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Ein Jahr höchstens. Wenn überhaupt. Impressum & Darstellerinnen er Ameisenhaufen

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lne kleine Chronologie Mein erster Tag Im EX ·V Ielfalt durch Einheit Selbstverwaltung

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Organisation der Selbstverwaltung Auf zu neuen ·Fehlern

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Selbstverwaltung, Identität und Integration

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Der Aktivenrat Im Vorratsschrank

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Ollversammlungen ln großen Gruppen 3 ünscht & Unerwünscht

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"t der Zapfhahn ist politisch

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rsönllche Erfahrungen & Schicksale hemallger Kollektivistinnen

42

Ein Jahr höchstens. Wenn überhaupt! Die Prognosen für die Dauer unseres "EX-periments" waren nicht gerade überschwenglich. wie soll das auch funktionieren: über 100 Leute im Alter zwischen 16 und 56 Jahren, von denen der größte Teil weder Erfahrungen in der Gastronomie noch in Betriebsführung oder selbstverwalteten Arbeitsstrukturen hat, wollen eine Kneipe betreiben? Noch dazu zum größten Teil unbezahlt? unser angestrebtes Modell erschien vielen als ein überholtes Relikt aus den frühen 80er Jahren -Selbstverwaltung und kooperative Experimente waren 1998, als wir die Kneipe im MehringHof übernahmen, schon wieder exotisch. Im ersten Jahr kamen deshalb viele Gäste aus Neugier: mal kucken, wie die das so machen ... wobei sich die Aufmerksamkeit eher auf die Qualität des Milchkaffees richtete, als darauf, wie dieser bunt gemischte Haufen es schaffte, alle Anforderungen zu meistern, die plötzlich zu bewältigen waren. Anforderungen von außen, z.B. in Form von Finanz - , Gewerbe- und anderen Ämtern, andererseits aber auch nach innen, denn es gab keine Vorbilder, weder für die Alltagsorganisation, noch für die Entwicklung einer Struktur für Meinungsbildung, für Entscheidungen, Kommunikation usw. Auch im zweiten und dritten Jahr war der Milchkaffee oft nicht so richtig lecker und dauerte immer noch etwas länger. Das EXperiment war nicht mehr neu, das Interesse von außen ließ deutlich nach. Aber das lag nicht nur an unseren Besucherinnen. wir haben uns immer schwer getan damit, die Besonderheit unseres Projektes nach außen darzustellen, wir konnten uns nicht einmal auf einen Artikel in der MehringHof-Broschüre einigen. so malen dann auch die wenigen Zeitungsartikel ein Bild über uns, das eher nur die Stimmungslage einzelner, meist frustrierter Mitarbeiterinnen wiedergibt. Das Gesamtkunstwerk ist darin nicht zu erkennen. Nicht nur wegen der sinkenden Umsätze- dieses ungewöhnliche Experiment hätte sicherlich mehr Öffentlichkeit verdient. und es bleibt ungewöhnlich, auch über das Ende des Projektes hinaus: eine kleine Gruppe hat die gesammelten Erfahrungen ausgewertet, und so wird nun ein Jahr, nachdem der letzte Mi 1 chkaffee von uns verkauft wurde, die Öffentlichkeit hergestellt, die das Projekt vorher nie erreicht hat. In dieser Broschüre stellen wir dar, was wir ausprobiert und welche Schlüsse wir daraus gezogen haben, erheben dabei aber keineswegs den Anspruch auf Vollständigkeit! wir hoffen, daß di ej eni gen, die mitgemacht haben, sieh beim Lesen an das eine oder andere wieder erinnern und es nun vielleicht ganz anders einordnen können. und wir wünschen uns, daß unsere Leserinnen von dem profitieren können, was wir gelernt haben aus unseren Erfahrungen mit drei Jahren EX. Drei Jahre genau. Immerhin! 3

.....

Impressum

wir (9 Leute aus sechs verschiedenen beteiligten Gruppen) haben uns ziemlich genau ei n Jahr lang mit der Auswertung dieses 'Großversuches' beschäftigt, haben diskutiert, analysiert, bewertet und zum Schluss geschrieben. wir sind alle über 30 Jahre alt, hatten mehrheitlich bezahlte Tätigkeiten (Einkauf, Koordination, Projektverwaltung) im Projekt übernommen und/oder waren an anderen Stellen (Geschäftsführung, Peanuts-AG) kontinuierlich beteiligt. Dadurch sind wir keinesfalls repräsentativ für das EXperiment. In den Texten spiegeln sich unsere Meinungen und Erkenntnisse wieder, die wir absichtlich nicht zu einem Konsens geführt haben. viele unserer ehemaligen Genossinnen werden den Projektverlauf völlig anders sehen und ganz andere Schlussfolgerungen daraus ziehen. wichtig ist nur, dass wir aus den Erfahrungen den Mut für die nächsten linken Projektversuche ziehen. Dazu wolllen wir beitragen. Deshalb freuen wir uns auch über konstruktive Kommentare, Ergänzungen oder Richtigstellungen zu dieser Broschüre. ihr erreicht uns über: RGW Beratungsbüro Berlin, Lieanttzerstr.18, 10999 BerlinKreOzuerg Fax:030/612 86 204 [email protected] Berlin, März 2002

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Die Darstellerinnen (nicht in der Reihenfolge ihres Auftritts, i hrer Anwesenheits zeiten, ihrer Lebensdauer oder ihrer Größe).

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FrauenlesbenTag Mexico-Gruppe radikar - kollektiv- politisch C'" Cl) """! Guatemala- Kommitee c.c GneisenaustraBe 2a K40: Hausprojekt AJF: Anti f a - J ugend f ront AOK : Anti - ol ympi a - Kommi tee Brunnenstrasse: Hausprojekt AMOB: Anar c hist Movement of Berl in TRIO: Freundeskreis Yorck: Hausprojekt Komplex: schül erinnenGruppe SchwullesBischTransverQueer MIX: Männergruppe im EX Rappelkiste: Freundeskreis UBBS: unabhängige schül erinnengruppe Pi radio: Ini ti at i ve für ein frei es Radio Vencerernos: Antiimperialistische Politgruppe Babylonia: Internationale Sprachenschule ADA: türkisch - kurdischer Verein CD-ROM: Kollektivbetriebe ( CashDeal er) und Freunde skrei s Assels: Schüler i nnengruppe a us serlin - Rudow EX&Hopp: Publizistikstudentinnen aus dem ASTA FU Berli n FUGIS: Geschi chtsstudentinnen der FU serl in KlippKiaap: Anti - AKW Gruppe (vo r mals AAP - Ani tAtomPl enum) Internats: Internationalismusreferat der Humboldt - univer si t ä t Berlin Conny's Container (bzw. Resterampe): alt - EX- Kollektivi sti nn e n & andere Philos: Fachschaftsi ni ti ati ve Philosophie der FU Be r l i n N



Das "alte" EX 1n neuem Fahrwasser oder: ein Ameisenhaufen hinterläßt doch Spuren ... sie geben sich geheimnisvolle und klangvolle codenamen, wie z. B. K 40, TRIO, ADA, Resterampe, MIX, CD- ROM, AOK, Yorck 59, Babyl oni a oder Kamp 1 ex, die neuen Macherinnen dies er 1 egendären Kneipe. Dahinter steckt ein äußerst seltenes Potpourri von knapp 100 Menschen aus dem unange paßten Großstadtsumpf: u. a. Frauen - und Männerzusammenhänge, schwule und 1 esbi sehe Gruppen, Menschen aus der antifaschistischen Arbeit und Schülerarbeit, aus Hausgemeinschaften, aus Kollektiven, der Internationalismus - Arbeit, aus diversenundogmatischen politischen Projekten und sozialen Strukturen, schülerinnen, Anarchistinnen, Philosophinnen, Autonome, Studentinnen, Angestellte und Arbeiterinnen, Auszubildende, Nichtdeutsche und Deutsche und viele, die einfach unbeschreiblich sind. Ein Extrakt aus 20 Gruppierungen im Alter zwischen 17 und 57 Jahren, mit eigenwilligen Charakteren, den vielfältigsten Ideen und den unterschiedlichsten Biografien. Seit Februar 1998 beleben wir als "Berliner Mischung " die Gaststätte EX im Mehringhof, freiwill lig, aus politischem Interesse und ohne Bezahlung für die täglichen Arbeiten am Tresen zwischen 10.00 Uhr und 4.00 morgens. Je nach ihrer Größe übernehmen die Gruppen einzelne schichten oder ganze Tage die Kneipe, 1 bis 2 schichten pro Person im Monat sind dabei die Regel, manchmal auch mehr. Es steht den verschiedenen Projekten offen, ihren Kneipenalltag inhaltlich zu gestalten, z. B. ihre Arbeit darzustellen oder sich durch das verbreiten von unerträglich guter Stimmung allseits beliebt zu machen. so entsteht ein öffentlicher Ort mit möglichst wenigen kapitalisti schen zwängen und möglichst viel Platz für Begegnung, Informationsaustausch, Kommunikation, Partys, Kultur und Spaß und zwar gleichermaßen, für Betreiberinnen und Gäste. Die unvermeidlichen Überschüsse werden von Anfang an zur Senkung der Preise verwendet, zum Abbau der Schulden für die Übernahme und Anfangsinvestitionen, Entlohnung für logistische Arbeit (Koordination, Einkauf, Buchführung, Kochen und Reparaturen) und ab ca. Oktober 1998 auch für po 1 i ti sehe Arbeit zur Verfügung gestellt . In der Höhe dieser summe spiegelt sich wieder, wie erfolgreich es uns gelingt Euch als Gäste zu gewinnen. ob dies es Experiment das vereinbarte Versuchsjahr überleben wird, hängt vorrangig von uns selber ab: schaffen wir z. B. das dreiwöchige Plenum unter die 5- Stunden- Grenze zu drücken, trauen wir uns Entscheidungentrotz kontroverser Standpunkte zu, können wir unsere Unterschiede als Verschiedenheit und nicht als Bedrohung akzeptieren, kommt erst das Putzen und dann das revolutionäre Lösungsmittel, erst das Ohr, dann die große Klappe?? sollte auf diesem holprigen Pfad so etwas wie vertrauen auftauchen - dann sind wir unschlagbar! während dessen brauchen wir Eure Geduld, denn keine/r von uns ist zum/r zapfer/in geboren wor den, Bedienen, Kassieren, stundenlanges Putzen und Service gehören auch nicht gerade zu unseren 5

Lieb 1 i ngsbeschäfti gungen, das Einhalten eines genaue verbindlichen Organisationsschemas grenzt schon grauenhaft an Disziplin. Kleinigkeiten, z. B. wenn morgens die Kaffeemaschine Rauchzeichen gibt, die Elektrik ihren schlechten Tag hat, kein Geld für die Bezahlung des Bierlieferanten bereit liegt, sich die Kühlung der Zapfanlage bei Hochsommerwetter verabschiedet oder ein Typ vom Gesundheitsamt überraschend die Papierhandtücher kontrollieren will, verlangen von uns nur einen ausgeglichenen Adrenalinspiegel und einen Blick in das Kneipenhandbuch. wenn aber z.B. die Musikanlage partout nicht leiser zu ste 11 en geht und ohnehin nur Raggae-Musik spielen kann, das Weizenbier vom Hahn als Schaumteppich Karriere macht, der vertieft telefonierende Tresendienst die durstigen Seelen in seinem Rücken übersieht, der bestellte Apfelsaft verdächtig echt nach Rhabarber schmeckt, die snickers zum x-ten Male durch intensiven Eigenverbrauch leider nicht mehr zum verkauf gelangen: ja, dann hilft nur noch unser unwiderstehlicher Charme Euch zu Stammkundinnen zu machen ... wir werden viel daran arbeiten, Dinge zu verbessern und Neues zu erproben, nur verbiegen werden wir uns deshalb nicht. Lieber ein aufrechter Gang als Erbsenzählerei. Hasta la victoria! wer Lust hat mehr zu erfahren oder tatkräftig in diesem Projekt mitwirken will, findet jeden Mittwoch zwischen 17.00 und 19.00 Uhr offene Ohren hier bei der Koordinierungsgruppe. r

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Flugblatt, April/Mai 1998

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ezember donnerstag 2 . 12. klipp klAAP presents: ab 19°0 lecker essen ab 20 Cocktails

ab Soli für ein Frauenprojekt in Nicaragua

Eine kleine Chronologie Oktober 1997 Das letzte EX-Kollektiv beschließt aufzuhören , da es keine Perspektive sieht, die Kneipe mit ihrem inhaltlichen Konzept in ökonomisch ruhiges Fahrwasser zu steuern. Stattdessen soll die Kneipe von Gruppen übernommen werden , die durch ehrenamtliche Arbeit die Kneipe als politischen Treffpunkt und Ort weiterführen , ohne unter dem ökonomischen Druck zu stehen Löhne für 10 -12 Leute zu erwirtschaften . Ende 97 I Anfang 98 Verschiedene Gruppen treffen sich und diskutieren , wie ein Gruppenkonzept für das EX aussehen könnte. Sie bewerben sich beim MehringHof um die Kneipe und bekommen schließlich den Zuschlag . Die wesentlichen Ziele des Projektes lassen sich mit "den Ort EX erhalten", "eine alltags-praktische Vernetzung politischer Gruppen aufbauen" und "Überschüsse für politische Initiativen und Projekte erwirtschaften" beschreiben. Januar/Februar 98 Ein Treffen jagt das nächste, um aus den verschiedenen Ideen ein funktionsfähiges Modell zu formen: Konsensentscheidungen , Gruppen sind für bestimmte Tage zuständig, Delegiertlnnen-Treffen, politischer Rahmen , bezahlte Funktionsgruppen für Einkauf, Reparaturen , Finanzen und Koordination . Nebenher: Gründung einer GmbH , Renovierung , Geldbeschaffung, Konzessionsübernahme, Einarbeitung der Gastwirtinnen in spe .... 21. Februar 98 Nach aller Hektik und Stress ist es nun so weit: die feierliche Eröffnungsparty findet statt. März/Apri 1 98 Ein Mann, der sich in der Finanzgruppe engagiert, wird von seiner Vergangenheit eingeholt. Es wird ihm vorgeworfen , sich in einer Vergewaltigungsdebatte als Täterschützer hervorgetan zu haben. ln der Auseinandersetzung zeigt er sich uneinsichtig, was schließlich zu seinem Ausschluß führt. 1. Ha 1bj ah r 98 Der Kneipenbetrieb läuft sich ein und funktioniert so einigermaßen . Die Diskussionen auf dem Delegiertinnen-Treffen drehen sich immer häufiger im Kreise, da die Gruppen nicht kontinuierlich teilnehmen und so bereits erledigt-

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geglaubte Debatten neu aufgerollt werden müssen. Der Gründungselan versiegt so langsam , bis die Treffen schließlich kleiner, aber auch etwas kontinuierlicher werden. Ein wesentliches Thema der Auseinandersetzung ist die Zusammensetzung der zu gründenen Küchengruppe. Einige wollen , daß sie mit Migranntlnnen besetzt wird. Es wird die AG Peanuts gegründet, die es sich zur Aufgabe macht, über die strukturelle Entwicklung des Projektes zu diskutieren. Zum einen geht es um die Möglichkeiten , die Gesellschafterinnen der GmbH (einzelne Leute) durch einen Verein zu ersetzen. Desweiteren soll ein Binnenvertrag entwickelt werden , in dem die projektinternen Regeln und Umgangsweisen aufgeschrieben werden sollen (wurde nie ausgeführt).

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Sommer 98

Es findet sich eine Gruppe, die die Küche (als bezahlte Arbeit) übernimmt. Es wird eine Probezeit von ca. einem halben Jahr vereinbart, in der die Küche eine sich selbst tragende Ökonomie aufbauen soll. Es gibt im Mehringhof, aber auch in der Kneipe zunehmend Streß mit Jugendlichen bzw. mit deren Auftreten und Verhalten. Das EX gerät dabei zwischen die Fronten der unterschiedlichen Interessen der Jugendlichen und des Mehringhofs. Es zeigt sich , wie schwierig es ist in solch einem heterogenen Projekt zu einem einheitlichen , konsequenten Verhalten zu kommen.

Herbst/Winter 98/99 Die Kneipe lief im ersten halben Jahr sehr gut. Es können bereits einige der aufgenommenen Darlehen getilgt werden. Das Deli-Treffen ist auf eine relativ kleine Gruppe zusammen geschmolzen und fragt sich , ob die Entscheidungen eigentlich noch basisdemokratisch legitimiert sind. Frühjahr 99 Es gibt zunehmend Auseinandersetzungen mit und um die Küchengruppe, da diese es nicht schafft, ihre Ökonomie selbsttragend zu gestalten. Faktisch wird sie deshalb erheblich vom Projekt gesponsert. Schließlich wird beschlossen, ihr zum Sommer zu kündigen. Die Idee, Migrantlnnen ohne legalen Status in der Küche zu beschäftigen , wird leidenschaftlich diskutiert und spaltet das Projekt. Die Frage entwickelt sich zum Nervthema, das sich ohne Fortschritte immer wiederholt und so erheblich zur Ermattung der Diskutierenden beiträgt. Schließlich scheitert die Idee daran, daß der Geschäftsführer nicht bereit ist, das juristische Risiko zu tragen und sich auch keinE andereR für die Geschäftsführung findet.

Samstag 4.7. ab 22°0 SoliParty für die Weisestraße Sonntag 5.7. ab 15°0 Schwullesbischer Tag Montag 6.7. ab 18°° Kneipe & Kleinkunst Dienstag 7.7.

20° Veranstaltung zur aktuel0

len Situation in Mexiko und zur Situation der politischen Gefangenen. Mit Rosa M. Alvarez aus Mexiko. Donnerstag 9.7. Der neue AK Kraak im EX ! Sonntag 12.7. ab 18°° FrauenlesbenTag Samstag 18.7.

ab 22° Ghettoblast-Konzert 0

+Party Soli für die Verhafteten vom 1.Maiwochenende

e freitag 1.9. Premiere!!!

MehringHofFilm von AK Kra:.tk hct \Chüncm aul

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sonntag 3 . 9. lesbischwultranschrägerTag al) l"i

Kalh:t . Km.hl:ll . lolldn.: n l"lilhth

samsta_gj!. 9. au' .. a I Lw.L aul All La )!' I her l..olllllHIH M.. hmal rtt hlll' l 111auhl>l>l lllllllun g aul liiUÜ.

'ocktails unter Palmen, s pringende Fische und Tan7A:n auf zwei Oanccnoors: a b 23

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Die große EX-SommerParty

"Zurück_:naeh Mallorca! " 22° 0 Bluna and fricnds pruud ly present:

Bremens großes Anti-Expo-Musical " Expo winke, winke, bve bve

sonntag 10.9. FrauenlesbenTag ab 12°" f.rühstück shulkl m gra mm

aktuelle Prcsl\c)

fiir Axcl, llarald und Sabi nc

samstag 23.9. 20'" Veranstaltung und Ausstellung zum Paramilitarismus in Kolumbien und zum "Plan Colombiano" dann:

Soli Party 24.9.

Das erste Jahr war insgesamt ökonomisch erfolgreich , so daß über die Verteilung von Überschüssen diskutiert werden kann. Es wird ein Verfahren beschlossen, und die ersten Projekte erhalten Spenden für ihre politische Arbeit.

Sommer 99 Das erste halbe Jahr 99 ist ökonomisch bedeutend schlechter gelaufen als das erste Jahr, es wurden sogar Miese gemacht. Dies liegt im wesentlichen an einem deutlich gesunkenen Umsatz, aber auch an einem größeren Eigenverbrauch. Die Zuschüsse zur Küche schlagen negativ zu Buche. Die Größe des Eigenverbrauchs läßt darauf schließen, daß in der Kneipe geklaut wird. Die Ermüdungserscheinungen werden immer deutlicher: Einige Gruppen haben sich aufgelöst, die ersten sind ausgestiegen , andere sind so dezimiert, daß sie ihre Schichten nicht mehr voll kriegen. Es entstehen immer mehr Lücken im Schichtplan, die von der KO-Gruppe aufgefangen werden müssen. Es kommen zwar auch neue Gruppen hinzu , aber unterm Strich werden die Lücken größer. Die Öffnungszeiten werden im Sommerloch eingeschränkt. Die Debatte um das Verhalten der AAB in Zusammenhang mit einer Vergewaltigung wird in das Projekt hineingetragen. Es wird beschlossen, daß die AAB vorerst keine Veranstaltungen im EX durchführen darf. Hausverbote werden auch diskutiert, aber es wird davon abgesehen , da deren Umsetzung in diesem Projekt zu schwierig ist. Der Mehringhof plant eine Selbstdarstellungsbroschüre anläßlich seines 20-jährigen Bestehens, in der alle Projekte vorgestellt werden sollen. Eine Journalistin wird vom Mehringhof damit beauftragt, die Gruppen zu interviewen und daraus eine Projektbeschreibung zu erstellen. Die Diskussion um diese Vorlage zeigt, wie unterschiedlich und wenig diskutiert das gemeinsame Selbstverständnis ist, und führt dazu, daß keine Darstellung des EX in der Broschüre erscheint. Herbst 99 Aufgrund der sich anhäufenden Schwierigkeiten wird beschlossen, sich zu einem Projekt-Wochenende zu treffen, um die weiteren Perspektiven des Projektes zu diskutieren. Gleichzeitig soll dieses Wochenende dem gegenseitigen Kennenlernen dienen. Im Vorfeld des Wochenendes wird eine projektinterne Befragung durchgeführt, um mehr Transparenz zwischen den Gruppen zu erhalten. Von den geschätzten , insgesamt am Projekt beteiligten 120 Leuten , nehmen nur etwa 45 Menschen am Wochenende teil , bzw. schauen mal vorbei. Auf dem Treffen werden einige Arbeitsgruppen gegründet, die sich den Themen Öffentlichkeitsarbeit I Werbung, Entscheidungsstrukturen und Kommunikation widmen sollen.

Frühjahr 00 Auf einer Vollversammlung werden die Diskussionen der Arbeitsgruppen vorgestellt. Es wird beschlossen , das Deli-Treffen in Aktiven-Rat umzubenennen und zu Entscheidungen zu legitimieren, auch wenn nur wenige Gruppen sich daran beteiligen. Die ökonomische Situation ist nach wie vor unbefriedigend, da keine Überschüsse erwirtschaftet werden. Dies wirkt zunehmend demotivierend, da die Vergabe von Überschüssen wesentliches Ziel für einige Gruppen ist. Es werden alle aufgefordert sich beim Eigenverbrauch zurückzuhalten. Die Sinnfrage des Projektes stellt sich immer drängender. Es wird die Beendigung des Projektes diskutiert, da die Ermüdungserscheinungen immer stärker an den Kräften derjenigen zerren, die versuchen, die entstehenden Lücken mit persönlichem Engagement zu füllen. Es wird schließlich beschlossen bis zum September noch einmal alles zu versuchen, die Probleme in den Griff zu bekommen und dann über die Weiterführung oder Beendigung des Projektes zu entscheiden. Es wird eine Öffentlichkeits-AG als bezahlte Gruppe gegründet. Diese soll für eine bessere öffentliche Darstellung des Projektes sorgen.

septembe r 00 Zwar konnte die ökonomische Situation erheblich verbessert werden, und auch die Erwirtschaftung von Überschüssen scheint in der Perspektive möglich. Die vorhandenen Kräfte sind jedoch mittlerweile so weit aufgezehrt, daß ein Weitermachen ohne neues Engagement nicht möglich erscheint. Die VV ist in zwei etwa gleich große Lager gespalten: die einen wollen es weiter versuchen , die anderen lieber ein gemeinsames Ende beschließen. Die Entscheidung wird auf den Oktober vertagt, um zu sehen, ob es gelingt neue Kräfte für ein Weitermachen zu mobilisieren. Oktober 00

Es haben sich nicht genügend Leute gefunden, die verbindlich ihre Mitarbeit zusagen, so daß schließlich mit großer Mehrheit die Beendigung des Projektes zu Ende Januar 2001 beschlossen wird.

Dezember 00 Januar 01

Hausverbotsdiskussion wegen Bahamas-Veranstaltung. Ende des Projektes und Beginn der Abwicklung.

Sonntag 19.7. ab 18°° Kneipe Sonntag 26.7. ab 18°° FrauenlesbenTag 19.30 FrauenlesbenMädchenKino mit:

" Das ist mein Weg - das will ich" (Berlin '97, von Anne Frisius und Wahied Wahdathagh) Ein Film über den Kampf um Selbstbestimmung von Mädchen die in zwei Kulturen leben. Interviewt wird die türkisch-berlinerische Rapperin Aziza-A., ein Tanztheater zweier ExilIranerinnen setzt sich mit dem Schleier auseinander und drei Mädchen sprechen über arrangierte Ehen. Veranstaltungs-/Konzert -/Party Anfragen jeden Mittwoch 17-19°0 im EX Anfragen für den Lautsprecherwagen für Demos und Kundgebungen jeden Freitag 19-20°0 im EX

Mein erster Tag im

EX

Milchkaffee-Maschine - omeingott, Maschine! zischt und dampft und macht auch sonst viele schreckliche Geräusche und unheimliche Dinge. Erst das Ding dahin, dann den Hebel dorthinüber - oder war's doch irgendwie anders rum? Bierzapfhähne - Schaum, Schaum und nochmals Schaum, schaumzapfhähne. schäumen überschäumend schaumig. Apfelsaftschorle - kein Problem: Apfelsaftflasche, wasserflasche. Wieso "schmeckt so seltsam"? oh, hupps, nein, Tonic paßt wirklich nicht zu Apfelsaft. Für Billard braucht mensch auch Kugeln? Ja, dann ist das schon irgendwie logisch, daß die ebenfalls wieder eingesammelt werden müssen. wo steht denn - ? wo ist denn - ? wohin kommt denn - ? Wie muß denn-? wer weiß denn-? Zettel. Informationen. Tipps. Hinweise. Abspeichern im Kopf. und nebenbei mit Schaum und Dampf kämpfen. zwischen 2h und 2.30 morgens versuchen zu rekapitulieren was beim schließen alles zu bedenken ist; und dutzendemale die entsprechenden Hinweiszettel befragen, zwischen Tischewischen und Einen-letzten-gehunwilligenGast-zum-Gehen-Bewegen. und dann nur noch alle relevanten Lichtschalter finden; oder fast alle. - Aber nein, im Ernst. Es hat mir viel Spaß gemacht, und viele Leute haben mir nett geholfen und es freundlich akzeptiert, daß es mein erster Tag war. Anfängerinnen stellen sich halt manchmal etwas an.

Vielfalt durch Einheit oder Einheit durch Vielfalt oder doch bloß Einfalt durch Vielheit .. • ?• Es gab in letzter Zeit kaum einen anderen Ort in Berlin, an dem sich so unterschiedliche Szenen, Menschen unterschiedlichsten Alters und Interessen über so einen langen Zeitraum begegneten. Als die 'politische' Kneipe EX vor 20 Jahren aus der Taufe gehoben wurde, stand die Uniformität in Sprache, Kleidung und den linken Idealen Pate, bei unserem heutigen versuch genau das Gegenteil, die kaum zu überbietende Vielfalt. Die Vielfalt ist unsere Stärke!. Dieses langlebige und oft strapazierte Fanal traf in diesem 'neuen' EX nun auf einen aktuellen Prüfstein, der den vergleich mit keinem Dauerbelastungstest scheuen mußte. wir starteten 1998 unseren versuch, also in Zeiten gewollter und gelebter Verschiedenheit. Kaum eine andere örtl i chkei t wäre dazu in der Lage gewesen, Gruppen zum gemeinsamen Tun zu animieren, die sonst noch nicht ma 1 mehr über ihre Anwältinnen verkehrten. Nicht nur das Alter der zusammenströmenden Aktivistinnen (quasi von 15 bis 55) war von sensationeller Spannweite, auch die Breite der vertretenen Bewegungsmilieus und Gruppierungen stellte eine ziemlich imposante Kulisse für den Startschuß dar. und diese erlebte Vielfalt in der Startphase - in Verbindungen mit einer ungewöhnlich großen Anzahl von Interessierten - entwickelte tatsächlich ein Gefühl der Stärke bei uns: Das bekommen wir hin, wir sind sch 1 i eß 1i eh vi e 1e und entsch 1essen! ohne diese Dynamik wäre das Experiment nicht vom Stapel gelaufen. Entsprechend 1 i eßen sieh die anfängl i eh geäußerten Hoffnungen und Absichten nicht lumpen: Öffentlichkeit für politische Themen, politische Veranstaltungen, Einmischung ins politische Tagesgeschehen, Geld für politische Arbeit, Arbeitsplätze für Migrantinnen und uns, Platz für Selbstdarstellung der Gruppen, Offenheit für möglichst viele, Freundlichkeit gegenüber den basisdemokratische Entscheidungsstruktur, funktionierender Betriebsablauf, Kundinnen, Kantinenbetrieb, überwiegend Soliarbeit und nicht Geldverdienen, lebhafte interne Diskussionen, Kennenlernen und inhaltlicher Austausch der Gruppen untereinander, attraktives Erscheinungsbild nach außen, Beteiligung an der Selbstverwaltung im Mehringhof, wirtschaftsbetrieb - allerdings ohne Steuern, übersi chtl i chkei t für Neue, einfache Einarbeitung, Se 1 bstverantwortung bei der Arbeit, Übergangslösung bis zum nächsten Kneipenkollektiv, dauerhafter versuch öffentliche Orte selbstverwaltet zu gestalten, Lernfeld für selbstorganisierte Alltagsstruktur, wirtschaften ohne kapitalistische verwertungslogik, ....... . we don't want only one cake ........ .

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Jeder und jedem, dem/der sich halbwegs freie sieht auf diese hoffnungsschwangere Lawine verschaffen konnte, durfte eigentlich schon sehr früh hohe Wetten auf ein scheitern dieses Unternehmens abschließen. sehr viele, gerade auch erfahrene Freundinnen und Genossinnen, hielten dann auch kopfschüttelnd und beharrlich gemessenen Abstand zu diesem 'Ameisenhaufen': das klappt doch nie - warum es dann überhaupt versuchen? so notwendig diese Vielfalt als Urknall für diesen versuch auch war, absichtlich ausgesucht hatten wir uns diese Startformation nun gerade nicht. Wir bekamen diese großen individuellen, politischen, altersmäßigen, biographischen, usw. Unterschiede frei Haus mitgeliefert, ohne sie uns ausgesucht zu haben und ohne eine adäquate Umgehensweise parat zu haben. Die Masse macht's, mit diesem Pfund konnten und mußten wir wuchern, kommt ja schießlieh auch nicht alle Tage vor. Mitgeliefert wurde uns damit auch eine gewisse Beliebigkeit, wer mit welchen Absichten und Können den Tanz um den politischen Zapfhahn eröffnet und vor allem, wer nach der Party das Licht ausmacht. war früher das EX ein Autonomen-Tempel , wurden ans eh ließend die Ruinen dann als revolutionärer Wartesaal von fast denselben Besucherinnen weiter genutzt. so standen wir nun mitten in einem Flohzirkus, in dem fast alles, zumindest sehr vieles.- nach eigenem Gutdünken.erlaubt war. Natürl i eh rutschte unauswei chl i eh die Notwendigkeit näher, diese vielen ziele und Hoffnungen abzuspecken, auf der Einhaltung der beschlossenen Alltagsorganisation dringen zu müssen und nicht jegliche persönlich gefärbte Extravaganz (z.B. der sog. Eigenverbrauch) hinnehmen zu dürfen. Doch wie sollte sich ein lebbarer und praktischer Kompromiss bilden? Dazu bedurfte es einer Klarheit und Ei ni gkei t, die es gerade über weite Strecken nicht geben durfte. Denn alle wurden dringend gebraucht, alle sollten an Bord bleiben oder zusteigen können, niemand durch seine/ihre individuellen Vorstellungen ausgegrenzt werden oder sich so fühlen. unsere sog. Vielfalt war Programm, sollte ja unsere Stärke sein. so bewegten sich doch viele Aktive gleichzeitig, aber mit sehr unterschiedlichen Landkarten vor der Nase durch das unbekannte politsche Gastronomiegelände, auf sehr unterschiedlichen Pfaden, abweichenden Geschwi ndi gkei ten, Etappenzielen, mit oder ohne Umwege, mit verschwenderisch viel zei t und Leidenschaft oder im marschmäßigen Eiltempo. An jedem Kneipen(all-)tag, jedem Aktiven-Rat oder Vollversammlung, jeder übergreifenden Absprache und Verabredung war dies klar ablesbar: die sog. umgehensweisen, z.B. alleine mit uhrzeitliehen Vereinbarungen, konnten z.T. gegensätzlicher nicht sein. Dass so die Organisation eines zwar politisch motivierten, aber zu 90 % von ganz praktischen Notwendigkeiten bestimmten Betriebsablaufes, nicht gerade effektiv, sondern extrem nervig und anstrengend für alle wurde, bekamen besonders diejenigen zu spüren, die sich viel Verantwortung aufluden, viele Arbeiten übernahmen, bezahlt oder unbezahlt. so war das nicht durchzuhalten, einfach zuviel doppelte und dreifache, liegengebliebene und unkaardinierte Arbeit, viel zu wenig Erfolg und kaum Anerkennung für riesige individuelle Anstrengungen, jedenfalls auf Dauer.

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Doch wer traute sich den ersten Stein auf das 'Alles-soll-möglich-sein'-Glashaus zu werfen? wer will schon gerne die Rolle der/die überbringer/in der schlechten Nachricht spielen: dass wir alle Hoffnungen, Ziele, Wünsche, Träume uns nicht gegenseitig werden erfüllen können, weder gleichzeitig noch nacheinander. Wir uns dahingehend getäuscht haben, also enttäuscht werden müssen. wer will jemand anderen schon Vorschriften machen und kontrollieren, mit welcher Sorgfalt und Regelmäßigkeit die Klos geputzt werden, auch wenn sich alle über die unnötige Mehrarbeit durch verdreckte Kloaken total geärgert haben? Ein gemeinsamer und verlässlicher Stil hätte unendlich viel Entlastung gebracht. schließlich bekommen wir ja kein Geld für die Schicht, machen es ohnehin in unserer Freizeit, ist alles zusätzliche Arbeit, usw .. Alles gute Gründe, dass jede/r es dann wenigstens so machen kann, wie er/sie will oder für richtig hält! Jede Konzentration der Kräfte, Vereinfachung der Abläufe, Reduzierung unserer Ansprüche, Einigung auf allgemein verbindliches und damit überprüfbares Umgehen, hätte nicht mehr für alle Platz geboten, hätte unvermeidbar Prioritäten setzen müssen! Auch wenn es tausendmal als sinnvoll empfunden, von nicht wenigen sogar herbei gewünscht wurde, den Preis, dies es anzusprechen und praktisch umzusetzen wollte keine/r zahlen. Die Rolle, als Ausgrenzerrn, Hardlinerrn, undemokratrn beschimpft und als Zielscheibe für die von sich selbst Enttäuschten benutzt zu werden, wer nimmt das schon sehenden Auges auf sieh! ! Es brachten nur wenige, zu wenige, den Mut auf, jemand anderen notwendigerweiser zu enttäuschen. Desha 1 b haben wir uns an diesem Punkt gemeinsam und solidarisch eben getäuscht, das Resultat ist bekannt. unsere Vielfalt kann unsere Stärke sein, doch wenn wir an diesem Punkt keinen realitätsnäheren Umgang finden, ist und bleibt es wie häufig in der Vergangenheit auf alle Fälle eine unserer schwächen. was könnte helfen? vielleicht ganz einfach ein etwas ehrlicherer Blick auf meine ganz persönlichen Fähigkeiten, mit Unterschieden und Verschiedenheiten tatsächlich im konketen Alltag umgehen zu können. Mal ganz unabhängig vom wollen und vom politischen Anspruch?!

i!l - ·und- alles gehf von selbst?

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sel bstverwal tung ist kein Konzept, kein fertiges Regel werk, das, einmal ausgedacht, auf werden könnte. wenn sieh Menschen dazu entsch 1i eßen ' --z. B. gemei nsam eine Kneipe zu betreiben, müssen sie sicherlieh organi sati ons- und Entscheidungsstrukturen entwi ekeln-;-Aber genauso ist es wichtig, sich darüber zu verständigen, welche gemeinsamen ziele sie damft verfolgen und Bedeutung das Projekt für die einzelnen Beteiligten haben soll. Es ausgesprochen hilfreich, wenn sjdh alle darüber klar sind, daß sie sich in einen Prozeß begeben, der zwangsläufig ständiger Veränderung unterliegt. Jeder Gruppenprozeß wird geprägt von der Entwicklung der beteiligten Einzelpersonen. Dafür werden Kommunikationsstrukturen gebraucht, die errichtet und gepflegt werden· müssen. Eine gemeinsame Haltung, daß wandlungsfähigkeit, aber auch Lernbereitschaft die Chance beinhalten, Einfluß zu nehmen, Teil eines lebendigen Zusammenhangs zu sein, verhindert womöglich. so manchen enttäuschten Ausstieg aus dem Projekt. Im Folgenden beschreiben wf r,-" welche Selbstverwaltungsstrukturen wir aufgebaut und weiterentwickelt ' haben und was aus diesen versuchen wurde. Mit Beginn des Projektes und in dessen weiterem verlauf haben wir schiedene "Institutionen" geschaffen. Diese sollten den alltäglichen Arbeitsablauf sichern zu einer· erfreulichen Zusammenarbeit ·· · · -· ,. Doch _nicht- immer haben sind· wir da angelangt, wo wir eigentlich hinwollten. _-Wir .. untersuchen, woran dies möglicherweise lag, ·und welche schlußfolgerungen wir für kommende Experimente daraus ziehen.

Organisation der Selbstverwaltung was wir vorhatten und was daraus wurde die "Gruppenverantwortlichen" jede Tresengruppe sollte eine Person benennen, die für einen kontinuierlichen Informationsfluß in alle Richtungen sorgen sollte. Tatsächlich dienten die regelmäßig erstellten Listen mit Namen und Telefonnummern aber meistens den Mitgliedern der bezahlten Gruppen für konkrete Anfragen nach schichtplan, Kassenberichten o.ä.

die "schichtverantwortlichen" pro Schicht sollte eine Person aus der jeweiligen Tresengruppe Ansprechpartnerin sein für andere Gruppen oder Einzelpersonen zu allen Fragen, die die jeweilige Schicht betreffen, aber es wurden nur sehr selten welche benannt. Die Idee, ganze Tage mit unterschiedlich zusammengesetzten Gruppen zu bestreiten und dafür dann Tagesverantwortliche zu benennen, wurde abgelehnt, weil den meisten die Arbeit in ihrer Gruppe lieber war.

die "Bezahlten" für die Arbeiten mit größerem Zeit- und Kontinuitätsaufwand wurden Leute bezahlt: die Einkaufsgruppe: 3-4 Personen, Rotation IS1

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die Koordinationsgruppe (KO): 3-4 Personen, Rotation die Bürogruppe: 3 Personen, bis zum Ende in derselben Zusammensetzung 17

die Reparaturgruppe: 1- 2 Personen, notorisch unterbesetzt

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die öffentlichkeitsgruppe: wurde erst kurz vor Beendigung des Projekts eingerichtet und bestand aus 2 Personen

die Küchengruppe: war eine eigenständige Gruppe innerhalb des Projektes mit durchschnittlich 4 beschäftigten Personen, die den Auftrag hatte, einen Kantinenbetrieb aufzubauen. Dieser sollte sich nach einer Anfangsphase mit finanzieller Unterstützung perspektivisch selbst tragen. weil absehbar war, daß dies nicht möglich sein würde, beendete die Gruppe nach einem Jahr ihre Arbeit. was in der Planungsphase als "Kerngruppe" bezeichnet wurde, hat sich nie realisiert; die verschiedenen Untergruppen der Bezahlten haben sich nie gemeinsam getroffen, hatten keine übergreifende Gruppenidentität. Innerhalb der einzelnen Gruppen waren sowohl die Definition und Ausführung der inhaltlichen Arbeit als auch die zwischenmenschlichen Umgangsformen sehr unterschiedlich. Gruppenübergreifende Begegnungen waren eher zufällig und stark abhängig von den persönlichen Kontakten zwischen denjenigen, die dann zufällig an einem Tisch saßen. Im September 2000 regte eine AG an, zunächst mit einer Probezeit von einem halben Jahr aus allen Bezahlten ein "organisationskollektiv" zu bilden, mit dem ziel, für mehr Kontinuität, Verbindlichkeit und zusammenhalt zu sorgen, eine bessere Einarbeitung der Tresengruppen und mehr Kommunikation untereinander zu gewährleisten. Dieser vorschlag wurde nach heftigen Diskussionen abgelehnt, einerseits weil die Gefahr der Hierarchisierung als zu schwerwiegend eingeschätzt wurde, andererseits stellte sich aber auch heraus, daß viel zu wenige Personen zu diesem Zeitpunkt bereit gewesen wären, in so einer Gruppe mitzuarbeiten.

das Deli

(Delegiertinnentreffen), später: Aktivenrat DAS Entscheidungsgremium des Projektes. Gedacht als Versammlung der von ihren Gruppen delegierten vertreterinnen, zu Beginn wöchentliche, später monatliche Treffen.

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zeichnete sich in den ersten Monaten durch wechselnde Teilnahme, lange Sitzungsdauer und chaotische Diskussionen aus. Das führte dazu, daß viele Gruppen nicht mehr teilnahmen ("zu ätzend!"). Die Runde wurde kleiner, damit auch persönlicher, pragmatischer, aber dafür gab es auch weniger inhaltliche Auseinandersetzungen. Bereits nach wenigen Monaten stellte sich heraus, daß es sich bei diesem Treffen um die Zusammenkunft von Einzelpersonen handelte, die nur teilweise noch als vertreterinnen ihrer Tresengruppen agieren konnten, da sich in der Zwischenzeit viele Gruppen gar nicht mehr oder nur selten mit Kneipenthemen beschäftigten. Deshalb wurde Anfang 2000 auf Initiative einer Arbeitsgruppe (Struktur-AG) dieses Gremium umbenannt in "Aktivenrat". ziel war, das, was de facto Alltag war, auch so zu benennen, die bestehende Struktur transparenter zu machen. Entscheidungen sollten vereinfacht werden, Einzelpersonen mehr Rechte und Handlungsmöglichkeiten bekommen, auch wenn ihre Tresengruppe sich nicht engagieren mochte. Nach dieser Änderung sanken die Teilnehmerinnenzahlen erneut, was allerdings auch an der insgesamt ermüdeten Stimmung liegen könnte.

die Vollversammlung (VV) ein Gremium, das gewährleisten sollte, daß wirklich alle am Projekt Beteiligten, alle vertretenen Strömungen Ausdruck finden und bei den grundsätzlichen Punkten mitentscheiden können. sie fand 1998 nur einmal, 1999 zweimal (davon ein wochenendtreffen) und 2000 sechsmal statt. Die vielen Versammlungen drehten sich im wesentlichen um die Frage, ob und wie das Projekt fortgeführt werden kann und soll. die " peanuts ag" eine Arbeitsgruppe, die bereits im Februar 98 gegründet wurde mit dem ziel, einen etwas distanzierteren Blick auf die Entwicklung des Projektes zu werfen, übergreifendere Fragen zu diskutieren und ein Konzept zur Eigentumsneutralisierung (mit einer Veränderung der Rechtsform) zu entwickeln. Die Gruppe traf sich unregelmäßig in wechselnder Besetzung, die Diskussion um eine veränderte Rechtsform rückte zugunsten anderer Themen immer wieder in den Hintergrund und wurde schließlich aufgegeben. wesentliche Themen waren die Vorbereitung des Wochenendtreffens im Oktober 1999, die ständige Begleitung der Bürogruppe zu Fragen aller Art, das Besprechen von Themen, die ansonsten keinen richtigen Ort im Projekt hatten: Umgang mit Konflikten, Ökonomie, Projektentwicklung, Arbeitsplatzbeschreibung der Bezahlten, Verbesserung der internen Kommunikation u.ä. Die Peanuts AG initiierte auch die Herausgabe des "EXtrablatts", einem projektinternen Kommunikationsblättchen und entwickelte im September 2000 eine "solidarische Erklärung" - ein versuch, für alle verbindliche Regeln festzuschreiben, der aber offensichtlich zu spät kam.

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Arbeitsgruppen aller Art sie gründeten sich bei Bedarf zu speziellen Themen und lösten sich nach Beendigung ihrer Diskussionen I Aufgaben wieder auf. Beispiele: Konflikt um einen Geschäftsführer/Mitarbeiter in der Bürogruppe, Küchengruppe, Geldverteilung, Umgang mit den Jugendlichen, vv-vorbereitung, Fragebogen, Renovieren, politische Identität und Öffentlichkeit, Struktur, Aufschwung EX. Teilgenommen haben ca. 15-20 Personen in den unterschiedlichsten Zusammensetzungen. Der versuch im September 2000, die Rolle der AGs zu stärken und sie zu einem wesentlichen Teil der Selbstverwaltungsstruktur werden zu lassen, wurde nicht mehr in die Tat umgesetzt. Außerdem wurde mit unterschiedlichen Mitteln versucht, der Selbstverwaltung und der projektinternen Kommunikation Leben einzuhauchen: • das Mitteilungsbuch, das wahrscheinlich von den meisten Projektbeteiligten gelesene werk, lag meist gut sichtbar am Tresen, war voll mit Kommentaren, Anregungen, Unmutsäußerungen ... • der Gruppenordner, ebenfalls leicht zugänglicher Ordner mit Fächern für jede Tresengruppe, eine sträflich vernachlässigte Sammlung von Protokollen, Mitteilungen über Großputz, neugegründete AGs oder Hausverbote • der Protokollordner, erst spät eingeführt als Sammlung aller Protokolle von Delis und

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Merkzettel ZUMACHEN Klo:

mit Sprühflasche aus dem Putzraum eir

Kneipe:

Tische, Stühle abwischen, Fußboden a

Tresen:

Fußboden wischen, Paletten zurück, La weg?

aschinen: Kuchen-Vitrine aus? Espresso aus? gep Kaffeemaschine aus? Spülmaschine gel

Türen:

Aufgänge kontrolliert (bis in den 5. Sto zugeschlossen, Tore zu? (Eisengitter in Keller und Schnapskeller zu ? Kneipent und zum Treppenaufgang) zugeschloss'

Fenster:

Rollos runter, auch das schmale rechts,

Geld:

Kasse verstecken (klar für die nächste Anrufen am nächsten Tag zwischen 14 im Tresor?

Schlüsselbund:

verstecken (in die 2. Beckskiste \

Licht und Musik-Anlage aus?

vvs auf einen Blick, sollte Neueinsteigerinnen die schnelle übersieht erleichtern und dem Gedächtnis der "Alten" auf die Sprünge hel f en • das EXtrablatt, erste Ausgabe im Mai 2000; gedacht als projektinterne Zeitung, um Diskussionen auch außerhalb von Versammlungen zu ermöglichen, also auch Leute zu Wort kommen zu lassen, die keine Zeit für die diversen Treffen haben. Gemacht von denjenigen, die sich sowieso öfters engagieren. Erschien zwei mal, wurde - wie sich später herausstellte gerne gelesen • das Mitteilungsbrett in der Küche, angeschraubt im Sommer 2000, sollte aktuelle Infos sammeln und dafür sorgen, daß nicht ständig Unmengen von Mitteilungen auf kleinen Zetteln rumliegen, von denen schließlich keineR mehr weiß, ob sie überhaupt noch aktuell sind. • Interviews, zweimal 1999 und einmal in 2000 wurden die Tresengruppen zu ihrer Gruppe, ihrer Arbeit, ihrem Verhältnis zum Projekt befragt, um eine Grundlage für die weitere Projektentwicklung zu haben. Die Ergebnisse eröffneten allerdings nicht sofort Lösungswege für die verschiedenen Problemfelder • virtuelles Forum, eingerichtet im Juli 2000 als versuch, mittels elektronischer Kommunikation ein zusätzliches Instrument zu schaffen, das Diskussionen und den Austausch zwischen den Gruppen fördert. wurde nur sehr wenig genutzt.

Rausgehen durch den Ausgang bei den Toiletten, K Eisengittertür zuschließen, Eingangstor zum Mehrin

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I b stverwa I t u n g

Auf zu neuen Fehlern .. • • • • Einige schlußfolgerungen und Ideen zu einer erfreulicheren Selbstverwaltung Viel wurde bisher zum verlauf der praktischen Selbstverwaltung im EX geschrieben. Hier nun der versuch, einige schlußfolgerungen aus dem Erlebten und Erfahrenen zu ziehen, um beim nächsten versuch nicht die gleichen Fehler zu wiederholen, denn: Fehler sind unvermeidlich, nur neue sollten es sein ....

... aber jedes Projekt hat auch ein Recht auf seine eigenen Fehler! und das gilt vor allem für Gruppenprozesse, die jedes Experiment während seiner Projektentwicklung ungefragt durchläuft, ob es uns passt oder nicht. so gibt es z.B. immer Phasen der Gruppentindung und der Harmonisierung. Es werden Rollen verteilt. Rangordnungen und wichtigkeiten zwischen den Beteiligten bilden sich heraus. Es gibt Rangeleien um Einfluss, Enttäuschungen über nicht eingelöste Hoffnungen, Vermeidung von persönlicher Verantwortung und Eindeutigkeit und vieles unvermeidbare mehr. Aber auch das Gegenteil: wenige Einzelne übernehmen große Verantwortung, verdecken den Mangel durch hohen persönlichen Einsatz ... usw. Je nach Gruppengröße, nach Erfahrung und Aufgabenstellung verlaufen diese Prozesse manchmal eher bei 1 äufi g und unauffällig, meistens aber von heftigen Streits begleitet, von Ausstiegen und Rückzug Einzelner und gelegentlich sogar mit anschließender Projektauflösung. Diese Dynamiken zwischen den Menschen entscheiden letztlich viel mehr über den sozialen Erfolg und Misserfolg in einer selbstbestimmten Ansammlung, als die faktische Zielsetzung. Diese Tatsache ist genauso ungeliebt wie unveränderbar und wurde im EX von zu wenigen ernst genommen, meistens ignoriert, manchmal als lästige Psychekacke abgetan. Besonders in einem poli tischen Projekt, in dem traditionell Inhalte und Ansprüche hoch gehandelt werden, fällt es schwer diesen individuellen und höchst persönlichen Dingen aureichende Aufmerksamkeit zu verschaffen. Dies geschah im EX nur gelegentlich und im kleinen Kreis. Fazit: Aber gerade diese Vorgänge müssen wir studieren und ihnen größere Aufmerksamkeit widmen, führen sie doch hinter unseren Rücken häufig die eigentliche Regie in Projekten. Auch wenn wir nicht gleich Lösungen zur Hand haben, sie müssen erkennbar auf den Tisch. In so großen Projekten ist es fast unmöglich Handelnde/r zu sein und gleichzeitig diese persönlichen Bezüge der Einzelnen im (über-)Blick zu behalten. Deshalb können versuche dieser Größenordnung bei Kommunikationsprozessen schwer ohne unbeteilige Begleitung und unparteiische Reflexionsanregungen von außen auskommen. sind diese dafür erforderlichen Fähigkeiten nicht aus

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der Mitte der Gruppe dauerhaft aufzubringen, so müssen sie extern, z.B. über Leute aus dem Umfeld oder notfalls auch mit bezahlten Leuten ausgefüllt werden. Beide dieser Möglichkeiten hätten dem EX durch seine enorme Größe offen gestanden. Nur ignorieren, das hilft auf alle Fälle nicht, höchstens bei der Wiederholung von Misserfolgen. Fazit: Nicht die Betriebsorganisation, die Finanzierbarkeit, die vorhandene gastronomische Qualifikation oder die 'location' bestimmen den Erfolg selbstverwalteter Organisationen, die eigene Lernbereitschaft und Lernfähigkeit sind das salz in der suppe. zu Projektbeginn gegenseitig eingestehen, dass gleichberechtigte Wir müssen uns Selbstorganisation ein schwer zu erreichendes ziel (besonders in kapitalistischer Umgebung) ist und viele Risiken birgt. wenn wir in Gruppen etwas verantwortlieh in die Hand nehmen, dann drückt das zunächst nur die Absicht nach Selbstverwaltung aus, aber leider, leider ist sie dadurch noch längst nicht Realität. Demokratische Selbstverwaltung ist eine Kunst und das Wort kommt schließlich von 'Können' und nicht von 'wollen' (sonst würde es nämlich 'wunst' heißen!). Natürlich entstand das EX nur, weil wir grenzenlos optimistisch ans werk gingen und uns risikofreudig überforderten. Alles in Ordnung, auch die unausweichlichen Fehler, nur dürfen wir uns die damit provozierten Enttäuschungen, Geduldsproben, Mängelbeschreibungen, usw. nicht gegenseitig um die Ohren hauen oder uns zwangsweise individuell 'verfrusten' lassen ... Eine gemeinsame vergewisserung, dass Lernen und Fehler Projektinhalte sind, gehört in jeden anfänglichen Grundkonsens zum Beitritt. In den Herzen und Köpfen sind unsere Motive, Absichten, ziele, Wünsche und Träume beheimatet. sie bringen den jeweiligen Rest des Körpers gelegentlich dazu, in einem Projekt mitzuarbeiten. über kurz oder lang brauchen diese Triebfedern dann innerhalb des Projektes eine Orientierung, eine äußere Entsprechung, ein 'Si ch-wi ederfi nden', die wir l angfri sti g dann als Identität bezeichnen. Diese bildet sieh zunächst quasi automatisch aus dem vorhandenen Konglomerat der persönlichen Projektionen/Hoffnungen und den tägl i eh zurückgelegten Erfahrungen und Entscheidungen einer Gruppe. Das Solidarprojekt EX entwickelte höchstens eine schemenhafte allgemeine Ausrichtung, bot so jedenfalls der Bildung einer gemeinsamen Identität den einzelnen keine ausreichende Nahrung, höchsten für eine ganz private. warum und wie jedes Projektmitglied etwas dort tat oder auch nicht, war im wesentlichen das Ergebnis einer höchst persönlichen inneren 'Vollversammlung', einer 'mitgebrachten' Haltung oder der eigenen Ansprüche. so wurde es im EX keine Frage der gemeinsamen 'Ehre', mögliche Überschüsse nicht frühzeitig durch selbertrinken und Eigenverbrauch zu verhindern, übernommene Arbeiten auch korrekt auszuführen, den Tresen nicht ungeputzt zu hinterlassen, den Kundinnen freundlieh zu begegenen, sieh an dem verabredeten Entscheidungsort 'Delgierten-Rat' kontinuierlich zu beteiligen, usw. Fazit: Gerade bei so einem Projekt mit sehr vielen Menschen muss es neben einer Beschreibung der Absichten auch eine gegenseitige vergewisserung über den ganz alltäglichen Umgang miteinan-

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der geben. Eine schriftliche Vereinbarung ist unverzichtbar, aus der eindeutig u.a. hervorgeht, auf was ich mich bei den anderen verlassen kann, zu was ich mich verpflichte und welche Erwartungen an Neue gestellt werden. sie legt parallel den überlebensnotwendigen Grundstein für interne Kritik, mit der wir uns alle so unendlich abgemüht haben. Als eine entsprechende, für alle verbindliche 'Solidarische Erklärung' formuliert und eingebracht wurde, stand der Auflösungsbeschluß der Kneipe schon vor der Tür, zu spät .... schade eigentlich!

Die

Kommunikation. sie ist und bleibt das Zauberwort, in kleineren oder größeren Projekten. Ihr Gelingen ist eng mit dem Schicksal der Identität, dem solidarischen Empfinden geknüpft. wenn das untereinander nicht stimmt, helfen weder Beschlüsse, Mitteilungsbücher, Plena, Protokolle, Hinweiszettel, Vollversammlungen, Telefonketten, oder Lautsprecherdurchsagen. Je größer die Aufgabe und je komplizierter das vorhaben einer Gruppe, um so zentraler wird das gegenseitige verstehen, das wissenwollen, wie auch die Verständigungsabsicht. Beim Solidarprojekt EX wurden auf diesem Gebiet sehr viele Wege ausprobiert, weil Unmengen Detailwissen über die praktische Arbeit an sehr viele Menschen gelangen mußte. Gleichzeitig sollten Entscheidung basisdemokratisch und mit großer Beteiliung gefällt werden, was umfangreiche und aktuelle Kenntnisse voraussetzt. welche versuche auch gestartet wurden, letztlich stolperten sie alle über den gleichen Stein, dem Mangel an Interesse, dem 'Nicht-Wissen-wollen' einer größeren Mehrheit! Es gibt kein freundliches Kommunikationssystem, worüber allen zur richtigen Zeit die richtige Information zwangsweise oder unüberhörbar zugeführt werden kann. ohne ein Mindestinteresse aneinander und den Nachrichten selber kann kein noch so schlaues System auskommen. Dieses war aber im EX nur bei denen ausgeprägt, die ohnhin schon das Wichtigste im Laufe des Alltages mitbekamen. Bei sehr vielen flackerte es teilweise noch nicht einmal während ihrer Tresenschichten auf: 24

"Ich helfe ja nur heute mal aus ... !". Die persönliche Priorität für dieses Experiment war bei einem Großteil der Beteiligten für eine erfolgreiche Kommunikation nicht hoch genug. Fazit: Insofern konnten wir keine verwertbaren kommunikativen Erfahrungen sammeln. Es bleibt die Erkenntnis: Identität und persönliches Interesse sind die Motoren für Informationsbewegungen. Es bleibt auch die Erkenntnis: große Projekte brauchen für ihre Mitglieder Möglichkeit zum alltäglichen Austausch in kleineren 'Runden'. Es müssen orte geschaffen werden, an denen mit Ruhe und in persönlicher Atmosphäre Austausch, Diskussion, Reflexion und neue Ideen Platz finden. Das ist wichtig für das Aufspüren der projektinternen Stimmungen und Potentiale, trägt aber auch massiv zur o.g. Identitätsstiftung bei, indem individuelle Ausdrucks- und zugangsmöglichkeiten geschafften werden. wenn ich das Gefühl bekomme, meine Meinung ist bedeutsam, ich habe etwas mitzuteilen, dann werden sich Informationen ihre Bahnen brechen. Auch deshalb, weil ich das von meiner/m Gegenüber auch vermute ....... . und wir hätten mehr Informationen zu den Einzelnen bringen müssen! und woher soll das Interesse kommen? Das wird durch die Attraktivität des selbstverwalteten Projektes geweckt, mit seiner einzigartigen Mitentscheidungsmöglichkeit für jede/n Einzelne/n. Das EX bot eine, wenn nicht die Gelegenheit, außerhalb des gewohnten Tellerrandes neue Gewässer zu erkunden, verantwortlich einzuwirken und tätig zu werden. Das wirkt auf Menschen aber nur anziehend, wenn sie es denn auch wollen, sich zutrauen, kreative Ideen haben, die nur auf ihre Verwirklichung harren. Mit einem alten Wort gesprochen: eine Vision. Eine alltägliche gesellschaftliche Situation, die uns wenig Eigenverantwortlichkeit konzidiert, macht den weiten Ausblick auf Selbstorganisation durchaus attraktiv. Theoretisch! Denn die zu beobachtenden praktischen Fähigkeiten und die Bereitschaft zur Leidenschaft für die mühsamen Lern-, Experimentierund Versagensprozesse sind immer weniger ausgeprägt, scheinen auf immer mehr Menschen eher ermüdend und abstoßend zu wirken. Diese Möglichkeit als Chance wahrzunehmen wird mir nur gelingen, wenn ich mich mit dem Projekt identifizieren kann. zu meinem 'Ding' wird es aber nur, wenn ich mich zum Mitmachen entscheide. Das Mitmachen hängt aber wiederum davon ab, ob die ständigen Lern- und Wandlungsprozesse nicht als völlig abnervend empfunden werden. Diese Flexibilität und Projektanpassung gelingen nur durch eine ausreichende und aufeinander bezogene Kommunikation. Diese stelle i eh nur her, wenn i eh Interesse aneinander habe, welches grundlegend von einer spürbaren Identität gespeist wird. und Identitäten bilden sich da heraus, wo ich Nähe zulasse. und die wiederum braucht als Anziehungspunkt eine gewisse Attraktivität. . . . . . . . . . usw., usw. und wenn 'se nicht gestorben sind, dann arbeiten 'se doch lieber im chefbetrieb! oder ... wenn du denkst des ist geschafftfängt's gerade erst richtig an! Die Frage stellt sich heute, wer will das überhaupt noch???

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Selbstverwaltung, Identität und Integration Selbstverwaltung in linken Projekten basiert, kurz gesagt, auf folgender Idee: Alle sind grund sätzl i eh gl ei chbe rechti gt und gl ei chverantwortl i eh für die Durchführung und das Ge 1i ngen des Projektes. Es existieren keine Hierarchien. Autorität erwächst allenfalls aus den gemeinsam gefä 11 ten Besch 1 üssen, ist a 1so nicht an bestimmte Personen gebunden, sondern wird von a 11 en selbstverantwortlich ausgeübt. Die tatsächliche praktische Ausgestaltung sollte sich von diesen Grundsätzen ableiten. soweit der Anspruch ... Das EX war ein solches Projekt, bis zum schluß bemüht, diesem Anspruch gerecht zu werden. Allerdings: Ein sehr großes Projekt, in dem sich zunächst nicht Einzelne, sondern über 20 Politgruppen organisierten. Die einzelnen Gruppen (Tresenschichten) bildeten die kleinste Entscheidungseinheit. Hier wird nicht nur der schichtplan entschieden, sondern auch Fragen diskutiert, die sich für das Gesamtprojekt ergeben. Ganz wichtig aber ist auch die Einarbeitung von neuen Leuten, die über die Gruppe an dem Projekt teilnehmen, und denen all die vielen praktischen Dinge gezeigt werden müssen, die in diesem Kneipenalltag unentbehrlich sind. Der Informationsfluß zwischen den einzelnen Gruppen sollte durch den Delegiertenrat sichergestellt werden. Es war nie unser ziel gewesen, ein neues selbstverwaltetes Projekt zu machen, sondern durch unsere unbezahlte Kneipenarbeit andere linke Projekte zu unterstützen, das EX als linken Szenetreffpunkt offenzuhalten und die vernetzung durch die Teilnahme am Projekt zu fördern. Das Solidarprojekt EX war so eher Mittel zum Zweck, als ein Zweck mit eigenem wert an sich - ein herrschaftsfreies Projekt, das wir selbst organisieren. Selbstverwaltung, wenn sie dann praktisch wird, erscheint ohne diese Perspektive fast zwangsläufig als notwendiges übel, als schwerfälliger Apparat, nach einer Weile wohl auch als geschlossener Klüngel, wenn sie nur noch in ihrer unmittelbaren Funktion als Verwaltung und nicht auch als das verfolgen der eigenen poli tischen ziele wahrgenommen wird. Daß unser Projekt dieser Falle nicht entgangen ist, ist inso fern bemerkenswert, als daß die Forderung nach Selbstbestimmung und Selbstverwaltung für linke Gruppen und Personen eine Selbstverständlichkeit und wesentliches Mittel und Zweck ihrer Aktivitäten sein sollte. Selbstverwaltung ist der umkehrschluß von der Kritik an Staatsmacht und (Kapital)Herrschaft, sie ist ein herausragendes Merkmal der Vorstellung von einer befreiten Gesellschaft. s sollte kein Riesenprojekt werden, dem Politarbeit, mit denen sich die einzelnen m EX leiden, vielmehr sollten durch den ve rsuchten wir durch eine wohldurchdachte

viel Zeit und Nerven zu opfern waren. Die eigentliche Gruppen beschäftigten, sollte nicht unter der Teilnahme vernetzungseffekt Synergieeffekte genutzt werden. Dies Organisation der Aufgabenverteilung zu erreichen, wobei 27

für bestimmte Tätigkeiten auch bezahlte Stellen geschaffen wurden. Es zeigte sich jedoch ziemlich schnell, daß einzelne Gruppen dennoch überlastet waren und zwar noch die Organisation ihrer Tresenschichten hinbekamen, für die Selbstverwaltung aber weder zei t noch Kraft aufbringen konnten. Diese Tendenz verstärkte sich schleichend, weil einzelne Leute und auch ganze Gruppen aufhörten, und der Kreis derjenigen, die von Anfang an dabei waren, immer weiter zusammenschmolz. Die einzelnen Gruppen hatten ihre eigene Dynamik, die personelle Fluktuation in einzelnen Tresengruppen entwickelte sich langsam zum Problem für das Projekt. Natürlich war es erwünscht, neue Leute und ganze Gruppen in das Projekt zu i nteg ri eren. Es gab jedoch kein Konzept, wie das bewerkstelligt werden könnte, da davon ausgegangen wurde, daß dies die Aufgabe der Gruppen selbst sei. was aber, wenn die Gruppen zunehmend gar nicht mehr so funktionierten, wie das ursprünglich gedacht war? Eine gewisse Desillusionierung erfuhr das gesamte Projekt durch das Problem mit den Jugendlichen im Mehringhof, die nicht nur ihre Schulstunden verständlicherweise lieber in unseren "befreiten" Räumen verbrachten, sondern diese auch als Basis für ihre Freizeitgestaltung nutzen wollten. Dabei traten sie allerdings ziemlich ätzend machohaft auf, (von den Sachbeschädigungen ganz zu schweigen) und größtenteils waren sie nicht die Leute, deretwegen wir diesen linken Kommunikationsort betrieben. Die Notwendigkeit, geschlossen als Projekt reagieren zu müssen, stellte für viele eine unüberwindliche Hürde dar. Eigene ziele und Ideale sahen sich mit der Verantwortung dem Projekt gegenüber konfrontiert. Wir fällten dann windelweiche Beschlüsse, die den Tresengruppen auferlegten, eigenverantwort1 i eh von Fall zu Fall zu entscheiden. wir mußten dann allerdings feststellen, daß die Tresengruppen als Organisationseinheit zwar noch existierten, in vielen Fällen jedoch lediglich die Hülle waren, innerhalb der eine bedenklich geschrumpfte Kerngruppe von vielleicht zwei bis drei Leuten versuchte, mit Müh und Not die eigene Tresenschicht zu organisieren. Entspechend tummelten sieh hinterm Tresen zunehmend Leute, die "heut nur mal aushelfen ... ", also, wenn überhaupt, gerade einmal in die Tresenarbeit eingearbeitet worden waren. Diese Entwicklung wurde begünstigt durch die Tatsache, daß Gruppen aufhörten oder personell so abgespeckt waren, daß ihre Restbestände mit anderen fusionierten. wir mußten schließlich händeringend Gruppen suchen, um die Löcher in den Tresenschichten zu besetzen. Dabei verwandten wir aber viel zu wenig Sorgfalt auf die praktische Treseneinarbeitung und betonten die Funktionsweise und Bedeutung der Selbstverwaltungsstrukturen für das Gelingen des Projektes nicht genügend. Kurz gesagt: Die Kommunikation innerhalb der Gruppen tendierte dazu, sich auf das, für die unmittelbare Tresenarbeit unbedingt notwendige zu beschränken; entsprechend war die Kommunikation zwischen Delirat und Tresenkräften vielfach bereits eingebrochen. Immer mehr Tresenkräfte waren mangelhaft eingearbeitet und hatten keine Ahnung von der praktischen selbstverwaltungsebene; nach außen hin, inbezug auf das Publikum und den 28

Mehringhof, wurden wir zunehmend unberechenbarer und unzuverlässiger, was das konkrete verhalten in Problernfällen anging. Die Belastung der Koordinationsgruppe in physischer, besonders aber nervlicher Hinsicht wurde bis an die Grenzen ausgereizt, da diese 4 Menschen im Zweifelsfall Verantwortung wahrnahmen oder einfach aufgedrückt bekamen. Ein Grund für diesen Niedergang ist sicherlich darin zu sehen, daß wir es nicht geschafft haben, eine gemeinsame Identität als Projekt aufzubauen. war es zwar schon von Affang an ein sehr heterogenes Projekt gewesen, so gab es doch ursprünglich die Einbindung in eine feste Gruppe, über die eine mittelbare Identität mit dem EX hergestellt werden konnte. Hinzu kommt freilich, daß es zu Beginn eine Art u ri denti tät ( ?? , die Tippse) gegeben hat: A11 e hatten sieh entsch 1ossen, das Projekt so und nicht anders zu starten und das auf die Reihe zu kriegen. In dem Maße, wie sich die Gruppen auflösten, ging diese Identität verloren. sie wurde zwar ansatzweise bei Einzelnen durch eine unmittelbare Projektidentität ersetzt, im Großen und Ganzen fand dieser Transformationsprozeß aber zu wenig statt, als daß er den Niedergang hätte aufhalten können. Es gab noch den versuch, auf einem gemeinsamen Projektwochenende, zu dem die Tresenschichten persönlich eingeladen wurden, einen Ansatz für eine erneuerte Projektidentität zu finden. Aber allein die Tatsache, daß gerade diejenigen, die noch nicht so lange Teil des Projektes waren, daran gar nicht teilgenommen haben, zeigt im Nachhinein, daß der Zenit bereits überschritten war. Immerhin wurde bei der Gelegenheit das Delegiertenprinzip aufgehoben, so daß alle, die Interesse hatten, an dem jetzt "Aktivenrat" genannten, ehemaligen Delirat teilnehmen konnten. Allerdings war uns schon bewußt, daß es sich dabei eher um eine psychologische Verbesserung der Lage für diejenigen handelte, die als "freie Radikale" Verantwortung für das Projekt übernehmen wollten, aber nicht in eine feste Tresengruppe eingebunden waren. Faktisch wurde damit aber auch eine Spaltung des Projektes in jene, die definitiv nur den Tresendienst machen wollten, und jene, die sich zusätzlich noch um die vielen Probleme und organisationsfragen kümmern wollten, anerkannt. Daher änderte diese Entscheidung auch nichts an der mangelhaften Kommunikation innerhalb des Projektes, sondern führte nur zu einer Mehrbelastung der immer gleichen Engagierten. Es hätte einer großen entschlossenen Kraftanstrengung bedurft, dem Projekt neues Leben einzuhauchen. Ebenso wie der finanzielle verlauf des Projektes sollte auch das Funktionieren der Selbstverwaltung regelmäßig geprüft werden. Darüberhinaus sollte klar sein, daß die praktische Selbstverwaltung tatsächlich schon im weitesten Sinne revolutionär ist, daß sie ein ständiger Kampf gegen das System ist und damit Teil unserer politischen Praxis; daß ein selbstorganisierter Betrieb nicht nur von der praktischen Tätigkeit lebt, sondern ebenso von der Fähigkeit, sich präzise Strukturen zu schaffen, die flexibel und transparent genug sind, um vertrauen und Eigenverantwortung zu fördern. Ein solches Gerüst erleichtert die Integration neuer Mitarbeiterinnen, wie auch die Kommunikation, gerade in einem Projekt dieser Größenordnung. 29

Was macht der Aktiven-Rat im Vorratsschrank? Der Aktiven-Rat hat am 23. Januar beschlossen, dass die Espressomaschine ab sofort täglich geputzt und mit Kaffeebohnen aus dem Vorratsschrank aufgefüllt werden soll. Sollte das Gerät zum Milchaufschäumen wieder mal nicht funktionieren, besorgt die KO-Gruppe neue Einzelteile. Nächste Woche berichtet Chris dem CD-ROM-Gruppenplenum von dem Beschluß: Also, der Aktiven-Rat hat ab sofort eine neue Espressomaschine beschlossen. Der Vorratsschrank ist täglich zu putzen und mit Bohnen aufzufüllen. Sollte das Gerät zum Milchaufschäumen in Einzelteile zerlegt sein, besorgt die KO-Gruppe neue. Während der nächsten Tresenschicht von CD-ROM läßt sich Thomas vom Plenum erzählen: Ja, ich glaub' auf dem Aktiven-Rat wird jetzt die Espressomaschine geputzt, genauso wie täglich die Kaffeebohnen im Vorratsschrank. Wenn das nicht ab sofort funktioniert, schäumt die KO-Gruppe auf und zerlegt die Milch in ihre Einzelteile. Thomas erzählt bei der Übergabe an Katja von der Spätschicht kopfschüttelnd die neue Beschlußlage: Ab sofort putzt die Espressomaschine den Vorratsschrank, und der Aktiven-Rat schäumt täglich die Milch auf. Einzelne Teile, wie die KO-Gruppe und die Kaffeebohnen funktionieren nicht mehr! Am nächsten Tag trifft Katja zufällig Peter auf der Strasse: Haste schon die neuesten Beschlüsse aus'm EX gehört? Ja, ja, ich weiß schon, der Aktiven-Rat trifft sich ab sofort im Vorratsschrank, und die KO-Gruppe wird in ihre Einzelteile zerlegt...... ! Deshalb ist für uns Kommunikation kein Thema!! (mit freundlicher geistiger Unterstützung von W. Neuss)

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Vollversammlungen mit großen Gruppen Projekte mit vielen Menschen und basisdemokratischem Ansatz werden in der Regel sehr schnell mit dem Problem konfontriert, daß die Entscheidungstindung über Diskussion und Beschuß (genau! die Tippse) im Plenum unbefriedigend verläuft. Die Diskussion ist häufig zäh und langatmig, es betei ligen sich nur die Menschen mit großem Selbstvertrauen; Vorschläge, Beiträge und Bedenken, die weniger redegewandt vorgetragen werden, gehen häufig unter. Beschlüsse werden häufig mehr mit dem Gefühl gefaßt, die Debatte endlich zu beenden, als mit dem Gefühl eine gute, das Problem lösende Entscheidung getroffen zu haben. Dies alles ist nicht neu und wurde auch im EX wiederholt. Es haben im EX aber auch Vollversammlungen stattgefunden, die etwas anders abgelaufen sind und zumindest den Eindruck hinterließen, sich besser als üblich ausgetauscht zu haben. Hier soll im Folgenden beschrieben werden, was an diesen Vollversammlungen anders war. Ein wesentlicher Unterschied zwischen einer "gelungenen" und einer "mißlungenen" vv besteht in der vorberei tung derselben. Dazu reicht es nicht, 1edi gl i eh die Themen aufzulisten, in eine Reihenfolge zu bringen und zwei bis drei Menschen als Redeleitung zu benennen; obwohl dies auch dazu gehört. Eine vv sollte darüberhinaus zeitlich geplant sein: mit einem Anfang und einem Ende, so daß alle sich darauf einstellen können und die vv nicht mit halb so vielen Menschen endet, wie begonnen wurde. Auch Pausen sind wichtig einzuplanen, denn davon auszugehen, daß alle vier bis sechs Stunden lang ohne Pause konzentriert und konstruktiv diskutieren können, ist falsch. Es ist sinnvoll, daß eine Person auf das Einhalten des gesetzten Zeitplans achtet, wobei es hier natürlich nicht um Minuten geht. wichtig ist vor allem, das angepeilte Ende nicht übermäßig zu überziehen. Dies führt schon zum zweiten Punkt: eine Vollversammlung sollte nicht mit Themen "überladen" wer den. Gerade, wenn wichtige und grundsätzliehe Themen anstehen, ist weniger mehr, wei 1 diese Themen Zeit brauchen. Als Ablaufplan hat sich folgendes bewährt: 1. Begrüßung und vorstellen der Tagesordung (des zeitplans) 2. Ansagen und Informationen, die nicht zum Thema gehören . Einführung in das Thema, zusammentragen der in diesem Zusammenhang wichtigen Informationen, us ammenfassung der bisherigen Diskussion, Erläuterung der Fragestellungen für die Kleingruppen Aufteilung und Diskussion in Kleingruppen Pause

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6. zusammentragen der Kleingruppendiskussion im Plenum 7. Nachfragen und Diskussion der Kleingruppenergebnisse und versuch diese zu einem (oder mehreren) Beschluß zusammenzufassen 8. Entscheidung 9. Ausklang und Ende Die wesentliche Diskussion in Kleingruppen zu verlagern, hat mehrere Vorteile: • es kommen wesentlich mehr Meinungen zu Wort • es wird sich in der Diskussion mehr aufeinander bezogen • die Leute lernen sich quer zu ihren Bezugsgruppen kennen Die Kleingruppen sollten per Los gebildet werden. Es sollte viel Zeit (1.5 - 2 Stunden) für sie eingeplant werden. Wichtig ist auch, daß konkrete Fragestellungen in die Kleingruppen gegeben werden. Jede Kleingruppe bestimmt eine Person, die über die Diskussion auf dem Plenum berichtet. Das zusammentragen der Kleingruppendiskussionen auf dem Plenum beschränkt sich auf die Berichte und verständnisnachfragen. Die anschließende Diskussion um die Ergebnisse der Kleingruppen dient zum Feststellen, wo die Gemeinsamkeiten, aber auch die Unstimmigkeiten liegen und zum Entwickeln einer gemeinsamen Entscheidung. wenn die Gemeinsamkeiten dazu nicht ausreichen, ist es besser nochmal in die Kleingruppen zurück zu gehen, anstatt auf dem Gesamtplenum wieder in die alten Muster zurückzufallen.

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erwünscht & unerwünscht Das Problem des Ausschließens Konzept des "Ex-periments", Dezember 1997: die Beteiligung der verschiedenen Gruppen wird das neue Spektrum an Gästen als bisher ansprechen."

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ein breiteres und bunteres

Arbeitspapier zu den Entscheidungsstrukturen, Protokoll vom 3.1.98: Grundsätz 1i eh müssen Konsensentscheidungen getroffen werden über [ ] Stress mit Kundschaft I Hausverbote [ ] " 11

Protokoll vom 15.3.98: werden keine rassistischen, sexistischen und agressiven Menschen geduldet - keine dumme Anmache und Gewalt - jede Schicht hat das Recht, die rauszuschmeissen, die ihrer Meinung nach da nix zusuchen haben" zu Anfang des Projektes besteht der Anspruch, Aussch 1 ußkri te ri en festzulegen, Begriffe und Toleranzgrenzen genau zu definieren und zu konkretisieren (sexistisches Verhalten, Rassismus). A1 s im Früh 1 i ng 1998 M. aufgrund seiner früheren Geschichte aus der Geschäftsleitung ausgeschlossen werden soll, finden Diskussionen, Auseinandersetzungen und Gespräche sowohl beim Deligiertenrat als auch in Kleingruppen statt. Im Laufe der Zeit geht dieser Anspruch jedoch in der Organisation des Alltags unter, es bleibt bei den leeren Worthülsen vom antisexistischen, anti rassistischen ... Projekt. Er geht allerdings auch in der schwi eri gkei t unter, über 100 verschiedene Herangehenswei sen, Definitionen und persönliche Geschichten unter einen Hut zu bringen. Abgrenzung nach innen: Es kommt bis auf den Fall M. ganz zu anfang, über den mit hohem Anspruch diskutiert wird, noch zwei-, drei ma 1 zu Situationen in denen Männer aus Tresengruppen ausgeschlossen werden. Weil viele andere aus dem Projekt diese Personen gar nicht kennen, wird die Di skussi an und Auseinandersetzung in diesen Fällen hauptsächl i eh den Gruppen überlassen, bzw. einem bestimmten "betroffenen" Spektrum innerhalb des Projektes. Abgrenzung nach außen: Im Fall "unliebsamer Stammgäste" wird sich darauf geeinigt, dass der j ewei 1 i ge Tresen das se 1 bst entscheidet. Das bedeutet a 11 erdi ngs, dass die von manchen uner34

wünschten auch keine klare Ansage bekommen, manchmal bleiben können, manchmal nicht. Daß das am Problem vorbeigemogelt ist, zeigt sich an den langwierigen Diskussionen um die Jugendlichen, deren Abhängen im Mehringhof und in der Kneipe einiges Konfliktpotential bot. In die sem Fall hat die uneindeutigkeit des Handelns schließlich zum endgültigen Hausverbot durch den Mehringhof geführt. Hier wäre eine gemeinsame klare Linie nötig gewesen, an der die Kids sieh orientieren können - dem EX wurde wegen der unfähi gkei t, zu einer gemeinsam getragenen umgangsweise zu kommen, die auch noch für den Mehringhof o.k. gewesen wäre, die Entscheidung schließlich aus der Hand genommen.

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Eine andere variante sind die Diskussionen, die in der Szene zu bestimmten zei tpunkten stattfinden und das EX als Teil dieser Szene einfach zu überrollen schienen: die AAS - Vergewaltigerdebatte infolge der (mit einiger Verzögerung und nach der Kritik an einer Party der AAB im EX), doch noch ein kleines Papier veröffentlicht und beschlossen wurde, der AAB den Raum künftig nicht mehr zur Verfügung zu stellen. Ein ähnliches Beispiel ist auch die Diskussion um das von ei ni·gen FrauenLesben geforderte und bei einer Party eigenmächtig umgesetzte Hausverbot für einen szenebekannten Pornoleser. Hier wird allerdings anders entschieden: er darf weiterhin dasein, muss aber gehen, wenn welche das wollen. Der Höhepunkt dieser Reihe ist dann die Bahamas Diskussion, die zum schluß des Projektes tiefe Gräben innerhalb und nach außen aufreißt und noch ei nma 1 die schwi e ri gkei t aufzeigt, es a 11 en recht zu machen, nach innen wie nach aussen.

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Das

wie soll also mit Ansprüchen, Begriffen, ihrer Definition und der Umsetzung in eine Praxis, die von allen getragen wird, umgegangen werden?

DIEINHALTE Selbstverstä

Stichworte aus den Interviews Verben

Ad.ektive

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aufrechterhalten bereitstellen erwirtschaften funktionieren informieren kennenlernen können konsumieren kooperieren lernen machen mitarbeiten mitkriegen organisieren schaffen sinken solidarisieren trinken unterscheiden vertrauen wachsen

anders angenehm alternativ antiautoritär antikapitalist antirassistisc· antisexistiscl basisorientie1 billig emanzipatori entspannt gemeinsam groß hierarchiearr humanistisct linksradikal politisch praktisch provokativ repressionsfi selbstbestim:

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Diese Frage führt direkt zu der Diskussion, wie hoch die Ansprüche innerhalb eines so großen Projektes sein können. ob nicht, an statt feste Lösungen anzustreben, eher den Diskussionsprozessen ein höherer Stellenwert eingeräumt werden sollte (aber was heißt das dann bei konkretem Handlungsbedarf?). Sie führt auch zur Debatte um die Selbstverwaltung, inwieweit lassen sich welche in die Gruppenprozesse ein oder informieren sich doch zumindest darüber und tragen Entscheidungen mit. Insgesamt kann festgestellt werden, daß das EX mit der Vermischung von einerseits Kneipe machen, (d.h. Dienstleistung, Raum und Struktur zur Verfügung stellen), und andererseits dem eigenen Anspruch bzw. auch der Erwartung von aussen, Stellung zu politi sehen Themen zu beziehen, eindeutig überfordert war. Hier hätte eine Trennung von politischer Diskussion und Kneipenbetrieb stattfinden müssen. In der Frage des Umgangs mit schwierigen Gästen hätte diskutiert werden müss sen, inwieweit ein Kneipenkollektiv den Anspruch haben muß, soziale Probleme zu lösen oder sich durchaus eingestehen kann, daß das nicht im gewollten Umfang möglich ist.

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Nicht der Zapfhahn ist politisch sondern allenfalls die Menschen die das Bier trinken (bzw . ausschenken) .. ... Marmor, Stein und Eisen bricht, ...... aber unsere Strukturen nicht! Kurz nachdem der Solidarmodellversuch des EX vom Stapel gelaufen war, zeigten sich deutliche Risse im Rumpf, widersprachen sich die Kursbestimmungen, war sich die Besatzung über ihre Aufgaben uneins und das alles in einem tückischen und unberechenbaren Szene-Gewässer. Natürlich war uns theoretisch klar, dass die anfangs entworfene Projektstruktur nicht die nächsten 10 Jahre lang unverändert für Revolution und Freibier sorgen würde. Aber die Unzulänglichkeiten stellten sich so schnell ein, dass wir sie praktisch nicht wahrhaben wollten. Z.B. der Delegierten-Rat, das Flaggschiff der Basisdemokratie, wurde bereits nach wenigen Treffen seiner Aufgabe nicht mehr gerecht, weil nur eine Mi nde rhei t der beteiligten Gruppen mit einer Im vertrete r Ii n dort auftauchten. Dadurch beteiligten sieh quasi von Anfang an nur knapp die Hälfte der beteiligten Gruppen an Diskussionen und Entscheidungen. Die Mitglieder der K. o. - Gruppe, als innovatives Herzstück mit überblick und Organisationsgeschick geplant, fühlten sich bereits nach einigen Monaten überfordert. sie wollten und konnten die alltäglichen Schwachstellen nur z.T. auffangen, aber auch nicht auf eine anderweitige projektinterne Regelung dringen. Mängel blieben so lange unberücksichtigt und unerkannt. Neben den Entscheidungsstrukturen war auch das ganze Informationssystem auf funktionierende Gruppen aufgebaut. Diese existierten aber z.T. nur lose und I oder kurzzeitig, viele besaßen keinen kontinuierlichen internen Austausch und I oder manche waren mit einer hohen Fluktuation ausgestattet. ob end rauf zierten sieh manche mit einer gewollten konspirativen Anonymität: no names, no phones. Bei Lichte betrachtet wurde so der notwendige Informationsfluß vom ersten Tag an torpediert, funktionierte eine garantierte Verbreitung des erforderlichen Wissens an keinem Tag dieses Projektes ..... .

Alles, alles geht vorbei, doch wir bleiben ihnen treu ... .

verliebt in unser anfängliches Grundgerüst und begünstigt durch die verständliche Sehnsucht nach wenigstens etwas Beständigem in diesem großen Wirr-warr, haben wir trotzdem daran festgehalten und "Anlaufschwierigkeiten" darauf geschrieben, lasst es uns doch erstmal probieren .... Es gab eine kollektive Verdrängungsleistung, die Risse im Gebälk zu akzeptieren, vielleicht auch weil die Frage der Reparatur noch größere Ratlosigkeit produziert hätte. Der Etikettenschwindel fiel erst vorm Sommer 2000 einer größeren Mehrheit auf. Die Mängel waren unübersehbar und 38

hartnäckig und fielen inzwischen nicht nur über die Klagen der zwei Dutzend Aktivistinnen vermittelt ins Auge. Den daraufhin im Herbst 2000 eingebrachten neuen Organisationsvorschlägen wurde schon mit spitzen Fingern und misstrauischen Blicken begegnet. Der Stachel des 'scheiterns' saß schon tief, die Frustspirale hatte sich zu weit eingedreht, und der Chor der Enttäuschten war unüberhörbar 1aut. Das alles zusammen zeigte betäubende Wirkung. Der Vorrat an Energie, die Hoffnung auf ein besseres Ergebnis und der Wille für einen zweiten versuch war schon längst aufgebraucht, die bevorstehende längst überfällige Konzeptanpassung erschien schier unüberwindlich ... rien ne va plus! Aber theoretisch haben wir natürlich gewußt, dass das nicht 10 Jahre halten kann ....... ·

weine nicht, wenn es mal nicht klappt ...

was haben wir denn nur falsch gemacht? Eigentlich alles, denn das Experiment gibt es nicht mehr. vom Prozess her würde i eh sagen: Wir hatten zu wenig zei t, um die aktuellen Erfahrungen in zukunftsträchtige Veränderungen umzumünzen. Die Geduld und das Durchhaltevermögen stellte höhere Ansprüche als der Atem der Beteiligten lang war .... Eine Illusion machte uns das Leben schwer: dass eine Kneipe politisch sein könnte und damit das Betreiben und die Betreiberinnen auch. Eine Kneipe ist eine Kneipe! Eine Kneipe kann ein freundlicher Ort sein, der politische Aktivitäten und Diskurse erleichtert, als Treffpunkt dient und I oder plakative bzw. kommunikative Vorteile dafür bietet. Eine Kneipe muss dagegen eine gut durchdachte Betriebsorganisation zur Grundlage haben. Die Atmosphäre muss zum wohlfühlen sein, bei akzeptab 1er saube rkei t, an sehn 1 i eh gesta 1teten Räumen, zumindest höflichem Umgang und einer interessierten Bedienung, dann klappt's auch mit den Gästen!! und dabei ist es völlig Wurscht, ob ich sozialrevolutionäre Pläne schmiede oder reformerische Absichten hege. Die Hoffnung, dass beim Aufschäumen eines Milchkaffees oder beim Bierzapfen mehr passiert, als dass sich eine schale bzw. ein willi-Becher mit Trinkbarem füllt, zerstob bei vielen sichtbar, spürbar, ... aber nicht hörbar. Nicht nur in einem Projekt dieser Größenordnung muss getrennt werden zwischen betrieblichen, ökonomischen und organisatorischen Erfordernissen, eine Gastronomie alltäglich zu betreiben und den politischen Ansprüchen, zielen, inhaltlichen Aktivitäten, Stellungnahmen, usw. Den Laden führen muss das Kollektiv - für die Politik darin sind die einzelnen Mitglieder verantwort 1 i eh. wird diese Trennung den Mache rinnen nicht deut 1 i eh, können nur Enttäuschte zu rückb 1 eiben ....

was bin, was kann

ich?

Die meisten brachten ihre Erfahrungen aus politisch agierenden Gruppierungen ein, diskussionsfreudig, prinzipienfest, kampagnengeschult, konsensgeduldig, theorieverbunden und aktionsorientiert. Das war sehr viel und doch zu wenig, um einen ganz andersartig funktionierenden gemeinsamen Arbeitsalltag zu bewältigen, z.B. durch Pünktlichkeit, Kontinuität, betriebswirtschaftliehen Blick, Lagerhaltung und vorratswirtschaft, Raumgestaltung, Aufgabendisziplin, professionelle 'Gastfreundschaft' , etc. Letztlieh 1ebt eine Kneipe näml i eh von zufriedenen Gästen und vo 11 en Gläsern und erst in zweiter bis dritter Linie von den Träumen und schäumen der/dem zapfer/in. 39

Durch die vielen 'politischen' Ansprüche einerseits und den ungewohnten betrieblichen Notwendigkeiten andererseits, wurde eine permanente Überforderungssituation hergestellt, die im Abwind davon eine endlose Kette von Frustration durch nicht ei nge 1öste Wünsche I Hoffnungen produzierte. Auch konnte jede/r die/der wollte, mit politischen Vorschlägen folgenlos brillieren, denn alle wussten, solange die Bedienung des Geschirrspülers ein Rätsel blieb, war an öffentlichkeitswirksame politische Auftritte ohnehin nicht so recht zu denken. Auch eine erfolgversprechende Konsequenz bei sogenannten Inhalten blieb eher fragwürdig.

EXkurs: Die Küche: das unbekannte Wesen

Die Organisation der Küche im EX war in den ersten zwei Jahren Dauerthema. Die Kräfte im Solidarmodell reichten für den Betrieb nicht aus, also übernahmen probeweise bezahlte Leute die Küche. Nach dem vereinbarten Jahr stellte sich die Essenzubereitung als defizitär heraus. Bei der Auseinandersetzung um die Weiterführung bekam eine frühere Idee wieder Oberwasser: Migrantinnen, möglichst ohne Aufenhaltsgenehmigung, sollten die Küche übernehmen. Es entwickelte sich eine anstrengende und leidenschaftlich geführte Diskussion, getrieben von einem politischen Anspruch, bei der keine Ecke im Dunkel geblieben ist. ob aus betriebswirtschaftlicher, ausländerrechtlicher, polizeilicher, organisatorischer, zeitlicher, finanzieller oder sozialer Sicht, das Thema wurde monatelang ausgeleuchtet, beherrschte für lange, lange Zeit die Versammlungen und ließ kaum andere wesentliche Inhalte zu. Am Ende stand, trotz vieler Bedenken, ein erschöpfter und aber konsensualer Beschluss: Migrantinnen übernehmen die Küche im EX. Es ging los mit der suche. Gleichzeitig bat der eingetragene Geschäftsführer der EX-GmbH ausgewechselt zu werden, wei 1 er sieh nicht traute, die abzusehenden rechtlichen Fo 1gen bei öffentl i eher Beschäftigung illegaler Flüchtlinge zu tragen. Da dieser Posten ohnehin nur formal besetzt war also kein Problem!? weit gefehlt. Es fand sich niemand, überhaupt niemand von den über 100 Leuten im Projekt, der/die die persönliche Verantwortung an dieser Stelle bereit war zu tragen. Keine Migrantin hat je in dieser Küche gearbeitet, sie wurde geschlossen, nie wieder in Betrieb genommen und über das ganze Thema fiel nie wieder auch nur ein Wort ..... . so blieb für das in seinen/ihren politischen Ambitionen enttäuschte Projektmitglied das wiederholte Kloputzen und Bodenschrubben übrig, ziemlich uninteressant, langweilig und herzlich wenig revolutionär. Die Folge: z.B. durch den zunehmenden Mangel an Motivation bei der Füllung und Erfüllung des Schichtenplans durch die Gruppen nötigte die K.O.-Gruppe zu Lückenbüßerinnen, die mit unnötiger Mehrarbeit überlastetet wurde und damit ihre eigentlichen koordinierenden Aufgaben vernachlässigen musste. Insgesamt etwas mehr Mut zur Bescheidenheit und Eh rl i chkei t gegenüber unseren eigenen schwächen und unfertigkeiten hätte ein realistischeres Maß an Zufriedenheit herstellen können. vielleicht doch lieber erstmal ... only one cake ... als immer gleich .. the whole fuckin' bakery! Der vorhandenen individuellen Mängel an Erfahrung in alltäglichen betrieblichen Abläufen zog einen weiteren Effekt nach sich. uns Aktivistinnen standen im dem Projekt nur sehr begrenzt

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konstruktive Ideen und Lösungsansätze zur Verfügung. Abgesehen davon, dass wir bei der Grösse des Experimentes auf nur sehr wenige Vorerfahrungen zurü ckgreifen konnten. so führte die Kenntnisnahme eines Problems häufig eher zu Ratlosigkeit und Jammerei und nicht zu einer ernsthaften Alternative. wo sollte die auch herkommen, wie sollte überhaupt erstmal ein gemeinsames Problembewußtsein entstehen? Dass wir Projektmitglieder z.B. den allergrößten Teil möglicher Überschüsse durch unseren eigenen Konsum vernichtet haben, fanden manche ungeheuerlich, andere unvermeidlich. so stand der lebenswichtigen Entwicklungsdynamik innerhalb des Projektes die Einstiegsdroge nicht zur Verfügung: die Einsicht in die Notwendigkeit. Denn entweder drohte großer Streit, durch die z.T. gegensätzlichen Wahrnehmungen oder Ungewißheit über eine erfolgversprechende Lösung. Dann lieber nicht gründlich hinsehen und im Zweifelsfall: was nicht sein soll - auch nicht sein darf ........ .

und es guckt wieder kein Schwein .. .

Eine letzte Illusion: So ein Soli - Modell unterstützen alle! - sehr viele erfahrene Genossinnen beteiligten sich aber gerade nicht an dem versuch. zu unbedeutend, zu wenig radikal, zu anstren gend, zu waghalsig ... ? von der besonderen Art der Kneipenorganisation wusste mehrheitlich nur der engste (westliche, Kreuzberger) Familienkreis. sehr viele unserer Gäste wunderten sich lange über die mangelnde Routine der Beschäftigten und wurden erst nach einem Jahr durch ausliegende Faltblätter zumindest phasenweise über die Besonderheit des Ortes aufgeklärt. Non - profitUnternehmen in selbstverwalteter Struktur sind heute keine automatischen Renner mehr. Sie sprechen sich nicht mehr von alleine 'rum, sind nicht automatisch Anziehungspunkte von Menschen mit linker Gesinnung. Die erste Neugierde ist schnell gestillt, wenn festgestellt wird, dass der Milchkaffee sensationell billig ist, aber gelegentlieh auch so schmeckt. wir haben diesen unseren versuch, einen öffentlichen politischen Ort von profitabler Verwertung möglichst fernzuhalten, in keiner Phase offensiv vertreten oder versucht, Menschen von unserem Experiment zu überzeugen. Im Gegenteil, der Beitrag für eine Projektbroschüre wurde heftigst diskutiert und letztlich zurückgezogen, die vorgesehenen Seiten blieben beim Druck leer. In den vorher geführten persönlichen Interviews einzelner Projektlerinnen sollte sogar die wörtliche Rede nach träglich konsensual zensiert werden, bloß kein falsches Wort in der Öffentlichkeit! weshalb eigentlich? Wären unsere eingeschränkten organisatorische Fähigkeiten peinlich geworden? sollte nicht bekannt werden, wie weit ein Teil der Berliner Linken von der Gestaltung autonomer und selbstbestimmter Alltagsstruktur entfernt ist, zumal es sich ja nur um eine Kneipe auf 400 qm gehandelt hat? - wir werden es nicht mehr ergründen, höchstens das nächste Mal besser machen, damit nicht wieder das Zitat eines enttäuschten Genossen in der bürgerlichen Presse das Schlusswort über so ein Versuch erhält: ... "es war doch alles zu unverbindlich ... " Alles zusammen genommen kann es nur ein einziges Ergebnis geben: Mach's noch einmal, denn jetzt wissen wir wie's gemacht wird ...

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Persönliche Erfahrungen & Schicksale ehemaliger Kollektivistinnen Die Alten hinter den Tresen - die Jungen davor Als die Idee der Neugründung des EX unter Beteiligung vieler Gruppe aufkam, waren wir vom AOK sofort begeistert. wir erhofften uns durch dieses, in Berlin noch nicht erprobte Konzept sowohl eine verbesserte Kommunikation zwischen den beteiligten Politgruppen, wie auch eine Repolitisierung der Kneipe. uns erschien auch die ·Arbeits- und Projektbelastung sehr begrenzt, dadurch, dass wir uns nur zu einem Tag pro Monat verpflichteten. Nach der recht langen Anfangseuphorie stiegen wir dann im Herbst 1998 in die Ebenen hinab und die Mühen begann uns einzuholen. Immer häufiger rutschte der Tagesordnungspunkt EX auf unseren wöchentlichen Sitzungen an den schluß, immer schwieriger war die Bestimmung eines/einer Delegierten für den Delirat. zum Glück war über lange Zeit mindestens eine Person von uns im KO, so dass wir immer gut informiert waren. Die eigentliche Kneipenarbeit machte uns damals noch einigermaßen Spaß. Die erwünschte Kommunikation und der Austausch mit anderen Gruppen stellte sich allerdings überhaupt nicht ein, außer zu den Gruppen und Einzelpersonen, die wir so und so schon aus unserer alltäglichen Politarbeit kannten. Das Kneipenabende war zumeist ganz nett, wir hatten immer Glück und machten viel Umsatz, weil trinkfeste schülerinnen aus dem Goetheinstitut sich regelmäßig am Mittwoch einfanden. Das mit dem guten Umsatz blieb dann aber im drauffolgenden Jahr auch das einzige worin viele von uns einen Sinn in der Kneipenarbeit sahen. Denn weder hatten wir den Elan, die Abende durch eigens organisierte Polit- oder Kulturveranstaltungen etwas anspruchsvoller zu gestalten, noch schafften es andere Gruppe in nennenswertem Umfang das räumliehe Potential EX politisch oder kulturell zu füllen. und die allermeisten Gäste kannte ich nicht und hatte auch keinen Bock sie kennen zu lernen und mit Alkohol abzufüllen. Die Kneipe wurde immer mehr zu einem Jugendtreffpunkt, was ja pri nzi pi e 11 nicht sch 1 echt ist; nur stand i eh a 1 s Opa-Generation hinter dem Tresen und musste nachts den Dreck der Kids wegfegen. Irgendwie war das schon auch absurd. Blieb also nur das cashmachen, um politische Projekte mit den Überschüssen zu unterstützen, 42

übrigens eines der am häufigsten genannten Motive bei einer Umfrage unter den EX-Gruppen. Als ich dann noch herausstellte, dass in der Kneipe offenbar von Kollektivmitgliedern geklaut wurde, war bei uns der Ofen ziemlich aus. m Sommer 99 hatten wir das AOK zu Grabe getragen, und wir trafen uns so und so nur noch wegen der Kneipenschichten. wie andere Gruppen bekamen wir auch zunehmend Schwierigkeiten unsere schichten zu besetzen. Aus dieser Not entwickelte sich dann auf kleiner Flamme ein Ringtausch mit einigen anderen Gruppen, und so lernten wir etwas intensiver die Positionen anderer Gruppen kennnen, welche sorgen sie hatten, welche Vorschläge für die Zukunft des EX sie diskutierten. Im Nachhinein denke ich, dass wir diese Rotation der Gruppen und Schichten eher konsequenter für alle hätten anpacken sollen; denn dadurch wäre das Gemeinschaftsgefühl im Kollektiv gestärkt worden. Die vielen Einzelpersonen hätten sich in der Arbeit hinter dem Tresen oder in den Projekt-AG's schneller kennnen gelernt und sich auch eher egenseitig in die Verantwortung enommen. Denn wenn du jemanden kennst, weisst du auch viel konkreter, wenn du schlampig arbeitest, muss der oder die das ausbaden. Hei so l eh einem großen Haufen von über 100 Beteiligten ist die Gefahr der Anonym1 s 1e ru ng riesengroß. Das haben wir zu spät erkannt bzw. viele von uns im AOK (ich einschließlich) hattt en da keine Lust mehr gegenzusteuern und noch mehr Arbeit und psychische Energie hineinzuste ken. so kam es wie es kommen musste, am Ende war ich froh, dass wir die knapp 3 Jahre noch so e inigermaßen geschaukelt haben. 43

Damals ln der KO-Gruppe ... Die Arbeit der KO - Gruppe würde ich als "eigentlich alles, was sonst keineR macht" definieren. Hatte viel mit Kommunikation innerhalb des Projektes und mit dem Mehringhofbüro und der Mieterinnenversammlung (MV) zu tun. Dazu kam Party- und Veranstaltungskoordination incl. Mithilfe beim Partyaufbau; die Sprechstunde mittwochs für Anfragen; Deli vorbereiten, Redeleitung, Protokolle schreiben; auf der MV rumsitzen; Ermahnungszettel wegen putzen allgemein, Großputz und anderen Geschichten schreiben und aufhängen; die kleinen Katastrophen des Alltags abfedern, z.B. Anrufe vormittags ("es gibt heute keine Frühschicht") entgegennehmen und die Kneipe dann allein aufmachen, weil sich so schnell niemand anders gefunden hätte; offene Tresenschichten (oft mit sich selber) besetzen; sich um die Einarbeitung neuer Gruppen kümmern usw. usw. Für Koordination und Kommunikation zwischen den Bezahlten gab es kein eigenes Forum. Die Kommunikation fand eher zwischen Tür und Angel beim Deli oder mittwochs bei der Sprechstunde statt. Kam auch drauf an, wieviel welche sowieso miteinander zu tun hatten. Generell finde ich, war das EX ein wichtiger Kommunikationspunkt (der zwar nicht bis ins Letzte ausgenutzt wurde, trotzdem aber wichtig und mitunter sehr nett war). Ich hab da jedenfalls eine Menge Leute (besser) kennengelernt. was ich nicht mochte war das Gefühl, das ganze Projekt ist ein Faß ohne Boden und wenn du nicht

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aufpaßt, dann verschluckt es di eh einfach. Das Gefühl , a ll ein im Chaos zu stehen, niemand ist für irgendwas verantwortlich, Leute rufen die KO-Gruppe (oder andere Bezahlte) an, weil sie nicht selber denken wollen, Infos werden nicht weitergegeben bzw. interessieren nicht ... Ich war, was die Bezahlten angeht, ganz klar für ein Rotationssystem, denn erstens müssen dann möglichst viele mal die Drecksarbeit machen, zweitens eignen sich so im Idealfall nach und nach viele das Fachwissen an, und Einzelne werden nicht so unentbehrlich und ausgelaugt.

Das EX hat mir nicht viel weiter geholfen Nicht natürlicherweise, doch bin ich zum Beobachter veranlagt. Das EX verlangte Engagement. Es hat mich dazu genötigt, Veränderungen an mir wahrzunehmen in der weise, daß ich mich nicht bloß von Zeit zu Zeit, zwei- bis dreimal im Monat oder in macherleiübernahmen unangenehmer Arbeiten, bei denen man "im Dreck" wühlen mußte, verausgabt habe. Das kannte ich schon, denn dabei kann man sich auch so schön vergessen, braucht das Drumherum nicht weiter zu beachten. Wäre es bloß dies gewesen, es hätte sich für mich nichts zu ändern brauchen an meinen beiden extremen Haltungen, dem des Beobachters, der kritischen Blicks die Vorgänge kommentiert, sofern sich eine geschützte Gelegenheit dafür ergibt, und dem, der so nah an den Dingen klebt, daß er keine Fragen gestellt bekommt. vielmehr bestand die Nötigung des Experimentes Ex, einmal sich wirklich darauf eingelassen habend, darin, meine Ängstlichkeit aufzuweichen. Dazu gehörte schon, als Beteiligter im unheimlichen Kampffeld Deli die taktischen und strategischen Verhaltensweisen immer genauer einzuschätzen und, wenn möglich, entsprechend einzugreifen. und als hätte man es nicht wissen können, nach all den Kontroversen der Konstituierungsgespräche, die uns aber, den Philos, noch wenig belangvoll erschienen, weil wir zunächst an keine größere Beteiligung dachten als die der Tresenschichten, entpuppten sich harmlose Äußerungen auf den Vollversammlungen mehr und mehr als Sprengsätze, je länger das unternehmen dauerte und je schwieriger es wurde, desto mehr - oder kommt es mir nur im Nachhinein so vor, gerade wegen meiner gestiegenen Aufmerksamkeit? Und dabei ist mir gewiß das meiste verborgen geblieben, so fern wie i eh sonst von jegl i eher Szene, und auch der linken, lebte und lebe. Innerhalb meiner Gruppe wurden die zeitlichen zwänge immer deutliehe r, die a ll ein schon die Vermittlungen zur jedesmaligen erneuten Aufrechterhaltung der Funktion "Tresen" mit sich brachten, verstärkt nach den 1 ein viertel Jahren . wenn wir auch zweimal das Glück neu hinzukommenden Nachwuchses hatten, so bekamen die Schwierigkeiten damit doch neue Züge, die wir nicht zu 45

lenken verstanden, sondern nur laufen ließen: Jedenfalls kommt es mir so vor, hatte ich doch zu ihrem Hinzukommen nicht bei getragen. Meine Ängstlichkeit, auf jemanden Einfluß zu nehmen und somit anderen ausgesetzt sein zu können, konnte ich schon darum nicht gut überwinden, weil mir die Zusammenkünfte als Gruppe und die persönlichen Begegnungen zu wenig intensiv waren, weshalb i eh den verschiedenen Erfahrungsperspektiven nicht in der Vorstellung eines gemeinsamen Zieles antworten konnte. Dafür ohne Rückendeckung darüber nachdenken konnte i eh auch nicht. Und es gibt immer so viele andere Sachen und Dinge, die einen an die Welt ketten. Eigentlich war ich gegen Ende des Experimentes soweit, gerade auch mit Hilfe der Peanuts AG, so viel Erfahrung mit ihm gewonnen zu haben, daß i eh es gerne weitergeführt hätte. Doch dafür haben die Kräfte .c b t::L f" {_ /CEicrkllcr, ) aller offensichtlich I ' e-lc r IP nicht mehr gereicht. Der Wunsch bleibt, [ß uQ;; l ein neues zu begin nen. ;tvt; tJ/efe Ich glaube nun zu l_j . wissen, wie es sein sollte, eine Vollversammlung vorzu bereiten und zu leiten, und es zu können. Ich fürchte noch immer die Beschämung, jemanden auf die 1Q ( Frage, wo hier im Hause ein politisches Treffen statt b; findet, die Antwort schuldig bleiben zu müssen. t;, tJ o/er e(J C-
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Der Weg ·ist das Ziel, oder: hinterher is mensch immer schlauer Es war ja nicht meine erste Erfahrung mit der Arbeit im Kollektiv, aber die erste mit derart vielen unterschiedlichen Leuten. Mein Vorteil war, daß ich das Projekt aus ganz verschiedenen Perspektiven erlebt habe: als Zapferin hinterm Tresen, als Mitglied der Bürogruppe und phasenweise sogar aus der "vermietersicht" als Mitarbeiterin im MehringHofbüro. und mein größter Vorteil überhaupt war, daß ich mich sowohl in der Büro- als auch in meiner Tresengruppe (mit dem unsäg lichen Namen CD- ROM) aufgehoben fühlte. Alle Beteiligten eher älter, eher erfahren mit Gruppen, Ko 11 ekti ven und in der organi sati on von Arbeitsabläufen, eher pragmatisch als anspruchsüberladen, eher humor voll als verbissen, interessierter an einer kontinuierlichen Entwicklung als am fertigen Produkt. Ich konnte es vorher nie leiden, das EX, fühlte mich immer von oben herab behandelt von der Politprominenz und habe es darum vielleicht umso mehr genossen, meine Vorstellung davon, wie Gäste behandelt werden sollen, an diesem Ort umzusetzen. Ich war verblüfft zu merken, wie groß der Einfluß der Stimmung der Leute hinterm Tresen auf die Atmosphäre in der Kneipe ist, und auch wenn ich oft Mühe hatte, mich Freitag nachts von meinem Sofa loszueisen, um pünktlich zur Schicht um 11 dort zu sein, verbesserte sich bei mir glücklicherweise fast immer die Laune, wenn ich erstmal anfing zu arbeiten. Ich habe viel geschimpft über all die UN - zuverlässigkeiten, - Verbindlichkeiten, - gereimtheiten, - fähigkeiten, - sitten usw., und wenn ich das in meinen Gruppen nicht so ausgiebig und unzensiert hätte tun können, hätte ich wohl aussteigen müssen, denn manchmal habe ich es kaum ausgehalten. Doch schließlich hatte ich mir ja vorgenommen, mich in Geduld und Toleranz zu üben ... Aber ich hatte auch vi e 1 zu 1 achen, hatte außer unbezah 1te r Arbeit auch für 3 Jahre eine (Neben - ) Erwerbsquelle, in der ich in den verschiedensten Bereichen dazugelernt habe, - nicht nur Excel Tabellen zu erstellen ... Ich habe oft erst bei den diversen Gesprächen begriffen, wie unterschiedlich und oft auch unklar die Erwartungen und wünsche aller Beteiligten an unser Projekt waren, welche unterschiedlichen Voraussetzungen die einzelnen Leute hatten. Ich habe viel zu viel Gemeinsamkeit vorausgesetzt ohne genau nachzufragen, habe Absichtserklärungen zu wörtlich genommen, oft erst zu spät begriffen, daß sie Ausdruck von wünschen waren, die sich (z.B. aus individuellem Zeitmangel) gar nicht realisieren ließen. was ich für selbstverständlich und klar halte, kann anderen fremd und unlogisch vorkommen, und: vieles funktioniert auch dann, wenn es völlig anders läuft, als ich mir das ausgemalt habe; es gibt halt oft mehrere Wege zu einem ziel. und ich habe unterschätzt, wieviel Zeit bestimmte Gruppenprozesse erfordern. Klingt so banal, fühlte sich aber ganz anders

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an. Ich habe viel Einfluß genommen in diesem Projekt, habe vieles gestaltet, ausprobiert und deshalb auch viel gelernt. schön, daß mich die anderen Beteiligten gelassen haben (und mich nicht raus geschmissen haben, wenn ich mal wieder mit unpopulären Vorschlägen daherkam), und schade, daß so wenige sich auf diesem Feld bewegen wollten. Macht hat auch was mit machen zu tun - nicht nur mit Unterdrückung und Bevormundung. Also auch Fehler machen und dazulernen für kommende vorhaben. Denn wie sagt willi immer so schön: Fehler sind unvermeidlich, nur neue sollten es sein!

Die Bürogruppe . . . w ährend der Arbeitszeit habe ich Geld gezählt, endlose Listen geführt, Computer gelernt, viel Finanzbuchhaltung, ein wenig Geschäftsführung, getratscht und Streuselschnecken gegessen. von den unbezahlten hatte ich manchmal den Eindruck (von den Jüngeren), dass ich für die so eine Art Chefetage bin und meine Meinung mehr zählt als ihre. Da hat ne Schulung "was ist überhaupt ein Kollektiv" gefehlt. "sind im Kollektiv welche gleicher als gleich? und wie kann mensch was dagegen tun?" Ganz prima fand ich an meiner Arbeit meine Kolleginnen und somit auch die Arbeitsatmosphäre, auch die "Freiheit" Arbeitsinhalt, -platz, und - aufgaben selbst festzulegen. Und zu lernen, wie eine Kneipe gegründet und betrieben wird. Auf was es darin so ankommt. so richtig ätzend fand i eh eigentlich nix und gefehlt hat mir manchmal Interesse, mal ein scharfes Auge von den Anderen im Projekt, was ich da eigentlich im Büro tue und ob ich mir vielleicht doch schon das berühmte Haus im Tessin gekauft habe. Dies blauäugige vertrauen hat mich manchmal schon erschreckt.

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Die Einkaufsgruppe . .. Hattest du manchmal das Gefühl, daß dir Arbeiten aufgehalst werden, nur weil du dafür Geld bekommmst? Nee, eher unnötige Arbeit, wie aufräumen, weil nicht alle mitdachten oder gut eingearbeitet waren. Hast du den Eindruck, daß andere deine Arbeit wahrgenommen und wertgeschätzt haben? Nicht immer, weil es selbstverständlich schien, was wir machten und eher auffiel, wenn was nicht klappte. Aber das hab ich nicht persönlich genommen. Hattest du manchmal das Gefühl für den zusammenhalt des Projektes arbeiten zu müssen? Müssen nicht, aber ich hatte schon das Gefühl, daß unsere zusätzliche Arbeit, wie aufräumen, überblick bewahren, Sachen vermitteln, mit Leuten über Probleme oder Tratsch reden, für den zusammenhalt wichtig waren . Das gilt natürlich für alle, die mehr gemacht haben und präsenter waren. was war richtig to77 an deiner Arbeit? Mit den Leuten was zu machen, die ich aus Politsachen kenne oder neu kennenlernte und das Projekt besser überblicken. Das EX hatte schon lange eine Bedeutung für mich, war seit fast 20 Jahren Bezugspunkt in meinem politischen und per sönlichen Alltag. was hat dir gefehlt? Ausführlicher über das Projekt und dessen sinn und Inhalt mit Leuten zu reden. was müßte bei einem neuen Projekt auf jeden Fa11 anders sein? Stärkeres Zugehörigkeitsgefühl aller und Verbindlichkeit für übernommenen Aufgaben, mehr Transparenz bzw. Interesse an den Problemen. 50

t:rie Aufgaben in der Einkaufsgruppe waren recht kla r defini ert, war ja auch wichtig, daß was u trinken da ist. Ich bin gut eingearbeitet worden und hab mein e Arbeitszeit im wesentlichen im Keller verbracht, mit aufräumen in irgendwelchen Kammern, bei m wa r en zähl en und sortieren, beim Putzmittel zurechtlegen und suchen. Die Bierfahrer: der ei ne t r i nkt Kaffee , der andere kriegt ein Flens, das weiß ich noch! Mit dem Bus in die Metro. und nat ürli ch gab es vi ele Fragen u beantworten, wenn die Tresengruppen die Kasse suchten, das Spül i etc . Dadur ch kannte man / frau sich im Laden wirklich gut aus. Ich bin eine gute Memory- Spielerin, das kam mir genau so zugute wie mein sortier- Fimmel. Ich glaube ich habe wirklich sehr viele Hinweis zettel geschrieben! Bitte hier die Handfeger hin, dort ist der Nachschub, aber das war auch o.k. so. Nervig waren die Auseinandersetzungen um die Jugendlichen und sonstige schwierige Gäste, als relativ häufig Anwesende wurden wir zu Ansprechpartnerinnen. Ich würde mich wieder an so einem Projekt beteiligen. Es hat viele schöne Momente gegeben, und ich habe viele Menschen (neu) kennengelernt. Leider hat die Kontinuität am schluß nachgelassen, irgendwann sind die Kapazitäten, sich immer wieder auf neue Leute einzustellen vielleicht auch aufgebraucht. Das hängt aber eher mit dem allgemeinen Problem des Projekts zusammen: Es kamen nicht genug Neue dazu, die Energien verebbten doch etwas, und mein Hausprojekt hat sich im großen und ganzen auf die Tresenarbeit zurückgezogen, hat von den Plena nix mitgekriegt. Es gab nicht mal mehr Treffen, bis zum Tag der Tresenschicht war oft unklar, wer wann kommt. Da hat sich also schon eine schere aufgetan zwischen den einfachen Ameisen und den bezahlten oder auch unbezahlt engagierteren wusel - Ameisen.

Das EX im Mehringhof: Kneipe seit Anfang der IOer lahre, zuerst "Spektrum•, später "EX• (EX-Spektrum), Ober die lahre wechselnde Kneipen kollektive, wichtiger (West-)Berliner Szenetreff; 1998·2001 "EX-periment", Grosskollektlv verschiedener linker Gruppen. "Ein unbedingt lesenswertes StDck Zeltgeschichte der radikalen Berliner Unken Ende des 20• .Jahrhunderts. (Prawcla)