Den Ermordeten ein Gesicht geben - Stadtmuseum Coesfeld

Den Ermordeten ein Gesicht geben - Stadtmuseum Coesfeld

COESFELD Samstag, 26. Januar 2013 NR. 22 RCO03A26 NACHRICHTEN Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus aus Coesfeld Hundeschule begi...

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COESFELD

Samstag, 26. Januar 2013 NR. 22 RCO03A26

NACHRICHTEN

Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus aus Coesfeld

Hundeschule beginnt wieder COESFELD. Nach einigen Jahren Pause öffnet nun die Hundeschule der BRH ( Bundesverband Rettungshunde ) RHS Münsterland wieder ihre Pforten. Hier sollen die Hunde ihr Sozialverhalten festigen, viele verschiedene Rassen kennenlernen, lernen mit Umweltreizen umzugehen und mit ihren Besitzern zu einem Team heranwachsen. Der Altersstufe entspre-

chend werden die Hunde in Welpen-, Rackeroder Grundkurs selbstverständlich auch an den Gehorsam herangeführt oder weiter gefestigt. Der Infoabend für alle Interessenten ist am Mittwoch (30.1.) um 19 Uhr im Vereinsheim der Rettungshundestaffel (Stevede 45). Weitere Informationen: | www.rettungshundestaffel-münsterland.de

Stadt räumt Schnee Zug um Zug COESFELD (ugo). Verärgert reagierten einige Bürger, weil nach Tagen noch nicht alle Gehwege entlang städtischer Grundstücke vom Baubetriebshof geräumt worden sind. Auch über Schneeberge auf Mittelinseln wie der Borkener Straße ärgerten sich manche Passanten, vor allem wenn sie mit einem Rollator die Fahrbahn überqueren

müssen. Stadtsprecherin Heitz sagte: „Unbebaute Grundstücke wie die auf dem Brink waren da eher nachrangig zu betrachten – zumal der Fußgänger die andere geräumte Gehwegseite benutzen können.“ Hier müsse die Stadt an das Verständnis der Bürger appellieren. Insgesamt habe es weniger Beschwerden gegeben als im Vorjahr.

Umbauten und neue Farbe

Jakobikirche ab Pfingsten geschlossen

Zum Holocaust-Gedenken laden am kommenden Montag ab 11 Uhr die Stadt und das Riga-Komitee auf den jüdischen Friedhof an der Osterwicker Straße ein. Seit vier Jahren gestalten Schulen diese Gedenkfeier,

um das Thema im Bewusstsein junger Menschen wach zu halten. In diesem Jahr haben diese Aufgabe wieder Schüler der Theodor-Heuss-Realschule unter Anleitung ihrer Lehrerin Claudia Haßkamp übernommen.

„Den Ermordeten ein Gesicht geben“ Lehrerin Claudia Haßkamp zur Vorbereitung auf die Gedenkfeier am kommenden Montag

COESFELD. „Mein Anliegen ist es, den Millionen ermordeten Juden ein Gesicht zu geben, Schüler konkrete Lebensgeschichten erfahren zu lassen, die sich hier in ihrer Heimatstadt Coesfeld ereignet haben wie eben auch die Leidensgeschichte.“ Das schreibt Claudia Haßkamp anlässlich der Vorbereitung auf die Gedenkfeier, die sie mit Theodor-Heuss-Schülern der 10b für den kommenden Montag vorbereitet hat. „Nur durch Identifizierung, indem sie sich in die Personen hineinversetzen, erreicht man eine wirkliche Betroffenheit und wirkliches Mitfühlen und vielleicht auch Veränderung von Vorurteilsmustern.“ Bereits vor vier Jahren gestaltete sie mit Mädchen und Jungen der Klasse 7 die Versammlung. Einige der jüdischen Coesfelder sind vermutlich auch in Auschwitz umgekommen, bei den meisten verlieren sich die Spuren. Von Riga aus sind manche auch immer wieder in Konzentrationslager verlegt worden. Überlebt hat nur Wilhelmine Süßkind, verwitwete Cohen, geb. David. Sie kam in den 60er Jahren mit ihrem zweiten Mann, Benno Süßkind, zurück in ihre Heimatstadt Coesfeld, wo sie 1995 starb. Claudia Haßkamp erinnert an die Todesfahrt im Dezember 1941 ins Getto nach Riga: „Nach drei Tagen Bahnfahrt ohne Wasser kamen die Deportierten in Riga an, wo sie mit Gummiknüppeln aus dem Zug geprügelt wurden und bei minus 10 Grad zwei

Der Coesfelder Fotograf Anton Walterbusch musste im Auftrag der örtlichen Parteileitung dieses Gruppenfoto anlässlich der Deportation machen. In den frühen Morgenstunden des 10. Dezember 1941 wurden die 19 jüdischen Coesfelder von der Gestapo aus dem „Judenhaus“ in der Kupferstraße abgeholt und zum Schlosspark gebracht. Der Arbeitskreis Riga-Komitee ließ daraus Einzelportraits entwickeln die anlässlich des Holocaustgedenktages auf dem jüdischen Friedhof von den Schülern getragen werden. Stunden durch den Schnee ins Lager laufen mussten. Von insgesamt 1009 Menschen aus diesem Transport überlebten nur 15. Wie Zeitzeugen berichten, wurden ihnen verwüstete Wohnungen zugewiesen, in denen vorher lettische Juden gelebt

hatten. Blutspritzer an den Wänden sowie Kochtöpfe und Teller mit gefrorenen Speisen bedrückten die Juden in furchtbarer Vorahnung, was auf sie zukommt. Von den vorher dort lebenden 30 000 lettischen Juden waren viele verhungert, die

anderen wurden im Rigaer Wald erschossen. Von Riga aus gingen ständig Transporte in Vernichtungslager wie Auschwitz. Wegen des Herannahens der Roten Armee wurden Überlebende im Februar 1945 per Schiff nach Hamburg ge-

bracht, von wo sie völlig entkräftet zu Fuß Richtung Kiel marschieren mussten. Dort wurden sie Ende April 1945 vom schwedischen Roten Kreuz gerettet. Wilhelmine Süßkind kam aus dem KZ Stutthof nach Schweden in ein Erholungsheim.

Schüler wenden sich mit Briefen an jüdische Opfer

Klasse 10b der Theodor-Heuss-Realschule setzt sich mit Schicksal der Mitbürger auseinander/ Drei Beispiele

Der Seiteneingang zur Ritterstraße wird im Zuge der arbeiten geschlossen. In dem Bereich entsteht eine Teeküche. Foto: cd COESFELD (ude). Mit dem Einbau der neuen Orgel in der Jakobikirche (Bericht in dieser Ausgabe) wird eine kleine Renovierungsmaßnahme einhergehen. Vor allem bekommt die Kirche nach knapp 30 Jahren einen neuen Anstrich, kündigt Pfarrdechant Johannes Arntz an. Die farbliche Gestaltung wird sich nicht wesentlich ändern, alle Details werden mit dem Denkmalamt abgestimmt. Erst wenn der Anstrich erfolgt ist, kann der Einbau der Orgel beginnen. Im Zuge der Renovie-

rungsarbeiten wird der Seiteneingang des Kirchengebäudes zur Ritterstraße geschlossen. Arntz: „Wir werden in dem Bereich eine kleine Teeküche einbauen, weil wir ja künftig kein Pfarrheim mehr haben.“ Die Türanlage zur Kellerstraße wird samt Windfang überarbeitet, die Tür zur Marienkapelle barrierefrei gestaltet, so dass auch Menschen mit Rollstuhl oder Rollator einfachen Zugang haben. Schließlich wird auch die Toilettenanlage erneuert und barrierefrei gestaltet.

Zeitplan für Renovierung und Orgelbau Im Familiengottesdienst am Pfingstmontag (20. 5.) – nach der traditionellen Prozession um die Wälle – verstummt die alte Jakobiorgel. Dann werden die Kirche geschlossen, das Instrument ausgebaut, der Innenraum gestrichen und weitere kleine bauliche Veränderungen durchgeführt. „Am 7. September zur Kreuzwoche soll die Kirche wieder geöffnet werden“, skizziert Pfarrdechant Johannes Arntz den Zeitplan. Dann wird allerdings zunächst ein Ersatzinstrument den Gesang begleiten, bis der Einbau der neuen Orgel erfolgt ist. Arntz: „Zuerst wird die kleinere Chororgel aufgebaut. Sie

soll möglichst im Advent erstmals zum Einsatz kommen.“ Bis die Hauptorgel steht, eingerichtet und gestimmt ist, wird es wohl Ostern werden. Nach der Orgelweihe soll sich die „Königin der Instrumente“ dann in mehreren Konzerten in ihrer vollständigen Klangschönheit vorstellen. Während die Jakobikirche geschlossen ist, werden die Gottesdienste zeitlich eins zu eins in die Lambertikirche verlegt. Der Gottesdienst der polnischen Gemeinde findet in der Maria-Frieden-Kirche statt. Für die Orgelmusik zur Marktzeit nehmen die Organisten in St. Lamberti am Spieltisch Platz.

Lieber Gustav (Cohen)!

D

u wurdest am 08.08.1903 in Horstmar geboren. Niemand hat zu diesem Zeitpunkt mit dem gerechnet, was dir 38 Jahre später widerfahren würde. 1930 zogst du mit deiner großen Familie nach Coesfeld, um eine Metzgerei zu übernehmen. Ihr habt an der Feldmark 19 gewohnt, dem heutigen Wiedauer Weg. Am 19.03.1936 hast Du Wilhelmine David geheiratet, die wie durch ein Wunder die spätere, schreckliche Zeit überlebte. Ungefähr 5 Jahre später am 09.12.1941 sah die Welt für Dich und Deine Familie allerdings ganz anders aus. Mit 18 weiteren Juden musstest Du Dich für ein letztes Foto vor eurer Deportation nach Riga im ehemaligen Schlosspark einfinden. Deine Frau konnte uns später berichten, dass Du am 21.11.1944 in Riga umgebracht wurdest. Wenn ich mir jetzt dieses Foto ansehe, steigen verschiedene Gefühle in mir auf. Sicher bin ich schon einige Male an dem Ort vorbeigekommen, an dem Du gelebt hast, da ich nicht weit entfernt von dieser Straße wohne. Wie wäre es, wenn Ihr dort noch leben würdet? Wäre ich dann vielleicht ein guter Kunde in Eurer Metzgerei oder wäre ich sogar mit Deinen Enkeln oder Großenkeln befreundet? Man weiß es nicht. Und wieso nicht? Weil die Menschen zu wenig Mut hatten, um gegen die Nazis vorzugehen. Der absurde Gedanke, dass mehrere Millionen Juden grundlos gequält und ermordet wurden, macht mich sehr betroffen. Ich hätte Dir ein langes, erfülltes Leben, zusammen mit Deiner Frau gewünscht, auf die Du sicherlich sehr stolz gewesen wärst, wenn Du wüsstest, dass sie den Mut aufgebracht hat, nach der KZ-Zeit weiterhin in Coesfeld zu wohnen. Ich bewundere Dich, Deine Frau, Eure Familie und Eure Freunde sehr. Herzlichste Grüße Andrea Voßkühler

I

Liebe Wilhelmine Süßkind!

A

Hallo Erich!

ch habe heute und in der letzten Zeit viel über dich und deine Lebensgeschichte erfahren. Über dein Schicksal und all das Leid, was du erlebt hast, war ich sehr schockiert. Du hast mit deinen Eltern und deinen elf Geschwistern in Coesfeld gelebt, es gab bis auf euren Glauben keinen Unterschied zu den anderen Coesfeldern! Es ist mir einfach unbegreiflich, wie Juden, nur aufgrund ihres Glaubens, so schlecht behandelt werden konnten! Jeder jüdische Mitbürger ist und war genau wie jeder andere, daher kann ich einfach nicht verstehen, wie es damals so weit kommen konnte! Ich habe ein Foto von dir und den 18 weiteren jüdischen Coesfeldern gesehen, das kurz vor eurer Deportation in das Ghetto Riga in Lettland am 10. Dezember 1941 gemacht wurde. In euren Gesichtern sieht man eure Angst, da ihr euch dort morgens ahnungslos und mit nur wenig Gepäck versammeln musstet. Ich muss sagen, ich bewundere dich dafür, dass du es geschafft hast, diese schreckliche Zeit mit dem unmenschlichen Verhalten jüdischen Bürgern gegenüber zu überleben! Wie bist du nur mit diesen schlimmen Erinnerungen umgegangen? Als ihr im Ghetto Riga nach einer schrecklichen Zugfahrt ankamt und die verwüsteten Wohnungen der lettischen Juden vorfandet, den Stacheldraht um das Ghetto saht, den erbärmlichen Zustand der Menschen wahrnahmt und immer wieder mit ansehen musstet, wie Leute aussortiert und abtransportiert wurden, all das muss unfassbar grausam gewesen sein! Konntest du mit deinem zweiten Ehemann, Benno Süßkind, überhaupt unbeschwert leben, nachdem dein erster Mann, Gustav Cohen im Ghetto Riga umgebracht wurde? Es ist für uns heute unvorstellbar, was du und viele andere Menschen durchmachen mussten. Daher ist es sehr gut, dass du angefangen hattest, an die jüdische Gemeinde in Coesfeld zu erinnern, als du mit Benno zurück in deine Heimat kamst, denn diese Erinnerungsarbeit wird noch heute weitergeführt, um die jüdische Gemeinde Coesfeld und all das, was passiert ist, nicht zu vergessen!

ls ich dich auf dem Bild gesehen habe, bevor ihr deportiert wurdet, stehst du wahrscheinlich inmitten von verwandten und befreundeten Coesfelder Juden. Auf dem Bild siehst du erwartungsvoll aus, aber im Inneren warst du wahrscheinlich bedrückt, da du nicht wusstest, was mit dir passiert. Außerdem musstest du auch deine Eltern verlassen, sie blieben im sogenannten Judenhaus zurück, du wusstest wahrscheinlich auch nicht, dass du sie nie wieder sehen würdest. Mit deinen 40 Jahren hast du wahrscheinlich auch schon viel erlebt, und da ihr seit 3 Generationen Händler wart, wart ihr sicher angesehen in Coesfeld. Außerdem warst du auch im Orchesterverein und im Schützenverein von Coesfeld. Ich denke also, dass du dadurch auch ein bisschen Kontakt zu christlichen Coesfeldern hattest. Am 9. Dezember 1942 wird plötzlich alles anders, als ihr aufgefordert wurdet, eure Sachen zu packen, um euch auf die Deportation nach Riga vorzubereiten. Wir können es uns heute nicht vorstellen, wie es in so einem Getto aussieht, und was dort mit euch geschehen ist. Ich weiß nicht genau, was mit dir passiert ist, aber ich denke, dass du ungefähr gleichzeitig mit deinen Eltern ermordet wurdest. Das tut mir sehr leid.

In stillem Andenken Anne B.

Freundliche Grüße Adrian Kaup