Das Band der Generationen

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Im Gespräch 2

Das Band der Generationen Ein Gespräch mit Helmut Ruppel

Ulrike Klehmet hat den Pfarrer und Religionspädagogen Helmut Ruppel zu einem Gespräch getroffen. Sein lebenslanges Anliegen ist der Dialog mit anderen Religionen, insbesondere das Gespräch mit dem Judentum. Der Experte für das Alte Testament erzählte, warum Lernen und Lehren im Judentum zusammengehören und die Fragen der Kinder wichtiger als die Antworten der Eltern sind. p a t e r n o s t e r : Herr Ruppel, welche Bedeutung hat der biblische Satz aus dem Mosebuch: „Wenn dein Kind dich morgen fragt...“ im Judentum? Helmut Ruppel: Eine sehr große. Der Satz kreist um die Frage, wie die Erwachsenen sich zur nächsten Generation verhalten. Ich möchte mit einer Geschichte aus den Lebenserinnerungen des Schriftstellers und Friedensnobelpreisträgers Elie Wiesel beginnen. Elie Wiesel wird als Zwölfjähriger aus seinem ungarischen Heimatdorf Sighet nach Auschwitz deportiert. Er muss dort im Steinbruch arbeiten. Am ersten Tag hört er einen Mann neben sich fragen: „Woher kommst du, Junge?“ „Aus Sighet“antwortet er. „Hast du die Tora studiert?“ bohrt der Mann weiter. „Aber ja, gewiss, jede Woche einen Textab-

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Helmut Ruppel

schnitt.“ Darauf der Mann: „Dann lass’ uns bei dem letzten Abschnitt fortfahren“. Die Geschichte spiegelt einen Grundgedanken des Judentums wider, dass das Band der Generationen niemals abreißen darf. Deshalb schlägt der fremde Mann Elie Wiesel vor, selbst im Lager unter schlimmsten Lebensbedingungen mit dem Studium der Tora fortzufahren, damit dieser die Traditionen und die Identität des jüdischen Volkes weitertragen kann. Das imponiert mir sehr. Denn die Zukunft liegt in den Händen der Kinder. Ein Rabbi schrieb einmal: „Die Zukunft der Welt ruht auf dem Atem der lernenden Kinder.“ Die Kinder sprechen die Texte aus der Tora laut. Indem sie die Geschichten von Gottes Welt aussprechen, fließt der Atem aus ihren Mündern. Ihr Atem transportiert die Welt von morgen, die Zukunft. Damit hängt die Welt von morgen unmittelbar an den Kindern. Es wäre gut, wenn dieses Bewusstsein auch Einfluss auf die Pisa-Debatte in Deutschland hätte.

p a t e r n o s t e r : Es gibt Texte aus der Bibel, die werden im Christentum an bestimmten Feiertagen jedes Jahr gelesen. Gibt es für den Text, aus dem unser Satz stammt, auch so einen festen Tag? Helmut Ruppel: Ja, das ist der Sederabend. Am dem wird dieser Text traditionell gelesen. Es ist der Abend vor dem Pessach. Das ist das Fest, an dem das jüdische Volk den Auszug unter Moses aus der Knechtschaft in Ägypten feiert. Pessach hat innerhalb des Judentums einen so hohen Stellenwert wie Ostern im Christentum. Die ganze Familie kommt zusammen und begeht diesen Abend mit einem langen, etwas komplizierten Ablauf, der jedes Jahr gleich ist. Es gibt nur ungesäuertes Brot mit bitteren Kräutern. Das symbolisiert die Situation des Aufbruchs. Es werden Texte über den Aufenthalt in Ägypten und den Auszug vorgelesen. Und jeder aus der Familie hat das Buch vor sich liegen, in dem diese Texte und die übrigen Anweisungen für den Sederabend stehen. Nach dem ersten Glas Wein fragt das jüngste Kind der Familie: „Warum unterscheidet sich diese Nacht von allen anderen Nächten?“ Das Kind stellt die Frage stellvertretend für alle Anwesenden.

Im Gespräch 2

Dann werden zusammen die Texte laut gelesen. p a t e r n o s t e r : Dann spielen Kinder im Judentum eine zentrale Rolle und das, obwohl von Kindern in den Büchern der Hebräischen Bibel kaum die Rede ist. Helmut Ruppel: Ich möchte Ihren Einwand mit einer Geschichte widerlegen. Im Jahre 586 v. Chr. wurde der Tempel in Jerusalem von den Babyloniern geplündert, zerstört und ein Teil des Volkes Israel nach Babylon deportiert. Wo war da Gott? Rabbiner erklären: Er war nicht im Tempel. Gott war nicht bei dem Tempelpersonal, als es weggeführt wurde, er war auch nicht bei den heiligen Tempelgeräten, als sie fortgeschafft wurden, aber als die Kinder des Lehrhauses abtransportiert wurden, da ging Gott mit. Er bindet seine Gegenwart an die Gegenwart der lernenden Kinder. „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder...denn ihnen gehört das Reich Gottes“,- sagt Jesus im Markusevangelium. Das ist eine Parallele aus dem Neuen Testament. Lernen heißt Gott begreifen und das Reich Gottes erlangen. Das Lernen kann unvollständig bleiben, es zielt auch gar nicht auf ein bestimmtes Wissen. Sondern grundlegend ist das stete Fragen. Wir haben oft ein sehr festgelegtes Bild von Lernen vor Augen. Jemand erklärt Kindern etwas, und sie lernen aus den Erklärungen. Im Judentum wird das völlig anders verstanden. Lernen und Lehren bedingen sich und beeinflussen sich. Beide Verben stammen übrigens in der hebräischen Sprache vom gleichen Wortstamm ab. Lehren bedeutet dann einfach die intensive Form von Lernen. Beide Tätigkeiten werden zusammen betrachtet. Wenn ein Kind also Mutter und Vater etwas fragt, dann lernen die Eltern selbst etwas von ihren Kindern, indem sie Lehrende werden. Ein Mensch kann nur durch im-

merwährendes Fragen lernen. Ich möchte noch einmal auf Elie Wiesel zurückkommen. In seinen Lebenserinnerungen erzählt er beiläufig ein kleines Alltagsritual. Immer wenn er aus der Schule nach Hause kam, hat sein Vater ihn mit den Worten begrüßt: „Und Elie, was hast du heute gefragt?“ Er hat nicht gesagt: Was hast du heute gelernt? In der Tat spielt das Verhältnis Kinder- Eltern im Judentum eine große Rolle. Denn es sind die Kinder, die als Garanten für den Zusammenhalt der Generationen betrachtet werden. Das schließt im Übrigen sehr wohl auch Verpflichtungen für die Kinder ein. Das vierte Gebot sagt: „Du sollst Vater und Mutter ehren.“ Und das hat folgenden Hintergrund: Gott hat Israel die Freiheit aus der Knechtschaft und damit Würde geschenkt. Wenn die Jungen nun z.B. vor den alten, gebrechlichen und ans Bett gebundenen Menschen aufstehen, dann ehren sie die Alten. Die Jungen verwirklichen so stellvertretend für die Alten die geschenkte Freiheit und Würde vor Gott.

Erklärungen her – die Weihnachtsgeschichte. Von der Weihnachtsgeschichte ausgehend, rate ich Eltern oft, mit ihren Kindern Psalmen zu lesen. Viele Psalmen beginnen mit direkten Fragen an Gott: Warum Gott...? Wie lange noch, Gott...? Die Psalmen sprechen Ängste, Nöte und Klagen aus, die Kindern nicht fremd sind. Ich habe oft erlebt, dass Kinder bei Worten wie „Meine Seele ist erschrocken, Gott wie lange noch?“ (Psalm 6) oder „Wenn ich im finsteren Tal wandere, dann bist du bei mir“ (Psalm 23) ganz von allein anfangen zu erzählen. Es reicht, wenige Worte aus Psalmen mit Kindern zu lesen. Und dann rate ich Eltern zu den großen, alten Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament. Gerade ist eine Kinderbibel in neuer, gerechter Sprache veröffentlicht worden, die ich sehr empfehlen kann. Die Buchempfehlungen: Gütersloher Kinderbibel, Gütersloh 2005 Ingo Baldermann, Steh’ auf und geh, Patmos 2003

p a t e r n o s t e r : Eltern in unserer Gemeinde suchen oft nach Antworten auf religiöse Fragen ihrer Kinder. Auf die veränderte Frage: „Wenn dein Kind dich morgen fragt: Wer ist Gott?“ Wie könnten Eltern mit ihren Kindern eine Antwort finden? Helmut Ruppel: Ich habe ja erzählt, dass der Mosetext seinen festen Ort am Sederabend hat. Die Frage nach Gott ist natürlich eine sehr große Frage. Aber Eltern könnten leicht bei Feiertagen ansetzen. Weihnachten ist sicherlich der beste Zugang zum Christentum. Denn nach wie vor wird Weihnachten in den Familien mit sehr vielen Ritualen gefeiert. Eine Krippe wird aufgestellt, und kleine Engelfiguren zieren den Weihnachtsbaum. Leicht kann die Frage von den Kindern aufkommen: Wozu machen wir das alles? Dann müssen

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