Der filmische Blick auf den Raum

Der filmische Blick auf den Raum

Der filmische Blick auf den Raum Vorlesung vom 10.12.2009 Die Kadrierung und das Außerbildliche Lektüre: Doris Agotai, Architekturen in Zelluloid, 2...

7MB Sizes 0 Downloads 6 Views

Recommend Documents

Der filmische Raum und der Zuschauer
28.08.2011 - storischen und kulturellen Implikationen reflektiert worden wären, die mit der Über- nahme des mechanisch

RAUM AUF DER FLÄCHE
Jane Hamond, Haus … Jane Hammond, the woderfullness… David,. Hockney, Karte aus Erinnerung… Monika Miller M.A.. Ha

Der Winterfahrplan auf einen Blick
Luganersee. 091/971 52 23 [email protected] Frau Monica Truninger. Schifffahrtsbetrieb. Rorschach. 071/846 60 60 [email protected]

Liebe auf den ersten Blick Mit der hochkarätigen Sammlungsausstellung
Lichtenstein, Alex Katz, David Hockney, Christo und. Jeanne-Claude, Gerhard Richter und Anselm Kiefer. Auch die im 20. J

Nur auf den ersten Blick charmant - EconStor
Suggested Citation: Eichhorst, Werner (2013) : Nur auf den ersten Blick charmant: Europäische. Arbeitslosenversicherung

Blick auf den Stadtteil - Sahlkamp Infoportal Hannover
Prelios erarbeitet. Sanierungskonzept. Das Wohnungsbauunternehmen geht die. Probleme in Zusammenarbeit mit der Stadt sch

Luxus auf den zweiten Blick - Schloss Eckberg
Architekt Danilo Silvestrin, der bereits. 1997 vom Eigentümer für den Umbau zum Luxushotel beauftragt wurde. Die. Hand

Blick auf den Bericht über den Einsatz ein
Foto: Andreas Poppel. Dafür ist eine Übergangsregierung gebildet worden, welche sich eine Verfassung gegeben hat. Das

Balkongemüse: Der Gemüsegarten auf kleinstem Raum
Fruchtgemüse wie Tomate, Paprika, Aubergine, Andenbeere und eventuell die. Gurke. Natürlich können Sie weitere Kulturen

DER HAFEN HAMBURG AUF EINEN BLICK
26.05.2017 - Hamburger Hafen und die Nordrangehäfen ... Quellen: Hafen Hamburg Marketing e.V., Hamburg Port Authority,

Der filmische Blick auf den Raum Vorlesung vom 10.12.2009

Die Kadrierung und das Außerbildliche Lektüre: Doris Agotai, Architekturen in Zelluloid, 2007

Kadrierung (lat. quadrum, Viereck) = Begrenzung des filmischen Bildfeldes, Rahmen für den szenischen Raum – Größe (Totale, Halbnahaufnahme oder Nahaufnahme) und Proportion (Bildformat) des Rahmens – Auswahl eines Segments des filmischen Raums – je nach Wahl des Ausschnitts Veränderung der räumlichen Wirkung – bewegliche Maske – Raum im Off – Erzählstrategie des Unsichtbaren

Blick vom Zuschauerraum in imaginären Filmraum – Raumillusion – Abdunkelung und Ansteigung des Zuschauerraumes – sinnliche und bewusstseinsformende Verschmelzung zwischen Bildraum und Betrachter – Immersion = Eintauchen in eine künstliche Welt durch Auflösung der räumlichen Grenzen

Masaccio, Dreifaltigkeit, Fresko in Santa Maria Novella, Florenz, 1425–1428. – Andrea Pozzo, Scheinkuppel, Universitätskirche, Wien, 1703–1707. Immersive Techniken – Trompe l‘oeil (frz. „täusche das Auge“) – Vortäuschung von Raum durch perspektivische Mittel – scheinbare Vergrößerung der Architektur zum Ruhme des Auftraggebers

Andrea Mantegna, Fresken in der Camera degli Sposi für Luigi III. Gonzaga, Castel San Giorgio, Mantua, 1465–1474. Gemalte Scheinarchitektur – künstliche Ausblicke durch vermeintliche Fenster – Ausblick auf Phantasielandschaften

Andrea Pozzo, Sant'Ignazio di Loyola, Langhausgewölbe. Fresko, „Himmelfahrt des Heiligen Ignatius von Loyola", Rom, 1691–1694.

Villa dei Misteri, Pompeij, Italien, 1. Jahrhundert v. Chr. Freskenraum. Antike Villenanlage – Fresken mit Darstellungen dionysischer Mysterien – Scheinarchitekturen und illusionistische Landschaften – Grenzverwischung zwischen Realraum und Imaginationsraum – Kultstätte der Dionysosgemeinde – religiöse Praxis

Robert Barker, Panorama-Rotunde am Leicester Square, London, 1793. Schnitt. Doppelstöckige Rotunde – Panorama (griech. „Allsicht“) – Rundgemälde, Rundumsicht – Betrachter in der Mitte – Massenmedium

Edouard Castres, Bourbaki-Panorama, Luzern, 1881. Gemälde, 112 x 10 Meter, mit plastisch gestaltetem Gelände.

IMAX, Cinecittà Nürnberg, Dome-Leinwand in Vorführposition geschwenkt, 2001.

Bildformat

Academy-Format – 1.33-Format – Seitenverhältnis 3:4

Breitwandsysteme – europäisch 1.66, amerikanisch 1.85, Cinemascope 2.0

Ultra Panavision 2.76 (William Wyler, Ben Hur, USA, 1959. – Ed Harris, Appaloosa, USA, 2008)

Einfluss des Formats auf Wirkung des filmischen Raumes – Tiefenwirkung – schmales Format, steiler Winkel der zusammenstrebenden Fluchtlinien, Betonung der Tiefenwirkung – Breitwandformat, flacher Winkel der Fluchtlinien, Verflachung des Raumes, perspektivische Streckung

Ed Harris, Appaloosa, USA, 2008. Horizontaler Handlungsraum – Nebeneinander mehrerer Personen auf der gleichen Ebene – filmische Narrativität – Bewegung des Auges, die das Sehfeld zunächst horizontal absucht – Malerei/Fotografie: veränderlicher Rahmen (Größe und Form), unveränderlicher Blickpunkt – Film: unveränderlicher Rahmen, veränderlicher Blickpunkt

Friedrich Wilhelm Murnau, Nosferatu, Stummfilm, Deutschland, 1922. Innere Gestaltung des Bildfeldes – Auflösung der Leinwandgrenzen – Irisblende

Filmausschnitt 1 _Michelangelo Antonioni, L‘Eclisse (Liebe 1962), Italien/Frankreich 1962. Elemente des Handlungsraumes zur Aufteilung des Bildformats in vertikale Raumsegmente – Monumentalsäule als Trennelement – Beziehungsraum

Filmausschnitt 2 _Jean-Luc Godard, Le Mépris (Die Verachtung), Italien/Frankreich,1963. Zerlegung des Bildfelds durch Raumelemente in zwei verschiedene Raumsegmente – Andeutung weiterführender Räume durch Blickachsen und Bewegungsachsen – Herstellung von Nähe und Ferne – Verschmelzung der Protagonisten mit dem Raum – Raum als narrative Struktur

Filmausschnitt 2 _Jean-Luc Godard, Le Mépris (Die Verachtung), Italien/Frankreich,1963.

Le Corbusier, Villa Savoye, Poissy-sur-Seine, Frankreich, 1929–1931. Blick durch eine Öffnung in einen Außen- oder Innenraum – Rahmung und Lenkung des Sehfelds des Betrachters durch Architektur – Blickbeziehung als Verbindung beider Räume – durch Rahmung Raum als Bild – Wegebeziehung – Schwelle – Nebeneinander zweier Räume – Ablesbarkeit der Tiefenstruktur

Unterschied zwischen Film und Architektur: Betrachterstandpunkt – Einfluss auf den durch Kadrierung gefassten Raumausschnitt

Peter Zumthor, Kolumba, Kunstmuseum des Erzbistums Köln, 1997–2007 (links) und Therme, Vals, Schweiz, 1990–1996 (rechts). Von der Bildhaftigkeit zur Entgrenzung – Raumausschnitt als Fensterbild oder Auflösung der Grenze (Immersion) – Konkurrenz zwischen Kunstbild und Fensterbild im Kolumba-Museum – Figur auf Grund – Eintauchen des Betrachters in das Bild der Stadt (Kolumba) oder der Landschaft (Therme)

James Turrell, Skyspace, wiederkehrende Rauminstallation an verschiedenen Orten, seit 1986. Immersive Technik – bauliche Reduktion des Rahmens

Architektur: Inszenierung des geöffneten Raumes als Bild – Film: Inszenierung des Bildes als scheinbar wirklichen Raum

Film

Filmausschnitt 3 _Louis Lumière, L‘Arrivé d‘un train à Ciotat, Frankreich, 1895. Filmische Immersion – Verwischung der Grenzen zwischen Betrachter und Bildraum – Zuschauer flüchteten vor dem Bild des einfahrenden Zug aus Saal

Julius Shulman, Case Study House No. 22 von Pierre Koenig, 1960. Die Kadrierung als Immersion – räumliche Verschränkung statt Trennung – Überwältigung der Realitätswahrnehmung – Auflösung der Rahmenhaftigkeit

Elizabeth Diller & Ricardo Scofidio + Renfro, Institute of Contemporary Art, Boston, 2002–2006.

Architektur und Kino – offene Rückwand – Mündung des Innenraumes in den Außenraum – Fenster als Leinwand im Breitwandformat – Wahrnehmung des gerahmten Raumes als bewegtes Filmbild

A. Gigon, M. Guyer, Museum Liner Appenzell, Schweiz, 1996–1998 – O. L. Kaufmann, DMG Headquarters, Klaus, Österreich, 2004–2005. Fensterbild (links) und Raumillusion (rechts) – Wand als Grenze, Rückwand quer zur Sehachse, Staffelung von Tiefenebenen (links) – aufgelöste Rückwand, betonte Seitenwände, Wände parallel zur Sehachse, Herstellung von Raumkontinuität, Betrachter als integraler Bestandteil (rechts)

Roland Rainer, Böhlerhaus, 1958. Fotografie: Margherita Spillutini, 1992. vertikale Öffnung = Tiefenabstufung vom Boden bis zum Himmel – Farb-/Lichtkontrast der Tiefenschichten – Steigerung der räumlichen Tiefenwirkung horizontale Öffnung = Panorama, Landschaft als Kontinuität, Sehfeld des menschlichen Auges, konstant bleibende Tiefenebene, geringere Tiefenwirkung

Tiefenebenen

Filmausschnitt 4 _Michelangelo Antonioni, Il deserto rosso (Die rote Wüste), Italien, 1964. Handlung auf verschiedenen Tiefenebenen – Vorder- und Hintergrundhandlung – Kongruenz von Frachter und Fenster, gerahmtes Bild – Hintergrundbild als Verbindung zwischen vergangener Szene und zukünftigem Ereignis – Zusammendrängen der Tiefenebenen/Handlungsebenen auf eine Fläche

Filmausschnitt 5 _Michelangelo Antonioni, Il deserto rosso (Die rote Wüste), Italien, 1964.

Roland Rainer, Böhlerhaus, 1958. Fotografie: Margherita Spillutini, 1992. Enfilade versus Korridor – Gestaffelte Tiefenebenen – Wahrnehmung getrennter Raumsegmente – visuelle Erfassung der Raumtiefe

Le Corbusier, Villa Savoye, Poissy-sur-Seine, Frankreich, 1929–1931.

Innen- und Außenperspektive

Filmausschnitt 6 _ Michelangelo Antonioni, L‘Eclisse (Liebe 1962), Italien/Frankreich 1962. Durchdringung von innen und außen, geschlossen und offen, gefangen und frei (in Bezug auf Raum, Hauptfigur, Kamera) – Räumlichkeit als Spiegel der Befindlichkeit der Protagonistin – Betrachter nimmt abwechselnd die Perspektive der Protagonistin und die eines Voyeurs ein

Le Corbusier, Villa Savoye, Poissy-sur-Seine, Frankreich, 1929–1931. Durchdringung von Innen und Außen – innerer Außenraum und äußerer Innenraum – Wechsel zwischen Definition und Auflösung der Raumgrenze

Offenes und geschlossenes Bildfeld

Stummfilme: Frank Lloyd Fox, American Methods, USA, 1917. – John S. Robertson, Annie Laurie, USA, 1927. Im frühen Film Darstellung eines geschlossenen Raumsystems – Präsentation eines geschlossenen Bühnenraumes anstelle eines offenen Filmraumes Abbildung des gesamten Raumes – Bildausschnitt als geschlossene Einheit – statische Ausrichtung der Kamera auf das Objekt des Interesses

Fritz Lang, Metropolis, Stummfilm, Deutschland, 1927. Offenes Raumsystem – „Cache“ (verdeckter Raum, dynamische Maskierung) – Freilegung eines Raumausschnitts – Dekomposition des szenischen Raums – Perspektive mitten im Geschehen – Verfolgung des Geschehens mit den Augen eines Darstellers – gedankliche Zusammenfügung der Raumausschnitte – Gefahr der Orientierungslosigkeit – Regeln von Richtungs- und Blickbezügen – Integration des Betrachters in den Szenenraum Intensivierung der Illusion – körperliche Beziehung des Betrachters zum Bildgegenstand

Filmausschnitt 7 _Michelangelo Antonioni, Il deserto rosso, Italien, 1964. Gegenüberstellung einer geschlossenen und offenen Form – Koje in Fischerhütte, genaue Passform auf das Bildformat, Zoom zur Verringerung der räumlichen Tiefe – Blick nach draußen ins Offene – Raum im Off – angeschnittene Raumelemente – sich kreuzende Blick- und Bewegungsachsen

Filmausschnitt 8 _Michelangelo Antonioni, Il deserto rosso, Italien, 1964. Negation des räumlichen Bezuges durch Verhüllung – Fehlen von räumlichen Referenzobjekten – Entleerung des Bildfeldes – Aufbau von Erwartung und Spannung – Maßstabslosigkeit des Schiffes, Bedrohlichkeit – Wechsel zwischen Abbildung und Verhüllung – Wahrnehmungsintensivierung

Adolf Loos, Haus Moller, Wien, 1927–1928. Straßenansicht. – Villa Müller, Prag, 1928–1930. Axonometrie (Joern Besser, Stephan Liebscher, 2005). Offenes und geschlossenes Bildfeld – Axialsymmetrischer Raumaufbau und Bewegung in der Diagonalen – Raumplan = Erschließung mit mehreren Richtungswechseln durch eine Folge unterschiedlich hoher Räume

Loos, Haus Moller, Wien, 1927/28. Blick vom Musiksaal ins Speisezimmer und umgekehrt. – Grundriss Hochparterre. Darstellung des Raumes wie im frühen Film als geschlossenes Bildfeld – Raum als Ganzheit – symmetrischer Raumaufbau – Zentralperspektive, horizontaler Raumausschnitt, liegende Komposition, statischer Eindruck – Assoziation von Zuschauerraum und Bühne, Objekt und Betrachter

Blick vom Entrée zur Halle. – Grundriss Parterre. Darstellung des Raumes als offenes Bildfeld – Erschließung des Raums in der Diagonale – vertikaler Raumausschnitt als Bewegungsraum – Fluchtpunkte außerhalb des Blickfelds – Raum als Ausschnitt – Verweis auf weiterführenden Raum – Wendungen der Bewegungsrichtung – unterschiedliche Perspektiven

Adolf Loos, Haus Moller, Wien, 1927/28. Blick von der Halle auf Sitzerker und Tür der Bibliothek (links). – Grundriss Hochparterre (rechts). Linearperspektivische Struktur – zusätzlicher dritter Fluchtpunkt durch Treppensteigung – Erzeugung dynamischer Raumwirkung

Frank Lloyd Wright, Frederick C. Robie House, Chicago, 1910. Straßenansicht. Wirkung der Raumdiagonale – Auflösung des Schachtelprinzips im Wohnungsgrundriss – Überlagerung und Überschneidung der Räume

Frank Lloyd Wright, „A Small House with Lots of Room in It“, 1901. Grundriss.

rechts: Doris Agotai, Konzeptskizzen zu Wrights Prinzip der Raumorganisation über die Diagonale. In: dies.: Architekturen in Zelluloid, 2007. Überschneidung der Räume – diagonale Blickbeziehung – Begrenzung des Sichtbaren – Aktivierung des Betrachters zur Raumerkundung

Camillo Sitte, Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen, Wien, 1889. Kapitel III: Die Geschlossenheit der Plätze. Unregelmäßige Plätze als Versammlungsorte – Ablenkung des Blicks – Forderung nach einer winkligen Einmündung von Straßen auf Plätzen

Art + Com, The Invisible Shapes of Things Past, 1995–2007. Räumliche Anordnung von Einzelbildern entsprechend der Kamerabewegung – Verknüpfung der Bildinformationen zum Körper – verräumlichte Zeit

Rem Koolhaas/OMA, Niederländische Botschaft, Berlin, 1997–2003. Architekt als Drehbuchautor – Trajet (Rampe) – Negativvolumen – Durchdringung von innen und außen

Koolhaas/OMA, Bibliothèques de Jussieu, Paris, 1992/1993. Abwicklung des Wegraumes, gefügt aus Vertikalschnitten, in Längsrichtung gestaucht.

Koolhaas/OMA, Niederländische Botschaft, Berlin, 1997–2003.

Michelangelo Antonioni, Il deserto rosso, Italien, 1964. – Diller & Scofidio, Blur Building, Pavillon auf der Schweizer Landesausstellung, Yverdon, 2002.