Das Evangelium nach Satan - Verlagsgruppe Random House

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Exklusive Leseprobe Das Evangelium nach Satan PATRICK GRAHAM Das Evangelium nach Satan INS DEUTSCHE ÜBERTRAGEN VON Adam Hall Die Thriller-Sensati...

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Exklusive Leseprobe

Das Evangelium nach Satan

PATRICK GRAHAM

Das Evangelium nach Satan INS DEUTSCHE ÜBERTRAGEN VON Adam Hall

Die Thriller-Sensation aus Frankreich − Erste Manuskriptseiten exklusiv für Sie!

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TEIL EINS 1 11. Februar 1348, ein Wehrkloster in den Dolomiten In der bedrückenden Enge wird die Luft knapp. Der kärgliche Rest einer dicken Kerze flackert seinem Ende entgegen. Der Geruch nach versengtem Tuch lässt die Eingemauerte würgen. Ein letztes Mal liest sie, was sie mit schwindender Kraft mit einem Zimmermannsnagel in die Wand geritzt hat. Dort, wohin das spärliche Licht nicht reicht, ertastet sie die Umrisse der Buchstaben mit den Fingerspitzen, um sicher zu sein, dass sie tief genug in den spröden Stein eingedrungen sind. Mit zitternder Hand drückt sie hilflos gegen die dicke Ziegelmauer, die sie von der Außenwelt trennt und hinter der sie allmählich ersticken wird. Stunden schon hat sie in der Enge ihres Grabes verbracht, in dem sie nicht aufrecht stehen und sich kaum hinhocken kann. Die Strafe der Einmauerung. Sie erinnert sich an die vielen Male, da sie in Handschriften von den Leiden derer gelesen hatte, die ein Gericht der Heiligen Inquisition auf diese Weise von der Welt abgesondert hatte, nachdem ihnen ein Geständnis abgepresst worden war: Hexen, Engel­macherinnen und andere Unglückselige hatte man mit Zangen und Feuersglut dazu gebracht, die tausend Namen des Teufels zu nennen. Sie muss vor allem an ein Pergament denken, das die Einnahme des Klosters von Servio durch die Streitmacht von Papst Innozenz VI. beschrieb. Neunhundert Ritter hatten an jenem ein gutes Jahrhundert zurückliegenden Tag das Kloster umstellt, von dem es hieß, die Mönche feierten dort unter dem Einfluss des Bösen schwarze Messen und rissen dabei Frauen die ungeborene Leibesfrucht heraus, um sie zu verzehren. Hinter der Streitmacht, deren Vorhut mit einem Rammbock gegen das Fallgitter vor dem Tor in der Klostermauer anrannte, hatten in Kutschen drei Richter der Inquisition mit ihren Schreibern sowie die Henker mitsamt ihren todbringenden Gerätschaften gewartet. Als das befestigte Kloster erstürmt war, hatte man die Mönche in der Kapelle kniend vorgefunden. Nach einem Blick auf die übel riechende stumme Versammlung hatten die Henkersknechte des Papstes den Kraftlosesten, den Stummen, den Tauben, Missgestalteten und Geistesschwachen die Kehle durchgeschnitten und danach alle anderen ins Keller­geschoss gebracht, wo man sie sieben volle Tage und Nächte hindurch einem hochnotpeinlichen Verhör unterzog. Es war eine Woche des Wehklagens und der Tränen gewesen. Immer wieder machten verängstigte Brüder die Runde und gossen Eimer fauligen Wassers auf den steinernen Boden, um die Blutlachen fortzu­ schwemmen. Nachdem so unter unsäglichen Qualen und Peinigungen ein Monat vergangen war, hatte man alle, welche die glühenden Eisen der Inquisitoren auf der Haut und die Verstümmelung der Gliedmaßen lebend überstanden hatten, in den Tiefen ihres Klosters eingemauert. Vierhundert bis zum Skelett abge­ magerte Gestalten, die sich die Finger am Granit der Mauer blutig gerissen hatten. Jetzt war die Reihe an ihr, allerdings mit dem Unterschied, dass man sie nicht gefoltert hatte. Um dem teuflischen Mörder zu entgehen, der in ihr befestigtes Kloster eingedrungen war, hatte sie, Isolde von Trient, Äbtissin der Augustinerinnen dieses Hauses, sich mit eigener Hand eingemauert. Sie hatte sich mit Ziegeln und Mörtel versehen, um die Mauerlücke zu schließen, in die sie sich mit einigen Kerzen und wenigen Habseligkeiten geflüchtet hatte. Vor allem hatte sie in ein Tuch gehüllt das fürchterliche Geheimnis mitgebracht, das sie bewahrte – nicht, damit es auf immer verschwand, sondern damit es nicht dem Ungeheuer in die Hände fiel, das sie verfolgte. Ein gesichtsloses Wesen, das die dreizehn Augustinerinnen eine nach der anderen abgeschlachtet hatte, Nacht für Nacht ... Ein Mönch ... oder wohl eher etwas Unsagbares, das sich in dessen heiligem Gewand verborgen hielt. Dreizehn Nächte, dreizehn Ritualmorde, dreizehn gekreuzigte Nonnen. Seit jenem dämmrigen Abend, an dem das Ungeheuer bei ihnen eingefallen war, nährte es sich vom Fleisch und den Seelen der Dienerinnen Gottes. Gerade, als Mutter Isolde das Bewusstsein zu schwinden droht, hört sie Schritte auf der Treppe zum Untergeschoss. Sie hält den Atem an und lauscht. Eine ferne Stimme hallt in der Finsternis. Sie klingt wie --

die eines weinenden Kindes. Sie ruft oben von der Treppe nach ihr. Ein Zittern befällt die Äbtissin. Es ist die Stimme Schwester Bragantias, der jüngsten Novizin. Sie will, dass Mutter Isolde ihr sagt, wo sie sich versteckt hat, und fleht, sie zu ihr zu lassen, damit sie dem Ungeheuer entkommen kann, das sich nähert. Mit von Schluchzen unterbrochener Stimme wiederholt sie, dass sie nicht sterben wolle. Am selben Vormittag hatte Mutter Isolde die sterblichen Überreste der von dem Ungeheuer zerfetzten Schwester Bragantia, mit eigenen Händen in Leinen gehüllt, der weichen Erde des Klosterfriedhofs anvertraut. Während ihr Tränen des Entsetzens und des Kummers über die Wangen laufen, steckt sie sich die Finger in die Ohren, um Bragantias Wehklagen nicht mehr hören zu müssen. Dann schließt sie die Augen und bittet Gott, sie zu sich zu rufen. 2 Der Anfang von all dem lag einige Wochen zurück. Gerüchte besagten, dass das Wasser vor Venedig ansteige und Tausende von Ratten sich in den Kanälen der Stadt ausbreiteten. Es hieß, dass diese Nager unter dem Einfluss einer geheimnisvollen Krankheit mit ihren scharfen Zähnen Hunde und sogar Menschen anfielen. Ihre Heerschar erobere von der Lagune aus die Gassen der Stadt, von der Giudecca bis hin zur Insel von San Michele. Als aus den Armenvierteln die ersten Krankheitsfälle gemeldet wurden, ließ der alte Doge die Brücken sperren und allen Wasserfahrzeugen, die eine Verbindung zum Festland herstellen konnten, den Boden herausschlagen. Dann stellte er Wachen vor die Tore der Stadt und schickte reitende Boten aus, um den Adel im Umland von der Gefahr zu unterrichten, die in der Lagune lauerte. Dreizehn Tage nachdem das Wasser gestiegen war, schlugen die ersten Flammen zum Himmel über der Stadt empor, und die Führer von Gondeln, die mit Leichen beladen waren, zogen tote Kinder aus den Kanälen, die ihre jungen Mütter unter Tränen aus dem Fenster ins Wasser geworfen hatten. Am Ende jener unheilvollen Woche gaben mächtige Herren in der Stadt ihren Leuten den Befehl, auf die Wachen des Dogen zu schießen, die nach wie vor die Brücken besetzt hielten. Als in der Nacht ein landwärts wehender Wind die Hunde hinderte, die Fährte der aus der Stadt Flüchtenden aufzunehmen, setzten die Gebieter über Mestre und Padua Hunderte von Bogen- und Armbrustschützen mit dem Befehl in Marsch, den endlosen Strom Sterbender aufzuhalten, die auf das Festland flüchteten. Doch nicht einmal der Pfeil- und Bolzenhagel konnte verhindern, dass sich die Seuche mit rasender Schnelligkeit in ganz Venetien ausbreitete. Inzwischen hatte man angefangen, Dörfer niederzubrennen und Kranke in die Flammen zu werfen. Im Versuch, der Seuche Herr zu werden, wurden ganze Städte unter Quarantäne gestellt. Nicht nur verstreute man Hände voll groben Salzes auf der Erde und schüttete die Brunnen mit Bauschutt zu, man besprengte auch Scheunen mit Weihwasser und nagelte Tausende von Eulen lebend an Haustüren. Sogar einige Hexen, Menschen mit Hasenscharte, missgebildete Kinder und der eine oder andere Bucklige wurden verbrannt. Doch nichts von all dem hinderte den Schwarzen Tod, auf die Tiere überzuspringen, und so sah man schon bald ganze Hundemeuten und Scharen von Krähen über den endlosen Zug der Flüchtenden herfallen, der die Straßen bevölkerte. Schließlich breitete sich die Krankheit, zweifellos durch die Tauben Venedigs übertragen, die die Phantomstadt verlassen hatten, auf der ganzen Apenninen-Halbinsel aus. Bald schon bedeckten die erstarrten Kadaver von Ringeltauben, Drosseln, Ziegenmelkern und Sperlingen den Boden und die Dächer der Häuser. Später gesellten sich Tausende von Füchsen, Frettchen, Feld- und Spitzmäusen zu den Regimentern von Ratten, die gegen die Städte vorrückten. So kam es, dass über dem Norden des Landes nach nur einem Monat Totenstille lag: Die Pest breitete sich noch rascher aus als die Gerüchte, die ihr Nahen meldeten und die damit nach und nach verstummten. Schon bald kündigte nicht mehr das leiseste Murmeln oder sein Echo, keine Brieftaube und kein Meldereiter das Näherkommen der Geißel an. So wurde in jenem unseligen Winter, der schon bald der kälteste des Jahrhunderts zu werden drohte, keinerlei Brandschneise gelegt, die dem nordwärts ziehenden Rattenheer den Weg versperren konnte. Nirgendwo sammelten sich Bauern vor --

den Städten mit Fackeln und Sicheln, und keine Hand rührte sich rechtzeitig, um die Säcke mit Saatgut in die befestigten Lagerräume der Burgen zu schaffen. Auf diese Weise überquerte die Pest ungehindert die Alpen und gesellte sich zu den übrigen Krankheiten, die in der Provence zahllose Opfer forderten. Man berichtete, dass in Toulouse und Carcassonne die wütende Menge jeden auf der Straße umbrachte, der erkältet war oder Schleim aushustete. In Arles wurden Kranke in riesigen Gruben verscharrt, in den Sterbehospizen von Marseille wurden sie mit Öl und Pech übergossen und lebend verbrannt, während man sowohl in Grasse wie auch in Gardanne Feuer an ­ die Lavendelfelder legte, um die üblen Ausdünstungen des Himmels zu vertreiben. Bei Orange und schließlich auch vor den Toren Lyons feuerten die Heere des Königs auf das Rattenheer, das sich gleich einer Sturmflut näherte. Die Tiere waren so ausgehungert, dass sie Steine und Baumstämme annagten. Nachdem sie der Ritterschaft bei Macôn eine vernichtende Niederlage zugefügt hatte, zog die Seuche weiter in Richtung Paris und Deutschland, wo sie ganze Städte entvölkerte. Schon bald stiegen zu beiden Seiten des Rheins so die Totenklagen zahlreich zum Himmel empor, dass man annehmen konnte, auch dorthin sei die Geißel gelangt, und Gott selbst erliege der Pest. 3 Während Mutter Isolde in ihrem Versteck nach Atem ringt, fällt ihr der Unglücksbote ein der, elf Tage nachdem von Rom gekommene Regimenter Venedig in Brand gesteckt hatten, aus dem dichten Dunst aufgetaucht war. Er hatte beim Näherkommen in sein Horn gestoßen, und Mutter Isolde hatte sich von der Mauerkrone herab angehört, was er zu sagen hatte. Der Reiter hatte sein Gesicht verborgen, indem er es tief auf das von Schmutz starrende Wams hinabdrückte. Der Schleim, den er immer wieder unter heftigen Hustenanfällen auswarf, hatte rötliche Blutspuren auf dem grauen Stoff hinterlassen. Um den Wind zu übertönen, hatte er mit trichterförmig vor den Mund gehaltenen Händen gerufen: »He, da oben! Ich soll im Auftrag des Bischofs alle Klöster vor dem sich nähernden Schwarzen Tod warnen. Die Pest hat Bergamo und Mailand erreicht und breitet sich in Richtung Süden weiter aus. In Ravenna, Pisa und Florenz hat man bereits Alarmfeuer entzündet.« »Bringt Ihr Neuigkeiten aus Parma?« »Leider nein. Aber ich habe auf dem Weg nach Cremona ganz aus der Nähe Meere von Fackeln gesehen und Prozessionen, die sich der Stadtmauer von Bologna näherten. Padua, wo die reinigenden Flammen bereits die Nächte erhellen, habe ich ebenso umritten wie Verona. Überlebende aus jener Stadt haben mir berichtet, dass sich die Elenden, die nicht fliehen konnten, mit den Hunden um die Leichen streiten müssen, die auf den Straßen liegen. Seit Tagen komme ich nur noch an Massengräbern und offenen Gruben voller Leichen vorüber, denn die Totengräber kommen nicht mehr hinterher, sie zuzuschaufeln.« »Was ist mit Avignon und dem Palast Seiner Heiligkeit des Papstes?« »Von dort hört man nichts mehr. Auch nicht aus Arles und Nîmes. Ich weiß lediglich, dass man überall Dörfer in Brand steckt, ganze Herden schlachtet und Messen liest, um die Wolken von Fliegen zu vertreiben, die den Himmel bedecken. Allenthalben verbrennt man Kräuter und Spezereien, um den vom Wind herübergewehten üblen Ausdünstungen Einhalt zu gebieten. Überall sterben die Menschen, und niemand kümmert sich um die von der Krankheit und den Armbrustbolzen der Krieger niedergemähten Toten, die sich auf den Straßen zu Bergen türmen.« Als die Mitschwestern baten, Mutter Isolde möge den Unglücklichen einlassen, hatte sie ihnen mit einer Handbewegung Schweigen geboten und sich erneut über die Brüstung gebeugt. »Welcher Bischof, sagtet Ihr, hat Euch hergeschickt?« »Seine Exzellenz Monsignore Benevenuto Torricelli, Bischof von Modena, Ferrara und Padua.« Ein Schauder hatte Mutter Isolde bei diesen Worten erfasst, und mit zitternder Stimme hatte sie in die eiskalte Luft gesagt: »Ich muss Euch mitteilen, dass Monsignore Torricelli im vorigen Jahr bedauerlicherweise bei einem Unfall seiner Kutsche ums Leben gekommen ist. Ich fordere Euch daher auf, Eures --

Weges zu ziehen. Doch sagt mir zuvor, ob man Euch etwas zu essen und Salben zum Einreiben Eurer Brust hinabwerfen soll?« Schreie, in denen sich Staunen und Entsetzen mischten, hatten sich auf der Mauer, die das Kloster umgab, erhoben, als der Reiter den Kopf hob und sein von der Pest entstelltes Gesicht zeigte. »Gott ist in Bergamo gestorben, Ehrwürdige Mutter! Welche Salben, welche Gebete sollen diese Wunden heilen?«, antwortete er und fügte mit einem grunzenden Lachen hinzu: »Mach lieber das Tor auf, alte Sau, damit ich deinen Novizinnen meinen Eiter in den Leib spritzen kann!« Nicht einmal das Pfeifen des Windes unterbrach die daraufhin eingetretene Stille. Der Reiter hatte sein Tier schroff gewendet, ihm die Sporen tief in die Flanken gestoßen und war verschwunden, als habe ihn die Schwärze des Waldes verschluckt. Seither hatten Mutter Isolde und die Nonnen, die einander bei der Wache auf der Mauer ablösten, keine lebende Seele mehr zu Gesicht bekommen – bis zu jenem tausendmal verfluchten Tag, an dem ein Karren vor dem Klostertor aufgetaucht war. Das schweißbedeckte Fell der vorgespannten Maultiere dampfte in der kalten Luft. 4 Der Gespannführer war Gasparo, ein biederer Landmann, der tausendfach dem Tod getrotzt hatte, um den Augustinerinnen die letzten Herbstfrüchte zu bringen: Äpfel und Trauben aus der Toskana, Feigen aus dem Piemont, Krüge mit Olivenöl und einen Stapel Säcke mit Mehl aus den Mühlen Umbriens, aus dem die Nonnen ihr nahrhaftes, dunkles und festes Brot backten. Voll Stolz hatte er außerdem zwei Karaffen selbstgebrannten Pflaumenschnaps hervorgeholt, ein wahrer Teufelstrank, der die Wangen rötete und dem Mund Lästerungen entlockte. Mutter Isolde hatte ihn lediglich der Form halber getadelt, denn das Bewusstsein, sich damit die schmerzenden Glieder einreiben zu können, machte sie überglücklich. Als sie sich vorbeugte, um einen Sack Saubohnen abzuladen, hatte sie in einem Winkel eine zusammengekrümmte Gestalt gesehen: eine Nonne, die Gasparo einige Meilen vom Kloster entfernt aufgesammelt hatte. Ihre Hände und Füße waren mit Lumpen umwickelt und das Gesicht hinter einem dichten Schleier verborgen. Die tiefen Falten an ihrem Hals zeigten, dass sie schon ziemlich alt sein musste, doch weder an ihrem von Dornen zerfetzten und von Straßenkot beschmutzten weißen Habit noch an dem tiefroten Samtumhang, auf den eine Art Wappen gestickt zu sein schien, ließ sich erkennen, welchem Orden sie angehörte. Als sich Mutter Isolde über sie beugte und den Staub auf dem Wappen beiseitewischte, wurden ihre Finger vor Entsetzen starr: vier safran- und goldfarbene Arme auf blauem Grund! Das Kreuz des heiligen Ordens der Weltfernen Schwestern vom Monte Cervino! Sie wusste, dass diese Nonnen abgeschieden und in tiefem Schweigen in einem festungsähnlichen Felsenkloster dicht unter dem Gipfel jenes Berges lebten. An einem Ort, der so unzugänglich war, dass man ihn ausschließlich mittels an Seilen gezogener Körbe versorgen konnte. Die Hüterinnen der Welt. Niemand hatte je das Gesicht einer von ihnen gesehen oder ihre Stimme gehört. Man erzählte sich, sie seien hässlicher und widerwärtiger als der Teufel, tränken Menschenblut und ernährten sich von ekelhaften Schleimsuppen, die ihnen die Gabe der Wahrsagung und des Zweiten Gesichts verliehen. Im Volk verbreitete Gerüchte nannten die Schwestern Hexen und Engelmacherinnen, und es hieß, sie seien auf alle Zeiten hinter die Mauern ihres abgelegenen Bergklosters verbannt, weil sie sich des gotteslästerlichen Verbrechens der Menschenfresserei schuldig gemacht hätten. Andere erzählten, sie seien in Wahrheit seit Jahrhunderten tot und verwandelten sich jeweils bei Vollmond in Vampire, die auf der Suche nach verirrten Wanderern über den Alpengipfeln schwebten. Wann immer Gebirgler bei abendlichen Zusammenkünften solche Geschichten erzählten, machten sie vorsichtshalber das Zeichen des Gehörnten, um den bösen Blick abzuwehren. Im Aostatal wie auch in den Dolomiten verriegelten die Menschen bei der bloßen Erwähnung dieser Weltfernen Schwestern ihre Türen, und sogar ihre Hunde bellten. Niemand wusste, auf welche Weise jener geheimnisvolle Orden an neue Mitglieder kam. Die Bewohner des Dorfs Pratobornum, das man viele Generationen später Zermatt nannte, glaubten gemerkt zu haben, --

dass sie, wenn eine aus ihrer Gemeinschaft starb, Brieftauben ausschickten, die sich romwärts wandten, nachdem sie einige Male über den hohen Türmen des Klosters gekreist waren. Einige Wochen später dann tauchte in der Ferne auf dem Gebirgsweg, der nach Zermatt führte, ein geschlossener Wagen auf, den ein Dutzend Ritter des Vatikans begleitete. An ihm waren Glocken angebracht, die seine Ankunft verkündeten.­ Sobald die Menschen ihren Klang hörten, schlossen sie die Fensterläden und bliesen die Kerzen aus. Dann warteten sie, im kalten Halbdämmer dicht aneinandergedrängt, bis das schwere Gespann auf die Maul­tierpfade eingeschwenkt war, die zu den steil über dem Dorf aufragenden Felswänden des Monte Cervino führten. Am Fuß des Berges angelangt, stießen die Ritter des Vatikans in ihr Horn. Daraufhin wurde an einem Seil, das über eine quietschende Rolle lief, ein ledernes Geschirr hinabgelassen. Dieses legte man der Novizin um, die mit dem Wagen gekommen war. Dann wurde viermal am Seil geruckt, um anzuzeigen, dass alles bereit war. Jetzt senkte sich am anderen Ende des Seils der Sarg mit der Verstorbenen langsam herab, während die Novizin dicht vor der Steilwand emporgezogen wurde. Auf diese Weise begegnete die Lebende auf halbem Weg zu ihrem Kloster der Toten, die es verließ. Sobald der Sarg eingeladen war, den man vermutlich an geheimer Stelle beisetzen würde, kehrte der Wagen zum Dorf zurück. Währenddessen Bewohner beobachteten, wie sich der geisterhafte Zug entfernte, wurde ihnen bewusst, dass es nur eine einzige Möglichkeit gab, das Kloster zu verlassen und dass die Unglücklichen, die dort eintrafen, bis ans Ende ihrer Tage dort bleiben mussten. 5 Da niemand außerhalb des Ordens der Weltfernen Schwestern das Gesicht von deren Angehörigen sehen durfte, hob Mutter Isolde den Schleier nur so weit an, dass er den Mund nicht mehr bedeckte, und hielt einen Spiegel vor die von Qualen verzerrten Lippen. Er beschlug leicht, ein Hinweis darauf, dass die Nonne noch lebte. Doch zeigten der Äbtissin die Schmerzenslaute, die sich der Brust der völlig erschöpften und bis auf die Knochen abgemagerten Alten entrangen, dass sie wohl nicht mehr lange zu leben hatte. Sicherlich lag eine üble Vorbedeutung darin, dass die uralte Nonne des Ordens der Weltfernen Schwestern entgegen der Überlieferung außerhalb der Mauern ihres Klosters sterben würde. Während Mutter Isolde auf den letzten Atemzug der Alten wartete, versuchte sie, sich an das zu er­innern, was sie über jenen geheimnisvollen Orden wusste. Eines Nachts, als die Ritter des Vatikans wieder einmal eine Novizin zum Kloster unter dem Gipfel des Monte Cervino führten, waren junge Männer und Ungläubige aus dem Dorf dem Zug heimlich gefolgt. Sie wollten einen Blick auf den Sarg erhaschen, der abgeholt werden sollte. Mit Ausnahme eines etwas einfältigen jungen Ziegenhirten, der in den Vorbergen lebte und den man am nächsten Morgen aufgefunden hatte, war keiner von diesem nächtlichen Ausflug zurückgekehrt. Der junge Mann stammelte, vor Entsetzen zitternd und halb verrückt, er habe von ferne im Schein der Fackeln gesehen, wie der Sarg aus den Nebelschwaden herabgesunken war und sich am Ende des Seils sonderbar bewegt habe, als sei die darin befindliche Nonne noch am Leben. Als Nächstes sei die Novizin aufwärts entschwunden, von unsichtbaren Schwestern emporgezogen. Etwa fünfzig Ellen über dem Boden sei das Hanfseil gerissen, an dem der Sarg hing, und dessen Deckel beim Aufprall zersprungen. Vergeblich hätten sich die Ritter bemüht, die junge Nonne aufzufangen, die sich auf dem Weg nach oben befand – die Unglückliche sei auf die Felsen geprallt, ohne einen Laut von sich zu geben. Im selben Augenblick habe man aus dem zersplitterten Sarg einen Schrei wie aus der Kehle eines wilden Tieres vernommen, und er habe gesehen, wie die blutbedeckten Hände einer alten Frau daraus hervorgekommen seien, um den Spalt im Sargdeckel zu vergrößern. Daraufhin, fuhr er fort, habe einer der Ritter das Schwert gezogen, die Stiefelsohle auf die Finger der Alten gesetzt und das Schwert tief in den Sarg gestoßen. Da hätten die Schreie aufgehört. Anschließend hätten die anderen Ritter den Sarg in aller Eile wieder zugenagelt und aufgeladen, während der eine das Schwert an seinem Wams abgewischt habe. Was der arme verwirrte Ziegenhirte weiter --

berichtet hatte, verlor sich in einem unverständlichen Gewirr von Worten, dem sich lediglich entnehmen ließ, der Ritter, der der Nonne das Schwert in den Leib gestoßen hatte, habe den Helm abgenommen. Dabei habe sich gezeigt, dass sein Gesicht keinerlei Ähnlichkeit mit dem eines Menschen hatte. Dieser Bericht genügte, um dem Gerücht Nahrung zu geben, die Schwestern vom Monte Cervino stünden mit den Mächten der Finsternis im Bunde und Satan selbst suche das Kloster auf, um sich dort zu holen, was ihm gehörte. Bewusst unterließ man es in Rom, diesen Gerüchten, die jeder Grundlage entbehrten, entgegenzutreten, denn der heilige Schrecken, den sie verbreiteten, vermochte das Geheimnis des Ordens der Weltfernen Schwestern weitaus wirkungsvoller zu bewahren als Festungsmauern. Doch war einigen Äbtissinnen, unter ihnen Mutter Isolde, bekannt, dass das Felsenkloster Unserer lieben Frau vom Monte Cervino über den bedeutendsten Bestand verbotener Bücher der ganzen Christenheit verfügte: In den Tiefen der Kellergeschosse sowie in anderen verborgenen Räumen wurden Tausende von satanischen Büchern aufbewahrt, vor allem aber die Schlüssel zu Geheimnissen, die so bedeutend, und zu Lügen, die so widerwärtig waren, dass ihre Enthüllung die Kirche in Gefahr gebracht hätten. Ketzerische Evangelien, die der Inquisition in den Hochburgen der Katharer und Waldenser in die Hände gefallen waren, Berichte von Abtrünnigen, die Kreuzfahrer in den Festungen des Morgenlandes an sich gebracht hatten, Pergamente, die teuflische Praktiken beschrieben und verfemte Bibelfassungen – all das hüteten diese alten Nonnen, die durch Entsagung geradezu versteinert waren, hinter den Mauern ihres Klosters, damit die Menschheit vor ihrem abscheulichen Inhalt bewahrt blieb. Nur das, und nichts anderes, hatte die Mitglieder dieses schweigsamen Ordens dazu veranlasst, sich so weit von der Welt zurückzuziehen. Aus dem gleichen Grund bedrohte ein Dekret jeden mit einem qualvollen Tod, der das Gesicht einer dieser Nonnen enthüllte. Daher warf Mutter Isolde jetzt Gasparo einen streng verweisenden Blick zu, als dieser zu der Leidenden im Winkel seines Karrens hinübersah. Sie musste unbedingt feststellen, was die Unglückliche dazu gebracht hatte, sich so weit von ihrem geheimen Orden zu entfernen, und wie ihre schwachen Beine es vermocht hatten, sie bis hierherzutragen. Mit gesenktem Kopf schnäuzte sich der Bauer mit den Fingern und murmelte dabei, man solle die Alte doch einfach töten und den Wölfen vorwerfen. Die Äbtissin tat so, als habe sie das nicht gehört, auch wenn sie vermutete, dass es längst zu spät war, die Sterbende in Quarantäne zu legen. Allmählich sank die Nacht herab. Ein Blick in die Achselhöhle und die Armbeuge der Alten zeigte Mutter Isolde, dass sie keinerlei Anzeichen der Pest aufwies, und so gebot sie ihren Nonnen, sie in eine Zelle zu tragen. Während diese sie leicht wie eine Feder vom Wagen hoben, fielen aus den Taschen ihres Gewands eine Tuchhülle und ein Leder­ beutel zu Boden. 6 Der Kreis der Nonnen hatte sich um diese überraschende Entdeckung geschlossen, und Mutter Isolde kniete sich nieder, um den Knoten zu lösen, der das Bündel zusammenhielt. Sie fand darin einen Menschenschädel, der hinten und an den Schläfen von Steinen zertrümmert worden zu sein schien. Sie hob ihn ans Licht. Offensichtlich waren die Knochen sehr alt, denn sie begannen an einigen Stellen bereits zu Staub zu zerfallen. Eine Spitze der Dornenkrone, die darauf saß, war durch den Brauenbogen gedrungen. Die Äbtissin strich mit den Fingerspitzen über das dürre Holz. Es war poncirus. Der Heiligen Schrift zufolge hatten die Römer aus den Zweigen jenes dornigen Strauchs die Krone geflochten, die sie Christus aufs Haupt gesetzt hatten, bevor sie ihn geißelten. Die heilige Krone, von der ein Dorn durch den Brauenbogen gedrungen war. Mutter Isolde spürte, wie sich ihre Eingeweide vor Angst zusammenkrampften: Der Schädel, den sie da in Händen hielt, wies alle in den Evangelien beschriebenen Merkmale der Leiden auf, die man Christus vor seinem Tod am Kreuz zugefügt hatte. Nur war er an mehreren Stellen zerschmettert, während es in der Heiligen Schrift hieß, kein einziger Stein habe das Gesicht Christi verletzt. Gerade als Mutter Isolde den Schädel hinlegen wollte, spürte sie ein sonderbares Pochen in ihren Fingerspitzen. Vor ihrem verschwommenen Blick sah sie von ferne den siebten der Hügel über Jerusalem, auf --

dem man dreizehn Jahrhunderte zuvor Christus ans Kreuz geschlagen hatte, die aus den Evangelien unter dem sprechenden Namen Golgatha bekannte Schädelstätte. In ihrer Vision, die allmählich immer deutlicher wurde, umdrängte eine riesige Menschenmenge die Spitze des Hügels, auf der römische Legionare drei Kreuze aufgerichtet hatten: ein großes in der Mitte, links und rechts davon zwei kleinere. Die beiden Schächer und der Heiland. Während jene reglos unter der stechenden Sonne an ihrem Kreuz hingen, gab Christus vor der entsetzten Menge Laute von sich, die nicht aus der Kehle eines Menschen zu kommen schienen. Sie kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können, und begriff, dass die Schächer schon lange tot waren, während sich Christus am Kreuz wand – und zwar anders als in den Evangelien berichtet, voll Hass und Wut. Während die Nonnen herbeieilten, um ihr beim Aufstehen zu helfen, hielt Mutter Isolde unverwandt den Blick auf das blutrote Dämmerlicht gerichtet, das ihre Vision erhellte. Auch das passte nicht zu dem, was berichtet wurde: Der Schrift zufolge hatte Christus um die dritte Stunde am Nachmittag den Geist aufgegeben, doch was sich da vor ihren Augen am Kreuz wand, war keineswegs tot. Im Staub kniend begann sie am ganzen Leib zu zittern. Für das, was sie sah, gab es eine Erklärung, und zwar eine so offenkundige, dass sie fast an ihrem Verstand gezweifelt hätte. Jenes Wesen, das leidend und hasserfüllt an den Nägeln zerrte und der Menschenmenge und dem Himmel fluchte, während die Römer mit Stöcken auf es einschlugen, um ihm die Glieder zu zerbrechen, dies gräuliche Geschöpf war nicht Gottes Sohn, sondern der des Satans. Mit zitternden Händen legte sie den Schädel auf seinen Lederbeutel zurück. Dann wischte sie sich mit dem Ärmel ihres Habits die Tränen ab und nahm die Tuchhülle auf, die im Staub vor ihr lag. Während sie jetzt in der Enge ihres Gelasses nach Luft ringt, erinnert sie sich daran, welch entsetzliche Empfindung von Hass und Begierde sie überfallen hatte, kaum dass sie jenen Beutel zur Hand genommen hatte. Das mochte auf die mit Essig versetzten Getränke zurückgehen, die sie wegen ihrer schmerzenden Gelenke einzunehmen pflegte. Angstvoll verzog sie das Gesicht, als sie die Hülle öffnete. Ein eiskalter Windstoß fuhr ihr über das Gesicht. Die Hülle enthielt ein sehr altes Buch mit Metallbeschlägen und Schlössern, so schwer und dick wie ein Messbuch. Keine Aufschrift war auf dem Rücken oder dem Umschlag zu erkennen, kein Prägestempel auf dem Leder. Ein Buch wie tausend andere. Doch die sonderbare Hitze, die der Einband zu verströmen schien, vermittelte der Äbtissin sogleich die Vorahnung, dass soeben ein großes Unglück über ihr Kloster hereingebrochen war. 7 Der Landmann Gasparo hatte den Heimweg angetreten. Während Mutter Isolde die Torflügel schloss, ertönten Entsetzensschreie aus dem Nordflügel, wohin die Nonnen die Sterbende gebracht hatten. So rasch sie konnte, eilte sie die Stufen der Haupttreppe empor und durch die Gänge der Zelle entgegen, deren Tür offen stand. Die Schreie wurden immer lauter, je näher sie dem Raum kam. Die kalte Luft brannte ihr in der Kehle, als sie auf der Schwelle stehen blieb. Die alte Weltferne Schwester lag nackt auf dem Lager. Ihr wirres Schamhaar stach scharf von der fahlen Haut des Unterleibs ab. Doch weder die bleiche Haut entsetzte die Nonnen noch der entsetzlich dürre Leib oder der Schmutz, der die Beine bedeckte. Was sie zu den Entsetzensschreien veranlasst hatte und was Mutter Isoldes Herz im selben Augenblick zerriss, da sie die Zelle betrat, waren die Male des Leidens, das man der Sterbenden zugefügt hatte, bevor es ihr, wie es aussah, gelungen war, von dort zu entfliehen, wo ihre Folterer sie gefangen gehalten hatten. Das und die weit aus den Höhlen hervorquellenden Augen, deren Blick sich durch den Schleier unverwandt auf die Decke richtete. Sie wirkte wie ein Standbild, das die Leere betrachtet, die es umgab. Mutter Isolde beugte sich über den abgezehrten Leib. Nach den Striemen zu urteilen, die sich über den ganzen Rumpf zogen, hatte man sie bis aufs Blut ausgepeitscht, vermutlich mit in Essig getränkten geflochtenen Lederschnüren. Dutzende von Schlägen auf die straff gespannte Haut waren bis auf die Knochen - 10 -

durchgedrungen. Anschließend hatte man ihr die Finger gebrochen, mit einer Zange die Fingernägel herausgerissen und dann Nägel durch Arm- und Beinknochen geschlagen, deren verrostete Köpfe deutlich auf dem Fleisch zu erkennen waren. Mutter Isolde schloss die Augen. Diese Folterung war nicht das Werk der Inquisition, denn um Geständnisse von Hexen zu erreichen, ging man anders vor. Was die alte Nonne erlitten hatte, musste das verbrecherische Werk von Ungeheuern sein, die sich an ihrem Opfer ausgetobt hatten, und zwar sowohl, um ihr Geheimnisse abzupressen, als auch, um sie mutwillig zu quälen. Als das todgeweihte Geschöpf ein leises Stöhnen von sich gab, beugte sich Mutter Isolde dicht über die Alte, um ihre letzten Worte mitzubekommen. Sie sprach einen ausgestorbenen Alpendialekt, ein sonderbares Gemisch aus Latein, Deutsch und Italienisch, das die Äbtissin als Kind schon einmal gehört hatte. Die von Augenbewegungen begleiteten Worte waren mit Schnalzlauten untermischt – das geheime Verständigungsmittel der Weltfernen Schwestern. Die Unglückselige murmelte, das Reich Satans sei nahe und die Finsternis breite sich über die Welt aus. Die Pest sei das Werk des Höllenfürsten, der diese Geißel über die Menschheit gebracht habe, um sich ihr ungesehen nähern zu können. Auch wenn sich sämtliche Mönche und Nonnen der ganzen Christenheit im selben Augenblick zu Boden würfen, um Gott anzuflehen, dass er ihnen zu Hilfe komme, vermög kein Gebet mehr die aus der Hölle emporgestiegenen apokalyptischen Reiter aufzuhalten. Lange schwieg sie, während sie zu Atem zu kommen versuchte. Dann fuhr sie in ihrem Bericht fort und erklärte, in einer Vollmondnacht hätten umherziehende Reiter in Kapuzengewändern das Dorf Pratobornum angegriffen, dessen Bewohner abgeschlachtet und ihre Häuser angezündet: Seelenräuber. So entsetzlich sei das Wüten jener Dämonen gewesen, dass der Wind das Wehklagen ihrer Opfer bis hinauf zu ihrem Felsenkloster getragen habe. Daraufhin hätten die Nonnen die Brieftauben aussenden wollen, um Rom vor der drohenden Gefahr zu warnen, doch hätten die Tiere tot in ihren Käfigen gelegen, wie von der Luft um sie herum vergiftet. Im Feuerschein dann hatten die Nonnen gesehen, wie die Seelenräuber die steilen Klippen zum Kloster mit so großer Leichtigkeit erklommen, als könnten sie sich mit Händen und Füßen daran festsaugen. Sie hatten sich in die Bibliothek geflüchtet, um die verbotenen Schriften zu vernichten, doch sei es den Angreifern gelungen, die Tore mit Gewalt zu öffnen, sodass ihnen die Unglückseligen in die Hände gefallen waren, bevor sie eine Möglichkeit hatten, ihren Schatz in Asche zu verwandeln. Ein Schluchzen erschütterte die Brust der Alten, während sie mit leiser Stimme berichtete, dass man die jüngsten Schwestern mit rotglühenden Eisen geschändet und die anderen unter unsäglichen Leiden getötet habe. Von einer Nacht der Folter an Leib und Seele zerstört, sei es ihr gelungen, bei ihrer Flucht durch einen Geheimgang die göttlichen Knochen und ein sehr altes Manuskript mit einem schwarzen Ledereinband mitzunehmen. Sie wiederholte mehrfach, dass man das Buch keinesfalls öffnen dürfe, denn ein Schutz­ zauber werde jeden töten, der den Verschluss zu lösen versuche. Seine Seiten seien mit Menschenblut in einer aus wüsten Verwünschungen bestehenden Sprache beschrieben, deren Worte man nach Einbruch der Dunkelheit nicht aussprechen dürfe. Es stamme von der Hand des Satans, es sei sein Evangelium und berichte die Vorfälle des Tages, an dem man den Sohn Gottes ans Kreuz geschlagen habe. Darin heiße es, Christus habe dabei seinen Glauben verloren, seinen Vater verflucht und sich in ein anderes Wesen verwandelt: ein brüllendes Ungeheuer, das die Römer mit Knüppeln hätten totschlagen müssen, um es zum Schweigen zu bringen. Über die alte Nonne gebeugt spürte Mutter Isolde das Gewicht des Schädels in der großen Tasche ihres Habits. Es war die Reliquie, von der die Alte gesagt hatte, es seien »göttliche Knochen«. In dem Buch, berichtete sie weiter, werde behauptet, die Jünger, die Zeugen von Christi Lossagung von Gott geworden seien, hätten nächtens den Leichnam abgenommen, um ihn fortzubringen. Danach hätten sie ihn in einer Höhle im Norden Galiläas an geheimer Stelle beigesetzt. Das sei der Kern des Satansevangeliums: die Ablehnung, die Verneinung von allem, die Große Lüge. Mutter Isolde schloss die Augen. Sollten sich die Dinge in der Tat so verhalten haben, wäre Christus nie von den Toten auferstanden und gäbe es für die Menschen keinerlei Hoffnung auf ein Leben nach dem Tode. Kein Jenseits, keine Ewigkeit. Damit wäre zugleich alles falsch, was die Kirche lehrte, wäre alles auf einer - 11 -

Lüge gegründet. Hatten sich die Jünger getäuscht, oder hatten sie gewusst, was in Wahrheit geschehen war? »Herr, das ist unmöglich ...«, sagte sie leise mit geballten Fäusten vor sich hin. Tränen stiegen ihr in die Augen. Einen Augenblick lang fühlte sie sich versucht, die verrückte Alte zu erwürgen, die das Unheil in ihr Kloster gebracht hatte. Nichts einfacher als das. Es hätte genügt, sie anschließend zusammen mit den Knochen und dem Evangelium im nahen Wald beizusetzen. Ein tiefes Grab inmitten von Farnkraut, ohne Stein oder Kreuz. Doch gerade jener Schädel, der als Beweisstück schwer in ihrem Habit hing, machte die Sache schwierig. Sie öffnete die Augen wieder, als die Alte in der Dunkelheit erneut mit röchelnder Stimme zu sprechen begann. Seit einem vollen Monat werde sie von den Seelenräubern verfolgt, deren Anführer, er heiße Kaleb, inmitten der durch die Pest hervorgerufenen Verwüstungen ihre Spur aufgenommen habe. Auf keinen Fall dürfe ihm das Evangelium nach Satan in die Hände fallen, denn dann würde sich ein Jahrtausend des Unheils über die Erde senken und es werde Ozeane von Tränen geben. Die Worte »Ozeane von Tränen« wiederholte sie immer wieder wie eine Litanei und jedes Mal leiser, bis ihre Stimme erstarb und ihre Augen glasig wurden. Während die Äbtissin, noch entsetzt von dem soeben Gehörten, ein Tuch über den geschundenen Leib der Alten breitete, krallten sich deren Hände mit einem Mal um ihren Hals. Mit übermenschlicher Kraft drückte sie Isolde die Kehle zu, sodass dieser binnen weniger Augenblicke alles Blut aus dem Gehirn schwand. Die Äbtissin versuchte, sich aus dieser Umklammerung zu lösen, schlug die Alte sogar, damit sie losließ. Dann drang aus den reglosen Lippen der Toten eine andere Stimme. Nein, es war ein ganzer Chor: dunkle und helle Stimmen, laute und andere, die wie von fernher klangen. Eine Kakofonie von Geheul und Lästerungen erfüllte die Ohren der Äbtissin. Sie unterschied mehrere Sprachen: Latein, Griechisch, Ägyptisch, Dialekte der Barbaren aus dem Norden und völlig unbekannte Wörter – alles wirbelte in dieser Flut von Geschrei durcheinander. Wut und Angst, die Sprache der Seelenräuber. Die Ritter aus der Tiefe. Dann legte sich ein dunkler Schleier vor ihre Augen. Gerade, als sie das Bewusstsein zu verlieren drohte, fiel ihr ein, dass sie eine Waffe bei sich trug, mit der sie die Schwestern vor den im Gefolge der Pest durch das Land ziehenden Plünderern zu schützen versuchte, einen langen Dolch mit Ledergriff. Schon halb tot schwang sie ihn im Licht der Kerzen und stieß ihn der Nonne mit aller ihr verbliebenen Kraft in die Kehle. Während sich Mutter Isolde jetzt in der Enge, die ihr die Luft nimmt, die Tränen aus dem Gesicht wischt, erinnert sie sich voll Schauder an das Gefühl, das sie empfunden hatte, als die Klinge der Sterbenden in die Kehle gedrungen war, daran, wie wenig Widerstand Haut und Knorpel ihr geleistet hatten. Sie sieht die herausgequollenen Augen der Alten vor sich und glaubt, erneut das Geheul zu hören, das in einem un­verständlichen Gegurgel untergegangen war. Sie weiß noch genau, wie die Finger, die sie zu erdrosseln drohten, um ihren Hals gekrallt blieben, sodass eine Nonne die Sehnen an den Handgelenken der Alten durchtrennen musste, um sie endlich zu lösen. Dann war ihr Leib ein letztes Mal starr geworden, bevor er reglos zurücksank. Am entsetzlichsten aber war die Eiseskälte gewesen, die mit einem Mal die Zelle erfüllt hatte, und die Fußspuren, die in dem Augenblick auf dem Boden auftauchten, in dem die Tote auf ihren Strohsack zurückgesunken war. Abdrücke von Stiefelsohlen, die sich zur Dunkelheit des Gangs hin entfernt hatten und deren Schritte nach und nach verhallt waren. Mutter Isolde hatte den Nonnen, die einander angstvoll an den Gewändern festgehalten hatten, zugerufen, sich sogleich niederzuwerfen und zu beten. Doch um Gott noch anzurufen, war es zu spät. So kam es, dass im Jahr des Unheils 1348 die guten Schwestern des Wehrklosters in den Dolomiten das Untier in die Freiheit entlassen haben. 8 Die geheimnisvollen Fußspuren trockneten rasch und hinterließen eine dünne Lehmschicht auf dem Boden. Wenn man sah, wie der Wind sie nach und nach abtrug, hätte man geradezu beruhigt sein können, wäre nicht dieser bräunliche Staub gewesen. Während Mutter Isolde mit dem Finger mitten durch sie hindurchfuhr, musste sie sich der Wirklichkeit stellen: Sie gingen nicht auf ihre Einbildungskraft zurück. Das - 12 -

aber bedeutete, dass keine noch so feste Eichentür, kein Gebet und keine Macht auf der Welt den unsichtbaren Verursacher dieser Spuren daran hindern konnte, nach Belieben in den Gängen des Klosters aufzutauchen und von dort zu verschwinden. Da inzwischen in den Dolomiten auch tiefer Schnee lag, waren diese vierzehn Nonnen jetzt Gefangene des Winters in ihrem abgelegenen Kloster, das sich das Ungeheuer zu seinem Stützpunkt erkoren hatte. Es verjagte Gott aus dessen Mauern und zugleich aus dem Herzen seiner Dienerinnen. Während die Nonnen die Tote für die Beerdigung vorbereiten, sucht Mutter Isolde mit dem in Leder gebundenen Manuskript ihre Zelle auf. In dieser Schrift hofft sie den Schlüssel zu allem zu finden, was die Alte gesagt hat, und sicherlich auch die bisher im Dunkeln liegenden Gründe, die zum Mord an den Nonnen vom Monte Cervino geführt haben, es sei denn, dass dieses Satansevangelium für sich allein genommen die Ursache der tragischen Vorfälle war und die Seelenräuber ihre entsetzlichen Verbrechen ausschließlich deshalb unternommen hatten, um erneut in dessen Besitz zu gelangen und die anderen verbotenen Schriften in der Klosterbibliothek zu vernichten. Sie verriegelt die Tür hinter sich, legt den Schädel mit der Dornenkrone in eine Truhe und das Buch auf ein Schreibpult aus Buchsbaumholz. Mit geschlossenen Augen betastet sie den Einband. Während ihres Noviziats in Rom hat sie früh mit der Kunst der Lederverarbeitung Bekanntschaft gemacht und gelernt, ein Manuskript allein dadurch zu identifizieren, dass sie mit den Fingerspitzen darüberstreicht. Das Leder wilder Stiere, denen die kastilischen Gerbermönche die Haut abziehen, das feine Ziegenleder, das die Buchbinder in Pyrenäenklöstern in mehreren dünnen wohlriechenden Schichten übereinander verarbeiten, auf dass der Einband schön kräftig werde; die Haut junger Zicklein, die Klosterbrüder jenseits des Alpenkamms mit Pigmenten färben, bevor sie sie auf Bretter aus Edelholz spannen, damit sie einen ganz bestimmten Glanz bekommen; die festen Schwarten der Klöster im Loiretal, die in deutschen Klöstern mit Goldfäden verziert werden ... Jede einzelne dieser Kongregationen Leder verarbeitender Mönche darf nur eine ganz bestimmte Technik verwenden. Auf diese Weise will man erreichen, dass die Manuskripte der heiligen Schriften in den Klöstern bleiben, in denen sie verfasst worden sind, und nicht von einem Ort zum anderen wandern. Schon vor langer Zeit war eine Vorschrift erlassen worden, die gebot, jeden, der ein Buch unter seinem Gewand verbarg und dabei ertappt wurde, mit rotglühenden Eisen zu blenden und anschließend den Qualen des langsamen Todes zu unterziehen. Dies Manuskript nun ist mit einem so sonderbaren Leder­ einband versehen, dass sich Mutter Isolde nicht erinnern kann, je auch nur etwas annähernd Ähnliches mit den Fingerkuppen ertastet zu haben. Noch mehr aber erstaunt sie, dass der Einband nach keinem der von der Kirche vorgeschriebenen Verfahren hergestellt wurde. Besser gesagt vereint er sie alle in sich, gleichsam wie eine Krönung der Kunstfertigkeit der besten Buchbinder der Christenheit. Das lässt die Vermutung zu, dass der Band im Laufe der Zeit von kundigen Händen immer weiter verbessert worden ist. Dazu aber hätte er unter der Kutte von Mönchen verborgen von einem Kloster zum anderen wandern müssen, ähnlich wie ein kostbares Erbe von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird – oder ein Fluch. Und wenn sich nun das Manuskript selbst den Ort ausgesucht hätte, an dem es enden will? Isolde, mein Kind, träume nicht. Je mehr die Äbtissin dies uralte Werk befühlt, desto deutlicher spürt sie die sonderbare Wärme, die es ausströmt – als streichle ihre Hand, indem sie das Leder berührt, zugleich das Tier, das man gehäutet hat, um den Einband herstellen zu können: mit dem Schlagen seines Herzens, dem Puls in seinen Adern, der Bewegung seiner Muskeln, dem von Fett glänzenden Fell. Sie beugt sich vor, um die Gerüche wahrzunehmen, die dem Band entströmen, Gerüche nach Stall, Dung und Schimmelkäse. Dahinter nimmt sie eine Note von feuchtem Stroh wahr sowie etwas, das sie an einen fernen Gestank nach Schweiß, Urin und Schmutz denken lässt. Sie zittert, als ihre Fingerspitzen endlich erkennen, was sie da betastet: Es ist die Haut eines schwarzen Bocks. Ein schwarzer Bock mit einem Fell so warm und weich wie die Haut eines Menschen. Unvorstellbar, wie jemand auf den Gedanken verfallen sein mag, ein solches Tier abzubalgen, um aus seinem Fell Leder für einen Bucheinband zu machen. Allmählich verlangsamen sich Mutter Isoldes liebkosende Bewegungen, werden zärtlicher und weib- 13 -

licher, nahezu teuflisch, etwa wie die einer jungen Frau, die mit den Fingerspitzen sacht über den Leib des Geliebten fährt. Dabei spürt sie, wie die von dem Manuskript ausstrahlende Wärme in ihre Bauchhöhle dringt und ihre Brüste strafft. Die alte und verdorrte Ehrwürdige Mutter, die keinerlei Freuden des Fleisches gekannt hat außer jenen, welche die Hand widerstrebend gewährt, erliegt schließlich den Empfindungen, die ihren Körper nach und nach betäuben. Während sich ihre Seele ergibt, hat die Ehrwürdige Mutter eine weitere Vision. 9 Es fängt mit Gerüchen an. Weihrauch und totes Holz. Luft, die nach Mutterboden und Fäulnis riecht. Ein Wald. Unter ihr ein Graslager. Isolde öffnet die Augen. Sie liegt nackt mitten auf einer vom Mond beschienenen Lichtung. Ein dunkles Knurren ertönt. Ein warmer Hauch streicht über ihr Gesicht, während ein Wesen mit festen Muskeln, halb Mensch, halb Bock, sich über sie beugt und ihre Hüften ergreift. Das borstige Fell an seinem Bauch drängt sich näher an sie. Die Haut auf seinen Armen und Schenkeln zittert unter der Anstrengung. Eine Haut, weich und glatt wie Leder. Sie schließt die Augen. Eine andere Vision tritt an die Stelle der ersten. Sie sieht sich im Untergeschoss einer Festung, die sich in der Gewalt seit Jahrhunderten ausgestorbener Barbaren befindet. Wilde Ritter aus nördlichen Reichen, Krieger mit breiter Stirn und geschlitzten Augen, die einst die christlichen Reiche geplündert haben, bewachen die Zugänge zu den Folterkammern. Die Ritter sind mit ledernen Schilden und langen Schwertern bewaffnet; ihre Rüstungen blinken im Schein der Fackeln. Die anderen schwingen Kurzschwerter und Dolche: germanische und hunnische Krieger. Seufzend zieht Isolde von Raum zu Raum. Fernes Gebrüll hallt in den Eingeweiden der Erde wider, während sie durch einen langen Gewölbegang an Standbildern mit Teufelsfratzen vorüberkommt, die man aus den gewachsenen Felswänden herausgehauen hat. Aus Verliesen greifen Hände, die zwischen den Metallstäben hinausdrängen, nach dem Kopf der Nonne, die ihren Weg fortsetzt. Es ist entsetzlich heiß. Am Ende des langen Gangs öffnet sich eine Tür. Sie führt in einen von Fackeln erhellten Saal, dessen Decke auf Säulen ruht. Nackte Männer sind an Tischen angekettet. Henkersknechte machen sich über ihnen mit Zangen und allerlei anderen Instrumenten zu schaffen. Als diese den Gequälten in den Leib dringen und die Zangen ihnen die Haut von den Muskeln zerren, schreien sie laut auf. Hinter den Henkersknechten trocknen westgotische Buchbinder die Haut der Geschundenen auf Gestellen aus Weidengeflecht und färben sie im Schwefelbad schwarz. Schauer des Schreckens schütteln Isolde: Die Deckel des Buches, über die sie in ihrer Zelle mit liebkosenden Fingern gefahren ist, hatte man zuerst mit Menschenhaut bezogen, bevor andere Hände im Lauf der Jahrhunderte versucht hatten, diese Freveltat zu vertuschen. Das abscheulichste aller Verbrechen. Die Handschrift der Satanisten. Dann sucht eine weitere Vision sie heim: die Pestseuche. Ozeane von Ratten breiten sich über die ganze Welt aus. Die Städte brennen. Millionen Tote in offenen Gruben. Inmitten der Ruinen schleppt sich eine alte Nonne voran, mit verstümmeltem Leib, einen dichten Schleier vor dem Gesicht. Unter ihrem Habit hat sie eine Tuchhülle und einen Lederbeutel verborgen. Sie ist am Ende ihrer Kräfte. Bald wird sie sterben. Woanders durchstreift ein gesichtsloser Mönch das verwüstete Land auf der Suche nach ihr. Er folgt ihrer Fährte, die er inmitten einer Unzahl von widerlichen Gerüchen aufgenommen hat. Er schlachtet die Bewohner der Klöster ab, die ihm Obdach gewähren. Und er kommt näher. Er ist da. Mutter Isolde rafft alle ihre Willenskraft zusammen, und es gelingt ihr die Hand vom Einband wegzureißen. Ein heftiger Luftzug bläst die Kerzen aus, und voll Staunen nimmt sie in der Dunkelheit wahr, wie rote Fäden auf der Oberfläche des Buchdeckels aufschimmern, blutigen Nervensträngen gleich, die sich zu phosphoreszierenden Buchstaben anordnen. Die lateinischen Worte scheinen auf der Oberfläche des Leders zu tanzen, als sie sich darüberbeugt. Mit zitternden Lippen liest sie sich selbst laut vor, um sie besser entziffern zu können:

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EVANGELIUM NACH SATAN: SCHRIFT DES ENTSETZLICHEN UNGLÜCKS, DER TÖDLICHEN WUNDEN UND DER GROSSEN KATASTROPHEN. HIER BEGINNT DAS ENDE, HIER ENDET DER ANFANG. HIER RUHT DAS GEHEIMNIS VON GOTTES MACHT. ZUM FEUER VERDAMMT SEIEN DIE AUGEN, DIE ES IN SICH AUFNEHMEN. Eine Beschwörungsformel. Nein, eigentlich eine Warnung, die letzte, die ein angstvoller Buchbinder dem Leder anvertraut hat, um Neugierige abzuschrecken, Unvorsichtige davor zu bewahren, dass sie das Buch aufschlagen. Aus diesem Grund haben Generationen von Händen weitblickender Menschen ihre Kunst an diesem aus einer anderen Zeit stammenden Werk ausgeübt, wenn sie es schon nicht über sich brachten, es zu vernichten. Nicht zur Verschönerung des abstoßenden Einbands war das geschehen, sondern um ihn mit dieser Warnung zu versehen, die ausschließlich in der Dunkelheit sichtbar wird. Danach hatten sie die Blätter mittels einer kunstvollen Schließe unzugänglich gemacht. Jetzt schimmert sein kräftiger Metallbügel im roten Licht, das von dem Band ausgeht. Mutter Isolde nimmt ihre Lupe zur Hand, um den Verschluss im Licht einer Kerze genauer zu mustern. Ja, es ist ganz wie vermutet: Das Schlüsselloch ist lediglich eine Attrappe. Es handelt sich um einen Mechanismus, der sich nur dann öffnet, wenn man die Finger leicht auf ganz bestimmte Stellen des Verschlusses legt. Sie sieht sich dessen Umrandung genauer an, sucht nach den Stellen, an denen die Finger drücken müssen, um ihn zu betätigen. Das Vergrößerungsglas zeigt ihr die kaum wahrnehmbaren Vertiefungen im Metall. Vorsichtig drückt sie mit der Spitze einer Schreibfeder auf eine davon. Klick. Eine winzige Nadel ist aus dem Mechanismus hervorgeschnellt und hat sich in den mit Tinte gefüllten Federkiel gebohrt. Ihre Spitze schimmert grünlich: offensichtlich Arsen. Mutter Isolde fährt sich mit dem Ärmel ihres Gewands über die schweißnasse Stirn. Wer sich diesen Mechanismus ausgedacht hatte, war bereit, eher zu töten, als zuzulassen, dass Unwürdige die in jenem Buch enthaltenen unsagbaren Geheimnisse enthüllten. Deshalb also hatten die Seelenräuber die Schwestern des Felsenklosters am Monte Cervino abgeschlachtet – sie wollten ihr Heiligtum wieder an sich bringen: das Evangelium nach Satan. Sie entzündet die Kerzen erneut. Während es in der Zelle allmählich wieder hell wird, verschwinden die geheimnisvollen rot schimmernden filigranen Fäden auf der Oberfläche des Leders. Die Ehrwürdige Mutter wirft ein Tuch über das Schreibpult und wendet sich dann zum Fenster. Draußen schneit es immer heftiger. Schatten hüllen die Gipfel ein. 10 Schweigend und voll Trauer begraben die Augustinerinnen die Alte auf dem Friedhof ihres Klosters. Ein kalter Wind pfeift über die Klostermauern, als Mutter Isolde eine Passage aus einem der Briefe des Apostels Paulus vorliest. Beim Läuten der Totenglocke stimmen die Nonnen mit tränenerstickter Stimme den Trauergesang an, der mit dem weißen Dampf ihres Atems in der eiskalten Luft zum Himmel steigt. Einzig das Krächzen der Raben und das ferne Heulen der Wölfe antworten ihnen. Der Tag neigt sich. Wegen des Nebels, der über dem Boden dahinkriecht, schwindet sein Licht noch rascher. So kommt es, dass keine der von Kummer gebeugten frommen Frauen die finstere Gestalt wahrnimmt, die sie aus dem Kreuzgang beobachtet. Ein menschliches Wesen in einer Kutte, dessen Gesicht unter der großen Kapuze im Dunkeln liegt. Der erste Mord fand kurz nach Mitternacht statt, während Mutter Isolde im Waschhaus ein Bad nahm. Sie hat sich ein dickes wollenes Hemd übergezogen und ist in einen Handschuh aus Rosshaar geschlüpft, um ihren Leib nicht zu berühren. Dann steigt sie in einen hölzernen Zuber mit dampfend heißem Wasser und taucht bis zur Leistengegend ein. Während sie mit einem Bimsstein die Schmutzschicht auf Armen und Oberschenkeln bearbeitet, wobei sie sich bemüht, nicht an ihre heftig schmerzende Kehle zu denken, hört sie mit einem Mal Schwester Sonjas Entsetzensschreie und die Hilferufe der anderen Nonnen, die durch die Gänge eilen. - 15 -

11 Die Zellentür ist verschlossen. Mit der Schulter rennt Mutter Isolde, die in ihrem nassen Hemd zittert, dagegen an. Auf der anderen Seite hört man nach wie vor die Schreie Schwester Sonjas, außerdem das Gebrüll des Untiers, dazwischen das Geräusch von Geißelschnüren, die auf nacktes Fleisch treffen. Unter Aufbietung aller Kräfte gelingt es den Frauen, die Tür ein wenig aufzudrücken, und die Ehrwürdige Mutter sieht den gequälten Leib Schwester Sonjas, die an die Wand genagelt worden ist wie an ein Kreuz. Die Füße der Unglücklichen schlagen wenige Zentimeter über dem Boden hilflos durch die Luft. Sie ist nackt, ihr weißlicher Unterleib und ihre Brüste zucken unter den Schlägen der geflochtenen Lederschnur, die ein Zickzackmuster auf ihrer Haut hinterlässt. Aus ihren von langen Nägeln durchdrungenen Händen läuft das Blut. In der Mitte der Zelle steht ein Mönch in schwarzer Kutte und schwingt die Geißel. Im Licht der Kerzen wirkt er riesengroß. Eine Kapuze verdeckt sein Gesicht vollständig. Ein schweres silbernes Medaillon schlägt ihm gegen die Brust: ein fünfzackiger Stern, in dessen Mitte ein Dämon mit einem Bocksschädel prangt – das Zeichen der Teufelsanbeter. Als der Mönch, dessen Augen in der Dunkelheit leuchten, Mutter Isolde sieht, schließt eine unwiderstehliche Kraft die Tür. Es ist dieselbe Kraft, die Schwester Sonja an der Wand festhält, die Kraft des Mönchs. Im letzten Augenblick sieht die Ehrwürdige Mutter, wie der Dämon einen Dolch aus der Lederscheide zieht, und kann noch einen letzten Blick mit Sonja wechseln, bevor die Klinge in deren Leib fährt. Die Tür schlägt zu, und ein eiskalter Luftstrom lässt die Augustinerinnen erschauern, ganz wie im letzten Augenblick der alten Nonne. Mutter Isolde senkt den Blick. Wieder sieht man Fußabdrücke auf dem Boden, die in der Dunkelheit des Gangs verschwinden. Diesmal sind es die von nackten, blutigen Füßen. Bei ihrem Anblick schlägt das Herz der Äbtissin rascher. Dem linken Fußabdruck fehlt ein Zeh. Vor einigen Wochen hat Schwester Sonja einen abgestorbenen Baum entastet und dabei ungeschickt mit dem Schlagmesser ihre Sandale getroffen, wobei sie den kleinen Zeh des linken Fußes eingebüßt hat. Während die Ehrwürdige Mutter mit den Fingern über die Fußabdrücke fährt, öffnet sich knarrend die Zellentür von selbst. Dahinter hängt das Opfer nach wie vor an die Mauer genagelt. Der Unterleib ist aufgeschlitzt, und die Augen sind vor Entsetzen weit herausgetreten. Eingeweide liegen dampfend in einer Blutlache am Boden. 12 Nachdem sie Schwester Sonja beerdigt haben, verschanzen sich die Äbtissin und die anderen Nonnen mit Lebensmittelvorräten und Decken im Refektorium. Vor Kälte und Angst eng aneinandergedrängt, beten sie im Schein der Kerzen und schlafen ein, als diese erloschen sind. Das Heulen, das sie spät in der Nacht hören, führen sie auf den Wind zurück, der über die Mauerkrone pfeift. Bei Tagesanbruch dann finden sie Schwester Isaura, deren Lager kalt war, mit aufgeschlitztem Unterleib an die niedere Tür des Schweinestalls genagelt. Auch ihre Augen sind weit aufgerissen. Allen Tränen und den zahllosen Rosenkranzgebeten und Fürbitten zum Trotz geht es so Nacht für Nacht weiter: zwölf Ritualmorde, zwölf Nonnen, die man bei Tagesanbruch auffindet, vom Untier an Leib und Seele misshandelt. Am Morgen des dreizehnten Tages hat Mutter Isolde ihre jüngste Novizin, Schwester Bragantia, begraben, dann den Schädel und das Satansevangelium in seiner Hülle an sich genommen und sich mit Mörtel und Ziegeln im Klosterkeller eingemauert. Diese Männerarbeit hat sie den Rest des Tages gekostet. In der Abenddämmerung hat sie den letzten Stein eingefügt und, schon vom Luftmangel benommen, in die Wand die Warnung geritzt, die in roten Buchstaben auf dem Umschlag des Buches erschienen war. Darunter hat sie den Namen des Mörders ihrer Nonnen vermerkt und hinzugefügt: - 16 -

IN DIESEN HEILIGEN MAUERN HAT SICH DER NIEDERTRÄCHTIGE SEELENRÄUBER NIEDERGELASSEN, DER GESICHTSLOSE, DAS UNTIER, DAS NIE STIRBT, DER RITTER AUS DEM ABGRUND, ER HEISST KALEB, DER RUHELOSE. Am Schluss hat sie die Bitte angefügt, wer in späteren Zeiten ihre Überreste auffinde, möge das Evangelium und den Knochenschädel des Herrn den zuständigen Vertretern der römisch-katholischen Kirche zur Weiterleitung an Seine Heiligkeit übergeben, sei es in Avignon oder in Rom, aber an niemanden sonst. Sollte sich aber zeigen, dass die Kirche den Schwarzen Tod nicht überdauert habe, möge man alles in ein Schmiedefeuer werfen. Jetzt wartet sie auf den Einbruch der Nacht und das Aufwachen des Seelenräubers. 13 Es geschah immer in der Stunde der Abenddämmerung, wenn die Schatten des Glockenturms auf den Friedhof fielen. Am Abend des zwölften Tages hat sich Mutter Isolde, die mit Schwester Bragantia Zuflucht im höchsten Raum des Bergfrieds gesucht hatte, an ein Fenster gestellt, von dem aus der Blick auf die Gräber ihrer ermordeten Mitschwestern fällt. Im Laufe der Mordnächte waren die Gräber eins nach dem anderen entweiht worden, so, als sei die jeweils am Vortag Getötete aus der Erde emporgestiegen, um die Nächste umzubringen. Dieser verrückte Gedanke ist Mutter Isolde an dem Morgen gekommen, als sie Schwester Klementias Leichnam über den Boden zerrte und dabei entdeckte, dass das Grab von Schwester Edith, die am Vortag umgebracht worden war, offen stand. Lehmige Fußabdrücke auf dem Boden des Gangs führten zu Schwester Klementias Zelle. Gemeinsam mit Schwester Bragantia hat Mutter Isolde auch diese Schwester beerdigt, und jetzt beobachtet sie ihr Grab, das ein Stück von den Gräbern der anderen entfernt liegt, um die Zeit der Abenddämmerung. Im Mondschein glaubt sie, sich dort etwas rühren zu sehen. Ein frischer Erdhaufen wölbt sich, als grabe jemand von innen heraus. Im Halbdämmer waren dann Finger, Hände, Unterarme und schließlich, nach einem Stück Leichentuch und dem Ärmel eines Totenhemds ein Gesicht erschienen – das Schwester Klementias. Die Augen sind weit geöffnet, der Mund ist voll Erde, und die Haare sind von Lehm verklebt. Das Wesen, das einst Klementia war, hat das hinderliche Leichentuch von den Schultern geschüttelt. Ein letzter Erdhaufen entsteht, als sie sich vollständig aus dem Grabe löst. Den Blick zu Mutter Isolde gehoben, hat das Wesen, wie sie sich mit Schaudern erinnert, seine Zähne voll Erde entblößt und ihr zugelächelt, bevor es hinkend in der Finsternis des Kreuzgangs verschwand. Um Mitternacht stöhnt Schwester Bragantia im Schlaf auf. Im selben Augenblick hört Mutter Isolde, wie Klementia mit schleppendem Schritt die Treppe des Bergfrieds emporkommt. 14 Jetzt dringt mehr Kohlendioxid als Sauerstoff in Mutter Isoldes Lunge. Sie erstickt. Von der Kerze glimmt nur noch ein orangefarbener Lichtfleck im Dunkeln, dann erlischt auch dieser mit einem Zischen des Dochts. Die Finsternis umschließt die lautlos schluchzende Nonne. Ein Geräusch auf der anderen Seite der Mauer lässt sie zusammenfahren. Gedämpft hört sie erneut Bragantias Stimme, sehr viel näher. Während die Novizin mit der Hand über die Mauer tastet, flüstert sie wie ein Kind, das in der Dunkelheit Verstecken spielt: »Flieht nicht, Ehrwürdige Mutter. Kommt mit uns. Wir sind alle da.« Weitere Flüsterlaute ertönen. Mutter Isoldes Nackenhaare sträuben sich, als sie die Stimmen der Schwestern Sonja und Edith erkennt, das entsetzliche Zähneknirschen von Schwester Margot und das nervöse - 17 -

Gekicher von Klementia, deren erdiges Lächeln nach wie vor in ihrer Erinnerung eingegraben ist. Wie Bragantia streicht nun ein Dutzend weiterer Nonnen mit den Händen über die Mauer. Als das Geräusch in Höhe ihres Kopfes aufhört, hält die Äbtissin die wenige Luft an, die ihr noch bleibt, um ihre Anwesenheit nicht zu verraten. Stille. Dann hört sie jenseits der Mauer ein Schnüffeln. Erneut dringt Schwester Bragantias Flüstern in die Dunkelheit: »Ich spüre, dass du da bist.« Erneutes, drängenderes Schnüffeln. »Hörst du mich, alte Sau? Ich kann dich riechen.« Mutter Isolde unterdrückt einen Entsetzenslaut. Nein, das Untier, das sich des Leibes von Schwester ­Bragantia bemächtigt hat, riecht sie nicht. Warum würde es sich sonst die Mühe machen, nach ihr zu rufen? Mit allen Kräften klammert sie sich an diese Gewissheit. Als die Hände der toten Schwestern erneut über die Mauer fahren, merkt sie, dass sie ein ersticktes Röcheln nicht unterdrücken kann. Während ihr Tränen des Mitgefühls über die Wangen laufen, legt sie sich die eigenen Hände fest um den Hals und erdrosselt sich auf diese Weise selbst. Auf keinen Fall will sie ihre Anwesenheit und damit die des ­ Satansevangeliums preisgeben, auf dessen Einband die Inschrift schwach im Dunkeln schimmert.

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TEIL ZWEI 1 Hattiesburg im Staat Maine, Gegenwart Mitternacht. Special Agent Maria Parks schläft mit fest geschlossenen Fäusten. Sie hat ein Schlafmittel genommen, drei kleine rosa Tabletten auf einmal, zusammen mit einem kräftigen Schluck Gin Tonic, damit es nicht so bitter schmeckt. Seit Jahren ist es jeden Abend derselbe Ablauf: Sie nimmt ihr Schlafmittel und zappt vom Bett aus durch die Nachrichtensendungen im Fernsehen. Wenn die Bilder allmählich unscharf werden und ihr Gehirn nichts mehr richtig aufnimmt, macht sie das Licht aus und bemüht sich, nicht an das zu denken, was ihr inneres Auge in der Dunkelheit in blitzartigen Abläufen sehen wird. Auf keinen Fall denken. Nicht an die blonde junge Frau denken, der ein Unbekannter auf einem New Yorker Parkplatz den Bauch aufschlitzt, nicht an den Stadtstreicher, der zwischen Mülltonnen liegt und auch nicht an das tote kleine Mädchen, das blutige Hände auf einer Müllkippe in den Außenbezirken von Mexiko Stadt ablegen. Nicht an das misstönende Heulen und Schluchzen, das ihren Kopf zu sprengen droht, wenn sie die Hände zu Fäusten ballt, um einzuschlafen. Hilflos sieht sie vor ihren Augen, wie Morde geschehen, ohne dass sie eingreifen kann. Genau genommen sieht sie diese Morde durch die Augen, und das ist das Grauenhafteste an diesen Szenen. Jedes Mal, wenn ein solcher Mord geschieht, während sie einschläft, nimmt sie ihn durch die Augen des Opfers wahr. Es sind so genaue Bilder, dass es ihr vorkommt, als werde sie selbst ermordet. Um das Entsetzen zu vertreiben, das sie jedes Mal befällt, wenn sie das Licht löscht, lenkt Maria Parks ihre ganze Aufmerksamkeit auf einen gedachten Punkt zwischen ihren Augenbrauen. In China ist man davon überzeugt, dass durch diesen Punkt die Lebensenergie fließt. Es ist ein gutes Mittel, um die Stimmen in ihrem Kopf zum Schweigen zu bringen, ungefähr so, wie man bei einem Radio die Lautstärke herunterregelt, indem man an einem Knopf dreht. Nur gibt es hier keinen solchen Knopf, sondern lediglich einen Punkt zwischen den Augen. Auf ihn konzentriert sie sich mit aller Kraft, bis sie unter dem Einfluss des Medikaments das Bewusstsein verliert und auf einige Stunden in bleiernen Schlaf versinkt. Sozusagen eine Atempause, bis die Wirkung des Mittels nachlässt und sie von gemarterten Leibern träumt und von entstellten Kinderleichen. Nacht für Nacht sind es die gleichen Träume: die Verbrechen der Serienmörder, mit denen Maria Parks als Profilerin beim FBI unausgesetzt zu tun hat. Die Gespenster, die ihr im Nacken sitzen, sind: Serienmörder, Massenmörder und Amokläufer. Serienmörder suchen in ihrer eigenen ethnischen Gruppe nach ganz bestimmten Opfern. Da wäre Edward Sorrenson, ein Familienvater ohne jeden kriminellen Hintergrund, der Heranwachsende entführte, ihnen die Kehle durchschnitt und sie dann mit einem schweren Vorschlaghammer buchstäblich zu Quadern schlug. Oder Edmund Stern, ein Möbelpacker, der in Schuhkartons tote Säuglinge sammelte. Sie alle haben einen vergleichbaren Hintergrund: eine vereinnahmende Mutter, eine inzestuöse Vergewaltigung, Schläge und Schikanen, sodass der Hass von Tag zu Tag zunimmt. Wenn dann das Ungeheuer in ihnen herangewachsen ist, geht es daran, Menschen ähnlich denen zu töten, die es seiner Ansicht nach um etwas gebracht haben: blonde Frauen, Prostituierte, pensionierte Grundschullehrerinnen, heranwachsende Mädchen oder Säuglinge. Ein Serienmörder zerschlägt die Spiegel, die ihm sein eigenes Bild zeigen. Die Angehörigen der zweiten Gruppe begehen ebenso ungeheuerliche wie unvorhersehbare Gräueltaten. Da wäre der Fall Herbert Stox, der ohne jede Vorwarnung in einer einzigen Nacht zwölf jungen, dunkelhaarigen, schwangeren Frauen in ein und demselben Stadtviertel den Unterleib aufgeschlitzt hat. Massenmörder gehorchen einem übermäßigen zerstörerischen Antrieb; es sind Fanatiker, die Gottes Stimme zu hören glauben. Bei Amokläufern hingegen handelt es sich um gestörte Psychotiker, die in kurzer Zeit so viele Menschen wie möglich umbringen. Nach einem im Blutrausch verbrachten Tag jagen sie sich in der Abenddämmerung eine Kugel in die Schläfe. So sehen die Schaustücke im Kriminalmuseum aus. Doch wie in jeder Hierarchie braucht man auch hier jemanden an der Spitze, einen König, der in der Wüste der Vorstädte und im Dschungel der Städte herrscht; - 19 -

sozusagen ein Idealbild des Mörders, vor dem sich die anderen nur bescheiden verneigen können. Das ist der »Crosskiller«. Er zieht im Lande umher wie ein Raubtier, das ständig sein Jagdgebiet wechselt. Auf einen Mord in Los Angeles folgt ein weiterer in Bangkok, dann im Winter einer unter der Sonne der Karibik, in einem der riesigen Hotelkomplexe, in denen die Touristenmassen wohnen. Beim FBI hält man ihn für eine Abart des Serienmörders, der über genug Geld verfügt, um sich eine Weltreise im Flugzeug leisten zu können. Diese Ansicht aber trifft nicht zu, denn der Serienmörder tötet, um seinen Trieb zu befriedigen, er ist ein Psychopath, der ein bestimmtes Ritual vollzieht, das ihm Sicherheit verschaffen soll. Er entstellt und zerstückelt seine Opfer: ein ängstlicher kleiner Junge, der um sich herum Angst und Schrecken verbreitet und immer genug Spuren hinterlässt, damit man ihn fassen kann. Ihm geht es um den Taumel, den die Strafe in ihm auslöst. Vor allem aber rührt sich ein Serienmörder nicht gern vom Fleck. Er ist sozusagen bodenständig, tötet im eigenen Umfeld, ein räudiger Hund, der die Schafe seiner eigenen Herde anfällt. Der Crosskiller dagegen zieht unstet umher. Er ist ein Leichenverschlinger, ein großer weißer Hai, der auf der Jagd nach Beute beständig gegen die Strömung anschwimmt. Er befindet sich am obersten Ende der Nahrungskette, ein eiskaltes Wesen, das sich seine Opfer gezielt aussucht und sich nie von triebhaften Regungen mitreißen lässt. Er hört weder Stimmen, noch gehorcht er Gottes Befehlen. Er hat keine Rechnungen zu begleichen und muss auch keine Rache üben. Er ist als einziger oder ältester Sohn in einer glücklichen Familie aufgewachsen. Weder hat ihn der Vater vergewaltigt noch die Mutter ihn den inzestuösen Wallungen ausgesetzt, die das Denken verwirren. Niemand hat ihn geschlagen. Er ist auf die Welt gekommen, wie er ist, Hexen haben um seine Wiege gestanden. Wie der Serienmörder, der Amokläufer oder der Massenmörder ist auch er geistesgestört. Das klare Bewusstsein dessen, dass es sich so verhält, gestattet es ihm aber, dieser Störung ein bemerkenswert aus­ geglichenes Verhalten gegenüberzusetzen. Gleichgewicht im Ungleichgewicht. Er könnte jedermanns Nachbar, Bankberater oder einer jener Geschäftsleute sein, die von einem Flugzeug zum anderen eilen und sonntags mit ihren Kindern Tennis spielen. Gegen ihn liegt nichts vor, er ist vollständig in die Gesellschaft integriert, hat eine befriedigende Arbeit, besitzt ein schönes Haus und einen Sportwagen. Er reist, um seine Spuren zu verwischen und dort zuzuschlagen, wo niemand damit rechnet. Wer nicht den Auswahlkriterien eines Serienmörders entspricht, für den bedeutet es nicht die geringste Gefahr, einem solchen zu begegnen. Man kann mit ihm sogar Kaffee trinken oder ihn als Anhalter an einer einsamen Landstraße zu sich ins Auto steigen lassen. Für den kaltblütigen, berechnenden Crosskillern gilt das nicht. Er ist ein Untier, das zuschlägt, sobald es Hunger hat, und es hat immer Hunger. Mörder dieses Schlages sind Marias Spezialität. Auf der Jagd nach ihnen hat sie Tausende von Kilometern im Flugzeug zurückgelegt, Hunderte von Nächten in Hotels auf der ganzen Welt zugebracht und ihnen auf Friedhöfen und in feuchten Wäldern Tausende von Stunden aufgelauert. Dutzende von Leichen und Unmengen von Phantomen haben diesen Weg begleitet. Dieses Wild jagt Maria am liebsten. Maria, die im Schlaf weint und von ihrem eigenen Geheul aufwacht, schweißbedeckt und mit tränennassem Gesicht, stets um dieselbe Stunde: immer um vier Uhr morgens. Es ist die Stunde, in der Special Agent Maria Parks es sich versagt, wieder einzuschlafen. 2 Null Uhr zehn. Maria atmet ruhig und gleichmäßig. Das Schlafmittel hat ihr Gehirn in einen Zustand tiefer Ruhe versetzt. Dort ist alles nebelhaft und farblos, nichts aus der Außenwelt dringt herein. Noch träumt sie nicht. Doch versuchen die Regungen ihres Unbewussten bereits die chemische Schranke des Schlafmittels zu überwinden, wie Schmutzwasser, das aus der Kanalisation durch einen Ausguss nach oben drückt. Erkennbar ist das an den kaum wahrnehmbaren Zuckungen ihrer Finger auf dem Laken, am Zittern ihrer Lider wie auch an den Falten, die sich auf ihrer Stirn bilden. Bald wird Maria aus dem Tiefschlaf in den REM-Schlaf übergehen. Das ist der Augenblick, in dem sich die Ungeheuer, die ihr Unbewusstes bevölkern, ihrer Fesseln entledigen. - 20 -

Manche Bilder dringen bereits an die Oberfläche vor. Sie sind grau und kalt: ein Bein, das im Wasser treibt, ein undeutlich wahrnehmbares Gesicht, ein Babyfläschchen voll geronnener Milch, das neben einem Körbchen liegt, ausgeschlagene Zähne und grellrote Flecken auf dem Email eines Waschbeckens. Ganz allmählich setzen sie sich zu einem Ganzen zusammen und fangen an sich zu regen. Mit einem Mal schnürt es Maria die Kehle zusammen. In ihr Blut strömendes Adrenalin erweitert ihre Adern. Jetzt ist es so weit: Der Atem beschleunigt sich, der Puls schlägt ein wenig rascher, die Nasenlöcher weiten sich, die blauen Venen an den Schläfen beginnen zu klopfen. Die Bilder werden deutlich und gewinnen Leben. Die Albträume können beginnen. So lebensecht sind sie, dass sogar die Gerüche darin der Wirklichkeit auf das Genaueste entsprechen. Maria atmet die Luft um sich herum. Die letzten Spuren von Lindenblütenshampoo auf ihrem Kissen sind ebenso verflogen wie die des Räucherstäbchens, das sie jeden Abend entzündet, um den Geruch von kaltem Rauch zu verjagen. Stattdessen riecht sie Kaugummi mit Erdbeergeschmack, Vanille und Granatapfel. Auch der Tastsinn kommt in ihren Albträumen nicht zu kurz. Sie gaukeln ihr vor, dass alles, was sie berührt, wirklich existiert. Ein Fuß kommt aus dem Bett, senkt sich und streift über den Boden. Statt der Teakdielen ihres Schlafzimmers spürt sie unter der nackten Sohle die raue Berührung billiger Auslegeware. Dann die Wahrnehmung ihres eigenen Körpers. Der sonderbare Eindruck, dass sie jünger geworden ist und ihr Bauch sich gerundet hat, die Schenkel schlanker geworden sind, die Knie knotiger, die Brüste kleiner und ihr Geschlecht enger, noch unberührt. Mit einem Finger fährt sie über den Mückenstich in ihrer Kniekehle, der sie juckt. Ein leichter Wadenkrampf und eine Zerrung im Nacken lassen sie das Gesicht verziehen. Den heftigen Drang, sich zu erleichtern, den sie spürt, unterdrückt die scheußliche Angst, dafür aufstehen zu müssen. Jetzt ist es so weit. Ihre Kehle ist ausgedörrt. Sie öffnet die Augen. Das Zimmer hat sich verändert, ist kleiner, dunkler, kälter als sonst. Ein leichter Luftzug lässt die Jalousien an die Scheibe klirren. Im roten Schimmer eines Quarzweckers zeichnet sich die Rundung einer Tasse mit Kamillentee ab. Maria hört das leise Blubbern einer Aquariumpumpe und das Summen einer Fliege, die gegen die Wände prallt. Von einem Regal sehen aufgereihte Porzellanpuppen zu ihr her. Sie merkt, wie sich deren Lider heben, die Glasaugen im Dunkeln zu leuchten beginnen und die kleinen Hände sich ihr entgegenstrecken. Zwischen ihren wächsernen Lippen leuchten die spitzen Zähne. Ein scharrendes Geräusch auf dem Boden. Der Deckel eines Weidenkorbes hebt sich leicht und speit Dutzende von Spinnen und Skorpionen aus, die aus Plüschtieren hervorquellen und sich in Richtung Maria in Bewegung setzen. Mit klappernden Zähnen rollt sie sich zusammen wie ein Fötus. Während ihre Hände durch das Haar fahren, fällt ihr auf, wie lang und dicht es ist. Ihr eigenes ist kurz. Die schweren duftenden Locken lösen sich aus der Kopfhaut, entgleiten ihren Fingern und fallen auf das Kissen. Die Puppen wispern im Dunkeln. Die Skorpione erklettern das Bett über die fast bis auf den Boden herabhängende Steppdecke. Mit einem Mal hört Maria das Schnurren einer Katze, die sich im Zimmer versteckt hat. Ihr Blut erstarrt. Das ist Poppers, der große Siamkater von Jessica Fletcher, einem jungen Mädchen, das vor zwölf Jahren umgebracht wurde, wie auch sämtliche Angehörige. Es war die Nacht, in der Jessicas Vater verrückt geworden war. Die Puppenaugen blinzeln und erlöschen. Die Spinnen fallen geräuschlos wieder zu Boden, die Skorpione kehren in den Korb voll Spielzeug zurück, der sich knirschend schließt. Es ist so weit, der Albtraum kann beginnen. 3 Maria befindet sich in Jessicas Körper. Sie träumt, dass ihre Augen offen sind und sie um jeden Preis wieder einschlafen muss, damit der Albtraum aufhört. Der mitternächtliche Albtraum, der schlimmste. Aber wie soll man wieder einschlafen, wenn man bereits schläft? Sie lauscht. Ein Säugling weint im Nebenzimmer. M. Fletcher singt mit monotoner Stimme ein Wiegenlied. Durch die Gipskartonwand hört Maria das rhythmische Geräusch, das die Kufen der Wiege auf dem - 21 -

Boden machen. Der Säugling soll wieder einschlafen. Aber er schreit, und M. Fletcher singt weiter. Seine Worte klingen warmherzig, aber sein Ton ist eisig. Dann holt der Säugling tief Luft und stößt ein Gebrüll aus, das schrill an Marias Trommelfell dringt. Während sich das Knarren der Wiegenkufen auf dem Boden beschleunigt, nimmt sie gedämpfte Geräusche wahr und etwas, das wie Metall klirrt. So, als stäche jemand mit einer Schere in ein Kissen. Der Säugling wird leiser, das Schreien hört auf. Das Knarren der Kufen wird immer langsamer. Dann Stille. Pantoffeln schlurfen im Flur. Wie jeden Abend macht M. Fletcher die Runde durch die Zimmer, um zu sehen, ob alle Kinder schlafen. Er öffnet eine Tür. Eine dünne ängstliche Stimme dringt an Marias Ohren. Sie gehört Jessicas kleinem Bruder Kevin, den das Geschrei des Säuglings geweckt hat. Sein Vater macht »Psst«. Er sorgt dafür, dass sich Kevin wieder hinlegt, und streichelt ihm die Wange. Entsetzt hört Maria die gleichen metallischen Geräusche wie zuvor. Erneut tritt Stille ein. M. Fletcher summt im Dunkeln vor sich hin. Maria hat sich unter ihre Steppdecke geflüchtet. Sie hört das Schlurfen der Pantoffeln im Flur, das Quietschen einer Türklinke. Durch zusammengekniffene Augen sieht sie M. Fletcher in seinem schönen Anzug mit Weste. Schweiß bedeckt sein Gesicht. Lichtreflexe brechen sich in der Klinge des Tranchier­ messers, das er hinter einem blutgetränkten Ärmel versteckt hält. Außerdem sieht sie seine ausdruckslosen Augen. Es sind die toten Augen einer Porzellanpuppe. Sie muss um jeden Preis wieder einschlafen, Jessicas Körper verlassen. Sie hört den pfeifenden Atem, als M. Fletcher näher kommt, nimmt seinen Geruch wahr, während er sich über ihr Gesicht beugt. Sie spürt seine riesige Hand, die unter der Steppdecke ihre Beine streichelt und an den Hüften emporfährt, spürt, dass die Hand an der Steppdecke eine klebrige Spur hinterlässt, während sie ihren ganzen Körper entlanggleitet. Sie hört seine keuchende Stimme, die böse und traurig zugleich klingt. »Schläfst du, Jessica?« Maria tut so, als ob sie schlafe. Sie hofft, Jessicas Vater werde sie vielleicht leben lassen, wenn er annimmt, dass sie schläft. Sie spürt, wie seine Hand sie leicht rüttelt, um sie zu wecken, riecht seinen scharfen Atem auf ihrer Wange. Darin mischen sich der Geruch nach Whisky, gebrannten Pistazien und Magensäure. Jessicas Vater hat getrunken. Seine Stimme flüstert im Dunkeln: »Keine Sorge, kleine Hure. Ich weiß genau, dass du nicht schläfst. Du tust nur so.« Maria spürt M. Fletchers eiskalte Lippen unmittelbar neben den ihren. Eine Träne des Entsetzens blitzt in ihrem Augenwinkel auf und will unter den Wimpern hervorquellen. Ihr ist klar, dass sie sie nicht zurückhalten kann. »Na schön, meine liebe Jessica, wenn das so ist, puste ich dir auf die Augen. Wenn deine Lider dann zucken, weiß ich, dass du nicht schläfst.« Mit aller Kraft ballt Maria die Fäuste, um die Tränen zurückzuhalten. Sie spürt den leichten Luftstrom aus dem Mund von Jessicas Vater auf ihren Lidern. Ein Zittern. Die Träne kommt hervor und läuft ihr über die Wange. Befriedigt lächelt M. Fletcher im Dunkeln. »Jetzt wissen wir beide, dass du nur so tust. Such dir ein gutes Versteck, ich zähle bis dreißig. Wenn ich dich finde, bring ich dich um.« Maria kann sich nicht rühren. Sie hört M. Fletchers Stimme, die im Dunkeln zu zählen beginnt. Sie spürt, wie sich das Schlafmittel erneut bemerkbar macht und die Herrschaft über ihr Gehirn zurück­ zugewinnen beginnt. Die Stimme entfernt sich. Das Messer hebt sich und blitzt im Dunkeln auf. Sein Glanz wird schwächer. M. Fletcher ist mit Zählen fertig. Zitternd spürt Maria, wie die Klinge durch ihre Haut bis in die Eingeweide dringt. Ein fernes Brennen, mehr die Erinnerung daran als wirklicher Schmerz. Es ist so weit, das Schlafmittel wirkt erneut. Der Albtraum zerrinnt, und die Bilder zerfallen in ihre Einzelteile. Erneut tritt Maria in die Finsternis ein. Das war der mitternächtliche Albtraum. 4 Begonnen hatten Marias Albträume nach einem Verkehrsunfall, bei dem ihr Wohnmobil mit voller Wucht auf Baumstämme geprallt war. Ihr Lebensgefährte Mark hatte am Steuer gesessen, und im Kindersitz - 22 -

zwischen ihnen die kleine Rebecca. Sie kamen von der Hauseinweihungsfeier von Marks Jugendfreund Patrick Hanks, der sich in einem vornehmen New Yorker Vorort ein riesiges Haus mit parkähnlichem Grundstück und golfspielenden Nachbarn gekauft hatte – Geld spielte allem Anschein nach keine Rolle. Kein Wunder, denn vor Kurzem war Hanks in einer der großen Banken an der Wall Street in die Vorstandsetage aufgerückt, womit sich sein Gehalt auf einen Schlag verdreifacht hatte. Zu seiner neuen Position gehörte nicht nur ein Cadillac als Dienstwagen und eine mehr als großzügige Absicherung für den Krankheitsfall, sondern offensichtlich auch die Verpflichtung, sich für eine gute Million Dollar ein großes Haus mit Säulenvorhalle zu leisten. Als Mark mit Maria und Rebecca angekommen war, hatte ihn das Ehepaar Hanks aufgefordert, das verbeulte Wohnmobil in die Garage zu fahren. Die Nachbarn könnten sonst auf den Gedanken kommen, fahrendes Volk stünde im Begriff, sich in der Nachbarschaft häuslich niederzulassen. Als er den Wagen in die Garage gefahren hatte, in der ohne Weiteres noch mindestens drei weitere Wohnmobile Platz gehabt hätten, war er sich vorgekommen wie in einer Kathedrale. Er hatte seine negativen Empfindungen heruntergeschluckt, im Lauf des Abends etwas zu viel getrunken und auf dem Heimweg angefangen, mit Maria zu streiten. Außerdem war er zu schnell gefahren, viel zu schnell. Wenige Kilometer vor Boston war es dann auf der Interstate 90 zu dem Unfall gekommen. Der Fahrer eines mit Langholz beladenen Schwerlasters hatte auf Glatteis die Herrschaft über sein Fahrzeug verloren. Dabei waren mehrere dicke Baumstämme über den Trennstreifen hinweg auf die Gegenfahrbahn gerollt. Mark hatte nicht einmal Zeit gehabt zu bremsen. Maria sah noch genau vor sich, wie mit einem Mal das Hindernis vor ihnen aufgetaucht war. Die Sekunde unmittelbar vor dem Aufprall war wie in Zeitlupe tief in ihr Gedächtnis gegraben. Diese Bilder tauchten immer wieder vor ihrem inneren Auge auf wie Blitze im Dunkeln. So heftig war der Aufprall gewesen, dass sich Maria vorgekommen war wie ein zerplatzender Spiegel. Das Fahrerhaus des Wohnmobils war vollständig zerfetzt worden. Gleich den Millionen von Glassplittern auf dem Asphalt waren Marias Erinnerungen in Millionen von winzigen Einzelteilen zerborsten: Gerüche aus der Kindheit, Farben, Bilder. Ihr ganzes Leben war ihr entflohen. Ihr Herzschlag hatte sich immer mehr verlangsamt. Dann unendliche Kälte. 5 Zwei volle Monate hatte Maria im Charity Hospital von Boston auf der Intensivstation im Koma gelegen. In diesen zwei Monaten hatte in ihren Gehirnzellen ein erbarmungsloser Überlebenskampf stattgefunden. Zwei volle Monate war sie in den Tiefen ihres Gehirns gefangen gewesen. Auch wenn ihr Körper seine Funktionen eingestellt und das Gehirn alle Verbindungen zu jenem Haufen lebloser Muskeln gekappt hatte, war ihr Bewusstsein rätselhafterweise funktionsfähig geblieben, als einzige Sicherung in einem Kasten, in dem alle anderen durchgebrannt waren. So kam es, dass sie aus großer Ferne gedämpfte Geräusche um sich herum wahrnahm, den Luftzug, der ihr Gesicht streifte, den Lärm der Straße, der durch das gekippte Fenster hereindrang, und das Kommen und Gehen der Schwestern, die sich um ihr Bett herum zu schaffen machen. Man hatte sie an ein Beatmungsgerät angeschlossen: Bei jedem Takt der Maschine schoss ihr eiskalte Luft in die Lunge, dehnte sie und wiederholte den Vorgang, wenn sich die Lunge wieder geleert hatte. Sie hörte das Quietschen, mit dem sich das Ventil in seinem Glaskolben öffnete und schloss, das Kratzen des EKG-Schreibers. Geräusche eines synthetischen Universums, die wie durch eine dicke Betonschicht oder durch eine Marmorplatte zu ihr drangen. Als läge sie, in sich selbst gefangen, in einem mit Satin ausgeschlagenen Sarg, dessen Deckel man geschlossen und den man in die eisige Dunkelheit eines Grabes hinabgelassen hatte. Als hätte ihr ein überforderter Arzt den Totenschein ausgestellt, nachdem er das Absterben ihres Körpers diagnostiziert hatte, ohne sich um ihr Gehirn zu kümmern. Maria war als lebende Tote auf alle Zeiten dazu verurteilt, in sich selbst umherzuirren, ohne dass jemand die Schreie hören konnte, die sie in der Finsternis ausstieß. Mitunter hörte sie, wenn die Nacht das Krankenhaus einhüllte und es ihr gelungen war, in ihrem Koma einzuschlafen, Regen, der auf ihre Grabplatte prasselte, und Vögel, die vom Wind dorthin verwehte Körner aufpickten. Mitunter drang sogar das Knirschen von Kies unter den Sohlen trauernder Friedhofsbesucher an ihr Ohr. - 23 -

Bei anderen Gelegenheiten wieder geschah es, wenn ihr erschöpftes Herz mit einem Mal zu schlagen aufhörte und das wenige an Bewusstsein, das ihr geblieben war, wie eine erlöschende Kerze flackerte, dass sie im Traum starb. Sie gab sich der unendlichen Kälte hin, die sie überfiel. Dann erstarrte ihr Geist wie ein verängstigtes Kind mitten in der Nacht, und während die Überwachungsinstrumente Alarm schlugen, stimmte sie ein Entsetzensgeschrei an, das nie über ihre Lippen hinausdrang. In solchen Situationen hatte sie das Echo ferner Stimmen gehört, etwa so, wie man Menschen am Strand hört, wenn man unter Wasser schwimmt. Besorgte Stimmen, die aus dem Nichts kamen, Stimmen, die sie umgaben und dahinschwanden. Jedes Mal hatte sie gespürt, wie ihr Hände das Hemd vom Leib gerissen und ihr Herz massiert hatten, wobei sie kräftig auf das Brustbein drückten, um den mit Blut gefüllten Muskel wieder zum Schlagen zu veranlassen. Dann waren Nadeln in ihre Arme eingedrungen. Zuerst ein feines Stechen, dann das unerträgliche Brennen des synthetischen Adrenalins, das sich in ihrem ganzen Organismus ausbreitete. Dann legten sich zwei Metallplatten auf ihre Brüste und scharfes Pfeifen erfüllte die Luft. Während anschließend eine ferne Stimme etwas rief, das Maria nicht verstand, bäumte sich ihr Körper unter dem Stromstoß gewaltig auf. Danach erneut das Kratzen des EKG-Schreibers, der sich heftig in Bewegung setzt, das Pfeifen, mit dem sich der Defibrillator auf die nächste Entladung vorbereitet. Die Metallplatten zischen auf ihrer Haut. Zack! Eine erneute Explosion grellen Lichts dringt in ihr Gehirn. Ihr Herz zieht sich zusammen, hält inne, zieht sich wieder zusammen, hält wieder inne. Dann endlich hört es auf zu flimmern, beginnt, sich rhythmisch zusammenzuziehen und auszudehnen. Jedes Mal, wenn ihr Herz wieder in Gang gesetzt worden war, hatte Maria den eiskalten Sauerstoffstoß in ihrer Kehle gespürt, der ihre Lungenflügel geweitet hatte. Sie hatte gespürt, wie sich ihre Arterien dehnten und ihre Schläfen unter dem Druck des erneut strömenden Bluts zu klopfen begannen. Ihr Puls hatte wieder angefangen, in der Stille wie ein Hammer zu dröhnen. Schließlich waren die Stimmen um sie herum ruhiger geworden und eine kalte Hand hatte ihr den Schweiß von den Schläfen gewischt. Die in sich selbst gefangene Maria begann erneut zwischen Sein und Nichtsein dahinzutreiben. Zu ihrem Entsetzen gelang es ihr nicht zu sterben. Als sie wieder zu sich gekommen war, hatte man ihr mitgeteilt, dass Mark und Rebecca den Unfall nicht überlebt hatten. Mark hatte mehrere Tage lang in einem Zimmer nahe dem ihren mit dem Tod gerungen. Die kleine Rebecca hatte der Aufprall aus dem Wagen geschleudert, und die Rettungshelfer hatten von ihr nur einige verkohlte Überreste gefunden. Maria hatte weder eine Erinnerung an die Gesichter der beiden noch an ihr eigenes. Als sie zum ersten Mal aufgestanden war, hatte sie sich im Spiegel über dem Waschbecken nicht wiedererkannt. Die langen schwarzen Haare, die porzellanfarbene Haut und die großen grauen Augen, die sie musterten, der flache Unterleib, der Schoß und die Oberschenkel, an denen sie mit den Fingern entlanggefahren war, um sie wiederzuerkennen, die Arme mit ihren schmerzenden Muskeln und die Puppenhände, die sie vor ihren Augen hin und her gewendet hatte, gehörten ihr nicht. Es war ihr vorgekommen, als sei dieser ganze Leib nichts als eine Hülle aus Haut und Muskeln, die man über ihren wirklichen Leib gezogen hatte wie einen Ganzkörperanzug, den sie sich mit den Fingernägeln herunter­ zureißen versuchte. Dreißig Monate Reha. Dreißig Monate, in denen sie erneut lernen musste zu sprechen, zu gehen und zu denken. Dreißig Monate auf der Suche nach Gründen zum Weiterleben. Dann war Maria wieder zu ihrer Einheit bei der Bundespolizei zurückgekehrt. 6 Nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus war sie beim FBI von Boston dem Suchdienst für vermisste Personen zugewiesen worden. Kinder verschwanden von einem Augenblick auf den anderen, ohne dass jemand sie gesehen hätte, kein Nachbar, kein Stadtstreicher, nicht einmal der Briefträger oder der Milchmann. Nachdem das Kind am Küchentisch etwas gegessen und getrunken hat, setzt es sich auf sein nagelneues Mountainbike und fährt davon. Der Junge hat sich seine Lieblingsbaseballmütze aufgesetzt und die Eintrittskarten für ein Spiel der Yankees oder Dodgers in die Gesäßtasche geschoben. Die Mutter - 24 -

hat ihm eine Dose Cola light und ein in Zellophanpapier gewickeltes Erdnusssandwich in den Rucksack gesteckt. Er rast die Straße entlang, hält kurz an der Kreuzung an, weil die Ampel Rot zeigt und biegt nach links ab. Danach verschwindet er, wie vom Asphalt verschluckt. Genau das ist mit Benny Madigan geschehen, Aktenzeichen 2412 beim Suchdienst des FBI. Dieser Junge aus einem Vorort von Portland hatte das Elternhaus verlassen, um bei einem Freund zu übernachten, der in der Northridge Road 3125 wohnte. Dorthin gab es für ihn nur eine mögliche Strecke: vierhundert Meter über die Sutton Avenue, links in die Union Street, geradeaus weiter, den Wal-Mart rechts liegenlassen, hinter dem Starbucks-Café wieder nach rechts in die Tekillan Street bis zur Kreuzung mit der von Platanen gesäumten Northridge Road, in der Bennys Eltern ein Haus im Kolonialstil besaßen. Diesem einfachen Weg um rechtwinklige Straßenecken und über Kreuzungen sind die Beamten Hunderte von Malen gefolgt. Um achtzehn Uhr sieben hat sich Benny vor dem Elternhaus auf sein Fahrrad mit einer Achtzehngang-Kettenschaltung gesetzt und ist abgefahren. Das weiß man von der alten Marge, die genau um diese Zeit ihre Hunde ausgeführt hat und sich erinnern kann, ihn gesehen zu haben, wie er die Sutton Avenue entlanggebraust ist, wobei er wie ein Apache gebrüllt hat. Marge mag keine Kinder, ihr sind Hunde lieber. Deshalb erinnert sie sich an Benny mit seiner roten Jacke und seinem Nike-Rucksack. Achtzehn Uhr zehn. Benny hat an der Verkehrsampel vor der Kreuzung der Sutton und der Union Street angehalten. Das weiß man, weil Brett Mitchell, ein guter Bekannter der Familie Madigan, zu diesem Zeitpunkt die Scheibe seines Allradfahrzeugs heruntergelassen hat, um Benny zu begrüßen. Der Junge hat den Gruß erwidert, und sie haben einige Worte miteinander gewechselt. Bei Grün ist Benny nach links in die Union Street eingebogen, eine Geschäftsstraße. Brett Mitchell, der geradeaus fahren musste, hat noch einmal grüßend gehupt und dann dem Jungen nachgesehen. Um achtzehn Uhr dreiunddreißig hat Benny den Wal-Mart in der Union Street verlassen, wo er Süßigkeiten und Knallkörper gekauft hat. Die Videoaufnahmen der Überwachungskameras im Supermarkt lassen nicht den geringsten Zweifel zu. Sie zeigen den Jungen, wie er Tüten von den Regalen nimmt. Man sieht auch, dass er eine Illustrierte aus einem Ständer nimmt und sie unter die Jacke schiebt, weil er sie wohl nicht bezahlen will. Anschließend hält er der Verkäuferin einen Fünfdollarschein hin, steckt das Wechselgeld ein und verlässt das Geschäft. Um achtzehn Uhr zweiundvierzig ist Benny Madigan am Starbucks-Café in der Union Street vorbeigekommen. Rachel Porter, eine Freundin seiner Mutter, die auf der Terrasse saß und einen Cappuccino trank, hat zufällig den Kopf gerade in diesem Augenblick gehoben. Sie hat dem Jungen zugewinkt, was dieser aber nicht bemerkt hat. Vermutlich hat er sich auf den Verkehr konzentriert. Rachel Porter kann sich erinnern, dass der Junge eine weite Jeans und weiße Socken trug, denn am rechten Bein hatte er die Socke über das Hosenbein gezogen, damit es nicht in die Fahrradkette kam. Am Lenker hat sie ein Bügelschloss hängen sehen. Im nächsten Augenblick ist Benny in die Tekillan Street eingebogen. Das war achtzehn Uhr dreiundvierzig. Von dort ist es noch ein Kilometer bis zu seinem Ziel. Dieser Kilometer, ein unsichtbarer Tunnel außerhalb der Zeit, hat Benny Medigan verschluckt und ins Nichts geführt. Um neunzehn Uhr dreißig ruft seine Mutter im Haus 3125 Northridge Road an, um sich zu vergewissern, dass er gut angekommen ist. Die Eltern seines Freundes fallen aus allen Wolken. Um achtzehn Uhr fünfzig, das geht aus dem Verbindungsnachweis des Telefonanbieters hervor, hat Benny über sein Mobil­ telefon bei ihnen angerufen, um zu sagen, dass er einen Platten habe und sich an der Einmündung der Tekillan Street in die Northridge Road befinde. Das Angebot, ihn abzuholen, das ihm der Vater seines Freundes macht, hat Benny mit der Erklärung abgelehnt, er habe eine Sprühdose mit Reifendichtmittel dabei und komme zurecht. Dann hat er auf Wiedersehen gesagt und das Gespräch beendet. Das ist alles. Nein, noch etwas. Wenige Sekunden zuvor hat der Vater von Bennys Freund gehört, dass ein Auto in der Nähe des Jungen bremste, eine Scheibe herunterging und eine im Verkehrslärm kaum hörbare Männerstimme nach dem Weg fragte. Benny hatte etwas gesagt, sich dann rasch vom Vater seines Freundes verabschiedet und auf den Aus-Knopf gedrückt, zweifellos, um dem Mann den Weg zu beschreiben. Das ist alles. Nach Rachel Porter, die Benny von der Terrasse des Starbucks-Cafés in der Union Street zugewinkt hatte, hat ihn niemand mehr gesehen. Niemand weiß, was auf den vierhundert Metern von jener Einmün- 25 -

dung bis zum Haus 3125 an der Northridge Road geschehen ist. Niemand konnte etwas über das Verschwinden des Jungen sagen, nicht einmal die Leute an der Tankstelle, die an dieser Straßenecke liegt. Vier Stunden später hatte die Polizei in einer Sackgasse, die gut zweihundert Meter hinter dem Haus 3125 senkrecht zur Northridge Road verläuft, Benny Madigans Fahrrad gefunden. Keine Leiche, kein Kleidungsstück, keine Spur von den im Wal-Mart gekauften Süßigkeiten oder von seinem Rucksack. In der Hoffnung, den geheimnisvollen Autofahrer zu finden, der Benny nach dem Weg gefragt hatte, waren Straßensperren errichtet worden. Man hatte Waldgebiete durchsucht, Taucher in Teiche und Flüsse geschickt. Ohne Ergebnis. Dann war die Akte Madigan an den Suchdienst des FBI weitergeleitet worden und dort zusammen mit einem Stapel weiterer ungelöster Fälle auf dem Schreibtisch von Maria Parks gelandet. Es waren Fälle wie die der achtjährigen Amanda Scott, die in einem Vorort von Dallas verschwunden war, als sie auf dem Parkplatz eines Supermarkts für ihre Mutter einen Einkaufswagen holen wollte, oder jener der dreizehnjährigen Joan Kaprisky, die sich während einer Kinovorstellung in Kendall im Staat Alabama in Luft aufgelöst zu haben schien. Es waren Akten mit ungelösten Fällen, die man nach zwei Wochen vergeblicher Suche einstweilen abgelegt hatte – nach einer solchen Zeitspanne galten die Aussichten, eins der verschwundenen Kinder wiederzufinden, als minimal. Während Maria Parks in ihrem Büro in Boston die frischen Vermisstenakten durchging, die auf ihrem Schreibtisch gelandet waren, stieß sie auf die eines kleinen Mädchens, bei dem die zwei Wochen vergeblicher Suche gerade abgelaufen waren. Dabei hatte sie ihre erste Vision. 7 Marias erste Vision hieß Meredith, Meredith Johnson. Eine Achtjährige, die zwei Wochen zuvor auf dem Schulweg verschwunden war. Wie in solchen Fällen üblich, hatte man mit Ketten von Beamten Waldgebiete gründlich durchsucht und war mit dem Schleppnetz durch Teiche gegangen. Ein Kind, verschwunden wie Hunderte vor ihm, dessen Spur sich von einem Augenblick auf den anderen verlor. Meredith wohnte in Bennington, einem gottverlassenen Nest in den Green Mountains von Vermont. Ein rundgesichtiges blondes Mädchen, dessen Pummeligkeit auf eine Vorliebe für Milchshakes und Hamburger zurückging. Am Tag ihres Verschwindens hatte sie gelbe Adidas-Schuhe und den gleichen orangefarbenen Anorak wie auf den Fotos getragen, die ihre blitzende Zahnspange zeigten. Noch auffälliger als ihre äußere Erscheinung aber schien es Maria, dass es keinerlei Zeugenaussage gab. Als könnte ein kleines Mädchen mit gelben Turnschuhen und einem orangefarbenen Anorak einfach verschwinden, ohne dass jemand etwas davon mitbekam. Das kam Maria verdächtig vor. Ein so auffällig gekleidetes Kind, das mutterseelenallein durch die Straße eines Ortes geht, in dem es vom Tag seiner Geburt an gelebt hat, muss zwangsläufig irgendwann im Gesichtsfeld des einen oder anderen Bewohners auftauchen, im Rückspiegel eines Autos oder durch den Vorhang eines Küchenfensters wahrgenommen werden. Wie bei Benny Madigan gibt es immer irgendeine alte Dame, die ihren Hund ausführt, einen Hausierer, einen städtischen Arbeiter, der mit seinem Laubsauger hantiert oder den Mitarbeiter eines Haushaltgeräte-Reparaturdienstes, der ein solches Kind sieht und die Erinnerung daran in irgendeinem Winkel seines Gedächtnisses mit sich herumträgt. Immer. Außer im Fall Meredith Johnson. Genau das machte die Sache verdächtig. Als hätte ein Serienmörder das Verschwinden wochenlang geplant. Es musste jemand sein, der das Mädchen kannte oder zumindest in Bennington wohnte. Er musste Tag um Tag ihr Kommen genauestens beobachtet haben. Doch selbst wenn es sich so verhielt, hätte irgendjemand etwas vom Verschwinden des Kindes bemerken müssen. Aber es gab nichts. Als hätte eine Windhose die Kleine mit sich fortgerissen oder als wäre sie vom Treibsand verschlungen worden. Maria war nach Vermont geflogen und mit einem Mietwagen nach Bennington weitergefahren. Dort hatte sie Leute auf der Straße befragt und war Hunderte von Malen den Weg von der Schule zum Haus der Familie Johnson gegangen. Nicht der kleinste Fingerzeig hatte sich ergeben, nicht die geringste Spur. Nichts wies auf die Existenz des Mädchens hin – man hätte glauben können, das Kind in seinem orangefarbenen Anorak und seinen gelben Turnschuhen habe niemals in Bennington gelebt. - 26 -

Erschöpft und enttäuscht hatte sich Maria ein Zimmer in einem Motel am Ortsausgang genommen. In jener Nacht hatte sie von Meredith geträumt. 8 Maria Parks ist bei der Talkshow von Larry King eingeschlafen und einige Stunden später auf einem vom Mond beschienenen Stoppelfeld wieder aufgewacht. Es ist kalt. Schon vor Wochen hat man den Acker abgeerntet und die von den Mähdreschern nicht erfassten Halme abgeflämmt. Im Schlaf nimmt sie einen Geruch wie von verbranntem Brot wahr. Er scheint der Erde zu entströmen. Dann schlägt sie die Augen auf und sieht am Horizont eine Gestalt: Ein kleines Mädchen in einem orangefarbenen Anorak geht am Rand eines dichten Waldes entlang, in den weder Licht noch Geräusche dringen. Es ist Meredith. Als Maria sie rufen will, hört sie hinter sich auf dem verbrannten Boden Geräusche. Sie dreht sich um und sieht, dass ein riesiger schwarzer Hund auf sie zukommt, ein alter Rottweiler, der im Laufen laut mit den Zähnen ins Leere schnappt. Geifer trieft von seinen Lefzen. Maria zieht ihre Dienstpistole, geht in die Hocke, wartet, bis er nahe genug herangekommen ist und feuert dann ein ganzes Magazin auf ihn ab. Obwohl die Geschosse der 9-mm-Glock riesige Löcher in das Fell des Hundes reißen, scheinen sie ihn nicht aufhalten zu können. Er rennt an Maria vorüber, auf Meredith zu, die ihn jetzt ebenfalls gesehen hat. Maria ruft der Kleinen zu, sie solle auf keinen Fall in den Wald gehen, denn von dort ist das Untier gekommen, das sie jetzt veranlassen will, Schutz unter den Bäumen zu suchen. Sie fordert sie auf, die Augen zu schließen, denn dann werde der Hund verschwinden, der in Wirklichkeit nicht existiere. Doch der Wind weht ihr entgegen, und so kann Meredith sie nicht hören. Sie versucht, auf das Kind zuzulaufen, aber ihre Beine sind so schwer, dass sie sie kaum heben kann, wie das oft in Träumen der Fall ist. Sie sieht, wie sich die Zweige teilen und das verängstigte Kind im Wald verschwindet. Der Rottweiler folgt ihr. Die Zweige schließen sich hinter ihm wie Arme, die sich verschränken. In der Ferne ertönt Geheul. Maria spürt das Entsetzen des Mädchens. Jetzt hat sie ebenfalls den Waldrand erreicht und versucht, das Dornengerank zu zerteilen, das ihr den Weg versperrt. Meredith ruft um Hilfe. Sie wehrt sich. Sie kann nicht mehr. Sie schreit ein letztes Mal, dann drückendes Schweigen. Der Wind raschelt im Laub. Das war Marias erste Vision. 9 An den folgenden Tagen hatten Marias Träume immer mehr Einzelheiten über das Schicksal der kleinen Meredith zutage gefördert, waren immer genauer geworden, so, als beginne sie nach und nach alles durch die Sinne des Mädchens wahrzunehmen: den Duft der Blumen, den Hauch des Windes, den Atem des Waldes. Eines Nachts dann war sie ganz und gar in die Haut der Kleinen geschlüpft. Es hatte sich ganz von selbst ergeben. Sie hatte weder geträumt, dass sie Meredith sehe, noch, dass sie ihr in einen finsteren Wald folge, nein, sie hatte sich in das Mädchen verwandelt. Die Gedanken des Kindes waren in ihrem Kopf, seine Ängste wie seine Freuden, sie hatte dessen kleinen gerundeten Bauch, die Warze unter der Fußsohle, die es seit Wochen humpeln ließ, seine Sorgen und seine Kleinmädchengeheimnisse. All das gehörte jetzt auch Maria. Maria-Meredith. Meredith-Maria. An dem Tag, an dem sich Meredith in den Wald geflüchtet hatte, war sie gerade acht Jahre alt, trug einen orangefarbenen Anorak, in dessen Tasche alte Pfefferminzbonbons klebten, hatte einen Schnupfen, der ihr die Nase verstopfte. Die Knie taten ihr weh, weil ihre beste Freundin Jenny sie in einem Wutanfall auf dem Schulhof umgerempelt hatte. So sah Marias erste richtige Vision aus. Das war kein undeutlicher Traum mehr, es waren auch keine von unangenehmen Erinnerungen überlagerten Bilder, sondern ein vollständiges Eindringen in die Kleine. Es war - 27 -

erschreckend, sich mit einem Mal wie in völliger Osmose in einem anderen Menschen wiederzufinden. Ja, Maria hatte sich eine ganze Nacht lang in Meredith verwandelt. Zuerst waren da die Geräusche und die Gerüche. Der ohrenbetäubende Lärm eines Schulhofs. Meredith fällt zu Boden. Sie kneift die Augen fest zusammen und versucht, die Tränen zurückzuhalten. Kleine Tränen der Wut und der Scham, weil Jenny sie beim Fangenspielen von hinten zu Boden gestoßen hat. Sie ist ungeschickt auf Hände und Knie gefallen. Bestimmt haben die Jungen ihr Höschen gesehen. Meredith hört sie hinter sich lachen. Ihre Handflächen schmerzen, die Knie brennen. Sie blutet. Mama wird mit ihr schimpfen, weil sie sich auf dem Kies die Strumpfhose aufgerissen hat. Am liebsten wäre sie tot. Oder ganz schlimm verletzt – ein richtiger Knochenbruch, ein aufgeschlagenes Knie oder eine Wunde, die fürchterlich blutet. Alles lieber, als plump auf den Hof zu fallen und den Jungen das Höschen zu zeigen. Das Miststück Jenny. Während Meredith Wut und Tränen tapfer herunterschluckt, hört sie das Lachen der Schulkameraden, die sich um sie herum versammeln. Sie wagt nicht, die Augen zu öffnen. Sie hört das Springseil der anderen Mädchen auf den Boden schlagen, das Geräusch, das die Sohlen Vorüberlaufender machen und die Rufe von Kindern, die einander jagen. In der Ferne schlägt die Kirchenglocke von Bennington. Es ist vier Uhr. Endlich öffnet Meredith die Augen. Licht fällt auf Marias Vision. Durch die Augen des Mädchens sieht sie die hämischen Gesichter der Jungen, die mit Fingern auf sie zeigen und sich vor Lachen nicht halten können. Eine Flut misstönender Geräusche. Kaum kann sie ihre Tränen zurückhalten. Aber sie darf auf keinen Fall weinen. Lieber sterben. Die Trillerpfeife der Lehrerin rettet sie. Die anderen trollen sich. Niemand kümmert sich um das pummelige Mädchen, das in seinem orangefarbenen Anorak am Boden liegt. Meredith steht auf, nimmt ihren Schulranzen und geht zum Tor, wo Eltern, die es eilig haben, ihre Kinder abholen. Bald ist niemand mehr da, nur noch der Hausmeister, der das welke Laub zusammenkehrt. Sie wartet. Sie hebt den Blick zum Kirchturm. Es ist zehn nach vier. Mama hat sich verspätet, wie immer. Sie sieht auf ihre schmutzigen Hände und die aufgeschürften Knie. Als sie sich vorbeugt, sieht sie zwei kleine Blutflecken auf der zerrissenen Strumpfhose. Wenn doch nur die Mutter käme! Wie gern möchte sie sich in ihre warmen Arme flüchten und ihren Kopf darin verbergen, damit niemand ihre Tränen sieht. Viertel nach vier. Wütend und traurig zieht sie den Reißverschluss ihres Anoraks zu und macht sich auf den Weg. Sie überquert die Straße, geht um die Kirche herum und nimmt dann den Weg durch die Felder. Sie will am Waldrand entlang zum Bauernhof der Familie Hanson gehen, von wo aus ein Feldweg zu ihrem Elternhaus führt. Wenn sie langsam geht, braucht sie eine Viertelstunde – genug Zeit, um zu überlegen, wie sie sich an dem Miststück Jenny rächen wird. Jetzt hat sie den Waldrand erreicht. Das düstere Gehölz verschlingt Kinder. Das jedenfalls sagen ihnen die Erwachsenen, weil sie wollen, dass sie ohne Umweg von der Schule nach Hause gehen. Meredith glaubt das nicht. Immerhin ist sie schon acht. Trotzdem hält sie sich vorsichtshalber am Rand des Waldes und geht den Baumwurzeln aus dem Weg, die in den Feldrain hineinwachsen. Sie weicht sogar den Schatten der Bäume aus, die sie vorübergehen sehen, und wirft vorsichtige Blicke durch die tief hängenden Zweige der alten Schwarztannen, unter denen es nach Moos, Feuchtigkeit und altem Laub riecht. Die Flechten auf den Baumstämmen sehen aus wie abgestorbene Hautstücke. Man könnte denken, dass es leprakranke Bäume sind, die Kinder ersticken. Trotz ihrer acht Jahre hat Meredith jetzt Angst. Sie beschleunigt den Schritt. Mit einem Mal hört sie hinter sich ein dumpfes Knurren. Sie bleibt stehen und dreht sich um. Im tiefen Gras sieht sie einen schwarzen Umriss. Eiseskälte breitet sich in ihrem Unterleib aus. Es ist Würger, der halbblinde alte Rottweiler der Hansons. Er ist fürchterlich bissig. Die Jungen des Dorfes, die auf den Wiesen der Familie Hanson Champignons stibitzt haben, können ein Lied davon singen. Etwas stimmt mit dem Hund nicht. Meredith hat den Eindruck, dass er sie nicht erkennt. Ob er ... verrückt geworden ist? Kann ein Hund verrückt werden? Meredith weiß es nicht. Sie wirft einen ängstlichen Blick in seinen Rachen. Plötzlich muss sie dringend Pipi machen. Sie kneift die Hinterbacken fest zusammen und sagt mit zitternder Stimme: »Ganz ruhig, Würger, ganz ruhig, mein Hund. Ich bin es, Meredith Johnson.« - 28 -

Aber Würger hört nicht auf sie. Er knurrt. Seine kräftigen Muskeln spannen sich. Seine Hinterläufe zittern vor Wut. Das schwarze Fell auf seinem Rücken sträubt sich. Eine Geiferwolke fliegt um seine Schnauze. Dann hat Meredith begriffen. Vermutlich hat ihn eine Fledermaus gebissen, und jetzt ist er tollwütig. »Hilfe, Mama! Würger will mich fressen!« Maria stößt im Schlaf einen tiefen Seufzer aus. Würger stürmt auf das Kind zu. Meredith rennt schluchzend und voll panischer Angst ins Unterholz. Sie zerteilt die Äste, ohne auf den Giftsumach zu achten, der ihre Waden verbrennt, noch auf Zweige, die ihr ins Gesicht peitschen. Sie hört nur das Ungeheuer, das sie verfolgt. Sie spürt seinen Atem auf der Haut und rechnet jeden Augenblick damit, dass es seine mächtigen Kiefer in ihre Fersen schlägt. Sie stolpert und lässt einen ihrer Schuhe in Würgers Maul zurück. Rasch steht sie wieder auf und rennt weiter, immer geradeaus. Sie hält schützend die Hände vor die Augen, zerteilt die niedrigen Zweige vor sich und rennt, ohne sich umzudrehen. Kaum spürt sie die Dornen der wilden Brombeerranken in ihrem nackten Fuß. Ihr Höschen ist ganz nass. Sie weint. Ihre Kehle brennt. Sie hat Angst. Sie ist niedergeschlagen. Sie ist wütend. 10 Meredith ist lange gelaufen. Zu lange. Der Wald ist jetzt so dicht, dass fast kein Sonnenlicht hereinfällt. Sogar die Geräusche scheinen aufgehört zu haben. Sie läuft langsamer, schaut sich um. Nichts. Wie es aussieht, hat Würger von ihr abgelassen. Oder lauert er ihr irgendwo auf, wartet auf sie? Außer Atem kniet sie sich ins Moos und lässt ihren Tränen freien Lauf. Sie weint lange, weint die ganze lähmende Angst aus sich heraus. Dann wischt sie sich das Gesicht ab und lauscht. Das Geräusch von fließendem Wasser. Sie hebt den Blick und sieht ein Rinnsal und eine Steinbrücke. Sie muss ziemlich weit in den Wald hineingerannt sein, denn hier war sie noch nie, und sie hat auch nie etwas von dieser Stelle gehört. Sie hat sich verlaufen. Das ist ihr im Augenblick aber gleichgültig: Noch hat sie weniger Angst vor dem Wald als vor den scharfen Zähnen des Hundes. Während sie im Moos kniet, sucht sie mit dem Blick den Himmel über den Bäumen. Hier wirkt das Tageslicht grau, die Sonne hat sich wohl auch schon geneigt. Gerade als sie aufstehen will, hört sie Schritte, die sich durch das Farnkraut nähern. Maria fährt im Schlaf auf. Das Herz des Mädchens pocht wild. Ein Dampfwölkchen kommt aus ihren halbgeöffneten Lippen. Maria spürt das Moos unter den Handflächen der Kleinen und das Brennen der Dornen in ihrem Fuß. Was Maria da hört, sind die Schritte eines Mannes. Sie wird unruhig. Lauf, Meredith! Bleib nicht da! Steh auf und renn weg! Aber Meredith ist viel zu müde. Sie sieht zu dem Mann hin, der da auf sie zukommt. Ihr Herzschlag beruhigt sich wieder. Sie kennt den Mann. Sie mag ihn nicht besonders, hat aber keine Angst vor ihm. Man hört seine Schritte jetzt nicht mehr, weil er über das Moos geht. Während ihn Meredith ansieht, kneift Maria die Augen zusammen, um seine Züge zu erkennen. Er ist hochgewachsen und kräftig. Er trägt eine großkarierte Jacke mit Pattentaschen. Am Gürtel hängt ein Hirschfänger, scharf wie ein Rasiermesser. Meredith sieht auf die Hände des Mannes. Es sind große schwielige Hände, die vor Erregung zittern, sich zusammenkrampfen und wieder lösen. Der große böse Wolf. Um Gottes willen, Meredith, steh auf, und lauf weg! Eigentümlicherweise spürt Maria, die sich im Schlaf unruhig hin und her wälzt, wie sich ihre eigene Angst auf Meredith überträgt. Die Kleine atmet heftig, ihre Fingerspitzen sind eiskalt. Sie fühlt sich beklommen, hat wieder Angst. Ihre Beine zittern vor Erschöpfung. Sie versucht aufzustehen, aber ein Krampf im Oberschenkel lässt sie stolpern. Gleich wird sie fallen. Der Mann ist sofort bei ihr und hält sie am Arm fest. Laut schreiend schlägt Meredith um sich. Der Mann packt sie am Hals und drückt sie an sich. Mit seiner lauten Stimme sagt er: »Keine Angst, Meredith Johnson, mein Kind, Papa ist bei dir.« Die Nase der Kleinen verschwindet im Pullover unter der Jacke des Mannes. Er riecht nach Schweiß und Blut. Es ist der gleiche Geruch, den Jessica Fletchers Vater an dem Abend ausgeströmt hat, an dem er verrückt wurde, ein Geruch nach totem Kind. Jetzt begreift Meredith, dass sie sterben muss. Sie beißt in den Pullover, bricht in Schluchzen aus, als sie spürt, wie aus dem Geruch ein Geschmack wird. Dann schlägt sie verzweifelt auf den Mann ein, tritt nach ihm, schreit. Je mehr sie sich wehrt, umso fester schließen sich seine Arme um sie. - 29 -

»Sei nett zu Papa, verdammtes kleines Miststück.« Maria spürt, wie sich die Hand des Mannes um den Hals des Mädchens schließt. Meredith erstickt. Sie kratzt die Hand, die im Begriff steht, sie zu töten, möchte dem Mann etwas sagen: dass es ihr leidtut, dass sie in Zukunft brav sein und nie wieder Dummheiten machen will. Dann blitzt über ihrem Kopf der Hirschfänger auf. Sie spürt einen grässlichen Schmerz, der ihr an der ganzen Wirbelsäule entlangfährt, als eine eisige Klinge sie durchbohrt, eine elektrische Entladung ihr in Arme und Beine fährt. Schmerzen hüllen sie ein. Die Klinge dringt ein und wird herausgezogen, stößt erneut in ihren Rücken, durchtrennt Wirbel, zerschneidet Adern und zerfetzt innere Organe. Meredith spürt den Atem des Ungeheuers an ihrer Wange, während der Mann sie an sich drückt, um besser auf sie einstechen zu können. Sie spürt, wie sein Mund ihr Gesicht berührt, seine kalte, nach Erde schmeckende Zunge auf ihren Lippen. Da erfasst Eiseskälte sie, und der Schmerz entfernt sich. Der Hirschfänger stößt immer wieder zu, aber sie spürt das Eindringen der Klinge kaum noch. Sie hört die Vögel in den Bäumen zwitschern, sieht das Rinnsal und die kleine Steinbrücke, die darüberführt. Das Sonnenlicht erlischt. Meredith schließt die Augen. Sie leidet nicht mehr. 11 Null Uhr zwanzig. Maria schläft noch immer tief und fest, ohne Erinnerungen. Es ist, als decke eine dicke Glasscheibe einen Graben zu, in dem die Opfer von Serienmördern wehklagen, eine Scheibe aus Panzerglas, die das Schreien erstickt, die Bilder aber durchlässt. Sie sieht die blutüberströmte Jessica Fletcher unter ihrer Steppdecke, sieht Meredith unter der kleinen Steinbrücke im Wasser liegen, wo das FBI ihre geschändete Leiche gefunden hat. Meredith sieht sie an und streckt ihr die mit Schlamm bedeckten Arme entgegen. Durch die Panzerglasscheibe betrachtet Maria das Kind. Sein Mund steht offen, Moos bedeckt seine Haare. Aber sie hört es nicht schreien. Sie braucht nur die Augen zu schließen und zu hoffen, dass es ihr gelingt, wach zu werden, bevor die Bilder unter der Wirkung des Medikaments zerrinnen. Maria hatte den Mörder der kleinen Meredith an einem Herbstabend festgenommen. Sie erinnerte sich an die Farben des Waldes – das Gelb und das Rot –, an den lehmigen Boden auf den Wegen, in dem sich die Schuhe festsogen, die Pfützen, die noch vom letzten Regen in den Wagenspuren standen, aber auch an den Geruch nach Baumrinde und nasser Erde, die im ockerfarbenen Schein der Abenddämmerung eine dicke Laubschicht bedeckte. Zwei volle Tage hatten die FBI-Beamten nahe der kleinen Steinbrücke gewartet, sich gelangweilt und die Minuten gezählt. Am Abend des zweiten Tages dann hatten sie endlich jemanden kommen hören, mit dem gleichen schweren Schritt wie in Marias Vision. Der Hausmeister der Schule war neben dem kleinen Rinnsal stehen geblieben und hatte witternd die Luft eingesogen, reglos, als spüre er, dass jemand in der Nähe war, oder als wisse er, dass er verspielt hatte. Im Laufe einer einzigen Woche hatte er drei weitere Kinder umgebracht. Die Serie hatte sich beschleunigt, wie immer, wenn der Trieb übermächtig wird und so viel Gewalt über die Persönlichkeit des Täters gewinnt, dass er ihm nicht mehr Einhalt gebieten kann. Bei dieser Art von Besessenheit ist es so ähnlich, wie wenn die finsteren Fluten eines Wasserlaufs über die Ufer treten. Sie gibt sich mit nichts anderem zufrieden als mit Blut, immer mehr Blut. Wenn es so weit ist, begeht der Täter zwei Fehler: Er wird nachlässiger, und seine Morde verlieren jede Förmlichkeit – etwa so wie ein gläubiger Menschen irgendwann nur noch aus Gewohnheit oder Langeweile zum Gottesdienst geht. Der Unterschied allerdings liegt darin, dass es im ersten Fall keine Möglichkeit gibt, dem Drang zum Töten Einhalt zu gebieten. Der Mechanismus läuft ungefähr so ab wie bei einem schon lange Abhängigen mit einer Dosis billigem Heroin in den Adern. Anfangs tötet ein Serienmörder, um seinen Trieb zu befriedigen, später hingegen, weil er seiner Sucht frönen muss. In diesem Stadium kehrt er gewöhnlich an den Ort früherer Verbrechen zurück, in der Hoffnung, dort etwas von der Befriedigung wiederzufinden, die er empfunden hat, als ihm das Töten noch etwas bedeutet hat. Dabei wird er gefasst, und die Serie ist zu Ende. - 30 -

Als die FBI-Beamten den Mörder der kleinen Meredith vor dem Zielfernrohr sahen, hatten sie ihm die übliche Aufforderung zugerufen, sich zu ergeben. Daraufhin hatte sich der Mann mit säuerlichem Lächeln umgedreht, und im nächsten Augenblick hatte Maria den Mündungsblitz eines in Richtung auf die Scharfschützen abgefeuerten kurzläufigen .375 gesehen. Gleich darauf hatten vier Schüsse die kalte Luft zerrissen, und der Mörder war vorwärts in das Rinnsal gefallen. Sein Gesicht hatten die Kugeln fortgerissen. Maria hatte die Augen geschlossen. Sie kannte das schon. Auf diese Weise begingen Serienmörder gewöhnlich Selbstmord. Wann immer es dem FBI zufällig gelang, ein solches Ungeheuer lebend zu fassen, landete es unweigerlich in der psychiatrischen Abteilung eines Hochsicherheitsgefängnisses. Dort wurde ein solcher Mensch für den Rest seines Lebens hinter einer kugelsicheren Scheibe auf einem Stuhl festgeschnallt, und Koryphäen im weißen Kittel bemühten sich, in die Geheimnisse seines Gehirns einzudringen. Welche rätselhafte Kraft bringt einen Zeitungsboten, einen früheren Polizeibeamten oder einen Geistlichen dazu, Kinder oder alte Frauen abzuschlachten und ihre Leichen wie einen Sonntagsbraten zu zerstückeln? Das fehlende Glied zwischen Mensch und Untier ist nichts als eine durchgebrannte Sicherung. Ein Kurzschluss entsteht, ein fehlgesteuertes Neuron sendet ein falsches Signal an andere Neuronen. Damit wird die Serie ausgelöst, und das Ergebnis sind Dutzende von zerstückelten Leichen. Ganze Felder voller Grabsteine. 12 Im Laufe der Monate begannen die nächtlichen Visionen Maria den Tag zu vergiften. Die Schreie und die Bilder, die zu beherrschen sie noch nicht gelernt hatte, kamen einer seelischen Vergewaltigung gleich. Es hatte eine ganze Weile gedauert, bis sie erkannte, dass es sich vorwiegend um vor längerer Zeit be­gangene Verbrechen und um Mordfälle handelte, die man nach ergebnisloser Fahndung zu den Akten gelegt hatte. Ein weiteres Merkmal von Serienmördern, und für deren Verfolger zweifellos das quälendste, besteht darin, dass die Serie mitunter schlagartig aufhört, wenn sich die Leichen zu Bergen türmen, nachdem die Lust zu töten übermäßig geworden ist. Von einem Tag auf den anderen hört dann die zufällig begonnene Serie ebenso unvermittelt auf, wie sie eingesetzt hatte. Der Auslöser dafür ist ein weiterer Kurzschluss in einem anderen Teil des Gehirns. Das Raubtier kehrt zu seinem üblichen Tageslauf zurück und wird wieder, was zu sein es nie wirklich aufgehört hatte: ein Mensch, auf den kein Schatten fällt. Jetzt gibt es nur noch die Möglichkeit, darauf zu warten, dass das kranke Neuron erneut im falschen Bereich des Gehirns feuert und in einem anderen Land oder einem anderen Bundesstaat eine neue Mordserie beginnt. Dann kann man die Akte erneut zur Hand nehmen und versuchen, den Täter zu fassen, bevor er abermals in seine trügerische Ruhe zurücksinkt. Zu dieser im Jargon der FBI-Leute als »Wachabteilung« bezeichneten Einheit, die sich mit solchen Fällen beschäftigte, hatte man Maria nach dem Mord an Meredith versetzt. Die drei Dutzend Polizeibeamten und Psychologen, die sie umfasste, standen ununterbrochen mit Polizeirevieren und Leichenschauhäusern auf der ganzen Welt in Verbindung, um ohne Zeitverlust feststellen zu können, ob eine Serie wiederaufgenommen wurde. Bei jedem aus dem Rahmen fallenden Gewaltverbrechen gingen die Autopsiebefunde an die Wachabteilung, die dann das Vorgehen des Täters mit dem verglich, was in den Akten stand: Hatte er das Opfer gehäutet, ihm Muster in die Haut geritzt, wie war der Täter bei der Zerstückelung vorgegangen, hatte er das Opfer auf andere Weise geschändet? Man suchte nach erkennbaren Ähnlichkeiten in der Vorgehensweise. Das Verfahren hatte den zusätzlichen Vorteil, dass man damit nicht nur Serienmördern auf die Spur kam, sondern auch dem einen oder anderen der kaltblütigen Crosskiller, die Maria für sich »Reisemörder« nannte, da es deren Hauptmerkmal ist, an beliebigen Orten zu töten und so gut wie keine Hinweise auf die Art ihres Vorgehens zu hinterlassen – ein Beleg für die Kaltblütigkeit, die sie an den Tag legen, wenn sie ihrem Trieb erliegen. Auf diese Weise hatte Maria die Spur des Serienmörders Harry Dwain wiederaufnehmen können, der Körperteile seiner Opfer vertauschte und beispielsweise einen Frauenarm an einen behaarten Rumpf nähte und Männerschenkel an den Unterleib einer Frau ansetzte. Zwei Jahre nachdem die Serie in den Vororten von Chicago mit einem Schlag aufgehört hatte, waren Mordfälle mit diesem Merkmal aus Sankt Petersburg gemeldet worden. Eigentlich hatte man angesichts der - 31 -

langen Zeit, die verstrichen war, angenommen, Dwain lebe nicht mehr. Dann hatte Maria beim Ver­gleich der eingehenden Informationen entdeckt, dass auch in anderen Ländern Leichen auf die bei Dwain übliche Weise zerstückelt worden waren. Offenkundig war das Ungeheuer wieder erwacht. Vier Opfer in den Gassen von Venedig, zwei auf einem Kreuzfahrtschiff vor der türkischen Küste, fünf am Persischen Golf, ein weiteres in Moskau und das letzte in Sankt Petersburg. In all diesen Fällen waren abgetrennte Gliedmaßen durch die anderer Opfer ersetzt worden. Offenkundig zog Harry Dwain inzwischen in der Welt umher und verknüpfte den krankhaften archaischen Trieb des Serienmörders mit dem des planvoll vorgehenden Crosskillers – ein äußerst seltener und zugleich besonders gefährlicher Fall von psychischer Mutation. Maria hatte sein vollständiges Profil an die russischen Behörden gefaxt, die daraufhin sämtliche Polizeidienststellen des Landes in höchste Alarmbereitschaft versetzt hatten. Dann war sie nach Sankt Petersburg geflogen, wo ihre Visionen sie in eine nach Harz und Holzleim riechende alte Bootshalle am Ufer der Newa führten. Dort, wo Maria die letzten Sekunden des Lebens von Irina miterlebt hatte, fand die russische Polizei das jüngste Opfer: eine unbekannte Prostituierte, die in die alte Zarenstadt gekommen war, um auf deren alten Prachtboulevards ihr Glück zu machen. Marias Vision war der Wirklichkeit entsetzlich nahe gekommen: Sie hatte das Eindringen des Kreissägeblatts gespürt, das die Gliedmaßen vom Leib trennt und dabei über den Boden streift. Den Druck der Fesseln, der sich allmählich lockert. Dwains Röcheln. Ein Meer von Schmerzen. Doch Maria starb nicht, sie lebte weiter, während Irina tot war. Zwei Tage später hatte die russische Polizei Dwain im Nachtzug nach Berlin gestellt und erschossen. Danach hatte Maria Urlaub genommen, um sich, wie sie sagte, in Kalifornien zu erholen. Das war die einzige Alternative zu einer unerträglichen Depression und einem Selbstmord mithilfe von Anxiolytika, den sie sich nicht leisten konnte. Also hatte sie Santa Monica mit seinen Filmproduzenten, den weißen Haien und berühmten Neuropsychiatern aufgesucht. Nach einer gründlichen Untersuchung mit allen verfügbaren Mitteln: Kernspin, Computertomographie, Positronentomographie und Magnet-Enzephalo­ graphie, waren sich die Ärzte einig: Sie hatte keinen Tumor, nicht den allerkleinsten. 13 Ihre Diagnose hatte ein alter deutscher Arzt gestellt, der sich in den unbekannten Regionen des menschlichen Gehirns mühelos zurechtfand. Hans Zimmer hatte sich einst auf die Psychiatrie verlegt, um sich selbst zu heilen. Er hatte ihr erklärt, ihre Visionen gingen auf ein reaktionelles mediales Syndrom zurück. Diese seltene Erscheinung finde sich ausschließlich bei Menschen, die ein multiples Gehirntrauma erlitten hatten. Der Auslöser dafür sei gewöhnlich ein starker Schock, der in die gesamte mentale Tiefenstruktur eingreife. Sie müsse sich das so vorstellen, als habe der Schock einen Bereich ihres Gehirns aktiviert, von dem nicht vorgesehen war, dass er je in Funktion trat. Es handele sich um ein in der Tiefe verborgenes Gebiet, das bei der Evolution des Menschen aus uns unbekannten Gründen nicht in Anspruch genommen worden sei, sozusagen eine tote Zone, die vielleicht erst in Tausenden von Jahren zum Leben erweckt werden sollte. Neuronales Brachland, jungfräuliche Gehirnstrukturen. Dort warteten inaktive, unverbundene Neuronen wie Milliarden kleiner ungebrauchter Batterien darauf, über eine Leitung irgendwo angeschlossen zu werden, damit sie die in ihnen enthaltene elektrische Energie freisetzen konnten. So und nicht anders müsse man sich das reaktionelle mediale Syndrom vorstellen. Er hatte ihr genau erklärt, was unter ihrem herrlichen schwarzen Haar abgelaufen sein musste. Das Trauma habe ihr Gehirn in ein tiefes Koma versetzt, damit es sich sozusagen neu erschaffen konnte. Dabei habe es die gekappten Verbindungen eine nach der anderen wiederhergestellt. Um im Bild der Elektrizitätsübertragung zu bleiben, gebe es da gewissermaßen zahllose Kilometer von Leitungen und Tausende von Leitungsmasten. Ein Neuron für die Farbe Grün, eins für die Farbe Braun, ein weiteres für das Wort Blatt, eins für das Wort Ast, dann noch eins für das Wort Stamm. Fünf Neuronen, die nach und nach wieder miteinander verbunden werden müssen, um erneut das Bild eines im Wald wahrgenommenen - 32 -

Baums zu speichern. Es sei nötig gewesen, Millionen von Bildern auf diese Weise wiederzufinden, Milliarden von Erinnerungen ins Gedächtnis zurückzurufen. Auf diese Weise seien in einem tiefen Schlaf, in den aus den für Wörter zuständigen Gehirnregionen nichts habe eindringen können, die Leitungen für das Verstehen und die Erinnerung wiederhergestellt und dann erneut miteinander verbunden worden, um das Gehirn aufs Neue mit Erinnerungen und Bildern zu versorgen. Bei einem solchen Prozess aber komme es gelegentlich vor, dass irrtümlich Verbindungen zu den Tabuzonen des Gehirns hergestellt werden, die ursprünglich nicht vorhanden gewesen seien, Bereiche, die es ermöglichen, ohne Zuhilfenahme der Hände Teelöffel zu verbiegen, die Gedanken anderer Menschen zu lesen, Tische zu rücken und Verbindung mit Verstorbenen aufzunehmen. Es könne sich aber auch, wie in ihrem Fall, um Verbindungen zu bis dahin brachliegenden Gehirnbereichen handeln, die bewirken, dass man sich an die Stelle eines von einem Serienmörder umgebrachten kleinen Mädchens oder einer Prostituierten versetzt fühlt, die Harry Dwain in einer alten Bootshalle am Ufer der Newa bei lebendigem Leibe zersägt. So sei das mit dem reaktionellen medialen Syndrom. Da habe sie nun einmal Pech gehabt. Der Lernprozess, der es ihr ermöglichte, mit ihren Visionen zu leben, sie zu verstehen und nicht aus dem Ruder laufen zu lassen, hatte Maria sechs Monate gekostet. Inzwischen konnte sie unterscheiden, ob sie der fernen Vergangenheit angehörten, neueren Datums waren, oder – das war das Schlimmste – gerade stattfanden. Schließlich hatte sie diese zweifelhafte Gabe in den Dienst ihres Berufs gestellt. Im Laufe von fünf Jahren unerträglicher Visionen und ständig wiederkehrender Albträume hatte sie zwölf Serienmörder und vier kaltblütige Crosskiller aufgespürt, die insgesamt sechzig Opfer verstümmelt hatten. Zwei kleine Mädchen hatte sie im letzten Augenblick vor ihrem entsetzlichen Schicksal bewahren können. Doch was heißt da ›bewahren‹ – diese unglücklichen Geschöpfe würden für den Rest ihres Lebens in ihre erstarrten Seelen eingemauert bleiben. Das also war der Grund, warum sich Maria Parks Schlafmittel verschreiben ließ, die sie mit einem Glas Gin Tonic einnahm. 14 Null Uhr dreißig. Das Telefon zerreißt die Stille der Nacht. Nachdem es vier Mal geklingelt hat, fährt Maria hoch. Ihr Mund ist ausgetrocknet, fühlt sich pelzig an. In ihrer Kehle hängt der bittere Nachgeschmack von Alkohol und Zigaretten. Sie nimmt wortlos ab. Bannerman ist am anderen Ende, der Sheriff von Hattiesburg, ein Bär von einem Mann, ständig außer Atem. »Parks?« »Ich bin zurzeit nicht zu Hause, aber Sie können eine Nachricht hinterlassen ...« »Das ist nicht der richtige Augenblick für Späße, Parks. Wir haben Schwierigkeiten.« Maria hört das Zittern in seiner Stimme. Der Mann hat Angst. Sie tastet nach den Zigaretten auf dem Nachttisch, steckt sich eine an und sieht angestrengt auf den kleinen Glutkreis an ihrem vorderen Ende. »Parks?« Bannermans Angst will sich auf sie übertragen. Um sie zu vertreiben, macht Maria einen tiefen Zug. Der Geschmack von Stroh und feuchter Erde dringt ihr tief in den Rachen. Sie raucht keine Mentholzigarette, keine auf Wohlgeschmack getrimmte, sondern eine ehrliche Old Brown, wie die Cowboys sie lieben, scharf und kräftig. »Parks, bist du noch da?« »Parks ist nicht da. Pafft nur schnell eine Mitternachtszigarette als Rauchopfer für die Toten, und kriecht dann wieder in Morpheus Arme.« »Verdammt noch mal, Parks, sag bloß nicht, dass du wieder deine Schlafmittel genommen hast.« Wieder hört sie das Zittern in der Stimme des Sheriffs. Es ist sehr viel stärker als zuvor. »Wovor hast du Angst, Bannerman?« »Dass Rachel was passiert. Sie ist verschwunden.« - 33 -

Ihr Magen krampft sich zusammen. Übelkeit steigt in ihr auf. Jetzt ist es passiert: Bannermans Angst ist auf sie übergesprungen. Maria spürt, wie sie sich in ihren Adern ausbreitet. »Wann?« »Vor einer halben Stunde. Man hat ihre Fährte auf einer der Straßen durch den Wald von Oxborne verloren. Wir treffen uns an der Wegkreuzug von Hastings. Ich schick dir einen Wagen. Spring rein und komm.« Schweigen. »Verdammt noch mal, Parks, schlaf bloß nicht wieder ein!« Maria legt auf und hört einige Sekunden lang im Dunkeln zu, wie der Regen gegen die Fenster prasselt. Der Wind stöhnt in den Trauerweiden entlang der Straße. Sie konzentriert sich. Rachel, eine blonde Polizistin von zwanzig Jahren, eine fröhliche, draufgängerische junge Frau. Genauso war Maria in dem Alter gewesen. Rachel hatte sich freiwillig gemeldet, um den Grabschändungen auf den Friedhöfen der Umgebung nachzugehen, die sich immer mehr häuften: Gräber wurden geöffnet und Särge zerschlagen. Dutzende von mehr oder weniger stark verwesten Leichen waren verschwunden und nie wieder aufgetaucht. Die Leute erzählten sich, in der Gegend habe sich eine satanistische Sekte niedergelassen, die für ihre schwarzen Messen Leichen benötige. Allerdings hatte die Polizei nicht den geringsten Hinweis auf ein derartiges Treiben entdeckt. Nirgendwo sah man kabbalistische Zeichen, Pentagramme oder lateinische Grafitti. Sonderbarerweise fand man in der weichen Erde der Gräber keinerlei Fußspuren. Dann hatten die Grabschändungen ebenso plötzlich aufgehört, wie sie eingesetzt hatten, doch begannen dafür einige Wochen später lebende Menschen aus der Umgebung von Hattiesburg zu verschwinden. So wusste man beispielsweise nichts über den Verbleib von vier alleinstehenden jungen Frauen von außerhalb, die in Hattiesburg oder in der Nähe Arbeit gefunden hatten. Die Untersuchung dieser Fälle hatte Rachel übernommen. Mary-Jane Barkos Verschwinden war anfangs niemandem weiter auffällig erschienen. Es war nicht ungewöhnlich, dass eine junge Frau aus Liebeskummer möglichst weit fortzog, und so etwas hatte man auch bei ihr angenommen. Doch als eine Woche später Patricia Gray, dann Dorothy Braxton und schließlich Sandy Clarks verschwanden, ohne sich von irgendeinem ihrer Bekannten zu verabschieden, begann man sich Fragen zu stellen. Es war jetzt drei Tage her, dass Jäger am Rande des Waldes von Oxborne blutbefleckte zerfetzte Kleidungsstücke gefunden hatten, die Mary-Jane Barko unmittelbar vor ihrem Verschwinden getragen hatte: eine Jeans, einen Pullover, ein Höschen und einen BH. Es dauerte nicht lange, bis das Gerücht in Umlauf kam, ein Mörder mache die Wälder des Bezirks Hattiesburg unsicher, und bestimmt habe der auch die Toten von den Friedhöfen geholt. Daraufhin war unter der Bevölkerung Panik ausgebrochen, und Rachel hatte sich darangemacht, die Sache aufzuklären. Jetzt also war sie selbst verschwunden. Maria drückt ihre Zigarette aus und geht ins Bad. Sie zieht sich aus, stellt sich unter die heiße Dusche und zittert, als der Strahl ihre Haut trifft. Sie schließt die Augen und versucht, ihre Erinnerungen zu sammeln.

Fortsetzung folgt.   Das komplette Leseexemplar erhalten Sie demnächst!

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