Besuch bei einer - Berner Münster

Besuch bei einer - Berner Münster

WISSEN Besuch bei einer ALTEN DAME Seit bald 600 Jahren thront das MÜNSTER über Bern. Elegant und gepflegt wie eine Grande Dame. Ein Rundgang durch K...

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Besuch bei einer ALTEN DAME Seit bald 600 Jahren thront das MÜNSTER über Bern. Elegant und gepflegt wie eine Grande Dame. Ein Rundgang durch Kirche und Turm gerät zu einer Reise voller Überraschungen. Glocken hat es, so schwer wie Elefanten, eine Badewanne und das Grab eines Piraten. Text Hans-Martin Bürki Spycher

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Fotos Tomas Wüthrich

Foto: Bern Tourismus

Wer auf der Kirchenfeldbrücke steht und Richtung Altstadt schaut, hat nur Augen für ein Bauwerk: Für das über 100 Meter hohe Münster.

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Ein Job für Schwindelfreie: Steinmetz Marcel Schwegler bei der Arbeit am Münsterturm. Jungbrunnen für alte Mauern: Feine Risse im Sandstein werden mit Mikrozement gefestigt.

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as Unheil bricht am 22. Juni 1502 über Bern herein. Ein Gewitter macht den Tag zur Nacht. Eisklumpen, gross wie Hühnereier, schlagen in der Stadt ein. Die Schäden sind enorm. Dachdecker aus Freiburg, Luzern und Solothurn helfen später beim Flicken der Häuser. Doch etwas kann nicht repariert werden: die südlichen Chorfenster am Münster. Grosse Teile der kunstvollen Glasfenster sind zersplittert und für immer verloren. «Die Folgen können Sie noch heute sehen», sagt Jürg Schweizer, Kunsthistoriker, ehemaliger Denkmalpfleger des Kantons Bern und Präsident des Münsterbaukollegiums. «Die Reste des Passionsfensters und des 10 000-Ritter-Fensters wurden später zu einem einzigen Fenster vereinigt und durch weitere Scheiben ergänzt.» So ist dieses Fenster bis heute ein Puzzle aus

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Unvollendet: Rund 300 Jahre lang präsentierte sich das Münster ohne seinen charakteristischen Turm.

Architekturhistoriker Christoph Schläppi auf dem Baugerüst vor den Chorfenstern: Links das Fenster, das nach dem Hagelsturm von 1502 aus Teilen des Passionsfensters und des 10 000-Ritter-Fensters zusammengepuzzelt wurde.

verschiedenen Teilfenstern geblieben. Daneben sind aber noch so viele Fenster erhalten, dass das Berner Münster nach wie vor den grössten Glasmalereizyklus der Schweiz aus dem 15. und 16. Jahrhundert beherbergt. Der Zahn der Zeit Das Münster! Wer mit dem Zug von Zürich, Basel oder Luzern in der Bundesstadt ankommt, erblickt das mächtige Bauwerk, das dem heiligen Vinzenz gewidmet ist, kurz vor Einfahrt in den Bahnhof Bern. Stolz thront es über den Dächern der Altstadt, sein Turm ragt 100,6 Meter in den Himmel. Dahinter das Alpenpanorama. Ein Postkartensujet. Vor allem, seit im letzten Jahr die allermeisten Baugerüste entfernt worden sind, die das Berner Münster zuvor während Jahrzehnten verhüllt hatten. Der Zahn der Zeit – Wind,

Wetter, Schnee und Eis – sowie die Luftverschmutzung hatten dem Sandsteinbau arg zugesetzt, sodass eine Renovation unumgänglich geworden war. Bis um die Jahrtausendwende hiess das: Sandsteinblöcke herausbrechen und durch neue ersetzen. Allein in der letzten Bauetappe auf der Westseite des Turms haben die Steinmetze in der Tradition ihres Handwerks rund 200 Tonnen Sandstein verarbeitet. Das entspricht dem Gewicht eines Jumbojets. Die Steinmetze haben nicht nur Blöcke ausgewechselt, sondern auch in kunstvoller Arbeit Skulpturen und Ornamente geschaffen, oft Kopien der Originale. Bis Hermann Häberli die Münsterbauleitung übernahm und offizieller Münsterarchitekt wurde. Da änderte die Philosophie. «Das Münster», sagt Hermann Häberli, «ist eine würdevolle alte Dame, die

nicht auf jung macht, die aber noch zwäg und gepflegt ist und ihr Alter nicht verleugnet.» Will heissen: Alte Steine werden nur noch ausnahmsweise ersetzt. Sie werden nach Möglichkeit erhalten, konserviert. Dabei wird der Stein gereinigt und dann chemisch gefestigt mit KieselsäureEster. Fehlstellen werden mit Mörtel ergänzt und mit Kreide retouchiert. «Die Japaner, die nach Bern kommen, wollen nicht ein möglichst neues Münster, sondern ein authentisches. Alles andere können sie im Disneyland schauen gehen», sagt der Münsterarchitekt. In den letzten fünfzehn Jahren haben sich die Fachleute am Berner Münster zu Spezialisten entwickelt, die mit ihrem Fachwissen auch nach Lausanne, Luzern oder Schaffhausen geholt werden und sich innerhalb der europäischen Vereinigung der Dombaumeister austauschen. Zweifarbiger Turm Vom Münsterplatz aus betrachtet fällt auf, dass der Münsterturm in der unteren Hälfte, die viereckig ist, aus eher grünlichem Sandstein besteht, während oben, im achteckigen Teil bis hin zur Turmspitze, gelblich-oranges Gemäuer dominiert.

«Die Japaner, die nach Bern kommen, wollen ein authentisches Münster.» Hermann Häberli, Münsterarchitekt

«Das hat nichts mit der Renovation, sondern mit der Baugeschichte des Münsters zu tun», sagt Christoph Schläppi – mit seinen eins neunzig Körpergrösse selber ein Mann wie ein Turm. Der Kunsthistoriker befasst sich schon seit 25 Jahren mit dem Münster, ist im Stiftungsrat und auch im Münsterbaukollegium. Von 1421, als der Ulmer Baumeister Matthäus Ensinger den Grundstein des Münsters legte, bis 1588, als der Turm seinen vorläufigen Abschluss fand, diente einheimischer Sandstein vom Berner Hausberg Gurten, von Krauchthal und von Ostermundigen als Rohstoff. Und der hat eine grünliche Farbe. Doch als der Turm 300 Jahre später aufgestockt und mit einer Spitze versehen werden sollte, wechselte das Baumaterial. «Die Eisenbahn kam nun nach Bern», erklärt Christoph Schläppi, «und weil der gelbliche Sandstein aus

dem norddeutschen Obernkirchen und dem sanktgallischen St. Margrethen besser, härter und widerstandsfähiger war, wurde damit weitergebaut.» Nun aber rauf auf den Turm! Eine enge Wendeltreppe führt zur ersten Galerie auf 46 Metern Höhe. Die Aussicht ist grandios. Und diese Übersicht! Eins neben dem andern, aufgereiht wie Puppenstuben, stehen die Altstadthäuser rechts hinunter bis zur Nydegg und links hinauf bis zum Zytglogge. Da oben sollte man wohnen. «Gar nicht so abwegig», sagt MarieTherese Lauper, die Turmwartin. Hier oben ist ihr Reich. Sie ist zuständig für Sicherheit und Sauberkeit, macht Führungen und begrüsst jeweils mit zwölf Schlägen auf die Burgerglocke das neue Jahr. «Bis 2007 war die Wohnung auf dem Turm bewohnt, von meinen Vorgängern», sagt Marie-Therese Lauper. Sie selbst hat noch ihr Büro in luftiger Höhe, hier zu wohnen wäre im Moment aber nicht gäbig, wegen der Bauarbeiten. Ein warmer Frühlingswind streicht den Besuchern durchs Haar, die Ruhe tut gut. Es war jedoch nicht immer so friedlich. Im Mittelalter waren die Turmwächter so etwas wie eine Lebensversicherung. ➳ Schweizer Familie 14/2015

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eim Bau der Turmspitze wurden 1893 geheime Dokumente eingemauert. Bei der Restaurierung 2013 fügten die beteiligten Politiker und Bauleute weitere, ebenfalls geheime Dokumente hinzu.

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er Bau des Berner Münsters dauerte von 1421 bis 1588. Die Turmspitze, der sogenannte Helm, wurde jedoch erst zwischen 1889 und 1893 aufgesetzt. Mit seinen 100,6 Metern war das Berner Münster bis ins Jahr 2003 das höchste Gebäude der Schweiz.

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ünster leitet sich vom altgriechischen Monasterion (Kloster) ab. Zum Münster gehörte ursprünglich ein Chorherrenstift.

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o viel wie ein Lastwagen mit Anhänger wiegen die sieben Glocken zusammen – 28 Tonnen.

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ie Schnitzereien im Chorgestühl stellen die damalige Gesellschaft dar – durchaus mit Humor. So erweist sich das Gebetsbuch eines frommen Mönchs beim näheren Hinschauen als Brettspiel.

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m Mittelalter bot das Münster der ganzen Stadtbevölkerung Platz. Es war ein Mehrzweckraum, in dem auch Gemeindeversammlungen stattfanden.

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ehrmals umgebaut wurde die Grosse Orgel von 1729. Sie umfasst 71 Register mit insgesamt 5400 Pfeifen. Die kleinste Pfeife misst 10 Zentimeter, die grösste ist 10 Meter hoch und wiegt 750 Kilogramm.

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DAS BERNER MÜNSTER

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DIE STANDORTE 1 Münsterplatz 2 Plattform 3 Münstergasse 4 Hauptportal 5 Langhaus 6 südliches Seitenschiff 7 nördliches Seitenschiff 8 Chor 9 Münsterturm

it Hilfe von Flaschenzügen zogen Schulklassen einst die Glocken hoch. Das war jeweils ein grosses Fest.

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ie «Silberglocke» enthält kein Silber, sondern hat einen silbernen Klang. Dennoch soll sie 1798 aus Furcht vor den raubgierigen Franzosen schwarz angemalt worden sein.

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as Münster wurde um die Vorgängerkirche herumgebaut. Während der knapp 170-jährigen Bauzeit musste der Kirchenbetrieb stets gewährleistet sein.

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eit 1983 steht die Berner Altstadt mit ihrem Wahrzeichen Münster auf der UnescoListe der Weltkulturgüter.

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ine Kathedrale ist das Berner Münster nicht. Kathedrale kommt von Kathedra, Bischofssitz. Bern hat nie einen Bischof gehabt.

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us der Kathedrale von Lausanne stammt die tonnenschwere Tischplatte des Abendmahlstisches. Sie wurde dort 1561 geraubt und bei Schnee und Kälte nach Bern transportiert.

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is heute wird das Münster auch als Konzertraum gebraucht. Was strenggläubige Sängerinnen aus Freiburg 1851 davon abhielt, an einem Konzert mitzuwirken, da sie um ihr Seelenheil bangten.

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ur Viereckgalerie führen 222 Treppenstufen, und weitere 90 Stufen gehts bis zur Achteckgalerie auf 65 Meter Höhe hinauf. Jedes Jahr steigen rund 70 000 Besucherinnen und Besucher auf den Münsterturm.

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WISSEN

Restaurator am Werk: Der Teufel am Jüngsten Gericht scheint am Zähneputzen eine diabolische Freude zu haben.

Gewichtheber: Mit Haspel und Flaschenzug konnten die Arbeiter schwere Lasten heben. Das Bild stammt aus der Spiezer Chronik von Diebold Schilling (1485). Frau an der Spitze: Elisabeth Kormann war von 1909 bis 1966 Turmwartin im Münster.

Sie mussten nach Feuer Ausschau halten und im Notfall sofort Alarm schlagen. «Die Wächter läuteten die beiden Feuerglocken. Dann setzten sie eine weisse Fahne in die Richtung, wo es brannte», erzählt die Turmwartin. Die Bürger der Stadt packten ihren Wasserkessel und rannten zu Hilfe. Nachts zeigten die Wächter die Richtung mit Laternen an. Manchmal flatterte nach dem Glockenalarm eine rote statt einer weissen Fahne am Turm. «Dann war der Grund für den Alarm nicht eine Feuersbrunst, sondern Radau, ein Tumult, den die Turmwächter entdeckt hatten.» Die Polizei rückte aus, so wie heute bei einer unbewilligten Demonstration. Wellenbad vor der Predigt Älteren Bernerinnen und Bernern dürfte noch Frau Kormann ein Begriff sein. «Die charmante Turmwartin gehörte, ohne es 28

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www.bio-strath.ch

Alkoholgehalt: 32 % vol.

Frisch gemacht: Die 87 Figuren an der Decke des Chors werden vom Staub befreit.

Chronisch müde?

Fitness inbegriffen: Marie-Therese Lauper, die aktuelle Turmwartin, steigt täglich die enge Wendeltreppe zu ihrem Arbeitsplatz hinauf.

«Die Turmwartin Elisabeth Kormann gehörte zu den ersten emanzipierten Berner Frauen.»

Peter Probst, ehemaliger Münsterwart

zu wissen und das Wort zu kennen, zu den ersten emanzipierten Frauen der Stadt Bern», erinnert sich Peter Probst in seinem Buch «Leben auf dem Münsterturm». Nach dem Tod ihres Mannes liess sie sich nicht aus dem Amt drängen, versah bis 1966 ihren Dienst – 58 Jahre lang. In dieser Zeit stieg sie 30 000-mal auf den Turm, liess bei besonders schönen Sonnenuntergängen die Besucher auch mal länger oben verweilen und gebar ihre zwei Töchter über den Dächern der Stadt. Ab 1967 gab es in der Turmwohnung ganzjährig fliessend Wasser – und eine Badewanne. Diese wurde in Ost-WestRichtung eingebaut, zufällig so, wie die Glocken des Münsters beim Läuten schwingen. Das Einläuten der Sonntagspredigt mit sechs Glocken sorgte jeweils für ein Wellenbad. Überhaupt hält sich der Turm – wenn auch aus Stein gebaut – nicht

still. Er schwankt nicht nur beim Läuten, sondern bewegt sich an jedem sonnigen Tag. Am Morgen wärmt die Sonne die Ostseite des Turms auf, am Mittag heizt sie von Süden, nachmittags von Westen her. Die beschienene Seite dehnt sich um zwei Zentimeter aus. «Der Münsterturm weicht vor der Sonne zurück und macht im Laufe des Tages eine Kreisbewegung», sagt Architekturhistoriker Christoph Schläppi. Es gab Zeiten, da machte der Turm noch ganz andere, weniger harmlose Bewegungen. Nicht nur Pisa hat seinen schiefen Turm, auch Bern! Beim Turmbau begann 1493 einer der vier Pfeiler abzusacken. Der Bauleiter verhängte einen Baustopp, Verstärkungen verhinderten Schlimmeres. Um zehn bis zwanzig Zentimeter hatte sich der Turmpfeiler abgesenkt. Ab dieser Stelle wurde der Turm im Lot weitergebaut. Christoph Schläppi deu-

Fotos: Diebold Schilling (1485), Burgerbibliothek Bern, Mss.h.h.l.16,p. 755/www.e-codices.ch, Hansueli Trachsel

tet drinnen im Kirchenschiff auf eine Stelle an der Wand. Zerrissene Sandsteinquader zeugen noch heute von den ungeheuren Kräften, die damals wirkten. Drakonische Strafen Um ins Münster hineinzugelangen, gab es mehrere Möglichkeiten. Der Schultheiss (Bürgermeister) hatte seine eigene Tür. Hebammen ebenso, damit sie die Neugeborenen möglichst rasch in die Kirche zur Taufe bringen konnten, auf dass sie nicht ungetauft stürben. Zwölf Eingänge total, wobei das gemeine Volk durchs Haupttor schritt. Dieses geht nach aussen auf, der Besucher muss beim Öffnen der Tür kurz innehalten, sein Blick schweift nach oben zum Jüngsten Gericht. Die eindrückliche Figurengruppe zeigt links die Gottesfürchtigen: Sie ziehen ins Paradies ein. Rechts die Ungläubigen, die Ver-

dammten: Sie werden gefoltert und gequält, stürzen kopfüber ins Fegefeuer. Eindrücklich führte Bildhauer Erhart Küng mit seinem anno 1483 vollendeten Werk dem Volk vor Augen, was für Folgen ein sündiger Lebenswandel hat. Immer wieder entdeckt das Auge neue Details. Das Selbstverständnis der Berner offenbart sich darin, dass ihr Schultheiss auf der Seite der Geretteten steht, während ein blau-weiss gekleideter Amtskollege die Höllenstrafe antritt, vermutlich der Stadtpräsident von Zürich. Davon unbeeindruckt turnen ein paar Spatzen auf dem schwertschwingenden Erzengel Michael herum. Ihre Hinterlassenschaften verursachen jährlich Reinigungskosten von 10 000 Franken. Ein Klacks im Vergleich zu den Kosten, die der Bau des Gotteshauses verschlungen hat. Generationen haben daran gearbeitet, darunter über 900 Steinmetze. «Das wissen wir, weil jeder Steinmetz sein Steinmetzzeichen, ein ganz persönliches Logo, hinterlässt», sagt Marcel Maurer. Der gelernte Steinmetz arbeitet seit 1980 am Münster und ist gerade daran, die historischen Steinmetzzeichen zu erfassen. Zünfte traten als Sponsoren auf, ebenso reiche Familien. Ob die sich damit ihr ➳

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Er muss einiges schlucken: Das Regenwasser wird vom Dach der drei Kirchenschiffe durch das Maul von Wasserspeiern abgeleitet. Ein Zeichen für die Ewigkeit: Ein Steinmetz bringt an einem Werkstück sein Logo an.

Seelenheil erkaufen wollten? Als konkrete Gegenleistung erhielten sie jedenfalls eine Familienkapelle in einem der Seitenschiffe. Die Kapellen sind geschmückt mit Wappen und Reliefs. In der Lombachkapelle hinterliess ein gelangweilter Kirchengänger 1566 seine Spuren. Die eingekritzelte Jahreszahl ist eines der ältesten Graffiti am Berner Münster. Das Grab des Piraten Im vordersten Teil der Kirche, dem Chor, wird momentan das prachtvolle Deckengewölbe vom Staub der Zeit befreit. Die Restauratorinnen arbeiten mit Handschuhen und Wattestäbchen. Nebst ihnen dürfen nur Architekten, Fachleute aus dem In- und Ausland sowie Journalisten das 20 Meter hohe Baugerüst betreten und den 87 Heiligenskulpturen, die die Decke zieren, direkt ins Antlitz schauen. Ehrfurcht 30

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Prunkstück über dem Hauptportal: Das Jüngste Gericht (hinter Taubenschutzdrähten). Links die Geretteten, rechts diejenigen, die in der Hölle schmoren. Im Kreis rechts im Bild der Teufel, der die Zähne geputzt bekommen hat (Bild Seite 29).

Kolossaler Klang: Münster-Sigrist Felix Gerber steht unter der Grossen Glocke. «Susanna», wie sie der Volksmund nennt, wiegt beinahe zehn Tonnen.

kommt beim Anblick der Pinselstriche auf, die der berühmte Künstler Niklaus Manuel persönlich aufgetragen hat. 2017 soll das 500-Jahr-Jubiläum des Chorgewölbes gefeiert werden. Bis dahin haben die Restauratorinnen noch viel zu tun. Unten an der Aussenwand des Chorraums ist die Grabplatte des Ritters Hans Schnewly von Landeg angebracht. Der Abenteurer begnügte sich nicht mit dem Ritterdasein. Als Süsswasserpirat machte er den Rhein unterhalb von Basel unsicher. Gab es aber wieder mal eine richtige Schlacht, war Hans Schnewly dabei. So kämpfte er tapfer mit den Eidgenossen gegen Karl den Kühnen, verlor bei der Schlacht von Murten 1476 jedoch sein Leben. So kam er zum Ehrengrab im Berner Münster. Viele Grabplatten verschwanden im Zuge der Reformation. Alles, was vom

Wort Gottes hätte ablenken können, wurde aus der Kirche entfernt. Dieser sogenannte Bildersturm fiel in Bern moderater aus als anderswo. Zwar wurden zahlreiche Figuren, Bilder und Altäre aus der Kirche geschafft, ebenso die Orgel. Sie sei «des Teufels Dudelsack», wetterte Reformator Huldrych Zwingli. Doch die prachtvollen Kirchenfenster liessen die pragmatischen Berner drin. Wer friert schon gern während der Predigt. Neue anschaffen hätte lange gedauert und wäre teuer gewesen. Einen Teil der herausgerissenen Figuren entdeckten Bauarbeiter in den 1990erJahren, bei Sanierungsarbeiten an der Münsterplattform. Sie waren dort mit Bauschutt vergraben worden. «Ein Glücksfall», sagt Christoph Schläppi. «Die Figuren haben ihre ursprüngliche Farbigkeit bewahrt, dank dem günstigen Klima im Boden.»

Es ist kurz vor 15 Uhr, gleich fängt die Betglocke an zu läuten. Hastigen Schrittes gehts hinauf in die obere der zwei Glockenstuben. Angetrieben von einem Elektromotor, fängt der Bronzekoloss an zu schwingen. Der Glockenstuhl ächzt, die

Luft saust. 1428 Kilogramm wiegt die Glocke, so viel wie zwei ausgewachsene Kühe. Mit Ohrenschutz lässt sich das fünfminütige Schauspiel gefahrlos verfolgen. Noch eindrücklicher ist das Geläute der Grossen Glocke, im Volksmund «Susanna»

genannt. Den Namen bekam sie von einem der Glöckner, der den Läutdienst wie einen Tanz mit seiner gewichtigen Gemahlin Susanna empfand. «Um die Glocke zu schonen, läuten wir sie nur am Sonntag vor dem Gottesdienst», erklärt ➳

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WISSEN

GUT ZU WISSEN Öffnungszeiten: Kirche, 12–16 Uhr, ab 6. April 10–17 Uhr; Turm 12–15.30 Uhr, ab 6. April 10–16.30 Uhr. Führungen: «Vollmond-Turmapéro», «Vom Hochwächter zur Turmwartin», «Das Münster entdecken», «Frauengeschichten» und «Kinderführung Hasefritz». Anmeldung und Infos unter Telefon 079 760 26 74 oder [email protected] Glockengeläut über Ostern: Gründonnerstag, 19.45 Uhr; Karfreitag, 9.45 und 15 Uhr; Ostersamstag, 15, 18.15 und 21.45 Uhr; Ostern, 9, 9.30 und 9.45 Uhr. Der Festgottesdienst an Ostern beginnt um 10 Uhr. Vom Chor aus gesehen: Das Mittelschiff mit dem prunkvollen Deckengewölbe. Im Hintergrund die Orgel mit 5400 Pfeifen.

Sigrist Felix Gerber. Er ist ein wandelndes Lexikon in Sachen Glocken. Susanna wiegt knapp zehn Tonnen, bei einem Durchmesser von zweieinhalb Metern. «Nur in den Domen und Kathedralen von Erfurt, Prag, Sens und Paris läuten noch grössere und tontiefere mittelalterliche Glocken», weiss Felix Gerber. Von Napoleon bis zum Zweiten Weltkrieg wurden unzählige Geläute heruntergeholt und eingeschmolzen, um daraus Kanonen zu giessen. Ein Jammer. Vom Klöppel erschlagen Um Susanna zu läuten, brauchte es früher acht Mann. Der erfahrenste der Glöckner, der Kallenfänger, hatte die Aufgabe, nach Ende des Läutens den Klöppel mit einem Lasso einzufangen, damit die Glocke nicht noch weiterklingt. Das ging stets gut bis an Silvester 1943. Die Männer hatten schon ein wenig getrunken und läuteten beschwingt mit sechs Glocken das neue Jahr ein. Als der Kallenfänger den Klöppel der zweitgrössten Glocke einfangen wollte, passierte es. «Vermutlich sah er zwei Klöppel kommen, warf das Lasso an den falschen und wurde vom richtigen am Kopf getroffen», erzählt Sigrist Felix Gerber. Der Mann war auf der Stelle tot. Monate später übernahmen Motoren die Arbeit der Glöckner. Felix Gerber weiss nicht nur viel über die Glocken, er kann sie auch virtuos bedienen. Die Glockenkonzerte an Neujahr sind bereits zur Tradition geworden. Münsterorganist Daniel Glaus komponiert jeweils das viertelstündige Konzert, Felix 32

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«Nur in den Domen von Erfurt, Prag, Sens und Paris läuten noch grössere Glocken.» Felix Gerber, Sigrist

Gerber spielt es – ohne Möglichkeit zu proben. Sekundengenau ist vorgegeben, wann welche der sieben Glocken zu läuten hat. Der Sigrist hat die Komposition in eine vierzehnseitige Excel-Tabelle umgeschrieben, nach welcher er die Schalter der einzelnen Glocken während des Konzerts betätigt. Dabei hat er die Vorlaufzeiten, bis eine Glocke klingt, präzise mit einberechnet. Dem Laien bleibt nur Staunen. Das paradiesische Leuchten Staunen wird auch, wer sich vor Augen führt, mit welch einfachen Mitteln die Menschen den prachtvollen Bau damals im Spätmittelalter hochgezogen haben. Die Arbeiter hievten die Steinblöcke mit Haspel und Flaschenzug hinauf. Noch heute zeugen Löcher in den Steinquadern von den Greifzangen, mit denen die zentnerschweren Brocken am Seil befestigt wurden. Die mittelalterliche Baumaschine schlechthin war das Tretrad. Ein noch funktionsfähiges Exemplar lagert im Estrich des Münsters. Wie ein Hamster im Rad konnte ein Hilfsarbeiter mühelos Lasten von einer halben Tonne heben. Für 20 Meter Höhe marschierte er einen halben Kilometer im Rad.

Wer kann es Werkmeister Erhart Küng verargen, dass er 1500 voller Stolz den Spruch «machs na», also «mach es nach», in Zuckerbäckerschrift an die Aussenfassade meisseln liess. Das Münster war aber noch lange nicht fertig. Es sollten nochmals fast 400 Jahre verstreichen, ehe der bislang nur 61 Meter hohe Turm seinen krönenden Abschluss fand. Um 1890 schloss sich der Kreis: Architekt August Beyer hatte gerade den Turm des Ulmer Münsters vollendet und setzte nun dem Berner Münster die Spitze auf. Im neugotischen Stil, damit es zum altehrwürdigen Gebäude passte. Zum Ostergottesdienst wird das Münster gut besetzt sein. Wer auf der Kirchenbank sitzend der Predigt lauscht und dabei die Kirchenfenster betrachtet, dem werden das Licht und das edelsteinartige Funkeln des Glases paradiesisch vorkommen. Es wird ihn nicht stören, dass im grossen Mittelfenster unterhalb des gekreuzigten Jesus ein paar Ritter in die Schlacht ziehen. ● Literatur «Machs na. Ein Führer zum Berner Münster», Stämpfli-Verlag, 58 Fr. «Leben auf dem Münsterturm», Verlag Hier + Jetzt, 34 Fr. «Die Berner Münsterglocken», 9.50 Fr., erhältlich an der Infostelle im Münster. Weitere Informationen 031 312 04 62, [email protected] www.bernermuenster.ch www.bernermuensterstiftung.ch