Barmherzigkeit und kanonisches Recht - Katholische Akademie in

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Barmherzigkeit und kanonisches Recht – die Erfahrung des Lateinischen Kirchenrechts und die hermeneutische Aufgabe der Mediation Mons. Juan Ignacio AR...

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Barmherzigkeit und kanonisches Recht – die Erfahrung des Lateinischen Kirchenrechts und die hermeneutische Aufgabe der Mediation Mons. Juan Ignacio ARRIETA 1.

Einleitung

Die Einladung zu dieser feierlichen akademischen Tagung des Klaus Mörsdorf Studiums für Kanonistik der Universität München ist mir eine wirkliche Ehre. Ich habe sie mit besonderer Freude angenommen, aus ganz persönlichen Gründen wie auch aus wissenschaftlichen Motiven. Daher bin ich dankbar für die Gelegenheit, mich für die langjährige Freundschaft, welche mich mit Prof. Helmuth Pree verbindet, erkenntlich zeigen zu dürfen; eine Freundschaft, die

im Laufe der Zeit gewachsen ist durch

zahlreiche Formen der Zusammenarbeit und des geistigen Austausches – überwiegend in Übereinstimmung, bisweilen mit loyalem Dissens; durch Publikationen; durch die Ausrichtung von Veranstaltungen der Consociatio Internationalis Studio Iuris Canonici Promovendo oder auch unserer jeweiligen Fakultäten. In besonderer Weise fühle ich mich ihm zu Dank verpflichtet für die großzügige Verfügbarkeit, die ich bei ihm immer angetroffen habe, wenn es darum ging, wissenschaftliche Aktivitäten in Gang zu setzen, sei es an der Päpstl. Universität Santa Croce oder sei es in Venedig, wobei er mit seinem wissenschaftlichen Ansehen zur Fortentwicklung dieser Projekte beigetragen hat; nicht zu letzt habe ich ihm auch zu danken für seine verlässliche und stets geschätzte Mitwirkung als Consultor im Päpstlichen Rat für die Gesetzestexte. So überbringe ich denn auch die Glückwünsche von Kard. Francesco Coccopalmerio und des gesamten Dikasteriums an Prof. Pree. Das mir zugedachte Thema ist sei jeher in unserer Disziplin verankert und wird gegenwärtig im Lehramt von Papst Franziskus nahezu ununterbrochen bemüht: die Barmherzigkeit. Konkret behandle ich das Verhältnis zwischen Barmherzigkeit und kanonischem Recht und unserer Aufgabe als Kanonisten. Zwangsläufig beschränke ich mich auf einige ausgewählte Aspekte.

1

2.

Jüngste Äußerungen von Papst Franziskus zum Verhältnis von

Barmherzigkeit und Gerechtigkeit In seiner vor wenigen Monaten an den Magnus Cancellarius der Katholischen Universität von Argentinien aus Anlass des 100-jährigen Gründungsjubiläums der Theologischen Fakultät dieser Universität gerichteten Botschaft ging Papst Franziskus auf die Frage ein1, auf welche Art und Weise sich die wissenschaftliche Reflexion an den theologischen Fakultäten den Problemen, welche die gegenwärtige Gesellschaft an sie heranträgt, zu stellen hat. In der plastisch-bildhaften Sprache, die für seine eindringlichen Ansprachen charakteristisch ist, lud der Papst dazu ein, sich nicht mit einer „Theologie vom grünen Tisch aus“ – wir dürfen ergänzen: mit einem „kanonischen Recht vom grünen Tisch aus“, denn der Papst hat das Kirchenrecht ausdrücklich in seine Überlegungen miteinbezogen – zu begnügen, und nicht „Bürokraten des Heiligen“ zu sein; vielmehr solle der Ort der wissenschaftlichen Reflexion „die Grenzen“ sein, d.h. jene konkreten Bedürfnisse, die die Leute haben, um ihnen die passende Antwort zu bieten, derer sie bedürfen. In diesem Sinne ermunterte der Papst dazu zu untersuchen, „wie in den verschiedenen Disziplinen (auch im kanonischen Recht) die zentrale Stellung der Barmherzigkeit reflektiert werden kann“, denn, so fuhr er fort, „ohne Barmherzigkeit laufen unsere Theologie und unser Recht Gefahr, in die Armseligkeit der Bürokratie oder in Ideologie abzugleiten“. Der Papst lud dazu ein, die den kirchlichen Disziplinen, konkret dem kanonischen Recht, die von der heutigen Gesellschaft ausgehenden Herausforderungen aufzugreifen; jeder Wissenschaftszweig soll vom eigenen Erbgut ausgehen, um kreativ adäquate Antworten zu entwickeln, wie sie der jeweiligen Disziplin entsprechen. Dafür verlangte der Papst eine persönliche Einstellung, die darauf gerichtet sein müsse, die konkreten Probleme zu lösen und den Bedürfnissen der Menschen mit Lösungen zu begegnen. Die Ansprache des Papstes bezog sich nicht nur auf die Thematik der nächsten Bischofssynode, sondern auf die vielen weiteren Problemlagen, mit denen die Moderne

1

Vgl. FRANZISKUS, Brief an den Gro’kanyler der Pontificia Universidad Católica Argentina, 3. März 2015.

2

und Postmoderne die Reflexion und Kreativität unserer Disziplin herausfordern. Damit umschreibt Papst Franziskus auf allgemeine Weise, wie man das kanonische Recht in seinem Verhältnis

zur christlichen Tugend der Barmherzigkeit zu verstehen und

anzuwenden hat; die Art und Weise, wie die allgemeine Norm abzuwandeln ist durch die Lösung der einzelnen Fälle, und, so würde ich hinzufügen, auch die Art und Weise, wie das kanonische Recht zu lehren ist. Einige Wochen später kam der Papst von neuem auf die Beziehungen zwischen Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, in allgemeinen Worten, die aber auf das Recht der Kirche ebenso zutreffen, zu sprechen: in der Bulle, mit der das außerordentliche Jubiläum der Barmherzigkeit ausgerufen wurde (11. April 2015)2. Besonders unterstrich der Papst, dass „Gerechtigkeit und Barmherzigkeit nicht zwei gegensätzliche Aspekte sind, sondern zwei Dimensionen einer einzigen Wirklichkeit, die sich fortschreitend entfaltet, bis sie ihren Gipfelpunkt in der Fülle der Liebe findet“ (Nr. 20). Dieser intuitive Gedanke lässt Strukturelemente erkennen und ist dem Kanonisten deshalb vertraut3, weil die „fortschreitende Entfaltung“ an die aufeinanderfolgenden Phasen erinnert, in denen sich das kanonische Recht entfaltet und in denen es entscheidend auf die Einstellung des Rechtsanwenders ankommt. In diesen Stellen der Bulle möchte der Papst mit Recht warnen vor einer Fehldeutung des ursprünglichen Sinnes von Gerechtigkeit; diese führt nämlich nur dann zum Legalismus, wenn man sie als reine Gesetzesbefolgung versteht, während „Jesus danach trachtet, das große Geschenk der Barmherzigkeit sichtbar zu machen, die den Sündern nachgeht, um ihnen Vergebung und Heil anzubieten“. Hier weist der Papst wiederum auf das Verhältnis zwischen der Allgemeinheit der Norm und der Einzelfallgerechtigkeit hin. Er beharrt darauf, dass „die Barmherzigkeit nicht im Gegensatz zur Gerechtigkeit steht, sondern das Verhalten Gottes gegenüber dem Sünder zum Ausdruck bringt“, und umschreibt, wie die richtige Haltung der Hirten zu sein hat, die bei ihrer Verantwortung für die Gerechtigkeit und für die Anwendung des Rechts das entsprechende Spannungsverhältnis aufrechterhalten müssen, um den Menschen „eine weitere Möglichkeit zu bieten, sich zu bessern, sich zu

Vgl. FRANZISKUS, Misericordiae Vultus. Verkündigungsbulle des außerordentlichen Jubiläums der Barmherzigkeit vom 11. April 2015. 3 Vgl. P. LOMBARDIA, Lezioni di Diritto canonico, ed. it., Milano 1984, pp. 169 ss. 2

3

bekehren und zu glauben“. „Wer sich verfehlt“, so schließt der Papst, „muss die Strafe verbüßen. Nur, diese ist nicht der Zweck, sondern der Beginn der Bekehrung, auf dass die Zartheit der Vergebung erfahren werden kann“ (Nr. 21). Mit diesen und weiteren ähnlichen Äußerungen wendet sich der Papst an die Hirten und an alle, die an der Leitung kirchlicher Gemeinschaften mitwirken einschließlich derer, die wir uns dafür einsetzen, damit das kanonische Recht tatsächlich ein Instrument der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit ist. 3.

Die Gegenüberstellung von Barmherzigkeit und Wahrheit in

der gegenwärtigen Situation Die Debatte über die Bedeutung der Barmherzigkeit hat jüngst im Zusammenhang mit den aktuellsten Fragen, welche die Generalversammlung der ordentlichen Bischofssynode im kommenden Oktober beschäftigt, und im Hinblick auf die Ergebnisse der außerordentlichen Bischofssynode des vergangenen Jahres an Intensität gewonnen. Genauer gesagt, bezog sich die Diskussion auf die „Grenzen“ allgemeiner Formulierungen – moralischer, aber auch rechtlicher – wenn sie in „Regeln“ gegossen werden. Nach der Meinung mancher sind solche nicht in der Lage, weiterführende Lösungen, die der betroffenen Person nützlich sein würden, zu bieten; denn die allgemein formulierte Regel sei nicht fähig, alle Umstände des konkreten Einzelfalles zu erfassen; doch die moralische und rechtliche Bewertung des Verhaltens und der Lage der betroffenen Personen müsse mit Rücksicht auf diese gesamten Umstände erfolgen. Eine Zwischenbemerkung: Hinter dieser Auffassung verbirgt sich eine falsche, reduktionistische Sicht des Rechts der Kirche, welche die Bedeutung von Interpretation und Anwendung, die dieses Recht charakterisieren, verkennen. Aber wir müssen unsererseits die Frage kritisch untersuchen, denn bisweilen waren es wir selbst, die eine derartige Karikatur von unserer eigenen Aufgabe gezeichnet haben. Ende der Zwischenbemerkung. Was im Besonderen das religiöse und moralische Verhalten betrifft, wurde festgestellt, wie sehr sich im letzten Jahrhundert das Verhältnis der Personen zur 4

allgemeinen Norm geändert hat. „Die Geltung der moralischen Normen … wurde traditionell als normale Situation betrachtet, und die allgemeine Regel war dominierend, zumal „Ausnahmen“ in einer homogenen und im Wesentlichen statischen Gesellschaft selten waren.“4 Diese Gesellschaft teilte in den westlichen Ländern in der eigenen Gesetzgebung die von der Kirche verkündeten ethischen Prinzipien. Diese Homogenität hat sich nach und nach gewandelt aufgrund wachsender Vielschichtigkeit des sozialen Lebens, kultureller Vielfalt, technischer Errungenschaften und von der staatlichen Rechtsordnung gewährten Freiheiten, mit der Folge einer immer rascheren Zunahme verschiedenartiger Situationen in persönlicher Hinsicht, besonders in den persönlichen Verhältnissen, in Partnerschaft und Familie. Dieser soziologische Wandel deutet auf verbreitete pastorale Notsituationen hin – der Papst hat zurecht von einem „Feldlazarett“ gesprochen – und sollte schlussendlich zu einem Neuüberdenken des Verhältnisses von Norm und Subjekt, von Doktrin bzw. Wahrheit und Barmherzigkeit führen, wobei die letzte Verantwortung für die Entscheidung, wie im Einzelfall zu handeln ist, dem Gewissen der Hauptpersonen überlassen wird. Auf diese Weise würde der Einmaligkeit der Personen der Vorrang vor der Allgemeinheit der Doktrin gegeben, verbunden mit einer Haltung des Dialoges, der die positivsten Aspekte der besonderen Umstände des Einzelfalles bewertet, der aber die Wahrheit der Norm nur als ein stufenweise zu erreichendes Ziel hinstellt. So solle der Person entsprechend den Erfordernissen der Barmherzigkeit Vorrang eingeräumt werden; das erlaube es, „alle ohne Vorbedingung anzunehmen, und das Verlangen der Personen, auf den Herrn in Wahrheit zuzugehen, als vorrangig zu bewerten“.5 Wie daraufhin bemerkt wurde, liegt der problematische „Knoten“ der Frage darin, ob es zwischen Barmherzigkeit und Wahrheit prinzipiell einen möglichen Konflikt geben kann. Dieser Ausgangspunkt, der einem falschen Begriff von Wahrheit entspricht, führt in eine Sackgasse, nämlich zu einem Entweder-Oder, das theoretisch nicht aufrecht erhalten werden kann: entweder Wohl der Person oder Befolgung des Gesetzes. Und die

4 5

G.L. BRENA, Misericordia e verità, in “La Civiltà cattolica”, 58, 2015, p. 331. G.L. BRENA, Misericordia e verità, cit., p. 332.

5

Barmherzigkeit wäre demnach die Haltung dessen, der das Subjekt aufgrund seiner besonderen Situation von der allgemeinen Norm eximiert. 6 Aus dieser Sackgasse gibt es ein Entkommen nur durch ein rechtes Verständnis der praktischen Wahrheit, d.h. der Wahrheit über das Gute, welche in enger Beziehung zum Recht steht. Es gibt ethisch-religiöse Wahrheiten über das Wohl der Person, die gewiss einen formalen Inhalt haben, aber dieser Inhalt ist nur ihr Ausgangspunkt. Sie verlangen, in ihrem Inhalt durch den Akt der Person verwirklicht zu werden; oder besser gesagt: sie sind derart, dass sie die Freiheit der Person dazu „provozieren“, sich in diesen Wahrheiten zu verwirklichen. Von diesen Wahrheiten abzusehen ist kein Gut, auch nicht ein Akt der Barmherzigkeit; vielmehr verschlimmert es das Leiden des Subjekts, indem es dieses von der Wahrheit seines personalen Seins entfernt. Was unsere Disziplin betrifft, und auch ganz allgemein gesprochen, also über die Themen der nächsten Bischofssynode hinaus, bleibt festzuhalten, dass die Überwindung des erwähnten scheinbaren Gegensatzes die eigentliche Aufgabe dessen ist, dem es zukommt, die verschiedenen Phasen oder „Momente“ des Rechts, von seiner Erzeugung über

seine

Interpretation

bis

zur

Anwendung

auf

den

konkreten

Fall,

„durchzudeklinieren“. 4.

Die Liebe als das höchste Gesetz der Kirche

Man kann bei bestem Willen nicht behaupten, das kanonische Recht beschränke sich darauf, Regeln aufzustellen, welche die Menschen als Gerechte und Sünder klassifizieren, und es ginge ihm um nichts weiter als einfach die Letzteren dazu einzuladen, sich normgemäß zu verhalten. Derartiges könnte vielleicht auf Rechtssysteme zutreffen, die durch Technizismen und Formalismus charakterisiert sind; es trifft aber gewiss nicht auf das kirchliche Rechtssystem zu, das von seinem Wesen her jedem Positivismus widerstreitet7. Das kanonische Recht entzieht sich allen oberflächlichen Klassifizierungen gerade deshalb, weil die Wahrheit verlangt, gerechte 6

C. CAFARRA, Misericordia e verità: una falsa contrapposizione, in: http://chiesaepostconcilio.blogspot.it/2015/06/card-carlo-caffarra-misericordia-e.html; Vgl. DERS., Fede e cultura di fronte al Matrimonio, in H. Franceschi (a cura), “Matrimonio e Famiglia. La questione antropologica”, Roma 1915, pp. 22-28. 7 Vgl. P. FEDELE, Lo spirito del diritto canonico, Padova 1962, p. 214.

6

Lösungen der Probleme und der persönlichen Situationen von rechtlicher Relevanz zu finden und den konkreten Bedürfnissen gerecht zu werden, auch jenseits des Wortlauts der Norm. Das gehört zur Berufung des kanonischen Rechtssystems. Der letzte Canon des CIC wendet sich an den Anwender der Bestimmungen über das Versetzungsverfahren von Pfarrern und nennt dabei zwei leitende Kriterien: die aequitas canonica und das Heil der Seelen. Dieser c. 1752 CIC schreibt der salus animarum höchste Relevanz zu, wenn er sagt: „quae in Ecclesia suprema semper lex esse debet“.8 Diese Aussage ist zu einem festen Topos geworden und wird kontextunabhängig gebraucht, nicht selten von jenen, die keine anderen Ansätze von Barmherzigkeit und Liebe in den zahlreichen in der Kanonistik für die Rechtsgewinnung zu Gebote stehenden Instrumenten ausfindig machen können. Doch nicht nur im letzten Canon des Codex finden sich Anhaltspunkte zugunsten der salus animarum; denn in Wirklichkeit sind alle Instrumente und Rechtsinstitute des Rechtssystems der Kirche auf dieses Ziel hin ausgerichtet. Bekanntlich

ist

die

zitierte

Wendung

wegen

ihrer

allgemeinen

und

grundsätzlichen Bedeutung an das Ende des Gesetzbuches gestellt worden9; auch wenn der unmittelbare Kontext dafür als gezwungen wirken muss. Die Wendung begegnet zum erstenmal im Schema Novissimum 1982, wo er allem Anschein nach von Amts wegen eingefügt wurde – so wenigstens sieht es nach meinen diesbezüglichen Recherchen aus -, und sogar gegen die Meinung mancher Konsultoren, die einen konkreten Hinweis auf die aequitas in diesem Canon deshalb vermeiden wollten, um nicht

dem

Missverständnis

Vorschub

zu

leisten,

dieses

fundamentale

Rechtsanwendungsprinzip des kanonischen Rechts dürfe nur dann eingesetzt werden, wenn es von einer Norm ausdrücklich verlangt werde10.

Vgl. Die Beiträge J. HERRANZ, P. MONETA, C.J. ERRAZURIZ, J.I. ARRIETA, H. PREE, P. GEFAELL in der monographischen Abteilung “La salus animarum nell’esperienza giuridica della Chiesa”, in “Ius Ecclesiae” 12, 2000, pp. 291-529; M. WIJLENS, Salus animarum suprema lex: mercy as a legal principle in the application of canon law?, in “The Jurist” 54, 1994, pp. 560-590. 9 “Il richiamo alla “salus animarum” quae in Ecclesia suprema semper lex (sic) esse debet” è un ottimo modo di concludere il Codice” auf diese Feststellung beschränkte sich Prof. X. Ochoa in der Sitzung vom 30. September 1982, die einberufen wurde, um den Heiligen Vater bei der letzten Durchsicht des Schema Novissimum vor der Promulgation des Codex behilflich zu sein. Im Archiv habe ich keine weiteren Hinweise gefunden. 10 Die Überlegungen der Konsultoren beziehen sich tatsächlich auf den Hinweis bezüglich der aequitas canonica, der auf Vorschlag von Kard. König in den canon über die Versetzung der Pfarrer eingefügt wurde. 8

7

Dessen ungeachtet fügt das Schema Novissimum 1982 den Hinweis auf die salus animarum, quae in Ecclesia suprema semper lex esse debet“ ein11; eine Formulierung, mit der man wahrscheinlich im allerletzten Augenblick noch die präzise Aussage aus der Lex Ecclesiae Fundamentalis (LEF) retten wollte, die mit dem Entfall der LEF verschwunden war. Ab dem 3. Schema LEF vom Mai 196912 wurde in deren ersten Canon ein präziser Hinweis auf die lex suprema der Kirche aufgenommen, als hermeneutischer Bezugspunkt von grundsätzlicher Bedeutung. Zufolge dieses Textes war nun aber nicht die salus animarum, sondern die Liebe die lex suprema; denn das Heil der Seelen ist ja in Wirklichkeit das Ziel der Kirche und aller ihrer Heilmittel13. Dieser Canon bekräftigte zwei Prinzipien, die es zu beachten gilt, wann immer man von Barmherzigkeit und Recht spricht. Das erste besagt, dass das kanonische Gesetz auf die Auferbauung der Kirche in der Liebe hingeordnet ist, maW: dass das Gesetz als Norm von der Liebe (caritas) geleitet sein muss, damit es seinen Zweck, die Auferbauung der Kirche, erreichen kann. Das zweite besagt, dass die caritas (dilectio) genau jene suprema lex dieses Gottesvolkes sei, der die kanonische Norm entsprechen muss. Das erste Prinzip richtet sich primär an den Gesetzgeber; das zweite an alle, die die Norm auszulegen und konkrete Fälle unter Zuhilfenahme einer korrekten kirchlichen Hermeneutik zu lösen haben. In beiden Fällen richtet sich die Norm an Personen, die für das Rechtsleben der Kirche verantwortlich sind. Wie Condorelli festgestellt hat, entsprach dies der Tradition der mittelalterlichen Kanonistik seit Ivo von Chartres in seinem Traktat „De consonantia canonum“, im Prolog zum Decretum und zu den Panormia das Spannungaverhältnis zwischen iudicium und misericordia heraus gestellt hat. Er stellt die Caritas vor als „Lehrerin, die zur (Vgl. Pontificia Commissio Codici Iuris Canonici Recognoscendo, Relatio Complectens Synthesim Animadversionum, Typis Polyglottis Vaticanis, MCMLXXXI, p. 346). 11 Vgl. Pontificia Commissio Codici Iuris Canonici Recognoscendo, Codex Iuris Canonici, Schema Novissimum, Typis Polyglottis Vaticanis, MCMLXXXII, p. 308, can. 1776. 12 Vgl. D. Di GIORGIO La caritas come principio guida dell’ordinamento canonico. L’applicazione della legge in ottica di servizio, in AA.VV., “Diritto canonico e servizio di carità”, J. Miñambres (a cura di), Milano 2008, pp. 425-439. 13 “Canon 1 […] § 2. Populum Dei, cuius Caput Christus est, cuius suprema lex est caritas (dilectio), constituunt qui ex aqua et Spiritu Sancto in Christo renati sunt; hac Spiritus Sancti unctione et regeneratione a Christo Domino constituuntur sacerdotes Deo et Patri suo, ut spirituales Deo offerant hostias in oblatione Eucharistici Sacrificii praesertim concurrentes” (Lex Ecclesiae Fundamentalis, Schema Tertium, in PONTIFICIUM CONSILIUM DE LEGUM LEXTIBUS, Lex Ecclesiae Fundamentalis, p. 334, im Druck). Vgl. D. CENALMOR, La ley Fundamental de la Iglesia. Historia y análisis de un proyecto legislativo, Pamplona 1991.

8

Auferbauung des Reiches Gottes anleitet und … als Licht, welches die Tätigkeit des Interpreten und des Rechtsanwenders leitet und sie zum rechten Ziel hinführt, indem sie sich der dafür geeignetsten Instrumente bedienen müssen“14. Wer mit dem Recht arbeitet, hat deshalb im Wesentlichen eine Vermittler-Rolle: er muss bei der Lösung des Einzelfalles dem Buchstaben der Norm die Stimme der Menschlichkeit verleihen und dem Recht der Kirche die Richtung auf sein letztes Ziel, die salus animarum, geben. Darin drückt sich „die Überzeugung aus, dass das Recht nicht einer von der Liebe verschiedenen Dimension zugehört, sondern vielmehr eine Zusammengehörigkeit von Recht – und dem Gesetz als einer seiner Erscheinungsformen – und der Liebe besteht“15, wenngleich es sich um verschiedenartige Elmente handelt. 5.

Die Barmherzigkeit als Dimension, die für die Caritas

spezifisch ist Wenn man in diesem Zusammenhang von Barmherzigkeit spricht, erweist es sich als notwendig, die verschiedenen Tugenden rund um die Liebe genauer zu differenzieren16.

Die Barmherzigkeit

ist

zunächst

von

der

Gerechtigkeit

zu

unterscheiden. Wollte man die Begriffe von Recht und Gerechtigkeit zu dem Zweck erweitern, um damit jedwedes Problem lösen zu können, so brächte das die Gefahr der Ungerechtigkeit mit sich; dies deshalb, weil dann die Grenzen des Rechts nicht beachtet werden und allzu leicht etwas als Rechtspflicht auferlegt wird, was in Wahrheit der freien Entscheidung überlassen sein muss17. Andererseits ist klar, dass die Barmherzigkeit, so wie auch die Güte, die Milde und die Liebe, im Allgemeinen die Funktion der Gerechtigkeit ergänzt, ohne sie zu ersetzen. So wird der Heilszweck der Norm erreicht. Die Barmherzigkeit ist die Tugend, die jemandem dazu bringt, über das Leid Anderer Schmerz zu empfinden und Abhilfe zu schaffen. Etymologisch bedeutet sie ein O. CONDORELLI, Carità e diritto agli albori della scienza giuridica medievale, in “Diritto canonico e servizio di carità”, cit., p. 46. 15 Ibid. p. 55. 16 Vgl. zum Beispiel, A.L. BERÇATZ DE BOGGIANO, Art. “Misericordia”, in “Diccionario General de Derecho Canónico” (DGCD) V, Pamplona 2012, pp. 414-417; V BERTOLONE, La salus animarum nell’ordinamento giuridico della Chiesa, Roma 1987. 17 Vgl. E. BAURA, Art. “Equidad canonica”, in DGDC III, cit., pp. 649-655, besonders. p. 653. 14

9

Herz, das sich der „miseria“ öffnet und bereit ist, dem Bedürftigen zu helfen. Sie begnügt sich nicht mit bloßem Mitleid, d.h. passivem Mitleiden, sondern schreitet vor allem tatsächlich zur Hilfe. Daher geht die Barmherzigkeit über die Gerechtigkeit hinaus; sie kann nicht in Gegensatz zu ihr geraten, und geht dadurch über sie hinaus, dass sie sich auf das konkrete Bedürfnis des Anderen fokussiert. Des weitern ist die Barmherzigkeit zu unterscheiden von den anzuwendenden Mitteln und von den Prinzipien, welche sie im Rechtssystem der Kirche einsatzfähig machen. Sie unterscheidet sich von der Milde, die darauf gerichtet ist, die Strenge der Strafe abzumildern. Von der Dispens, mittels derer die Autorität eine Person von einer gesetzlichen Verpflichtung freistellt; und auch von der aequitas canonica, die ein Abwägungskriterium dafür darstellt, dass die Anwendung des Rechts und die Lösung des Falles unter Berücksichtigung aller involvierten objektiven und subjektiven Umstände erfolgen kann18. Mit diesen Instrumenten muss jeder, der Verantwortung für das Recht oder seine Anwendung trägt, umzugehen wissen. Die allgemeine Norm muss so gesetzt werden, dass sie auf die Liebe hin offen ist und darf ihrer Verwirklichung kein Hindernis in den Weg stellen: das ist Aufgabe des Gesetzgebers. Der Rechtsanwender muss vermittelnd tätig werden, damit die Lösung im Einzelfall konkret die Barmherzigkeit erkennen lässt. Wegen dieser Vermittlungsaufgabe muss man die Aufgabe des Rechtsanwenders in der Kirche, auch wenn sie mit höchster Professionalität und rechtstechnischer Perfektion ausgeführt wird, als „pastoral“ charakterisieren. Sie verlangt nämlich ein gehobenes Maß an kirchlicher Gesinnung, weil sie es verstehen muss, jene Instrumente einzusetzen, die das kanonische Recht bereithält, um immer die Dimension der auf die Barmherzigkeit hin offenen Liebe, die die Norm im Rechtssystem der Kirche besitzt, sichtbar zu machen19. Ich erachte die Aufgabe des Interpreten und Rechtsanwenders als wesentlich für die Sichtbarmachung der dem kirchlichen Recht immanenten Barmherzigkeit, und auch Vgl. A.L BERÇATZ DE BOGGIANO, Art. “Misericordia”, cit., p. 414. Vgl. diesbezüglich P.G. CARON, “Aequitas” romana, “misericordia” patristica ed “epicheia” aristotelica nella dottrina dell’”aeqitas canonica” (dalle origini al Rinascimento), Milano 1971. 19 Vgl. J.I. ARRIETA Ius divinum e ruolo della canonistica, in “Il Ius divinum nella vita della Chiesa. Atti del XIII Congresso Internazionale di Diritto Canonico”, Venezia 2010, pp. 1391-1406. 18

10

für die Überwindung scheinbarer Widersprüche und für die Lösung der konkreten, vom Papst in den vorhin genannten Ansprachen aufgezeigten Probleme. Daraus ergibt sich zuallererst eine Anfrage an alle, die Rechtsanwender ausbilden. Denn diese müssen es verstehen, eine praktische Wissenschaft zu vermitteln, die mit der alltäglichen Erfahrung in Verbindung steht, den Herausforderungen des Augenblicks zu begegnen vermag, aber dabei der eigenen Identität und dem überkommenen geistigen Erbgut treu bleibt. In besonderer Weise muss er es zustande bringen, dem Rechtsanwender eine Haltung der aktiven Einsatz- und Dienstbereitschaft zu vermitteln, um diese Bekundungen von Barmherzigkeit möglich zu machen. Darauf nahm der Hl. Vater Bezug, als er in seiner vorweihnachtlichen Ansprache von den 15 Krankheiten der Römischen Kurie sprach20. Das negative Gegenbeispiel für das Verhältnis zwischen Barmherzigkeit und Recht und für die Haltung des Rechtsanwenders finden wir bei Lukas im Gleichnis vom gottlosen Richter und der Witwe

(Lk 18). Am Ende lässt der Richter der Witwe

Gerechtigkeit zuteil werden und nimmt sich ihres Anliegens an. Aber er handelt nicht barmherzig. Er nimmt nicht Anteil an ihrem Leid, als er versucht eine gerechte Lösung zu treffen. Er handelt egoistisch; denn die Witwe hat ihn belästigt: „Ich fürchte zwar Gott nicht und nehme auch auf keinen Menschen Rücksicht; trotzdem will ich dieser Witwe zu ihrem Recht verhelfen, denn sie lässt mich nicht in Ruhe.“ (Lk 18, 4-5) Das Gleichnis führt uns das exakte Gegenteil dessen vor Augen, was die Barmherzigkeit als Haltung des Vermittlers verlangt. Nur scheinbar ist das Resultat, wenn nur nach Gerechtigkeit gehandelt wird, ähnlich. In Wirklichkeit aber ist das nicht der Fall, weder hinsichtlich der Rechtzeitigkeit – ein erstes Erfordernis der Gerechtigkeit -, noch was das Anteilnehmen betrifft, denn die Gerechtigkeit ist bei diesem Richter gepaart mit Demütigung und Verachtung gegenüber der rechtsuchenden Person. Wie ich andernorts festgestellt habe, bin ich der Meinung, dass diese Verschiedenheit der Ebenen und Phasen der Rechtsgewinnung, die sich im kanonischen Recht ausgebildet haben – im Unterschied zu positivistischen Rechtssystemen – für

20

Vgl. FRANZISKUS, Ansprache an die Römische Kurie, L’Osservatore Romano 22-23 dicembre 2014, pp. 4-5.

11

Eugenio CORECCO das Motiv war21, vom kanonischen Recht nicht als ordinatio rationis, sondern als ordinatio fidei zu sprechen. Damit hat er eine einzigartige Polemik in unserer Disziplin ausgelöst. Der Kanonist muss sich bei Interpretation und Anwendung der Norm von der Fülle der Gerechtigkeit, die der Fall verlangt, leiten lassen, und das in einer Perspektive, die mit der Liebe abgewogen ist, mit der Barmherzigkeit und dem bonum animarum. 6.

Die Barmherzigkeit im System des kanonischen Rechts

Da das Aufgabengebiet der Kirche geistlich ist, hat ihre Rechtsordnung notwendigerweise geistliche Gegenstände zum Inhalt; ja, diese sind die einzigen, die ihrer Jurisdiktion eigen sind. Andere Faktoren werden nur insoweit rechtlich relevant, als sie mit dem geistlichen Zweck der Kirche in Verbindung stehen. Dies erklärt den Inhalt der Normen des kanonischen Rechts. Sie bewegen sich notwendig innerhalb der Parameter von Liebe und Milde. In besonderer Weise gilt dies für die Elastizitätsinstrumente, welche die Disziplin des kanonischen Rechts nach Prinzipien der Menschlichkeit und mit einem Sinn für die Wirklichkeit im Laufe der Jahrhunderte hervorgebracht hat, und die eine besondere Biegsamkeit und Anpassungsfähigkeit an die Erfordernisse der Gerechtigkeit bewirken. Diese zweitausendjährige Disziplin bietet dem, der sie liest, sie auslegen oder anwenden muss, Institute, die, wenn sie auch nicht Exklusivgut der kanonischen Disziplin, so doch für diese charakteristisch sind, wie die dissimulatio, die aequitas oder die Epikie22. Dazu kommt eine lange Liste von Mitteln zur Vermenschlichung des Rechts, wie etwa die Beschränkung des Anwendungsbereichs der leges irritantes und inhabilitantes (c. 10 CIC), besonders im Falle eines Zweifels (c. 14 CIC); die enge Auslegung von Bestimmungen, welche eine Strafe festsetzen oder die freie Ausübung von Rechten beschränken (c. 18 CIC); der Geltungsbereich rein kirchlicher Gesetze (c. 11 CIC) oder die Umschreibung des territorialen Geltungsbereichs im Falle von Fremden und Wohnsitzlosen (c. 13 CIC). Vgl. L. GEROSA, La legge canonica quale “ordinario fidei”. La lezione di Eugenio Corecco sul metodo scientifico della canonistica, in DERS, Antropologia, fede e diritto ecclesiale. Atti del Simposio Internazionale sugli studi canonistici di Eugenio Corecco, Milano 1995, pp. 15-31. 22 Vgl. E. BAURA, La dispensa canonica dalla legge, Milano 1997; V. DEL GIUDICE, Privilegio, dispensa ed epicheia nel diritto canonico, in “Annali. Istituto Giuridico dell’Università di Perugia” (1923-1924), Perugia 1926. 21

12

Alle diese Bestimmungen sind in letzter Konsequenz Auslegungs- und Anwendungsregeln, die die Verwirklichung der Barmherzigkeit bei der Lösung von Einzelfällen gestatten. Es handelt sich jedoch um Mittel in der Hand des Rechtsanwenders. Folglich wird von ihm das erforderliche Einfühlungsvermögen erwartet, um richtig einschätzen zu können, was die Barmherzigkeit im Einzelfall verlangt, und gleichzeitig – oder sogar vorrangig – muss er über das notwendige methodische Rüstzeug verfügen, das ihn zur Anwendung der Instrumente bringt, die das kanonische Recht bereit hält. Wie uns bestens bekannt ist, sind im Laufe der Geschichte des kanonischen Rechts zahlreiche Mittel gefunden worden, um die Barmherzigkeit zur Geltung zu bringen. Es ist nicht möglich, über sie alle zu sprechen. Man denke nur an die ungezählten Ordensgemeinschaften und Gesellschaften, die entstanden sind, gerade um der Not von Menschen abzuhelfen und dabei entsprechende Regeln, Rechtstechniken und Normen ausgebildet haben; man denke an die frommen Stiftungen und Verfügungen und an die weitere unüberschaubare Vielfalt solcher Formen, auf die hier nicht eingegangen werden kann23. Tatsächlich ist jeder Abschnitt des kanonischen Rechts, vom Prozessrecht über das Vermögensrecht bis hin zum kirchlichen Verfassungsrecht durchdrungen von Inhalten, Prinzipien und Auslegungsregeln, die, von der Liebe beseelt, den Anwender dazu einladen, auch die Barmherzigkeit zu verwirklichen. Zum Schluss möchte ich nur drei Bereiche hervorheben, die als beispielhaft für das Gesagte gelten können: die Sakramentendisziplin im Allgemeinen und das Bußsakrament; das Recht der Sanktionen uns Strafen; und ganz besonders das forum internum. 7.

Die Barmherzigkeit in der Sakramentendisziplin

Vgl. aus der jüngeren Zeit, BENEDETTO XVI, motu proprio Intima Ecclesiae natura, dell’11 novembre 2012, AAS 104 (2012) 996-1004. Vgl. zur Thematik, J. MIÑABRES, Connotati giuridici del servizio della carità, in “Ius Ecclesiae” 25, 2013, 506-514; F. CATOZZELLA, Una prima lettura del m.p. Intima Ecclesiae natura sul servizio della carità, in “Apollinaris” 86, 2013, pp. 99-123; J.I. ARRIETA, Il servizio di carità come dimensione costitutiva della missione della Chiesa, in “Ephemerides Iuris Canonici” 54, 2014, pp. 261-280. 23

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Der christliche Glaube ist eine Religion, welche sich der Priester als Vermittler bedient. Die Mittel, die eingesetzt werden, um uns in Verbindung mit ihm zu halten und uns geistlich am Leben zu erhalten, damit wir unser übernatürliches Ziel erreichen – das Wort Gottes und die Sakramente – werden ausgespendet durch speziell dafür bestimmte Vermittler. Dies ist folglich ein Teil der kanonischen Disziplin, der dazu dient, die Verwaltung der Heilsmittel zu regeln. Diese Verwaltung ist geprägt vom Bewusstsein darüber, dass die Empfänger dieser Mittel bedürfen. Daher treten sowohl die Bestimmungen über die Anforderungen an den Sakramentenspender als auch jene über die Voraussetzungen für den erlaubten Empfang immer dann zurück, wenn der Gläubige, der ihrer bedarf, sich in einer besonders beschwerlichen Lage, in Irrtum oder Unwissenheit, in einer Notlage oder sonst einer pastoral dringenden Situation, ganz besonders, wenn er sich in Todesgefahr befindet. In manchen Fällen genügt die pastorale Notlage oder die spontane Bitte der Gläubigen, damit selbst ein nicht berechtigter Spender – weil er sich nicht im Stande der Gnade weiß (c. 916 CIC), oder mit einer Irregularität behaftet ist (c. 1048 CIC) oder er von einer nicht erklärten Beugestrafe betroffen ist (c. 1335 CIC) – die erbetenen Sakramente rechtmäßig spenden kann. Wenn das Sakrament heilsnotwendig ist, wie im Falle der Taufe, genügt eine wirkliche Notwendigkeit, und muss nicht Todesgefahr vorliegen, damit bei Fehlen eines geweihten Spenders jeder getaufte, ja selbst jeder von der erforderlichen Intention geleitete Mensch (c. 861 § 2 CIC)24 heilsvermittelnd tätig werden und gültig und erlaubt taufen kann. Damit werden die einschränkenden Anforderungen auf Seite des Spenders auf den Kopf gestellt. In den Fällen des error communis und des dubium positivum et probabile ersetzt c. 144 § 2 CIC die fehlende Befugnis zur gültigen Spendung der Firmung, zur Lossprechung im Bußsakrament sowie zur Trauungsassistenz. Abgesehen davon, dass die Laien bestimmte Dienstämter ersatzweise ausüben können – Austeilung der Kommunion, Dienst am Wort (c. 230 CIC) -, kann das Sakrament der Ehe, unter Einhaltung seiner wesentlichen Form, im Falle schweren Nachteils bei Todesgefahr oder eines vorhersehbaren längeren Fehlens eines nach dem 24

Vgl A. URRU, Ministro straordinario del battesimo: fondamento di tale potestà, in Questioni Canoniche, Miscellanea in onore del prof. P. Esteban Gómez, Milano 1984, pp. 200-213.

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Recht für die Trauungsassistenz Zuständigen nur vor Zeugen gültig geschlossen werden (c. 1116 CIC). In allen diesen Grenzfällen begnügt sich die kanonische Norm mit dem Vorliegen jener Voraussetzungen, die essentiell und daher für die Gültigkeit unverzichtbar sind. Sie tut dies, weil die Barmherzigkeit verlangt, den Bedürfnissen der Gläubigen entgegen zu kommen. In der äußersten Notlage, nämlich in der Todesgefahr, beseitigt die kanonische Disziplin jedwedes Hindernis (das verzichtbar ist), und wer berufen ist, ein Sakrament zu spenden, wird mit unbeschränkter Befugnis ausgestattet, sogar zur Spendung an Personen, die nicht in voller Gemeinschaft mit der Kirche stehen. Unter solchen Voraussetzungen kann der Erwachsene die Taufe empfangen, selbst wenn er nur unzureichend darüber unterwiesen ist (c. 865 § 2 CIC); kann der getaufte Nichtkatholik die Sakramente der Buße, Eucharistie und Krankensalbung empfangen (c. 844 § 2 CIC); können Kinder teilweise der elterlichen Gewalt entzogen und auch gegen deren Willen erlaubt getauft werden (c. 862 § 2 CIC). In Todesgefahr ist auch die Erteilung der Generalabsolution erlaubt (c. 961 CIC), wobei jegliches Verbot und jegliche Zensur zurücktritt, die dem Handeln des Priesters entgegenstehen könnte. Das recht verleiht dem Priester, auch dem unwürdigen, die Gewalt, erlaubterweise von jeder Art Zensur loszusprechen; und der Sterbende kann zu seinem geistlichen Nutzen die Sakramente empfangen, auch wenn sie ihm bislang verboten waren (cc. 976, 977 CIC). Als überaus vielsagend erweist sich in dieser Hinsicht der Wortlaut des c. 986 § 2 CIC, wenn er anordnet, dass in einer dringenden Notlage jeder Beichtvater verpflichtet ist, die Beichten von Gläubigen entgegen zu nehmen, in Todesgefahr sogar jeder Priester. Das gilt bekanntlich auch für solche, die den Klerikerstand verloren haben. Was die Barmherzigkeit bei der Spendung der Sakramente betrifft, sind auch jene Empfehlungen einschlägig, die das recht für das Handeln und die Urteilsbildung der Amtsträger gibt, was beim Bußsakrament von spezieller Bedeutung wird. C. 978 § 1 CIC übernimmt wortwörtlich den Canon 888 CIC/1917, der sich an den Beichtvater wendet: „er soll beim Beichthören dessen eingedenk sein, dass er in gleicher Weise die Stelle eines Richters wie die eines Arztes einnimmt und von Gott zugleich zum Diener der

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göttlichen Gerechtigkeit wie auch Barmherzigkeit bestellt ist, der der Ehre Gottes und dem heil der Seelen dient.“ 8.

Barmherzigkeit und kirchliches Strafrecht

Die Barmherzigkeit hat auch im Strafwesen der Kirche ihren Platz. Vielleicht hat sich der Gesetzgeber des CIC/1983 hier im Übermaß von dem Verlangen leiten lassen, von der Liebe beseelte Gesichtspunkte zu statuieren, indem dem Anwender des Strafrechts so viele Kriterien abverlangt und Hindernisse in den Weg gelegt wurden, dass schlussendlich das gesamte Strafrechtssystem unanwendbar wurde. Tatsächlich wurde bis zum April 2001, als das MP Sacramentorum Sanctitatis Tutela promulgiert und die Kongregation für die Glaubenslehre Jurisdiktion erhielt, über die delicta graviora zu urteilen, das Strafrecht selten angewendet. Dabei treten die negativen Folgen eines verfehlten Verständnisses von Barmherzigkeit im Verhältnis zum Recht für die Kirche offen zu Tage. Die Überarbeitung des Liber VI des Codex, die der Päpstliche Rat für die Gesetzestexte, gestützt auf die Empfehlung BENEDIKTS XVI., seit dem Jahr 2009 vorantreibt, und sich bereits in einem weit fortgeschrittenen Stadium befindet, hat das Ziel, das verloren gegangene Gleichgewicht wieder herzustellen25. Durch besondere Milde sind die Kriterien gekennzeichnet, die Liber VI dem Anwender des Strafrechts auferlegt; sie können geradezu als abschreckend gegenüber dem Einsatz des Strafrechts erscheinen. Beispielsweise wenn c. 1341 den Ordinarius dazu anhält, Strafen nur dann zu verhängen, wenn er erkannt hat, dass weder durch mitbrüderliche Ermahnung noch durch Verweis noch durch andere Wege des pastoralen Bemühens die notwendigen Ergebnisse erreicht werden können; oder wenn c. 1343 bei fakultativen Strafdrohungen der Autorität das Recht zugesteht, nach seinem Gewissen und klugen Ermessen auch die Strafe zu mildern oder an ihrer Stelle eine Buße aufzuerlegen. Selbst bei einer obligatorischen Strafdrohung stellt es c. 1344 dem Ermessen des Richters anheim, die Verhängung der Strafe auf eine günstigere Zeit zu Vgl. J.I. ARRIETA, Il progetto di revisione del Libro VI del Codice di Diritto Canonico, in”Archiv Für Katholisches Kirchenrecht” 181, 2012, pp. 57-74; DERS, Kardinal Ratzinger und die Revision der kirchlichen Strafrechtsordnung. Eine entscheidende Rolle, in “L'Osservatore Romano”, 2. Dezember 2010, p. 3; J.L. SÁNCHEZ-GIRÓN, El proyecto de reforma del derecho penal, in “Ius Canonicum” 54, 2014, pp. 567-602 25

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verschieben oder von der Verhängung der Strafe überhaupt abzusehen und eine mildere Sanktion zu verhängen, wenn der Schuldige gebessert ist oder er hinreichend von der weltlichen Autorität bestraft worden ist usw.26 Auf derselben Linie liegen zahlreiche weitere Bestimmungen, die den Richter an Zurückhaltung und Sensibilität für die Situation des Angeklagten erinnern. Es ist nicht nötig, sich an dieser Stelle darüber weiter auszubreiten. Es soll genügen. Lediglich auf ein Charakteristikum der Zensuren latae sententiae hinzuweisen, welches mit ihrem medizinalen Zweck zusammenhängt. Ist der Täter gebessert, verwandelt sich der Strafmechanismus und nimmt eine grundverschiedene rechtliche Gestalt an: der reuige Täter erwirbt ein wirkliches Recht darauf, von der Sanktion losgesprochen zu werden, ohne dass die Autorität eine legitime Möglichkeit hätte, den Strafnachlass zurückzuweisen oder aufzuschieben. 9.

Barmherzigkeit und forum internum

Das forum internum, das ganz charakteristisch ist für die Kirche, ist nach meiner Einschätzung jener Teil des kanonischen Rechts, der am allermeisten in Parametern der Barmherzigkeit verankert ist. Duch zehn Jahre hindurch durfte ich tagtäglich diese Erfahrung als Kanonist der Apostolischen Pönitentiarie machen.27 Das forum internum ist ein jurisdiktioneller Bereich, durch den die potestas exsecutiva zwar geheim, aber rechtswirksam handelt, indem sie Dispensen, Absolutionen, Heilungen (Sanationen), Befugnisse usw. gewährt. Es ist in jedem Fall eine Jurisdiktion des „Vergebens“, die den einzigen Zweck hat, die Gläubigen aus ihrer verhängnisvollen Situation wieder aufzurichten. In keinem Fall kann ein Befehl ausgesprochen, ein Gebot oder eine Last auferlegt werden: es dient nur der Verzeihung und der Beseitigung von Irrtümern von Personen mit ihren Folgen. Die iurisdictio fori interni kann als Paradebeispiel für die iurisdictio voluntaria gelten, die auf Antrag des Gläubigen tätig wird und zwar genau unter jenen Bedingungen Vgl. V. DE PAOLIS, De recognoscendo iure poenali canonico, in “Periodica” 63, 1974, pp. 37-67; B. PIGHIN, Diritto penale canonico, Venezia 2008, pp. 187-207. 27 Vgl. J.I. ARRIETA, The Internal Forum: Notion and Juridical Regime, in “Studia canonica” 41, 2007, pp. 2745; G. SARACENI, Riflessioni sul foro interno. Nel quadro generale della giurisdizione della Chiesa, Padova 1961, reed. 2002. 26

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und Modalitäten, in denen der Gläubige sie in Anspruch nimmt: im sakramentalen oder im außersakramentalen Bereich, und sogar gegenüber einer Person ohne Jurisdiktion – z.B. der Beichtvater – die dadurch berechtigt wird, auf bestimmte, rechtlich festgelegte Weise zu handeln. Dies offenbart die Dimension der Barmherzigkeit, innerhalb deren dieses Forum angesiedelt ist. Sie wird tätig, sobald ein Gläubiger aus freiem Willensentschluss seine Gewissensnot vorträgt und um Hilfe bittet – er bekennt, dass er mit einer Zensur, einem Hindernis oder einer Irregularität behaftet ist usw. – indem sie den vermittelnden Priester zur effektiven Abhilfe verpflichtet, auch wenn er in diesem Moment noch nicht über Jurisdiktion verfügt. Die iurisdictio fori interni handelt unter absolutem Respekt der Privat- und Persönlichkeitssphäre des Betroffenen und löst das Problem, ohne dass er seinen guten Ruf gefährdet oder sein Vergehen öffentlich bekannt machen muss. Sie handelt dabei auch mit voller rechtlicher Wirkung, mit der einzigen Einschränkung, dass der Jurisdiktionsakt geheim bleibt, mit der Folg der Beweisschwierigkeit (vgl. c. 130 CIC), deretwegen die Pönitentiarie in den Fällen, in denen sie einschreitet, eine anonyme Aufzeichnung eines nummerierten Protokolls anfertigt, die es ermöglicht, auf Antrag den rechtlichen Charakter des ergangenen Dispensaktes zu identifizieren, wann immer es notwendig werden sollte, die Aussage dessen, der eine Gunst erhalten hat, zu bestätigen. Besondere bedeutung kommt in diesem Sinn dem c. 64 zu, der die Gewalt der Pönitntiarie, im forum internum mit voller Rechtswirksamkeit zu handeln, anerkennt, auch wenn eine Gunst von irgendeinem anderen Dikasterium der Römischen Kurie abgelehnt worden ist – was bei den anderen Dikasterien ungültig wäre. Die Dimension der Barmherzigkeit offenbart sich auch in dem heilsamen Dialog, der, wenn die Natur des Aktes es erfordert, mittels des Beichtvaters zwischen dem reuigen Pönitenten und der Autorität stattfindet, die die Vergebung ausspricht. Manchmal wird, um sicherzustellen, dass das Vergehen endgültig überwunden wurde, die Absolution nur auf Zeit gewährt, und ein weiterer Rekurs innerhalb einer bestimmten Zeit auferlegt, so dass der Beichtvater die gemachten Fortschritte der Besserung au Seite des Pönitenten abschätzen kann.

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Das forum internum unterliegt jedoch auch Grenzen. Es ist nicht möglich davon Gebrauch zu machen, wenn die Tat im forum externum strafrechtlich verfolgt wird, oder wenn der betreffende Akt, über den das Einschreiten in foro interno erbeten wird, von öffentlicher Bedeutung ist, wie etwa eine Eheschließung nach einer Nichtigerklärung: letztere kann nur öffentlich erfolgen. Ich komme zum Schluss. Wir haben versucht, einige aktuelle Fragen aufzuwerfen, die sich aus dem Verhältnis von Barmherzigkeit und kanonischem Recht der Lateinischen Kirche ergeben. Wir haben einige Erfordernisse aufgezeigt und auch einige irrtümliche Auffassungen über das System des kanonischen Rechts, die sich aus einer positivistischen Sicht der Rechtsnorm ergeben, dieser selbst nicht gerecht werden und der Dynamik nicht gerecht werden, die der Auslegung und Anwendung des kanonischen Rechts eigentümlich ist. Das kanonische System ist vor allem eine Ordnung der Vermittlung, die in den Händen des Rechtsanwenders liegt, der die ratio der Norm anzuwenden wissen und die Erfordernisse und Bedürfnisse des Einzelfalles proaktiv einer Lösung zuführen muss. Es kommt vor allem dem Rechtsanwender, dem Richter und dem Hirten, die Aufgabe zu, die Norm mit dem Sinn für Barmherzigkeit anzuwenden, indem im Einzelfall der positive Wille zur Liebe und Milde, der der allgemeinen Norm bereits innewohnt, zur Geltung zu bringen. Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

+ Mons. Juan Ignacio ARRIETA, Sekretär des Päp. Rates für die Gesetzestexte. (Übersetzung aus dem ital. Original von Prof. Helmuth PREE)

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