Der Dombau von St. Stephan

Der Dombau von St. Stephan

370. Sonderausstellung des Wien Museums Wien Museum Karlsplatz 11. März bis 21. August 2011 Eine Ausstellung in Kooperation mit dem Kupferstichkabinet...

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370. Sonderausstellung des Wien Museums Wien Museum Karlsplatz 11. März bis 21. August 2011 Eine Ausstellung in Kooperation mit dem Kupferstichkabinett der Akademie der bildenden Künste und der Dombauhütte von SI. Stephan /An exhibition in colloborotion with the Graphie Co//ection of the Acodemy of Fine Arts Vienno ond the Cathedral Lodge at St. Stephen's

Ausstellung/Exhibition

Katalog

ldeejldea Wolfgang Kos

Herausgeberinnen Michsela Kronberger, Barbars Schedl im Auftrag des Wien Museums

KonzeptfConcept Michsela Kronberger, Barbars Schedl Kuratorlnnen/Curators Michsela Kronberger, Barbara Schedl Kuratorische Mitarbeit Marion Krammer, Wolfgang Kos, Andreas Nierhaus Wissenschaftliche Beratung/Scientific consulting johann josef Böker, Monika Knaller, Karl Neubart, Andreas Rohatsch, Christoph Sonnlechner, Franz Zehetner, Wolfgang Zeheiner Architektur/ Architect pla.net architects Grafik/Graphie Design larissa Cerny Mitarbeit: a+o (Angele Althaler, Marie Blum, Harald Thaler) Produktion/Production Isabelle Exinger Assistenz/ Assistance Sandro Fasching Übersetzung/Translation Tim Juckes

DER DOMBAU VON

Redaktion Michsela Kronbarger Assistenz und Bildredaktion Sandro Fasching Fotografische Arbeiten Peter Kainz Lektorat Marian Großmann Grafik larissa Cerny Mitarbeit : a+o (Angele Althaler, Mario Blum, Harald Thaler)

DIE ORIGINALPLÄNE AUS DEM MITTELALTER

Verlag Metroverlag Wien Druck Druckerei Theiss GmbH Papier Munken lynx 150 g/m Schriften Kis Antiqua Maxima Cl Wien Museum ISBN 978 -3-99300- 047-9

Interaktive Stationen/Interaction Design Waller Pehn Dombauhütte SI. Stephan Audiovisuelle Medien/Audivisuals 7 reasons Media GmbH baurain communication cat-x exhibtion Zone Media GmbH

HAUPTSPONSOR DES WIEN MUSEUMS

~~ --

Aufbau/Realisation Dekorationsbau Winter Artex Art Services Werkstätten Wien Museum

Metroverlag

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5

Wolfgang Kos

Michael Viktor Schwarz

Vorwort

Hochhinaus

Seite 6

Gotische Türme im We11bewerb Seite 54

Einleitung

Aufsätze

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Die Bedeutung der Baumeister Seite 164 1

Die Geschichte der Planrisse

Michaela Kronherger und Barhara Schedl Seite 8

Katalog

Seite 122 Karl Neuharthund RudolfKoch

11

Baumaterial für die Stephanskirche Seite 168

Vom Entwurf zum Werkstein

2

Millelalterlicber Baubetrieb zwischen Tradition und Innovation

Gotische Planrisse

Seite 68

Seite 124

12

Die Großbaustelle im Herzen der Stadt Seite 170

3

Monika Knofler

Michaela Kronherger

Entwerfen im Mittelalter

Von der Dombauhütte in die Sammlungen

... hincz sand Stephan zu dem pau ...

Seite 126

Zur Finanzierung des Kirchenbaues von St. Stepban

Die Odysee der gotischen Planrisse

Seite 74

Lebensbedingungen im Spätmittelalter Seite 172

4

Vom Entwurf zum Werkstück

Seite 22

13

Seite 132 Barhara Schedl

14

Monster und allerlei Getier Seite 176

Barhara Schedl

Eine Kirche bauen- eine Kirche nutzen

5

Der beschwerliche Weg zum Dom

St. Stepban im millelalterlichen Gebrauch

Vielschichtige Konstruktionen

15

Die Baugeschichte von St. Stepban

Seite 80

Seite 136

Die Finanzierung von St. Stephan

Seite 28

Seite 180 6 Eva-Maria Orosz

Maßgetreu

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Seite 138

Restaurieren oder Weiterbauen

Wolfgang Zehetner

Auf den Spuren des farbigen Lichts

Wissenszentrum und Werkstätte

Die Glasfenster von St. Stepban

Die Geschichte der Wiener Dombaubülte

Seite 90

Seite 36

Seite 186 7

Vielseitige Kirchennutzung

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Seite 142

Die Zerstörung des Domes 1945

Christoph Sonnlechner

Seite 192 8

JohannJosefBöker

Kirchenbau und Umwelt

Die Schöpfer der Planrisse

Eine ökologische Kontextualisierung

St. Stephan und seine Türme

Die Baumeister von St. Stephan

Seite 96

Seite 148

Anhang

Seite 44

9 Andreas Nierhaus

Die Dombauhütte zu Wien

Andreas Rohatsch

Vollendung unerwünscht

Seite 156

... Hie sind vermerkt die fertt von Au und von Menestorf ...

Zur Restaurierung von St. Stepban im 19. Jahrhundert Seite 100

Die Steinbrüche Seite 50 Wolfgang Kos

Erkennbarkeit garantiert Bildgeschichte des Stepbansdomes von 1500 bis heute Seite 112

Literaturverzeichnis Seite 198 Leihgeber und Abbildungsnachweis Seite 203 Autorinnen und Autoren Seite 204 Dank Seite 205 Glossar Seite 206

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Wolfgang Kos

Vorwort

Wolfgang Kos

Vorwort Einzigartige Exponate von Weltrang

Im Sicherheitsbereich des Wien Museums, dort, wo die wertvollsten Objekte lagern: Faszinierte Gönner des Museums versammeln sich im Rahmen einer Exklusivführung um einen Tisch, auf den die Restauratorinnen eine schmale, fünf Meter lange Zeichnung auf Pergament gelegt haben, für die das Wort >>sensationell« angebracht ist. Es handelt sich um einen mittelalterlichen Planriss des nie fertig gestellten Nordturms des Stephansdoms. Großes Erstaunen, dass von diesem Meisterwerk der Gotik nach über 500 Jahren noch originale Baumeisterzeichnungen erhalten sind, nach denen hoch spezialisierte Handwerker Stein um Stein die monumentale Kirche erbauten, die de facto aus tausenden minutiös ausgeführten Details besteht. Dieser detailreiche Plan ist eine Art Zoom mitten hinein in die Baukunst der Gotik und ihr Streben in die Höhe, zu Gott. Und er ist augenscheinlicher Beweis für die erstaunlichen konstruktiven Leistungen jener Zeit (auch wenn der Nordturm nie vollendet wurde). Immerhin war der schlanke und ästhetisch einzigartige Südturm von St. Stephan, der 1433 endlich fertig war, mit 13 7 Metern einige Jahrzehnte lang das höchste Gebäude Europas. Man kann solche unschätzbar wertvollen Planzeichnungen auf Grund ihrer Schönheit heute als Kunstwerke betrachten. Vor allem sind sie Quellen, die für die Forschung Rückschlüsse auf die Baugeschichte von St. Stephan ermöglichen, und Antworten auf viele noch offene Fragenzum Beispiel zur Reihenfolge der Bauschritte in einem 300 Jahre dauernden Dombau, der uns heute mindestens so unglaublich erscheint, wie der Bau der Pyramiden oder antiker Tempel. Das Staunen wird noch größer, wenn man erfährt, dass sich in Wien im Vergleich zu den anderen gotischen Dombauten die größte Zahl an gotischen Bauplänen erhalten hat. Deshalb wurden die Planrisse 2005 von der UNESCO zum Weltdokumentenerbe erklärt. Einige von ihnen waren zwar immer wieder in Ausstellungen, wie etwa 2001 in der Ausstellung >>Geheimnis in Stein« in der Kartause Mauerbach, zu sehen, doch nur wenige Wienerinnen und Wiener wissen, dass sich dieser einzigartige Bestand in ihrer Stadt befindet: der größte Teil in der Sammlung des Kupferstich-

kabinetts der Akademie der bildenden Künste, eine Gruppe mit Schlüsselplänen der Turmprojekte von St. Stephan im Wien Museum. Der wichtigste Beweggrund für die Ausstellung »Der Dombau von St. Stephan« (ihr Arbeitstitel lautete >>Hoch hinauf«) war, diesen Schatz optimal zu präsentieren. Vor einigen Jahren wurden die konservatorisch überaus heiklen Bauzeichnungen in einem gemeinsamen Projekt von Kupferstichkabinett und Wien Museum digitalisiert; nun sind die beiden Institutionen abermals Kooperationspartner, ebenso wie die Dombauhütte von St. Stephan. Mit beiden gab es eine wunderbare Zusammenarbeit, für die ich mich bei Monika Knofler, der Direktorin des Kupferstichkabinetts und wichtigsten Leihgeberin, sowie bei Dombaumeister Wolfgang Zehetner herzlich bedanke.

St. Stephan und das Wien Museum Ein gotischer Dom und ein moderner Museumsbau aus den Fünfzigerjahren: Das wirkt wie ein unüberbrückbarer Kontrast, und doch gibt es erstaunliche Beziehungen. Denn auch im Erdgeschoss des Wien Museums befindet sich ein >>Domschatz«, nämlich bedeutende Objekte aus dem Stephansdom, etwa Steinskulpturen wie die berühmten »Fürstenfiguren«, die sich bis ins späte 19.Jahrhundert auf der Fassade des Doms befanden. Damals wurden sie auf Grund der fortschreitenden Zerstörung durch Kopien ersetzt, die Originale wurden als Schenkungen bzw. Leihgaben den Sammlungen der Stadt Wien übergeben. Auch zahlreiche bunte Glasfenster - de facto Gemälde auf Glas -wurden im Zug der Domrestaurierung vor 1890 ins Museum übersiedelt, in dem sie heute zu bewundern sind. Diese Zeugnisse sind integralerTeil unserer Ausstellung. 1997 fand- als joint venture zwischen St. Stephan und dem damaligen Historischen Museum - eine umfassende Großaustellung zur Geschichte des Stephansdoms über die Jahrhunderte hinweg statt. Die nunmehrige Schau behandelt vor allem die Erbauung des Doms - und von den Originalplänen ausgehend wichtige Themen, die im Kontext der Erbauung stehen: Das Leben im spätmittelalterlichen Wien ebenso wie - auf Basis neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse - zahlreiche baugeschichtliche und stadtgeschichtliche Aspekte: Wie wurde der Dombau, diese Manifestation auch von >>Stadtmarketing«, eigentlich finanziert? Welche Rolle spielte dabei das Wiener Bürgertum? Wie feierte man Gottesdienste in einer Baustelle, war

doch St. Stephan über Generationen hinweg unfertig?Wer plante eigentlich? Warum entstanden um St. Stephan so viele Sagen? Wie funktionierte eine mittelalterliche Dombauhütte? Woher kam das Baumaterial? Woher stammte das Holz für die Baugerüste? Woher kamen die Baumeister und Steinmetze, die oft Zuwanderer waren? Die Ausstellung findet zwar am Karlsplatz statt, doch der »Steffi« ist ihr Hauptdarsteller - und damit ein ebenso wichtiger Ort. Ich hoffe, möglichst viele Besucherinnen und Besucher nutzen die Schau als Impuls, auch den Dom zu besuchen und dieses Meisterwerk der Gotik besser kennen zu lernen.

Bildung als Museumsaufgabe Wie bei allen Ausstellungen des Wien Museums war uns wichtig, kompliziertes Fachwissen allgemein verständlich darzustellen: Museumsarbeit, in deren Zentrum Bildung steht, als Übersetzungsarbeit, um ein breites Publikum zu erreichen. Deshalb sind Kinder ein wichtiges Zielpublikum, anknüpfend an deren Interesse am Mittelalter. Kindersachbücher speziell zum damaligen Bauen und Alltagslehen sind ja zur Zeit Bestseller am Kinderbuchmarkt. Die Spielstation »Achtung Baustelle!« vermittelt, wie damals so erstaunliche Bauten errichtet werden konnten. Für Beiträge dazu danke ich der Dombauhütte ebenso wie dem kreativen Vermittlungsteam des Wien Museums. Die Ausstellung bietet auch über 500 Jahre hinweg eine Bildund Imagegeschichte von St. Stephan, dieser symbolischen Mitte der Stadt.

Dank Ohne Beratung durch wissenschaftliche Spezialisten wäre diese interdisziplinäre Ausstellung nicht zustande gekommen. Bei der Baugeschichte von St. Stephan gibt es nach wie vor viele offene Fragen, auch in der Bewertung der Lebens- und Umweltbedingungen des mittelalterlichen Wien sind zahlreiche neue Forschungsansätze zu verzeichnen. Mit der Kunsthistorikerin Barbara Schedl konnte eine KoKuratorin für die Ausstellung gewonnen werden, die tief in die Materie eingearbeitet ist. Ein ganz besonderer Dank gilt Michaela Kronberger, Kuratorin für Archäologie und frühe Stadtgeschichte am Wien Museum. Nach der neuen Dauerausstellung im Römermuseum hat sie abermals ein interdisziplinäre Konzept von hoher Komplexität entwickelt, wie immer mit größter Sensibilität für Besucherln-

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nen mit ganz unterschiedlichen Wissensniveaus. Andreas Nierhaus, Architekturexperte am Wien Museum, bearbeitete profund die Geschichte der Domrestaurierungen. Der Karlsruher Bauhistoriker JohannJosefBöker hat uns mit seinem unglaublichen Wissen über die gotischen Planrisse in zahlreichen Gesprächen auch vor den Originalen einen neuen Zugang zum Lesen der Zeichnungen geöffnet. Zu danken gilt Franz Zehetner, Archivar der Dombauhütte, der die Inhalte für eine PC-Station zur Geschichte der Dombauhütte erarbeitet hat. Einblicke in die traditionelle Steinbaukunst erhielten wir von Karl Neubarthund vom Dom-Bildhauer Philipp Stasny. Wichtige Inputs zur Umweltgeschichte und zur Geologie kamen von Christoph Sonnlechner (MA 8, Stadt- und Landesarchiv) und von Andreas Rohatsch (Institut für Ingenieurgeologie, TU Wien). Für die sensible und doch erlebnisorientierte Architektur ist Gerhard Abel von pla.net architects zu danken, für die behutsame grafische Gestaltung der Ausstellung und des Katalogbuches Larissa Cerny. Sie ist eine Spezialistin für >>Informationsgrafik«, ihrverdanken wir die Übersetzung der kuratarischen Inhalte in möglichst breit verständliche visuelle Darstellungen. Eine große Rolle spielen auch digitale und interaktive Medien, erstellt von Zone Wien, 7reasons, baurain communications und Walter Pehn (upgrade). Von Seiten der Restaurierung spielte Christine Mahringer eine wichtige Rolle. Sie hat mit ihrem großen Fachwissen über Papier, Pergament oder Tintenherstellung Wesentliches zur Ausstellung beigetragen. Mein Dank gilt vor allem Isabelle Exinger, die als Produzentin ein kompliziertes Projekt mit unermüdlicher Energie begleitete. Viele Fäden lagen auch in der Hand des Ausstellungsassistenten Sandro Fasching. Mit dem Metroverlag, einem Spezialisten für Wien-Themen, hatten wir einen überaus engagierten Partner. Wir hoffen, dass dieses Buch auch nach Ende der Ausstellung gute Dienste leisten wird.

Wolfgang Kos Direktor Wien Museum

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Einleitung

Michaela Kronberger/Barbara Schedl

Einleitung

Über mehrere Jahrhunderte prägte die Entstehung des gotischen Kirchenbaues von St. Stephan das Stadtbild Wiens. Zahlreiche Menschen waren tagtäglich mit der Großbaustelle konfrontiert und trugen dazu bei, dass dieses einzigartige Bauwerk errichtet werden konnte. Unzählige Handwerker, Hilfskräfte und Taglöhner haben an der Baustelle gearbeitet. Immense Geldsummen sind für den Bau von allen sozialen Gruppen der Stadt aufgebracht worden. Getrieben von politischen und ökonomischen Gründen, besonders aber von der mittelalterlichen Vorstellung jedes Einzelnen, ein gutes und gottgefalliges Werk zu errichten, konnte dieser Kraftakt zu einem guten Ende geführt werden. Bei dem Bauvorhaben orientierte man sich immer wieder an neuesten architektonischen Errungenschaften der Zeit, trug aber selbst mit innovativen technischen und künstlerisch beachtlichen Lösungen dazu bei, Spitzenleistungen der Gotik zu schaffen und internationales Ansehen zu erlangen. Besonders die Errichtung des hohen Turmes war eine technische und ästhetische Meisterleistung. Das Erscheinungsbild der Kirchensüdseite - das hohe, mit farbigen Ziegeln gedeckte Dach und der in den Himmel wachsende Turm- prägte schon kurz nach der Fertigstellung die Silhouette der Stadt. Zahlreiche Maler hielten dieses Sujet bereits im 15. Jahrhundert fest; was wohl wesentlich zur Identitätsbildung beigetragen hat. Jedes Baudetail der Kirche wurde mit größter Sorgfalt gefertigt. Angefangen mit der logistischen Herausforderung, geeignetes Baumaterial heranzuschaffen, bis zu der präzisen und kunstvollen Formung der Steine zu aufwendigen Maßwerkformen, beachtlichen Gewölbekonfigurationen, Fialen, Krabben und vielem mehr. Die Bauführung und Leitung oblag den Baumeistern, die in unterschiedlicher Weise noch zu Lebzeiten Berühmtheit erlangten. Besonders ab dem 15. Jahrhundert sind die meisten, die in Wien tätig waren, namentlich bekannt. Anders verhält es sich mit Generationen von Bauhandwerkern und Steinmetzen, die sich mit ihrem handwerklichen Geschick an dem Bau verewigten. Lediglich hie und da auffindbare Stein-

Michaela Kronberger/Barbara Schedl

metzzeichen am Bau oder die wenigen, in Schriftquellen überlieferten Namensnennungen lassen diese Baukünstler aus ihrer Anonymität treten. Besonders wertvoll für eine Annäherung an die mittelalterliche, gotische Sichtweise der Dinge und Vorstellungen der Zeitgenossen ist der große Bestand gotischer Planrisse der Bauhütte von St. Stephan. Die Sammlung umfasst einfache Entwurfszeichnungen, Schülerarbeiten, detailreiche Wandabwicklungen, komplexe Grundrissdarstellungen und - schon wegen des Formats- beeindruckende Turmaufrisse. Auf unterschiedlichem Material - Pergament oder Papier - gezeichnet, geben sie Einblick in den Planungs- und Entwurfsprozess zu dem Bauvorhaben und in die Praxis des Baubetriebs. Sie spiegeln aber auch eine enorme Wissenskomplexität und Erfahrung aller Beteiligten. Die Konstruktion derartig umfassender Zeichnungen erforderte hohe Bildung sowie Kenntnis unterschiedlicher geometrischer Darstellungsprinzipien, die durch Übung, jahrelange Praxis und Erfahrung erlernt wurde. Zu dem Planrissbestand gehören nicht nur Zeichnungen für St. Stephan in Wien, sondern auch Darstellungen zu anderen Bauprojekten in und außerhalb der damaligen Landes grenzen. Dies setzte eine große Reisetätigkeit voraus und zeigt eine erstaunliche internationale Vernetztheit der Protagonisten, der Baumeister ebenso wie deren Parliere und Handwerker. Permanenter Wissensaustausch und Kontakte zu den wichtigen Bauhütten in anderen Städten standen auf der Tagesordnung und erhöhten den Konkurrenzkampf, wenn es um Bauleistung und Innovation ging. Die Planrisse waren ein ganz wesentliches Kommunikationsmedium zwischen Bauherrn und Baumeister. Sie dienten zur Vorlage bei Geld- und Auftraggeber, die maßgeblich am Erscheinungsbild des Baues beteiligt waren. Änderungswünsche wurden direkt auf dem Plan verzeichnet und so manche Vorstellungen der Baumeister konnten so unterbunden werden. Selbst das kleinste Ausstattungsgut der Kirche, wie Altarbaldachine, Sakramenthäuschen oder Altargerät, wurde in typisch gotischer Manier geformt. Zahlreiche Entwürfe für derartige Objekte zeigen, wie die Gotik das gesamte zeitgenössische Leben bis ins Detail zu formen versuchte und auf visuelle Erfahrung ausgerichtet war. Allgemein lässt die große Anzahl an überlieferten Zeichnungen es zu, streng nach vergleichenden Methoden, einzelne Entwurfsstadien den tatsächlich realisierten Bauabschnitten chronologisch gegenüberzustellen und

somit einen Entstehungs- und Diskussionsprozess nachzuzeichnen. Und darüber hinaus gelingt es, das Oeuvre eines Baumeisters, seinen Werdegang und seine Entwicklung aufzuzeigen.

Zur Ausstellung Im Zentrum der Ausstellung stehen die gotischen Planrisse von St. Stephan. Auch nach eingehender Beschäftigung mit ihnen lässt sich ihre Komplexität nicht leicht entschlüsseln. Die Verfahren und Konzepte, nach denen die Baurisse gezeichnet und gelesen wurden, entsprechen mittelalterlichen Vorstellungen und Denkprozessen. Umso schwieriger ist es heute für ein breites Publikum, in diese Welt einzutauchen. In verschiedenen Kapiteln, die den einzelnen Planzeichnungen zugeordnet sind, wird versucht, Denkanstöße zu liefern und Hilfestellungen über Infografiken und Modelle anzubieten. Um nachvollziehen zu können, welcher Bauteil oder welche Kirchenausstattung auf der jeweiligen Zeichnung dargestellt ist, werden die Planrisse immer mit Grundriss oder Aufriss des Stephansdomes verortet und mit den passenden Fotografien illustriert. Der Dom selbst wird durch zwei großformatige Raumprojektionen zum wichtigen Hauptakteur der Ausstellung. Die Vielschichtigkeit der mittelalterlichen Planrisse spiegelt sich auch in den weiteren Kapiteln der Ausstellung. Die Annäherung an das mittelalterliche Bauwesen ließ uns kulturwissenschaftliche Themen aufgreifen, die u. a. nach Vorstellungen, religiösen Konzepten und Frömmigkeitsformen der damaligen Menschen sowie umwelthistorischen Aspekten fragen. In der Zeit, als der Stephansdom errichtet wurde, war Ressourcenknappheit infolge von Umweltkatastrophen und Pestepedemien ein großes Problem in weiten Teilen Mitteleuropas. Personalressourcen waren besonders im 14.Jahrhundert- nach zahlreichen Umwelt- und Pestkatastrophen- äußerst knapp. Umso erstaunlicher erscheint es, dass dieses Bauwerk dennoch vollendet werden konnte. Heute fühlt sich die Dombauhütte nach wie vor traditionellen Arbeitsmethoden der alten Handwerkskunst verpflichtet; dennoch hat sie sich neueste Techniken der Dokumentationen angeeignet. Dies kann in einer PCStation nachvollzogen werden. Wichtig ist uns, dass die Ausstellung auch den jüngsten Besucherinnen und Besuchern Einblick in eine mittelalterliche Baustelle gewährt. Sie sind eingeladen, unsere interaktive Baustelle zu besuchen.

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Die bislang überzeugend dargestellte Baugeschichte und der Entstehungsprozess der über Jahrhunderte gewachsenen Stephanskirche scheint durch neuere Forschungen alles andere als gesichert. Vieles ist im Umbruch und wird neu zu diskutieren sein. Wir waren bemüht, weite Teile der neuesten architekturhistorischen Thesen in unser Konzept einzubauen. Eine international zusammengesetzte Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern nimmt die bahnbrechenden architekturhistorischen Ergebnisse der IetztenJahre zum Anlass, im Rahmen einer internationalen und interdisziplinären Tagung im Juni 2011 diese vor einem breit angelegten kulturhistorischen Hintergrund zu diskutieren. Neben baugeschichtlichen Fragen und anderen kunsthistorischen Themen, wie etwa zum Ausstattungsprogramm, sollen auch Überlegungen zur städtebaulichen Bedeutung dieses Bauwerks für die Wiener Bürgerinnen und Bürger sowie für die Geschichte Österreichs angestellt werden. Erörtert werden aber auch Aspekte der Herrschaftsrepräsentation und der Liturgiegeschichte. Die neuen architekturhistorischen Thesen sollen nicht nur kritisch gesichtet, sondern auch in einen kulturhistorischen Kontext gestellt werden. Es ist beabsichtigt, die Tagungsergebnisse in einem wissenschaftlichen Band zu publizieren.

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laurenz Spenning Westempore von St. Stephan, 1460 - 1465 Plan riss : Reißfeder und Zirkel in schwarzer Tinte auf Papier, Blindrillen, 31,2 x 57,7 cm Kupferstichkabinett der Akademie der bildenden Künste, lnv.Nr. HZ 16.851r

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Laurenz Spenning, Singertorvorhalle von St Stephan, um 1464 • . . Rel"ßfeder und Zirkel Plannss. . in schwarzer Tinte auf Papier, . 79 ' 9 x 44,3 cm Blindnllen, ferstichkabinett der .. Kup . d er b"ldenden Kunste, I Akademie lnv. Nr. HZ 17.051r

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Pater von Prachatitz Grundriss des Südturms von St. Stephan, kurz nach 1400

Planriss: Reißfeder und Zirkel in schwarzer Tinte auf Pergament, Blindrillen, 61,7 x 54,7 cm Wien Museum, lnv. Nr. 105.065

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Laurenz Spenning Teilgrundriss des Langhauses von St. Stephan, 1460 - 1465 Plan riss: Schwarze Tinte auf Papier, 54,4 x 69,6 cm Kupferstichkabinett der Akademie der bildenden Kunste lnv. Nr. HZ 16.863r '

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