Besuch im Labyrinth

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22 UNTERNEHMEN & MÄRKTE DONNERSTAG, 1. AUGUST 2013, NR. 146 1 Besuch im Labyrinth Für den größten Binnenhafen der Welt hat die Zukunft bereits bego...

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Besuch im Labyrinth Für den größten Binnenhafen der Welt hat die Zukunft bereits begonnen. Der ehemalige Kohlehafen in Duisburg ist heute ein internationales Logistikdrehkreuz.

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rolog. Der Himmel glüht und der kleine Erich staunt. Jeden Abend, wenn die Sonne untergegangen ist, blickt er über den Rhein und sieht das tiefe Orange, in das sich der Himmel taucht beim Abstich in den Hochöfen des Krupp-Stahlwerks Duisburg-Rheinhausen. Das tägliche Schauspiel gehört ihm. Es wird ihn nie loslassen. Erich Schauder, heute 64, hat gehört, wie es klang, als in Duisburg-Rheinhausen 16 000 Arbeiter malochten, er sah, wie 1987 die noch verbliebenen 5 O00 Mitarbeiter 160 Tage gegen die Schließung des Werkes streikten, er hörte sie schreien und toben. Er weiß, dass für 2 250 Arbeiter am 15. August 1993 die letzte Schicht mit dem letzten Abstich endete. Damals arbeitete er bereits als Tiefbauingenieur bei seinem Traumarbeitgeber, dem Duisburger Hafen. Schauder baute mit an dem Labyrinth aus 21 Hafenbecken, Schrott-, Öl- und Kohleninseln. 1350 Hektar Hafengebiet und mittendrin das Stahlwerk, das zunächst fünf Jahre leblos dalag. Dann begann die Zukunft mit dem anderen Erich. Erich Staake führt seit 1999 als Vorstandschef die Duisburger Hafen AG, damals im Auftrag von Stadt, Land und Bund. NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement hatte ihn überzeugt,

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gleich zwei Jahrhundertaufgaben zu übernehmen: den Duisburger Hafen zu einem internationalen Logistikdrehkreuz auszubauen und dabei das stillgelegte Stahlwerk in Rheinhausen, das der Hafen 1998 von Krupp am letzten Tag vor der Fusion mit Thyssen gekauft hatte, zu einem zentralen Bestandteil dieser neuen Zukunft des Hafens umzubauen. Und: Dabei so viele Arbeitsplätze zu schaffen, wie einst verloren gegangen waren. Staake weiß noch genau, wie er an einem trüben Novembertag 1998 vor der Industriebrache in Rheinhausen stand und bei sich dachte: „Du musst verrückt sein.“

Sommer 2013. Kapitän Heinz Bendel startet den Motor seiner „Gerhard Mercator“, die an diesem herrlichen Sommertag zu ihrer ersten von drei Rundfahrten im Duisburger Innenhafen startet. Kegelklubs und Betriebsausflügler machen sich auf dem Freideck breit und laut, Rentner und Paare mit kleinen Kindern weichen in den Bauch des Ausflugsschiffes aus. Sie lauschen der schnarrenden Stimme des Kapitäns, die ein bisschen wie die von Helge Schneider klingt. Dann verlässt die „Mercator“ den Innenhafen, den die Hafen AG an Stadt und Land einst verkaufte und der nach dem Masterplan des Stararchitekten Sir Norman Foster gestaltet wurde. Der Innenhafen ist das kulturelle Zentrum von Duisburg, dort haben sich Firmen wie Alltours und Hitachi angesiedelt, dort steht das Museum Küppersmühle mit moderner Kunst, dort entstanden bislang 450 Wohnungen direkt am Wasser von schick bis sozial. Doch darauf geht der Kapitän gar nicht ein. Als die Mercator durch den Außenhafen den Rhein erreicht, passiert sie backbord den Parallelhafen. Zwischen Duisburg und den Ruhrorter Häfen muss das Ausflugsschiff den Rhein ein ganzes Stück befahren. Denn: Am Anfang der Hafengeschichte stand eine Jahrhundertflut. Um das Jahr 1200 strömte das Wasser durch die Handelsstadt Duisburg, die von ihrer Nähe zum Rhein lebte. Doch die zerstörerische Kraft des Wassers hinterließ nicht nur Schlamm und Ruinen. Auch vom Rhein waren die Duisburger mit einem Mal verlassen worden. Er kehrte nach der Flut nicht mehr in sein Bett zurück. Der Weg zum Wasser war für die Duisburger abgeschnitten. Erst 600 Jahre später wurde auf Initiative der Duisburger Kaufleute

WAZ FotoPool

Anja Müller Duisburg-Ruhrort

Die Chinesen sprechen von der Wiederauferstehung der alten Seidenstraße. Erich Staake Vorstandsvorsitzender der Duisburger Hafen AG

die Verbindung zum Rhein mit dem Außenhafen wiederhergestellt. Doch zunächst profitierte davon das Städtchen Ruhrort, rund zwei Kilometer stromabwärts, erklärt die Leiterin des Haniel-Museums, Daniela Stemmer-Kilian. Dort suchte sich auch die kleine Ruhr wieder einen Arm zum großen Rhein. 1716 entstand an der Stelle das erste Hafenbecken, der Handel mit Holland prosperierte. Der Zollbeseher Jan Willem Noot baute 1756 das Packhaus, das den Grundstein für den Aufstieg der Haniel-Dynastie legte. Tochter Aletta und später ihr jüngster Sohn, Franz Haniel, machten aus der Handelsfamilie eine Industriellenfamilie und den Ruhrorter Hafen zum wichtigsten Umschlagplatz für Kohle und Stahl. Nun ist die Mercator bald in Ruhrort angekommen. Kapitän Bendel zeigt aber noch auf die Überflutungsflächen, auf denen Schafe weiden, und bei Rheinkilometer 780 das 82 Tonnen schwere Kunstwerk Rheinorange, eine Stahlbramme des Bildhauers Lutz Frisch, das die Vergangenheit aus Stahl mit der Zukunftskultur Duisburgs verbinden soll. Als die Mercator steuerbord in den Hafenkanal einbiegt, taucht die Mercatorinsel, die früher Erzinsel hieß, vor den Passagieren auf. Sie sehen auch die 100 Öltanks auf der Ölinsel, die durch Pipelines mit der Raffinerie in Gelsenkirchen verbunden sind. Nur Menschen sieht man kaum, vielleicht ein paar Binnenschiffer, die kleine Reparaturen er-

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DER DUISBURGER HAFEN Der Ort Das erste Hafenbecken in tigt. Vom Hafen aus erreichen die Duisburg-Ruhrort wurde 1716 gegraFirmen mehr als 150 Millionen Menben, heute sind es 21. Auf den 1 350 schen innerhalb von acht Stunden. Hektar Gesamtfläche sind darüber Fünf Autobahnen umkreisen das Hahinaus 200 km Gleise verlegt und fengebiet. ständig fahren Lkw zu den 300 Unternehmen, darunter Danone WaDas Unternehmen Lange Zeit wurde ters, Johnson & Johnson, Siemens, der Duisburger Hafen zu gleichen Hewlett Packard. Insgesamt Teilen von Bund, Land und werden im Hafen 110 der Stadt Duisburg konMillionen Tonnen Watrolliert. Seit Mitte JuDuisburger ren umgeschlagen. li ist nun klar, dass Hafen Die neun Contaidas Land die Annerterminals und teile des Bundes die 15 Containerfür 47,4 MillioRuhr brücken zeugen nen Euro überdavon, dass fast nimmt. 2012 die Hälfte der setzte die DuisWaren in Contaiburger Hafen AG Rh ner verladen wird. 160 Millionen Euro ei n Schüttgut sieht um, im Jahr zuvor man immer seltener. waren es rund 148 Handelsblatt Zählt man alle ArbeitsMillionen Euro. Das Ebitplätze, die mit dem Hafen zu da lag 2012 bei 29 Millionen tun haben, zusammen, gibt der HaEuro. Die Duisport-Gruppe, in der alfen mehr als 40 000 Menschen Arle Töchter und Beteiligungen gebünbeit. delt sind, bietet ihren Kunden im Hafen Infrastruktur, logistische Der Verkehr Das Logistikkonzept Dienstleistungen und Verpackungsgeht über die reine Wasserstraße hilogistik. Das Unternehmen wird seit naus, neben den 20 000 Schiffen 1999 von Erich Staake geführt und werden ebenso viele Züge abgeferbeschäftigt 900 Mitarbeiter.

DUISBURG

Container-Terminal: Mehr als 40 Prozent der Waren werden per Container verladen.

Die silbrig glänzenden Würfel auf der Mercatorinsel kommen aus dem Wolfsburger VW-Werk, es sind Stanzreste aus der Produktion, die per Bahn hier anlanden und zwischengelagert werden, bevor sie zum recyceln in andere Stahlwerke weiterverkauft werden. Gerade hat Hafenchef Erich Staake verkündet, dass VW nun auch ein Logistikzentrum mit 50 000 Quadratmetern im Duisburger Hafen betreiben wird. 230 neue Arbeitsplätze soll das bringen. Die VWTochter Audi baut in Duisburg ihre weltweit größte Export-Drehscheibe. Rund 500 Mitarbeiter sollen dafür angeheuert werden. Am Ende des Hafenkanals passiert die Mercator das Hafenbecken A und die Kohleninsel mit der Kohlenmischanlage der Ruhrkohle AG, in der die preiswerte Importkohle mit der deutschen Steinkohle gemischt wird, die einen besseren Brennwert hat. Noch einbis zweimal pro Woche wird ein Schubleichter mit der Kohle verladen, ansonsten fährt die Kohle per Bahn zu ihren Bestimmungsorten. Die Schleuse Meiderich liegt voraus. Pro Jahr passieren sie bis zu 15 000 Schiffe, gerade aber wird gestreikt. Oben angekommen, befinden sich die Schiffe im Rhein-Herne-Kanal und haben von dort Zugang zum gesamten deutschen Kanalnetz. Das Ha-

fengeld beträgt drei Cent pro ladefähiger Tonne und Tag. In den drei Werften des Hafens, die jeweils am Ende der Hafenbecken A, B, C liegen, werden auch noch Schiffe gebaut, ebenso die Mercator kommt daher. Auf der Schrottinsel wird der Schrott mit Magneten oder Greifarmen per Schiff, Bahn oder Lkw weitertransportiert. Die Fahrt der Mercator geht nun auf den Rhein zurück, um schließlich den ältesten Teil des Hafens, den Hafenmund, zu durchfahren, auch Schimanski City genannt; hier wurden „Einsatz für Lohbeck“ oder der „Hafendetektiv“ gedreht. Und, sagt Kapitän

Bendel, hier sei ein begehrter Liegeplatz. Zu Fuß könnten die Schiffer ihre Besorgungen in Ruhrort erledigen. VomVinckekanal aus sehen die Passagiere, dass der Hafen sein Gesicht stetig ändert – der einstige Kaiserhafen, um 1900 gebaut, ist zugeschüttet, wo einst der Nordhafen lag, ist heute ebenfalls Land. „Dort wird heute von der dpl, die zur Hafen AG zählt, „alles verpackt und verschifft, auch alte Stahlwerke“, erzählt Kapitän Bendel. Und am Ende des Vinckekanals steht ebenso das Hauptgebäude der Hafen AG mit 900 Mitarbeitern.

dpa

ledigen oder Ladungen löschen. Und doch gibt der Hafen mehr als 40 000 Menschen in der Region Arbeit.

Tatort Duisburger Hafen: Schauspieler Götz George in der Rolle des Hauptkommissars Horst Schimanski an Bord eines Bootes der Wasserschutzpolizei.

Ganz oben hat Vorstandschef Erich Staake sein Büro und den Hafen gut im Blick. Etwas zu bewegen, ist Staakes Stärke. Er verhandelt gern mit richtigen Unternehmertypen, wie dem Grandseigneur der Logistik, Klaus-Michael Kühne von Kühne & Nagel, der inzwischen im Duisburger Hafen sein weltgrößtes Logistikzentrum betreibt. „Unternehmer lassen sich nicht von Zahlen und Marketing beeinflussen, sie folgen ihrem Instinkt“, weiß Staake. Und sie schätzen auch das Geschäft per Handschlag, das er schon „ein halbes Dutzend Mal“ hier besiegelt hat. In den ersten sieben Jahren war Ansiedlungspolitik das zentrale Thema für Staake. Waren es früher vier, sind heute 25 Nationen auf dem Hafengelände vertreten. Inzwischen positioniert Staake den Hafen als „Lösungsanbieter für logistische Wertschöpfungsketten“ für die rund 300 Unternehmen, die auf dem

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Hafengelände aktiv sind. Dazu zählt auch der Zug, der inzwischen dreimal pro Woche innerhalb von 16 Tagen Waren von Chongqing nach Duisburg bringt – doppelt so schnell wie auf dem Seeweg, aber nur halb so teuer wie per Flugzeug. Solche Angebote über die Wasserstraße hinaus bringen „nicht immer gleich mehr Umsatz“, gibt Staake zu, „aber sie schaffen neue Perspektiven und Kundenbindungen. Die Chinesen sprechen von der Wiederauferstehung der alten Seidenstraße“, erzählt der 59-Jährige begeistert. Die Passagiere der Mercator wissen davon nichts. Kapitän Bendel schweigt. Sie alle schippern gemütlich zurück Richtung Innenhafen. Wenn sie sich auf dem Weg dorthin mal reckten und dann Richtung Rheinhausen blicken würden, dann könnten sie die mächtigen Container-Umschlagkräne von Logport I sehen, auf dem Gebiet des ehemaligen Stahlwerks, dem ersten von zwei weiteren und zwei geplanten Logistikstandorten der Hafen AG. Auf den 265 Hektar von Logport I siedelten sich inzwischen 65 Unternehmen an, die von Duisburg aus ihre Waren in alle Welt schicken. Ein Meilenstein für Erich Staake. Die Zukunft, an der Erich Schauder – 55 Jahre sind seine Kindheitserinnerungen jetzt alt – „als Ingenieur mitwirken durfte“. Die Passagiere der Mercator jedoch stellen sich schon auf, um schnell vom Schiff zu kommen. Für sie war es eine Hafenrundfahrt, sonst nichts.