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PANORAMA 5|2008 19 STUDIENWAHLUNTERRICHT AN DER KANTONSSCHULE SOLOTHURN Biologie – oder doch lieber Physiotherapie? Jugendliche erhalten im 8. und ...

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PANORAMA 5|2008

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STUDIENWAHLUNTERRICHT AN DER KANTONSSCHULE SOLOTHURN

Biologie – oder doch lieber Physiotherapie? Jugendliche erhalten im 8. und 9. Schuljahr in der Regel Berufswahlunterricht. Sie sollen eine bewusste und angemessene Berufswahl treffen können . In den Gymnasien jedoch findet die Auseinandersetzung mit der Studienwahl kaum Niederschlag im Unterricht. Die Studienabbrecher-Quoten sind hoch. An der Kantonsschule Solothurn versucht man , das zu ändern .

Ein Fünftel der Studierenden wechselt mindestens einmal das Fach, rund ein Drittel bricht das Studium gar ab. Besonders gefährdet, das Studium nicht zu beenden, sind Studierende der Sozialwissenschaften. Studienrichtungen, die eng mit den gewählten Schwerpunkt- und Ergänzungsfächern des Gymnasiums zusammenhängen, werden weniger oft abgebrochen. «Studienabbrechende geben häufiger an, bei der Studienentscheidung unsicher gewesen zu sein und keinen ausgeprägten Fachwunsch gehabt zu haben», heisst es in einer neuen Studie.1 Unsicherheit über die eigenen Fähigkeiten, Neigungen und Lebenspläne, aber auch mangelnde Kompetenzen, die relativ freie Situation an der Universität zu bewältigen, können zu Brüchen und Umbrüchen führen, die sich manchmal vermeiden lassen. 1

Studienfachwahl und Fächerwechsel. Eine Untersuchung des Wahlprozesses im Übergang vom Gymnasium an die Hochschule. Noëmi Eglin-Chappuis. Zentrum für Wissenschaftsund Technologiestudien CEST, 2007. 2 Studien- und Berufswahlvorbereitung. Kurse und Veranstaltungsangebote für Mittelschülerinnen und Mittelschüler. Projektgruppe «Berufswahlvorbereitungskurse an Mittelschulen», SDBB-Verlag, 2007. 3 Konzept «Studienwahlvorbereitung an Mittelschulen im Kanton Schwyz». Maja Gross, Sandra Thüring, 2002, abrufbar unter www.sz.ch/berufsberatung 4 Siehe «Dann studiere ich halt». Sandra Thüring, PANORAMA 4/2003.

Natürlich kennen die Studienberaterinnen und Studienberater der Berufs-, Studienund Laufbahnberatungsstellen die Problematik. Sie bieten denn auch verschiedene Materialien für die Mittelschulen an.2 Studienwahlunterricht, der durch Lehrpersonen angeboten wird, führt jedoch nach wie vor ein stiefmütterliches Dasein.3 Die Studienberaterin Sandra Thüring, die zusammen mit ihrer Kollegin Maja Gross ein Konzept für Studienwahlunterricht für den Kanton Schwyz entwickelt hat, machte beispielsweise die Erfahrung, dass die Idee der Studienwahlvorbereitung an den Gymnasien als Teil des Unterrichtes sehr unterschiedlich aufgenommen wurde. Als zentral für die Akzeptanz unter der Lehrerschaft erwies sich die Haltung des Rektorates dem Thema gegenüber. Ist es diesem Angebot gegenüber offen, hat der Studienwahlunterricht gute Chancen, umgesetzt zu werden. Dennoch führen bis heute nur einzelne Lehrpersonen diesen Unterricht durch, meist wird die Thematik an die Studienberatungsstellen delegiert.4 STUDIENWAHLUNTERRICHT IN SOLOTHURN

An der Kantonsschule Solothurn gibt es an der Abteilung Mathematisch-Naturwissenschaftliches Maturitätsprofil seit zwei Jahren einen Studienwahlunterricht. Er wurde 2006/2007 als Pilotprojekt mit einer Matu-

Bettina Hübscher

raklasse begonnen und im folgenden Jahr wiederholt. Im ersten Jahr faktisch obligatorisch, wurde der Unterricht im zweiten Jahr als Freikurs für die beiden damaligen vierten Klassen der Abteilung durchgeführt. Der Kurs stiess auf Interesse, zwei Drittel der Schülerinnen und Schüler besuchten das freiwillige Angebot. Bisher haben 45 Maturandinnen und Maturanden den Kurs besucht. Initiant war Alfons Ritler (Interview). Der Kurs umfasst sechs Einzellektionen im Zeitraum von August bis Februar des letzten Schuljahres. Die Lektionen dienen der Information und Diskussion über studienrelevante Fragen. Dazwischen sind Aufgaben zu lösen, die den individuellen Studienwahlprozess vorantreiben. Bereits vor dem Maturajahr haben alle Jugendlichen, also auch diejenigen, die den freiwilligen Kurs nicht besuchen, eine Informationsveranstaltung bei der kantonalen Studienund Laufbahnberatungsstelle besucht sowie einen bis vier Besuchstage an Unis und ETHs absolviert. Der Studienwahlunterricht ist folgendermassen aufgebaut: • Ende August: Ziele, Programm, Arbeitsweise. Bildungssystem Schweiz; Klärung der individuellen Studienwahlreife über Fragebogen. • Mitte Sept.: Ausfüllen von Fragebogen: «Am liebsten würde ich …» (optional) und «Studien-Interessen-Check (SIC)».

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«Das kommt nicht einfach so» PANORAMA: Warum haben Sie einen Studienwahlunterricht an Ihrer Schule eingeführt?

Alfons Ritler: Die Idee kam von meiner Frau. Sie hatte als Berufs- und Laufbahnberaterin festgestellt, dass nicht nur viele 14- bis 15-jährige Jugendliche mit dem Berufswahlentscheid stark gefordert und manchmal überfordert sind, sondern auch viele Maturandinnen und Maturanden Mühe mit der Studienwahl haben. Ich machte an meiner Schule eine Eingabe für ein Pilotprojekt zur Studienwahl. Meine Frau entwarf das Konzept für einen Studienwahlunterricht, während ich im Frühjahr 2006 die nötigen Formalitäten mit dem damaligen Rektor klärte. Ausserdem habe ich den Berufs- und Laufbahnberater Urs Keller von der Studien- und Laufbahnberatung des Kantons Solothurn in die Planung einbezogen. Maturandinnen sind volljährig, also mündig. Braucht es denn überhaupt einen Studienwahlunterricht?

Natürlich kann man die Meinung vertreten, man solle die Maturanden nicht • Anfang November: Auftrag: Selbst- / Fremdwahrnehmung von eigenen Fertigkeiten und Neigungen durch Umfrage bei Familie und Freundinnen. • Mitte November: Auswertung des Auftrages zur Selbst-/Fremdwahrnehmung; Klären offener Fragen. Auftrag: Interview(s) mit Fachperson aus interessierendem Fachgebiet führen. • Mitte November: Elternabend mit Informationen zum Bildungssystem Schweiz, Hochschulbildung, Adoleszenz und Studienwahl, Finanzierungsfragen und anderes. Diskussionsmöglichkeiten zur Studienwahl, gemeinsam durchgeführt von der Lehrperson und dem Berufs- und Laufbahnberater des BIZ Solothurn. • Mitte Dezember: Auswertung der Interviews; offene Fragen; Darstellen des individuellen Studienwahlprozesses mittels Fragebogen. • Ende Februar: Auswertung des Kurses. Parallel zu den geführten Veranstaltungen besuchen die Schülerinnen und Schüler In-

«überbehüten». Das zentrale Bildungsziel der Maturitätsschulen ist gemäss Artikel 5 des Maturitätsanerkennungsreglementes (MAR), die Schülerinnen zu jener persönlichen Reife zu bringen, die sie für ein Hochschulstudium benötigen. Daraus leite ich als Klassenlehrer den Auftrag ab, die Schüler darin zu unterstützen, dass sie am Ende der gymnasialen Ausbildung in der Lage sind, einen für sie passenden und realistischen Entscheid zu treffen, wie es weitergehen soll. Zu glauben, das komme bei allen einfach so, quasi von alleine, entspricht keineswegs meinen Erfahrungen. Wie hat der Rektor auf diese Idee reagiert?

Sehr positiv. Er kannte die Problematik und begrüsste den Versuch, eine Unterrichtssequenz mit einer Klasse auszutesten und nach einer Pilotphase zu entscheiden, ob man den Studienwahlunterricht zumindest innerhalb der Abteilung weiterführe. Erfreulicherweise unterstützt seine Nachfolgerin die Idee. Sie hat veranlasst, dass in unserer Abteilung der Studienwahlunterricht nun definitiv als offizieller Freikurs im Jahr vor der Matur angeboten wird. formationsveranstaltungen und werden dazu angehalten, sich übers Internet zu informieren und mit der Lehrperson offene Fragen zu besprechen. WAS BRINGT STUDIENWAHLUNTERRICHT AN GYMNASIEN?

Sowohl der Studienwahlunterricht wie auch der Elternabend, der im Rahmen des Unterrichtes angeboten wurde, wurden evaluiert. Die Hälfte der Klasse, die im November 2006 den Studienwahlunterricht begonnen hatte, absolvierte nach der Matura ein Zwischenjahr. Der Studienwahlunterricht hat manche massgeblich in ihrer Entscheidungsfindung unterstützt, andere haben Sicherheit und Orientierung gewonnen und waren dazu gezwungen, sich mit dem wichtigen Thema auseinanderzusetzen. Ein Schüler etwa notierte: «Die verschiedenen Studienrichtungen haben mich damals noch nicht sonderlich interessiert, weil ich wusste, dass ich zuerst ein Zwischenjahr einschalte und somit noch

Alfons Ritler

Wie steht die Gesamtschule zum Studienwahlunterricht?

Die Rektoren der beiden anderen Abteilungen und der Direktor stehen der Idee prinzipiell positiv gegenüber. Aber sie wollten zuerst die Erfahrungen der inzwischen abgeschlossenen Pilotphase abwarten und die Frage danach wieder aufnehmen. Die Entscheidung, ob das Angebot für die ganze Schule ausgebaut wird, fällt frühestens im Jahr 2009. Wir haben jährlich über 200 Maturandinnen und Maturanden. Wenn nur die Hälfte diesen Freikurs belegt, erreichen Planung und Ressourcenverbrauch (Stundenplan, Lehrkräfte, Lohnkosten usw.) andere Dimensionen als in der aktuellen Form. Ob es zu einem gesamtschulischen Angebot kommen wird, kann ich deshalb nicht abschätzen. Zeit zum Entscheiden der Studienrichtung habe. Dank dem Studienwahlunterricht habe ich mich aber erstmals mit der Zeit nach der Kantonsschule befasst. Ich wusste damals noch nicht, ob ich überhaupt studieren soll. Der Unterricht hat mich also ‹gedrängt›, mich zwischen Studium oder sonst was zu entscheiden.» Auch die Feedbacks der Eltern zeigten, dass das Angebot sehr geschätzt wurde. So gaben die Befragten an, der Unterricht habe in der Familie zu intensiven Diskussionen über die berufliche Zukunft des eigenen Kindes geführt; man habe interessante neue Informationen erhalten. Manche vertraten gar die Meinung, Studienwahlunterricht sollte obligatorisch angeboten werden. Bettina Hübscher Ritler ist lic. phil. I, Psychologin, dipl. Berufs- und Laufbahnberaterin BBT. Adresse: Felsenaustr. 25c, 3004 Bern, [email protected] Dr. Alfons Ritler ist Gymnasiallehrer an der Kantonsschule Solothurn, Abteilung MathematischNaturwissenschaftliches Maturitätsprofil. [email protected]