Berichte - Land Niedersachsen

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NORDDEUTSCHE NATURSCHUTZAKADEMIE Berichte 3. J a h rg a n g /H e ft 1,1990 Obstbäume in der Landschaft Alte Haustierrassen im norddeutschen Raum N...

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NORDDEUTSCHE NATURSCHUTZAKADEMIE

Berichte 3. J a h rg a n g /H e ft 1,1990

Obstbäume in der Landschaft Alte Haustierrassen im norddeutschen Raum

NORDDEUTSCHE NATURSCHUTZAKADEMIE

Berichte 3. J a h rg a n g /H e ft 1,1990

Obstbäume in der Landschaft Alte Haustierrassen im norddeutschen Raum Seminare: . und . - . an der N NA 1 6 .1 9 8 9

NN A-Berichte- 3 /1 ,1 9 9 0 Herausgeber: Norddeutsche Naturschutzakademie Hof Möhr 29640 Schneverdingen Telefon: 051 99/318 + 319

3

5

7 .1 9 8 9

NNABer.

3. Jg.

H. 1

50 S.

Schneverdingen 1990

ISSN: 0935-1450

Obstbäume in der Landschaft •Alte Haustierrassen im norddeutschen Raum

Herausgeber und Bezug: Norddeutsche Naturschutzakademie Hof Möhr, D-29640 Schneverdingen, Telefon: 051 99/318 und 319 Telefax: 051 99/432 2., unveränderte Auflage Für die einzelnen Beiträge zeichnen die jeweiligen Autorinnen und Autoren verantwortlich. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Herausgebers. Schriftleitung: Dr. Erika Vauk-Hentzelt Norddeutsche Naturschutzakademie Titelfoto: Apfelbaum der Lokalsorte ‘Uelzener Rambur’ auf der Obstwiese von Hof Möhr (Foto: Archiv NNA)

Inhalt O bstbäum e in der Landschaft K.

Hermann: Obstbäum e sind Lebensräume - Die neue Obstwiese in W asbüttel

W. Guhl: Kartierung von Streuobstbeständen U.

Tack: Obstbaum program m Landkreis Schaumburg

4 6 11

Ch. Kottrup: Alte O bstsorten in der Lüneburger Heide und ihre Erhaltung an der N orddeutschen N aturschutz­ akademie 12 Ch. Kottrup: Obstsortenem pfehlungen für Pflanzungen in der Landschaft J.-H. C o rd e s/C h . Kottrup: Anzucht und Qualitätsmerkmale von H ochstam m obstbäum en E.-A. Wigger: Virosen auch bei alten Kern- und Steinobstsorten

18 22 24

Alte Haustierrassen im norddeutschen Raum H.

H. Sambraus: Alte Haustierrassen in Norddeutschland - Merkmale und Zuchtgeschichte

27

R Oehmichen: Spezialisten im Naturschutz und in der Landschaftspflege

39

B. S a ch e r/H . N iem ann/D . Smidt: Erhaltung tierischer Genressourcen mit Hilfe biotechnologischer Verfahren am Beispiel des Deutschen Schwarzbunten Rindes

42

H.

Schm idt: Einsatzmöglichkeiten alter Haustierrassen in der Landw irtschaft

45

J.

Teerling: Erfahrungen im Einsatz von Moorschnucken in der Landschaftspflege

47

E.

Jüttner: Heidepflege mit der grauen gehörnten Heidschnucke

48

Buchbesprechungen

50

4

NNA-Berichte 3/1,1990

Obstbäume sind LebensräumeDie neue Obstwiese in Wasbüttel Von Klaus Hermann Der natürliche Lebensraum in unserer Kul­ turlandschaft wird ständig kleiner. Flä­ chenbeanspruchende Planungen und die Intensivierung der Bodennutzung haben dazu geführt, daß die S trukturvielfalt der Landschaft stark abgenommen hat. In vie­ len Gebieten führte das zu reinen m ono­ strukturierten Landschaften mit klaren Funktionszuweisungen (hier L a ndw irt­ schaft, da Wald usw.). Die Vielfalt der Kul­ turlandschaft blieb dabei auf der Strecke: mit der Folge eines starken Rückgangs w ildlebender Pflanzen und Tiere, neben ei­ ner optischen Verarmung der Landschaft, die diese für den Menschen unattraktiv werden läßt. Ein w esentliches landschaftliches S truk­ turelem ent waren Obstbäume. Sie stan­ den entlang von Feldwegen und Straßen, auf Wiesen und in Gärten. Sie gehörten jahrhundertelang zum Bild der bäuerli­ chen K ulturlandschaft. O bstbäum e waren nicht nur eine gliedernde und ästhetische Bereicherung des Landschaftsbildes, son­ dern sie entw ickelten sich auch zu w e rtvo l­ len Lebensräumen für Insekten, Vögel und Kleinsäuger. Bis zur Jahrhundertwende waren O b st­ bäume immer Bäume, die alt und stattlich werden konnten. Sie wurden auf Sämlinge des Holzapfels, der Holzbirne oder der W ildkirsche veredelt und erhielten so die W uchseigenschaften, um zu Baum per­ sönlichkeiten heranzuwachsen, die auch widrigen Umständen und geringer Pflege standhalten konnten. Der O bstanbau erfolgte mehr oder w eni­ ger extensiv. Die Bäume standen dort, wo Platz war für einen Baumstamm und wo nach M öglichkeit der Boden unter den Bäumen noch anders genutzt werden konnte. Der Landbevölkerung diente das Obst zur Selbstversorgung. Überschüsse wurden auf den Märkten verkauft und w a­ ren o ft ein w ichtiger Nebenverdienst. In den letzten Jahrzehnten verlor diese A rt des Obstanbaus seine w irtschaftliche Be­ deutung. Gefragt war nur noch 100 % ma­ kelloses Obst, das einfach und maschinell zu ernten und zu unterhalten war. Solches Obst ist jedoch nur in Intensivkulturen mit den dam it verbundenen Nachteilen fü rd e n Naturhaushalt und das Landschaftsbild (Niederstam m kulturen, Herbizid-, Fungi­ zid- und Insektizideinsatz) zu erzeugen. Neben dem Verlust der w irtschaftlichen Bedeutung kam das mangelnde Interesse an der Verwertung des Obstes im privaten Bereich dazu. Damit erlosch eine Kultur­ form , die ganz nebenbei zu einem lebendi­ gen Landschaftsbild, zu einer D urchgrü­ nung der Dörfer führte und diese harm o­ nisch in die Landschaft einfügte. Mit den Obstbäum en verschwanden auch eine

Vielzahl von Pflanzen und Tieren, die sich seit Jahrhunderten an diese W irt­ schaftsweise angepaßt hatten. Und mit den Pflanzen und Tieren verschwand auch die Lebendigkeit der Dörfer. Unsere Dörfer wurden dam it eines Stückes Lebensquali­ tä t beraubt, die ihnen immer eigen gew e­ sen ist und die sie auszeichnete, des un­ m ittelbaren Kontaktes und des Erlebens der Natur.

Wenn heute w ieder O bstbaum hochstäm ­ me entlang von Feldwegen gepflanzt und O bstwiesen neu angelegt werden, wird da­ mit prim är kein w irtschaftlicher Zweck mehr verfolgt. Vielmehr soll dam it die alte Kulturform des extensiven Obstanbaues, mit ihren positiven W irkungen für Pflan­ zen, Tiere und vor allem auch für den Men­ schen, aufrechterhalten bzw. wieder her­ gestellt werden.

Diese Entwicklung machte auch vor dem Landkreis Gifhorn nicht halt. Der extensive O bstanbau hatte hier zwar nie die Bedeu­ tung und landschaftsbildprägende Wir­ kung wie z. B. in den hessischen M ittelge­ birgen oder in Süddeutschland; dennoch waren überall in den Dörfern und in der Feldmark Obstbäume zu finden. Die O bst­ bäume standen in den Gemüse- oder Bau­ erngärten, in den Jungviehweiden oder den Ausläufen für Hühner und anderes Ge­ flügel. Gelegentlich wurden auch im hof­ nahen Bereich reine Obstwiesen angelegt, die jedoch meist eine Größe von 1 ha nicht überschritten.

Vereinzelt werden heute w ieder O bst­ baum hochstäm m e im privaten und öffent­ lichen Bereich gepflanzt. So ergänzen und pflegen z. B. die Kreisstraßenmeistereien w ieder die wenigen erhalten gebliebenen Obstbaum alleen an den untergeordneten Straßen. Innerhalb von fünf Flurbereini­ gungsverfahren wurden im Landkreis G if­ horn im Frühjahr 1989 450 O bstbaum ­ hochstäm m e auf privaten und gem einde­ eigenen Flächen gepflanzt, davon allein 230 in Tülau-Fahrenhorst.

Obstbäum e um die Dörfer herum waren je ­ doch typisch für den Übergang zur freien Landschaft. In der Feldmark standen die Obstbäum e entlang den W irtschaftsw e­ gen und Straßen; teilweise auch entlang von Gräben und Bächen oder auf landw irt­ schaftlichen Restflächen. Dort waren sie meistens im Eigentum der Gemeinden oder Feldmarks- und Realverbände und wurden von diesen im Herbst m eistbie­ tend zum Selbstpflücken verpachtet oder »verkauft«. (Welche Gemeinde oder Inter­ essenschaft macht das heute noch?) Ein w esentliches Charakteristikum des ex­ tensiven Obstanbaues war die Arten- und Sortenvielfalt. Im Unterschied zu moder­ nen Intensivobstanlagen befanden sich d o rt meist nicht nur verschiedene O b st­ arten, sondern auch verschiedene O bst­ sorten. Die am häufigsten gepflanzte Obstart im Landkreis Gifhorn, wie in anderen Land­ kreisen auch, war der Apfel. Daneben w ur­ den Pflaumen, Zwetschen, Kirschen und Birnen gepflanzt. Die Frage, welche O bstsorten früher gepflanzt wurden und ob es für den Raum des Landkreises G if­ horn typische Lokalsorten gab, ist schon nicht mehr so leicht zu beantworten. Fest steht nur, daß die Sortenvielfalt früher w e ­ sentlich größer gewesen ist. So werden z. B. in einem Handbuch aus dem Jahre 1839 noch 878 verschiedene Apfelsorten genannt. Heute sind noch rd. 100 Apfelsor­ ten im Handel. Mit dem Niedergang des extensiven Obstanbaues verschwand die Sortenvielfalt, und dam it geriet ein Gen­ potential in Gefahr, das in jahrhundertelan­ ger Kulturarbeit entstanden war.

Ein in N orddeutschland einzigartiges Pro­ jekt ist jedoch die Neuanlage einer O bst­ wiese in W asbüttel (Abb. 1). Am südlichen Ortsrand von W asbüttel wurde im Novem­ ber 1988 mit der Pflanzung von 75 O bst­ bäumen der Grundstein für eine 26 000 qm große Obstwiese gelegt. Sie wird auf einer A ckerfläche angelegt, die sich 700 m lang und 20 m bis 70 m breit zwischen einer Siedlung aus den 60er Jahren und der Ho­ renriede, einem kleinen Bach, erstreckt. Wenn die Fläche vollständig bepflanzt ist, und das w ird im November 1989 sein, wer­ den dort 250 O bstbaum hochstäm m e ste­ hen. Überwiegend werden es Apfelbäume sein; daneben aber auch Birnen, Pflaumen und Kirschen. Um den B iotopw ert der Flä­ chen noch zusätzlich zu steigern, werden 1500 Sträucher gepflanzt, die zu Hecken und kleinen Feldgehölzen heranwachsen sollen, ferner einige Eichen und Linden, um in ca. 50 bis 80 Jahren großkronige Bäume am Dorfrand zu haben, und Lese­ stein- und Totholzhaufen angelegt, um Un­ terschlupf und Ü berw interungsm öglich­ keiten für Igel, Eidechsen, Erdkröten und viele andere Tierarten zu bieten. Doch nicht nur für den Naturschutz ist die Obstwiese in Wasbüttel eine einzigartige Anlage. Es werden dort, wenn alle O bst­ bäume gepflanzt sind, rund 100 alte O bstsorten zu finden sein. Damit soll ein in jahrhundertelanger Kulturarbeit erschaffe­ nes G enpotential, und vor allem auch Ge­ schm ackspotential, erhalten werden, das, wie viele Pflanzen und Tiere auch, vom Aussterben bedroht ist. Wer kennt heute noch A pfelsorten wie Adersiebener Calvill, Ananasrenette, Schöner aus Nordhausen oder W interbanane? Sorten, die schon jetzt auf der W asbütteler Obstwiese ste­ hen.

Hermann • Obstbäume sind Lebensräume

Viele Städte und Dörfer versuchen, ihre Siedlungsränder mit Heckenpflanzungen einzugrünen, um sie besser in die umge­ bende Landschaft einzubinden. Ein Ver­ such, der nicht immer befriedigende Er­ gebnisse bringt. Mit der Obstwiese hat W asbüttel eine O rtsrandeingrünung erhal­ ten, wie man sie sich schöner nicht vorstel­ len und wie sie dorfgerechter nicht sein kann. Sie spiegelt die für den Landkreis Gifhorn typische A bfolge der Eingrünung alter, intakter Dorfränder wider: Hofstelle, mit Obstbäumen bestandene Gärten, Ge­ flügelausläufe und Jungviehweiden, Ei­ chenhaine und Hecken und dann die o f­ fene Landschaft mit ihren Wiesen und Äckern.

Die Fläche für die Obstwiese wurde im Rahmen des Flurbereinigungsverfahrens Wasbüttel von der örtlichen Landw irt­ schaft zur Verfügung gestellt, um darauf ein Biotop anzulegen. Die Idee, dort eine Obstwiese anzulegen, w arsehr schnell ge­ boren, zumal 1988 der Wendehals, ein für Obstwiesen und lockeren Gehölzbestand typischer Vogel, »Vogel des Jahres« war. In Zusammenarbeit mit dem Vorstand des Flurbereinigungsverfahrens, der Gem ein­ de Wasbüttel, der Kreisgruppe Gifhorn des Deutschen Bundes für Vogelschutz, dem Landkreis Gifhorn und dem Am t für Agrar­ struktur Braunschweig als Flurbereini­ gungsbehörde wurde ein Konzept erarbei­ tet, um die Obstwiese entstehen zu lassen.

5

W esentlich zum Gelingen beigetragen hat eine vom Deutschen Bund fü r Vogelschutz ins Leben gerufene P atenschaftsaktion. Für jeden der 250 O bstbäum e wurde eine Patenschaftsurkunde verkauft, m it der der Pate das Projekt einmalig finanziell unter­ stützte und das Recht erw arb, das Obst »seines« Baumes lebenslang selbst zu ernten. Ein w eiterer w esentlicher Punkt zum Gelin­ gen der W asbütteler O bstw iese war aber auch die B ereitschaft der Kreisgruppe G if­ horn des Deutschen Bundes für Vogel­ schutz, die Fläche langfristig zu unterhal­ ten. Denn mit dem Pflanzen der O bstbäu­ me ist es nicht getan. O bstw iesen sind kei­ ne Biotope, die sich selbst überlassen blei-

6

NNA-Berichte 3/1,1990

ben können, sondern es sind K ulturflä­ chen, die zwar einen hohen B iotopw ert be­ sitzen, aber auch regelmäßiger Pflege und U nterhaltung bedürfen. Die O bstw iese in Wasbüttel ist ein Beispiel dafür, wie durch das positive Zusam m en­ w irken von vielen Stellen Zeichen gesetzt werden, die w eit über die G em eindegren­ zen hinaus wirken können, und ein Lehr­

stück dafür, wie in Zusammenarbeit mit Landwirten, Naturschutzverband, Bür­ gern, Behörden und Gemeinde Natur­ schutz und Landschaftspflege vor Ort ver­ w irklicht werden kann.

A nschrift des Verfassers:

Bleibt zu hoffen, daß es auch in anderen Gemeinden zu solch einer guten Zusam ­ menarbeit kommt, damit unsere Land­ schaft für Pflanzen und Tiere, aber auch für

Dipl.-Ing. Klaus Hermann Am t für Agrarstruktur, Braunschweig Postfach 11 80 3300 Braunschweig

den Menschen selbst, attraktiv und leben­ dig erhalten werden kann.

Kartierung von Streuobstbeständen Von Wolfram Guhl Einleitung Seit Ende vergangenen Jahres bin ich im Rahmen einer AB-M aßnahm e bei der Be­ zirksregierung Hannover beschäftigt. M ei­ ne A rbeit besteht im wesentlichen aus zwei Schwerpunkten: - Erfassung alter O bstsorten im Regie­ rungsbezirk Hannover, - Erfassung von Beständen hochstäm m i­ ger O bstbäum e (hierauf will ich im Rah­ men dieses Referats näher eingehen). Darauf aufbauend soll ein Programm für Maßnahmen zur Erhaltung und Förderung des H ochstam m obstbaus in der freien Landschaft erarbeitet werden. Ein beson­ deres Anliegen hierbei ist die Erhaltung bzw. verstärkte W iederverwendung alter B aum obstsorten, wobei in erster Linie ro­ buste, pflegeleichte Sorten Beachtung fin ­ den sollen. Der zeitliche Rahmen für die gesamte Tä­ tig ke it ist auf zwei Jahre festgesetzt. Der gegenw ärtige Z eitpunkt wäre für einen um fassenden Erfahrungsbericht noch e t­ was verfrüht. Daher konzentrieren sich meine Ausführungen zunächst auf die lau­ fenden Tätigkeiten. Zu Beginn meiner Arbeit stellte sich das Problem, das Aufgabenfeld nach inhaltli­ chen und räum lichen Kriterien sinnvoll zu begrenzen. Die erste Abgrenzung bestand darin, eine Erfassung von H ochstam m ­ obstbäum en auf die freie Landschaft zu beschränken. Eine Erfassung von H och­ stam m obstbäum en im besiedelten Be­ reich wäre - auch im Hinblick auf O bstsor­ ten - sicherlich sehr interessant, ist aber - bezogen auf einen größeren Bereich m it zuviel Schwierigkeiten und mit einem zu hohen Zeitaufw and verbunden. Ein Blick in die statistischen Angaben über den Obstbau in Niedersachsen im Jahre 1965 zeigt, daß es in Haus- und Kleingär­ ten (Standortgruppe III) damals w eit mehr O bstbäum e gab als in der freien Feldflur (S tandortgruppe II). Zwar ist die Zahl der hochstäm m igen O bstbäum e insgesamt seither stark zurückgegangen, doch d ü rf­ te das M engenverhältnis zwischen beiden S tandortgruppen ungefähr gleich geblie­ ben sein. Eine weitere Abgrenzung betrifft den räum lichen Tätigkeitsbereich. Angesichts der in einigen Bereichen des Regierungs­

bezirks Hannover noch relativ zahlreich anzutreffenden Obstbäume in der freien Landschaft beschränkt sich die Erfassung zunächst auf einen Landkreis, den Land­ kreis Hildesheim. Ausschlaggebend hierfür waren die Viel­ gestaltigkeit der Landschaft in diesem Be­ reich und das Interesse der unteren Natur­ schutzbehörde an meinem Vorhaben, zu­ mal für den Bereich des Landkreises Hil­ desheim die Erstellung eines Landschafts­ rahmenplanes sich in der Vorbereitungs­ phase befindet. Zumindest im Rahmen der Bestandsaufnahme sollen hierbei auch Bestände hochstäm miger Obstbäume be­ rücksichtigtw erden.

A usw ertung von CIR-Luftbildern (CIR = C olor Infrarot) Im H inblick auf die Bestandsaufnahme für den Landschaftsrahmenplan im Landkreis Hildesheim wurden im Jahre 1987 CIRLuftbilder erstellt, auf denen der jew ei­ lige Landschaftsausschnitt im Maßstab 1:10 000 wiedergegeben ist. In Nord-SüdRichtung aufeinanderfolgende Luftbilder überschneiden sich zu ca. 6 0 % . Dadurch ist eine stereoskopische Auswertung m öglich. Obstbäum e sind auf CIR-Luftbildern in den meisten Fällen gut zu erkennen auf­ grund - ihrer mehr oder weniger regelmäßigen Anordnung - ihrer in ausgewachsenem Zustand ver­ gleichsweise geringen Höhe - ihrer meist etwas schütteren und unre­ gelmäßig geformten Krone - ihrer im Vergleich zu anderen Laub­ baumarten (insbesondere Linde) etwas blässeren Farbwiedergabe. Unsicherheiten können auftreten bei der Erfassung von Kirschbaumalleen (Ver­ w echslungsm öglichkeit mit Ahorn) und bei großkronigen Birnbäumen, die jedoch nur sehr selten in Reinbeständen Vorkommen. Nicht immer leicht zu erkennen sind brach­ liegende Obstwiesen in fortgeschrittenem Verbuschungsstadium - Bestände, die für den Naturschutz häufig von hoher Bedeu­ tung sind. Für die Auswertung der knapp über 1000 C IR -Luftbilder benötigte ich ca. 60 Ar­ beitsstunden.

»Kartierbogen Obst« für die Geländearbeit Da auf dem C IR -Luftbild nur w enige w e­ sentliche Merkmale eines O bstbaum be­ standes zu erkennen sind, erstellte ich ei­ nen Kartierbogen für eine N achuntersu­ chung der O bstbaum bestände im Gelän­ de. Besonders w ichtige Kriterien zur Cha­ rakterisierung eines O bstbaum bestandes sind O bstartenspektrum , Dimension und G esundheitszustand der Bäume sowie de­ ren Pflegezustand und Besonderheiten, z.B . natürliche Baumhöhlen. A ber auch die Bodenvegetation kann hierm it erfaßt werden (Abb. 1). Insbesondere bei der Be­ gutachtung von Streuobstwiesen kann dies von Interesse sein. Aus der S icht des Naturschutzes sind Obstwiesen auf nicht zu stickstoffreichen Standorten mit artenund blütenreicher Bodenvegetation höher zu bewerten als Obstwiesen mit nur w eni­ gen, meist stickstoffzeigenden Arten in der Bodenvegetation. Eine arten- und blü­ tenreiche Pflanzenwelt begünstigt eine ar­ tenreiche Tierwelt, v. a. ein reichhaltiges Insektenleben. Durch das Vorhandensein weiterer Gehöl­ ze kann in Obstbaum beständen die Struk­ tur- und Artenvielfalt erhöht werden, so­ lange die O bstbäum e dadurch nicht ge­ schw ächt werden und nicht ihre Funktion als Lebensraum für Tiere gem indert wird. Auch dieser Aspekt soll anhand des Kar­ tierbogens beurteilt werden können. Die Aufmachung und Gliederung des Kar­ tierbogens Obst erfolgte in Anlehnung an die Geländebögen, die das Niedersächsi­ sche Landesverwaltungsam t - Fachbe­ hörde für N aturschutz - für die Beschrei­ bung von Biotopen unterschiedlichen Typs benutzt, w elche aus landesweiter Sicht als schutzw ürdig erachtet werden.

Kontaktaufnahm e m it G em ein­ den und N aturschutzverbänden Vor Beginn der Geländearbeiten hielt ich es für sinnvoll, telefonisch Kontakt mit den einzelnen Gemeinden aufzunehmen, um über Sinn und Zweck meines Vorhabens zu informieren. Einige Gemeinden zeigten erstaunlich großes Interesse und äußerten

Guhl • Kartierung von Streuobstbeständen

Obst

K a r tie r b o g e n Obstbaumbestände/Hochstämme A

TK 50 Nr. L Datum:

Erfassungseinh.

S ta n d o rt

Bemerkungen CH

1) Landkreis/kreisfreie Stadt 3) Höhe über NN mittl./min.

2) Naturräumliche Einheit

4) Vorherrschende Geländeneigung (großflächig) 1 2 ± horizontal (< 5°) CH CH

max.

5) Relief (kleinflächig) ± eben

CH

bewegt

CH

6) Exposition

W

7) Situation

innerörtliche Lage

B

CH

3
CH CH

s stark geneigt (> 30°)

CH CH

NW

N

NO

0

SO

S

SW

freie Landschaft



Straßenrand



Böschung



Ortsrand



Wegrand



Hanglage



Haus/Hof außerhalb Ortslage



stark befestigter Weg



(Hoch-) Ebene



Fluß-/Talniederung



C h a r a k t e r is i e r u n g d e s O b s t b a u m b e s t a n d e s ( H o c h s t ä m m e )

1) Anordnung der Obstbäume

s. Bemerkungen CH

2) Bestandsgröße (geschätzt)

einzeln



an Verkehrswegen:

linear



einseitig

3) Abstände zwischen den Obstbäumen 1 2 1 2 unter 8 m CH CH ± regelmäßig CH CH

Länge (m)

CH

ca. 10 m

CH CH unregelmäßig

CH CH

über 12 m

CH CH Lücken

CH CH

Fläche (ha) flächig



4) Obstbäume

beidseitig

CH

a) Anzahl

b) Stammdurchmesser (cm) < 10 10-25 25-40 1 2 1 2 1 2 □ □ □ □ □ □

Apfel

> 40 1 2 □ □

c) Erscheinungsbild geschwächt bzw. krank gesund 1 2 1 2 □ □ □ □

abgängig bzw. abgestorben 1 2 □ □

Birne





























Zwetsche/(Pflaume





























Süßkirsche





























Walnuß

























































5) Pflegezustand

6) Besonderheiten

7) Nachgewiesene Sorten

Baumschnitt



stattliche Exemplare



Biolog. Schädlingsbekämpfung



natürliche Baumhöhlen



Bestand vernachlässigt



Flechten, Moose, Pilze an Bäumen □

C

N u t z u n g e n , L a n d s c h a f t s s t r u k t u r e n im B e r e ic h d e r E r f a s s u n g s e i n h e it

1) Bodennutzung 1 □

Grünland, intensiv

2 □

s. Artenliste Bodenvegetation



Grünland, brachliegend



s. Bemerkungen □

2) Gehölze (neben Hochstammobstbäumen) s. Artenliste Gehölze



□ 1 □

2 □

Grünland, extensiv





Nutzgarten





Grünland, gemäht





Ziergarten





Hecke, naturnah





Grünland, beweidet





Acker





Verbuschung, schwach-mäßig









1 □

2 □









stark

3) Besondere Landschaftselemente (s. Artenliste Bodenvegetation) 1 2 □ Quellige Standorte Mesophiles Grünland □ □

Halbtrockenrasen Hochstauden-reiche Brache D



□ □

a) Bäume

Feldraine



Natursteinmauer

b) Hecke, Gartentyp



Ziergehölze





Niederstämmige Obstbäume





B a u lic h e A n la g e n im B e r e ic h d e r E r f a s s u n g s e i n h e it

Gartenhaus, Gerätehütte

CH

Wochenendhaus

CH

Zaun

s Bemerkungen □ CH

Steinterrasse

1 = großftächig/zahlreich

CH

2 = kleinflächig/wenig

7

8

Guhl • Kartierung von Streuobstbeständen

E Besondere Aspekte der Landespflege 1) Schutzstatus NSG □ gepl. NSG □

ND □

3) Beeinträchtigungen Obstbaumbestand vernachlässigt (vgl. B4c, B5)

4) Biotopqualität: (Bewertungsschlüssel s. u.)

LSG □



gering □ mittel □ hoch □

6) Vorschläge zur Pflege und Entwicklung Obstbaumpflege verbessern □ Extensivierung Bodennutzung □

s. Bemerkungen CH GLB □

CHs. letzte Seite CHs. letzte Seite

2) a) Vorkommen gefährdeter Pflanzenarten b) Angaben zur Tierwelt

Überdüngung Überweidung Häufige Mahd

□ □ □

Bauliche Anlagen (vgl. D) Standortfremde Gehölze Isolation (vgl. G, H) Lagerung von Abfall

□ □ □ □

7) Nachuntersuchungen Obstsorten Flora/Fauna

□ □

5) Bedeutung für das Landschaftsbild: gering □ mittel CH hoch CH

Ergänzungspflanzungen Obstbäume Gehölzpflanzungen Umgebung

□ □

F Angaben zum Flurstück (Auszug Liegenschaftskataster) Katasteramt:

Flur:

Gemeinde:

Flurstück Nr:

Gemarkung:

Fläche (ha):

s. Bemerkungen CH Eigentümer:

Pächter:

Pachtpreis:

Kaufpreis:

s. Bemerkungen CH

G Nutzungen, Landschaftsstrukturen in angrenzenden Bereichen 1) Bodennutzung

2) Gehölze

Grünland, intensiv Grünland, extensiv Grünland, brachliegend Acker Gartenanlagen

□ □ □ □ □

□ □ □ □ □

3) Besondere Landschaftselemente 1 □ □ □ □

Mesophiles Grünland Halbtrockenrasen Natursteinmauem Feldraine

2 □ □ □ □

1 □

a) Wald, natumah Ufergehölze, naturnah Einzelbäume Baumreihen (an Straßen, Wegen) Hecken, Feldgehölze Streuobstbestände: linear flächig b) Forstflächen, naturfem gepflanzte Pappeln Ziergehölze und Gartenhecken niederstämmige Obstkulturen

1 □

2 □

geschlossene Wohnbebauung



gewerblich, industriell genutzte Fläche



stark befahrene Straße

1 = großflächig/zahlreich

Bewertungsschlüssel für die Biotopqualität (E4) 1. Anzahl der Obstbäume / Fläche der Erfassungseinheit:









































Bemerkungen CH

H Raumwirksame bauliche Anlagen in der Umgebung Garten- und/oder Wochenendhäuser

2 □

□ 2 = kleinflächig/wenig

Wertpunkte unter 10 / unter 0,1 ha © 10-100/0,1-1 ha © über 100 / über 1 ha ® 2. Erscheinungsbild Obstbaumbestand: überwiegend schwachwüchsig bzw. kränkelnd © normal, wenige kränkelnde oderstattliche Obstbäume © vital, mehrere stattliche Obstbäume © 3. Anteil Zusatzstrukturen / Vielfalt Pflanzenarten: gering © mäßig © hoch © Wertstufen Biotopqualität: gering = 3-4; mittel = 5-6; hoch = 7-9 Wertpunkte Summe: Hohe Werteinstufung prinzipiell unter folgenden Voraussetzungen: — Vorkommen seltener Obstsorten — Vorkommen gefährdeter Pflanzen-, Tierarten, seltene Ökosystemtypen — Hoher Deckungsgrad von Pflanzenarten mit »mäßigen« Nährstoffansprüchen.

Guhl • Kartierung von Streuobstbeständen

Artenliste Gehólze □ Acer campestre □ Acer pseudoplatanus □ Betula péndula □ Carpinus betulus □ Cornus sanguínea □ Corylus avellana

9

Weitere Arten: □ □ □ □ □ □

Artenliste Bodenvegetation □ Achillea millefolium □ □ Aegopodium podagraria □ □ Agrimonia eupatoria □ □ Ajuga reptans □ □ □ Alopecurus pratensis □ Alliumvineale □ □ □ Anemone nemorosa □ Anthoxanthum odoratum □ □ Anthriscus sylvestris □ □ Anthyllis vulneria □ □ Arrhenatherum elatius □ □ Artemisia vulgaris □ □ Astragalus glycyphyllos □ □ Brachypodium pinnatum □ □ Briza media □ □ Bromus erectus □ □ Campanula patula □ □ Campanula rotundifolia □ □ Cardamine pratensis □ □ Carex flacca □ □ □ Carlina vulgaris □ Centaurea jacea □ □ Centaurea scabiosa □ □ □ Cerastium holosteoides □ Cirsiumarvense □ □ Clinopodiumvulgare □ □ Crepsis biennis □ □ □ Cynosurus cristatus □ □ Dactylis glomerata □ Daucus carota □

Crataegus spec. Fraxinus excelsior Fbpulus trémula Prunus spinosa Rosa canina Quercus robur/pet.

□ Sambucus nigra □ Viburnumopulus

Euphorbia cyparissias Festuca ovina Festuca pratensis Galeopsis tetrahit Galiumalbum Galiumaparine Geraniumpratense Geranium pyrenaicum Glechoma hederacea Heracleumsphondylium Hypericum perforatum Knautia arvensis Lamium album Lamium maculatum Lathyrus pratensis Linaria vulgaris Leontodón autumnalis Leucanthemumvulgare Loliumperenne Lotus corniculatus Luzula campestris Ononis spinosa Ononis repens Origanumvulgare Pastinaca sativa Phleumpratense Pimpinella major Pimpinella saxífraga Plantago lanceolata Plantago major

□ □ □ □ □ □ □ □ □ □ □ □ □ □ □ □ □ □ □ □ □ □ □ □ □ □ □ □ □

□ Clematis vitalba □ Rubus fruticosus □ Zwetschen-Schößlinge Weitere Arten: Poa pratensis Potentilla reptans Primula elatior Primula veris Prunella vulgaris Ranunculus acris Ranunculus ficaria Ranunculus repens Rhinanthus minor Rumex acetosa Salvia pratensis Sanguisorba minor Scabiosa columbaria Silene vulgaris Solidago virgaurea Stellaria gramínea Tanacetumvulgare Taraxacumofficinale Thymus pulegioides Tragopogón pratensis Trifoliummedium Trifoliumpratense Trifoliumrepens Trisetumflavescens Urtica dioica Veronica chamaedrys Vicia cracca Vicia sepium Viola odorata

¡>3 Art dominant [>3 : ± zahlreich (7) : vereinzelt G e fä h rd e te P fla n z e n a rte n :

A n g a b e n z u r T ie rw e lt:

B e m e rk u n g e n : Abb. 1.

Kartierbogen OBST.

den Wunsch nach einem persönlichen Ge­ spräch, das in einzelnen Fällen schon stattgefunden hat. Dabei wurde jeweils vereinbart, nach Abschluß der Gelände­ kartierung die jeweilige Gemeinde über die Ergebnise in Kenntnis zu setzen, die Ö ffentlichkeit in geeigneter Weise zu infor­ mieren und künftige Maßnahmen gem ein­ sam zu erörtern. Die Verwirklichung von Maßnahmen zur Er­ haltung des landschaftsprägenden Streu­ obstbaus hängt in starkem Maße vom In­ teresse und W ohlwollen der Gemeinden ab, weil auf dieser Ebene am ehesten eine entsprechende Sensibilisierung des ein­ zelnen Bürgers erreicht werden kann. Des­ halb lege ich großen Wert darauf, beste­ hende Kontaktezu Gemeinden aufrechtzu erhalten.

Ein ganz w ichtiger Faktor bei der Erhal­ tung von hochstäm migen Obstbäumen ist die Arbeit von Naturschutzverbänden. Im Landkreis Hildesheim zeigen die BUNDKreisgruppe und der O rnithologische Ver­ ein Hildesheim schon seit einigen Jahren großes Engagement, indem u.a. einige wertvolle Streuobstwiesen in Obhut ge­ nommen worden sind und nun sachge­ recht gepflegt werden.

Die Geländebegehung Die Kartierung von O bstbaum beständen im Gelände anhand des Kartierbogens Obst bildet momentan den Schwerpunkt meiner Arbeit. Für eine effektive Durchfüh­ rung der Kartierung ist die Benutzung ei­ nes Pkw ’s unerläßlich. Obstbaumreihen an Wegen und Straßen, wie sie für den

nördlichen Bereich des Landkreises H il­ desheim teilweise noch charakteristisch sind, lassen sich bequem vom Auto aus er­ fassen. Etwas zeitaufw endiger gestaltet sich die Kartierung von Streuobstwiesen.

Darstellung auf Karten Nach Abschluß der G eländebegehung werden die Ergebnisse in einer Über­ sichtskarte im Maßstab 1:50 000 darge­ stellt. Dieser Maßstab ist für den überw ie­ genden Teil des Landkreises Hildesheim ausreichend groß für die Darstellung. Für einige Bereiche, in denen S treuobstbe­ stände gehäuft Vorkommen (z. B. an den Hängen des südlichen Leinetals), werden die Kartierergebnisse noch gesondert im Maßstab 1:10 000 dargestellt.

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Guhl • Kartierung von S treuobstbeständen

Die meisten O bstbaum bestände befinden sich in einem schlechten Pflegezustand. Viele O bstbäum e zeigen infolge der schlechten Pflege und aufgrund ihres A l­ ters Anzeichen eines bald bevorstehenden A bsterbens. Es kom m t deshalb w esent­ lich darauf an, noch existierenden O bst­ baum beständen wenigstens ein Minimum an Pflege zukommen zu lassen (insbeson­ dere Ausschneiden dürrer Äste, wenn die Krone zu dicht und zu wenig luftdurchläs­ sig geworden ist) und jede M öglichkeit zu nutzen, Obstbäum e nachzupflanzen.

S chlußbetrachtung

Bei isoliert gelegenen Streuobstparzellen sollte die Isolation durch Neupflanzung von Obst­ bäumen und/oder Feldgehölzen entlang von Wegen gemindert werden (Foto: Landkreis Hildesheim, Guhl).

A bb. 2.

Der Landkreis Hildesheim hat im Hinblick auf die Auswertung der C IR -Luftbilder für den Landschaftsrahm enplan, die für das gesamte Kreisgebiet vorhandenen Deut­ schen Grundkarten auf den Maßstab 1:10 000 verkleinern lassen. Wäre dies nicht der Fall, so wäre für meine Arbeit der Maßstab 1:5000 als Kartengrundlage in Frage gekommen.

A usblick Nach Abschluß der Bestandsaufnahm e­ phase wird die Auswertung erfolgen mit dem Ziel, den künftigen Handlungsbedarf für Maßnahmen zur Erhaltung des land­ schaftsprägenden Streuobstbaus aufzu­ zeigen. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt läßt sich so vie l sagen:

Bestände hochstäm m iger Obstbäum e er­ füllen w ichtige Funktionen im N aturhaus­ halt und beleben das Landschaftsbild. Als eigenständige Landschaftselem ente sind sie durch andere Gehölzformationen, z. B. Hecken- und Feldgehölze, nur bedingt zu ersetzen. Ein Verlust an alten hochstäm m i­ gen Obstbäum en ist ein Verlust an land­ schaftlicher Vielfalt. Um diesen Verlust auszugleichen, wird - wie bereits betont wurde - die Nachpflanzung von H och­ stam m obstbäum en schon zum jetzigen Z eitpunkt zur vordringlichsten Maßnah­ me. Dabei sind u.a. folgende Aspekte zu berücksichtigen: -

Die Neuanlage von Beständen hoch­ stäm m iger Obstbäume sollte in 1. Linie in Kontakt mit bereits bestehenden An­ lagen vorgenommen werden. Ein Erhalt der spezifischen Lebensgem einschaf­ ten wird auf diese Weise besser gewähr­ leistet als durch Neuanlage auf isolier­ ten Standorten. - Bestehende O bstbaum bestände in iso­ lierter Lage sollten in unm ittelbarer N achbarschaft durch Obstbaumreihen u n d /o d e r andere Gehölzformationen ergänzt werden. Nach M öglichkeit soll ein Verbund mit weiter entfernten Ge­ hölzform ationen hergestellt werden. Es ist ein Ziel landespflegerischer Bem ü­ hungen, ein m öglichst engmaschiges Netz von Biotopen gleichen, ähnlichen und unterschiedlichen Typs in der Kultur­ landschaft w ieder herzustellen. Bestände hochstäm m iger Obstbäume sind w ichtige Elemente in einem solchen Verbundsy­ stem.

A nschrift des Verfassers: In Bereichen mit intensiver ackerbaulicher Nutzung kommt der Erhaltung und der Neuanlage von Obstbaumreihen entlang von Feldwegen eine große Bedeutung zu (Foto: Guhl).

A bb. 3.

Dipl.-Ing. Wolfram Guhl Klusmannstraße 7 3000 Hannover 91

N N A -B erichte 3 /1,1990

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Obstbaum program m Landkreis Schaumburg Von U lrich Tack Streuobstbestände prägen auch heute noch den Charakter vieler Orte im Land­ kreis Schaum burg. Noch gliedern die Streuobstwiesen die vielfach einförmig gewordenen Landschaften und setzen Ak­ zente. Dieses war fürunsA nlaß genug, uns mit dem Erhalt und der Pflege der O bst­ bäume und Obstwiesen im Landkreis Schaumburg näher zu befassen. Unsere Zielsetzung orientierte sich daran, trotz personeller und zeitlicher Beschrän­ kung ein m öglichst effektives Konzept zu erarbeiten, das den Typ »Streuobstwiese« erhält. W issenschaftliches Arbeiten mit ausge­ feilten U ntersuchungsm ethoden war nicht möglich, da dieses für uns zu personalund zeitaufw endig gewesen wäre. Im übri­ gen ist die S chutzw ürdigkeit aller noch vorhandenen O bstbaum bestände inzwi­ schen ausreichend belegt. So sehr w ir ger­ ne eine Kartierung alter Sorten durchge­ führt hätten, mußte dieses ebenfalls aus zeitlichen und personellen Gründen zu­ rückgestellt werden. Vorrang sollte zu allererst der Erhalt des B iotoptypes an sich haben. Zunächst galt es, bei der Entwicklung des Programmes einen Ü berblick über den vorhandenen Bestand, über die Größe der Obstwiesen und den Gesundheitszustand zu bekomm en. Hierzu wurden zunächst Luftbilder aus den Zeiträumen 1980 bis 1987 herangezogen. Es wurden nur größe­ re Bestände mit mindestens einem Dut­ zend Bäumen erfaßt, da sonst auch säm tli­ che Einzelbäume in den Hausgärten mit einzubeziehen gewesen wären. Dieses hätte zweifellos den Gesamtrahmen ge­ sprengt. Im Anschluß an die Luftbildausw ertung er­ folgte eine örtliche Überprüfung der fe st­ gestellten Bestände m it Aufnahme des Zu­ standes, Gesundheitszustandes, der Art und der Lage und der Struktur der angren­ zenden Biotope. Ziel dieser örtlichen Überprüfung war es, Gefährdungen zu er­ kennen und gegebenenfalls S ofortm aß­ nahmen einzuleiten. Diese örtliche Erfas­ sung sollte repräsentativ sein, mußte m ög­ lichst in 1 -2 Jahren erfolgen und die be­ sonders schutzw ürdigen Obstwiesen dar­ stellen, die dann m öglicherweise geson­ dert einer Schutzverordnung unterworfen werden. Wenn der Erhalt der Obstwiesen gesichert ist, kann in einem späteren Arbeitsgang ei­ ne genauere Kartierung erfolgen, ohne dem Druck der Beseitigung allzu stark aus­ gesetzt zu sein. Die Maßnahmen zum Er­ halt der Obstwiesen müssen an der Ge­ fährdung ansetzen. Als Ergebnis einer ersten Auswertung kri­ stallisierten sich im w esentlichen vier Hauptgefährdungsm erkm ale heraus:

1. Die Überalterung Der überwiegende Anteil der Obstbäum e im Landkreis Schaumburg hat ein A lter von 30 und mehr Jahren erreicht. In der Z eit­ spanne 0 -3 0 Jahre sind fast keine O bst­ bäume vorhanden, so daß der natürliche Abgang die H auptgefährdung zur Zeit dar­ stellt. 2. Ausfall der Nutzung Eine zweite, fast ebenso große Gefähr­ dung, die sich im Landkreis Schaumburg jedoch noch nicht in der Form abzeichnet, ist der Ausfall der Nutzung von Obst, im wesentlichen für M ostzwecke. Noch be­ steht im Landkreis Schaumburg die M ög­ lichkeit, im relativ dichten Netz der O b st­ annahmestellen Obst, vorw iegend Äpfel, abzugeben und dafür Saft zu erhalten. Wenn auch der Ernteaufwand für M ost­ obst deutlich geringer als beispielsweise für Tafelobst ist, muß leider dam it gerech­ net werden, daß nachfolgende G eneratio­ nen an dieser Nutzung wenig Interesse ha­ ben. 3. Aufgabe landw irtschaftlicher Betriebe Der überwiegende Teil der O bstbaum be­ stände liegt in unm ittelbarer Hofnähe land­ w irtschaftlicher Betriebe. Bei Aufgabe der landwirtschaftlichen Betriebe wird in der Regel auch der O bstbaum bestand aufge­ geben und nur die landw irtschaftlichen Flächen werden w eiterverpachtet. Die Obstwiesen werden dann nicht mehr ge­ pflegt und gehen durch natürlichen A b ­ gang der Bäume zurück. 4. Wegfall der Lohnmosterei Als weitere Gefährdung muß die m ögliche Aufgabe des Mostens angesehen werden. Im Landkreis Schaumburg wird durch zwei große Obstbetriebe, von denen einer im Landkreis ansässig ist, eine Obstannahme und Lohnmostung durchgeführt. Sollte sich hier im Verbraucherverhalten ein verstärkter Trend zu Limonaden und exotischen Säften fortsetzen, der zu La­ sten des heimischen Apfelsaftes geht, so wird dieses zweifellos auch Auswirkungen auf den Bestand an Obstwiesen haben. Zusammenfassend ist festzustellen, daß die Situation der O bstbaum bestände im Landkreis Schaumburg z. Z. gar nicht so schlecht ist. Der Rückgang der O bstw ie­ sen wie auch der O bstbäum e ist längst nicht so drastisch wie angenommen. Deutlich wurde jedoch auch, daß eine rei­ ne Unterschutzstellung die O bstbaum be­ stände nicht erhalten kann. Da O bstbäu­ me im Gegensatz zu vielen W ildgehölzen deutlich mehr Pflege brauchen, die der Landkreis nicht im benötigtem Umfang er­ bringen kann, ist der Kontakt mit den O b st­ besitzern und die M otivation der Nutzer besonders wichtig. Eine pauschale Unter­ schutzstellung beseitigt noch nicht die

Hauptgefahren. Entsprechend dieser er­ kannten Gefahren sind G egenm aßnah­ men einzuleiten bzw. wurden schon einge­ leitet. Als größte Gefahr wurde die Ü beral­ terung erkannt. Bereits vor zwei Jahren, noch vor Abschluß eines fertigen Konzep­ tes, wurde daher dam it begonnen, kosten­ lose Abgaben von Pflanzgut alter O bstsor­ ten durchzuführen. Auf dafür geeigneten kreiseigenen Flächen wurden O bstwiesen neu angelegt und bestehende Wiesen er­ gänzt. In Zusam m enarbeit m it einer Ge­ meinde wurde bereits ein O bstlehrpfad er­ richtet, größtenteils mit Neuanpflanzun­ gen. Die Bäume sind hier beschildert, so daß der Besucher sich später hier einen Ü berblick über Sorten, aber auch Ge­ schm ack der Früchte verschaffen kann. W erbung für Obstbäum e und O bstsäfte sowie weitere Ö ffentlichkeitsarbeit über die Schutzw ürdigkeit von O bstbeständen sind ebenfalls ein w ichtiger Teil unseres Konzeptes. Auf W irtschaftsschauen und Ausstellungen, auf denen der Landkreis vertreten ist, werden daher die sich bieten­ den M öglichkeiten genutzt. Die geplanten und erforderlichen Maßnah­ men nochmals in einer Aufstellung: - Kostenlose Abgabe von Pflanzgut alter Sorten - Ausweisung besonders bedeutender Wiesen als G eschützter Landschaftsbe­ standteil - Anpachtung von S treuobstwiesen, die aus der Nutzung zu fallen drohen - Erhalt der Lohnmosterei - Werbung für Obstbäum e und O bstsäfte - Neuanlage von Obstwiesen - Einrichten von O bstlehrpfaden - Ö ffentlichkeitsarbeit

A nschrift des Verfassers: Dipl.-Ing. Ulrich Tack Landkreis Schaumburg Jahnstraße 20 3060 Stadthagen

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N N A -B e r ic h te 3 /1 ,1 9 9 0

Alte Obstsorten in der Lüneburger Heide und ihre Erhaltung an der Norddeutschen Naturschutzakademie Von C h ris to p h K o ttru p

Einleitung Obstpflanzungen in der Landschaft sind im letzten Jahrzehnt zu einem w ichtigen Thema des Natur- und Landschaftsschut­ zes geworden. Warum? Oft beschrieben wurde die Vielfalt dieses Kulturbiotops und sein Wert für den A rten­ schutz, bekannt sind auch positive Funk­ tionen in der heutigen Agrarlandschaft vom Boden- und Erosionsschutz bis hin zur Verbesserung des Lokalklimas. Prak­ tischer veranlagte Menschen schätzen Obstwiesen wegen ihrer ungespritzten Früchte, die sich zudem hervorragend zur Verwertung eignen. Neben diesen Grün­ den steht hinter dem Interesse am Streuobstbau m. E. auch noch m e h ra lsd ie nostalgische Erinnerung an bäuerliche Landw irtschaft oder der immer seltener w erdende A nblick knorriger Apfel-Alleen. Vielleicht ist es die tiefe Zuneigung zu ra u fgelockerten Baum landschaft, die schon solange in uns steckt, seit unsere Vorfah­ ren in der Savanne den aufrechten Gang annahmen. Und liegt im Überfluß fru c h t­ tragender Bäume nicht immer auch ein S tück Sehnsucht nach dem Garten Eden? Seit dem Sündenfall muß sich der Mensch jedes Paradies hart erarbeiten. Das gilt auch für die kleinen S chritte und Bemü­ hungen, die seit Herbst 1988 für den Erhalt einer O bstwiese an der Norddeuschen Na­ turschutzakadem ie (NNA) unternommen werden und die in dieser A rbeit vorgestellt werden sollen. Bei der gleichzeitigen Er­ weiterung der alten Obstpflanzung auf Hof M öhr bei Schneverdingen ist besonderes Augenmerk auf die Sortenwahl gerichtet worden. Denn mit dem Rückgang des S treuobstbaus ist eine Verringerung des Sortenspektrum s einhergegangen, wovon eine Reihe von Autoren berichten (O pitz 1970; S chm idt 1984; L ucke 1985; H ege ­ meister 1985; GUHL 1986; D iehl 1988 u. a.). M ittlerweile werden bundesweit alte O bstsorten von staatlichen Institutionen aufgepflanzt und bewahrt; spezielle Lo­ kalsorten aus dem Lüneburgischen sind in diesen Sammlungen - sow eit bekannt nicht zu finden. Weder die Birnensorten ‘ Bardow icker Som m erbergam otte’ oder die ‘ Hannoversche Jakobsbirne’, noch die Äpfel ‘Uelzener Ram bur’, ‘K lusterapfel’ oder andere, die 1857, 1907 und 1927 in Sortenverzeichnissen der Gegend em p­ fohlen wurden, befinden sich in offizieller Verwahrung. Gerade von diesen gefährde­ ten Obstsorten sollen Belegexemplare für spätere Zeiten erhalten werden. Da die w issenschaftliche Begleitung praktischer Naturschutzmaßnahmen zur Konzeption der Norddeutschen N aturschutzakadem ie

gehört, werden die Möglichkeiten ökologi­ scher Begleituntersuchungen zum Streu­ obstbau genutzt. Es war ein wichtiges Anliegen und über­ dies Voraussetzung für das ObstwiesenVorhaben auf Hof Möhr, Recherchen zur ehemaligen Verbreitung und zu noch vorhandenen »Reliktvorkommen« alter O bstsorten im Bereich der Lüneburger Heide vorzunehmen. Von einigen Ergeb­ nissen dieser Vor- und Begleitarbeiten soll zunächst berichtet werden.

Entw icklung des Obstbaus in der Lüneburger Heide Die häufigste Obstart der Region ist der Apfel; es gibt Wegpflanzungen und O bst­ wiesen, auf denen einzig und allein A pfel­ bäume stehen. Um Bauernhöfe herum be­ finden sich oft auch Zwetschen in großer Zahl, in geringerem Maße Birnen, Pflau­ men und anderes Steinobst (K öniglich ­ statistisches B ureau 1903; N iedersäch ­ sisches Landesverwaltungsamt 1967). Neben der ungeheuren Variationsbreite der Eigenschaften von Äpfeln ist die ein­ deutige Dominanz dieser Obstart in der Anpassung an die hiesigen Klim abedin­ gungen begründet: Die Spätfrostgefahr während der Blütezeit ist groß und gefähr­ det frühblühende Obstarten und Sorten. Die oft kühlen Sommer lassen wärm elie­ bendes Obst, wie viele Birnensorten es sind, meist so wenig ausreifen, daß man bei der Ernte an Stelle einer Birne eher eine Rübe in Händen zu halten glaubt. Die Umgebung von Hof Möhr ist auch ein solch kühles Fleckchen, aufgrund seiner Tieflage und der nahegelegenen M oorflä­ chen ist hier schon manche Obstblüte gänzlich erforen. Ortsnamen wie W inter­ m oor bezeugen anschaulich diese klim ati­ schen Verhältnisse. Auch nach den ge­ fürchteten Eisheiligen steht immer ein po ­ tentieller Frosteinbruch drohend über der O bstblüte (Hanstein u . Sturm 1986). Nicht nur deswegen ist der Obstbau ein Zweig der Landwirtschaft, der hier nie eine bedeutende Rolle zu spielen hatte. Weil es mühsam genug war, den kargen Sandbö­ den Erträge abzuringen, und auf den w ei­ ten Flächen wenigstens in den Sommer­ monaten genug Wildbeeren zu finden w a­ ren, faßte der Anbau von Baum- und Bee­ renobst erst später Fuß als in anderen Ge­ genden Deutschlands. Die ersten A uf­ zeichnungen beschreiben deshalb aus­ schließlich solche Obstsorten, die aus an­ deren Landstrichen, Provinzen und sogar Nachbarländern stammen. Sie gelangten über die südlichen Teile der Provinz Han­

nover, später auch aus dem Bremischen und den Marschlanden der Elbe in die Heide. Der Obstbau bekam erstmals im 17. Jahrhundert durch den Braunschweigisch-Lüneburgischen Ersten Staatsm ini­ ster Graf von Platen einen fruchtbaren A uf­ schwung (N owottnick 1940). René Dahu­ ron, ein Schüler des berühmten französi­ schen O bstzüchters Quintinye, bepflanzte den Garten von Platens in Hannover-Lin­ den nach Versailler Muster. Später wurde er von Herzog Georg Wilhelm nach Celle berufen und legte d o rt den Königlichen O bstgarten an. Aus diesen ersten Im pul­ sen heraus wurde bäuerlicher Obstbau hier aber erst ab etwa 1800 möglich, als sich in der extensiv mit Bienen- und Schnuckenweide genutzten Heide, bei P laggenw irtschaft und Dreifelderkultur ei­ ne Umwandlung abzuzeichnen begann. Erst als in zunehmendem Maße »kulturfä­ higes« Land entstand, war auch eine Grundlage für O bstanbau in breiterer Aus­ dehnung geschaffen. Die Beschreibung von B orchers (1863), wie man den m age­ ren Heideboden für Obstbäume vorberei­ tet, könnte einem heutigen Bio-G arten­ buch entnom m en sein: »Haidboden wird dadurch zur Ernährung von O bstbäum en fähig gemacht, daß man zuerst das Haidekraut abräumt, das Land um pflügt, m it Lupinen bestellt und diese im S pätsom m er durch Unterpflügung zur G ründüngung verwendet. Eine W iederho­ lung des Lupinenbaus und Unterpflügung der Lupinen im Jahre darauf wird schon ei­ ne gute Erdkrume hervorbringen, welche in Verbindung von verwesenden Dungtheilen, C om post etc., zur Anpflanzung der O bstbäum e mit Vortheil zu verwenden ist.« Spärlich sind in schriftlichen Ausführun­ gen aus dem 18. Jahrhundert Sortenanga­ ben; Äpfel, Birnen, Zwetschen werden in Schriften über die Landw irtschaft meist nur nebenbei erwähnt. Nähere Hinweise finden sich erstmals bei von M ünch hau ­ sen (1770) in seiner S chrift »Hausvater« und bei B eckmann (1790). Beide gaben durch ihre Abhandlungen über Landw irt­ schaft, Baum schule und Obstzucht dem Obstbau im Lande wesentliche Anregun­ gen. In jener Zeit begannen Landesherren, die O bstkultur in w eite Kreise der Landbe­ völkerung zu tragen, indem sie Verordnun­ gen erließen, durch die z. B. Brautpaare angehalten waren, bei ihrer Hochzeit O bst­ bäume zu pflanzen. Aus der 40 Morgen großen Königlichen Gartenanlage in Her­ renhausen in Hannover wurden damals un­ ter G artendirektor Geheimrat von Bremer jährlich 6000 Stück Obstbäum e an Lan­ desuntertanen unentgeltlich ausgegeben, was die allgemeine Verbreitung des

K o ttru p ■A lte O b s ts o rte n in d e r L ü n e b u rg e r H e id e

O bstbaus sehr beschleunigte (NowottNICK 1940). Ab M itte letzten Jahrhunderts etablierten sich sogar mitten im »Herz der Heide« re­ gelrechte O bstbaubetriebe, die ansehnli­ che Flächen mit größtenteils H ochstam m ­ bäumen bepflanzten. Ein A utor der Z eit­ schrift »Gartenflora« schreibt 1892 in ei­ nem Artikel über die Zukunft des Garten­ baus in der Lüneburger Heide: »Die Ihnen hier soeben vorgeführten Ergebnisse, w el­ che die m it der Anlage von Obstplantagen auf Heideboden gemachten Versuche er­ geben haben, berechtigen m. E. zu großen Hoffnungen für eine weitere Ausdehnung des vaterländischen Gartenbaus in einer unserer verrufensten Gegenden.« Weithin bekannt waren die Fruchtweine der großen Obstplantage der Firma Au­ gust Röders in Soltau, die 50 Morgen Bee­ ren- und Baum obstbau umfaßte. Ein klei­ ner Teil der ehemaligen Anlage besteht heute noch in »Breidings Garten« als m itt­ lerweile extensiv genutzte Obstwiese. Da­ mals hatte das Faßlager des Betriebs ein Fassungsvermögen von 2500 Oxhoft (über 500 000 I), und aus dem Flaschenla­ ger von rund 140 000 S tück gingen Sen­ dungen bis über die Grenzen Deutsch­ lands hinaus. 1840 legte der Hofbesitzer vom Brüm m erhof bei Soltau eine O bst­ pflanzung mit 600 A pfel-, Birnen-, Kirschund Pflaumenbäumchen an, wobei von al­ lein 40 verschiedenen Pflaumensorten in diesem Baumbestand berichtet wird (Gar­ tenflora 41, 1892), was der A utor als wenig rationell ansah. Eine weitere Plantage von 16 Morgen befand sich 1889 in Hankensbüttel südlich von Uelzen. Hier betrieb man unter den Bäumen zusätzlich Acker­ bau und Schafzucht. Daneben gab es Plantagen für Baum obst von Karl H. Meyer in Bergen, Carl Scheidm ann in Gudehusen und von Hofbesitzer Kaiser in M olbath im Kreise Uelzen, allesamt präm iert vom land- und forstw irtschaftlichen Provinzial­ verein. In den folgenden Jahrzehnten kamen noch etliche Obstanlagen dazu, so daß in Bis­ pingen, in Lünzen bei Schneverdingen, in Tostedt und anderswo regelrechte Vollerw erbs-O bstbetriebe die H eidebevölke­ rung versorgen konnten. Der »Führer durch den Deutschen Obstbau« (D eut­ scher Pomologenverein 1908) erwähnte einige Obstpflanzungen des norddeut­ schen G eestgebiets als besonders se­ henswert und lehrreich: Die moderne B uschobstanlage der Heil- und Pflegean­ stalt Lüneburg, den Obstm ustergarten des Landw irtschaftlichen Hauptvereins in Bremervörde, 144 Morgen H albstam m kul­ turen in Oerel, die H ochstam m anlage des Kaufmanns Huth in Tostedt, die zahlrei­ chen Wegepflanzungen in Uelzen u. a. Heutzutage kann man Kern- oder Stein­ obstplantagen in der Lüneburger Heide an einer Hand abzählen. Der Trend zu Intensivst-Kulturen und die modernen Kühlund Transportm öglichkeiten gewähren al­ lenfalls noch einigen Beerenobsterzeu­ gern eine Existenzgrundlage in der Heide.

O bstsorten in der Lüneburger Heide Im Gebiet der Lüneburger Heide entw ikkelten sich Wissen und Fertigkeiten um den Obstbau später als in vielen anderen Gegenden Deutschlands, insbesondere in denen, die durch Handel oder politische und religiöse Beziehungen näher mit Ita­ lien oder Frankreich und ihrer hochentw ikkelten O bstkultur verbunden waren. Deswegen waren die damals hier zuerst gepflanzten Obstsorten säm tlich aus an­ deren Regionen im portiert und hatten eine nicht immer gute Eignung für die örtlichen Verhältnisse und Gegebenheiten. Eine äl­ tere schriftliche Quelle für die Region sind die »Grundsätze der teutschen Landw irt­ schaft« von B eckmann (1790). Hierin zählt er Apfel- und Birnensorten für Niedersach­ sen auf, die oft noch französische Namen haben. Etwas später tauchen viele dieser Obstsorten in einem Verzeichnis des Baumschulers W itter (1833) aus Celle auf. In seinem Katalog-Buch bietet W itter etwa 200 Apfel-, 150 Birnen-, 50 Kirschenund 40 Pflaumensorten an, wobei er sich bei der Auflistung und Beschreibung einer pomologischen (obstkundlichen) S yste­ matik bedient. Er ordnet die verschiede­ nen Fruchtarten dabei in Klassen und Ord­ nungen ein, so wie es zur damaligen Zeit von Pomologen für eine bessere Über­ sichtlichkeit der explodierenden S orten­ fülle gefordert wurde: Früchte aus der Klasse der Kantäpfel waren demnach in die Ordnungen Kalville und Gülderlinge eingeteilt, andere der zahllosen Apfelsor­ ten in Rosen- und Schlotteräpfel, Rambure, Reinetten, Streiflinge, Spitz- oder Tau­ benäpfel untergliedert. Ähnlich gruppierte W itter sein Birnensortim ent in Butterbir­ nen, Halbschmelzende Birnen, Bergam ot­ ten, Kochbirnen, W einbirnen, Russeletten und s o fo rt. Mit der steigenden Verbreitung und Popu­ larität des Obstbaus war die Zahl der ver­ schiedenen Sorten und lokalen Neuent­ stehungen so angestiegen, daß B orchers (1863) von dem »eingetretenen und noch vorherrschenden Übelstand« schreibt, der sich »aus dem allmählig immer mehr ver­ größernden Chaos der Obstnamen-Verwirrung« und der zahlreichen Vermehrung »weniger beachtenswerter Sorten« erge­ be. Die überall entstehenden Obstbauund Landwirtschaftsvereine machten es sich deshalb zur Aufgabe, die schwer zu überschauende Sortenvielfalt zu be­ schränken und ausgewählte Empfehlun­ gen für den örtlichen Anbau zu geben. So findet man in den Jahresheften des natur­ wissenschaftlichen Vereins für das Für­ stentum Lüneburg (Steinvorth 1867) eine Auflistung von nur jeweils zwei Dutzend A pfel- und Birnensorten, die nahezu über­ einstimmend mit den Ausführungen ei­ ner Schrift der K öniglichen Landwirt ­ schaftsgesellschaft zu C elle (1864) ist. A lte S tandard-S orten Als Standard-Sorten möchte ich im folgen­ den die Obstsorten benennen, die sehr

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gebräuchlich, nicht regional begrenzt und später oft als sogenannte Reichssorten oder als regelrechte M arktsorten verbrei­ tet waren. K eipert (1987) schlägt vor, Sor­ ten als »alt« zu bezeichnen, wenn sie vor dem Jahr 1900 in den Handel gebracht worden sind. Aus den zuvor genannten Schriften der Lüneburger Heide ist z. B. der ‘ Rote Eiserapfel’ fü r die O bstwiese der Norddeutschen N aturschutzakadem ie ausgesucht worden, weil er als bekannter­ maßen unempfindlicher, robuster Baum mit später Blüte dem hiesigen S tandort gut angepaßt ist. Es ist keine Tafelfrucht er­ ster Güte, aber von solcher Haltbarkeit, daß diese bis zur O bsternte des nächsten Jahres gegessen werden kann, was in frü ­ heren Zeiten als Vitam in-Versorgung im W inter ihren großen Wert ausm achte. Die­ se Eigenschaft trug dem Apfel, den man in Erdmieten überw interte, den Namen ‘ Ro­ ter drei Jahre dauernder S tre ifling’ ein. Es ist eine der ältesten, noch erhaltenen A p ­ felsorten Deutschlands, die nach Lauche (1882) schon im 16. Jahrhundert um Bam ­ berg und Nürnberg angebaut war. Laut O berdieck (1865) war sie im Hannover­ schen häufig als reichtragender Chaus­ seebaum unter dem Namen ‘Braunsilienapfel’ anzutreffen. Ähnlich alt und ebenso verbreitet, aber doch typisch für die hiesi­ gen Obstwiesen war die B irnensorte ‘Gute Graue’ , die wohl aus Frankreich oder Hol­ land als ‘Beure gris’ hierher gelangte. Die Sorte kam mit den vorherrschenden Klima- und B odenbedingungen sehr gut zurecht und ist auch heute noch auf man­ chen Bauernhöfen als mächtiger, oft über hundert Jahre alter Birnbaum zu bew un­ dern. Zur Reihe der damals w eit verbreiteten, hier bewährten O bstsorten gehören auch die norddeutsche ‘S p eckbirne’, ‘ Rote Bergam otte’, ‘Köstliche von C harneux’ , die ‘Große Grüne Reneklode’ und die ‘ Blaue Eierpflaum e’. Letztere erklärte der bekannte Pflaum enexperte A potheker L ie gel (1848) mit der ‘Violetten Jerusalem s­ pflaum e’ als identisch. Bei S päth (1930) steht sie noch im Katalog, der über tau­ send O bstsorten umfaßt. In heutigen Baum schulsortim enten ist sie nicht mehr auszumachen. All diese O bstsorten sind bereits oder sollen in die Pflanzung der Na­ turschutzakadem ie aufgenom m en wer­ den, dort wo noch ein alter Bestand von ‘H auszwetschen’, der Pflaume ‘Anna S päth’, einem hundertjährigen W irt­ schaftsapfelbaum , ‘G ravensteiner’ und ‘Uelzener Ram bur’ zu finden ist. Wie aus Recherchen, B eobachtungen und Umfragen hervorging, gehörten zum w ei­ teren S tandard-A pfelsortim ent der Ge­ gend: ‘G oldzeugapfel’, ‘ B o rsd orfer’, ‘Wei­ ßer W interkalvill’, ‘Jakob Lebel’, ‘Ge­ flam m ter Kardinal’, ‘Purpurroter C ousin o t’, ‘ B oskoop’ , ‘G oldparm äne’, ‘ Kaiser W ilhelm ’, ‘ Kasseler Renette’, ‘Prinzenapfe l’, ‘Gelber R ichard’, ‘O n ta rio’, ‘Lands­ berger Renette’ , ‘Boiken’, ‘ H orneburger Pfannkuchen’, ‘Grahams Jubiläum ’, ‘Croncels’ , ‘ Ribston P epping’ , ‘ K larapfel’, ‘ Krügers D ickstiel’ (hier unter ‘Celler Dickstie l’ oder ‘D onnerhorster’ bekannt) u.a.

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K o ttru p ■A lte O b s ts o rte n in d e r L ü n e b u rg e r H e id e

Von manchen Standard-Sorten existieren Lokal-Selektionen. Darunter fallen die ‘Goldparm äne, Typ Schneverdingen’ , der ‘Reinsehlener Jubiläum sapfel’ oder die ‘kleine Heidezw etsche’, welche eine Spiel­ art der bekannten ‘ Hauszwetsche’ dar­ stellt. Diese Selektionen wurden von der Schneverdinger Baumschule Horstmann ausgelesen und weiterverm ehrt. Ebenfalls ein durch Mutation einer einzel­ nen Knospe hervorgegangener spezieller Typ ist der ‘ Rote Gravensteiner’, der bei seiner Fortpflanzung durch Veredelung seine Eigenschaften echt weitervererbt hat. Er unterscheidet sich von den heutzu­ tage gängigen Typen des ‘Gravenstei­ ners’ , so daß 1988 zu seiner Erhaltung auf der O bstwiese Vermehrungsmaterial von einem 10 m hohen, sehr alten Baum in Rotenburg/W üm m e gewonnen wurde. Nach Angaben von O berdieck (1865) ist der ‘ Ro­ te G ravensteiner’ in Lübeck entdeckt und ab 1858 verbreitet worden. Dabei gelang­ ten auch Reiser in die Lüneburger Heide, und seine edle, heutzutage sehr gesuchte Frucht erfreute sich in gleichem Maße der W ertschätzung wie die ursprüngliche Form. Die Grenze zwischen eigenständiger Sor­ te (generativ entstanden) und Typen-Selektionen (durch K nospen-M utation ent­ standen) läßt sich nicht immer eindeutig nachvollziehen und zurückverfolgen. Dies läßt sich am Beispiel der großen Gruppe der Prinzenäpfel darstellen. Der ‘Prinzena p fe l’ ist eine alte deutsche Sorte, die vor­ nehm lich in Norddeutschland weit verbrei­ tet gewesen ist. In unserer Gegend war sie unter dem Namen ‘Hasenkopf’, ‘Klappera p fe l’ oder ‘ Berliner’ bekannt. Der Baum ist wenig em pfindlich, hat eine spät einset­ zende Blüte und sollte auf nicht zu tro cke ­ nem S tandort stehen, da er sich sonst zu schnell erschöpft. Lokale Spielarten, d.h. Typen-Selektionen, sind der in Schlesw igH olstein gefundene ‘G oldprinz’ oder der im Soltauer Raum beheim atete ‘Heide­ p rin z’. Solche Herkünfte weisen die glei­ chen guten Eigenschaften der Stam m sor­ te bei oft besserer lokaler Anpassung und Gesundheit auf. Der Prinzenapfel in der Form, wie er jetzt im Garten der Natur­ schutzakadem ie aufgepfropft steht, ist sehr selten geworden. Andere Prinzenäp­ fel sind als Sämlinge im Alten Land ent­ standen, wie der ‘S chm alzprinz’ oder der ‘Finkenwerder Prinz’, der noch häufig in äl­ teren Apfelanlagen und Gärten an der Un­ terelbe zuhause ist. Lokalsorten Die Entstehung von Lokalsorten wurde in der Lüneburger Heide erst m öglich, als sich Obstbau und eingeführte Sorten im Gebiet verbreitet und etabliert hatten, so daß Zufallssäm linge oder bewußte Kreu­ zungen entstehen konnten. Das führt heut­ zutage zu der Situation, daß StandardSorten, die für das Gebiet der Heide schriftlich erwähnt wurden, zwar älter, aber in der Regel erhalten sind, später ent­ standene Lokalsorten oft für immer verlo­ ren gingen.

Die Unterscheidung zwischen StandardSorten und Lokalsorten läßt sich nicht im ­ mer klar treffen, wie das Beispiel ‘Celler D ickstiel’ zeigt. Als Herkunft des w o h l­ schm eckenden Tafelapfels gibt A rnold (1883) die Baumschule Lehse in M ecklen­ burg an. Die Frucht wurde damals als ‘W oltmanns Renette’ verbreitet und erhielt später den Namen ‘Krügers D ickstiel’, die noch heute offiziell gültige Bezeichnung. In anderen Teilen Deutschlands fand die Sorte kaum Zuspruch, so daß sie aufgrund ihrer großen W ertschätzung und Eignung für Boden und Klima der Heide sich sozu­ sagen zur Lokalsorte entwickelte. Erst dann setzte sich der Name ‘Celler Dicks tie l’ mehr und mehr durch. In Schnever­ dingen kam der Apfel als ‘Donnerhorster’ in Umlauf (W ilke 1916). Eine »echte« Lokalsorte ist dagegen der ‘ Uelzener Rambur’. Der Baum ist von star­ kem Wuchs, gedeiht fast ohne Pflege und bringt volle Ernten großer, roter Äpfel. Die Sorte wurde in einem Garten in Uelzen ent­ deckt, nach der Gartenbesitzerin ‘ Maaß Mutterapfel« genannt und gelangte in die d o rt ansässige Obstbaumschule Zinnser, die sie vermehrte und in Umlauf brachte. Ähnlich entstand Anfang letzten Jahrhun­ derts der ‘Uelzener Kalvill’ bei Postmeister Hoefft zu Uelzen. Erstmals beschreiben ihn O berdieck (1852) und Dochnahl (1855) als eigene Sorte, dem ‘Weißen W in­ te rka lvill’ ähnlich, aber nicht gleich. Durch Pastor O berdieck gelangte sie in den G ro­ ßen Garten in Hannover-Herrenhausen, damals noch als Ä pfel von Uelzen’ be­ zeichnet. Im Volksmund setzte sich aller­ dings der Name ‘Grüner Kalvill’ durch, was Fachleute anläßlich einer pom ologischen Tagung dazu veranlaßte, die Benennung einheitlich auf ‘Uelzener Kalvill’ festzule­ gen. Die geringen Ansprüche an Boden und Lage, die späte Blüte und der gesunde Wuchs dieses Lagerapfels sorgten für eine weitere Verbreitung, die aber nie über den lüneburgischen und hannoverschen Raum hinausging. Heute ist diese Sorte von der Bildfläche verschwunden. In der O bstbau­ versuchsstation Jork im Alten Land und im Garten der Naturschutzakademie wird sie jedoch erst einmal erhalten bleiben. Auch der ‘ Klusterapfel’ ist in der Heide zu­ hause. Pastor G örges aus Lüneburg be­ schreibt ihn 1857 in der M onatszeitschrift für Pomologie und praktischen Obstbau. Wegen seiner besonderen Eignung für ein beliebtes Gericht der Gegend, die sog. Schm oräpfel, wurde er gerne und zu guten Preisen gekauft. O berdieck schreibt in derselben Ausgabe der Zeitschrift über seine Erfahrungen mit der Sorte in Bardo­ w ick: Die Fruchtbarkeit war gut, es kam al­ lerdings stellenweise zu Krebsbefall der Bäume. Als alte Sommersorte mit lokaler Bedeu­ tung ist die ‘ Hannoversche Jakobsbirne’ anzusehen. Sie wurde bei O berdieck (1865) erstmalig illustriert und beschrie­ ben und war nach seinen Angaben zw i­ schen Lüneburg und Hannover recht häu­ fig. Weitere lokale Birnensorten, die auf der O bstwiese der NNA erhalten werden

sollen, sind die ‘ B ardow icker Sommer­ bergam otte’ und die ‘ Herrenhäuser C hrist­ birne’. Letztere ist eine starkwüchsige, ro­ buste Lagersorte, die von der Landwirt ­ schaftskammer für die P rovinz Han no ­ ver (1907) für die Anpflanzung auf sandi­ gen Böden, auch an Koppelwegen und Straßen empfohlen wurde. Noch 1948 taucht diese B irnensorte in A nbauem pfeh­ lungen der dam aligen vorläufigen Land­ w irtschaftskam m er auf. Schon bald da­ nach werden mit zunehm ender Intensivie­ rung im Obstbau solche Sorten für die ex­ tensive Kultur im m er mehr zurückge­ drängt. Lokale S teinobstsorten für die Lüneburger Heide waren bei den bisherigen Recher­ chen und Befragungen der ortsansässi­ gen Bevölkerung nur in geringem Umfang auszumachen. O berdieck , der erst in Bar­ dow ick, später in Sulingen Hunderte ver­ schiedener O bstsorten kultivierte, charak­ terisiert in seiner umfangreichen Pom olo­ gie für das nördliche Deutschland (1852) als hiesige Pflaum ensorten: Die ‘Frühe Aprikosenpflaum e’, die »auch in den Gär­ ten des Landmanns häufig vorkom m t und von ihm zu Markte gebracht wird.« In Bar­ dow ick entstand die ‘Kleine gelbe Eier­ pflaum e’, die ähnlich wie die ‘Nienburger Eierpflaum e’ und ‘O berdiecks gestreifte Eierpflaum e’ in Vergessenheit geriet und wohl untergegangen ist. Die W ahrschein­ lichkeit dafür scheint groß, einerseits errei­ chen Pflaumenbäume nicht das A lter von A pfel- oder gar Birnbäum en, andererseits waren System atik und genaue S orten­ kenntnis nur wenigen Fachleuten vertraut. Bei alten Kirschensorten der Gegend ist die Situation ähnlich. O berdieck erwähnt in dem genannten Buch ‘Kratos Knorpel­ kirsche’ aus Lüneburg und eine eigene Entdeckung, die ‘ N ienburger frühe bunte Herzkirsche’. Diese Sorten erlangten an­ scheinend kaum Bedeutung, denn nir­ gendwo ist über sie in anderer Literatur ge­ schrieben. Meistens stam m ten die Kir­ schensorten aus dem Alten Land oder aus dem Hildesheimer S ortim ent, wie z. B. die Süßkirsche ‘ Kronprinz von Hannover’ für unsere Obstwiese, die in der dritten Kir­ schw oche reift. Sogenannte Hof- oder Dorfsorten sind fast immer als Zufallsäm linge entstanden. Sie wurden in nur ganz beschränktem Ma­ ße w eiterverm ehrt und so erhalten. Oft be­ sitzen sie ausgezeichnete Eigenschaften für Obstpflanzungen in der Landschaft und sind für Naturschutz und Landschafts­ gestaltung w ertvoll; aufgrund von Män­ geln an Pflanze, Frucht oder Tragbarkeit gerieten sie aber m eist w ieder schnell in Vergessenheit. Ein Vertreter dieser A rt von Lokalsorten ist der ‘ Beekenrader Wohrappel’ . Erstand in Schneverdingen auf einem Flurstück namens Beekenrade, und viele Leute lebten das ganze Frühjahr fast aus­ schließlich von seinen Früchten. Aufgrund seiner Robustheit und sonstigen guten Ei­ genschaften wurde er, kurz bevor er Wege­ bauarbeiten zum Opfer fiel, von der Schne­ verdinger Baumschule Horstm ann w eiter­ verm ehrt und ist deswegen nicht für immer verloren (H orstmann 1986).

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Das O bstw iesenprojekt der N orddeutschen N aturschutz­ akadem ie auf Hof M öhr Die N orddeutsche Naturschutzakadem ie ist auf dem alten Heidehof »Möhr« bei Schneverdingen eingerichtet; das Umfeld dieser einzeln gelegenen Hofstelle ist durch Wiesen, Äcker, Weiden, Wald, Bachlauf, Sumpf und M oor sehr vielgestal­ tig und typisch für die Gegend. Auch das unm ittelbare Hofgelände stellt einen öko­ logisch interessanten Kultur- und Natur­ raum dar, wo vielerlei Arten von Vögeln, Fledermäusen, anderen Kleinsäugern (acht verschiedene Arten von Mäusen wur­ den bisher nachgewiesen) und Insekten ihren Lebensbereich haben, sei es in Hecke, Hofwald, Scheune, Garten oder Obstwiese. Schon vor der Jahrhundertw ende waren dort Obstbäume zu finden, allerdings wuchs unter ihnen nicht wie heute eine Wiese aus verschiedensten Gräsern und Kräutern, sondern es wurde eine ab­ w echslungsreiche Nebennutzung betrie­ ben. Im lichten Schatten der Baumkronen und besonders in den Zwischenräumen waren Kräuter- und Blum enrabatten ange­ legt, daneben wuchs Spargel, Gemüse und Beerenobst. Auch heute befindet sich im Bauerngarten neben der O bstwiese ei­ ne Anpflanzung alter Erdbeersorten mit bekannten Züchtungen aus diesem Jahr­ hundert. Darunter ist die sehr alte Sorte aus Lüneburg ‘Deutsch Evern’, auch ‘ Mie­ ze S chindler’, ‘Georg SoltwedeF, ‘Direktor P. W allbaum ’ u. a. Ein Teil der Obstwiese wurde früher neben­ bei als Auslauf für Junggeflügel genutzt. Zusätzlich bestand auf Hof M öhr noch an anderer Stelle eine fünf Morgen große Obstanlage, die mit H ochstam m - und Vier­ telstam m -Bäum en und einem um fangrei­ chen Sortenspektrum um 1900 angelegt worden war. Hiervon ist heutzutage nichts mehr zu sehen; das S tück Ackerland nörd­ lich der Lindenallee verrät nichts von sei­ ner Geschichte, nämlich daß damals viele Reihen von Obstbäumen dort standen. Längst nicht alles Obst konnte selbst ver­ braucht und verw ertet werden, einen Teil bekamen Knechte, Hofarbeiterinnen und Tagelöhner; Überschüsse wurden direkt vom Hof verkauft.

Die ehemalige Obstpflanzung von Hof Möhr nördlich der Lindenallee, 1930. Langjährige Besitzerin des »Hof Möhr« Frau Ella König neben blühendem ‘Manks Küchenapfel’ (Foto: Archiv NNA).

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Versuchs- und D em onstrationszwecken zwei unterschiedliche Pflegekonzepte für die Gras- und K rautschicht entw ickelt. Gut die Hälfte der Wiese ist eingezäunt und wird durch »Graue gehörnte H eidschnukken<, »Weiße hornlose Moorschnucken« und eine »Skudde« bew eidet. Hier werden Jungbäume durch jeweils drei verstrebte Pfähle mit Drahtumzäunung vor Biß- und Scheuerschäden geschützt. Der andere Teil der Obstwiese ist nicht umzäunt, frei be­ gehbar, und wird 1-2m al jährlich zur Heu­ gewinnung gemäht. Es ist zu erwarten, daß sich hier eine vielgestaltigere Grasund Krautschicht etabliert als auf dem zur Viehweide genutzten W iesenteil, wo Tritt­ belastung, Beweidung und N ährstoffkon­ zentrationen durch die Ausscheidungen der Tiere zu einer Nivellierung der Stand­ ortverhältnisse und dam it zu einem eintö­ nigeren Vegetationsaspekt führen dürften.

Entsprechende unterschiedliche E ntw ick­ lungen von Kleintierpopulationen auf bei­ den Teilen der O bstwiese sind zu erwarten. Es wird angenommen, daß ein größerer Ar­ tenreichtum der unter O bstbäum en w ach­ senden Pflanzen eine reichhaltigere Fauna von Insekten, Vögeln und Kleinsäugetieren mit sich bringt und so zur Bereicherung und S tabilität des Biotops beiträgt. Vegetationsaufnahm en nach B raun B lanquet und die pflanzensoziologische Einordnung nach Ellenberg (1979) w ur­ den zu Beginn der Nutzung durchgeführt und sollen über die nächsten Jahre zur Kontrolle der Pflanzensukzession fo rtg e ­ führt werden. Bei der Erweiterung der O bstwiese auf dem Gelände der Akademie durch Neuund Nachpflanzungen bot es sich an, be­ sonderes Augenm erk auf die Sammlung

K onzeption Für die stark vernachlässigte Obstwiese hinter dem Hauptgebäude der Natur­ schutzakadem ie wurde 1988 ein Konzept entw ickelt. Es hat zum Ziel, den erhaltens­ werten O bstbaum bestand zu schützen und bei der Erweiterung alte, vom Ver­ schwinden bedrohte Sorten aus der Lüne­ burger Heide durch Neupflanzungen bzw. Umveredelungen zu erhalten. Daneben werden w issenschaftliche Begleituntersu­ chungen zur Ökologie von Obstwiesen durchgeführt. Weil der Bewuchs unter den Obstbäumen einen wichtigen Baustein des Gesam tsy­ stems »Obstwiese« darstellt, werden zu

Eine Hälfte der Obstwiese auf Hof Möhr wird zur Heumahd genutzt, die andere durch Heid- und Moorschnucken beweidet (Foto: C. Kottrup).

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und Bewahrung lokaltypischer Obstarten und -Sorten zu legen. Einige alte Lokalsor­ ten sind m ittlerw eile unw iederbringlich verlorengegangen. Es ist höchste Zeit, die letzten noch existierenden Exemplare auf­ zuspüren und deren Erhaltung zu sichern. Neben diesen »Spezialitäten« werden auch nicht bedrohte Sorten berücksich­ tigt, w elche typischerw eise hier Verbrei­ tung fanden und sich durch Robustheit, gutes Fruchten und Anpassung an die hie­ sigen Klima- und Bodenverhältnisse aus­ zeichneten. Auch die früher in Bauerngär­ ten heim ische Art von Prunus cerasus, die kleinfrüchtige, dunkle Sauerkirsche, hier ‘ Kasbeere’ genannt, gehört ins typische Sortim ent ländlichen O bstbaus früherer Zeiten. Ebenso sind Mispel und natürlich die form enreiche Gruppe der ‘ Hauszwetsche’, oftm als als ‘ Bauernpflaum e’ be­ zeichnet, nicht zu vergessen. V orgehensw eise bei d e r S orte n su ch e Die Suche und Sichtung alter Sorten, ihre A uffindung, Überprüfung und letztendlich die Aufnahme in unsere Obstwiese läuft über verschiedene Stationen: -

Literaturrecherchen in Bibliotheken und Archiven von Rathäusern, Landw irt­ schaftsschulen, Kreisämtern, O bstbau­ institutionen, Landesbibliotheken usw. m it besonderem Augenmerk auf S orten­ em pfehlungen bzw. Sortenangaben da ­ maliger Pflanzungen

-

M ündliche Recherchen durch A uskünf­ te, oft auf der Grundlage persönlicher Erinnerungen, von Baumschulern, Obstbauern, Landwirten, Imkern, Pa­ storen, Lehrern, Landfrauen und Klein­ gärtnern der Um gebung zu Obstsorten und deren Eigenschaften unter ö rtli­ chen Gegebenheiten

- Zusam m enarbeit mit Instituten für Obstbau, Bundessortenam t, Pflanzen­ schutzam t, Versuchsanstalten und nicht zu vergessen - Liebhaber-Sorten­ kennern - A ufrufe in Lokalzeitungen, über m ögli­ che S tandorte alter Sorten zu inform ie­ ren, und Durchführung von öffentlichen Sem inarveranstaltungen zum Thema »Streuobstbau«; A uswertung eines A uf­ rufs in der Landvolk-Zeitung, der durch die obere Naturschutzbehörde der Be­ zirksregierung Hannover initiiert wurde. B ishe riger P rojektverlauf Als vor einem Jahr die Arbeit zu dem Pro­ jekt aufgenom men wurde, zeigte sich als erste Schwierigkeit, daß es nur noch w eni­ ge Personen mit genauer Kenntnis lokaler Sorten gibt bzw. über diese keine ausführ­ lichen, reich illustrierten Beschreibungen vorliegen wie über die weitverbreiteten al­ ten Sorten. Selbst zwei Apfelbäume aus dem Altbestand der O bstwiese waren * Eine exakte Auflistung der gepflanzten Sorten liegt ab Oktober 1990 mit Ende der Projektlauf­ zeit vor.

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Obstsortenbestimmung an der NNA (Foto: C. Kottrup).

nicht genau zu bestimmen. Einer von die­ sen, ein mächtiger, etwa 100jähriger Baum, war schon immer einfach als ‘W irtsch a ftsap fe l’ bezeichnet worden. Bei der Suche nach möglichen Standorten selte­ ner Sorten trifft man zudem auf zahlreiche Synonyme und eigenmächtige Umbenen­ nungen aus Unkenntnis des richtigen Na­ mens. Um zu einer abschließenden, siche­ ren Identifikation der Obstsorte zu kom ­ men, die dann zur Aufnahme in die O b st­ wiese der Naturschutzakademie führt, be­ darf es oft beträchtlichen Aufwands. Dank­ bar bin ich für die geduldige Mithilfe zahl­ reicher Privatpersonen, Institute oder der Baumschulen, die früher diese Sorten ver­ mehrten und ohne die ein solches Projekt nicht durchzuführen wäre. Bei der Neuauf­ nahme von Sorten in die Obstwiese wer­ den ausschließlich Jungbäume gepflanzt, die entw eder selbst auf Säm lingsunterla­ ge oder von Baumschulen auf Sämling plus Stam m bildner veredelt sind. So ent­ stehen w üchsige Bäume mit großer ökolo­ gischer Anpassungsfähigkeit und hoher Lebenserwartung. Allerdings bewirkt d ie ­ ses einen späten Einsatz der Fruchtbarkeit und fö rde rt mögliche Alternanzneigungen (jährlich wechselndes Fruchten) der Edel­ sorte. Von Umveredelungen im existieren­ den O bstbaum bestand wurde abgesehen, weil bei gesunden Bäumen ein so großer Eingriff vermieden werden sollte, ge­ schw ächte ohnehin dafür nicht in Frage kommen. Bei einem Mindestabstand von 10-12 m der Bäume untereinander bietet die O bst­ wiese von Hof Möhr 33 Obstbäumen Platz. Auf 15 Stellen wurden bereits ältere Exem­ plare belassen: 1 Pflaume, 3 Zwetschen, 1 Süßkirsche, 1 Birne, 7 Äpfel, 1 Rotdorn (Crataegus monogyna) und 1 Myrobalane (Prunus cerasifera). Für Neupflanzungen junger Bäume stehen somit 18 Pflanz­ punkte zur Verfügung. Aus den vorher auf­

gezählten und beschriebenen Obstsorten ist daher eine Auswahl zu treffen, wobei verschiedene G esichtspunkte in Einklang gebracht werden. Schw erpunkt bilden die Sorten aus dem Raum Lüneburger Heide, sie sind selten geworden oder vom Ver­ schw inden bedroht und bringen zusätzlich den »Heimvorteil« der Anpassung an Bo­ den und Klima mit sich. Bis auf die wahr­ scheinlich verschollenen Steinobstsorten und den ‘Klusterapfel’ sind alle anderen unter dem A bschnitt Lokalsorten aufge­ zählten Exemplare in unser Sortim ent auf­ genomm en bzw. stehen dem nächst dafür bereit. Der ‘Klusterapfel’ konnte bis jetzt noch nicht mit Sicherheit aufgefunden bzw. bestim m t werden. Als zusätzliche Schwierigkeit bei der Suche erwies sich die Tatsache, daß es im Gebiet der N ieder­ elbe einen Lagerapfel, den ‘ Klunsterapfel’ gab, was zwangsläufig zu Verwechslun­ gen führte. Zeitweilig war auch die ‘ Engli­ sche Büschelrenette’ mit dem Namen ‘ Klusterapfel’ belegt (O berdieck 1857). Von den Standard-Sorten sind, wenn da­ von Lokalselektionen existieren, diese, sonst m öglichst für O bstwiesen geeignete und virusfreie Herkünfte (siehe W igger in diesem Heft) zur Anpflanzung ausgewählt worden*. So wurde für unser Sortim ent auf ‘B oskoop’ , ‘ Klarapfel’ , ‘Jakob Lebel’ , ‘On­ ta rio ’, ‘ Bürgerm eisterbirne’ (Köstliche von Charneux) und andere verzichtet, weil sie überall sehr häufig anzutreffen sind. Ande­ re Sorten sind aufgrund von Schwachw üchsigkeit, speziellen Pflege- oder S tandortansprüchen für den extensiven Anbau auf Wiesen nicht zu empfehlen, wie ‘James Grieve’, ‘Signe T illich ’, ‘Cox Oran­ ge’ oder ‘Ananasrenette’. Der Pflegeaufwand der Obstwiese von Hof M öhr beschränkt sich in erster Linie auf W iesenmahd, Schnittmaßnahmen (jährli­ cher A ufbauschnitt, später gelegentliche Instandhaltungsschnitte) und Ernte. Die

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jungen Bäume werden gegen Verbiß von W ild- und Weidetieren geschützt, mit Kompost gedüngt, um die Baumscheiben gem ulcht und auf W ühlm ausbefall kontrol­ liert. In Ausnahmefällen wird bei starkem Befallsdruck auf junge Bäume biologi­ scher Pflanzenschutz angewendet, wie Spritzung von Kräuterextrakten, Leimrin­ ge o. ä. Allerdings müssen dabei eventuel­ le Beeinflussungen ökologischer Untersu­ chungen beachtet werden bzw. ausge­ schlossen sein. Bei tierischen O bstschäd­ lingen wird von einer ausreichenden, selbständigen Regulation ausgegangen, weil in einem solch vielgestaltigen Lebens­ raum eine reichhaltige Fauna und ein stabi­ les Gesamtsystem von Insekten, Vögeln usw. etabliert ist. Zumal bestehen keinerlei w irtschaftliche Zwänge und Schadens­ schwellen für einen Eingriff. Bei O bstw ie­ senpflanzungen erweisen sich die Pilz­ krankheiten Schorf, Mehltau, O bstbaum ­ krebs, Rotpustel oder Monilia als proble­ matischer. Ihnen wird durch vernünftige Sorten- und S tandortwahl, ausreichende Pflanzabstände, Bodengesundheit und Pflanzenversorgung entgegengesteuert. Dazu kommen vorbeugende und kurative Schnittmaßnahmen, d .h . Offenhalten der Kronen und Entfernung befallener Astpar­ tien. Trotzdem wurde beispielsweise für das S ortim ent an der N aturschutzakade­ mie auf eine alte Apfelsorte der norddeut­ schen Tiefebene, den ‘Gelben R ichard’, verzichtet. Wegen des feinen, arom ati­ schen Geschm acks früher von großer Be­ liebtheit in der Gegend, leidet die Sorte be­ kanntermaßen unter starker Anfälligkeit für Obstbaum pilze und ist anspruchsvoll an S tandort und Pflege. Hier wird deutlich, daß alte Sorten nicht generell robuster und gesünder wachsen als Neuzüchtungen. Für eine Pflanzung in unsererG egend wäre z. B. statt der altbekannten ‘Cox OrangenRenette’ aus dem vorigen Jahrhundert eher der neuere, w eniger em pfindliche ‘Holsteiner C ox’ zu empfehlen, der aber nicht zu den »alten« Sorten zu zählen ist. Dieses führt einen Zielkonflikt in der Kon­ zeption der O bstwiese vor Augen: auf der einen Seite der Wunsch nach Erhaltung alter und seltener Sorten, andererseits die Erstellung einer funktionsfähigen, mög­ lichst pflegeextensiven O bstpflanzung auf einer Wiese. Hier wird ein Kompromiß zw i­ schen obstbaulichen und naturschützeri­ schen Belangen angestrebt, der noch zu späteren Korrekturen der Sortenauswahl führen könnte. Angaben von erfahrenen Praktikern und aus der umfangreichen Li­ teratur über Sorteneigenschaften (Frostre­ sistenz, B lüteem pfindlichkeit, Anfälligkei­ ten usw.) sind teils kleinräum ig begrenzt zu sehen und teils w idersprüchlich, eigene Beobachtungen an älteren Baum exem pla­ ren der näheren Umgebung noch lücken­ haft. Es bleibt zu hoffen, daß neben der Weiterführung der ökologischen Untersu­ chungen noch etwas Augenm erk auf dieje­ nigen Lokalsorten gerichtet bleibt, welche auch zu verschwinden drohen, die aber noch nicht sichergestellt sind. Bei der Sor­ tensuche gibt es zum einen die M öglich­ keit, gezielt einer bestim m ten Sorte nach­

zuforschen, sei es durch Zeitungsaufruf, Herumfragen oder ähnliches. Auf der an­ deren Seite wurden Besitzer von alten Obstbäumen gebeten, Früchte zur Natur­ schutzakademie zur Ansicht mitzubringen (Abb. 3). Dieses erwies sich manchmal als problematisch und schw er überschaubar, weil in der Flut eingereichter Obstsorten z.T. gesuchte Lokalsorten nicht zu finden waren. Einige andere ließen sich aufgrund von Fruchtmerkmalen ohne weitergehen­ de Überprüfungen nicht einordnen und blieben unbekannt. Zu diesem Zweck durchgeführte öffentli­ che Inform ationsveranstaltungen haben natürlich auch das Ziel, Gartenbesitzer und »Obstwieseninteressierte« zum The­ ma Streuobst anzusprechen. Der Bedarf an fachkundiger Beratung zu O bstwiesen­ projekten und Pflanzaktionen tritt dabei immer wiederzutage. Bei genügender M o­ tivation und Interesse an Obst oder Most sind am ehesten private Gruppen und Per­ sonen in der Lage, die Pflege und Ernte ei­ ner solchen O bstpflanzung auszuführen, die von öffentlicher Hand, außer in Einzel­

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fällen, kaum aufgebracht werden kann. Nur so ist dem weiteren Rückgang von Obstpflanzungen in unserer Landschaft auf breiter Basis Einhalt zu bieten, und die­ ses ist ein w ichtiges Ziel der dargestellten A rbeit rund um die Obstwiese der N ord­ deutschen Naturschutzakadem ie (Abb. 4).

Zusam m enfassung ln den beiden letzten Jahrhunderten brei­ tete sich bäuerlicher Obstbau in der Lüne­ burger Heide aus. Zuerst kamen O bstsor­ ten anderer Herkünfte zur Verwendung. In der stürm ischen S ortenentw icklung der damaligen Zeit entstanden überall neue Lokalsorten, die auch w irtschaftliche Be­ deutung erlangten, heute aber w ieder ver­ schwunden sind. Viele waren keine Tafel­ sorten, sondern W irtschaftsobst mit guten Verwertungs- und Lagerungseigenschaf­ ten. Nach dem Krieg ließ ihre Bedeutung stark nach, als sich die Landw irtschaft um ­ strukturierte und schließlich der Konkur­ renzdruck aus der Europäischen Gem ein­ schaft dazukam. A rbeitsw irtschaftliche

Lageplan der Norddeutschen Naturschutzakademie auf Hof Möhr. Unmittelbar an der Obstwiese liegen Hühnerhaus, Bienenstand und Schafstall.

A b b . 4.

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N N A -B e r ic h te 3 /1 ,1 9 9 0

Gründe hatten zu einer Abkehr vom Hoch­ stam m obstbau geführt, und die Nachfra­ ge nach makellosem Tafelobst favorisierte eine immer kleinere Auswahl sogenannter M assenträgersorten. Der Streuobstbau war ebenso von dieser Entwicklung betrof­ fen wie zahlreiche Lokalsorten. Diese sind oft gerade für eine Verwendung in Landes­ pflege und Naturschutz sehr gut geeignet. Deswegen wird eine bereits bestehende Obstwiese an der Norddeutschen Natur­ schutzakadem ie mit alten Sorten von A p­ fel, Birne, Pflaume und Kirsche erweitert. Neben der Funktion als A nschauungsm o­ dell und O bstsortenstandort sind ökologi­ sche Untersuchungen aufgenommen wor­ den. Der Verlauf der Pflanzensukzession der Kraut- und Grasflora bei Beweidung bzw. Mahd wird verfolgt. Ebenso sollen Auswirkungen auf die Kleintierfauna und den Boden beobachtet oder untersucht werden.

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A nschrift des Verfassers: Dipl.-Ing. Christoph Kottrup N orddeutsche Naturschutzakademie Hof Möhr 3043 Schneverdingen

Obstsortenempfehlungen für Pflanzungen in der Landschaft Z usam m enstellu ng: C h risto p h K ottrup Für die freie Landschaft geeignete Obstar­ ten und Sorten müssen robust und stand­ ortgerecht sein. Der S chnittaufwand sollte nach den ersten Jahren der Kronenerzie­ hung so gering wie m öglich bleiben, und die Bäume sollten ein m öglichst hohes Al­ ter erreichen. Für Reihenpflanzungen an Straßen gilt außerdem: Nur hochwachsende Bäume mit nicht zu ausladender Kronenentwicklung kommen zum Einsatz. Der ästhetische und ökologi­ sche Wert solcher Pflanzungen zählt, nicht der Fruchtertrag. Als O bstbaum chausse­ en sind nur Feldwege und kleinste Neben­ straßen mit Randstreifen der Breite von der späteren Kronenausdehnung der Bäu­ me geeignet. Die Auflistung von Sorten aus den Tabellen 1 und 2 zeigt Beispiele von Literatur-Empfehlungen für pflegeex­ tensive Obstpflanzungen. Dabei ist zu be­ achten: - Einige Quellen gehen nicht näher auf Straßenbäume ein. Bei angegebener Eignung für Weg- und Straßenpflanzun­ gen (W) ist die Tauglichkeit für O bstw ie­ sen (O) m iteingeschlossen.

‘Ingol’, eine reichfruchtende Neuzüchtung mit großer Anbaubreite und vielseitiger Verwen­ dungsmöglichkeit (Foto: Eberle).

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Tab. 1:

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Apfelsortenempfehlungen.

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W = W eg-/Straßenpflanzung a = a u fre c h t b = b r e it *** = t r ip lo id

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1800 1850 1490 3 .J h . 1 5 .Jh. 1800 1874 1850 1844 1837

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WEST1988

Birnen- und Steinobstempfehlungen

1986

Tab. 2 :

Kottrup • O bstsortenem pfehlungen für Pflanzungen in der Landschaft

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Kottrup • O bstsortenem pfehlungen für Pflanzungen in der L andschaft

21

Tiere bereichern. Im norddeutschen Tief­ land kommen dafür in Frage: Holzapfel (Malus sylvestris), der kaum als reine Art in den Baumschulen erhältlich ist, meist als M. dom estica-Säm ling angeboten wird, Zierapfelsorten {M alusspec.), ‘John Downie’, ‘ Liset’, ‘Charlottae’ u. a., Holzbirne bzw. Birnensäm ling (Pyrus co m ­ munis), Vogelkirsche {Prunus avium), Mehlbeere {Sorbus aria), Eberesche {Sorbus aucuparia), Weißdorn {Crataegus s p e c .) und viele andere mehr strauchförm ige W ild­ obstgehölze. Letztere können aber die Obstbäume in ihrer Funktion nicht erset­ zen und eignen sich eher für S chutz- und Begleitpflanzungen von O bstwiesen.

Literatur zum Them a D eu tsc h er B a u m s c h u l e n , 1986: Aufli­ stung alter Sorten nach Befragung von 50 Obstbaumschulen, in: Hegemeister, W., 1987: Erhaltet den Lebensraum Obstwiese, Schutzgemeinschaft Deutscher Wald 22. D o o r n k a a t - K o o l m a n , J . , 1870: Pomologische Notizen, Küthmann-Verlag, Bremen. F ö r d e r g e s e l l s c h a f t »Grün ist Leben« (Hrsg.), 1985: Obstgehölze, BdB-Handbuch 6, Pin­ neberg. Götz, G.; S i l b e r e i s e n , FL, 1989: Obstsortenat­ las, Ulmer-Verlag, Stuttgart. H a n n o v e r s c h e r P o m o l o g e n v e r e i n , 1869: Po­ mologische Zeitschrift 4, H. 1, Hannover. K e i p e r t , K . , 1986: Alte Apfel- und Birnensorten, Landwirtschaftskammer Rheinland, Bonn. B

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1888: Verzeichnis der Obstsorten, Hildes­ heim. - 1898: Verzeichnis der Obstsorten, Hanno­ ver. L a n d w i r t s c h a f t l i c h e S c h u l e W a l s r o d e , 1927: Obstsortenliste, Akte zur Förderung des Obstbaus, Kreisarchiv Fallingbostel. A b b . 2.

Fast zehn Meter hoher, alter Apfelbaum auf der Obstwiese von Hof Möhr (Foto: Archiv NNA).

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Die Ansprüche an einen Straßen-O bstbaum waren vor 50 Jahren anders als heute, weil der Fruchtertrag w irtsch a ftli­ che Bedeutung hatte und dam it die Pfle­ ge der Bäume sichergestellt war.

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Die Auflistungen stellen eine Auswahl dar und umfassen nicht alle Obstsorten mit Eignung für Wiese oder Wegrand.

-

Bei der Sortenwahl sind Faktoren wie Boden- und Klim averträglichkeit, Anfäl­ ligkeiten und Pflegeansprüche sowie Befruchtungsverhältnisse zu beden­ ken. Triploide Sorten fallen als Pollen­ spendergrundsätzlich aus.

- Angaben zur W uchsstärke und Kronen­ form gelten bei zusagenden S tandort­ verhältnissen. Die Blüte der verschiede­ nen Obstsorten ist - unabhängig von der Blütezeit - unterschiedlich w itte ­ rungsem pfindlich. Die Angabe der Blü­ tezeit bezieht sich auf die betreffende O bstart: Eine spätblühende Süßkirsche blüht immer noch eher als ein frühblü­ hender Apfel.

- Der Charakter des S treuobstbaus ist durch ein weites S ortenspektrum und durch den Einsatz von Lokalsorten ge­ kennzeichnet. Baumschulen erfüllen gerne spezielle Veredelungswünsche, brauchen dafür aber auch ein oder zwei Jahre Zeit. Einzelvermehrungen von un­ geprüften Lokalsorten sind nach der Vi­ rus-Verordnung w eiterhin zulässig. - Im Einzelfall ist es am besten, sich An­ bauerfahrungen aus der nahen Umge­ bung zunutze zu machen (über bewähr­ te, wüchsige Sorten, Krankheiten, Frostschäden etc.).

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1907: Sortenverzeichnis für den Obstbau in der Provinz Hannover, Hannover. n o v e r

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1988: Anlage und Pflege von Obstwiesen, Münster. Mühl, R, 1988: Erfolgstips für den Obstgarten, Falken-Verlag, Niedernhausen. P e t z o l d , H., 1984: Birnensorten, NeumannNeudamm, Melsungen. S p ä t h , L., 1930: Obstbau zu Freude und Nutzen, Späth-Buch, Eigenverlag, Berlin. U.A.N., 1989: Apfelsorten, Wildobstgehölze, Empfehlungen der Kommunalen Umweltak­ tion U.A.N., Hannover. V

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1948: Sortenverzeichnis für die Regie­ rungsbezirke Hannover, Lüneburg, Stade, Hildesheim und Braunschweig, Hannover. V o t t e l e r , W., 1986: Verzeichnis der Apfel- und Birnensorten, Obst- und Gartenbauverlag, München. W i n t e r , R; J a n s e n , H.; K e n n e l , W.; L i n k , H.; S i l ­ b e r e i s e n , R., 1981: Lucas’ Anleitung zum Obstbau, Ulmer-Verlag, Stuttgart. v e r

,

- Für Obstpflanzungen auf Wiesen zur Er­ zeugung von B io-O bst eignen sich auch neuere Züchtungen wie ‘Ingol’ , Tum anga’, ‘Holsteiner C o x’, ‘ Melrose’, die Bir­ nensorte ‘Conference’ u. a.

Anschrift des Verfassers

Wenn kein Interesse an der Nutzung der Obsternte besteht, bietet sich die Pflan­ zung pflegeleichter W ildobstgehölze an. Ihre Früchte können den Speiseplan vieler

Dipl.-Ing. Christoph Kottrup Nordd. Naturschutzakadem ie Hof Möhr 3043 Schneverdingen

22

NN A -B erichte 3/1,1990

Anzucht und Qualitätsmerkmale von Hochstamm obstbäumen Von John-Hermann Cordes und Christoph Kottrup Für O bstwiesen und Pflanzungen in der freien Landschaft eignen sich als Baum for­ men H och- und Halbstämme. Sie dürfen nur auf starker Unterlage (Wurzelpflanze) veredelt werden; in der Baumschule Cor­ des kommen für die Anzucht von A pfelbäu­ men Sämlinge (Wildlinge) der Herkunft ‘ B ittenfelder’ und ‘Grahams Jubiläum s­ a pfel’ zur Verwendung. Bei Halbstämmen wird unter Umständen auch auf die stark­ w üchsige Typen-Unterlage M 11 zurückge­ griffen. Säm lingsunterlagen sind aus mehreren Gründen für den Einsatz in Extensiv-Pflanzungen besonders geeignet. Sie sind der robuste Unterbau starkwachsender Bäu­ me mit großen, landschaftsprägenden Kronen. Das ausgedehnte W urzelwerk er­ m öglicht einen festen Stand der Bäume und erklärt ihre große ökologische Anpas­ sungsfähigkeit. Auch die bis zu 100jährige Lebensdauer und eine beträchtliche Frost­ härte sind für O bstbäum e an Wegen oder auf Wiesen ein nicht zu unterschätzendes Argum ent. Die Nachteile eines späten Er­ tragseinsatzes und oft zu beobachtender Alternanz (jährlich wechselndes Fruchten) spielen bei der immer mehr naturschütze­ risch ausgerichteten Intention zur Anlage von »Obstbiotopen« eine untergeordnete Rolle. Sämlinge werden meist in speziellen Un­ terlagenbaum schulen herangezogen, hier wird für einwandfreies Saatgut und eben­ solche Sämlinge garantiert. Generativ ver­ m ehrte Unterlagen sind in jedem Fall frei von Viruskrankheiten (dieses gilt nur für Kernobst, beim Steinobst - Kirschen, Pflaumen usw. - komm t es manchmal zu pollenübertragbaren Virosen). Vegetativ verm ehrte, sogenannte Typenunterlagen dürfen nur von Mutterpflanzen geprüfter Herkünfte stammen. Die Bedeutung ein­ wandfreien Unterlagenmaterials ist m in­ destens ebenso groß wie die der Edelsor­ ten, um einen guten Obstbaum anzuzie­ hen. Gepflanzt werden entweder einjährig p i­ kierte Unterlagen der Sortierungen 7/9/12 mm oder einmal verpflanzte von 8 -10 mm Stärke. Im W inter werden sie geputzt, pflanzfertig geschnitten und bis zum Früh­ jahr im Kühlhaus oder Sandeinschlag gela­ gert. Zu dem Zeitpunkt werden auch W inderhandveredelungen ausgeführt. Im Be­ trieb Cordes werden solche Handverede­ lungen mit den Stamm bildern »Pomme d ’Or« und »Maunzen« gemacht, weil Som ­ merveredelung schlechte A nw achsergeb­ nisse für diese Sorten ergab. Das A ufschu­ len der Unterlagen und Handveredelungen erfolgt dann bei offenem W etter im März und April. Es wird in 90 cm Reihenabstand gepflanzt, in der Reihe stehen die Säm lin­ ge 3 5 -4 0 cm auseinander. Vorhergehende

Die Ausführung der Okulation. Anbringen des T-Schnittes, Öffnen der Rindenflügel, Abheben eines Edelauges, Einsetzen des Edelauges, Verbinden; das angewachsene Auge einige Wochen

A b b . 1.

spater (nach Krüssmann 1981).

Bodenuntersuchung, Stallm istgaben und ausreichende Bodenbearbeitung sind Vor­ bedingung für einen guten Start der Pflan­ zen. Im August des Jahres werden die W ildlin­ ge mit Edelsorten okuliert (siehe Abb.1). Bei der Hochstamm anzucht können nicht alle Edelsorten direkt auf W ildling okuliert werden, weil die Sorte z. B. zu langsames W achstum zeigt, von unten gezogen zu dünn bleibt und später kein stabiles Kro­ nengerüst bilden kann. Solche Edelsorten, die sich nicht »von unten hoch« ziehen las­ sen, werden später auf Stam m bildner ko­ puliert. Meistens wird in dem Falle die Ko­ pulation, zweitrangig die Geisfußverede­ lung angewendet (Abb. 2). Neben oben er­ wähnten speziellen Stam m bildnersorten lassen sich auch etliche Edelsorten zur Stammerziehung verwenden, sofern diese gerade wachsen und genügend Dicken­ wachstum entwickeln. Um gesundes Pflanzenmaterial anzuzie­ hen, ist bei der Veredelung daraufzu ach­ ten, virusfreies oder virusgetestetes Rei­ sermaterial zu verwenden. Leider ist das nicht bei allen Sorten möglich, besonders bei den jetzt viel gefragten alten Sorten. Die Reiser kommen aus Reisermuttergär­ ten, die von den Pflanzenschutzämtern der einzelnen Länder betreut werden. Von dem dort erworbenen Material kann der Baum schuler noch zwei Jahre selbst Rei­ ser entnehmen. Bei der Vielzahl der zur Zeit gefragten Sorten kristallisiert sich erst langsam heraus, welche einen solchen Liebhaberwert haben, daß sich das Pflan­ zenschutzam t der Sorte annehmen kann und die aufwendige Virusbehandlung durchführt. Im Betrieb Cordes sind 250 Apfelsorten gesammelt. Sie stehen nicht auf Sämling, sondern auf der schwachwachsenden Ty­ penunterlage J 9, damit sie schnell in den Ertrag kommen und die Früchte zu Be­

stim m ungszwecken zur Verfügung ste­ hen. Ungefähr 90 Sorten sind in irgendei­ ner Baumform in der Baumschule vorrätig, die anderen Sorten oder spezielle W ün­ sche werden nur auf Bestellung veredelt. Im zweiten Kulturjahr - je nach Wetter im Februar oder März - werden die W ildlinge »auf Zapfen« geschnitten. Das bedeutet, daß der W ildling 15 cm über dem ange­ wachsenen Edelauge abgeschnitten wird. Nach dem Austrieb des Auges wird der stehengebliebene Zapfen dazu benutzt, den Edeltrieb anzubinden, um ihn gerade und ohne Bruchgefahr nach oben zu füh­ ren. Manche Sorten können auch direkt über dem Auge geschnitten werden, las­ sen sich also ohne Zapfen ziehen. Sie müs­ sen gegen W indbruch allerdings gestäbt werden. Laufend erfolgen während der Vegeta­ tionsperiode Kulturmaßnahmen, haupt­ sächlich die Bekäm pfung von Unkraut und - wenn nötig - ein Vorgehen gegen Pilz­ krankheiten oder Schädlingsbefall.

Geißfußpfropfen, die Anfertigung der Veredelung einschließlich Verbinden und Ver­ streichen (nach Krüssmann 1981). A b b .2 .

C o r d e s /K o t tr u p • A n z u c h t und Q u a litä ts m e rk m a le vo n H o c h s ta m m o b s tb ä u m e n

Nach dem 2. Kulturjahr hat man nun soge­ nannte einjährige Veredelungen gezogen. In Obstplantagen werden solche Pflanzen - heutzutage nur noch auf schw achw ach­ senden Unterlagen - in diesem Stadium gerne gepflanzt. Pflanzungen in der freien Landschaft mit ihren härteren Bedingun­ gen können solche Jungbäum e nicht ge­ recht werden und müssen dem entspre­ chend noch ein oder sogar zwei Jahre w ei­ ter kultiviert werden. Wenn es geht, wer­ den diese Einjährigen durch die Terminale (Endknospe) weitergezogen, krumm ge­ wachsene werden zurückgenom m en und geheftet, um einen geraden Stamm zu er­ zielen. Im W inter des 3. Kulturjahres werden die jetzt 2jährigen Veredelungen zu Haib­ und Hochstämmen angeschnitten (vergl. Abb. 4) und sind im Herbst des Jahres ver­ kaufsfähig. Halbstämme müssen laut BdB-Richtlinien (Bund deutscher Baum­ schulen) einen Stamm von 100-120 cm Höhe haben, Hochstämm e eine Stam m ­ länge von 160-180 cm oder darüber (Abb. 4). Die Stammhöhe wird vom Erdbo­ den bis zum untersten S eitentrieb gemes­ sen. Der Stammumfang von Halbstämmen muß, in halber Stamm höhe gemessen, m indestens 6 cm betragen; bei H ochstäm ­ men in einem Meter Höhe mindestens 7 cm (BdB, 1985). Einwandfreie Bäume haben ein gut verzweigtes Wurzelwerk, gerade, fehlerfreie Stämme und sauber verwachsene Veredelungsstellen (Abb. 3). Mehrjähriges Kern- und S teinobst muß mindestens vier der Sorte entsprechende,

Verwachsene Kronenveredelung zwei Jahre nach der Ausführung (Foto: Archiv NNA).

A b b . 3.

kräftige Triebe haben. Der Leittrieb ist in diese Zahl eingeschlossen, der A fterleit­ trieb (Konkurrenztrieb) sollte entfernt sein. Sachgemäß angeschnittene Kronen mit glatten Schnittstellen sind weitere Kenn­ zeichen der äußeren Qualität von Hochund Halbstämmen.

2 3

Die innere Qualität muß auch gew ährlei­ stet sein. Das beinhaltet die Echtheit der Sorte und der verw endeten Unterlage, w o ­ bei die Verordnung zur Bekäm pfung von Viruskrankheiten im O bstbau einzuhalten ist. Für w issenschaftliche Zwecke und Liebhaberobstbau mit ungeprüften Lo­ kalsorten sind in der Verordnung Ausnah­ meregelungen getroffen, eine weitere Ver­ schärfung der Auflagen steht in nächster Zeit bevor. Obstbäum e, die die vorge­ schriebenen Q ualitätsm erkm ale erfüllen, werden mit dem vom Bund deutscher Baumschulen herausgegebenen M arken­ etikett gekennzeichnet. Im W inter bis Frühjahrsanfang des 3. oder 4. Jahres werden die S tam m bildner kopu­ liert. Bei allen Sorten, die keinen eigenen geraden Stamm bilden können, wie z. B. Laxtons Superb, Gelber Richard, Biester­ felder Renette usw., muß so verfahren w er­ den. Ebenso können auf diese A rt in einem kürzeren Zeitraum spezielle Veredelungs­ wünsche für Lokalsorten erfüllt werden, weil diese dann, nach der Vegetations­ periode bereits pflanzfertig und zur A bga­ be bereit sind. Die Stam m form en für Birnen, Pflaumen und Zwetschen werden ähnlich kultiviert und gezogen, wie anhand des Apfels dar­ gestellt. Für ausreichend starkes W achs­ tum werden auch bei diesen Obstarten Sämlinge als Unterlagen verw endet. Bir­ nenwildlinge sind von Natur aus virusfrei, aus Samen gewonnene Pflaum enunterla­ gen nicht unbedingt. Kirschen brauchen sehr starke, kräftige Unterlagen; geeignet ist die Herkunft

Kronenveredelung

März: Unterlage aufpflanzen

1. Jahr A b b . 4.

August: Veredeln

Herbst: Einjährige Veredelung

2 .Jahr

Winter: Anschneiden

Herbst: Fertiger Halbstamm

Winter: Kronenveredelung an2jährlgem Stammbildner

I_____________ 3. Jahr

Stationen auf dem Weg zum verkaufsfertigen Halb- und Hochstamm in der Baumschule.

4 .Jahr

Herbst: Verkaufsfertiger Hochstamm auf Stammbildner

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N N A -B e r ic h te 3 /1 ,1 9 9 0

‘Lim burger Vogelkirsche’, ‘ Hüttners H och­ z u c h t’ sowie der starkwachsende vegeta­ tiv verm ehrbare Typ F 12/1. Die aufge­ pflanzten Unterlagen werden nicht zurück­ geschnitten, sondern durch die Terminale gezogen. Sind sie stark genug, werden die Edelsorten auf 120 cm oder 180 cm Höhe direkt im Februar/März als Standverede­ lung im Freiland kopuliert. Ein Jahr später e rfo lg t der R ückschnitt, im Herbst darauf sind nach m eist dreijähriger Kulturdauer die hochstäm m igen Kirschbäum e ver­ kaufsfertig und bereit, für die nächsten 5 0 -1 0 0 Jahre ihren Platz in Garten, Wiese oder freier Landschaft einzunehmen.

Zusam m enfassung

Literatur

ln den letzten Jahren ist die Nachfrage nach hochstäm migen, wüchsigen O bst­ bäumen für Pflanzungen in der freien Landschaft ständig gestiegen. Immer mehr verschiedene, oft alte Obstsorten werden für diesen Einsatzbereich verlangt und angeboten. Als Unterlagen werden für diesen Baumtyp fast ausschließlich Säm­ linge verwendet. Der weitere Verlauf der Kultur ist erläutert am Beispiel des Baum­ schulbetriebes Cordes im Norden Deutschlands. Qualitätsmerkmale für Obstgehölze werden beschrieben.

BdB (Bund deutscher Baumschulen) 1985: BdB-Handbuch VI »Obstgehölze«, Eigen­ verlag, Pinneberg. Krüssmann, G., 1981: Die Baumschule, 656 S., Parey, Hamburg und Berlin.

A nschrift der Verfasser: Hermann Cordes Lülanden 4 2000 W edel/Holstein Dipl.-Ing. Christoph K ottrup Nordd. Naturschutzakademie, Hof Möhr 3043 Schneverdingen

Virosen auch bei alten Kern- und Steinobstsorten Von Ernst-Albrecht Wigger Es ist erst 30 Jahre her, daß man sich in W estdeutschland intensiver mit in unseren Kern- und Steinobstsorten vorhandenen Viruskrankheiten beschäftigte. Nach einer Reihe erster Virusprüfungen stellte man seinerzeit am Pflanzenschutzam t Hanno­ ver fest, daß unsere heimischen O bstgat­ tungen zu 80-100 % mit mehreren Virosen befallen waren (Kirschenringfleckenviren fast 100% , Adernvergilbung der Birne ebenfalls fast 100 %, Gum miholz des A p ­ fels = 80 % etc.). Erwähnenswert im Zusammenhang mit dem starken Virusbefall war die Feststel­ lung, daß die meisten Sortenherkünfte den Virusbefall äußerlich gar nicht erkennen ließen. Nuran den benutzten Testgehölzen (= Indikatoren) waren die Sym ptom e über­ aus deutlich. Dies führte zunächst zu der Vorstellung, daß der nachgewiesene hohe »latente« Virusbefall gar nicht von so gro­ ßer w irtschaftlicher Bedeutung sein kön­ ne. Aber die ersten Anzuchten virusgete­ steter »gesunder« Sortenherkünfte ließen ganz schnell erkennen, daß auch der w e it­ gehend latente Virusbefall erhebliche W achstum sm inderungen verursacht! Das getestete Material, vor allem bei Birnen und Kirschen, zeigte W achstum ssteige­ rungen von 3 0 -4 0 % . Als bei Apfelsorten in späteren Jahren weitere Viren Berück­ sichtigung fanden, trat der gleiche Effekt ein. Heute weiß man aufgrund von über 10 Jahre andauernden wissenschaftlichen Versuchen, daß virusfreie A pfelpflanzun­ gen um 8 0 -1 0 0 % höhere Erträge liefern können, wobei auch die äußere und innere Fruchtqualität erheblich verbessert ist. Und das Erstaunliche dabei ist, daß zum in­ dest bei unseren Kernobstgattungen kei­ ne N euinfektionen entstehen. Die ersten positiven Betrachtungen, die mit getesteten Sortenherkünften bei Baumschulanzuchten gewonnen wurden, führten zu ganz speziellen Virusprüfungen mit dem Ziel, so schnell wie m öglich von den w ichtigsten Erwerbssorten gesunde Herkünfte zu finden, diese gesondert zu vermehren und davon Veredlungsreiser an

die Obstbaumschulen zu liefern. Damit be­ kam die »Obstvirustestung« zunehmend einen am tlichen Charakter. 1966 wurde mit finanzieller Unterstützung des Landes ein auch heute noch existie­ render Obstm uttergarten (= Reiserschnittgarten) in der Nähe Hannovers angelegt. Aus diesem Muttergarten wurde zuneh­ mend gesundes Reisermaterial für die A n­ zucht neuer Bäume abgegeben. 1978 kam die »Bundesverordnung zur Bekämpfung der Viruskrankheiten im Obstbaus nach der nur noch Obstbäume heranwachsen und vertrieben werden dürfen, die aus ge­ testetem Ausgangsmaterial hervorgegan­ gen sind. Die Verordnung berücksichtigt eine Reihe damals als w irtschaftlich w ich ­ tig erkannter Virosen. In der zurZ eit durch­ geführten Virustestung werden weitere Vi­ rosen mit erfaßt. Die Verordnung müßte al­ so geändert bzw. erweitert werden.

sind mit wenigen Ausnahmen total virus­ befallen. Die vorhandenen alten virusfrei gemachten Sorten sind aus der Aufzäh­ lung auf Seite 26 ersichtlich. Interessant ist nun die Feststellung, daß noch einige wenige uralte Apfelbäum e auf Säm lingsunterlage stehend zu finden sind, die ein Alter von 80 bis 100 Jahren aufweisen und bei der Virustestung sogar frei von allen bisher bekannten Virosen sein können. Dies Phänomen läßt verm u­ ten, daß unsere Vorfahren, die noch nichts über Obstvirosen wußten, diese Virosen auch noch gar nicht in ihrem A pfelsorti­ ment vorliegen hatten. Es ist durchaus denkbar, daß die Viruskrankheiten erst mit Einführung der sogenannten vegetativ ver­ mehrbaren Typenunterlagen in das dam ali­ ge und heutige Kernobstsortim ent gelangt

Die Kapazität des erwähnten Muttergar­ tens und noch eines weiteren Reiser­ schnittgartens in Uelzen/W esterweyhe sowie vorhandener Reiserschnittquartiere direkt am Pflanzenschutzamt Hannover reicht für die Abgabe von Edelreisern für ca. 700 000 neue Bäume. Reisermengen für ca. 500 000 Veredlungen werden im D urchschnitt tatsächlich in jedem Jahr an Baumschulen geliefert. Da sich gerade bei den für den Erwerbs­ obstbau interessantesten S ortenselektio­ nen im Test Virusbefall zeigte, wurde schon Ende der 60er Jahre versucht, die vorhandenen Virosen mit sogenannten »Wärmebehandlungen« (= Thermotherapie) zu eliminieren. Mit Hilfe ganz speziel­ ler Methoden ließ sich dieses auch - nach anfänglichen Schwierigkeiten - realisie­ ren. Heute gehört die Thermotherapie schon fast automatisch zu jeder Testung. Seit annähernd 10 Jahren werden im Rah­ men des Möglichen auch alte Sorten, vor allem alte Apfelsorten, derTestung und der Therm otherapie unterzogen, zumal diese Sorten auch zunehmend von Baum schu­ len verlangt werden. Auch die alten Sorten

Einfluß der Birnenvirose »Adernvergil­ bung« auf vegetatives Wachstum von Birnen­ sämlingen im Virustest (2 x gesund, 2 x Adern­ vergilbung).

A b b . 1.

W ig g e r • V iro s e n a u c h bei a lte n K e rn - un d S te in o b s ts o r te n

sind. Man wollte den Sämling nicht mehr als Unterlage, sondern w ollte Typenunter­ lagen, die selbst nicht so stark wachsen und den schwächeren W uchs auch auf die Edelsorte übertragen. Damit wurde über­ haupt erst der moderne Plantagenobst­ bau erm öglicht, aber man hat verm utlich -u n b e w u ß t-v iru s k ra n k e s Unterlagenm a­ terial selektiert. Es gib t noch andere Hin­ weise dafür, daß dies wohl so gewesen ist. Denn heute ist bewiesen, daß die bei uns vorhandenen Kernobstvirosen nicht durch irgendwelche Vektoren (Läuse, Wanzen etc.), auch nicht durch Blütenpollen oder Schnittmaßnahmen übertragen werden können. Allenfalls durch m ögliche W urzel­ verwachsungen könnte eine Ausbreitung stattfinden. Der Ü berträger ist eigentlich nur der »Mensch«, der durch Veredlungs­ arbeiten Virusübertragungen vornimmt. Beim Steinobst - übrigens bei ganz ande­ ren Virosen - sind Pollenübertragungen, zum indest in gewissem Umfang, möglich. Aber auch hier gibt es ein Beispiel dafür, daß unsere Sauerkirschen, insbesondere unsere ‘S chattenm orelle’, in den vorhan­ denen Plantagen erst nach dem Zweiten Weltkrieg in stärkerem Ausmaß von der so­ genannten »Stecklenberger Krankheit« befallen wurde. Da in strengen W intern un­ ser Steinobst häufig stark leidet und auch erfriert, hatte ein W issenschaftler während des Krieges aus Rußland eine besonders frostharte S auerkirschensorte (= Tschernokorka’) nach Deutschland gebracht. Sie war - wenn auch meist nur in wenigen Ex­ emplaren - in vielen Sauerkirschenplanta­ gen noch Anfang der 60er Jahre zu finden. In Nähe dieser Bäume brachen dann zu­ nehmend die Bäume der Sorte ‘Schatten­ morelle’ zusammen. Die Bäume der Sorte ‘Tschernokorka’ zeigten keinerlei S ym pto­ me, waren aber latent befallen, wie mehr­ fache Tests eindeutig bewiesen. Noch heute ist in Schattenm orellenplantagen im Braunschweiger Raum die »Stecklenber­ ger Krankheit« w eit verbreitet, obw ohl die Sorte Tschernokorka’ do rt gar nicht mehr existiert. Neue virusfreie Pflanzungen von Schattenmorellen werden durch benach­ barte ältere Bestände immer w ieder infi­ ziert (= W indbefruchtung mit viruskranken Blütenpollen). Der sich abzeichnendeTrend, w ieder mehr alte Sorten zu pflanzen, hat seine Berechti­ gung, wobei allerdings darüber nachge­ dacht werden sollte, für welchen Zweck derartige Pflanzungen vorgesehen sind. Es gibt viele alte Apfelsorten, die gar nicht so gut schmecken, wenn man sie mit den heutigen Geschm acksvorstellungen ißt. Es gibt andererseits ausgezeichnet schmeckende alte Tafelobstsorten, die für den Haus- und Kleingarten zu empfehlen sind, aber für den E rw erbsobstbau ausscheiden, weil sie starken Ertragsschwan­ kungen unterliegen, zu kleinfrüchtig sind oder vom Handel abgelehnt werden, weil sie nicht »drucktest« genug sind. Andere Sorten, zum Teil auch Lokalsorten, sind nicht für den Haus- und Kleingarten, son­ dern ausschließlich für O bstwiesen oder Bankettbepflanzungen geeignet. Es ist

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Kirschenringflecken, hier: Stecklenberger Krankheit - Blütenschäden durch die Virose (1 x gesund, 1 x krank).

A b b .2 .

A b b . 3.

Symptome des Pflaumenbandmosaik-Virus an Pflaumenblättern

Phloemnekrosen an Trieben eines Apfelindikators - Anzeichen für das Vorliegen einer weitverbreiteten latenten Apfelvirose (Mitte = gesund).

A b b .4 .

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W igger • Virosen auch bei alten Kern- und S teinobstsorten

Ältere und neuere O bstsorten am Pflanzenschutzam t Hannover mit geprüftem Virusstatus A p fe lso rte n (virusfrei) A lk m e n e

Altländer Pfannkuchen Astramel Berlepsch Roter Berlepsch Roter Boskoop, Typ Schmitz-Hübsch Roter Boskoop, Typ Müllheim Charden Celler Dickstiel Cortland Cousinot (als Stammbildner) Cox-Orange 1/11 (eigene Selektion) Cox-Orange, Typ Ottensen Cox-Orange, Typ Moje COX-T12

Cox-Queen Cox-Kortegaard Dülmener Rosenapfel Eistar Finkenwerder Roter Finkenwerder Geheimrat Oldenburg Gelber Richard Glockenapfel Gloster Golden Delicious Golden Delicious, Typ Dänemark Golden Delicious, Klon B (Schweiz) Golden Delicious, Typ Smoothee Goldparmäne Gravensteiner Holsteiner Cox Roter Holsteiner Cox, Typ Esselborn Roter Holsteiner Cox, Typ Mahler Roter Holsteiner Cox, Typ Griemsmann Roter Holsteiner Cox, Typ Palloks Horneburger Pfannkuchen Idared Ingol Ingrid Marie Jamba James Grieve

James Grieve Lired Jonagold Jonagold de Coster Jonared Jonathan Karin Schneider Karmijn Laxtons Superb Mailing Kent Mantet Maunzen (Stammbildner) Mc Intosh Melba Melrose Ontario Riesenboiken Roter Hauptmann Spartan Stark Earliest Summerred Weißer Klar Seestermüher Zitronenapfel Grahams Jubiläum Landsberger Renette Prinz von Preußen Double ZoeteAagt (Stammbildner) Roter James Grieve Kaiser Alexander Schöner von Bath Kasseler Renette Schöner von Herrnhut Schöner von Nordhausen A pfelsorten (viru sgete ste t) Boskoop, grün Celler Dickstiel Pomme d ’or (Stammbildner) Tydemanns Early Worcester Zuccalmaglio Jacob Lebel Tumanga Kalco

Birnensorten (virusfrei) Abbé Fétel Alexander Lucas Augustbirne Blumenbachs Butterbirne Bosc’s Flaschenbirne Bunte Juli Clapps Liebling Conference Frühe Clapps Gellerts Butterbirne Gute Graue Gute Luise Gräfin von Paris Guyot Herzogin von Angoulème Herzogin Elsa Josefine von Mecheln Köstliche von Charneux Nordhäuser Winterforelle Packhams Triumph Poiteau Präsident Drouard Trévoux Triumph devienne Vereinsdechants Williams Christ Rote Williams Rote Bergamotte

Kronprinz von Hannover Mittelfrühe Herz Oktavia Regina Rübe Schneiders Späte Valeska Van Viola Sauerkirschensorten (virusgetestet) Cerella Kelleriis 14 Heimanns Konservenweichsel Koröser Weichsel Ludwigs Frühe Morelienfeuer Nabella Rexelle Rubin Weichsel Schattenmorelle Stavnsbeer

Birnensorten (virusgete ste t) Doppelte Philipps Md. Verté Süßkirschensorten (viru sgete ste t) Annabella Büttners Rote Knorpel Dönissens Gelbe Erika Große Schwarze Knorpel Hedelfinger Kassins Frühe Königskirsche

Pflaum en- und Z w etsch e n so rte n (virusgetestet) Auerbacher Borsumer Bühler Frühzwetsche Essinger Frühzwetsche Frühe Fruchtbare Große Grüne Reneklode Hauszwetsche Italienische Zwetsche Italienische Zwetsche, Typ Richards Kirkes Pflaume Lützelsachser Frühzwetsche Nancy Mirabelle Ortenauer Zwetsche Schönberger Zwetsche Stanley The Czar Wangenheims Frühzwetsche Zimmers Frühzwetsche

auch gar nicht so leicht, die eine oder an­ dere alte Sorte »sortenecht« zu finden. W ichtig ist bei allen Vorarbeiten aber die »Gesundheit« des in Betracht kom m en­ den Sortenm aterials! Dazu gehört die Vi­ rusfreiheit, wenn langfristig Erfolge mit Neupflanzungen älterer Sorten erzielt wer­ den sollen. Zu bedenken ist hierbei, daß in W estdeutschland gegenwärtig nurzw ei In­ stitutionen Viruseliminierungen m it Hilfe derTherm otherapie durchführen: Die Lan­ desanstalt für Pflanzenschutz in S tuttgart und das Pflanzenschutzamt der Landw irt­ schaftskam m er Hannover. Beide Institu­ tionen führen diese Arbeiten schw erpunkt­ mäßig für Sortenselektionen des Erw erbs­ obstbaus durch. Diese Maßnahmen sind relativ arbeits- und kostenaufwendig. Es müßte nun eigentlich das öffentliche Inter­ esse, auch alte Sorten stärker als bisher auf dem V irsussektorzu bearbeiten, in den Vordergrund gestellt werden. Nur dann wird es m öglich sein, genügend gesundes virusfreies Baummaterial auch von alten Sorten für Neupflanzungen zur Verfügung zu haben.

A nschrift des Verfassers:

Abb. 5. W interreiser von virusfreien Apfelsorten unm ittelbar vor dem Versand an O bstbaum schulen (alle Fotos vom Verfasser).

Dipl.-Ing. Ernst-Albrecht Wigger, Landw irtschaftsdirektor Pflanzenschutzam t der Landw irtschafts­ kammer Hannover W unstorfer Landstraße 9 3000 Hannover 91

N N A -B erichte 3 /1,1990

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Alte Haustierrassen in Norddeutschland Merkmale und Zuchtgeschichte Von Hans Hinrich Sambraus Rassen sind in bestim m ten Gegenden im Verlaufe eines meist langen Prozesses durch künstliche und natürliche Selektion entstanden. Die künstliche Selektion war vielfach w illkürlich, jedenfalls oft nicht an Leistungsmerkm alen orientiert. Häufig mögen die Vorliebe für bestim m te Farben und Zeichnungen den Ausschlag gegeben haben. Gelegentlich fanden bevorzugt im portierte Tiere mit bestim m ten Merkma­ len über einflußreiche Züchter oder die Ob­ rigkeit Eingang in die Landeszucht. Dernatürlichen Selektion unterlagen Nutztiere in früheren Jahrhunderten deshalb, weil sie in Haltung und Fütterung in w eit stärkerem Ausmaß als heute den örtlichen Gegeben­ heiten unterworfen waren und gegen un­ günstige Bedingungen kaum abgeschirm t werden konnten. Bevor Haustiere nach rationalen Gesichts­ punkten system atisch gezüchtet wurden, gab es bei den verschiedenen Nutztierar­ ten zahlreiche bodenständige und nur re­ gional begrenzt auftretende Landrassen. Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhun­ derts begann man ein Zuchtziel klar zu de­ finieren und durch Selektion geeigneter In­ dividuen sowie durch gezielte Paarung und weitere züchterische Maßnahmen zu erreichen. Angehörige der einzelnen Ras­ sen waren danach im Erscheinungsbild viel einheitlicher. Das galt zunächst für das Rind, Anfang des 19. Jahrhunderts auch fü rd a s Schwein und schließlich für Schafe und andere Nutztierarten. In Deutschland war die Tierproduktion noch zu Beginn des vergangenen Jahrhun­ derts ein extensiver W irtschaftszw eig. Die Intensivierung der Zucht, die zu einer Lei­ stungssteigerung führte, hatte im w esent­ lichen zwei Effekte: - Vereinheitlichung des Rassebildes in Typ, Größe, Färbung sowie P roportio­ nen einzelner Körperteile, - Entwicklung der Mehrzweckrassen in Richtung auf Z w ei- oder gar Einnut­ zungsrassen. Zwar gab es schon früher einen internatio­ nalen Austausch von Zuchttieren. Da die­ se T ierejedoch im allgemeinen nich ttra n sportiert werden konnten, waren der Entfer­ nung vom Ursprungs- zum Bestim m ungs­ ort Grenzen gesetzt; außerdem war die Zahl der Individuen klein, ihre Auswirkung auf die Lokalrasse bei den damaligen Fort­ pflanzungsm ethoden im allgemeinen ent­ sprechend gering. Erst die M öglichkeit der Nutzung von S chiff und Bahn fürTiertransporte führte zu einem wirksam eren Trans­ fer von Genmaterial. Hilfreich bei der Reinzucht waren Herdbü­ cher, die für viele Rassen in Deutschland in

der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden. Mit der Definierung eines Ras­ sestandards und der genetischen Isolie­ rung gegenüber anderen Rassen und der Landeszucht konnten weitgehend einheit­ liche Rassen geschaffen werden. Sie ent­ sprachen im Erscheinungsbild meist ei­ nem im Ursprungsgebiet der Rasse schon seit langer Zeit vorkom menden Typ. Da Tiere mit abweichenden Kennzeichen nicht in das Herdbuch aufgenommen wur­ den, konnte im Verlaufe der Zeit eine im ­ mer stärkere Einheitlichkeit erreicht wer­ den. Ein in dieser Hinsicht übertriebener Formalismus, der sich auch auf unbedeu­ tende Einzelheiten bezog (z. B. durchge­ hende »Fatschen« bei Pinzgauern oder weiße Beine bis mindestens zu den Karpalgelenken hinauf bei Simmentalern), ging bei mancher Rasse vorübergehend auf Ko­ sten der Leistung. Rassen können im Verlaufe der Zeit ihr Er­ scheinungsbild durchaus verändern. Das gilt weniger für plakative Elemente wie Far­ be, Zeichnung oder Hornform. A b bildun­ gen sowie Angaben der DLG über Gewicht und W iderristhöhe der ausgestellten Tiere geben jedoch ein beredtes Bild. Typ und Form sind von Zeitström ungen und w irt­ schaftlichen Situationen abhängig. Dieser Wandel im Erscheinungsbild hat dieselben Ursachen wie der Rückgang in derVerbreitung einzelner Rassen oder gar deren vö lli­ ger Untergang. Für viele der Lokalrassen und Landschlä­ ge setzte der Rückgang bereits im 19. Jahr­ hundert ein. Zum Teil wurden sie durch For­ men verdrängt, die heute selbst bedroht sind. Die neuen Zuchtm ethoden, Rein­ zucht und Leistungsvergleiche machen sichtbar, daß manche Rassen anderen in der damals gefragten Leistung überlegen waren. Ihre Überlegenheit in anderen Ei­ genschaften wie Fruchtbarkeit, Langlebig­ keit oder Resistenz gegen bestim m te Krankheiten verzögerte diesen Vorgang nurgeringfügig. Steigende Produktmengen wurden jetzt stärker beachtet, weil die Industrialisie­ rung bestimmten Bevölkerungsschichten einen größeren W ohlstand brachte. Dieser erlaubte es, mehr tierische Produkte zu verzehren. Gleichzeitig schuf der Bau der Eisenbahn die Möglichkeit, lebende Tiere, Frischfleisch oder Milch rasch in die Groß­ städte zu bringen. Dadurch wurde auch Bauern in marktfernen Gegenden die A n­ regung gegeben, die Zucht auf leistungs­ fähigere Rassen auszurichten. Während zunächst nur Landrassen und Lokalschläge verdrängt wurden, verfielen später auch viele international gut be­ kannte Rassen diesem Schicksal. Im

Vorteil waren Rassen mit w eltw eiter Ver­ breitung und entsprechend breiter Z u ch t­ basis. Die künstliche Besam ung machte es möglich, daß nur die genetisch w ertvo ll­ sten Vatertiere zur Fortpflanzung kamen und dies o ft über w eite Entfernungen. Hier war am ehesten mit einem Z u ch tfo rtsch ritt in gew ünschter Richtung zu rechnen. Klei­ ne Rassen und solche, deren Zuchtver­ bände die künstliche Besamung ablehn­ ten, kamen leistungsm äßig ins H intertref­ fen. Der mehr als durch andere Z u ch tm e th o ­ den bei der künstlichen Besam ung m ögli­ che Z u ch tfo rtsch ritt brachte es m it sich, daß Sperma der führenden Rassen auch in ähnlichen Rassen eingesetzt wurde. Die­ ser Vorgang führte nicht nur zu einer A n­ gleichung aller Rassen, bei denen das ge­ schah, sondern gleichzeitig entfernten sich alle vom ursprünglichen Erschei­ nungsbild. Ein Beispiel hierfür ist der Ein­ satz von Brown Swiss bei Schweizer Braunvieh, Allgäuern (Deutsches B raun­ vieh), M ontafonern, Bruna Alpina in Italien sowie Brune des Alpes in Frankreich. Um eine breitere Zuchtbasis zu schaffen, wurden manchmal durchaus unterschied­ liche Rassen zusamm engefaßt. Dies galt z. B. für alle pigm entierten Ziegen in Deutschland. Aus so unterschiedlich gear­ teten Rassen wie der Frankenziege mit einem schwarzen Bauch (Abb.1), der Schwarzwaldziege mit einem hellen Bauch (Abb. 2) und derT hüringerw ald-Z iege (helles Graubraun), entstand 1928 die »Bunte Deutsche Edelziege«. In anderen Fällen wurde von annähernd gleich guten Rassen die eine zugunsten der anderen fallengelassen. Der Verdacht ist schw er zu vermeiden, daß die Auswahl bestim m ter Rassen oft nach sehr oberflächlichen Ge­ sichtspunkten geschah. Nicht Kostendruck und Konkurrenz allein führten zur Abnahme der Zahl der Rassen, sondern ganz wesentlich auch staatliche und behördliche Eingriffe in das Z uchtge­ schehen. Bei der Beurteilung w irts c h a ftli­ cher G esichtspunkte von (Land-)Rassen darf nicht nur der aus dem Verkauf von Pro­ dukten erzielte Erlös betrachtet werden. Es muß vielmehr b e rücksichtigt werden, unter welchen Umständen die Leistung er­ zielt wurde, und es muß beachtet werden, ob durch die Haltung einer fraglichen Ras­ se besondere Nebeneffekte erzielt w er­ den, die durch andere Rassen nicht oder nicht im gleichen Ausmaß erlangt werden können. Die Gründe für die Erhaltung von gefährde­ ten Rassen können in genetische und kul­ turelle eingeteilt werden.

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Sam braus • Alte Haustierrassen in N orddeutschland

aber das könnte sich in einiger Zeit durch­ aus ändern. Dieser Trend könnte durch steigenden Lebensstandard verstärkt wer­ den, der zu einem wachsenden Konsum ernährungsphysiologisch wertvoller, aber teurer Nahrungsm ittel oder von Nahrungs­ mitteln m it bestim m ten organoleptischen Eigenschaften führt. Bei vielen Landras­ sen, insbesondere denen der Schafe, wird der w ildartige Geschm ack hervorgehoben und führt zu gesteigertem Verzehr. Bei der Q ualität der Nahrungsmittel ist im übrigen ein ständiger Leistungsdruck vorhanden: Zarteres Fleisch, eiweißreichere Milch oder stabilere Eischalen werden bis auf Ausnahmen positiv bewertet. In der A us­ einandersetzung mit Fertigprodukten und Ersatzstoffen der Industrie muß die tie ri­ sche Produktion stets flexibel sein, um konkurrenzfähig bleiben zu können. Es kom m t hinzu, daß neue Erkenntnisse über die Ernährung des Menschen dazu führen, den W ert bestim m ter Nahrungsmittel hö­ her anzusetzen und andere als weniger ge­ eignet abzulehnen. A b b . 1.

Frankenziege.

1. Die Erfahrung hat gezeigt, daß es grundsätzlich immer gut ist, bei Nutztieren eine große Variabilität zu erhalten. Bei möglichen Änderungen der Produktions­ bedingungen könnten Landrassen besser als die etablierten Rassen der neuen Situa­ tion entsprechen. Diese Änderungen könnten betreffen: a) die Fütterung, um die Erzeugungsko­ sten zu senken. Es könnten neue w irt­ schaftliche Futtermittel gefunden wer­ den oder Überschußmengen anfallen, die in m ancher Hinsicht mangelhaft sind (wenig gehaltvoll, Mangel an be­ stim m ten Am ino- oder Fettsäuren so­ wie Mangel an Mineralstoffen u.a.). Es hat sich erwiesen, daß in der Nutzung von Futtermitteln Unterschiede beste­ hen. b) Bisher unbekannte Krankheiten kön­ nen auftreten. Zwar können in den m ei­ sten Fällen leichter geeignete Heilmittel produziert werden; in gewissen Fällen, wie z. B. bei der Bekäm pfung von Vi­ ruserkrankungen, ist dies jedoch nicht einfach oder bisher gar unmöglich. c) Es könnten Haltungsformen entw ickelt werden, für die Rassen, die unter den üblichen Bedingungen nicht konkur­ renzfähig sind, besser geeignet sind. Durch intensive Leistungszucht und die dam it verbundene Vereinheitlichung kann es zu Genverlusten oder zu S elektionspla­ teaus kommen. Das Hereinnehmen von Landrassen könnte es erm öglichen, so l­ che Selektionsplateaus zu durchbrechen. Es kom m t hinzu, daß bei hohem Lei­ stungsniveau Leistungsschwellen deut­ lich werden. Das kann der Fall sein durch verringerte Fruchtbarkeit und Konstitution sow ie begrenztes Futteraufnahm evermö­ gen. Landrassen könnten außerdem als Kreuzungskom ponente herangezogen werden, um H ybridisations- bzw. Heterosiseffekte zu nutzen. Ohne Konservierung bestim m ter Rassen sind keine A lternati­

ven zu den heute üblichen Rassen verfüg­ bar. Es wird dann eine zu geringe geneti­ sche Variation für einen Wandel in der Zucht zur Verfügung stehen, um den neu­ en Erfordernissen entsprechen zu können. 2. Manche Rassen werden gegenwärtig nur deshalb bevorzugt, weil ihre Produkte den augenblicklichen Verbrauchererwar­ tungen entsprechen. Diese Erwartungen können sich jedoch ändern; sei es, daß bestim m te Produkteigenschaften anders eingeschätzt werden, sei es, daß dem Trend anderer Länder (z. B. nach Urlaubs­ aufenthalten) gefolgt wird. In den letzten Jahren wurde zunehmend eingesehen, daß Fett ein bedeutender Aromaträger ist. Zwar w irkt sich diese Einsicht bisher noch kaum auf die Verzehrsgewohnheiten aus,

A b b . 2 . Bunte Deutsche Edelziege.

Die Produkte vieler Landrassen sind si­ cher noch nicht ausreichend auf mögliche Vorteile hin untersucht worden. Diese Ras­ sen aufzugeben wäre gleichbedeutend mit dem W egwerfen eines ungeprüften Lottoscheines, nur weil die Aussicht auf ei­ nen Gewinn gering ist. Gewiß kann man durch Zucht und entsprechende Selektion in vielen Fällen die gewünschte Produkt­ qualität im Verlaufe der Zeit schaffen. Die­ ser Vorgang ist jedoch viel zeitraubender und dam it auch nicht unbedingt billiger, als wenn man auf vorhandene Populationen zurückgreift. 3. Landrassen werden oft mit speziellen ökologischen Gegebenheiten leichter fer­ tig als andere Rassen. Es hat sich z. B. er­ wiesen, daß für die Haltung in Mooren kei­ ne andere Schafrasse so gut geeignet ist wie die M oorschnucke. Das W ohlbefinden dieser Tiere ist auch dann noch nicht be-

Sam braus • Alte Haustierrassen in N o rddeutschland

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einträchtigt, wenn ihnen das Wasser fast bis zum Bauch reicht. Ausfälle durch Moor­ löcher und andere W idrigkeiten sind - im Gegensatz zu anderen Rassen - unbe­ kannt. Es ist beeindruckend zu sehen, wie sich die älteren Lämmer in Überschwem ­ m ungsgebieten ungehem m t auf die Karpalgelenke niederlassen, um an das Euter der M utter kommen zu können. Landrassen nutzen oft spezielle Pflanzen, die von anderen Rassen gemieden wer­ den. Weil sie robust gegen klim atische Un­ bilden sind, können sie ungünstige Land­ striche nutzen. Als weiterer Vorteil wird die im Vergleich zu schwereren Rassen ge­ ringere Erosion als Folge von Trittschäden angesehen. Das gilt insbesondere für das H interwälder Rind des südlichen Hoch­ schwarzwaldes. 4. Landrassen, insbesondere Schafe, die­ nen der Landschaftspflege. Durch ihre Freßgewohnheiten beugen sie Verbuschung und Waldanflug vor. Als in den 50er Jahren die Zahl der Heidschnucken zu­ rückging, änderte die Lüneburger Heide grundlegend ihren einzigartigen Charak­ ter. Erst nachdem m it erheblichem finan­ ziellen Aufwand die Zahl der Schnuckenherden gezielt w ieder erhöht worden war, gewann die Heide ihr ursprüngliches Aus­ sehen zurück. Ähnliches ereignete sich vor wenigen Jahren mit den Moorschnucken. Nach Entwässerung der Moore im w estli­ chen Niedersachsen siedelten sich Birken und andere Bäume an, die erstaunlich schnell den M oorcharakter verdrängten. Erst m it Hilfe der Weißen Hornlosen Heid­ schnucke, die jetzt auch treffend als Moorschnucke bezeichnet wird, konnte die Be­ waldung zurückgedrängt werden (Abb. 3). Ö kologisch erhaltenswerte Gebiete sind naturgemäß meist auch landw irtschaftlich ertragsschw ache Gebiete. Die Erhaltung der Landschaft mit geeigneten Rassen würde gleichzeitig die w irtschaftliche Er­ tragskraft dieser Region verbessern. 5. Europäische Landrassen (insbesonde­ re Rinderrassen), deren Haltung unter ein­ heimischen Verhältnissen derzeit unw irt­ schaftlich ist, könnten für weniger intensi­ ve P roduktionsbedingungen, vor allem für jene der Entwicklungsländer, Vorzüge ha­ ben. In einigen Fällen sind derartige Ras­ sen bereits mit Erfolg in Ländern der Drit­ ten Welt eingesetzt worden (z. B. Hinter­ wälder). 6. Es könnte sein, daß sich die Einstellung gegenüber Formen der Intensivhaltung än­ dert oder daß der hierfür erforderliche fi­ nanzielle Aufwand nicht mehr tragbar ist (als Beispiel sei das Heizen von Schweine­ ställen genannt). Man wäre dann gezwun­ gen, zu extensiveren Formen der Haltung zurückzukehren. Dabei könnte sich herausstellen, daß die gegenwärtig gezüchte­ ten Formen einer intensiveren Auseinan­ dersetzung mit den verschiedenen Klima­ faktoren nicht mehr ausreichend gew ach­ sen sind, so daß man auf robustere Land­ rassen ^urückgreifen muß. Schweineras­ sen m it einer dickeren subkutanen Fett­ schicht sind sicher kältestabiler als das moderne Fleischschwein.

Abb. 3. Moorschnucken. Darüber hinaus könnte es sein, daß scha­ densanfällige Extremformen, insbesonde­ re beim Schwein, wie bisher nur beim Hund als Quälformen erkannt werden und von der weiteren Zucht ausscheiden. Ihren Platz könnten robustere Landrassen ein­ nehmen.

parks, Zoologischen Gärten sowie Haus­ tierzoos. »Bürgernahe« Haltung; Landras­ sen haben oft eine besonders schöne Farbzeichnung oder weisen m orphologi­ sche Besonderheiten auf. Sie besitzen so­ mit einen besonderen »Schauwert«, der sie für Besucher attraktiv macht.

7. Nutztierrassen sind ein Kulturgut wie bedeutende Gebäude und Kunstwerke. Sie sind im Verlaufe von Jahrhunderten entstanden, und zwar durch Einwirkung des Menschen. Ein solches Ergebnis hat in jedem Fall seinen Wert, auch wenn dies aus ökonom ischer Sicht zum gegenw ärti­ gen Zeitpunkt nicht erkennbar ist. Die ge­ fährdeten Rassen sind Bestandteil der bäuerlichen Kultur. Es wäre kurzsichtig, würde man diese Rasse bedenkenlos un­ tergehen lassen.

- Koordinierung der Besitzer mit A nschrif­ tenverm ittlung, Verstärkung des Kontak­ tes von Behörden mit Züchtern und Z u ch t­ organisatoren. Das sollte insbesondere dem Austausch von Inform ation, der Bera­ tung sowie der Vermittlung von Z u ch ttie ­ ren dienen; Ausarbeitung von Z u ch tp ro ­ grammen.

Hinzu kommt, daß einzelne Rassen ty ­ pisch sind für bestim m te Gegenden. Sie zu entfernen hieße, das Landschaftsbild und damit auch den Freizeitwert der be­ treffenden Region mindern. Die Palette der M öglichkeiten zur Erhal­ tung bedrohter Rassen ist breit: - Aufklärung und Erweiterung des Be­ wußtseins von praktischer Tierzucht, W is­ senschaft und Verwaltung. - Regelmäßige Bestandsaufnahm e, um die einzelnen Rassen und deren Zuchttier­ bestände zu erfassen. Erm ittelt werden sollten Anzahl der Vatertiere, w eibliche Tiere, Nachzucht, S tandort der Bestände, Leistungsprofil sowie stattgefundene Ein­ kreuzungen. - Prüfung der Erhaltungswürdigkeit. Hier sollte großzügig verfahren werden, da Kul­ turgüter zwar im Einzelfall w irtschaftlich unbedeutend sein mögen, ihr Wert anson­ sten jedoch kaum hoch genug angesetzt werden kann. Jede Rasse kann als w e rt­ volles Gut eingestuft werden. - Haltung m öglichst vieler lebender Be­ stände in Forschungsinstituten, Freizeit­

- Finanzielle Förderung. Bisher werden in erster Linie individuenreiche Rassen ge­ fördert, weil erkannt wurde, daß Z u ch t­ maßnahmen in großen Populationen sich stärker auswirken. Bedrohte Rassen gera­ ten dadurch immer stärker in Rückstand. Das sollte sich ändern. In bezug auf gegen­ wärtige Zuchtziele schneiden bedrohte Rassen im allgemeinen schlechterab. Hier gilt es, einen Ertragsausgleich zu gew äh­ ren. Möglich ist u.a. die Zahlung von A n­ kaufs-, A ufzucht- und H altungspräm ien durch den Staat. Verschiedentlich sind be­ reits Privatpersonen als Mäzene zur Erhal­ tung von einzelnen Rassen in Erscheinung getreten. Eine weitere M öglichkeit der Un­ terstützung wäre die Bildung von Förder­ vereinen, für deren Unterstützung durch den Staat es bereits Beispiele gibt. - Public-Relations-M aßnahm en. Durch­ führung von Tierschauen und Auktionen speziell für gefährdete Rassen oder in Ver­ bindung mit Landw irtschaftsausstellun­ gen. Aufklärung der Ö ffentlichkeit über den Wert gefährdeter Rassen durch Pres­ se, Funk und Fernsehen. Die nachstehend beschriebenen Rassen werden in Norddeutschland gezüchtet oder scheinen für eine Haltung in Nord­ deutschland geeignet.

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Sam braus • Alte Haustierrassen in Norddeutschland

PFERDE Rheinisch-W estfälisches Kaltblut (Abb. 4)

A b b . 4.

Rheinisch-Westfälisches Kaltblut.

Zuchtgeschichte: Die Intensivierung der Landw irtschaft und die Industrialisierung forderte M itte des vergangenen Jahrhun­ derts ein schweres W irtschaftspferd. Nachdem zuerst Englische Kaltblüter be­ nutzt worden sind, w ählte man zur Zucht verm ehrt Belgisches Kaltblut und Ardenner, die schon seit Anfang des 19. Jahrhun­ derts die rheinische Pferdezucht beein­ flußt hatten. 1892 wurde das Rheinische Pferdestam m buch gegründet. In den 30er Jahren unseres Jahrhunderts machte die­ se Rasse 5 0 % des gesamten Pferdebe­ standes im Deutschen Reich aus. Nach dem Zweiten W eltkrieg verlor sie stark an w irtschaftlicher Bedeutung. 1957 wurde das 1839 gegründete Landgestüt W ick­ rath aufgelöst; die verbliebenen Kaltblüter kamen in das w estfälische Landgestüt Wa­ rendorf. In den letzten Jahrzehnten kam es zu einem starken Schrumpfungsprozeß sowie zu einer U m züchtung des ehemals schweren Kaltbluts auf ein Pferd im m ittle­ ren Rahmen. Beim W estfälischen Pferde­ stam m buch sind noch ungefähr 170 S tu­ ten sowie 15 Hengste eingetragen. Kennzeichen: Kräftiges, breit gebautes Ar­ beitspferd m ittlerer Schwere und Größe. Es kommen hauptsächlich Füchse sowie A pfelschim m el und Braune vor. Hübscher Kopf auf m ächtigem Hals. Kompakte, schräge Schulter. Tiefe, breite Brust. M us­ kulöser, kurzer Rücken. Gespaltene Krup­ pe. Kurze Gliedmaßen. Das Stockmaß liegt zw ischen 163 und 173 cm, bei einem Gew icht bis zu 1000 kg. Verbreitung: Nordrhein-W estfalen. Z ucht­ inseln in Niedersachsen, Hessen und Rheinland-Pfalz. Vereinzelt auch in ande­ ren Bundesländern.

A b b .5 .

Schleswiger Kaltblut.

Leistung: Kräftiges, robustes und arbeits­ w illiges Pferd. Ruhiges Temperament. Es wird gelegentlich noch in der Land- und zunehmend in der Forstw irtschaft einge­ setzt. Nutzung insbesondere durch Braue­ reien, heute zum eist zu Repräsentations­ zwecken. Frühreif und futterdankbar.

Schlesw iger Kaltblut

A b b . 6. Oldenburger.

(Abb.5)

Z uchtgeschichte: Seiner Abstam m ung nach geht das Schlesw iger Kaltblut auf das jütische Pferd in Dänemark zurück. Entscheidend für die dänische Zucht und dam it auch für die sich darauf aufbauende S chlesw iger K altblutzucht war die Einfuhr des Hengstes Oppenheim um 1860. Des­ sen genaue Herkunft ist ungeklärt; er soll ein Suffolk oder Shire gewesen sein. 1891 erfolgte die Gründung des Verbandes Schlesw iger Pferdezuchtvereine. Ihre Blü­ tezeit erreichte diese Rasse in den Jahren nach dem Zweiten W eltkrieg, als dem Ver­ band mehr als 15 000 Züchter mit etwa 20 000 Zuchtstuten angeschlossen waren. Später wurde versucht, durch Anpaarung

Sam braus • Alte Haustierrassen in N orddeutschland

mit Hengsten der französischen Boulonnais-Rasse zu einer M odernisierung zu kommen. Vor einigen Jahren wurden jütländische Hengste und Stuten angekauft, um den Rahmen zu vergrößern und das Fundament zu verstärken. U rsprünglich lag das züchterische Zentrum in den nörd­ lichen Kreisen des Landes S chlesw ig-H ol­ stein. Gegenwärtig befindet sich die H auptzuchtinsel im Kreis Segeberg. Zur Zeit werden im Stutbuch ca. 70 Stuten und 6 Hengste geführt. Vom Land Schlesw igHolstein werden Förderungsm ittel zur Er­ haltung der Rasse gewährt.

Verbreitung: Nur noch wenige Exemplare im alten Oldenburger Kernzuchtgebiet. Et­ was weitere Verbreitung in den tra d itio n e l­ len Nachzuchtgebieten wie Polen und DDR (Moritzburg).

Kennzeichen: J\etes, kurzbeiniges und ge­ drungenes Pferd im mittleren Rahmen. Die Fuchsfarbe ist vorherrschend; in geringem Umfang kommen Schim mel vor. Typisch ist der seidige Behang. Das Stockmaß be­ trägt 156-162 cm bei einem Gewicht von ca. 800 kg.

Zuchtgeschichte: Auf der Grundlage von Landschlägen durch Einkreuzung von orientalischem, englischem und Normänner-Blut entstanden. Später erheblich von schweren Hannoveranern und durch die gute Zusammenarbeit mit dem Oldenbur­ ger Zuchtgebiet vom Oldenburger beein­ flußt. In der U m stellungsphase vom Zug­ pferd zum Reitpferd nach dem Zweiten Weltkrieg wurden intensiv Vollblutaraber eingesetzt, die dem Ostfriesen auch Adel und Härte geben sollten. Das ostfriesische Stutbuch hat sich später dem Verband hannoverscher W arm blutzüchter ange­ schlossen. Heute werden in Ostfriesland

Verbreitung: Schlesw ig-Holstein und Nie­ dersachsen. Vereinzelt im übrigen Bun­ desgebiet. Leistung: Hervorragend geeignet in der Landw irtschaft als tierische Zugkraft, ins­ besondere auf dem schweren M arschbo­ den. Darüber hinaus früher von Transport­ unternehmen und Forstbetrieben genutzt. Raumgreifende S chritt- und Trabbewe­ gung. Lebhaftes, aber gutm ütiges Tempe­ rament. Ausdauernd und anspruchslos.

O ldenburger

Leistung: Vielseitig, leistungsw illig. Ele­ gantes, schweres Kutschpferd mit einer dem Typ entsprechenden Zugsicherheit und Arbeitsfähigkeit. Ruhiges Tempera­ ment. Energische, effektvolle Trabbewe­ gungen. Hart, w etterfest und robust.

Ostfriese

(A bb.7)

(Abb. 6)

Zuchtgeschichte: Durch Anpaarung von friesischen Stuten mit andalusischen und orientalischen Hengsten entstanden. Das »elegante Oldenburger Kutschpferd« war eine der ältesten und am meisten durchge­ züchteten W armblutrassen Deutschlands. Schon im 17. Jahrhundert schrieb der Ge­ schichtsschreiber v. Halem »die Oldenbur­ ger Pferde werden wegen ihrer Größe, Schönheit und Stärke gern gekauft und von Fürsten und Potentaten hochge­ schätzt«. Von der Mitte der 30er Jahre un­ seres Jahrhunderts an wurden Englisches Vollblut sowie Anglo-Norm änner einge­ kreuzt. Die Zuchtleitung verteidigte lange Zeit den Oldenburger Rassetyp, mußte in der Umstellung auf das Reitpferd in den 60er/70er Jahren durch massiven Einsatz von Vollblut- und hannoverschen Heng­ sten jedoch den ursprünglichen Typ ver­ drängen. Die W arm blutzucht in den Nie­ derlanden und Dänemark geht w esentlich auf Oldenburger Blut zurück. Das gleiche gilt für die Zucht schwerer W arm blüter in Österreich. Auch in das alte Zuchtgebiet des Rottalers wurden vor 100 Jahren Ol­ denburger Hengste eingeführt, so daß die letzten noch vorhandenen Rottaler dem Oldenburger ähneln. Kennzeichen: Ausgeglichenes, schweres Warmblut. Braun, dunkelbraun oder schwarz mit geringen Abzeichen. Harmo­ nischer und muskulöser Körperbau. Gute Halsung. Meist ram sköpfig. Starkes Fun­ dament. Stockmaß 157-165 cm bei einem Gewicht von 550-650 kg.

A b b . 7.

Ostfriese.

A b b . 8. Dülmener.

31

Reitpferde auf rein hannoverscher G rund­ lage gezüchtet. Vom ursprünglichen O st­ friesen sind nur noch w enige Exemplare vorhanden. G egenw ärtig w ird versucht, unter Einbeziehung von O ldenburgern das verbliebene Zuchtm aterial als »Schweres W arm blutpferd« zu erhalten. Kennzeichen: Schwerste deutsche W arm ­ blutrasse. Vorwiegend Rappen und Brau­ ne mit wenig Abzeichen. Kopf nicht zu groß. Hals genügend lang und hoch aufge­ setzt. Lange, schräge, gut bem uskelte Schulter. Mittellanger, elastischer Rücken. Sattellage deutlich m arkiert. Kruppe lang, leicht abfallend und stark bem uskelt. Rumpf tief. Geschlossene Flanke. Starkes Fundament mit kräftigen, jedoch tro cke ­ nen Gelenken. Stockm aß 160-165 cm. Verbreitung: Im alten ostfriesischen Z u ch t­ gebiet. Früher auch in Hessen, Sachsen und Schlesien. Leistung: Ruhiges Temperament. Durch seine Masse besonders fü r die schweren Böden O stfrieslands als Zugpferd geeig­ net. Im ponierendes S chaupferd. Leichtfuttrig und frühreif. S chw ungvolle und raum greifende Bewegungen.

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Sam braus • Alte Haustierrassen in N orddeutschland

Dülmener(Abb.8) Z uchtgeschichte: Der Bestand wird ur­ kundlich bereits im 14. Jahrhundert er­ wähnt. Der Dülmener ist, auch wenn man dies gelegentlich lesen kann, kein W ild­ pferd, sondern durchaus dom estiziert. Ur­ sprünglich ist er offenbar das Kreuzungs­ produkt aus entlaufenen Hauspferden und W ildpferden. Später wurden gezielt Heng­ ste mehrerer recht unterschiedlicher euro­ päischer Prim itivpferde-Rassen zur Zucht eingesetzt; insbesondere solche aus Po­ len und Großbritannien. Gegenwärtig kommen auch Hengste aus eigener Nach­ zucht zum Deckeinsatz. Kennzeichen: Prim itivpferde aller Farben und S chattierungen, wobei drei Farbschläge dom inieren: dunkelbraun mit Mehlmaul (ähnlich dem Exmoor-Pony), gelbbraune und Falben (sie sollen Przewalskiblut füh­ ren); mausgraue mit Aalstrich und ange­ deuteter Zebrastreifung an den Vorderbei­ nen. Daneben kommen Füchse, Braune Isabellen und auch Schimmel vor. Lange, dichte Mähne und langer Schweif. Kleine, sehr harte Hufe. Das Stockmaß liegt bei 125-135 cm. Verbreitung: Der H auptbestand von unge­ fähr 200 Tieren wird auf einer Fläche von ca. 200 ha im M erfelder Bruch bei Dülmen/ Westfalen gehalten. Die Tiere leben ganz­ jährig im Freien und bekommen nur im W inter Rauhfutter zugefüttert. Am letzten Samstag im Mai werden die einjährigen Hengste aus der Herde herausgefangen und versteigert. Einzeltiere werden in Westfalen in landw irtschaftlichen Betrie­ ben, Gärtnereien oderals Hobby gehalten. L e istu n g :Zäh, robust, w etterhart. Die Her­ de in der W ildbahn kennt keine spezielle Nutzung. Bei entsprechendem Training lassen sie sich vor die Kutsche spannen und geben dann ein sehr ansprechendes Bild.

A b b . 9.

Harzer Rotvieh.

RINDER Harzer Rotvieh

(Abb. 9)

Z uchtgeschichte: Im 16. Jahrhundert wur­ de viel rotes Vogelsberger Vieh in den Harz eingeführt. Ende des 18. Jahrhunderts Im port von »Berner Vieh« (Simmentaler?), Anfang des 19. Jahrhunderts von Z illerta­ ler Vieh (m öglicherweise brauneTuxer Rin­ der), das bald allgemeine Verbreitung fand. Danach wurden Tiere mit weißen A b ­ zeichen ausgeschlossen, so daß der heuti­ ge Typ entstand. Man legte sehr viel Wert auf A rbeitsleistung. Um die Jahrhundert­ w ende wurde für diese Rasse ein Herd­ buch eingerichtet. Leistungszucht stand fortan im W iderstreit mit den Interessen der Hirten, die nicht zu große, m arschfähi­ ge Rinder für den täglichen Austrieb auf die W aldweide forderten. 1942 hat sich die Züchtervereinigung dieser Rasse mit dem Verband Angler Rinderzüchter und denen der übrigen Rotviehschläge im »Verband deutscher Rotviehzüchter« zusam m enge­ schlossen. Durch Einkreuzung von Rotem Dänenvieh und später von Anglern wurde der Rahmen erheblich vergrößert, und

A b b . 10.

Angler.

A b b . 11. Murnau-Werdenfelser.

S a m b ra u s • A lte H a u s tie rra s s e n in N o r d d e u ts c h la n d

Milchm enge sowie Fettprozente stiegen deutlich an. Es sind nur noch w enige Tiere mit der ursprünglichen Blutführung vor­ handen. Kennzeichen: Rind im mittleren Rahmen. Einfarbig rotbraun, teils mit weißer Schwanzquaste. Hörner w achsgelb mit dunklen Spitzen. Stier Kuh W iderristhöhe 135-140 cm 125-130 cm Gewicht 850-10 0 0 kg 5 5 0 -6 0 0 kg Verbreitung:\Nest\\cherTe\\ des Harzes. Leistung: Genügsam, robust, fruchtbar und langlebig. Ein im Zweinutzungstyp stehendes Rind mit guter Muskelfülle. Die Jahresm ilchmenge beträgt im M ittel ca. 4500 kg mit 4,5 % Fett.

Angler Rotvieh

(A b b . 1 0 )

Zuchtgeschichte: Entstand in Angeln schon M itte des 19. Jahrhunderts aus einem alten einheimischen Landschlag. 1879 wurde der Angler Viehzuchtverein ge­ gründet. Ab 1902 Leistungskontrolle. Die ursprünglich nur wenig mehr als 300 kg wiegenden Tiere wurden im Verlaufe der Zeit erheblich schwerer. Seit 1942 sind die Angler mit den anderen deutschen Rot­ viehschlägen zum »Verband deutscher Rotviehzüchter« zusamm engeschlossen. In die Angler wird gelegentlich Rotes Dä­ nenvieh und dem Typ entsprechendes Blut aus Schweden eingekreuzt. Kennzeichen: Mittelrahm ig. Einfarbig dun­ kelrot bis sattbraun. Dunkles Flotzmaul. Gelegentlich kleine weiße Flecken am Eu­ ter. Im M ilchtyp stehend, d .h . lang und schmal mit geringer Bemuskelung. Von Natur aus Hörner, meist jedoch enthornt. Stier Kuh W iderristhöhe 140-145 cm 125-135 cm Gewicht 1100 kg 5 5 0 -6 3 0 kg Verbreitung: Halbinsel Angeln an der Ost­ seeküste Schlesw ig-Holsteins. Wurde in viele andere Rassen eingekreuzt (Harzer Rotvieh, Frankenvieh, Glanvieh sowie Rin­ der der Sowjetunion, der Niederlande und anderer Länder), wobei die ursprünglichen Populationen z.T. nahezu verdrängt wur­ den.

Klöster in das jetzige Verbreitungsgebiet gebracht. Durch B lutgruppenuntersu­ chungen konnte nachgewiesen werden, daß sie mit dem Braunvieh eng verwandt sind. Als Mitte des 19. Jahrhunderts ver­ stärkt auf Hochleistung gezüchtet wurde, wurden die Murnau-W erdenfelser durch das im Westen und Osten benachbarte Braunvieh bzw. Fleckvieh stark bedrängt. Ein deutlicher Rückgang setzte um die Jahrhundertwende ein, der in den 50er und 60er Jahren im Rahmen der Tuberku­ lose- und Brucellosebekäm pfung nahezu zum Zusammenbruch der Rasse führte. Übersehen wurde, daß rauhe klimatische Bedingungen und schlechte Futtergrund­ lage die M ilchleistung dieser Rasse ein­ schränken, so daß erst bei vergleichbaren Bedingungen das recht beachtliche Lei­ stungsvermögen deutlich wird. Gegen­ wärtig gibt es noch ca. 600 Tiere, wovon 300 Kühe sind. Als Förderungsmaßnah­ men werden Haltungsentschädigungen sowie Paarungs- und Körprämien gezahlt. Kennzeichen: Einfarbig Stroh- bis dunkel­ gelb; auch rotbraune Töne kommen vor. Heller Aalstrich. Dunkles Flotzmaul mit hellem Saum. Insgesam t dunklere Tiere besitzen schwarze »Masken«. Dunkle Schwanzquaste. Klauen und Hornspitzen schwarz. Stier Kuh W iderristhöhe 138-145 cm 128-130 cm Gewicht 85 0 -9 5 0 kg 5 0 0-600 kg Verbreitung: Murnauer Moos, W erdenfelser Land sowie die Gegend von M ittenwald/Oberbayern. Leistung: Robuste alte Landrasse. Genüg­ sam. Vital. Harte Klauen. Feste Gelenke. Bringt eine Jahresm ilchm enge von unge­ fähr 4300 kg mit 3,8 % Fett und 3,4 % Ei­ weiß, weitgehend aus w irtschaftseigenem Futter. Sehr gute Fruchtbarkeit und Lang­ lebigkeit.

Leistung: M ilchbetontes Z w einutzungs­ rind. Gute A npassungsfähigkeit an ex­ treme Klimabereiche. Hervorragende M arschfähigkeit durch gesundes Funda­ ment und gute Klauen. Die mittlere Jahres­ milchm enge beträgt ca. 5500 kg Milch mit 4,7 % Fett und 3,5 % Eiweiß. Zeichnet sich durch besonders feine Fleischfaser aus. Niedriges Erstkalbealter. Geringe Rate an Schwergeburten. Geringe Kälberverluste. Kurze Zwischenkalbezeit. Hoher prozen­ tualer Anteil an Dauerleistungskühen mit über 2000 kg Milchfett.

M urnau-W erdenfelser(Abb.n) Zuchtgeschichte: Ursprünglich stammen die M urnau-W erdenfelser verm utlich aus Tirol und wurden durch Ettal und andere

Abb.12. A n g ler S a tte ls c h w e in .

3 3

SCHWEINE Angler Sattelschw ein

(A b b . 1 2 )

Zuchtgeschichte: Die Ausgangsbasis b il­ dete ein unveredeltes, schw arzbuntes Landschwein, das 1926 von neun Landwir­ ten in eine herdbuchm äßige Bearbeitung genommen wurde. Danach Einkreuzung von W essex-Saddleback-Schw einen aus Großbritannien. 1937 erfolgte die Anerken­ nung als Rasse. In der N achkriegszeit war sie als Typ des Fettschweins sehr gefragt; so gehörten zu jener Zeit über 60 % der ge­ körten Eber in S chlesw ig-H olstein dieser Rasse an. Durch Änderung der Verbrau­ chererwartung nach dem w irtschaftlichen W iederaufschw ung ging die Rasse in ihrer Bedeutung stark zurück. Zu erwähnen ist der Versuch der Anpassung an das damals gefragte Zuchtziel durch Einkreuzung von langen, weißen Ebern holländischer und dänischer Abstam m ung, später auch von Pietrain. Vor einigen Jahren erfolgte ein Im port von etlichen Sattelschw einen im ur­ sprünglichen Typ aus Ungarn. Es handelt sich dabei um Nachkommen von Tieren, die nach dem Zweiten W eltkrieg in dieses Land exportiert wurden. Kürzlich kamen Zuchttiere aus der DDR. G egenw ärtig gibt es nur noch fünf Herdbuchbetriebe. Kennzeichen: Großrahmig. Tiefrum pfig. Ursprünglich schwarz mit weißem Gürtel über der Vorhand. Hintere Körperhälfte schwarz. Wegen Schwierigkeiten bei der Vermarktung pigm entierter Tiere wurde in den letzten Jahren z.T. auf mehr Weiß se­ lektiert. Schlappohren.

Schulterhöhe Gewicht

Eber 92 cm 350 kg

Sau 84 cm 300 kg

Verbreitung: Schlesw ig-H olstein, Nieder­ sachsen, vereinzelt in Hessen, Ungarn, Tschechoslowakei, Südamerika. In der DDR Restbestände als Genreserve.

34

S a m b ra u s • A lte H a u s tie rra s s e n in N o rd d e u ts c h la n d

A bb. 13.

Beginn des 19. Jahrhunderts wurden chi­ nesische Maskenschweine eingekreuzt. In der zweiten Hälfte des vergangenen Jahr­ hunderts geschah eine recht planlose Kreuzung mit Berkshire und anderen englichen Rassen. Die Aufstellung eines Rasse­ standards fand 1925-1927 statt. In der N achkriegszeit Einkreuzung von Angler Sattelschweinen. Um 1970 schlief der Zuchtverband ein, nachdem die Rasse die Verbrauchernachfrage nicht mehr erfüllen konnte. Seit 1971 wird sie in den Jahresbe­ richten der A rbeitsgem einschaft Deut­ scher Schweinezüchter nicht mehr er­ wähnt. Daß das Schwäbisch-H ällische Schwein dennoch erhalten blieb, ist w eni­ gen engagierten Züchtern zu verdanken. Seit Anfang der 80er Jahre besteht wieder steigende Nachfrage. 1986 wurde erneut eine »Züchtervereinigung des Schwäbisch-Hällischen Schweins« gegründet. Es gibt w ieder etliche Herdbuchbetriebe und insgesam t ca. 40 Züchter dieser Ras­ se.

Schwarz-Weißes Bentheimer.

Kennzeichen: Großrahmig, tiefrum pfig. Kopf und Hals schwarz; desgleichen der Schwanz (bis auf eine weiße Spitze) sowie die Hinterseite der Oberschenkel. Übriger Körper weiß. Grauer »Säumungsstreifen« am Übergang von schwarz zu weiß durch weiße Borsten auf pigm entierter Haut. Schlappohren.

Schulterhöhe G ew icht

Eber 90 cm 350 kg

Sau 80 cm 280 kg

Verbreitung: Süddeutschland.

Abb. 14.

Leistung: W iderstandsfähig. Frühreif. Au­ ßergewöhnlich fruchtbar. Gutes A ufzucht­ vermögen sowie M ilchreichtum der Sau­ en. Neuere S chlachtleistungsergebnisse sind im allgemeinen zufriedenstellend. Hervorragende Fleischqualität. Insbeson­ dere Kreuzungen mit Pietrain ergeben aus­ gezeichnete Schlachtschweine. Tägliche Zunahmen von 850-900 g. Langlebig.

Schwäbisch-Hällisches.

Leistung: Robust. Frohwüchsig. Die tägli­ chen Zunahmen liegen bei 800 g. Das Fleisch-Fett-Verhältnis ist auf 1 :0,55 ge­ sunken. Hohe Fruchtbarkeit. M ilchreich­ tum . Gute Muttereigenschaften.

Schwarz-w eißes Bentheim er Schwein (Abb.13) Zuchtgeschichte: Auf das alte europäi­ sche Landschwein zurückgehend. Noch in der Nachkriegszeit im westlichen Nieder­ sachsen weitverbreitet. Damals wurde das Angler Sattelschwein eingekreuzt. In den letzten 20 Jahren wurden zweimal Pietrain-Eber eingesetzt. Seit Anfang der sechziger Jahre war nahezu 20 Jahre lang nur noch ein Bestand in der Nähe von Bentheim vorhanden. In jüngster Zeit gele­ gentliche Einkreuzung in andere Rassen sowie Aufbau weiterer Bestände. Wird auch als »Buntes Deutsches Schwein« bzw. »Bentheimer Landschwein« bezeich­ net.

Kennzeichen: Mittelgroßes Schwein im Landschweintyp. Unregelmäßig schwarze Flecken auf weißem oder sandfarbenem Untergrund (»getigert«). Langgestreckt und rahmig mit kurzem Becken. Schlapp­ ohren. Eber Sau Schulterhöhe 75 cm 70 cm Gewicht 250 kg 180 kg Verbreitung: Kreis Grafschaft Bentheim/ Niedersachsen. Leistung: Robust, gute Gesundheit und gutes Aufzuchtvermögen bei zufrieden­ stellender Futterverwertung. Frühreife, quellige Ferkel. Ausschließlich halothannegativ. M astendgewicht zwischen 90 und 100 kg.

Schw äbisch-H ällisches Schwein (Abb. 14) Zuchtgeschichte: Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts ist der »Hällische Schlag« in Württemberg nachweisbar. Zu

SCHAFE Graue G ehörnte Heidschnucke (Abb. 15) Zuchtgeschichte:W \rö seit Jahrhunderten nahezu ohne Einkreuzung von frem dem Blut gehalten. Allerdings wurde durch e nt­ sprechende Selektion der Zuchttiere das D urchschnittsgew icht seit 1921 um fast 50 % angehoben. Seit 1848, als die Popu­ lation knapp 400 000 Tiere umfaßte, ging der Bestand ständig zurück. Ab 1970 w ie­ der deutliche A ufw ärtsentw icklung in der Zucht und Verbreitung außerhalb des Ur­ sprungsgebietes. Diese Rasse ist als m ög­ licherweise einzige Landrasse in ihrem Be­ stand nicht gefährdet. Sie soll dennoch vorgestellt werden, wegen ihrer land­ schaftserhaltenden Fähigkeiten und weil es sich bei ihr um den Inbegriff einer Land­ rasse handelt.

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Kennzeichen: Leichte, feingliedrige Tiere. Silber- bis dunkelgrau mit schwarzem Brustlatz. G robwollig. U nbewollte Körper­ teile (Kopf, Schwanz, Beine) schwarz. Um­ gebung des Maules häufig mit vielen wei­ ßen Haaren. Die Lämmer werden stets schwarz und gelockt geboren; ihre Wolle verfärbt sich im Verlaufe des ersten Le­ bensjahres. Ältere Böcke haben prachtvol­ le Schnecken, die denen des Mufflons kaum nachstehen. Die M uttern besitzen sichelförm ige Hörner, deren Spitzen nach hinten und außen gerichtet sind. W iderristhöhe Gewicht

Bock 67 cm 6 0 -7 0 kg

4

M utter 60 cm 4 5 -5 0 kg

Verbreitung: U rsp rü n g lic h n u ra u fd e n tro k kenen, nährstoffarmen Flächen der Lüne­ burger Heide. In den letzten Jahren zuneh­ mend in den übrigen Teilen der Bundesre­ publik sowie in der Schweiz. Leistung: Erhält durch den Verbiß von Hei­ dekraut und N adelbaum anflug in der Lü­ neburger Heide den typischen Charakter dieser Landschaft. A nspruchslos, wider­ standsfähig. Heidschnuckenbraten gilt wegen seines w ildähnlichen Geschm acks und seiner Zartheit als Delikatesse. Felle. Erstzulassung im A lter von ca. 18 Mona­ ten. Die Brunst ist saisonal.

Abb. 15.

Graue Gehörnte Heidschnucken.

Abb. 16.

Weiße Gehörnte Heidschnucken.

Weiße Gehörnte H eidschnucke (Abb.16) Zuchtgeschichte: Die Weiße Gehörnte Heidschnucke wird in der älteren Fachlite­ ratur nicht erwähnt. Es ist anzunehmen, daß sie durch Zuchtw ahl aus der Grauen Gehörnten Heidschnucke hervorgegan­ gen ist, und zwar offenbar erst Anfang des 20. Jahrhunderts. Sie hat sich mit dieser über Jahrhunderte hinweg ohne fremdes Blut als urwüchsige Rasse erhalten. Im Laufe der letzten Jahrzehnte Selektion auf höheres Gewicht. Noch vor 30 Jahren lag das Gewicht der M uttern bei 3 0 -4 5 kg, das der Böcke bei 5 0 -6 0 kg. Es sind noch ins­ gesamt ca. 1500 Tiere vorhanden. Kennzeichen: Kleines, m ischwolliges Landschaf. Weiß, ohne Abzeichen. Lan­ ger, keilförm iger Kopf mit schneckenförm i­ gen Hörnern bei den Böcken und sichelför­ mig nach hinten gebogenen Hörnern bei den M uttern. Gut gew ölbte Rippe, feines Fundament. W iderristhöhe Gewicht

Bock 5 5 -6 0 cm 6 0 -7 5 kg

M utter 50 cm 4 5 -5 0 kg

Verbreitung: Südoldenburg, Emsland. Leistung: Genügsam, w iderstandsfähig, besonders geeignet für die Pflege von Hei­ deflächen. Sie stellt jedoch in bezug auf die Weide etwas höhere Ansprüche als die Graue Gehörnte H eidschnucke. Hervorra­ gende Fleischqualität (zart, w ild b re ta rti­ ger Geschmack). Jährliche Wollmenge 1,8 kg (Muttern) bzw. 3,5 kg (Böcke). Sehr gute M uttereigenschaften; leichte Lammung. Ablam m ergebnis 100 %.

Abb. 17. M o o rs c h n u c k e n .

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36

S a m b ra u s • A lte H a u s tie rra s s e n in N o rd d e u ts c h la n d

M oorschnucke, Weiße Hornlose H eidschnucke (Abb.17) Zuchtgeschichte: Seit Jahrhunderten im gegenwärtigen Zuchtgebiet heimisch und durch harte Auslese auf W iderstandsfä­ higkeit und Anpassung selektiert. Mit den anderen Schnuckenform en verwandt. Die Anzahl der Tiere und H erdbuchbetriebe ist in den letzten Jahren beachtlich gestie­ gen. Kennzeichen: Kleines, m ischwolliges Landschaf. Kleiner, länglicher Kopf mit kleinen, schräg aufw ärtsstehenden Oh­ ren. Sehr feiner Knochenbau, feste Klau­ en. Beide Geschlechter sind hornlos. W iderristhöhe G ew icht

Bock 5 5 -6 0 cm 70 -7 5 kg

M utter 50 cm 4 0 -4 5 kg

A bb. 18.

Leineschafe.

Abb. 19.

Merinofleischschaf.

Verbreitung: Niedersachsen in der Ge­ gend von Sulingen. Leistung: Gute Anpassung an die beson­ deren Verhältnisse der M oorlandschaft. Sehr beweglich. Ernährt sich überw ie­ gend von Heidekraut, Moorgräsern und -kräutern sowie Birkenaufwuchs. A n­ spruchslos und w iderstandsfähig. Beson­ ders zur Landschaftspflege in Feuchtge­ bieten und Mooren geeignet. W ildbretarti­ ger Geschm ack des Fleisches. Erstzulas­ sung mit 18 Monaten. Saisonale Brunst. Ablam m ergebnis 110 %. Vliesgewicht 1,7— 2,5 kg (Muttern) bzw. 3,5 kg (Böcke).

Leineschaf

(A b b. 1 8 )

Z uchtgeschichte: In den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts aus einem alten Landschlag entstanden. Durch spätere Einkreuzung von englischen Fleischscha­ fen wurde die Körperform verbessert. Von einem einheitlichen Zuchtziel kann erst Anfang des 20. Jahrhunderts gesprochen werden. Einkreuzungen in den folgenden Jahrzehnten brachten keinen Erfolg. Das jetzige Leineschaf ist eine Kreuzung zw i­ schen ursprünglichem Leineschaf und Texelschaf, Flam menschaf sowie O stfriesi­ schem Milchschaf. Dabei wurden geringe Geburtsschw ierigkeiten und geringe A uf­ zuchtverluste des Leineschafes alten Typs mit Fruchtbarkeit und Milchreichtum des O stfriesischen M ilschafes und Frohwüch­ sigkeit sowie Fleischfülle des Texeischafes kom biniert. Kennzeichen: Großrahmig. Weiß, z.T. mit rötlichem Schimmer, insbesondere am Kopf; ohne Pigm entflecken. Langer, feiner, nur spärlich behaarter Kopf. Die Wolle be­ ginnt erst hinter den Ohren. Lange, glatte Ohren, die zum Herabhängen neigen. W ol­ le schlicht, lang herabwachsend. Hornlos. W iderristhöhe G ew icht

Bock 8 0 -8 5 cm 100-120 kg

M utter 7 0 -7 5 cm 7 0 -8 0 kg

Verbreitung: Niedersachsen. Leistung: Frohwüchsiges, robustes Schaf mit guter Säugeleistung; stellt an Fütte­ rung und Haltung keine hohen Ansprüche; gut geeignet für die W anderschäferei, aber

A b b .20. S k u d d e n .

Sam braus • Alte Haustierrassen in N orddeutschland

37

auch für die Koppelhaltung. W iderstands­ fähig und anpassungsfähig. Gute Fleisch­ leistung. Jährliche W ollmenge 3 ,5 -4 ,0 kg (Muttern) bzw. 5 ,0 -6 ,0 kg (Böcke). Erstzu­ lassung mit 7 -8 M onaten. Saisonale Fort­ pflanzung. A blam m ergebnis 160-220% .

M erinofleischschaf

(Abb.19)

Z uchtgeschichte: M erino-Schafe stam ­ men ursprünglich aus Spanien. Der Name soll sich vom Berberstam m der Beri-M erines herleiten, die im 12. Jahrhundert von Nordafrika nach Spanien kamen und die Vorfahren der Merinos mit sich brachten. Nach Deutschland kamen die ersten Meri­ nos im 18. Jahrhundert. Das heutige Meri­ nofleischschaf ist im 19. Jahrhundert aus deutschen Merinos unter Einkreuzung französischer M erino-Kam m wollschafe sowie englischer Fleischrassen entstan­ den. Es war vor allem in den Gebieten öst­ lich der Elbe verbreitet. Der Bestand ist in den letzten Jahren deutlich zurückgegan­ gen. Er beträgt jetzt ca. 13 000 Tiere. Kennzeichen: Mittelgroße Tiere mit großer Rumpfbreite und -tiefe. Rein weiß, Ge­ sichtshaut weiß. Nasenrücken leicht ge­ w ölbt. Die Bewollung reicht bis zur Augen­ linie. Die m ittellangen Beine sind bis zu den Carpal- bzw. Tarsalgelenken bewollt. Hornlos. Bock Mutter W iderristhöhe 8 0 -9 0 cm 7 5 -8 5 cm Gewicht 120-140 kg 7 5 -8 5 kg Verbreitung: In der Bundesrepublik fast ausschließlich in Niedersachsen. In ande­ ren Ländern, insbesondere im O stblock, nach wie vor sehr geschätzt; wurde auch in die Türkei sowie nach Südafrika und Südamerika exportiert. Leistung: Leichtfuttrig; widerstandsfähig. Froh- und fleischw üchsig. S chlachtaus­ beute 50 %. Beste W ollqualität aller deut­ schen Rassen. Jährliche W ollmenge 4 ,5 5,0 kg (Muttern) bzw. 6,0-7,0 kg (Böcke). Gute Fruchtbarkeit. Ablam m ergebnis 150-220% .

Skudde

(A b b. 2 0 )

Zuchtgeschichte: Im U rsprungsgebiet seit langem bekannte bodenständige Land­ rasse. Gehört zur Gruppe der kurzschwänzigen nordischen Heideschafe. Der Name Skudde soll sich von dem W ort »Kosse« herleiten, das soviel wie »ärmlich« bedeu­ tet. Schon nach dem Ersten W eltkrieg wa­ ren die Bestände stark geschrum pft bzw. mit anderen Schafrassen gekreuzt. Der je t­ zige Bestand geht im w esentlichen auf Tie­ re zurück, die vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs aus Ostpreußen und Litauen nach Süddeutschland kamen. Gegenwär­ tiger Stand: ca. 600 Tiere in der Bundes­ republik und 120 Individuen in der DDR. Die Tiere in der DDR stammen von Z ucht­ tieren ab, die 1941 vom Münchener Tier­ park Hellabrunn nach Leipzig kamen. Wert­ volle Genreserve. Kennzeichen: Kleinrahmig. Grauweiß, ver­ einzelt schwarz oder bronzefarben. S chlichtw ollig. Relativ großer, schwerer

Kopf. Auffallend kleine Ohren. Kurzer, im unteren Teil behaarter Schwanz. Böcke mit gewundenen Hörnern; weibliche Tiere mit Hornstummeln oder hornlos. W iderristhöhe Gewicht

Bock 5 5 -6 0 cm 5 0 -5 5 kg

M utter 50 cm 4 0 -4 5 kg

Verbreitung: Ursprünglich in Ostpreußen und im Baltikum. Gegenwärtig in der Bun­ desrepublik in wenigen kleinen Herden, vorzugsweise in Hessen, im Saarland und in Baden; aber auch in anderen Teilen der Bundesrepublik sowie Berlin und der DDR. Leistung: Zäh und anspruchslos. Guter Futterverwerter auf Magerweiden. Harte Klauen. Lebhaft, aber friedfertig. Jährliche Wollmenge knapp 2 kg. Die Wolle ist feiner als die von ähnlichen Rassen; sie ist den­ noch nur zur Herstellung von Teppichen oder grobem Leinenstoff geeignet. Asaisonal brünstig. Ablam m ergebnis im Mittel 130% . G eburtsgew icht der Lämmer 2,5 kg. Drei Ablammungen in zwei Jahren möglich.

Kennzeichen: M ischwolliges Landschaf mit grauer bis blaugrauer Wolle und bräun­ lichem Anflug. Dunkler, verwaschener »Aalstrich« vom H interkopf bis zum W ider­ rist. Extremitäten und Kopf schwarz. Stirn etwas bewollt. Häufig heller Voraugen­ fleck. Altböcke können eine bis zur Vorderbrust herabreichende, schwarze Mähne ausbilden. Die Lämmer werden schwarz geboren. Hornlos. W iderristhöhe Gewicht

Bock 70 cm 7 0 -7 5 kg

M utter 63 cm 5 0 -5 5 kg

Verbreitung: In der DDR an der O stseekü­ ste, vor allem auf den Inseln Rügen und Hiddensee, sowie auf Teilen Usedoms. In der Bundesrepublik gibt es nur noch w eni­ ge kleine Herden sowie einige Einzeltiere. Östlich der Oder sind scheinbar nur noch Restbestände vorhanden.

Rauhwolliges Pom m ersches Landschaf (A b b . 2 1 )

Leistung: Gut angepaßt an kärgliche Wei­ deverhältnisse (trockene, ärm ste Sandbö­ den, Moorböden, nasse Weiden), genüg­ sam und w iderstandsfähig, wenig em p­ findlich gegenüber ungünstigsten W itte­ rungsverhältnissen. Gute Resistenz ge­ gen Wurmerkrankungen und Moderhinke. Jährliche Wollmenge 4,0 kg (Muttern) bzw. 6,0 kg (Böcke). Ablam m ergebnis 130 %.

Zuchtgeschichte: Sehr alte Schafrasse. Soll aus einer Kreuzung des früheren Zaupelschafes mit dem hannoverschen Schaf hervorgegangen sein. U rsprünglich so­ wohl in den deutschen Ostseeprovinzen (Mecklenburg, Pommern, Ostpreußen) als auch in Schlesien und Polen verbreitet. In vielen Gegenden wurden die M utterschafe gemolken; die Milch nutzte man zur Käse­ bereitung. Früher in den genannten Provin­ zen weit verbreitet. Seit Anfang des 19. Jahrhunderts nehmen die Bestände kontinuierlich ab. Mehrfach unternom m e­ ne Einkreuzungsversuche mit englischen Fleischschafen scheiterten.

Zuchtgeschichte: Unter Einkreuzung von niederländischen Tieren in einheim ische Heide- und Marschschafe entstanden. Zwei Umstände begünstigten den Im port von Böcken aus den Niederlanden (ins­ besondere Drenthe-Schafen) und die Ent­ stehung des Bentheimer Landschafes: 1. Durch Einführung des Kunstdüngers wurde der Weideertrag verbessert, so daß genügend Futter für schwerere Schafe zur Verfügung stand. 2. Schwere, gemästete Hammel wurden auf dem Umweg über die

Bentheim er Landschaf (Abb. 2 2 )

38

Sam braus • Alte Haustierrassen in N orddeutschland

Niederlande nach Brüssel verkauft, wo für derartige Tiere ein guter Markt bestand. Diese Rasse fand nie eine größere Verbrei­ tung. Sie blieb bis in die neuere Zeit auf die Kreise Bentheim und Lingen im Emsland beschränkt. Wird erst seit 1934 züchte­ risch bearbeitet. Durch ökologische Verän­ derungen w urde diesem Moor- und Heide­ schaf die natürliche Lebensgrundlage weitgehend entzogen. Gegenwärtig befin­ det sich die größte Herde außerhalb des ursprünglichen Zuchtgebietes. Der Be­ stand ist stark gefährdet. Kennzeichen: Großrahmiges, langbeini­ ges Schaf mit langer M ittelhand. Die Wolle ist rein weiß. An Kopf und Ohren sowie an den Beinen dunkelbraune Flecken. Schm aler und langer Kopf. Nasenrücken deutlich geram st. Mittellange Ohren. Lan­ ger, bew ollter Schwanz. Hornlos. A b b .2 2 .

Bentheimer Landschaf.

W iderristhöhe Gewicht

Bock 7 0 -7 5 cm 8 0 -9 0 kg

M utter 65 -7 0 cm 60 -7 0 kg

Verbreitung: W estliches Niedersachsen. Einzelne kleine Bestände außerhalb die­ ses Gebietes. Leistung: W iderstandsfähig. A nspruchs­ los. M arschfähig. Harte Klauen. M oderhinkefest. Hervorragende Fleischqualität. Jährliche W ollmenge der Böcke 4,5-5,0 kg, der M uttern 3 ,0 -4 ,0 kg. Erstzulassung ab 7 Monaten m öglich. Gute M uttereigen­ schaften. Ausgezeichnete Säugeleistung. Ablam m ergebnis 130 %.

R hönschaf (Abb.23)

A b b .2 3 .

Rhönschafe.

Zuchtgeschichte: Die erste namentliche Erwähnung in der Literatur erfolgte 1844, doch gilt es als sicher, daß diese Rasse schon w esentlich früher bestand. Nach der ältesten A bbildung (von 1873) ent­ spricht es schon dem heutigen Typ. Zu die­ ser Zeit kam das Rhönschaf vonThüringen bis zum Harz und im Quellgebiet der Werra vor. S päter war es sogar in nahezu allen Gegenden des damaligen Deutschen Rei­ ches vertreten. Im Verlauf der Zeit wurden m ehrfach englische C otsw old- oder Ox­ fordshire- sowie M erino-Böcke einge­ kreuzt. 1921 wurde in Weimar der Verband der Rhönschafzüchter gegründet. Seit M itte des 19. Jahrhunderts, als die Rasse einige hunderttausend Tiere umfaßte, w a­ ren die Bestände ständig rückläufig und er­ reichten Ende der 50er Jahre unseres Jahr­ hunderts m it nur noch 300 eingetragenen Herdbuchtieren in der Bundesrepublik ih­ ren Tiefpunkt. Anfang der 60er Jahre setz­ te eine deutliche A ufw ärtstendenz ein. Der Bestand umfaßt heute ca. 1000 Tiere. Kennzeichen: Mittelgroßes bis großes Schaf. Weiß (auch die Beine). Schwarzhaa­ riger, bis hinter die Ohren unbewollter Kopf. Leicht ramsnasig. Hochbeinig. S chlichtw ollig. Hornlos. Bock W iderristhöhe 8 0 -8 5 cm Gewicht 8 5 -9 5 kg

A b b .2 4 . Braunes M ilchschaf.

M utter 72 -7 8 cm 60 -7 0 kg

Verbreitung: Hessische und bayerische Rhön sowie deren Umgebung. In der DDR zu rZ e it nur noch wenige kleine Bestände.

N N A -B erichte 3/1,1990

Leistung: Gut geeignet für rauhes, feuch­ tes Klima in den Mittelgebirgslagen. M arschfähig. Wird in Hüte- und Koppel­ schafhaltung eingesetzt. Die jährliche W ollmenge der M utterschafe beträgt 3 ,0 4,0 kg, die der Böcke 5 ,0 -6 ,0 kg. Erste Zu­ lassung m it 12-18 Monaten. Asaisonale Brunst m öglich. Gute Säugeleistung. A b­ lammergebnis 120% . W ohlschm ecken­ des Fleisch mit W ildcharakter.

Braunes M ilchschaf (Abb.24) Z uchtgeschichte: Die Anlage für Pigmen­ tierung ist rezessiv im Ostfriesischen M ilchschaf vorhanden und mendelt gele­ gentlich aus ihm heraus. In Zeiten, in de­ nen farbige Naturwolle begehrt ist - in den Nachkriegsjahren sowie gegenwärtig - , besteht eine gewisse Nachfrage nach braunen M ilchschafen. Reinzucht seit ca. 20 Jahren. Kennzeichen: Etwas leichter als das Ost­ friesische Milchschaf, ansonsten in Form und Typ wie dieses. Einheitlich braun bis schwarz ohne Abzeichen. Die Lämmer werden schwarz geboren. Kopf fein be­ haart und leicht ramsnasig. Lange, dünne, nach vorn gestellte Ohren. Langer, unbew ollter Schwanz. Hornlos. Bock W iderristhöhe 7 5 -8 5 cm Gewicht 100-120 kg

M utter 7 0 -8 0 cm 8 0 -9 0 kg

Verbreitung: Nicht in allen Bundesländern im Herdbuch geführt. Sie kommen jedoch

inzwischen in allen Regionen der Bundes­ republik vor. Leistung: S chlichtw ollig. Jährliche W oll­ menge 4,0-4,5 kg (Muttern) bzw. 5,0 -5 ,5 kg (Böcke). Die M ilchleistung liegt mit durchschnittlich etwas über 500 kg/Jahr ungefähr 5 % unter der des Ostfriesischen Milchschafes. Diese Rasse leistet dam it im Verhältnis zum Körpergewicht das glei­ che. Die Milch soll süßer und geschm ack­ voller sein als die des Ostfriesischen Milchschafes.

ZIEGEN Bunte Deutsche Edelziege (Abb.1 und 2) Zuchtgeschichte: Bis Ende des 19. Jahr­ hunderts waren in allen Gegenden Deutschlands neben anderen Farbvarianten braungetönte Ziegen vorhanden. Erst Anfang dieses Jahrhunderts wurden, in oft nur kleinen Gebieten, Ziegen einheitlicher Färbung und ausgeglichenen Typs gehal­ ten. Im Jahre 1928 faßte der Reichsver­ band Deutscher Ziegenzuchtvereinigun­ gen den Beschluß, alle farbigen Ziegen­ schläge unter der Einheitsbezeichnung »Bunte Deutsche Edelziege« zusam m en­ zufassen, um eine größere Zuchtbasis zu erhalten. Kennzeichen: Haarkleid kurz und glatt an­ liegend. Zumeist hornlos. Es können im wesentlichen drei Farbvarianten unter­ schieden werden:

39

- Dunkelbrauner G rundton. Schwarzer Aalstrich. Unterbauch sow ie Beine von Sprunggelenk und Vorderknie abw ärts schwarz (ehemalige Frankenziege). - M ittel- bis sattbrauner G rundton. Dun­ kelbrauner oder schw arzer A alstrich. Un­ terbauch hellbraun. Beine von S prungge­ lenk bzw. Vorderknie abw ärts dunkelbraun geschient. Angedeuteter heller Streifen von Hornbasis bis M aulwinkel (ehemalige Schwarzwaldziege). - Helles Graubraun. U nterbauch und Bei­ ne vom Sprunggelenk bzw. Vorderknie ab­ wärts ockerfarben. Heller Ü beraugstreif bis Maulwinkel (Thüringerw ald-Ziege, ehemalige Deutsche Toggenburger). In Hessen wird zum eist der Typ der ehem ali­ gen Schwarzwaldziege gehalten. W iderristhöhe Gewicht Verbreitung: land.

Bock 7 5 -8 5 cm 6 0 -8 0 kg Vorwiegend

Geiß 7 0 -8 0 cm 5 0 -6 5 kg S üddeutsch­

Leistung: Fleisch. Häute. Jahresm ilch­ menge 900 kg bei 3 ,7 % Fett. H öchstlei­ stung von 1800 kg. Fruchtbarkeit: 2,1 Z ick­ lein je Geiß pro Jahr. Erste Belegung mit 7 Monaten möglich.

A nschrift des Verfassers Prof. Dr. Dr. H.-H. Sambraus Lehrstuhl fü rTierzucht derTU München 8050 Freising-W eihenstephan

Spezialisten im Naturschutz und in der Landschaftspflege Von Piet Oehmichen Alte Haustierrassen können als Speziali­ sten im Naturschutz und in der Land­ schaftspflege eingesetzt werden. Hier kommen einige Fähigkeiten der boden­ ständigen Robustrassen voll zum Tragen, und die geringeren bzw. später erzielten Leistungen sind von sekundärer Bedeu­ tung. Interessenten sind neben Privatper­ sonen auch viele Gemeinden und Natur­ schutzverbände, die mechanische Pflege­ maßnahmen für unmöglich, zu teuer oder nicht um w eltverträglich halten. Zu beden­ ken ist, daß all die betroffenen Flächen heute keine rein naturgeprägten Gebilde mehr sind, sondern relativ alte Kulturflä­ chen. Schon in ihrem Ursprung entstan­ den sie aufgrund einer Bewirtschaftung mit Nutztieren. Zur Erhaltung einer ab­ wechslungsreichen Landschaft, die von Verbuschung und nachfolgender Verwaldung freigehalten werden soll, sind boden­ ständige Lokalrassen deshalb besonders geeignet. Neben den verbreiteten Lei­ stungsrassen erweitern sie das Spektrum der Einsatzm öglichkeiten. Dies ergibt sich schon alleine aus ihren unterschiedlichen

Größen und Gewichten. Bei Schafen bei­ spielsweise wiegen ausgewachsene M ut­ tertiere, je nach Rasse, zwischen 30 kg (Skudde) und 80 kg (M erinofleischschaf). Daß im Einzelfall die zu schützenden Ge­ biete nur mit einer bestimm ten maximalen Besatzdichte, nur zu bestim m ten Vegeta­ tionsperioden und in Ausnahmen auch gar nicht durch Tierhaltung genutzt werden sollten, stellt die Eignung unserer alten Landrassen nicht in Frage. Ökologisch erhaltenswerte Gebiete sind oft auch landw irtschaftlich ertragsschw a­ che Regionen. Die Erhaltung der Land­ schaft mit geeigneten Rassen würde gleichzeitig die w irtschaftliche Ertrags­ kraft und den Freizeitwert dieser Gebiete verbessern. Es ist eine Tatsache, daß viele gefährdete Rassen im Naturschutz eine Art neue Nische finden. Dies sollte jedoch nicht als Befürwortung der staatlichen Maßnahmen »Flächenstillegung« mißver­ standen werden. Wird eine längerfristige Erhaltung unserer gefährdeten Nutztierrassen angestrebt,

kann dies nur über die Sicherung unserer bäuerlichen Betriebe, die selbst vom A us­ sterben bedroht sind, geschehen. E ineZusammenarbeit aller hieran Interessierten sowie die B erücksichtigung des Rassen­ sterbens bei zukünftigen Planungen agrar­ politischer Maßnahmen ist deshalb uner­ läßlich. Was bleibt, ist ein Rennen mit der Zeit, bei dem entschieden wird, ob das öffentliche Bewußtsein und die dam it einhergehen­ den Rettungsmaßnahmen die bedrohten Rassen erreichen, bevor sie endgültig aus­ gestorben sind.

Erhaltungsprogram m e für bedrohte Nutztierrassen Die Zahl der insgesam t von Staatsseite ge­ förderten Rassen erhöhte sich seit 1987 um 1 auf 31. Hierbei sind reine Spermaund Embryonenkonservierung sowie mehrfache Subventionierung einer Rasse in verschiedenen Ländern mitberechnet. Die tatsächliche Anzahl verschiedener Rassen, deren Lebendbestände gefördert

40

O ehmichen • Spezialisten im Naturschutz und der Landschaftspflege

werden, beträgt in diesem Jahr 26. Sub­ ventionsm ittel, die bundesweit für Erhal­ tungsm aßnahm en aufgewendet werden, erhöhten sich von 715 000 DM (1987) auf etw a 900 000 DM im W irtschaftsjahr 1988/ 89 (Tab. 1). Tab. 1: S t a a t l ic h e S u b v e n t io n e n z u r E r h a ltu n g a lt e r u n d g e f ä h r d e t e r H a u s t ie r r a s s e n j e B u n d e s la n d

B a d e n -W ü rtte m b e rg

600 000 DM

67%

N o r d r h e in - W e s t f a le n

100 0 00 DM

11 %

N ie d e r s a c h s e n

780 0 0 DM

9%

B a y e rn

700 0 0 DM

8%

S c h le s w i g - H o ls t e in

25 000 DM

3%

H essen

10000 DM

ca. 1 %

8 00 0 DM

ca. 1 %

10000 DM

ca. 1 %

ca. 9 00 0 00 DM

100 %

R h e in l a n d - P f a lz S a a rla n d Sum m e

Z u m V e r g le ic h : S u m m e 1 9 8 7 : 7 1 5 0 0 0 D M

Tab. 2 : S t a a t l ic h e S u b v e n t io n e n je T ie r a r t im J a h r e 1 9 8 8 ( S u m m e a lle r B u n d e lä n d e r )

R in d e r

653 000 DM

P fe rd e

141 0 0 0 D M

S c h a fe

53 000 DM 43 000 DM

S c h w e in e Sum m e

ca. 9 00 0 00 D M

N ie d e rsa ch se n S chw ere W arm blutpferde (Alter o s tfrie sis c h e r u n d O lde n b u rg e r Typ) u n d K a ltb lu tp fe rd e • Zuchterhaltungspräm ie für in einem entsprechenden Zuchtbuch eingetra­ gene Zuchtstuten, die nachweislich im Bewilligungsjahr von einem bei der ent­ sprechenden Züchtervereinigung ein­ getragenen Hengst gedeckt wurden. Die Prämie beträgt im Einzelfall minde­ stens 100,- DM, höchstens 5 0 0 ,- DM. N iedersächsische Schafrassen {Graue gehörnte Heidschnucke, Weiße gehörnte Heidschnucke, Weiße hornlose Heidschnucke, Bentheimer Landschaf, Leineschaf, Merinofleischschaf) • Für erstmals abgelammte, ins Z ucht­ buch eingetragene Schafe, bis zu 2 0 ,DM pro Schaf. Für jeden ins Zuchtbuch eingetragenen Bock (je 20 angefangene Herdbuchschafe pro Zuchtbock) bis zu 2 0 0 ,- DM pro Zuchtbock. Buntes Bentheimer Schwein • Haltungsprämien für im Zuchtbuch ein­ getragene Sauen dieser Rasse. Schwarzbunte und Rotbunte Rinder, im alten deutschen Typ

zum A lter von 7 Jahren dem Zuchtver­ band vorgestellt werden. • Nutzungsprämie beim Einsatz von Kalt­ blutpferden als Rückepferde im Wald als um w eltverträgliche und w aldscho­ nende Maßnahme. • Haltung von 7 K altblutbeschälern im nordrhein-w estfälischen Landesgestüt. G la n -D o n n e r s b e r g e r R in d v ie h s c h la g

• Übernahme von 8 0 % der Kosten der Spülung zur Embryonengewinnung. • Übernahme von 80 % der Kosten des Embryonentransfers. Setzt man die Werte dertierischen Produk­ tion der Bundesländer in Relation zu den Förderm itteln, ergibt sich folgendes Bild: Pro 1 000 000 DM aus der tierischen Pro­ duktion der Bundesländer werden nach­ stehende Summen gezielt zur Erhaltung einer breiten genetischen Basis in Form al­ ter Rassen ausgegeben: Baden-W ürttem berg Saarland Nordrhein-W estfalen Niedersachsen Schlesw ig-Holstein Bayern Rheinland-Pfalz Hessen

132 DM 64 DM 14 DM 8 DM 7 DM 6 DM 6 DM 5 DM

In Tabelle 2 werden die zur Verfügung ge­ stellten M ittel nach Tierarten gegliedert. Wenn man berücksichtigt, daß der Um­ fang unserer Schweineproduktion noch vor dem der Rinderproduktion an erster Stelle liegt, erschreckt der hier aufgeführte minimale Fördereinsatz. In derTat sind uns von dieser N utztierart ja auch die w enig­ sten alten Rassen erhalten geblieben. Da hier die Basis einer ganzen Art nahezu ver­ schwunden ist, sollte Restbeständen eine noch größere Aufm erksam keit geschenkt werden. Zum Vergleich: Der Produktions­ w ert der Schweinezucht und -m ast lag 1985 bei 11,7 Milliarden DM.

• Für die mindestens zehnjährige Lang­ zeitlagerung von rund 60 000 Samen­ portionen wurden seit 1985 rund 60 000 DM aufgewandt. • Prämien in Höhe von 2 0 0 ,- bis 5 0 0 ,DM bei Durchführung einer Spülung zur Embryonengewinnung, in Abhängigkeit des Spülungserfolges. Hiermit soll die genetische Basis der Herde Schwarz­ bunter Rinder im alten Typ des Instituts für Tierzucht und Tierverhalten (Marien­ see) erw eitert werden.

Keine Berücksichtigung findet bei dieser Aufstellung die Tatsache, daß in den ver­ schiedenen Ländern die Zahl der vorkom ­ menden förderw ürdigen Rassen und die Größe der Bestände deutlich variieren. Da sich nach einem bisherigen Beschluß der Bundesländer - jedes Land um die Erhal­ tung »seiner« alten Rassen kümm ert, liegt hierin sicher einer der Gründe für die so un­ terschiedlichen A ktivitäten. Vor allem die Erhaltung alter Rassen als regionales Kul­ turgut sollte ja auch prim är im U rsprungs­ gebiet durchgeführt werden.

N o rd rh e in - W estfalen

Woraus sich diese Subventionen im einzel­ nen zusammensetzen, zeigen die hier im folgenden aufgelisteten Erhaltungsmaß­ nahmen der drei nördlichen Bundeslän­ der:

S ch w a rzb un te s Rind, im alten deutschen Typ

Bei der A bsicht, mit den alten Rassen ein m öglichst breit gefächertes Spektrum von Erbanlagen für zukünftige Anforderungen in der Tierzucht zu erhalten, handelt es sich jedoch mit Sicherheit um ein bundes­ weites Anliegen von größtem volksw irt­ schaftlichem Interesse.

S c h le s w ig -H o ls te in S ch le sw ig e r K a ltb lu t • Wenn mindestens 5 eingetragene Stu­ ten belegt werden, wird eine Hengster­ haltungspräm ie von 6 0 0 ,- DM pro Jahr gewährt. • Für gebrannte Fohlen gibt es eine A uf­ zuchtpräm ie. Insgesamt stehen dazu 2 6 0 0 ,- DM zur Verfügung. A n g le r S a tte ls c h w e in

• Als Haltungsprämie 3 0 0 ,- DM bei ganz­ jährig kontrollierten eingetragenen Sau­ en; Erstlingssauen erhalten einen Zu­ schlag von 3 0 ,- DM. • Die Haltung von Deck- und Besamungs­ ebern wird mit 3 0 ,- DM pro Monat, in dem mindestens 5 eingetragene Sauen belegt wurden, bezuschußt. M ehrfach­ belegungen infolge Umrauschens wer­ den nicht berücksichtigt.

• Prämien zur Durchführung einer Spü­ lung zur Embryonengewinnung. • Übernahme der Spermakonservie­ rungskosten. • Übernahme der Embyonenkonservierungskosten. • Übernahme von Lagerkosten vorge­ nannten Spermas und der Embryonen. Rotbuntes Rind, im alten deutschen Typ • geplant: gleiche Maßnahme wie bei den schwarzbunten Rindern. Rheinisch- Westfälisches K altblut • Aufzuchtpräm ie. Bei Vorstellung der K altblutstut- und -hengstfohlen beim Zuchtverband im Jahr der Geburt 5 0 0 ,DM. Weitere Zuwendung von 5 0 0 ,- DM bei der Vorstellung der K altblutstutfoh­ len zur Stutbuchaufnahme im Alter von 3 Jahren. • Körprämie in Höhe von 5 0 0 ,- DM bei den Kaltbluthengstfohlen zur Körung im Alter von 2 Jahren. • Haltungsprämien für Kaltblutstuten in Höhe von 1000,- DM, wenn 2 Fohlen bis

Als Beispiel: Das Angler Sattelschwein (älteste noch existierende Schweinerasse Norddeutschlands) Die Schweinezucht ist in eine tiefe Krise geraten. Durch die neuen Anforderungen an Produktion und Qualität rücken daher alte, nahezu ausgestorbene Rassen wieder in den M ittelpunkt des Interesses (Tab. 3). Im Norden der B undesrepublik werden verstärkt Bemühungen unternom m en, um die letzten Angler Sattelschw eine durch Reintegration in die bäuerliche Landw irt­ schaftzu retten. Von den acht hierzulande herdbuchmäßig betreuten Schweinerassen des Jahres 1957 sind heute in nennenswertem Um­ fang nur noch zwei Rassen vorhanden (DL, DE). Diesen gehören bereits 87 % aller ein-

O ehmichen • Spezialisten im Naturschutz und der Landschaftspflege

Tab. 3 : E ig e n s c h a f t e n a lt e r S c h w e in e r a s s e n

-

A u ß e r g e w ö h n li c h e F r u c h t b a r k e it , g e k o p p e l t m it a u s g e p r ä g t e m R a u s c h e v e r h a l t e n , h o h e r M ilc h le is t u n g u n d a lle n z u r E r z ie lu n g e in e s h o h e n A u f z u c h t v e r m ö g e n s b e d e u t s a m e n F ä h ig ­ k e it e n

-

R o b u s t h e it u n d V it a li t ä t

-

B e s o n d e r e F le is c h q u a litä t

-

E ig n u n g z u r W e id e h a l t u n g

-

B e a c h t lic h e s V e r d a u u n g s v e r m ö g e n b e i r o h fa s e r r e ic h e n R a tio n e n

-

G u t e s F u t t e r a u f n a h m e v e r m ö g e n u n d g u t e M a s t le is t u n g

getragenen Tiere an. Auch in den verblie­ benen Rassen hat durch Einkreuzungen und Umzüchtungen ein erheblicher Wan­ del stattgefunden (vergl. Tab. 5). Mit großer W irksamkeit wurde der Merk­ malskom plex Mast- und S chlachtleistung züchterisch bearbeitet. Dies führte dazu, daß heute eine große Menge von S chwei­ nefleisch zu niedrigen Preisen an den Ver­ braucher abgegeben werden kann. Die Schattenseiten dieser Leistung wer­ den jedoch immer deutlicher: Auch 1988 mußten wieder 7,5 % aller Schweinehalter aufgeben. Fragen zur Gülleproblem atik, hohe »Ausfallquoten«, die Fleischqualität, Rückstandsproblem e und der Gesund­ heitszustand der Tiere ganz allgemein be­ schäftigen Experten und Praktiker. D urchblättert man den neuesten Jahres­ bericht der Schw eineproduktion, fallen Rassen ins Auge, die heute offensichtlich nur noch in ganz wenigen Betrieben gehal­ ten werden:

41

gungen ersetzt werden, gehen auch die ökologischen Nischen für Nutztiere verlo­ ren, die an solche Bedingungen angepaßt sind. So kom m t es, daß auch das Angler Sattelschwein heute akut vom Aussterben bedroht ist. A usschlaggebend hierfür war sicherlich auch die im Vergleich stärkere Neigung zum Fettansatz, in einer im Grun­ de für die Tierart Schwein ureigenen phy­ siologischen Ausprägung.

Die GEH greift ein

Die Rasse Angler S attelschw ein [AS), die mit einem Göfo-W ert von 71 gute Fleisch­ qualität bei beachtlicher M astleistung ver­ spricht, liegt mit ihrer Zuchtleistung an der Spitze aller Herdbuchrassen (Tab. 4). Da diese Leistungen mit einer ausgespro­ chenen Robustheit und A nspruchslosig­ keit der Rasse verbunden sind, war das AS noch 1952 mit rund 15 % am Gesam therd­ buchbestand vertreten. In den Nach­ kriegsjahren war es für das Überleben ei­ ner Rasse entscheidend, ob sie auch unter primitiven H altungsbedingungen und mit minderwertigem Futter brauchbare Ergeb­ nisse erzielen konnte. Mit der aufkommenden Technisierung w a­ ren solche Eigenschaften jedoch nicht mehr gefragt. Egal, ob in Norwegen oder Südamerika: Stalltem peraturen, Hal­ tungssysteme und Futterrationen in der Schweinemast sind nahezu identisch und »bodenunabhängig« geworden. Für alle Rassen gilt: In dem Maße, in dem die ex­ tensiven Fütterungs- und H altungsbedin­

Tab. 4 : Z u c h t le is t u n g v e r s c h ie d e n e r R a s s e n , A u s z u g a u s d e m J a h r e s b e r ic h t v o n A D S 1 u n d B D S 2

Die »Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e.V.« (GEH) wählte das Angler S attelschw ein für das Jahr 1990 wegen seines hohen Gefähr­ dungsgrades und seines besonderen Er­ haltungswertes - sow ohl als fruchtbare Robustrasse wie auch als altes schlesw ig­ holsteinisches Kulturgut - zur Rasse des Jahres (Tab. 4). Eine im Frühjar 1989 durchgeführte R und­ reise zu den H erdbuch-Züchtern ergab ei­ ne aktive Zuchtpopulation von 65 einge­ tragenen Sauen und fü n f H erdbuchEbern. Die Zahl der damals noch acht im VAS engagierten Betriebe wie auch die Zahl der eingetragenen Tiere ist instabil und eher rückläufig. Um so erfreulicher ist daher das Ergebnis einer bundesweit betriebenen Suchaktion nach Züchtern des AS, die bisher nicht dem VAS beigetreten waren. Es meldeten sich über 70 Halter dieser alten Rasse, und die Anzahl nim m t weiterhin zu. Auf Befragen wurde starkes Interesse an • der Gründung eines Fördervereins, • der gemeinsamen Vermarktung des speziellen Produkts, • dem Im port reinrassiger Tiere sowie

1989

• einer gemeinsamen planmäßigen Zucht, auch im Herdbuch, geäußert.

E r g e b n is s e d e r Z u c h t le is t u n g n a c h R a s s e n - 1 9 8 8 (A u s z u g )

A n t e il a m H e rd b u c h ­

R asse

b e s t . in %

A n z a h l F e rk e l

A n z a h l F e rk e l

je S a u /J a h r

je W u r f

geb.

a u fg e z .

geb.

V e r lu s te

a u fg e z .

D e u t s c h e L a n d r.

5 3 ,3

2 0 ,7

1 9 ,1

1 0 ,2

9 ,5

7 ,6

P ie tr a in

3 3 ,4

2 0 ,0

1 8 ,5

1 0 ,0

9 ,2

8 ,0

D . E d e ls c h w e in

7 ,0

2 2 ,5

2 0 ,6

1 0 ,6

9 ,7

8 ,6

L a n d ra s s e B

4 ,8

2 0 ,5

1 8 ,7

1 0 ,1

9 ,3

8 ,6

A n g l e r S a t t e l s c h w e in

0 ,2

2 3 ,3

2 1 ,8

1 1 ,1

1 0 ,4

6 ,3

1 A D S = A r b e i t s g e m e in s c h a f t D e u t s c h e r S c h w e in e e r z e u g e r e .V ., B o n n 2 B D S = B u n d e s v e r e in ig u n g D e u t s c h e r S c h w e in e p r o d u z e n t e n e . V . , B o n n

Tab. 5 : R a s s e n a n t e ile d e r T i e r a r t » S c h w e in « in d e r B u n d e s r e p u b lik - A u s z u g , in P r o z e n t d e s H e r d b u c h b e s t a n d e s -

R asse

1951

1957

1968

1988 0 ,2 *

1 3 ,3

7 ,5

0 ,8

B u n t e s B e n t h e im e r S c h w e in

-

-

D e u t s c h e s C o r n w a ll s c h w e in

1 ,4

1,1 0 ,6

a u s g e s to rb e n

a u s g e s to rb e n

D e u t s c h e s W e id e s c h w e i n

1 ,7

1 ,2

0 ,1

a u s g e s to rb e n

R o t b u n t e s S c h w e in

-

0 ,4

0 ,1

a u s g e s to rb e n

S c h w ä b i s c h - H ä ll is c h e s S c h w e in

9 ,8

8 ,0

0 ,1

0 ,2 *

A n g l e r S a t t e l s c h w e in

* W e g e n s e in e r a k u t e n G e f ä h r d u n g w ir d d ie s e R a s s e v o n d e r G E H g e f ö r d e r t .

0 ,1 *

Neben den Züchteradressen werden Tier­ zahlen und Abstam m ungsdaten erfaßt. Wie zu erwarten, sind hier auch eine ganze Reihe von Kleinbeständen vertreten. Die Rassenreinheit der Tiere bzw. deren Genanteil bedarf einer Überprüfung und könnte später als Grundlage einer Einord­ nung ins Herdbuch oder Vor-Herdbuch dienen. Der »Verein der Freunde des Angler S attel­ schweines« hat inzwischen auch eine Kon­ taktadresse, wo An- und Verkäufe der sel­ tenen Rasse koordiniert werden und spe­ zielle züchterische Fragen beantw ortet werden können: Erich Ressmann DargowerW eg 26 2411 Seedorf Tel. 04545/594.

Anschrift des Verfassers Dipl.-Ing. Piet Oehmichen Fachgebiet Tierzucht G esam thochschule Kassel Nordbahnhofstraße 1 a 3430 W itzenhausen

42

NN A -B erichte 3/1,1990

Erhaltung tierischer G enressourcen m it Hilfe b io te ch n o lo g isch e r Verfahren am Beispiel des D eutschen S chw arzbunten Rindes Von B. Sacher, H. Niemann, D. Smidt Einleitung Zur Erhaltung tierischer Genressourcen sind prinzipiell drei Verfahren möglich: 1. Konventionelle Verfahren der Genom­ erhaltung als lebende Individuen in einer ausreichend großen effektiven Population, d. h. m it mindestens so vielen männlichen und w eiblichen zuchtfähigen Individuen, daß die Zunahme des Inzuchtgrades pro Generation gering (m öglichst nicht über 1 %) gehalten werden kann. 2. Biotechnologische Verfahren der Ge­ nom erhaltung in Form von konservierten Gameten oder Embryonen von einer aus­ reichend großen Zahl effektiver Spender­ tiere, d. h. von so vielen nicht miteinander verwandten Spendertieren bzw. Eltern­ paaren, daß bei einer Reaktivierung die Zu­ nahme des Inzuchtgrades der zu erstellen­ den Population pro Generation tolerierbar gering gehalten werden kann. 3. Gentechnologische Verfahren der Gen­ erhaltung als konservierte und definierte proteinkodierende DNA-Abschnitte, die jeweils ein oder mehrere Gene repräsen­ tieren. Mit der Kenntnis seiner »Schreib­ weise« könnte das Gen synthetisiert wer­ den, was für die Genreservebildung in letz­ ter Konsequenz dann nicht mehr die Kon­ servierung biologischen Materials erfor­ dert, sondern die Konservierung der gene­ tischen Information in einer Datenbank. Zur Reaktivierung konservierter Gene, d. h. zur Einschleusung in die Keimbahn ist derzeit nur die Mikroinjektion in den Vor­ kern früher Embryonalstadien erfolgver­ sprechend verfügbar. Trotz der Erstellung transgener Individuen, auch bei landw irt­ schaftlichen Nutztieren, muß die Konser­ vierung der Genressourcen einer T ierpo­ pulation mit Hilfe gentechnologischer Ver­ fahren vorläufig noch als ein eher theoreti­ sches Modell betrachtet werden und fin ­ det deshalb im folgenden keine Berück­ sichtigung. Die Erhaltung lebender Populationen ist für viele Nutztierrassen derzeit noch die einzige praktikable M öglichkeit der Erhal­ tung ihrer genetischen Ressourcen. Vor al­ lem trifft dies für außereuropäische Nutz­ tierarten und -rassen zu, bei denen häufig die rein biotechnischen Alternativen (Tief­ gefrierkonservierung von Samen, Oozyten und Embryonen) noch nicht, oder noch nicht ausreichend, untersucht worden sind. Die Erhaltung lebender Populationen ist einerseits die wünschenswerteste Form der Genkonservierung, andererseits aber auch die aufw endigste und kosten­

trächtigste Lösung und, wenn Konservie­ rung w örtlich verstanden wird, die anfällig­ ste Methode. Praktische Aspekte dieses Komplexes werden in anderen Seminar­ beiträgen behandelt.

Biotechnologische Verfahren zur Generhaltung B iotechnische Verfahren, wie instrum en­ teile Besamung, In-vitro-Fertilisation, Kryokonservierung von Gameten sowie Superovulation, Embryonengewinnung und -transfer haben die Möglichkeiten der Genkonservierung erweitert. Sie sind al­ lein oder in Kombination mit anderen Me­ thoden oder nur für bestimmte Rassen und Arten anwendbar, je nach den gegebe­ nen Um ständen unterschiedlich praktika­ bel und mit Kosten sehr unterschiedlicher Höhe verbunden.

Die Haltung ausschließlich w eiblicher Tiere bei gleich­ zeitiger Tiefgefrierkonservierung von Sperm a Diese A rt der Genkonservierung als Kom­ bination konventioneller Methoden mit biotechnischen Möglichkeiten bietet sich bei Haustierarten und ihren Rassen an, bei denen eine Spermakonservierung m ög­ lich ist, nicht aber die Kryokonservierung von Embryonen oder Oozyten. Diese Kom­ binationsm ethode ist gut vorstellbar für die Spezies Schwein, aber auch für man­ che Pelztierarten. In Frage kommt die Me­ thode auch für Pferderassen, bei denen zwar Embryonen konserviert werden kön­ nen, aber die Gewinnung von größeren Embryozahlen auf Grenzen stößt, weil das Pferdeovar auf die bis jetzt bekannten Su­ perovulationsm ethoden nicht anspricht. Schließlich hat diese Kombination aus konventionellen und biotechnischen Me­ thoden einen kostendämpfenden Effekt bei der Erhaltung einer Population als le­ bende Individuen. Sie wird z. B. am Institut für Tierzucht und Tierverhalten in Marien­ see mit einer Population des Deutschen Schwarzbunten Rindes alten Typs prakti­ ziert.

Die Tiefgefrierkonservierung von Sperm a M ethoden der Tiefgefrierung von Sperma und seine Langzeitlagerung bei -1 9 6 ° C in flüssigem S tickstoff sind schon für die

meisten Nutztierarten und für viele ihrer Rassen erarbeitet worden incl. für G eflü­ gel und Fische. Für unsere w ichtigsten eu­ ropäischen Nutztierarten Pferd, Rind, Schaf, Ziege und Schwein sind die M etho­ den derSam engew innung und -konservierung und der Besamung durchw eg prakti­ kabel, auch wenn die hohe Effizienz der Rinderbesamung - mit 300 bis 1000 Por­ tionen pro Samengewinnung bei ziemlich konstanten Befruchtungsergebnissen bei den anderen Nutztierspezies nicht er­ reicht wird. Die M ethode stellt eine echte Konservie­ rung des genetischen Status einer Popula­ tion dar. Soll das genetische Reservoir bei einer zukünftigen Reaktivierung zur Ein­ kreuzung benutzt werden, erlaubt die Spermakonservierung eine schnelle Reak­ tion. Die Lagerung der Genreserven ist bei entsprechenden Voraussetzungen wenig aufwendig und könnte leicht an die ohne­ hin praktizierte Spermalagerung angeglie­ dert werden. Vom Land Niedersachsen wurde diese M ethode der Genreservebildung für das Deutsche Schwarzbunte Rind finanziell gefördert, und dieses Reservoir stellt jetzt eine wesentliche B asisfür unsere Arbeiten dar.

Die Konservierung von Oozyten Die Konservierung von Oozyten ist im Prin­ zip als Konservierung von Genreserven in haploider Form mit der Konservierung von Sperma vergleichbar. In Kom bination mit der Tiefgefrierung von Sperm a läßt die Konservierung von Oozyten eine schnelle und gezielte Reaktion auf eine aus tier­ züchterischen Gründen erforderlich wer­ dende Reaktivierung der genetischen Re­ serven zu. Neben der Fertilisation mit Sa­ men der gleichen Population ist eine Be­ fruchtung mit Samen irgendeiner anderen konservierten oder lebenden vorhande­ nen Population möglich. Die Lagerung von Oozyten im flüssigen S tickstoff ist genau­ so durchzuführen wie die Lagerung von Sperma. Die entstehenden Kosten sind vergleichbar. Oozyten sind eine gute Aus­ gangsbasis für zukünftige Erfordernisse, etwa bei der Realisierung gentechnologi­ scher Vorstellungen. Oozyten können von Schlachttieren und auch von präpuberalen Tieren gewonnen werden. Bei der ln-vitro-Fertilisation kann das Sperma w esent­ lich effizienter als bei der Besamung einge­ setzt werden. Die Reaktivierung geneti-

S ach e r/N ie m a n n /S m id t • Erhaltung tierischer G enressourcen

A nlage von tierischen Genreserven

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nicht aus, denn es muß sichergestellt sein, daß aus jeder der 25 Anpaarungen m inde­ stens ein männliches und ein w eibliches Tier hervorgeht, das seinerseits ta tsä ch ­ lich w ieder fruchtbare N achkom m en er­ zeugt. Bei der Embryonengewinnung von Schlachttieren muß noch eindeutig abge­ klärt werden, wie schnell diese E m bryo­ nen mit zunehmendem zeitlichen A bstand zur Schlachtung und Spülung an V italität verlieren bzw. ob ihre E ntw icklungsfähig­ keit eingeschränkt ist. Die Lagerung von tiefgefrierkonservierten Embryonen kann, wie bei Sperma und Oozyten, zw eckm äßi­ gerweise in Pailletten - sogenannten »Straws« - durchgeführt werden. Für Schaf und Ziege werden in Z ukunft die schonende Gewinnung und der Transfer mit Hilfe laparoskopischer Techniken an­ gestrebt, für Pferd und Rind steht der un­ chirurgische Transfer via Zervix nicht mehr in Frage. Beim Komplex »Embryotransfer« muß be­ rücksichtigt werden, daß m aternale Effek­ te des Spendertieres nur noch die wenigen Tage von der Befruchtung bis zur Em bryo­ nengewinnung betreffen, sich dagegen maternale Effekte des Empfängers stärker auswirken. Dies hat einen positiven Aspekt bei der Versorgung mit maternalen A ntikörpern, könnte aber m öglicherweise Exterieur und andere Faktoren beeinflus­ sen, etwa beim Austragen eines Embryos einer kleinen Rasse durch ein Em pfänger­ tier einer großen Rasse und umgekehrt. Ef­ fekte als Folge einer andersartigen als der Rasse üblichen Versorgung des Embryos, des Fetus und letztlich auch des gebore­ nen Jungtieres durch das Em pfängertier sind denkbar.

scher Reserven aus kryokonservierten Oozyten setzt allerdings ein funktionieren­ des In-vitro-Fertilisationssystem voraus. Neben der Spezies Maus wird die erfolg­ reiche In-vitro-Fertilisation nach Tiefge­ frieren und Auftauen der Oozyten m it dar­ aus resultierenden Nachkommen bis jetzt nur vom Menschen berichtet. Deshalb hat diese Methode derzeit leider noch keine praktische Bedeutung in der landw irt­ schaftlichen Nutztierzucht.

Die Konservierung von Embryonen Die Konservierung von Embryonen ist der­ zeit die sicherste und zw eckm äßigste Me­ thode zur Erhaltung genetischer Reser­ ven. Allerdings ist die Tiefgefrierkonservie­ rung (noch) nicht bei Embryonen aller Nutztierspezies anwendbar, wie beispiels­ weise bei Schwein und Hund. Es sind auch noch längst nicht alle Nutztierarten und -rassen bezüglich Superovulationseig­

nung, Em bryonengew innungsm öglichkei­ ten, Embryonentiefgefriereigenschaften und Em bryotransfer untersucht. Um bei einer Reaktivierung der Reserven und der Weiterzucht einer solchen Popula­ tion den Grad der Inzucht bei 2 % zu li­ mitieren, müssen Embryonen von m inde­ stens 25 Spendertieren, die mit 25 nicht­ verwandten Vätern angepaart wurden, konserviert werden. Bei einer angenom­ menen Überlebensrate nach dem Auftau­ en von 100% (was für das Rind fast er­ reicht wird), einer Trächtigkeitsrate von 5 0% und einem Geschlechtsverhältnis der resultierenden Nachkommen von 1:1 beträgt die theoretische Mindestzahl von Embryonen pro S pendertier 4. Theore­ tisch ließen sich also die genetischen Re­ serven einer Rinder-, Schaf- oder Ziegen­ population mit 100 tiefgefrorenen Embryo­ nen konservieren. In der praktischen Durchführung der Genkonservierung mit Hilfe der Tiefgefrierkonservierung von Em­ bryonen reicht diese Anzahl bei weitem

Die Vorteile der Tiefgefrierkonservierung von Gameten und Embryonen zur Anlage von Genreserven treten besonders deut­ lich hervor, wenn die Methoden - sofern technisch und biologisch möglich - kom ­ biniert eingesetzt werden können. Die La­ gerung von Gameten und Em bryonen ist kostengünstig und zeitlich praktisch unbe­ grenzt möglich. Im Gegensatz zu der Tief­ gefrierkonservierung von Oozyten m it den notwendig werdenden Folgetechniken wie z. B. In-vitro-Fertilisation kann die Tiefge­ frierkonservierung von Sperma bei land­ w irtschaftlichen Nutztieren als biotechno­ logische Routinem ethode angesehen wer­ den. Wo immer anwendbar, sollte sie als kostengünstigste Methode unabhängig von weiteren Maßnahmen zur Genreserve­ bildung angestrebt werden. Bei der Gen­ konservierung durch Einlagerung tiefge­ frorener Embryonen sind die Vorteile vor allem darin zu sehen, daß es sich hier um eine echte Konservierung, das Einfrieren eines bestimm ten genetischen Status ei­ ner Population handelt, wobei die geneti­ sche Potenz anders als bei der S perm ien­ tiefgefrierlagerung nach Auftauen und Transfer auf Empfängertiere in der ersten Generation w ieder vollständig reaktiviert werden kann. Die Erstellung einer Em bryo­ nenbank ist aufwendiger und teurer als die

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S a c h e r/N ie m a n n /S m id t • Erhaltung tierischer G enressourcen

Erstellung einer Spermabank. Die Lage­ rungskosten sind aber ähnlich und stehen in keinem Vergleich zu den Kosten der Er­ haltung lebender Populationen. Konser­ vierte Embryonen, neben dem Fortbeste­ hen einer lebenden Population, können je ­ derzeit nach Reaktivierung zur objektiven Beurteilung der genetischen Drift bzw. ei­ nes Selektionserfolges in dieser Popula­ tion herangezogen werden. Mit über 50 % Trächtigkeiten nach Transfer zuvor tiefge­ frorener Embryonen lassen sich derartige Genreserven durchaus effektiv einsetzen. Die Effizienz läßt sich noch steigern durch dieTeilung von Embryonen, d. h. die Erstel­ lung eineiiger Zwillinge. Einen lim itieren­ den Faktor von besonderer Problematik stellt in diesem Komplex nach wie vor die Superovulation der Spendertiere dar. Die große individuelle Variabilität der ovariel­ len Reaktion auf die hormonelle Superovu­ lationsbehandlung konnte bislang nicht wesentlich eingeschränkt werden. Die Nachteile bei der Tiefgefrierkonservierung von Embryonen bestehen darin, daß sich diese Technik einerseits (noch) nicht auf al­ le Haustierspezies ausdehnen läßt und an­ dererseits dort, wo sie angewandt wird, ei­ nen erheblich höheren Aufwand als die Spermagewinnung und Konservierung er­ fordert; neben speziell geschultem Perso­ nal wird eine vergleichsweise umfangrei­ che apparative und instrum entelle Aus­ stattung benötigt. Soll eine Genreserve später einmal in einem Kreuzungspro­ gramm benutzt werden, ist die M obilisie­ rung aus Embryonen schwerfällig, da aus ihnen erst geschlechtsreife Tiere herange­ zogen werden müssen. Trotz der genann­ ten Nachteile stellt die Tiefgefrierkonser­ vierung von Embryonen zur langfristigen Lagerung und Erhaltung tierischer Genre­ serven, sofern bei den einzelnen Spezies anwendbar, die zweckm äßigste Einzelme­ thode dar. Vor diesem biotechnologischen Hinter­ grund sind die Bemühungen des Instituts für Tierzucht und Tierverhalten, Marien­ see, zur Erhaltung des Deutschen Schwarzbunten Rindes altes Typs zu se­ hen.

Untersuchungen und Aktivitäten zur Erhaltung des Deutschen Schwarzbunten Rindes alten Typs Streng genommen handelt es sich inner­ halb der Population Deutsches Schwarz­ buntes Rind alten Typs um zwei Z uchtrich­ tungen: 1. Um rein deutsch gezogene Tiere, 2. um Tiere mit unterschiedlich starkem holländischen Blutanteil.

In jedem Fall verstehen wir unter Tieren »Im alten Typ« solche ohne HF-Anteil. Das Institut in Mariensee unterhält die wohl einzige Herde solcher Tiere alten Typs in der Bundesrepublik. Mit einem A n­ teil von ca. 30 % an der G esam t-InstitutsRinderherde handelt es sich bei dieser Po­ pulation derzeit um etwa 230 w eibliche Tiere ohne HF-Einkreuzung, allerdings aber mit holländischem Blutanteil. Wäh­ rend ursprünglich die wissenschaftliche W eiterbearbeitung im Vordergrund stand, wird diese Population jetzt tatsächlich als Genreserve angesehen und geführt. Seit Anfang 1985 bis heute konnten wir über 500 Embryonen von über 90 verschiede­ nen Spendertieren und 17 verschiedenen Vätern einfrieren. Die Besamung erfolgte fast ausschließlich aus Sperma-Genreser­ ven, die mit finanzieller Unterstützung des Landes Niedersachsen angelegt worden waren. Inzwischen haben wir auch Bullen als Samenspender großgezogen, um die Sperma-Genreserven-Depots wieder auf­ füllen zu können. Wir praktizieren hier also die Kom bination verschiedener Verfahren zur Schaffung von Genreserven: - Die Haltung einer lebenden Population w eiblicher Tiere, - die Langzeitkonservierung von Sperma und - die Anlage einer Embryonenbank. Im April 1988 konnten w ir mit Hilfe des Re­ chenzentrum s in Verden (RLN) in Nieder­ sachsen noch 246 Kühe rein deutscher Blutführung identifizieren. Nachdem w ir anfänglich einige Besitzer direkt ange­ sprochen haben, sind wir dazu übergegan­ gen, an alle Besitzer (mehr als 200) Rück­ antw ortskarten zu versenden. Spontane Rückmeldungen mit Informationen über Existenz des Tieres, Trächtigkeit oder Zy­ klusstatus und Bereitschaft des Tierbesit­ zers an diesem vom Land Niedersachsen finanziell unterstützten Programm teilzu­ nehmen, d.h . gegen eine Entschädigung das Tier als Embryonenspender zur Verfü­ gung zu stellen, erhielten wir in etwas mehr als 50 % der Fälle. In einer kürzlich aufge­ nommenen Arbeit soll geklärt werden, in­ w iew eit Blutgruppensystem e Hinweise zur Abgrenzung der Populationen HF, Schwarzbunte alten Typs mit holländi­ scher Blutführung und Schwarzbunte al­ ten Typs ohne holländische Blutführung liefern können. Alle Tierbesitzer wurden noch einmal angesprochen, und bis auf wenige Ausnahmen erklärten sich alle ein­ verstanden, ihr Tier zu einer Blutproben­ entnahme zur Verfügung zu stellen. Diese doch ziemlich aufwendige Aktion gab noch einmal Gelegenheit, mit den Tierbe­ sitzern persönlich zu sprechen, um sie über das Genreserveprogramm aufzuklä­

ren. Im Laufe von nur einem Jahr ist die Po­ pulation Deutscher S chwarzbunter Kühe alten Typs ohne holländische Blutführung von 246 Individuen auf unter 120 Individu­ en geschrum pft. Bis M itte Juni 1989 konn­ ten w ir 56 Spendertiere 63mal superovulieren, wobei 48mal Embryonen gefunden und 34mal transfertaugliche Embryonen als Genreserven eingefroren wurden. Da­ mit haben w irvo n diesenTieren bis jetzt ei­ ne Genreserve von 110 Embryonen, basie­ rend auf 33 Spendern und 5 verschiede­ nen Vätern, anlegen können. Die offen­ sichtlichsten Schwierigkeiten bei der Durchführung des Programmes sind einer­ seits biologischer, andererseits logistischer Natur: Das D urchschnittsalter der Spenderkühe beträgt 11 Jahre mit einer Spanne bis zu über 18 Jahren, und obw ohl w ir natürlich durch Palpation die Eier­ stocksfunktion vor der Superovulationsin­ duktion kontrollieren, können w ir doch kaum Selektion innerhalb der wenigen zur Verfügung stehenden Spendertiere trei­ ben. Logistische Schwierigkeiten ergeben sich aus den z.T. erheblichen Entfernun­ gen zwischen unserem Institut und den Tierbesitzern. Sollen beispielsweise zu ei­ nem Termin drei Tiere gespült werden, eine Aktion, für die im Institut weniger als 11/2 Stunden benötigt werden, bedeutet das Besuche bei drei verschiedenen Tierbesit­ zern und eine zurückzulegende Wegstrekke von 500 bis 600 km. Die gleiche Strecke wurde bei der S uperovulationsinduktion schon einmal zurückgelegt. An dieserS telle soll aber auch gesagt werden, daß wir bei der zweimaligen Besamung pro Spen­ dertier sehr unbürokratisch von den zu­ ständigen Besamungsstationen unter­ stützt werden. Die jeweiligen Besam ungs­ beauftragten führen die Besamung durch, und die Kosten werden von den Stationen übernom m en. Ohne diese Unterstützung wäre das Genreserveprogramm bezüglich der Deutschen Schwarzbunten, reindeut­ scher Blutführung, in Frage gestellt. Die praktische Durchführung des aufgezeig­ ten Genreserveprogram ms ist gerade ein Jahr alt, die erste Spülung einer Deut­ schen Schwarzbunten Kuh alten Typs, reindeutscher Blutführung, in Privatbesitz, wurde am 14.06.1988 durchgeführt. Das Programm hat Modellcharakter, und die gem achten Erfahrungen lassen sich si­ cherlich nutzbringend verwerten, bei einer Ausdehnung des Programms auf andere Populationen oder über die Grenzen Nie­ dersachsens hinaus.

A nschrift der Verfasser unter: Dr. B. Sacher Institut f. Tierzucht und Tierhaltung der Bundesforschungsanstalt f. Landwirtschaft 3300 Braunschweig

N N A -B erichte 3/1,1990

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E insatzm öglichkeiten alter H austierrassen in d e r L a n d w irtsch a ft Von Heinz Schmidt Die angestellten U ntersuchungen und Er­ hebungen beziehen sich auf das Gebiet Niedersachsen und z.T. S chlesw ig-H ol­ stein. Es werden nur solche Rassen in Betrach­ tung gezogen, deren Erhaltung stark be­ droht ist bzw. war oder wo eine Gefähr­ dung zu befürchten ist. A. In früheren Jahrhunderten waren es die lokalen, bodenständigen Landrassen, die der Bevölkerung m it Nahrungsm itteln tie ­ rischer Herkunft, Bekleidung, Zugkraft und Fortbew egungsm itteln dienten. Außer­ dem wurde der erzeugte N aturdüngersehr geschätzt. Vor gut hundert Jahren (DLG-Wanderausstellungen!) begann in Deutschland eine Ausrichtung bei den landw irtschaftlichen Nutztieren nach Rasse-Zuchtzielen. Die alten »bodenständigen« Rassen, die sich dem S tandort unter dem Einfluß von Bo­ den und Klima am besten angepaßt hat­ ten, verloren an Bedeutung m it der Verbes­ serung der Umweltverhältnisse. Die Ver­ besserung der Fütterung (»Industriefut­ ter«) und H a/fungsbedingungen (»Klima­ ställe«) sowie Einsatz m oderner Tierhygie­ ne (Medikamente) lassen heute in der Landw irtschaft mit »hochgezüchteten Lei­ stungsrassen« (besonders Schweine und Geflügel) Haustierhaltung an fast jedem S tandort zu. Allein die Entwicklung nach dem Zweiten W eltkrieg führte dazu, daß bei fast allen landw irtschaftlichen Nutz­ tierarten sich eine drastische Rassenver­ schiebung ergab. Steigender W ohlstand, Änderung der Ver­ zehrsgewohnheiten, Konkurrenzprodukte aus dem Ausland bestim m ten den Deut­ schen Agrarm arkt. Leistungsfähigkeit und Marktanpassung wurden von der Land­ w irtschaft gefordert. 80 % der Einnahmen kamen aus der tierischen Veredelung. Der Markt bestim m t die Erzeugung! Leistungs­ steigerungen und R entabilität der Betrie­ be entscheiden über das Überleben der Bauernfamilie und der gehaltenen Tierras­ sen. Der Zwang zur w irtschaftlichen Pro­ duktion beherrschte das Handeln, diktiert von den Erträgen, Preisen und Kosten und dem Markt. Die intensive Leistungszucht mit den mo­ dernsten Erkenntnissen der Populations­ genetik und den M itteln der EDV führte zu einer Vereinheitlichung der Rassen. Weni­ ger »leistungsfähige« Rassen wurden ver­ drängt, starben aus oder sind in ihrem Fortbestand stark gefährdet. Andere Tierarten/-rassen wurden einfach nicht mehr »gebraucht«, z. B. die Zugkraft des Pfer­ des, die durch die Technisierung in der Landw irtschaft überflüssig wurde.

Einige Beispiele: - Die Ziege als »Kuh des kleinen Mannes« wurde nicht mehr benötigt, seitdem es preiswerte Kuhmilch, Butter und Käse haltbar verpackt - »an der Ecke« zu kaufen gibt. - Die Wolle der deutschen Schafe geriet in Konkurrenz zu Baumwolle und billiger Im portwolle bester Qualitäten aus A ustra­ lien, Neuseeland und anderen Orten. Die Synthetik-Faser hielt ihren »Siegeszug«. - Kuhmilch kom m t von HF-Hochleistungstieren im Überfluß. Rindfleisch wird von Spezial-Mastrassen erzeugt oder b il­ lig aus Argentinien im portiert. - Eier und Hähnchen kommen preiswert aus der Fabrik. - Gänsedaunen werden für Betten in war­ men Wohnungen nur noch wenig benötigt. Importwaren! Gänsebraten komm t aus Po­ len und Ungarn.

weise könnte auch die Gänsehaltung in Feuchtgebieten an Bedeutung gewinnen. Freilandhaltungen von Hühnern und auch w ieder von Schweinen (vgl. Holland: Scharrelschweine) sind durchaus denkbar und m öglich. Für eine extensive Haltung im Freien sind jedoch die hochgezüchte­ ten Hybridschweine und -hühner nicht ge­ eignet; es müßte um ihr Überleben ge­ bangt werden. Die Chancen der »alten Rassen« sind ihre Besonderheiten, die sie von den m oder­ nen, intensiven W irtschaftsrassen abhe­ ben. Aus den Besonderheiten resultieren Vor­ teile und Einsatzm öglichkeiten in der heu­ tigen und zukünftigen Landw irtschaft. Auf existierende und geplante Förderpro­ gramme wird Herr Oehmichen noch näher eingehen.

Brauchen wir da noch alte, unw irtschaftli­ che Haustierrassen? Kann es sich die Landwirtschaft leisten, Haustiergärten (Zoos) zu unterhalten?

G efährdete N utztierarten und Rassen in N orddeutschland

Über die Gründe, die für die unverzichtba­ re Erhaltung alter Haustierrassen spre­ chen, referierte Prof. Sambraus.

Niedersachsen —» klassisches Z üchter­ land für W arm blut­ pferde —» heute: Reitpferd!

Diese Gründe dürften für die M ehrheit der um ihre Existenz kämpfenden Landwirte nicht ausreichen, um sich auf eine weniger produktive oder unrentable Tierhaltung umzustellen.

1. P ferde

Kaltblutpferd: (Stam mbuch für K altblut­ pferde Niedersachsen e. V.) 1948: 6600 M itglieder - 10 000 eingetra­ gene Stuten, 425 Hengste 1988: 142 M itglieder 132 eingetra­ gene Stuten, 17 Hengste

Vom Bewußtsein allein, zur Erhaltung von Kulturgut oder von Genreserven beizutra­ gen oder einen w ichtigen Beitrag für die Allgemeinheit zu leisten, kann kein Land­ w irt leben! Ohne finanzielle Verlustausglei­ che geht es nicht!

Zur Erhaltung der Rasse wurden seit Be­ ginn der 80er Jahre alle bundesdeutschen Kaltblutrassen im Z uchtgebiet zugelas­ sen.

Die Frage ist nun, unter welchen Voraus­ setzungen können »Einsatzmöglichkeiten für alte Haustierrassen in der Landw irt­ schaft« geschaffen und gefördert werden?

Einsatzm öglichkeiten sind gegeben in der Forstw irtschaft, Touristen-Kutschen (z. B. in der Heide) und auch für Werbezwecke (z. B. Brauereien).

Ob die bisher agrarpolitisch gestellten Weichen einer Neuorientierung der Land­ w irtschaft ausreichen, eine w irtschaftliche Nutzung dieser alten Rassen zu erm ögli­ chen, ist in Frage zu stellen. Die Motivation zu einem Umdenken in der Landwirtschaft ist jedoch gegeben und seit einiger Zeit er­ kennbar. Ö kologischer Landbau und Tier­ haltung sind zunehmend in Ausbreitung. Im Rahmen der Landschaftspflege (Heide, Moore, Trockenrasen, extensive Flächen) und des Naturschutzes werden sich künf­ tig wieder zusätzliche w esentliche Ein­ satzm öglichkeiten für bodenständige, alte Schafrassen, aber auch für Ziegen und ex­ tensive Rinderrassen ergeben. Möglicher­

2. R inderrassen In Norddeutschland verbreitet waren bis nach dem Zweiten W eltkrieg m it regiona­ len Schwerpunkten Schwarzbunt -N ie d e ru n g s rin d R otbunt -N ie d e ru n g s rin d alte Zweinutzungs-Typen Angler -R in d (SH) Milch mit hohem Fettgehalt Durch Einkreuzung von einseitig m ilchbe­ tonten Holstein-Friesian (HF) in die d e u t­ sche Schw arzbunt-Zucht ab 1965 (Pabst Ideal!) verschwand der alte Typ w eitge-

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Schm idt • Einsatzm öglichkeiten alter Haustierrassen in der Landw irtschaft

hend bis heute. Im Bereich Weser-Ems wird noch ein Anteil reinen alten Types von 5 % in den Weidegebieten an der Küste ge­ schätzt. Das Harzer Rotvieh, wie es noch bis in die 70er Jahre existierte und auf W aldweiden gehalten wurde, ist durch Einkreuzungvon Roten Anglern und Dänen-Rindern in sei­ nem Ursprungbild verändert worden. Es existiert noch ein Verband, dem 4 Züchter angehören. Die Zahl der gehaltenen Kühe ist nicht genau bekannt. 3. S chw einerassen M it Beginn der 60er Jahre begann die Um­ züchtung der weißen, deutschen S chwei­ nerassen (z. B. Hoyaer Schwein) (im W irt­ schaftstyp stehend) zum »17-RippenFleischschwein« durch Einkreuzung von »Holländern«. Magere Fleischschweine mit vielen gro­ ßen Koteletten und viel Schinkenanteil w a­ ren das Ziel. Die Reinzucht wurde aber schon bald von der Schw eine-H ybridzucht überholt. Streßem pfindlichkeit und mangelnde Fleischbeschaffenheit (PSE) sind auch heute noch Hauptthemen bei Schweine­ züchtern. Die alten Rassen wie das »Weideschwein« sind vor 15 Jahren ausgestorben oder exi­ stieren nur noch in wenigen Exemplaren. Hierzu gehört das »Bunte Bentheimer Landschwein«. Dem w irtschaftlichen Druck von Ferkelerzeugerringen unterlag das Bunte Bentheimer Landschwein; nur ein einziger Betrieb führte die Zucht fort: Heute sind es 3 Betriebe mit 50 eingetra­ genen Sauen. Besonderheiten: Robust und w ider­ standsfähig, Streßstabilität, abweichende Blutgruppenfakten. (Über das Angler Sattelschwein wird Herr Oehmichen berichten.) 4. S chafrassen - Alle Schafe sind generell Landschaftsp fle g e rVon den z.Z. in N orddeutschland herd­ buchmäßig gezüchteten ca. 15 Schafras­ sen können folgende als bodenständig be­ zeichnet werden: Schwarzköpfiges Fleischschaf, W eißköp­ figes Fleischschaf, M erinofleischschaf, Leineschaf, O stfriesisches Milchschaf. Landschafrassen: graue gehörnte H eid­ schnucke, weiße gehörnte Heidschnucke, weiße hornlose Heidschnucke und B ent­ heimer. In ihrer Existenz bedroht sind besonders die weißen hornlosen Heidschnucken und Bentheimer im W eser-Ems-Gebiet. A ber auch die weiße hornlose H eid­ schnucke (M oorschnucke) war in ihrem Fortbestand bis Mitte der 70er Jahre sehr stark bedroht. Zur »Wiedergeburt« dieser Rasse hat maßgeblich der Naturschutz von Moorgebieten beigetragen.

A b b . 1. Z i e g e n w e r d e n h e u t e g e r n e in z o o lo g is c h e n G ä r t e n g e h a lt e n (F o to : E. V a u k ).

Die graue gehörnte Heidschnucke ist heu­ te das Schaf der Landschaftspflege in der Lüneburger Heide (s. Beiträge Jüttner und Teerling). Zu den gefährdeten Rassen wurden in Nie­ dersachsen weiterhin die Leineschafe und auch die M erinofleischschafe erklärt, o b ­ wohl es sich um zwei intensive Fleisch­ schafrassen handelt. Die Gründe für die rückläufigen Bestände lagen in der Aufga­ be der Schafhaltung in den sogenannten Gutsschäfereien mit Lohnschäfern wegen mangelnder Rentabilität. 5. Z ie g e n z u c h t in N iedersachsen 1950: > 200 000 Ziegen 1 9 7 5 :< 1 000 Ziegen ab 1982: neue Aktivitäten durch Landes­ verband hann. Ziegenzüchter e.V. heute: 114 Halter Mitglied im Verband m itrd . 1000 Ziegen Gesamtzahl geschätzt: 250 0 -3 0 0 0 Ziegen in Niedersachsen. Rasse: Deutsche Edelziege in den Farben weiß und bunt. Zu den bunten gehört die Harzer Ziege. Entwicklung in der Ziegenhaltung wird ein­ deutig geprägt von - veränderten Verzehrsgewohnheiten, - Rückbesinnung auf Naturprodukte, - gewisses Gesundheitsbewußtsein. Der Markt ist begrenzt und nicht beliebig ausdehnbar! 6. D ie p h o lze r Gans Seit über 100 Jahren wird sie im Raum Diepholz, Hoya, Nienburg gezüchtet. »Ein leicht bewegliches, ausgesprochenes W eidetier mit stolzer, aufrechter Haltung und munterem Wesen«, so lautet die Be­ schreibung des Gesamteindruckes im Zuchtziel.

S tandardgew icht - Ganter 7 kg Gans 5 ,5 -6 kg Typische Landganseigenschaften: Früh­ reife, gute B ruttrieb- und Führungseigen­ schaften. Jahresleistung: 3 5 -4 0 Eier bei Naturbrut in 3 Legeperioden. B estandsentwicklung: (Herdbuchverein) 1950: 33 Stämme mit 174 Gänsen und 33 Gantern 1989: 14 Stämme mit 53 Gänsen und 14 Gantern Durch Einkreuzung mit anderen Rassen gingen die Anlagen für die Zuverlässigkeit in der Brut zurück.

Resümee ln einer unter w irtschaftlichen G esichts­ punkten betriebenen Landw irtschaft wer­ den alte Haustierarten und -rassen bei nor­ malen Produktionsbedingungen dem Lei­ stungsdruck m oderner W irtschaftsrassen unterliegen. Nur aus Besonderheiten der alten Rassen können sich Vorteile und Ein­ satzm öglichkeiten in der Landw irtschaft ergeben. Die Haltung und Erhaltung alter Haustier­ rassen als lebendiges Kulturgut und als Genreserve durch einzelne Landwirte ist als eine Maßnahme im Interesse der A llge­ meinheit anzusehen. Die auftretenden Minderleistungen und erträge sind durch öffentliche finanzielle Hilfen auszugleichen.

A nschrift des Verfassers: Dr. Heinz S chm idt Landw irtschaftskam m er Hannover Postfach 269 3000 Hannover 1

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Erfahrungen im Einsatz von M o orschnucken in der Landschaftspflege Von JanTeerling Aus der Vergangenheit der Schnucken Die Schnucke, das läßt sich ohne Ü bertrei­ bung sagen, hat große Teile N orddeutsch­ lands für den Menschen urbar gemacht. Sie war ein genügsames Nutztier bei den M oorkolonisten. U nerm üdlich fressend und unerm üdlich düngend hat die Schnucke das Land der­ maßen verbessert, daß es für sie eines Ta­ ges nichts mehr zu fressen gab. Auf guten Weiden fraßen sie sich fe tt und krank. Ihre natürlichen Lebensräume und Haltungs­ gebiete waren und sind die nährstoff­ armen Moor-, M oorheide-, M oorrand-, Feuchtheideund Sandheidegebiete N orddeutschlands. Das Emsland hatte noch zu Beginn des Jahrhunderts mehr Schnucken als Menschen. Man kann sagen, daß allerw ärts dort, wo sich die Weide verbesserte, die Schnukken das Feld räumen mußten und durch andere Schaf- oder Rinderrassen ersetzt wurden. Im Landkreis Diepholz wurde im Jahre 1534 die S chnuckenzucht das erste Mal er­ wähnt. Auf dem Rittergut Falkenhardt wur­ de ein Schafstall abgerissen, dort ent­ stand eine neue gräfliche Schäferei. Bestandszahlen von Haid Schnucken aus dem Jahre 1677 sprechen von 5243 Tieren im Am t Ehrenburg, von 107 Schafhaltungen in Sulingen mit über 100Tieren, von 180 Schafhaltungen in Ströhen mit über 100Tieren, von 256 Schafhaltungen in W ehrbleck mit über 100Tieren, 9 0 % aller Haushalte in W ehrbleck hatten zu dieser Zeit Schnucken. Im Jahre 1824 gab es in der Voigtei Dreb­ ber 6120 Schnucken, 1827 gab es in der Voigtei Barnstorf sogar 15 491 Schnucken. Nach diesem Höhepunkt in der Schnukkenhaltung verringerten sich die Bestände erheblich. Für den Rückgang waren niedri­ ge Wollpreise, der erste Einsatz von Mine­ raldünger und neue Produktionsweisen in der Landw irtschaft die Ursache. Die Schafställe verschwanden in der freien Landschaft, der letzte Schnuckenstall wurde 1922 in Ossenbeck gebaut. (Quelle: W ilfried Gerke, »Bärenschild und Löwentatzen«) Zu Beginn der 70er Jahre hatte die Verbrei­ tung der M oorschnucke ihren tiefsten Punkt erreicht. Die beiden letzten S tam m ­ züchter der weißen hornlosen Heid­ schnucke Böhling und Rohlfs besaßen noch etwa 250 M uttertiere der Rasse. Es fanden keine offiziellen Körungen mehr statt.

Aufgaben der M oorschnucke Im Neustädter M oor wurde 1975 mit der Restherde des über 80jährigen Schnukkenschäfers Feldhaus ein Neuanfang in Sachen Moorbeweidung aus Naturschutz­ sicht begonnen. Die Rasse hat inzwischen eine Aufgabe in der Pflege der M oorland­ schaft gefunden. Eine heute große Züchterfam ilie und ein engagierter Zuchtleiter beim S chafzucht­ verband haben der weißen hornlosen Heidschnucke (Moorschnucke) wieder zum Aufwärtstrend verholten. Auf der jähr­ lichen Auktion in Stelle werden schon fast 50 Nachwuchsböcke aufgetrieben. Über ihr ursprüngliches Verbreitungsge­ biet hinaus (Landkreise Diepholz, Nien­ burg und Rotenburg) gibt es heute Herden­ standorte mit Pflegeaufträgen in verschie­ denen Teilen Niedersachsens, aber auch in Schleswig-Holstein, Nordrhein-W estfa­ len, Hessen und Rheinland-Pfalz, sogar in Holland wird sie erfolgreich gezüchtet.

W eidestandorte der M oorschnucke Die Moorschnucke hat sich auf das aus­ schließliche Nahrungsangebot des M oo­ res eingestellt. W eidestandorte der M oor­ schnucke sind feuchte Moore mit W ollgrä­ sern, Moorheide, Sandheide, M oorränder mit Birken und Bentgras, Feuchtwiesen, trockene verbuschte Moorflächen und ausgehagerte Kulturflächen. Auf nicht wiedervernäßbaren M oorstand­ orten ist die gezielte Schnuckenbeweidung eine wichtige, dauerhafte und ko­ stengünstige Pflegemaßnahme des Natur­ schutzes. Viele bedrohte Arten wie G oldre­ genpfeifer, Birkhahn, Brachvogel und Raubwürger, aber auch Insekten, die an bestimm te Futterpflanzen gebunden sind, profitieren von einer solchen Beweidung. In Verbindung mit anderen Pflegemaßnah­ men wie Entkusseln, Mähen, Mulchen oder kontrolliertem Brennen kann eine halboffene, offene oder auch kurzrasige Landschaft entstehen und erhalten wer­ den.

Beweidungsbedarf, Beweidungspläne Aus N aturschutzsicht werden W eidege­ biete in Moor- und Moorrandbereichen durch Bestandsaufnahmen bewertet. Das Arteninventar (Rote Liste Arten) gibt Aus­ kunft über die W ertigkeit eines Gebietes. Vom Neustädter Moor liegen seit 1970 fau-

nistische Bestandsaufnahm en beim Lan­ desverwaltungsam t in Hannover vor. Pflege- und Beweidungspläne für das in­ zwischen über 1000 ha große N aturschutz­ gebiet werden von der Bezirksregierung erstellt. Zwei jährliche Besprechungen von Vertretern des Landesverw altungsam ­ tes, der Bezirksregierung, des Landkrei­ ses, des BUND und der Schäferei sollen dazu beitragen, das Pflege- und E ntw ick­ lungskonzept zu verbessern. Der BUND hat für das Gebiet einen B etreu­ ungsvertrag mit der Bezirksregierung ab­ geschlossen. Ein hauptam tlicher Biologe leitet das Projekt »Diepholzer M oorniede­ rung«. Die Beweidungsintensität eines Gebietes hängt von den Zielvorgaben der Natur­ schutzbehörden, die oft keine Brutzeitbeweidung zulassen, von den vorhandenen Futterpflanzen und deren optim aler Freßzeit im Jahresrhythmus, von der Begeh­ barkeit des Gebietes, vom Vorhandensein von Triftwegen, von Pferchflächen und an­ deren Faktoren ab.

Futterpflanzen der M oorschnucke Die Hauptnahrungspflanzen der M oor­ schnucken sind Pfeifengras, Wollgräser, Seggen, Besenheide, Rosmarienheide als Jungpflanze, auch die Glockenheide, Rauschbeeren, Moosbeeren, B irkenblät­ ter, Kiefernnadeln und andere Blätter von Büschen. Es werden aber auch Pilze, Flechten, Brombeeren und andere Kräuter in den Randbereichen aufgenom men.

Beweidung und Aushagerung eines Standortes Wenn mit Schnucken im M oor acht S tun­ den lang gehütet wird, bleibt gew ährlei­ stet, daß sie ihren gesamten N ahrungsbe­ darf im Moor decken. A ber der größte Teil des Kotes bleibt im Stall und auf den Pferchflächen außerhalb des Moores. Der Austrag von Nährstoffen aus dem M oor ist also erheblich größer als der Eintrag von Kot. Der Schäfer kann durch geschickte Bewei­ dung einige Pflanzen im Wuchs begünsti­ gen. Zum Beispiel muß die Heide im Som ­ mer geschont werden, dam it sie sich w äh­ rend der Vegetationsperiode entfalten kann. Im W inter muß die Heide intensiv beweidet werden, um sie über Jahre hinaus im W uchsstadium zu halten. Andere Pflanzen muß der Schäfer bei der Beweidung besonders berücksichtigen. Gerade beim Bentgras ist eine ständige in­

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tensive Beweidung während der W uchs­ periode nötig, damit es zurückgedrängt wird und andere Pflanzengesellschaften sich ausbreiten können. Sonst kann es da ­ zu kommen, daß große Flächen nur vom Bentgras beherrscht werden. Eine Totbeweidung von Bentgras ist m öglich. Eine Vorbehandlung der Flächen mit kontrollier­ tem Brennen oder Mulchen hat sich als günstig erwiesen. Birken werden von Schafen während der gesamten Vegetationsperiode verbissen, können aber nicht als A lleinfutter angese­ hen werden. Bentgras kann über Monate von Schafen allein gefressen werden, da es einen sehr hohen Futterwert im Ver­ gleich zu anderen Moorpflanzen hat. Auf Feuchtwiesen mit Brutplätzen von Bo­ denbrütern hat sich eine Vorweide als sehr günstig erwiesen, da später gemäht wird und das Nahrungsangebot für Brutvögel verbessert wird.

Die M oorschnuckenherde des N eustädter M oores Die M oorschnuckenherde der Schäferei Teerling im Neustädter Moor umfaßt etwa 450 Muttertiere, dazu kommen noch Läm­ mer, Hammel, Zutreter und Böcke. Die höchste Kopfzahl der Herde im Sommer liegt bei über 1000 Tieren. Neben dem eigentlichen Moor befinden sich noch etwa 6 0 -7 0 ha Feuchtwiesen in der Pflege des Betriebes. Auf diesen Flä­ chen wird auch das nötige Heu gewonnen. Stroheinstreu für den Stall gibt es nicht. Als Zufutter pro Schaf und Jahr werden ca. 400 kg Heu benötigt. Die Betriebsgebäude bestehen aus einem Stall (15 x 30 m), zwei seitlichen S chlepp­ dächern (5 x 30 m) und einem dreiseitig geschlossenen Heulager (10 x 30 m). Alle überdachten Flächen werden je nach Jah­ reszeit als Heulager, M aschinenstellplatz oder Ablam m quartieren genutzt.

Die Schafe werden täglich vom Stall oder von den Pferchflächen aus gehütet. Die private Herde wird zur Zeit von einem Schäfer und einer Auszubildenden ver­ sorgt. Das Heuen, Nachmähen von W ie­ senflächen, Entmisten des Schafstalles und die Kompostbereitung wird von Kräf­ ten des BUND erledigt.

Schw erpunkte im Jahresablauf des Schäfereibetriebes Bockzeit ist im September und Oktober über etwa sechs Wochen. Ca. 150 S tam m ­ tiere werden in Bockfamilien aus der Her­ de ausgegliedert und gekoppelt. In der Hü­ tehaltung werden die Muttertiere nach 18 Monaten das erste Mal zum Bock gelas­ sen. Die Lammzeit liegt in den Wochen vor und nach dem 15. März. Die ersten Lämmer werden noch während des Hütens im M oor geboren. Zur Hauptlammzeit blei­ ben die M uttertiere im Stall, es wird nur Heu gefüttert. Nach dem Ablammen wer­ den je 50 M uttertiere mit ihren Lämmern von der Herde abgetrennt. Wenn die Läm­ mer etwa 4 bis 6 Wochen alt sind, können sie mit ihren Muttertieren wieder in die Hü­ teherde integriert werden. Es wird aus hü­ tetechnischen Gründen auf Einlinge selek­ tiert. Im Juni werden Böcke, Muttertiere und Hammel geschoren. Anfang September werden die Lämmer geschoren, bei Bedarf erfolgt gleichzeitig eine zweite Schur der M uttertiere. Im O ktober werden die 18monatigen Ham­ mel und die schlachtreifen Lämmer ge­ schlachtet. Der größte Teil der geschlach­ teten Tiere wird an Privatkunden verkauft. Die Schlachtkörpergew ichte der Schnukken liegen bei 15 bis 18 kg. Die Hammel, die zu dieser Zeit etwa 40 kg wiegen, haben ein Panseninhaltsgewicht von ca. 10 kg.

Maßnahmen zur H erdengesundheit Nach Bedarf wird eine W urm kur gegen Magen- und Darm würm er und gegen Bandwürm er durchgeführt. Alle zwei Jah­ re findet eine Behandlung gegen Außenpa­ rasiten statt. Lungenwürm er und Leber­ egel wurden bisher nicht festgestellt. M o­ derhinke ist in diesem M oorstandort unbe­ kannt, eine Klauenpflege findet nicht statt.

Schlußbetrachtung Sind über gezielte W iedervernässungen die Vorgaben des Naturschutzes auf Moor­ standorten nicht zu erreichn, so lassen sich diese Vorgaben durch M oorschnukkenbeweidung oft auch in Verbindung mit anderen Pflegemaßnahmen sehr kosten­ günstig und schonend verwirklichen. Eine Landschaft kann über Beweidungspläne gestaltet werden. Nicht nur für den Schäfer entstehen inter­ essante A rbeitsbereiche, die dem Schutz und der Pflege von ganzen Landschafts­ räumen dienen. In geschlossenen Betriebskreisläufen läßt sich w ertvolles schm ackhaftes Fleisch er­ zeugen. Die Erhaltung einer selten gewor­ denen landschaftsangepaßten Nutztier­ rasse kann in diesen Räumen gesichert werden. Durch Ankauf und Unterschutzstellung von Moor- und Feuchtwiesenflächen ha­ ben Bund und Länder einen wichtigen S chritt getan. Hoffentlich erkennen sie auch, daß dieser Naturraum nicht zum N ulltarif erhalten und gepflegt werden kann. Nur ein auf die Fläche bezogener Pflegesatz könnte »den Mann ernähren«.

A nschrift des Verfassers: Jan Teerling Galtener Straße 3 2838 Sulingen

H eidepflege m it d e r grauen gehörnten H eidschnucke Von Eberhard Jüttner »Die Benutzung des Heidekrautes ist nicht vielartig; die reinen Heideflächen dienen lediglich als Weide und zur Gewinnung von Streu und Dungmaterial.« So steht es in einer Preisschrift der Königlich Hannover­ schen Landw irtschaftsgesellschaft von 1862, über die Heideflächen N orddeutsch­ lands. Nun, die Entstehungsgeschichte der Hei­ deflächen ist wohl allgemein bekannt. Zu­ sammengefaßt: Sie sind das Ergebnis menschlichen Wirkens, vor allem m ensch­ licher M ißwirtschaft. Da nun einmal vorhanden, wurden sie auch genutzt: 1700 v. Chr. zum Aufbau von Grabhügeln, als Einstreu zur Düngerpro­

duktion, zur Eindeckung von Dachfirsten und Wanderbienenzäunen, aber auch als Weide für die Heidschnucken. Diese leiste­ ten in der Tat einen Beitrag zum Lebensun­ terhalt und zur Kleidung der bäuerlichen Großfamilie (Fleisch und Wolle, Verkauf le­ bender Tiere). Diese Feststellung wird durch die Bestandszahlen untermauert: 1848: 380 000 1948: 30 000 1988: 15 000 Nicht uninteressant ist in diesem Zusam ­ menhang die G ewichtsentwicklung dieser Rasse. Im Handbuch der rationalen Schaf­ zucht von 1861 sind Gewichtsangaben zwischen 40 bis 60 Pfund verzeichnet.

Laut Verbandsgeschäftsbericht bewegten sich die G ewichte der Schlachtläm m er 1988 zwischen 20 und 45 kg. Zur A brundung noch ein W ort zu den Prei­ sen: Wolle: bei 1,5 kg pro Tier ä 0,90 DM, bei einem Scherlohn von 2,35 DM pro Tier (zuzüglich Verpflegung und Fahrtkosten der Scherkolonne sowie Gestellung von Hilfsleu­ ten). Fleisch: lebend 4 ,-D M /k g am Haken 1 2 ,- DM/kg. Die Entwicklung insgesam t ging also von der Heidschnuckenhaltung zur Selbstver­ sorgung hin zur reinen Heide-bzw. Land-

Jüttner • Heidepflege mit der grauen gehörnten Heidschnucke

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schaftspflege. Allerdings wird diese auch von Privaten wahrgenommen. So stehen von den 7 Herden, die im Natur­ schutzgebiet weiden, 5 in privater Hand. Davon werden 2 Herden als selbständige Einheiten gehalten; 3 Herden werden in privaten landw irtschaftlichen Betrieben als integrierte B etriebszw eige gehalten. Eine Herde ist zugleich Stamm herde. Allen Herden stehen Heideflächen, Grün­ land und je 2 Ställe kostenlos zur Verfü­ gung (Eigentümer der Flächen und Gebäu­ de ist der Verein N aturschutzpark e.V. (VNP), der auch die Versicherung und Un­ terhaltung trägt). Bei der Berechnung des optim alen Besat­ zes ist von 1 ha pro M uttertier mit Lamm auszugehen, dazu 7,5 ha Grünland zuzüg­ lich ausreichend S toppel- und Zw ischen­ fruchthütung. Höherer Besatz führt zur Ü berweidung mit nachhaltiger Schädigung (Vergrasung, Erosion). Die Größe des zu pflegenden Gebietes (2400 ha), die Verfolgung des Pflegeziels und natürlich die Betreuung der Herde stellt hohe Anforderungen an die Schäfer; der Einsatz von gelerntem Personal ist Vor­ aussetzung (Lehrberuf). Es sei bereits hier gesagt, daß die tägliche Arbeit eines Schäfers in einem Gebiet wie dem unseren, in dem neben dem Natur­ schutz der Erholungs- bzw. Fremdenver­ kehr, um nicht Tourismus zu sagen, eine große Rolle spielt, zusätzliches Können er­ fordert (Kfz-Verkehr, nicht angeleinte Hun­ de, uneinsichtige Besucher etc.). Gutes und erfolgreiches Hüten setzt zum einen detaillierte Kenntnisse von Flora und Fauna voraus, nicht zuletzt des gesamten landschaftlichen Inventars, vor allem im H inblick auf Bodenbrüter. Zum anderen ist der ständige Kontakt mit Herdenhaltern und Schäfern dringend erforderlich, um Fehler bereits im Ansatz zu vermeiden. Was haben wir uns nun unter Heidepflege vorzustellen? 15 bis 20 cm Höhe des Hei­ denstrauches werden als optim al angese­ hen. Neuerdings wird w esentlich höherem Wuchs das Wort gegeben. Die Befürch­ tung, daß generell zu kurz gehütet wird, besteht aber schon deshalb nicht, weil je ­ der Schäfer versucht, »Langheiden« für schneereiche W inter zu erhalten.

A b b . 1. » G u s ta v « , H e i d s c h n u c k e n b o c k d e r k le in e n S c h n u c k e n h e r d e a u f H o f M ö h r (F o to : E . V a u k ).

morgendlichen A ustrieb solange im Ring stehen, bis alle Tiere abgem istet haben. Die erste Nahrungsaufnahme sollte dann auf der Heide und nicht auf Grünland erfol­ gen. Wenn, wie hier im N aturschutzgebiet, ins­ gesamt 7 Herden existieren, so spielt die Flächenzuteilung eine nicht unw esentli­ che Rolle. Die Weidebezirke - einmal festgelegt sollten nicht verändert werden. Ein gew is­ ser W ettbewerb unter den Schäfern ist nicht von Nachteil - die W iedereinführung von Prämien sollte diskutiert werden. Bei der Festlegung der Weidebezirke müssen Entfernung vom Hof, Vorhandensein natür­ lichen Grünlands berücksichtigt bzw. be­ dacht werden. Die Einhaltung der Weide­ bezirke ist nicht zuletzt aus tierhygieni­ schen Gründen dringend notw endig (z. B. Vermeidung der Moderhinke). Mit 300 bis 350 M uttern ist die zulässige Größe einer Herde erreicht. Es ist logisch, daß kleinere Herden leichter zu beaufsich­ tigen sind und auch schwieriges Gelände leichter behütet werden kann.

W ichtig ist, daß die Heide ständig verbis­ sen wird, damit sie sich kontinuierlich ver­ jüngt und somit eine optim ale Regenera­ tion gewährleistet ist. Daneben nim m t die Heidschnucke Birken- und Kiefernsäm lin­ ge und hält Gräser kurz. Hier sollten die Er­ wartungen nicht zu hoch gesteckt werden, die Birken und Drahtschm iele schmecken den Schnucken auch nur im April und Mai. Besonders bevorzugt wird die junge Hei­ de, und hier ist also Vorsicht am Platze. Das Zerreißen von Spinnweben durch die Schnucken sollte nicht unerwähnt blei­ ben.

Welchen Wert stellen nun die Heidschnukken in der Heidepflege dar?

Dem täglichen H üteablauf kom m t einige Bedeutung zu. Die Herde sollte vor dem

Es wird behauptet, daß Heidepflege auch ohne Schnucken, d. h. also über Mahd und

Bei einem nahezu 100% igen Ablam m er­ gebnis gehen während der Vegetationspe­ riode einschließlich der Böcke und einiger Merzen ca. 800 Tiere in einer Herde. Die Zahlung von EG-Zuschüssen darf nicht zur Herdenaufstockung verführen.

Brand, kostengünstiger durchzuführen sei. Dennoch: Wenn ein M uttertier einen rein betriebsw irtschaftlichen Zuschußbe­ darf von mehr als 100,- DM verursacht, so ist der Wert der Landschaftspflege durch die H eidschnucke - je nach Zustand der Fläche - mit DM 3 0 0 ,- bis 5 0 0 ,- (und mehr) zu beziffern. Dieses Seminar befaßt sich mit »Alten Haustierrassen im norddeutschen Raum«. Die Heidschnucke ist eine alte Haustier­ rasse. Romanov und Black Face, Merino und Texel konnten ihr ihren Lebensraum nicht streitig machen. Ich meine, daß es auch unsere Aufgabe ist, dieses lebende Inventar der Landschaft zu pflegen und zu erhalten. Es gilt, e in e rw e i­ teren Verarmung vorzubeugen. Freunde und Förderer hat auch die H eidschnucke. Überzeugen Sie sich am 13. Juli beim Heidschnuckenzüchtertag in Müden, mit welcher Begeisterung und Liebe Züchter und Halter hinter ihrer Heidschnucke ste­ hen. Vergessen soll auch nicht die Kom bination blühender Heide und ruhig ziehender Schnuckenherde werden; ein Bild, das un­ sere Landschaft prägt und ihren Reiz auf ihre Besucher ausübt.

A nschrift des Verfassers: Dr. E. Jüttner Verein Naturschutzpark e. V. Niederhaverbeck 3045 Bispingen

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Buchbesprechungen

e sP

Zabka,

H.: Tarnung und Täuschung bei Pflanzen und Tieren. 192 S., 100 Farb­ fotos, 100 z.T. farbige Zeichnungen, 23 x 27 cm. Leinen mit Schutzum schlag, Land­ buch-Verlag GmbH, Hannover, 1990. DM 49,80. ISBN 3-7842-0412-X. Ein leichtverständlich geschriebenes Handbuch, das dem Leser dieses interes­ sante Thema der Tarnung und Täuschung bei Pflanzen und Tieren nahebringt. Kapi­ tel wie z. B. »Wespen, Bienen, Hummeln und ihre Nachahmer«, »Wie verteidigen sich Pflanzen?«, »Wandelnde Blätter«, »Lebende Steine«, aber auch »Wie Krank­ heitserreger die Abwehrkräfte des mensch­ lichen Körpers überlisten« zeigen, was sich im Tier- und Pflanzenreich im Laufe der Evolution an Methoden der Tarnung und Täuschung und dam it letztendlich »Methoden« zur Arterhaltung entw ickelt hat. Da die W issenschaft aber auch heute noch nicht alle Beobachtungen erklären kann, bleibt bei einigen Beispielen zwangs­ läufig die Frage nach dem Sinn offen. Auf fast jeder Seite veranschaulichen far­ bige Zeichnungen und Fotos (wenn auch nicht unbedingt die brillantesten) recht gut die große Fülle der im Text angeführten Beispiele. Daneben werden auch allge­ meine, zum besseren Verständnis notw en­ dige biologische Phänomene beschrie­ ben. Wer sich nur einen schnellen Über­ blick verschaffen möchte, der findet unten auf jeder S e ite -in kleinerer Schrift und ab­ gesetzt vom Text - kurze, aus dem Text zu­ sam m engefaßte Informationen zu den A b ­ bildungen. Die relativ gering gehaltene Zahl von Fachbegriffen wird in einem ge­ sonderten Kapitel erklärt. Alles in allem also ein Buch, das Laien und Fachleute gleichermaßen fasziniert. Sigrid Petersen

M ü c k e , G .: Das Moor neu entdecken. Lb-N aturbücherei, 176 S., 29 Farbfotos, 65 s/w -A bbildungen, Format 12 x 17 cm, laminiert, Landbuch-Verlag GmbH, Han­ nover, 1989. DM 19,80. ISBN 3-7842-0414-7.

Dieses Buch im handlichen Format will über die noch verbliebenen Reststücke der Urlandschaft Moor informieren, über

die verschiedenen Anpassungserschei­ nungen und die Zusammenhänge dieser Lebensgemeinschaft. Es faßt die langjäh­ rigen Erfahrungen der Autorin im Umgang, im Erleben dieses Lebensraumes zusam­ men. Die Kapitelüberschriften wie z. B. »Von Fangmasken, Begattungsrädern und Heißluftliften« machen neugierig auf die Sachverhalte, die sich hinter diesen Titeln verbergen. Diese Neugier wird durch um ­ fassende Hintergrundinformationen be­ friedigt. Die Ausführungen erfolgen nicht in rein wissenschaftlich trockener Form, sondern oft im Stil eines Erlebnisberich­ tes. Die Beschreibungen werden durch zahlreiche Zeichnungen und Farbfotos veranschaulicht. Einige Zeichnungen sind aber aufgrund des zur Verfügung stehen­ den Raumes leider zu klein und zu sche­ menhaft, die Fotos teilweise unscharf. Frau M ücke gibt in diesem Buch vielfältige Anregungen für eigene Beobachtungen, Versuche und kleinere Untersuchungen, wobei aber auch Hinweise auf ein sachge­ rechtes Verhalten in diesem empfindlichen Naturraum nicht zu kurz kommen. Claudia Viße B o is s e t , C a r o l in e : Blühende Mauern -

Kletternde Gärten. 144 S., 127 Farbfotos, 17 Schwarz-W eiß-Zeichnungen. Ravens­ burger Buchverlag, 1990. DM 4 2 ,-. ISBN 3-473-46171-7. Pflanzen besiedeln nicht nur mehr oder weniger horizontale Flächen, sondern nehmen in der Natur jeden zugänglichen Raum ein. Dieses Prinzip wird in dem Gar­ tenbuch »Blühende Mauern - Kletternde Gärten« von C a r o l in B o is s e t sehr d e u t­ lich gem acht. Allerdings überläßt die A u to ­ rin den Lebensraum an Wänden, Zäunen, Ritzen und Fugen nicht dem spontanen Bewuchs, sondern zeigt eine große A us­ wahl gärtnerischer Gestaltungsbeispiele der Vertikalen. Dazu gehören Hecken, Spalierobst, Hausbegrünungen, Mauer­ bepflanzungen und hängende Gärten aus erhöht angebrachten Gefäßen. Es werden Schutzfunktionen, Aspekte der Pflege, der Wandel in den Jahreszeiten, Stützvorrich­ tungen und Pergolen genauso wie Pflan­ zen für die unterschiedlichen Standorte und Einsatzzwecke vorgestellt. Auf ökolo­ gische Gesichtspunkte wie z. B. die Be­ deutung der heimischen Rankpflanzen als Lebensraum für Tiere geht die Autorin lei­ der nicht ein. Vielmehr liegt der Schwer­ punkt dieses Buches im gartenarchitekto­ nischen Bereich und der gestalterischen Ästhetik. Prinzipien der Raumaufteilung, der Verhüllung, der Farbakzentuierung oder der Schaffung räumlicher Tiefe wer­ den mit attraktiven Aufnahmen verdeut­ licht. Da das Buch eine Übersetzung der englischen Originalausgabe »Vertical gardening« ist, sind Angaben zur W interhärte der zahlreichen vorgestellten Arten und Sorten besonders zu beachten. Eine Reihe der vorgeschlagenen Pflanzen sind im deutschen Handel nicht erhältlich. Trotz­ dem weiß das Buch durch die vielen sehr guten Fotos englischer und französischer

Gartengestaltung zu ü berzeugen. Sie re­ gen in starkem Maße an, s o fo rt Ä h n lich e s im eigenen Umfeld in A ngriff zu nehm en und die dritte Dimension in der G a rte n g e ­ staltung nicht zu vergessen. C h risto p h K ottrup H e r m a n n , H.; M e y e r -Ö t t in g (S c h riftle i­ ter): A grarw irtschaft, F achstufe Land­ w irtschaft: Fachtheorie fü r A ckerbau, Grünland, W aldwirtschaft, T ie rzu ch t, Tier­ haltung, Landtechnik. 3. n e ubearb. und erw. Aufl., München: BLV-Verl.-Ges.; M ün­ ster-H iltrup: Landw irtschaftsverlag, 1989. D M 6 2 ,— . ISBN 3-405-13489-7.

Das neubearbeitete Lehrbuch ve rm itte lt die derzeit gültigen Lerninhalte fü r den Ausbildungsberuf Landw irt an den B erufs­ schulen der Bundesrepublik D eutschland. Kurze Textpassagen, te xtb e g le ite n d e B ild­ spalten und viele graphische D arstellun­ gen verm itteln ein um fangreiches Fach­ wissen nach dem neuesten w isse n sch a ft­ lichen Stand. Die Autoren sind bem üht, da­ bei auch ökologischen G esichtspunkten gerecht zu werden, und stellen neben kon­ ventionellen auch kurz die M ethoden des Integrierten Pflanzenbaus und der bio lo g i­ schen W irtschaftsw eise vor. Auch H inw ei­ se auf einzelne Arten- und B iotoperhal­ tungsm aßnahm en finden sich in Ansätzen. Der positive Trend in Richtung auf eine um ­ weltbewußtere Landw irtschaft sollte aller­ dings noch intensiviert werden; dies gilt besonders für die Bereiche Gewässerund Bodenschutz. Renate Strohschneider F is c h e r , C l a u d ia und Reinhold: Mein gro­ ßes Gartenbuch. 140 S., zahlreiche farbi­ ge Zeichnungen, Format 21 x 29 cm. Ra­ vensburger Buchverlag, 1990. DM 29,80. ISBN 3-473-35499-6.

Mit diesem Buch gelingt es den Autoren, Kinder für die »Erlebniswelt Garten« zu be­ geistern. Zahlreiche farbige Zeichnungen veranschaulichen die Pflanzen- und Tier­ w elt dieses Lebensraumes. Anhand ver­ schiedener Beispiele, z. B. »Boden ist kein Dreck«, »Ein Baum w ächst in die Zukunft«, werden Einblicke in ökologische Zusam­ menhänge gegeben. Zahlreiche Anregun­ gen für B eobachtungs- und Untersu­ chungsm öglichkeiten im Gartenbereich werden vorgestellt. Anleitungen für die ei­ gentliche gärtnerische Arbeit kommen ebenfalls nicht zu kurz. Dabei finden nicht nur der »Landgarten«, sondern auch Balkone und der »Garten auf der Fenster­ bank« Berücksichtigung. Teilweise wer­ den die einfach gehaltenen Erläuterungen durch Abbildungen der einzelnen Arbeits­ schritte ergänzt. S teckbriefe verschiede­ ner Gemüse-, Kräuter-, Frucht- und Blu­ m ensorten sowie Hinweise und Aufklärun­ gen zu »Unkräutern«, »Schädlingen«, »Nützlingen« vervollständigen den Ratge­ ber für Junggärtner und machen Lust auf sofortiges Umsetzen. Ein schönes und an­ regendes Buch für Kinder ab zehn Jahren. Claudia Viße