Brüderlichkeit - Grundlage und Weg für den Frieden

Brüderlichkeit - Grundlage und Weg für den Frieden

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Arbeitshilfen 265

BRÜDERLICHKEIT GRUNDLAGE UND WEG FÜR DEN FRIEDEN Welttag des Friedens 1. Januar 2014 Eine Arbeitshilfe der Deutschen Bischofskonferenz

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Inhaltsverzeichnis

WELTFRIEDENSTAG 2014

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© KNA-Bild

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Foto: Harald Oppitz

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Papst Franziskus fährt nach dem Palmsonntagsgottesdienst 2013 mit dem Papamobil durch die Menge. Der Pontifex küsst ein behindertes Kind.

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Zum Geleit Erzbischof Dr. Robert Zollitsch Globale Geschwisterlichkeit – gegen eine Globalisierung der Gleichgültigkeit Gerhard Kruip Schritte auf dem Weg zum Frieden Thomas Söding Biblischer Impuls: Jakob und Esau – zwei Brüder ringen um Versöhnung Gregor Buß Brüderlichkeit in der Flüchtlingsarbeit Frido Pflüger SJ Der Mensch in der Gemeinschaft – kirchliche Orte der Geschwisterlichkeit in Afrika Marco Moerschbacher Dialog als Weg der Brüderlichkeit Interview mit Petrus Canisius Mandagi, Bischof von Ambon (Indonesien)

Liturgische Anregungen 20

Brüderlichkeit, Grundlage und Weg für den Frieden Predigtentwurf von Rainer Maria Kardinal Woelki

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Anregungen für eine Gebetsstunde

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Ökumenisches Friedensgebet / Impressum

Zum Weltfriedenstag am 1. Januar 2014 Am 1. Januar 2014 wird auf Wunsch von Papst Franziskus zum 47. Mal in der gesamten Weltkirche der jährliche Welttag des Friedens begangen. Dieses Datum wurde gewählt, weil der Papst das neue Jahr mit einer Besinnung auf die notwendige Förderung des Friedens beginnen möchte. Am selben Tag richtet er eine Botschaft an die Repräsentanten der Staaten und an alle Menschen guten Willens, in der er die Dringlichkeit des Friedens bezeugt. Das vom Heiligen Vater zum Weltfriedenstag 2014 gewählte Thema lautet: „Brüderlichkeit, Grundlage und Weg für den Frieden“ . In Gottesdiensten und bei anderen Zusammenkünften – auch nach dem 1. Januar – soll in geeigneter Weise auf dieses Thema und auf die Botschaft des Papstes eingegangen werden. Die vorliegende Arbeitshilfe möchte hierzu Anregungen und Informationen bieten.

Zum Titelbild: Auf der italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa landen täglich nordafrikanische Flüchtlinge. Ein Flüchtlingsboot wird von einem Schiff der italienischen Marine nach Lampedusa begleitet. Foto: REUTERS/Alessandro Bianchi KNA-Bild

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Die Papstbotschaft zum Weltfriedenstag wird erst Mitte Dezember veröffentlicht und kann daher in dieser Arbeitshilfe nicht abgedruckt werden. Sie steht aber zum Download als PDF-Datei auf der Internetseite der Deutschen Bischofskonferenz bereit: www.dbk.de

Gebetsstunde am 10. Januar 2014 Für Freitag, den 10. Januar 2014, rufen der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ), die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd), der Katholische Deutsche Frauenbund (KDFB), der Deutsche Jugendkraft-Sportverband (DJK), die Gemeinschaft der Katholischen Männer Deutschlands (GKMD) und die katholische Friedensbewegung Pax Christi zu einer Gebetsstunde für den Weltfrieden auf. Anregungen für diese Gebetsstunde sind erhältlich beim Jugendhaus Düsseldorf, Postfach 320520, 40420 Düsseldorf (E-Mail: [email protected]). 2

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Zum Geleit Der Blick in viele Länder unserer Erde macht deutlich, wie häufig auch heute Hass und Gewalt, Zwietracht und Unterdrückung die Atmosphäre zwischen den Menschen bestimmen. Kriege zwingen zur Migration. Und leider müssen wir auch in unserem Land immer wieder erleben, dass Aggression, Zerstörung und Feindseligkeit das Bild unserer Städte und Gemeinden prägen. Umso wichtiger ist es, gerade zu Beginn eines neuen Jahres den Fokus darauf zu lenken, was ein versöhntes und friedliches Miteinander fördert und stärkt.

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iesem zentralen Anliegen dient der Welttag des Friedens, den die katholische Weltkirche am 1. Januar 2014 zum 47. Mal begeht. Papst Franziskus hat ihn unter das Leitwort gestellt „Brüderlichkeit – Grundlage und Weg für den Frieden“. Der Heilige Vater bekräftigt damit die zentrale Bedeutung eines geschwisterlichen Miteinanders, das von Wertschätzung und gegenseitiger Achtung geprägt ist und so der Gestaltung eines friedlichen Zusammenlebens der Menschen und der Völker dient. Wir alle sind eingeladen, anlässlich des Weltfriedenstages 2014 vertieft über diese Grundlage nachzudenken und uns damit auch neu auf unseren je eigenen Beitrag zu einer friedlicheren Welt zu besinnen. Damit der Weg hin zum Frieden gelingt, ermutigt uns Papst Franziskus, weltweit eine „Kultur der Begegnung“ zu entwickeln und zu fördern. Notwendig sei eine „Globalisierung der Brüderlichkeit“ als Gegenmodell zu einer „Globalisierung der Gleichgültigkeit“. Diese Haltung der Solidarität im globalen Miteinander hob der Heilige Vater bereits bei seinem eindrucksvollen Besuch auf der italienischen Flüchtlingsinsel Lampedusa im Sommer dieses Jahres hervor. Er knüpft damit an Papst Johannes Paul II. an, der in seiner Enzyklika Sollicitudo rei socialis deutlich machte, dass diese Solidarität im Weltmaßstab als moralische und soziale Haltung stets neu eingeübt werden muss. Sie ist „nicht das Gefühl vagen Mitleids oder oberflächlicher Rührung wegen der Leiden so vieler Menschen nah und fern. Im Gegenteil, sie ist die feste und beständige Entschlossenheit, sich für das ‚Gemeinwohl‘ einzusetzen, das heißt für das Wohl aller und eines jeden, weil wir für alle verantwortlich sind“ (38). Eine solche geschwisterliche Solidarität orientiert sich am Leben und an der Botschaft Jesu Christi, in dessen Nachfolge wir „immer neu in ein solidarisches Verhältnis zu den Armen und Schwachen unserer Lebenswelt“ gerufen werden. „Sie nämlich sind die Privilegierten bei Jesus, sie

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müssen auch die Privilegierten in seiner Kirche sein“ (Würzburger Synode, „Unsere Hoffnung“, III 2). Wie Jesus als Sohn Gottes gesandt wurde, um „den Armen eine gute Nachricht“ (Lk 4,18) zu bringen, und wie er selbst arm wurde, um unsere Leben und unser Zusammenleben reich zu machen an Glaube, Hoffnung und Liebe und damit auch an Frieden, so sind wir Christen aufgerufen, die Solidarität mit allen Menschen, vorrangig mit den Armen, zu suchen, für sie zu optieren und dies zum verpflichtenden Kriterium unseres Handelns zu machen. In der Liebe zu den materiell und seelisch Armen kann ein Perspektivwechsel gelingen, der deren Ängste, Sorgen, Sehnsüchte und Hoffnungen tiefer begreifen und uns fragen lässt, was unser Leben wirklich reich und wertvoll macht. So will das Leitwort des Weltfriedenstages 2014 sowohl unsere globale wie auch lokale Verantwortung hervorheben, um in geschwisterlicher Verbundenheit den Weg für den Frieden zu bereiten und gemeinsam gegen Armut, Umweltzerstörung, organisierte Kriminalität und Ausbeutungspraktiken anzugehen. Ebenso gegen das Leid der Flüchtlinge, auf das Papst Franziskus bei seiner ersten programmatischen Reise nach Lampedusa die weltweite Aufmerksamkeit gelenkt hat – ein Thema, das auch in dieser Arbeitshilfe breiten Raum einnimmt. Neben theologischen Beiträgen gibt es in dieser Arbeitshilfe auch Erfahrungsberichte aus der Praxis und Texte mit meditativem Charakter, Vorschläge für eine Gebetsstunde und den Entwurf für eine Predigt. So möchte das vorliegende Heft Anstöße geben, sich intensiver mit dem Anliegen des Weltfriedenstages 2014 auseinanderzusetzen – weit über den 1. Januar hinaus. Bonn / Freiburg, im November 2013

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Erzbischof Dr. Robert Zollitsch, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz

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Globale Geschwisterlichkeit – gegen eine Globalisierung der Gleichgültigkeit

Foto: Agathe Lukassek

© KNA-Bild

Von Gerhard Kruip

Als Papst Franziskus im Juli 2013 die Mittelmeerinsel Lampedusa zwischen Tunesien und Sizilien besuchte, um für die Flüchtlinge zu beten, die es bis Lampedusa geschafft hatten, aber auch der vielen Toten zu gedenken, die auf der Flucht immer wieder im Mittelmeer ertrinken, beklagte er eine „Globalisierung der Gleichgültigkeit“.

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uch wenn bei einzelnen Katastrophen wie der von Anfang Oktober 2013, als mehr als 400 Menschen vor Lampedusa starben, die öffentliche Aufmerksamkeit kurzzeitig anschwillt und die Medien intensiv über die Missstände berichten, sind die europäischen Politiker bislang nicht bereit, ihre Abschottungspolitik im Aufbau einer „Festung Europa“ grundsätzlich zu ändern. Die Länder im Norden Europas, unter ihnen auch Deutschland, schieben die Verantwortung den südlichen Ländern zu und lassen sie mit den Problemen allein. Sie können sich das aber nur erlauben, weil sie dadurch kaum massive Proteststürme unter ihren Wählerinnen und Wählern entfachen, denn das Schicksal der Flüchtlinge ist vielen Menschen in den reichen Ländern Europas ziem-

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lich egal. Mit armen Menschen, besonders wenn sie schwarze Hautfarbe haben, wollen viele Bürgerinnen und Bürger Europas nichts zu tun haben. Fremdenfeindlichkeit ist nach wie vor weit verbreitet – übrigens besonders in den Regionen, in denen vergleichsweise wenig Ausländerinnen und Ausländer leben. Noch weiter verbreitet ist jedoch sicherlich die Gleichgültigkeit gegenüber Fremden. Allzu viele Menschen sind unsensibel gegenüber dem Schicksal und den Nöten von Menschen, von denen sie meinen, sie gehörten nicht „zu uns“. Dementsprechend bekommen derzeit Parteien mit rechtsextremen Programmen in allen europäischen Ländern Zulauf – sicherlich eine große Gefahr für den Frieden, für den Wohlstand und die Einheit Europas. Deutsche Bischofskonferenz, Arbeitshilfen 265

Aber ist das nicht eine massive Überforderung? Können wir uns wirklich um die mehreren Milliarden Menschen kümmern, die weltweit in Deutsche Bischofskonferenz, Arbeitshilfen 265

© KNA-Bild Auch die Kirche selbst steht hier natürlich in der Pflicht. Sie kann für einen gerechten und menschenfreundlichen Gott überhaupt nicht Zeugnis ablegen, wenn sie nicht zugleich für Gerechtigkeit und Menschlichkeit hier und jetzt in dieser Welt eintritt. Sie muss sich deshalb besonders den Armen zuwenden und sich für Armutsbekämpfung einsetzen. Glaubwürdig kann sie dies nur tun, wenn sie auch eigene Mittel für die Armen aufwendet und auf Luxus verzichtet. Papst Franziskus macht uns dies vor. Darüber hinaus ist es aber sicher hilfreich, darauf hinzuweisen, dass wir nicht nur moralische

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Flüchtlinge gehen auf einem Steg im Hafen von Lampedusa.

© KNA-Bild

extremer Armut leben? Natürlich wären wir alle als Einzelne überfordert. Das mit der globalen Verantwortung verbundene Gefühl der Ohnmacht und Vergeblichkeit ist wohl mit ein Grund dafür, dass Menschen lieber nicht über den Tellerrand ihres unmittelbaren Umfeldes hinausschauen. Aber sobald wir um die Not der anderen wissen – und das ist in unserer global vernetzten Welt heute nicht mehr zu vermeiden – und sobald es überhaupt Möglichkeiten zur Hilfe gibt und die Hilfe zumutbar ist, ist räumliche Distanz eigentlich keine Entschuldigung mehr. Denn wir können etwas tun. Alle Menschen haben die moralische Pflicht, soweit sie es können, zumindest die vielen Organisationen zu unterstützen, die in diesem Bereich bereits tätig sind, beispielsweise die kirchlichen Hilfswerke wie Misereor oder Caritas international. Und alle Bürgerinnen und Bürger, die dazu fähig sind, haben darüber hinaus die Pflicht, durch anwaltschaftliches Engagement darauf hinzuwirken, dass die europäischen Staaten eine Politik machen, die die Situation der Armen weltweit verbessert und dadurch übrigens entscheidende Ursachen der Migrationsbewegungen mildert.

Foto: REUTERS/Stringer

Die gleichen Europäer, unter ihnen auch Christen, sind aber nicht einfach moralisch unsensible Menschen oder gar böse. Sie wären sicherlich sofort bereit zu helfen, wenn es Verwandte oder Freunde von ihnen wären, die da ertrinken oder sonstwie in Not sind. Aber ihr Horizont ist zu eng, ihre Welt ist zu klein. Wenn der Papst der „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ eine „Globalisierung der Brüderlichkeit“ gegenüberstellt, so meint er letztlich nichts anderes als die Entschränkung der kleinen und engen Welt, in der diese Menschen leben. Die „Nächsten“, so lehrt uns das Samaritergleichnis in der Bibel, sind eben nicht nur diejenigen, die uns besonders nahestehen, sondern die, die auf Grund ihrer Notlage einfach unsere Hilfe brauchen, auch wenn sie nicht zum gleichen Volk gehören wie wir oder die gleiche Religion bekennen, die gleiche Hautfarbe haben, die gleiche Sprache sprechen wie wir. Alle Menschen weltweit haben den berechtigten Anspruch, von uns wie Schwestern und Brüder, wie Verwandte, wie Mitglieder der eigenen Familie behandelt zu werden. Auch in der berühmten Gerichtsrede Jesu in Mt 25 wird unser Seelenheil davon abhängig gemacht (und übrigens nur davon), was wir den Geringsten unserer Schwestern und Brüder getan (oder eben nicht getan) haben, denn in ihnen begegnet uns Jesus selbst. Auch in der katholischen Sozialverkündigung spielt der Gedanke der Einheit der Menschheit als Familie der Kinder Gottes eine zentrale Rolle. Schon Papst Johannes XXIII. schrieb weit vorausschauend in seiner ersten Sozialenzyklika Mater et Magistra 1961, zu einer Zeit, als die Globalisierung noch gar nicht so weit vorangeschritten war wie heute: „Wenn nun die wechselseitigen Beziehungen der Menschen in allen Teilen der Welt heute so eng geworden sind, dass sie sich gleichsam als Bewohner ein und desselben Hauses vorkommen, dann dürfen die Völker, die mit Reichtum und Überfluss gesättigt sind, die Lage jener anderen Völker nicht vergessen, deren Angehörige mit so großen inneren Schwierigkeiten zu kämpfen haben, dass sie vor Elend und Hunger fast zugrunde gehen und nicht in angemessener Weise in den Genuss der wesentlichen Menschenrechte kommen“ (Nr. 157). Die Gleichgültigkeit den „anderen“ gegenüber muss heute überwunden werden zugunsten unbegrenzten Mitfühlens miteinander und grenzenüberschreitender Hilfe füreinander.

Foto: REUTERS/Alessandro Bianchi

Foto: Agathe Lukassek

© KNA-Bild

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Freiwillige helfen am 19. August 2006 den völlig entkräfteten Flüchtlingen aus Afrika am Strand von Lampedusa. Nachdem ein überfülltes Boot mit Flüchtlingen im Mittelmeer gekentert ist, werden noch 40 Personen vermisst. 10 konnten nur noch tot geborgen werden.

© KNA-Bild

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Prof. Dr. Gerhard Kruip lehrt Christliche Anthropologie an der Kath.-Theol. Fakultät der Universität Mainz.

Foto: NN

Den Armen und Bedürftigen mit christlicher Liebe und Brüderlichkeit begegnen.

Appelle formulieren sollten, die von vielen oft doch nicht gehört werden. Wir sollten uns auch klarmachen und anderen klarzumachen versuchen, dass die Bekämpfung der weltweiten Armut durchaus auch im wohlverstandenen Eigeninteresse der reichen Länder liegt. Man muss nicht „selbstlos“ sein, um dies einsehen zu können. Auch in einer normalen Familie ist es ja so, dass Schwestern und Brüder nicht immer in echter, uneigennütziger Liebe miteinander verbunden sind, auch wenn sie dieses Ideal anstreben. Aber Geschwister wissen, dass sie aufeinander angewiesen sind, dass ihr Leben besser gelingt, wenn sie einander helfen und unterstützen, dass der dadurch entstehende Familienfriede das Leben schöner und angenehmer macht, so dass klar ist: Fairness unter Geschwistern ist für die ganze Familie gut und liegt im Interesse aller Mitglieder der Familie. Ähnliches gilt auch für die Menschheitsfamilie. Die Menschen hängen heute über Kontinente und Länder hinweg aufgrund der enger gewordenen wirtschaftlichen Verflechtungen stark voneinander ab. Ein fairer Welthandel kann Chancen für alle bieten. Gemeinsame Güter wie ein menschengemäßes Weltklima, die Artenvielfalt und überhaupt eine gesunde Umwelt sind heute stark gefährdet und können nur gemeinsam erhalten werden. Wenn sich soziale Konflikte in armen Ländern verschärfen, bedro-

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hen sie auch die Stabilität der wohlhabenden Länder, z. B. durch die wachsende Gefahr des Terrorismus. Eine maßvolle und geregelte Migration kann sowohl den Herkunftsländern wie den Zielländern helfen. In einer verbesserten weltweiten Kooperation der Staaten liegen große Möglichkeiten für mehr Gerechtigkeit und dauerhafteren Frieden. Dabei muss aber eines klar sein: Eine solche weltweite Kooperation aller wird nur zustande kommen, wenn sich alle fair beteiligt fühlen. Auf Ausbeutung oder Ausgrenzung lassen sich keine verlässlichen Kooperationsstrukturen aufbauen. Damit zeigt sich: Weltweite Geschwisterlichkeit liegt in unser aller Interesse. Dieses Interesse gilt es zu erkennen. Gleichgültigkeit den anderen gegenüber ist letztlich nicht nur unmoralisch, sondern auch einfach dumm. Die notwendige weltweite Kooperation ist aber ohne Fairness unter den „Geschwistern“ der einen Menschheitsfamilie nicht zu haben. Wenn Gleichgültigkeit durch eine so verstandene Geschwisterlichkeit unter allen Menschen überwunden wird, können wir von Frieden sprechen, der ja auch nie ohne Gerechtigkeit zu haben ist.

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Schritte auf dem Weg des Friedens

BIBLISCHER IMPULS

Die Verheißung Jesu und der Auftrag der Kirche von Thomas Söding

Die Jüngerschaft Jesu ist eine Friedensbewegung. In kaum einem anderen Buch der Bibel wird das deutlicher als im Lukasevangelium. Schon zu Beginn wird das Vorzeichen gesetzt. Als Zacharias, der Vater des Täufers Johannes, voller Freude über das unverhoffte Glück, im hohen Alter zusammen mit seiner Frau Elisabeth doch noch ein Kind zu bekommen, Gott lobt, endet er mit einem Preis seiner Barmherzigkeit; er ist sicher, dass Gott seine Verheißung wahrmacht, ein Licht zu entzünden, das „allen leuchten wird, die in der Finsternis sitzen und im Schatten des Todes“, um ihre „Schritte zu lenken auf den Weg des Friedens“ (vgl. Lk 1,78 f.). Als Benedictus ist dieser Gesang in die Liturgie der Kirche eingegangen. Das Gebet ist gesättigt von der Hoffnung Israels auf Gott, der dem Volk die Befreiung bringt, indem er auf der ganzen Welt Frieden schafft. Das lukanische Weihnachtsevangelium (Lk 2,1-20) nimmt diese Spur auf, wenn die Engel über dem Hirtenfeld von Bethlehem, heute ein Krisenherd politischer Unruhen, die Ehre Gottes im Himmel mit dem „Frieden auf Erden“ verbinden – für alle Menschen „guten Willens“, wie es nach der Vulgata, der alten lateinischen Bibelübersetzung, und für alle Menschen „seiner Huld“, wie es nach dem griechischem Original heißt, das auf Gottes Gnade hoffen lässt. Die Geschichte Jesu, die Lukas mit seinem Evangelium erzählt, lässt entdecken, wie vielen Menschen Gott seine Liebe schenkt und wie sie durch Jesus auf den Weg des Friedens finden. 1

1. Die Schatten des Todes Lässt man sich vom Neuen Testament helfen, die Menschen und ihre Welt mit den Augen Jesu zu betrachten, wird deutlich, wie tief die Schatten des Todes sind. Jesus blickt vor allem in zwei Richtungen. Zum einen hat er ein waches Auge für die Politik. Seinen Landesherrn, den galiläischen Fürsten Herodes Antipas, nennt er – mit prophetischer Schärfe in der Kritik – einen „Fuchs“, weil er, wie die Ermordung des Täufers zeigt, der Herrschaft der Lüge zum Durchbruch verhelfen will (Lk 13,32). Im Abendmahlssaal ermahnt er seine Jünger, nicht so zu werden wie die irdischen Machthaber, die ihre Völker unterdrücken (vgl. Lk 22,25 f.). Pontius Pilatus wird ihn – Lukas formuliert eine messerscharfe Justizkritik – zum Tode verurteilen, trotz erwiesener Unschuld (vgl. Lk 23,1-25). Das Neue Testament lässt keinen Zweifel: Jesus lebt in einer Welt voller Korruption und Gewalt; er hat sich in genau diese Welt hineinbegeben, 1

um ihr Gottes Frieden nahezubringen. Er hat seine Jünger auf diesem Friedensweg mitgenommen; bis heute muss er von der Kirche gebahnt und gegangen werden: mit wachem Gespür für Ungerechtigkeiten, mit mutiger Anklage der Verantwortlichen und mit ebenso intelligenter wie sensibler und solidarischer Suche nach Lösungen. Zum anderen schaut Jesus den Menschen ins Herz. Er gibt sich keinerlei Illusionen über die verheerenden Kräfte des Bösen hin, die das Denken, Fühlen und Handeln vergiften. Er sieht die Menschen aber genauer als viele andere. Ehebruch bleibt Ehebruch, Raub bleibt Raub, Lüge bleibt Lüge. Es gibt keine „billige Gnade“ (Dietrich Bonhoeffer): keine Vergebung ohne Reue, ohne Bekenntnis und ohne guten Vorsatz. Aber es gibt die Sünder, die abgestempelt werden, und die Gerechten, die Heuchler sind. Jesus ist lange Wege gegangen, um die zu suchen, zu finden und zu retten, die verloren sind (vgl. Lk 19,10). Er hat sich

Joseph Ratzinger / Benedikt XVI.: Jesus von Nazareth. Prolog: Die Kindheitsgeschichten, Freiburg - Basel - Wien 2012, 82-85.

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Foto: Harald Oppitz

Im Eingang einer Kirche sitzt ein Obdachloser und ruht sich aus. Symbol für Solidarität, Barmherzigkeit und Anteilnahme.

angreifbar gemacht, weil er keinen Sicherheitsabstand zu den Übeltätern eingehalten, sondern sich der Not und dem Leid wie der Schuld und Sünde ausgesetzt hat. So hat er der Barmherzigkeit Gottes ein Gesicht gegeben. Jesus hat auch gesehen, worin eine vergiftete Quelle der Sünde besteht: in der Ablehnung der eigenen Verantwortung nach dem Motto: Selber schuld (vgl. Lk 13,1-5). Wer bei einem Menschen und einem Volk im Elend an eine göttliche Strafe denkt und sich selbst, weil es ihm besser geht, auf der sicheren Seite wähnt, ist am übelsten dran. Die Jünger sind nach dem Neuen Testament von dieser Versuchung nicht frei – und müssen von Jesus belehrt werden (vgl. Joh 9,2 f.). Das hat sich bis heute nicht geändert. 2. Das Licht des Friedens Die Dinge, die schief laufen, beim Namen zu nennen, ist das eine. Sie zu ändern, das andere. Jesus hat gesagt, was zu sagen war; und er hat getan, was notwendig war. Beides bleibt der Auftrag der Kirche. Jesus ist auf seiner Friedensmission niemand, der nach der politischen Macht gestrebt hätte. Der Großinquisitor in Dostojewskis Roman „Die Brüder Karamasow“ macht Jesus 2 3

genau dies zum Vorwurf. 2 Aber Jesus setzt tiefer an. Deshalb wirkt er nachhaltiger. Damit ist die Kirche ständig herausgefordert: Stellt sie sich auf die Seite des Großinquisitors oder auf die Seite Jesu? Was der will, ist klar: „Ihr seid das Licht der Welt“, sagt Jesus nach der Bergpredigt zu seinen Jüngern (vgl. Mt 5, 13-16).3 Sie sollen das Licht des Friedens ausstrahlen. Jesus sagt aber nicht nur, wie es sein soll; er zeigt auch, wie es geht. Er reagiert auf Gewalt nicht mit Gegengewalt, aber ebenso nicht mit Resignation oder Abstumpfung. Erlittene Gewalt tut weh – auch ihm. Jesus hat sich nicht geschont. Aber er macht aus seiner Schwäche seine Stärke. Zum einen ist er leidensfähig. Er sucht das Leiden nicht, aber er weiß, dass Liebe einen großen Einsatz kostet – und ist bereit, den Preis zu zahlen. Niemand kann dazu gezwungen werden. Aber Millionen tun es täglich: als Eltern und Kinder, als Kolleginnen und Nachbarn, als Priester und Laien. Wenn diese Menschen auf Jesus schauen, wissen sie, dass sie das Richtige tun, weil sie Kranke pflegen und Hungernde speisen, auch wenn es keinen Dank gibt, aber Zeit und Geld kostet. Wenn Jesus auf diese Menschen schaut, weiß er, wie viele Verbündete er hat,

Fjodor M. Dostojewski: Die Brüder Karamasow (1879/80), München 1958, 330 f. Vgl. Ulrich Luz: Das Evangelium nach Matthäus (EKK I), Neukirchen - Vluyn – Düsseldorf 2002, 294-303.

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Hier ist die Kirche im Wort. Nicht gegen, sondern für die Feinde zu beten und die Verfolger nicht zu verfluchen, sondern zu segnen – das scheint übermenschlich. Tatsächlich ist es die Friedenslogik der Gottesherrschaft. Es sind genug Kriegsgottesdienste gegen die Feinde gefeiert worden. Es ist Zeit für Friedensgottesdienste gegen die Gewalt, aber für die Menschen, die sie begehen und die unter ihnen leiden: dass über ihnen der Himmel aufreißt und Gottes Gerechtigkeit sich über sie ergießt. Das Friedensgebet von Assisi ist ein starkes Zeichen, das die Richtung weist. 4

Foto: Gereon Wagener

Jesus ist aber nicht nur leidensfähig; er ist auch handlungsfähig. In der Bergpredigt verlangt er, auch noch die andere Wange hinzuhalten und dem Räuber, der den Mantel nimmt, sogar das letzte Hemd zu geben (vgl. Mt 5,39-41). Das ist alles andere als Nachgiebigkeit. Es verblüfft den Aggressor; es unterläuft das Böse; es bricht aus dem Zirkel von Gewalt und Gegengewalt aus; es schafft damit neue Handlungsoptionen. Ohne Leidensbereitschaft eröffnen sie sich nicht; aber wenn es keine Vergebung gibt, für die jemand den Kopf hinhält, herrscht die Blutrache. Das Gebot der Feindesliebe konkretisiert Jesus an der Fürbitte für die Verfolger (vgl. Mt 5,44; vgl. Lk 6,27-28). Paulus nimmt diesen Impuls auf: „ ... segnet sie, verflucht sie nicht“ (Röm 12,14).

© KNA-Bild

ob sie nun zur Kirche gehören oder nicht. Ihn hat der Weg der Gewaltlosigkeit bis ans Kreuz geführt – und Gott hat ihn durch den Tod ins ewige Leben geführt, wo er immer noch Jesus ist: der lebendige Beweis, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. An dieser Stelle bricht eine Hoffnung auf, dass nicht die Täter über die Opfer triumphieren. Diese Hoffnung zu entfachen, ist die wichtigste Aufgabe der Kirche in der Friedensarbeit. Niemand kann sie ihr abnehmen; ohne die Hoffnung auf den endgültigen Sieg des Guten wird es schnell düster.

gent umsetzt: Aggressionen abbaut, Versöhnungsinitiativen startet, Protest einlegt, passiven Widerstand leistet, denen, die zum Schwert greifen, in den Arm fällt – und, wenn das Unglück schon passiert ist, die Wunden heilt, wie Jesus es bei seiner Gefangennahme getan hat, als einer seiner Jünger einem der Soldaten ein Ohr abgeschlagen hat (vgl. Mt 26, 51-53; vgl. Joh 18,10-11); das ist die Aufgabe der Kirche. Die Welt wartet darauf, dass sie erfüllt wird.

Die Politik ist damit nicht außen vor. Dass man mit der Bergpredigt die Welt nicht regieren könne, sagen die Zyniker. Dass man sie ohne sie regiert, fürchten alle, die unter Krieg und Elend leiden. Kann man aber mit der Bergpredigt regieren? Nur, wenn man die Weisungen Jesu, wie er es gewollt hat, intelli4

Prof. Dr. Thomas Söding lehrt Neues Testament an der Universität Bochum.

Vgl. Roman A. Siebenrock – Jan-Heiner Tück (Hg.): Selig, die Frieden stiften. Assisi – Zeichen gegen Gewalt, Freiburg - Basel - Wien 2012.

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Die Menschen im Flüchtlingslager Dzaleka (Malawi) kommen mit Säcken und Taschen zur monatlichen Lebensmittelausgabe. Leider reichen die Rationen kaum aus – viele Kinder leiden unter Mangelernährung.

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BIBLISCHER IMPULS

Jakob und Esau – zwei Brüder ringen um Versöhnung Von Gregor Buß

Das biblische Geschichtenreservoir ist voll von Erzählungen zum Thema Brüderlichkeit. Immer wieder wird von Brüdern und ihren wechselvollen Beziehungen berichtet: Kain und Abel, Mose und Aaron, Joseph und seine Brüder, Jakobus und Johannes, Petrus und Andreas. Sowohl für das Alte wie für das Neue Testament könnte man diese Liste ohne Probleme erweitern – übrigens nicht nur mit Brüder-, sondern genauso gut mit Schwesternpaaren (Rahel und Lea, Lots und Hiobs Töchter, Maria und Martha usw.). An den mal gelungenen, mal gescheiterten Beziehungen zwischen Geschwistern lässt sich scheinbar besonders gut illustrieren, welche Höhen und Tiefen menschliches Zusammenleben bietet. In keiner anderen Erzählung wird dies so deutlich wie bei Jakob und Esau.

„Versöhnung“, Gemälde von Herman van Rijn Rembrandt

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m Buch Genesis wird immer wieder auf diese Zwillingsbrüder und ihre Rivalität, die sich buchstäblich schon bei ihrer Geburt anbahnte (vgl. Gen 25,29-28), eingegangen. Als Höhepunkt dieses Familiendramas, das eine Vorabendserie nicht besser hätte inszenieren können, kann die dramatische Versöhnung in Gen 33 gelten. Ehe wir jedoch auf diese tränenreiche Szene zu sprechen kommen, soll zunächst noch – zumindest kurz – der Gang der Erzählung rekapituliert werden. Der Erzvater Jakob ist eine der schillerndsten Gestalten der Bibel. Auf der einen Seite erweist er sich als liebevoller Familienvater, der zudem großen Erfolg im Beruf hat. Auf der anderen Seite allerdings ist er ein unmoralischer, ja skrupelloser Schwindler. Seinem Bruder Esau hat er für ein kümmerliches Linsengericht das Erstgeburtsrecht abgekauft. Und diese Hinterlist Jakobs war beileibe kein einmaliger Ausrutscher. Am Sterbebett seines fast blinden Vaters Issak erschleicht er sich dessen Segen, indem er sich als Esau ausgibt – und wird dabei sogar noch von seiner Mutter Rebekka unterstützt (vgl. Gen 27,1-40). Dieser Betrug führt zu einer tiefen Zerrüttung im Verhältnis der beiden Brüder. Esau schwört Rache und hegt sogar Mordgelüste (vgl. Gen 27,41). Auf Anraten seiner Mutter sucht Jakob

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daraufhin das Weite und findet bei seinem Onkel Laban in Haran Zuflucht. Es vergehen sage und schreibe zwei Jahrzehnte, bis sich die beiden verfeindeten Brüder wieder aufeinander zubewegen. Von diesem Wiedersehen wird in Gen 32,233,17 berichtet. Nach langen Jahren in der Fremde will Jakob – angespornt durch den wiederholten Ruf Gottes (vgl. Gen 31,3+ 11-13) – endlich in sein Heimatland Kanaan zurückkehren. Jenseits des Grenzflusses Jabbok kommen sich die beiden Brüder samt Entourage entgegen. Aus dieser Episode lassen sich viele Lehren ziehen, die unseren Themenkomplex von Schuld, Versöhnung und Brüderlichkeit betreffen. Vier dieser Lektionen sollen nun genauer vorgestellt werden. 1) Vor der Schuld kann man nicht fliehen: Zwei Jahrzehnte hat Jakob bei seinem Onkel in Haran geschuftet – und trotzdem sind die Erinnerungen an seine eigenen Untaten noch ganz frisch. Für Jakob als auch Esau ist das Vergangene keineswegs vergessen, sondern hoch aktuell. Vor der Schuld kann man also nicht weglaufen, es kommt der Augenblick, da man von seiner Vergangenheit wieder eingeholt wird. In Haran ist es Jakob vielleicht noch gelungen, die Erinnerungen an sein eigenes Deutsche Bischofskonferenz, Arbeitshilfen 265

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Fehlverhalten zu verdrängen, die Psychologie lehrt jedoch, dass solche verdrängten Erlebnisse nicht verschwunden sind. Traumatische Erfahrungen können sich im Unterbewusstsein festsetzen und zu einem späteren Zeitpunkt – z. B. wenn der Betroffene wieder so gefestigt ist, dass er die Verarbeitung meistern kann – hervorquellen. Der Schutzmechanismus Verdrängen wirkt demnach nur auf Zeit, nicht auf Dauer. Insofern ist es – so widersprüchlich es klingen mag – heilsam, dass bei Jakobs Rückkehr in die Heimat die alten Wunden wieder aufbrechen. Will er zurück nach Kanaan, so muss er sich der Vergangenheit stellen. 2) Der Kampf mit der Angst: Jakob hat große Angst vor der Konfrontation mit seinem Bruder. Ihn beunruhigt die Unberechenbarkeit des Zukünftigen. Besonders als er erfährt, dass ihm Esau mit vierhundert Mann entgegen zieht, wird ihm „angst und bange“ (Gen 32,8). Jakob befürchtet, dass ihm Esau nicht verzeihen wird und trifft Vorsichtsmaßnahmen. Er verteilt sein Hab und Gut auf zwei Lager, schickt Diener mit Geschenken zu seinem Bruder und bittet den Gott seiner Väter um Beistand. Trotz dieser akribischen Vorbereitung fühlt sich Jakob immer noch nicht stark genug, den Grenzfluss zu überqueren und seinem Bruder unter die Augen zu treten. Gelähmt von der Angst bleibt er alleine am Jabbok zurück, um dort zu übernachten. In dieser Situation der Dunkelheit und der inneren Aufgewühltheit widerfährt ihm etwas höchst Sonderbares. Jakob kämpft mit einem Mann, der ein übermenschliches Wesen zu sein scheint. Der Ringkampf wird erbittert geführt und ist selbst bei Morgengrauen noch nicht entschieden. Dieser Vorfall am Jabbok ist vor allem deshalb so mysteriös, weil unklar bleibt, mit wem genau Jakob gerungen hat. Einige Auslegungen sehen in dem ominösen Mann Gott höchstpersönlich. Andere denken eher an einen Boten Gottes oder einen Engel. Wieder andere Deutungsversuche tendieren dahin, den Kampf als Ringen mit der eigenen Angst zu interpretieren. Jakob kämpft also mit sich selbst, mit seinem schlechten Gewissen. Von keinem dieser Interpretationsansätze kann man behaupten, dass er der einzig wahre ist. Vermutlich lässt sich die ganze Tiefe dieser Bibelstelle erst dann ausloten, wenn allen Varianten Gehör verschafft wird. Dennoch wird deutlich, dass die Konfrontation mit der eigenen Schuld starke Angstgefühle auslösen kann. Deutsche Bischofskonferenz, Arbeitshilfen 265

Angst wirkt oft hemmend und kann nur durch einen unermüdlichen Ringkampf, der einem alles abverlangt, überwunden werden. Man könnte sogar behaupten, dass Gott gerade in diesen Krisensituationen nicht fern, sondern – ganz wörtlich – zum Greifen nah ist (vgl. auch Gen 35,3). Er scheint Jakob die letzten Kräfte zu rauben, will aber letztlich nichts anderes, als dass dieser sich wandelt und gestärkt aus der Prüfung hervorgeht. Durch die nächtlichen Erfahrungen am Jabbok ist Jakob ein anderer Mensch geworden. Weil er diesem schweren Kampf nicht ausgewichen ist, heißt er ab sofort Israel: Gotteskämpfer. 3) Versöhnung hat ihren Preis: Jakob bringt große Opfer für die Versöhnung mit seinem Bruder. Die Geschenke für Esau sind außerordentlich großzügig, von mehreren Hundert Tieren ist in der Bibel die Rede. Diese materiellen Dinge interessieren Esau aber nur am Rande, ist er doch selbst ein reicher Mann. Was ihm vermutlich mehr imponiert haben dürfte, ist der Mut und die Aufrichtigkeit seines Bruders. Unter Einsatz seines Lebens und an der Spitze seiner Sippschaft kommt – oder besser: hinkt – ihm Jakob entgegen (vgl. Gen 32,32). Das Hinken kann man als äußeres Zeichen der inneren Verwandlung Jakobs ansehen. Esau spürt, dass sein Bruder dieses Mal kein falsches Spiel treibt, sondern mit einem ernsten Anliegen kommt. Dies wird auch daran deutlich, dass sich der verwandelte Jakob nicht zu schade ist, sich sieben Mal vor seinem älteren Bruder auf die Erde zu werfen. Jakob hat sich nicht aus einer vorübergehenden Laune oder einem flüchtigen Harmoniebedürfnis auf den schweren Weg zu seinem Bruder – und damit auch zu sich selbst – gemacht, sondern aus dem tiefen Wunsch nach Versöhnung. 4) Eine realistische Zukunftsperspektive: Wenn man sich vorbehaltlos der schuldhaften Vergangenheit stellt und bereit ist, die notwendigen Opfer zu bringen, kann Versöhnung gelingen und die Brüderlichkeit wiederhergestellt werden. In Gen 33,4 wird die rührende Versöhnungsszene zwischen Esau und Jakob wie folgt geschildert: „Esau lief ihm entgegen, umarmte ihn, fiel ihm um den Hals, küsste ihn, und sie weinten.“ Der ältere Bruder scheint von seinen Gefühlen so überwältigt zu sein, dass er die Frauen von Jakob ganz übersehen hat und erst auf den zweiten Blick wahrnimmt. Trotz dieser Emotionalität und 11

Foto:

Jakob und Esau, „Paradiespforte“ von Lorenzo Ghiberti

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Freude verlieren die Brüder nicht den Sinn für die Realität. Sie wissen beide, dass ein Miteinander ihrer Familien unmöglich ist. Deshalb trennen sich auch schon bald wieder ihre Wege. Die Bibel zeichnet also kein illusorisches Idyll, das zwar gut aussieht, aber der menschlichen Realität so gar nicht entspricht. Stattdessen ist die Zukunftsvision erstaunlich nüchtern: ein harmonisches Miteinander der vormals verfeindeten Brüder ist utopisch, aber ein friedliches Nebeneinander möglich. Die Tatsache, dass die Zwillingsbrüder ihren Vater Isaak gemeinsam begraben (vgl. Gen 35,29), ist ein deutliches Indiz dafür, dass sie einen für sie angemessenen Modus vivendi gefunden haben.

Dr. Gregor Buß ist Referent für Afrika und Missionsfragen im Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz.

Diese vier Lektionen mögen ernüchternd wirken. Jakob und Esau sind eben kein Paradebeispiel für harmonische Brüderlichkeit, eher spiegelt sich in ihren Lebensgeschichten das Ringen um friedliche Koexistenz wider. Vielleicht ist aber gerade diese ungeschminkte Darstellung des Aufs und Abs in der Beziehung der beiden Brüder den menschlichen 12

Alltagserfahrungen näher als so manche idyllische Familiengeschichte. Brüderlichkeit erfordert immer wieder harte Arbeit und den Willen, auch nach Rückschlägen nicht aufzugeben. Am Beispiel von Jakob und Esau lässt sich jedoch ablesen, dass sich dieser Einsatz lohnt.

Weiterführende Literatur: | Hans Jochen Boecker: 1. Mose 25,12-37,1. Isaak und Jakob (= Zürcher Bibelkommentare AT), Zürich 1992, 93-111; | Jürgen Ebach: Der Kampf am Jabboq. Gen 32,23-33. Eine Geschichte voller Verdrehungen, in: ders. u. a. (Hg.), „Leget Anmut in das Geben“. Zum Verhältnis von Ökonomie und Theologie, Gütersloh 2001, 13-43 Deutsche Bischofskonferenz, Arbeitshilfen 265

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Foto: Antonio Parrinello/Reuters

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PRAXISBEISPIELE

„Wir waren sicher, dass das Schlimmste hinter uns liegt.“ Brüderlichkeit in der Flüchtlingsarbeit Von Frido Pflüger SJ

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it seiner ersten Reise hat Papst Franziskus ein starkes Signal gesetzt: Er hat seinen Bruder gesucht – auf Lampedusa. Dort hat er mit den dortigen Flüchtlingen als Erstes für die vielen gebetet, die auf dem Weg dorthin gestorben sind. Franziskus begegnet den Schwächsten und Rechtlosen an der Schnittstelle zwischen Nord und Süd, zwischen Arm und Reich. Er bezieht klar Stellung und positioniert die ganze Kirche. „Adam, wo bist du?“ und „Wo ist dein Bruder?“: Diese ersten Fragen Gottes an den Menschen hat Franziskus an den Anfang seiner Ansprache in Lampedusa gestellt, in der er später die „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ beklagt – und jeden Einzelnen auffordert, dagegen etwas zu unternehmen. Das Motiv der Brüderlichkeit – ausdrücklich auch mit muslimischen Gläubigen – hat er schon auf Lampedusa angesprochen. Am 10. September 2013 hat Franziskus dann das Centro Astalli des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes in Rom besucht und sich in einer fast familiären Zusammenkunft ohne große mediale Aufmerksamkeit mit Flüchtlingen unterhalten. Stellvertretend für viele Hundert Menschen, die täglich beim dortigen FlüchtDeutsche Bischofskonferenz, Arbeitshilfen 265

lingsdienst eine warme Mahlzeit, medizinische Hilfe und juristischen Beistand erhalten, hat Adam aus dem Sudan bei dieser Gelegenheit dem Bischof von Rom seine Geschichte erzählt. Sie zeigt so deutlich, was Brüderlichkeit für den Frieden bedeutet, dass ich einen Auszug davon wiedergeben will: „Mein Name ist Adam, ich bin ein 33-jähriger Flüchtling, der in Italien lebt, weil ich nicht im Sudan bleiben konnte. Ich bin ein Kriegsüberlebender, der über das Mittelmeer hierher gekommen ist. (...) Ich dachte, dass ich Ihnen meine Geschichte kurz erzähle – nicht, weil sie wichtiger wäre als die anderer, im Gegenteil. Sondern weil sie für so viele Menschen so normal ist: Es ist eine Geschichte vom Krieg. Meine beginnt, als Soldaten mein Dorf in Darfur niederbrannten. Meine beiden jüngeren Schwestern, vier und sechs Jahre alt, starben im Feuer. Ich wurde gezwungen, mich bei den Rebellen einzuschreiben, mein Bruder bei den Regierungstruppen. Zwei Monate später wurde ich mit der Waffe in der Hand in den Krieg geschickt. Ich kämpfte gegen die, die als Feinde anzusehen mir befohlen worden war. Nie dachte ich daran, dass einer der 13

Flüchtlinge campieren in einem Notaufnahmelager.

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Foto: Rolf Bauerdick

Bedürftige und Obdachlose erhalten ein warmes Essen in einer Suppenküche – ein Zeichen in einer entsolidarisierten Gesellschaft.

Feinde mein großer Bruder sein könnte. Plötzlich standen wir uns gegenüber und sahen uns wie gelähmt in die Augen. Wir redeten kein einziges Wort miteinander. Stattdessen warf ich mein Gewehr weg und begann zu rennen. Floh. Meine Flucht endete in Italien ... Viele von uns Flüchtlingen kommen voller Hoffnungen und Erwartungen. Wir waren sicher, dass das Schlimmste hinter uns liegt. Aber zu oft fragen wir uns, ob das wirklich der Fall ist ...“ Unseren Bruder, unsere Schwester können wir nicht töten. Wir wollen sie auch nicht leiden sehen. Wenn wir im Gegenüber unseren Bruder, unsere Schwester sehen, dann setzt das unserem Misstrauen, unserem Wohlstand, unserem Wunsch, unseren Besitz zu wahren gegenüber Neuankömmlingen, enge Grenzen. In Ostafrika, wo ich als Regionaldirektor des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes tätig war, haben wir in Projekten zur Friedenserziehung Flüchtlinge aus den großen Lagern mit der eingesessenen Bevölkerung unter dem Aspekt der Brüderlichkeit zusammengebracht. „Bruder“ ist eine Anrede, die verbreitet ist und eine Verpflichtung ausdrückt – eine Verpflichtung zur Solidarität und Gastfreundschaft, die viel leichter ist, wenn wir einander in die Augen schauen. Deshalb ist Begegnung in diesen Projekten so wichtig. Nach unserem 14

Verständnis bedeutet Friedenserziehung im Geiste der Brüderlichkeit, Menschen zu befähigen, selbst ihre Interessen zu vertreten. Diesen Gedanken hat Franziskus in seiner Rede im Centro Astalli in wenigen Worten ausgedrückt: „Integration ist ein Recht! Es reicht nicht, jemandem ein Stück Brot zu geben, wenn er nicht auch lernen darf, auf eigenen Füßen zu stehen. Wahre Barmherzigkeit braucht Gerechtigkeit. Sie ruft nach einer Welt, die keine Suppenküchen braucht. Jeden Tag, hier und in anderen Zentren, stehen so viele – und so viele junge! – Menschen für eine warme Mahlzeit an. Sie erinnern uns an das Leid und die Tragödien der Menschheit. Aber diese Schlangen zeigen auch, dass es jedem von uns möglich ist, sofort etwas zu tun. Es reicht, an die Tür zu klopfen und zu sagen: Da bin ich. Was kann ich tun?“ Suppenküchen, in denen viele freiwillige Helfer täglich arbeiten, gehören nicht nur im römischen Centro Astalli zu den Angeboten des Flüchtlingsdienstes. In den zerbombten Städten von Damaskus, Aleppo und Homs werden täglich zehntausende Mahlzeiten an die Not leidende Bevölkerung ausgegeben. Hier in Deutschland drängen wir darauf, dass die hier lebenden Syrer ihre FamilienangeDeutsche Bischofskonferenz, Arbeitshilfen 265

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Es sind die armen Länder weltweit, die den Großteil der Flüchtlinge aufnehmen und beherbergen. Länder, denen es wirtschaftlich viel schlechter geht als der Bundesrepublik, in denen aber Gastfreundschaft und Brüderlichkeit oft einen hohen Wert haben. Von den mehr als 45 Millionen Menschen, die weltweit auf der Flucht sind – davon etwa 15 Millionen außerhalb ihres Heimatlandes – haben 2012 in ganz Europa zusammen etwa 330.000 Menschen einen Asylantrag gestellt, in Deutschland weniger als 80.000. Nicht mal ein Promille der Bevölkerung! Und diejenigen, die es unter großen Gefahren und Einsatz ihres Lebens zu uns schaffen, sind oft mutige, talentierte, starke Menschen. Wenn sie hier ankommen, behandeln wir sie nicht wie Brüder, die einer großen Not entronnen sind. Wir bringen sie in überfüllten Heimen unter, am liebsten weit weg von den nächsten Nachbarn. Wir verbieten ihnen zu arbeiten. Wir helfen ihnen nicht, die Sprache zu lernen – wir wollen ja nicht, dass sie sich hier einleben, sie sollen möglichst bald wieder fort. Ihre Asylverfahren ziehen sich in die Länge, während sie zu Unsicherheit und Untätigkeit verurteilt sind. Mit unseren rigiden Verboten und dem Ausschluss vom sozialen Leben machen wir diese Menschen verletzlich und zermürben auch starke Persönlichkeiten mit der Zeit. Deutsche Bischofskonferenz, Arbeitshilfen 265

Foto: Harald Oppitz

Statt von geschwisterlicher Anteilnahme werden die Diskussionen hier von Abwehr und Misstrauen gegenüber „Fremden“ beherrscht. Sobald an einem beliebigen Ort einige Flüchtlingsfamilien untergebracht werden sollen, tauchen dieselben Schlagworte auf: zu viele, nicht hier, Angst vor steigender Kriminalität – eine durch nichts belegte Befürchtung – oder sinkenden Immobilienpreisen. Würden wir lernen, in Menschen, die in der Hoffnung auf Sicherheit und Frieden, oft nach entsetzlichen Erlebnissen zu uns kommen, nicht „Fremde“, sondern unsere Schwestern und Brüder zu sehen –, wie anders würden wir uns ihnen gegenüber verhalten?

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hörigen nachholen dürfen – und nicht nur mit finanziell so absurd hohen Hürden, dass es für die meisten keine realistische Schutzoption darstellt. Es ist eine Schande, dass ein kleines Land wie der Libanon von den mehr als zwei Millionen aus Syrien geflohenen Menschen allein 700.000 aufnimmt, während wir monatelang über die Aufnahme von 5000 Menschen diskutieren.

„Wir dachten, wir hätten das Schlimmste hinter uns“, sagt Adam. „Aber zu oft fragen wir uns, ob das stimmt.“ Oft spiegelt Politik, was wir im Alltag leben. Wenn wir in unserer Nachbarschaft und in unserer Gemeinde der Aufforderung des Papstes folgen, großzügiger und mutiger Flüchtlinge aufzunehmen, sie als Bereicherung in unserer Mitte willkommen zu heißen, ja, von ihnen zu lernen – dann wird sich auch die Politik dem nicht entziehen können. „Wir dürfen die Sorge für Flüchtlinge nicht nur den Spezialisten überlassen“, sagte Franziskus im Centro Astalli noch. Tatsächlich haben wir noch keine Eröffnung einer neuen Flüchtlingsunterkunft ohne Proteste und Befürchtungen von Anwohnenden erlebt, aber auch keine ohne Unterstützung und oft großartige Hilfe aus der Nachbarschaft. Wir alle sind zur Geschwisterlichkeit und Gastfreundschaft berufen. Es ist eine Aufgabe, gerade für Gemeinden, die so einfach sein kann – wenn wir nur diejenigen, die zu uns kommen, nicht als Fremde betrachten, sondern als unsere Schwestern, unsere Brüder. Dann schmilzt das Misstrauen, dann können wir sie herzlich willkommen heißen. „Da bin ich, Bruder. Was kann ich tun?“ 15

Bischof Norbert Trelle (Hildesheim), stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, begegnet syrischen Kindern in einem Flüchtlingslager in Jordanien.

P. Frido Pflüger SJ ist Leiter des deutschen Jesuiten-Flüchtlingsdienstes in Berlin.

Foto: Harald Oppitz

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Das ganze Dorf kommt zusammen.

Der Mensch in Gemeinschaft – kirchliche Orte der Geschwisterlichkeit in Afrika Von Marco Moerschbacher

„So wie der Baum nicht ohne Wurzeln aufrecht stehen und wachsen kann, so kann auch der Mensch als Individuum genommen sich in seinem Dasein nicht aufrecht erhalten ohne die anderen. Sein Kommen in diese Welt ist von vorneherein ein Eingefügt-Werden in eine nicht nur familiäre, sondern darüber hinaus kosmische Gemeinschaft 1.“

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it diesen markanten Sätzen belegt Anselme Sanon, afrikanischer Theologe und Erzbischof aus Burkina Faso, dass das Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft in seiner afrikanischen Tradition von der Brüderlichkeit gedacht wird: Der Eintritt in das volle Menschsein ist zugleich der Eintritt in die Brüderlichkeit 2.

Im schwarzafrikanischen Selbstverständnis spielt die Gemeinschaft eine größere Rolle als im abendländischen Menschenbild, das stärker vom individuellen Subjekt definiert wird. Steht bei uns die individuelle Selbstwerdung

im Vordergrund, ist für die schwarzafrikanische Selbstwahrnehmung die Gemeinschaft die wichtigste Bezugsgröße. Der Mensch kann nach afrikanischem Verständnis nur in Gemeinschaft überleben. Jede und jeder verdankt ihre bzw. seine Existenz anderen Menschen, zu denen sie bzw. er in ein Wechselverhältnis tritt. Die Gemeinschaft muss ihrerseits die Existenz der bzw. des Einzelnen ermöglichen. „Was immer dem Einzelnen widerfährt, geht die ganze Gruppe an, und was der ganzen Gruppe widerfährt, ist ebenso Sache des

Anselme Titianma Sanon: Das Evangelium verwurzeln. Glaubenserschließung im Raum afrikanischer Stammesinitiationen, Theologie der Dritten Welt 7, Freiburg - Basel - Wien 1985, 56. 2 Vgl. ebd. 57. Im Französischen steht „fraternité“ deutlicher als im Deutschen für Brüder und Schwestern, so dass ich hier den Begriff „Geschwisterlichkeit“ vorziehe. 1

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In der modernen afrikanischen Großstadt wird dieses System aber gesprengt, da dort auf engstem Raum Menschen ohne jegliche Verwandtschaftsbeziehung und mit verschiedenstem kulturellen Hintergrund zusammenleben. Nicht zuletzt um dieser Herausforderung zu begegnen, haben seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil viele Ortskirchen in Afrika eine pastorale Option für kleine christliche Gemeinschaften – unter verschiedenen Bezeichnungen – getroffen. Die in diesen Gemeinschaften gelebte Geschwisterlichkeit beruht nicht mehr auf Verwandtschaftsbeziehungen, sondern auf dem gemeinsamen Glauben an Jesus Christus, dem Erstgeborenen einer Vielzahl von Brüdern (vgl. Röm 8,29). Auf dieser Grundlage wächst eine neue Art, Kirche vor Ort in der Nachbarschaft zu sein. Anstelle der Clansolidarität tritt die Solidarität der in Jesus Christus geschenkten Gotteskindschaft. Theologische Grundlage ist hier die im Sakrament der Taufe geschenkte gleiche Würde aller Gläubigen. Von dieser theologischen Grundlegung überzeugt formuliert Kardinal Joseph Albert Malula für den Rezeptionsprozess des Zweiten Vatikanischen Konzils in seiner Erzdiözese Kinshasa im Jahr 1976: „Deshalb haben wir die kirchlichen Strukturen neu überdacht und sie von Grundelementen her aufgebaut, die kleiner sind als die bisherigen Pfarreien.

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Foto: Harald Oppitz

In einer traditionellen afrikanischen Clangesellschaft ist das zugrunde liegende Beziehungsgeflecht das Verwandtschaftssystem, das sich in horizontaler Richtung nach allen Seiten erstreckt. In der vertikalen Dimension schließt es die Verstorbenen und die noch nicht Geborenen ein. Verwandtschaftsbeziehungen drücken das Verhältnis zueinander aus und ermöglichen die menschliche Zusammenarbeit und das Überleben in Notzeiten. Sie stellen ein Netz der Solidarität dar und sind damit das grundlegende soziale Sicherheitssystem.

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Einzelnen. Das Individuum kann nur sagen: 'Ich bin, weil wir sind, und weil wir sind, bin ich.' Das ist einer der Kernpunkte in unserem afrikanischen Selbstverständnis.“3

So entstehen jetzt mehr und mehr in den Wohnvierteln kleine christliche Gemeinschaften, Einheiten in überschaubarer Größe, in denen Menschen ... die Bedürfnisse und Probleme aller und jedes Einzelnen besser wahrnehmen und spüren können und wo sie sensibilisiert werden, um von sich aus Antworten auf diese Bedürfnisse zu suchen und praktisch durchzuführen.“ 4 Hier wird das afrikanische Gemeinschaftsdenken in eine kirchliche Struktur „inkulturiert“. Die Geschwisterlichkeit wird in der überschaubaren Gemeinschaft der in einem Wohnviertel lebenden Christinnen und Christen gelebt, die sich wöchentlich zum Hören des Wortes Gottes, zur Feier ihres Glaubens und zur Organisation gemeinschaftlicher Aktivitäten treffen. Auch in den ostafrikanischen Ortskirchen hat die bereits in den 1970er Jahren getroffene Option für die kleinen christlichen Gemein-

John Mbiti: Afrikanische Religion und Weltanschauung, Berlin - New York 1974, 136. Joseph Albert Kardinal Malula: Die Kirche Gottes, die in Kinshasa ist, spricht zu euch, in: Ludwig Bertsch SJ, Laien als Gemeindeleiter. Ein afrikanisches Modell, Theologie der Dritten Welt 14, Freiburg - Basel - Wien 1990, 31-46, hier 40.

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Der traditionellen afrikanischen Clangesellschaft liegt als Beziehungsgeflecht das Verwandtschaftssystem zugrunde.

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Foto: Siciliani

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schaften die Kirche verändert. Aus einer kürzlich durchgeführten Untersuchung auf der Ebene der Vereinigung der ostafrikanischen Bischofskonferenzen AMECEA geht hervor, dass die in diesen Gemeinschaften engagierten Christen besonders die identitätsstiftende Kraft und das Zugehörigkeitsgefühl, vermittelt durch die kleine christliche Gemeinschaft, schätzen.5 Kirche als Familie Gottes ist das Kirchenbild, das von der ersten Afrikasynode im Jahr 1994 vorgeschlagen wurde. Dies kann allerdings leicht autoritativ missverstanden werden, wenn der „Pater familias“ unbeschränkte Autorität ausübt. Es müsse deshalb, so die theologische Kritik, durch andere Kirchenbilder, etwa das der „Kirche der Geschwisterlichkeit“6 ergänzt werden. Im Jahr 2009 hat die zweite Afrikasynode zum Thema „Die Kirche in Afrika im Dienst an Versöhnung, Gerechtigkeit und Frieden“ diese Bedeutung der Geschwisterlichkeit sowohl für eine innerkirchliche Neubesinnung als auch für eine neue Globalisierung der Solidarität hervorgehoben. So heißt es in dem postsynodalen Schreiben Africae munus:

Foto: Wolfgang Radtke

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Einzug in den Petersdom zur Afrika-Synode der katholischen Kirche am 4. Oktober 2009.

Versammelt um den Altar: Gebetskreis in einer kleinen Kirche in der sambischen Hauptstadt Lusaka.

„Die Kirche wünscht sich, dass die Globalisierung der Solidarität dahin gelangt, 'in die geschäftlichen Beziehungen das Prinzip der Unentgeltlichkeit und die Logik des Geschenks als Ausdruck der Brüderlichkeit' einzuführen, indem sie der Versuchung einer einheitlichen Vorstellung von Leben, Kultur, Politik, Wirtschaft entgeht und statt dessen eine beständige ethische Achtung der unterschiedlichen menschlichen Wirklichkeiten für eine tatsächliche Solidarität pflegt." 7 Dies ist ganz im Sinne der Botschaft von Papst Franziskus zum Weltfriedenstag 2014, der die Brüderlichkeit als Schlüssel zum Frieden und zu einer Globalisierung der Solidarität in allen Bereichen sieht.

Die Kernbegriffe sind hier „identity“ und „sense of belonging“, so Pius Rutechura in einem Vortrag in Tübingen, Januar 2013. Die Veröffentlichung des Symposiums „In der Welt von heute? Kirche unterwegs in christlichen Basisgemeinden“ ist in Vorbereitung. 6 „Eglise-fraternité“: In diesem Sinne etwa Francis Appiah-Kubi: Église, famille de Dieu: Un chemin pour les Églises d'Afrique, Paris 2008. 7 Africae munus 86. 5

Dr. Marco Mörschbacher leitet das Afrika-Referat im Missionswissenschaftlichen Institut Missio e. V. in Aachen.

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Dialog als Weg der Brüderlichkeit

INTERVIEW

Interview mit Petrus Canisius Mandagi, Bischof von Ambon (Indonesien) Frage: Herr Bischof, die Diözese Ambon, der Sie vorstehen, umfasst die Inselgruppe der Molukken, ein Archipel mit unzähligen kleineren und größeren Inseln. Was bedeutet das für die Situation der katholischen Kirche? Sie können sich vorstellen, dass dadurch die unterschiedlichen katholischen Gemeinden sehr verstreut sind. Es ist nicht so einfach, die teilweise erheblichen Entfernungen zwischen den Inseln zu überbrücken, auch wenn die modernen Kommunikationsmittel natürlich eine große Erleichterung sind. Vor allem ist aber auch zu berücksichtigen, dass die katholische Kirche – wie im Grunde in ganz Indonesien, abgesehen von einigen Gebieten wie die Insel Flores – eine kleine Minderheit bildet. Zu meiner Diözese zählen etwa 140.000 Gläubige. Dennoch glaube ich, dass diese verhältnismäßig kleine Gruppe eine wichtige Bedeutung für die Gesamtgesellschaft hat. Frage: Inwiefern? Ich glaube, dass der Kern der Kirche darin besteht, sich für Frieden und Gerechtigkeit stark zu machen. Hierzu zählt nach meiner Auffassung auch der Kampf für eine gute Regierungsführung und gegen Korruption. Durch ihren Einsatz hat sich die relativ kleine Gruppe der Katholiken in unserer Region ein erstaunliches Ansehen erarbeitet – auch unter den Muslimen. Frage: In der Indonesischen Bischofskonferenz haben Sie den Vorsitz der Kommission für den Interreligiösen Dialog inne. Welchen Stellenwert hat dieser Dialog in Ihrer Heimat? Die Bedeutung des interreligiösen Dialogs kann man für den indonesischen Kontext kaum überschätzen. Die große Mehrheit bei uns bilden die Muslime mit einem Anteil von etwa 88 Prozent an der Gesamtbevölkerung. Aber auch der Anteil von Protestanten (ca. 6%) und Katholiken (ca. 3%) ist nicht unerheblich, hinzu kommen Hindus, Buddhisten, indigene Religionen und weitere religiöse Gemeinschaften. Indonesien ist also nicht nur ein multikultureller, sondern auch ein multireligiöser Staat. Insofern ist der Leitspruch unserer Nation „Bhinneka Tunggal Ika“, was übersetzt „Einigkeit in der Vielfalt“ bedeutet, durchaus treffend. Deutsche Bischofskonferenz, Arbeitshilfen 265

Frage: Was bedeutet Dialog für Sie? Unter Dialog verstehe ich nicht eine bestimmte Technik oder Taktik, um andere für sich zu gewinnen. Als Christ denke ich, dass es der Heilige Geist ist, durch dessen Kraft wir zum Dialog befähigt sind, Dialog ist sozusagen eine geistige Lebensform. Wichtig ist mir ein Zitat von Johannes Paul II. aus seiner Enzyklika Redemptoris missio: „Der Dialog entsteht nicht aus Taktik oder Eigeninteresse, sondern hat Gründe, Erfordernisse und Würde eigener Art. Er kommt aus dem tiefen Respekt vor allem, was der Geist, der weht, wo er will, im Menschen bewirkt hat. (…) Der Dialog gründet auf der Hoffnung und der Liebe und wird im Geist Frucht bringen.“ Frage: Gelingt denn dieser respektvolle Dialog immer? Es gibt viele erfolgreiche Initiativen, auf jeden Fall, aber leider kommt es auch immer wieder zu gewaltsamen Zusammenstößen, gerade auch in meiner Diözese. Die Molukken waren schon häufiger Schauplatz interreligiöser Konflikte. Besonders verheerend war es um die Jahrtausendwende, als die gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Christen und Muslimen zu zahlreichen Todesopfern führten. Frage: Und was kann die katholische Kirche da tun? Ich sehe die Rolle der Kirche darin, in der Gesellschaft verankert zu sein und Brücken zwischen den unterschiedlichen Gruppen zu schlagen. Unter den protestantischen Kirchen kommt es häufiger zu internen Konflikten und Rivalitäten, die katholische Kirche wird demgegenüber als Einheit wahrgenommen. Der katholischen Kirche wird daher eher zugetraut, die Gemeinschaft aufzubauen und Einheit zu stiften. Die Aufgabe der Kirche besteht darin, ein Zeichen der Hoffnung, des Dialoges und der Brüderlichkeit zu sein. Das gilt nicht nur für meine Diözese, sondern für die Kirche im ganzen Land. Als katholische Kirche müssen wir offen sein, nicht verschlossen, wir müssen für die anderen da sein, nicht für uns selbst. Die Fragen stellte Dr. Gregor Buß

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»Brüderlichkeit, Grundlage und Weg für den Frieden«

PREDIGTENTWURF

Predigtentwurf zum Weltfriedenstag am 1. Januar 2014

Foto: Wolfgang Radtke

© KNA-Bild

Von Rainer Maria Kardinal Woelki, Erzbischof von Berlin

Gal 4,4-7 Lk 2, 16-21 1. „Verherrlicht ist Gott in der Höhe und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade“ (Lk 2,14). Die Friedensbotschaft der Engel von Weihnachten ist noch lange nicht verklungen, sie wird heute am Weltfriedenstag noch einmal aufgegriffen: Mit der Geburt eines Kindes „ist Friede bei den Menschen seiner Gnade“, oder wie der Prophet Jesaja eindringlich formuliert: „Jeder Stiefel, der dröhnend daherstampft, jeder Mantel, der mit Blut befleckt ist, wird verbrannt, wird ein Fraß des Feuers. Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. Die Herrschaft liegt auf seiner Schulter; man nennt ihn: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens. Seine Herrschaft ist groß und der Friede hat kein Ende“ (Jes 9,4-6). Am Oktavtag von Weihnachten und damit am Morgen des neuen Jahres sind wir aufgefordert, es wirklich Weihnachten werden zu lassen. Und das heißt nichts anderes als: es Frieden werden zu lassen! Die Geburt Christi fordert uns auf, uns auf den Weg des Friedens zu machen. Denn die Friedensbotschaft der Engel und des Propheten ist Zusage, Verheißung und Aufforderung. Sich für den Frieden einzusetzen, das ist der beste Vorsatz zum neuen Jahr. „Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt.“ Ja, wir sind beschenkt an Weihnachten. Aber dieses Geschenk ist auch Verpflichtung, weil uns die Geburt Jesu in eine Beziehung stellt: Gott sandte seinen Sohn, damit wir die Sohnschaft erlangen, so heißt es im Galaterbrief: Gott sandte „den Geist seines Sohnes in unser Herz, den Geist, der ruft: Abba, Vater“.

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2. „Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt, damit er die freikaufe, die unter dem Gesetz stehen, und damit wir die Sohnschaft erlangen,“ so schreibt Paulus gleichfalls im Galaterbrief: Wir werden zu Söhnen Gottes, weil Gott uns freikauft. Die Menschwerdung Christi ist der Ausgangspunkt unserer Erlösung, unserer Befreiung. Und ohne Freiheit gibt es keinen Frieden. Frieden in Unfreiheit, das wäre bestenfalls Grabesruhe oder erzwungenes Stillhalten unter einer unfreien Diktatur. Es ist ein Vorgang, den wir leider aus der Geschichte zur Genüge kennen: Menschen greifen für ihre Freiheit sogar zu den Waffen, wenn sie keinen friedlichen Weg mehr erkennen können. Vielerorts ist der so hoffnungsvolle „arabische Frühling“ schwer durchschaubaren bewaffneten Konflikten gewichen, die es uns Außenstehenden so schwer machen, zwischen wahr und falsch, berechtigt und unberechtigt, Angriff und Verteidigung zu unterscheiden. Die Leidtragenden sind Minderheiten und oft genug die, die sich der kriegerischen Auseinandersetzung verweigern wollen. Es gibt nach wie vor viel zu viele Beispiele, dass es ohne Freiheit keinen Frieden geben kann, dass die Botschaft der Engel vom Frieden auf Erden untergeht.

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Wir müssen daher sehr behutsam mit der Brüderlichkeit umgehen. Recht verstandene Brüderlichkeit hat ihren Grund in unserem Herrn und Bruder Jesus Christus. „Wir, die wir alle essen von dem Mahle / und die wir trinken aus der heilgen Schale, / sind Christi Leib, sind seines Leibes Glieder, / Schwestern und Brüder,“ 1 so singen wir in der Eucharistiefeier. Wir feiern, dass wir „seines Leibes Glieder“ sind und dadurch Schwestern und Brüder. Brüderlichkeit ist also immer eine Brüderlichkeit in Christus oder aber in jedem Fall in seinem Sinn und Geist, eine Brüderlichkeit, die die Schwester und den Bruder als Teil des einen Leibes versteht. Und wenn ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit (vgl. Kor 12,26). Eine Brüderlichkeit, die in diesem Sinn echte Solidarität und ein echtes Mit-Leiden bedeutet. Und daraus erwächst folgerichtig ein unbedingter Einsatz für den Frieden in Worten, Gebeten und Taten. Es wird nicht immer gleich um den Weltfrieden gehen. Aus einer so verstandenen Brüderlichkeit wächst vielmehr Friede aus dem Kleinen, aus der Begegnung, aus der ehrlichen brüderlichen Umarmung. Sie befähigt aber auch zu großem Einsatz. Man wird nicht gut um den Frieden kämpfen können, das ist nicht nur sprachlich falsch. Aber wer aus der Begegnung mit unserem Herrn und Bruder Jesus Christus heraus die Menschen als seine Schwestern und Brüder erkennt, der wird nichts unversucht lassen, auf dem Weg des Friedens voranzukommen. Deutsche Bischofskonferenz, Arbeitshilfen 265

4. Bereits Papst Johannes XXIII. ist in seiner Enzyklika „Pacem in Terris“ noch einen Schritt weiter gegangen. Er wendet sich mit seiner Enzyklika nicht nur an alle Christen, sondern an „alle Menschen guten Willens“ – „universis bonae voluntatis hominibus“. Die Menschen „bonae voluntatis“ sind uns aus dem Weihnachtswunsch der Engel und dem Gloria der Messe bekannt: „Gloria in excelsis Deo et in terra pax hominibus bonae voluntatis.“ Der Papst lädt also alle Menschen guten Willens ein, seinem Appell zu „Pacem in Terris“, zum Frieden in der Welt, zu folgen, nicht nur Katholiken, nicht nur Christen. So können wir uns aus dem Geheimnis von Weihnachten heraus mit allen Menschen geschwisterlich verbunden fühlen als Schwestern und Brüder der einen Menschheitsfamilie. Dafür müssen nicht alle unsere Glaubensüberzeugungen teilen. Papst Franziskus hat diesen Gedanken schon mehrfach aufgegriffen; er ist ganz bewusst auch auf Nicht-Christen und Nicht-Glaubende zugegangen. Denn was die Menschen guten Willens in aller Welt verbindet, das ist die Sehnsucht nach Frieden. Und in dieser Sehnsucht sind wir allen Schwestern und Brüdern in Brüderlichkeit verbunden. Amen.

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„Dank sei Dir Vater für das ewge Leben“, 3. Strophe, jetzt „gegendert“

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Foto: Reuters/Pool

3. „Brüderlichkeit als Weg zum Frieden“, das Thema unseres Heiligen Vaters Papst Franziskus für den heutigen Weltfriedenstag ist eine Variation der Weihnachtsbotschaft: Wenn Gott Mensch wird, sind wir Kinder Gottes, Söhne und Töchter des Vaters. Und gleichzeitig werden wir untereinander zu Schwestern und Brüdern. Brüderlichkeit führt nicht automatisch zum Frieden. Die Bibel schildert uns schon ganz zu Beginn ein dramatisches und mahnendes Gegenbeispiel. Kain und Abel sind nicht für ihre Friedlichkeit berühmt. Und für den Schriftsteller George Orwell ist der „Big Brother“ – der große Bruder – der personifizierte Schrecken eines totalitären und unfreien ÜberwachungsSystems.

© KNA-Bild

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Papst Franziskus umarmt einen Kranken.

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Anregungen für eine Gebetsstunde 1. Lied zur Eröffnung: Gesang aus Taizé

Gesang aus Taizé

© Ateliers et Presses taizé,

2. Eröffnung

F-71250 Taizé Communauté

Liebe Schwestern und Brüder, in diesem Jahr geben uns die Flüchtlinge aus den Krisenregionen der verschiedenen Länder Anlass für das gemeinsame Gebet. Ein Gebet für die Menschen und vor Gott. „Brüderlichkeit – Grundlage und Weg für den Frieden“ ist das diesjährige Leitwort, zu dem uns Papst Franziskus aufruft. Das Motto steht gegen die „Globalisierung der Gleichgültigkeit“. Die Flüchtlinge sind nicht weit weg, sondern sie sind unter uns hier in diesem Land. Ihnen gilt unsere geschwisterliche Aufmerksamkeit und der Aufruf Jesu selbst: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“

3. Aktion Flüchtende, Ausgegrenzte, Arme und Gefangene als Brüder und Schwestern zu begreifen, ist schwer. Denn kaum jemand kennt sie. Im Rahmen dieser Gebetsstunde möchten wir Sie bitten, sich auf den Weg zu machen, sie kennenzulernen oder wenigstens hinzuschauen. Wenn Sie mit Ihrer Gebetsgruppe eine Einrichtung der Flüchtlingshilfe besuchen möchten, können Sie sich an die Flüchtlings- und Migrationsberatungsstellen vor Ort wenden. Diese werden von der Caritas und Diakonie betrieben und sind auch im Internet zu finden. Darüber hinaus finden Sie einen Überblick über alle staatlichen Beratungsstellen unter www.bamf.de. Sehenswert ist auch der Film „Can´t be silent“. Er berichtet über eine Konzerttournee von Musikern, die in Deutschland Asyl suchen und von Abschiebung bedroht sind. Er beleuchtet die Schicksale und den Umgang unserer Gesellschaft mit ihnen. Der Trailer des Films ist empfehlenswert und geeignet, ihn in der Gebetsstunde zu zeigen. Er ist sowohl auf der Homepage des Filmes oder unter www.youtube.de zu finden. Hintergrundinformationen, der Trailer, 22

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4. Kyrie Vater, als Frau und Mann sind wir deine Kinder. – Herr, erbarme dich. Jesus, du bist uns Mensch und Bruder geworden und zeigst uns, was Frieden heißt. – Christus, erbarme dich. Heiliger Geist, hilf du uns, Hilflosigkeit und Angst im Angesicht der Not zu überwinden. – Herr, erbarme dich.

euch bestimmt ist. Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt, und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank, und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen. Dann werden ihm die Gerechten antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu trinken gegeben? Und wann haben wir dich fremd und obdachlos gesehen und aufgenommen, oder nackt und dir Kleidung gegeben? Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.

Foto: Harald Oppitz

sowie Bestellinfos finden sich auf der Homepage www.cant-be-silent.de. Eine gute Handreichung zu dem Film für Pädagoginnen und Pädagogen findet sich unter www.film-kultur.de.

© KNA-Bild

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7. Zwischengesang

5. Tagesgebet Herr, du bist ein Gott des Friedens. Du rufst uns auf, in geschwisterlicher Verbundenheit in der Welt zu leben. Lass uns Hörende deines Wortes sein und nimm unsere Gebete angesichts von Vertreibungen und Flucht an. Darum bitten wir dich durch Christus, unseren Bruder und Herrn. Amen.

Melodie: aus Israel Text: nach Psalm 113,1 Deutscher Text: nach Dieter Trautwein, Strube Verlag GmbH, München

©

Hineh ma tov

Textfassung: aus Erdentöne/Himmelsklang, neue geistliche Lieder, hg. von der Diözese RottenburgStuttgart, 2007, 6. Auflage, S. 172

6. Lesung Mt 25,31-40 Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen. Und alle Völker werden vor ihm zusammengerufen werden und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet. Er wird die Schafe zu seiner Rechten versammeln, die Böcke aber zur Linken. Dann wird der König denen auf der rechten Seite sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für

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8. Gedanken zur Lesung

damit auf die Gefahr der Gleichgültigkeit hin, die sich global auszubreiten scheint. Auch in Deutschland?

Foto: Aus dem Buch „Franz von Assisi 'Sein Leben in Bildern’ ”

© KNA-Bild

Auf dem Rücken eines Pferdes reitet Franziskus in der Nähe von Assisi durch die Gegend. Er ist guten Mutes und fühlt sich gestärkt, da er zuvor noch im Gebet Gottes Nähe erfahren durfte. Plötzlich erscheint ihm ein Aussätziger. Er stinkt und hat ein grässliches Aussehen, vielleicht ist er sogar ansteckend. Was nun? Franziskus war es gewohnt, Aussätzige zu verabscheuen und einen großen Bogen um sie herum zu machen. Der Anblick war ihm einfach zu widerwärtig. Dennoch hatte er Mitleid

Der heilige Franziskus von Assisi

und ließ über eine Mittelsperson Almosen überreichen, selber aber hielt er sich fern. Was also nun? Was wird er diesmal tun? Diese Frage lässt sich auf das Evangelium übertragen. Auch hier spricht Jesus in seinem Gleichnis von der Not und Bedürftigkeit in dieser Welt. Hunger, Durst, Fremdheit, Obdachlosigkeit, Nacktheit, Krankheit, Gefangenschaft werden genannt. Nöte, die es auch heute noch gibt, wenn nicht selbst erfahren, dann doch in den Medien an uns herangetragen. Papst Franziskus spricht dies auf der Insel Lampedusa an, auf der viele Flüchtlinge ankommen, viele aber auch abgedrängt werden und schlimmstenfalls ihr Leben verlieren. „Wir haben uns an das Leid gewöhnt, es geht uns nicht mehr an, wir sind in unserem Wohlstand bequem geworden, unser Herz und Mitleid sind betäubt, nicht mehr fähig, auf den anderen achtzugeben. Wieso hat keiner über die abgeschobenen Mütter, Kinder und Väter geweint?“, fragt Papst Franziskus und deutet 24

„Und während er sonst gewohnt war, vor Aussätzigen große Abscheu zu haben, tat er sich jetzt Gewalt an, stieg vom Pferd, reichte dem Aussätzigen ein Geldstück und küsste ihm die Hand. Dann empfing er von ihm den Friedenskuss, stieg wieder zu Pferd und setzte seinen Weg fort.“ So endet die Begegnung von Franziskus auf seinem Ausritt, auf dem er zu einem anderen Menschen geworden ist. Er spricht später zu einem seiner Gefährten, dass er in der Begegnung mit den Notleidenden einen kostbaren Schatz gefunden habe. Doch was könnte dieser Schatz sein? Wollen wir ihn auch empfangen? Ihn am Ende unseres Lebens in uns tragen? Schauen wir uns noch einmal das Gleichnis im Evangelium an: Die Menschen, die den Hungrigen zu essen gegeben haben, den Durstigen zu trinken, die die Fremden und Obdachlosen aufgenommen, den Nackten Kleidung gegeben, die Kranken und Gefangenen besucht haben, erfahren, dass sie dies letztlich Jesus getan haben. Sie empfangen Fülle, Frieden und Gerechtigkeit (Jesus spricht hier vom Himmelreich). Kann es sein, dass Franziskus die gleiche Erfahrung gemacht hat? Und haben wir nicht auch eine Ahnung dieses Schatzes in unserem Herzen liegen und wissen, dass es wahrhaftig und richtig ist, so zu handeln, ja dass es unserem Leben Sinn und Kraft verleiht? Was hindert uns daran, ihm zu folgen? Ist es die Macht der Gewohnheit, die Bequemlichkeit oder die Furcht vor Veränderung, die uns dazu führt, uns in unserem Wohlstand einzuschließen, die Verantwortung auf andere zu schieben und damit die globale Gleichgültigkeit zu verbreiten? Ist die Gleichgültigkeit im Tiefsten vielleicht auch ein Selbstschutz, die Not nicht zu sehr an sich heranzulassen? Franziskus erhält die Kraft zur Veränderung im Gebet, in der Hinwendung zu Gott. Dies könnte ein Schlüssel sein, die Geschwisterlichkeit im eigenen Herzen wiederzuentdecken, sich für die Notleidenden verantwortlich zu fühlen und den Widerstand der Bequemlichkeit und Furcht zu durchbrechen. Dann haben wir eine Grundlage und den Weg für den Frieden. Pascal Priesack Deutsche Bischofskonferenz, Arbeitshilfen 265

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9. Fürbitten Jesus betont unsere Nähe und Verantwortung für alle Armen und Schwachen, für die Verfolgten, Leidenden und Ausgegrenzten. Wir beten für sie:

Lied zum Friedensgruß

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Text: Uwe Seidel Musik: Thomas Quast, tvd-Verlag, Düsseldorf

Antwortgesang

Du sei bei uns

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Text: Thomas Laubach, Musik: Thomas Quast, tvd-Verlag, Düsseldorf

Alternativ kann als Fürbittruf auch folgender Text gesungen werden: Du sei bei uns in unserer Mitte, höre du uns Gott.

Wir bitten für Menschen, die Hunger und Durst leiden. Wir bitten für die Fremden und Obdachlosen. Wir bitten für alle Bedürftigen und Kranken. Wir bitten für die Gefangenen. Wir bitten für die Flüchtlinge überall auf der Welt. Wir bitten für alle, die Gewalt und Verletzungen erleiden. Wir bitten für die Gefallenen und deren Hinterbliebene. Wir bitten für uns, dass wir genügend Mut, Kraft und Aufmerksamkeit aufbringen, um unseren Schwestern und Brüdern in ihrer Not zu helfen.

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2. … Niemand ist da, der mich mit Kraft erfüllt. … Niemand ist da, der mir die Hoffnung stärkt. 3. … Niemand ist da, der mich mit Geist beseelt. … Niemand ist da, der mir das Leben schenkt.

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10. Vater unser

12. Schlusslied

Foto: 1982-2010 ASSISI.DE

© KNA-Bild

11. Segen Gott der Barmherzigkeit segne uns mit Deinem Erbarmen dass wir gesegnet von Dir einander wie Geschwister Deine Barmherzigkeit zuteil werden lassen bereit der Gleichgültigkeit Widerstand zu leisten und sich nicht aus den Augen zu verlieren

Bewahre uns Gott Text: Eugen Eckert,

© Strube Verlag GmbH, München

Musik: Anders Ruuth,

© Carus-Verlag, Stuttgart

Der heilige Franziskus und Frau Armut

Gott der Liebe segne uns mit Deinem Wohlwollen und Deiner Achtsamkeit dass wir gesegnet von Dir einander mit Respekt und Toleranz wie Geschwister begegnen bereit einander beizustehen und füreinander einzustehen

Gott des Friedens segne uns mit der Gabe der Versöhnung dass wir gesegnet von Dir aufeinander wie Geschwister zugehen bereit immer wieder einen Anfang zu wagen und miteinander den Weg des Friedens zu gehen

2. Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott, sei mit uns in allem Leiden. Voll Wärme und Licht im Angesicht, sei nahe in schweren Zeiten. 3. Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott, sei mit uns vor allem Bösen. Sei Hilfe, sei Kraft, die Frieden schafft, sei in uns, uns zu erlösen. 4. Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott, sei mit uns durch deinen Segen. Dein Heiliger Geist, der Leben verheißt, sei um uns auf unseren Wegen.

Barbara Janz-Spaeth

Die Anregungen für die Gebetsstunde wurden in Teilen der Arbeitshilfe „Geschwisterlichkeit – Fundament und Weg zum Frieden“, hrsg. von BDKJ und kfd in Zusammenarbeit mit DJK, KDFB, GKMD und Pax Christi, Düsseldorf (Haus Altenberg) 2012 entnommen. Wir danken für die freundliche Abdruckgenehmigung.

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„Auf den Fotos, die kurz nach unserer Ankunft von uns gemacht wurden, erkannten wir uns später kaum wieder, so ausgehungert, verwahrlost und erschöpft waren wir“, erinnern sich die beiden. Doch nur der, dem es extrem schlecht geht, wird ins Krankenhaus gebracht. Meline und Abdul K. kommen stattdessen in das Haftzentrum Safi. In dem zur EU gehörenden Inselstaat Malta, auf dem viele Bootsflüchtlinge landen, werden Asylsuchende systematisch inhaftiert. Meline wird nach ihrer Ankunft nicht gründlich untersucht, ihre Schwangerschaft bleibt unentdeckt. Im Gefängnis erleidet sie eine Fehlgeburt. Sie blutet stark, tagelang. Doch medizinische Versorgung wird ihr verweigert. „Es war sehr schlimm für uns, das Kind zu verlieren und dann zu erleben, dass meine Frau nicht ärztlich versorgt wurde“, sagt Abdul. Im Dezember 2009 werden Meline und Abdul K. aus der Haft entlassen und in das Lager in Hal Far verlegt. Als Ehepaar werden sie in einem der Container untergebracht. Jeder Container hat drei winzige Zimmer für je ein Ehepaar. Dort ist Platz für zwei schmale Betten, mehr nicht. Einen Kühlschrank gibt es nicht, aber auch sonst nichts, wo das Essen vor den Kakerlaken sicher wäre. Hunderte von Menschen warten viele Stunden, um einen der schmutzigen Herde benutzen zu können. Die Sanitäranlagen bestehen aus mobilen Toilettenhäuschen und Duschcontainern aus Plastik. Bei starkem Wind fallen die Toiletten um, die Fäkalien verteilen sich dann durch den ganzen Raum. In dem Winter, in dem Meline und Abdul K. in Hal Far sind, wird es sehr kalt. Da es keine Heizungen im Container gibt, kaufen sie sich ein elektrisches Heizgerät. Die Lagerleitung nimmt es ihnen wieder ab – sie müssen Strafe bezahlen. Schließlich schafft es das Ehepaar von Malta nach Deutschland zu fliehen, wo sie einen Asylantrag stellen. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge verweist darauf, dass gemäß der EUAsylzuständigkeitsregelung namens „Dublin-II“ Malta für ihre Asylverfahren zuständig sei – dem Paar droht, nach Malta abgeschoben zu werden. Nach langem Bangen können Meline und Abdul in Deutschland bleiben: Weil Meline erneut schwanger wird, sehen die Behörden von einer Abschiebung nach Malta ab. Im Asylverfahren erhalten sie endlich einen Schutzstatus.

Foto: Markus Lahrmann

August 2009: Das Ehepaar Meline und Abdul K.* besteigt in Libyen mit 80 anderen Flüchtlingen ein Boot nach Europa. Sie suchen Schutz vor dem seit 20 Jahren andauernden Bürgerkrieg in Somalia. Tagelang driftet das Boot orientierungslos auf dem Mittelmeer. Schließlich landen die Flüchtlinge dehydriert und ausgehungert auf Malta.

© KNA-Bild

Portrait einer Flucht

Der Jesuiten-Flüchtlingsdienst: Für die Menschen hinter den Fällen Der weltweite JesuitenFlüchtlingsdienst – Jesuit Refugee Service (JRS) – wurde 1980 angesichts des Elends der vietnamesischen Bootsflüchtlinge als internationale Hilfsorganisation gegründet; heute ist er mit etwa 1.200 Mitarbeitern in über 50 Ländern vertreten. Sein Auftrag ist es, Flüchtlinge und Migranten zu unterstützen und für ihre Rechte einzutreten. In Deutschland engagiert er sich für Abschiebungshäftlinge, sogenannte Geduldete und Menschen ohne Aufenthaltsstatus. Schwerpunkte der Arbeit sind die Seelsorge in Abschiebungshaftanstalten (Berlin, Eisenhüttenstadt und München), Härtefallberatung sowie Verfahrensberatung bei Aufenthaltsproblemen, der Aufbau einer Abschiebungsbeobachtung am neuen Großflughafen Berlin und das Motivieren von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für weltweite Einsätze. Weiterhin ist der JRS Mitglied im Katholischen Forum „Leben in der Illegalität“, das sich für die sozialen Rechte von Menschen ohne Aufenthaltsstatus einsetzt. Der Flüchtlingsdienst gibt den Migranten in der Öffentlichkeit eine Stimme und versucht, Entwicklungen im Ausländerrecht und in der Ausländerpolitik positiv zu beeinflussen. Weitere Infos / Kontakt unter Tel. 030/32602590 oder im Internet unter: www.jesuiten-fluechtlingsdienst.de www.facebook.com/fluechtlinge

* Name von der Redaktion geändert Deutsche Bischofskonferenz, Arbeitshilfen 265

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Ökumenisches Friedensgebet 2014

Gott,

Jesus, Erlöser der Menschheit, du bist als unser Bruder mit uns auf dem Weg zur Freiheit. Führe uns bei unserem Einsatz für die Menschenrechte, für Gerechtigkeit und für die Befreiung der Armen, Unterdrückten, Benachteiligten und Ausgebeuteten. Heiliger Geist, du göttliche Weisheit, begeistere und erleuchte unsere Jugend, stärke Frauen wie Männer und verwandle uns alle. Lass Eintracht herrschen zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturen, Religionen und Nationen. Heiliger, dreieiniger Gott, beschenke all jene mit der Fülle des Lebens, die ihre ganze Existenz, ihre Begabungen und persönlichen Möglichkeiten einsetzen für die Entwicklung und das Wohlergehen der Menschheit. Der Name Gottes sei allezeit gepriesen durch Jesus Christus, den Herrn unserer Geschichte und der Ewigkeit. Amen. Verfasser: Fr. Emmanuel Asi Das Friedensgebet nimmt unter anderem Bezug auf Pakistan, das 2014 als Schwerpunktland im Fokus der Missio-Solidaritätsaktion beim Sonntag der Weltmission steht. Weitere Informationen unter www.oekumenisches-Friedensgebet.de

Foto: M. Vogt

Barmherziger Vater, gewähre all denen Befreiung, die in Pakistan, aber auch in so vielen anderen Ländern dieser Erde, ihren Lebensunterhalt durch Zwangsarbeit bestreiten müssen. Zeige den Unterdrückten dein liebevolles Antlitz und den Ausbeutern deine Bereitschaft, ohne Bedingungen zu verzeihen. Segne Pakistan ebenso wie unser Heimatland mit Wohlergehen und Fruchtbarkeit, damit alle genug zum Überleben haben. Gott des Friedens, gewähre all denen Frieden, die unter politischem Terrorismus und religiöser Gewalt leiden, die wegen ihres Glaubens und ihrer Überzeugung verfolgt werden.

© Missio

alles hast du geschaffen und erhältst es wunderbar am Leben. Von der ganzen Menschheit und Schöpfung wirst du gepriesen.

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