Ausgabe Februar 2011 - Deutsche Gesellschaft für

Ausgabe Februar 2011 - Deutsche Gesellschaft für

1/2011 Ausgabe Februar 2011 Impressum 2 Vorwort 3 „DGSS @ktuell“ jetzt mit ISSN / neue Erscheinungstermine 4 Exklusive Angebote für Mitglieder ...

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1/2011 Ausgabe Februar 2011 Impressum

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Vorwort

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„DGSS @ktuell“ jetzt mit ISSN / neue Erscheinungstermine

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Exklusive Angebote für Mitglieder

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Der Aufsatz

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Heath Ledger in „The Dark Knight“: Andere Stimme, andere Wirkung? Von Christian Haas

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Diskussion Wie einfältig ist der Mensch, der meint, er habe nur eine Stimme – eine Antwort an Hans-Martin Ritter Von Hellmut K. Geißner

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DGSS-Akademie DGSS-Jahrestagung 2011 (36) · Impulsfortbildungen der DGSS-Akademie (37) · Veranstaltungen der Landesverbände (39) · Forum der Studierenden 2011 (39) · Externe Veranstatlungen (39)

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Neuigkeiten in Kürze Examensarbeiten-Preis der DGSS: Meldefrist bis 30.06.2011 verlängert (40) · Eberhard Wolf-Lincke legt Promotions-Gesamtprüfung im Fach Sprechwissenschaft mit „summa cum laude“ ab (40) · Neue MDVS-Homepage (41) · Rezitationswettbewerb 2010: „Kurt Tucholsky “(41) · Einladung zum RezitationsWettbewerb 2011: „Heinrich von Kleist“ (43) · Masterstudiengänge Sprechkunst, Mediensprechen und Rhetorik in Stuttgart – Bewerbungen für Studium ab WS 2011/2012 jetzt möglich (44)

Nachruf auf Prof. Dr. Elmar Bartsch

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Rezension

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Uwe Schürmann, Uwe (2010): Vorlesen und Vortragen leicht gemacht

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Die bunte Ecke ;-) Syntax für Politiker

ISSN 2191-5032

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DGSS @ktuell – Impressum

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IMPRESSUM Herausgeber:

Deutsche Gesellschaft für Sprechwissenschaft und Sprecherziehung e. V. Internetadresse: http://www.dgss.de 1. Vorsitzende: Prof. Dr. Christa Heilmann Ginsterweg 10 35274 Anzefahr Tel.: +49 (0)6422 7117 Fax: +49 (0)6421 284 558 E-Mail: [email protected]

Wissenschaftliche Prüfung:

Redaktion:

Prof. Dr. habil. Lutz-Christian Anders, Prof. Dr. habil. Ines Bose, Prof. Dr. habil. Norbert Gutenberg, Prof. Christoph Hilger, Prof. Dr. habil. Baldur Neuber, Prof. Dr. Bernd Schwandt Kai Busch DGSS-Geschäftsstelle Petersburger Str. 37 10249 Berlin Tel.: +49 (0)30 420 27 684 Fax: +49 (0)30 420 27 685 E-Mail: [email protected]

Druck:

Druckerei der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Briefe, Hinweise und Artikel von DGSS-Mitgliedern werden weitmöglichst ungekürzt und unzensiert abgedruckt. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion bzw. des DGSS-Vorstands wieder. Die Bankverbindung der DGSS: Sparkasse Aachen (BLZ 390 500 00) Konto-Nr. 472 600 88

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DGSS @ktuell – Vorwort

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Liebe Mitglieder, ein neues Jahr hat begonnen und Vorstand und Geschäftsstelle möchten diese Zäsur nutzen, Ihnen für das Jahr 2011 gute Wünsche zu senden. Möge das Jahr Ihnen Erfüllung Ihrer Wünsche und Ziele bringen, Gesundheit, Kreativität und Tatkraft für Ihre Pläne! Uns allen sei Achtsamkeit und Behutsamkeit in der Kommunikation miteinander gewünscht, damit uns in der internen Kommunikation gelingt, was wir extern lehrend vertreten. Ich habe am heutigen Sonntag, dem 2. Sonntag nach Epiphanias, mitten im Januar, die ersten Frühlingstriebe in meinem Garten entdeckt – Schneeglöckchen und kleine Traubenhyazinthen wagen sich nach oben. Wenn das kein Signal zum Aufbruch in hellere und wirtlichere Zeiten ist! In diesem Sinne freuen wir uns auf die Zusammenarbeit auch in diesem Jahr, das geprägt sein wird durch die Fachtagung in Flensburg und die zeitlich damit verbundene Mitgliederversammlung mit Neuwahlen. Wenn Sie Wünsche und Vorschläge an die DGSS haben, melden Sie sich bitte bei uns. Wir freuen uns auf Ihre Anregungen. Mit herzlichen Grüßen Ihre

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DGSS @ktuell – In eigener Sache

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„DGSS @ktuell“ jetzt mit ISSN / neue Erscheinungstermine Die DGSS @ktuell gilt jetzt offiziell als Fachzeitschrift und trägt die ISSN 2191-5032. Sie wird weiterhin, wie gewohnt, viermal jährlich erscheinen. Allerdings wird sich der Erscheinungsrhythmus um einen Monat verschieben: Sie erscheint künftig jeweils im Februar, Mai, August und November. Der Grund dafür ist, das die Gremiensitzungen der DGSS (Vorstand, Beirat, Wissenschaftsund Berufskommission) jeweils Ende Januar und während der Tagung (d. h. meist im Oktober) stattfinden. Der neue Rhythmus erlaubt es, aktuelle Nachrichten aus den Gremien zeitnah zu veroffentlichen. Auch der Erscheinungstermin der anderen Ausgaben ist günstiger: so stehen im Mai i. d. R. schon aussagekräftige Informationen zum Tagunggsprogramm zur Verfügung, und im August gibt es üblicherweise schon ein zuverlässiges Programm mit genauer Termin- und Raumplanung. Wegen der veränderten Erscheinungstermine verschiebt sich auch die zweimal jährliche Verschickung der „DGSS @ktuell“-Druckfassung um einen Monat auf Februar und August. Etwaige Sonderausgaben bleiben von der neuen Regelung unberührt: per E-Mail und online stehen sie unmittelbar nach Fertigstellung zur Verfügung, die Druckfassungen werden der jeweils nächsterreichbaren Aussendung der regulären Ausgaben beigefügt. Bitte beachten Sie: Wegen der in Kürze bevorstehenden Umstellung der DGSSHomepage kann es vorkommen, dass Links zu Unterseiten der Homepage www.dgss.de dann nicht mehr funktionieren, Wir stellen die neuen Links aber auf der neuen Homepage und im DGSS-Veranstaltungskalender zur Verfügung. Bei Fragen und Problemen wenden Sie sich bitte an die DGSS-Geschäftsstelle: DGSS e. V. Geschäftsstelle Petersburger Str. 37 10249 Berlin Deutschland ( +49 (0)30 420276-84  +49 (0)30 420276-85  [email protected]

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DGSS @ktuell – Exklusive Angebote für Mitglieder

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DGSS-Intranet: Login-Daten www.dgss.de/intranet Sollten Sie die Login-Daten nicht kennen oder vergessen haben, wenden sic bitte an die DGSSGeschäftsstelle ([email protected]); wir senden sie Ihnenn dann umgehend zu. In Kürze startet die neue DGSS-Homepage; Sie erhalten dann individuelle Zugangsdaten. Profil im DGSS-TrainerInnen-Almanach? Wer als DGSS-Mitglied mit abgeschlossenem sprecherzieherischem/ sprechwissenschaftlichem Studium seine Daten in den TrainerInnen-Almanach auf der DGSS-Homepage eintragen oder bereits bestehende Einträge verändern lassen möchte, wende sich bitte an [email protected] Wie nehmen Sie an der DGSS-Mailing-Liste teil? Anmelden per E-Mail an: [email protected] Beiträge schreiben per E-Mail an: [email protected] Abmelden per E-Mail an: [email protected] Mailing-Liste der Studierenden Anmelden per E-Mail an: [email protected] Beiträge schreiben per E-Mail an: [email protected] Abmelden per E-Mail an: [email protected] Weitere Informationen unter: http://www.dgss.de/studierende/mailingliste.php3 TRAINERversorgung e.V. Durch die Kooperation mit der TRAINERversorgung e.V. haben DGSS-Mitglieder die Möglichkeit, die Vorteile verschiedener Verbands-Gruppen-Rahmenverträge zu stark vergünstigten Konditionen zu nutzen. Die TVbasic-Mitgliedschaft ist überdies für DGSS-Mitglieder beitragsfrei. Infos unter www.trainerversorgung.de. 10% Rabatt bei Neuland für Mitglieder der DGSS und der DGSS-Landesverbände Einzige Voraussetzung, um in den Genuss der Sonderkonditionen zu kommen, ist es, den OnlineShop von Neuland bei Ihrem nächsten Besuch über einen, exklusiv für die DGSS eingerichteten (und daher keinesfalls an Dritte weiterzugebenden) Link aufzusuchen, den Sie im Intranet finden. Nach einmaliger Registrierung benötigen Sie diesen Link nicht mehr. - Mitglieder ohne Internetzugang wenden sich bei Fragen zur Nutzung der Sonderkonditionen bitte an die DGSS-Geschäftsstelle. Ermäßigte Mitgliedsbeiträge bei den DGSS-Landesverbänden Viele Landesverbände der DGSS, die Ihren Mitgliedern regionale Fortbildungsveranstaltungen und weitere Serviceleistungen anbieten, gewähren DGSS-Mitgliedern Beitragsermäßigungen von bis zu 50 %. Sonderkonditionen für DGSS-Veranstaltungen Als DGSS-Mitglied zahlen Sie ermäßigte Beiträge z. B. für die Teilnahme an den DGSSJahrestagungen und anderen Veranstaltungen der DGSS-Akademie

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DGSS @ktuell – Der Aufsatz

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Heath Ledger in "The Dark Knight": Andere Stimme, andere Wirkung? Von Christian Haas Es ist keine Sprache noch Rede, da man nicht ihre Stimme höre. Die Bibel, Psalm 19,4

1. Einleitung: Die Synchronisation von Heath Ledger in „The Dark Knight“ „ich hab den film auf beiden sprachen gesehen und muss vielen zustimmen; auf deutsch klingt joker einfach weitaus wahnsinniger und mehr wie ein psycho. auf english eher normal, was nicht heißt, dass das schlecht ist. ich finde, dass es da eher zwei unterschiedliche joker gibt. der eine 1 wahnsinniger als der andere, aber jeder fabelhaft für sich.“ (Ein Kommentar auf YouTube.com , Hervorh. C.H.)

Die Neuvertonung mit deutschen Stimmen ist in Deutschland ein sehr populäres Mittel zur Filmübersetzung geworden und fester Bestandteil der deutschen Filmlandschaft (vgl. Maier 1997: 63ff., Bräutigam 2001: 6). Dabei stellt die „Einheit von Körper und Stimme“ im synchronisierten Film in Wahrheit eine Illusion dar (vgl. Blaseio 2003: 160f.). Denn gar nicht wenige ausländische Schauspieler besitzen Synchronstimmen, die sich von ihrer eigenen bemerkenswert unterscheiden. Interessant ist dabei die Beobachtung, dass diese Stimmen nicht nur eine Übersetzung des Inhalts vermitteln, sondern durch ihre klanglichen Eigenschaften auch die Wirkung der jeweiligen Rolle mit beeinflussen (vgl. Bräutigam 2001: 29; Eckert/Laver 1994: 140, Blaseio 2003: 163 u. 169). Wie viel stärker diese Tatsache durch den Zuschauer heutzutage wahrgenommen wird, zeigt sich am obigen Beispiel im neuen Medium des Internets. Im Juni 2008 lud ein Internetnutzer im Videoportal „YouTube“ ein Video hoch, in dem er der Öffentlichkeit eine Szene des Films „The Dark Knight“ des Regisseurs Christoper Nolan zugänglich machte und die deutsche und englische Sprachfassung so schnitt, dass ein direkter Stimmenvergleich zu einzelnen Dialogzeilen der Rolle des „Jokers“ - gespielt von Heath Ledger – möglich wurde. Daraufhin gaben zahlreiche User nach Betrachtung des Videos über die Kommentarfunktion der Seite ihren unmittelbaren2 Eindruck der Stimmen schriftlich wieder.

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vgl. auch im Folgenden die Kommentare auf der Seite „YouTube – The Dark Knight SynchroVergleich (Englisch/Deutsch)“ unter http://www.youtube.com/watch?gl=DE&hl=de&v=kW3KP3NgIBs (13.08.10). 2 „Unmittelbar“ deshalb, weil davon auszugehen ist, dass Nutzer die Kommentarfunktion direkt nach Betrachten des Videos nutzen oder zumindest in recht kurzem zeitlichem Anschluss daran.

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Wie im obigen Beispiel liefern einige auch eine Beurteilung des „Klangeindrucks“ der Stimmen mit. Dabei fällt bei genauerer Betrachtung der Kommentare auf, dass diese vor allem in Bezug auf die deutsche Stimme erstaunlich übereinstimmend sind. Haben diese gemeinsamen Wahrnehmungen deshalb etwa ihre Grundlage tatsächlich in den verschiedenen Stimmen? Und wodurch kommt dies möglicherweise zustande? Obwohl der Eindruck und die Wirkung der unterschiedlichen Stimmen damit durchaus in der Öffentlichkeit ein Thema ist, werden in der Wissenschaft bisher die unterschiedlichen Konsequenzen, die der Stimmaustausch möglicherweise auf die Wirkung eines Films hat, wenn nur am Rande thematisiert (vgl. etwa Maier 1997: 107f.). Bisher geschahen solche Untersuchungen zur Sprechwirkung nur überwiegend anhand vorgegebener Beurteilungskategorien oder Fragebögen (vgl. etwa Stock 1991, Eckert/Laver 1994: 158). Mit den obigen Internetkommentaren geben Hörer nun zum ersten Mal in einer Nicht-Laborsituation unterschiedliche Urteile über die Wirkung zweier Stimmen ab, die auch noch recht konstant zu sein scheinen. Daraus ergeben sich folgende Fragen: Sind die beschriebenen stimmlichen Eindrücke völlig willkürlich? Oder lassen sich diese Wirkungen durch eine vergleichende Analyse beider Stimmen aus dem Sprachsignal heraus rekonstruieren und nachvollziehbar machen? Und lässt sich dann erklären, welche Elemente des Sprechausdrucks die unterschiedlichen Wirkungen hervorrufen, trotz vieler Variablen? Mit der Beantwortung dieser Fragen beschäftigte sich eine Untersuchung, die ich im Rahmen meiner Masterarbeit durchgeführt habe. Ihre wesentlichen Erkenntnisse sollen im Folgenden dargestellt werden.

2. Sprechausdruck im synchronisierten Film – Vorüberlegung, Hypothesen Ein Unterschied der Stimmen zwischen Originalfassung und synchronisiertem Film kann durchaus ebenso andere stimmliche Eindrücke und Wirkungen beim Zuschauer bzw. Hörer hervorrufen, weil dieser stimmliche Eindruck auch in Schauspiel und Synchronisation durch bestimmte Merkmalsausprägungen entsteht, die im Sprechausdruck vermittelt werden. Denn die verschiedenen Eigenschaften einer Rolle müssen vom Schauspieler neben der Manifestation im körperlichen „Verhalten“ auch stimmlich hörbar gemacht werden; diese Muster versucht der Synchronsprecher dann mit seiner Stimme je nach Rolle erneut zu transportieren (vgl. auch Geißner 1988: 120, Bose 2003: 91). Dabei ist davon auszugehen, dass diese stimmlich ausdrucksimmanenten Eigenschaften nicht durch bewusste sprechorganische Modulationen des Schauspielers bzw. Sprechers im Sprechschall hörbar werden. Das wäre von beiden nicht zu leisten und eine „bewusst-reflektierte, individuelle Gestaltung“ (Stock/Suttner 1991: 72) würde außerdem gekünstelt wirken.

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Kranich (2002: 76) geht mit dem Hinweis auf den Theaterpädagogen Stanislawsky stattdessen davon aus, dass ein Schauspieler (oder Synchronsprecher – welche ja meist ebenfalls gelernte Akteure sind (vgl. Bräutigam 2001: 25ff.)) die darzustellende Rolle dazu in ihrem momentanen Zustand genauso von innen heraus durchleben müsse, wie ein in der gleichen Situation spontan agierender Mensch. Er nimmt dabei „den gesamten Körper einschließlich Stimm- und Sprechapparat ins ‚Schlepptau’, wodurch die charakteristischen phonetischen Muster [...] ‚wie von selbst’ entstehen“ (vgl. auch Stock/Suttner 1991: 69). Der einleitende Nutzerkommentar zeigt, dass Zuschauer/-hörer eine vorhandene bzw. fehlende Rollenkonformität der Stimme durch diese Merkmale durchaus wahrzunehmen in der Lage sind, wenn sie sich in der genauen Beschreibung auch schwer tun (vgl. auch Eckert/Laver 1994: 44). Daraus folgt, dass sich vorhandene Eindrucksunterschiede auch in den jeweiligen Sprechausdrucksparametern zeigen lassen müssten. Dem versucht die vorliegende Analyse nachzugehen. Folgende Hypothese wird hierzu formuliert: H1: Durch eine akustische und auditive Analyse der Stimmen Heath Ledgers und des Synchronsprechers Simon Jäger im Film „The Dark Knight“ ist es möglich, deren Parameter auf den subjektiven Eindruck von Hörerurteilen zu beziehen und diesen so nachvollziehbar zu machen. Voraussetzung für das Zutreffen der Hypothese ist allerdings, dass zwischen beiden Stimmen auch deutliche Unterschiede bestehen. Die Betrachtung einzelner Parameter ist hier in sofern von Interesse, als dass sich womöglich zeigen ließe, wie sehr ein Höreindruck von der Veränderung einzelner Parameter abhängt bzw. wie differenziert Hörer minimale stimmliche Unterschiede mit verschiedenen Eindrücken verbinden. Bewertungs- und Datengrundlage, sowie Vorgehen und Ergebnisse dieser Analyse sollen nun im Folgenden erläutert werden.

3. Material und Methoden 3.1 Die Vergleichgrundlage: Heath Ledger als Joker in „The Dark Knight“ Sprechsprachliche Äußerungen, wie die Heath Ledgers in der Rolle des Jokers im Film „The Dark Knight“, geschehen immer in einem bestimmten historischen und situativen Kontext. Ebenso erfolgt ihre Perzeption immer durch in einer bestimmten Weise sozialisierte Individuen in einer Hörsituation, von Drach bereits definiert als „Gesamtheit aller vorausliegenden psychischen Erlebnisse bis zum Augenblick des Hörens [...]“ (Drach 1926, zitiert nach Geißner 1988: 77). Diese Erfahrungen des Hörers wirken sich auch auf die Interpretation der verschiedenen Elemente dieser sprachlichen Äußerung aus. Deshalb ist die Entstehung von Sprechwirkung immer situationsabhängig und auch als solche zu analysieren und zu verstehen (vgl. Stock 1991: 46).

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Die subjektiven Erfahrungswerte und das genaue Wissen der Hörer bleiben dabei allerdings dem Auge des Beobachters verborgen. Er kann nur versuchen, diese durch den Nachvollzug der äußeren Hörsituation beschreibbar zu machen (vgl. Stock 1991: 47). Hierzu zählen der zeitliche Rahmen, in dem die Äußerung dargeboten wird, aber auch allgemein bekanntes Wissen über Hintergründe des Sprechers, die zugrundeliegende Rollen- und Figurenkonstellation und die mögliche Sicht des Hörers auf diesen Situationskomplex aufgrund bekannter Fakten. Deshalb sollen im Folgenden die entsprechenden Merkmale des in dieser Arbeit verwendeten Sprachmaterials kurz skizziert werden. Titelgebend ist im Film „The Dark Knight“ die Comicfigur des Batman, eines selbsternannten „Dunklen Ritters“ im Fledermauskostüm, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Verbrecher seiner Heimatstadt Gotham City zu bekämpfen. Hinter Batman steht Bruce Wayne, ein junger Milliardär, der als Kind die Ermordung seiner Eltern mit ansehen musste und durch die Erschaffung seines Alter Egos einen Weg gefunden hat, dieses traumatische Erlebnis zu verarbeiten. Einer seiner zahlreichen Gegner ist der „Joker“. Er ist ein gescheiterter Unterhalter, der durch einen Unfall in einer Chemiefabrik mit einem irreversiblen Clownsgesicht und einem diabolischen Grinsen ausgestattet ist3. Daraufhin wird er zum zynischsarkastischen Psychopathen, der durch makaberen Schabernack in Gotham City Angst und Schrecken verbreitet. Sein Markenzeichen ist die Joker-Spielkarte, was seinen spielerisch-albernen Charakter unterstreicht (vgl. auch Dath 2005: 8). Da dieser Comicstoff bereits mehrmals verfilmt wurde, war auch die Figur des Jokers schon in unterschiedlicher Weise auf Leinwand und Bildschirm zu sehen. Dabei ist hier besonders anzumerken, dass die Interpretation der Rolle je nach Film ganz unterschiedlich ausfiel. Bis zum Film „The Dark Knight“ war Kinozuschauern vor allem die Darstellung des Schauspielers Jack Nicholson im Gedächtnis, der die Rolle des Jokers im Film „Batman“ des Regisseurs Tim Burton ganz im Sinne der Comicvorlage spielte. Christopher Nolan legte nun vor diesem Hintergrund in seinem Film eine recht neue Interpretation der Figur vor: Die Elemente des Comics und der Überzeichnung fehlen, ansonsten wird aus dem Joker ein nachlässig geschminkter, namenloser Terrorist, der in seinen Handlungen meist nichts Schalkhaftes mehr an sich hat. Sein einziges Ziel ist es, die Welt ins Chaos zu stürzen. Eine weitere Besonderheit, die der Rolle des Jokers in „The Dark Knight“ zusätzlich Aufmerksamkeit verlieh, war die Tatsache, dass Heath Ledger mit ihr sein traditionelles Rollenschema des Sunnyboys ins Gegenteil verkehrte. All diese situativen und historischen Tatsachen spiegeln sich laut den Kommentaren auch in der Wahrnehmung der Figur durch die Hörer wider, welche die stimmliche Leistung Heath Ledgers und Simon Jägers danach interpretieren und beurteilen. So

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vgl. hierzu den Comic „The Killing Joke“ in Klage et al. (Hgg. 2005), S. 111-156.

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wird einerseits angemerkt, dass die Originalstimme im Gegensatz zur deutschen Stimme nicht zum bisherigen Rollenbild passe, zum anderen wird gerade der Synchronstimme wenig Kongruenz zum jetzigen Rollenbild attestiert. Abschließend sei hier noch kurz die essentielle Rahmenhandlung des Films „The Dark Knight“ skizziert. (vgl. Banhold 2009: 88ff.). Nachdem der Vorgängerfilm „Batman Begins“ erzählte, wie Bruce Wayne mit der Intention, das Verbrechen zu bekämpfen, sein Alter Ego Batman erschuf, hat Batman in „The Dark Knight“ inzwischen fast alle Verbrecher dingfest gemacht. Doch hier taucht plötzlich der Joker auf und bietet den Mafiabossen der Stadt an, Batman zu töten, wenn sie ihm die Hälfte ihres Vermögens überlassen. Durch Batmans Aktivitäten arg in Bedrängnis gebracht, willigen diese ein und der Joker befiehlt per Videobotschaft, Batman solle seine wahre Identität preisgeben, ansonsten werde jeden Tag ein Mensch sterben. Batman gelingt es, den Joker festzunehmen. Im Verhör mit Batman macht der Joker dann klar, dass sein wahres Ziel darin besteht, durch die Verbreitung von Panik und Chaos dafür zu sorgen, dass die Bürger Gotham Citys ihre Moral verlieren. Daneben hat er inzwischen die ganze Stadt mit seinen Leuten infiltriert und organisiert aus dem Gefängnis heraus seine Flucht. Anschließend droht der Joker in einem letzten Coup, zwei Passagierschiffe in die Luft zu sprengen. Batman kann den Schurken allerdings im letzten Moment stellen und so weitere Morde verhindern. 3.2 Auswahl, Gewinnung und Verteilung der Hörerurteile Das eingangs erwähnte Video „The Dark Knight Synchro-Vergleich (Englisch/Deutsch)“ hat den „Vergleich zwischen der Original-Version einer Szene aus 'The Dark Knight' und der deutschen Synchronisation“ zum Thema, wie der verantwortliche Nutzer „GermanDarkKnight“ in der Beschreibung des Videos mitteilt. Der Vergleich erfolgt mittels eines Zusammenschnitts der Szene ab TC 47:134, indem einzelne Äußerungen des Jokers auf Englisch und Deutsch jeweils hintereinandergeschnitten werden. Bis zum Ende der Untersuchung am 21. Juli 2009 gaben 320 registrierte Nutzer einen Kommentar dazu ab. 46 davon beschreiben einen Eindruck der Stimmen auf den jeweiligen Nutzer. Aus den folgenden vier Gründen wurden gerade die Kommentare dieses YouTube-Videos als Wirkungsgrundlage gewählt: 1. Alle Kommentare beziehen sich inhaltlich auf den hörbaren Unterschied zwischen der Stimme Heath Ledgers und seiner Synchronisation – ob der Intention, mit der

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Der Timecode (TC) gibt jeweils den Start- bzw. Endzeitpunkt einer Szene der DVD „The Dark Knight“ in Stunden, Minuten und Sekunden an, auf welche im Text referiert wird. Er zeigt die beim Abspielen der DVD sichtbare Zeitzählung. So sind die entsprechenden Szenen problemlos im Suchlauf aufzufinden (vgl. auch Pruys 1997). Zum Abspielen der DVD am PC wurde hier das Programm WinDVD verwendet.

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das Video ins Netz gestellt wurde. Sie sind somit thematisch in sich einheitlich, was in allgemeineren Foren nicht immer der Fall ist. 2. Durch die Tatsache, dass die Kommentare direkt an eine Vergleichsgrundlage in Form des Videos angeschlossen sind, ist davon auszugehen, dass die geschilderten Eindrücke mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht nur auf „Hörensagen“ beruhen, sondern vielmehr aufgrund der vorherigen Betrachtung zumindest dieses Videos abgegeben wurden und somit der Eindruck recht unmittelbar sein dürfte. Diese Annahme wird durch explizite Formulierungen in den Kommentaren wie „Hab jetzt den Film auf DVD gesehen.“ noch bestätigt. 3. Auch wenn sich einige Kommentare meist nur auf eine der beiden Stimmen beziehen, ist mit insgesamt 46 verwendbaren Kommentaren zur Stimmwirkung eine zumindest ausreichende Datengrundlage an vergleichenden Eindrücken gegeben. Zumal die Eindrücke häufig von sich aus im Komparativ abgegeben wurden. Somit schien hier ein thematisch gut eingrenzbares, ausreichend großes Urteilskorpus an spontan entstandenen Eindrücken gefunden. 4. Die Nutzer, welche ihr Alter angaben, sind als Gruppe bezüglich dieses Merkmals recht homogen. Nur 5 von 34 sind älter als 25 und nur vier von 34 jünger als 18 Jahre bei einem Durchschnittsalter von ungefähr 22 Jahren. Allerdings ist die Einschränkung zu machen, dass sich diese Angaben nur schwer auf ihre Richtigkeit hin überprüfen lassen. Um die Konstanz bestimmter Aussagen zu prüfen bzw. deren Willkür auszuschließen, wurden die individuell beschriebenen stimmlichen Eindrücke nach gemeinsamem semantischem Gehalt in Eindrucksgruppen zusammengefasst. Folgende Gruppen und Häufigkeitsverteilungen ergaben sich dabei: Eindrucksgruppen Original verrückt/wahnsinnig/irre/Psycho 2 komisch/albern/witzig 0 böse/fies/brutal/drastisch 4 furchteinflößend/gefährlich/gruselig 5 tief 3 rau 3 Gesamt 17

Synchronisation Gesamt 23 3 2 1 0 0 29 46

Tabelle: Häufigkeitsverteilung der Hörereindrücke

Deutlich wird hier bereits, dass, obwohl insgesamt mehr Urteile für die Synchronstimme abgegeben wurden, ein deutlicher Unterschied in der Beurteilung der beiden Stimmen zu erkennen ist. So schreibt allein die Hälfte aller abgegebenen Urteile der Synchronstimme die Merkmale der Gruppe verrückt eher zu, während dieser Eindruck bei der Originalstimme nur in zwei Kommentaren überwiegt. Auch wird der Eindruck komisch/albern/witzig lediglich der Synchronstimme zugeordnet.

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Daneben existieren mit tief und rau zwei Stimmklangsbeschreibungen, die laut Urteil nur auf die Originalstimme zutreffen. Es scheint also, dass die beiden Stimmen bei allen Hörern einen unterschiedlichen Eindruck hinterlassen haben, denn kein Merkmal ist gleich dominant: Bei verrückt gibt es sogar einen Wahrnehmungsunterschied von 23:2. Das heißt nicht, dass sich beide Stimmen völlig unterscheiden müssen, denn die Eindrücke bestehen größtenteils aus komparativen Bewertungen, also einem „eher“ oder „mehr“. Nichtsdestotrotz geht hieraus hervor, dass bestimmte stimmliche Eigenschaften beiden Stimmen unterschiedlich stark zugeordnet werden, die Stimmen sich in ihrem vergleichenden Eindruck somit anscheinend recht klar voneinander unterscheiden. 3.3 Auswahl und Gewinnung des Sprachmaterials Als Vergleichsgrundlage von Original- und Synchronstimme des Jokers dienten sprachliche Äußerungen der Figur im Film „The Dark Knight“, sowohl in der englischen Originalfassung als auch auf der deutschen Synchrontonspur. Leider war es aus technischen und rechtlichen Gründen nicht möglich, diese beiden Tonspuren isoliert zu bekommen. Deshalb wurde ein Weg gefunden, das sprachliche Material von der DVD des Films mittels Computertechnik für die weitere Verwendung aufzuzeichnen. Vorteil dieser Methode ist, dass auf einer DVD sowohl die deutsche als auch die englische Tonspur in digitaler Qualität vorliegen und separat abgespielt werden können. Der Nachteil besteht darin, dass nur der komplette Film zur Verfügung steht, das heißt, auf beiden Tonspuren sind neben den Dialogen sowohl Geräusche als auch Filmmusik enthalten. Um jedoch – wie für die vorliegende Untersuchung geplant – eine akustische Analyse einzelner Parameter durchführen zu können, durfte das Sprachmaterial zur Berechnung im Computer nicht durch solche Nebeneffekte überlagert sein. Dieser Umstand führte dazu, dass sich das Korpus der möglichen sprachlichen Äußerungen drastisch reduzierte5. Denn nahezu alle längeren Äußerungen des Jokers sind im Film mit mehr oder weniger laut wahrnehmbarer Musik unterlegt oder durch Geräusche unterbrochen. Hinzu kommt noch die Tatsache, dass dieser „Hintergrundsound“ auf beiden Tonspuren unterschiedlich abgemischt und daher verschieden laut zu hören ist und die Stimmen somit auch unterschiedlich zur Geltung kommen (vgl. z.B. Blaseio 2003: 163). Dies liegt daran, dass der Ton beim Dreh eines Films meist direkt eingespielt wird, während die Sprecher für die 5

vgl. zu diesem Problem auch Braun/Heilmann (2006: 170). Bei ihrer Analyse von Emotionen im synchronisierten Film umgingen die Autorinnen diese Schwierigkeit, indem sie als Materialgrundlage eine synchronisierte, amerikanische Fernsehserie verwendeten, die aufgrund ihrer Länge nicht nur eine breitere Materialbasis, sondern auch mehr Szenen ohne Geräusche und Musik bietet als ein herkömmlicher Kinofilm. Bei der vorliegenden Analyse war dies jedoch aufgrund ihrer spezifischen Fragestellung nicht möglich.

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Synchronaufnahmen in einer schalldichten Kabine direkt vor einem Aufnahmemikrofon sitzen und Musik und Geräusche später separat dazugemischt werden. Die Aufnahmetechnik unterscheidet sich in beiden Fällen u.U. erheblich, weshalb auf den Synchrontonspuren die deutschen Stimmen i.d.R. mehr „in den Vordergrund“ treten. Aus diesen Gründen waren für eine akustische und auditive Analyse nur solche Szenen des Films verwendbar, in welchen aus szenischen bzw. dramaturgischen Gründen die Stimme des Jokers weder durch Musik oder Soundeffekte, noch durch die Stimme eventueller Gesprächspartner überlagert ist. Davon gibt es im ganzen Film vier verschieden lange Szenen mit einer Gesamtlänge von rund 82 Sekunden. Da das bei einer Filmlänge von ca. 146 Minuten als Grundlage für eine aussagekräftige Analyse zu wenig schien, wurden zwei weitere Szenen mit längeren Äußerungspassagen des Jokers herangezogen. Hier sind zwar Musik und Hintergrundgeräusche vorhanden, jedoch so leise, dass zumindest eine rein auditive Analyse möglich sein sollte, um so in diesem Aspekt ein größeres Korpus zur Verfügung zu haben. 3.4 Analyse des Sprachmaterials 3.4.1 Auditive Analyse Bei der auditiven Analyse handelt es sich um den innerlichen Nachvollzug eines Höreindrucks, indem einzelne stimmliche Parameter durch geschulte Hörer gezielt abgehört werden (vgl. z.B. Heilmann 2002, Kranich 2002, Bose 2003, Redecker 2008 und Eckert/Laver 1994: 5). Diese Analyse erfolgte auch in dieser Arbeit mit einem speziellen Analysebogen, worin die Ausprägung stimmlicher Parameter jeweils skalierten Werten zugeordnet wurde. Im Einzelnen handelte es sich dabei um die Merkmale Sprechspannung, Stimmklang mit Klangfülle und -farbe sowie die wahrgenommene Tonhöhe, Lautstärke, Sprachfluss und Sprechtempo. Die Ausprägung der Mehrzahl der Merkmale wurde dabei anhand einer bipolaren, fünfstufigen Intervallskala festgehalten, wobei die beiden Enden jeweils als klar voneinander abgrenzbare, verbale Antonyme den maximalen Ausprägungsbereich des Merkmals darstellen (z. B. „sehr leise – sehr laut“ für die Ausprägung der Lautstärke). Die Skalenmittelwerte stellen dabei „[s]oweit möglich [...] ‚neutrale’ erwartete Wahrnehmungen für sachlich gesprochene deutsche [bzw. englische; C.H.] Äußerungen dar [...]“ (Bose 2003: 39). Diese Bezugsgrößen ergeben sich aus klaren auditiven, physiologisch beschreibbaren Eindrücken. Für die einzelnen Phänomene des Stimmklangs (knarrende, behauchte, raue und geflüsterte Anregung) wurde eine dreistufige einpolige Skala verwendet, da sich bei den verschiedenen Phonationsmodi keine negative Ausprägung, sondern nur ein „nicht bzw. mehr oder weniger vorhanden“ feststellen lässt. Das Sprachmaterial wurde nun anhand des Analysebogens vom Verfasser abgehört

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und analysiert. Durch mehrmaliges Abhören wurde versucht, die so gewonnenen relativen und subjektiven Eindrücke weiter zu festigen (vgl. auch Bose 2003: 92). Um allerdings eine allzu subjektive Färbung der Analyseergebnisse zu vermeiden, wurde das Material zusätzlich durch zwei sprechwissenschaftlich bzw. logopädisch ausgebildete Kontrollhörerinnen getrennt analysiert, eine Zahl, die in der Mehrzahl der sprechwissenschaftlichen Arbeiten als ausreichend angesehen wird (vgl. etwa Kranich 2002, Heilmann 2002). Anschließend wurden gemeinsam die gewonnenen Ergebnisse verglichen und auf ihr mögliches Zustandekommen hin diskutiert, um eine nachvollziehbare Eindrucksbeschreibung zu gewährleisten6. 3.4.2 Akustische Analyse Um die durch die auditive Analyse gewonnenen Ergebnisse zu untermauern bzw. zu objektivieren, wurden die passenden Szenen zusätzlich einer messphonetischen, akustischen Analyse unterzogen (vgl. dazu auch Kranich 2002: 84, Heilmann 2004: 109). Denn im Gegensatz zum menschlichen Gehör, das nur eine relative Einschätzung der Merkmale ermöglicht7, sind Computerprogramme in der Lage, klare, absolut miteinander vergleichbare Messwerte zu liefern. Gemessen wurde die Grundfrequenz als Richtwert für die Tonhöhe, daneben das Tonhöhenintervall (der sogenannte Range) und der Tonhöhenverlauf einer sprachlichen Äußerung. Als Programm wurde hier das frei verfügbare Praat verwendet. 3.4.3 Analyse der temporalen Parameter Zusätzlich zu diesen Daten wurden instrumentell-perzeptiv die temporalen Parameter jeder Äußerungssequenz erfasst. Bisherige Untersuchungen haben gezeigt, dass Pausen zwischen 0,13 und 0,27 Sekunden für die Sprachwahrnehmung bedeutsam sein können (vgl. Kowal 1991: 35), deshalb wurden alle Pausen mit einer Mindestdauer von 0,1 Sekunden in die Analyse mit einbezogen. Für den instrumentell-perzeptiven Ansatz (vgl. Kowal 1991: 39) wurde mit Hilfe eines Computerprogramms, das in der Lage ist, den Intensitätsverlauf einer Äußerung in Abhängigkeit zur Zeit darzustellen, Pausendauer und -häufigkeit für jede Szene anhand des dargestellten Oszillographen sowie durch paralleles Hören manuell bestimmt. Als Maß für die Sprechgeschwindigkeit wurde in dieser Arbeit die Artikulationsrate (AR) ermittelt, was die durchschnittliche Anzahl der artikulierten Silben pro Sekunde abzüglich der Sprechpausen bezeichnet. Die Angaben zur AR beziehen sich immer auf die gesamte Szene und nicht nur auf einzelne Phrasen, da es hier um den globalen Vergleich und nicht so sehr um einzelne Schwankungen der AR innerhalb einer Äußerung gehen soll. 6

An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an Carolin Zingel und Friederike Könitz für ihre große Hilfe. 7 Von seltenen Ausnahmen wie der Fähigkeit zum „absoluten Gehör“ einmal abgesehen.

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4. Ergebnisse Dieses Kapitel referiert für zwei der sechs analysierten Szenen die Ergebnisse der akustischen und auditiven Analyse. Alle Ergebnisse finden sich in der vollständigen Fassung meiner Masterarbeit, die interessierten Lesern im DGSS-Intranet zur Verfügung steht. 4.1 Video-Szene In dieser Szene ist in Bruce Waynes Fernseher eine Videobotschaft zu sehen und zu hören, in welcher der Joker damit droht, jeden Tag Menschen zu ermorden, sollte Batman nicht seine wahre Identität preisgeben. Dazu hält der Joker eine Geisel gefangen, die sich als Batman verkleidet hat. Im analysierten Teil der Szene (TC 41:22 bis 41:48) wendet sich der Joker direkt an den Fernsehzuschauer. Anschließend tötet er die Geisel. Der erste Teil der Szene, in welchem sich der Joker in Dialog mit der Geisel befindet, wurde aufgrund von Äußerungsüberschneidungen nicht in die Analyse mit einbezogen. Temporale Merkmale: Auffällig ist, dass hier die deutsche Stimme auditiv leicht schneller wahrgenommen wird als die englische. Die Artikulationsrate (AR) ist mit 3,81 Silben pro Sekunde im Deutschen gegenüber 3,29 Silben pro Sekunde im Englischen jedoch nur ca. eine halbe Silbe schneller. Ein größerer Unterschied ergibt sich bei der Betrachtung von Pausenzeit und Sprechzeit: Der Synchronsprecher Simon Jäger benötigt ca. 1,4 Sekunden mehr Sprechzeit als Heath Ledger, denn er muss 14 Silben mehr artikulieren. Trotzdem darf er, damit die Synchronität zwischen Bild und Ton gewahrt bleibt, die Gesamtlänge der Szene nicht überschreiten. Dies erreicht er, indem er insgesamt ca. 1,6 Sekunden weniger Pausen macht. Die einzelnen Äußerungen folgen bei annähernd gleicher AR in derselben Zeit im Deutschen somit schneller aufeinander, was vermutlich als Erhöhung des Sprechtempos wahrgenommen wird (vgl. Zilliken 1991: 34). Dynamische Merkmale: Beide Stimmen wurden als lauter, mit weiterem Lautstärkebereich und leicht stärkerer Lautstärkevariation wahrgenommen, somit konnte kein klarer Unterschied zwischen beiden Stimmen festgestellt werden. Auch die Intensitätswerte unterscheiden sich mit im Durchschnitt 2 dB nur geringfügig. Melodische Merkmale: Bezüglich der Tonhöhe werden beide Sprecher auditiv als hoch beurteilt, mit weitem bis sehr weitem Tonhöhenbereich und weiter bis sehr weiter Tonhöhenvariation. Diese Einschätzung wird durch die akustische Analyse bestätigt: Der englische

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Sprecher hat mit 147,9 Hz eine recht hohe Grundfrequenz, die der deutsche mit 190,8 Hz noch einmal deutlich übertrifft. Auch der Range ist mit 368,43 im Englischen bzw. 353,33 im Deutschen für beide Stimmen der größte unter den analysierten Szenen, Heath Ledger befindet sich zeitweilig sogar maximal auf 416,1 Hz, Simon Jäger knapp bei 400 Hz. Dies mag damit zusammenhängen, dass der Joker hier mit sehr starken melodischen Akzenten spricht, um wortwörtlich seine Verrücktheit zu unterstreichen, die in einer Äußerung am Anfang der Sequenz auch explizit thematisiert. Beide Sprecher nutzen eine große Tonhöhenvariation mit dem Gipfel von F0 auf crazy bzw. verrückt, wobei der deutsche (Abb. 3.4) deutlich mehr Sprünge und weniger gleitende Melodiebewegungen einsetzt. Auch spricht er gegen Ende der Äußerung mit sehr großer Sprechspannung und sehr gepresst, weshalb kaum noch eine messbare Schwingung vorhanden ist. Artikulatorische Merkmale: Hier wird Heath Ledgers Stimme als schärfer artikulierend wahrgenommen, er macht hörbare „Schmatzgeräusche“ mit den Lippen. Stimmklang: Hier zeigen sich kaum Auffälligkeiten bis auf eine leicht behauchte und knarrende Anregung in der deutschen Stimme. Die Wahrnehmung des weiten Range bewirkt eine zeitweise Einordnung beider Stimmen in das Falsettregister, jedoch benutzen beide Sprecher auch den modal voice. Hinsichtlich Klangfülle werden beide Stimmen klangärmer als normal eingeschätzt, die Klangfarbe der deutschen Stimme jedoch als heller und die englische als dunkler. Sprechspannung: Beide Stimmen befinden sich in allen Spannungen etwa eine Stufe über dem normalen Level, wobei die deutsche Stimme vor allem laryngal sehr viel Spannung aufweist. 4.2 Gordon-Szene Diese Szene setzt unmittelbar nach der Festnahme des Jokers durch Commissioner Gordon an. Die Polizei hat inzwischen festgestellt, dass Harvey Dent von den Leuten des Jokers entführt wurde, und der Joker wird nun von Gordon dazu verhört, wobei er nichts zugibt, aber klar mit seinem Wissen um die Machtlosigkeit der Polizei spielt (TC 1:22:18 bis 1:23:36). Temporale Merkmale: Diese Szene stellt mit knapp 50 Sekunden die längste unter den akustisch analysierten Szenen dar. Deshalb lässt sich hier die Artikulationsrate erstmals für einen längeren Zeitraum feststellen. Mit 3,47 (englisch) zu 3,43 Silben/Sekunde (deutsch) ist die AR für beide Sprachen hier eher langsam, was die auditive Wahrnehmung bestätigt. Für den deutschen Sprecher ist es der niedrigste Wert in

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den analysierten Szenen, für den englischen der zweitniedrigste. Das entspricht dem aufreizend ruhigen Sprechen des Jokers angesichts seiner bewussten Überlegenheit, das hier wahrgenommen wird. Dennoch hat der deutsche Sprecher wieder 18 Silben mehr zu artikulieren, was er erneut durch eine Verkürzung der Pausenzeit erreicht. Das heißt, er ist gezwungen, die einzelnen Phrasen der langen Äußerungspassagen, wenn auch nur minimal, doch schneller aufeinander folgen zu lassen, als Heath Ledger das in seiner Vorlage tut. Dynamische Merkmale: Die Lautstärke in beiden Sprachen wird als deutlich niedriger wahrgenommen, was die Intensitätswerte bestätigen. Der deutsche Sprecher variiert die Lautstärke weiter, wobei der englische mehr dynamische Akzente setzt. Melodische Merkmale: Hier zeigen sich zwischen beiden Stimmen recht deutliche Unterschiede. Die Tonhöhe des deutschen Sprechers wurde im Gegensatz zum englischen eher mit hoch beurteilt. Die Tonhöhenvariation Heath Ledgers ist eher niedrig, bei kleinerem Tonhöhenbereich. Der deutsche Sprecher weist dagegen sehr viel wahrnehmbare Tonhöhenvariation auf. Diese Eindrücke werden durch die akustischen Messwerte bestätigt. Mit 128,1 Hz hat die deutsche Stimme hier eine eher niedrige Grundfrequenz bezogen auf die sonstigen Werte, die jedoch im Vergleich zum Englischen (106 Hz) deutlich höher liegt, was zeigt, dass die Wahrnehmung der Tonhöhe bezogen auf die Grundfrequenz relativ ist und etwa von anderen Stimmen abhängt. Auch bezüglich Range schöpft der deutsche Sprecher mit 349,8 zwar nicht das Maximum aus, im Vergleich ist der des englischen mit 179,6 jedoch deutlich kleiner, zumal er hier seinen zweitniedrigsten, der deutsche Sprecher jedoch den zweithöchsten Wert hat. Obwohl es sich inhaltlich um die gleiche Szene handelt, schöpft der deutsche Sprecher seinen Range hier also deutlich mehr aus. Er erreicht mit 397,2 Hz außerdem sein zweitgrößtes F0-Maximum, während Heath Ledger im Vergleich mit 227,6 Hz sein kleinstes Maximum erhält. Hier treten also – vielleicht ob der Szenenlänge – recht deutliche Unterschiede beider Sprecher in der Melodisierung zu Tage. In der obigen Äußerung gegen Ende der Szene ist dies recht deutlich sichtbar (Die Antwort des Jokers auf die Frage nach dem Aufenthaltsort von Harvey Dent). Der Synchronsprecher legt gleich zu Beginn einen sehr deutlichen melodischen Akzent auf nachdém, wobei er fast sein F0-Maximum erreicht, während Heath Ledgers Akzent auf tíme sichtbar niedriger ausfällt, aber immer noch gut zu erkennen ist. Auch im weiteren Verlauf der Äußerung zeigen sich wieder deutliche Melodiesprünge in der deutschen Äußerung (oder gleich an méhreren), während Heath Ledger im letzten Teil (or sév’ral) sehr rau klingt und kaum noch messbare Schwingungen auftreten, er somit eher mit dynamischen Akzenten arbeitet. Artikulatorische Merkmale: Artikulatorisch zeigt Heath Ledger eine höhere Variation in der Spannung der Muskulatur.

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Stimmklang: Beide Stimmen haben eine sehr knarrende Anregung, die deutsche ist daneben noch behaucht und zeigt sogar zeitweilig Flüsteranteil, der Sprecher nimmt die Stimme also ganz zurück. Daneben zeigt er auch über die ganze Szene hier mehr Variationen, auch bezüglich Klangfülle und -farbe, so dass ein einheitliches Wahrnehmungsbild schwierig ist. Trotzdem wird die deutsche Stimme erneut als heller beurteilt. Die englische Stimme wird dagegen sehr einheitlich als klangvoller und dunkler wahrgenommen. Sprechspannung: Erneut wird die deutsche Stimme als nasaler wahrgenommen, jedoch ist der Ausprägungsgrad schwer zu bestimmen. Beide Stimmen werden jedoch einheitlich insgesamt als unterspannt beurteilt, was der sehr knarrenden Anregung aufgrund geringer laryngaler Spannung entspricht. Heath Ledger zeigt jedoch bezüglich der supralaryngalen Spannung mehr Variation, zum Beispiel bei der Phrase or several gegen Ende der Szene. 4.3 Allgemeine Ergebnisse Auffällige Unterschiede zwischen beiden Stimmen zeigen sich in allen analysierten Szenen in den temporalen Merkmalen. Die deutsche Stimme weist in der auditiven Wahrnehmung insgesamt eine höhere Sprechgeschwindigkeit auf. Dieser Umstand ist vermutlich vor allem der Tatsache geschuldet, dass der deutsche Sprecher deutlich weniger Pausen macht, um auch die Synchronität der Szenen in Bezug auf die Gesamtdauer zu gewährleisten. Dadurch folgen die einzelnen Phrasen schneller aufeinander, was beim Hörer zur Wahrnehmung einer höheren Sprechgeschwindigkeit und damit zu einem anderen Eindruck führt (vgl. Maier 1997: 96-97). Die AR beider Sprecher ist durchweg nahezu gleich, da der deutsche Sprecher die geforderte Lippensynchronität einhalten muss. Besonders auffällig sind auch die Unterschiede in den melodischen Merkmalen. Die deutsche Stimme wurde fast durchweg als leicht höher, mit einem breiteren Tonhöhenbereich und mehr Tonhöhenvariationen eingestuft. Dies konnte durch die akustischen Messungen weitgehend bestätigt werden, wenn auch die Unterschiede der Messwerte hin und wieder nicht so deutlich waren, da diese nur einen kleinen Teil des Wahrnehmungskomplexes Tonhöhe abbilden. So liegt auch Heath Ledgers Stimme mit einer durchschnittlichen Grundfrequenz von 153,4 Hz in den analysierten Szenen eher im mittleren Bereich, wirkt aber im Vergleich dennoch tiefer, obwohl dies nur etwa 20 Hz weniger sind als beim deutschen Sprecher (durchschnittliche Grundfrequenz 173,6 Hz). Generell weist der deutsche Sprecher in allen Szenen trotz desselben Kerninhalts der Äußerungen viel mehr Melodiebewegungen und -sprünge auf. Dass diese Unterschiede nicht sprachlicher sondern sprecherischer Natur sind, wird daran deutlich, dass er den globalen Melodieverlauf – wie etwa eine Abwärtsbewegung – in

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der Regel angleicht. Bezogen auf den F0-Range fällt außerdem auf, dass Heath Ledger in den längeren Szenen mehr Konstanz aufweist als der deutsche Sprecher, der dagegen vor allem in der Gordon-Szene einen sehr großen Range verwendet. Dies zeigt sich auch dadurch, dass er im Durchschnitt die kleineren F0-Minima erreicht. Hier wäre die Aussagekraft allerdings besser, wenn auch akustisch mehr längere Szenen hätten analysiert werden können, um zu sehen, ob dort Heath Ledgers Wert für den Range tatsächlich konstant bei etwa 170 liegt. Hinsichtlich der restlichen Merkmale ergaben sich keine klaren Unterschiede zwischen beiden Stimmen. Grund ist auch hier die geforderte Synchronität, wonach der deutsche Sprecher Artikulation und Stimmklang an die Vorlage anzupassen hat. Lediglich in Bezug auf die Klangfarbe wurde die Synchronstimme meist heller eingeschätzt, was bekanntermaßen aber auch mit einer höheren Stimmlage korreliert und nicht klar davon getrennt werden kann (vgl. Kranich 2002: 19, Bose 2003: 41). Die melodischen und temporalen Unterschiede erhärten aber dennoch die Vermutung, dass beide Stimmen in einzelnen Merkmalsausprägungen und damit wohl in ihrem Gesamtausdruck nicht identisch sind. Inwieweit diese Unterschiede jedoch möglicherweise die unterschiedliche Wirkung auf die Internetnutzer erklären können, soll im folgenden Kapitel diskutiert werden.

5. Diskussion 5.1 Ergebnisdiskussion im Hinblick auf bisherige Ergebnisse Aus den in Kapitel 3.2 dargestellten Hörerurteilen geht hervor, dass der deutschen Stimme das Merkmal verrückt/wahnsinnig/irre/psycho deutlich mehr zugeschrieben wird als der Originalstimme. Gleichzeitig wird die Originalstimme eher als böse, gruselig und sogar allein als tief bzw. dunkel und rau wahrgenommen. Für die im Vergleich tiefere Lage von Heath Ledgers Stimme sprechen vor allem die auditiven, aber auch die akustischen Analyseergebnisse. Außerdem hat die Analyse im vorangegangenen Kapitel ergeben, dass sich beide Stimmen vor allem in den temporalen und melodischen Merkmalen unterscheiden. Dies konkretisiert die Hypothese dieser Untersuchung folgendermaßen: Wenn die Unterschiede in der Sprechwirkung tatsächlich auf diese stimmlichen Unterschiede zurückzuführen sind, müssten sie sich auch durch diese erklären lassen. Um diese Annahme abschließend zu verifizieren, wird nun im Folgenden versucht, die Ergebnisse der eigenen Analyse durch bisherige Erkenntnisse der Sprechwirkungsforschung mit den unterschiedlichen Eindrucksausprägungen in Beziehung zu setzen. Stock und Suttner (1990: 61) etwa stellen in eigenen Untersuchungen fest, dass F0Range und -Kontur zusammen mit einer erhöhten Sprechgeschwindigkeit signifikante Effekte bei der Beurteilung von Stimme als erregter aufweisen.

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Auch Zilliken (1991: 30) weist in ihrer Zusammenfassung verschiedener Untersuchungen auf eine positive Korrelation zwischen Stimmumfang und einer wahrgenommenen Erregung hin. Außerdem wirke ein erhöhtes Sprechtempo ebenfalls affektvoller. Dieser Eindruck von Erregung werde noch verstärkt, wenn im Deutschen Sprechpausen zu kurz sind oder nicht am logischen Sinnschritt eingesetzt würden, ihre klare, gliedernde Funktion somit verloren ginge (vgl. Zilliken 1991: 33f.). Die im Vergleich zwischen beiden Stimmen im Deutschen erheblich kürzeren Pausen könnten genau diese Einschätzung hervorgerufen haben, weil die einzelnen Phrasen für den Hörer unwillkürlicher aufeinander folgten als im Original. Außerdem entsteht durch größere Tonhöhendifferenzen ebenfalls „der perzeptive Eindruck einer größeren Sprechgeschwindigkeit“ (Redecker 2008: 152). Daneben bringt Zilliken (vgl. 1991: 38) ein regelmäßiges Steigen und Fallen der Melodie ebenfalls mit dem Ausdruck einer labilen Persönlichkeit in Verbindung. In Kombination könnten diese beiden Merkmale also auch hier einen nervös-verrückten Eindruck verstärken. Scherer (1982: 198) folgert aus den eigenen Analyseergebnissen ebenfalls, „daß die Grundfrequenz der Stimme möglicherweise ein valider Indikator für affektive Störungen ist“. So wird eine höhere Grundfrequenz mit Erregung oder Stress in Verbindung gebracht, was besonders im Vergleich zum Normalzustand eine recht zuverlässige Einschätzung zu sein scheint. Ein Nachteil in der Vergleichbarkeit von Scherers Ergebnissen ist sicherlich, dass hier inhaltsfreies Stimulusmaterial verwendet wurde, wodurch eine stärkere Fokussierung auf stimmliche Merkmale stattfand, als dies bei „sinnvollen“ Äußerungen möglicherweise der Fall ist (vgl. Scherer 1982: 197 u. 199). Zusätzlich betonen Eckert und Laver in ihrer Zusammenfassung verschiedener Ergebnisse folgende Zusammenhänge: Generell wird jede stimmliche Normabweichung von Hörern mit eher negativen Eigenschaften assoziiert (vgl. Eckert/Laver 1994: 161). So könnte tatsächlich auch die manchmal höhere Stimmlage und die abweichende Melodisierung des deutschen Sprechers gepaart mit einem zu schnellen Tempo eher auch zu Attributionen des Abnormalen wie Wahnsinn oder Verrücktheit führen, als dies bei der Originalstimme der Fall ist. Denn bei ihr treten möglicherweise dafür Merkmale des aggressiven Sprechens wie rauer Stimmklang und hohe Sprechspannung in den Vordergrund (vgl. Eckert/Laver 1994: 163f.) und beeinflussen so den stimmlichen Komplexeindruck stärker als beim deutschen Sprecher. Daneben konnte Redecker (2008: 147) anhand einer vergleichenden Analyse der Wirkung eines Werbespots erneut zeigen, „dass bereits geringe stimmliche und sprecherische Modifikationen innerhalb weniger Sekunden eine hochsignifikante Veränderung in der Wahrnehmung und in der Wirkung des Werbespots nach sich ziehen“, auch bezüglich der darin dargestellten Person. Somit wäre durch diese Daten tatsächlich die Hypothese dieser Arbeit bestätigt.

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Dennoch zeigt eine genauere Betrachtung, dass der Bezug zwischen den Nutzerurteilen und den in der vorliegenden Analyse festgestellten Unterschieden zwischen den Stimmen nicht so einfach hergestellt werden kann. Zilliken (1991: 36) etwa merkt an, dass es hier gelte, „Vorsicht walten zu lassen, da menschliche sprachliche Ausdrucksformen sich als zu komplex und vielfältig darbieten, als daß sich einzelne Sprechausdrucksmerkmale in entsprechende ,Schubladen’ einordnen ließen“. Auch der genauere Vergleich der von Hörern zugeschriebenen Eigenschaften mit Fremdeinschätzungen in Scherers Daten zeigt, dass situativ sehr valide stimmliche Hinweisreize auf keinen Fall auf stabile oder habituelle Merkmale übertragen werden können (vgl. Scherer 1982: 202). Diese Beobachtung lässt erneut darauf schließen, dass auch sehr konstante überindividuelle Einschätzungen situationsabhängig sind und nicht ohne weiteres auf andere übertragen werden können, wenn sich auch gewisse Tendenzen stets gleichen. Denn auch wenn erhöhte Melodiebewegung und höheres Tempo somit von einigen Autoren mit Erregtheit und nervösen Störungen in Verbindung gebracht werden (vgl. auch Kehrein 2002: 323, Redecker 2008: 152) und im Gegensatz dazu eine gespannte Stimme mit wenig Melodik Aggressivität oder Drohung bedeutet, gilt es nochmals zu beachten, dass Wahrnehmung und Interpretation nie kontextfrei geschieht. Zum Gesamtbild zählen alle im Augenblick der Eindrucksbildung vorhandenen Teilbedeutungen der verschiedenen Signalisierungssysteme, es gibt nicht die Ausdrucksbedeutung (vgl. etwa Kehrein 2002: 321). Um deshalb sichere Aussagen über Stimmwirkung treffen zu können, müsste die Stimme auch alleiniges Unterscheidungskriterium sein. Dies kann durch die vorliegende Untersuchung jedoch nur sehr eingeschränkt gewährleistet werden, da sie methodisch neben einem Vorteil auch deutliche Nachteile aufweist. Der Vorteil ist sicherlich, dass die Beurteiler zum Zeitpunkt ihrer Urteilsabgabe nicht wussten, dass diese Gegenstand einer Untersuchung sein würden. Deshalb ist zu erwarten, dass die spontan formulierten stimmlichen Eigenschaften nicht durch Versuchs- und Versuchsleitereffekte oder übermäßige Reflexion verzerrt sind. Das war nur möglich, weil als Grundlage für die Urteile ein öffentlich zugängliches Kommentarforum des Internets diente, dessen vorrangiger Zweck nicht die Beurteilung von Stimmen, sondern die Bewertung einzelner Videos ist. Umso erstaunlicher ist die Tatsache, dass zwischen manchen Eigenschaften – insbesondere in Bezug auf die Synchronstimme – ein recht breiter Konsens besteht. Ebenso darf die Beurteilergruppe aber in Bezug auf Alter, Geschlecht, sozialer Hintergrund, Bildungsstand etc. nicht zu heterogen sein (vgl. Eckert/Laver 1994: 151ff., Stock 1991: 58). Daneben spielen außerdem äußere Bedingungen wie Tageszeit und Ort beim Beurteilungsverhalten eine Rolle (vgl. Stock 1991: 57). Hierin liegt auch der große Nachteil der hier verwendeten Eindruckserhebung. Denn es war gleichzeitig nicht möglich, die Beurteilergruppe bezüglich dieser Faktoren

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konstant zu halten. Deshalb ist es notwendig, die Nutzerurteile bezüglich folgender Punkte zu relativieren: 1. Es ist weder klar, in welcher Situation die einzelnen Nutzer das Video oder die DVD sahen, noch ob die Darbietung jeweils bezüglich der Tonqualität konstant war. Dies spielt bei der Eindrucksgewinnung eine nicht unerhebliche Rolle, da je nach Darbietungsart z.B. Störschall die Beurteilung beeinflussen kann (vgl. Bose 2003). 2. Eine weitere Einschränkung der Eindeutigkeit der Untersuchungsergebnisse ergibt sich aus der Tatsache, dass die Nutzer mit dem Titel des Videos schon explizit zu einem stimmlichen Vergleich aufgefordert werden, was eine klare Selektion der Wahrnehmung darstellt (vgl. U. Geißner 1984: 129). Außerdem ist nicht klar, wie oft die Nutzer sich die dargebotene Szene „angehört“ oder den Film gesehen haben, bevor sie ihren Kommentar abgaben. Dies kann möglicherweise trotzdem zu verzerrenden Eindrücken führen, die unter normalen Umständen einer Filmpräsentation nicht entstanden wären. 3. Des Weiteren sind die Eindrucksbeschreibungen zwar spontan, dadurch aber auch schwer nachvollziehbar und vergleichbar. Denn es ist zum Beispiel nicht klar, ob unterschiedliche Adjektive wie „wahnsinnig“ und „psycho“ tatsächlich dasselbe Konzept meinen, auch wenn sie es im allgemeinen Verständnis vielleicht beinhalten. Dasselbe gilt für die schwer zu fassenden Beschreibungen des Stimmklangs. Denn aus der vorliegenden Analyse geht nicht klar hervor, warum Heath Ledgers Stimme als rauer beurteilt wird. Ein weiterer Nachteil der spontanen Äußerungen ist, dass sich die Nutzer häufig nur zu einer Stimme äußern und die so entstandenen Aussagen sehr viel Interpretationsspielraum in Bezug auf den Stimmenvergleich zulassen. 4. Auch stimmliche Eindrücke werden in der Regel in direktem Bezug auf die Handlungen der betreffenden Person gebildet (vgl. U. Geißner 1984: 134). Das heißt, Eigenschaften, die man jemandem aufgrund seiner Handlungen zuschreibt, wird man auch in dessen stimmlichem Ausdruck zu bestätigen suchen. Das bedeutet in dem vorliegenden Fall, dass dadurch, dass die Nutzer die Handlungen und Verhaltensweisen bereits aus den Comics und Vorgängerfilmen kennen, sie zu wissen meinen, wie dessen Stimme zu klingen hat, und möglicherweise eher geneigt sind, schon kleinste stimmliche Unterschiede dahingehend zu interpretieren. Somit ist nicht klar, ob dieser Ausdruck für sich genommen ebenfalls so interpretiert worden wäre. 5. Auch kulturelle Unterschiede können zu diesem Effekt führen. Denn Sprechausdrucksmuster können als solche nur dann richtig gedeutet werden, wenn sie innerhalb einer Sprachgemeinschaft konventionalisiert sind, d. h. wenn auch entsprechende Hörmuster existieren (vgl. Geißner 1984a: 25). Kommt es zur Überschneidung mit anderen Sprachgemeinschaften, so werden die eigenen Muster auf die der fremden Sprache übertragen. Deshalb wird eine normale amerikanische Männerstimme in Deutschland in der Regel

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als „zu tief“ eingestuft, obwohl sie sich für Amerikaner noch innerhalb der Norm befindet (vgl. Eckert/Laver 1994: 156, Redecker 2008: 34 u. 147). Dies könnte auch bei der Beurteilung der Stimme Heath Ledgers durch die überwiegend deutschen Nutzer mit eine Rolle gespielt haben, weshalb der Eindruck der im Vergleich „tiefen“ Stimme Ledgers nicht allein aus einem Tonhöhenvergleich abgeleitet werden kann. Bezogen auf die Grundfrequenz liegen beide Stimmen ja eher im mittleren Bereich, auch wenn Ledgers Stimme generell ein geringeres F0 aufweist. Diese Einschränkungen machen die Nutzerurteile zu nicht reinen Eindrücken und sind bei einer abschließenden Interpretation der Analyseergebnisse zu beachten. 5.2 Schlussfolgerungen Ziel der Arbeit war es, durch eine akustische und auditive Analyse unterschiedliche spontane Eindrücke von Internetnutzern zwischen der Originalstimme von Heath Ledger und seiner Synchronstimme nachvollziehbar zu machen bzw. zu überprüfen, ob diese Eindrücke tatsächlich eine stimmliche Grundlage haben. Die Analyse konnte zeigen, dass vor allem in Bezug auf den Komplex der melodischen und temporalen Parameter recht deutliche wahrnehmbare und messbare Unterschiede zwischen beiden Stimmen bestehen. Dennoch gilt es zu beachten, dass diese stimmlichen Unterschiede nicht per se die spontanen Eindrücke der Internetnutzer erklären können, da Wahrnehmung und Sprechwirkung immer als Komplex aus stimmlichen, situativen, individuellen o.ä. Merkmalen geschieht. Das heißt, es wäre falsch, die Ergebnisse dahingehend zu interpretieren, dass etwa eine stärkere Variation der Grundfrequenz, sowie ein weiterer Range und damit auch häufige wahrnehmbare Änderungen in der Tonhöhe gepaart mit schnellerem Tempo ganz klar den Eindruck „verrückt“ alleine hervorrufen. Sondern dies bedeutet, dass es zumindest nicht unwahrscheinlich ist, dass im Vergleich beider Stimmen die Ausgeprägtheit dieses Unterschieds eine nicht unwesentliche Rolle bei der Interpretation des stimmlichen Eindrucks durch die Nutzer in Richtung „verrückt“ spielt. Denn diese stimmlichen Merkmale scheinen eher dem Rollenbild des „Psycho-Clowns“ zu entsprechen, das die meisten Nutzer von vornherein von der Figur des Jokers haben. Immerhin scheint gesichert, dass die vorliegende Analyse zumindest einen Teil der unterschiedlichen Eindrücke tendenziell nachvollziehbar machen kann, da gezeigt werden konnte, dass sie zu einem Teil auch auf stimmliche Unterschiede zurückgehen können. Dies ist umso wahrscheinlicher, da auch für die Internetnutzer der stimmliche Unterschied die jeweils dominante Variable war. Außerdem zeigt diese Analyse damit, dass schon minimale Änderungen in den Teilen des Gesamtkomplexes Stimme einen unterschiedlichen Eindruck einer Synchronisation hervorrufen können und die Zuschauer dies wahrnehmen. Damit trägt auch die Synchronisation ihren Teil zur Vermittlung des Rollenbildes bei und

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kann die Gesamtwirkung eines Films mit beeinflussen. Denn etwa durch eine nicht kongruente Besetzung der Stimme können manche Wirkungsaspekte des Originals verloren gehen, wodurch das ausländische Publikum das Werk – wenn auch nur minimal – anders aufnimmt als das des Ursprungslandes. Ob dies von den Verantwortlichen immer gewollt ist, sei dahingestellt. So hat sich gezeigt, dass die durch ein erhöhtes Sprechtempo hervorgerufenen Eindrücke in der Regel nicht intendiert, sondern allein der technischen Notwendigkeit der Synchronität geschuldet sind (vgl. auch Maier 1997: 96f.). Gerade weil aber im Zeitalter der DVD immer mehr Menschen den direkten Stimmenvergleich vornehmen können, sollte sich die Synchronbranche mehr dessen bewusst sein, um die Illusion der Einheit von Bild und Ton aufrechterhalten zu können. Methodisch interessant sind die Ergebnisse dieser Arbeit, weil sie zeigen, dass Hörer auch in einer Nichtlaborsituation durchaus in der Lage sind, bis zu einem gewissen Grad überindividuell nachvollziehbare stimmliche Eindrücke zu erlangen und dass diese nicht völlig inkonsistent und willkürlich sind. Auch wenn deutlich wurde, dass wegen der verschiedenen methodischen Einschränkungen offene Korpora aus dem Internet dafür nur eine mangelhafte Möglichkeit bieten, stellt die vorliegende Arbeit einen ersten Schritt in diese Richtung dar.

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Redecker, Beate (2008): Persuasion und Prosodie. Eine empirische Untersuchung zur Perzeption prosodischer Stimuli in der Werbung (Hallesche Schriften zur Sprechwissenschaft und Phonetik 25). Frankfurt/Main u.a.: Peter Lang Verlag. Runkehl, Jens/ Schlobinsky, Peter/ Siever, Torsten (1998): Sprache und Kommunikation im Internet. Überblick und Analysen. Opladen u.a.: Westdeutscher Verlag. Scherer, Klaus R. (Hg. 1982): Vokale Kommunikation. Nonverbale Aspekte des Sprachverhaltens. Weinheim u.a.: Beltz. Scherer, Klaus R. (1982): Stimme und Persönlichkeit – Ausdruck und Eindruck. In: Scherer, Klaus R. (Hg.), S. 188-210. Scherer, Klaus R. et al. (1982): Die Attribution von Persönlichkeitsmerkmalen aufgrund auditorischer und visueller Hinweisreize. In: Scherer, Klaus R. (Hg.), S. 228-252. Schulz von Thun, Friedemann (1981): Miteinander reden: 1. Störungen und Klärungen. Allgemeine Psychologie der Kommunikation (Sonderausgabe 2008). Reinbek: Rowohlt Taschenbuch Verlag. Stock, Eberhard (1991): Grundfragen der Sprechwirkungsforschung. In: Krech, Eva-Maria et al. (Hgg.): Sprechwirkung. Grundfragen, Methoden und Ergebnisse ihrer Erforschung. Berlin: Akademie Verlag, S. 9-58. Stock, Eberhard/ Suttner, Jutta (1991): Wirkungen des Stimm- und Sprechausdrucks. In: Krech, EvaMaria et al. (Hgg.), S. 59-142. Trojan, Felix (1952): Der Ausdruck der Sprechstimme: Eine phonetische Lautstilistik. Wien u.a.: Verlag für Medizinische Wissenschaft Wilhelm Maudrich. Zilliken, Franziska (1991): Beziehungskonstituierende Wirkungen des Sprechausdrucks. Eine empirische Untersuchung (Europäische Hochschulschriften 97). Frankfurt/Main u.a.: Peter Lang Verlag. Christopher Nolan: The Dark Knight (USA 2008). DVD-Video, 146 Min. Bildformat 2.40:1/ 16:9, Ton: Deutsch/Englisch Dolby Digital 5.1. Warner Bros. Pictures.

Verwendete Internetseiten: „Internet Movie Database“. URL: http://www.imdb.de/name/nm0005132/ (05.08.09). „Jungstars.net – Martin Umbach Biographie“. URL: http://www.jungstars.net/martin-umbach/vita.htm (05.08.09). „Mediacenter – tagesspiegel.de“. URL: http://www.tagesspiegel.de/medien/hermes/cme1,226238.html (05.08.09). „Trailerseite.de – Batman: The Dark Knight Film Trailer“. URL: http://www.trailerseite.de/archiv/trailer2008/batman-the-dark-knight-trailer.html (05.08.09). „You Tube – The Dark Knight Synchro-Vergleich (Englisch/Deutsch)“. URL: http://www.youtube.com/watch?gl=DE&hl=de&v=kW3KP3NgIBs (21.07.09).

Christian Haas, MA wurde 1985 in Göppingen geboren. Er studierte an der PhilippsUniversität Marburg den Bachelorstudiengang „Sprache und Kommunikation“ sowie den Masterstudiengang „Speech Science“ mit der Spezialisierung Sprechwissenschaft. Erlangung des Abschlusses „Master of Arts“ mit der Arbeit „Heath Ledger in ,The Dark Knight’. Ein analytischer Vergleich zwischen Originalstimme und Synchronisation in Bezug auf Hörerurteile“. Seit Oktober 2010 arbeitet Christian Haas in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit eines Bildungs- und Gesundheitsunternehmens in Heidelberg.

Die diesem Aufsatz zugrunde liegende Masterarbeit steht in Kürze in der DGSS-Bibliothek auf der DGSS-Homepage kostenlos zur Lektüre und zum Download zur Verfügung.

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Wie einfältig ist der Mensch, der meint, er habe nur eine Stimme Eine Antwort an Hans-Martin Ritter Von Hellmut K. Geißner In seinem spannenden Buch „Zwischenräume“ hat Hans-Martin Ritter (im folgenden HMR) mich stolpern lassen über Begriffe wie „Authentizität, stimmiger Mensch, Ich und Selbst, (mit oder ohne Kern)“, immer dann – wie meine Rezension (vgl. DGSS @ktuell 1/2010; 21-24) zeigt –, wenn ich den Eindruck nicht los geworden bin, er verwende diese Münzen als hätten sie eine feste, immerwährende Prägung. Trotz aller gedanklichen Beweglichkeit in seiner darauf sich beziehenden Darstellung „Wie vielfältig ist der Mensch und wie vielstimmig?“ (DGSS @ktuell 3/2010; 5-15) konnte HMR meine Bedenken nicht zerstreuen, denn immer wenn er in die Rolle des – wie er sagt – ,homo in actu theatrale’ schlüpft, werden ihm die sonst offenen Begriffe eindeutig. Abgesehen davon, dass auch der theaterspielende Mensch ein ,homo sociologicus’ ist (wenn denn die Antithese ernst genommen werden kann, von der HMR fordert „man muß“ sie unterscheiden?), bleibt zu fragen, ob nicht theatrale als Kunstereignisse beides zugleich sind: „ästhetisch und fait sociaux“. (Adorno 1974;375) Wenn das zutrifft, dann „bedürfen sie einer gedoppelten Betrachtung“. Dieser Doppelcharakter der Kunst verlangt, sie stets wieder von außen anzuhören oder anzusehen, „jenes von außen, um vor der Fetischisierung ihrer Autonomie beschützt zu werden“. (ebd.) Kann, wenn die Kunst nicht autonom ist, der Kunstschaffende, der Künstler autonom sein? Beim Nachdenken über diese Frage zeigt sich, dass HMR und ich in Vielem übereinstimmen, bleibende Unterschiede manchmal ,al fresco’ übertüncht werden können, andere dagegen den Haarpinsel erfordern, um Feinheiten aus den Schatten herauszuholen. ,Einfältig’ ist schon ,der Mensch im Singular’, ist er doch Mensch nur mit Menschen. Doch auch die prinzipielle ,Pluralität’ (vgl. Hannah Arendt 1960;14) verhindert Einfalt nicht. Es gibt auch einfältige Menschen. Es sind jene, die nicht ,zwiefältig’ denken können, die nicht zweifeln, gar mit Peirce (vgl. Geißner 1991) oder mit Brecht (vgl. Gedichte V; 121-124) den Zweifel „loben“. Es sind jene, die nicht „zwei Seiten“ an einer Sache sehen, zwei Meinungen hören können oder wollen oder – dürfen, weil Einfältige ,zweifelsfrei’ leichter zu beherrschen sind, in Schulen, Politik und Kirchen. Es sind diejenigen, die sich unbefragt den je herrschenden Meinungen fügen (d.h. unterordnen), wozu nicht einmal Befehle erforderlich sind, diejenigen, die für ,gesund’ halten, was alle meinen, was im Mainstream, dagegen für ,krank’, wer gegen den Strom schwimmt. Die Einfältigen kommen gar nicht auf die Idee, es könne sich um Unmündigkeit handeln, gar um „selbstverschuldete Unmündigkeit“, aus der sie sich selbst „herausarbeiten“ könnten. (vgl. Kant VI; 53) Möglicherweise leben sie

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mit sich selbst in Übereinstimmung, insofern also mit sich „einstimmig“, doch das ist das Gegenteil von dem, was Kant forderte, „jederzeit mit sich selbst einstimmig zu denken“. (III; 485) Das nämlich setzte ,konsequentes’ Selbst-Denken voraus, das Gegenteil von jenem ,gesunden’ Menschenverstand. Doch könnte nicht auch dieses ,mit sich selbst einstimmig denken’ für eine Umschreibung des gesuchten „stimmigen Menschen“ gehalten werden? Aber ,denkt’ denn der stimmige Mensch überhaupt, oder überlässt er sich einem Gefühl der Stimmigkeit? Wird hier nicht ein linguistischer Zufall, die Übereinstimmung zweier Anfangssilben, strapaziert, um das vieldeutige ,stimmen’ mit der klingenden ,Stimme’ zu kopulieren? Handelt es sich hier um eine Konfundierung von vox und votum? (vgl. Geißner 1991) Bei einer Überlegungen und Entscheidungen folgenden Abstimmung haben wir im allgemeinen nur eine Stimme (votum), aber wenn wir uns hörbar äußern, immer (sofern nicht schwere zentrale Störungen vorliegen oder postoperative Zustände) mehr als eine Stimme (vox); haben nicht nur Sprech- und Singstimme, vielleicht ausgebildet zu Sprecher- oder Sängerstimme, sondern Stimmen für alle Gemütslagen: lachen und weinen, gähnen und schreien, fragen und befehlen … usw., es sei denn, das Gemüt wäre verkümmert oder Menschen wären zum Verstummen gebracht, wären ,stimmlos’ gemacht worden. (vgl. Geißner 1999) Es wäre gewiss leichtfertig, Einfältigkeit und Einstimmigkeit gleichzusetzen; denn wohl niemand möchte sich dauerhaft mit seiner Passbild-Identität identifizieren (,erkennungsdienstlich’ genormt nach Größe, Hintergrund und Kopfhaltung), eher mit beliebigen ,Schnappschüssen’ aus dem Lauf der Jahre, in verschiedenen Situationen. Desgleichen ist nicht alltäglich der einfältige Fingerabdruck unwichtig im Vergleich mit dem Händedruck, der einstimmige ,voiceprint’ verglichen mit dem variablen Stimmausdruck, die ,biometrischen Daten’ mit der Plastizität von Mimik und Gestik. Bei der Suche nach einer Antwort darauf, was denn ein „stimmiger Mensch“ sei, ob es dabei eine Beziehung zwischen Stimme und ,Stimmigkeit’ gibt, beziehe ich mich noch einmal auf einen Gedanken von Novalis, wohl wissend, dass Begriffe im Kontext eines Werkes Verschiedenes bedeuten können und sich im Abstand von etwa 200 Jahren ihre Bedeutung verändert haben kann. Novalis schrieb (1798/99. GS 2; 524): „Um die Stimme zu bilden muß der Mensch mehrere Stimmen sich anbilden – dadurch wird sein Organ substantieller.“ Durch das Anbilden mehrerer Stimmen erhält das Stimmorgan nicht nur mehr Substanz, wird reicher, sondern es wird ,substantieller’; das kommt in die Nähe von „wesentlicher“, charakteristischer, aber die Stimme wird nicht ,individuell’, nicht zu einer einzigen Stimme „So um seine Individualitaet auszubilden muß er immer mehrere Individualitaeten anzunehmen und sich zu assimilieren wissen – dadurch wird er zum substantiellen Individuum.“

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,So’, d. h. ebenso, in gleicher, aber nicht durch die selbe Weise; es gibt keine unmittelbare Beziehung zwischen Stimme und Individualität. Die Individualität ist nichts Angeborenes, nichts Fertiges, sondern etwas zu Erwerbendes. Die im Verlauf ihrer ,Ausbildung’ zu übernehmenden anderen Individualitäten sind nicht nur ,anzunehmen’, sondern sich zu ,assimilieren’. Der Assimilierende muss also um die Unterschiede wissen, sonst kann er sie sich nicht angleichen. Erst dadurch kann er zum substantiellen Individuum werden. Es geht um „Einheit in Vielfalt“. Novalis denkt ganz im Geiste der Romantik. In den philosophischen Fragmenten seines Freundes Friedrich Schlegel heißt es: „Die Einheit des Fragments ist seine Individualität“. Diese fragmentarische Einheit ist hinfällig. „Das Individuum ist ein beständiges Werden.“ (vgl. T. Borsche 1976; 317). Das klingt heutzutage erstaunlich vertraut, ist aber doch verwunderlich, wenn überlegt wird, welche Entwicklung der Begriff hinter sich hat; denn ,Individuum’ war durch die Jahrhunderte ein Zahlbegriff, mit dem jedes Einzelwesen bezeichnet werden konnte. „Auch der Gorilla ist ein Individuum“, sagt noch Buber und nennt das zahlenmäßige Gegenstück: „auch der Termitenstaat ist ein Kollektiv“. (1962 I; 407) Aber – so könnte gefragt werden – hat das Individuum nicht einen festen Kern, einen unzerstörbaren, um nicht zu sagen: einen unsterblichen? Unversehens kämen hier in aufgeklärten Definitionsversuchen des ,liberalen’ Individuums religiöse Grundannahmen zum Vorschein. Es sollte jedoch nicht vergessen werden, dass ,individuum’ eine Übersetzung von ,Atom’ war, und dass Cicero es war, der wohl als Erster ,atoma' mit ,individua’ übersetzt hat (vgl. de fin.1; 17). Zwar galt bis zur Kernspaltung im 20. Jh. das Atom als Letztelement, ähnlich auch das In-dividuum, bis aufgeklärte Dichter und Denker es wagten, die logische Zähleinheit ,Individuum’ in ihrer Fragmentiertheit zu erkennen, es als „Dividuum“ (Benn) zu bezeichnen, als ,Dividualität’ (Brecht), zu konstatieren: “Das Ich ist nicht Herr im eigenen Hause“ (Freud), und den individuellen ,Kern’ als quasireligiöse Metapher zu betrachten. Ein Überbleibsel jener Ganzheitsmythe ist die Rede vom „Wesenskern“, der sogar in einer „Wesenstimme“ erklinge; eine Vorstellung, die als Grundlage für eine „Sprecherziehung als Menschenbildung“ diente (Lockmann 1954), vielleicht noch heute durch die sog. ,Sprechbildung’ geistern mag [wahrlich schon damals eine morsche Brücke für die beiden ,substantiell’ bei Novalis.] Gegen diese Art Sprecherziehung schrieb ich schon vor 50 Jahren: „sie wird nicht die Sprechrollen verketzern können, um den Wesenskern der Stimme zum Klingen zu bringen. Das, was ,wesentlich’ ist, kann auch durch die Sprechrollen klingen, aber nicht für sich. Der aussichtslose Versuch, immer und überall mit ,Wesensstimme’ zu sprechen, mindert zwangsläufig die Soziabilität. Sie wird es sich versagen müssen unter irgendeinem zeitgenössischen Vorurteil oder einem Gruppenegoismus Ausdrucksnormen für echt oder unecht zu erklären, z.B. die

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Normen der Artikulation; denn gerade die rollenmäßige Realisation braucht größtmöglichen Spielraum. Die Sprecherziehung wird diesen Sprechrollen-Spielraum des einzelnen (Stimme, Lautstärke, Klangfarbe, Artikulation, Tempo, Sprechstil usw.) möglichst offen halten müssen.“ (Geißner 1960; 203) Zu jener Zeit konnte im westlichen Deutschland die in den USA entwickelte Rollentheorie übernommen und weitergedacht werden (vgl. Dahrendorf 1958), während sie im östlichen Deutschland als typisches Merkmal einer ,antagonistischen’ bürgerlichen Gesellschaft galt und als nicht-konform mit der herrschenden Ideologie von der Einheitsgesellschaft, in der vorhandene Unterschiede mit der konformen Erziehung zu einer ,sozialistischen Persönlichkeit’ nivelliert werden sollten. Hier ist nicht zu übersehen, dass der Erziehung zur ,sozialistischen’ in der DDR, in der BRD eine Erziehung zur bildungsbürgerlichen Persönlichkeit entsprach und entspricht, beide nicht selten sich berufend auf Goethe: Volk und Knecht und Überwinder Sie gestehn zu jeder Zeit Höchstes Glück der Erdenkinder Sei nur die Persönlichkeit. (WW 1; 361) Allerdings wurde und wird dabei oft überlesen, dass 1) ,sei’ einen Optativ anzeigt, es sich um eine Wunschformel handelt nicht um eine ,empirische’ Tatsachenbehauptung, und dass 2) – und in unserem Zusammenhang noch wichtiger – keinerlei Beziehung zum stimmlichen Ausdruck hergestellt wird. Das wäre auch einigermaßen absurd, wenn doch Psychologen unter Persönlichkeit den ,ultimativen’ Entwicklungsstand einer Person verstehen: „haltungsmäßige Durchformtheit, Fähigkeit, Aufgaben auf Grund eigener Einsicht, Stellungnahme und Entscheidung selbständig zu bewältigen.“ (z.B: Hehlmann 1968; 405) Außerdem kann die Bindung der Persönlichkeit an Stimme kaum noch ernsthaft an das, was ,durchtönt’ (per-sonare), d. h. vom Sprechen durch die Maske (persona) gerettet werden, es sei denn, ein Sprechbildner verstünde sich als ,personarius’, als Maskenmacher. (vgl. Geißner 2006; 35f.) Wer an die Einheit von Stimme und (unsterblicher) Seele nicht mehr glaubt, wer umgekehrt die Vielfalt seiner/ihrer Stimmen nicht nur metaphorisch, sondern tatsächlich erlebt, dem sind sie Erscheinungsformen eines ,multiplen Ich’, dessen langdauernde autobiografische Genese (vgl. Markowitsch/Welzer 2005) nachvollziehbar ist. Innerhalb einer im ganzen „Liquid modernity“ (Bauman 2000) ist auch das Ich „flüssig“. Jedoch dieses in seinen Grenzen „flüssige Ich“ verfließt nicht einfach, es behält, besonders in kommunikativen Kontakten, eine temporäre Festigkeit. Physikalisch könnte von einem „Fließgleichgewicht“ (Bertalanffy 1953) gesprochen werden, sozialpsychologisch von einem „Wandlungskontinuum“ (Welzer 2002; 21).

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Ist es dann nicht absonderlich, dass wir uns noch immer von der Frage irritieren lassen, ob die Rede von den Rollen nicht doch nur eine Metapher sei? Ob hinter den Rollen das eigentliche, das authentische Ich verborgen liege? Dazu werde ich später noch etwas sagen, zuvor aber das „noch immer“ erklären. Es bezieht sich nicht auf Shakespeares Einsicht „All the world is a stage“, sondern auf seinen Vorläufer, den Frühaufklärer Erasmus von Rotterdam. Er schrieb vor 500 Jahren (wahrscheinlich 1509): „Was anderes ist nun das Leben als ein Schauspiel, in dem jeder seine Maske vor das Gesicht nimmt, auftritt und seine Rolle spielt, bis der Leiter ihn abtreten heißt. … Alles ist Blendwerk, aber anders läßt diese Komödie sich einmal nicht geben. … Zerstört man aber die Illusion, so ist das Spiel verdorben. … Wenn einer den Spielern auf der Bühne die Masken abreißen wollte, um den Zuschauern ihre wahren, natürlichen Gesichter zu enthüllen, stellte er nicht das Ganze Stücke auf den Kopf und verdiente, wie ein Tobsüchtiger mit Steinen vom Platz gejagt zu werden ?“ (Schr. 2; 63) Die ,Lobrede’ der Frau Torheit übertrifft modernen Skeptizismus. Köstlich, wie Erasmus die einzelnen Männerberufe (Frauen kommen nur in seinen ,Familiengesprächen’ vor) und ihre Lebensformen ironisch demaskiert: Könige, Hofleute, Kardinäle, Bischöfe, Priester und Mönche; von unserer ,Zunft’ die Schulmeister, die Rhetoriker und die Künstler, von denen er meint : „Was sie ja alle auszeichnet, ist just die Selbstgefälligkeit, und eher ließe sich einer Haus und Hof absprechen als sein Talent, besonders was Schauspieler, Sänger, Redner und Dichter sind; je weniger einer kann, desto frecher belobigt er sich … je ärger der Schund, desto größer der Beifall. … denn die Mehrzahl der Menschen ist eingeschworen auf die Torheit. … Wenn also dem größten Stümper der größte Erfolg bei sich selbst und beim Publikum in den Schoß fällt, wozu sollte sich einer noch gründlich schulen? Schulung kostet Geld, macht unnatürlich und befangen und findet schließlich nicht halb soviel Anklang.“ (101) Vielleicht möchte kein Leser noch einmal zurückkehren zu der Frage, ob nicht doch hinter den Rollen das – ich verwende nur eine Sammlung gängiger Ausdrücke – ,wahre Ich oder Selbst, das Identische, gedoppelt: das Ich-Idente, das Eigentliche, das Wesentliche, das Authentische’ liege, das zu erreichen sein müsste, wenn es gelänge, die sozialen Zumutungen des Rollenspielens zu ignorieren, ein Ich zu erreichen, das sogar ,vor’ seiner Sozialisierung existiere. Wäre das nicht jene fensterlose Monade, die nicht nur fensterlos ist, sondern sprachlos? Denn da die Sprache nicht eingeboren ist, kann sie nur in sozialen Kontakten, also kommunikativ erworben werden. Wer über das Kommunizieren nachdenkt, kann sich an diesen Ideen nicht vorbeimogeln, fordern sie uns doch immer wieder heraus. Die konjunktivischen Formulierungen (liege, müsste, gelänge, existiere) sprechen für die erstaunliche Annahme, es handle sich wirklich ,nur’ um Rollen spielen, wehren damit

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ab, dass es um Rolle sein geht, um das ,in Rollen leben’; allerdings ist es auch nicht einfach, die Trennlinie zwischen Lebensrollen und Spielrollen zu ziehen. Ich z. B. bin Mann, Ehemann, Vater, Großvater, Deutscher, war Kriegsteilnehmer, Hochschullehrer, dgss-Vorsitzer … alles Lebens- und Berufsrollen, die ich mehr oder weniger ,zufriedenstellend’ auszufüllen versuchte. Doch ob mir das gelungen ist, kann nicht ich, können nur die ,komplementären’ Mitmenschen beantworten. Rollen definieren sich 1) notwendig aus der Differenz zu dem, was sie nicht sind; sie sind 2) nicht ,individuell’, sondern abhängig von komplementären Mitmenschen (Einzelnen oder Gruppen), nur von denen kann letztlich 3) Rollenerfüllung zugesprochen werden. Jede/r kann zwar bei einiger Rollendistanz das eigene Verhalten – selbstgewiss oder selbstillusionär – für echt, angemessen etc. halten, aber das zutreffende Urteil können immer nur die anderen fällen, nur andere können sagen, jemand sei echt, eigentlich, verlässlich, glaubwürdig, sei – um den modischen Bogen zu schlagen – ,authentisch’. Jemand der mit subalterner Selbstverkleinerung sagt : ,Der Herr Pfarrer, der Herr Direktor und meine Wenigkeit’ ist nicht weniger lächerlich, als der, der mit präpotenter Selbstverklärung verkündete : ,Der Herr Pfarrer, der Herr Direktor und meine Persönlichkeit’. Es gibt Wert-Prädikate, die auf sich selbst bezogen geäußert (veröffentlicht), sich selbst ad absurdum führen (vernichten); wie: echt, glaubwürdig, authentisch, Persönlichkeit. Wer sich glaubwürdig nennt, wird unglaubwürdig. Gilt das auch für die Selbstaussage: Ich bin ein ,stimmiger Mensch’? Stimmig sei er, sagt HMR, wenn er sich „seiner Handlungmöglichkeiten gewiss“ sei, bezogen auf die Stimme bedeute das „Ich agiere mit der Stimme und betrachte mich in dieser Aktion, ich betrachte die Bewegungen meiner Stimme und ganz zuletzt : Ich bin meine Stimme“ (2008; 154); ähnlich (2009; 124) jedoch mit dem kleinen Unterschied „mit dem Empfinden (H.G.): „Ich bin meine Stimme.“ Da erscheinen beide unfragmentiert, es klingt nur eine Stimme und das Ich ist heil. Das mag nicht nur ein künstlerischer Mensch in hochgestimmten Situationen so empfinden, aber können das andere mitempfinden? Wie besteht das Selbstbild des Stimmigen vor seinen Fremdbildern? (vgl. Slembek-Geißner 2001). Können die Beobachtenden das Stimmigkeitserlebnis des Künstlers wahrnehmen, und selbst wenn, wozu? Können sie gar dadurch selbst stimmig werden, obwohl sie stimmlos bleiben? Das wäre in meinem Verständnis eine wundersame Reunifizierung der Fragmentierten, die allen gesellschaftlichen Erfahrungen widerspricht. „Das Ich ist kein Stimmphänomen. Meine Stimme sagt nicht, ob ich mit mir und mit uns übereinstimme.“ (Geißner 2008; 67) HMR exemplifiziert seine Meinung zuletzt (2010) – wie eingangs gesagt – an Kunstübungen, die er ,Drahtseilakt’ nennt. Ob dieser gelingt, hänge davon ab, dass er sich ganz ,auf mich selbst verlassen kann’. Schließlich fasst er die Bedingungen des Gelingens in die Formel, es gehe darum „ganz bei sich und bei der Sache – und damit und nur so beim anderen zu sein.“ Vom ausübenden Künstler aus gesehen,

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kann dem – bis auf die Einschränkung ,nur so’ – wohl zugestimmt werden, aber würde er sich an den Akt auf dem Drahtseil auch heranwagen, nicht nur ohne diese Selbstsicherheit, sondern ohne die Absicht, ein Publikum von seiner Kunst(fertigkeit) zu überzeugen? Er übte ja nicht am hohen Seil – mit oder ohne Boden – wüsste er nicht „ich werde beobachtet.“ Die Kür auf dem Drahtseil, gespannt ,von Turm zu Turm’, der Sprung von Trapez zu Trapez in der Manege, verlangen nicht weniger Selbstsicherheit und Konzentration als das Spiel auf der Schaubühne. Vom Drahtseilakt aus lassen sich weder Bühne und Zirkus, noch Kunst und Kitsch unterscheiden. Es ist schon ein Kunstgriff von besonderer Art, dass – nach HMR – das ,künstlerische’ Ich mit Hilfe von Tschechows drei Ichinstanzen (Alltags-, Kunst- und Schöpferisches Ich) seine Einheit finden soll. Drei Einheiten, die an Freuds Instanzen ,Es, Ich und Überich’ erinnern, die in ähnlicher Funktion doch nicht mit Sicherheit erreichen, dass das Ich ,Herr im eigenen Haus’ wird. (Es gibt Endlos-Therapien.) Wie auch soll die Drahtseilarbeit die fundamentale Abhängigkeit des Ich von den anderen überwinden? Zugegeben, dass sie – im Spiel wie beim Rezitieren – auch Glücksmomente schenken kann, aber die sind nicht an das Hochgefühl künstlerischer Arbeit gebunden, sind nicht egologisch, sondern bleiben dialogisch. (vgl. Geißner 1985). An anderer Stelle (2009;156) greift HMR zurück auf die von ihm früher begründete Unterscheidung „Handeln und Betrachten“ und folgert, künstlerische Arbeit könne beides glaubwürdig verbinden. Abgesehen davon, dass auch hier gilt, Glaubwürdigkeit kann niemand sich selbst ,verordnen’, ist nicht zu übersehen, dass Betrachten und Handeln nicht in einem Akt vollzogen werden können, beziehen sie sich doch auf beiden Seiten – modellhaft : Schauspieler und Publikum – auf ganz Verschiedenes. Es ist der nicht einzuschmelzende Unterschied von Selbst- und Fremdreferenz. (vgl. Luhmann 2002; 129) Derlei ,Petitessen’ verschwinden schnell im Nebel des Authentischen. Nach der Abrechnung mit dem heideggerianisch gründelnden „Jargon der Eigentlichkeit“ (Adorno 1964) hat sich in der letzten Jahren ein „Jargon der Authentizität“ breitgemacht, der zwar ähnlich für nichts oder alles stimmig ist, aber wenigstens nicht deutschtümelnd. Leider haben wir in unserer Sprache nicht den feinen Unterschied zwischen ,sincerity’ und ,authenticity’ (vgl. Trilling 1972); die Verwendung möglicher Synonyme für ,sincerity/sincerely’ scheinen in der Zeit der Ich-Inszenierungen fast entleert: echt, offen, rechtschaffen, redlich, ehrlich, vertrauenswürdig, rücksichtsvoll, ernsthaft, ungeheuchelt … Die Wörter ,Authentizität/authentisch’ (es ist kaum mehr von ,Begriffen’ zu sprechen) heben den erwähnten Unterschied von Selbstreferenz und Fremdreferenz nicht auf. Das gilt nicht nur allgemein, also auch für Künstler, sondern er kann auch in der Kunst nicht aufgehoben werden. Kunst wird immer von verschiedenen Menschen verschieden gesehen, gehört, vollzogen. Der begründeten Zufälligkeit auf der Seite der Produktion des Ästhetischen entspricht eine Zufälligkeit auf der Seite der Wahrnehmenden. Diese ,doppelte Kontingenz’ ist in der Kunst besonders

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ausgeprägt. Zwar werden Formen hergestellt für ihre Beobachtung durch sich einlassende Beobachter, aber das macht sie nicht eindeutig. Kunst ist, auch wenn sie nicht als ,offenes Kunstwerk’ (Eco 1977) geplant oder konstruiert ist. Literatur ist prinzipiell offen für verschiedene ,Konkretisationen’ (Ingarden 1960), weil sie prinzipiell vieldeutig ist. Es gibt keine ,absolut richtige’ Interpretation oder Aufführung, denn sie wird von fragmentarischen Künstlern für fragmentarisch Wahrnehmende gemacht. Die Zuschauenden sind aufgefordert, mitzuwirken. Das war schon in der commedia dell‘arte so; sie war schon ,authentisches’ Laientheater, ehe sie etwa 200 Jahre später durch Goldoni literarisch ,authentisiert’ wurde. Wie Zuschauende ,ihr’ Stück mitkonstituieren, so Lesende ,ihre’ Literatur. (vgl. Iser 1972) Kunst ist im Zeitalter der Reproduktion (vgl. Benjamin 1935) paradoxerweise nicht nur im Original authentisch. Zwar ist, was Vermeer gemalt hat, eine Fälschung Rembrandts, aber zugleich ein authentischer Vermeer. (vgl. Goodman 1998) Doch das sind keine Besonderheiten mehr, Authentizität gilt heute für jede Xerokopie (vgl. Ernst 1988), für jeden Mitschnitt aus den elektronischen Medien, jede digitale Unterschrift. Wer kann da noch Autonomie der Kunst reklamieren, sie gar von dem Selbstverständnis ,authentischer’ Künstler-Ichs abhängig wähnen? Auch Künstler sind Beobachter, die beobachten, dass sie beobachtet werden. (vgl. Luhmann 153) Vielleicht könnte ein entwickeltes ,Kontingenzbewusstsein’ (Luhmann) die Kunst – wie der eingangs erwähnte Adorno sagte – „vor der Fetischisierung ihrer Autonomie beschützen“.

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Ders. (2008): Gibt es ein ,natürliches’ Ich?; in : Natürliche Veranlagung oder kulturelle Formung (H. Geißner, Hg.) St. Ingbert. S. 57-69. Ders. (2010): Rezension zu Hans Martin Ritter: "Zwischenräume: Theater – Sprache – Musik. Grenzgänge zwischen Kunst und Wissenschaft", in: DGSS @ktuell 1, S. 21-24. (http://www.dgss.de/newsletter/dgssaktuell2010-1.pdf; Stand: 24.02.2011) Goethe, J. W. (1998) : Werke in 6 Bdn. Darmstadt. Goodman, N. (1969): Sprachen der Kunst (dt.). Frankfurt/M. Ingarden, R. (1960) [1930]: Das literarische Kunstwerk. Tübingen. Iser, W. (1972): Der implizite Leser. München. Kant, I. (1964) : Werke in 6 Bdn. (W. Weischedel, Hg.) Darmstadt. Luhmann, N. (2002): Die Kunst der Gesellschaft. [1995]. Darmstadt. Müller, H./Kallner, S. (2005): Authentisch/Authentizität, in : Ästhetische Grundbegriffe (7 Bde.) Stuttgart,Weimar, Bd.7. S. 40-65. Markowitsch/Welzer (2005): Das autobiografische Gedächtnis. Stuttgart. Novalis, 1999 : Schriften. 3 Bde. (H.J. Mähl, Hg.). Bd. 2. Darmstadt. Pflug. I./ Fischer-Lichte, E. (2000) : Inszenierung von Authentizität. Tübingen, Basel. Ritter, H.-M. (2008): Die Natur der Stimme ergründen, um sie zur Kunst zu entfalten… , in: Natürliche Veranlagung oder kulturelle Formung. (H. Geißner, Hg.) St. Ingbert. S. 149-154. Ders. (2009): Zwischenräume: Theater – Sprache – Musik. Grenzgänge zwischen Kunst und Wissenschaft. Berlin, Milow, Strasburg. Ders. (2010): Wie vielfältig ist der Mensch und wie vielstimmig?; in : DGSS @ktuell 3. S. 5-15. (http://www.dgss.de/newsletter/dgssaktuell2010-3.pdf; Stand: 24.02.2011) Slembek, E. (ed.) (1999): The voice of the voiceless. s+v 16. Slembek-Geißner (2001): Feedback. Das Selbstbild im Spiegel der Fremdbilder [1999], s+v 15. Trilling, L. (1972): Sincerity and Authenticity . Harvard; dt. 1983 : Das Ende der Aufrichtigkeit. Wien. Welzer, H. (2002): Das kommunikative Gedächtnis. München.

Hellmut K. Geißner, geb. am 7. 3. 1926 in Darmstadt (Sprecherzieher-Prüfung 1949), lebt nach Tätigkeiten an den Universitäten Frankfurt/Main, Saarbrücken und Koblenz-Landau (Campus Landau) als Emeritus in Lausanne am Genfer See. Von 1968-1991 zeichnete er als Herausgeber für die DGSS-Reihe „Sprache und Sprechen“ verantwortlich (Bd. 1-25). Er ist Ehrenmitglied der DGSS.

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DGSS-Jahrestagung 2011 „Mündliche Kommunikation in Wirtschaftsunternehmen“ Termin: 16.-18.09.2011 Ort: Universität Flensburg Organisation:

Prof. Dr. Hartwig Eckert Norderfeldweg 4 24994 Medelby  [email protected]

Für Ihre Anmeldung als Teilnehmer/in und Beitragende/r nutzen Sie bitte das Anmeldeformular (Word-Version, 31 kB, zum Online-Versand: http://www.dgss.de/download/DGSS-Tagung_2011_Anmeldung.doc; PDF-Version, 19 kB, zum Ausdrucken und Versna al Scanoder per Fax /Post: http://www.dgss.de/download/DGSS-Tagung_2011_Anmeldung.pdf). – Die Teilnahmegebühr inkl. Festabend beträgt € 50,00; Studierende zahlen keine Gebühr. Call for Papers Ich bitte in diesem "Call for Papers" um Meldungen für Vorträge, Workshops und Poster zu folgenden Themenbereichen: • • • • •

• • • • • •

Verhandeln Moderieren Mediation Meetings Gespräche: Mitarbeitergespräche Führungsgespräche Coaching Feedback Verkaufsgespräche Konfliktgespräche Begleitung von Change-Prozessen Kundengespräche und Verkaufsgespräche Kommunikation in Teams und mit dem Team Präsentationen Supervision Berufs- und Karrierechancen für SprecherzieherInnen und wissenschaftlerInnen in der Wirtschaft Outdoortrainings Training für Wirtschaftsunternehmen, inkl. Training on the Job

Sprech-

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Es wird im Flensburger Programm folgende Kategorien geben: • • • •

Plenarvorträge (60’) Sektionsvorträge (20’ + 10’ Diskussion) Workshops (60’ oder 90’) Poster (A0)

Bei Ihrer Anmeldung zu einem Paper • • •

geben Sie bitte die Kategorie an, unter der Sie Ihren Beitrag zur Tagung leisten möchten, stellen Sie Ihren Vortrag/Workshop/Poster bitte in einem Abstract von bis zu einer DIN A4-Seite dar, bis zum 31. März 2011.

Vergessen Sie nicht, Ihren Namen, Ihre Adresse. Ihre Telefonnummer und Ihre EMail Adresse anzugeben! Ein zu konstituierendes Gremium ist verantwortlich für die Auswahl von angebotenen Vorträgen, Postern und Workshops so wie für die Einladung von Referentinnen und Referenten. Es ist beabsichtigt, neben der Kerngruppe von DGSS-Mitgliedern auch Referentinnen und Referenten aus der Wirtschaft und insbesondere des HRBereiches zu gewinnen. Impulsfortbildungen der DGSS-Akademie „Präsenz in Stimme und Text - Linklater spezial“ Zeit: 19.-20.03.2011 Beginn/Ende: jew. 10:30 -17:00 Uhr Ort: Düsseldorf, Tanzhaus NRW Anmeldungen: (möglichst) bis 04.03.20011 Preis: € 170,00 / ermäßigt € 120,00 Kursleiter: Dirk Prawdzik Ziel des Workshops ist das ausdrucksstarke, klare und präsente Textsprechen. Das spannende Stimmtraining nach Prof. Linklater bildet die Basis, um innere Vorgänge, präzise Technik und Persönlichkeit hör- und sichtbar werden zu lassen. Blockierungen im Stimmgebungsprozess werden gelöst, so dass das naturgegebene Potenzial der Stimme freigesetzt werden kann. Ihre ganze Kraft und Ausdrucksfähigkeit kann so neu erschlossen werden. Sprachbezogene Übungen werden einbezogen und individuelle Tipps zum Weiterüben mit auf den Weg gegeben. Linklater-Erfahrung ist von Vorteil, aber nicht Voraussetzung.

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Dirk Prawdzik ist seit 1997 hauptberuflich Dozent für Stimme und Sprechen an der Folkwang Universität der Künste in Essen. Weitere Informationen und Anmeldung im DGSS-Veranstaltungskalender: https://www.google.com/calendar/event?eid=NTNwZWFuZ3Y5bDJoa3FzcXVodm9zb mRqOW8gbjBzcHU5ODQwcmphOXR1aXVhaHZtNmlzdjhAZw „Die persönliche Stimme entwickeln - Stimmtraining nach Prof. Linklater“ Zeit: 21.-24.04.2011 Beginn/Ende: Do, 14:00 Uhr / So, 19:30 Uhr Unterrichtzeit: 24-28 h Ort: Kloster Frauenwörth Anmeldungen: (möglichst) bis 04.03.20011 Preis: € 550,00 / ermäßigt € 300,00 (zzgl. Unterkunft und Mahlzeiten) Kursleiterin: Heidi Puffer In diesem Workshop können Sie in übersichtlicher Gruppengröße auf intensive Weise Ihre stimmlichen Fähigkeiten erfahren und optimieren. Der Workshop vermittelt diese Inhalte, die im Arbeitsbuch von Prof. Linklater (”Die persönliche Stimme entwickeln”) beschrieben wurden. Auf der Grundlage ihrer Körper-, Atem- und Stimmarbeit zielt das Training auf eine freie, authentische Sprechstimme. Dazu werden Sie zunächst durch die LinklaterBasisübungen geleitet: • • •

Körperliche Aufrichtung Freisetzen des Atems und der Stimme Resonanz und Kraft

Nach dieser Grundlagenarbeit werden Lippen, Zunge und Gaumensegel für eine freie und leichte Artikulation flexibilisiert. Im Anschluss können Sie an Hand von Beispieltexten erfahren, welche Elemente sich bereits verändert haben, wie sich die Übungen in Ihr Sprechen übertragen lassen. Bereiten Sie einen Text vor, entweder eine Rede, ein Gedicht oder einen etwa 10 Zeilen langen Monolog, in dem Sie ihn auswendig lernen. Weitere Informationen erhalten Sie im Internet-Veranstaltungskalender der DGSS: https://www.google.com/calendar/event?eid=N2VvNzE1dnI3cmRmc2dpZW9kZG0xZj A5NWcgbjBzcHU5ODQwcmphOXR1aXVhaHZtNmlzdjhAZw

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Veranstaltungen der Landesverbände Bis Redaktionsschluss erreichten uns folgende Veranstaltungshinweise: Berufsvereinigung Mündliche Kommunikation (bmk) •

Am 19.02.2011 findet in Münster der Tag der Stimme 2011: „Die Verbindung von Körper und Stimme - Bewegungsarbeit nach Jacques Lecoq“ statt. Die Veranstaltung steht auch Nichtmitgliedern offen. Nähere Informationen erhalten Sie im DGSS-Veranstaltungskalender: https://www.google.com/calendar/event?eid=YWg1MG4zdnJxa2pvdm9jYzljZ2 NxcnA0a2MgbjBzcHU5ODQwcmphOXR1aXVhaHZtNmlzdjhAZw

Berufsverband Sprechen Baden-Württemberg (BVS) •

Am 23.06.2011 findet in Karlsruhe der nächste BVS-Fortbildungstag zum Thema „Effizient lehren und lernen“ statt. Die Veranstaltung steht auch Nichtmitgliedern offen. Nähere Informationen erhalten Sie im DGSSVeranstaltungskalender: https://www.google.com/calendar/event?eid=Ym5jYmpkbHNvbW9iaGRrYXVtd mNzbnZqamcgbjBzcHU5ODQwcmphOXR1aXVhaHZtNmlzdjhAZw

DGSS-Forum der Studierenden 2011 „Sprech(t)räume – Zukunftperspektiven und –strategien für SprecherzieheInnen“ Termin: 02.-05.06.2010 Ort: Göttingen Weitere Informationen gibt es unter [email protected] und unter „Sprech(T)räume - DGSS Studierendenforum 2011 - in Göttingen“ auf StudiVZ und bei Facebook, demnächst außerdem im DGSS-Veranstaltungskalender und auf der Internet-Seite der Studierenden (http://www.dgss.de/studierende/). Externe Tagungen Neben den genannten Veranstaltungen gibt es einige, die nicht von der DGSS und ihren Landesverbänden ausgerichtet werden, die wir aber trotzdem empfehlen möchten: • Sprech-Kontakte „Kooperative Rhetorik - in memoriam Elmar Bartsch“ am 17.03.2011 in Düsseldorf. Nähere Informationen im DGSSVeranstaltungskalender: https://www.google.com/calendar/event?eid=a2JnbnQxaWs2MjdqNG5vaW1w NDFxdHVxdG8gbjBzcHU5ODQwcmphOXR1aXVhaHZtNmlzdjhAZw

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Examensarbeiten-Preis der DGSS: Meldefrist bis 30.06.2011 verlängert Im Jahr 2011 soll erstmals der DGSS-Examensarbeiten-Preis verliehen werden. Mit ihm werden künftig Autorinnen und Autoren herausragender Abschlussarbeiten im Bereich der Sprechwissenschaft und Sprecherziehung geehrt. Er ist mit maximal 250 € dotiert. Der Preis wird in festlichem Rahmen während der nächsten DGSSTagung (Flensburg, 16.-18.09.2011) verliehen. Dort stellte die Preisträgern oder der Preisträger ihre Arbeit auch vor. Hintergrund für die Schaffung des Preises ist das Bestreben der DGSS, den wissenschaftlichen Nachwuchs im Bereich der Sprechwissenschaft und Sprecherziehung zu fördern. Aufgerufen, Vorschläge für den Preis zu unterbreiten, sind alle Lehrenden an den wissenschaftlichen oder künstlerischen Hochschulen, die ein sprechwissenschaftliches und/oder sprecherzieherisches Studium anbieten. Für den DGSS-Examensarbeits-Preis können nur Arbeiten vorgeschlagen werden, die höchstens ein Jahr vor der Antragstellung bei der zuständigen Hochschule oder DGSS-Prüfstelle eingereicht worden sind. Dabei sind Stichtage zu beachten: Vorschläge für den Preis 2011 müssen bis spätestens zum 30.06.2011 eingehen. Weitere Informationen zum Preis und der jederzeit beantragbaren und mit max. 500 € dotierten Förderung von Examensarbeiten entnehmen Sie bitte der Preis- und Förderungssatzung, die im Intranet zum Download bereitsteht: http://www.dgss.de/intranet/DGSS-Examensarbeiten-Foerderung_und_-Preis.pdf DGSS-Mitglieder ohne Internetzugang können die Satzung bei der DGSSGeschäftsstelle anfordern (s. S. 2). Eberhard Wolf-Lincke legt Promotions-Gesamtprüfung Sprechwissenschaft mit „summa cum laude“ ab

im

Fach

Wir gratulieren Eberhard Wolf-Lincke (Dipl.-Schauspieler, Sprecherzieher, Pädagoge und Coach, Teamleiter in der Sprechausbildung des Schweizer Fernsehens), im Dezember 2010 an der Universität Koblenz-Landau, die Gesamtprüfung mit ‚summa cum laude’ im Promotionsfach Sprechwissenschaft bestanden hat. Die Dissertation trägt den Titel: „Bedingungen und Möglichkeiten kommunikationspädagogischer Interventionen in audiovisuell technisch vermittelten Kommunikationen“. Erstprüfer war Prof. em. Dr. Hellmut Geißner, Zweitprüfer Prof. Dr. Henner Barthel.

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Neue MDVS-Homepage Schon vor einigen Monaten hat der DGSS-Landesverband für Sachsen, SachsenAnhalt und Thüringen, der Mitteldeutsche Verband für Sprechwissenschaft und Sprecherziehung (MDVS) e. V., seinen Internetauftritt erneuert. Jetzt hat der MDVS außerdem eine neue Internetadresse und ist ab sofort unter www.mdvs.info erreichbar. Rezitationswettbewerb 2010: „Kurt Tucholsky“ Am 20. November 2010 widmete sich der alljährliche Rezitationswettbewerb der Universität Vechta, der Stadt Vechta und des Kulturkreises Visbek dem Dichter und Schriftsteller Kurt Tucholsky. Dieser deutschlandweit einmalige Wettbewerb, der durch die Initiative von Prof. Dr. Eberhard Ockel angestoßen wurde und sich mittlerweile internationaler Aufmerksamkeit erfreut, begann bescheiden mit einem Matthias Claudius-Rezitationswettbewerb 1990 und gipfelte mit dem Heinrich HeineWettbewerb 2006 – der erstmals in einen Vortragsabend und eine feierliche Preisverleihung mit großzügiger Finanzausstattung mündete. Seitdem wurden Veranstaltungsrahmen und Ausstattung des Wettbewerbs aufrechterhalten. In die engere Wahl kommen immer Autoren, die ein breites Spektrum von attraktiven Texten aufweisen und in dem Jahr der Veranstaltung ein Jubiläum begehen. Aus diesem Grund wurde der Rezitationswettbewerb im Jahr 2010 zum 75. Todestag Tucholskys abgehalten. Beim insgesamt 10. Rezitationswettbewerb traten Teilnehmende aus den Herkunftsländern China, Syrien, Polen und Deutschland gegeneinander an, die kurz vor Beginn des Wettbewerbs in einem Versammlungsraum des Rathauses Visbek aufeinandertrafen. In diesem Backstage-Bereich wurde man den ganzen Tag über von den Damen des Kulturkreises kulinarisch verwöhnt. Während einige konzentriert die Texte durchgingen und andere mit aufwärmenden Artikulations- und Massageübungen dem Beginn des Wettbewerbs entgegenfieberten, genossen wieder andere Kaffee und ein erstes Stück Kuchen (fünf verschiedene Kuchen und Torten standen zur Auswahl!). Schnell lernte man sich untereinander kennen und einige schlossen sich zu einem „kupfernden Whisky-Mixer und Wachsmaske – Sprechkreis“ zusammen, um so gemeinsam die Artikulationsorgane auf den großen Auftritt vorzubereiten. Bei der Auslosung der Auftritts-Reihenfolge stellte sich heraus, was viele schon beim Betrachten der Kuchenanzahl und der potenziellen Kuchenesser vermutet hatten: Leider war ein Drittel der angemeldeten TeilnehmerInnen – trotz Bitte um Bestätigung einer verbindlichen Teilnahme – nicht zum Wettbewerb erschienen. Dann ging es tatsächlich los und im ganzen Rathhaus Visbek verteilten sich

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konzentriert die Tucholsky-Sprecherinnen und -Sprecher, um sich ein letztes Mal zu sammeln und zu konzentrieren, bevor man sich der Jury zu stellen hatte. Konzentrierte Anspannung und glückliche Erleichterung bestimmten dabei im Wechsel das Stimmungsbild, und nach ungefähr zwei Stunden hatten alle die „Pflicht“ hinter sich gebracht und freuten sich auf die „Kür“ vor dem Publikum. Bis dahin musste aber noch etwas Zeit überbrückt werden. Man traf sich im Backstage-Bereich und hatte nun nach der „Pflicht“ bei Kaffee, Kuchen und Torte die Möglichkeit, sich besser kennen zu lernen. Hier versammelten sich Sprechkünstler und Sprechkünstlerinnen aus Berlin, Hamburg, Stuttgart, Halle, Bad Nenndorf, Leipzig und Münster aus den Bereichen Schauspiel, Sprecherziehung, Sprechwissenschaft, Kommunikationspädagogik und Atem-, Sprech- und Stimmbildung. Gemeinsam einigte man sich auf darauf, wer welchen Text vor dem Publikum sprechen würde, da es einige Überschneidungen gab und keine Texte doppelt gesprochen werden sollten. Außerdem leistete uns ein eigens für die Moderation unseres Abendprogramms angereister Schauspieler aus dem Oldenburgischen Staatstheater Gesellschaft und machte sich die Mühe, über jeden einige persönliche Details in Erfahrung zu bringen, um diese dann in seine Moderation einzubinden. Nach diesem anstrengenden Nachmittag erfolgte die kulinarische Krönung durch eine gute Suppe, sodass jeder gestärkt vor das Publikum treten konnte. Dem Publikum wurde ein bunter tucholskyscher Abend geboten mit den für ihn typischen politischen und gesellschaftskritischen Texten. Aufgrund der internationalen Teilnahme gab es im Anschluss an die Preisverleihung sogar noch eine Rezitation in Hocharabisch als Zugabe. In Gesprächen mit Gästen und Teilnehmenden über die Texte Tucholskys wurde sowohl die starke Prägung der Texte durch den Zeitgeist der 20er Jahre herausgestellt als auch die bestehende Gültigkeit vieler seine Aussagen. So diskutierte man bei Wein und kleinen Snacks in der Eingangshalle des Rathauses in Visbek noch bis tief in die Nacht hinein. In diesem Jahr findet der Rezitationswettbewerb in Vechta statt, wo zu Ehren seines 200. Todesjahres Texte von Heinrich von Kleist gesprochen werden (s. S. 43). Siegerinnenliste des Rezitationswettbewerbs Kurt Tucholsky: 1. Platz: Linda Rohe (Münster) 2. Platz: Patricia Foik (Hamburg) + Publikumspreis 3. Platz: Irene Fechau (Stuttgart) Verena Schulz Linda Rohe

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Einladung zum Rezitationswettbewerb 2011: „Heinrich von Kleist“ Zeit: Samstag, 19. Nov. 2011 Ort: Rathaus Vechta, Burgstraße 6 Veranstalter: Universität Vechta, Gemeinde Visbek, Kreisstadt Vechta Wie im vergangenen Jahr wird diesmal in Vechta ein Rezitationswettbewerb stattfinden, und es wird wieder ein stattliches Preisgeld ausgelobt und eine Staffelung der Preise vom ersten bis dritten Rang geben – und dazu einen Saal- oder Publikumskandidaten. Die Preise betragen 1000 €, 500 € und 300 €. Der Publikumspreis ist mit 200 € dotiert. Der Ablauf der Veranstaltung ist wie folgt geplant: •



15 Uhr, Ratssaal Vechta: Vorstellung der Bewerber vor der Jury (pünktlicher Beginn!) (Die Kandidaten tragen nach Auslosung der Reihenfolge die von ihnen gewählten Kleist-Texte vor; sinnvolle Kürzung möglich. Die 10-minÜberschreitung bedeutet Disqualifikation) 19:30 Uhr, Ratssaal Vechta: Öffentliche Veranstaltung mit Vorträgen der Bewerber (Die Jury trifft wegen des Zeitlimits von max. 1 Stunde die Auswahl der Texte für diese Abendveranstaltung, an der alle Teilnehmer beteiligt sind)

Bedingungen: Die Teilnehmer sollten sich auf eine maximale Sprechzeit von 10 min. einstellen. Texte von Heinrich von Kleist stehen zur Auswahl; dabei steht es den Bewerbern frei, auch Auszüge aus Prosatexten oder aus Sketchen zu wählen. Die Texte sollten frei/auswendig vorgetragen werden. Die preisgekrönten Bewerber werden erst im Rahmen der Abendveranstaltung bekannt gegeben. Es dürfen nur bis zu 20 Bewerber bis zum Alter von 35 Jahren teilnehmen. Anmeldungen sind ab sofort möglich (Anmeldeformular s. u.). Auswahlkriterien sind im Wesentlichen: • • • •

Ausdrucksstärke und sprecherische Modulationsfähigkeit der Bewerber Imaginationskraft gemäß dem gewählten Text Hörbare Berücksichtigung der Textanordnung (wichtig bei lyrischen Texten) Erkennbare Deutung des Textes im Sprechen

Anmeldungen erfolgen unter Angabe der Adresse und Handy-Nummer sowie Geburtsdatum und -ort (für die Preisurkunde) nach Möglichkeit verbindlich an Eberhard Ockel (s. u.). Sinnvoll ist auch die Angabe der gewählten Kleist-Texte. Anmeldung: Zur Anmeldung nutzen Sie bitte dieses Formular (32 kb): http://www.dgss.de/download/Anmeldeformular_Rezitationswettbewerb_2011.doc . Füllen Sie es aus und schicken Sie es als E-Mail-Anhang an [email protected]

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Studierenden wird zu den Reisekosten ein Zuschuss gewährt. Bitte geben Sie hierfür Ihre Kontonummer im Anmeldeformular (s. o.) an. Voraussetzung für die Zuschussgewährung ist die Vorlage der Bahnkarte oder eine Erklärung über (gemeinsame) Autoanfahrt mit Kilometerangabe beim Eintreffen zum Wettbewerb. Die Anmeldung wird erst gültig, wenn 10 € Startgeld auf das Konto 106 781 801 (Stichwort Rezitationswettbewerb 2011) bei der Volksbank Vechta (BLZ 280 641 79) eingezahlt worden sind. Das Geld wird bei fristgerechter Absage – spätestens zwei Wochen vorher – zurückgezahlt. zusammen erstattet. Die Jury ist wie folgt zusammengesetzt: • • • •

Dr. Ortwin Lämke, Universität Münster, Leiter des Zentrums für Rhetorik Prof. Dr. Baldur Neuber, Universität Halle, Professor für Sprechkunst Prof. Dr. Eberhard Ockel, Hochschule Vechta, Professor a. D. für Sprach-/ Sprechwissenschaft Sabine Seggelke (Dozentin a. D.), Folkwanghochschule Essen für darstellende Kunst

Und denken Sie daran, frei nach Heinrich Heine: Der Zweck des Rezitierens ist das Rezitieren selbst! Masterstudiengänge Sprechkunst, Mediensprechen und Rhetorik in Stuttgart – Bewerbungen für Studium ab WS 2011/2012 jetzt möglich Wie viele bereits wissen, wurden zum Wintersemester 2010/11 an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgarter die Masterstudiengänge Sprechkunst, Mediensprechen und Rhetorik eingeführt. Ab sofort sind für den zweiten Jahrgang ab Wintersemester 2011/2012 Bewerbungen möglich. Als Zugangsvoraussetzung gilt ein abgeschlossenes Studium in Sprecherziehung oder Sprechwissenschaft und die Aufnahmeprüfung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart. Die Anforderungen der Aufnahmeprüfung stehen im Internet unter der folgenden Adresse bereit: http://www.mh-stuttgart.de/studium/sprechen/master/ Die Aufnahmeprüfung zum Master of Arts Rhetorik findet am 22.06.2011 statt; die Termine zu den Aufnahmeprüfungen zum Master of Arts Sprechkunst und Mediensprechen werden rechtzeitig bekanntgegeben. Bewerbungen sind bis zum 30. April 2011 an das Prüfungsamt der Hochschule zu richten: http://www.mh-stuttgart.de/hochschule/kontakt/pruefamt/

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Bei Fragen wenden Sie sich bitte an: • • •

Prof. Annegret Müller (Institutsleitung):  [email protected] Prof. Dr. Thomas Grießbach (Ansprechpartner Master of Arts Rhetorik):  [email protected] Carlos Wittmer (studentischer Vertreter):  [email protected] Roland Wagner

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Nachruf auf Prof. Dr. Elmar Bartsch Am 6.11.2010 ist Elmar Bartsch im Alter von 81 Jahren gestorben. Sein Tod kam für seine Familie, Freunde und Kollegen sehr überraschend. Die DGSS trauert mit, sie verliert einen kompetenten Fachkollegen, der sich bis ins hohe Alter hinein in Vorstand, Beirat und auf Tagungen engagiert hat. Von 1985 bis 1991 war Elmar Bartsch erster Vorsitzender der DGSS, und er hat 1977 in Neuss und 1993 in Duisburg die großen Jahrestagungen für die DGSS ausgerichtet. Elmar Bartsch wurde am 6. April 1929 in Frankenstein in Schlesien geboren. Von 1954 bis 1958 war er im kirchlichen Dienst in der DDR, z. T. auch inhaftiert in Bautzen. Sein fachlicher Werdegang führte von der Theologie zur Sprechwissenschaft. Elmar Bartsch war von 1958 bis 1970 Assistent an der Universität München und promovierte in katholischer Theologie. Anschließend studierte er dort Germanistik und Sprechwissenschaft bei Irmgard Weithase. Seine Sprecherzieher‐Prüfung legte er 1971 in Saarbrücken ab. Ab 1966 war er am Institut für Katechetik und Homiletik in München beschäftigt, dort erweiterte er die homiletische Abteilung in Richtung theologischer Erwachsenenbildung. Von 1967 bis 1969 war er Direktor dieses Instituts. 1971 verließ Elmar Bartsch den kirchlichen Dienst und wurde Dozent für Sprecherziehung an der Pädagogischen Hochschule Rheinland, Abteilung Neuss. Dort wurde er 1974 zum Professor für Didaktik des Deutschen mit Schwerpunkt „mündliche Kommunikation“ berufen. Im Zuge der Integration der Pädagogischen Hochschulen in die Universitäten 1980 in NRW wurde er an die Universität Duisburg versetzt mit der Nomination „Didaktik der deutschen Sprache, Schwerpunkt Sprechwissenschaft“. Die Ausbildung des Nachwuchses lag Elmar Bartsch immer sehr am Herzen, so leitete er von 1974 bis 1994 eine DGSS‐Prüfstelle, zunächst in Neuss, dann in Duisburg und nach dem Tod von Rudolf Rösener kommissarisch auch in Münster. Seit 1975 gehörte er zur Trainerfakultät des „HERNSTEIN‐Instituts für Internationales Management“ in Wien und hat dort und in zahlreichen anderen Institutionen wie dem Auswärtigen Amt oder der Süddeutschen Zeitung Seminare und Kurse abgehalten. Da für ihn die Arbeit im Team immer wichtig war, hat er verschiedene Trainerteams initiiert und mit ihnen zusammengearbeitet. Lange bevor das Konzept „Lernen durch Lehren“ propagiert wurde, hat Elmar Bartsch es schon mit seinen Studierenden praktiziert. Immer wieder hat er seine Studierenden vor neue praktische Vermittlungsaufgaben gestellt und sie damit veranlasst, sich neue Fachinhalte zu erschließen. Für ihn war die Praxis im Sinne Karl Bühlers immer zugleich Quell‐ und Mündungsgebiet der wissenschaftlichen Beschäftigung. Im Kollegenkreis hat er sich für den fachlichen Austausch eingesetzt und 1982 die Sprech‐Kontakte, ein interdisziplinäres Kolloquium über Sprech‐Kommunikation für Experten, Studierende und Interessierte aus Wirtschaft, Wissenschaft, Weiterbildung und Verwaltung begründet. Diese allmonatlichen Abendveranstaltungen mit Referenten haben schon

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zum Networken eingeladen, lange bevor das allgemein aktuell wurde. Die Sprechkontakte, die seit einigen Jahren zusammen von der Universität und VHS in Düsseldorf angeboten werden, hat Elmar Bartsch noch bis einschließlich Wintersemester 2007/2008 selbst mit organisiert und moderiert. Elmar Bartsch hat sein theoretisches Konzept auch selbst gelebt. Wer Vorlesungen oder Seminare von ihm erlebt hat, weiß, dass er ein exzellenter Redner war, ein Mündlichkeitsmensch, bei dem man die Kraft des entwickelnden Sprechdenkens spüren konnte. Auch wenn er sich intensiv mit allen Bereichen der mündlichen Kommunikation (vom Textsprechen bis zur Sprechtherapie) beschäftigt hat, so verbinden doch viele seiner Schüler, Kursteilnehmer und Kollegen die Kooperative Rhetorik mit seinem Namen. Als ich ihn 2006 anlässlich der 40‐Jahr‐Feier des Hernstein‐Instituts nach den fünf wichtigsten Kriterien seiner Rhetorik fragte, sagte er, dass sie für ihn permanenter Hörerbezug sei und dass es für ihn wichtig sei 1. die Zuhörer immer mit ihrer Motivation, also ihren Erwartungen, Bedürfnissen, Fragen, Problemen, Kenntnissen und Erfahrungen dort abzuholen, wo sie gedanklich stehen; 2. bei der Begriffsbildung von den Problemen aus der Sicht der anderen auszugehen, so dass diese den Prozess immer mitdenken können; 3. die Lösungsideen und Punkte, die die Zuhörer im Kopf haben, aufzugreifen und ernsthaft in der Argumentation mitzuberücksichtigen; 4. dem Zuhörer Arbeit abzunehmen und ihm neue Lösungsansätze anzubieten; 5. andere nicht zu dominieren und zu manipulieren, sondern genügend Freiheitssignale zu setzen, so dass der andere sich nicht unter Druck gesetzt fühlt und sich traut, seine eigene Entscheidung zu treffen. Genau das hat Elmar Bartsch selbst auch getan: Er hat seine Studenten und Seminarteilnehmer immer dort abgeholt, wo sie stehen, ihre Sichtweise argumentativ berücksichtigt, ihnen Denkarbeit abgenommen und ihnen dennoch immer genügend Freiheit zur eigenen Entscheidung gelassen. Darin zeigt sich auch sein christliches Menschenbild. Überhaupt hat er sich im Alter verstärkt mit Fragen der Ethik befasst. Er wurde Mitglied im Deutschen Netzwerk Wirtschaftsethik und nahm noch in den letzten Jahren Lehraufträge zur Wirtschaftsethik an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin sowie bei den Stadtverwaltungen in Düsseldorf und Köln an. Elmar Bartsch hat seinen Studenten, Seminarteilnehmern und Kollegen viele Anregungen gegeben. Seine frühen Aufsätze haben wir zu seinem 80. Geburtstag 2009 in zwei Sammelbänden herausgegeben. Der dritte Band seiner gesammelten Aufsätze ist in Arbeit und wird bald erscheinen, ebenso seine Abschiedsvorlesungen von 1994, an denen er noch bis zum Schluss gearbeitet und die er noch selbst fertig gestellt hat. Schade, dass er diese Publikationen nicht mehr miterleben durfte. Marita Pabst-Weinschenk und Christa M. Heilmann für den Vorstand der DGSS

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DGSS @ktuell – Rezension

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Uwe Schürmann: Vorlesen und Vortragen leicht gemacht. München: Reinhardt 2010. – 153 S. + Audio-CD, € 19,90 Der Reinhardt-Verlag hat mit dem Buch von Uwe Schürmann seine neue mintgrüne Kommunikationsreihe erweitert. Auch dieser Band hat mit roten Stuhlreihen einen Eye-Catcher als Cover erhalten, oder mit anderen Worten einen Hingucker, einen Blickfang als Umschlagbild, der jedoch auf den zweiten Blick (wie auch bei den Büchern von Hartwig Eckert und Christa Heilmann) eher irritiert als zielführend ist: Warum bleiben die Stühle leer, wenn die Lektüre des Buches ein gelingendes Vorlesen ermöglichen soll? Vom gleichen Autoren wurde mit Vorlesen und Vortragen leicht gemacht der dritte Titel ins Verlagsprogramm aufgenommen, thematisch mit Voice Coaching und Mit Sprechen bewegen verbunden. Uwe Schürmann führt in die Welt des Vorlesens über Atmung und Stimmführung als seinem ursprünglichen Thema ein, zeigt die Zusammenhänge und unauflöslichen Verbindungen um sich schließlich noch den Besonderheiten des Mikrophonsprechens mit seinen technischen Fallen zu widmen. Eröffnet wird das Gespräch mit den Leserinnen und Lesern jedoch über die Frage, warum und für wen eigentlich vorgelesen werden kann und sollte. Das Buch berührt sehr viele Aspekte des Vorlesens und die Rezensentin hätte sich an manchen Stellen eine Ruhepause gewünscht, ein tieferes Eindringen in die Thematik, ein Verweilen, auch unter der Konsequenz, dass dann einige Teilthemen hätten wegfallen müssen. Der Leserschaft wird viel Einfühlen und Nachvollziehen abverlangt und die mit der Materie vertraute Rezensentin ist sich nicht sicher, ob das ohne Vorwissen gelingen kann (wie es der Titel suggeriert). Es handelt sich bei dieser Veröffentlichung um einen „Zugriff“ spezifischer Art: Standen bei Otto von Essen die Intonationsverläufe im Zentrum, bei Christian Winkler die Gliederung in Sinnschritte, bei Pawlowski und Wachtel das mediale Sprechen von Prosatexten, so führt Schürmann vom Konzept der Atemrhythmisch Angepassten Phonation (AAP) nach Coblenzer zur Arbeit am Text, zum Vorlesen. Die beigefügte CD macht hörbar, wie Schürmann sein Vorlesen versteht, jedoch wird im Text ausdrücklich darauf verwiesen, dass die Interpretationen als „Anregung, nicht aber als Norm“ (S. 137) verstanden werden sollen. Die Beispiele unterschiedlicher Stimmeinsätze und Stimmführungen werden physiologisch erklärt und stellen eine interessante Ergänzung zu den Hörbeispielen der CD aus Menschen und ihre Stimmen von Hartwig Eckert dar. Vorlesen ist und bleibt eine immer wieder einzigartige Situation, immer wieder von unvorhersehbaren Momenten begleitet. Darauf will uns dieses Buch vorbereiten. Prof. Dr. Christa M. Heilmann

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DGSS @ktuell – Die bunte Ecke ;-)

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Syntax für Politiker Um ihnen bürgernäheres Sprechen zu ermöglichen, veranstaltet die CDU in Nordrhein-Westfalen Rhetorikseminare für ihre Lokalpoltiker. So berichtete der Radiosender WDR 5 am 18.02.2011 in seiner Sendung „Thema NRW – Jeden Abend im Einsatz. Warum Menschen Kommunalpolitik machen“. Einige O-Töne gaben einen Einblick in die Inhalte dieser Seminare. Ein Trainer sorgte sich offenbar besonders um die syntaktische Struktur der gesprochenen Sätze und empfahl nach einem seiner Ansicht nach missratenen Beitrag einer Teilnehmerin: „Auch hier Sechs- bis Acht-Wort-Sätze, Übung für alle:“ Man beachte neben dem Inhalt, wie feinsinnig der Trainer den angesichts notorisch klammer kommunaler Kassen ständigen Sparzwang aufgreift, indem er implizit einen Totalverzicht nahe legt – in diesem Fall auf Verben! Dass für Kommunalpolitiker offensichtlich andere syntaktische Empfehlungen gelten als für unsere Spitzenpolitiker, zeigt ein Beispiel unseres zurzeit so oft (z. B. von „ZEIT online“1) als „Lügenbaron“ geschmähten, aber nach wie vor als außergewöhnlich eloquent geltenden Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg. Er steht im Ruf, ,Klartext’ zu reden, und das tat er auch, als er sich – etwas später im WDR 5-Programm, ebenfalls am 18.02.2011 – zu den Plagiatvorwürfen wegen unbelegter Zitate und Textübernahmen in seiner Doktorarbeit2 äußerte: „Es wurde allerdings zu keinem Zeitpunkt bewusst getäuscht oder bewusst die Urheberschaft nicht kenntlich gemacht, und sollte sich jemand hierdurch oder durch inkorrektes Setzen und Zitieren oder versäumtes Setzen von Fußnoten bei insgesamt 1300 Fußnoten und 475 Seiten verletzt fühlen, so tut mir das aufrichtig leid.“3 Wenn auch unklar bleibt, warum sich jemand gerade dadurch verletzt fühle sollte, dass zu Guttenberg „zu keinem Zeitpunkt bewusst getäuscht“ hat (oder haben will?)4, fällt doch vor allem auf, wie locker zu Guttenberg die für Kommunalpolitiker optimale Satzlänge um das Fünffache übertrumpft und gleichzeitig nicht mit Verben geizt (zum Teil durch Substantivierungen und passivische Konstruktionen geschickt kaschiert): Offenbar ist es vom Rhetorikseminar der Partei bis zu echter Eloquenz ein weiter Weg. 1

vgl. http://www.zeit.de/politik/deutschland/2011-02/guttenberg-wahrheit (Stand: 23.02.2011) Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg (2009): Verfassung und Verfassungsvertrag. Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU. Berlin. 3 zit. nach http://www.tagesschau.de/inland/guttenberg608.html (Stand: 23.02.2011) 4 Der Autor dieses Beitrags (Kai Busch) maßt sich hier kein Urteil an; zu Guttenberg sah es zu Recht als Aufgabe der Universität Bayreuth an, „festzustellen, inwiefern darin ein wissenschaftliches – und ich betone, ein wissenschaftliches – Fehlverhalten liegen könnte“ (zit. nach http://www.tagesschau.de/inland/guttenberg608.html; Stand: 23.02.2011). Update: Am 23.02.2011 hat die Universität Bayreuth zu Guttenberg den Doktortitel aberkannt, aber dabei „nicht geklärt …, ob Guttenberg bewusst getäuscht hat“. (http://www.tagesschau.de/inland/guttenberg716.html; Stand: 23.02.2011) 2

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