Bad Berka und seine Mühlen (Teil 1)

Bad Berka und seine Mühlen (Teil 1)

Bad Berka und seine Mühlen Von der Mühllache zum „Kleinen Venedig“ Das wohl bekannteste Bildmotiv von Bad Berka ist das idyllisch, mitten in der Stadt...

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Bad Berka und seine Mühlen Von der Mühllache zum „Kleinen Venedig“ Das wohl bekannteste Bildmotiv von Bad Berka ist das idyllisch, mitten in der Stadt gelegene „Klein Venedig“. Seit über 100 Jahren ziert es Postkarten, befindet sich auf Fotos, Prospekten und anderen Veröffentlichungen. Maler verewigten es in Öl, Pastell und Kohle. Schon den Badegästen der 1890er Jahre, die zum Teil regelmäßig zur Badekur kamen, gefiel dieser romantische Ort. Sie mögen sich amüsiert haben über die Kinder, die sich mit einem alten Kahn im Wasser tummelten oder Fische fingen. Für die Städter interessant waren die unmittelbar am Wasser gelegenen Mühlenwerke der Mahlmühle, Säge- und Massemühle. Was sie über die beiden Anwesen der gleichnamigen Familien König gedacht haben, ist nicht bekannt. Der eine spülte als Fleischer auf einem in das Wasser hinein ragenden Steg die Därme eines eben geschlachteten Schweins, der andere wässerte daneben als Gerber seine Felle. Das Bild wurde vervollständigt durch die Frauen, die ihre Wäsche wuschen, Wasser schöpften und die zahlreichen Pferde, die an den Wochenenden ein wohlverdientes Reinigungsbad erhielten. Vielleicht haben sie mit den Köpfen geschüttelt, wenn es im Brauhaus ans Bierbrauen ging. War im Brunnen nicht genügend Wasser vorhanden, holte man es im Mühlteich oder in der Mühllache, wie das Gewässer damals hieß. Irgendwann mag einer der Gäste sich an ähnliche Situationen in Venedig erinnert haben. Schnell war die Bezeichnung vom „Kleinen Venedig“ geboren. Das Leben spendende Nass, das von der Ilm und vom Steingrabenbach in die Stadt geführt wurde, fand eine vielseitige Verwendung. Seine Hauptaufgabe bestand jedoch darin, die an seinem Lauf liegenden Wasserräder der Berkaer Mühlen anzutreiben. Da war zunächst die Obermühle. Zu ihr gehörte die schon erwähnte Mahlmühle. Das markante Gebäude Bleichstraße 4 wird heute zu Wohnzwecken genutzt. Ihm gegenüber, auf dem Parkplatz Bleichstraße befanden sich einst eine Sägemühle und eine Massemühle. Über einen 96m langen und 4 m breiten, mit einem Ober- und Unterlauf versehenen Kanal, dem Mühlgraben, wurde das Wasser zur Untermühle befördert. Hier, in der ältesten Mühle unserer Stadt, befand sich zu früherer Zeit eine weitere Mahl-, eine Öl- und zeitweilig eine Lohmühle. Heute beherbergt der Gebäudekomplex Wohnungen und einen Versammlungsraum. Seit über 700 Jahren wurden an diesem Gewässer Korn zu Mehl gemahlen, aus Raps und Lein Öl gepresst, Korn und Braumalz geschrotet, Lohe zerkleinert, Balken und Bretter gesägt und Porzellanmasse geschlagen. Den einstigen - die Mühlen verbindenden Wasserlauf - verfüllte man 1964, nutzte ihn als Garagenstandort und legte ihn 2009 wieder frei. Wenn die Mühlen heute auch nicht mehr existieren, so erinnert das nun entstandene Bauwerk doch an ein wichtiges Stück Bad Berkaer Geschichte.

Klein Venedig um 1900 Mühlen als erste technische Einrichtungen Die Erfindung der Mühlen war ein wichtiger Schritt bei der Entwicklung der Menschheit. Vom einfachen Reibstein bis zur von Wasser oder Wind angetriebenen Mühle vergingen Jahrtausende. Ehrfurchtsvoll begegneten die Menschen den ersten Maschinen. Für die damalige Zeit waren sie in stattlichen Bauten errichtet und zogen die Aufmerksamkeit auf sich. Sie gaben Tag und Nacht keine Ruhe, ihre hölzernen Getriebe klapperten, ächzten und stöhnten. Deshalb waren Mühlen und ihre Umgebung oft als unheimlich verschrien. Man sah sie als Aufenthaltsort von Geistern an und brachte sie nicht selten mit Bluttaten in Verbindung. In kriegerischen Zeiten wurden sie wegen des vermuteten Reichtums ihrer Besitzer oft als erste aufgesucht. Überdies waren Müller und Müllerin häufig als „unehrlich“ verschrien. Das hatte seinen Grund darin, dass Korn und Mehl in der Mühle nicht gewogen wurden. Der Müller benutzte bei der Annahme des Getreides und Abgabe des Mehls die „Metze“, ein Behältnis, mit dem er beides schöpfte. Als Mahllohn erhielt er kein Geld, sondern er nahm sich diesen mit der „Metze“ vom Getreide des Mahlgastes. Dabei wurde ihm oft unterstellt, er betrüge, indem er am Behältnis bzw. am Beutelsystem seiner Mühle und anderen Geräten manipuliere. Erst mit dem Voranschreiten der Technik im Mühlenwesen konnte man diese Unterstellungen zurückweisen. Zisterzienserinnen als Mühlenbesitzer Die Existenz einer Mühle in Berka wurde erstmals 1280 in einer Urkunde im Kopialbuch des ehemaligen Berkaer Zisterzienserinnenklosters erwähnt. Aus ihr geht hervor, dass Gräfin Elsa von Rabenswald als Besitzerin von Berka auf die Lehensherrlichkeit, d.h. auf ihr Obereigentum der von den Klosterfrauen erworbenen und geschenkten Güter und Grundstücke, verzichtete. Sie überließ diese den Nonnen zum alleinigen Besitz. Unter den erwähnten Gütern befand sich die Mühle. In der Urkunde heißt es: „.....daß wir die Mühle zu Berka, gelegen bei dem Kirchhofe, welche Mühle der Convent der heiligen Klosterfrauen, die sie um ihre Pfennige kauft haben, in Besitz bekommen hat, die dann alle Jahre jährlichen Zins gibt: Zehen Malter und 4 Speckschweine....“

Aus der Urkunde ist zu entnehmen, dass sich die benannte Mühle an der Stelle der Untermühle an der Pfarrgasse befand, das südlich vor der Kirche gelegene Gärtchen wurde nach der Klostergründung als Kirchhof (Friedhof) genutzt. Weiter erfahren wir, dass die Klosterfrauen die Mühle nicht selbst betrieben, sondern verpachtet hatten. Auch die jährliche Einnahme von zehn Maltern Getreide und vier fetten Speckschweinen wurde mit der Urkunde von der Fürstin bestätigt. Es war damals üblich, Pachtbeträge in Naturalien zu zahlen. Wer die Mühle kaufte, erbaute oder wie sie ausgesehen haben mag, wissen wir nicht, ebenso wenig wie die Tatsache, warum sie nicht direkt am Wasserlauf der Ilm stand, sondern an der abseits gelegenen Stelle. Eine Ursache könnte darin bestehen, dass die Ilm einstmals viel mächtiger und höher war. Wir wissen, dass sie sich an der gegenüberliegenden Stelle teilte und ein Arm in Richtung Lindenplatz und Harlache floss. Für eine Mühle an der Ilm wären in der damaligen Zeit große Bauwerke notwendig gewesen. Doch davor scheute man sich. Erst in den späteren Jahrhunderten gab es dazu die technischen Möglichkeiten. So errichtete man eine Mühle lieber an einem kleineren, beherrschbaren Wasserlauf. Das waren in Berka ein Nebenarm der Ilm an Stelle des heutigen oberen Mühlgrabens sowie der Steingraben und der Hungerbach, die sich am heutigen Klein Venedig vereinigten und der Mühle zuflossen. Das Gewässer wurde gleichzeitig zur Wasserversorgung des in diesem Bereich entstehenden Ortes genutzt. Außerdem errichteten die Nonnen ein Brauhaus, das die Bierversorgung für sie und die Bürger über Jahrhunderte sicherte. 1414 wurde Berka erstmalig als Stadt bezeichnet. Dazu waren schon damals Bedingungen zu erfüllen. So musste sich die Stadt wirtschaftlich und verfassungsrechtlich vom Dorf abheben, eine städtische Regierung, ein Rathaus und eine Stadtbefestigung vorweisen, ebenso Marktrecht, Handel und Handwerk. Die Einwohnerzahl dürfte damals auf mehrere Hundert angestiegen sein. Der Ort hatte sich vom Kloster über die heutige Stadtmitte in westlicher Richtung ausgedehnt. Irgendwann in dieser Zeit mag auch die Kapazität der kleinen Mühle nicht mehr gereicht haben. Zu einer Vergrößerung brauchte man aber mehr Wasser und eine erhöhte Wasserkraft. Vermutlich wurden in dieser Zeit der Mühlgraben ausgebaut, Wehre und Schleusen geschaffen sowie ein Ablaufgraben, der heutige Schleusengraben, errichtet. All das erforderte einen großen Bauaufwand mit vielen Arbeitskräften. Derartige Tätigkeiten mussten die Berkaer im Auftrag der Fürsten als Fronepflichten erfüllen. Die Mühle - ein Opfer von Feuer und Wasser Mehr als 300 Jahre später berichtet ein Dokument, und zwar eine „Kaufberedung“ vom 14. Februar 1611, über das weitere Schicksal der Berkaer Mühle. In diesem Schriftstück wurde vereinbart, dass die Witwe und die Töchter des verstorbenen Besitzers von Berka, Georg Albrecht von Witzleben, ihren erblichen Besitz in Berka verkaufen. Käufer war die „Fürstl. S. junge Herrschaft zu Weimar“. Gemeint sind damit die neun unmündigen Söhne des verstorbenen Herzogs Johann. Die Kaufsumme betrug 4000 Gulden. Verkaufsobjekte waren der Beulwitzer Hof mit allen „Zubehörungen“ (ein Freihof auf dem Gelände des heutigen Thüringer Forstamtes Bad Berka in der Ilmstraße). Weiterhin erwarben die Weimarer Fürsten die Brandstätte der 1608 beim großen Stadtbrand abgebrannten Mühle. Im Dokument heißt es: „…eine Mahlmühle, welche sindermahls abgebrennet“ auch „den bei der Mühle vorhandenen Vorrat an Steinen und in Brand übrig gebliebenen Eisenwerg“. Von der Mühle war also nach dem Brand nur noch eine Ruine übrig geblieben. Über die „Zubehörungen“ zum Kaufobjekt Mühle schrieb man: „Der

Mühlgraben vom Wehr bis zur Mühle, Fischwasser über den Wehr, Wiesen und Weiden. Weiterhin Krautfleck, Garten und Baumgarten mit einem Haus an der „Stopffel-Gassen“ und das „Fisch-Helterlein“. Letzteres war ein Fischbehälter in der Ilm, in dem sich ständig Fische tummelten. Die „Stopffel-Gassen“ war die heutige, zum Bolzplatz hinführende Bleichstraße, die man im 19.Jh. auch als Schlippergasse bezeichnete. Sie war ein wichtiger Verkehrsweg und führte durch eine Furt im Schleusengraben direkt zur Kuhsteigbrücke. Aus einem Schriftstück an die Witwe des Georg Albrecht von Witzleben von 1611 ging hervor, dass Marthen Weimar bisheriger Pächter der Mühle war. Er schrieb, dass die Mühle bei der großen Feuersbrunst vernichtet und er dabei großen Schaden erlitten habe. Er versicherte, denen von Witzleben immer treulich gedient zu haben und bat um Berücksichtigung bei der Vergabe einer anderen Müllerstelle. Wenig später nahmen die traurigen Überreste der Mühle weiteren großen Schaden. Bei der Hochwasserkatastrophe im Jahre 1613, bekannt als die „Thüringer Sündflut“, wurden auch die Wehre und der Mühlgraben stark beschädigt bzw. vernichtet. Strenge Gesetze für einen Mühlenpächter Nach dem Wiederaufbau der Mühle durch die Weimarer Fürsten erschien 1618 der Müller Valten Schreper aus Öttern als neuer Pächter. Der Amtsschösser Quirin Hans von Volgstedt, Beauftragter des Herzogs in Berka, schloss einen umfangreichen Vertrag mit ihm ab. Grundlage des Vertrages war die 97 Artikel umfassende Fürstliche Mühlenordnung aus dem Jahre 1589. Danach erhielt Schreper die neue Mühle zunächst nur für ein Jahr. Als Pacht hatte er den Wert von16 Malter Weimarisch Gemäß(1 Mlt.= ca. 150 Ltr.= 100-110 kg) Gemenge (Getreidegemisch) und für 80 Gulden Mastschweine zu liefern. Dazu noch 15 Schock (1 Schock = 60 Stck.) Hühnereier. Zu Beginn des Vertrages hieß es: „Herrunter will er auch schuldig und pflichtig sein Korn, Gerste, Malz und andere Getreidich vor Mensch und Vieh so viel was deßes vor die Haushaltung bedürftig angemeßt zu mahlen“. Er war verpflichtet, von jedem Malter Korn 15 Pfund Mehl und 3 Pfund Kleie von den Mahlgästen zu entnehmen und als Mahlsteuer in das Fürstliche Amt zu liefern. Weiter folgten im Vertrag Artikel, die dem Müller Pflichten im Umgang mit der ihm überlassenen Mühle und den Geräten auferlegten, aber auch zum Verhalten des Müllers, seiner Familie und des Gesindes. Er wurde ermahnt, sich jeglichen Betruges zu enthalten und die Pflichten gegenüber der Obrigkeit zu erfüllen. Auch an den christlichen Lebenswandel wurde gedacht: „Vor allen dingen aber neben seinen weibe, Kindern und gesinde sich der Gottesfurcht, und des lieben gebeths befleißigen, Fluchens, phwehrens (schwören) und anderer Gotteslesterung gründlich enthalten“. Vorgeschrieben wurde dem Müller auch die richtige Handhabung der Mühle, darunter die Einstellung des Kammrades, der Getriebe und der Räder, die richtige Einstellung der Mahlsteine und ihre Beschaffenheit zur Verhinderung von Verlusten beim Mahlvorgang. Er hatte sich gefallen zu lassen, dass seine Mühle regelmäßig durch Beamte des Herzogs kontrolliert und ihm sogar genau vorgeschrieben wurde, wie viel Vieh er halten durfte. Grundsätzlich verboten war die Haltung von Tauben. Die Annahme des Mahlgutes und die Ausgabe von Mehl, Kleie, Schrot und Malz durfte nur der Müller selbst im Beisein eines städtischen Wagemeisters und mit einer geeichten Waage vornehmen. Der Wagemeister war eine im Ort gewählte Person, die zum Ältestenrat (Stadtrat) gehörte und neben den Müllern auch die Bäcker und Fleischer auf Einhaltung richtiger Gewichte zu überprüfen hatte. Er musste dabei

noch ein Register über die Menge des angenommenen Getreides und des abgegebenen Mahlgutes für die fürstlichen Beamten führen. Neben weiteren Artikeln, die dem Pachtmüller die Existenz erschwerten, das Einkommen des Fürsten aber sicherten, enthielt die Mühlenordnung auch eine Gebührenordnung. Darin war genau festgelegt, welchen Lohn der Müller für das Mahlen des Getreides oder Malzes zu erhalten hatte. Wie schon erwähnt, erhielt er kein Geld, sondern seinen Lohn in Form von Mehl und Malz. In einer Tabelle war festgelegt, wie viel er vom Mahlgut erhielt. So durfte er vom Zentner Getreide 11 Pfund Mehl und beim Schrot und Malz 7 Pfund entnehmen. Diese Art der Entlohnung war im Interesse der Obrigkeit. Es hatte seinen Grund darin, dass die meisten Leute kein oder nur selten Geld besaßen und dadurch nicht oder erst später bezahlen konnten. Erhielt der Müller kein Geld, konnte er seine Pacht nicht pünktlich zahlen. Nahm er sich aber Mehl als Lohn und verkaufte es an die Bäcker, konnte er seinen Verpflichtungen an den Fürsten nachkommen. Das Getreide für das fürstliche Amt musste der Müller kostenlos mahlen. Allerdings erhielt er dafür Stroh für seine Esel und Brennholz. Abgeschlossen wurde der Pachtvertrag mit der Vereidigung des Müllers und seines Knechtes vor dem Vertreter des Herzogs in Berka, dem Amtmann. Interessant ist auch die Beschreibung der Mühle im Pachtvertrag. So erfahren wir, dass die neue Mühle „vier mahlgenge mit büdenen Steinen undt leuffern Kamp- und Wasserräder gut undt ganghafft“ besaß (d.h. die Mahlgänge waren mit Boden- und Läufersteinen ausgerüstet, angetrieben von den Wasserrädern über Kammräder). Weiterhin gab es eine Stube, Küche und Schlafkammer für den Müller und seine Familie sowie zwei Kammern für das Gesinde, einen Kuh- und einen Eselstall.

Mittelalterliche Mahlmühle mit zwei oberschlächtigen Wasserrädern

Schon 1631 war die Mühle jedoch erneut in schlechtem Zustand. Ein Hochwasser hatte wieder große Schäden angerichtet. Die Fürstliche Kammer wurde beauftragt, für Reparaturen am Bollwerk, Schleuse und Brücke sowie dem Rinnenwerk Holz aus den Berkaer Wäldern zur Verfügung zu stellen. Ein Jahr später hieß es sogar: „nachdem die Mahlmühle gänzlich eingegangen“. Der Amtsschösser Daniel Leonhardt erhielt vom Herzog den Auftrag, die Mühle wieder einzurichten. Er sollte Kostenanschläge einholen und dabei Meister Kilian Briefer, einen alten Müller, und den Zimmerer Hans Wetterhahn zu Rate ziehen. Die Reparaturen erwiesen sich als

umfangreich. Zu den schon bekannten Schäden kamen noch der Fachbaum, das Grundwerk wie auch die Herd,- Brust und Seitenmauer, die erneuert werden mussten. Auch die Herstellung von vier neuen Wasserrädern durch den Tonndorfer Müller und Radmacher Veit Latermann war notwendig. Forstmeister Wilhelm Schieferdecker wurde ermahnt, das benötigte Holz anzuweisen, „damit die Mühlennutzung so eher so besser wiederumb befördert werden möge“. Auch die Instandsetzung des durchgebrochenen Mühlgrabens bei Caspar Dehnes Garten wurde mit aufgelistet. Insgesamt kam man auf die stattliche Summe von 300 Gulden, 13 Groschen und 4 Pfennig. Die Mühlenpächter wechseln oft - eine weitere Mühle entsteht Wahrscheinlich hatte man 1637 die Mühle wieder fertig aufgebaut. In jenem Jahr pachtete der Tannrodaer Matthes Schrepffer die Berkaer Amtsmühle auf drei Jahre. Schrepffer betrieb schon in Tannroda eine Mühle und war sicher ein Nachkomme des Berkaers Valten Schreper aus dem Jahre 1618. Auch mit ihm wurde ein umfangreicher Pachtvertrag abgeschlossen. Geändert hatte sich inzwischen die Pachtsumme. Sie betrug nun 260 Gulden im Jahr. Auferlegt wurde ihm weiterhin, den Mühlgraben im Winter eisfrei zu halten und ihn beim Abfischen durch den Schösser (Amtmann) abzulassen. Er selbst musste beim Fischen helfen. Auch hatte er die schriftliche Einwilligung seines Gerichtsherren, des Herrn Rudolf von Bünau in Tannroda, zur Pacht der Berkaer Mühle zu erbringen. Sicher war die Berkaer Amtsmühle kein gutes Pachtobjekt. In den nachfolgenden Jahrzehnten wechselten die Müller immer wieder.1654 erschien Nicol Geyer als Pachtmüller, schon 2 Jahre später Hironimus Weiße. Letzterer beschwerte sich 1662 in einem Schreiben beim Landesherren über den Schneidemüller, der ihm oft das Wasser zum Mahlen entzog. In diesem Dokument ist erstmals von einer weiteren Mühle in Berka die Rede. Es war eine Sägemühle, in der man Bretter und Balken sägte. Betrieben wurde sie vom Schneidemüller Nicol Kühne. War er Eigentümer dieser Mühle oder auch nur Pächter? Wann war sie entstanden? Wo befand sie sich? Die ersten beiden Fragen können wir nicht beantworten, die letztere nur vermuten. Sicher lag die Schneidemühle des Kühne oberhalb des Mühlgrabens am Standort der späteren Obermühle. Behauptete Weiße doch, Kühne entziehe ihm das Wasser „und solches nach seinen gefallen braucht und wenn er viel Bretter und Bloche schneidet“. In seiner Beschwerde führte Weiße weiterhin an, dass auch das Wehr sehr baufällig und undicht sei und er wegen Wassermangel oft nicht mahlen könne und seine Kundschaft verliere. Sich selbst bezeichnete er als armen Mehlmüller, der aus den angeführten Gründen seinen jährlichen Zins (Pacht) von 12 Malter Korn und 2 Speckschweinen nicht zahlen kann. 1673 folgen der Mehlmüller Hans Schmid und der Schneidemüller Leonhard Trübel. Aber schon 1679 der Mahlmüller Fischer, 1699 Georg Gensen und 1701 Meister Georg Paul Eberhardt. Sie alle bezeichneten sich als Fürstliche Pachtmüller. 1713 kam es zum Streit zwischen Berkaer und Hetschburger Müllern. Der Berkaer Pachtmüller Joh. David Koch behauptete in einem Schreiben an den Landesfürsten, dass ihm der Müller Haans Christian Kühn in Hetschburg seine Kunden aus den „Erfurter Dörfern“ (Gutendorf, Meckfeld, Troistedt) abgeworben habe. Er bat um Festlegung, wer wo mahlen müsste und damit um Wiedereinführung des „Mahlzwangs“. Damit sollte seine ehemalige Kundschaft zu ihm zurück gezwungen werden. Der Pachtmüller in Hetschburg wies die Anschuldigung zurück und protestierte gegen die Wiedereinführung des „Mahlzwanges“. Er war der Meinung,

Koch sei selbst schuld. Durch seine Art wie er seine Mahlgäste behandele und wie er mit ihnen umgehe, habe er sie selbst vertrieben.

Sägemühle um 1750 mit Blick auf den Gatterkeller und Sägeboden. Die Berkaer Pachtmühle wird Eigentumsmühle Das ist aus einem Bittgesuch des Müllers Georg Paul Eberhardt 1722 an seinen Landesherren zu erfahren. In seinem Schreiben bezeichnete er sich zunächst als „armer Untertan und hiesiger Mahlmüller“. Er habe die Mühle mit allem Zubehör für 4500 Gulden erb– und eigentümlich gekauft und auch bisher 2000 Gulden angezahlt. Nun bat er den Herzog, da ihm seine Beamten dies abgelehnt, dass man ihm die nächsten fälligen Zahlungen stunden möge. Als Grund führte er den dringend notwendigen Mühlwehrbau an. Mit dem Kauf der Mühle vom Weimarer Fürstenhaus war der Müller nun auch Eigentümer des Mühlgrabens, seiner Wehre und Schleusen und musste sie erhalten. Die hohen Kosten dafür hatten ihn in finanzielle Schwierigkeiten getrieben. Noch mehr aber bedrückte ihn eine andere Situation. Wie er schrieb, hatte er seit Wochen vier Soldaten zur Execution (Zwangseinquartierung) erhalten. Täglich müsse er ihnen für 16 Groschen Speise und Trank reichen. Manchmal verlangten sie auch mehr. Tag und Nacht hielten sie sich in seinen Stuben auf, suchten Streit mit dem Gesinde und wollten mit den Frauen anbandeln. Er selbst habe mit seiner Familie und dem Gesinde, insgesamt sieben Personen und fünf unmündigen Kindern, kaum Platz und ausreichend Essen. Er bat, dass ihm die „sehr beschwerliche und geldfressende Execution abgenommen werde“. Gleichzeitig versprach er, dass er dann auch seine Schulden bezahlen könne. Interessante Angaben mit technischen Details über die Mühlen im Ilmtal enthält ein Verzeichnis von 1740. Es befanden sich damals in Tannroda zwei Mühlen, die Ober- und die Untermühle. Beide besaßen zwei Mahlgänge für Getreide, die Obermühle noch einen Mahlgang für Öl. In Hetschburg befand sich eine Mühle mit zwei Gängen für Getreide und einer für Öl. In Buchfart eine Mühle mit drei Getreidegängen. Für Berka wurden angegeben: eine Mühle mit vier Getreidegängen und einem Ölgang sowie eine Schneidemühle. Wie lange die Eberhardts Mühlenbesitzer in Berka waren, ist nicht überliefert. 1752 scheint jedoch wieder ein Besitzerwechsel vor sich gegangen zu sein. Erstmalig wurde in den Ratsrechnungen ein Müller Gruber erwähnt. 1757 erschien Johann Sebastian Gruber als Besitzer der Sägemühle und 1772 der gleiche als Besitzer der Säge- wie auch der Mahlmühle. Anscheinend konnten Grubers ihren Besitz erweitern. 1782 betrieb Nicolaus Gruber, vermutlich ein Sohn, die Untermühle sowie die Sägemühle und eine daneben neu erbaute Mahlmühle, die spätere Obermühle.

Die Oschatz-Dynastie 1802 heiratete die einzige Tochter des Müllermeisters Nicolaus Gruber, Sophia Elisabetha Friederika, den Müller August Heinrich Oschatz, genannt Just, aus Tiefurt. Durch den plötzlichen Tod Meister Grubers im gleichen Jahr wurden Just Oschatz und seine Frau, Besitzer der Berkaer Mühlen. Eine wirtschaftlich schwere Lage begann in dieser Zeit für das Land, unsere Stadt und somit auch für die Mühlen. Der Krieg, mit dem Napoleon ganz Europa überzog, brachte Teuerung, Not und Elend für seine Bewohner. Besonders die Mühlen waren betroffen. Dort vermutete man Wohlstand und Reichtum. Bei Ausschreibungen von Kriegssteuern wurden sie mit den höchsten Beträgen veranschlagt, ebenso bei Getreide- und Futterlieferungen, Vorspannung für Kriegsfuhren und bei den dauernden Einquartierungen von Soldaten. Kam es zu Plünderungen oder anderen Ausschreitungen, waren die Müller oft die ersten Opfer. So erzählte man sich in der Familie Oschatz, dass die Müllersfrau, die Gattin von Just Oschatz, ihr Kind in einem Stall oder Scheune zur Welt bringen musste. Ihr gesamter Wohnraum war von französischen Soldaten belegt, Nahrungsmittel und persönlicher Besitz entzogen. Sie und ihr Kind starben wenige Tage später. August Heinrich (Just) Oschatz folgte seiner Frau ein Jahr später, 1814, mit 37 Jahren in den Tod - aus Gram und auf Grund von Nervenfieber. Zurück blieben zwei unmündige Kinder, der 1811 geborene August Christian Friedrich Oschatz und seine ältere Schwester Marie. Beide wurden von ihren Großeltern in der Mühle in Tiefurt aufgenommen und dort erzogen. Welche Mühlen nachfolgend in Berka in Betrieb waren, ist nicht eindeutig bekannt. Noch im Besitz der beiden Erben, August und Marie Oschatz, waren sie vermutlich an fremde Müller verpachtet. So lesen wir in städtischen Akten 1814 und 1816 von einem Pachtmüller Neumann, 1820 und 1822 vom Pachtmüller Helbig. Die Mühlen selbst wurden aber immer wieder als Oschatz’sche Mühlen bezeichnet. 1830 wurde die an der Untermühle befindliche Lohmühle, ein Mühlenwerk zum Zerkleinern von Eichenrinde für die Gerber, durch Hochwasser völlig zerstört. Man konnte sie erst Jahre später wieder aufbauen. 1833 erwarb der junge Müllermeister August Oschatz das Bürgerrecht in Berka und übernahm seinen und seiner Schwester Besitz. Mit viel Tatendrang und Unternehmergeist ging er ans Werk. Zunächst erfolgten umfangreiche Grundstückserwerbungen aus städtischem und privatem Besitz zur Erweiterung seiner Mühlen. Ab1838 erschien er als alleiniger Besitzer. Vermutlich durch seine Heirat mit der Müllerstochter Ernestine Hage aus Mellingen finanziell gut gestellt, wurden nun Schleusen und Wehre erneuert, der Schleusengraben in den heutigen Formen ausgebaut und die Sägemühle neu errichtet. Ein höherer Wasserstand sorgte nun für mehr Wasserkraft für die Mühlräder. Die Mühlen wurden leistungsfähiger. Es führte aber auch zu Streit und Auseinandersetzungen mit den Anliegern des Mühlgrabens und der Stadt und selbst zu mehreren Prozessen. So machte die Stadt Oschatz verantwortlich für Hochwasser im Bereich des Mühlgrabens und der Mühllache, das nun durch seine baulichen Veränderungen angeblich öfter auftrat. Ein regelrechter Brückenstreit entbrannte. Oschatz sperrte den uralten Übergang über den Mühlgraben für die Bürger, auch für die auf der Ilminsel Wohnenden. Er war der Meinung, ihm gehöre der Mühlgraben und damit auch die Brücke. Ebenso untersagte er das Betreten seines Grundstückes zum Wasserschöpfen oder zum Wässern der Felle durch den Gerber. Die Stadt dagegen verweigerte ihm die Genehmigung zur Vergrößerung seiner Mahlmühle. Oschatz konterte und stellte nun seinerseits keine Pferde mehr zum Fahren der Spritze bei Feueralarm in benachbarte Orte zur Verfügung. Er begründete es damit, dass seine Pferde dabei „zu Schande getrieben“ würden. Er habe schon eines verloren. Die

Aufzählungen der Auseinandersetzungen und Prozesse lassen sich weiter fortsetzen. Immer wieder mussten besonders bau- und wasserrechtliche Streitfälle geklärt werden. 1856 hatte Oschatz in seinem Besitz: die Obermühle mit 4 Wasserrädern. Sie dienten zum Treiben der Mahlmühle mit 4 Mahlgängen und einer Reinigungsmaschine sowie der daneben liegenden Sägemühle. Weiterhin die Untermühle mit 3 Wasserrädern, die wiederum die Mahlmühle mit 4 amerikanischen Mahlgängen und 2 Reinigungsmaschinen, die Ölmühle und eine Lohmühle antrieben.. Oschatz gehörten außerdem umfangreiche Ländereien in Berkas Fluren, Stallungen im Bereich der heutigen Bleichstraße und an der Untermühle und der gesamte Mühlgraben mit Wehren und Schleusen. Mit zielstrebiger Arbeit seiner großen Familie, Glück bei seinen wirtschaftlichen Unternehmungen, aber auch Härte und Strenge gegenüber seinen Untergebenen, gelangte Oschatz zu Wohlstand. Laut Steuerkataster war er in dieser Zeit der wohlhabendste Bürger in Berka. Besitzteilung – ein geniales Bauwerk entsteht 1869 erschienen zwei der neun Oschatz-Kinder als Pächter der Mühlen. Constantin betrieb die Obermühle, sein Bruder Carl August die Untermühle. Schon 1875 bezeichneten sich beide als Besitzer. Der Mühlgraben und die Mühllache mit Wehren und Schleusen von der Ableitung an der Ilm bis zur Untermühle blieben gemeinschaftliches Eigentum. Wie der Vater, so versuchten auch die Söhne ihren Besitz zu mehren. Der Obermüller Constantin Oschatz nahm sich der Idee des Gutsbesitzers Heubel von München an, eine Sägemühle, das heutige Martinswerk an der Straße nach München zu errichten. Nach dem Landerwerb begann er 1874 mit dem Bau. Auf Grund von Beschwerden von Anliegern, die durch den Stau der Ilm Hochwasser befürchteten, erhielt er zunächst von den Behörden keine Genehmigung. Erst 1879, nach Beseitigung der Mängel am Wehr, konnte er mit der Produktion beginnen. Ausgestattet war der Betrieb mit einem Sägegatter sowie einer Bandsäge und Fräsmaschine für die Leistenproduktion. Im gleichen Jahr begannen die beiden Brüder ein gemeinsames Bauwerk an ihrem Mühlenstandort in Berka. Sie stellten beim Direktor des I. Verwaltungsbezirkes Weimar den Antrag zur „Genehmigung eines Projektes zur Zusammenlegung der Gefälle ihrer Mühlen“. Der Grundgedanke war eine Leistungssteigerung der Mühlenwerke. Erreichen wollten sie das durch die Anschaffung leistungsfähiger oberschlächtiger Wasserräder gegenüber den bisherigen unterschlächtigen. Dazu mussten sie aber die Wasserläufe erhöhen. Weiterhin war es notwendig, oberhalb der Obermühle ein Teilungsgrieswerk, bestehend aus zwei Gerinnen und Schleusen zum Steuern des Wassers zu errichten. Über eines dieser Gerinne sollte das Wasser zum oberschlächtigen Wasserrad der Obermühle geführt werden. Nach seinem Absturz war geplant, das Wasser durch einen 96m langen Viadukt zur Untermühle fließen zu lassen. Das zweite Gerinne sollte nun in einem offenen Kanal auf dem Viadukt zur Untermühle geführt werden, um dort die oberschlächtigen Wasserräder in Bewegung zu setzen. Nach der Vereinigung beider Wasser sollte es zur Ilm fließen. Trotz Einsprüchen einiger Anlieger erhielten die Bauherren die Genehmigung und begannen 1880 mit den Arbeiten. In kürzester Zeit mussten die beiden Steinhauer Otto Huschke und Louis Seyfarth nach einer Ausschreibung Sandsteine in bester Qualität aus ihren Brüchen an der Trebe liefern. Im März begannen die Maurermeister Börmel und Hetzer sowie Zimmermeister Linke mit der Errichtung des Bauwerkes, im August waren die Arbeiten beendet. Mit höherer Leistung konnten nun die Wasserräder ihre Arbeit aufnehmen.

Bau des Mühlgrabens an der Bleichstraße 1880

So genial wie dieses Bauwerk ausgedacht war (in dieser Zeit einmalig in ganz Deutschland) so schlecht und rücksichtslos war es ausgeführt worden. Ausgenommen war nur der unterirdische Viadukt. Er dokumentierte eine hervorragende Arbeit der Berkaer Handwerker und gab den Behörden keinen Anlass zur Kritik. Umso schlechter hatte man aber den darüber geführten offenen Kanal ausgeführt. Seine Sohle war zwar, wie gefordert, in Zementmörtel ausgeführt, die Seiten aber nur in die Erde eingeschnitten und mit einem aufgeschütteten Damm aus Bauschutt, Erde und Sand versehen. Zum Schutze des an der rechten Seite des Kanals befindlichen Hauses von Schuhmacher Friedrich Kanz (Bleichstr. 6) sowie am Garten des Fuhrmannes und Gastwirtes Christian Schenk (Bleichstr. 8 ) hatte man Planken aus Holz angebracht und mit Erde hinterfüllt. Da der Wasserspiegel des neuen oberen Kanals gegenüber des alten Mühlgrabens um 1 1/2 m höher lag, befanden sich nun die Grundstücke tiefer und wurden durch die porösen Dämme unter Wasser gesetzt. In kürzester Zeit waren die aus Sandstein bestehenden Grundmauern des Hauses feucht und der Garten der Schenks stand unter Wasser. Besonders hart hatte es den Gerber Bernhard König (Bleichstr. 9) getroffen. Seit Einrichtung seiner Gerberei vor 50 Jahren wurde das Wasser über eine Gosse in den unmittelbar vorbei fließenden alten Mühlgraben geleitet. Da nun der neue Graben höher lag als seine Werkstatt, war dies nicht mehr möglich. Darüber hinaus hatte ihm Carl August Oschatz untersagt, seine Felle weiterhin im Mühlgraben zu wässern. Auch mit den Grenzen nahmen es Oschatzens nicht so genau. Teilweise waren die Dämme auf privaten und städtischen Grundstücken errichtet worden. Den Umbau der Krämerbrücke, zu dem sie vom Landbaumeister zur Gewährleistung des Durchflusses des Wassers durch die Erhöhung des Grabens verpflichtet worden waren, nahmen sie gar nicht erst in Angriff. Auch das in ihrem eigenen Interesse liegende Teilungsgrieswerk war zunächst noch unvollständig und nicht fertig gestellt. Es kam zu Beschwerden der Anlieger. Die Stadt und die Landesbehörden mussten eingreifen, Gutachten und Gegengutachten wurden erstellt und alles endete in endlosen Prozessen. Nur langsam wurden Nachbesserungen und Entschädigungszahlungen der Bauherren an die Betroffenen erzwungen. Das

Hauptübel, die Einfassung des oberen Kanals von der Obermühle zur Untermühle, wussten beide über Jahre zu verzögern. Erst nach erneuten Prozessen mussten sie endlich handeln. 1896 erfolgte die Einfassung des Mühlgrabens mit Betonmauerwerk an seiner rechten und 1900 an der linken Seite. Inzwischen aber waren die beiden Brüder selbst heillos zerstritten und verfeindet. Man verkehrte nur noch über Anwälte miteinander. Der Hauptgrund war die gemeinsame Unterhaltspflicht für Mühlgraben, Mühllache sowie Schleusen, Wehre und Brücken, insbesondere der Krämerbrücke. Bei notwendigen Reparaturen oder Arbeiten konnten sie sich meistens nicht einigen. Es kam zu Streit, keiner der beiden gab nach. Gerichte und Anwälte mussten die Fälle kostenaufwendig schlichten. Die Brüder versuchten sogar, sich zu schaden. So erzählte man sich in der Familie, der Untermüller habe das im Jahr 1899 errichtete Sägewerk Linke in Berka finanziert, um seinem Bruder, dem Obermüller, ein Konkurrenzunternehmen zu schaffen. Andererseits hatte der Obermüller die heutige Bleichstraße gesperrt, damit sein Bruder, der Untermüller, Umwege fahren musste, um in sein Grundstück zu gelangen. Auch der endgültigen Fertigstellung des Teilungsgrieswerkes an der Obermühle 1904 war erst ein kostspieliger und langwieriger Prozess voraus gegangen, ebenso dem Bau der Krämerbrücke. Die Arbeiten waren eine Zwangsmaßnahme und standen unter der Leitung des unabhängigen Bauinspektors Gang in Weimar. Trotzdem hatten sich beide Mühlenunternehmen zu leistungsstarken Betrieben, auch über unsere Region hinaus, entwickelt. Die Untermühle war ausgestattet mit einer Korn- und einer Weizenmühle. Diese besaßen jede zwei moderne französische Mahlgänge, zwei Walzenstühle und eine Reinigungsmaschine. Weiterhin waren vorhanden: eine Griesputzerei, Kreissäge und Holzhackmaschine. Zum Besitz gehörten ferner eine umfangreiche Landwirtschaft mit Wiesen und Feldern sowie 3-4 schwere Pferdegespanne. Carl August Oschatz betrieb einen schwunghaften Getreide- und Getreideprodukthandel. Er kaufte in der Umgebung und in entfernten Regionen Getreide auf, verarbeitete es in Berka und brachte die Produkte mit eigenen Fuhrwerken nach Erfurt, Gotha, Jena und anderen Orten zum Verkauf. Auch in seiner Mühle befand sich eine Mehlhandlung für die Bewohner. Um dem ständig in den Sommermonaten auftretenden Wassermangel in der Ilm entgegen zu wirken, schaffte er 1892 eine Dampfmaschine an. Carl August Oschatz bezeichnete seine Mühle nun als „Kunstmühle mit Wasser und Dampfkraft“. Auch der Obermüller Constantin Oschatz hatte umfangreich investiert und seinen Besitz gemehrt. Am Standort Obermühle befand sich ebenfalls eine Mahlmühle. In ihr arbeiteten drei deutsche und ein französischer Mahlgang sowie eine Reinigungsmaschine und eine Quetschwalze. In der Schneidemühle befanden sich drei Vertikalgatter, eine Kreissäge sowie eine Dreh- und Bohrbank. Als dritte Mühle war eine Massemühle eingerichtet worden. In ihr wurde mit 56 Läufern und 4 Schleppern Porzellanmasse gemahlen. Den Betrieb stellte man allerdings1899 wieder ein. Zum weiteren Besitz zählte die Holzpappenfabrik Martinswerk, die Mahlmühle in Hetschburg (sie wurde 1903 wieder verkauft) sowie das Mehrfamilienhaus in der Kirchstraße, heute Nr. 4. Constantin Oschatz besaß wie sein Bruder eine große Landwirtschaft mit Hof und Ställen an der heutigen Bleichstraße, dazu zahlreiche Pferdegespanne zum Transport seiner Holzprodukte, vorwiegend in den Raum Erfurt. Er befasste sich mehr mit seinem Sägewerk und dem Holzhandel sowie mit der Holzpappenfabrik. Seine Mahlmühle hatte er an den Müller Karl Seyfarth verpachtet. Über die 35jährige Tätigkeit der beiden Brüder in ihren Mühlen zeugen umfangreiche Akten und Dokumente, besonders zu Streitigkeiten und Prozessen, die beide bis an

ihr Lebensende miteinander führten. Sogar die Belegschaft der beiden Mühlen war einbezogen. Mehrfach eskalierten die Auseinandersetzungen zu Tätlichkeiten. Hatten sie allerdings Streit mit der Stadt oder den Anliegern des Mühlgrabens, konnten beide sogar einig sein. So führten sie einen jahrelangen Kampf um die Erhöhung des Wasserstandes in der Mühllache, der mehrfach schon illegal ausgeführt, aber immer wieder von der Stadt und den Behörden aus Sicherheitsgründen für die Anwohner abgelehnt und unterbunden wurde. Bei alle Streit bewiesen beide Brüder dennoch immer wieder ein Herz für ihren Heimatort. Constantin Oschatz wirkte viele Jahre auf dem Gebiet des Feuerlöschwesens. Er war Bezirkslöschinspektor und verantwortlich für den Bezirk Berka und Umgebung. Carl August Oschatz war viele Jahre Vorsitzender des Verschönerungsvereines Berka. In seine Zeit fällt die Errichtung des Paulinenturmes. Soweit uns dies die vorhandenen Akten überliefern, hatte er als Organisator die größten Lasten und Schwierigkeiten beim Bau des Turmes zu tragen. Darüber hinaus übernahm er mit seinen Gespannen den kostenlosen Transport des Baumaterials zum Turm. Generations - und Besitzerwechsel in den Mühlen 1906 übernahm Anton Oschatz von seinem Vater Carl August die Untermühle. Er führte umfangreiche Investitionen durch. 1910 fanden Umbauten statt, ein neues Turbinenhaus wurde errichtet und anstatt der alten Wasserräder eine Francisturbine angeschafft. Es folgte eine Stromerzeugungsanlage und die Ausstattung des gesamten Betriebes mit einer elektrischen Lichtanlage. Ob er sich finanziell übernommen hatte, ist nicht bekannt. 1916 musste Anton Oschatz aber Konkurs anmelden. Mühlenverwalter Friedrich Dieckhoff versteigerte das Objekt und schon 1918 erscheint der Kaufmann Emil Nitze aus Berlin als neuer Besitzer der Untermühle.

Kunst- Mühle von Emil Nitze um 1923 Auch in der Obermühle bahnte sich ein Generationswechsel an. Fritz Oschatz, Sohn von Constantin Oschatz, übernahm durch die Krankheit seines Vaters die Leitung der Obermühle. Er modernisierte und investierte ebenfalls. Es wurde eine Dampfmaschine angeschafft. Ihr folgten eine Turbine und ein Generator zur Stromerzeugung. Auch die Obermühle erhielt elektrische Beleuchtung. Im Sägewerk liefen neben einem Vertikalgatter zwei neue Horizontalgatter. 1910, nach dem Tode des Vaters, wurde Fritz Oschatz Eigentümer der Obermühle.

Auch in den 1920er und 30er Jahren herrschte kein Frieden am Mühlengewässer. Bedingt durch die unterlassenen Entschlammungen des Mühlgrabens kam es immer wieder zu Hochwasser in diesem Gebiet. Besonders die Besitzer von Flurstücken am Liebfrauenweg setzten sich energisch zur Wehr und verklagten die beiden Mühlenbesitzer. Fleischermeister Karl König, der Grundstücke am Mühlgraben und Klein-Venedig besaß, führte einen langjährigen Prozess wegen der Zerstörung seiner Ufermauer und anderer Wasserschäden. Untereinander führten die beiden Mühlenbesitzer ebenfalls einen langwierigen Kleinkrieg. So verlangte Emil Nitze von Fritz Oschatz die Stilllegung eines kleinen Springbrunnens mit einem Spielzeug-Wasserrad für seine Kinder im Mühlgarten. Zur Begründung gab er an, das Wasser würde aus dem Mühlgraben entnommen, der zu seiner Mühle führe und laut Wasserrecht von 1854 ihm gehöre. Fritz Oschatz konnte ihm aber beweisen, dass die kleine Anlage schon vor dieser Zeit von seinem Großvater angelegt worden sei und somit Bestandsschutz habe. Auch die alte Furt im Gewässer der alten Mühllache, nun als Klein-Venedig bezeichnet, führte zu Streit zwischen beiden. Vor Jahrhunderten ging hier der Weg durch die Lache nach der alten Kuhsteigbrücke in Richtung Blankenhain. Nach dem Bau der Blankenhainer Straße nach dem großen Stadtbrand von Berka 1816 diente die Furt nicht mehr zur Durchfahrt, sondern von beiden Seiten zum Eintreiben der Pferde, zum Waschen und Tränken. Nitze behauptete nun, die Furt verändere den Wasserlauf und er erhalte dadurch weniger Wasser in sein Gerinne. Seine Forderung führte allerdings zu erheblichen Protesten der Berkaer Pferdebesitzer. Sie nutzten alle, genau wie Oschatz mit seinen Mühlpferden, die Pferdeschwämme. Beide konnten sich 1924 mit einer gleichmäßigen Verteilung des Triebwassers einigen. Die alte Furt wurde allerdings später aus Sicherheitsgründen mit der Errichtung von Mauern geschlossen.

Transport eines Baumstammes zum Gatter im Sägewerk Oschatz 1930 Der Obermühlenbesitzer Fritz Oschatz widmete sich immer mehr dem Handel mit Schnittholz. Seine Spezialität waren Laubhölzer, besonders Eiche in allen Dimensionen. Hinzu kamen in den 1930er Jahren die Herstellung und der Verkauf von Holzwolle. Seine Mahlmühle hatte er an den Bruder, Müllermeister Paul Oschatz und von 1938 bis zum Kriegsausbruch an den Müller Josef Schneider verpachtet.

1940 wurde sie einschließlich der Nebengebäude von Fritz Oschatz und seinem Sohn Hans, der als Mitbesitzer erscheint, an Walter Nitze verkauft. Dieser erwarb sie sicher aus wirtschaftlichen Gründen. Das Mühlrad drehte sich aber nur noch kurze Zeit zur Stromerzeugung und zum zeitweiligen Schroten von Getreide. Noch während des Krieges begann Nitze in der alten Mühle Wohnungen einzurichten. Die Untermühle hatten Emil Nitze und seine beiden Söhne Helmut und Walter indessen zu einer modernen und leistungsfähigen Mühle umfunktioniert. Zunächst erfolgte 1919/20 der Ausbau des Dampfkraftwerkes, nachfolgend die Anschaffung von zwei LKW zum Abtransport der Getreideprodukte und 1932 der Einbau einer neuen Francis-Wasserturbine. Ihnen folgten die Erweiterung des Turbinenhauses und die Anschaffung eines Einzylinder-Dieselmotors von 60 PS, eines Elektromotors mit 30 KW sowie von zwei Gleichstromaggregaten von 110 V zur Energiegewinnung. Gleichzeitig wurden dabei die beiden Nachbarhäuser der Familien Kaufmann und das Haus der Familie Langenberg mit Elektroenergie versorgt, in den nachfolgenden Jahren über eine Freileitung auch die Heizung der Kirche. Die Erzeugung von Energie mit Dampfkraft wurde aufgegeben. 1932 erfolgte der Bau eines Silos. Wurden in den vergangenen Jahren täglich 5t Getreide vermahlen, konnte man nun mit Motor- und Wasserkraft 12t erreichen. Die Einrichtung der Mühle ist in dieser Zeit mit drei einfachen und drei Doppelwalzenstühlen, einem Mahlgang zur Mehlherstellung und einem Schrotgang von je 120m Durchmesser und einem Schrotstuhl angegeben. Seit dieser Zeit erscheint der Kaufmann und Müllermeister Walter Nitze als alleiniger Besitzer der Kunstmühle Emil Nitze. Obwohl seine Mühle nun nicht mehr abhängig von einer ausreichenden Wasserzuführung der Ilm war, bemühte sich Walter Nitze ständig um die Nutzung der Wasserkraft und deren Erhöhung. Aus diesem Grunde installierte er auf dem von ihm in Kranichfeld erworbenen Grundstück eine Pumpe zur Förderung des Wassers vom „Stubenbrunnen“ zur Ilm. So konnte nun das Wasser verlustloser zur Ilm gebracht werden. Das Grundstück war einst im Besitz der beiden Brüder Oschatz. Sie hatten es unter Protest der Kranichfelder 1890 zur Sicherung der Wasserzufuhr zur Ilm erworben. Zu Beginn des II. Weltkrieges erfolgte der Einzug der beiden Lastkraftwagen zum Kriegsdienst. Dafür erhielt die Mühle zwei Pferde. 1944 wurden zwei neue Walzenstühle eingebaut. Die Kunstmühle Emil Nitze wird enteignet In den schweren Nachkriegsjahren waren die Mühlen wichtige Einrichtungen zur Versorgung der Menschen, auch die Kunstmühle Emil Nitze in Bad Berka. Hier war nicht nur das ablieferungspflichtige Getreide der Landwirte anzuliefern. Auch für den Eigenbedarf der Bürger wurde Getreide angenommen und gegen Mehl eingetauscht. Das geschah allerdings nur gegen Vorweisen von Mahlscheinen, die von den Behörden ausgestellt wurden. Auch über Kleinstmengen, erworben durch mühsames „Ährenlesen“, musste ein Nachweis erbracht werden. Besonders nach der Ernte bis weit in den Winter hinein war oft Hochbetrieb an der Pfarrgasse. Pferde,- Kuh- und Ochsengespanne beladen mit Getreidesäcken reihten sich aneinander. Dazwischen drängten sich Bürger mit Handwagen, Tragkörben und anderen Behältnissen, um ihre wenigen Pfunde Getreide zur Nahrungsaufbesserung in Mehl umzutauschen. Auch die Mühle hatte in dieser Zeit große Schwierigkeiten zur Aufrechterhaltung ihrer Tätigkeit. Wegen Mangel an Kraftstoff konnte der Dieselmotor oft nicht eingesetzt werden. Hatte man auch noch Wassermangel (was oft vorkam), war man auf Energie aus dem Netz angewiesen. Da diese ebenfalls nur beschränkt zur Verfügung stand, kam es oft zum Stillstand.

1948 erfolgte die Verhaftung des Mühlen-Besitzers Walter Nitze durch die staatlichen Organe. Man warf ihm vor, Getreide ohne Mahlscheine gemahlen und verteuert weiter verkauft zu haben. Er war an Schwarzhändler geraten, die Getreide von sowjetischen Offizieren bezogen und es in seiner Mühle mahlen ließen. Obwohl er den Behörden seinen Verdacht äußerte, wurde er angewiesen, diese Leute bevorzugt zu behandeln, da sie in Verbindung mit der Besatzungsmacht ständen. Er konnte aber nicht ahnen, dass er es bei dem Beamten mit einem Mittäter zu tun hatte. Als man später die Täter verhaftete, geriet Walter Nitze mit in den Kreis der Verdächtigen. Um sich selbst zu retten, wurde Nitze schwer verleumdet. Die Behörden nutzten die Situation zur Enteignung der Mühle und seines gesamten Vermögens. Andere Gründe hatten gegen Nitze nicht vorgelegen. Er war weder Mitglied der NSDAP noch einer ihrer Organisationen gewesen. Im Gegenteil - bei ihm eingesetzte ausländische Zwangsarbeiter sowie für Bauarbeiten kurzzeitig abkommandierte Buchenwaldhäftlinge behandelte er menschlich und versorgte sie heimlich. Ein befreundetes jüdisches Ehepaar wurde während des Krieges auf einem auswärtigen Besitz untergebracht und dort längere Zeit versteckt. Auch Leumundszeugnisse, ausgestellt von der Belegschaft der Mühle, der OrtsGewerkschaftsleitung, des Orts-Antifa-Blockes und der evangelischen Kirchgemeinde, konnte die Gerichte nicht umstimmen. Selbst der Bürgermeister der Stadt Bad Berka hatte ihm ein korrektes Verhalten bescheinigt und erwähnt, dass Walter Nitze mit Mehlspenden dafür sorgte, dass alle Schulkinder in der Pause ein Roggen-, später sogar ein Weizenbrötchen kostenlos erhielten. Bekannt ist auch, dass Nitze beim Kleinstumtausch von Getreide der Bürger, bei nicht vorhandenen Genehmigungen großzügig handelte. Während der Haft schwer misshandelt, musste er sich 1949 in eine Klinik begeben. Zur Verwaltung der Mühle wurde ein Treuhänder von staatlichen Stellen eingesetzt. Vor einer weiteren Verhaftung konnte er sich nur durch die Flucht retten.1952 wurde Walter Nitze enteignet. Am 18. Juli 1952 wurde die Untermühle in Volkseigentum überführt. Betriebsleiter war fortan der Müllermeister und Mühlenbaumeister Karaus.

Schärfen der Mahlsteine in der Untermühle 1955

Durch Rationalisierungsmaßnahmen wurde die ehemalige Belegschaft von 16 Angestellten auf 10 gesenkt 1963 erfolgte der Einbau von zwei neuen Doppelwalzenstühlen sowie eines neuen modernen Plansichters. Auch der Bau einer Schüttgosse für angeliefertes Getreide und die Ausfuhr des Mehles mit Tankwagen trug zur Erhöhung der Arbeitsproduktivität bei. Nach der Errichtung einer Trafostation 1964 gab man die Nutzung der Wasserkraft auf. Stadtverordnete und Stadträte beschlossen anschließend die Verfüllung des Mühlgrabens an der Bleichstraße Ausgeführt wurden diese Arbeiten im Rahmen des Nationalen Aufbauwerkes durch Betriebe und zahlreiche Bürger. 1970 gliederte man die Mühle in das Mühlenkombinat Bad Langensalza ein. Aus „volkswirtschaftlichen Gründen“ wurde sie am 18. Juli 1977 stillgelegt. Am Standort der Obermühle drehte sich in den Nachkriegsjahren kein Wasserrad mehr. Während die Mahlmühle zu Wohnzwecken genutzt wurde, erfolgte im Sägewerk die Energieerzeugung mit einer Turbine von 38 PS und durch Dampfkraft. Gearbeitet wurde in zwei Schichten. 18 Beschäftigte erzeugten Schnittholz und Holzwolle. Alleiniger Besitzer war Fritz Oschatz. Da sein Sohn Hans im Krieg geblieben war, übernahm Schwiegersohn Günter Frühauf immer mehr die Leitung des Unternehmens. 1956 ging der Betrieb in Konkurs. Neuer Eigentümer wurde Helmut Gleitz. Ausgelöst durch Blitzschlag in den Mittagsstunden des 15. Juli 1958 kam es in den Morgenstunden des nachfolgenden Tages zu einem schweren Brand im Sägewerk. Das Großfeuer vernichtete in kurzer Zeit den gesamten Betrieb.

Das Martinswerk Fortsetzungsreihe über Entstehung, Entwicklung und das Schicksal der Bad Berkaer Mühlen – ein Stück Handwerks- und Industriegeschichte inmitten unserer Stadt: Obwohl dieser Betrieb außerhalb Bad Berkas in Richtung Tannroda liegt, hat auch er Verbindung zur Mühlengeschichte unserer Stadt. Wie schon berichtet, eröffnete der Obermühlenbesitzer Constantin Oschatz 1874/75 dort ein Sägewerk mit einer Leistenfabrik. Für den Antrieb mit Wasserkraft baute er Mühlgraben, Wehr und Schleuse. Sein neues Werk entstand an der Stelle, in deren Bereich es schon einmal eine Mühle gegeben haben soll. Es war die Mühle des hier im Ilmtal gelegenen Dorfes Weidehausen, an anderer Stelle auch als Niederweidehausen bezeichnet. Das Dorf wird allerdings in älteren Schriften, ohne nähere Angaben, schon im 14. Jh. als „wüst“ bezeichnet. In alten Berkaer Akten tauchten noch im 19. Jh. Flurstücke in diesem Gebiet mit der Bezeichnung „In der Weydingsgemeinde“ auf. Constantin Oschatz erhielt erst 1879 wegen Mängel am Wehr die endgültige Betriebsgenehmigung. Schon 1881 wurde das Werk durch einen Brand zerstört. Nach dem Wiederaufbau entstand nun eine Holzschleiferei. Der hier gewonnene Holzschliff wurde an Papier und Pappe herstellende Betriebe geliefert. In den nachfolgenden Jahren erweiterte Oschatz sein Unternehmen, errichtete ein Trockenhaus und stellte selbst Hartpappe her. 1901 erschien der Betrieb erstmalig als „Martinswerk“. Nach der Erneuerung des Wehres 1905 verkaufte Constantin Oschatz ein Jahr später das Unternehmen an seinen Sohn Rudolf. Dieser bezeichnete seinen Betrieb als „Holzstoff- und Holzpappen-Fabrik Martinswerk“. Noch 1908 erfolgte die Auswechslung des bisherigen 4,80 m großen Wasserrades gegen ein 5,20 m großes Rad. 1909 wurde Georg Meißner neuer Besitzer. Er ließ noch im gleichen Jahr eine Zwillingsturbine mit einer Leistung von 180 PS einbauen und anschließend eine elektrische Lichtanlage.

1917 kauften die Unternehmer Hetzer und Walter aus Leipzig den Betrieb. Sie bauten eine Dampfmaschine ein, um Betriebsstillstände wegen öfteren Wassermangels zu verhindern. Hergestellt wurde Hartpappe aus Holzschliff und Lumpen, später auch aus Altpapier. Nach 1945 arbeiteten im Betrieb 18 Beschäftigte. Sie produzierten Hartpappe und arbeiteten in zwei Schichten. Hauptabnehmer des volkswirtschaftlich wichtigen Produktes waren der Betrieb Agfa Wolfen, der Export und zahlreiche kleinere Unternehmen. Es wurde zunächst nur noch mit Wasserkraft gearbeitet. Zur Verfügung standen eine Zwillingsturbine mit 150 PS und eine Francisturbine mit 85 PS. Wegen ständiger Planuntererfüllung, verursacht durch unregelmäßige Wasserzufuhr, wurde 1958 eine Trafostation errichtet und nach Bedarf zusätzlich Energie aus dem Netz entnommen. Dadurch konnten nun jährlich 580 t und bis 1964 700 t Hartpappe erzeugt werden. Der privat geführte Betrieb nannte sich „Martinswerk Hetzer und Walter Kom.-Ges.“ Geschäftsführer war Erich Walter. 1964 musste staatliche Beteiligung aufgenommen werden und 1972 wurde der Betrieb volkseigen. Zu Beginn der 1980er Jahre wurde die Produktion eingestellt und das Werk geschlossen.

Belegschaft des Martinswerkes Hetzer und Walter 1958 Kurze Zeit später übernahm die BHG-Kranichfeld die Gebäude, um in ihnen eine Mosterei einzurichten. 1985 verließen die ersten Most- und Saftflaschen das einstige Martinswerk. 1995 musste aber auch diese Produktion wieder eingestellt werden. Heute dient ein Teil des Unternehmens noch zur Gewinnung von Elektroenergie. Mit einer doppelregulierten Kaplanturbine werden jährlich zwischen 400 – 730000 KW Strom erzeugt und an das Netz abgegeben. Konkurs, Feuer, aber auch politische und wirtschaftliche Zwänge brachten die einstmaligen Bad Berkaer Mühlen zum Stillstand. Fast 700 Jahre haben in ihnen Menschen gewirkt, haben für das tägliche Brot für sich, ihre Familien und Mitbürger gesorgt. Glücklich konnte man sich damals schätzen, hatte man Mühlen am Ort. Viele Menschen mussten weite Wege gehen, um ihr mühevoll geerntetes Getreide zu Mehl mahlen zu lassen. Als Berka nach einem Verzeichnis des Fürstentums Weimar 1740 schon über 100 Jahre eine Schneidemühle besaß, waren im gesamten Fürstentum nur weitere zwei Schneidemühlen vorhanden. Mühevoll wurden in anderen Orten von Hand Bretter gesägt und Balken mit dem Beil zu gehauen. Bei

allem Streit, der oft unter den Müllern herrschte, schufen die beiden Brüder Oschatz in Berka mit ihren beiden übereinanderliegenden Wasserläufen ein Bauwerk, das damals einmalig war und später Nachahmung fand. Als der elektrische Strom noch nicht alle Menschen erreicht hatte, war es der Müller Nitze, der Nachbarn und die Kirche damit versorgte. So trugen die Berkaer Mühlen und die Menschen, die in ihnen tätig waren, nicht nur zur Entwicklung unserer Heimatstadt, sondern auch ein klein wenig zum technischen Fortschritt bei. Ludwig Häfner