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Berlin, Berlin Zehn Tage lang ist Berlin der Mittelpunkt der Filmwelt. Viele Stars besuchen die Stadt. Doch die Metropole zieht auch ohne Berlinale kreative Menschen aus aller Welt an. Wenn die Stars aus Cannes abreisen, wird Cannes wieder zum vornehmen Badeort. Wenn sie aus Venedig abreisen, wird Venedig wieder zur schönen Stadt mit großer Vergangenheit. Wenn sie aus Berlin abreisen, bleibt Berlin, was es ist: eine Stadt, in der Kultur nicht nur gezeigt wird, sondern entsteht; eine Stadt, in die Künstler nicht nur kommen, sondern in der sie leben; eine Stadt, in der die Welt von morgen sich ausprobiert; kurz: eine Metropole. Dani Levy (51), Filmregisseur. Vor einem Café in Berlin-Schöneberg schließt ein kleiner Mann sein Fahrrad an einen Laternenpfahl. Es ist Dani Levy, Schauspieler und Regisseur, berühmt geworden mit Filmen wie „Alles auf Zucker“ (2004) und „Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler“ (2007). 1980 kam der gebürtige Schweizer nach West-Berlin, um Theater zu spielen und in einer WG zu wohnen. „Man konnte hier praktisch ohne Geld leben“, erinnert er sich. „Es gab Künstler, Theatergruppen und Tanzgruppen, die sich null verkauften, aber trotzdem existieren konnten.“ Seit 1989 sei Berlin von einer „subkulturellen, exotischen Inselstadt“ zur europäischen Metropole geworden. „Es gibt jetzt auch hier einen Erfolgsdruck“, sagt er. „Der treibt die Stadt nach vorn, aber er bremst sie auch.“ Nostalgie empfindet Levy trotzdem nicht. „Durch das Verschmelzen von Ost- und Westberlin haben wir eine gigantische Vielfalt von Universen dazugeschenkt bekommen“, sagt er, „Drehorte, Biografien, und auch das Know-how und die Qualität von Leuten aus der DDR.“ Dem Erfolgsdruck hat Levy standgehalten. „Berlin ist nicht nur meine persönliche, sondern auch meine filmische Heimat“, sagt er. In Berlin findet er Ideen, Motive – und die merkwürdigen, irritierenden Drehorte, nach denen er sucht. Zum Beispiel, als er eine Psychiatriepraxis für seinen Kurzfilm „Joshua“ brauchte, seinen Beitrag zu dem Episodenfilm „Deutschland 09“, der auf der Berlinale erstmals gezeigt wird. Er fand die Pan-Am-Lounge in der City West, in der früher Piloten und Stewardessen der Fluglinie Pan Am in schweren Clubsesseln ihren Absacker tranken und dabei auf West-Berlin blickten. „Ein sensationeller Ort“, schwärmt Levy. „Er repräsentiert die 70er Jahre, das alte West-Berlin, Amerika – und eine verkommene Moderne.“ Und gerade das Verkommene, Schiefe, Unharmonische zieht ihn an. „Berlin ist eine extrem widersprüchliche Stadt mit extrem eigenartigen Nischen. Das organische Wachstum der Stadt ist zerstört – und gerade das gibt ihr einen besonderen Appeal.“ Bodo Wartke (31), Kabarettist. Wenn Bodo Wartke eine Zeitmaschine hätte, dann würde er sich in die U-Bahn setzen, ins Jahr 1925 fahren und am Bahnhof Friedrichstraße aussteigen. Er würde ins Metropol-Theater gehen oder ins Wintergarten-Varieté, und dann würde er mit offenem Mund dasitzen und Künstler sehen und hören, deren Namen unter Kennern selbst im 21. Jahrhundert noch einen Klang haben, Namen wie Otto Reutter oder Claire Waldoff. Sie waren populär, sie waren Stars, und wer nach Berlin kam, der konnte sie sehen, Abend für Abend, das ganze Jahr über. Vor zwölf Jahren kam Bodo Wartke aus Bad Schwartau bei Lübeck nach Berlin – ein junger Mann, der mit selbst gedichteten und –komponierten Liedern voller Sprachwitz auftrat und sich dazu am Klavier begleitete. Die Miete war billig, das Leben kostete wenig, Anregung gab es in Fülle. Geschenkt hat Berlin ihm trotzdem nichts. „Geld verdienen ist hier schwierig“, sagt Wartke. In Hamburg hatte er schon allein auf der Bühne gestanden, als er noch Zivi war und in Bad Schwartau wohnte. In Berlin dauerte es dreieinhalb Jahre, bis er seinen ersten Soloauftritt hatte – da war er schon längst auf Bühnen in ganz Deutschland unterwegs. Bis heute macht Bodo Wartke, Träger des Deutschen Kleinkunstpreises 2004, höchstens ein Zehntel seiner Auftritte in Berlin. Ein Star, das weiß auch Bodo Wartke, wird man heute nicht mehr mit Chanson, Kabarett und Varieté. Aber das Genre hat überlebt unter dem Namen Kleinkunst, vor allem in Berlin. Nicht an den alten Orten – sondern überall dort, wo es Altbauten gibt, in denen man eine Bühne und ein paar Stuhlreihen aufbauen kann, oder alte, abgeschabte Hinterhoftheater oder ehemalige Fabriken. Allmählich schafft die Kleinkunst sich auch wieder größere Bühnen wie den alten Admiralspalast an der Friedrichstraße. „Geografisch sinnvoll wäre es für mich, in Kassel zu leben“, sagt Wartke. Nur gibt

es in Kassel eben keine experimentelle Kleinkunst-Szene, keine Lesebühnen-Kultur, wo Schriftsteller sich in Wohnzimmer-Atmosphäre treffen, um vor Publikum ihre neuen Texte zu lesen, keine offenen Bühnen, wo die besten Kabarettisten Deutschlands und die blutigsten und mutigsten Anfänger nacheinander auf die Bühne treten. Ein Berliner Stadtmagazin listet allein für den heutigen Freitag 31 Veranstaltungen in der Rubrik „Cabaret-Varieté“ auf. Jason Dodge (39), bildender Künstler. Zwei Jahre lief Jason Dodge jeden Tag über eine Brücke nahe seiner damaligen Wohnung. Dann sah er, wie Männer dort eine Gedenktafel anbrachten: Die Brücke, erfuhr er, war der erste Grenzübergang, der am 9. November 1989 geöffnet wurde. Für Jason Dodge hatte sie jetzt eine andere Identität. „Genau darum geht es in meiner Arbeit“, sagt er: „Um Dinge mit einer Geschichte, die man nicht sieht.“ Auf solche Dinge stößt er in Berlin immer wieder – und sei es, dass ein Elektriker in seiner Wohnung Leitungen aus den 20er Jahren findet. Wenn es ihm wichtig wäre, ein möglichst glamouröses Leben zu führen, dann würde Jason Dodge in Paris, London oder Mailand leben. Dort sind die Galerien, die seine Installationen für viel Geld an vermögende Menschen und an Museen verkaufen. Aber Jason Dodge ist mit seiner Frau, einer Modedesignerin aus Dänemark, lieber nach Berlin gezogen. „Wenn es um mich herum zu homogen ist, habe ich immer das Gefühl, die Leute spielen falsch“, sagt er. Hier in Berlin liegen die Karten auf dem Tisch, offen und bunt. Dodge hat eine Wohnung mit Atelier in Kreuzberg gekauft, inmitten von türkischen Läden, besetzten Häusern und antikapitalistischen Demonstrationen. Jason Dodge ist einer der etwa 100 bildenden Künstler Berlins, die von ihrer Kunst leben können. Die übrigen 5000 bis 6000 schlagen sich irgendwie durch. „Berlin ist keine Lösung für irgendein Problem“, sagt Jason Dodge. „Aber hier ist es völlig okay, kein Geld zu haben – ganz anders als in anderen Städten, die ich kenne. Wenn wir abends Gäste haben, dann kommen etablierte Künstler ganz selbstverständlich mit Studenten zusammen.“ Status und Geld spielen keine Rolle – und auch die Herkunft nicht. „There’s no such thing as a local Berlin artist“, sagt Dodge. Es gibt, so könnte man das übersetzen, keine Berliner Künstler – nur Künstler in Berlin. „It’s not a local city“. Berlin ist, so könnte man das übersetzen, eine Metropole. Der Episodenfilm „Deutschland 09“ mit einem Beitrag von Dani Levy wird am Freitag, 13. Februar, erstmals auf der Berlinale gezeigt. Bodo Wartke tritt am 2. März in Alma Hoppes Lustspielhaus in Hamburg auf. Jason Dodge bereitet für das Jahr 2010 seine bisher größte Einzelausstellung beim Kunstverein Hannover vor. HANNO KABEL Artikel erschien in der Ostsee-Zeitung am 6. Februar 2009