Bayern in Versailles

Bayern in Versailles

Süddeutsche Zeitung, 23.Januar 2003 Bayern in Versailles Die große Feier zum Jahrestag des Elysée-Vertrages in dem geschichtsträchtigen Schloss Ludwi...

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Bayern in Versailles Die große Feier zum Jahrestag des Elysée-Vertrages in dem geschichtsträchtigen Schloss Ludwigs XIV. / Von Peter Gauweiler

Dieser Tag in Versailles ist von dem durchdrungen – um es in der Sprache des Generals Charles de Gaulle zu sagen –, „was Gallier und Germanen einander ergänzen lässt“. Eine Stunde der Wahrheit. Aber nach allem, was sich Deutschland und Frankreich angetan haben, gehört die heutige Wahrheit zu den glücklichsten Bekundungen, die es überhaupt geben kann. Wir feiern eine Konstellation, welche die bestmögliche Wendung nahm: das Bündnis des Generals aus Colombey- les-Deux-Eglises mit dem Rheinländer Konrad Adenauer. Ich werde niemals beschreiben können, wie mir zumute war, als Charles de Gaulle am Grabmal des Unbekannten Soldaten auf mich zukam und vor mir stand, bei seinem Besuch in München, vor vierzig Jahren. Wir, eine Gruppe von Schülern, hatten seit Stunden auf ihn gewartet, getragen von der Erwartung, Zeugen eine s großartigen Augenblicks zu werden. Damals in München hatte de Gaulle mit der Bemerkung Aufsehen erregt, dass gerade ein starkes Bayern wichtig für die Zukunft unserer politischen Ordnung in Europa sei und dass es die sprichwörtliche „Erbfeindschaft“ jedenfalls zwischen Frankreich und Bayern niemals gegeben habe. Damit knüpfte er an eine uralte Sonderbeziehung der Grande Nation zu den Bajuwaren an. Schließlich war selbst der unglücklichste Monarch der Franzosen, Ludwig XVI., Namensgeber der ludovizianischen bayerischen Könige und Taufpate Ludwigs I.. Noch bevor ich nach Versailles aufbreche, nehme ich mir vor, wenn ich an der „Place de la Concorde“ vorbeikomme, Louis XVI. eine private Gedenkminute zu widmen. Dieser Förderer des bayerischen Stammhauses der

Wittelsbacher war an jener Stelle, gestern vor 210 Jahren – am 21. Januar 1793 –, von den Jakobinern zum Fallbeil geführt und enthauptet worden. Der Airbus 30 („Kurt Schumacher“) der Bundesluftwaffe bringt uns, die bayerischen und baden-württembergischen Mitglieder des Deutschen Bundestages, von München über Stuttgart nach Paris-Orly; eine Eskorte der französischen Polizei sodann – auf der eigens gesperrten Autobahn – von Orly nach Versailles. Zum Ehrenhof des Schlosses. Dort werden wir von unseren Kollege n von der Assemblée Nationale empfangen, im Saal „1792“. Die Begegnung ist sehr, sehr höflich, auch ein bisschen verlegen – fast wie beim ersten Tanzstundenball. Die französischen Abgeordneten haben für uns eine Führung durch das Schloss arrangiert, zu der wir in kleinen Gruppen aufbrechen. Die Besichtigung, die die französische Fremdenführerin für meine Gruppe gewählt hat, gestaltet sich historisch sehr taktvoll. Wir betreten die Räume des Roi Soleil, sodann die Unterbringungen der schottischen und der Schweizer Garde und die Gemächer feiner Favoritinnen. Etwas länger verweilen wir im weltberühmten Schlafzimmer des Herrschers, wobei diese Umgebung einige – zwischenzeitlich aufgelockerte – Abgeordnete zu familiären Bemerkungen animiert. Die Führung dringt zeitgeschichtlich nicht weiter vor als bis zum Bürgerkönig Louis Philippe und der erhebenden Bemerkung, dass der Schreibtisch der französischen Monarchen von zwei Schreinern aus Deutschland stammt. Als wir durch den Spiegelsaal gehen, springt uns die Geschichte an. Hier ist es gewesen, wo im Juni 1919 der Graf von Brockdorff-

Rantzau und die deutsche Delegation den Versailler Vertrag unterschrieben haben, in Handschuhen, um danach dieselben ins Feuer zu werfen: „Möge die Hand verdorren, die diesen Text unterschreibt.“ Deutschland fühlte sich entehrt, und Frankreich sah sich gerächt: Für den 18. Januar 1871, wo – mitten im Nationalheiligtum von Versailles – Bismarcks Kleindeutschland seinen Triumph feierte und Wilhelm von Preußen zum deutschen Kaiser ausrief. Die Franzosen empfanden diesen Akt als eine Art Tempelschändung. Ich versuche, mir die Szene im Spiegelsaal vorzustellen. Wo eigentlich stand der Vertreter Bayerns, Prinz Otto, der Bruder des Märchenkönigs? Seine damalige Empfindung ist uns erhalten geblieben: „Ach Ludwig“, schrieb er nach München, „welchen wehmütigen Eindruck macht es mir, unser Bayern sich da vor dem Kaiser neigen zu sehen; mein Herz wollte zerspringen. Alles so kalt, so stolz, so glänzend, so prunkend und großtuerisch und herzlos und leer.“ König Ludwig selbst hatte sich geweigert, an dieser Proklamation teilzunehmen und war in Hohenschwangau geblieben. Die politische Klasse hatte ihm die Unterschrift unter einen an den Preußenkönig gerichteten „Kaiserbrief“ abgerungen, der die Ausrufung Wilhelms vorwegnahm. Ludwig wusste, dass damit die Selbstbestimmung Bayerns aufgegeben war. Finis Bavariae! Alles, was seitdem mit unserem Heimatland geschah, kann ohne diesen 18. Januar 1871 nicht gedacht werden. Ja, ja, ich weiß – es gab damals auch objektive Gründe für das BismarckKonzept: Die Überwindung von Kleinstaaterei durch eine Wirtschafts- und Währungsunion; eine einheitliche Außenpolitik und das Ende der mit der Staatenvielfalt verbundenen Konflikte. Wem das alles irgendwie bekannt und zeitgemäß vorkommt – es war eine Art innerdeutscher Maastricht-Vertrag, den Bismarck damals in Versailles durchgesetzt hatte.

In München, im Bayerischen Landtag, war die Wortführerin für ein Ja zu Versailles die Fortschrittspartei, die preußenfreundlich und modern war. Aus heutiger Sicht gesinnungsmäßig eine Art politische Mischung zwischen Günther Verheugen und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Aus der konservativen Bayerischen Patriotenpartei wurde den „Fortschrittlern“ dagegen vorgeworfen, „unseren Staat in einen Militärstaat und Bayern in eine große Kaserne zu verwandeln und die preußischen Prätentionen gegen alle Welt zu verteidigen“. Das Bayerische Vaterland, eine Art frühes Vorgängerblatt des Bayernkurier, nannte die neue Kaiserkrone nur die vergrößerte preußische Pickelhaube: „Mehr Kriege, mehr Krüppel, mehr Totenlisten und mehr Steuerzettel.“ Ludwig selbst, wenige Wochen nach Versailles, voll dunkler Ahnung: „Viel fürchte ich von dem Einflusse der nun bald zurückkommenden Truppen, die jene verdammten preußenfreundlichen, deutschschwindlerischen Ideen im ohnehin angesteckten Volk noch mehr verbreiten werden.“ Von den Vaterländischen war noch bei der Landtagsdebatte gewarnt worden, dass Bayern durch diesen Vertrag mit dem Recht der Kriegserklärung auch die Entscheidung, sich nicht an einem Krieg zu beteiligen, an Berlin abtreten werde. Genau so ist Bayern dann in den Ersten Weltkrieg geraten. Ohne je gefragt worden zu sein. In der Masse der bayerischen Soldaten auch meine beiden Großväter, Michael Gauweiler und Ludwig von der Mühlen. Letzterer in Frankreich, im 17.bayerischen Infanterieregiment. Alle Anwesenden unseres großen Tages werden im Herzen ihre Eltern und Großeltern zur heutigen Versammlung nach Versailles mitgebracht haben. So wie es heute auch ist, wenn wieder ein wichtiges Vorrecht nach Brüssel abgegeben wird, wurde Bayern der Verlust seiner Souveränität mit jeder Menge Zuckerwatte versüßt: einige Stimmen zusätzlich in den Gremien, irgend einen ach so wichtigen Vorsitz im neuen Bundesrat, das fortwährende Recht auf Gesandtschaften,

die nichts zu sagen hatten. Und auch die Bier- und Branntweinsteuer musste nicht an die Reichskasse abgeführt werden. Machen wir uns nichts vor – Brosamen. Und trotzdem: Dieses Versailles half Ludwig zu überleben. Um ihn entwickelte sich in den folgenden Jahren und Jahrzehnten ein Mythos, der das Gemeinschaftsgefühl der Bayern stärkte – bis in unsere Zeit. Und Bismarck half ihm dabei. Unfreiwillig. Der Eiserne Kanzler hatte sich „wg. Kaiserbrief“ verpflichtet, auf verschlungenen Wegen Gelder für Bayerns Schlösser zu bezahlen: von 1873 bis 1886 immerhin 5 Millionen Goldmark. Der gefühlsstarke Ludwig nutzte dieses Geld für ein kulturelles Gegenprogramm, das bis heute weltweit ohne Beispiel ist. Er baute ein „neues Versailles“, das – mitten in Bayern – als Huldigungsort für den französischen Sonnenkönig bestimmt war. Diese Erinnerung an die Zeit, da keine andere Macht die Stellung Frankreichs einzunehmen vermochte, stellte er der preußischen Propaganda vom „Erbfeind“ entge gen. Und Ludwig verwirklichte diese märchenhafte Gegenarchitektur, wo Bayern am schönsten ist: auf der Herreninsel des Chiemsee. Die Machteliten des neuen Kaiserreichs, deren Nationalgefühl sich durch „Sedan-Tage“ und kulturelle Ressentiments gegen alles Französische ständig erregte („die siegreiche Germania“ / „Wacht am Rhein“), empfanden „Schloß Herrenchiemsee“ als einen ungeheueren Affront. Wer so etwas tat, musste verrückt sein. Ludwig fuhr auch in das geschlagene und aus vielen Wunden blutende Frankreich: „Wie an einen wundervollen Traum gedenke ich an meine Reise nach Frankreich, das endlich erschaute, angebetete Versailles.“ Als auf der Herreninsel dann gebaut wurde, verbat sich der König alle nationalen Zitate an seiner Architektur. „Alles, was Bayerisch ist, müsse in Chiemsee entfernt werden. So die Löwen an der Balustrade. Im großen Berathungssaal seien im Teppich bayer. Rauten. Diese müssen dadurch entfernt werden, daß ein Stück eingesetzt werde. Dieß (Löwen-Wappen, Rauten pp.) passe

recht gut für die neue Burg gemeint war Neuschwanstein], aber durchaus nicht an den Chiemsee.“ Damit nichts im Dunkeln blieb, bestellte der König im September 1884 bei einem frühen Pionier der Elektrotechnik sogar eine „Illumination“ der Chiemsee-Insel. „Wahrscheinlich handelte es sich dabei um das erste mit elektrischer Beleuchtung zelebrierte ‚Son et Lumiére‘ der Welt“, so der Denkmalpfleger Michael Petzet. Frankreich leuchtete; im Königreich Bayern. Mythos Ludwig. Ein Fax-Brief der Süddeutschen Zeitung ruft mich in die Wirklichkeit zurück. „Sie sollten den Mittag in Versailles benutzen, zu schreiben, und auf die Gänseleberpastete verzichten.“ Gänseleberpastete? Die Süddeutsche sollte ihre Berliner Freunde besser kennen. Die deutsche Seite hat ausdrücklich gebeten, auf derartigen kulinarischen Luxus zu verzichten; vielmehr wird für die Speisenauswahl auf Wunsch des amtlichen Berlin eine vegetarische Menüvariante angeboten. Ist das nicht wunderbar? Allerdings gibt es einen hervorragenden „Entenschlegel in Brühe gekocht“ (Gigotin de canard en pot au feu). Und es ist dem französischen Protokoll gelungen, ein Gläschen LenôtreChampagner für alle zum Aperitif durchzusetzen. Wenn der Mittag vorbei ist, schreiten die Volksvertreter durch ein Spalier der Garde républicaine in den großen Saal von Versailles, um die Reden der Präsidenten des Bundestages und der Nationalversammlung anzuhören, natürlich auch den Staatspräsidenten und den Bundeskanzler. Alle nehmen sich fest vor, aus der historischen Dimension des Treffens ein Zukunftsprogramm zu entwickeln. Danach stimmen französische Deputierte und deutsche Abgeordnete ihre Nationalhymnen an. Natürlich singe ich auch die Marseillaise mit, denke an die 2000 deutsch- französischen Eheschließungen jährlich und an die Studienrätin Emmy Wurm. Sie hatte uns einst am Münchner Ludwigsgymnasium dazu gebracht, das hohe Lied unserer Nachbarn auswendig zu

lernen: „Buam, da habts was fürs ganze Leben!“ Auf, ihr Kinder des Vaterlandes, der Tag des Ruhms ist angebrochen!

Der Autor ist Abgeordneter der CSU im Deutschen Bundestag und Rechtsanwalt in München.