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Museum des Freien Derry Bitte geben Sie dieses an der Rezeption ab bevor Sie das Museum verlassen. -1- 1. Das Museum des Freien Derry Das Museum de...

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Museum des Freien Derry Bitte geben Sie dieses an der Rezeption ab bevor Sie das Museum verlassen.

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1. Das Museum des Freien Derry Das Museum des freien Derry wurde von der Blutsonntag-Stiftung errichtet, um die Geschichte der Bürgerrechtsbewegung und die Entstehung des freien Derry in den 1960er und 1970er Jahren zu erzählen. Erzählt wird die Geschichte von Menschen aus der Arbeiterklasse, die Unterdrückung ertragen mussten und sich dagegen erhoben haben. Die Geschichte wird hier aus der Sicht der Menschen erzählt. Dieses Museum ist nicht nur ein Ort der Berichte, sondern auch der Bildung, so dass jeder aus dem Kampf um das freie Derry lernen kann, so wie wir von Anderen gelernt haben. Das Museum beherbergt Artefakte aus der Zeit des freien Derry für das nationale Bürgerrechtsarchiv. Das Museum des freien Derry ist eine sozialwirtschaftliche Non-Profit-Organisation. Abbildungen: •

Plakat Volksdemokratie kurz nach dem Blutsonntag erstellt.

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2. Das Museum des freien Derry Die Bürgerrechtsbewegung in Irland hat seine tiefsten Wurzeln in Derry. Es war hier, am 5. Oktober 1968, als die Frage der Bürgerrechte im Norden zum ersten Mal die Aufmerksamkeit der Welt auf sich zog und die Polizei eine friedliche Demonstration in der Duke Street attackierte. Es war hier, als der erste „no go“ Bereich im Januar 1969 verkündet wurde und der trotzige Spruch „Sie betreten jetzt das freie Derry“ an einer Giebelwand in Bogside erschien. Es war hier, am 30. Januar 1972, dem Blutsonntag, als 14 unbewaffnete Demonstranten erschossen und 14 weitere von der britischen Armee in den Straßen rund um dieses Gebäude verletzt wurden. Es mit der Macht des Staates aufnehmend, stellten die Machtlosen den Status Quo infrage und wagten von einer anderen Welt zu träumen, in der alle Menschen einen Anspruch auf Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit haben. In diesem Museum und seinem Archiv liegt ein Teil ihres Erbes. Ihre Grabinschrift gilt dem anhaltenden Kampf für Demokratie. Dieses Museum ist all den Menschen weltweit gewidmet, die für Bürgerrechte gekämpft und gelitten haben. Abbildungen: • •

Freies Derry Ecke Kim Phuc nachdem sie einen Kranz an der Blutsonntag Gedenkstätte abgelegt hatte. Als junges Mädchen war sie durch eine Photographie bekannt geworden, die sie zeigt als sie aus ihrem Dorf Trang Bang in Vietnam, das von der US-amerikanischen Armee mit Napalm gebombt wurde, wegrennt.

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3. Eine Gemeinschaft ohne Die Geschichte der „Bogside“ wurde durch die Beziehung zweier Gemeinden charakterisiert – die eine innerhalb der Mauern, sicher, geschützt und machtvoll; die andere ohne etwas, machtlos, enteignet und unterdrückt. Die Gegend lag ursprünglich unter Wasser. Der Foyle floss rund um die Insel von Derry, die erstmals besiedelt wurde als der Fluss umgeleitet wurde. Das Gebiet trocknete in Sumpfland aus - daher der Name Bogside. Der erste bekannte Hinweis auf den Namen kam in einem Bericht von Sir Henry Docwra vor, dem Kommandanten einer englischen Macht, die im Jahr 1600 in Derry ankam. Die ersten dokumentierten Siedler in der Bogside waren 61 "britische Familien", die in einer statistischen Erhebung von 1622 aufgelistet sind. Diese Studie hatte irische Einwohner ignoriert. Sie zählten buchstäblich nicht. Von Anfang an war das Verhältnis zwischen der Bogside und der ummauerten Stadt antagonistisch. Als die englische Siedlung 1608 durch den Donegal Häuptling Cahir O'Doherty angegriffen und zerstört wurde, kamen die Angreifer über das Moor. Während der Belagerung von 1688-89 waren viele der angreifenden Kräfte in der heutigen Bogside, Brandywell und Creggan stationiert das Gebiet, welches später zum freien Derry wurde. Abbildungen: •

Frühe Karten, die den Fluss Foyle zeigen, wie er rund um die Insel Derry fließt und das Moor (= Bog) im Westen der ummauerten Stadt erzeugt.

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4. Eine Gemeinschaft ohne Der Zustrom von Migranten im gesamten 18. Jahrhundert erzeugte eine beachtliche katholische Bevölkerung in Derry. Da es den Katholiken nicht erlaubt war, innerhalb der Mauern zu leben, besiedelten die meisten Bogside. Das beständige Wachstum der katholischen Bevölkerung zeigte sich in der Erbauung der ersten katholischen Kirchen der Stadt, Long Tower (1784) und der St Eugenes Kathedrale (1851). Im 19. Jahrhundert war Bogside gewaltig überbevölkert und vorherrschend katholisch. Kleine Häuser und große Familie waren auf der Tagesordnung. Bis 1832 beherbergte Abbey Street 42 Häuser und war das Zuhause von 63 Familien. Fahan Street war mit 164 Häusern das Zuhause von 244 Familien. Ein weiterer Zustrom von Migranten während der Kartoffelhungersnot in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts machte Derry eindeutig zur katholischen Mehrheit. Konfessionelle Spannungen flackerten durch das ganze Jahrhundert. 1869 wurden 3 Menschen während gemeindeübergreifenden Auseinandersetzungen erschossen. Im gleichen Jahr wurde die katholische Arbeiter Verteidigungsvereinigung (Workingmen’s Defence Association) errichtet, um Bogside zu verteidigen. Am Ende des 19. Jahrhunderts hatten die Katholiken zwar eine klare Übermacht bei Wahlen, aber keine politische Macht. Das Londonderry Verbesserungsgesetz, 1895, (Improvement Bill) war die erste Wahlbezirksmanipulation der Stadt und stellte sicher, dass Katholiken lediglich 16 von 40 Mitgliedern des Londonderry Stadtrats wählen konnten. Abbildungen: •

Blick auf Bogside von Butcher’s Gate, circa 1830



Karte von Bogside in den 30ger Jahren des 19. Jahrhunderts

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5. Eine Gemeinschaft ohne Zu Beginn des 20. Jahrhundert wurde das katholische Derry vom parlamentarischen irischen Nationalismus beherrscht. Nationalistische Anführer und katholische Kleriker widersetzten sich jeglicher republikanischer Präsenz sogar die gälische Athleten Vereinigung wurde als „republikanischer Einfluss“ abgelehnt. Obwohl 9 Männer aus Derry nach dem Oster Aufstand 1916 interniert wurden, wurde der erste Sinn Fein „Club“ erst 1917 gegründet. Sinn Fein gewann 1918 den City of Derry Abgeordnetensitz in Westminster nach einem Wahlabkommen mit den Nationalisten. 1920 sicherte diese Allianz die Mehrheit bei der Wahl im Stadtrat und der nationalistische Hugh C O’Doherty wurde der erste katholische Bürgermeister der Stadt seit 1688. Die Wahlbezirksmanipulation von 1922 stellte die unionistische Minderheitsherrschaft wieder her. Als Reaktion darauf boykottierten nationalistische Stadträte für die nächsten 10 Jahre den Stadtrat. Zu Spannungen kam es in ganz Irland während des Unabhängigkeitskrieges von 1919-21. Im Frühjahr und Sommer des Jahres 1920 wurden 40 Menschen in der Stadt bei Auseinandersetzungen zwischen Republikanern und einer Allianz von Loyalisten und britischen Streitkräften getötet. Als 1920 das Regierungsgesetz von Irland (Government of Ireland Act) verabschiedet wurde und die Aufteilung 1921 Realität wurde, war das nationalistische Derry preisgegeben, ein sehr unglücklicher Abschnitt für den Norden. Abbildungen •

Frühes politisches Wandgemälde die britische Armee satirisch darstellend, Abbey Street, 20er Jahre des 19. Jahrhunderts.



Hugh C O’Doherty, katholischer Bürgermeister von Derry 1920, der erste Katholik seit 1688, der dieses Amt innehatte.



Kommandant James McGlinchey, 1st Derry Regiment Irish Volunteers, Celtic Park, 1914.

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6. Eine Gemeinschaft ohne Nach der Abtrennung begann die Unionistische Partei (Unionist Party) damit, „einen protestantischen Staat für ein protestantisches Volk“ zu erschaffen – aufgebaut auf einem „Fundament von konfessioneller Diskriminierung, voreingenommener Verwaltung und einem Trommelfeuer an totalitärer Gesetzgebung, die sowohl den Unionismus schützte als auch der nichtunionistischen Bevölkerung ein starkes Gefühl sozialer Ungerechtigkeit einimpfte.“ (Northern Ireland Civil Rights Association, 1978.) Unionistische Führer leiteten den Norden auf der Basis, dass, wenn etwas den Katholiken gegeben wurde, es den Protestanten weggenommen würde. Protestanten der Arbeiterklasse wurden dahingehend genötigt, Gleichheit für Katholiken als Bedrohung ihres Status-Quos zu sehen. Katholiken waren nahezu von Jobs im öffentlichen Dienst ausgeschlossen, gleichzeitig wurden private Arbeitgeber dazu gedrängt, nur „loyale Männer und Frauen“ zu beschäftigen. Eine wirkliche Opposition zu der unionistischen Regierung war nicht erlaubt. Das Gesetz über Sonderzuständigkeiten (Special Powers Act) und die Polizei und die Sonderpolizeitruppen – eigentlich militante Unionisten, bewaffnet und in Uniform – wurden alle als Mittel sektiererischer Politik benutzt. Es gab Zeiten, da wurde ein Polizeibeamter für jede zweite katholische Familie im Norden eingesetzt. Während der 50 Jahre der Stormont Herrschaft betrieben die aufeinanderfolgenden britischen Regierungen, welche die endgültige Macht über den Norden, einschließlich Stormont behielten, eine Politik des „aus den Augen aus dem Sinn“. Abbildungen: •

Plakat, welches die besondere Beziehung zwischen der Unionistischen Partei und den „B Specials“ satirisch darstellt.



Die Bogside in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts.

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7. Eine Gemeinschaft ohne Derry war das krasseste Beispiel für anti-katholische Diskriminierung im NordStaat. Eine dritte Wahlkreisverschiebung im Jahre 1936 stellte sicher, dass die nationalistische Mehrheit lediglich 8 der 20 Mitglieder des Stadtrats wählen konnten. Nationalistische Wähler wurden in einen von drei Bezirken zusammengepfercht – den überfüllten Süden, der das Gebiet Bogside und Brandywell abdeckte. Jemandem eine Wohnung zu geben, bedeutete ihm eine Wahlstimme für die Regionalregierung zu geben. Der ausschlaggebende Faktor in Bezug darauf wer eine Behausung bekam und wo, war die Bewahrung der sektiererischen Arithmetik, mit welcher die kontinuierliche unionistische Herrschaft gesichert wurde. Die gesamte Wohnungsvergabe war in der Hand einer Person – dem unionistischen Bürgermeister. Als der Platz in Bogside knapp wurde, wurde 1947 mit dem Bau von Creggan begonnen, auf einem hohen windigen Hügel, in jeglicher Hinsicht ungeeignet – mit Ausnahme der Lage im Süd-Bezirk. Weder die katholische Kirche noch die Nationalistische Partei boten energisch Widerstand. Die Regelung ließ Katholiken sich rund um „ihre“ Schulen und Kirchen scharen. Zwischen 1945 und 1960 waren 92% aller Wohnungen, die an Katholiken vergeben wurden, innerhalb des Süd-Bezirkes. Derry litt auch unter massiger Diskriminierung in Bezug auf Beschäftigung. Unionistische Politiker dirigierten Industrien in unionistische Gebiete. Die durchschnittliche Arbeitslosenrate für den Norden betrug 8%. Sie war viel höher in nationalistischen Gebieten. In Derry war sie deutlich über 20%. Abbildungen: •

Creggan gebaut, um mehr Katholiken im Süd-Bezirk einzupferchen.



Die überfüllte Bogside.

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8. Eine Gemeinschaft ohne Das nationalistische Derry lebte sich in eine resignierte politische Routine ein, die bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts dauerte. Fast alle nicht-unionistische Stadträte und Abgeordneten kamen aus der Nationalistischen Partei. Mit voller Unterstützung der katholischen Kirche hieß es, dass die Nationalisten nicht so sehr gewählt als vielmehr gesalbt waren. In der Stadt begaben sich die Republikaner nach der Teilung in den Untergrund, beschränkt auf kleine Gruppen von Veteranen aus vergangenen Kämpfen. Die eigentliche, aber nicht erfolgreiche, Herausforderung der Nationalistischen Partei kam von Labour und gewerkschaftlichen Gruppen. Ein Besuch der Stadt durch Eamonn DeValera im Jahre 1951 entfachte wieder eine nationalistische Stimmung. Als Marschierer im gleichen Jahr versuchten am St. Patricks Tag eine Trikolore in die ummauerte Stadt zu tragen, wurden sie von der Polizei übel zugerichtet und aus den Straßen gejagt. Das gleiche passierte im darauffolgenden Jahr. Inhaftierung ohne Gerichtsverfahren wurde gegen Republikaner in den 40er Jahren und dann wieder in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts eingeführt. Indessen gab es sehr wenig IRA Aktivitäten in der Stadt, selbst während der „Grenz-Kampagne“ zwischen 1956 und 1962. Es gab viel Groll gegen die Inhaftierung einer kleinen Zahl örtlicher Männer, aber keinen Massenprotest. Nationalisten in Derry traten nach 4 Dekaden der Unterdrückung ohne wirkliche Führung in die 60er Jahre ein. Abbildungen: •

DeValera in Derry.



Bishop Street in den 1940er Jahren – Kein König hier



St Columb’s Brunnen in der Bogside.

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9. Eine Gemeinschaft ohne Ende der 1960er Jahre prahlte der britische Premierminister Harold Macmillan: „Wir hatten es nie so gut“. Aber in Derry ging es den Menschen so schlecht wie nie. Nur Hausbesitzer konnten bei örtlichen Wahlen wählen. Geschäftsleute hatten Mehrfachstimmen. Das manipulierte System funktionierte immer noch. Somit war eine Stadt mit einer nationalistischen Mehrheit von 67% immer noch unter unionistischer Herrschaft. Das ging einher mit menschlichen Kosten. Im Süd-Bezirk lebten über 20% in Häusern, die offiziell als überfüllt eingestuft waren, vergleichsweise dazu lebten weniger als 6% im Nord-Bezirk und 8% im Bezirk Waterside. Ein Arzt schrieb von 26 Menschen, die in 2 Zimmern eines abbruchreifen Hauses in Walkers Square wohnten. Als die Stadt keinen Platz mehr hatte, um mehr Nationalisten in den Süd-Bezirk zu stopfen, wurden die Betonsilos, die Roseville Flats, gebaut - in die Höhe ausdehnend, da man nicht in die Breite bauen wollte. Massenarbeitslosigkeit war vorherrschend. Nur 6 moderne Fabriken entstanden in Derry, wo die Arbeitslosigkeit bei ca. 20% lag. 13 waren in Lurgan gebaut worden, wo die Arbeitslosigkeit durchschnittlich 6% betrug und 10 in Bangor mit 4% Arbeitslosigkeit. Die Aussichten für die Arbeiterklasse in Derry waren schlimmer als je zuvor. Es gab ein wenig Arbeit für Frauen in Nähereien (Hemden Fabriken). Aber bei Männern betrug die Arbeitslosigkeit knapp 30%.

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10. Bürgerrechte Im Jahr 1955 weigerte sich Rosa Parks im Bus in Birmingham, Alabama, hinten zu sitzen. Im Jahr 1957 musste die National Garde neun schwarze Schulkinder an rassistischen Demonstranten in Little Rock, Akansas, sicher vorbei geleiten. Im März 1960 wurden 60 anti-Apartheit Demonstranten in Sharpeville, Südafrika, erschossen. Im August 1963 versammelten sich 200.000 Bürgerrechtler in Washington, um Martin Luther Kings Ausruf „Ich habe einen Traum“ („I have a dream“) und Bob Dylans Darlegung „nur eine Schachfigur in ihrem Spiel“ (“Only a pawn in their game”), womit die Manipulation der weißen Armen durch rassistische Politiker betont wurde, zu hören. Zunehmend alarmiert durch Ereignisse in der Welt, beobachtete Derry den Kampf für Gerechtigkeit in den USA, Südafrika und anderswo. Einige dachten über die Möglichkeit dessen als Handlungsmodelle zum auskurieren lokaler Missstände nach. Und in der Grafschaft Tyrone versammelten sich 1963 in der Stadt Dungannon Demonstranten vor dem Gebäude der Ratssitzung mit Plakaten auf denen stand: „Wenn unsere Religion gegen uns ist, verfrachtet uns nach Little Rock.“ Diese Demonstration führte zur Bildung der Kampagne für soziale Gerechtigkeit, die erste Bürgerrechtsorganisation im Norden. “We Shall Overcome” wurde zur Hymne der Bürgerrechtsbewegung in Irland. Abbildungen: •

Plakat die Einstellung Rosa Parks, 1955, gedenkend.



Bürgerrechtsdemonstration in den USA



Dr Martin Luther King Jr.

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11. Bürgerrechte Im Jahr 1963 löste der “liberale” Terence O’Neill den Traditionalisten Lord Brookeborough als unionistischen Premierminister des Nordens ab. Der Nachfolger von De Valera, der pragmatische Sean Lemass, war der erste Taoiseach, der Stormont besuchte. Die Rede war von einer neuen Epoche und Fairness für alle. Neue multinationale Industrien mit keinem rechtmäßigen Interesse am Unionismus schienen faire Beschäftigung anzukündigen. Aber die „Modernisierung“ unter O’Neill brachte Derry keinen Nutzen. Eine der letzten beiden Bahnverbindungen der Stadt, die Great Northern Line nach Dublin, wurde aufgrund des Benson Berichtes im Jahr 1964 gestrichen. Im gleichen Jahr identifizierte der Matthew Plan Portadown/Lurgan und nicht Derry als das Hauptzentrum für Entwicklung im Norden. Eine neue Stadt, Craigavon wurde vorgeschlagen. Der Lockwood Bericht teilte die zweite Universität des Nordens nicht der zweiten Stadt, sondern dem unionistischen Coleraine zu. Eine Protest-Autokolonne nach Belfast im Jahr 1965, angeführt von katholischen Fachkräften und Geschäftsleuten, hatte keinen Erfolg die Entscheidung rückgängig zu machen. Der einzige große Arbeitgeber im Süd-Bezirk, Birmingham Sound Reproducer (BSR), gegründet im Jahr 1951 in der Blighs Lane, schloß im Jahr 1967 mit einem Verlust von 1.000 Arbeitsplätzen. Die Arbeitslosenquote der Stadt, welche auf ein Nachkriegsniveau von 10,1% im März 1966 gesunken war, schnellte zurück auf 20,1%. Wieder einmal Normalität. Abbildungen: •

Aktivisten der Universität, einschließlich John Hume und Eddie McAteer vor (dem Parlamentsgebäude) Stormont



Kampagne der Universität für Derry am Guildhall Square, 1965

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12. Bürgerrechte Die Schließung von BSR im Jahr 1967 führte dazu, dass örtliche Gewerkschafter das Derry Arbeitslosen Aktionszentrum (Derry Unemployed Action Committee – DUAC) gründeten. Streikposten, Kundgebungen und Proteste wurden organisiert. Das Derry Wohnungsaktionskomitee (Derry Housing Action Committee - DHAC) folgte. Ursprünglich von einer ultra linken Gruppe am Magee College gegründet, gewann das DHAC schnell die Unterstützung von Republikanern und anderen durch eine Strategie der direkten Aktion. Unter Anderen war Brigid Bond prominentes Mitglied, als Vorsitzende der Bürgerrechtsvereinigung von Derry am Blutsonntag. Die Besetzung eines Hauses in der Harvey Street, verhinderte, dass eine Familie gewaltsam ausquartiert wurde. Wohnungslose Familien wurden in nicht mehr genutzte Gebäude gesetzt. Öffentliche Feierlichkeiten und Ratssitzungen wurde regelmäßig gestört. Die NICRA (Northern Ireland Civil Rights Association) wurde im Januar 1967 auf einer öffentlicher Sitzung in Belfast gegründet. Dem aus 13 Mitgliedern bestehenden Ausschuss gehörten Vertreter folgender Organisationen an: des in Dungannon angesiedelten Komitees für soziale Gerechtigkeit, der republikanischen Clubs, der Labour Party von Nord-Irland (NILP), der Liberalen Partei Ulster (Ulster Liberal Party), der kommunistischen Partei Irlands und des irischen Gewerkschaftsdachverband (Irish Congress of Trade Unions). Für die nationalistische Partei war die NICRA ein Rivale und sie lehnte es ab, Mitglied zu werden. Die Gründung der NICRA reflektierte die größere Relevanz der Belange, welche die Aktivisten von Derry bereits beseelten. Das DUAC und DHAC besetzen viele der Themen, welche der neuen Vereinigung entsprachen. Bis zum Jahr 1970 entstand keine NICRA Gliederung in Derry. Abbildungen: •

DHAC Protest in der „Guildhall“, 1968.



Wohnungslose Familien veranstalten einen sit-in Protest in der Kammer der Guildhall, 1968



DHAC Protest vor dem Gerichtsgebäude in der Bishop Street.

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13. Bürgerrechte Alarmiert durch den Anstieg des politischen Radikalismus, warnte der katholische Bischof von Derry, Dr. Neil Farren, junge Katholiken zu Ostern 1968 in einem Hirtenbrief „sich nicht vom Mob leiten zu lassen.“ Im August organisierte NICRA die erste Bürgerrechtsdemonstration des Nordens, von Coalisland nach Dungannon. Die Polizei riegelte das Stadtzentrum von Dungannon ab. Eine brutale Konfrontation – nach späteren Maßstäben ziemlich zahm – machte im Norden und im Süden Schlagzeilen. Mitglieder vom DHAC kontaktierten NICRA zwecks Billigung der Bürgerrechtsdemonstration in der Stadt. Es wurde ein ad-hoc Organisationskomitee gebildet. Dieses bestand aus Vertretern vom DHAC, der Derry Untergliederung der NILP, den Jungen Sozialisten der NILP, den republikanischen Clubs und der James Connolly Gesellschaft. Die Demonstration war für Samstag, den 5. Oktober, angesetzt. Am 3. Oktober verbot die Stormont Regierung die Demonstration auf Basis der Gesetzgebung zur öffentlichen Ordnung. Am 4. Oktober machte das ad-hoc Komitee den Vorstand der Belfast NICRA und andere nieder und votierte dafür, sich dem Verbot zu widersetzen. Die Demonstration, vermutlich nur 500 Teilnehmer, einschließlich Studenten der Queens Universität in Belfast, wurde zwischen Polizeilinien eingeschlossen, dann zerschlagen und durch die Duke Street in die Waterside getrieben. Nur eine Minderheit von Anti-Unionisten aus Derry hatte die Demonstration unterstützt. Aber im Nachhinein sorgte die Wut über die brutale Gewalt der Polizei jetzt für eine mehrheitliche Befürwortung. Abbildungen •

Plakat zur Demonstration am 5. Oktober. Das Plakat war in rot, weiß und blau gedruckt worden, um Protestanten der Arbeiterklasse dazu zu bewegen, an der Demonstration teilzunehmen.



Polizei verhaftet Bürgerrechtsdemonstranten in der Duke Street, 5. Oktober 1968.

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14. Bürgerrechte Durch die Angriffe der Polizei auf der Demonstration wurde die Wahrheit über die unionistische Herrschaft quer durch die Welt im Fernsehen verbreitet. Am 9. Oktober wurde das 15-köpfige, nur aus Männern bestehende, Derry Bürger Aktionskomitee (Derry Citizens’ Action Committee - DCAC) gegründet, darunter waren katholische und protestantische Geschäftsleute und die meisten der Organisatoren vom 5. Oktober. Shiela McGuinness wurde nach Protesten von Frauen hinzugewählt, was auf erste Anzeichen der Frauenemanzipationsbewegung hinweist. Studenten der Queens Universität gründeten eine Volksdemokratie, um durch direkte Aktionen weiterzukommen. Eine mit 10.000 Teilnehmern starke Demonstration nahm die Route vom 5. Oktober und verlief friedlich. Es gab große NICRA Demonstrationen an anderen Orten. Viele endeten in Auseinandersetzungen mit der Polizei. Im November verkündete die O’Neill Regierung Reformern, darunter eine Revision des Gesetzes über Sonderzuständigkeiten (Special Powers Act), die Abschaffung des Stadtrats von Londonderry und ein universelles Wahlrecht der örtlichen Regierung. Anti-Reform Unionisten in O’Neills Partei verpflichteten sich zum Widerstand. Dr. Ian Paisley führte Straßenproteste gegen die Veränderung an und sah Blutvergießen voraus. Das DCAC plädierte für eine Aussetzung der Demonstrationen, um O’Neills Vorschlägen eine Chance zu geben. Aber am Neujahrstag machte sich die Volksdemokratie auf den Weg, um von Belfast nach Derry zu marschieren. Die Marschierer wurden wiederholt von Loyalisten angegriffen. Bei Burntollet, außerhalb Derrys, schloss sich die Polizei den Attacken an. In der Bogside war man schockiert. Jugendliche verbarrikadierten das Gebiet. In den frühen Stunden des 5. Januar traf eine Polizeiinvasion auf Massenwiederstand. Abbildungen: •

Verletzte Marschierer als Loyalisten und „B Specials“ den Marsch der Volksdemokratie von Belfast nach Derry im Januar 1969 angriffen. In der Mitte ist Tommy Carlin.



Ein paar Hundert marschierten im Oktober, Zehntausende im November.



Belfast Telegraph, 27. November 1968.

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15. Freies Derry Ein Slogan aus einem Sit-in der Universität von Berkeley wurde auf eine Giebelwand geschrieben: „Sie betreten jetzt das freie Derry“. Radio „Free Derry“ sendete von den Wohnblöcken der Rossville Street aus. Das freie Derry war geboren. Übergriffen der Polizei widerstand man und sie wurden größtenteils abgewehrt. In der Stormont Wahl, im Februar, besiegte der DCAC Vizevorsitzende John Hume den Nationalisten Eddie McAteer für den Bezirk Foyle. Die Bürgerrechtskandidaten gewannen überall gut an Stimmen. Innerhalb des Unionismus drangen antireformistische Kanditaten gestärkt empor. Der Bürgermeister James Chichester-Clarke löste Terence O’Neill ab. Parallel zueinander wuchs die Forderung nach und der Widerstand zu Reformen. In vielen Städten gab es Auseinandersetzungen zwischen Bürgerrechtlern und Unionisten. Die Polizei intervenierte auf Seiten der Unionisten. Am 19. April platzte die Polizei in eine Wohnung in der William Street und richtete Sammy Devenny (42) und seine Familie übel zu. In der Brandywell zog ein Polizist eine Schusswaffe und feuerte zweimal – die ersten Schüsse des Konflikts in der Stadt. Das DCAC, das sich zum Zwecke moderater Ziele zu rechtsstaatlichen Kampagnen verpflichtet hatte, verschwand von der Bildfläche. Marschierer vom Oranier Orden feierten die Schlacht am Boyne und entfachten Gewalttätigkeiten am 12. Juli. Bei den Unity Wohnblöcken in Belfast wurden Schüsse abgefeuert. Die britische Armee wurde in Derry in Bereitschaft gehalten. Sammy Devenny starb am 16. Juli. Sein Begräbnis war das größte, das man je in der Bogside gesehen hatte. Abbildungen:



Bürgerrechtsplakat, das den unionistischen Chichester Clark, 1969, satirisch darstellt.

Premierminister,

James

• Ein handgeschriebenes Gekritzel an der Wand von Lecky Road Nr. 33. •

Radio Freies Derry.

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16. Freies Derry Ende Juli verkündigte der republikanische Club, dass die Bürgerverteidigungsvereinigung von Derry gegründet worden war, um das DCAC zu ersetzen. Sein Zweck war es, „die Gegend zu verteidigen.“ Die meisten aktiven Gruppen in der Bogside nahmen dies hin. Am 12. August wurden Vorbereitungen zur Abwehr jeglicher Übergriffe getroffen, als eine jährliche Prozession der „Apprentice Boys“ durch die Stadt der Belagerung von 1688 gedachte. Benzinbomben, Steine und Material zum bauen von Barrikaden wurden nahe am Eingang zu diesem Gebiet gelagert. Eine zweite Attacke der Polizei / Loyalisten auf die Unity Wohnblöcke in Belfast am 2. August intensivierte die Befürchtungen der Menschen von Derry. Die Unionisten von Derry sahen die „Apprentice Boys“ Prozession als Kennzeichen einer resoluten Haltung ihrer Vorfahren gegen Despotismus und das göttliche Recht der Könige. Bogsider empfanden dies so glaubhaft wie eine jährliche Erinnerung ihres geringeren Status in ihrer eigenen Stadt. Jüngste Ereignisse trugen dazu bei, die Akzeptanz dieses Status zu vertreiben. Im Vorgriff wurden am 11. August spät in der Nacht Barrikaden errichtet. Der Vorsitzende der DCDA, Sean Keenan, sagte auf einer Kundgebung im Celtic Park der GAA: „Wenn wir kämpfen müssen, dann lasst uns dies um Gottes Willen als friedensliebende Menschen tun.“ Britische Truppen wurden in Bereitschaft gehalten, um einzugreifen falls die Polizei nicht in der Lage war, am 12. August für Ordnung zu sorgen. Abbildungen: •

Die Polizei am Rande der Bogside, Juli 1969.



Die Beerdigung von Sammy Devenny, Juli 1969.



Wandgemälde, den Befund darstellend, dass Polizeibeamte betrunken waren als sie die Bogside im Januar 1969 angriffen.

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17. Der Kampf der Bogside Am 12. August trafen Tausende von „Apprentice Boys“ Vorbereitungen, durch ein Derry zu marschieren, das vor Angst und Unmut kochte. Als der Marsch an der Bogside vorbeikam, wurde er johlend und Steine werfend begrüßt. Die Polizei, unterstützt von Loyalisten. versuchte die Protestierer zurückzudrängen. Im Unterschied zu früheren Übergriffen, waren die Bogsider jetzt vorbereitet. Bestehende Barrikaden wurden verstärkt und neue wurden errichtet. Vorräte an Benzinbomben und Steinen wurden herbeigeschafft. Nach Kämpfen, die 3 Tage und 2 Nächte anhielten, konnten die Bogsiders die Barrikaden halten. Das Gebiet war erfolgreich vom nördlichen Staat getrennt. Freies Derry war wiedergeboren. Hunderte von jungen Verteidigern, mit aktiver Unterstützung der gesamten Gemeinschaft, sicherten die Eingrenzung des Gebiets und die Kommandohöhen auf den Dächern der Rossville Wohnblöcke. Steine und Benzinbomben kämpften gegen Polizeistöcke, Gewehre und gepanzerte Fahrzeuge. Die Polizei verschoss über 1.000 Kanister mit CS-Gas in dem Gebiet. Am 14. August drängten die Bogsider eine entkräftete Polizei zurück in das Stadtzentrum. Zur gleichen Zeit konnte man „B Specials“ sehen, die hinter den Polizeilinien mobilisierten. Um 16.00 Uhr am 14. August, als in Derry Vorbereitungen einer Konfrontation zwischen Bogsidern und B Specials getroffen wurden, wurden Soldaten vom „Prince of Wales“ Regiment rund um das Gebiet stationiert. Abbildungen: •

CS Gas regnet auf die Verteidiger der Bogside hinunter.



Jugendliche nehmen eine unbezwingbare Position auf dem Dach der Rossville Wohnblöcke ein.



Parlamentsmitglied Bernadette Devlin auf den Barrikaden in Rossville St. am 12. August 1969.

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18. Der Kampf der Bogside Als der Kampf tobte, bat die DCDA um dringende Unterstützung und forderte am Abend des 13. August, dass „jeder kräftige Mann (sic) in Irland“ nach Derry kommen sollte, um die Bogside zu verteidigen - „wir brauchen Sie, wir werden Ihnen Essen geben“ – und rief zu Protesten im Norden auf, um „den Druck von Derry zu nehmen“. Noch am gleichen Abend veröffentlichte der irische Taoiseach Jack Lynch einen Appell für eine UN-Friedenstruppe, um in den Norden vorzudringen, kündigte die Einrichtung irischer Militärkrankenhäuser an der Grenze an und erklärte, dass Dublin „nicht mehr länger untätig zuschauen würde“. Als Antwort auf den DCDA Appell wurden in Newry, Strabane, Belfast und anderen Städten Proteste organisiert. Viele endeten in Gewalt, die polizeilichen Reserven waren bis an die Grenze der Belastbarkeit angespannt und es wurde verhindert, dass Verstärkung nach Derry durchkam. Die schlimmsten Ausschreitungen waren in Belfast, wo schwelende sektiererische Ressentiments offen ausbrachen. In 2 Tagen wurden 7 Menschen in Belfast getötet, Tausende wurden wohnungslos und ganze Straßen in katholischen Gebieten - Bombay Street, Hooker Street und andere – wurden bis auf die Grundmauern vom Mob niedergebrannt. Vier Katholiken, darunter ein neunjähriger Junge, wurden von der Polizei getötet. Zwei Protestanten wurden von der IRA getötet. Ein Republikaner wurde von einem Loyalisten umgebracht. Die britische Armee griff in Belfast nicht vor dem 15. August ein. Abbildungen: •

Britische Soldaten rund um die Bogside Stellungen beziehend, 14. August 1969.



“B Specials” am Waterloo Platz.



Junge Verteidiger.

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19. Freies Derry Das Erscheinen britischer Truppen wurde als Sieg über die Polizei und den Unionismus gesehen. Das freie Derry feierte mit dem Freiheitsfestival (Freedom Fleadh). Einige warnten, dass die britische Armee gekommen sei, um Stormont zu retten, aber für die meisten, die auf den Barrikaden gewesen waren, bedeutete dies das Ende der Kämpfe und ein Puffer zwischen ihnen und der Polizei, den „B Specials“ sowie den Loyalisten. Die ersten britischen Soldaten wurden mit Tee und einem Lächeln begrüßt. Aber innerhalb von Tagen benutzte die britische Armee das verhasste Sonderzuständigkeitsgesetz (Special Powers Act), um katholische Wohnungen zu überfallen. Da eine politische Regelung fehlte, wurden die Soldaten mehr und mehr mit der unionistischen Herrschaft in Verbindung gebracht. Selbst die Reform der Polizei, als Folge von Duke Street vorgeschlagen, wurde nun als „zu wenig zu spät“ angesehen. Das freie Derry konnte mit Stormont nicht versöhnt werden. Für viele junge Menschen, trat die Armee an die Stelle der Polizei als der bewaffnete Flügel des Unionismus und Zusammenstöße wurden zunehmend alltäglich. Abbildungen: •

Freies Derry feiert mit dem Freiheitsfestival (Freedom Fleadh)



Mitglieder der DCDA, darunter Paddy “Bogside” Doherty, ersetzen die Barrikaden mit symbolischen weißen Linien. Diese Linien wurde von der britischen Armee nie ohne Erlaubnis überschritten.



Britische Militärpolizei und Polizei wurden ins freie Derry herein gelassen, Oktober 1969

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20. In Richtung Krieg Zum April 1970 als Republikaner in Derry dem Osteraufstand gedachten, waren die Zusammenstöße zwischen jungen Menschen und der britischen Armee zu einem täglichen Ereignis geworden. Die Uneinigkeit darüber, wie man mit einer stark veränderten Situation umgehen sollte, hatte dazu geführt, dass sich die republikanische Bewegung im Januar 1970 in "Officials“ („Offizielle“) und „Provisionals“ („Provisorische“) spaltete. Beide Gruppen hatten von den Ereignissen seit 1968 profitiert. Rekruten waren in den Reihen der jugendlichen Randalierer relativ einfach zu finden. Generell war die Unterstützung für Republikanismus unter den im Norden lebenden Katholiken größer als je zuvor. Beide IRAs begannen mit Vorbereitungen für eine bewaffnete Kampagne. Im Juni 1970 wurden drei IRA-Mitglieder, Thomas McCool (40), Joseph Coyle (40) und Thomas Carlin (55), zusammen mit zwei von McCool's Töchtern, Bernadette (9) und Carol (4), in einer zu früh ausgelösten Explosion in Creggan getötet. Die Männer hatten Bomben vorbereitet für den Einsatz bei Unruhen, die nach der Festnahme von Bernadette Devlin MP(Parlamentsmitglied) wegen ihre Beteiligung an der Schlacht auf der Bogside ausgebrochen waren. Sie war zu vier Monaten Gefängnis verurteilt worden. Im Oktober 1970 gab es weitere Ausbrüche schwerer Unruhen. Etwa zur selben Zeit kamen die ersten Anzeichen für eine begrenzte IRA-Kampagne, mit sieben Bombenexplosionen zwischen dem 15. September und dem Ende des Jahres. Abbildungen: •

Britische Armee in Aktion in der Westland Street.



Feuern von CS Gas auf die britische Armee



Rossville Street, Ostern 1970.

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21. In Richtung Krieg Im Jahr 1971 war eine stetige Zunahme der Gewalt im Norden zu beobachten. Der erste britische Soldat, der in Derry starb, war durch eine Bombardierung mit Benzinbomben in der Westland Street am 1. März ums Leben gekommen. Im Juli töteten Soldaten Seamus Cusack (28) und Desmond Beattie (19). Eine Kluft, die niemals überbrückt wurde, tat sich zwischen der britischen Armee und der örtlichen Gemeinschaft auf. Am 8. Juli war Cusack in der William Street erschossen worden. Aus Angst vor Verhaftung, brachte man ihn nicht ins örtliche Krankenhaus, sondern er verblutete zu Tode auf dem Weg nach Letterkenny, 22 Meilen von Donegal entfernt. Er war unbewaffnet als er erschossen wurde. Aber die britische Armee, ein Exempel statuierend, stufte ihn als Schützen ein. In den Auseinandersetzungen, die folgten, wurde Beattie in der Bogside todgeschossen. Die Armee bezeichnete ihn als Bombenleger. forensische Tests bewiesen, dass er nicht mit Sprengstoff hantiert hatte. Die Reaktion waren intensive, nachhaltige Ausschreitungen, eine Belagerung des britischen Stützpunktes in Bligh’s Lane und eine Reihe von IRA Angriffen. Als eine Forderung von der neu gegründeten SDLP nach einer öffentlichen Untersuchung abgelehnt wurde, zog sich die Partei aus Stormont zurück. Eine "Volksuntersuchung" - unter dem Vorsitz von Tony (Lord) Gifford - erwies die Unschuld von Cusack und Beattie. Am 24 Juli wurde Damien Harkin (9) von einem LKW der britischen Armee in der Bogside zerquetscht. Abbildungen: •

Britische Armee in der William Street.



Kinder protestieren gegen das rücksichtslose Fahren der britischen Armee. Zwei ansässige Kinder wurden von Fahrzeugen der britischen Armee im Jahre 1971 getötet.



IRA in Creggan.

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22. Inhaftierung Als die Gewalt stieg, führte die britische Regierung auf Drängen unionistischer Führer in Stormont die Inhaftierung ohne Gerichtsverfahren ein. Diese Maßnahme war seit der Gründung des Staates schon immer gegen Republikaner benutzt worden. Mit der “Operation Demetrius“ in den frühen Morgenstunden am 9. August stürmten Soldaten und Polizisten in Wohnungen und verhafteten 342 Männer quer durch den Norden. Ihre Spionage erwies sich als falsch. Die Operation schadete der IRA nicht merklich. 16 Männer waren in Derry verhaftet worden, nicht alle davon waren Republikaner. Hugh Herron (31) niedergeschossen.

wurde

von

einem

Soldaten

in

Henrietta

Street

Die Inhaftierung erzürnte das nationalistische Derry. Barrikaden wurden wieder errichtet und Freies Derry enstand wieder. Bewaffnete IRA Patrouillen erschienen öffentlich. Innerhalb von Stunden wurden 6 britische Soldaten verletzt. Quer durch den Norden wurden innerhalb von 48 Stunden nach der Inhaftierung 17 Personen getötet, darunter der erste britische Soldat, der in Derry erschossen wurde. Ca. 7.000 Menschen flüchteten aus ihren Wohnungen. Die Frage der Inhaftierung vereinigte die Meinungen im freien Derry in einer Art wie sie seit 1969 nicht mehr da gewesen war. Verärgerte Proteste wurden ein tägliches Ereignis. Eine Kampagne des zivilen Ungehorsam wurde gemacht. Über 130 nicht-unionistische Stadträte zogen sich aus den Bezirksstadträten zurück. Ein Pacht-, Miet- und Abgabenstreik wurde in Gang gesetzt. Die Wut stieg als man erfuhr, dass einige der Inhaftierten – „Die Männer mit Kapuze“ (“The Hooded Men”) – gefoltert worden waren. Abbildungen: •

Nachrichten über Folterungen der Inhaftierten sickerten schnell durch, was zu größeren Verstimmungen und Widerstand in Gebieten wie dem freien Derry führte.



Das Frauen Aktionskomitee von Derry protestiert gegen die Inhaftierung.



IRA Führer geben eine Pressekonferenz in der Bogside nach der Inhaftierung. Von links nach rechts: Martin McGuinness, Daithí Ó’Conaill, Seán MacStiofáin, Seamus Twomey.

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23. Freies Derry Am 18. August kam die Reaktion der britischen Armee auf das wiedergeborene freie Derry. Über 1.300 Truppen, mit Hubschraubern und gepanzerten Fahrzeugen, begannen die Barrikaden abzubauen. IRA Freiwilliger Eamonn Lafferty (19) wurde während dieser Operation in einer Schießerei getötet. Die Barrikaden wurden so schnell wie sie abgebaut worden waren, wieder aufgebaut. John Hume und zwei weitere SDLP Führer wurden während eines Protestes gegen die britischen Übergriffe verhaftet. Annette McGavigan (14) wurde von der britischen Armee am 6. September erschossen, an dem Tag, an dem die 3 SDLP’ler vor Gericht erschienen. Anfang September begann die britische Armee mit großangelegten Übergriffen auf das freie Derry. Gary Gormley (3) wurde am 9. September in seinem Kinderwagen von einem gepanzerten Wagen zu Tode gequetscht. Sein Tod ist offiziell als tragischer Unfall dokumentiert. Am 14. September wurde William McGreanery (41) von britischen Soldaten, die am Armee Beobachtungsposten Bligh’s Lane stationiert waren, erschossen. Am 6. November wurde Kathleen Thompson (47), Mutter von 6 Kindern, von einem britischen Soldaten erschossen als sie in ihrem eigenen Garten im Rathlin Drive in Creggan, stand. Am Ende des Jahres 1971 waren 7 britische Soldaten im freien Derry getötet worden. Ein IRA Freiwilliger war während eines Einsatzes getötet worden. Britische Soldaten hatten 8 Zivilisten getötet. Abbildungen: •

IRA in der Brandywell.



Protestierer gegen die britischen Angriffe auf das freie Derry werden mit Wasserpistolen durchnässt.



Angriffe der britischen Armee auf das freie Derry.

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24. Blutsonntag Britische und unionistische Politiker kochten in Anbetracht des freien Derrys. Aber die Inhaftierung hatte die Entschlossenheit des Gebietes verhärtet. Am Weihnachtstag 1971 brachen die PD und Sinn Fein das Marschierverbot. Am 2. Januar verkündete NICRA, dass sie dem Beispiel folgen werde. Die “illegalen” Märsche riefen die Wut des Establishments hervor. Hunderte aus Derry nahmen am 22. Januar an einem NICRA Marsch zum Magilligan Internierungslager teil. Filme von britischen Fallschirmjägern, welche die Marschierer am Strand von Magilligan tätlich angriffen, entbrannten weitere Gefühle. NICRA kündigte einen Derry Marsch für den 30. Januar an. Die unionistische Regierung, nun von Brain Faulkner angeführt, forderte, dass die Briten das freie Derry zerschlugen. Zwei Abgeordnete aus den Reihen von Faulkner traten zurück und gaben als Grund die „butterweiche“ Vorgehensweise in die „no-go“ Gebiete an. Der britische Befehlshaber der Landstreitkräfte, General Robert Ford, schrieb von der eventuellen Notwendigkeit, „einzelne Rädelsführer“ junger Bogsider „zu erschießen“. Am 27. Januar tötete die IRA zwei Polizeibeamte aus einem Hinterhalt in der Creggan Road. Am 28. Januar stimmte ein britischer Kabinettsausschuss den Sicherheitsplänen für den Derry Marsch zu. Am 29. Januar warnte eine Armee- / Polizeiverlautbarung, dass jegliche Gewalt am nächsten Tag den Veranstaltern des Marsches angelastet werden würde. Unruhen in der William Street endeten damit, dass die beiden Teenager Peter McLaughlin und Peter Robson durch Schüsse der Armee verwundet wurden. Am nächsten Morgen kamen Meldungen, dass britische Fallschirmjäger in Derry gelandet seien. Abbildungen: •

Bürgerrechtsmarschierer stehen der Brutalität der britischen Armee am Strand von Magilligan am 22. Januar 1972 gegenüber.

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25. Blutsonntag 15.000 Menschen versammelten sich in Creggan, um gegen die Inhaftierung zu demonstrieren. Das Wetter war frisch und klar. Meldungen über Stacheldraht an allen Ausgängen der Bogside und Fallschirmjägern hinter den Absperrungen zirkulierten. Allerdings war die Stimmung von der Zufriedenheit über die Teilnehmerzahl geprägt. Die beabsichtigte Route verlief von unten Southway, durch Brandywell und Bogside, dann raus aus dem freien Derry in die Innenstadt. Kurz nach 15.00 Uhr begann der Marsch. Informationen wonach beide IRAs versprochen hatten, wegzubleiben, ließen die Zuversicht wachsen, dass der Tag friedlich verlaufen würde. Am Marsch nahmen viele Gruppen von Familien teil. Als der Zug an den Soldatenstandorten vorbeikam, wurden die Soldaten mit lautem Gebrülle voller genialem Spott begrüßt. An der William Street dirigierten NICRA Vertrauensleute den Marsch von der geplanten Route weg, in die Rossville Street, in Richtung der Mauer des freien Derry. Jüngere Marschierende, weniger aufgeschlossen als je zuvor barschen Anweisung zu gehorchen, liefen weiter die William Street entlang, auf die Armee Absperrung 14 zu, die den Zugang zur Innenstadt blockierte. Ein Aufruhr folgte, Gas, Wasserpistolen und Gummigeschosse gegen alles, was zum Werfen geeignet und zur Hand war. General Ford beobachtete die sich entfaltenden Ereignisse hinter der Absperrung 14. An der Mauer des freien Derry wartete der Mehrzahl der Marschierenden darauf, Redner zu hören, darunter Bernadette Devlin MP und Lord Fenner Brockway. Dann kam das Krachen der Kugeln aus Richtung William Street. Abbildungen: •

Anti-Inhaftierungsdemonstration versammelt sich in Creggan, 30. Januar 1972, Blutsonntag.



Der Marsch macht seinen Weg durch die William Street.



Konfrontation mit der britischen Armee in der William Street. Im Vordergrund sitzend ist Jim Wray.

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26. Blutsonntag Um 15.55 Uhr, abseits der Unruhen in der William Street, eröffnete die britische Armee das Feuer. John Johnston (59) und Damian Donaghy (15) wurden getroffen. John Johnston erlag seinen Verletzungen im Juni 1972. Um 16.07 Uhr drangen die Briten in die Rossville Street vor, erneut das Feuer mit scharfer Munition eröffnend. Jackie Duddy (17), der neben dem örtlichen Priester Fr Edward Daly hergelaufen war, fiel im Hof der Rossville Wohnblöcke tot um, in den Rücken geschossen. Alana Burke (18) war von einem gepanzerten Wagen an die Wand gedrückt worden. Peggy Deery (31) war in der Chamberlain Street ins Bein geschossen worden. Patrick McDaid (25) wurde verwundet, als er half, sie ins Sicherheit zu tragen. Patrick Campbell (51) wurde verwundet als er in Richtung Rossville Wohnblöcke lief. Michael Bradley (22) und Mickey Bridge (25) wurden verwundet als sie der britischen Armee gegenübertraten, nachdem sie den Tod von Jackie Duddy miterlebt hatten. Daniel McGowan (38) wurde verwundet als er half, Patrick Campbell in Sicherheit zu bringen. Hugh Gilmour (17) wurde erschossen als er in Richtung Rossville Wohnblöcke rannte. Michael Kelly (17), Michael McDaid (20), John Young (17) und William Nash (19) wurden an den Trümmerbarrikaden in der Rossville Street getötet. Williams Vater Alex (51) wurde verletzt, als er seinem Sohn zu Hilfe kam. Abbildungen: •

Jackie Duddy wird von der Stelle, wo er erschossen wurde, im Hof der Rossville Wohnblöcke. weggetragen.



Hugh Gilmour liegt tot an den Rossville Wohnblöcken, abgedeckt mit der Fahne der Bürgerrechtsvereinigung von Derry.



Michael Kelly liegt tot an den Trümmerbarrikaden, Michael McDaid kommt von links, nur wenige Sekunden bevor auch er erschossen wird. Auf dem Bild ist auch Daniel Hegarty zu sehen, der 6 Monate später von britischen Soldaten erschossen wurde.

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27. Blutsonntag Kevin McElhinney (17) wurde erschossen als er in Richtung Torweg der Rossville Wohnblöcke kroch. In Glenfada Park: Joseph Friel (22) wurde verwundet; Daniel Gillespie (32) wurde am Kopf von einer Kugel getroffen und wurde bewusstlos. Michael Quinn (17) wurde von einer Kugel in die Schulter verwundet, die vorne aus seinem Gesicht herauskam. Joseph Mahon (16) wurde ins Bein getroffen und täuschte Tod vor als sich die britischen Soldaten näherten. William McKinney (27) wurde in den Rücken geschossen und getötet als er versuchte, Verwundeten zu helfen. Patrick O’Donnell (41) wurde verwundet als er sich über eine Frau schmiss, um sie vor dem Kugelhagel zu schützen. Jim Wray (22) lag am Boden, verwundet und gelähmt vom ersten Ausbruch des Gewehrfeuers, als ein Fallschirmjäger ihm in Kernschussweite in den Rücken schoss. Gerald Donaghey (17) und Gerard McKinney (35) wurden in Abbey Park erschossen. Patrick Doherty (31) wurde im Joseph Place getötet als er versuchte, in Sicherheit zu kriechen. Bernard McGuigan (41), Warnungen für seine eigene Sicherheit ignorierend, schwenkte er ein weißes Taschentuch und versuchte zu dem sterbenden Patrick Doherty zu gelangen. Er wurde in den Kopf geschossen. Während des 20-minütigen konzentrierten britischen Gewehrfeuers schoss die OIRA 3 unwirksame Schüsse als Reaktion ab. Abbildungen: •

Michael Quinn, während der Schießerei in Glenfada Park verwundet.



Jim Wray (rechts, nur die Füße sichtbar) und William McKinney liegen tot in Glenfada Park. Joe Mahon liegt verwundet auf dem Bürgersteig.

• Marschierer suchen Schutz vor dem Gewehrfeuer in Glenfada Park.

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28. Blutsonntag Die britische Armee bezeichnete die Opfer als Gangster und Bomber. Sie behauptete, ihre Soldaten seien auf eine „Salve an Feuer“ getroffen. Kein Soldat oder Fahrzeug war getroffen worden. Der Rechtsmediziner von Derry, Hubert O’Neill, erklärte die Tötungen zu „Morden in völliger Reinkultur“. Die Hunderte von zivilen Augenzeugen stimmten zu. Am 1. Februar gab der britische Premierminister Ted Heath bekannt, dass eine öffentliche Anhörung unter dem Vorsitz des Lord Oberrichters Widgery stattfinden wird. Er sagte zu Widgery „wir haben .... nicht nur einen militärischen Krieg geführt, sondern einen Propagandakrieg.“ Widgery weigerte sich, von der großen Mehrzahl der zivilen Augenzeugen Beweise aufzunehmen. Er führte seine Sitzungen lieber in Coleraine statt in Derry durch. Die Soldaten sagten anonym und getarnt aus. Später stellte sich heraus, dass ihre Aussagen dahingehend geändert worden waren, um der britischen Version der Ereignisse zu passen. Widgery entlastete die Armee, indem er erklärte “es ist nicht erwiesen, dass auf die Toten oder Verwundeten während der Handhabung von Feuerwaffen oder Bomben geschossen wurde ....es gibt die starke Vermutung, dass einige .... mit Waffen geschossen oder Bomben geschmissen haben ... Andere haben diese dabei eng unterstützt.“ Für das freie Derry bestätigte Widgery damit, dass das gesamte britische Establishment hinter den Mördern des Blutsonntag stand. Der Kommandant der britischen Armee, Colonel Wilford, wurde mit dem OBE (Orden) ausgezeichnet. Sein Adjudant, Mike Jackson, wurde später Generalstabschef, Britanniens Nummer eins Soldat. Abbildungen: •

Menschen versammeln sich an der Stelle, wo Barney McGuigan erschossen worden war.



Paddy Walsh versucht zu dem sterbenden Paddy Doherty zu kommen.



Lord Oberrichter Widgery.

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29. Blutsonntag Die Blutsonntag-Beerdigungen waren Massenveranstaltungen und wurden von Vertretern aus Politik, dem öffentlichen Leben und religiösen Gruppen aus der ganzen Welt begleitet. Am Tag der Beisetzungen wurde die britische Botschaft in Dublin bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Im gesamten Süden und in nationalistischen Teilen des Nordens waren Schulen und Betriebe aus Solidarität mit den Familien geschlossen. Die Regierung des Südens deklarierte den allgemeinen Stopp als „nationalen Tag der Trauer“. Der jährliche Gedenkmarsch begann 1973, organisiert von der NICRA. Brigid Bond enthüllte das Monument in Rossville Street 1974. Ab 1974 organisierte Sinn Féin die Gedenkfeier. 1989 wurde die Blutsonntag Initiative (BSI) gegründet, mit der Aufgabe, sich für eine richtige Anhörung einzusetzen. Die Blutsonntags-Gerechtigkeits- Kampagne wurde am 20. Jahrestag gegründet, um die Zurückweisung von Widgery zu fordern – die formelle Anerkennung der Unschuld der Opfer und die Strafverfolgung der Verantwortlichen. Die BSI wurde zum „Pat Finucane Centre“, um weitergehende Menschenrechtsbelange zu verfechten; das Blutsonntagswochende Komitee übernahm dann die Verantwortlichkeiten für die Gedenkfeiern. Am 25. Jahrestag marschierten 40.000 Menschen in Solidarität mit dem kontinuierlichen Kampf für Wahrheit und Gerechtigkeit. Das unnachgiebige Familien-geführte BSJC erzwang im Jahre 1998 die Einsetzung einer neuen Anhörung unter dem Vorsitz von Lord Saville. Abbildungen: •

Plakat vom 28. Jahrestag des Blutsonntags. Jedes Jahr wird ein neues Plakat für die Demonstration entworfen.



Dreizehn Särge sind in der Kirche von St Mary’s in Creggan aufgebahrt.



Banner, die auf dem Marsch des 25. Jahrestages getragen wurden.

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30. Blutsonntag Der Untersuchungsbericht zu Bloody Sunday wurde am 15. Juni 2010 veröffentlicht. Die wichtigste Aussage des Berichts ist, dass alle Toten und Verwundeten unschuldig waren, was von tausenden vor der Guildhall Versammelten mit großer Erleichterung und tosendem Applaus begrüßt wurde. In einer Erklärung im Namen der Familien hieß es: „Die Opfer wurden rehabilitiert. Die Schande hat das Fallschirmjägerregiment. Endlich ist die Wahrheit zutage gekommen. Widgerys große Lüge wurde entlarvt.“ Das Tribunal war die längste gerichtliche Untersuchung in der britischen bzw. irischen Geschichte. Lord Saville und die anderen Richter, der Kanadier William Hoyt und der Australier John Toohey, hatten 921 Zeugen gehört und 1500 weitere Aussagen berücksichtigt. Der Bericht umfasst mehr als 5.000 Seiten. Manche in Derry waren enttäuscht, dass alle Schuld einem Offizier, Derek Wilford, und einigen Soldaten zugeschrieben wurde. Das Tribunal war der langen Tradition treu geblieben, vor der möglichen Rolle der militärischen und politischen Elite die Augen zu verschließen. Aber nichts kann das Gefühl der Freude trüben, dass ein düsterer Schatten von Derry genommen wurde, oder den großen Erfolg schmälern, den die Familien entgegen aller Wahrscheinlichkeit errungen haben. Bloody Sunday hatte Derry zutiefst verwundet. Wir dürfen hoffen, dass unsere Stadt nun damit begonnen hat, diese Wunde zu heilen. • Alana Burke, die an Bloody Sunday verletzt wurde, feiert die Veröffentlichung des Berichts der Bloody Sunday-Untersuchung mit anderen Verwandten am 15. Juni 2010 • Familien der Opfer von Bloody Sunday versammeln sich am Abend vor Beginn der Bloody Sunday-Untersuchung bei Free Derry Corner • Edwars Somers, Lord Saville of Newdigate, Vorsitzender, und William Hoyt, die ursprünglichen Mitglieder des Bloody Sunday-Tribunals. Im September 2000 wurde Somers durch John Toohey ersetzt.

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31. “Motorman” Der Blutsonntag erfüllte seinen Zweck nicht. Stormont löste sich im März auf. Freies Derry blieb. Die Unterstützung für Republikanismus wuchs. Der Konflikt eskalierte. Innerhalb von 6 Monaten nach dem 30 Januar wurden 15 Menschen in dem Gebiet des freien Derrys getötet. Manus Deery (15) und James Casey (57) wurden von britischen Soldaten todgeschossen. Die IRA Freiwilligen Gerald Doherty (16), Colm Keenan (19), Eugene McGillan (18) und John Starrs (19) starben. Acht britische Soldaten wurden getötet, einschließlich Wiliam Best (19), der zu einem Kurzurlaub zuhause war. Sein Tod sorgte für eine kurzlebige Friedensbewegung in Derry und war ein Grund für die Feuerpause der offiziellen IRA. In den frühen Morgenstunden des 31. Juli begann die britische Armee mit der „Operation Motorman“, um das freie Derry und andere „no-go“ Gebiete im Norden zu zerstören. 21.000 Truppen, flankiert durch Panzer und Bulldozer, drangen in das nationalistische Arbeitergebiet ein. Die IRA war vorgewarnt und war sich bewusst, dass sie für eine offene Feldschacht mit einer solchen überragenden Kraft nicht vorbereitet war, sie hatte die „no-go“ Gebiete verlassen und wenig Widerstand geleistet. Bei Tagesanbruch war das freie Derry unter bewaffneter Besetzung. Die britische Armee errichtete Feldlager, wie Piggery Ridge in Creggan. Für die nächsten 22 Jahre war das freie Derry eines der militarisiertesten Gebiete in Westeuropa. Abbildungen: •

Plakat zur Kundgebung an der Ecke freies Derry, was der letzte Tag des freien Derry sein sollte.



Creggan während der Operation “Motorman”.



Die britische Invasion des freien Derry.

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32. “Motorman” Trotzdem es keinen bewaffneten Widerstand gab, erschossen britische Soldaten zwei Teenager während der Operation “Motorman”. Daniel Hegarty (15) ging nach draußen, um sich das Ausmaß der Operation zu betrachten, als Centurion Panzer mit Bulldozerplatten auf die Barrikaden zurollten, gefolgt von Einheiten der Royal Marinesoldaten und Technikern. Er wurde zweimal aus kürzester Entfernung in den Kopf geschossen. Ein Cousin blieb verletzt am Boden liegen ohne medizinische Versorgung. Seamus Bradley (19), ein unbewaffneter IRA Freiwilliger, wurde in der Nähe der St. John’s Schule erschossen. Die Autopsie ergab, dass er 5x getroffen worden war. Er starb an seinen Wunden ohne medizinische Behandlung. Die zwei wurden jeweils als Gangster und als Benzinbomber bezeichnet. Das freie Derry als eine physikalische Einheit endete mit der Operation „Motorman“. Aber das freie Derry war nicht am Ende. Die Mauer des freien Derry wurde zum politischen und emotionalen Epizentrum dieses Gebietes, ein Symbol während der vielen Jahre des bewaffneten Konflikts, das dem Geist der Autarkie und dem Sinn für Freiheit folgte, welches das Gebiet in den Zeiten seiner Belagerung charakterisiert hatte. „Sie betreten jetzt das freie Derry“ verbleibt an der Giebelwand von Lecky Road 33, so wie die Empfindungen in den Herzen und Köpfen der Menschen des freien Derry. Abbildungen: •

Freies Derry gebeugt aber nicht geschlagen durch Besetzung.



Leben in einem besetzen Gebiet.

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33. Museum des freien Derry Die Antwort britischer Politiker und Militärführer auf eine Gemeinschaft der Arbeiterklasse, welche die Staatsgewalt ausschloss, war Mord auf den Strassen. Der Blutsonntag war der Preis, den die Bogside für das freie Derry bezahlte. Die Lektion war an alle gerichtet, die Unterdrückung anfochten. Der Blutsonntag ruft ins Gedächtnis: Wounded Knee, Darfur, Grozny, Gaza, Fallujah... Die Blutsonntag Familien Kampagne ist eine epische Suche nach der Wahrheit gewesen. Wir können hoffen, dass ihre eiserne Beharrlichkeit einen Weg nach vorne zeigt für die Opfer der Staatsgewalt überall. Steht auf wie Löwen nach dem Schlummern in unschlagbaren Zahlen schüttelt eure Ketten ab wie Tau, der im Schlaf auf euch gefallen ist Ihr seid Viele – sie sind Wenige. Das freie Derry ist ein Stück einer besseren Welt, die wir anstreben, um sicherzustellen, dass die Menschheit sich darüber eines Tages bewusst wird, frei von allem Bösen, Unterdrückung und Gewalt, wo der Wille der Menschen allein herrscht und Gerechtigkeit und Gesetz eins sind. Hier ist keiner, der für Gerechtigkeit kämpft, ein Fremder. Keiner, der im Kampf fällt, wird im freien Derry vergessen. Abbildungen: •

Bürgerrechte, Kampf der Bogside, freies Derry, Blutsonntag, Derry 1969 – 1972.

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