Chronologie der Legionellenbekämpfung im Kernkraftwerk Leibstadt

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Eidgenössisches Nuklearsicherheitsinspektorat ENSI Inspection fédérale de la sécurité nucléaire IFSN Ispettorato federale della sicurezza nucleare IFS...

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Eidgenössisches Nuklearsicherheitsinspektorat ENSI Inspection fédérale de la sécurité nucléaire IFSN Ispettorato federale della sicurezza nucleare IFSN Swiss Federal Nuclear Safety Inspectorate ENSI

Chronologie der Legionellenbekämpfung im Kernkraftwerk Leibstadt Bei der periodischen Messung von Keimen im Hauptkühlwassersystem (HKW-System) des Kernkraftwerks Leibstadt (KKL) wurden im Herbst 2010 Bakterien des Typs legionella pneumophila festgestellt. Die Werte im Wasser der Kühlturmtasse lagen wiederholt um die 100'000 KBE/ℓ (Keimbildende Einheiten pro Liter Wasser). Damit befand sich die Legionellenkonzentration während eines längeren Zeitraums deutlich über dem vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) festgelegten Eingreifwert für Kühlsysteme von 10'000 KBE/ℓ. Das KKL stellte am 14. Dezember 2010 den Antrag für einen Chemikalieneinsatz an das Bundesamt für Umwelt (BAFU) zur Bekämpfung der Legionellen im Kühlwasser. Beantragt wurde der vorläufig einmalige Einsatz eines oxidierenden Biozids (Chlor als Chlorbleichlauge), gefolgt von einem nicht oxidierendem Biozid (Tetrakis(hydroxymethyl)phosphoniumsulfat, THPS, Spectrus NX1113). Mit Schreiben vom 6. Januar 2011 hat das BAFU den Eingang des Antrags vom 14. Dezember 2010 bestätigt. Gleichzeitig teilte das BAFU dem KKL mit, es stellten sich verschiedene Fragen, deren Klärung voraussichtlich einige Zeit in Anspruch nehme. Nach Rücksprache mit dem BAG und den betroffenen Behörden des Kantons Aargau (Amt für Verbraucherschutz, Kantonsärztlicher Dienst, Amt für Umwelt) ersuchte das BAFU das KKL am 24. Februar 2010 weitere Informationen einzureichen und eine Reihe von Fragen zu beantworten. Dieser Aufforderung kam das KKL am 7. März 2011 nach. Ein Mitte Februar 2011 angelaufener Meinungsaustausch zwischen dem Bundesamt für Energie (BFE), dem ENSI und dem BAFU hat zum Ergebnis geführt, dass über den Antrag des KKL im Rahmen eines konzentrierten Entscheidverfahrens zu befinden sei, wobei dem ENSI die Funktion der Leitbehörde zukomme. In seinem Schreiben vom 30. März 2011 führte das ENSI aus, dass mit Ansteigen der Umgebungstemperaturen mit einer Vermehrung der Legionellen im Kühlwasser des KKL gerechnet werden müsse und diesfalls eine zeitliche und sachliche Dringlichkeit bestünde, umgehend Massnahmen zur Bekämpfung der Legionellen zu treffen. Vor diesem Hintergrund scheine es angezeigt, die Beurteilung der Zulässigkeit von Sofortmassnahmen rasch voranzutreiben. Daher wurde das BAFU, das BAG sowie die Behörden des Kantons Aargau ersucht bis zum 15. April 2011 zu der Eingabe des KKL vom 14. Dezember 2011 Stellung zu nehmen. Der Kanton Aargau sowie das BAG sprachen sich in ihren Stellungnahmen vom 12. bzw. 13. April 2011 dafür aus, im Interesse des Gesundheitsschutzes einen Teilantrag des KKL-Antrags vom 14. Dezember 2010 gutzuheissen. Das BAFU wies in seiner Stellungnahme vom 12. April 2011 darauf hin, dass der Einsatz von sehr grossen Mengen von oxidierenden und nicht oxidierenden Bioziden ein gewisses Potenzial bezüglich nachteiliger Auswirkungen auf die Umwelt habe. Daher sei eine sorgfältige Interessenabwägung zwischen der Notwendigkeit aus Gründen des Gesundheitsschutzes und dem Risiko für die Umwelt wichtig. Das zur Verwendung vorgeschlagene Biozidprodukt sei ausserdem für den vorgesehenen Einsatz nicht zugelassen, weshalb zwingend ein zugelassenes Biozidprodukt vorgeschlagen werden müsse. Weiter führte das BAFU aus, eine abschliessende Beurteilung sei auf Grundlage der vorliegenden Unterlagen nicht möglich und beantragte verschiedene Ergänzungen der Gesuchunterlagen.

Am 21. April 2010 stellte das ENSI dem KKL die Stellungnahmen des BAFU, des BAG und der kantonalen Behörden zu. Das KKL wurde aufgefordert dem ENSI eine rasche Einschätzung zukommen zu lassen, inwieweit die Anträge des BAFU kurzfristig realisierbar sind. In der Folge orientierte das ENSI das BAFU, dass es die gesundheitliche Gefährdung der Bevölkerung durch Legionellen als gewichtiger einschätze als eine potentielle Beeinträchtigung des Ökosystems Rhein durch die Einleitung mit Bioziden und dass es daher beabsichtige, den zeitnahen Einsatz von Bioziden im Kühlwasser freizugeben. Mit Schreiben vom 27. April 2011 teilte das BAFU mit, einer einmaligen Einleitung von mit Bioziden behandeltem Kühlwasser nur zuzustimmen, wenn die folgenden Bedingungen eingehalten werden: I. Die Bewilligung ist nur für eine einmalige Behandlung auszustellen. II. Es muss ein in der Schweiz zugelassenes Biozid eingesetzt werden. III. Vor dem Beginn der Biozidbehandlung ist das BAFU und die Internationale Hauptwarnzentrale am Amt für Umwelt und Energie des Kantons Basel-Stadt, Basel zu informieren, so dass die Rheinanliegerstaaten (F, D, NL) informiert werden können. IV. Das KKL erarbeitet ein umfassendes Überwachungsprogramm, bei dem mindestens folgende Parameter im Auslauf in den Rhein und in geeigneten Abständen von der Einlaufstelle in den Rhein flussabwärts überwacht werden: a. DOC b. GUS c. AOX d. Toxizität mittels Leuchtbakterientest (z.B. nach DIN 3841 2-34) e. Toxizität mittels Ames-Test (z.B. in Anlehnung an DIN 3841 5-4) f. Aktivchlor V. Das KKL erarbeitet ein umfassendes Überwachungsprogramm bei dem mindestens Aktivchlor in der Abluft gemessen wird. VI. Die Ergebnisse der beiden Überwachungsprogramme werden in einem Bericht zuhanden des ENSI und der im Verfahren involvierten Behörden (Fachstellen des Kantons AG, BAG, BAFU) innert 14 Tage nach der Durchführung der Behandlung zusammengefasst. VII. Das KKL macht eine Zusammenstellung der Massnahmen zur Verhinderung respektive Beseitigung von Legionellen, welche national und international in offenen Kuhlsystemen, insbesondere bei Kernkraftwerken, eingesetzt werden. Diese Zusammenstellung wird den invoIvierten Behörden bis zum 30. Juni 2011 zugestellt. VIII. Das KKL erarbeitet die optimalen Massnahmen zur Verhinderung respektive Beseitigung von Legionellen für das KKL. Diese Massnahmen werden den involvierten Behörden bis zum 31. Juli 2011 zugestellt. IX. Falls auch in Zukunft eine Behandlung des Kühlwassers mit Bioziden nötig wird, ergänzt das KKL die Gesuchsunterlagen im Sinne der Anträge des BAFU vom 12. April 2011.

Am 11. Mai 2011 nahm das KKL zu den Bedingungen des BAFU Stellung und ersuchte um ein Fachgespräch mit Experten der involvierten Behörden, das am 20. Mai 2011 stattfand und an dem der Kanton Aargau, das BAFU, das BAG, die GE Water & Process Technologies, das KKL und das ENSI teilnahmen. Wichtigster Beschluss war, dass das KKL mit der Eidgenössischen Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz (Eawag) abklären muss, wie sich die eingesetzten Chemikalien im Rhein verteilen. Dabei sind die Maxima der Konzentrationen im Rheinwasser zeitlich und örtlich zu bestimmen und die geeigneten Probenahmestellen sowie -zeiten für die Überwachung vor, während und nach dem

Chemikalieneinsatz zu ermitteln. Die Eawag sollte einen Vorschlag für die zu bestimmenden Messparameter machen. Das ENSI hat am Mittwoch, 15. Juni 2011 nach Absprache mit dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) und dem BAFU einen einmaligen Einsatz verfügt. Die kantonalen Behörden des Aargaus wurden vor der Bewilligung angehört. Sie hatten der Behandlung nach Abwägung der Interessen (Gesundheitsschutz der Bevölkerung gegenüber der zusätzlichen Belastung im Rhein) zugestimmt. Das ENSI hat in der Verfügung alle Auflagen aufgenommen, die von den beteiligten Stellen formuliert wurden. Gemäss Auflagenvorschlag III. des BAFU hat das ENSI die Internationale Hauptwarnzentrale im Amt für Umwelt und Energie des Kantons Basel-Stadt mit Schreiben vom Donnerstag, 16. Juni 2011 über die erteilte Freigabe für den Chemikalieneinsatz informiert und mit der Absicht weitere, erst später vorliegende Informationen an die Hauptwarnzentrale zu geben, um Telefonnummer und E-Mailadresse gebeten. Das KKL hat am 20. Juni 2011 das ENSI über den nunmehr festgelegten Einsatz und die vorgesehene Medienmitteilung informiert. Am gleichen Tag wurden diese Informationen vom ENSI an das BAFU, das BAG und an den Kanton Aargau weitergeleitet. Am 27. Juni 2011 hat das ENSI zudem die im Falle von Ereignissen in der grenznahen Anlage KKL zu informierenden in- und ausländischen Behörden, wie z.B. das Regierungspräsidium Freiburg (D) und das Landratsamt Waldshut (D), über den am 28. und 30. Juni 2011 geplanten Einsatz von chemischen Desinfektionsmitteln im Kühlwasser des KKL per Telefax informiert. Am 27. Juni 2011 hat das Kernkraftwerk Leibstadt die Massnahme mit einer Medienmitteilung öffentlich bekannt gemacht. Erst nach einer Intervention des BAFU hat die Hauptwarnzentrale bekannt gegeben, dass sie für die Information der Rheinunterlieger über den Chemikalieneinsatz eigentlich nicht zuständig sei. Am 30. Juni 2011 hat die Hauptwarnzentrale dennoch informiert. Für die Behandlung wurde der Wasserstand in der Kühlturmtasse des KKL am 28. Juni 2011 vorgängig durch eine Erhöhung der Abflut reduziert. Während der Behandlung von rund acht Stunden wurde die Abflut geschlossen und es wurde kein Kühlwasser der Kreislaufkühlung in den Rhein geleitet. Die chemische Behandlung erfolgte in zwei Schritten. In einem ersten Schritt wurde dem Kühlwasser 1.8 t Natriumhypochlorit (in Form von 13.9 t 13%-igem Javellewasser) zugegeben. Um die Wirkung des Chlors auf den Biofilm zu erhöhen, wurden parallel 170 kg eines Biodispergators eingesetzt. Zur Schaumbekämpfung wurden 208 kg Antischaummittel portionenweise zudosiert. Gegen Ende der achtstündigen Behandlung wurde dem Kühlwasser 225 kg Natriumthiosulfat zudosiert um das überschüssige freie Chlor zum unbedenklichen Anion Chlorid zu reduzieren. Erst nach diesem Schritt und einer Überprüfung mit dem Leuchtbakterien-Test wurde die Abflut wieder geöffnet. Der zweite Desinfektionsschritt wurde in gleicher Weise mit dem nicht oxidierenden Biozid THPS (Tetrakis(hydroxymethyl)phosphoniumsulfat; 2.1 t) zwei Tage später vorgenommen. Dabei wurde auch Biodispergator und Antischaummittel portionsweise zudosiert. Das überschüssige Biozid wurde gegen Ende der Behandlung durch Zugabe von 1.3 t Wasserstoffperoxid zum biologisch bedeutend weniger wirksamen Abbauprodukt THPO (Trishydroxymethylphosphinoxid) oxidiert. Erst nach diesem Schritt und einer Überprüfung mit dem Leutbakterien-Test wurde die Abflut wieder geöffnet. Die Details der Biozidbehandlung, die Ergebnisse aus den begleitenden Überwachungsprogrammen sowie die Risikobewertung sind verfügbar unter: http://static.ensi.ch/1321873651/kklberichtbiozidbehandlungrev23_nov_11_v3.pdf

http://www.kkl.ch/upload/cms/user/KKLBerichtBiozidbehandlungBMGRev23_Nov_11_V3.pdf Die Untersuchungen haben gemäss KKL ergeben, dass der Biozid-Einsatz für die Umwelt unbedenklich war. Das ENSI hat als koordinierende Stelle den Bericht zur Kenntnis genommen und weitergeleitet. Die zuständigen Behörden von Bund und Kanton Aargau werden ihn nun prüfen. Wie im Vorfeld der Aktion bereits abgeklärt, hat die Dekontamination des Hauptkühlkreislaufs vom Juni 2011 keine schädlichen Auswirkungen auf die Umwelt oder die Anlage gehabt. Stand: 8. Dezember 2011