Das Phantom der Oper: Wie die Prunksucht - EconStor

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Falck, Oliver; Fritsch, Michael; Heblich, Stephan

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Das Phantom der Oper: Wie die Prunksucht absolutistischer Fürsten noch heute für blühende Landschaften sorgt ifo Schnelldienst Provided in Cooperation with: Ifo Institute – Leibniz Institute for Economic Research at the University of Munich

Suggested Citation: Falck, Oliver; Fritsch, Michael; Heblich, Stephan (2011) : Das Phantom der Oper: Wie die Prunksucht absolutistischer Fürsten noch heute für blühende Landschaften sorgt, ifo Schnelldienst, ISSN 0018-974X, Vol. 64, Iss. 05, pp. 30-35

This Version is available at: http://hdl.handle.net/10419/164927

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Das Phantom der Oper: Wie die Prunksucht absolutistischer Fürsten noch heute für blühende Landschaften sorgt Oliver Falck, Michael Fritsch und Stephan Heblich* Leere Haushaltskassen verleiten die politischen Verantwortlichen schnell dazu, am Kulturetat zu sparen. Das könnte sich als kontraproduktiv erweisen, denn kulturelle Angebote steigern das regionale Wirtschaftswachstum. In einer aktuellen Studie leiten wir aus historischen Ereignissen ab, inwieweit kulturelle Angebote Städte und Regionen interessanter für hochqualifizierte Arbeitskräfte machen und damit auch zu einem höheren Wirtschaftswachstum in der Region führen.

Insbesondere in der modernen Wissensgesellschaft kommt hochqualifizierten und kreativen Menschen eine besondere Bedeutung für regionales Wachstum zu. Regionen stehen daher im Wettbewerb um gut ausgebildete und »kreative Köpfe«, die meist besonders mobil, aber auch sehr wählerisch sind. In diesem Zusammenhang wird nicht selten auf die »weichen« Standortfaktoren, wie z.B. ein angenehmes Klima, landschaftliche Schönheiten wie die Nähe zu Bergen oder zum Meer, sowie insbesondere auch auf das kulturelle Angebot in einer Region verwiesen (vgl. Roback 1982 und 1988; Rosen 1974). Ein reichhaltiges kulturelles Angebot in einer Region – so das Argument – stellt einen wesentlichen attrahierenden Standortfaktor für hochqualifizierte Menschen dar und trägt auf diese Weise indirekt zu regionalem Wachstum bei. Daraus lässt sich dann wiederum das Argument ableiten, nach dem ein gewisses Maß an Kulturausgaben auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten gerechtfertigt ist. Ein überzeugender Nachweis der hierbei unterstellten Zusammenhänge ist allerdings zunächst nicht ganz einfach. Die Ausstattung einer Region mit kulturellen Annehmlichkeiten wird wesentlich von der Nachfrage durch ein entsprechend zahlungskräftiges und -williges Publikum, in der Regel hochqualifizierte Menschen, be-

* Oliver Falck ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Humankapital und Innovation am ifo Institut. Michael Fritsch ist Professor für Unternehmensentwicklung, Innovation und wirtschaftlichen Wandel an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Stephan Heblich ist Lecturer an der Universität Stirling. Oliver Falck dankt dem Pakt für Forschung und Innovation der Leibniz-Gemeinschaft für die finanzielle Unterstützung im Rahmen der Förderung des Zentrums zur empirischen Erforschung der Bedeutung von Bildung für langfristige wirtschaftliche Entwicklungsprozesse. Dieser Beitrag basiert auf der Studie »The Phantom of the Opera: Cultural Amenities, Human Capital, and Regional Economic Growth«, IZA Diskussionspapier 5065, Download unter: http://ftp.iza.org/dp5065.pdf. ifo Schnelldienst 5/2011 – 64. Jahrgang

stimmt und ist damit nicht zuletzt vom bereits erreichten Wohlstandsniveau einer Region abhängig. Betrachtet man also den Zusammenhang zwischen der heute vorhandenen Ausstattung mit kulturellen Einrichtungen und dem regionalen Wohlstand sowie dem Qualifikationsniveau der Bevölkerung, so steht man vor Endogenitätsproblemen, die eine eindeutige Identifikation von Kausalitätsbeziehungen kaum zulassen. Wie lässt sich aber in dieser Gemengelage empirisch der kausale Effekt von kulturellen Annehmlichkeiten auf die Attraktivität einer Region für Hochqualifizierte bestimmen? Wir nutzen dazu ein sogenanntes »natürliches Experiment« und greifen auf die regionale Verteilung von barocken Opernhäusern im 17. und 18. Jahrhundert zurück. Deren Standorte können weder von der heutigen Nachfrage Hochqualifizierter nach Kulturgütern noch von Regionalpolitikern beeinflusst werden. Ihre Standorte sind historisch bestimmt und sind darüber hinaus nicht ausschließlich das Ergebnis regionalen ökonomischen Wohlstands in der Vergangenheit, der bis in die Gegenwart ausstrahlt, sondern vielmehr das Ergebnis eines Wettbewerbs um Prestige zwischen absolutistischen Fürsten. Wir argumentieren folglich, dass die Kultur einen langen Schatten in der Geschichte hinterlässt und kulturelle Zentren der Vergangenheit auch heute noch kulturelle Zentren sind. Als solche weisen sie einen relativ hohen Anteil an Künstlern auf und ziehen kreative Köpfe an, denen eine Schlüsselrolle für die regionale Entwicklung zukommt. Der Vermutung, dass kreative Köpfe einen wesentlichen Wachstumsbeitrag leisten, liegt implizit die Annahme zugrunde, dass von ihnen erhebliche innovative Impulse und Wissensspillover (Wissensexternalitäten) ausgehen. Diese Wissens-

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spillover und Innovationsaktivitäten werden in der modernen Wachstumstheorie wiederum als treibende Kraft für nachhaltiges Wirtschaftswachstum angesehen (vgl. Aghion und Howitt 1998; Jones 2001). Dabei ist der Wissensfluss häufig lokal begrenzt (vgl. Audretsch und Feldman 1996), denn gerade der informale Austausch von Ideen und Wissen erfordert die räumliche Nähe und persönliche »Face-to-face«-Kontakte. In seinem weithin beachteten Bestseller-Buch The Rise of the Creative Class hat Richard Florida (2002) die Bedeutung kultureller Einrichtungen als wesentliche Determinante der Attraktivität eines Standortes für kreative Menschen hervorgehoben. Allerdings konnte auch er keinen überzeugenden empirischen Nachweis für seine Behauptung erbringen. Träfe diese These zu, dann hätten kulturelle Einrichtungen einen indirekten und eventuell auch sehr langfristig wirkenden externen Effekt auf die Entwicklung einer Region, was sich durchaus als eine normative Rechtfertigung für staatliche Kulturförderung ansehen lässt.

Die Prunksucht absolutistischer Fürsten Die Prunksucht der absolutistischen Fürsten ist hinreichend bekannt und wohl dokumentiert. Alt (2004) beschreibt etwa Carl Eugen, den 12. Herzog von Württemberg, als einen Herrscher, der barocke Sinneslust mit Verschwendungssucht und diktatorischer Rücksichtslosigkeit verknüpft hat. Zum Zweck der Konsolidierung der zerrütteten Staatsfinanzen ging er so weit, seine Landeskinder gegen Kopfgeld an die Söldnerheere der britischen Krone zu verkaufen. Ein weiteres stereotypisches Beispiel eines barocken Fürsten ist August der Starke, der folgendermaßen beschrieben wird: »Als typischer Barockherrscher fördert August der Starke, Kurfürst von Sachsen und König von Polen, die Kunst. Dresden steigt unter seiner Herrschaft zur europäischen Kulturmetropole auf. […] in seiner prunkvollen Hofhaltung und ausgedehnten Bautätigkeit steht er dem »Sonnenkönig« kaum nach; er ruiniert damit allerdings die Staatsfinanzen« (Beier et al. 2007, 428). »Die Kehrseite all dieses sächsischen Glanzes ist das Elend der Bevölkerung. Während der Regierungszeit Augusts des Starken vergrößert es sich ständig. Auch wenn er zunehmend die Silberminen im Erzgebirge ausbeuten lässt [und sogar Alchemisten beschäftigt], es sind die Bauern und Bürger, die in erster Linie die Kosten seiner verschwenderischen Herrschaft tragen müssen. Ihnen werden immer neue, immer größere finanzielle und wirtschaftliche Leistungen abverlangt. Die Steuern, die sie zahlen müssen, werden immer höher geschraubt« (Otto 2010, 158). Die Prunksucht kannte auch am preußischen Hof keine Grenzen. Nach einem Dreivierteljahr seiner Regentschaft hat Friedrich I. bereits 7 Mill. Taler nur für den Unterhalt des Hofes

ausgegeben. Dagegen stehen jährliche Staatseinnahmen von etwa 3 Mill. Taler (vgl. Otto 2010, 196). Zu einem nicht unwesentlichen Teil mitverantwortlich für die ruinösen Staatsausgaben an vielen Höfen sind die prunkvollen Opernhäuser. Insbesondere an den protestantischen Höfen versucht man mit hervorragenden Maschinerien und szenischen Effekten in den dortigen Opernhäusern den großen Bühnen in Paris, Venedig und Wien in nichts nachzustehen (vgl. Otto 2010, 120). In der Barockzeit, der Spanne zwischen dem 30-jährigen Krieg und der ersten industriellen Revolution, sind innerhalb der heutigen deutschen Grenzen 29 freistehende Opernhäuser entstanden (vgl. Abb. 1), die interessanterweise noch heute alle in Betrieb sind. Die im Vergleich zu vielen anderen europäischen Ländern beachtliche Anzahl von Opernhäusern im damaligen Deutschland lässt sich vor allem auf die ausgeprägt kleinstaatliche Struktur des Landes zurückführen. Allein Thüringen bestand zu der Zeit, als Johann Sebastian Bach dort aufwuchs, aus 22 Fürstentümern. In dieser Epoche war allein die Nachfrage der beschriebenen Herrscher und ihrer Höfe ausschlaggebend für den Bau eines Opernhauses. Erst in der nachfolgenden Zeit wurden auch wohlhabende Bürger in größerem Ausmaß zu zahlenden Kulturnachfragern (vgl. Elias 1991; Scherer 2001). Mit dem Aufkommen wohlhabender Bürger als zahlende Kulturnachfrager entsteht aber auch das eingangs beschriebene methodische Problem der umgekehrten Kausalität aus Angebot und Nachfrage, das eine isolierte Betrachtung des Einflusses von Kultur auf die Wirtschaftskraft einer Region erschwert. Aus diesem Grund beschränken wir uns in der Analyse auf die 29 barocken Opernhäuser.

Der Einfluss der Nähe zu barocken Opernhäusern auf die heutige regionale Verteilung von Hochqualifizierten In unserer nachfolgend skizzierten empirischen Analyse verwenden wir die Distanz zum nächstgelegenen barocken Opernhaus als Maß für die Verfügbarkeit kultureller Einrichtungen und den Anteil hochqualifizierter Beschäftigter in der Gegenwart. Technisch ausgedrückt schätzen wir damit eine sogenannte reduzierte Form der langen Erklärungskette: barocke Opernhäuser → heutige Ausstattung mit kulturellen Einrichtungen → heutiger Anteil hochqualifizierter Beschäftigter in der Region. Da alle barocken Opernhäuser allerdings noch heute in Betrieb sind, kann man unsere Ergebnisse auch als den Effekt einer Teilgruppe heutiger kultureller Einrichtungen auf die räumliche Verteilung von Hochqualifizierten interpretieren. Unter der Annahme, dass sich der Effekt barocker Opernhäuser im Hinblick auf die Attraktivität einer Region für Hochqualifizierte nicht von dem anderer, später gebauter Opernhäuser unterscheidet, lässt sich unser Ergebnis sogar für alle Opernhäuser verallgemeinern. ifo Schnelldienst 5/2011 – 64. Jahrgang

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Abb.1 Standorte freistehender barocker Opernhäuser und Anteil der hochqualifizierten Beschäftigten (Durchschnitt 1998–2004)

Die Karte zeigt die 29 Standorte barocker Opernhäuser sowie den durchschnittlichen Anteil der Hochqualifizierten an der Gesamtbeschäftigung pro Landkreis im Untersuchungszeitraum 1998–2004. Quelle: Darstellung der Autoren. ifo Schnelldienst 5/2011 – 64. Jahrgang

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Die regionalen Untersuchungseinheiten sind Landkreise, und die Distanz zum nächstgelegenen barocken Opernhaus wird vom geometrischen Zentrum (Zentroid) eines Landkreises aus gemessen. Über alle Landkreise hinweg beträgt die durchschnittliche Distanz zum nächstgelegenen barocken Opernhaus weniger als 50 km. Informationen zu den in einem Landkreis beschäftigten Personen und deren Qualifikation stammen aus der Statistik der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten. Dabei klassifizieren wir Beschäftigte mit einem Hochschul- oder Fachhochschulabschluss als hochqualifiziert. Tabelle 1 zeigt Regressionskoeffizienten für den Zusammenhang zwischen dem heutigen Anteil Hochqualifizierter in einem Landkreis und der Distanz zum nächstgelegenen barocken Opernhaus. Jede Zeile ist das Ergebnis einer separaten linearen Regression. In allen Regressionen kontrollieren wir zusätzlich für das Bruttoinlandsprodukt pro Beschäftigten im Landkreis (vgl. Arbeitsgemeinschaft Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung der Länder) und den verdichtungsorientierten Kreistyp. Wir unterscheiden dabei gemäß der Klassifikation des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) neun verdichtungsorientierte Kreistypen, die von Kernstädten in Agglomerationsräumen bis hin zu Kreisen geringerer Bevölkerungsdichte in ländlichen Räumen reichen. Der Distanzkoeffizient der ersten Regression lässt sich folgendermaßen interpretieren: Alle 10 km, die ein Landkreis näher am Standort eines barocken Opernhauses liegt, steigt der Anteil der heute vorhandenen hochqualifizierten Beschäftigten um 0,28 Prozentpunkte an. Dies entspricht ca. 4% des durchschnittlichen Anteils der hochqualifizierten Beschäftigten über alle Landkreise.

Die Nähe zu einem barocken Opernhausstandort mag auch aus Gründen, die nicht direkt mit Präferenzen für Kultur zusammenhängen, für die wirtschaftliche Entwicklung in einem Landkreis relevant sein. Die wohl naheliegendste Erklärung könnte sein, dass die Standorte barocker Opernhäuser im Einklang mit unserer Argumentation heute auch florierende wirtschaftliche Zentren sind und die Nähe zu diesem wirtschaftlichen Zentrum per se für die Ansiedlung von Hochqualifizierten in einem Landkreis von Bedeutung ist. Um diesen möglichen Wirkungskanal auszuschließen, kontrollieren wir in einem nächsten Schritt für das Bruttoinlandsprodukt pro Beschäftigten sowie für den verdichtungsorientierten Kreistyp am nächstgelegenen Opernhausstandort. Um weiterhin sicherzustellen, dass es tatsächlich die durch die Opernhäuser stimulierte Kultur und nicht andere in der Vergangenheit liegende ökonomische und institutionelle Faktoren sind, die einen langen Schatten in der Geschichte hinterlassen, kontrollieren wir zusätzlich für die historischen Gegebenheiten am nächstgelegenen Opernhausstandort. Dafür nehmen wir zunächst solche Variablen auf, die ökonomische Grundlagen einer Region in der vorindustriellen Barockzeit abbilden (z.B. die Bodenbeschaffenheit, das Höhenprofil, das Vorhandensein von Bergbau, Nähe zur Küste, Urbanisierungsgrad). Darüber hinaus kontrollieren wir für die historische religiöse Zusammensetzung der Bevölkerung. Becker und Wößmann (2009) haben etwa gezeigt, dass in Preußen protestantische Gebiete während der Industrialisierung weiter entwickelt waren als katholische Gebiete und führen dies auf die im Durchschnitt höhere Bildung der protestantischen Bevölkerung zurück. Weiterhin nehmen wir in Kontrollschätzungen solche Standorte barocker

Tab. 1 Der Zusammenhang zwischen dem Anteil der Hochqualifizierten in einem Landkreis und der Distanz zum nächstgelegen barocken Opernhaus Distanzkoeffizient – 0,028*** (0,007) – 0,017*** (0,006) – 0,019*** (0,006) – 0,021*** (0,005) – 0,027*** (0,003) – 0,021*** (0,002)

Anzahl der berücksichtigten Aktuelle Kontrollvariablen Historische Kontrollvariablen barocken Opernhäuser am Opernhausstandort am Opernhausstandort alle nein nein (29) alle ja nein (29) alle ja ökonomische (29) alle ja ökonomische + Religion (29) ohne Hansestädte ja ökonomische + Religion (24) ohne Hansestädte und Orten mit ja ökonomische + Religion historischen Universitäten (20) Die Tabelle zeigt Ergebnisse linearer Kleinste-Quadrate-Regressionen. Jede Zeile steht für eine separate Regression. Abhängige Variable ist jeweils der durchschnittliche Anteil der hochqualifizierten Beschäftigten im Landkreis in den Jahren 1998–1999. Berichtet wird jeweils der Koeffizient für die Distanz zum nächstgelegenen barocken Opernhaus. Alle Regressionen enthalten neben Kontrollvariablen am barocken Opernhausstandort das Bruttoinlandsprodukt pro Beschäftigten im Landkreis sowie neun verdichtungsorientierte Kreistypen. Robuste Standardfehler sind in Klammern angegeben. ***, **, * kennzeichnen statistische Signifikanz auf 1%, 5%, 10% Signifikanzniveau. Quelle: Berechnungen der Autoren.

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Opernhäuser von der Distanzkalkulation aus, die auch frühe Handelszentren (Hansestädte) oder Universitätsstandorte waren. Tabelle 1 zeigt, dass unser grundlegender Befund weitgehend stabil gegenüber diesen Robustheitsüberprüfungen ist. Der Distanzkoeffizient liegt zwischen – 0,017 und – 0,028, d.h. mit jeden 10 km, die ein Landkreis näher an einem barocken Opernhaus liegt, steigt der Anteil der heute dort vorhandenen hochqualifizierten Beschäftigten um 0,17 bis 0,28 Prozentpunkte. Um die weitere Validität unserer Ergebnisse zu überprüfen, identifizieren wir mit Hilfe eines sogenannten Matching-Ansatzes kontrafaktische barocke Opernhausstandorte. Diese Regionen zeichnen sich dadurch aus, dass sie zwar in allen beobachtbaren historischen Dimensionen den tatsächlichen barocken Opernhausstandorten ähneln, jedoch kein barockes Opernhaus aufweisen. Ein Vergleich dieser kontrafaktischen Opernhausstandorte mit den tatsächlichen barocken Opernhausstandorten zeigt, dass sich die beiden Gruppen nur marginal in den beobachtbaren Standortfaktoren unterscheiden. Beide Gruppen von Regionen verfügen heute über eine vergleichbare Infrastrukturausstattung, und auch der Grad der Urbanisierung ist ähnlich. Den Unterschied macht der Anteil der Künstler an der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter aus. Die Daten zur aktuellen regionalen Verteilung von Künstlern stammen aus der Statistik sozialversicherungspflichtiger Beschäftigter und der Künstlersozialkasse. Versucht man, die regionale Verteilung der Hochqualifizierten mit der Distanz zum nächstgelegenen kontrafaktischen Opernhaus zu erklären, so findet man keinen statistisch signifikanten Zusammenhang! Dies bestätigt unsere Annahme, dass Kultur einen langen Schatten in der Geschichte hin-

terlässt und kulturelle Zentren der Vergangenheit auch heute noch kulturelle Zentren sind.

Der regionale Wachstumsbeitrag von Hochqualifizierten In einem nächsten Schritt nutzen wir in einem sogenannten Instrumentvariablenansatz die regionale Verteilung des Anteils der hochqualifizierten Beschäftigten, die wir durch die Nähe zu barocken Opernhäusern erklären können, um den regionalen Wachstumsbeitrag von Hochqualifizierten empirisch zu bestimmen. Dazu schätzen wir ein einfaches regionales Wachstumsmodell, in dem die Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts pro Beschäftigten in einem Landkreis eine Funktion des Anteils der hochqualifizierten Beschäftigten in diesem Landkreis darstellt. Zusätzlich kontrollieren wir für das Niveau des Bruttoinlandsprodukts pro Beschäftigten im Landkreis und für den verdichtungsorientierten Kreistyp des Landkreises. Dieses einfache empirische Wachstumsmodell ist konsistent mit einer Vielzahl von endogenen Wachstumsmodellen mit Wissensspillovern (vgl. Benhabib und Spiegel 1994; Hanushek und Wößmann 2007). Tabelle 2 zeigt die Ergebnisse dieser Schätzungen zum regionalen Wachstumsbeitrag der Hochqualifizierten. Jede Zeile steht dabei wiederum für eine separate Regression. In allen Regressionen wird der Anteil der hochqualifizierten Beschäftigten im Landkreis mit der Distanz zum nächstgelegenen Opernhaus instrumentiert (vgl. Tab. 1). Je nach Spezifikation führt ein um einen Prozentpunkt höherer Anteil der hochqualifizierten Beschäftigten (der durchschnittliche Anteil der hochqualifizierten Beschäftigten in den Jahren

Tab. 2 Der regionale Wachstumsbeitrag von Hochqualifizierten Hochqualifiziertenkoeffizient 0,410*** (0,095) 0,332** (0,144) 0,240* (0,133) 0,243* (0,120) 0,464*** (0,078) 0,494*** (0,065)

Anzahl der berücksichtigten Aktuelle Kontrollvariablen Historische Kontrollvariablen barocken Opernhäuser am Opernhausstandort am Opernhausstandort alle nein nein (29) alle ja nein (29) alle ja ökonomische (29) alle ja ökonomische + Religion (29) ohne Hansestädte ja ökonomische + Religion (24) ohne Hansestädte und Orten mit ja ökonomische + Religion historischen Universitäten (20) Die Tabelle zeigt Ergebnisse von Instrumentvariablen-Regressionen. Jede Zeile steht für eine separate Regression. Abhängige Variable ist jeweils die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts pro Beschäftigten im Landkreis in den Jahren 1999–2004. Berichtet wird jeweils der Koeffizient für den mit der Distanz zum nächstgelegenen barocken Opernhaus instrumentierten durchschnittlichen Anteil der hochqualifizierten Beschäftigten im Landkreis in den Jahren 1998 und 1999. Alle Regressionen enthalten neben Kontrollvariablen am barocken Opernhausstandort das Bruttoinlandsprodukt pro Beschäftigten im Landkreis sowie neun verdichtungsorientierte Kreistypen. Robuste Standardfehler sind in Klammern angegeben. ***, **, * kennzeichnen statistische Signifikanz auf 1%, 5%, 10% Signifikanzniveau. Quelle: Berechnungen der Autoren.

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1998/99 lag über alle Landkreise bei ca. 7%) im Landkreise zu einer um 0,24 bis 0,49 Prozentpunkte höheren Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts im Landkreis. Dieser Effekt ist ökonomisch relevant und bestätigt die Bedeutung von Humankapital für das Wirtschaftswachstum in der modernen Wissensgesellschaft.

Schlussbetrachtung Haben Kunst und Kultur nur einen ideellen Wert für Liebhaber oder stellt ein reichhaltiges kulturelles Angebot darüber hinaus einen wirtschaftlich relevanten Standortfaktor dar? Unsere Studie liefert empirische Evidenz dafür, dass es einen statistisch signifikanten kausalen Zusammenhang zwischen regionalen kulturellen Einrichtungen und der regionalen Verteilung von Hochqualifizierten gibt. Dabei geht unsere Studie weit über eine einfache wirtschaftshistorische Betrachtung hinaus. Sie zeigt den kausalen Effekt von heutigen kulturellen Einrichtungen auf die heutige regionale Verteilung von Hochqualifizierten. Zur empirischen Identifikation dieses Zusammenhangs nutzen wir die Tatsache aus, dass Kultur einen langen Schatten in der Geschichte hinterlässt und kulturelle Zentren der Vergangenheit in der Regel auch heute noch kulturelle Zentren darstellen.

Literatur Aghion, P. und P. Howitt (1998), Endogenous Growth Theory, MIT Press, Cambridge, MA. Alt, P. (2004), Schiller. Leben-Werk-Zeit. Eine Biographie, Verlag C.H. Beck, München. Audretsch, D. und M. Feldman (1996), »R&D Spillovers and the Geography of Innovation and Production«, American Economic Review 86, 630–640. Baumol, W. und R. Towse (1997), Baumol’s Cost Disease: The Arts and other Victims, Edward Elgar Publishing, Cheltenham. Becker, S.O. und L. Wößmann (2009), »Was Weber Wrong? A Human Capital Theory of Protestant Economic History«, The Quarterly Journal of Economics 124, 531–596. Beier, B., U. Birnstein, B. Gehlhoff und E. Schütt (2007), Neue Chronik der Weltgeschichte, Chronik Verlag, Gütersloh und München. Benhabib, J. und M. Spiegel (1994), »The role of human capital in economic development evidence from aggregate cross-country data«, Journal of Monetary Economics 34, 143–173. Elias, N. (1991), Mozart. Zur Soziologie eines Genies, 3. Auflage, Suhrkamp, Frankfurt a.M. Florida, R. (2002), The Rise of the Creative Class, Basic Books, New York. Hanushek, E. und L. Wößmann (2008), »The Role of Cognitive Skills in Economic Development«, Journal of Economic Literature 46, 607–668. Jones, C. (2001), Introduction to Economic Growth, 2nd edition, Norton, New York. Otto, H.-D. (2010), Nach uns die Sintflut: Höfisches Leben im absolutistischen Zeitalter, Thorbecke, Ostfildern. Roback, J. (1982), »Wages, Rents, and the Quality of Life«, Journal of Political Economy 90, 1257–1278. Roback, J. (1988), »Wages, Rents, and Amenities: Differences among Workers and Regions«, Economic Inquiry 26, 23–41. Rosen, S. (1974), »Hedonic Prices and Implicit Markets: Product Differentiation in Pure Competition«, Journal of Political Economy 82, 34–55. Scherer, F. (2004), Quarter Notes and Bank Notes: The Economics of Music Composition in the 18th and 19th Centuries, Princeton University Press, Princeton, NJ.

Natürlich ist Kultur nicht umsonst zu haben. Auch wird Kultur im Vergleich zu vielen anderen Produkten, bei denen relativ hohe Produktivitätsfortschritte erzielt werden können, im Zeitverlauf vergleichsweise teurer. Dieser Sachverhalt wurde schon früh von US-Ökonom William Baumol betont (vgl. Baumol und Towse 1997). Er wies aber darauf hin, dass diese »Kostenkrankheit« noch lange kein Argument dafür sei, in den betreffenden Bereichen übermäßig zu sparen. Unsere Studie liefert nun auch eine normative Untermauerung für dieses Argument, indem sie die positiven externen Effekte von Kultur auf die wirtschaftliche Entwicklung von Regionen empirisch belegt. Kulturelle Einrichtungen können die Attraktivität einer Region für Hochqualifizierte wesentlich erhöhen. Viele ihrer Wirkungen sind langfristig und eher »atmosphärischer« Natur, weshalb sie sich einer direkten Messung auch häufig entziehen. Gerade deshalb ist es wichtig, auf solche positiven indirekten Wirkungen hinzuweisen, damit sie im Rahmen von Budgetentscheidungen nicht vernachlässigt werden.

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