Das Evangelium und die Kurden - Immanuel-Verlag

Das Evangelium und die Kurden - Immanuel-Verlag

1 Das Evangelium und die Kurden Protestantische Mission unter Kurden im 19. und 20. Jahrhundert1 2. Teil / Schluss 3. Die Arbeit der amerikanischen ...

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Das Evangelium und die Kurden Protestantische Mission unter Kurden im 19. und 20. Jahrhundert1 2. Teil / Schluss

3. Die Arbeit der amerikanischen Presbyterianer in Persien Die presbyterianische Mission trat im persischen Gebiet in die Fussstapfen des «American Board» und übernahm dessen Arbeit ab 1870. Allerdings unterschied sich die grundsätzliche Arbeitsweise darin, dass die Presbyterianer eine Doppelstrategie verfolgten. Primäre Absicht war die «direkte» Evangelisation der Muslime, und daneben versuchte man, die bestehenden Kirchen zu einer Erneuerung zu führen. Was beim American Board Hauptanliegen gewesen war, nämlich durch «reformierte» orientalische Kirchen schliesslich die muslimische Bevölkerung zu erreichen, verlor bei den Presbyterianern an Bedeutung. Jetzt konzentrierte man sich viel stärker und von Anfang an auf die Arbeit unter den Muslimen. Zwar begann man in Teheran (1872), Täbris (1873) und Hamadan (1881) mit der Mission unter Armeniern und Nestorianern, aber auch da wollte man möglichst schnell Muslime und Juden erreichen. Die Arbeit gedieh nicht zuletzt darum, weil man ganz bewusst die Sprache der Muslime, das Persische, wählte. Zwar kam es um 1880 zu behördlichen Behinderungen, doch schon 1884 waren mehr Muslime als je zuvor am christlichen Glauben interessiert. Wie beim American Board kann man indes nicht von einem eigentlichen Missionsprojekt für Kurden sprechen. Aber immerhin befanden sich die Stationen Urmia, Kermanschah (1905) und Hamadan in deren Einzugsge-

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Ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Abdruck mit freundlicher Erlaubnis von: Kurdish Outreach Ministries (KOM), Postfach 1128, DE-35642 Hohenahr. E-Mail: [email protected] Kurdish Outreach Ministries (KOM) arbeitet seit 1988 mit Teams oder einzelnen Mitarbeitern in mehreren Ländern im Nahen Osten und in Europa unter Kurden. Gemeindegründung, Jüngerschaftsschulung, Bibelübersetzung, Medienarbeit, Arbeit unter Flüchtlingen und Asylbewerbern sind die wichtigsten Bereiche, in denen sie tätig sind.

2 biet, und Kurden gehörten auch in Täbris noch mit zu den erreichten Muslimen. Es klingt beinahe unglaublich, wenn Vander Werff die Arbeit und die daraus entstandenen Gemeinden in der Zeit der Jahrhundertwende beschreibt: «Die Gemeinden in Teheran (1878), Hamadan (1876), Täbris und Rescht hatten Konvertiten aus dem Islam in ihren Reihen, und diejenigen in Kermanschah und Mesched setzten sich fast vollständig aus Konvertiten zusammen. Juden, Armenier, Nestorianer, Muslime, Kurden, Parsen2 und Europäer, eng verbunden untereinander und gemeinsam im Gottesdienst, zeigten auf grossartige Weise, wie Gott in Christus Versöhnung schafft.»3 Daneben waren es vor allem die Krankenhäuser in Täbris und Kermanschah, wo wohl Hunderte von Kurden aus ganz Kurdistan das Evangelium hörten und Bibelteile in Farsi erhielten (Kurdisch wurde in Persien lange Zeit nicht geschrieben; auch im 20. Jahrhundert übersetzten Kurden und Missionare mündlich von Farsi ins Kurdische). Das «Westminster Hospital» in Urmia (1882) war das erste Missionsspital in Persien überhaupt. Gewiss konzentrierte sich in Urmia die Arbeit vornehmlich auf die Christen (Nestorianer), aber als beispielsweise 1915 mehr als 10.000 von ihnen für mehr als drei Monate auf der Missionstation vor Türken und Kurden Zuflucht fanden, blieb dies nicht ohne Wirkung auf die Umgebung. «Die amerikanischen Missionare haben während der fünfmonatigen Bedrängnis sich selbst verleugnet und jedem, ob Freund oder Feind, gedient. Sie haben Achtung von Muslimen, Türken, Christen und Juden geerntet.»4 Viele überlebten jene Zeit nicht, darunter ein Kurde, der Christ geworden war und in Urmia gehängt wurde. Von einem 14-jährigen Nestorianermädchen wird erzählt: «Weder durch Lockung noch durch Drohung konnte sie zum Islam bekehrt werden. Im Gegenteil, die Bibel in ihrer Hand, predigte sie den Kurden das Evangelium.»5 In Hamadan riefen J. W. Hawkes und der Kurde (und ehemalige Mullah) Mohammed

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Anhänger Zarathustras, auch Zoroastrier genannt. Zarathustra (geboren um 600 v. Chr.) begründete die bis zur Islamisierung vorherrschende Religion in Persien, den Zoroastrismus (offizielle Staatsreligion von 221–640 n. Chr.). Wichtige Elemente sind das Feuer als Symbol der Reinigung und der Kampf der beiden Prinzipien Licht und Dunkelheit, in den hinein der Mensch gestellt ist, und in dem er sich bewähren muss («gute Gedanken, gute Worte, gute Taten» als ethisches Leitmotiv). 3 L. L. Vander Werff, Christian Missions to Muslims, South Pasadena: W. Carey Library, 1977, S. 140; Übersetzung durch den Autor. 4 G. Yonan, Ein vergessener Holocaust: Die Vernichtung der christlichen Assyrer in der Türkei, Göttingen / Wien: Gesellschaft für bedrohte Völker, 1989 (pogrom TB 1018), S. 115. 5 Ebd., S. 204.

3 Rasuli (auch als «Kaka» bekannt, der Bruder von Dr. Sayid6) eine medizinische Arbeit, eine Knabenschule sowie eine evangelistische Literaturarbeit ins Leben. Natürlich lagen Rasuli die Kurden besonders am Herzen, hatte er doch selbst einst versucht, gegen den christlichen Glauben zu kämpfen. So unternahm er als Schriftenkolporteur manche Reisen in kurdische Dörfer, um Gottes Wort zu verteilen.7 Eine ähnliche Arbeit geschah von dem presbyterianischen Hospital in Kermanschah aus, wo Mirza als Evangelist zu Pferd Reisen in kurdische Dörfer unternahm und so unter seinem eigenen Volk wirkte. Seit etwa 1910 arbeitete das Ehepaar Stead in Kermanschah; sie leitete das Hospital, und er war für die Gemeinde verantwortlich (Predigten in der Krankenhauskapelle) und hatte daneben Zeit für evangelistische Tätigkeiten in der Umgebung. Nach dem 1. Weltkrieg begann er, sich um kurdische Waisen zu kümmern, doch die Mission erlaubte den dafür nötigen Bau eines Waisenhauses nicht. Stead trat daraufhin von seinem Posten zurück und begann in Faraman auf eigene Verantwortung mit dieser Arbeit. Später übernahm die «International Mission» das Waisenhaus, und auch sie blieben in engem Kontakt mit den in den Umgebung wohnenden Kurden. Dr. Busdicker, der später das Hospital in Kermanschah während mancher Jahre leitete, hatte viele kurdische Krankenhausangestellte und Patienten, denen er Christus bezeugte. Daneben gab es mehrere assyrische Christen, die ein Anliegen für die Kurden hatten und manche zum Glauben führen durften. Gardiner erwähnt darunter Pastor Yuhan, der Dr. Sayid zu Christus führte, und mit zwei assyrischen Mitarbeitern immer wieder Kurdistan bereiste, Pastor Kascha Muschi von Kermanschah, ebenfalls oft in Kurdistan unterwegs, und Pastor William (Kermanschah), der den Kurden Avoni sorgfältig im Glauben unterwies und auf den Dienst für Christus vorbereitete. Andere Kurden, von denen oft nicht sehr viel bekannt ist, die aber im 20. Jahrhundert Menschen aus ihrem Volk zum Glauben an Jesus führten, sind Allahiar, der für die Presbyterianer und International Mission arbeitete, Sayardi, sein Bruder, Khalil (selber blind), der sich für blinde Kurden einsetzte, das Ehepaar Mehdi und Azizi und andere.8

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Die faszinierende Biographie von Dr. Sayid, einem kurdischen Mullah, der später als Arzt und Missionar auch unter Kurden tätig war, ist in Englisch verfügbar: J. M. Rasooli / C. H. Allen, Dr. Sa’eed of Iran, Pasadena: William Carey Library, 1983. 7 R. Gardiner, Letter to P. Johnstone, Leigh, 1982, S. 14. 8 Ebd., S. 14–18.

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4. Presbyterianer mit der «United Mission in Mesopotamia» Nebst ihrer Arbeit in Persien waren verschiedene Presbyterianer auch in Gebieten tätig, die heute im Irak liegen. 1888 bereiste der Amerikaner Edmund W. McDowall von Urmia aus kurdische Gebiete und entschied sich, eine Arbeit unter den Jesiden nördlich von Mosul zu beginnen. Eine Zeit lang sah es so aus, als ob Jesiden in grösserer Zahl bereit wären, den christlichen Glauben anzunehmen. Dies hätte ihnen den handfesten Vorteil eingebracht, dem Sultan nicht länger Truppen stellen zu müssen. Der Sultan reagierte jedoch schnell und liess eine Zwangsislamisierung unter den betroffenen Jesiden durchführen. 1924 war Edmund McDowall zusammen mit seiner Frau erneut in Mosul9, wo sie eine Mädchenschule eröffneten. Sie arbeiteten jetzt mit der «United Mission in Mesopotamia»10, einer Mission, die im selben Jahr in den USA gegründet worden war. Die darin vertretenen Denominationen waren die «Reformed Church in the United States», die «Reformed Church in America» und die «(Northern) Presbyterian Church in the United States». Ihr Ziel war eindeutig die direkte Arbeit unter Muslimen, die aufgrund gesetzlich gewährleisteter Religionsfreiheit möglich erschien.11 Die Mission als solche und auch die Presbyterianer arbeiteten in ganz Irak; letztere hatten unter anderem Stationen in Kirkuk, Mosul und Dahuk. Kirkuk und Mosul hatten kurdische Bevölkerungsanteile, Dahuk war überwiegend kurdisch.12 Dort war es Roger Cumberland, der eine Pionierarbeit aufbaute und insgesamt zwölf Jahre unter Kurden arbeitete. 1928 liess er sich mit seiner Frau als einzige Ausländer in Dahuk nieder und kaufte ein Grundstück am Rande der Stadt. Die Schwierigkeiten waren gross: Ihre beiden ersten Kinder starben als Babys; es gäbe keinen «Ruf aus Mazedonien», berichtete er, aber er war gleichzeitig überzeugt, dass ein christliches Leben und Worte zur rechten Zeit ihre Auswirkungen haben würden. 1937 bekannte sich ein kurdisches Ehepaar in der vergleichsweise kleinen Stadt zum christlichen Glauben. Sie waren Lehrer in einer Regierungsschule, und dieser Religionswechsel führte sogleich zu 9

Mosul (Ninive!) hat eine lange christliche Tradition (das älteste Kloster der Umgebung stammt aus dem 4. Jahrhundert, die älteste Kirche in der Stadt aus dem 13. Jahrhundert; ab dem 7. Jahrhundert Sitz des syrisch-orthodoxen «Primas des Ostens») und war immer wieder Missionszentrum verschiedenster Richtungen. Französische Kapuziner im 17. Jahrhundert waren vermutlich die ersten Missionare aus dem Westen. 10 Später: «United Mission in Iraq». 11 Seit 1921 war der Irak unter König Feisal I. eine konstitutionelle Monarchie. Gleichzeitig stand das Land weiter unter britischem Mandat. 12 Dahuk ist heute Hauptstadt der nördlichsten kurdischen Provinz im Irak.

5 beträchtlichem Widerstand der einflussreichen Muslime. Leute wurden gewarnt, die Cumberlands zu besuchen, und diese waren sich nicht sicher, ob sie die Arbeit fortsetzen sollten. Die Behörden versicherten zwar, dass sie gegen ihre Tätigkeit nichts einzuwenden hätten, aber es war klar, dass die Religionsfreiheit nur auf dem Papier existierte. Dieser gespannte Zustand dauerte mehr als ein Jahr an, bis Cumberland am 12. Juni 1938 zusammen mit Musa, der für die Cumberlands arbeitete, in seinem Haus erschossen wurde. Die Täter waren zwei Kurden, die vorgaben, christliche Literatur erhalten zu wollen, und von Cumberland bewirtet wurden. Als er aufstand und ihnen den Rücken zuwandte, um die Bücher aus dem Regal zu nehmen, fielen die Schüsse. Etwa zwei Wochen vorher waren in Dahuk und einigen umliegenden Dörfern viele Bibeln und andere Literatur verkauft worden, und kurz vor seinem Tod wurden etliche dieser Bücher von Mullahs öffentlich verbrannt. Cumberland starb innerhalb von Stunden im Krankenhaus von Mosul, Musa schon auf dem Weg dorthin. Es scheint, dass innerhalb der United Mission in Mesopotamia das Anliegen der Mission unter Kurden von einzelnen Personen getragen wurde, die innerhalb der Mission die dazu nötige Unterstützung erhalten haben. Ein primäres Ziel war die Kurdenarbeit aber wohl nicht. Für eine Mission, die sich die Arbeit im Irak zum Ziel gesetzt hatte, war es kaum von entscheidender Bedeutung, auch unter Kurden zu arbeiten. Theologisch entwickelte sich die United Mission in Mesopotamia ähnlich wie der American Board; Mission und Evangelisation traten in den Hintergrund. Diese Tendenz wurde im Irak ab 1958 durch Gesetze gefördert, die Missionsarbeit auf Schulen begrenzten. 1967 wohnten alle 20 Mitarbeiter in den beiden Zentren Bagdad und Basra, weit entfernt von den kurdischen Siedlungsgebieten. 1970 wurde die Missionsgesellschaft aufgelöst, da die Baath-Partei (seit 1968 an der Macht) alle amerikanischen Missionsstationen im Irak geschlossen hatte.

5. Die «Church Missionary Society» Im Jahre 1799 traf sich in London eine kleine Gruppe von Laien und Geistlichen aus dem evangelikalen Flügel der Anglikanischen Kirche und gründete die Gesellschaft, die unter dem Namen «Church Missionary Society» (CMS) bekannt wurde. Sie konzentrierte ihre Arbeit in erster Linie in den Kolonien des Britischen Empires, und da der Nahe Osten für England eine nicht unwichtige Rolle spielte, war die Mission schon bald in dieser Region tätig: Malta (1811), Ägypten (1826), Palästina (1849) und schliesslich Iran (1869). In Malta wurde 1815 eine Missionsdruckerei ein-

6 gerichtet und Bücher und Traktate zur Verbreitung im Osmanischen Reich gedruckt. Dies musste heimlich geschehen, da sowohl der Papst als auch der Sultan Verteilung und Lektüre dieser Schriften verboten hatten. Für kurze Zeit wurde in Konstantinopel ein zweites Zentrum errichtet, das aber infolge des griechischen Unabhängigkeitskrieges 1821 wieder geschlossen werden musste. Bis etwa 1850 gab es noch Missionare, die in der Türkei umherreisten, doch dann kam die Arbeit der CMS hier zum Erliegen: Man sah, dass es nicht gelang, die alten Kirchen zu erneuern und auf diesem Weg später Muslime zu erreichen. An Persien bestand schon seit einiger Zeit ein Interesse, nicht zuletzt durch das Wirken von Henry Martyn, der das Neue Testament in Persisch revidiert hatte und mit erst 31 Jahren 1812 dort gestorben war. Seit 1869 befand sich ein CMS-Missionar in Persien, und das Land wurde sechs Jahre später als «Feld» aufgenommen. Einmal mehr ist wenig darüber bekannt, ob und wie CMSMissionare, die gemäss einer Vereinbarung mit den Presbyterianern im Süden Irans arbeiteten, Kontakt zu Kurden hatten. Doch zumindest einer unter ihnen hatte ein besonderes Anliegen für sie: W. St. Clair Tisdall hatte Kurdisch gelernt und übersetzte mit der Hilfe eines Konvertiten das Matthäus-, Markus- und Lukas-Evangelium aus dem Griechischen ins Kermanschahi-Kurdisch. Das Johannes-Evangelium war bereits vom Persischen her übersetzt worden und benötigte nur eine Revision. Alle vier Evangelien wurden 1900 von der Britischen Bibelgesellschaft publiziert.

6. Die Arbeit der Herrmannsburger Mission in PersischKurdistan Das Vorgehen der Herrmannsburger Mission entspricht am ehesten demjenigen des American Board. Das Ziel war, die bestehenden nestorianischen Kirchen von innen heraus zu beleben und so zu erneuern, dass diese ein Licht in ihrer kurdischen Umgebung sein sollten. Die Missionsanstalt in Herrmannsburg bildete von 1875 bis 1910 an ihrem Seminar insgesamt 10 Nestorianer aus Persien zu Pfarrern aus, was zur Entstehung von zwei oder drei lutherisch-syrischen Gemeinden führte. Zu den bekanntesten unter diesen nestorianischen Missionaren zählt Pera Johannes, der als Mitarbeiter der Herrmannsburger Mission 1886 nach Kotschannes in Kurdistan zog, dort aber unter den Nestorianern arbeitete. Ab 1895 erregten die Resultate der Evangelisationsarbeit die Eifersucht der Muslime, die in einer lebendigen Kirche eine Bedrohung sahen: Ein Bischof und elf weitere Personen wurden umgebracht. Daraufhin zogen

7 sich die Christen wieder vermehrt in ihr Ghetto zurück. Druck und Verfolgung hielten an. In den Jahren 1897–1908 wurden drei Assyrer in Herrmannsburg theologisch ausgebildet. Zwei von ihnen kehrten zurück und setzten sich in der Gemeinde- und Schularbeit ein. 1913 kam es in Deutschland zur Gründung eines Vereins mit dem Ziel der «Ausbreitung des Evangeliums unter Muslimen in Nordwestiran, besonders unter den dort heimischen Kurden». Ein erster Missionar wurde 1914 ausgesandt, doch wegen des Ausbruchs des 1. Weltkrieges musste er zurückkehren, bevor er Kurdistan erreichen konnte. Dort wurden 1915 etwa 15.000 nestorianische Christen und einige Missionare anderer Gesellschaften von Muslimen umgebracht. Nach diesem Ereignis brachen die Herrmannsburger ihre eigenen Missionsbemühungen in Kurdistan ab; man kümmerte sich jetzt um assyrische Flüchtlinge. Allerdings waren die Kurden damit nicht aus den Augen verloren, bestand doch bis 1931 eine Zusammenarbeit mit der «Lutheran Orient Mission»; mehrere Missionare wurden ausgesandt, um deren Arbeit unter den Kurden zu unterstützen, so Lazarus Jaure und das Ehepaar Bachimont, das für einige Zeit deren Arbeit in Kurdistan vorstand.

7. Die «Deutsche Orientmission» Die Deutsche Orientmission wurde 1895 von Johannes Lepsius gegründet. Ihr Ziel war die evangelistische Arbeit unter Muslimen. Als Sohn eines berühmten Ägyptologen in Berlin besass Lepsius ein natürliches Interesse am Nahen Osten. Am selben Tag aber, da die Mission gegründet wurde, brachen in Konstantinopel die ersten Massaker an den Armeniern aus. Lepsius änderte den Auftrag der Organisation, die nun vor allem den Armeniern Hilfe leisten sollte. Bald wurde er eine der führenden Figuren in Europa, die auf das Schicksal der Armenier aufmerksam machten und zum Handeln aufriefen. Das ursprüngliche Ziel der Mission unter Muslimen geriet dabei nicht in Vergessenheit, aber die erneuten Massaker an den Armeniern 1909 und 1915 bewegten ihn, seine Kraft weiterhin hauptsächlich für dieses Volk einzusetzen. So blieb nur wenig Zeit und Energie für Missionsprojekte unter Muslimen. Wichtig in unserem Zusammenhang ist, dass er zwei oder drei Missionare zu den Kurden sandte. 1902 wurde Detwig von Oertzen nach Khoi (Persien) geschickt, um dort die Leitung eines Waisenhauses für armenische Kinder zu leiten. Schon im darauffolgenden Jahr wurde ihm aber erlaubt, zusammen mit einem anderen Deutschen eine Erkundungsreise nach

8 Kurdistan zu unternehmen. Von Oertzen hatte schon immer gewünscht, unter Muslimen arbeiten zu können, und es erschien ihm sinnvoll, den Armeniern dadurch zu helfen, dass er ihren Feinden, den Kurden, das Evangelium predigte. So reisten sie südlich von Urmia nach Kurdistan hinein und besuchten nacheinander Saudschbulak, Hamadan, Kermanschah, Bisutun, Senneh (Sanandadsch) und Sakkis und erreichten im November 1904 wieder Urmia. Von Oertzen war auf der Reise beinahe an Typhus und einer schweren Lungenentzündung gestorben, doch in Urmia nahm sich ein amerikanischer Missionsarzt seiner an. Nach einigen Monaten war er soweit hergestellt, dass er nach Deutschland in den Heimaturlaub reisen konnte. Dort entschied die Missionsleitung, in Saudschbulak mit der Arbeit zu beginnen. In Deutschland lernte von Oertzen in dieser Zeit Juliette Huguenin-Virchaux kennen, und an ihrem Hochzeitsabend brachen sie gemeinsam nach Persien auf. Im Mai 1905 liessen sie sich als erste Ausländer in Saudschbulak nieder – aus Sicherheitsgründen nicht im arabischen Viertel, sondern im jüdischen. Obwohl sie dort mit einer Bibelstudiengruppe für die Christen begannen, war es das erklärte Ziel, die Muslime nicht durch erneuerte nestorianische, armenische oder andere Kirchen zu erreichen, sondern durch direkte Arbeit unter ihnen. In Mirza, der bereits einem deutschen Linguisten die Sprache beigebracht hatte, fand Detwig einen guten Sprachhelfer. Nach und nach übersetzte er einzelne Bibelverse und begann schliesslich am Markus-Evangelium in Mukri-Kurdisch zu arbeiten (arabische Schrift). Die Mission nahm an, dass dieser Dialekt von den meisten Stämmen in Zentralkurdistan verstanden würde. Verständlicherweise wurde von Oertzen nur zu bald beschuldigt, Mirza vom Islam abbringen zu wollen, doch konnten solche Probleme durch das Argument entkräftet werden, dass ihm dies nicht gelingen werde, wenn der Islam die Wahrheit sei. Um leichter Kontakt mit Muslimen zu finden, begann er zudem, öffentliche Diskussionsrunden zu verschiedensten Themen zu organisieren, wie etwa zum Alkoholproblem, zur Geographie oder der Situation der Frauen. Im Sommer 1906 erhielt das Ehepaar Verstärkung in der Person von Immanuel Dammen; er studierte orientalische Sprachen und hatte im Sinn, über ein grammatikalisches Problem des Kurdischen eine Dissertation zu schreiben und dann als Missionar mit den von Oertzens zusammenzuarbeiten. Schon nach wenigen Wochen litt er an einer schweren Gehirnentzündung und war erst Anfang 1907 wieder wirklich gesund. Kurz darauf wurde er in der Nacht vom 15. auf den 16. Februar von Kurden, die den lokalen Gouverneur in Schwierigkeiten bringen wollten ermordet! Eigentlich hatten es diese auf von Oertzen (den sie schwer verwundeten) abgesehen und Dammen irrtümlicherweise ermordet. Das Ehepaar harrte, von

9 Soldaten bewacht, noch einige Monate aus, verliess dann aber zusammen mit dem Sprachassistenten Saudschbulak. In Deutschland schlossen sie die Übersetzung des Markus-Evangeliums ab, das darauf im Verlag der Mission in Philippopel13 veröffentlicht wurde. Aus verschiedenen Gründen trennte sich von Oertzen danach von der Deutschen Orientmission und fand keine Gelegenheit mehr, unter Kurden zu arbeiten. Lepsius selber nahm 1910 mit von Oertzen an der Weltmissionskonferenz in Edinburgh teil, doch haben sich für sie daraus keine anderen Aktivitäten zugunsten der Kurden ergeben. Während des Zweiten Weltkrieges kamen schliesslich alle Projekte der Mission zum Erliegen, und 1965 wurde sie ganz aufgelöst.

8. Die Arbeit der «Lutheran Orient Mission Society» Mit der Lutherischen Orientmission begann in der Mission unter Kurden insofern eine neue, wichtige Etappe, als hier zum ersten Mal eine Mission gegründet wurde, die sich ausschliesslich die Arbeit unter Kurden zum Ziel gesetzt hatte. Dass es dazu kam, hatte verschiedene Gründe. Zum einen spielte die Person von L. O. Fossum eine ganz wichtige Rolle, eine entscheidende Bedeutung hatte aber auch die Missionskonferenz in Edinburgh.

a.) Edinburgh 1910 und die Folgen Wie immer man auch zur Weltmissionsbewegung steht, die Weltmissionskonferenz in Edinburgh 1910 bleibt ein markantes und in vielen Bereichen entscheidendes Ereignis. A. Johnston hat in seinem Buch «Umkämpfte Weltmission» zu Recht auf theologische und missiologische Schwachpunkte der Konferenz hingewiesen, doch ist Stephen Neill beizupflichten, wenn er betont, dass damals zum ersten Mal ausserhalb der katholischen Kirche die gegenseitige Absprache und Koordination der Mission zu einem wichtigen Anliegen wurde. Der «Statistical Atlas of Christian Missions» mit den Statistiken für 1907–1909 zeigte mit grosser Akribie auf, wer wo arbeitete, und ermöglichte so einen Überblick über die Situation der Weltmission. So erstaunt es nicht, dass an dieser Konferenz auch die Kurden als ein weitgehend unerreichtes Volk erkannt und dargestellt wurden: «In Vorderasien leben ungefähr 2.000.000 Kurden; ihre freiheitsdurstige, kriegerische Wesensart ist bekannt ... In Kurdistan 13

Die heutige Stadt Plovdiv in Bulgarien.

10 (1.000.000 persische Kurden und 1.500.000 türkische Kurden) wird die kurdische Sprache mit ihren zahlreichen Dialekten gesprochen ... erst ein Teil der Evangelien wurde übersetzt ... Grössere Bevölkerungsgruppen sind völlig unerreicht ... Weiter östlich ist das Dersim-Gebiet von nicht orthodoxen islamischen Kurden bewohnt und noch völlig unerreicht. Noch weiter östlich sind etwa 600.000 islamische Kurden ebenfalls unerreicht ...»14 So kam es, dass sich etliche Männer der Kurdenmission mit besonderem Interesse annahmen. Zwei Vertreter der lutherischen Kirche aus Deutschland waren Mitglieder jenes Komitees, das Gebiete, in denen noch niemand arbeitete, einzelnen Missionen zuwies. Im Verlaufe der Konferenz kam es in dieser Sache zu einem privaten Treffen von Dr. Robert E. Speer (Presbyterianer und damals einer der führenden Männer in der Weltmissionsbewegung), Pastor Maurer, Prof. Carl Roebblen (Vorsitzender der Herrmannsburger Mission), Rev. Hoghberg, John N. Wright (Vertreter der presbyterianischen Westpersien-Mission), sowie Dr. Lepsius und Pastor von Oertzen (Deutsche Orientmission). An dieser Zusammenkunft wurde beschlossen, dass die Lutheraner die Verantwortung für die Kurdenmission übernehmen sollten, und es scheint, dass diese Vereinbarung von der Konferenz ohne nähere Konkretisierung akzeptiert wurde. Fossum und Wee nahmen zwar an der Missionskonferenz teil, waren aber an dem privaten Treffen nicht dabei. Vor allem Fossum war über das Resultat enttäuscht: Es gab innerhalb der lutherischen Kirche auf Grund ihrer synodalen beziehungsweise landeskirchlichen Struktur niemanden, der für die Kirche als Ganzes hätte entscheiden können, und so blieb unklar, was man nun eigentlich unternehmen sollte.

b.) Die Missionsgründung In dieser Situation ergriff Fossum die Initiative. 1905/06 war er von norwegischen Lutheranern in den USA als Missionar zu den Nestorianern nach Urmia gesandt worden. Er arbeitete bis 1909 dort und bekam während dieser Zeit ein Anliegen für die Kurden. Von Edinburgh zurückgekehrt, nahm er mit verschiedenen interessierten Personen Kontakt auf und berief eine Konferenz zum Thema «Kurdenmission» ein. So trafen sich vom 8.–10.9.1910 neun Pastoren in Berwyn, Illinois, und gründeten die «Inter-Synodical Evangelical Lutheran Orient Mission». Zum Präsidenten wurde John Telleen gewählt, Fossum wurde als Missionar 14

John R. Mott: Carrying the Gospel: Report of Commission of the 1910 World Missionary Conference.

11 eingesetzt. Er sollte überdies zusammen mit Ph. Lamerdin, der zum Kassier gewählt worden war, eine Missionszeitschrift herausgeben, für die sie den Namen «The Kurdistan Missionary» wählten. Die erste (monatliche) Nummer erschien bereits im Oktober desselben Jahres. Schon beim Treffen in Edinburgh war man sich darüber einig gewesen, dass sich die Stadt Saudschbulak als Zentrum einer Kurdenmission eignen würde. Mahabad, wie der Ort heute heisst, liegt ungefähr 30 km südlich des Urmia-Sees im Iran. Es galt als eine der wenigen kurdischen Städte (150.000 Einwohner) und war von zahlreichen typischen Kurdendörfern umgeben. Die Kurden in der Stadt lebten vor allem vom Handel. Dort hatte die Deutsche Orientmission mit Detwig von Oertzen ja bereits einmal mit der Arbeit begonnen.

c.) Der Beginn der Missionsarbeit im Iran John N. Wright gab der neu entstandenen Mission aus seiner Erfahrung wertvolle Ratschläge für ihre Arbeit mit. Er betonte die Wichtigkeit von evangelistischer und medizinischer Arbeit und empfahl für Saudschbulak ein gutes Krankenhaus und Missionare, die dort öffentlich und privat Kranke und deren Angehörige betreuen würden. Dies sei um so wichtiger, da die allerwenigsten Kurden lesen könnten und es praktisch keine Literatur für sie gebe. Mit Schulen und Bildungsarbeit solle man zuwarten, bis sich eine christliche Gemeinde gebildet habe. Die ganze Arbeit solle so selbsttragend wie möglich gestaltet werden. Zum Schluss hob er die Bedeutung der Sprache hervor: Kurdisch müsse von Kurden gelehrt werden. nicht von Syrern, Türken oder Persern, und jeder Missionar solle verpflichtet werden, das erste Jahr fast völlig fürs Sprachstudium einzusetzen. Im Allgemeinen scheint die Mission diesen Ratschlägen gefolgt zu sein. Am 6. September 1911 trafen die ersten Missionare der Lutheraner in Saudschbulak ein und liessen sich im selben Haus nieder, in dem Dammen ermordet worden war. Zum Missionsteam gehörten Rev. L. O. Fossum, Rev. E. Edman mit seiner Frau (er war Chirurg und ausgebildeter Missionar) und die beiden Krankenschwestern Augusta Gudhart aus (dem von Russland besetzten) Polen und Meta von der Schulenburg aus Deutschland. Zeitweilig wurden sie zudem von Lazarus Jaure von der Herrmannsburger Mission unterstützt. Das Feld, das den Lutheranern in Edinburgh zugesprochen worden war, umfasste das Gebiet zwischen 34 und 40 Grad Nord und 36 bis 43 Grad Ost, doch die Mission verkleinerte und verschob es auf 34–38 Grad Nord und 42–47 Grad Ost.

12 Fossum nannte vier Gründe, weshalb Grund zur Hoffnung bestehe, dass Mission unter Kurden erfolgreich sein würde: • Der kurdische Charakter: Kurden seien warmherzig, schlössen schnell Freundschaften und seien loyal. Die Liebe Jesu würde grossen Eindruck auf sie machen. Als freiheitsliebende Menschen würde die Freiheit, die Christus bringt, von ihnen willkommen geheissen. Stark und mutig wie sie seien, würde der Charakter Jesu sie überzeugen. • Die Stellung der Frau sei besser als unter anderen Muslimen, Mann und Frau wären gleichwertig in Ehren gehalten und setzten sich für das gemeinsame Gut ein. Ein reines, heiliges Leben werde sie beeindrucken. • Die politische Situation würde Verfolgung erschweren, da die Kurden keiner Zentralmacht gehorchten und frei seien. Freundschaften würden immer stärker als Verfolgung sein und diese in Grenzen halten. • Kurden würden ohnehin des öfteren ihre muslimische Glaubensrichtung wechseln, so dass man hoffen dürfe, es werde kein allzu grosses Aufsehen erregen, wenn Kurden Christen würden. Fiel Hörnles Beurteilung der Kurden 75 Jahre früher äusserst negativ aus, findet sich bei Fossum eine überaus hoffnungsfrohe Einschätzung der Situation, die der Wirklichkeit allerdings ebenso wenig entsprach. Leider konnte die Arbeit nicht lange aufrecht erhalten werden; bereits 1909 war es zu russischen Interventionen in Persien gekommen, und am 1.11.1914 erklärte das Osmanische Reich Russland den Krieg. Im Januar 1916 stiessen russische Truppen in Armenien und Persien vor, und im selben Monat verliessen auch die Missionare, nach etwas mehr als viereinhalb Jahren, Saudschbulak, blieben erst für einige Zeit in Täbris und kehrten dann in die Vereinigten Staaten zurück. Doch während ihrer Zeit in Kurdistan war es in Saudschbulak zu einer Gemeinde von Kurden gekommen, hatten sie in gemieteten Häusern ein Hospital mit Ambulatorium eingerichtet, eine Missionsstation gebaut und ein Waisenhaus geführt. Was sie zurückliessen, wurde zerstört, allerdings nicht von den ansässigen Kurden. Zu ihnen hatten sie ein sehr gutes Verhältnis; als während des Krieges die Unterstützung aus den USA die Missionare zum Teil nicht mehr erreichte, wurden sie von den Kurden versorgt, und als die Rückkehr unumgänglich wurde, beteiligten sie sich an den dadurch entstehenden Kosten. Die Arbeit war nicht vergeblich gewesen: Tausende hatten Teile des Evangeliums gehört, und die Missionare brachten ein kurdisches Alphabet, eine Lesefibel, eine Grammatik, das Neue Testament (publiziert wurden nur die Evangelien), Luthers Kleinen Katechismus in Kurdisch, eine Liturgie, ein Gesangbuch mit 100 Liedern und ein englischkurdisches Wörterbuch, alles Arbeiten von Fossum, mit nach Hause –

13 und sie waren zuversichtlich, dass sie nach Persien zurückkehren würden. Die Zwischenzeit nutzten sie für Missionsveranstaltungen in den Vereinigten Staaten.

d.) Ein schwieriger Neubeginn Am 19. November 1919 verliessen L. O. Fossum und seine Schwester A. Fossum (Krankenschwester) mit Miss H. Schonhood (Lehrerin) New York, um erneut in Kurdistan zu arbeiten. In Eriwan (Armenien) schloss sich ihnen das Ehepaar Bachimont (Herrmannsburger Mission) aus dem Elsass an. Allerdings war es ihnen nicht möglich, sofort mit der Missionsarbeit zu beginnen. Sie traten statt dessen in den Dienst des «Near East Relief» ein, wo Fossum bald Verantwortlicher für den Bezirk Eriwan wurde. 1920 starb er an Erschöpfung (nach einem Nervenzusammenbruch) auf einer Reise; er hatte sie unternommen, um zwischen Tataren und Kurden zu vermitteln. Sein Tod bedeutete einen schweren Schlag für die Mission und fiel mit einer ohnehin schwierigen Situation zusammen. Rev. G. H. Bachimont trat die Nachfolge als Missionsleiter an, und im Mai 1921 waren erneut Missionare in Saudschbulak tätig. Man versuchte vor allem, kurdische Waisenkinder aufzunehmen und zu betreuen, doch erwies sich dies sowohl rechtlich wie auch praktisch als sehr schwierig, da die Kinder begehrte Arbeitskräfte waren. Bachimont arbeitete zudem an einer Übersetzung der Genesis, die allerdings unvollendet blieb und nie publiziert wurde. Schon nach kurzer Zeit, im Oktober 1921, wurde die Missionsstation überfallen. Ein kurdischer Stammesführer, Ismail Simko, plünderte mit seinen 2000–3000 Männern des Schikak-Stammes Saudschbulak, das von etwa 600–800 Persern verteidigt worden war. Kaum einer von ihnen überlebte, und auch die Missionare verloren alles. Rev. Bachimont wurde in seinem Büro erschossen – am Sonntag zuvor hatte er seine erste Predigt in Kurdisch gehalten. Es scheint sich dabei allerdings mehr um Auswüchse der plündernden Truppen als um einen bewussten Anschlag auf die Mission gehandelt zu haben. Als die übrigen Missionare (A. Fossum, H. Schonhood, A. Gudhart, Mrs. Bachimont und Javahir mit vier Kindern) auf der Flucht Simko begegneten, stellte er einen Offizier zur Verfügung, der sie an einen sicheren Ort eskortierte. Bachimont wurde auf dem armenischen Friedhof, neben Dammens Grab, beerdigt. Zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit hatten die Missionare ihren Leiter verloren. Während zwei weiterer Jahre blieb die Arbeit unmöglich, bis die Station am 9. Januar 1924 unter der Leitung von Dr. H. Schalk (bis 1927) aus Danzig wieder eröffnet wurde.

14 Dieselben Missionarinnen, die bis 1921 in Saudschbulak gearbeitet hatten, standen ihm zur Seite, ergänzt von zwei Einheimischen, einem Arzt und einem Evangelisten. Auch der Schulbetrieb wurde wieder aufgenommen; der Bericht über das Jahr 1924 erwähnt 19 Schüler aus vier Nationen – Perser, Armenier, Syrer und Kurden. Die Rezessionszeit während der 30er Jahre und der Zweite Weltkrieg beeinflussten die gesamte Missionsarbeit im Nahen Osten. Die Nachrichten werden auch bezüglich der Lutherischen Orientmission spärlicher, und es wird nicht deutlich, wie viele Missionare während dieser schwierigen Jahre in der Gegend blieben. Zumindest Clarence Mueller, ein unverheirateter Evangelist, war von September 1935 bis August 1946 «auf dem Feld», wohl in Arbil15. Schon 1929 war von Aufständen unter den Kurden zu hören; 1927 waren die türkischen Ostprovinzen abgeriegelt worden, und 1931 kam es im Barzan-Gebiet16 zu einem Aufstand. 1935 richtete die persische Regierung im Urmia-Tal ein grosses Armee-Übungsgelände ein und bat alle Ausländer, die Gegend zu verlassen. Nebst den Lutheranern waren auch die Presbyterianer betroffen. Die Regierung schlug vor, mit der Arbeit ca. 60 km östlich fortzufahren, aber dort gab es nur verstreut Kurden. Diese hätten wohl die Anwesenheit der Missionare begrüsst, aber die Mission beschloss, ihren Zielen treu zu bleiben, und wechselte in die kurdischen Gebiete Iraks (unabhängig seit 1930).

e.) Die Arbeit im Irak Im Irak wurde Arbil als Zentrum für eine neue Arbeit gewählt. Leiter war Clarence Mueller (bis August 1946), der einen guten missionarischen Kontakt zu den Leuten besass und auch von Regierungsseite sehr geschätzt wurde. Unterstützt wurde er von Henry und Margaret Mueller, die allerdings den Nahen Osten schon 1936 verliessen. Wie die Missionare in dieser neuen Pioniersituation den Zugang zur Bevölkerung fanden, wissen wir nicht mehr genau; fest steht aber, dass sie sehr früh einen öffentlichen Leseraum einrichteten und so versuchten, mit am Glauben interessierten Menschen in Kontakt zu kommen. Gleich nach dem 2. Weltkrieg hatte die Missionsleitung beschlossen, ihre Arbeit im Irak einer gründlichen Überprüfung zu unterziehen. Dr. P. Harrison, ehemaliger Missionsarzt der United Mesopotamia Mission, wurde damit beauftragt, folgende Punkte zu untersuchen: – die strategische Position Arbils für die Arbeit der Mission 15

Zur Zeit das Verwaltungszentrum des kurdischen Nordirak. Im heutigen Nordirak.

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15 – die gegenwärtig geleistete Arbeit in Arbil – offene Türen und vorhandene Bedürfnisse im Raum Arbil – empfehlenswerte kurzfristige Ziele – mögliche Erweiterung und Optimierung der Arbeit – Möglichkeiten der Mission in Kurdistan überhaupt. Harrison drückte in seinem Bericht (November 1945) Anerkennung für die geleistete Arbeit aus und erwähnte auch das gute Verhältnis, das zu den lokalen und selbst zu den Regierungsbehörden bestand. Gleichzeitig plädierte er für Veränderungen: Aufgrund der Öffnung zur Moderne, die er im Irak feststellte, empfahl er, die Station Arbil zu erweitern, da er in dieser Stadt ein aufblühendes Zentrum sah. Möglichst rasch sollten drei Ehepaare ausgesendet werden, von denen eines in der ländlicheren Umgebung Arbils arbeiten sollte. Wieder wird die medizinische Arbeit als wichtig beurteilt und der Bau eines Hospitals vorgeschlagen, zumal auch die Regierung dies unterstützen würde (selbst die Anmerkung, dass damit ein evangelistisches Ziel mitverfolgt werde, schreckte offenbar nicht ab). Ein erstes Resultat dieses Reports war die verstärkte Suche nach Missionskandidaten. Seit 1946 waren keine ausländischen Missionare mehr in Arbil. Sadiq Schammi, ein jesidischer Kurde aus dem nördlichen Teil des irakischen Kurdistans, leitete inzwischen dort die Station. Er war von zwei lutherischen Missionarinnen, die in seiner Gegend arbeiteten, zum Glauben geführt worden und wurde Evangelist und Lehrer der Lutherischen Orientmission. Daneben hatte er ein Anliegen für die Literaturarbeit und bezog von der Bibelgesellschaft in Bagdad Bibeln für den stationseigenen Buchladen. Im März 1948 stiess dann das Ehepaar Agerstrand aus den USA zu ihm, allerdings nur für 8 Monate, und danach dauerte es bis 1950, ehe sich neue Kandidaten meldeten. Es waren dies die Ehepaare Klein und Schlossin (beide je ausgebildeter Missionar und Krankenschwester), von denen allerdings ein zusätzliches Jahr an Ausbildung erwartet wurde, bevor sie ausreisen durften. Ob sie das jemals taten, ist unklar. Ein neues Problem machte sich nämlich in den 50er Jahren immer stärker bemerkbar: Es fehlte an den finanziellen Mitteln. Die Missionsleitung bemühte sich stark darum, die Zahl der Missionsfreunde wachsen zu lassen, aber die Gaben reichten nicht für die Arbeit, die getan werden sollte. 1951 und 1954 versuchte die Mission, von dem «American Lutheran Church Mission Board» beziehungsweise vom «Evangelical Lutheran Church Mission Board» als offizielles Mitglied akzeptiert zu werden, aber beide Organisationen sahen sich ausserstande, zusätzliche Verpflichtungen anzunehmen. Die Sorgen blieben. Immerhin konnte die Mission Clarence Mueller, einen ehemaligen Mitarbeiter, wieder für die Arbeit gewin-

16 nen. 1952 nahm er die Arbeit in Arbil auf, wo Schammi immer noch eine kleine Gemeinde leitete. Leider fand Mueller es sehr schwierig, mit ihm zusammenzuarbeiten. Es scheint, dass er überzeugt war, dass Einheimische nie auf gleicher Stufe wie Missionare stehen sollten. Ihr Teil war das Dienen und das Ausführen von Anweisungen, nicht aber das Mitentscheiden. Dass Mueller es nicht nötig fand, Kurdisch zu lernen, verschlimmerte die Situation noch zusätzlich. Neue Hoffnung schöpfte die Missionsleitung, als Henry und Margaret Mueller, ebenfalls zum zweiten Mal, bereit waren, in den Irak zu gehen. Ihre Arbeit dort, bis 1936, war sehr geschätzt worden, und überdies erklärten sich zwei Kirchen bereit, einen beträchtlichen Teil ihrer Unterstützung zu übernehmen. Ermutigt durch diese Entwicklung wurden auch andere Missionare berufen: Earl C. Erickson mit Familie und John Dale Gilmore. Für einige Jahre fehlen die Akten der Mission, doch es scheint, dass die Arbeit langsam wuchs und Fortschritte machte. Zwei neue kleine Aussenstationen konnten in Mosul und Schaqlawah (etwa 30 km nordöstlich von Arbil) eröffnet werden. Auch Suleimaniya, weiter im Süden, wurde hin und wieder besucht. Es war wohl in dieser Zeit, dass auch der Sohn von Henry Mueller, Philip, mit seiner Familie für einige Jahre im Irak mitarbeitete. Schlechte Nachrichten kamen nur zu bald: Mitten in ihrer Aufbauarbeit und ohne Vorwarnung erhielten sie am 8. Januar 195917 von den neuen irakischen Machthabern den Befehl, das Land zu verlassen. Eine offizielle Begründung gab es nicht, Anklage wurde nicht erhoben, doch in den Augen der Revolutionsregierung waren die Missionare in dem Sinne schuldig, dass sie unter den Kurden gelebt und deren Freunde geworden waren. Damals wie heute befürchtete man das Entstehen eines unabhängigen Kurdistans. Schammi und seine Frau beschlossen zu bleiben, selbst auf die Gefahr hin, umgebracht zu werden. Die ausländischen Missionare, mindestens sieben, reisten nach Beirut und erhielten dort von der Mission den Vorschlag, in den Iran zurück zu wechseln. Das hatten sie selbst schon untereinander und mit anderen Missionaren, die im Iran arbeiteten, diskutiert. Sie waren bereit.

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Am 14. Juli 1958 war der irakische König Feisal II. anlässlich eines Staatsstreichs der Armee unter General Kassem ermordet worden. Feisal II. hatte den Irak seit 1939 regiert und eine pro-westliche Politik verfolgt.

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f.) Zurück im Iran (bis 1979) Eine Schlüsselfigur im Wechsel nach Iran wurde Dr. R. Gardiner. Er kannte den Iran aus seiner Zeit dort als Offizier der Britischen Armee und war die geeignete Person, um in dieser Situation weiterzuhelfen. 1959 reiste er zusammen mit Henry und Clarence Mueller in den Iran, um die Lage zu beurteilen. Damals hatten die Presbyterianer im Iran ein Hospital schliessen müssen, und Gardiner war überzeugt, es müsste möglich sein, an einem anderen Ort ein neues zu eröffnen als «Ort, um Körper und Seele zu heilen». Nach langen Diskussionen um verschiedene mögliche Orte empfahl Gardiner die Stadt Gorveh, nahe der irakischen Grenze, was sowohl von der Missionsleitung als auch vom iranischen Sicherheitsdienst akzeptiert wurde. Es gelang, dort zwei Hektar Land für 99 Jahre zu pachten. Doch wieder einmal wurde das Geld zum Problem. Hatte man ursprünglich gehofft, das Hospital für 60.000 $ bauen und ausrüsten zu können, so wurde bald klar, dass die Pläne zu unsorgfältig gemacht worden waren und die Summe bei 140.000 $ liegen würde. Trotz aller Probleme konnte das Krankenhaus im Februar 1965 eröffnet werden. Schon 1963 war P. E. Bungun ausgesandt worden, um Gardiner zu unterstützen. Doch die Situation blieb kritisch; im September war Gardiner bereit, die Sache aufzugeben und die Regierung zu bitten, das Hospital zu übernehmen. Es gelang zwar, die wichtigsten Fragen zu regeln, die Finanzen einigermassen in Ordnung zu bringen und die Gebäude fertigzustellen, aber Gardiner war der einzige Arzt, der zur Verfügung stand. Nach iranischem Gesetz musste jedoch jedes Krankenhaus rund um die Uhr einen Arzt stellen, und so kam es, dass Gardiner während langer Perioden sieben Tage pro Woche arbeitete, ohne über eine wirkliche Ablösung zu verfügen. Für kurze Zeit erhielt er Unterstützung: Remedios Berino, eine philippinische Ärztin, und Lennox Amow, unterstützt von einer iranischen Ölgesellschaft, brachten eine willkommene Entlastung. Zum ersten Mal war wirklich genug Personal für den medizinischen Betrieb da. Streitereien über Kompetenzen beendeten diesen Abschnitt nur zu rasch, und Gardiner war wieder allein. Auch unter den Krankenschwestern tauchten Probleme auf; da sie von verschiedensten Gruppen unterstützt waren, bezogen sie Gehälter von sehr unterschiedlicher Höhe, nicht immer entsprechend ihrem tatsächlichen Ausbildungsstand. Manche leisteten nur Kurzzeiteinsätze und waren nicht bereit, die Sprache zu lernen. Inmitten von alledem überlebten die Gardiners nicht nur, sondern schafften es, das Krankenhaus funktionstüchtig zu halten, auch wenn dies bisweilen bedeutete, Rechnungen vom eigenen Gehalt zu bezahlen. Was gab ihnen die Kraft? «Er hatte eine zutiefst missionarische Gesinnung. Er hatte sein Leben seinem Herrn zur

18 Verfügung gestellt und wich nicht davon ab. Für ihn gab es keinen anderen Platz. Er war überzeugt, dass das Evangelium den Kurden erzählt werden muss und dass medizinische Arbeit der beste Weg dazu sei ...»18 Zu Hause, in den Staaten, hatte die Mission ihren ersten vollzeitlichen Sekretär eingestellt, Charles Puls, einen wirklich fähigen Mann. Missionarische Vision verband sich bei ihm mit einem gesunden Sinn für Management. Ihm war klar, dass eine unbekannte Missionsgesellschaft immer zu wenig Geld haben würde, und machte sich energisch daran, dies zu ändern. Einzelnen, Gruppen und Gemeinden wurde die Möglichkeit geboten, für ganz bestimmte, begrenzte Aufgaben Mitverantwortung zu tragen, die Arbeit eines einzelnen Missionars kennen zu lernen und zu unterstützen. Mission wurde wieder eine persönliche Sache und nicht ein nebensächlicher Punkt im Jahresbudget der Kirchen. Doch einmal mehr sollten politische Veränderungen alle Pläne zunichte machen. Der Schah hatte Missionen und Missionare grosszügig willkommen geheissen. Missionsstationen halfen alleine durch ihr Vorhandensein seinem Ziel von moderner Erziehung, verbessertem Gesundheitswesen und westlicher Ausrichtung. Vor allem die ländlichen Gegenden mit ihrer schlechten Versorgung sollten davon profitieren – und eben dort taten ja viele Missionare ihren Dienst. In den Augen der Ayatollahs allerdings waren sie Erzfeinde einer Gesellschaft, die vom Islam geprägt sein sollte. Alle Ausländer, die irgendwie mit dem Christentum in Verbindung gebracht werden konnten, hatten das Land nach der Revolution von 1979 (Sturz des Schahs) zu verlassen. Gardiner hoffte bis zuletzt, bleiben zu können, aber es erwies sich als unmöglich. Erst schickte er seine Familie voraus, dann ging er selbst. Das Hospital in Gorveh wurde am 21. März 1980 vom iranischen Gesundheitsministerium übernommen.

9. Die Situation im Irak und das Ende der Arbeit unter Kurden Auch die Situation im Irak war wenig erfreulich. Als die Missionare das Land verlassen mussten, war es wieder Schammi, der die Arbeit treu weiterführte, so gut es ging. Er besass nur wenig Schulbildung und hatte nie irgendeine theologische Ausbildung genossen. Seine Bibliothek bestand aus den 66 Büchern der Bibel, die er sorgfältig, aber ohne jede zusätzliche Hilfe durch einen Lehrer oder andere Schriften studierte. Er predigte, gab biblischen Unterricht, machte Hausbesuche und führte ne18

Jensen, Appendix, S. 79; Übersetzung durch den Autor.

19 benbei einen kleinen Buchladen. Seine Frau unterwies Mütter in Säuglingspflege und half mit, wie und wo sie konnte. Gebetstreffen stärkten die Gemeinschaft untereinander; die Zahl der Gottesdienstbesucher wuchs – Mitte der 60er wird die «Mitgliederzahl» mit etwa 75 angegeben. Die Mission unterstützte ihn weiterhin, doch oft erreichten ihn die Mittel nicht, da der Staat wenig Interesse an derartigen ausländischen «Einmischungen» hatte. 1968 beschloss die Missionsleitung, für Schammis Gemeinde ein Gemeindezentrum zu kaufen; innerhalb von 30 Jahren hatten sie den Gottesdienst- und Unterrichtsraum etwa 15-mal wechseln müssen. Überhaupt war das Gemeindeleben unter den wachsamen Augen der Muslime und einiger Regierungsbeamter sehr schwer aufrechtzuerhalten.19 Andere Probleme konnten nie zufriedenstellend gelöst werden. Aus welchen Gründen auch immer: Die Missionare hatten es versäumt, Schammi auszubilden; die Gemeinde hatte deswegen nie einen einheimischen ordinierten Pastor und konnte gemäss der lutherischen Kirchenordnung das Abendmahl nicht feiern. Es gelang auch nicht, eine Gemeinde zu formen, die sich einigermassen selbständig hätte tragen können, nicht zuletzt deswegen, weil sie vor allem aus Kindern und nur wenigen Erwachsenen bestand. Als einer, der selbst nie eine wirkliche Ausbildung bekommen hatte, war auch Schammi nicht imstande, selber andere zum Dienst anzuleiten. So kam es, dass niemand da war, der die Arbeit hätte weiterführen können, als er sie nach mehr als 30 Jahren aus Altersgründen aufgeben musste. Was mit grossem Eifer in den 50er Jahren begonnen worden war, fand auf diese Weise ein trauriges Ende. Niemand weiss, was danach geschah, denn zur selben Zeit, als die Missionare den Iran verlassen mussten, ging auch der letzte Kontakt mit dem Irak verloren. Damit hat die Geschichte der Lutheran Orient Mission unter den Kurden ein zumindest vorläufiges Ende erreicht. 1979 wurde Dr. C. Zeidler zum neuen Missionsleiter gewählt und mit der Aufgabe betraut, neue Missionsfelder ausfindig zu machen. Pakistan, Bangladesch und für kurze Zeit Ägypten waren das neue Tätigkeitsgebiet der Mission – Länder, in denen Kurden keine Rolle spielen.

10. Die Situation heute Es scheint so, dass nach dem Ende der Missionstätigkeit der Lutheran Orient Mission für etliche Jahre keine Mission ein besonderes Anliegen für die Kurden hatte. Eine Ausnahme bilden hier nur die Wycliff-Bibel19

Im Juli 1968 putschte sich die sozialistische Baath-Partei an die Macht.

20 übersetzer, die Mitte der 70er Jahre ausserhalb des kurdischen Sprachgebietes begannen, einen kurdischen Dialekt zu lernen, um später eine Bibelübersetzung beginnen zu können. Andere Missionen begannen sich Ende der 80er Jahre ebenfalls um Kurden zu kümmern, vornehmlich in Nord- und Mitteleuropa, wo viele Kurden als Gastarbeiter oder Asylanten leben. Der Zweite Golfkrieg 1991 hatte zunächst einmal verheerende Auswirkungen für die Kurden im Irak, führte aber im Anschluss daran zu einer mehr oder weniger autonomen Region unter dem Schutzschild der alliierten Mächte (USA, England, anfänglich auch Frankreich). Damit wurde zum ersten Mal seit langer Zeit wieder ein kurdisches Gebiet für Ausländer zugänglich. Christen nahmen vorwiegend im Rahmen von Hilfswerken verschiedene Möglichkeiten zum Zeugnis unter Kurden wahr. Bis 1996 konzentrierte sich diese ausländische christliche Präsenz vor allem in Zacho, wo auch ein amerikanisches Militärkommando stationiert war. Als dieses schliesslich über die Grenze in die Türkei abzog, verliessen viele christliche Werke den Nordirak, und nur einige wenige führten ihre Arbeit fort. Der Zusammenbruch der Sowjetunion veränderte die Lage der Kurden vor allem in Armenien und Georgien. Einerseits konnten kurdische Gläubige (praktisch ausschliesslich aus jesidischem Hintergrund) ihren Glauben plötzlich viel freier leben und bekennen, andererseits führte ein neuer Nationalismus und die allgemein schlechte Wirtschaftslage in diesen Ländern dazu, dass sich die kurdischen Minderheiten weit über die ehemalige Sowjetunion zerstreuten. Davon waren auch Gläubige stark mitbetroffen. In der Türkei ist die Kurdenfrage seit Gründung der Türkischen Republik 1923 ein heikles innenpolitisches Thema. Insgesamt wächst die Zahl der türkischen evangelikalen Gemeinden trotz ihrer gesetzlich ungeklärten Situation kontinuierlich, sie sind aber in den weitgehend ländlichen Gebieten im Südosten des Landes noch relativ selten. Dass Kurden sich in Kurdisch zu Gottesdiensten treffen könnten, gilt auch unter türkischen Christen zur Zeit als undenkbar und wird nicht angestrebt. Aus dem Iran und Syrien sind die Nachrichten über Kurden generell sehr spärlich, und dies trifft auf Christen unter ihnen noch viel stärker zu. Nicht nur für die Arbeit unter den Kurden im Nahen Osten, sondern auch für diejenige unter Kurden im Westen ist wichtig, dass das Neue Testament inzwischen in zwei Dialekten vorliegt (Sorani / Irak; Kurmandschi / ehemalige Sowjetunion). Das Neue Testament für Kurmandschi-Sprecher in oder aus der Türkei steht vor dem Abschluss. In einem weiteren Dialekt soll es dank einer computerunterstützten Adaptation möglicherweise schneller als üblich zur Verfügung stehen. Der Jesusfilm ist in alle fünf

21 Hauptdialekte synchronisiert worden, in einzelnen gibt es darüber hinaus Audio-Kassetten, Traktate oder andere Schriften.20 Trotz allem ist es weiterhin so, dass die Kurden im Nahen Osten (und gleichermassen in Europa) ein weitgehend unerreichtes Volk sind. Die Zahl der Missionare, die einen der kurdischen Dialekte sprechen, ist verschwindend klein. Es bleibt vieles zu tun, und zahlreiche Beter und Mitarbeiter sind noch nötig, bis nicht nur einige wenige, sondern viele Kurden von Gottes guter Nachricht für sie hören: Jesus Christus.

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20

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