B A U S T E I N E

B A U S T E I N E

inD-0302-Inhalt 16.04.2003 15:05 Uhr Seite 1 Empfohlene Doppeljahrgangsstufe Schwerpunkte der Einheit LHeines Lyrik und Prosa analysieren und insze...

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Empfohlene Doppeljahrgangsstufe

Schwerpunkte der Einheit

LHeines Lyrik und Prosa analysieren und inszenieren LInteresse am Werk Heines entwickeln

1.

B

A

U

S

T

Klassen 9 und 10

E

I

N

E Liebeslyrik

Biografisches

(M 2–M 4)

(M 1)

ERSTE RECHERCHE

Gegen Heuchelei und Konvention (M 5–M 8)

Politische Lyrik (M 12–M 13)

HEINE ALS LYRIKER

OFFENER UNTERRICHT/ VORSCHLÄGE

REISEBILDER UND ANDERE PROSA

(UV 1–UV 5)

WOCHENPLAN

Ein neuer Prosastil (M 9–M 11)

DER AUTOR ALS EVENT Heine heute (M 15)

Nr. 2/2003 :in Deutsch Heine-Highlights

Zensur (M 14)

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:in Deutsch Konzept Sekundarstufe I

:in Deutsch ist eine Reihe für den Deutschunterricht der Sekundarstufe I, die insbesondere den Nachdruck auf die Hinführung zum Lesen und auf einen kreativen, handlungsorientierten Unterricht legt.

zwei sich ergänzende Unterrichtsangebote

In jedem Heft werden zwei sich jeweils ergänzende Unterrichtsformen angeboten: 1. Einerseits wird ein traditioneller Unterrichtsverlauf präsentiert, der um handlungs- und produktionsorientierte Verfahren bereichert ist. Dazu kommen offene Unterrichtsformen wie Exkursionen, Umfragen, Projekte … 2. Andererseits bietet jedes Heft eine Hinführung zum freien Arbeiten über Wochenpläne. Wochenplanunterricht wird durch eine verständliche Einführung und Vorschläge für Aufgabenformulierungen realisierbar. Dies bietet der Lehrerin/dem Lehrer den Freiraum, den Schülerinnen und Schülern in der täglichen Unterrichtspraxis als Tutor/in helfend zur Seite zu stehen und sie so zu selbstständigem und selbsttätigem Arbeiten anzuregen. Schule erhält hier eine neue Dimension.

Themen

In alternierendem Rhythmus werden Sachthemen, aktuelle Jugendbücher, inzwischen etablierte Jugendbuch„klassiker“, aber auch „klassische“ Schullektüren berücksichtigt. Damit verbunden sind jeweils besondere Themenschwerpunkte, die altersgemäß aufbereitet werden und sich auch für fächerübergreifendes Arbeiten anbieten.

Jahrgangsstufen

Es erscheinen vier Hefte pro Jahr, die jeweils schwerpunktmäßig eine der drei Doppeljahrgangsstufen 5/6, 7/8 und 9/10 berücksichtigen.

praxisnah und sofort einsetzbar

Die Arbeit mit den Heften spart Zeit bei der Unterrichtsvorbereitung, da der Unterrichtsverlauf konkret und übersichtlich geschildert wird. Für alle wichtigen Arbeitsabläufe werden einsatzfertige Arbeitsblätter und eine Overhead-Folie zum sofortigen Einsatz im Unterricht angeboten. Vorne im Heft findet sich eine Übersicht in Form eines Mindmaps, die die Lehrerin/den Lehrer mühelos die Vorgehensweise für den persönlichen Unterricht überschauen lässt.

LEmpfehlungen zur Vorbereitung • Die Schüler/innen sollten das Internet in der Schule – im Klassenverband oder in Kleingruppen – nutzen können. • Eine Heine-Werkausgabe sollte im Klassenraum zur Verfügung gestellt werden. • Heine-Vertonungen und Rezitationen (etwa: Lutz Görner, Katja Epstein) können den Unterricht beleben.

Nr. 2/2003 :in Deutsch Heine-Highlights

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E I N F Ü H R U N G Hans-Peter Tiemann

Heine-Highlights

Lyrik und Prosa für Einsteiger Der Autor „Nichts stimmt – alles ist wahr; Heinrich Heine ist sein eigenes Sonnensystem.“ Mit diesen Worten eröffnet F. J. Raddatz seine Arbeit „Taubenherz und Geierschnabel“ (Weinheim/Berlin 1997) und verdeutlicht, dass Heine sich selbst eigener Maßstab war: Zeitlebens entzog er sich allen Ideologien, flirtete mit dem Kommunismus und blieb zugleich radikaler Individualist, verantwortlich keinem Glauben, keiner Bindung – allein der Kunst. „Selbst sein Liebesleid war Kunstmelodie“, so Raddatz im Vorwort. Die Gefahr ist daher groß, dass die Lektüre von Heine-Texten im Unterricht der Sek. I als einschüchternd und enttäuschend erlebt wird: In der Prosa wimmelt es von Kontextverweisen, biografischen, politischen und literarischen Anspielungen. Zudem können traditionelle Gattungsbegriffe nicht mehr benutzt werden. Heine war weder Romancier noch Dramatiker, seine Lyrik ist allemal vielgestaltig und doppelbödig, mal romantisch verspielt, dann kämpferisch und oft voller Melancholie, die Prosa begründet einen neuen „poetischen Journalismus“, einen literarischen Flickenteppich aus Berichterstattung und Fiktion. Sehr behutsam sei daher auf den Folgeseiten eine Textauswahl präsentiert, die solche Facetten Heineschen Schreibens und Lebens herausstellt, die Schüler/innen anregen, eigene Ideen, Fragen, Aufmerksamkeiten ins Spiel zu bringen und in einer vermutlich ersten schulischen Begegnung Heinrich Heine als einen modernen Autor zu erleben, der gerade jungen Menschen hier und heute eine Menge zu sagen hat. Die „Highlights“ bezeichnen eine Zusammenstellung jener literarischen Miniaturen – Gedichte, Auszüge aus der Prosa –, die beispielhaft für Heines Schaffensperioden waren, eine nachhaltige Resonanz auslösten oder Schlüsselstellen im Gesamtwerk bezeichnen. Dazu gehören frühe Gedichte ebenso wie die spätere politische Lyrik, Kostproben aus den Reisebildern und der erzählenden Prosa. Ausgeklammert bleiben Heines Schriften zur Literatur und Philosophie sowie tagesaktuelles Material. Heines Judentum erfordert ebenso ein eigenes Kapitel wie die wechselvolle Rezeptionsgeschichte vom Nationalsozialismus bis heute. Hier sollten die Schüler/innen zu eigenen Nachfragen ermuntert werden, indem sie das Internet für biografische, literarische und historisch-politische Recherchen nutzen. Sie können dabei auf eine Fülle wertvollen Materials zurückgreifen, das vor allem im Gefolge des HeineJahres 1997 erarbeitet und online publiziert wurde. Leider scheint sich Heinrich Heine aus aktuellen Schulbüchern der Sek. I immer mehr zu verabschieden. Während in den 70er- und 80er-Jahren Auszüge aus dem „Wintermärchen“ sowie Heines Zeitgedichte noch zu den curricularen Standards gehörten, findet man in aktuellen Lehrwerken außer den „Webern“ und dem „Belsazar“ kaum noch eine Zeile. Dabei ist gerade Heinrich Heine als Kosmopolit, Querdenker und „klingender Autor“ – man denke an die zahlreichen Vertonungen – hervorragend dazu geeignet, junge Leute an Literatur heranzuführen.

Didaktische Überlegungen Ein narrativer Rahmen umschließt die Textauswahl: Eine fiktive „Städtische Gesamtschule“ soll nach Heinrich Heine benannt werden. In „Toms Tagebuch“ dokumentiert ein Schüler seine persönlichen Recherchen und Entdeckungen zu Heine, um schließlich kompetent über die Namensgebung abstimmen zu können. Damit sind die Schüler/innen ebenfalls zur Urteilsbildung aufgefordert und können Heines Texte immer mit Blick auf eine vermeintliche Eignung des Autors als Namensgeber einer Schule lesen. Ausgewählt wurden „einfache“ Arbeiten Heines, pointierte Texte, die nicht zu viele Kontextverweise Nr. 2/2003 :in Deutsch Heine-Highlights

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E I N F Ü H R U N G enthalten. Zudem zeigt das Material eine vermeintliche Biografienähe zu jugendlichen Rezipienten heute. Den Auftakt der Reihe bildet eine biografische Spurensuche im Internet. Daneben finden sich in den Vorschlägen zum offenen Unterricht Aufgaben zu einem virtuellen Rundgang im Heine-Museum in Düsseldorf. Es folgen frühe Gedichte, die das Thema „Liebe und Liebesschmerz“ variieren. Hier dominieren spielerische Formen der Auseinandersetzung mit Gedichten: Lyrik wird dialogisiert und inszeniert, Paralleltexte entstehen, Figuren aus Gedichten werden lebendig. Im Mittelpunkt der folgenden analytischen Arbeit stehen die Entdeckung der für Heine typischen Spannung zwischen konventioneller Textgestalt – etwa: Volksliedstrophen – und aggressiver Tonlage, das Auffinden der Ironiesignale und die Erarbeitung der hier enthaltenen Kritiklinien an erstarrten Konventionen und an der Doppelmoral von Bürgertum, Adel und Klerus. Ein weiteres Lebensthema Heines, die Auseinandersetzung mit der Literatur der Romantik, kann von den Schüler/innen der Sek. I kaum nachvollzogen werden. Trotzdem sollte deutlich werden, dass sich der Autor in zahlreichen Texten gegen einen literarischen Zeitgeschmack wendet, in dem unechte Pose und weinerliche Rückwärtsgewandtheit vorherrschen. An der Rezeption des Loreley-Gedichtes kann ein Eindruck davon vermittelt werden, wie aus einem schlichten Heine-Text ein Klassiker deutscher Rheinseligkeit, Kitsch- und Gefühlskultur gemacht wurde. Für die meisten Schüler/innen hat Heines Prosa nichts Künstlerisches. Im Gegenteil: Seine Texte wirken gestückelt, Stilbrüche und Themenwechsel stören. Die „Kann ich auch!“-Reaktion der Leser/innen gilt es im Unterricht für eigene Schreibübungen im Heine-Stil zu nutzen. Daneben sollte deutlich werden, dass es sich tatsächlich um kunstvoll komponiertes Material handelt, das kein Wort dem Zufall überlässt und dessen Wirkung gerade auch in der Irritation der Leserin bzw. des Lesers besteht. Ein Auszug aus den „Memoiren des Herrn von Schnabelowobsky“ präsentiert eine humorvoll geschliffene Prosa, deren Aussagen für Kontroversen im Klassenraum sorgen dürften. Das anschließende Kapitel widmet sich der politischen Lyrik des Autors vor dem Hintergrund der Exilund Zensursituation. Auch hier kann nur angedeutet werden. Die Schüler/innen erfahren Parodie und Ironie als literarische Waffen. Ein abschließender Text nimmt sich der Veranstaltungen im Heine-Jahr 1997 an. Hier begegnet uns ein lebendiger Heinrich Heine, der sich in den Straßen von Düsseldorf zum Thema Vermarktung und Literaturbetrieb befragen lässt.

Zielvorstellungen Für Reich-Ranitzki ist der Autor ein „geborener Provokateur“ und ein „ewiger Ruhestörer“ (Reich-Ranitzki, Marcel: Der Fall Heine. München: dtv 2000, S. 29). Die Schüler/innen sollen diesen Funken der Provokation in der vorliegenden Textauswahl spüren und Heine als einen leidenschaftlichen Autor erleben. Sie sollen einen Einblick in die Vielseitigkeit und Widersprüchlichkeit seines literarischen Schaffens erhalten und verstehen, wie sehr dieses Werk bestimmt wurde von Politik – hier: Zensur –, Zeitgeschmack – hier: Romantiktradition –, neuem Selbstverständnis des Schriftstellers – hier: Journalismus – und Heineschem Nonkonformismus. Sie sollen die Textproben als Anstiftungen zu eigener Urteilsbildung über den Autor, zu weiterer Heine-Lektüre und Heine-Recherche nutzen, zudem selbst Texte verfassen und Spielszenen gestalten.

Nr. 2/2003 :in Deutsch Heine-Highlights

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UNTERRICHTSVERLAUF

Die folgende Beschreibung dokumentiert zwölf Unterrichtsstunden zum Thema.

Biografisches ! „Toms Tagebuch“ sollte jeweils zum Stundenbeginn gelesen werden. Sämtliche Tagebuchnotizen nehmen Bezug auf das folgende Material. Tom entwickelt interessante, radikale und oft naive Positionen zu Heinrich Heine.

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1 Gesucht: Heinrich Heine

?A Tom sieht im Internet nach und schickt Katja eine SMS mit den ersten Informationen über Heinrich Heine. Schreibe den Text, nachdem du dich selbst im Internet, in einem Lexikon oder in einer Literaturgeschichte informiert hast. Beschränke dich dabei auf 160 Zeichen. Die Vorgabe „SMS“ zwingt die Schüler/innen zur Konzentration auf wesentliche Daten. Nicht mehr als drei Sätze über Heine können in dieser „SMS“ untergebracht werden. Die Ergebnisse regen ein Gespräch darüber an, welche Daten einer Autorenbiografie wichtig sind. Bei Heine vielleicht das Judentum, die Schreibverbote und die Exilsituation.

?B Sebastian hat ebenfalls im Internet gesurft und dabei diese Informationen zu Heinrich Heine zusammengestellt. Beim Aufschreiben sind ihm ein paar Fehler unterlaufen. Finde heraus, welche Lebensdaten korrekt sind, und berichtige die falschen Informationen. Heine hat kein Medizinstudium, sondern ein Jurastudium aufgenommen. Er wird nicht wegen eines Diebstahls, sondern wegen eines Duellvergehens von der Universität verwiesen. Er eröffnet in Hamburg kein Teegeschäft, sondern ein Manufakturwarengeschäft.

?C Stelle eine Übersicht mit wichtigen Lebensdaten Heinrich Heines zusammen. Denkbar sind Darstellungen mithilfe eines Zeitstrahls oder anhand einer Deutschland-Frankreichkarte.

Luv 1 Vorschlag für offenen Unterricht im Anschluss an M 1 Heine als Europäer (vgl. :in Deutsch S. 31)

Liebeslyrik

m●

2 Liebesszenen

! Hier wurde ein vermeintlich einfacher Einstieg in Heines Arbeiten gewählt. In drei Gedichten variiert Heine das Thema Liebe, mal naiv und frivol-verspielt – wie in den Texten 1 und 3 –, mal stilisiert patheNr. 2/2003 :in Deutsch Heine-Highlights

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UNTERRICHTSVERLAUF

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tisch. Was Karl Kraus später als „skandierten Journalismus“ und „Operettenlyrik“ verurteilte, wurde zur erfolgreichen Massenunterhaltungsware des 19. Jahrhunderts.

?A Zeige am Beispiel des ersten Textes, wie Heine „aus Knutschen Kunst“ macht, indem er den Text zu einem klingenden Gedicht formt. Benutze dabei die Begriffe „Reime“, „Verse“, „Takt“ und „Strophe“. Auf den ersten Blick könnte man Toms Meinung folgen. Statt sublimer Anbetung der Geliebten enthält diese Ansprache nur die lapidare Aufforderung zum Küssen. Heine macht daraus einen kunstvoll klingenden Text, indem er zwei vierzeilige Strophen mit Wechselreimen ausstattet und vier- und dreihebige Verse aufeinander folgen lässt. Ein Metrum aus Jambus und Anapäst lässt dieses Taktbild entstehen: -/-/- -/-/ (erster Vers), -/- -/-/ (zweiter Vers), -/- -/- -/-/ (dritter Vers), -/- -/-/(vierter Vers).

?B Heine hat seinen Gedichten keine Überschriften gegeben. Finde für jedes Gedicht einen passenden Titel. Die Gedichte sind in Zyklen angeordnet und nur nummeriert. Diese Gruppierung war für Heine sehr wichtig, da die Einzeltexte aufeinander bezogen sind und man eigentlich immer auch die lyrischen Kontexte – Motivgruppen, thematische Einheiten – lesen müsste. Beim Entwurf von Überschriften sind die Schüler/innen aufgefordert, der jeweils dargestellten Situation einen Namen zu geben und sie damit in Grundzügen zu charakterisieren. Ein didaktisches Verfahren also, kein literaturwissenschaftliches. Bei den Titeln dürfte eine große Bandbreite von Vorschlägen geäußert werden.

! Der folgende Arbeitsauftrag kann als Hausaufgabe gelöst werden. Ein Ergebnisvortrag folgt in der nächsten Stunde mit verteilten Leserollen oder als kleines szenisches Spiel.

?C Stell dir vor, die Sprecher der drei Gedichte unterhalten sich miteinander. Dabei reden sie über ihre Beziehungen und Gefühle. Schreibe so ein Gespräch auf. Du kannst den folgenden Anfang benutzen: Die Schüler/innen sollen erkennen, dass sich Sprecher 1 im seligen Liebestaumel befindet, während Sprecher 2 von einer bürgerlichen oder aristokratischen Dame einfach übersehen wird. Seine Verzweiflung wiederum steht im Kontrast zur spielerischen Attitüde des 3. Sprechers, für den der Flirt nur eine Episode darstellt.

m●

3 Abschiedssch(m)erz

! Die folgenden Gedichte enthalten die für Heine typische Pointe. In den Schlussversen platzen die großen Gefühle wie Seifenblasen. Beide Texte entfalten ihre Wirkung in der Rezitation. Übertreibung ist beim Lesen erwünscht. Die erste Aufgabe trägt dazu bei, den vitalen Charakter des Textes im Dialog zu entfalten.

?A Suche die Stellen im ersten Gedicht, an denen die Angeredete mit knappen Bemerkungen antworten könnte. Vielleicht hat sie sogar das „letzte Wort“. Notiere diese Einwürfe und trage das so ergänzte Gedicht mit einer Partnerin vor. Männer- und Frauenrolle dürfen dabei auch getauscht werden. Schon nach dem zweiten Vers in der ersten Strophe könnten abwehrende Kommentare der Angesprochenen folgen: „Das sagst du immer!“ oder zwei Verse später: „Ich bin eine vielbeschäftigte Frau, merke dir das!“ Nach dem zweiten Vers der zweiten Strophe könnte die Partnerin antworten: „Du übertreibst, mein Lieber. Mach dich nicht lächerlich!“ In der dritten Strophe folgt ein energisches: „Ich muss jetzt wirklich gehen, es wird höchste Zeit, meine Kutsche wartet!“ Schließlich könnte die Partnerin sagen: „Ich glaube dir kein Wort. Du übertreibst mal wieder. Falls du eine Pistole suchst, sie liegt im Schrank.“

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UNTERRICHTSVERLAUF ?B Finde heraus, welche dieser Zutaten die beiden Gedichte enthalten. Unterstreiche die entsprechenden Textstellen. Im ersten Gedicht finden sich: Übertreibung (Strophe 2, Zeilen 1–2), Ironie (die gesamte Strophe 4), Pointe (schon in Strophe 1, Vers 4, dann in Strophe 4, Verse 3 und 4), Komik als Situationskomik (Strophe 2, Verse 3 und 4). Im zweiten Gedicht wird übertrieben (2. Strophe, Verse 1 und 2), zudem findet sich eine Schlusspointe in den letzten beiden Versen der zweiten Strophe.

Luv 2 Vorschlag für offenen Unterricht im Anschluss an M 3 Heinrich-Heine-Schule (vgl. :in Deutsch S. 31)

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4 Armer Dichter?

! Im Mittelpunkt steht die Erarbeitung des Konzeptes vom „lyrischen Ich“. Die Schüler/innen sollen erfahren, dass Textautor und Sprecher im Gedicht nicht identisch sind. Heines frühe Lyrik mischt Elemente des Rollengedichtes mit denen der Erlebnislyrik. So entstehen Texte, die zwar eine Biografienähe haben, aber keineswegs Dokumente für den Beziehungsalltag des Autors sind.

?A Vergleiche die folgenden Anfänge einer Interpretation zu dem Gedicht „Der Brief, den du geschrieben“ (M 4). Entscheide, welcher Text angemessen formuliert ist. Begründe deine Meinung mit Hinweisen auf die beiden Zitate von Raddatz und Siegrist. Amelie drückt es treffend aus. Sie unterscheidet zwischen Autor und Sprecher im Gedicht. Darauf weist auch Raddatz hin, wenn er sagt, Heines Gestus sei keine Reportage aus dem Alltag, vielmehr generelle Alltagserfahrung des Autors. Siegrist hebt auf die Publikumsbedürfnisse ab, die bestimmte Erwartungen an Heines Lyrik-Manufaktur richteten.

?B Teile Tom deine Meinung zum „armen Heinrich Heine“ mit. Die Befunde aus der vorangegangenen Aufgabe werden hier in einem Text (Brief) formuliert. Wichtig sind die Aspekte: Differenz zwischen Autor und Sprecher, Einführung des Begriffes des „lyrischen Ich“, Lyrikproduktion als Antwort auf Publikumserwartungen.

Gegen Heuchelei und Konvention

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5 Am Teetisch

! Für dieses Gedicht sollte man sich eine Unterrichtsstunde lang Zeit lassen. Die Erarbeitung der Textaussagen und die Präsentation/Rezitation mit ergänzenden Schülerkommentaren stehen im Mittelpunkt. Eine Aufstellung der ungewöhnlichen Reime „am Teetisch“ ist in Tafelbild 1 am Ende dieser Ausgabe niedergelegt. ?A Untersuche zunächst nur die ersten vier Strophen dieses Gedichtes. Nr. 2/2003 :in Deutsch Heine-Highlights

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UNTERRICHTSVERLAUF

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a) Notiere, welche Personen am Teetisch sitzen, wie sie beschrieben werden und welche Auffassungen sie von der Liebe äußern. Finde heraus, inwiefern die Meinungen zur Beschreibung der Personen passen. Am Tisch ist von sechs Personen – Hofrat, Hofrätin, Domherr, Fräulein, Gräfin, Baron – die Rede, dazu kommt der Sprecher als Teilnehmer und Beobachter des Geschehens. Schon die erste Strophe offenbart den affektiert-förmlichen Charakter des Gespräches – „ästhetisch“, „zartem Gefühl“ –, die asketische Gestalt des Hofrates passt zu dessen platonischer Haltung, der Domherr – wahrscheinlich kein Experte in diesen Dingen – nimmt trotzdem „den Mund voll“, indem er ihn „weit“ öffnet. Die Gräfin wird mit „wehmütig“ und „gütig“ etikettiert, ihre Leidenschaft schlummert offensichtlich unter dieser Oberfläche.

b) Ein paar Hinweise verraten, dass nicht alles ausgesprochen wird, was die Gäste am Tisch denken. Fülle die Denkblasen für drei Personen aus. Das feine Lächeln und der Seufzer der Hofrätin verraten, dass sie mehr erwartet als platonische Liebe. Ihre „Denkblase“ könnte ein „Der Mann hat ja keine Ahnung!“ oder „Wenn der wüsste!“ enthalten. Das Fräulein denkt vielleicht an ihren Liebsten, die Gräfin könnte ihre Enttäuschung über den Herrn Baron artikulieren.

?B Spielt die Teegesellschaft mit verteilten Rollen. Lasst dabei auch das „Liebchen“ auftreten und ihre Meinung über die Liebe äußern. Die Reaktionen der übrigen Gäste sollten ebenfalls gespielt werden. Die kleine Spielszene kann die Diskrepanz zwischen gesellschaftlicher Konvention und unerfüllten Sehnsüchten im Tonfall der Beteiligten deutlich machen: das steife Ritual gegenseitiger Rücksichtnahmen und Freundlichkeiten, daneben die beiseite gesprochenen wahren Gedanken. Schließlich platzt das „Liebchen“ in diese Runde und zeigt entlarvende Ehrlichkeit und Lebendigkeit.

?C In Toms Klasse wird darüber gestritten, ob der Sprecher in diesem Gedicht seinem „Liebchen“ nur ein Kompliment machen möchte oder ob Heine hier die Auffassungen bestimmter gesellschaftlicher Gruppen zu seiner Zeit kritisiert. Formuliere deine Meinung. Natürlich werden hier Spiritualismus und Puritanismus als vorherrschende Ideologien von Adel und Bürgertum angegriffen. Die Schüler/innen sollten erkennen, dass typische Standesvertreter am Tisch sitzen – Klerus: Domherr; Adel: Gräfin, Baron. Liebe und Leidenschaft treten gesellschaftlich gezügelt auf, ein verlogen-ritualisierter Umgang mit Gefühlen findet statt. Das „Liebchen“ vertritt eine sensualistische Gegenposition, wie sie Heine immer wieder selbst artikulierte.

! Es bietet sich an, Heines Gedicht „Das Fräulein stand am Meere“ (M 6) zusammen mit dem folgenden Material „Werkeltagsstimmung und Grüne Lügen“ (M 7) zu verteilen. In Partner- oder Gruppenarbeit können die Schüler/innen das Rätsel der zweiten Strophe lösen, wenn sie die ergänzenden Informationen benutzen.

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6 Begegnung bei Sonnenuntergang

? Finde die richtige zweite Strophe zum Gedicht von Heinrich Heine. Streiche dazu die drei „Fälschungen“, die in Toms Klasse geschrieben wurden, durch. Begründe deine Wahl. Die Tipps auf dieser und der folgenden Seite (M 7) helfen dir. Die originale 2. Strophe – Text C – rechnet mit der sentimentalen Pose des Fräuleins ab. An die Stelle authentischer Gefühle – etwa: Begeisterung, Staunen, Genuss – tritt ein klischeehafter Schmerz, der de-

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UNTERRICHTSVERLAUF monstrativ „seufzte lang und bang“ nach außen getragen wird. Rührung ist bloßer Reflex, mechanisch ausgelöst von der Schlüsselsituation „Sonnenuntergang“. Heines Kritik an der Romantik – genauer: an der Rezeption romantischer Versatzstücke – ist unüberhörbar. Die Schüler/innen sollten für eine Lösung dieser Aufgabe das folgende Material heranziehen.

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7 „Werkeltagsstimmung“ und „grüne Lügen“

?A Heine schildert hier eine Szene auf dem Brocken, dem höchsten Berg im Harz, die er während seiner Harzreise im Jahr 1824 erlebt hat. Beschreibe die Situation und notiere, was Heine beim Anblick des Sonnenuntergangs empfindet. Heine selbst genießt den Sonnenuntergang andächtig und schreibt der Situation sakrale Dimensionen zu.

?B Erläutere, was der Autor mit „Werkeltagsstimmung“ meint und wodurch diese Stimmung entsteht. Die Ernüchterung kommt mit der Äußerung des Zimmergenossen. Während der Kommentar selbst schon überflüssig ist, klingt die Wendung „im allgemeinen“ wie der Auftakt zu einer lexikalischen Definition des Naturereignisses. Auch dieser junge Mann kann nicht mehr vorbehaltlos erleben. „Werkeltagsstimmung“ steht für Ernüchterung.

?C Sprecht den kleinen Dialog der „Frauenzimmer“ so, dass sowohl „schmachtendes Aufseufzen“ wie auch „naive Verwundrung“ deutlich werden. ?D Erläutere, was Heine hier als „grüne Lüge“ bezeichnet und was die beiden Szenen auf dem Brocken und in Berlin miteinander verbindet. Die „grüne Lüge“ bezeichnet eine hier von der Mutter artikulierte gespielte Betroffenheit bei Menschen, die eigentlich den Kontakt zur Natur längst verloren haben. Naturerleben gerinnt hier ebenso zur Pose wie in den vorangegangenen Szenen – auf dem Brocken bzw. am Meer (M 6).

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8 Loreley (Folie)

! Bei einer Spiegel-Umfrage im Dezember 1994 stellten die Meinungsforscher fest, dass 35 Prozent der Deutschen den Anfang des Loreley-Gedichtes von Heinrich Heine kennen, aber nur wenige den Namen des Dichters. Der Loreley-Mythos ist in seiner populären Form längst getrennt vom Autor Heine. Während das Gedicht von der Loreley durchaus nüchterne Elemente und Ironiesignale enthält, wird es seit mehr als hundert Jahren zur Hymne der Rheinromantik umgemünzt. Die Schüler/innen sollten einen kleinen Eindruck von dieser Vereinnahmung bekommen. ? Stell dir vor, Heinrich Heine befindet sich an Bord dieses Schiffes mitten unter Tagesausflüglern, Mitgliedern eines Kegelvereines und zahlreichen Touristen aus verschiedenen Ländern. Schreibe seine Eindrücke und Erlebnisse auf. Gehe dabei vor allem auf die Stimmung ein, die an Bord herrscht, und notiere, welche Rolle Heines Gedicht dabei spielt. Vor dem Hintergrund der Bearbeitung des „Fräuleins am Meere“ dürfte es den Schülerinnen und Schülern nicht schwer fallen, die unechte Schunkelromantik an Bord zu schildern. Hier werden kritische, satirische Texte erwartet. Ob Heine mit Befremden reagiert, ob er sein entstelltes Gedicht überhaupt erkennt, sei der Fantasie der Schüler/innen überlassen.

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Luv 3 Vorschlag für offenen Unterricht im Anschluss an M 8 Museumsbesuch (vgl. :in Deutsch S. 31)

Ein neuer Prosastil

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9 Stil: mangelhaft?

! „Toms Tagebuch“ regt zum Stundenauftakt an, die berühmte – hier an zwei Stellen gekürzte – Passage aus der Harzreise mit Blick auf Heines Schreibstil zu untersuchen. Was Heine an anderer Stelle selbstironisch als „Lappenprosa“ bezeichnet, wird von Tom ebenfalls angesprochen: Themensprünge und Wechsel der Stilebenen.

? Überprüfe, ob Heines Text die Merkmale aufweist, die Frau Haake kritisiert. Unterstreiche die Stellen, an denen der Autor im Stil der folgenden Textsorten schreibt: Reiseführer, Erlebniserzählung, Lexikonartikel. Aus dem vermeintlich seriösen Stadtführer wird sehr schnell eine persönliche Abrechnung mit Göttingen. Der Themenwechsel erfolgt assoziativ, der Ratskeller lässt Heine an das Bier denken, die Leine weckt Erinnerungen an die Lüder-Episode, beim Nachdenken über die Stadthistorie erwähnt der Autor seine Universitätskarriere. Ein Reiseerlebnis beschließt den Text. Mit den Themensprüngen gehen stilistische „Abstürze“ einher. Die Ebene seriösen Sprechens wird verlassen, Wortspiele – „Relegationsräten, Profaxen und anderen Faxen“ – und Kraftausdrücke mischen sich in die sonst nüchterne Diktion: „Philister und Vieh“, „wie Kot am Meer“. Den „roten Faden“ stellt Heines Verachtung für Göttingen dar. Stilbrüche und Themensprünge sind hier keine Schwächen, vielmehr tragen sie die satirische Qualität der Aussagen als Kritik am verstaubten Göttinger Alltag, in dem der Wert eines Menschen scheinbar an dessen Lateinkenntnissen bemessen wird. Informativ beschreibende Elemente des „Reiseführers“ finden sich in den ersten Zeilen, die Schlussepisode klingt wie eine Erlebniserzählung, die zahlreichen Aufzählungen wirken enzyklopädisch und erinnern an Lexikonartikel.

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10 Nicht jugendfrei?

?A Notiere, was Heine an der Stadt Göttingen, an ihrer Universität und an ihren Bewohnern nicht gefällt (Text siehe M 9). Formuliere deine Ergebnisse in Form von Thesen, die du mit Zeilenangaben belegst. Die Schüler/innen dürften nachempfinden, dass für Heine in Göttingen bis auf das gute Bier im Ratskeller „nichts los“ ist. Die Stadt ist langweilig, das macht die distanzierte Aufzählung zu Beginn ebenso deutlich wie die Bemerkung, dass die Stadt einem am besten gefällt, „wenn man sie mit dem Rücken ansieht“. In Göttingen herrscht Nüchternheit, Wissenschaft wird zum Imponiergehabe, Rituale ersetzen lebendiges Universitätsleben.

?B Finde heraus, welche persönlichen Erfahrungen Heine in diesem Text verarbeitet. Informiere dich dazu über Heines Lebensgeschichte der Jahre 1820–1824. Nr. 2/2003 :in Deutsch Heine-Highlights

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UNTERRICHTSVERLAUF Heine nimmt Bezug auf seine Universitätsjahre in Göttingen – 1820–1824. Er wurde wegen eines Duellvergehens von der Universität verwiesen. Den Eintritt in die Burschenschaften verwehrte man ihm aufgrund seiner jüdischen Herkunft.

?C Die empfindsame Dame unterhält sich mit dem „blöden, keuschen Jüngling“ über die Qualität von Heines Text. Schreibt diesen Dialog und sprecht ihn mit verteilten Rollen. Empörung, arrogantes Naserümpfen werden erwartet. Der Text erscheint den Sprechern als moralisch verwerflich und politisch aggressiv.

?D Nimm Stellung zu den Äußerungen von Tom, Lisa und Isabelle. Begründe deine Meinung mit Hinweisen auf den Text. Die gespielte Naivität, auf die Tom verweist, ist ein Ausdrucksmittel der Satire, also bloße Verstellung. Heines Wortspiele sind bissiger Spott, ironische Abrechnung mit Göttingen. Schließlich werden so, wie Lisa es formuliert, Pointen gemacht.

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11 Blondinen und andere Frauen

! In diesem auf den ersten Blick anspruchslosen, eher humorvollen Heine-Text, gibt sich der Sprecher als Frauenkenner und Frauenheld. Zwar handelt es sich beim „Schnabelewopski“ um eine fiktive Rollenprosa, jedoch hat die Sprecherrolle eine große biografische Nähe zum Autor, ist also literarisch durchsichtiges Spiel mit einem Ich-Erzähler.

?A Beschreibe mit Hinweisen auf den Text, wie der Erzähler sich selbst und sein Verhältnis zu Frauen kennzeichnet. Der Erzähler kokettiert zu Beginn mit seinen Kenntnissen und Erfahrungen zum Thema „Frauen“. Er mag alle Frauen: „Ich liebe gebratene Hühner und gebratene Enten und noch außerdem gebratene Gänse“. Die kulinarischen Vergleiche weisen ihn als „Feinschmecker“ aus. Ein ironischer Grundton, die gestelzte Vornehmheit in der Sprache etwa, wenn es heißt: „haben die Götter sich gütigst bemüht“, geht über in derbe Begrifflichkeit, wenn aus „Damen“ schließlich „Weiber“ werden.

?B Notiere in einer Tabelle die angeblichen Eigenschaften der englischen, französischen, deutschen und holländischen Frauen. Die englischen Frauen: gesund, solide, kunstlos, einfach; die französischen Frauen: undurchsichtig, flatterhaft, geistreich, von großer Individualität, geschmackvoll, grazil, elegant; die deutschen Frauen: gefühlvoll, unentschlossen, verliebt, tüchtig, gemütvoll, tugendhaft und „schwer verdaulich“; die holländischen Frauen: reinlich, attraktiv, liebenswürdig, innig, „tiefsinnlich“, selbstbewusst, naiv.

?C Gestaltet eine Spielszene, in der ein Junge die Rolle des Autors übernimmt und seinen Text verteidigt. Die Mädchen dürfen nun ihre Kritik äußern. Die Meinungen der Mädchen werden zuvor auf Kärtchen formuliert und einer Jungengruppe übergeben, die Gegenargumente entwirft und aus ihren Reihen einen „Autor“ bestimmt.

! Für heutige Ohren klingt Heines Text eher arrogant und ein wenig sexistisch. Andererseits sollten die selbstironischen Elemente, die verspielten und komischen Seiten des Textes betont werden.

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UNTERRICHTSVERLAUF

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Politisches

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12 Deutschland versus Frankreich

! Das Gedicht aus Heines Pariser Zeit blickt mit echten Heimwehanteilen auf Deutschland, präsentiert allerdings einen ganz und gar ironischen Sprecher. Viele Schüler/innen verkennen das und lesen dieses Gedicht eher als Kritik an den französischen Lebensumständen Heines. Daher sollte eine genaue, angeleitete Textarbeit im Unterrichtsgespräch erfolgen.

?A Trage alle Urteile, die Heine im Gedicht über Deutschland und Frankreich abgibt, rechts ein. Frankreich: munter, leichtes Volk, beherrscht vom Verstand, witzig im Sinne von geistvoll, lächelnde, redselige Frauen, ungestüm bewegt – Deutschland: Heim der Narren und Gläubigen, grob, schweigende Frauen, Stagnation, romantisch-verschlafen

?B Heine schrieb dieses Gedicht im Pariser Exil. Finde heraus, welche Kritik der Autor an Deutschland formuliert. Der Autor kritisiert deutsche Spießbürgermentalität – einfältig, rückständig, gottesfürchtig, verschlafen –, dazu den gesellschaftlichen Stillstand.

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13 Krähwinkel

! Es folgt ein immer noch aktueller Text, der Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz attackiert. Der Diskussion möglicher Gegenwartsbezüge sollte hinreichend Platz im Unterricht gewährt werden.

?A Untersuche, worum es in diesem Gedicht geht, indem du: a) notierst, wer hier etwas zu wem sagt, b) was der Sprecher von seinen Adressaten verlangt, c) womit der Sprecher das begründet. Ein Ausrufer verkündet dem Volk eine hoheitliche Verfügung, in der den Adressaten die „Ruhe als erste Bürgerpflicht“ verordnet wird. Das Versammlungsverbot kommt einem Sprech- und Denkverbot gleich, die Strafen sind drakonisch.

?B Um deutlich zu machen, was Heine mit diesem Gedicht aussagen möchte, trage es bitte laut vor. Schlüpfe dabei in die Rolle eines Ausrufers, der das Mandat verkündet. Der Ausrufer kann die ungeheuren Inhalte eher dümmlich-nüchtern oder verschlafen „herunterleiern“. Dieser Kontrast steigert die kritische Aussage.

?C Sprecht in der Klasse darüber, ob es sich eher um ein veraltetes Gedicht aus dem 19. Jahrhundert oder um einen nach wie vor aktuellen Text handelt. Die Krähwinkel-Diktatur konnte im 20. Jahrhundert – Nationalsozialismus – fortwirken. Die Grundrechte unserer Demokratie – hier etwa: Versammlungs- und Redefreiheit – sind dagegen garantiert, erweisen sich jedoch als erschütterbar und wollen verteidigt werden.

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UNTERRICHTSVERLAUF ?D Beschreibe, wodurch sich dieser Vers vom ersten Vers im Gedicht unterscheidet, und finde heraus, welche Gründe Heine für diesen Vorschlag gehabt haben könnte. Die Informationen auf der folgenden Seite (M 14) helfen dir. Heine wollte das Gedicht damit „entschärfen“ und der Zensur keinen Anlass zum Verbot geben. Das Krähwinkel-Motiv rückt den Text in die historische Ferne.

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14 Zensur

! Den Schülerinnen und Schülern sollte vermittelt werden, dass der hier spielerisch wirkende Kampf gegen die Zensur ein Kampf um die schriftstellerische Existenz Heines war.

? Beschreibe Heines Text. Zeige, mit welchen Mitteln er sich gegen die Zensur wehrt. Nimm Stellung zu Toms Aussage, das sei „typisch Heine“. Hier handelt es sich um eine Parodie. Heine ahmt das Zensorenverhalten nach und schlägt damit die Zensur mit ihren Waffen.

Luv 4 Vorschlag für offenen Unterricht im Anschluss an M 14 Kleine Heine-Revue (vgl. :in Deutsch S. 31)

Der Autor als Event

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15 Heine heute

?A Tauscht eure Meinungen darüber aus, ob es sinnvoll ist, einen Autor wie Heine in dieser Weise zu präsentieren. Die Vermarktung des „Produktes Heine“ wird hier kritisch dargelegt. Neben seriöser Information stehen Kitschprodukte, mit denen man einem Schriftsteller sicher nicht gerecht wird.

?B Gestalte das Heine-T-Shirt mit deinem Heine-Lieblings-Zitat. Es kann ein Vers aus einem Gedicht oder eine Zeile aus einem Prosatext sein. Hier geht es um die ganz persönliche Heine-Rezeption, um einen kleinen Ausdruck von Sympathie oder Distanz. Daher sollte Gelegenheit zum Stöbern in Texten – auch im Internet – gegeben werden.

Luv 5 Vorschlag für offenen Unterricht im Anschluss an die Unterrichtsreihe Denkmal-Rallye (vgl. :in Deutsch S. 31)

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4. m1

M A T E R I A L I E N Gesucht: Heinrich Heine

Toms Tagebuch 6.11. Lisa rennt in der ganzen Schule herum und fragt, ob wir einen gewissen Heine kennen. Er habe eine Menge geschrieben und sei deswegen ziemlich berühmt. Ich kenne nur Mirko Heine aus der 10b. Der ist auch ziemlich berühmt, aber eher dafür, dass er ganz wenig schreibt, jedenfalls bei Klassenarbeiten. Katja sucht jedoch einen richtigen Dichter. Weil „Städtische Gesamtschule“ nicht gerade aufregend klingt, soll unser Laden demnächst einen neuen Namen kriegen. Irgendjemand hat „Heinrich-Heine-Gesamtschule“ vorgeschlagen. In zwei Wochen wollen sie in der Schulkonferenz darüber abstimmen. Als Schülervertreter muss ich mir natürlich eine Meinung bilden. Also werde ich erst einmal herausfinden, wer dieser Herr Heine war.

SMS an Katja (Bitte nur 160 Zeichen eingeben!)

?A Tom sieht im Internet nach und schickt Katja eine SMS mit den ersten Informationen über Heinrich Heine. Schreibe den Text, nachdem du dich selbst im Internet, in einem Lexikon oder in einer Literaturgeschichte informiert hast. Beschränke dich dabei auf 160 Zeichen.

Sebastians „Lebensdaten-Recherche“ 1831, Mai: Übersiedlung nach Paris

Vo r s i c h t , F e h l e r !

1818: Heine eröffnet in Hamburg ein Teegeschäft.

1820: Heine wird wegen eines Diebstahls von der Universität Göttingen verwiesen.

1797: Am 13. Dezember wird Harry Heine als Sohn jüdischer Eltern in Düsseldorf geboren.

1835: Verbot der Schriften Heines in Deutschland aufgrund eines Bundestagsbeschlusses.

1825: Heine lässt sich protestantisch taufen auf den Namen Christian Johann Heinrich Heine.

1848: Seit Mai durch unheilbare Krankheit ans Bett gefesselt („Matratzengruft“)

1819–1825: Medizinstudium in Bonn, Berlin und Göttingen

1841: Heirat mit Crescentia Eugenie (Mathilde) Mirat

?B Sebastian hat ebenfalls im Internet gesurft und dabei diese Informationen zu Heinrich Heine zusammengestellt. Beim Aufschreiben sind ihm ein paar Fehler unterlaufen. Finde heraus, welche Lebensdaten korrekt sind, und berichtige die falschen Informationen. ?C Stelle eine Übersicht mit wichtigen Lebensdaten Heinrich Heines zusammen. Nr. 2/2003 :in Deutsch Heine-Highlights

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Liebesszenen

Toms Tagebuch 8.11. Marvin hat heute die ersten Texte von Heinrich Heine mitgebracht. Bei ihm scheint sich alles um Frauen zu drehen: Heine macht aus Knutschen Kunst und nennt es Gedicht. Liebesgeflüster XXL! Ich finde es krass, unsere Schule nach ihm zu benennen. Die Lehrer dürfen sich dann jedenfalls nicht mehr aufregen, wenn sie einmal ein Pärchen beim Küssen auf dem Flur erwischen. Außerdem wird es ein neues Fach geben: Flirten.

1 Hast du die Lippen mir wund geküßt, So küsse sie wieder heil, Und wenn du bis Abend nicht fertig bist, So hat es auch keine Eil. Du hast ja noch die ganze Nacht, Du Herzallerliebste mein! Man kann in solch einer ganzen Nacht Viel küssen und selig sein. Heine, Heinrich: Nachgelesene Gedichte 1812–1827. In: Briegleb, K.: Heinrich Heine. Sämtliche Schriften. Bd. 1. München: dtv 1997, S. 236.

2 Sie haben heut abend Gesellschaft, Und das Haus ist lichterfüllt. Dort oben am hellen Fenster Bewegt sich ein Schattenbild. Du schaust mich nicht, im Dunkeln Steh ich hier unten allein; Noch wenger kannst du schauen In mein dunkles Herz hinein. Mein dunkles Herze liebt dich, Es liebt dich und es bricht, Und bricht und zuckt und verblutet, Aber du siehst es nicht. Heine, Heinrich: Die Heimkehr 1823–1824, LX. In: Briegleb, K.: Heinrich Heine. Sämtliche Schriften. Bd. 1. München: dtv 1997, S. 136.

3 Kaum sahen wir uns, und an Augen und Stimme Merkt ich, daß du mir gewogen bist; Stand nicht dabei die Mutter, die schlimme, Ich glaube, wir hätten uns gleich geküßt. Und morgen verlasse ich wieder das Städtchen, Und eile fort im alten Lauf; Dann lauert am Fenster mein blondes Mädchen, Und freundliche Grüße werf ich hinauf. Heine, Heinrich: Die Heimkehr 1823–1824, LXXXII. In: Briegleb, K.: Heinrich Heine, Sämtliche Schriften. Bd. 1. München: dtv 1997, S. 147.

?A Zeige am Beispiel des ersten Textes, wie Heine „aus Knutschen Kunst“ macht, indem er den Text zu einem klingenden Gedicht formt. Benutze dabei die Begriffe „Reime“, „Verse“, „Takt“ und „Strophe“. Titel gesucht ?B Heine hat seinen Gedichten keine Überschriften gegeben. Finde für jedes Gedicht einen passenden Titel. Gedicht-Gespräch ?C Stell dir vor, die Sprecher der drei Gedichte unterhalten sich miteinander. Dabei reden sie über ihre Beziehungen und Gefühle. Schreibe so ein Gespräch auf. Du kannst den folgenden Anfang benutzen: A: Hallo, was ist denn mit euch los? Liebeskummer? B: Naja, wie man’s nimmt. A: Und du? C: Ist ’ne ziemlich komplizierte Geschichte … A: Los, erzähl’s mir! Nr. 2/2003 :in Deutsch Heine-Highlights

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Abschiedssch(m)erz

1 Ich wollte bei dir weilen Und an deiner Seite ruhn; Du mußtest von mir eilen; Du hattest viel zu tun. Ich sagte, daß meine Seele Dir gänzlich ergeben sei; Du lachtest aus voller Kehle, Und machtest ’nen Knicks dabei. Du hast noch mehr gesteigert Mir meinen Liebesverdruß, Und hast mir sogar verweigert Am Ende den Abschiedskuß. Glaub nicht, daß ich mich erschieße, Wie schlimm auch die Sachen stehn! Das alles, meine Süße, Ist mir schon einmal geschehn. Heine, Heinrich: Die Heimkehr 1823–1824, LV. In: Briegleb, K.: Heinrich Heine. Sämtliche Schriften. Bd. 1. München: dtv 1997, S. 134.

2 Der Brief, den du geschrieben, Er macht mich gar nicht bang; Du willst mich nicht mehr lieben, Aber dein Brief ist lang. Zwölf Seiten, eng und zierlich! Ein kleines Manuskript! Man schreibt nicht so ausführlich, Wenn man den Abschied gibt. Heine, Heinrich: Neuer Frühling XXXIV. In: Briegleb, K.: Heinrich Heine. Sämtliche Schriften. Bd. 4. München: dtv 1997, S. 314.

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Und was sagt sie dazu? ?A Suche die Stellen im ersten Gedicht, an denen die Angeredete mit knappen Bemerkungen antworten könnte. Vielleicht hat sie sogar das „letzte Wort“. Notiere diese Einwürfe und trage das so ergänzte Gedicht mit einer Partnerin vor. Männer- und Frauenrolle dürfen dabei auch getauscht werden. Gewürzte Gedichte ?B Finde heraus, welche dieser Zutaten die beiden Gedichte enthalten. Unterstreiche die entsprechenden Textstellen. Ironie

Übertreibung

Pointe

Komik

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Armer Dichter?

Toms Tagebuch 9.11. Armer Heinrich Heine! Er ist wirklich zu bedauern, denn er scheint im Leben nur Megastress mit Frauen gehabt zu haben. Hätte er wohl sonst solche Gedichte geschrieben?

Zwei Literaturwissenschaftler F. J. Raddatz schreibt: „Heines Gestus der Unerfüllbarkeit von Liebe und der Nichteinlösbarkeit von Glück ist keine Reportage aus dem Leben, ist existentielle Feier der Vereinzelung; er münzt die Bitterkeit genereller Erfahrung um in Süße des Klangs, er schmilzt aus Abweisung Adel und Schönheit des Hochmuts.“ Raddatz, F. J.: Taubenherz und Geierschnabel. Weinheim und Berlin: BeltzQuadriga 1997, S. 129. Gestus: Haltung existentiell: lebenswichtig

C. Siegrist schreibt: „Heines Lyrik scheint im 19. Jhd. Bedürfnisse befriedigt zu haben, deren heute der Film sich angenommen hat.“ Siegrist, C.: Nachwort. In: Heinrich Heine. Werke. Bd. 1. Frankfurt a. M.: Insel Verlag 1968, S. 495.

Lyrisches Ich Der Sprecher in einem Gedicht wird als lyrisches Ich bezeichnet. Man darf ihn keinesfalls mit dem Autor des Gedichtes verwechseln. Mal tritt – im Erlebnisgedicht – das lyrische Ich nur als eine nicht näher beschriebene Person auf, deren Erlebnisse und Gefühle im Mittelpunkt stehen, mal ist – im Rollengedicht – seine Situation auch näher beschrieben. Das lyrische Ich kann sich an eine andere – erfundene – Person oder an den Leser direkt wenden.

?A Vergleiche die folgenden Anfänge einer Interpretation zu dem Gedicht „Der Brief, den du geschrieben“ (M 4). Entscheide, welcher Text angemessen formuliert ist. Begründe deine Meinung mit Hinweisen auf die beiden Zitate von Raddatz und Siegrist. Tim: Heinrich Heine spricht mit seiner Geliebten, von der er gerade einen sehr langen Abschiedsbrief bekommen hat. Sina: Der Autor verarbeitet in diesem Gedicht seinen Trennungsschmerz, indem er sich an seine Geliebte wendet. Amelie: In diesem Gedicht lässt der Autor Heine einen Sprecher auftreten, der sich an seine Geliebte wendet. Sie hat ihm einen Abschiedsbrief geschrieben …

?B Teile Tom deine Meinung zum „armen Heinrich Heine“ mit.

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Am Teetisch

Sie saßen und tranken am Teetisch, Und sprachen von Liebe viel. Die Herren die waren ästhetisch, Die Damen von zartem Gefühl.

Teetisch: Man traf sich zum Tee in den Salons, die meist von einer (wohlhabenden) Frau geleitet wurden und in denen geistreiche Gespräche vorherrschten. Die Salongäste stammten aus verschiedenen Gesellschaftsschichten. Heine lernte die Salons während seines Aufenthalts in Berlin kennen. ästhetisch: besonders fein, auf guten Geschmack Wert legend platonisch: nur geistig, nicht körperlich Passion: leidenschaftliche Hingabe

Die Liebe muß sein platonisch, Der dürre Hofrat sprach. Die Hofrätin lächelt ironisch, Und dennoch seufzet sie: Ach! Der Domherr öffnet den Mund weit: Die Liebe sei nicht zu roh, Sie schadet sonst der Gesundheit. Das Fräulein lispelt: Wie so? Die Gräfin spricht wehmütig: Die Liebe ist eine Passion! Und präsentieret gütig Die Tasse dem Herren Baron. Am Tische war noch ein Plätzchen; Mein Liebchen, da hast du gefehlt. Du hättest so hübsch, mein Schätzchen, Von deiner Liebe erzählt. Heine, Heinrich: Lyrisches Intermezzo 1822–1823, in: Briegleb, K: Heinrich Heine. Sämtliche Schriften. Bd. 1. München: dtv 1997, S. 95–96.

?A Untersuche zunächst nur die ersten vier Strophen dieses Gedichtes. a) Notiere, welche Personen am Teetisch sitzen, wie sie beschrieben werden und welche Auffassungen sie von der Liebe äußern. Finde heraus, inwiefern die Meinungen zur Beschreibung der Personen passen. b) Ein paar Hinweise verraten, dass nicht alles ausgesprochen wird, was die Gäste am Tisch denken. Fülle die Denkblasen für drei Personen aus. Bühne frei für das Liebchen ?B Spielt die Teegesellschaft mit verteilten Rollen. Lasst dabei auch das „Liebchen“ auftreten und ihre Meinung über die Liebe äußern. Die Reaktionen der übrigen Gäste sollten ebenfalls gespielt werden. Gesellschaftskritik und/oder Liebesgeflüster? ?C In Toms Klasse wird darüber gestritten, ob der Sprecher in diesem Gedicht seinem „Liebchen“ nur ein Kompliment machen möchte oder ob Heine hier die Auffassungen bestimmter gesellschaftlicher Gruppen zu seiner Zeit kritisiert. Formuliere deine Meinung. Nr. 2/2003 :in Deutsch Heine-Highlights

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Begegnung bei Sonnenuntergang

Toms Tagebuch 11.11. Hallo Tagebuch, ich werde wohl demnächst den Heine-Literaturpreis für die beste Fälschung eines Heine-Gedichtes kassieren. Alles fing damit an, dass uns Frau Haake einen unvollständigen Text vorlegte. Dazu die Aufforderung: Nun dichtet mal schön weiter! Was dabei herauskam, steht hier:

2. Strophe gesucht! Das Fräulein stand am Meere Und seufzte lang und bang, Es rührte sie so sehre Der Sonnenuntergang. Heine, Heinrich: Neue Gedichte. Verschiedene. Seraphine, X. In: Briegleb, K.: Heinrich Heine. Sämtliche Schriften. Bd. 4. München: dtv 1997, S. 327.

A Ich trat an ihre Seite Und fasste stumm die Hand. Wir blickten in die Weite, Bis alles Licht verschwand.

C Mein Fräulein! sein Sie munter, Das ist ein altes Stück; Hier vorne geht sie unter Und kehrt von hinten zurück.

? Finde die richtige zweite Strophe zum Gedicht von Heinrich Heine. Streiche dazu die drei „Fälschungen“, die in Toms Klasse geschrieben wurden, durch. Begründe deine Wahl. Die Tipps auf dieser und der folgenden Seite (M 7) helfen dir.

1. Tipp Die 2. Strophe enthält Merkmale, die du bereits in Heines Liebesgedichten finden konntest.

B Ich sprach: Fräulein, ich fühle, Ihr Sehnsuchts-Herzeweh. Sie lispelt: Mir wird’s kühle. Ich lad Sie ein zum Tee.

D Der Glutball muss erkalten In wilder Wellenpracht. Der Tag kann ihn nicht halten, Am Strand ward’s dunkle Nacht.

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inD-0302-Inhalt 16.04.2003 15:06 Uhr Seite 20

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„Werkeltagsstimmung“ und „grüne Lügen“

2 . Ti p p Heines Meinung zum Thema Naturerleben spiegelt sich im Gedicht (M 6) und in den folgenden Texten. © Project Photos

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Derweilen wir sprachen, begann es zu dämmern: die Luft wurde noch kälter, die Sonne neigte sich tiefer, und die Turmplatte füllte sich mit Studenten, Handwerksburschen und einigen ehrsamen Bürgerleuten samt deren Ehefrauen und Töchtern, die alle den Sonnenuntergang sehen wollten. Es ist ein erhabener Anblick, der die Seele zum Gebet stimmt. Wohl eine Viertelstunde standen alle ernsthaft schweigend, und sahen, wie der schöne Feuerball im Westen allmählig versank; die Gesichter wurden vom Abendrot angestrahlt, die Hände falteten sich unwillkürlich; es war, als ständen wir, eine stille Gemeinde, im Schiffe eines Riesendoms […]. Während ich so in Andacht versunken stehe, höre ich, daß neben mir jemand ausruft: „Wie ist die Natur doch im allgemeinen so schön!“ Diese Worte kamen aus der gefühlvollen Brust meines Zimmergenossen, des jungen Kaufmanns. Ich gelangte dadurch wieder zu meiner Werkeltagsstimmung, war jetzt im Stande, den Damen über den Sonnenuntergang recht viel Artiges zu sagen, und sie ruhig, als wäre nichts passiert, nach ihrem Zimmer zu führen. […]

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Als ich einst an einem schönen Frühlingstage unter den Berliner Linden spazieren ging, wandelten vor mir zwei Frauenzimmer, die lange schwiegen, bis endlich die eine schmachtend aufseufzte: „Ach, die jrine Beeme!“ Worauf die andre, ein junges Ding, mit naiver Verwundrung fragte: „Mutter, was gehn Ihnen die jrine Beeme an?“ Ich kann nicht umhin zu bemerken, daß beide Personen zwar nicht in Seide gekleidet gingen, jedoch keineswegs zum Pöbel gehörten, wie es denn überhaupt in Berlin keinen Pöbel gibt, außer etwa in den höchsten Ständen. Was aber jene naive Frage selbst betrifft, so kommt sie mir nie aus dem Gedächtnisse. Überall, wo ich unwahre Naturempfindung und dergleichen grüne Lügen ertappe, lacht sie mir ergötzlich durch den Sinn. Heine, Heinrich: Die Bäder von Lucca. Kapitel IV. In: Briegleb, K.: Heinrich Heine. Sämtliche Schriften. Bd. 2. München: dtv 1997, S. 405.

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?C Sprecht den kleinen Dialog der „Frauenzimmer“ so, dass sowohl „schmachtendes Aufseufzen“ wie auch „naive VerwundHeine, Heinrich: Die Harzreise. In: Briegleb, K.: Heinrich Heine. Sämtliche Schriften. Bd. 2. München: dtv 1997, S. 144–145. rung“ deutlich werden. ?D Erläutere, was Heine hier als „grüne Lü?A Heine schildert hier eine Szene auf dem ge“ bezeichnet und was die beiden Szenen Brocken, dem höchsten Berg im Harz, die er auf dem Brocken und in Berlin miteinander während seiner Harzreise im Jahr 1824 verbindet. erlebt hat. Beschreibe die Situation und notiere, was Heine beim Anblick des Sonnenuntergangs empfindet. ?B Erläutere, was der Autor mit „Werkeltagsstimmung“ meint und wodurch diese Stimmung entsteht.

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inD-0302-Inhalt 16.04.2003 15:06 Uhr Seite 21

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Stil: mangelhaft?

Toms Tagebuch 12.11. Wenn der Namensgeber einer Schule den Schülern und Lehrern ein Vorbild sein sollte, hat Heine bei uns schlechte Karten. Er ist nicht nur rotzfrech, er schreibt auch wie ein Anfänger. Ich stelle mir vor, dass ich einen Aufsatz im Stil Heines abliefere. Wetten, dass Frau Haake schreibt: Du springst von einem Thema zum anderen, wechselst den Ton und verlierst den Roten Faden. Leider mangelhaft!

Göttingen

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Die Stadt Göttingen, berühmt durch ihre Würste und Universität, gehört dem Könige von Hannover, und enthält 999 Feuerstellen, diverse Kirchen, eine Entbindungsanstalt, eine Sternwarte, einen Karzer, eine Bibliothek und einen Ratskeller, wo das Bier sehr gut ist. Der vorbeifließende Bach heißt „die Leine“ und dient des Sommers zum Baden; das Wasser ist sehr kalt und an einigen Orten so breit, daß Lüder wirklich einen großen Anlauf nehmen mußte, als er hinüber sprang. Die Stadt selbst ist schön, und gefällt einem am besten, wenn man sie mit dem Rücken ansieht. Sie muß schon sehr lange stehen; denn ich erinnere mich, als ich vor fünf Jahren dort immatrikuliert und bald darauf konsiliiert wurde, hatte sie schon dasselbe graue, altkluge Ansehen, und war schon vollständig eingerichtet mit Schnurren, Pudeln, Dissertationen, Teedansants, Wäscherinnen, Kompendien, Taubenbraten, Guelfenorden, Promotionskutschen, Pfeifenköpfen, Hofräten, Justizräten, Relegationsräten, Profaxen und anderen Faxen. […] Im allgemeinen werden die Bewohner Göttingens eingeteilt in Studenten, Professoren, Philister und Vieh; welche vier Stände doch nichts weniger als streng geschieden sind. Der Viehstand ist der bedeutendste. Die Namen aller Studenten und aller ordentlichen und unordentlichen Professoren hier herzuzählen, wäre zu weitläufig; auch sind mir in diesem Augenblick nicht alle Studentennamen im Gedächtnisse, und unter den Professoren sind manche, die noch gar keinen Namen haben. Die Zahl der Göttinger Philister muß sehr groß sein, wie Sand, oder besser gesagt, wie Kot am Meer […] Vor dem Weender Tore begegneten mir zwei eingeborne kleine Schulknaben, wovon der eine zum anderen sagte: „Mit dem Theodor will ich gar nicht mehr umgehen, er ist ein Lumpenkerl, denn gestern wußte er nicht mal, wie der Genitiv von Mensa heißt.“ Heine, Heinrich: Die Harzreise. In: Briegleb, K.: Heinrich Heine. Sämtliche Schriften. Bd. 2. München: dtv 1997, S. 103–104.

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Karzer: Die Universitäten hatten früher das Recht, Haftstrafen zu verhängen. Bei Wirtshausprügeleien, Sachbeschädigung oder Schulden wurden Studenten für einige Tage in eine Zelle, den Karzer, gesperrt Lüder: Wilhelm Lüder, ein Göttinger Student, der durch seine Körperkraft bekannt war. immatrikulieren: sich als Student an einer Universität einschreiben konsiliieren: von der Universität verweisen Schnurren, Pudeln, Profaxen: studentische Ausdrücke für Nachtwächter, Hausmeister, Professoren Dissertation: schriftliche Arbeit zur Erlangung des Doktortitels Teedansant: Tanzveranstaltung am Nachmittag Guelfenorden: Auszeichnung des Fürstentums Hannover Relegationsrat: Zusammensetzung aus Legationsrat (Gesandter mit Titel) und relegieren (von der Universität verweisen) Philister: fantasielose, genügsame Menschen, Spießbürger

? Überprüfe, ob Heines Text die Merkmale aufweist, die Frau Haake kritisiert. Unterstreiche die Stellen, an denen der Autor im Stil der folgenden Textsorten schreibt: Reiseführer

Erlebniserzählung

Lexikonartikel

L Nr. 2/2003 :in Deutsch Heine-Highlights

inD-0302-Inhalt 16.04.2003 15:06 Uhr Seite 22

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Nicht jugendfrei? ?A Notiere, was Heine an der Stadt Göttingen, an ihrer Universität und an ihren Bewohnern nicht gefällt (Text siehe M 9). Formuliere deine Ergebnisse in Form von Thesen, die du mit Zeilenangaben belegst. ?B Finde heraus, welche persönlichen Erfahrungen Heine in diesem Text verarbeitet. Informiere dich dazu über Heines Lebensgeschichte der Jahre 1820–1824.

LEin zeitgenössisches Urteil „Die empfindsame, auf ihre Weiblichkeit sich viel einbildende Dame mag auch fernerhin das Buch ihren Töchtern nicht vorlesen; der blöde keusche Jüngling, der jedes Buch verabscheut, was er nicht in seinem Teezirkel vorlesen oder auf die Toilette seiner süßen Angebeteten legen darf, lasse nach wie vor von diesen Reisebildern ab.“ Varnhagen von Ense (anonym) In: Der Gesellschafter 14 (1830) Bl. 162 (16.10.), S. 800.

?C Die empfindsame Dame unterhält sich mit dem „blöden, keuschen Jüngling“ über die Qualität von Heines Text. Schreibt diesen Dialog und sprecht ihn mit verteilten Rollen.

LKlassengespräch Der Text klingt an manchen Stellen ziemlich naiv. Warum verstellt sich Heine hier so?

Tom

Sind Heines Wortspiele nur dumme Witze oder bissiger Spott?

Isabelle

Hat der Autor kein Sprachgefühl? Er montiert Wörter zusammen, die nicht zueinander passen.

Lisa

?D Nimm Stellung zu den Äußerungen von Tom, Lisa und Isabelle. Begründe deine Meinung mit Hinweisen auf den Text. Nr. 2/2003 :in Deutsch Heine-Highlights

inD-0302-Inhalt 16.04.2003 15:06 Uhr Seite 23

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Blondinen und andere Frauen

Toms Tagebuch

Aus den Memoiren des Herrn von Schnabelewopski

Aber nicht bloß in Amsterdam haben die Götter sich gütigst bemüht, mein Vorurteil gegen Blondinen zu zerstören. Auch im übrigen Holland hatte ich das Glück meine früheren Irrtümer zu 5 berichtigen. Ich will bei Leibe die Holländerinnen nicht auf Kosten der Damen anderer Länder hervorstreichen. Bewahre mich der Himmel vor solchem Unrecht, welches von meiner Seite zugleich der größte Undank wäre. Jedes Land hat seine be10 sondere Küche und seine besondere Weiblichkeiten, und hier ist alles Geschmacksache. Der eine liebt gebratene Hühner, der andere gebratene Enten; was mich betrifft, ich liebe gebratene Hühner und gebratene Enten und noch außerdem gebra15 tene Gänse. Von hohem idealischen Standpunkte betrachtet, haben die Weiber überall eine gewisse Ähnlichkeit mit der Küche des Landes. Sind die britischen Schönen nicht ebenso gesund, nahrhaft, solide, konsistent, kunstlos und doch so vor20 trefflich wie Altenglands einfach gute Kost: Rostbeaf, Hammelbraten, Pudding in flammendem Kognak, Gemüse in Wasser gekocht, nebst zwei Saucen, wovon die eine aus gelassener Butter besteht? Da lächelt kein Frikassee, da 25 täuscht kein flatterndes Vol-au-vent, da 25 seufzt kein geistreiches Ragout, da tändeln nicht jene tausendartig gestopften, gesottenen, aufgehüpften, durchzücker30 gerösteten,

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14.11. Die Mädchen aus unserer Klasse haben sich heute gegen Heine ausgesprochen. Martina meinte, der folgende Text hätte auch von Jan-Peter sein können. Der redet ähnlich abfällig über das weibliche Geschlecht. ten, pikanten, deklamatorischen und sentimentalen Gerichte, die wir bei einem französischen Restaurant finden, und die mit den schönen Französin35 nen selbst die größte Ähnlichkeit bieten! Merken wir doch nicht selten, daß bei diesen ebenfalls der eigentliche Stoff nur als Nebensache betrachtet wird, daß der Braten selber manchmal weniger 40 wert ist als die Sauce, daß hier Geschmack, Grazie und Eleganz die Hauptsache sind. [...] Von der deutschen Küche kein Wort. Sie hat alle möglichen Tugenden und nur einen einzigen Fehler; ich sage aber nicht welchen. Da gibt’s ge- 45 fühlvolles, jedoch unentschlossenes Backwerk, verliebte Eierspeisen, tüchtige Dampfnudeln, Gemütssuppe mit Gerste, Pfannkuchen mit Äpfel und Speck, tugendhafte Hausklöße, Sauerkohl – wohl dem, der es verdauen kann. 50 Was die holländische Küche betrifft, so unterscheidet sie sich von letzterer, erstens durch die Reinlichkeit, zweitens durch die eigentliche Leckerkeit. Besonders ist die Zubereitung der Fische unbeschreibbar liebenswürdig. Rührend inniger, 55 und doch zugleich tiefsinnlicher Sellerieduft. Selbstbewußte Naivität und Knoblauch. Tadelhaft jedoch ist es, daß sie Unterhosen von Flanell tragen; nicht die Fische, sondern die schönen Töchter des meerumspülten Hollands. 60 Heine, Heinrich: Aus den Memoiren des Herren von Schnabelewopski. Kapitel VIII. In: Briegleb, K.: Heinrich Heine. Sämtliche Schriften. Bd. 1. München: dtv 1997, S. 532–534.

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Geschmacklose Vergleiche oder humorvoll gewürzte Prosa? ?A Beschreibe mit Hinweisen auf den Text, wie der Erzähler sich selbst und sein Verhältnis zu Frauen kennzeichnet. ?B Notiere in einer Tabelle die angeblichen Eigenschaften der englischen, französischen, deutschen und holländischen Frauen. ?C Gestaltet eine Spielszene, in der ein Junge die Rolle des Autors übernimmt und seinen Text verteidigt. Die Mädchen dürfen nun ihre Kritik äußern. Nr. 2/2003 :in Deutsch Heine-Highlights

inD-0302-Inhalt 16.04.2003 15:06 Uhr Seite 24

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Deutschland versus Frankreich

LDeutschland

Anno 1839 O, Deutschland, meine ferne Liebe, Gedenk ich deiner, wein ich fast! Das muntre Frankreich scheint mir trübe, Das leichte Volk wird mir zur Last. Nur der Verstand, so kalt und trocken, Herrscht in dem witzigen Paris – O, Narrheitsglöcklein, Glaubensglocken, Wie klingelt ihr daheim so süß! Höfliche Männer! Doch verdrossen Geb ich den artgen Gruß zurück. – Die Grobheit, die ich einst genossen Im Vaterland, das war mein Glück! Lächelnde Weiber! Plappern immer, Wie Mühlenräder stets bewegt! Da lob ich Deutschlands Frauenzimmer, Das schweigend sich zu Bette legt.

LFrankreich

Und alles dreht sich hier im Kreise, Mit Ungestüm, wie ’n toller Traum! Bei uns bleibt alles hübsch im Gleise, Wie angenagelt, rührt sich kaum. Mir ist, als hört ich fern erklingen Nachtwächterhörner, sanft und traut; Nachtwächterlieder hör ich singen, Dazwischen Nachtigallenlaut. Dem Dichter war so wohl daheime, In Schildas teurem Eichenhain! Dort wob ich meine zarten Reime Aus Veilchenduft und Mondenschein. Heinrich Heine Heine, Heinrich: Neue Gedichte. Romanzen VIII. In: Briegleb, K.: Heinrich Heine, Sämtliche Schriften. Bd. 4. München: dtv 1997, S. 379–380.

?A Trage alle Urteile, die Heine im Gedicht über Deutschland und Frankreich abgibt, rechts ein. ?B Heine schrieb dieses Gedicht im Pariser Exil. Finde heraus, welche Kritik der Autor an Deutschland formuliert. Nr. 2/2003 :in Deutsch Heine-Highlights

inD-0302-Inhalt 16.04.2003 15:06 Uhr Seite 25

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Krähwinkel

Erinnerung aus Krähwinkels Schreckenstagen Wir Bürgermeister und Senat, Wir haben folgendes Mandat Stadtväterlichst an alle Klassen Der treuen Bürgerschaft erlassen. Ausländer, Fremde, sind es meist, Die unter uns gesät den Geist Der Rebellion. Dergleichen Sünder, Gottlob! sind selten Landeskinder. Auch Gottesleugner sind es meist; Wer sich von seinem Gotte reißt, Wird endlich auch abtrünnig werden Von seinen irdischen Behörden. Der Obrigkeit gehorchen, ist Die erste Pflicht für Jud und Christ. Es schließe jeder seine Bude Sobald es dunkelt, Christ und Jude. Wo ihrer drei beisammen stehn, Da soll man auseinander gehn. Des Nachts soll niemand auf den Gassen Sich ohne Leuchte sehen lassen. Es liefre seine Waffen aus Ein jeder in dem Gildenhaus; Auch Munition von jeder Sorte Wird deponiert am selben Orte. Wer auf der Straße räsoniert, Wird unverzüglich füsiliert; Das Räsonieren durch Gebärden Soll gleichfalls hart bestrafet werden. Vertrauet eurem Magistrat, Der fromm und liebend schützt den Staat Durch huldreich hochwohlweises Walten; Euch ziemt es, stets das Maul zu halten. Heine, Heinrich: Gedichte 1853 und 1854, XX. In: Briegleb, K.: Heinrich Heine: Sämtliche Schriften. Bd. 6/I. München: dtv 1997, S. 230–231.

Krähwinkel: ein Ortsname, der zum Inbegriff für kleinstädtische Beschränktheit wurde. Mandat: Bestimmung

?A Untersuche, worum es in diesem Gedicht geht, indem du: a) notierst, wer hier etwas zu wem sagt, b) was der Sprecher von seinen Adressaten verlangt, c) womit der Sprecher das begründet. Achtung: Sprechprobe ?B Um deutlich zu machen, was Heine mit diesem Gedicht aussagen möchte, trage es bitte laut vor. Schlüpfe dabei in die Rolle eines Ausrufers, der das Mandat verkündet. ?C Sprecht in der Klasse darüber, ob es sich eher um ein veraltetes Gedicht aus dem 19. Jahrhundert oder um einen nach wie vor aktuellen Text handelt. Zu diesem Gedicht schrieb Heine aus Paris an seinen Verleger Campe in Hamburg: Sollte der Anfangsvers lokaliter zu bedenklich erscheinen, so könnte als Variante gesetzt werden: „Krähwinkler! Wir, der hohe Rat usw.“ (zitiert nach: Siegrist, C.: Nachwort. In: Heinrich Heine. Werke. Bd. 1, Frankfurt a. M.: Insel Verlag 1968, S. 524)

?D Beschreibe, wodurch sich dieser Vers vom ersten Vers im Gedicht unterscheidet, und finde heraus, welche Gründe Heine für diesen Vorschlag gehabt haben könnte. Die Informationen auf der folgenden Seite (M 14) helfen dir.

Nr. 2/2003 :in Deutsch Heine-Highlights

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Zensur

Toms Tagebuch 16.11. Angeblich hat Heinrich Heine unter der Zensur gelitten. Mir geht es ähnlich, vor allem in Mathe. Im Zusammenhang mit Heine hat das Wort „Zensur“ allerdings eine ganz andere Bedeutung. Heine hat sich jedenfalls gegen die Zensur gewehrt, und zwar auf ganz typische Weise. Mir ist der Mann jetzt wieder viel sympathischer geworden. Zensur bezeichnet die politische Kontrolle öffentlich geäußerter Meinungen. 1835 verbietet der Bundestag die Schriften des „Jungen Deutschland“, einer Gruppe von Autoren, zu denen auch Heinrich Heine gezählt wurde. Schon in Heines Reisebilder wurden in den 20er-Jahren von den Zensurbehörden einzelner deutscher Staaten Streichungen vorgenommen. Darauf reagierte der Autor so:

Kapitel XII Die deutschen – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Zensoren – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

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– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Dummköpfe – – – – – – – – – – – – – – –

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Heine, Heinrich: Ideen. Das Buch Le Grand. Kapitel XII. In: Briegleb, K.: Heinrich Heine. Sämtliche Schriften. Bd. 2. München: dtv 1997, S. 283.

Typisch Heine! ? Beschreibe Heines Text. Zeige, mit welchen Mitteln er sich gegen die Zensur wehrt. Nimm Stellung zu Toms Aussage, das sei „typisch Heine“.

Nr. 2/2003 :in Deutsch Heine-Highlights

inD-0302-Inhalt 16.04.2003 15:06 Uhr Seite 27

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Heine heute

Toms Tagebuch 16.11. Heute ist Wahltag, gleich beginnt die Schulkonferenz. Ich bin gespannt, wie es ausgeht. Vielleicht gehe ich ab morgen schon zur „Heinrich-Heine-Gesamtschule“ und vielleicht geht es auf unserem nächsten Schulfest so ähnlich zu wie im Heine Jahr 1997 in Düsseldorf …

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locke, schwärmerischem Blick 40 ternder Heine-Blick und ein PaHeine weg! Heine da! und leicht aufgeworfenen Lip- pagei auf seiner Schulter. Auf Andreas Schäfer Schon am Düsseldorfer Bahnhof pen, vom Art-Director des Hei- dem kurzen Weg durch die Altkommt dem Besucher Heine ent- ne-Jahres wahrscheinlich am stadt begegnen dem Besucher des gegen. Ein freundlicher DB-An- 15 Computer in romantisches Blau weiteren in Schaufenstern oder gestellter verteilt kleine Werbe- getaucht. Alles ist leise an diesem 45 auf Plakaten: Heine mit Techno5 broschüren, auf denen steht, daß Gesicht, leise und zart ge- Sonnenbrille (Großer HeineDüsseldorf eine Ereignis-Stadt schwungen, natürlich sehnsüch- Schülerwettbewerb), ein Girl mit ist und in diesem Jahr heißt das tig, dabei auch gefaßt, und die aufgerissenem Mund und schöDüsseldorf-Ereignis Heinrich 20 hochgewölbte Augenbraue zeigt nen Zähnen, Heine-T-Shirts, Heine. Darüber der junge Heine eine Spur von Skepsis. Im Inne- 50 Heine-Uhren, Heine-Pralinen 10 mit aufschwingender Seiten- ren der Broschüre dagegen klei- und tatsächlich auch Heine-Parne, aber laute Düsseldorf-Bild- füm. Nicht zu sehen, aber in eichen. Auf der Rückseite das ner tollen Heine-Zeitung zu le25 wahrscheinlich wichtigste Hei- sen. Es gibt eine neue Düsseldorne-Zitat des Jahres: „Die Stadt 55 fer Ausgabe, viele neue DenkmäDüsseldorf ist sehr schön, und ler, einen gerade laufenden Konwenn man in der Ferne an sie greß und unendlich viele übers denkt und zufällig dort geboren Jahr verteilte Veranstaltungen für 30 ist, wird einem wunderlich zu- Kinder, Rentner, Pyromanen, mute.“ Mit 18 Jahren verließ 60 Schauspieler, Videokünstler, MuHeine die Stadt und kam nur siker, überhaupt für alle. Heinnoch wenige Male zu Besuchen rich Heine, denkt der Besucher, ist 1997 das große Kulturzelt, in zurück. 35 An der Heinrich-Heine-Allee, dem alle Platz haben und endlich die zur Ausstellung führt, knat- 65 mal wieder was zusammen matern die Heine-Fahnen, die über- chen. […] all aufgezogen sind: Im Wind Schäfer, Andreas: Heine weg! Heine da! In: Berliner Zeitung vom 30.05.1997. Quelle: www.heinrich-heine.net/haupt.htm wogende Loreley-Brüste, flat-

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?A Tauscht eure Meinungen darüber aus, ob es sinnvoll ist, einen Autor wie Heine in dieser Weise zu präsentieren.

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?B Gestalte das Heine-T-Shirt mit deinem Heine-Lieblings-Zitat. Es kann ein Vers aus einem Gedicht oder eine Zeile aus einem Prosatext sein.

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5.

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W O C H E N P L A N

Ideen für einen Wochenplan Hinweise zur Arbeit mit dem Wochenplan finden Sie in „:in Deutsch“ Ausgabe 1/2002 oder erhalten Sie auf Wunsch vom Verlag zugesandt.

Heines Lebensstationen – Stelle eine Landkarte zusammen, auf der ➔ du die Orte vermerkst, an denen Heinrich Heine lebte. Ein Brief – Schreibe den Beginn des Briefes, von dem im zweiten Ge➔ dicht (M 3) die Rede ist. Schreibe so weit, dass man erkennt, wie sehr sie

ihn trotz der Abschiedsworte noch mag. Du kannst hier Männer- und Frauenrolle tauschen. Dialog am Meer – Spiele mit einem Partner oder einer Partnerin die Situation am Strand, die Heine in seinem Gedicht „Das Fräulein stand am Meere“ schildert. Schreibe vorher auf, wie das Fräulein ihre „Rührung“ wohl begründen mag und welches Gespräch sich in der Folge ergeben könnte. Benutze die richtigen Regieanweisungen. Schiffsunfall auf dem Rhein – Schreibe einen Zeitungsbericht zu den Ereignissen, die Heine in seinem Loreley-Gedicht darstellt. Skizziere ein Bild dazu. Loreley – Finde heraus, welche Autoren sich mit dem Thema Loreley beschäftigt haben. Suche dazu im Internet und stelle ein paar Texte – Gedichte, Sage – zusammen. Knackige Jungs – Langweilig wie ein Big-Mac oder prickelnd wie ein Energy-Drink: Gefragt ist dein eigener Text im Stil Heines (M 11), in dem du jetzt die Männer beschreibst. Aber bitte nicht geschmacklos werden! „Pressefreiheit in Deutschland“ – Informiere dich im Lexikon oder im Internet über das Thema. Eine gute Startseite findest du bei der Bundeszentrale für politische Bildung: http://www.bpb.de Heinrich-Heine-Schule? – Stell dir vor, du gehst in Toms Klasse. Schreibe eine Stellungnahme für die Schulkonferenz, in der darüber abgestimmt werden soll, ob man die Schule nach dem Autor benennt. Der Zensor spricht – Bereite mit einem Partner oder einer Partnerin einen Dialog vor, in dem sich Heine vor einem preußischen Zensor für das Gedicht „Erinnerungen aus Krähwinkels Schreckenstagen“ rechtfertigen muss.

➔ ➔ ➔ ➔ ➔

Karte gestalten Text gestalten

Spielszene entwickeln

Text/Bild gestalten InternetRecherche Text gestalten

Recherche im Internet



Text gestalten



Dialog spielen

Nr. 2/2003 :in Deutsch Heine-Highlights

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W Oochenplan C H E N P L W Mo.

Std.

Do.

Std.

Di.

Std.

Fr.

Std.

Mi.

Std.

Sa.

Std.

LPflichtaufgaben

LWahlaufgaben

LFreie Tätigkeiten

Was ich zu diesem Wochenplan anmerken möchte

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A N

Name: Klasse: Zeitraum:

Nr.

von

30

bis fertig am

kontrolliert

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6.

OFFENER UNTERRICHT

Vorschläge

Luv1 Vorschlag für offenen Unterricht im Anschluss an M 1 Heine als Europäer Heines Lebensstationen können auf einer Wandzeitung, unterlegt mit einer Landkarte, abgebildet werden. Hier sollten die Aufenthaltsorte in Deutschland und Frankreich ebenso wie Heines Italienreise notiert werden. Mithilfe der Informationen aus dem Internet kann eine eigene Heine-Seite mit Lebensdaten und Illustrationen entweder als Hypertext im HTML-Format oder – einfacher – als Power-PointPräsentation oder als Word-Dokument erstellt werden.

Luv2 Vorschlag für offenen Unterricht im Anschluss an M 3 Heinrich-Heine-Schule In Deutschland gibt es nach Umfrage bei den Kultusverwaltungen der Länder 43 Schulen mit dem Namen Heinrich Heine, darunter zehn Grundschulen. Über das Internet kann angefragt werden, welche Bedeutung der Name des Autors für das Selbstverständnis/Schulprogramm hat.

Luv3 Vorschlag für offenen Unterricht im Anschluss an M 8 Museumsbesuch Das Museum des Heinrich-Heine-Institutes in Düsseldorf bietet einen sehr interessanten virtuellen Rundgang unter dieser Adresse: http://www.duesseldorf.de/kultur/heineinstitut/fraset16.htm

Luv4 Vorschlag für offenen Unterricht im Anschluss an M 14 Kleine Heine-Revue Einige Texte dieser Unterrichtseinheit eignen sich für eine kleine Präsentation auf der Bühne. Das Programm kann um weiteres Material ergänzt werden. Vertonungen bieten sich ebenso an wie Rezitation und szenisches Spiel.

Luv5 Vorschlag für offenen Unterricht im Anschluss an die Unterrichtsreihe Denkmal-Rallye Die oft wechselvolle Geschichte der Heine-Denkmäler kann mithilfe des Internets sehr gut rekonstruiert werden. Interessant ist etwa die Geschichte des Hamburger Denkmals und auch in New York, im Stadtteil Bronx, gibt es einen Heine-Brunnen, der eine lange Irrfahrt hinter sich hat. Informationen gibt es hier: http://www.berlinonline.de/wissen/berliner_zeitung/archiv/1999/0713/blickpunkt/0008/ (Stand: 19.03.2003)

Nr. 2/2003 :in Deutsch Heine-Highlights

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7.

T A F E L B I L D E R

Vorschläge Tafelbild 1 zu Materialblatt M 5

Ungewöhnliche Reime „am Teetisch“

Rührende Reime: Übereinstimmung auch der anlautenden Konsonanten

Unreine Reime: ähnlich klingende Vokale viel Gefühl gefehlt erzählt

ästhetisch Teetisch

Erweiterte Reime: Übereinstimmung schon von der vorletzten Silbe an Mund weit Gesundheit

Wirkung: Komik, Ironie, Spott, Parodie der Halbbildung der Tischgesellschaft

Tafelbild 2 zum Wochenplanvorschlag „Schiffsunfall auf dem Rhein“ und zu Materialblatt M 8 (Folie)

Unfallbericht: Loreleyfelsen bei St. Goarshausen 1. Zeitpunkt des Unfalls: weit zurückliegend (Strophe 1) 2. Wetterverhältnisse: abends, klare Sicht, ruhiges Fahrwasser (Strophe 2) 3. Beteiligte Personen: langhaarige Blondine (Strophe 3), Kahnführer (Strophe 5) 4. Unfallursache: Ablenkung durch laute Musik und demonstrative Haarpflege (Strophen 4 und 5) 5. Unfallfolgen: Ein Toter und hoher Sachschaden (Strophe 6) 6. Unfallzeuge: depressiv gestimmter Märchenleser (Strophe 1)

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