anders, als dies der Titel vermuten ließe, ist d

Walser liest Freud»? - Robert Walser-Zentrum
Nein, meine Damen und Herren, Robert Walser hat Freud nicht gelesen. Wollte ich diesen Satz hier .... Sie die Berührung

Robert Walser und die neue Zeit. - DepositOnce
Zu vielem fühle ich die Kraft. Doch hält ein Bild, dann eine Tür, ein Blick, ein Wort, ein Stück Papier mich zauberh

Geschwister Tanner - Robert Walser-Zentrum
(GT 101f.) Es fällt nicht schwer, aus dieser Textstelle die Venus im Pelz aus Sacher-Masochs gleichnamiger Erzählung9

robert franz - Houston Symphony
As Associate Conductor of the Houston Symphony, Robert Franz leads the Symphony in a broad range of creative educational

Zur Auswahlbibliografie als PDF - Robert Walser-Zentrum
Dort breitet er seine mobile Kamelbibliothek aus. Wandernde Bücher für ..... nesse 1963 (Manesse Bibliothek der Weltli

Kurt Ifkovits Vom Commis zum Schriftsteller. Robert Walser, «Die Insel
Rudolf Alexander Schröder.6 Beide haben ambitionierte Pläne: Sie wollen nichts Geringeres als eine ästhetische «Kultur v

Interviewfragen an Robert Franz, Gesundheits- und Heilkräuterexperte
Wie lange interessieren Sie sich schon für Gesundheit, für Naturheilmittel? 03. Wie sind Sie zu OPC gekommen? 04. ...

2016 04 15 Präsentation Brief Robert Walser an Emil
15.04.2016 - Das Bild gehörte ursprünglich Emma Schmidt-Müller, der Schwester von ... aus dem Besitz ihres unverheira

Fundstück: «Alexander Franckes Spaziergang mit Robert Walser
eine beträchtliche Verbreitung gewann. Carl Emil Lang, der 1925 Franckes Nachfolge als Verlagsleiter antrat, lockerte s

Robert Walser-Gesellschaft, Beethovenstrasse 7, 8002 Zürich www.walser-archiv.ch

1 © bei A. Hussel

Anne Gabrisch Robert Walser und Franz Blei – Oder: vom Elend des literarischen Betriebs Vortrag an der Jahrestagung der Robert Walser-Gesellschaft, Berlin 1999 [Die Autorin ist im November 2004 verstorben. Der nach dem Vortrag 1999 von ihr noch einmal bearbeitete, jedoch unveröffentlicht gebliebene Text wurde von ihrer Tochter Anna Hussel aus dem Nachlass zur Verfügung gestellt, wofür ihr sehr zu danken ist. Das Manuskript enthielt noch eine Anzahl nachträglicher handschriftlicher Änderungen, Einfügungen und Notizen, die hier soweit wie möglich berücksichtigt wurden (einige Stellen waren nicht entzifferbar). Ferner wurden einige unvollständige Nachweise in den Anmerkungen ergänzt.]

Die Begegnung mit Franz Blei im Mai 1898 gilt für gemeinhin als die Sternstunde Robert Walsers. Ohne Franz Blei vermutlich nichts von Robert Walser in der seit 1899 erscheinenden Münchener Zeitschrift «Die Insel», ohne die Veröffentlichungen in der «Insel» keine erste Buchpublikation im Insel-Verlag, ohne «Fritz Kochers Aufsätze» nicht Walsers Mut, es endlich doch mit Berlin aufzunehmen, und so fort … Mit Franz Bleis enthusiastischem Interesse an den Gedichten eines noch namenlosen «jungen Handelsbeflissenen» (1) begann die literarische Karriere des Robert Walser und zugleich dessen erklärte, immer wieder einmal auf die Probe gestellte, doch zunächst immer wieder neu befestigte Vorliebe für den «Doktor Franz Blei». Diese Vorliebe endete jäh, als Robert Walser entdecken mußte, daß er für den Zeitungsbeiträger Blei zum leicht verwertbaren Stoff geworden war. Von 1925 bis 1940 hat Franz Blei die ihm zur Verfügung stehenden Walser-Anekdoten in immer wieder neuen, will heißen: jeweils nur leicht abgeänderten und in ihren faktischen Irrtümern nie berichtigten Walser-Porträts vermarktet. Bleis Walser-Betrachtung ab 1925 hat weniger zur Erhellung als vielmehr zur Verdunkelung von Walsers Bedeutung beigetragen, sie zielt nicht aufs Werk, sondern auf die absonderliche Person, das Werk wird dabei verharmlost, verniedlicht und damit beschädigt. In Robert Walsers Prosa ab 1925 wird Franz Blei zum Musterbeispiel jenes überheblichen und dabei doch nur unzulänglich Gebildeten, von deren Kaste Walser sich abhängen fühlt, zum oberflächlichen Skribenten, der auf Wirkung sieht und nicht auf Wahrhaftigkeit, kurz, zum Repräsentanten jenes literarischen Betriebs, gegen den der Walser der Berner Zeit in seiner Prosa anwütet, den er ironisiert und vor dem er schließlich resigniert. Der Zorn auf Blei verrät viel enttäuschte Zuneigung. Franz Blei muß viel Charme besessen haben, der sich, da er mit Unzuverlässigkeit und einer Neigung zu Indiskretionen gepaart war, für viele seiner Kollegen allerdings schnell abnutzte. Robert Walser war noch von Franz Blei bezaubert, als er bereits allen Grund hatte, ihm gegenüber mißtrauisch zu sein, es wohl auch war, und sich trotz dieses Mißtrauens immer wieder verführen ließ. Da spielte Dankbarkeit eine Rolle, und die während der ersten Begegnungen gewonnene Überzeugung, daß dieser ohne «Dünkel» sei, wie es im gleichnamigen Prosastück von 1917 heißt. «Den Hochmut, womit sich viele gebildete Leute zu umgeben und befestigen pflegen, schien er nicht einmal zu kennen, geschweige denn zu besitzen, und ich mußte bekennen, daß ich ihn um dieses herrlichen, ja bewunderungswürdigen Mangels willen augenblicklich verehrte, hochachtete und liebte. In der Tat wirkte er wie ein bedeutender, außerordentlich scharfsinniger und zugleich wie ein ganz schlichter Mann auf mich.» Ja, eine Weile glaubte der spröde Walser sich ihm sogar befreundet, meinte er doch zu spüren, daß dieser Mann von Kenntnissen und weltläufigem Wesen ihm in etwas Wesentlichem sogar verwandt sei. Liest man die in Archiven verstreuten Briefwechsel Franz Bleis mit anderen Schriftstellern, gar Verlegern, so kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß er, bei all seiner Liebedienerei vor Brötchengebern und den Finanziers seiner Projekte, zu den am wenigsten angepaßten unter den Literaten seiner Zeit gehörte, zu denen, die einfach nicht erwachsen werden wollten; trotz seiner Versuche, sich ein respektables, villenbewohnerhaftes Air zu geben, war er nicht nur unfähig zum Seßhaften und Bürgerlichen, es langweilte ihn wohl auch fürchterlich, ihm war «auf vergnüglichliederlichen Wegen» wohl (so in Walsers Prosastück «Der Doktor» von 1914). Franz Blei war ein Kommunikationstalent, es war der Plauderer in ihm, der schnell begeisterte, nicht etwa der gründliche Leser, gar Arbeiter, der ihn zu einer der herausragenden Mittlerfiguren in der

Anne Gabrisch: Robert Walser und Franz Blei

2

deutschen Literatur um und kurz nach der Jahrhundertwende machte. Dabei hat er keine seiner Redaktions-, Lektorats- und Dramaturgenstellen lange innegehabt, aus Schlampigkeit und weil er an jeder seiner Erfindungen immer bald wieder die Lust verlor, vor allem aber wohl auch, weil er die Verlagshierarchien nicht in Demut zu ertragen imstande war. Er hat sehr viel angedacht, angeregt, in Gang gesetzt, die von ihm projektierten, gar halb vorbereiteten Zeitschriften, Buchreihen, Verlagsprojekte, die endlich doch nicht zustandekamen, sind ein Vielfaches von dem, was er wirklich ausführte, woran er wirklich teilhatte. Sein literarisches Interesse verband sich mit einem fast untrüglichen Spürsinn für künstlerische Qualität, dazu einer Begabung auf ganz unterschiedliche Menschen einzugehen – solange sie ihn interessierten. Franz Blei ist, als er 1898 Robert Walser kennenlernt, außerhalb der engen Zürcher Schriftstellerzirkel noch so gut wie unbekannt, ein einigermaßen wohlhabender Privatgelehrter und Literat. Der 1871 geborene Wiener hat in Zürich, Genf und Bern studiert, vornehmlich Nationalökonomie, aber schon lange vor der Promotion im Jahre 1894 gewußt, daß das kein Betätigungsfeld für ihn sein würde. Er hat zwei Stücke verfaßt, ein wenig übersetzt, einen Band Novalis herausgegeben, eine kleine Studie über Karl Henckell publiziert, dessen Lyrik ihn im Grunde langweilt, wie die naturalistische Färbung der gesamten Zürcher Szene. Daß er nach seiner Promotion überhaupt in der Schweiz geblieben ist, liegt wohl daran, daß seine Frau Maria Lehmann-Blei ein Medizinstudium beenden will. Er versucht, Verlags- und Redaktionskontakte zu sammeln, Publikationsmöglichkeiten für seine Aufsätze und Essays zu erkunden, gelegentlich versendet er auch Gedichte. Das ihm Gemäßeste wäre wohl lebenslange Wohlhabenheit gewesen, ein Dasein vornehmlich als Liebhaber und Förderer der Literatur – als Dilettant. Was bereits damals schon vermuten läßt, daß er als Belletrist nie recht Erfolg haben wird, daß er der geborene Mittler ist, das ist auch seine Bereitschaft sich ablenken zu lassen, seine Neugier auf die Arbeiten anderer, sein Uneigennütziges im Umgang mit Kollegen – bereits dem Franz Blei in Zürich ist das, was andere schreiben, so wichtig wie das eigene Tun. Auch die Gedichte Robert Walsers werden im Bekanntenkreise bekanntgemacht, vor allem empfiehlt er sie Otto Julius Bierbaum, der damals eine neue literarische Zeitschrift projektiert: «Embryo» sollte sie heißen, und in Wauers Kunstverlag in Berlin erscheinen (2). Er empfiehlt den jungen Commis selbstverständlich als seine Entdeckung, sieht sich als der Mentor des noch zu bildenden Naturburschen. Doch wenn er Bierbaum schreibt, Walser habe sogar Goethe erst durch eine Auswahl kennengelernt, die er ihm gegeben habe, so stilisiert er ihn allzu sehr zum genial-tumben Toren, der des erudierten Lehrmeisters bedarf. Der junge Walser besaß durchaus einen gewissen Fundus an literarischen Kenntnissen. Natürlich profitiert Walser von Bleis Lektürehinweisen (3), er profitiert auch von der Einführung in ein häusliches Milieu, das ihm bislang ganz unbekannt war, so bürgerlich-wohlhabend, wie zugleich unkonventionell. In Maria Blei-Lehmann begegnet ihm eine der von ihm aus der Ferne bewunderten Zürcher Studentinnen, sie war vermutlich vorurteillos, der Aufenthalt in ihrem Hause wird ihm leicht, er scheint sich in der Villa Vesta an der Signaustraße keines auffälligen Benehmens schuldig gemacht zu haben, das ihm Beklommenheitsgefühle hätte verursachen können. Er lernt dort auch ein paar Leute kennen, die seine Prosa oder seine Briefe erwähnen, mit dem Philosophen und Avenariusschüler Rudolf Willy, dem dichtenden Mediziner Otto Hinrichsen war Blei befreundet, auch mit Emanuel von Bodmann hatte er Kontakt. Kurz, die Bekanntschaft mit Franz Blei heißt für Robert Walser nicht nur Schreibermunterung, sie macht ihm Zürich auch etwas wohnlicher. Blei schlägt ihm (dessen Gedichte ihn ahnen lassen, daß Walser eher außerhalb der Schweiz Erfolg haben wird), gar vor, es vielleicht mit München zu versuchen – Karl arbeitet 1898 in München, und Blei dürfte bald gemerkt haben, welche Bedeutung der Bruder nach dem vom Sommer 1895 bis zum Herbst 1896 gemeinsam mit ihm in Stuttgart verbrachten Jahr für Robert Walser hatte. Und: er bietet sich ihm selbst zur Bewunderung dar. Kein Zweifel, daß das Bild des Dr. Franz Blei für Robert Walser auch ein erotisch gefärbtes ist. Der Zürcher Umgang der beiden dauert indes nicht lange, vermutlich hat es damals tatsächlich nur die vier im Prosastück «Doktor Franz Blei» beredeten ausführlicheren Begegnungen gegeben: den Antrittsbesuch, zwei abendliche Einladungen und das längere Gespräch bei einem Treffen auf der Straße. Im Herbst 1898 geht Blei mit seiner Frau und der 1896 geborenen Tochter Sibylla nach Amerika, wo Maria Blei eine zahnärztliche Ausbildung abschließt. Daß der Weggang eine Lücke in Walsers Leben hinterläßt, zeigt der taggeträumte Besuch des längst Abwesenden im Prosastück «Doktor Franz Blei». Ohnedies breitet sich im Herbst 1898 in Zürich eine gewisse Lähmung aus, das Attentat eines

Anne Gabrisch: Robert Walser und Franz Blei

3

italienischen Anarchisten auf die Kaiserin Elisabeth am 10. September in Genf hat auch Auswirkungen auf die literarische Szene Zürichs: Oskar Panizza, seit dem Oktober 1896 in Zürich wohnhaft, seit Mai 1897 Veranstalter und Herausgeber der «Zürcher Diskussionen», wird im Oktober 1898 ausgewiesen, wenig später verläßt auch Maurice Reinhold von Stern die Stadt für einige Zeit. Letzteren kannte Walser – zumindest von den durch Stern veranstalteten literarischen Abenden her; und ich vermute, Oskar Panizza ist ihm ebenfalls kein Unbekannter gewesen. Und wäre nicht auch vorstellbar – es ist bislang nie recherchiert worden –, daß Franz Bleis Übersiedlung nach Amerika unter anderem der politischen Vorsicht geschuldet war? Bis 1893 gehörte er zu den engagierten Sozialdemokraten unter den deutschsprachigen Studenten in der Schweiz, auch seine und seiner Frau spätere Kontakte und Freundschaften gehören ins sozialdemokratische Milieu. Möglicherweise wäre die spannende Frage, «Warum verbarg sich Walser in Thun» (4) noch anders zu beantworten. Möglicherweise sah sich Robert Walser ebenfalls als zum Kreis der politisch unsicheren Kantonisten gehörig. Als 1899 Otto Julius Bierbaum im Auftrag von Alfred Walter Heymel und Rudolf Alexander Schröder die Herausgabe der Zeitschrift «Die Insel» vorbereitet und den damals noch in Amerika weilenden Franz Blei, den er bereits für seinen «Embryo» vorgesehen hatte, zur Mitarbeit einlädt, muß der Robert Walser gar nicht mehr in Vorschlag bringen, er muß Bierbaum nur Walsers neue Adresse mitteilen: Thun, Spar- und Leihkasse. Doch offenbar hat auch Blei, der sich nach dem Tode seines Vaters 1899 kurz in Wien aufhielt, damals noch einmal nach Thun geschrieben (5). Walser gehört vom ersten Heft der Münchener Zeitschrift «Die Insel» an zu deren Mitarbeitern. Einig ist sich der Kreis um die «Insel» in der Bewunderung des Dichters Robert Walser, anders sieht es mit der Person des jungen Schweizers aus. Er gilt als nicht gesellschaftsfähig, als Flegel, als Tölpel. Es ist sogar anzunehmen, daß man ihn eher verärgert als amüsiert ertrug. Und daß er das nur allzugenau spürte. Brennend ehrgeizig, wie er war, und ungeachtet der ihm zugefügten Kränkungen von seiner literarischen Bedeutung und damit auch der gewiß kommenden gesellschaftlichen Anerkennung überzeugt, hat er während wiederholter Besuche in München immer wieder neue Verletzungen riskiert. (6) Robert Walser hat über seine Erlebnisse in München nur spärlich Auskunft gegeben, das 1921 veröffentlichte Prosastück «München» collagiert ganz offensichtlich Eindrücke von verschiedenen Aufenthalten. Von seinen Begegnungen mit Blei, der seit dem September 1900 in München lebte, erzählt es nichts. Das ist seltsam, wenn wir an seine so ausführlichen wie emphatischen Schilderungen der Begegnungen mit Franz Blei in Zürich denken. Zumal anzunehmen ist, daß seine Besuche in der Münchener Arcisstraße für ihn erträglicher waren als die in anderen Münchener Salons, für Maria Blei war er keine Überraschung mehr. Und es ist auch wieder nicht seltsam, denn in München hat der verehrte Dr. Franz Blei den jungen Dichter, von dem er doch so viel hielt, zum ersten Male auflaufen lassen, ganz nur neugieriger Beobachter, seine Mentorenrolle vollkommen außer acht lassend. Es ist nicht Blei, der ihn aus der clownesken Kostümierung eines großkarierten Anzuges befreit, die ihn von vornherein unmöglich macht. Das tut der freundliche Max Dauthendey in Würzburg. (7) Der Kontakt mit Blei blieb förderlich, auch nachdem die «Insel» ihr Erscheinen eingestellt hatte. Blei plante flugs eine neue Zeitschrift und lud Walser zur Mitarbeit ein: «Der Spiegel» sollte sie heißen, doch Rudolf von Poellnitz vom Insel-Verlag lehnte diesen Plan einer «Damenzeitschrift» ab (8). «Lieber Walser – mit dem Spiegel, das war ein Traum», schrieb Blei am 3. November 1903, fordert Walser aber auf, unter Berufung auf ihn, dem Insel-Verlag Vorschläge für eine Buchpublikation zu machen. Das Ergebnis war schließlich der kleine Band «Fritz Kochers Aufsätze», der 1904 im Insel-Verlag erscheint und von Robert Walser mit überschwänglichen Widmungsworten (9) nach München geschickt und von Blei sogar rezensiert wird. (10) Mehr freilich will sich im Insel-Verlag für Walser nicht ergeben. Franz Blei nimmt Gedichte von ihm in die 1907 bei Julius Zeitler in Leipzig erscheinende Zeitschrift «Opale» auf und rezensiert in ihr, zusammen mit Robert Musils «Die Verwirrungen des Zöglings Törleß», Walsers ersten Roman «Die Geschwister Tanner». In der von ihm (und Carl Sternheim) herausgegebenen Zeitschrift «Hyperion» bringt Franz Blei merkwürdigerweise keine Beiträge von Robert Walser, dafür wird dort erstmals Prosa von Franz Kafka vorgestellt, den Heymel zunächst für ein Pseudonym Robert Walsers hält. Unter den «Redaktionellen Mitteilungen» am Schluß des ersten Heftes vom März 1908 wird Robert Walsers Roman «Der Gehülfe»

Anne Gabrisch: Robert Walser und Franz Blei

4

empfohlen, in den «Redaktionellen Mitteilungen» am Schluß des Heftes 7 von 1909 die «Gedichte» von Robert Walser (11). Rezensiert wurde die Buchausgabe von Walsers Gedichten – soweit ich sehe – von Franz Blei nie. Aber in den summarischen Betrachtungen über moderne Lyrik taucht Robert Walsers Name regelmäßig neben denen Hofmannsthals, Borchardts, Schröders auf (12). Walsers dritter Roman, der «Jakob von Gunten», wird von Franz Blei nicht einmal angezeigt. Gedichte von Walser nimmt Blei noch einmal in den 1912–1913 von ihm bei Kurt Wolff herausgegebenen «Losen Vogel» auf. Was er von Walsers kleiner Prosa aus den Berliner Jahren hielt, wissen wir nicht, obwohl es höchstwahrscheinlich seiner Fürsprache zu verdanken ist, daß Georg Müller in München, als dessen Lektor Blei damals arbeitete, 1911 oder 1912 dem in Berlin mählich verelendenden Robert Walser einen Vorschuß von 300 Mark für einen Band «Kleine Geschichten» zahlte, um dann doch Abstand von einer Veröffentlichung zu nehmen, besser: überhaupt nichts mehr von sich hören zu lassen.∗ Doch Walsers Groll (in den Briefen an Rowohlt/Wolff) gegen Georg Müllers Desinteresse an seiner kleinen Prosa richtet sich lediglich gegen den Verleger, nicht auch gegen dessen Ratgeber Blei. Und das mag daran liegen, daß Franz Blei, der Ende September 1912 von München nach Berlin übergesiedelt war, für Robert Walser, der schwer schreibgehemmt, kaum noch veröffentlichend und abseits vom literarischen Betrieb bei einer dubiosen Gönnerin namens Scheer am Spandauer Berg 1 hockte, zum Retter aus der Not wurde. Als Frau Scheer am 26. Oktober 1912 plötzlich stirbt, droht ihm der Hunger, wohl sogar die Obdachlosigkeit. Auf den Verleger seiner drei Romane, Bruno Cassirer, kann er überhaupt nicht mehr rechnen. Auch Paul Cassirer lehnt es ab, ihm einen Vorschuß auf einen Prosaband zu geben. Am 7. November setzen die brieflichen Verhandlungen mit Rowohlt/Wolff ein, die dann zur Publikation der «Aufsätze», später der «Geschichten» und schließlich auch noch der «Kleinen Dichtungen» bei Kurt Wolff führen werden. Blei, der zu der zeit den «Losen Vogel» bei Wolff herausgibt, auch sonst allerlei Kontakte zu ihm hat, könnte da durchaus den Vermittler gespielt haben, wenn auch anzunehmen ist, daß Max Brods Einfluß auf die Entscheidung Wolffs der stärkere war. (13) Ganz sicher aber versuchte der umtriebige Franz Blei in Berlin seinen inzwischen reichlich verwilderten Zögling wieder ein wenig unter Leute und ins Kaffeehaus zu bringen. Möglicherweise warb er auch bei S. Fischer für ihn – so wie er auch für Robert Musil bei S. Fischer und Wolff gleichzeitig warb. Möglicherweise ist seiner Lust am Einfädeln von literarischen Kontakten, am Intrigieren, seiner Geschwätzigkeit gar das Gerücht zu danken, Robert Walser werde neben den kleinen Sachen bei Kurt Wolff bei S. Fischer einen neuen Roman veröffentlichen, ein Gerücht, das in einem Brief des damaligen Wolff-Lektors Franz Werfel an Kurt Wolff auftaucht und dessen Anlaß bislang nicht zu verifizieren war. (14) Vermutlich in diesen letzten Monaten, die Walser in Berlin verbrachte, ist es zum vertrauten «Du» zwischen ihm und Franz Blei gekommen. (Darauf deutet auch die Widmung in den «Aufsätzen», die im Frühjahr 1913 erschienen: «Seinem lieben Freund Franz mit herzlichem Gruß Robert./Bellelay,/Berner Jura,/Schweiz».) Das Ereignis ist ganz unerhört – Franz Blei war einer der wenigen ihm nicht von Jugend an bekannten Menschen und der wohl einzige Redakteur, den Robert Walser duzte. Erklären läßt es sich eigentlich nur aus Walsers damaliger Situation, die ihn für freundschaftliche Gesten besonders empfänglich machte. Dazu mag das Gefühl gekommen sein, daß dieser scheinbar so Überlegene ihm näher war, als er selber wahrhaben mochte. Der Franz Blei, der im Herbst 1912 nach Berlin kommt, ist nicht mehr der wohlhabende Privatier, als den Walser ihn einst kennengelernt hatte. Sein Neuanfang in Berlin mußte mit einem Darlehen finanziert werden. Auch er gehört inzwischen zu denen, die sich ums Honorar schinden müssen; er bettelt um Aufträge, er schreibt, rezensiert und übersetzt zu viel und damit zu flüchtig, verscherzt sich jede feste Anstellung – in Berlin ist er für kurze Zeit Dramaturg am Societätstheater – durch sein Interesse an zu Vielerlei, durch seine Plaudersucht, seinen boshaften Witz, seine Nachreden. Und ist doch bei allen seinen Unzuverlässigkeiten immer auch um das Fortkommen anderer Autoren besorgt. Ist der uneigennützige Lektor, selbst wenn er gar kein Lektorat innehatte. Allerdings hatte der so kommunikationstüchtige wie kommunikationssüchtige Franz Blei seinen neuen Duzbruder auch schon wieder vergessen, als der aus Berlin verschwunden war. Daß Franz Blei die [Handschriftlich eingefügt, offenbar als Notiz für eine vorgesehene Anmerkung:] (Briefe 59: Karl Auswahl; 61: neuer Vorschuß von Müller abg.) ∗

Anne Gabrisch: Robert Walser und Franz Blei

5

«Weißen Blätter» redigierte, erfuhr Robert Walser von Max Brod, auch die Adresse der Zeitschrift, wie einem Brief von Ende 1913 zu entnehmen ist, mit dem er seinem lieben Franz Blei sieben Stücke für «Deine Blätter» sendet. Er schickt wahrscheinlich noch mehr an Bleis Adresse, als der die Redaktion schon längst wieder abgegeben hat. Und langsam mag ihm immer klarer geworden sein, daß auch sein Freund nicht so ganz von dieser Welt des Marktes war. Hat er 1914 in «Der Doktor» den Eindruck, den Blei einst in Zürich auf ihn machte, zu einem Guckkastenbild aus der Galiani-Zeit stilisiert, so sagt er in seinem Porträt «Doktor Franz Blei» von ihm, was er von einigen seiner Lieblinge sagt, die ihm nicht so recht in die kapitalistische Welt und ihr diszipliniertes Erwerbsleben passen wollen: «Obwohl er […] durchweg modern und zeitgemäß, d.h. wie ein Mensch daherkam, der mit der Zeit rechnet, in der er lebt, so machte er mir dennoch den Eindruck des Sonderbaren und Ungewöhnlichen, den Eindruck sozusagen des Fremdartigen, und ich glaubte nicht im geringsten zögern zu müssen, seine Figur in Gedanken in die Städte Mailand, Venedig, London oder Paris vom Jahre 1800 hinüber zu versetzen, indem ich mich von der merkwürdigen Empfindung betroffen fühlte, daß er besser zu den menschlichen Erscheinungen einer vorbeigegangenen als zu den Leuten der gegenwärtigen Epoche passe.» Das umfangreiche Prosastück erscheint im Januar 1917 in der «Schaubühne» – zu der Zeit gleicht es einer Ehrenrettung Bleis. Doch Robert Walser hat seit 1913 nicht mehr in der Zeitschrift publiziert. Er hat damals auch gar keinen Kontakt zu Blei, wie sein Brief an Kurt Wolff vom 30. Juni 1917 beweist, in dem er bittet, Franz Blei, dessen Adresse er nicht kenne, sein letztes Buch «Der Spaziergang» zustellen zu wollen. Wie aus dem Brief an Wolff hervorgeht, steht er auch nicht mit Karl in Verbindung, der ihm Klatsch um Blei hätte zutragen können, er «vermutet» den Bruder in Österreich (tatsächlich hält sich Karl, dank Bleis Vermittlung, zu der Zeit bei Wien auf, um für Josef Kranz Landhauswände zu dekorieren). Vielleicht war der Aufsatz über Blei schon seit längerem geschrieben, entstanden in einer Phase der Rückschau, wie das Porträt des Bruders, «Leben eines Malers», das 1916 in S. Fischers «Neuer Rundschau» erschien, lag in der Redaktion auf Vorrat und wurde nun zu passender Zeit hervorgekramt. Denn Blei bedurfte dringend Beistands von literarischer Seite. Er hatte sich auf einen skandalumwitterten Mäzen, den schon erwähnten Joseph Kranz, einen österreichischen Heereslieferanten und Kriegsgewinnler großen Stils, eingelassen, gegen den es 1917 in Wien zum Prozeß kommt. Bleis Ruf ist damals katastrophal. Auch Robert Musil wird sich 1918, er ganz bewußt, zu einer Ehrenrettung aufraffen und klarstellen, was die deutsche Literatur Blei verdankt, «trotz aller Einzelheiten, die um sein Wesen tuscheln» (15). Anfang Februar 1925 erhält Franz Blei ein Exemplar von Robert Walsers letztem, bei Rowohlt in Berlin erschienenem Buch «Die Rose», mit der Widmung «Meinem lieben Franz Blei von seinem Robert Walser» (16), und dazu zwei Prosaarbeiten für den Berliner «Roland». Der Begleitbrief schwankt unentschieden zwischen Du und Sie, als hätten sie lange nichts voneinander gehört, oder als sei das freundschaftliche Du aus anderen Gründen unsicher geworden. Walser ist auch mitnichten zur Mitarbeit am «Roland» eingeladen worden, er hat von anderer Seite von der Zeitschrift gehört bzw. «gelesen», wie er an Blei schreibt. Franz Blei, der seit 1923 wieder in Berlin lebt, redigierte den «Roland», eine «Wochenschrift für das Berliner Leben», die seit 1903 von einer Roland-Gesellschaft für Kunst, Börse, Film herausgegeben wurde und deren Leser wohl vornehmlich am Finanzteil des Blattes interessiert waren, vom 1. Januar bis zum 25. Juni 1925; er gab ihr mit Hilfe von Graphikern wie Emil Orlik ein moderneres Gesicht, änderte den Untertitel in «Illustriertes Wochen-Magazin» um und suchte eine literarische Zeitschrift nach seinem Gusto daraus zu machen, was natürlich den Geldgebern nicht paßte. Für seine Überredungskünste spricht, daß man ihn überhaupt gewähren ließ, für seine immer wieder aufflammende, eben auch jungenhafte Naivität, daß er glaubte, man würde ihn lange gewähren lassen. Die 26 von ihm redigierten Nummern bieten außer dem unumgänglichen, umfangreichen Finanzteil eine kuriose, nicht uninteressante Mischung aus mondänem Gesellschaftsbericht, meist von Blei oder seinem Alter ego Clemens von Disemberg, literarischen Beiträgen von Musil, Gütersloh, Annette Kolb, Rilke (über Lotte Pritzel) Kunstgeplauder und anspruchsvollem Fortsetzungsroman (Radiguet und Sacher Masoch). Daß Blei noch mehr wollte, von einer Fortsetzung des «Losen Vogel» träumte, zeigt ein Brief an Carl Schmitt, den er am 28. Oktober 1924 dringend zur Mitarbeit auffordert (17). Wobei er als andere Autoren u.a. Ball, Gütersloh, Musil nennt, möglichst nur wenige Autoren, aber welche von erster

Anne Gabrisch: Robert Walser und Franz Blei

6

Güte haben will, «keine der Gelegenheit», nicht das «dumme Eingesandte» und: «Keine Ephemeriden». In zwei seiner späteren Porträts nennt Blei Walser auch einen "Ephemeriden". Für Walser, der nicht ahnt, welch steile intellektuelle Höhen Franz Blei mit dem «Roland» zu erklimmen gedenkt, ist das «Eingesandte» der Versuch einer erneuten Kontaktaufnahme, die Berliner Zeitschrift, deren Bedeutung er dank Bleis Herausgebernamen wohl ebenso überschätzt, wie er Bleis Engagement für Robert Walser noch immer überschätzt, ist ihm wichtig, eben weil sie eine Berliner Zeitschrift ist. Und wichtig ist ihm auch Bleis Meinung zur «Rose». Die Antwort läßt lange auf sich warten, die beigelegten Prosastücke samt Walsers Brief hat Blei, der seit 1923 regelmäßiger Beiträger der «Prager Presse» ist, kurzerhand an deren Feuilletonredakteur Otto Pick geschickt, was eine gute Idee von ihm war: der Kontakt zur «Prager Presse» wird in der Folgezeit der für Walser verläßlichste werden. Anzunehmen ist, daß Blei, Mitarbeiter auch des «Berliner Tageblatt», gleich noch diese Zeitung auf Walser aufmerksam gemacht hat, was eine nicht minder gute Idee war – das «Berliner Tageblatt» zahlt am besten von allen Abnehmern, wie wir aus Walsers Briefen wissen. Franz Blei hat sich wieder einmal als der großzügige Vermittler erwiesen – aber wie steht’s mit dem Redakteur, gar dem Freund? Bereits am 2. Februar 1925 veröffentlicht Otto Pick in der «Prager Presse» eins der für Blei bestimmten Prosastücke: «Flammenzeichen». Von Blei aber hört Walser nichts und wird unwirsch. In einem Februar/März 1925 entstandenen Prosastück aus dem Bleistiftgebiet «Damals war es, o, damals» (18) verbindet sich Erinnerung an die ersten förderlichen und ihn so beflügelnden Kontakte zu Franz Blei mit Mißtrauen gegenüber dessen Freundlichkeit – «von einem anscheinend liebenswürdigen Menschen», will er damals in Thun einen Brief erhalten haben – und einer boshaften Inspektion von Bleis seit langem desolaten Eheverhältnissen. Anlaß wird der Film «Scaramouche. Eine Geschichte aus den Tagen der französischen Revolution» von Rafael Sabatini, Regie Rex Ingram, in dem Bleis Tochter Sibylla von Lieben ein Hoffräulein spielt (19). Der Film lief vom 21.–25. Januar 1925 in Bern und hat Walser, wie noch andere Texte aus dem Bleistiftgebiet zeigen, überaus beeindruckt und lange beschäftigt, vor allem durch die Figur des französischen Revolutionsgenerals Jean Viktor Moreau, der, schließlich in Intrigen gegen Napoleon verwickelt, als Spaßmacher (Scaramouche) Unterschlupf bei wandernden Komödianten suchen mußte. Die Wiederbegegnung mit einem ihm bekannten Gesicht wird da vorerst noch eher nebensächlich gewesen sein. Walser kannte Sibylla Blei als kleines Mädchen, dem Papa Blei als «Vorleser» diente, die erwachsene Sybilla muß ihn an ihre schöne Mutter, Maria Blei, erinnert haben, der die Widmungen seiner ersten Bücher an Franz Blei mitgegolten hatten und die inzwischen nicht sonderlich glücklich geworden ist. «Speziell befriedigte ihre Ehe sie nicht, sie suchte sich natürlich diesbezüglich zu entschädigen, aber ob ihr das gelang, wer, wer vermag es zu wissen?» Noch bezeichnender will er über die ihn bezaubernde «Hochstehende» nicht reden, «denn es ist in so schweren Zeiten, wie die unseren es sind, unbedingt nötig, daß wir alle artig sind, liebreich und gütig». Er fragt sich sogar, wie jener mehrfach erwähnte «Vorleser» heißt. «Er lebt vielleicht noch, und das Namen nennen könnte ihn verstimmen. Man muß Sorge tragen, daß man niemand weh tut. Das ist eine unserer obersten und feinsten Pflichten.» Walsers Prosastück ist natürlich weder artig noch liebreich, seine Verschwiegenheit – nicht einmal den Titel des Films nennt er – deutet auf besser zu Verschweigendes, die Versicherungen seiner «Hochachtung vor der Hochzuachtenden», die sich einen «Vorleser» hielt, den er aus «Zartheitsgründen» nicht nennen will, lesen sich wie das Gegenteil. Das doppelbödige Spiel mit den Erinnerungs- und Filmbildern ist auch deshalb so boshaft, weil man nicht recht weiß, wird da nun der Klatsch um das unruhige Leben der Tochter bemüht, um die mutmaßlichen Befindlichkeiten der Mutter zu charakterisieren oder ist es der Klatsch um die Mutter, mit dem die Tochter auch noch drapiert wird. Doch wenn dies vertrackte Spiel irgendetwas hatte herbeihexen sollen, so mißlingt das zunächst, und der auf Antwort seines Freundes wartende Robert Walser wird immer animoser. «Sonst zieh ich immer erst einen Prosastückkittel, also eine Art Schriftstellerjacke an, eh ich mich an die Niederschrift heranwage; aber ich bin in Eile», teilt er am Anfang eines März/April 1925 entstandenen Stücks aus dem Bleistiftgebiet mit (20). Vor einem Restaurant sitzend und dem Spiel von Kindern mit «Biergläseruntersätzen» zuschauend, «ein Hundchen war mit ins Spielchen verwickelt», hat Walser (wie aus seinem Prosastück zu schließen ist) die illustrierte Wochenschrift «Zeit im Bild» (21) und darin ein Feuilleton «Franz Blei» von Georg Hecht gelesen; über dem Text prangt eine Zeichnung von Emil Orlik, die einen mephistophelisch anmutenden Franz Blei mit Hornbrille im Halbprofil zeigt – eine Zeichnung, die sofort an «dieses impertinente Gesicht» denken läßt, dem wir später wiederholt in Walsers Prosa

Anne Gabrisch: Robert Walser und Franz Blei

7

begegnen werden. Das Feuilleton spricht von Blei dem «Verführer», zum einen dem Verführer der Deutschen zu allerlei Literatur, nicht nur mit einigen Franzosen, auch mit Namen wie Carl Sternheim und Rudolf Borchardt hat er den «ehrsamen Bürger» immer wieder belästigt; zum anderen vom Verführer der Frauen. Der Autor erzählt von seiner letzten Begegnung mit Franz Blei, der in einem sehr schnellen Auto an ihm vorbeifuhr, der Autor vergaß nicht zu grüßen, wurde aber nicht beachtet, denn die Frau, die neben Blei saß, war sehr schön, vielleicht war es seine Tochter, Georg Hecht aber möchte glauben, daß es Ninon war … Diese Schmockerei über Franz Blei hat Robert Walser so in die Sprünge geraten lassen, daß er sich nicht die Zeit nehmen mochte, sein Ausgehhabit mit dem Arbeitskittel zu vertauschen, ehe er sich niedersetzte, um in seinem Prosastück vor allem von dem «Hundchen» zu erzählen, das mitspielen durfte, «o, wie ihm der Schwanz vor Stolz hochaufstand, daß er sich als Gleichberechtigter erblickte», vom glücklichen und dummen Hundchen, von seinen «Aufgeschnapptheiten», von einer einsamen und hoheitsvollen Frau, von einer anderen schönen Frau, einem «Ideal von Dame». Und unvermittelt von Zimmermädchendiensten, die ein «er» für eine Hartherzige zu verrichten hatte, zum Lohn für «bloß ein Stück trockenes Brot» – aber wie sollte man Robert Walsers assoziative Prosa referieren können. Selbst wenn sich einem gerade wie hier das Gefühl aufdrängt, hinter den disparaten Einzelheiten verberge sich eine bedrückende Geschichte, an die ein mehrfach (erst per Sie, dann per Du) angeredeter Adressat erinnert werden soll, ein wenig drohend, ein wenig bittend. «Bitte, geben Sie mir umgehend Antwort.» Und: «Es sei für dich in gewisser Hinsicht ein fürchterliches Prosastück». Und: «Du mußt unbedingt zufrieden mit mir sein, hörst du? Unbedingt.» Wer dieser Adressat ist und welches der Anlaß des an ihn gerichteten Prosastücks, verrät dessen Schluß, der sich auf den Schluß eben des Feuilletons über Franz Blei aus «Zeit im Bild» bezieht: «Diese Wirklichkeit. Dieser Fond von Tatsächlichvorgekommenheiten. Dies Auto sauste, und er und sie saßen im Fond. Wie findest du mich mit meinem ? Merk dir das Wort! Es stammt nicht von mir. Wie könnten so feine Ausdrücke von mir herstammen? Ich habe es aufgeschnappt und wende es hier an. Hältst du «Fond» nicht gleichsam für einen Fund? Tu's doch bitte! Sei herzlich gegrüßt und vergiß den Stolz des dummen Hundchens nicht. Der war so nett.» Und als hätten seine Hintersinnigkeiten diesmal wirklich etwas zu beschwören vermocht, kommt plötzlich ein Belegexemplar des Berliner «Roland» vom 1. April ins Haus – Blei hat, nach der «Prager Presse», Robert Walsers «Flammenzeichen» doch noch gedruckt – vermutlich brauchte er in letzter Minute einen Autor aus der Schweiz für dieses Heft, dessen Titelbild laut Unterschrift «Ihre Exellenz Frau Rüfenacht, Gattin des schweizerischen Gesandten» zeigte. Daß er nach der ersten Veröffentlichung seiner Gedichte durch Widmann «vor Vergnügen beinahe verrückt» wurde, erzählt Walser in «Doktor Franz Blei». Ähnlich geht es ihm jetzt, wie er in «Er hieß Ratcliff», wieder einem Prosastück aus dem Bleistiftgebiet, das im April 1925 geschrieben wurde (22), verrät. Zur Herkunft des Namen seines Helden heißt es da: «Ratcliff schien einem überspannten Gedicht entsprungen»: das meint sicher Heinrich Heines «Ratcliff» aus dem «Buch der Lieder», die Erzählung eines Traumes, die den Träumenden in eine ihm einst bekannte und jetzt ängstigend fremd gewordene Umgebung geraten läßt. Auch Walsers Ratcliff spaziert zunächst durch eine erinnerte Umgebung und Vergangenheit. «Mit dem in der Hand ging er in zwei, drei erlesene Häuser, gewissermaßen um sich zu empfehlen. Es stand nämlich ein Beitrag aus seiner Feder in dieser Zeitschrift. Vorne drin war eine Frau aus höheren Kreisen abgebildet.» Als «vornehmster Westen» wird die Gegend charakterisiert. «Hier verschwand eines Tages auf ein mit Begabungen aller Art überhäufter Knabe». Und hier will Ratcliff sich einst als Lakai angemeldet haben, aber abgelehnt worden sein. Doch nun ist Ratcliff «Revolutionsgeneral», nun leitet er Aktionen und spricht nach verrichteten Heldentaten auch bei Berner «Gnädigen» vor. Ein, wie Walser-Ratcliff gesteht, «phantastisches» Betragen, das sich freilich außerhalb seiner Prosa lediglich darin geäußert haben mag, daß er in einem Berner Restaurant eine «Lady» mit dem Inhalt des ihn so begeisternden «Roland» bekanntgemacht, ihr das Heft sogar zum Kauf angeboten hat – im Prosastück «Spanische Weinhalle», das im November 1925 veröffentlicht wurde, erzählt er davon. Aber ob nun in der Phantasie oder realiter, sein Erscheinen in der Berliner Zeitschrift, deren Redaktion Blei bald wieder niederlegen wird, beflügelt Walser ungemein. «Jetzt stand es so mit Ratcliff, daß er untergehen oder als ganz ganz großer großer Sieger aus einer Flut von seltsamsten Verknüpfungen hervorgehen konnte.» (23) Unmittelbar nach dem Abdruck der «Flammenzeichen» im «Roland» mag der jetzt «April/August 1925» datierte Brief an Franz Blei geschrieben sein, in dem Walser, diesmal ganz umstandslos zum Du

Anne Gabrisch: Robert Walser und Franz Blei

8

zurückkehrend, Blei wieder eine «Kleinigkeit» anbietet, «die Dich vielleicht so anmutet, daß Du sie in Deiner Zeitschrift glaubst veröffentlichen zu können. Sonst gib sie, bitte, in's Ausland, etwa wieder nach Prag… Zäzilie oder Agathe wird mit allen Deinen Maßnahmen, ihrem Charakter gemäß, einverstanden sein». Auch dies Prosastück (den genannten Namen zufolge: «Wir verlieren uns nicht so schnell») wurde von Blei an Otto Pick geschickt, blieb aber, soweit bislang zu sehen, unveröffentlicht. Erwähnt werden darin anfangs jene noch immer etwas uneinsichtigen Skandale, die Walser in der Berliner Gesellschaft unmöglich gemacht hatten: «Nachdem er teils vor einem Ofen gekniet oder in einem Vergnügungslokal Scherben von umgestürzten Gläsern zusammengelesen hatte und ähnliches mehr über sich nahm, wozu man ihm gründlich gratulierte, denn der Mensch ist nie netter und hübscher als in der Demütigung…». Und dann folgt eine Geschichte von einer Agathe, die widrige Umstände in die «Schütte» verschlugen, wo sie für eine Frau Haldimann «betten» mußte, um dafür Klapfe zu erhalten, bis sie schließlich von einem Verehrer befreit und wieder in Gesellschaft geführt wird, wo man betreten und ehrfurchtsvoll denkt: «Sie kommt direkt aus der Schütte». Der Verehrer entschwindet ihr wieder, aber das ist kein Unglück, denn wie der Titel beziehungsreich sagt: «Wir verlieren uns nicht so schnell». – Das Prosastück erzählt, versöhnlicher und trivial verschnörkelt, ganz offenbar die gleiche Geschichte vom Zimmermädchen bei einer strengen untervermietenden Herrin, an die auch der Prosastückkitteltext in dunklen Andeutungen erinnern wollte. Es sind diese beiden Texte, die mich vermuten lassen, daß es vor allem Franz Blei war, der Walser Ende 1912 aus der Notsituation am Spandauer Berg befreite und ihn zumindest soweit wieder flottzumachen versuchte, daß er im Frühjahr 1913 nach Biel zurückkehren konnte. Auf das letzte Prosastück muß Blei mit einem Brief reagiert haben, auf den nun wieder Walser mit einer wahren Flut von Manuskripten reagierte. Der Stargardt-Auktionskatalog von 1983 (Auktion 630) zitiert aus dem bislang nicht wieder aufgetauchten (und undatierten?) Begleitbrief Walsers folgende Zeilen: «Dein Brief hat mich sehr gefreut mit der für mich wertvollen Nachricht, daß Dir mein Buch gefiel und daß Du's in Deinem besprechen willst. Ebenso freute mich die Annahme meines Prosastücks. Ich schrieb für den Rowohltverlag neue Gedichte, darf ich Dir hier auch ein Gedicht anbieten und glauben, es fände ein wenig Deinen Beifall? […] Bern ist eine sehr schöne Stadt; die Du ja kennst […] Darf ich Dich hier in eine ziemliche Anzahl Szenen, Geschichten, Verse schauen lassen und Dich bitten, das, was Dir gefällt, zusammen zu tun, auch für Deinen etwas zu nehmen, falls es Dir paßt, und mir vielleicht gütigst zu sagen, ob Du glaubst, es werde sich ein Verlag für ein Mischmaschbuch interessieren können […] Ich mute Dir da wahrscheinlich zu viel zu, aber es ist heute in der literarischen Welt so, daß man es wagen muß, Freunde um Hilfe zu rufen […].» (24) Am 23. April erschien dann, Walsers Berlin-Euphorie einen gewaltigen Dämpfer aufsetzend, im «Roland» eine kurze, ungezeichnete, bislang nicht bibliographierte Rezension Bleis zur «Rose», die darüber informiert, daß dieser «anmutigste deutsche Prosaist» seinem «Werk» einen neuen Band hinzugefügt habe und resümiert: «Ists immer dasselbe, ists doch immer wieder was Neues.» Darauf geantwortet zu haben scheint Walser erst aus Murten, wohin er Anfang September 1925 mit Frieda Mermet fuhr – denn irgendwie muß Blei auf diesen Ortsnamen gekommen sein, den er ab 1928 beharrlich als Walsers Aufenthaltsort in der Schweiz angeben wird. Und Bleis flüchtig-freundliche Rezension mag nicht wenig zu Walsers explosiver Stimmung in Murten beigetragen haben. «Ists immer dasselbe, ists doch immer wieder was Neues» – der gehetzte, um seine Existenz kämpfende Blei denkt nicht daran, sich mit dem Dunklen, Sperrigen, Kühnen, mit dem Experimentellen der Prosa aus der «Rose» auseinanderzusetzen. Er mochte wohl verstehen, aber er wollte nicht verstehen. Nicht, was «Die Rose» an Bekenntnis enthielt, nicht die vertrackte Form, in der allein sie für Walser möglich war. «Wie Sie mit Franz Blei stehen, könnte indiskret gefragt sein», steht in einem Brief an Max Brod von April oder Mai 1925, einem Brief, dessen Ausfahrendes von Enttäuschung, gar unterdrücktem Groll zeugt, denn wie es scheint, hat auch Brod «Die Rose» nicht verstehen wollen, ist auf ein Lob von Walsers erstem Roman «Der Gehülfe» ausgewichen. Damals ist Franz Blei kein «Zeitschriftfeldherr» mehr, als welchen ihn Walser nach der Übernahme des «Roland» vielleicht noch einmal gesehen haben mag, sondern ebenfalls nur noch ein sich ums Zeilenhonorar schindender armer Teufel wie Robert Walser selbst. Nach seinem «Prolog über Walser» in Rowohlts neuer Wochenzeitschrift «Die Literarische Welt» scheint es allerdings, als habe die Literatenmühsal diesen armen Teufel auch um all das Noble gebracht, das Walser einst in ihm gesehen hatte. Walser hat einige Hoffnungen in die neue «Revue» gesetzt, wie aus dem Brief an Max Rychner

Anne Gabrisch: Robert Walser und Franz Blei

9

vom September 1925 hervorgeht. Die erste Nummer der «Literarischen Welt» vom 9. Oktober 1925 enthält auf der ersten Seite (in der Rubrik «Dichter über Bücher») sein langes Prosastück «Über eine Art von Duell», eine meisterhafte Paraphrase zu Stendhal, die ihn als das ausweist, was er in der Tat war: ein überaus belesener Autor. Und davor steht ein «Prolog über Walser», in dem Franz Blei über seine frühen Begegnungen mit Walser berichtet und einleitend feststellt, «Walser war damals, und ist's auch wohl heute noch, gar kein belesener Mensch», um ihn dann als einen aus dem Unbewußten dichtenden naiven Wanderburschen und Romantiker vorzustellen, einen verhinderten Pagen und Fußfetischisten, kurz, als einen wohl liebenswerten und begabten, doch salonunfähigen und im Puerilen verharrenden Sonderling – ein Eindruck, welcher durch das dem «Prolog» beigegebene Bild noch unterstrichen wird: Es ist das schnelle Foto, das Walser 1905 in der einschlägigen Abteilung des Kaufhauses Wertheim anfertigen ließ, um seine Unterlagen für die Bewerbung um den Dienerposten auf Schloß Dambrau (von dem Blei ebenfalls erzählt) zu vervollständigen. Diese Geste dem 47jährigen Walser gegenüber, der hier in einer neu erscheinenden Literaturzeitschrift vorgestellt werden soll, in Wahrheit aber dem Publikum zum amüsanten Fraße aufbereitet wird, mutet besonders unbedacht an, wenn man weiß, daß Blei eines der schönsten Bilder besaß, die es von Walser gibt, die Fotografie, die Paul Hans Renfer, ein Bieler Jugendfreund der Brüder Walser, um 1900 angefertigt hat. Robert Walser hat das Renfer-Foto 1908 zusammen mit der Ausgabe seiner «Gedichte» an Franz Blei geschickt. (25) Es ist nicht bekannt, ob Walser vom Hörensagen Bescheid wußte um Bleis angestrengte Bemühungen, in Berlin journalistisch Fuß zu fassen, von den Verteilungskämpfen, die hinter den Papierkulissen der «Literarischen Welt» stattfanden, daß Blei da gern mehr Einfluß gehabt hätte, möglicherweise sogar die Herausgeberrolle (26), oder ob er diesen Prolog bloß als Ausdruck der Herablassung nahm, was er auch tatsächlich war – Robert Walser gegenüber fühlte Blei sich offenbar dauerhaft in der Rolle des überlegenen Mentors. Auf jeden Fall ist Walser völlig außer sich geraten über diese seltsame Würdigung in der von ihm mit soviel Spannung erwarteten «Literarischen Welt». Es scheint, daß er in der ersten Aufregung sogar gerichtliche Schritte erwog. «Von einem zarten Rechtsanwalt vernehmend, man dürfe so ungerecht sein, als man Lust habe, man sei zum Erobern geboren, abenteuerte ich eines Tages auf heißer und weißer Landstraße […] ins sorgenvoll und doch auch wieder kummerlos lächelnde Grüne hinaus, mich mit Handschuhen versehen habend und fröhlich und wohlgemut ausrufend: Ich bin ein Anhänger alles Gesunden und schreibe hoffentlich bald über die hohe Wichtigkeit des Vorhandenseins der Herzlichkeit in den Brüsten der Menschen einen ellenlangen, schlanken, korrekten, nicht zu dicken und nicht zu mageren, nicht zu gescheiten und nicht zu unbesonnenen, ruhigen und formvollendeten Aufsatz […]. Meine so sehr nach Anständigkeit aussehende Hornbrille für einen Moment von der Nase, auf der sie ruhte, hinunternehmend und sie sorgfältig putzend, erreichte ich, ins Himmelsblau hinaufschauend […] einen rührenden Auftritt, der sich mitten auf der Straße abspielte […].» So beginnt (von mir leicht gekürzt) das Prosastück «Ausflug aufs Land», in dem er, versteckt in eine Reihung von grotesken Landstraßenerlebnissen, seinen Zorn auf Blei, diese «Summe von Tugendhaftigkeit, dieses Erzeugnis offenbar redlichster Eltern, das Ergebnis einer gewiß vorzüglichen Erziehung» zu verarbeiten sucht. Es erschien im Mai 1926 in einer Berliner Zeitschrift und seine Anspielungen dürften für den kundigen Feuilletonleser durchaus erkennbar gewesen sein. Die Hornbrille, die den Zeitgenossen als ein Markenzeichen des oft in Fotos oder Zeichnungen porträtierten Blei galt, wird in Walsers Prosa noch einige Male erscheinen oder einfach jenes «impertinente Gesicht», das er sich nicht länger gefallen lassen will. «Es gibt eine Freundlichkeit des Benehmens, die arrogant wirkt. Ich spiele mit diesem Satz auf das bereits höflich angeführte Gesicht an, dessen Ausdruck ich satt zu haben scheine. Sollte es ein Kollegengesicht sein? Wohl möglich! […] jenes Gesicht voll einer noblen, feinen Unverschämtheit nehme ich nicht glatt hin. Der Inhaber dieses in der Tat von hoher Entwickeltheit beweisablegendes Antlitzes scheint berufen zu sein, sich insofern bei mir zu entschuldigen, als er sich zu einer anderen Miene die Kraft haben wird aufzuraffen. Ich zweifle ja übrigens keinen Augenblick daran, daß er es tun wird. Ob ich wohl mit Recht argwöhnen, d.h. glauben oder vermuten darf, diejenigen, die man die Gebildeten nennt, belustigten sich auf irgendeine Art und Weise am Auftreten der sogenannten Ungebildeten, wie sich diese ihrerseits wieder an jenen auffrischten und erquickten? Vielleicht findet in dieser Hinsicht eine Sorte gegenseitiger Belebung statt, was an sich gewiß zu begrüßen wäre.» Das steht in dem Prosastück «Die weisse Dame», in der «Prager Presse» vom November 1926, ein Stück, in dem Walser unter anderem von einem Vortrag erzählt, in dem er vor «weiteren Kreisen» als «enfant terrible» vorgestellt

Anne Gabrisch: Robert Walser und Franz Blei

10

wurde, wozu er sich «anstandshalber still» verhielt, und dann von der rätselhaften Erscheinung eines «zweifellos gebildeten» Gespenstes, das ihm nächtens begegnet, ihm, der von einer Bergwanderung kommt, aber nicht etwa Furcht einflößt, «höchstens, wie soll ich sagen, einigen mit Mitleid vermischten Respekt». In dem aber auch eine «Entsetzensszene» geschildert wird, in welcher der Verfasser «einen Gegner, der mich vielleicht im Grunde hochschätzt, der also womöglich gar nicht ist, was er mir seit langem zu sein scheint», mit einem bloßen, wenn auch konstruierten Lächeln niederstreckt. «Er sank hin, um nie wiederaufzustehen. – Diese Existenzkämpfe, die in einem fort stattfinden, um Straßen und Plätze mit Renaissanceauftritten zu schmücken!» Es sind seine versteckte Bosheiten, welche Walser gerade als Beweis für die ihm von Blei abgesprochene Bildung nimmt – «denn ich bin gebildet, nur Ungebildete glauben mir das nicht, wie könnte ich, wenn ich nicht gebildet wäre, so boshaft reden?» fragt er im Prosastück «Eine Stadt (II)», ebenfalls von 1926. Mit versteckter Bosheit allerdings ist dem nicht beizukommen, was ebenfalls ein Markenzeichen Bleis war, seinem überaus schlampigen Umgang mit ihm eingereichten Manuskripten, ja, überhaupt seinem mangelhaften Reagieren auf die Übersendung von Manuskripten. Walser scheint weder etwas über das zweite im Februar 1925 an Blei geschickte Manuskript erfahren zu haben, noch scheint Blei es für notwendig gehalten zu haben, ihm mitzuteilen, daß er das Prosastück «Wir verlieren uns nicht so schnell» ebenfalls an Otto Pick weitergeleitet hat. Auch auf die ihm übersandte «ziemliche Anzahl» von Manuskripten für ein eventuelles «Mischmaschbuch» scheint Blei nie reagiert zu haben. Und so entschließt Walser sich denn am 17. August 1926 endlich zu einem Brief – die Wut, in welcher er geschrieben wurde, verraten allerdings nur die heftigen Tintenspritzer auf der zweiten Seite. «Lieber Freund. Ich wünsche raschmöglichst in den Wiederbesitz der Dir vor einem Jahr übersandten Prosaschriften zu kommen. Du wirst begreifen können, daß ich nicht für angenehm oder passend finden kann, wenn Ungedrucktes von mir in den Händen von Leuten allzu lange liegt, von denen ich nicht weiß, wie Sie (sic!) mir gesinnt sind. Wie leicht und ungeahnt wird Mißbrauch getrieben. Du schriebst in Heft 1 der Literarischen Welt übrigens brav, wacker, d.h. in gutem Zusammenhang über mich. Sei bedankt hierfür. Ich habe die Lit. Welt abbestellt, denn ich [kon]nte sie einfach nicht mehr . Dir [geht] es vielleicht ähnlich, ich meine, ich ziehe [die f]einen Bissen den Haufen, ich ziehe die //Qualität der Quantität vor. Verüble mir die Bitte um Zurücksendung meiner Prosa nicht. Jeder kümmert sich um sein Eigentum. Ich bin heute der Meinung, daß der Verlag Rowohlt nicht so klug vorging, wie es für ihn empfehlenswert gewesen wäre. Er hat beispielsweise den Rudolf Borchardt zu jäh in die Höhe getragen. Mir scheint, daß der ächte, große, Kaufmann oder Verleger instinktiv demokratisch handelt. Rowohlt hat mir, als er anfing, als er mir noch wehmütige Briefe voll Deprimiertheit zu schreiben für gut fand, das Blaue vom Himmel herunterversprochen, was er alles von mir herausgeben wolle. Sage das niemand sondern behalte es für Dich. Grüße Deine Frau wieder von mir und sei herzlich gegrüßt von Deinem Robert W[…]» (27) Der Brief ist von Franz Blei nicht oder wenn, dann mit großer Verspätung beantwortet worden. Am 16. November 1926 schreibt Robert Walser, der um seine Manuskripte immer besorgter und gegenüber Redakteuren immer mißtrauischer wird, an Max Brod, er möge ihm zurückschicken, was er von seinen Arbeiten fürs «Prager Tagblatt» nicht brauchen könne, «es nicht etwa machend wie unser begabter, aber eigenmächtiger Freund Francois Blei von Gottesgnaden, der mit Freunden und Kollegen etwa mit Robert Walser umgeht wie mit Lakaien, d.h. Minderwertigen u.s.w. Er behält ganz urgemütlich Manuskripte und hüllt sich in einen Nebel von hoheitsvollem Schweigen, wenn man fragt, was die Manuskripte machen». Vielleicht hat er wieder gerichtliche Schritte erwogen: im Bleistiftgebiet ist noch einmal von Verhandlungen mit einem «Rechtsanwalt» die Rede. Aber da mag er auch noch vor anderen Mißhelligkeiten Schutz gesucht haben, die «Literarische Welt» bleibt ihm das Honorar schuldig. Von seinem Zorn auf den Rowohlt-Verlag, der von ihm kein Buch mehr veröffentlichen will, von dem ihm zuwideren, weil antagonistischen Borchardt jedoch vielbändige «Schriften» erscheinen läßt, dazu Buch auf Buch von Feuilletonisten wie Polgar, Franz Blei oder Franz Hessel (die damit freilich – Rowohlt steckt in finanziellen Schwierigkeiten – ebenfalls kaum etwas verdienen!) redet ja auch der Brief an Franz Blei. Und wie Walsers Verhältnis zu dem damaligen Lektor Rowohlts, Franz Hessel, dem er

Anne Gabrisch: Robert Walser und Franz Blei

11

vermutlich die Veröffentlichung seiner letzten Prosastücksammlung «Die Rose» verdankt, und den er bereits im Dezember 1907 an einem Abend bei S. Fischer in Berlin kennengelernt hatte, auch immer gewesen sein mag, im Bleistiftgebiet degradiert er ihn zum «Teigwarenvertreter» (28). Aber ob nun Rowohlt, Hessel oder «Mäxchen» Brod, sie alle haben ihn nicht so nachhaltig irritiert wie Freund Franz Blei. «Meine Abgründe sind ihm vollkommen fremd», resümiert er im September 1927 im Bleistiftgebiet (29). Das Prosastück redet zwar nicht nur über Blei, diesen «evangelischen Katholiken, diesen gepuderten Zerzausten, diesen zugeknöpften Entblößten, diesen mädchenhaft zarten Mann, diesen Adlige-Küchenmädel-wundervoll-Findenden, diesen idealistischen Zyniker, diesen Geordneten voll Unordentlichkeiten, dieses lebenbejahende Verneinungsscheusal, dieses denkbar artige Ungeheuer», aber es redet auch von Blei, der inzwischen wieder mal die schon bekannten Anekdoten über ihn erzählt hatte, diesmal auch noch in der «Neuen Zürcher Zeitung». Aber wie sollte er ihn auch verstehen, er ist nichts weiter als ein «Lebemann». Vieles an Bleischelte ist im Bleistiftgebiet geblieben. In der veröffentlichten oder zur Veröffentlichung eingesandten Prosa sind leichtlich zu entschlüsselnde Angriffe seltener, wird kunstvoll um den heißen Brei herumgeredet, wie im Prosastück «Der heiße Brei» von 1926, in dem Walser diese seine Methode reflektiert. Und dabei vielleicht auch von Blei redet – vielleicht: denn möglicherweise meint der Traumbesucher, von dem er hier erzählt, noch einen ganz anderen Widersacher Walsers. Die geheimnisvolle Spannung der Walserschen Prosa resultiert auch aus ihrer verstohlenen (und dabei oft mehrfachen) Bedeutung. «War er für mich der heiße Brei, oder war ich es für ihn.» Franz Blei mochte er eine Weile tatsächlich unterstellen, daß er ihn zwar begriff, sich aber auf eine Auseinandersetzung mit dem, was er begriff, nicht einlassen wollte. Nach dem Zorn darüber setzt sich dann wohl die Einsicht durch, daß Blei es in Wahrheit verpaßt hat, seine Entwicklung über die Anfänge hinaus überhaupt zu Kenntnis zu nehmen, daß es ihm nicht um die Vermittlung von Literaturverständnis geht, sondern vor allem um die ständige Präsenz des eignen Namens, also um schnell und effektvoll zu bewältigenden Stoff. Angesichts dieser Erfahrung entschließt er sich gar zu der verwegenen Deutung, er habe Blei gemacht, nicht Blei ihn: «Ein Freund brachte es dadurch zu etwas, d.h. ziemlich weit, daß er sich zu Zeiten, wo es ihm noch nicht gut ging, interessierend nach mir erkundigte und daß ich mich in diese Interessebekundung freundschaftlich einließ», so heißt es im «Hamlet-Essay» von 1926. Natürlich weiß er, daß diese Umkehrung falsch ist. Der Markt wird von den Moderatoren bestimmt. Blei war einer der ersten, die ihn moderierten, also hat Blei ihn gemacht. Und Blei, noch immer imstande den Ton in den Gazetten mitzubestimmen, moderiert ihn weiter und immer weiter. Blei lehrt ihn das Fürchten, oder die Verachtung und endlich die Resignation. Blei redet unaufhörlich von ihm und doch immer wieder das gleiche, so am 1.5.1927 in der «Neuen Zürcher Zeitung». In der «Literarischen Welt» vom 9.5.1928, wo er «Drei Fünfzigjährige» feiert: Carl Sternheim etwas länger, Erich Mühsam, ganz textlos, nur mit einer Zeichnung, und von Robert Walser erzählt er die Anekdote, die ihm, wie's scheint, für den «Prolog» noch fehlte: die vom Schriftsteller, der sich vor einem potentiellen Verleger als sein eigener Diener ausgibt. Zuvor hatte er in der «Prager Presse» vom 15. April 1928 Walser einen längeren Geburtstagartikel gegönnt, der, wie auch der Aufsatz vom Jahr zuvor in der «Neuen Zürcher Zeitung», im wesentlichen den «Prolog» wiederholt, die DienerVerleger-Anekdote aus Rücksicht auf die «Literarische Welt» ausspart und dafür ein paar Wendungen aus seiner Rezension der «Rose» aufnimmt, so die von den schweizerischen Jungensknochen, die sich um nichts in der Welt in Stimmungssülze legen lassen, und er fügt der Stimmungssülze um Robert Walser ein weiteres Arom hinzu, mit dem Bild vom «Caspar Hauser, der nach seinem Schicksal unterwegs ist». Daß der Vergleich mit Hauser Walser hat zusammenzucken lassen, verrät seine Erwähnung des Denkmals von Kaspar Hauser in Ansbach, «über den Papa Paul Verlaine ein rührendes Gedicht schrieb, als er einst Süddeutschland bereiste» im Brief an Therese Breitbach vom Dezember 1928. (30) Danach zitiert er ein Wort über den jungen Franz Blei in Zürich: einen «Aufschneider» hatte ihn damals bei Gelegenheit eine Studentin genannt. Und er fügt hinzu: «Alle Essayisten müssen, um interessant zu scheinen, bis zu gewissen schicklichen Grenzen aufschneidern. Dies gehört zur Berufsausübung, die nicht von jedem Beliebigen verstanden werden kann. Doch ich sprech plötzlich ganz doktorhaft seriös». Die Briefäußerungen Robert Walsers zu Bleis Aufsätzen über ihn sind vorsichtig, versuchen, sein Verletztsein hinter Ironie zu verstecken, so wenn er im Brief an Therese Breitbach vom 19.4.1928 das «Blumensträußchen» erwähnt, das «Franz Blei der berühmte Herr Doktor»

Anne Gabrisch: Robert Walser und Franz Blei

12

ihm in der «Prager Presse» zum Geburtstag gebunden habe; und damit eine der niedlichen Vokabeln aufnimmt, mit denen Blei ihn neuerdings umschreibt. Er weiß, dieser Plauderer ist beim Feuilletonleser noch immer beliebt; sogar bei der prüden Familie findet er Anklang: als Lisa Walser am 9.März 1937 Carl Seelig Manuskripte Walsers und Zeitungsausschnitte übersendet, schreibt sie, es sei auch ein Artikel Franz Bleis darunter, «aus dem Sie einige reizende Züge über Roberts Wesen entnehmen können.» (30) Nur in seinem Brief vom 10. April 1928 an Walter Kern, einen Mitarbeiter der Basler «Individualität», nennt Walser Blei umstandslos seinen «Feind». (31) Franz Blei hat seine Walser-Anekdoten in den folgenden Jahren noch einige Male vermarktet. Im «Berliner Tageblatt» vom 24. Oktober 1930, in seiner Autobiographie «Erzählung eines Lebens» von 1930, innerhalb einer neuen Porträtreihe von ihm in der «Prager Presse» vom 21. April 1935, im Berner «Kleinen Bund» vom 10. 0ktober 1937, in den «Zeitgenössischen Bildnissen» von 1940. Es bleibt in diesen jeweils nur leicht variierten Porträts bei den ein für allemal geprägten Stereotypen vom naiven, unbelesenen, gesellschaftlich ungelenken und naturseligen romantischen Wanderburschen, vom verhinderten Pagen und glücklosen Lakaien, vom Kaspar Hauser, der nach seinem Schicksal unterwegs ist, von einem, der über kleine Dinge groß schreibt, und dem Blei insgeheim doch nur den literarischen Status eines «Ephemeriden» zubilligt – die verräterische Vokabel aus dem Brief an Carl Schmitt findet sich im Geburtstagsaufsatz von 1928 in der «Prager Presse» und in der Fassung fürs «Berliner Tageblatt» von 1930. Wenn Blei schreibt: «Persönlich erfuhr er ja gröbste Widerlegungen …», so meint das nicht etwa die Walser fehlende literarische Anerkennung, sondern das Scheitern einer – von Blei vermutlich ohnedies erfabelten – Fußreise Walsers von München nach Berlin, und die platte Beschaffenheit der Busen, denen der schwärmerische Walser dichtend soviel schmückende «Sträußchen» gebunden haben soll. Daß ihm dennoch nichts mißlang, weder sein Leben noch sein Schreiben, behauptet Blei – als er das 1930 schrieb, saß Walser seit geraumer Zeit in der Waldau. Es bleibt bei allen vorgegebenen Irrtümern: das «kleine Schweizer Städtchen Murten» – schon dies deutet auf Idyll, auf Landfrömmigkeit und provinzielle Weltabkehr – wird beharrlich als Wohnort Walsers angegeben, doch Walser lebte nach der Rückkehr aus Berlin in seiner Geburtsstadt Biel, einer mittleren Industriestadt, und ab 1921 in Bern, der schweizerischen Bundeshauptstadt. Blei hat Briefe aus beiden Städten von Walser erhalten. Und vermutlich eine Karte von einem Ferienaufenthalt aus Murten Anfang September 1925. Es bleibt dabei, daß der Siebzehnjährige die Gedichte schrieb, die Franz Blei 1898 so entzückten, und «es gibt keine späteren Verse», (er weiß auch von keiner Neuauflage der «Gedichte»). Doch die Blei zuerst vorgelegten Verse waren vom zwanzigjährigen Walser verfaßt, der siebzehnjährige wollte Schauspieler werden – er hat das in seiner Prosa wiederholt erzählt. Und es bleibt hartnäckig bei der Feststellung, Walser habe zwei Romane geschrieben, «Geschwister Tanner» und «Der Gehülfe», den ersten hat Blei, wenn auch sparsam, so doch in den höchsten Tönen des Lobes, die nicht folgenlos für Walsers schnellen und schnell wieder verblassenden Berliner Ruhm bleiben sollten, rezensiert, den zweiten hat er zumindest angezeigt. Den dritten, den «Jakob von Gunten», hat er, so weit ich sehe, nirgends auch nur erwähnt. Hat er, dieser Fürsprecher der literarischen Moderne, ihn vielleicht gar nicht gelesen? Nach den Anekdoten, die über des Viellesers Blei auch flüchtigen Umgang mit Literatur berichten, wäre das durchaus möglich. Durchaus zu Blei paßt auch, daß er, selbst wenn er auf seine fehlerhafte Behauptung von den nur zwei Romanen Walsers aufmerksam gemacht worden wäre, sich nicht korrigierte, Blei hat die zahlreichen Fehler in seinen vielen Büchern auch bei Nachauflagen und Neuzusammenstellungen niemals korrigiert, dazu hatte er einfach keine Zeit; der noch nie sehr gründliche Blei war im Laufe der Jahre und der zunehmenden Geldnot zum bedenkenlosen Vielschreiber und Immerwiederverwerter des einmal Geschriebenen geworden. Entfallen waren ihm, als er sich Mitte der zwanziger Jahre auf die unterhaltsamen und damit leichtverkäuflichen Biographika seines Zöglings Robert Walser besann, die Anekdoten, mit denen er schon seine Rezension zu dessen Erstling «Fritz Kochers Aufsätze» in der Wiener «Zeit» geschmückt hatte. Von Walsers angeblichem Wunsch, ausgerechnet beim Insel-Herausgeber Alfred Walter Heymel Diener werden zu wollen, ist da noch nicht die Rede, überhaupt nicht von der «Insel», sondern davon, daß der (in Wahrheit doch so ehrgeizige) junge Mann nach München kam, um dort nach einem Kammerdienerposten Ausschau zu halten. «Aber seine Annoncen, in denen er seine lyrischen Fähigkeiten zu erwähnen für besonders verlockend hielt, hatten kein Glück; auch konnte er weder Silber putzen, noch einen Zylinderhut aufbügeln und ging so wieder nach Zürich zurück, wo er zuwartend einem blinden Greis die Zeitung vorlas, für zwanzig Rappen die Stunde. Er fand wieder eine Stelle als

Anne Gabrisch: Robert Walser und Franz Blei

13

Schreiber und war geborgen. Und Kommis im Bankgeschäft ist er heute noch acht Monate im Jahr, und vier Monate im Winter wandert er durchs Land.» – Derlei ist der Walser-Legende nun durch die Vergeßlichkeiten des in den letzten Berliner Jahren vollkommen überanstrengten Franz Blei entgangen. 1932 ging Blei nach Mallorca, wo sich mit den kargen Honoraren (Grundstock war ein kleines Fixum des Rowohlt-Verlages) besser leben ließ. Er starb, immer noch ein Mann der vielfältigen Beziehungen, in der amerikanischen Emigration. Helga Mitterbauer hat über Bleis Emigrationsjahre einen ausführlich recherchierten Aufsatz veröffentlicht. (32) In ihm ist nachzulesen, wie Annette Kolb ein Krankenhaus für «poor men» in der Nähe von New York für den kranken Blei ausfindig machte, schließlich mit Hilfe von Bekannten die Kosten für sein Begräbnis zusammenbrachte und dann nicht an der Beerdigung teilnehmen konnte, weil sie das Geld für das Taxi nicht mehr hatte. Als Franz Blei 1942 in dieser Klinik für «poor men» starb, lebte Robert Walser noch, in einer Anstalt, die ebenfalls als eine für «poor men» zu bezeichnen wäre, im Irrenhaus zu Herisau. Ganz sicher hat er manchmal an seinen ehemaligen Freund gedacht, der ihm dann zum Verfolger mit dem «impertinenten Blick» geworden war – als er im August 1927 auf dem Berner Münsterplatz Hofmannsthals «Das große Welttheater» sieht, will er in der Teufelsfigur «einen in den Kreisen von über letzte Dinge Unterrichteten vielgenannten Essayisten» erkennen. (33) Verziehen hat er ihm nicht, er hätte ihn sonst nicht so ganz und gar aus seinen Gesprächen mit Carl Seelig verschwinden lassen, nur einmal erwähnt er ihn, als denjenigen, der ihn mit Kubin bekannt gemacht habe. Ich vermute, er hätte ihm auch nicht verziehen, wenn er gewußt hätte, daß Franz Blei noch im Februar 1940 in einem Brief aus dem südfranzösischen Exil auf ein Gedicht von ihm anspielte: «Graue Tage, wo die Sonne/ Sich wie eine blasse Nonne/ Hat gebärdet, sind nun hin» (34). Es wäre ihm zum neuerlichen Beweise dafür geworden, daß dieser allzu hurtige Leser und gehetzte «Doktor der Literatur» nicht viel mehr von seinem Schreiben begriffen hatte und – aus einer sentimentalen Erinnerung heraus – schätzte, als eben jene frühen Gedichte, und so ganz falsch hätte er damit ja auch nicht gelegen.

Anne Gabrisch: Robert Walser und Franz Blei

14

Anmerkungen 1. Die Joseph Viktor Widmann am 8. Mai 1898 im Briefkasten vom Sonntagsblatt des Berner «Bund» veröffentlicht hatte. 2. Dazu ausführlich: Kurt Ifkovits: Die Insel. Eine Zeitschrift der Jahrhundertwende. Phil. Diss. Wien 1996. 3. Paul Verlaine beispielsweise, den Walser, zum Erstaunen seiner neuen Bewunderer, damals noch nicht gelesen hatte, hat er ganz sicher durch Franz Blei kennengelernt, wenn seine frühen Blei-Porträts davon auch nichts erzählen. Später wird Verlaine zu einem der Reizworte in der Blei- und Gebildetenschelte Walsers werden. 4. Vgl. Bernhard Echte in: «Immer dicht vor dem Sturze ...» Zum Werk Robert Walsers. Hrsg. von Paolo Chiarini und Hans Dieter Zimmermann. Frankfurt a.M.: Athenäum 1987, S. 331. Und: Anne Gabrisch: Robert Walser und die Fee. In: Akzente. Zeitschrift für Literatur. Herausgegeben von Michael Krüger. München: Hanser, Heft 3/Juni 1991. 5. Robert Walser: Aus dem Bleistiftgebiet. Im Auftrag des Robert Walser-Archivs und der Carl SeeligStiftung, Zürich, entziffert und herausgegeben von Bernhard Echte und Werner Morlang. Fr.a.M.: Suhrkamp Verlag 1985 ff. (im Folgenden als AdB zitiert), Bd.1, S. 277, «Damals war es…» 6. Belegt sind inzwischen nach den Recherchen von Kurt Ifkovits (s.A.2) Aufenthalte Walsers in München vom 28.11.1900 bis 1.1.1901 und vom 3.7.–6.8.1901, zudem vom 14.9.–14.10.1901. Während des ersten Aufenthaltes gibt er als Beruf Commis und als Zweck seines Aufenthaltes die Suche nach einer Stelle an, für die Aufenthalte von 1901 meldet er sich als «Schriftsteller» an. Nicht belegt (durch die nach Ifkovits vor 1905 nur lückenhaft existierende Münchner Einwohnerkontrolle) ist nach wie vor der Besuch in München im Jahre 1899, den Walser im Brief vom 2.5.1899 aus Thun an Joseph Viktor Widmann ankündigt; daß er dennoch stattgefunden haben mag, läßt Rudolf Alexander Schröders Brief an Otto Julius Bierbaum vom 17.7.1900 vermuten (der, wie Ifkovits recherchiert hat, bisher auf 1901 fehldatiert war): das Diktum «Der Mensch widerlich» setzt persönliche Bekanntschaft voraus. Ebenso läßt eine Karte, die Karl und Robert Walser am 9.6.1900 aus Ligerz am Bielersee gemeinsam an Marcus Behmer nach München schreiben, vermuten, daß auch Robert Walser damals Behmer bereits kennengelernt hatte. Und außerdem will Walser sein 1899 entstandenes Dramo1et «Die Knaben» in München dem Ehepaar Dauthendey vorgelesen haben. 7. Vgl. das Prosastück «Würzburg» (im November 1915): Sein Anfang erzählt, daß Walsers Marsch aus München nach Würzburg einer Flucht gleichkam; daß er in einer bedenklichen psychischen Verfassung in Würzburg anlangt, zeigen im ansonsten herben [?] Prosastück «seltsame Gesichter, Visionen», die ihm «dunkelrot am heiter hellen blauen Tag» erscheinen, ein Gefühl, daß der feste Boden sich «traumhaft rund» um ihn herum drehe. 8. Franz Blei 16.6. und 20.6.1903 an Rudolf von Poellnitz, dazu Rudolf von Poellnitz am 24.7.1903 an Franz Blei. Briefe in Goethe-Schiller-Archiv / Insel-Archiv, Weimar. 9. Die verschnörkelte Widmung zieht sich über das ganze Vorsatzpapier hin: «Herrn und Frau Blei den Fritz Kocher in threuer Freundschaft der Verfasser Robert Walser. Zürich, Anfang Dezember 1904 Schipfe 43 / Mit den innigsten Wünschen für Euer beider Glück./ Welch ein Wohlsein, liebe Andere im Wohlsein zu wissen.» – Nach: Maria Assuncao Pinto Correia: Robert Walser in der Lissaboner Nationalbibliothek. In: runa. Revista portuguesa de estudos germanísticos, 21 (1/1994). Franz Bleis (sehr rudimentäre) Bibliothek, die durch seine Tochter Sibylla Blei an die Nationalbibliothek in Lissabon kam, enthält, neben einigen unsignierten Erstausgaben Robert Walsers, auch vier mit handgeschriebenen Widmungen an Franz Blei: «Fritz Kocher's Aufsätze», die «Gedichte», «Aufsätze», «Kleine Dichtungen». 10. In der Wiener Zeitung «Die Zeit» vom 1. Januar 1905: «Fritz Kochers Aufsätze. Von Robert Walzer (sic). Mit elf Zeichnungen von Karl Walzer (sic). Leipzig 1904. Insel-Verlag.' Gez. München. Franz Blei. – Die Rezension wurde erst vor einiger Zeit von Kurt Ifkovits entdeckt. 11. Das erhaltene Widmungsexemplar trägt die Inschrift: «Meinem lieben Freund Franz Blei und/ Frau Maria Blei mit herzlichen Grüßen/ Robert Walser/ Berlin, 26. November 1908». 12. In den «Literarischen Exkursen», mit denen Blei sein witziges «Bestiarium literaricum» (1920 bei Georg Müller in München») ab 1922 in immer wieder neuen Auflagen (beim Rowohlt-Verlag, Berlin) zum «Großen Bestiarium» erweiterte, fehlt der Name Walsers neben Lyrikern wie Hofmannsthal und Borchardt nun, offenbar war er ihm nicht mehr repräsentativ.

Anne Gabrisch: Robert Walser und Franz Blei

15

13. Max Brod hatte Arbeiten Robert Walsers in alle drei Abteilungen: Lyrik, Prosa, Dramatisches, seines im Frühjahr 1913 ebenfalls bei Kurt Wolff erscheinenden Jahrbuchs «Arkadia. Ein Jahrbuch für Dichtkunst» aufgenommen; er hatte in seinem «Kommentar zu Robert Walser» (in Pan, 2. Jg. Nr. 2, 15. Oktober 1911, danach in Brods Essayband «Über die Schönheit häßlicher Bilder», 1913 bei Kurt Wolff) den ersten umfangreicheren und gegründeten Aufsatz über die Besonderheiten von Walsers Prosa veröffentlicht. 14. Kurt Wolff, Briefwechsel eines Verlegers 1911–1963 (Fischer Taschenbuch Verlag Oktober 1980, ergänzte Auflage), S. 514 (Anm. zu S. 102), wo aus einem undatierten Brief (April 1913) von Franz Werfel an Kurt Wolff zitiert wird: «natürlich sollen Sie Musil verpf1ichten. Aber so, daß er nicht, wie jetzt Walser bei Fischer, einen großen Roman wo anders erscheinen läßt und Ihnen kleinere Bücher gibt.» 15. Robert Musil: Franz Blei. In: Der Friede, Wien, Juli 1918. 16. Das Widmungsexemplar ist im Besitz von Dr. Werner Morlang, Zürich. 17. Franz Blei: Briefe an Carl Schmitt 1917–1933. In Zusammenarbeit mit Wilhelm Kühlmann hrsg. und erl. von Angela Reinthal. Manutius Verlag Heidelberg, 1995, Brief Nr. 29a, S.62 ff. – Blei hat hier, was Reinthal in ihren Erläuterungen bezweifelt, ganz eindeutig den «Roland» im Auge. 18. Adb, 1, S. 277 . 19. Walser begegnet Sibylla von Lieben wenig später gleich noch einmal auf der Leinwand, auch in «Madame Dubarry» von 1919, der vom 22.–25. Mai in Bern läuft, ist sie in einer Nebenrolle zu sehen. 20. AdB, 1, S. 65. 21. Zeit im Bild [?] 22. AdB, I, S. 185. 23. Das Ratcliff-Stück aus dem Bleistiftgebiet ist, voller «seltsamster Verknüpfungen», ein sehr komplexes Gebilde, inhaltlich wie formal, auf dessen Details, biographische Andeutungen und Assoziationen, auch Parallelen im Bleistiftgebiet und der übrigen Walserschen Prosa hier nicht eingegangen werden kann; es wurde um einige Belegstellen gerupft. Und das gilt, nebenbei gesagt, auch für die übrigen hier zu Rate gezogenen Prosastücke. 24. Robert Walser-Archiv, Zürich – Stargardt-Auktionskatalog 1983 25. Als Blei anläßlich von Walsers 50. Geburtstag in der «Literarischen Welt» eine weitere seiner unterhaltlichen Walser-Anekdoten erzählt, fügt er ihr dieses Foto bei – wenn es nicht die «Literarische Welt« der «Individualität» nachdruckte, der Walser das Bild, das er sich eigens dafür von der Schwester Lisa in Bellelay schicken ließ, 1927 vorsichtigerweise zur Verfügung gestellt hatte. 26. Es ist wohl nicht von ungefähr, daß Willi Haas, Herausgeber der «Literarischen Welt» von 1925 bis 1933, in seinen Lebenserinnerungen «Die literarische Welt» (Fischer Taschenbuch Verlag, April 1983), in denen er auch Intrigen gegen seinen Chefsessel erwähnt, den Namen Franz Blei überhaupt nicht nennt. 27. Handschrift in der Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg, Handschriftenabteilung, Ernst MeyerCamberg Sammlung, Ms 3001; geringer Textverlust, in // [??]; oben auf der zweiten Seite heftige Tintenspritzer). Mit geringfügigen Transkriptionsfehlern. In 'Mitteilungen der Robert WalserGesellschaft 3/1998, S. 16 28. AdB, 4, S. 135, Dez. Jan. 1926/27 . «Teigwaren leicht gefärbt» war der Titel eines Bandes mit Erzählungen von Franz Hessel, der 1926 bei Rowohlt erschien. 29. AdB, 4, S. 47 30. Robert Walser-Archiv, Zürich: Brief Lisa Walser an Carl Seelig, 9. März 1937. 31. Veröffentlicht in den «Mitteilungen der Robert Walser-Gesellschaft», 3, 1998, S. 17. 31. Helga Mitterbauer: Rastloser Ruhestand. Zur Emigration von Franz Blei. In: Mit der Ziehharmonika. Literatur. Widerstand. Exil. 14. Jg. Nr. 3, November 1997, Graz. 33 . AdB , 4, S. 211 34. Exilbrief