Das Leben nach der Kohle

Das Leben nach der Kohle

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Das Leben nach der Kohle Von Sabine Kall Die Autorin arbeitet als Journalistin in Remscheid.

Foto: Jürgen Seidel

Feuerwehrmann Buschfeld: Die Skill-Datenbank half bei der Jobsuche.

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Allein in den letzten sechs Jahren sind im deutschen Steinkohlenbergbau mehr als 40 000 Arbeitsplätze weggefallen. Mit Milliardensummen und Instrumenten, die sich wie eine Vorlage für das Hartz’sche Fördern und Fordern lesen, gelang es, die Folgen des Strukturwandels zu lindern.

. Rauchende Schlote, surrende Fördertürme, krachende Stahlpressen – diese Zeiten sind im Ruhrgebiet passé. Der Bergbau, der früher das Gesicht und den Charakter der Region geprägt hat, hängt heute am Tropf öffentlicher Subventionen. Bitter für die Beschäftigten, die noch ihren Arbeitsplatz bei der Deutschen Steinkohle (DSK) AG haben und Tag für Tag einfahren, um Kohle zu fördern, aus Lagerstätten, die bis zu 1 500 Meter unter der Erde liegen. Die DSK ist eine Tochter der RAG AG – der alten Ruhrkohle, die sich längst auch auf neuen Märkten umsieht. Die Steinkohle ist ein Sorgekind geworden: Wegen der schwierigen Bedingungen beim Abbau ist sie auch auf dem heimischen Markt nur durch öffentliche Beihilfen konkurrenzfähig: Eine Tonne aus deutscher Produktion kostet rund 100 Euro mehr als die Importware.

Es gibt ihn – den anderen Kohlenpott Das Unternehmen, der Betriebsrat und die Gewerkschaft haben sich darauf verständigt, den unvermeidlichen Personalabbau gemeinsam zu bewältigen. Von insgesamt rund 84 000 Beschäftigten, die die DSK im Jahr 1997 hatte, ist eine Belegschaft von rund 42 000 übrig geblieben, 4 000 weitere Mitarbeiter stecken in Qualifizierungsinitiativen (Stand Mai 2003). In den nächsten zwei Jahren müssen noch einmal knapp 6 500 Bergleute gehen, anvisiert ist eine Beschäftigtenzahl von 36 000 im Jahr 2005. Der Kohlekompromiss aus dem Jahr 1997 sieht vor, die öffentlichen Kohlebeihilfen bis dahin um mehr als die Hälfte zurückzufahren. Aber wohin soll man mit den Menschen? Vogelgezwitscher, eine leichte Brise und rauschende Bäume – das ist die Kulisse des historischen Schiffshebewerkes Henrichenburg am Rhein-Herne-Kanal. Als das Bauwerk, das einen Höhenunterschied von 14 Metern überwindet, im Jahr 1899 eingeweiht wur-

de, kam der Kaiser persönlich – heute ist es ein Industriedenkmal von europäischem Rang. Mitten in dieser Idylle hat der Ex-Bergmann Claudius Kalka seine Existenz gegründet: als Eigner des Ausflugsschiffes „Henrichenburg“. Nach 20 Jahren unter Tage hat sich der ehemalige Reviersteiger selbstständig gemacht. Schon seit vielen Jahren hat er mit dieser Idee geliebäugelt – nun hat er tatsächlich den Schiffsführerschein gemacht. Ausgerechnet sein alter Arbeitgeber hat ihm geholfen, einen Traum zu erfüllen – die RAG Bildung, ein Tochterunternehmen der RAG, koordiniert die Umschulungen der früheren Mitarbeiter und berät dabei auch Existenzgründer. „Ohne diese Beratung und Qualifizierung hätte ich den Schritt nicht gewagt“, sagt Kalka. In einem Seminar, das drei Monate dauerte, hat er sich rundum fit gemacht – in Buchhaltung, Steuern und Versicherungsfragen. Während dieser Zeit bekam er sein Gehalt weiter – das Arbeitsamt und die DSK kamen je zur Hälfte dafür auf. Das gab ihm Sicherheit: „Ich konnte bei der DSK bleiben, bis ich das passende Schiff gefunden hatte.“ Im Dezember 2002 hat er dann seine Kündigung unterschrieben. „Oft habe ich einen 10-, manchmal auch einen 18Stunden-Tag. Da musste ich mich schon umstellen.“ Von geregelten Schichten hat er sich verabschiedet. Dafür ist er nun sein eigener Kapitän. Wie gut sein Ausflugsschiff angenommen wird, kann er noch nicht abschätzen – aber er ist optimistisch. Zu tun hat er bereits jetzt schon eine Menge: Neben den Linienfahrten organisiert er Charterfahrten mit Geburtstagsfeiern oder auch Polterabende.

Vom Bergmann zum Feuerwehrmann Es gibt eine Vereinbarung, wonach betriebsbedingte Kündigungen bei der DSK bis zum Jahr 2005 zu vermeiden sind. Dazu wurde ein Programm mit einer Fülle von personalpolitischen Instrumenten

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ren bei der freiwilligen Feuerwehr tätig. So erhielt er das Angebot, bei der Flughafenfeuerwehr im neuen Airport Niederrhein, nahe der niederländischen Grenze, anzufangen. Zusammen mit 13 Kollegen absolviert er seit Januar die Umschulung für die Flughafenfeuerwehr: Flugzeugbrandbekämpfung, Atemschutz, Sprechfunklehrgang. „Die Ausbildung ist in die normale Arbeit integriert“, erläutert Claus Buschfeld. Während der einjährigen Umschulung erhalten auch die angehenden Feuerwehrleute Unterhaltsgeld vom Arbeitsamt, die DSK stockt die Differenz zum früheren Gehalt auf. Sogar der neue Arbeitsvertrag ist ihnen sicher. „Wir haben eine mündliche Zusage, dass wir alle übernommen werden“, freut sich Claus Buschfeld. Er ist schon jetzt stellvertretender Leiter der Flughafenfeuerwehr. „Ich bin stolz, hier zu arbeiten“, sagt er, „wir sind wir von Anfang an dabei und bauen den Flughafen mit auf.“ Ihm gefällt es, dass er jetzt mehr Verantwortung als früher hat. Für ihn steht fest, dass er es wieder so machen würde. Seine Bilanz ist kurz und knapp: „Die Kameradschaft ist geblieben, wie unter Tage, nur der Dreck ist weg.“ Sich umstellen und Verzicht leisten, das aber musste auch er: Früher war sein Arbeitsplatz nur dreizehn Kilometer entfernt, jetzt muss er jeden Tag 84 Kilometer fahren. Auch der Ruhestand wird sich für ihn nach hinten verschieben: „Für mich wäre mit 53 Jahren Schluss gewesen, jetzt muss ich bis 65 arbeiten.“

Bis 2005 ist alles geregelt – und dann?

Kapitän Kalka: Seit Jahren träumte er vom eigenen Schiff.

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aufgelegt – Hilfe bei der Existenzgründung ist nur eine Möglichkeit, den Personalabbau sozialverträglich zu gestalten. Der Gang in die Arbeitslosigkeit soll verhindert werden, wo immer es geht: DSK-eigene Personalvermittler akquirieren Jobs und laden die Bergleute zu Gesprächen ein, motivieren sie, sich nach etwas Neuem umzusehen – die Palette reicht vom Altenpfleger über Landschaftsgärtner bis hin zum Wirtschaftsberater. Die Wahl will gut überlegt sein: Wenn ein Bergmann sich für einen neuen Beruf entschieden hat, muss er das Unternehmen verlassen. Eine Rückkehr ist ausgeschlossen. Nach 20 Jahren bei der DSK hat sich auch Claus Buschfeld damit angefreundet, einen anderen Beruf auszuüben. Das passende Angebot für den Energieanlagenelektroniker konnte über den „Jobexplorer“ ermittelt werden – in dieser Datenbank werden alle DSK-Beschäftigten mit ihrem Profil erfasst, auch mit ihren außerberuflichen Qualifikationen. Ein Treffer für Claus Buschfeld: Er ist seit 21 Jah-

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„Alle Regelungen enden 2005. Niemand weiß, was dann kommt!“, sagt Jörg Buhren-Ortmann, der Betriebsratsvorsitzende im Bergwerk Lohberg/Osterfeld: „Viele Kollegen glauben immer noch, dass alles weitergeht wie bisher und sie mit 53 ausscheiden können.“ Er sieht rot, wenn er dieses Argument hört – längst hat er es sich zur Aufgabe gemacht, neue Jobs zu finden und an Kollegen zu vermitteln. Beim Düsseldorfer Flughafen ist ihm das gelungen oder bei Mercedes: „Solange die Konjunktur lief, waren das fast Selbstläufer. Jetzt wird es schwieriger. Aber die Arbeitgeber bevorzugen weiterhin Leute, die noch im Beschäftigungsverhältnis stehen.“ In diesem Sommer sollen Gespräche für die Zeit nach 2005 beginnen, aber Superminister Clement, so hört man, hat noch keine festen Termine gemacht. Also geht es weiter mit motivierenden Gespräche, Jobbörsen und Positiv-Beispielen im Mitarbeitermagazin, die den Kumpels den freiwilligen Wechsel in andere Berufe nahe legen. Jetzt wurden auch Änderungskündigungen möglich – der alte Arbeitsvertrag wird aufgelöst, um einen neuen mit anderen Arbeitsbedingungen anzubieten. Der Betriebsrat trägt dieses Druckmittel genauso mit wie die Gewerkschaft: „Manchem Kollegen muss man deutlich machen, dass er sich in einer solchen Solidargemeinschaft nicht ausruhen kann, auch in seinem eigenen Interesse“, sagt Alfred Geißler,

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Landesbezirksleiter der IG BCE in Westfalen. Und weiter: „Wir müssen gemeinsam daran arbeiten, dass der Steinkohlebergbau 2005 nur noch 36 000 Arbeitsplätze hat, sonst brauchen wir über die Zeit danach nicht mehr ernsthaft nachzudenken.“ Im Jahr 2005 werden das Land, die Bundesrepublik und Brüssel gemeinsam nur noch etwa 2,5 Milliarden Euro Beihilfen bereitstellen. Geißler erklärt: „Wenn wir damit nicht auskommen, fliegt der Laden auseinander.“ Die Erfolgsquote bei den Qualifizierungen liegt bei etwa 80 Prozent. Noch beliebter als die Umschulung ist das Instrument der Einarbeitungsqualifizierung, auch Handwerks-Initiative (HWI) genannt: Dabei können die Beschäftigten bei vollem Gehalt für ein halbes Jahr lang ein „Schnupperpraktikum“ absolvieren. Wenn es nicht funktioniert, behalten sie ihren Arbeitsplatz bei der DSK. Wenn sie wechseln, endet das Arbeitsverhältnis, und die DSK packt noch eine Abfindung drauf.

bin. Die sahen sich auf der sicheren Seite. Heute ist das umgekehrt.“ Sein Leben, sagt er, sei „komplett durcheinander gewirbelt worden.“ Er musste sich auf neue Arbeitsrhythmen einstellen, jeden Tag hat er andere Menschen um sich. „Das war eine Umstellung – schließlich hatte ich früher jeden Tag mit den gleichen Kollegen zu tun.“ Seine Einsatzbereitschaft hat sich gelohnt: Nach vier Jahren ist er nun Teamleiter und trägt Verantwortung für 27 Leute.

Die letzten Zechen Zehn Steinkohlezechen gibt es noch in Deutschland – sie gehören heute alle zur DSK AG. Sieben liegen im Ruhrgebiet, eine in Ibbenbüren und zwei im Saarland. Ihr Absatz betrug 2002 rund 28 Millionen Tonnen Steinkohle – ein Drittel der Steinkohle, die in der ges-

Kritik an „Kumpeln in Wattebäuschen“

amten Europäischen Union gefördert wird. Die öffentlichen Subventionen werden von 5,4 Milliarden Euro (1997) auf 2,5 Milliarden Euro im Jahr 2005 sinken. Mit Blick auf die von der EU ange-

Udo Lochmann hat den Absprung 1999 gewagt. Er hat als Bergmechaniker 22 Jahre lang unter Tage gearbeitet. Neben der unsicheren Zukunft waren für ihn die vielen Freischichten ausschlaggebend für den Wechsel. Die freie Zeit empfand er irgendwann als nutzlos: „Ich war unzufrieden. Was habe ich von der ganzen Freizeit? Die kostet ja auch Geld. Das ging mir auf den Geist.“ Er bewarb sich als Busfahrer bei der Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahn (Bogestra). Über die HWI konnte er sich das Unternehmen ansehen, außerdem bezahlte die DSK seinen Busführerschein. „In der ersten Zeit habe ich mich schwer getan“, – aber er bereut es nicht: „Meine alten Kollegen haben mich ausgelacht, weil ich gegangen

Abstieg einer Branche Belegschaft im deutschen Steinkohlenbergbau in Tausend 607 600 500 400 300

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zeigte Anpassung favorisiert die IG BCE den „Gleitflug“ von 26 Millionen Tonnen im Jahr 2005 über 22 Millionen Tonnen 2010 auf einen Sockel von 22 Millionen Tonnen 2015, um einen lebens- und leistungsfähigen Kernbergbau in Deutschland zu erhalten. Dazu müssten zwei der zehn Bergwerke geschlossen werden.

Doch eine Erfolgsgarantie gibt es nicht – darüber können viele positive Beispiele nicht hinwegtäuschen. Kritiker monieren, dass der Weg ins „Bergfreie“ für zahlreiche Kumpel in der Arbeitslosigkeit endet. So gab es Kollegen, die in der Boom-Zeit zu Siemens in Kamp-Lintfort wechselten – das galt als zukunftsträchtig. Doch als das Geschäft nachließ, gab es dort Entlassungen, darunter auch ehemalige Bergleute. Betriebsrat Jörg Buhren-Ortmann relativiert: „Das kann durchaus mal passieren, aber es ist auch so, dass die negativen Beispiele viel schneller die Runde machen als die positiven.“ Kritisiert werden auch die Kosten für die personalpolitischen Instrumente, für die der Steuerzahler aufkommen muss. „Kumpel in Wattebäuschen“ titelte die Süddeutsche Zeitung im letzten Jahr – ein Vorwurf, dem Alfred Geißler nur mit einem Achselzucken begegnet: „Wenn sich die Politik entschieden hat, die Subventionen und damit den Steinkohlenbergbau mehr als zu halbieren, trägt sie auch Mitverantwortung für die Menschen.“ In Großunternehmen, sagt er, werde der Personalabbau eben anders gestaltet als in einem Zehn-Mann-Betrieb. Das müsse man bei der Kritik bedenken. „So gesehen“, sagt er, „kann man auf den Vorwurf stolz sein, dann haben wir für unsere Kollegen das Bestmögliche realisiert.“ .

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