Blick auf den Bericht über den Einsatz ein

Blick auf den Bericht über den Einsatz ein

6. Aus dem Einsatz Vom BttrChef zum Militärbeobachter Erfahrungen für ein ganzes Leben A. Politischer Rahmen Nach 20 Jahren Bürgerkrieg im Südsudan ...

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6.

Aus dem Einsatz

Vom BttrChef zum Militärbeobachter Erfahrungen für ein ganzes Leben A. Politischer Rahmen Nach 20 Jahren Bürgerkrieg im Südsudan hat es 2005 einen Friedensvertrag (CPA – Comprehensive Peace Agreement) zwischen dem muslimisch dominierten Nordsudan und den christlichen Rebellen gegeben. UNMIS (United Nations Mission in Sudan) ist die Voraussetzung für den Wiederaufbau und die Stabilisierung des Friedens im Südsudan. Foto: Andreas Poppel

Dafür ist eine Übergangsregierung gebildet worden, welche sich eine Verfassung gegeben hat. Das ist die Grundvoraussetzung gewesen, um eine neue Infrastruktur mit der Weltgemeinschaft zu schaffen. Dieses betrifft Verwaltungsaufbau, Wasser, Straßen, Energie, Agrarstruktur, Bildung und Gesundheit betrifft. Für die Menschen vor Ort ist damit aber auch die Voraussetzung geschaffen, aus den verschiedenen Flüchtlingslagern nach vielen Jahren zurückzukehren. Es gibt eine ganze Generation, die in einem Flüchtlingslager aufgewachsen ist und welche jetzt im (Süd-)Sudan in Frieden leben will. B. Deutsche Beteiligung an UNMIS Der Deutsche Bundestag hat am 22. April 2005 mit überwältigender Mehrheit einer Beteiligung der Bundeswehr an UNMIS zugestimmt. Damit hat die Bundeswehr mit bis zu 75 Militärbeobachtern bis heute einen entscheidenden Beitrag leisten können. Derzeit sind fünf Soldaten in Stabsverwendungen und ungefähr 33 Soldaten in den verschiedenen Sektoren eingesetzt. Alle 750 Militärbeobachter im Sudan, die aus allen 5 Kontinenten stammen, sind dabei unbewaffnet. Sie unterstützen die Gesamtmission mit rund 9500 UNMIS-Soldaten. All dies sind die Grundlagen für die geplanten Wahlen in 2008 und für das Referendum in 2011, in dem die Bevölkerung des Südens über die Abspaltung vom Norden entscheiden wird. Damit können die Voraussetzung für eine dauerhafte Befriedung des Südsudans geschaffen werden.

Der Bogenschütze I / 2008 – Seite 46

C. Leben und Dienen im Sudan Am 14. August 2006 werde ich, Major Andreas Poppel, von der Führung der Leichten Flugabwehrraketenlehrbatterie 610 in Lütjenburg entbunden und in den unmittelbar bevorstehenden Einsatz als Militärbeobachter in den Sudan verabschiedet. Erst am 24. August des darauffolgenden Jahres und damit nach mehr als 12 Monaten Einsatz kehre ich wieder zurück. Von Beginn an wird deutlich, dass meine Geduld gefordert ist. Die Ungewissheit, die schwierigen Rahmenbedingungen und die politische Lage lassen daran keine Zweifel. Für meinen Auftrag, Beobachten und Kontrollieren vorhandener Streitkräfte, erfahre ich zunächst beim Hauptquartier der Vereinten Nationen in Khartum eine umfassende Einweisung. Mit ersten Eindrücken dieses besonderen Einsatzes werde ich als Militärbeobachter in einen der 6 Sektoren entsandt. Ich bemühe mich die folgenden Monate, meinen Auftrag erfolgreich zu erfüllen. An das Leben gewöhne ich mich langsam. Dazu gehören auch Tage ohne Strom, Wasser oder ausreichende Verpflegung. Die selbst organisierte Unterkunft bietet nur ein altes Bettgestell unter einem einfachen Strohdach, welche damit kaum Schutz vor den Extremtemperaturen, Sandstürmen oder sintflutartigen Regenfällen bietet. Immer wieder begegne ich Ungewöhnlichem aus der besonderen Tierwelt. Das Risiko, aufgrund der ungenügenden Hygienebedingungen zu erkranken, ist jedoch noch höher als z. B. von einer Giftschlange oder einem Skorpion gebissen zu werden. Ich erfahre selbst auch die negativen Folgen einer Malariaerkrankung. Dennoch kann ich im Einsatzland meinen Auftrag fortsetzen. Viele Fahrten während verschiedener Patrouillen und Besuche von Angehörigen der ehemaligen Konfliktparteien verdeutlichen das Bild von Armut und Elend. Nicht alle militärischen Einheiten erwecken den Eindruck, tatsächlich etwas zum Friedensprozess beitragen zu wollen. Ihre aufgrund der allgemeinen Rahmenbedingungen nachhaltige Unzufriedenheit wird immer wieder als Nährboden für die Bereitschaft beschrieben, die Auseinandersetzungen fortzusetzen bzw. wieder zu beginnen. Dies lassen auch verschiedene festgestellte Sachverhalte erahnen, welche die Aufgaben der Beobachter als schwierig, fordernd und gefährlich beschreiben. Die Unterkünfte der einheimischen Soldaten sind einfache Strohhütten, welche sich oftmals inmitten der Wälder oder Steppen befinden. Unter den Soldaten befinden sich zum Teil die Familien, so dass die Hüttenansammlungen als „Kasernen“ kaum zu erkennen sind. Sie zu finden bzw. zu erreichen bleibt stets eine Herausforderung und macht es häufig notwendig, auch mehrere Tage unterwegs zu sein und unter freiem Himmel zu schlafen.

Der Bogenschütze I / 2008 – Seite 47

Mich überkommt immer wieder ein ungutes Gefühl, inmitten dieser Lebensräume zu stehen und dieses von mir als menschenunwürdig empfundene, ungerechte und in jedem Fall sehr einfache Leben zu betrachten. Auch die Auswirkungen der sehr hohen Kindersterblichkeit sind für mich sichtbar und lassen dieses Bild noch trauriger erscheinen.

Von den Umständen in der Westregion DARFUR erfahre ich als Militärbeobachter unmittelbar, sowohl von anderen Mitarbeitern der Vereinten Nationen als auch von den vielen Flüchtlingen, die in meinem Sektor eintreffen oder ihn durchfahren, um ihre Ziele zu erreichen. Als deutscher Militärbeobachter darf ich nicht in diese Region. Dennoch erfahre ich den Sudan als eine Gegend, die ein fast drei Jahrzehnte langer Bürgerkrieg ausgeblutet hat. Vieles ist aufgrund des Krieges zurückgeblieben. Die Menschen sind an Flucht, Hunger und gewaltsamen Tod gewöhnt. Ihnen ein Lächeln zu schenken, ist stets von besonderem Wert. Ihnen (ein Stück) Sicherheit zu geben, ist die Aufgabe der Militärbeobachter. Dafür gebe ich während des Einsatzes vieles auf, verzichte auf vieles und spüre oftmals mehr Wille und Mut als Kraft und Durchhaltevermögen. Sieben Tage in der Woche gilt es, mit dem Allernotwendigsten viel zu erreichen. Die richtige Einstellung zum Dienen scheint so wichtig. Sich bedingungslos und vorurteilsfrei auf fremde Länder und Kulturen einzulassen, direkt mit deren Menschen zu arbeiten und zu leben, beschreiben meine wertvollen und vielleicht einzigartigen Erfahrungen im Leben eines Offiziers unserer Truppengattung.

Andreas Poppel, Major, war nach seiner Batteriechefzeit bei der leichten Flugabwehrraketenlehrbatterie 610 von August 2006 bis August 2007 als Militärbeobachter im Sudan eingesetzt. Nach seiner Rückkehr wurde er als S1-StOffz zum FüUstgRgt 38 nach STORKOW versetzt.

Der Bogenschütze I / 2008 – Seite 48