Deutsche Haiku-Gesellschaft e.V.

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Deutsche Haiku-Gesellschaft e.V. Die Deutsche Haiku-Gesellschaft e.V.1 unterstützt die Förderung und Verbreitung deutschsprachiger Lyrik in traditione...

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Deutsche Haiku-Gesellschaft e.V. Die Deutsche Haiku-Gesellschaft e.V.1 unterstützt die Förderung und Verbreitung deutschsprachiger Lyrik in traditionellen japanischen Gattungen (Haiku, Tanka, Haibun, Haiga und Kettendichtungen) sowie die Vermittlung japanischer Kultur. Sie organisiert den Kontakt der deutschsprachigen HaikuDichter/innen untereinander und pflegt Beziehungen zu entsprechenden Gesellschaften in anderen Ländern. Der Vorstand unterstützt mehrere Arbeits- und Freundeskreise in Deutschland sowie Österreich, die wiederum Mitglieder verschiedener Regionen betreuen und weiterbilden. Der Mitgliedsbeitrag beträgt 40 € im Jahr und beinhaltet die Lieferung der Zeitschrift. Anschrift:

Deutsche Haiku-Gesellschaft e.V. Ober der Jagdwiese 3, 57629 Höchstenbach Web: http://www.deutschehaikugesellschaft.de E-Mail: [email protected]

Ehrenpräsidentin: Margret Buerschaper, Auenstraße 2, 49424 Goldenstedt 2. Vorsitzende und Redaktion:

Claudia Brefeld, Auf dem Backenberg 17, 44801 Bochum , Tel.: 0234/70 78 99 E-Mail: [email protected]

Schriftführer und Redaktion:

Horst-Oliver Buchholz, Wöhlerstraße 20 63454 Hanau-Kesselstadt, Tel.: 06181/66 80 162 E-Mail: [email protected]

Kassenwart:

Georges Hartmann, Ober der Jagdwiese 3, 57629 Höchstenbach, Tel.: 02680/760 E-Mail: [email protected]

Webmaster:

Stefan Wolfschütz, Curschmannstraße 37, 20251 Hamburg, Tel.: 040/477965 [email protected]

Bankverbindung:

Landessparkasse zu Oldenburg, BLZ 280 501 00, Kto.-Nr. 070 450 085 (BIC: BRLADE21LZO IBAN: DE97 2805 0100 0070 450085). Die finanzielle Unterstützung der DHG quittieren wir mit Spendenbescheinigungen.

1Mitglied

der Federation of International Poetry Associations (assoziiertes Mitglied der UNESCO), der Haiku International Association, Tôkyô, der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V., Leipzig, Ehrenmitglied der Haiku Society of America, New Orleans.

Editorial Liebe Leserinnen und Leser, woher mag es kommen, dass uns diese kleinen wundersamen Dichtungen, die Haiku, immer wieder berühren? Dass sie eine Saite in uns anschlagen und zum Schwingen bringen, von der wir bisweilen vielleicht nicht einmal wussten, dass sie uns inne ist. Dass sie einen Nachhall in uns intonieren – obwohl wir den Moment des Dichters nicht kennen, der ihn den Klang freischlagen ließ? Eine faszinierende Frage, unergründlich vielleicht, über der sich im Kreise Gleichgesinnter ganze Nächte debattieren und flaschenweise Wein leeren ließe. Eine mögliche Antwort fand ich bei Herrmann Bahr, dem großen österreichischen Schriftsteller und einer der Wegbereiter der literarischen Moderne. 1913 schrieb er in einem Aufsatz zu den Figuren im Werk Dostojewskis: „Jeder Mensch enthält die ganze Menschheit.“ So erklärte Bahr, weshalb uns die Helden Dostojewskis, obwohl aus ganz anderer Zeit und ganz anderem Raum, oft seltsam vertraut gegenübertreten, als kennten wir sie. So mag es denn wohl auch mit der Haiku-Dichtung sein. Wenn ein Haiku auch nicht – natürlich nicht – das ganze Menschsein umspannen kann oder die ganze Natur, in der sich alles Werden und Vergehen vollzieht, so gibt es doch oft den Blick frei auf etwas Exemplarisches, das den Menschen und dessen Natur sowie der Natur selbst zu eigen ist. Etwas, das über das Konkrete hinausweist in eine allgemeine Erfahrung. Sicher, das gilt nur für „gelungene“ Haiku. Dies aber nun zu klären, was das jetzt wieder ist: ein gelungenes Haiku – dazu bräuchte es wohl weitere lange Debattennächte und die nächste Kiste Wein. Behalten wir indes klaren Kopf und stellen fest: In diesem Heft finden Sie wieder viel Gelungenes, Berührendes, auch Heiteres. Wir wünschen berauschende Lektüre … Herzlich, Ihr Horst-Oliver Buchholz 2

Inhalt EDITORIAL Horst-Oliver Buchholz

2

Die kommende DHG-Anthologie in 2015

4

AUFSÄTZE/ESSAYS Klaus-Dieter Wirth: Grundbausteine des Haiku (XVIII) – Atmosphäre

5

BERICHTE Georges Hartmann: Die französische Ecke Claudia Brefeld: Haiku aus Japan Klaus-Dieter Wirth: Das 25-jährige Jubiläum der HIA Eleonore Nickolay: Das Kukaï Paris Silvia Kempen: Ein Porträt – Traude Veran Haiga: Traude Veran

15 17 21 23 27 30

HAIKU-WERKSTATT

31

LESERTEXTE Haiku- und Tanka-Auswahl Ausgezeichnete Werke Neue DHG Mitglieder Haibun Tan-Renga Haiga:Yuko Igarashi und Jerry Bergonzi Rengay Kettengedichte, Sequenzen

36 36 42 43 45 46 47 48 49

HAIKU UND TANKA AUS DEM INTERNET

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LESERBRIEFE

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REZENSIONEN Peter-Michael Jander: Im Gegenlicht – Haiga-Ausstellung von Ion Codrescu Ramona Linke: Vorbei am Acker der Kindheit von Angelika Holweger Rüdiger Jung: Gejagt von Wolkenschatten von Volker Friebel D. Tauchner: Poetica oder: Schmetterlinge weinen nicht von S. Weber-Bublitz Trude Veran: Haiku-Pick von Heike Gewi Rüdiger Jung: HAIKU. HAIKU KREIS WIESBADEN von Rita Rosen (Hrsg.) Haiga: Rita Rosen und Eva van der Horst

57 60 61 65 66 68 72

MITTEILUNGEN Haiga: Simone K. Busch

73 75

3

Die kommende DHG-Anthologie in 2015 Gemäß der bisherigen Gepflogenheit der DHG, alle zwei Jahre ein Buch mit DHG-Mitglieder-Beteiligung herauszugeben, hat der Vorstand einstimmig beschlossen, den großartigen Erfolg der HaigaAusstellung bei der letztjährigen Jubiläumsveranstaltung in Ochtrup diesmal als Buchprojekt fortzusetzen. Dazu ist nun für jeden Interessierten folgender Zeitplan zu beachten: 1. Einsendung wiederum von bis zu 5 Haiku in deutscher Sprache an Klaus-Dieter Wirth (E-Mail-Adresse: [email protected] Postadresse: Rahserstr. 33, 41747 Viersen), der diese dann übersetzt und an Ion Codrescu weiterleitet, der aus den zugesandten Haiku das auswählt, das ihn am meisten zur Gestaltung eines Haiga inspiriert. 2. Der Einsendezeitraum vom September bis zum Dezember 2014 ist unbedingt einzuhalten! 3. Als Erscheinungsdatum ist der Oktober 2015 vorgesehen, sodass das Buch rechtzeitig als Weihnachtsgeschenk auf den Markt kommt.

4

Aufsätze und Essays Klaus-Dieter Wirth

Grundbausteine des Haiku (XVIII) dargestellt an ausgewählten fremdsprachlichen Beispielen Atmosphäre Dieses Thema bezieht sich nicht wie das vorige, der Vergleich, auf ein formaltechnisches Stilmittel. Es betrifft vielmehr direkt den sogenannten Geist des Haiku, ein augenscheinlich ziemlich vager Begriff und dennoch das, was das Wesen des Haiku ausmacht. Atmosphäre ihrerseits ist kaum viel konkreter zu erfahren. Dabei sollte sie über eine eventuelle, unmittelbare Wahrnehmung hinaus trotzdem noch mehr darstellen, noch mehr hergeben. Im Grundbaustein (XIII), Das diskrete Ich, wurde bereits darauf hingewiesen, wie unabdingbar es für japanische haijin ist, dass im Haiku kokoro (Herz, Gemüt, Seele, Angerührtsein) spürbar bleibt. Das lässt sich hier weiter präzisieren, indem wir einen Begriff näher betrachten, auf den Yosano Akiko besonderen Wert gelegt hat, nämlich jikkon, wörtlich „echte, eigentliche Gefühle“1. Gemeint sind damit nicht künstlich aufgesetzte, berühmten Vorbildern bloß nachempfundene oder auch Modeerscheinungen aufgreifende Gefühlsbekundungen, letztlich eben nur solche allgemeiner Art, sondern frische, individuelle, ganz im Hier und Jetzt aufkommende Emotionen. Sie allein sind von poetischem Wert, denn nur sie ermöglichen es dem Dichter, über den normalen Menschenverstand, über Routineerfahrungen hinaus in Bereiche wahrhaft intensiven Erlebens vorzustoßen. Kyogi (Verfälschung) ist der Gegenbegriff, der allerdings in Gesprächen, Briefen oder anderen Formen der Prosa längst nicht diese entscheidende negative Rolle spielt. Doch 1

Makoto Ueda: Modern Japanese Poets and the Nature of Literature, Stanford University Press (USA) 1976, S. 58.

5

für das Haiku ist die Forderung von jikkon besonders wichtig, weil sie der Gefahr entgegenwirkt, ein Opfer abgedroschener, allzu romantischer oder gar kitschiger Aussagen zu werden. Und noch ein Umstand macht es uns schwer, ein Haiku auf dem Grundbaustein der Atmosphäre aufzubauen. „Ein Haiku ist“ – wie Max Verhart einmal definiert hat – „ein wortarmes Konstrukt, dessen Funktion es ist, das Erleben von Sein wachzurufen.“ Ja, und um gerade Atmosphäre einzufangen, sie noch möglichst adäquat weiter zu vermitteln, sind wohl – so scheint es – mehr als nur ein oder zwei Worte nötig. Dennoch muss auch diese Hürde genommen werden, soll unter diesem Aspekt ein überzeugendes Resultat entstehen. Andererseits ist ein Haiku nicht unbedingt von „großartiger“ Bedeutung abhängig. Sein Dichter muss nur zu jeder Zeit wach genug sein, um die einem Augenblick innewohnende Bedeutung in rechter Weise zu erfassen. Jack Hill (GB) etwa macht das vorbildlich im folgenden Fall, wo man geradezu die frische Luft atmen kann: in winter silence oystercatchers swoop down on the cold sand

in der Stille des Winters schießen Austernfischer herab auf den kalten Sand

the scent of plum blossoms rocks and carries a houseboat in haze

Pflaumenblütenduft schaukelt und trägt ein Hausboot im Dunst

Ryoko Suzuki (J)

Lumière matinale – Les roses s'engourdissent sous une lueur rose

Morgendliches Licht – Die Rosen erstarren im rosigen Schein

Aiko Ishida (J)

crunch of frost a flurry of chickadees swings the feeder Caroline Hall (USA) 6

knirschender Frost Meisengeflatter bringt das Futterhäuschen in Schwung

depressed mood an egret flies through it

gedrückte Stimmung ein Reiher fliegt einfach durch sie hindurch

Robert Epstein (USA)

homestead auction: a chow pup yips by a bucket of mums

Eigenheimversteigerung: ein Chowwelpe jault neben einem Eimer Chrysanthemen

Dave Russo (USA)

Snow bent branches moonlight slides to the ground

Schneegebeugte Äste Mondlicht gleitet zu Boden

Natalia L. Rudychev (USA)

street festival another blue balloon dissolves in the sky

Straßenfest noch ein blauer Luftballon löst sich am Himmel auf

Anne LB Davidson (USA)

in the breeze the weight of dandelions

im Luftzug das Gewicht von Löwenzahn

Peter Joseph Gloviczki (USA)

the cat meows his favorite chair taken by moonlight

der Kater miaut sein Lieblingsstuhl vom Mondlicht besetzt

Jane Reichhold (USA)

a loon dries its wings the light ripples underwater

ein Seetaucher trocknet seine Schwingen Licht rieselt unter Wasser

Brent Partridge (USA)

evening the maple lays down its shadows

Abend der Ahorn legt seine Schatten nieder

Michelle Root-Bernstein (USA) 7

snowy night sometimes you can’t be quiet enough

schneeige Nacht manchmal kann man nicht still genug sein

John Stevenson (USA)

not lonely but alone, the moonlit goldfish

nicht einsam aber allein, der mondbeschienene Goldfisch

David Lanoue (USA)

winter light – the blue tint of silence

Winterlicht der blaue Farbstich der Stille

Sondra J. Byrnes (USA)

bitter cold a juniper berry parts the jay’s beak

bitterkalt eine Wachholderbeere trennt den Schnabel des Hähers

an'ya (USA)

late autumn stillness the chickadee’s commotion on a one-leaf twig

Spätherbststille das Meisentheater auf einem Zweig mit nur einem Blatt

Bruce Ross (USA)

breaking the silence of the drought acorn rain

er bricht die Stille der Trockenheit Eichelregen

Kristen Deming (USA)

darkness from a thunderstorm becomes night

Dunkelheit von einem Gewitter wird zu Nacht

Tyler Pruett (USA)

warm day an inchworm stretches beyond the leaf edge Andrea Grillo (USA) 8

warmer Tag eine Raupe streckt sich über den Blattrand hinaus

holding the shape of the wind the frozen pines

sie halten sie fest die Form des Winds die gefrorenen Pinien

Lesley Einer (USA)

cherry petals falling the pond’s oldest ko slowly surfaces

Kirschblüten fallen der älteste Koi des Teichs kommt langsam nach oben

Michele L. Harvey (USA)

moss-hung trees a deer moves into the hunter’s silence

moosbehangene Bäume ein Hirsch bewegt sich ins Schweigen des Jägers

Winona Baker (CDN)

moonlit cliffs a loon answers its echo

Klippen im Mondlicht ein Seetaucher antwortet seinem Echo

Grant Savage (CDN)

crisp light garden shears cut the fall air

knackigfrisches Licht Gartenscheren stutzen die Herbstluft

Patrick M. Pilarski (CDN)

summer breeze the sun rippling across the koi pond

Sommerbrise die Sonne kräuselt über den Koiteich

Nancy Nitrio (CDN)

foraging in the leafless willow chickadee

auf Futtersuche in der blattlosen Weide ein Meischen

Ruth-Ann Mitchell (CDN)

stifling heat a palm frond suggests there is a breeze

drückende Hitze ein Palmwedel suggeriert da ist ein Brise

George Swede (CDN) 9

moonrise a commuter train without a soul

Mondaufgang ein Pendlerzug ohne eine Menschenseele

Roland Packer (CDN)

sur le pignon du toit s‘enfonçant dans le ciel bleu le chant d‘un merle

auf dem Giebel des Dachs im blauen Himmel versinkend der Gesang einer Amsel

Hélène Boissé (CDN)

écho sur le lac un claquement d’ailes soulève l’aube

Echo über dem See ein Flügelschlag löst den Morgen aus

Hélène Leclerc (CDN)

foggy morning the wet shine of autumn leaves beneath the street lights

nebliger Morgen der nasse Glanz von Herbstlaub unter den Straßenlichtern

Janet Howie (AUS)

drought a dove unfurls one wing to the first drops

Trockenheit eine Taube entfaltet einen Flügel den ersten Tropfen entgegen

Quendryth Young (AUS)

tidal flats the white-faced heron wades into a rainbow

Wattenmeer der Weißwangenreiher watet in einen Regenbogen

Cynthia Rowe (AUS)

the heat – yacht sails dissolve in sun-dazzle

diese Hitze – Yachtsegel lösen sich im Sonnenglast auf

Lorin Ford (AUS)

the hills melt into morning … drifting rain Jo McInerny (AUS) 10

die Hügel verschmelzen im Morgen … driftender Regen

a cloud casting quietness over the chirping bird

eine Wolke wirft Stille über den tschilpenden Vogel

Janice Bostok (AUS)

A lone sparrow atop the naked branch viewing sunset

Ein einsamer Spatz auf der Spitze des kahlen Baums im Anblick des Sonnenuntergangs

R. K. Singh (IND)

motionless stag between our eyes silence in the thicket

bewegungsloser Hirsch zwischen unseren Augen Stille im Gestrüpp

John Parsons (GB)

first keen frost … a moon too bright to gaze on

erster beißender Frost … ein zu heller Mond um ihn zu betrachten

Keith J. Coleman (GB)

into the dark swirl between boat and jetty heavy snow

in den dunklen Strudel zwischen Boot und Anleger heftiger Schneefall

David Steele (GB)

clearing sky – the impossible nearness of stars

aufklarender Himmel – die unmögliche Nähe von Sternen

Katherine Gallagher (GB)

aspen in the rain each leaf dripping with the sound of autumn

Espen im Regen von jedem Blatt tropft der Klang des Herbstes

Anatoly Kudryavitski (IRL/RUS)

summer afternoon silence ripples across the pond

Sommernachmittag Stille riffelt über den Teich

Bouwe Brouwer (NL) 11

donkere zondag – loodgrijze wolken schuiven over vrije tijd

dunkler Sonntag – bleigraue Wolken schieben sich über freie Zeit

Ida Gorter (NL)

Zij drinkt haar koffie met porseleinen teugjes – hoort hoe haar hond slurpt.

Sie trinkt ihren Kaffee mit porzellanenen Schlückchen – hört wie ihr Hund schlürft.

Maria De Bie-Meeus (NL)

op de schommel onder de kersenbloesems zit alleen de wind

auf der Schaukel unter den Kirschblüten sitzt allein der Wind

Ria Giskes (NL)

de stilte voor de storm na de storm

die Stille vor dem Sturm nach dem Sturm

Ria Giskes-Pieters (NL)

Triestige mist hangt zwaar tussen de bomen een spin verlaat haar web

Trüber Nebel hängt schwer zwischen den Bäumen eine Spinne verlässt ihr Netz

Marijke Duchateau (NL)

de waterlijn walst op de maat van golfgeruis zachtjes heen en weer

die Wasserlinie tanzt im Takt mit dem Wellengeräusch leise hin und zurück

Marie-José van Uffelen (B)

Middagstilte – het zachte gonzen van een bij in een pompoenbloom.

Mittagsstille – das leise Summen einer Biene in einer Kürbisblüte.

Guy Vanden Broek (B)

Vent du soir Frémissement de la lune Dans les feuilles de saule Philippe Bréham (F) 12

Abendwind Zittern des Mondes In den Weidenblättern

matin immobile la corne d‘un paquebot fait vibrer la brume

regungsloser Morgen das Horn eines Fahrgastschiffs lässt den Nebel vibrieren

Danièle Duteil (F)

laiteuse atmosphère estompant le paysage – la fin de l’été

milchige Atmosphäre die die Landschaft verwischt – das Ende des Sommers

Martine Brugière (F)

Pâle lueur de l’aube doucement, tout doucement la jacinthe rosit

Fahles Morgenlicht sachte, ganz sachte das Erröten der Hyazinthe

Anne-Pascale Hinze (F)

Dans le caniveau Des lambeaux de ciel bleu Parmi les ordures

Im Rinnstein Fetzen von blauem Himmel Zwischen den Abfällen

Isabelle Hémery (F)

Glissant sur le monde l'escargot enroule en lui-même sa mélancolie

Über die Welt gleitend rollt die Schnecke ihre Melancholie in sich selbst ein

Roland Halbert (F)

Clair de givre Elle valse au vent La robe de l’épouvantail

Raureifschein Es tanzt im Wind Das Gewand der Vogelscheuche

Marc Bonetto (F)

Llega la noche … se adentran en el pinar mariposas blancas Mercedes Pérez (E)

la niebla oculta la senda a la montaña silencio frío

Die Nacht bricht an … Eindringlinge im Nadelwald Baumweißlinge* *Schmetterlingsart

der Nebel verbirgt den Fußweg zum Berg kalte Stille

Aguilar (E) 13

relámpagos el sonido de la lluvia se desavanec

Blitze das Geräusch des Regens entschwindet

José luisd Vicent (E)

deep autumn – a raft moored to the fog

tiefer Herbst – ein Floß vertäut am Nebel

Helga Härle (S/D)

Och natten strömmar från öster till väster med månens hastighet.

Und die Nacht fließt von Ost nach West mit Mondgeschwindigkeit.

Tomas Tranströmer (S)

I trädgården klipper saxen tystnad

Im Garten eine Schere beschneidet die Stille

Kai Falkman (S)

winter wood – a twig's snow load drops into silence

Winterwald – die Schneeladung eines Zweigs fällt ins Schweigen

Gérard Krebs (FIN/CH)

hazy afternoon cloud shapes half dreamt half there

diesiger Nachmittag Wolkenformen halb geträumt halb da

H. F. Noyes (GR/USA)

A winter’s night the abandoned dog gnaws the dark of night

Eine Winternacht der ausgesetzte Hund nagt am Dunkel der Nacht

Marinko Kovačevič (HR)

a pause on the path – the dry smell of the afternoon Ion Codrescu (ROM) 14

eine Pause auf dem Weg – der trockene Geruch des Nachmittags

Berichte Georges Hartmann

Die französische Ecke Wenn ich die Zeit um knappe 26 Jahre zurückschraube und mir vergegenwärtige, wie das Haiku damals als Gruppenveranstaltung in meinen Kopf Einzug hielt, keiner wirklich wusste, was das war, aber jeder Text so gefeiert wurde, als könne man damit den Literaturnobelpreis erringen, wird es mir fast schon ein wenig wehmütig ums Herz. Spätestens nach der dritten Zusammenkunft konnte es dann schon mal vorkommen, dass man hinter dem Rücken der Vortragenden irgendwem mit rollenden Augen und schief gezogenem Mund zu verstehen gab, welch niederschmetternde Meinung man von dem gerade vorgetragenen Haiku hatte. Und irgendwann, nachdem sich das Bewusstsein dem Thema Haiku immer mehr genähert hatte und aus dem Nichtwissen zumindest ein halbes wurde, konnte man dann schon mal völlig altklug mit einer großen Handbewegung „Das ist ein Senryû“ in den Raum stellen, was damals so etwa bedeutete, dass dies allenthalben für einen Witz in der „BILD Zeitung“ reichen, man aber aufgrund der fehlenden wagnerischen Tiefe, von einer Veröffentlichung in der „Frankfurter Allgemeinen“ Abstand nehmen könne. Senryû, das war etwas für den Pausenclown oder eine Nachmittagsveranstaltung in der Altenwohnanlage, aber doch um Gottes Willen nix fürs gehobene Publikum. Mit dem Stichwort „Senryû“ belegt zu werden, bedeutete, dass man den Text getrost in die Tonne klopfen konnte, man im gruppendynamischen Prozess gerade noch so mit der roten Laterne herumfuchteln durfte, aber nicht mehr wirklich ernst genommen wurde. Und was machen die Franzosen in der neuesten Ausgabe des GONG ? Richtig geraten: Die Wiederbelebung des Senryû … und damit auch das Hineingleiten ins leicht Anzügliche ….

15

comme son chat il fixe la salle de bain de la voisine

Wie sein Kater glotzt er ins Badezimmer der Nachbarin

Minh-Triêt Pham

… oder das Spiel mit den Gegensätzen cardinaux à Rome on discute en secret de transparence

Kardinäle in Rom man diskutiert im Geheimen ganz offen

Monika Thoma-Petit

Dem Senryû geht der Ruf voraus, dass es bissig daherkommt oder eine eher humorvolle Szene beschreibt, gleichwohl es durchaus strittig sein kann, ob ein Text zum Heulen oder Lachen ist. cette nuit je te dis „je t’aime“ tu avais tes boules Quiès

heute Nacht sagte ich „ich liebe Dich“ zu dir du benutztest Ohropax

Daniel Py

j’ai fait une bêtise rigole l‘octogénaire „je suis amoureuse”

ich habe eine Dummheit gemacht schäkert die Achtzigjährige „ich bin verliebt”

Christiane Ourliac

Das Senryû beobachtet die Sachverhalte wohl eher aus einer anderen Perspektive, sagt einfach „So isses“ und bleibt möglicherweise etwas unpersönlich, weil die Autoren lediglich eine Begebenheit in Worte kleiden und dabei ihre eigene Gefühlswelt ausklammern, eines der Merkmale, die das Haiku vom Senryu abgrenzen könnten, obwohl…. Shopping mère-fille je lui offre la mini-jupe dont je rêve Monique Junchat

16

Mutter-Tochter beim Shoppen ich schenke ihr den Minirock von dem ich träume

Sollten sie mittlerweile ins Grübeln gekommen sein, wo genau der Unterschied zwischen Haiku und Senryû angesiedelt ist, empfehle ich Ihnen an dieser Stelle nochmals SOMMERGRAS Heft Nr. 91, wo Sie ab Seite 8 die unterschiedlichen Merkmale nachlesen können. Ein probates Mittel ist es allerdings auch, sich keinen Kopf zu machen, weil die anderen es meistens ebenfalls nicht besser wissen und so manches Senryû oft mehr Applaus bekommt als ein verunglücktes Haiku. Und manchmal ist es auch so, dass die Genres partout nicht auseinanderzuhalten sind und es sich so verhält wie im allerletzten Beispiel: à chaque gorge mousse et moustache en parfait accord

Bei jedem Schluck Schaum und Schnauzbart in perfekter Eintracht

Franck Vasseur

Claudia Brefeld

Tradition und Moderne Haiku aus Japan (aus HI – Zeitschrift der Haiku International Association, Nr. 108 und 109) Japan ist ein faszinierendes Land voller Gegensätze. Die Japaner pflegen ihre Traditionen, lieben aber gleichwohl auch Extreme. Neben der jahrtausendalten Kalligrafie stehen die modernen Mangas und neben dem Zen-Buddhismus das schillernde Nachtleben. Kirschblütenfest (hanami) und Teezeremonien sind ebenso fester Bestandteil im Alltag wie der westliche Lebensstil und hypermoderne Technik. Prachtvolle Tempel, Schreine, Zen-Gärten, der heilige Berg Fuji-san und die pulsierenden Mega-Citys, das berühmte Modehaus 109 in Shibuya, der Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen – dies alles scheint mühelos und harmonisch in Japan zusammenzuwachsen. Die von den Teenagern begeistert angenommene Kawaii-Kultur entdeckt die Niedlichkeit und macht auch nicht vor Haustieren halt: für Hunde gibt es beispielsweise Faltencremes und Anti-Allergie17

Shampoos. Ebenso Cosplay, ein japanischer Verkleidungstrend, erfreut sich einer wachsenden Zahl von Anhängern unter den jungen Menschen. Die dargestellten Figuren stammen zumeist aus Anime, Manga und Computerspielen „Made in Japan“. Aber auch die traditionellen Werte bleiben noch lebendig: Statistiken belegen, dass das Alter weiterhin von der Jugend geehrt wird. Auch heute wünschen sich junge Männer mehrheitlich, dass die Eltern ihren Lebensabend im Familienkreis verbringen können. Hinter der äußerlichen Verwestlichung, die im Lebensstil der Jugend ihren Ausdruck findet, existieren die traditionellen Wertnormen wie der hohe Stellenwert der Familie und das Streben nach Harmonie. Auf dem Gebiet der Robotik ist Japan führend: Roboter als Blindenhunde, Pflegehelfer (bekannt: Therapierobbe Paro) oder im medizinischen Bereich – überall sind sie inzwischen anzutreffen. Auch hat Japan erstmals im vergangenen Jahr einen sprechenden Roboter zur Internationalen Raumstation ISS geschickt – Kirobo. Er soll sich mit dem Astronauten Koichi Wakata unterhalten, damit sich dieser nicht so allein fühlt. Ein weit in die Zukunft gerichteter Plan heißt Aeropolis 2001: ein zwei Kilometer hoher Wohn- und Büroturm mit 500 Etagen auf einer künstlichen Insel in der Bucht von Tokyo. Und doch: Sich in Naturbetrachtung und Zen-Meditation zu verlieren und den „Klang der Stille“ zu hören – all das ist ebenfalls Teil des heutigen Japan. Durch die rasante wirtschaftliche Entwicklung in der Meiji-Ära (1868–1912) wurden solche Werte nicht aufgehoben, Japan hat es geschafft sie in die Industriegesellschaft einzulagern. So ist es heute kein Widerspruch, dass Top-Manager sich in Klöster zur Zen-Meditation zurückziehen und Politiker die Kunst des Schwertkampfes beherrschen, den schwarzen Judo-Gürtel tragen oder Meister der Teezeremonie sind. Bogenschießen, klassischer japanischer Tanz und Musik, traditionelles Theater, Kalligraphie, Ikebana – auch diese traditionellen Künste haben eine große Anhängerschaft. Japanische Künstler und Architekten zählen mit zur Weltspitze – und der Einfluss japanischer Traditionen ist klar erkennbar. „Robotland oder Lotosland?“ fragte sich schon im Jahre 1961 der Publizist Arthur Koestler ratlos nach einer Japanreise. 18

Vielleicht eher „Robotland und Lotosland“? fading light through the bamboo blinds a tea-ceremony room

schwindendes Licht durch Bambusläden ein Teezeremonie-Raum

Ono Ikuha

a higher tone on the tsugaru samisen chilly spring Yamamoto Shizuka

at the Imperial Mausoleum stillness – the middle of the rainy season

ein höherer Ton auf dem tsugaru samisen* kühler Frühling *trad. Musikinstrument

am Imperial Mausoleum Stille – die Mitte der Regenzeit

Kitabata Tatsuaki

a summer kagura the god of wealth speaking in a child’s voice Miyamoto Yoshie

fragrant – tachibana blossoms the Imperial Palace in Kyoto

ein Sommer-Kagura* der Gott des Wohlstandes spricht mit einer Kinderstimme *Aufführung uralter Tänze und Musik

Duft – Mandarinenblüten der Imperial Palast in Kyoto

Fujino Naoyuki

cicada songs entering a ninth floor window

Zikadengesänge erreichen ein Fenster im neunten Stock

Okamoto Kiyoshi

a bonsai Japanese plum a universe in a pot

japanischer Pflaumenbonsai ein Universum im Topf

Kiryu Ken

19

an orchestra – everybody in aloha shirts looking youthful

ein Orchester – alle in den Hawaii-Shirts sehen jung aus

Yamazaki Hisao

a cool breeze in the first-class places the Guardian Deva Kings’ statues

eine kühle Brise auf den First-Class-Plätzen die Statuen der Vier Himmelskönige

Miyamoto Sachiko

saying Yes or No about nuclear power a cicada chorus

Ja oder Nein sagen zur Atomkraft ein Zikaden-Chor

Wada Toshiko

summer heat – crispy cooled lettuce in a burger

Sommerhitze – knackig kühler Salat in einem Burger

Yamada Yukiko

trying not to step on the green frogs in Muro No Yashima Saito Keiko

the new Kabuki theater I toast in a corner with a glass of beer Iso Naomichi

downtown selecting a beer mug summer begins

ich versuche nicht auf die grünen Frösche zu treten in Muro no Yashima* *siehe: Oku no Hosomichi

das neue Kabuki-Theater* ich stoße in einer Ecke mit einem Glas Bier an *trad. Theater mit Gesang, Pantomime,Tanz

Stadtmitte ich wähle ein Bierglas der Sommer beginnt

Chin Horai

straw-hats are swinging underneath of flying OSPRAYs Hakudo 20

Strohhüte schaukeln unterhalb der fliegenden OSPRAYs* *Militär-Hubschrauber

the Robot Roomba rolling to and fro-here’s the summer room cleaned up

der Roboter Roomba rollt auf der Stelle hin und her der Sommerraum gereinigt

Hisanaga Sachiyo

fresh green running along the both side of the highway

frisches Grün entlang der beiden Seiten der Schnellstraße

Kataoka Hurofumi  

ins Englische: übersetzt von Richard und Kinuko Jambor Übersetzung ins Deutsche: Claudia Brefeld http://www.bpb.de/izpb/10145/japan-auf-dem-weg-ins-21-jahrhundert http://www.nationalgeographic.de/ngbuecher/verlagsprogramm/neuerscheinungen/japan-zwischen-tradition-und-moderne

Klaus-Dieter Wirth

Das 25-jährige Jubiläum der HIA (Haiku International Association) in Brüssel Am 24.1.2014 feierte die HIA (Haiku International Association) mit Sitz in Tokio, eine der drei internationalen Haiku-Gesellschaften neben Susumu Takiguchis „World Haiku Club“ (WHC) und Ban'ya Natsuishis „World Haiku Association“ (WHA), ihr 25-jähriges Bestehen in Brüssel. Ein außergewöhnliches Ereignis, das etwa 40 japanische Haijin mit durchaus offeneren Ansichten zum Haiku mit einer etwa gleichen Zahl anderer geladener Gäste zu einer relativ exklusiven Veranstaltung zusammenbrachte. Das japanische Kontingent wurde angeführt von ihrem Präsidenten Akiko Arima, einst sogar Regierungsminister für Erziehung und Kultur, dazu einer der sechs Architekten der berühmten Matsuyama-Erklärung von 1999. 21

Organisatoren vor Ort waren der Japanologe Willy van de Walle von der Universität Löwen sowie Vorsitzender des Flämischen HaikuZentrums (HCV) und Lars Vargö, derzeit faktisch der Präsident der Schwedischen Haiku-Gesellschaft, zuvor unter anderem Botschafter seines Landes in Tokio und ebenfalls Chef für Internationale Angelegenheiten in seinem Landesparlament, was auch erklärt, dass das Symposion in der eleganten Aula der ständigen EU-Vertretung Schwedens stattfand. So war es auch von durchaus symbolischer Bedeutung, dass der Präsident des Europarates, Herman Van Rompuy, als quasi programmatischer Redner auftrat. Dabei stellte er auf humorvolle Weise heraus, wie sehr die Grundtugenden des Haiku, seines persönlichen Hobbys, – Präzision, Einfachheit, Achtung vor dem Anderen, Streben nach Harmonie – sich auch positiv auf sein politisches Denken und Handeln ausgewirkt haben. Entsprechend hätten immer „zwei Seelen in seiner Brust“ (Goethe) gewohnt. Zum Schluss versicherte er seinen Zuhörern, dass sie nach Beendigung seiner Amtszeit im Dezember 2014 gewiss mehr von ihrem Botschafter „Haiku Herman“ hören würden. Zuvor hatten bereits laut Tagesprogramm, das unter dem Thema „Haiku heute in Europa und Japan“ stand, Tôru Kiuchi die Willkommens- und Akiko Arima die präsidentialen Einleitungsworte gesprochen, bevor Professor Gania Nishimura zu einem kurzen Vortrag über die „Universelle Bedeutung des Haiku“ ans Rednerpult trat. Danach hatte ich selbst die Ehre, die halbstündige Hauptvorlesung zum „Haiku in Europa“ zu halten. In der Mittagspause gab es zunächst eine kleine Teezeremonie exklusiv für die Vortragenden, sodann für alle ein einfaches Büffet. Im Anschluss daran wurden die folgenden, jeweils 20-minütigen Einzelvorträge gehalten: Lars Vargö: „Das Haiku in Schweden“, Akiko Arima: „Japanische Perspektiven des heutigen Haiku“, Max Verhart, ehemaliger Vorsitzender des Niederländischen Haiku-Kreises (HKN) und Herausgeber der zweisprachigen (englisch-niederländisch) Haiku-Zeitschrift „Whirligig“: „Das Haiku als Randerscheinung der niederländischen Literatur“, Klaus-Dieter Wirth: „Das Haiku in den deutschsprachigen Ländern“. 22

Nach einer Kaffeepause zur Auffrischung der Konzentration ging es weiter mit: David Cobb, u. a. ehemaliger Vorsitzender der Britischen HaikuGesellschaft (BHS): „Der Einfluss des Haiku auf die heutige britische Gesellschaft“, und Alain Kervern, Japanologe aus der Bretagne: „Das Haiku in Frankreich: eine alternative Dichtung“. Neben der zu erwartenden relativ starken japanischen Delegation waren außer etlichen Belgiern und Niederländern nur wenige andere Nationen mit nur einzelnen Teilnehmern vertreten: aus Dänemark Hanne Hansen, aus Frankreich Isabel Asúnsolo und Eléonore Nickolay, aus der Schweiz Valerie Barouch und aus den USA Charles Trumbull, der Herausgeber von „Modern Haiku“, mit seiner Partnerin Cynthia sowie Fay Aoyagi, eine bekannte japanisch-amerikanische HaikuAutorin. Die Teilnehmerzahl wurde offensichtlich von vornherein durch die erforderliche Anmeldung beschränkt. Außerdem mussten alle Reise- und Unterbringungskosten selbst getragen werden. Der sprachliche Ablauf geschah im Übrigen grundsätzlich auf Englisch mit japanischer Simultanübersetzung. Insgesamt herrschte eine ausgesprochen offene und freundliche Atmosphäre, ein fruchtbarer internationaler Austausch!

Eleonore Nickolay

Das Kukaï Paris, eine Konstante in der französischen Haiku-Welt Le Bistrot d’Eustache neben den Pariser Hallen: Seit nunmehr sieben Jahren findet dort einmal monatlich an einem Samstagnachmittag unter der Leitung von Daniel Py das Kukaï Paris statt. Wesentlich zum Erfolg und der Langlebigkeit der Veranstaltung tragen gewiss die moderate Art und die Verlässlichkeit von Daniel Py bei. Der Musiker und Oboenlehrer, Mitbegründer der französischen Haiku-Gesellschaft, Association Francaise de Haïku (aus der später die Association Francophone de Haïku hervorging), erfolgreicher Haiku-Dichter und Übersetzer zahlreicher Haiku-Anthologien und Essays über das Haiku führt nicht nur 23

angenehm unaufdringlich durch den Nachmittag, sondern berichtet auf einem eigens eingerichteten Blog* akribisch über jedes Kukai. Dort sind seit Beginn im Februar 2007 Monat für Monat alle ausgewählten Haiku nachzulesen. Ein weiterer Grund für den langjährigen Erfolg mag die Offenheit und Zwanglosigkeit der Gruppe sein. Ob Zaungast, sporadischer oder regelmäßiger Teilnehmer, vor dem Haiku sind alle gleich. Starallüren gibt es nicht. Es geht nicht um die Person. Es geht ums Haiku. Davon hat jeder drei eigene, noch nicht veröffentlichte dabei. Und wenn sich alle an den großen zum Café-Tisch umfunktionierten Billardtisch auf der ersten Etage des Bistros gesetzt haben und mit Kaffee und Wasser versorgt sind, bittet Daniel die Teilnehmer, im Schnitt ein Dutzend an der Zahl, sich kurz vorzustellen. Dann verteilt er an jeden drei Karteikarten, auf die dieser jeweils eins seiner Haiku schreibt. Anschließend sammelt Daniel die Karten ein, mischt sie und verteilt je drei an jeden Teilnehmer. Jeder kopiert zwecks Anonymisierung die drei erhaltenen Haiku auf ein gelbes Blatt. Dann wird es still. Blatt für Blatt macht die Runde und wird gelesen. Bevor es an den Sitznachbarn weitergegeben wird, schreiben wir die Haiku, die uns gefallen, auf ein drittes (weißes) Blatt. Nach der Lektüre muss jeder aus seiner persönlichen Auswahl wiederum drei Haiku auswählen, die er dann vorliest. Daniel notiert, wie oft ein Haiku ausgewählt wurde. Anschließend teilt er die erreichte Stimmzahl der ausgewählten Haiku mit. Wer für sie gestimmt hat, kann sich dazu äußern. Erst dann gibt der Verfasser sich zu erkennen. Das erste Kukai, an dem ich am 16. November teilnahm, war gleich ein außergewöhnliches, hatte doch am Vormittag die Jahreshauptversammlung der Association Francophone du Haïku nicht unweit vom Centre Pompidou stattgefunden. So ließen sich der aus ganz Frankreich angereiste Vorstand und zahlreiche Mitglieder die Gelegenheit nicht nehmen, ins Bistrot d’Eustache zu kommen. 31 Teilnehmer zählte Daniel Py an jenem Nachmittag in dem überfüllten kleinen Separée. 32 Haiku von 24 Autoren erhielten an jenem Nachmittag eine oder mehrere Stimmen. Gewinner wurde Jean-Claude Nonnet mit 5 Stimmen für sein Haiku: 24

feuille jaune glissée entre seuil et porte un mot d’automne

ein gelbes Blatt unter der Tür durchgeschoben ein Briefchen vom Herbst

Ein besonders spannender und manchmal sogar bewegender Moment ist, wenn der Autor sich zu erkennen gibt und die Entstehungsgeschichte seines Haiku erzählt. Da schilderte zum Beispiel Monsieur Duteil seiner Frau Danièle, welche Mühe es ihm bereitet hatte, einen störenden Baumstumpf vor ihrem Haus zu entfernen, der sich beinahe wie ein lebendes Wesen gewehrt hatte, sodass es ihm danach fast leid tat. Danièle schrieb dazu das Haiku: terre noire de la souche qu’on déracine la sève bleutée

schwarze Erde aus dem entwurzelten Stumpf der bläuliche Saft

Es erhielt drei Stimmen. Ihr Ehemann Michel erhielt für sein Haiku vier Stimmen, und man erfährt nebenbei, dass die Familie im Begriff ist umzuziehen: piles de cartons trouver encore la place des souvenirs

gestapelte Kartons noch den Platz finden der Erinnerungen

Doch nicht nur Madame (übrigens eine bekannte Größe in der französischen Haiku-Welt) und Monsieur meldeten sich zu Wort. Das Haiku ist ganz offensichtlich eine Familienangelegenheit bei den Duteils. Auch die Tochter Cécile war an diesem Nachmittag anwesend. Drei Stimmen für ihr Haiku über die Katastrophe auf den Philippinen: décombres portée par les eaux boueuses la poupée sourit encore

Trümmer fortgetragen vom Schlamm die Puppe lächelt noch

Und zwei Stimmen für ihr Haiku über ihren kleinen Neffen, und als sie über die Entstehung berichtet, sind ihre Zuneigung zum ersten Kind 25

ihres Bruders und ihr noch frisches Staunen über die Existenz dieses kleinen Wunders deutlich spürbar: un trait au feutre traversant sa joue premiers coloriages

ein Filzstift-Strich überquert seine Wange erstes Malbuch

Nur ungern verlasse ich am frühen Abend das Bistro und seine liebenswerte Kukai-Runde. Draußen ist es inzwischen dunkel geworden, und die Passanten hasten in gewohnter Eile vorbei. Der alte Clochard neben der Eustache-Kirche, dem ich vor dem Kukai einen Euro in die Hand gedrückt habe, ist verschwunden. SDF – pauvre chat dit la dame

Obdachloser – das arme Kätzchen sagt die Frau

Zwei Kukai-Teilnehmer haben an diesem Tag für mein Haiku gestimmt, aber mir wäre lieber gewesen, ich hätte diesen herzlosen Satz nicht hören müssen. Im Banlieue-Zug nach Hause beginne ich mit der Lektüre der ersten Kukaï-Paris-Anthologie aus dem Jahr 2010**: Aus den über 1500 Haiku der ersten 45 Kukai haben die beiden Herausgeber Daniel Py und Paul de Maricourt 149 Haiku von 37 Autoren ausgewählt. Auf Seite 72 lese ich: Une odeur de crêpes dans la valise entr’ouverte retour en douceur***

ein Duft von Crêpes im halbgeöffneten Koffer sanfte Heimkehr

Dann hält der Zug. Ich schaue hinaus: Ja, ich bin angekommen. Hier bin ich zu Hause. * Blog Kukäi Paris: kukai.paris.free.fr/blog/ ** Kukaï Paris – Anthologie: Paul de Maricourt, Daniel Py, La Valise entr’ouverte, Anthologie de haïkus du kukaï de Paris, éditions unicité 2010, ISBN 978-919232-03-1 ***Haiku von Gwenaëlle Laot; „en douceur“: auf behutsame, sanfte, zarte Weise; „douceur“ auch ein Synonym für „Süßigkeit“, verweist auf die Süße der Crêpes.

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Silvia Kempen

Ein Porträt – Traude Veran Zur Einstimmung habe ich mir ein Video des Filmab!-Teams (Schüler zwischen 13 und 16 Jahren) angesehen: „Ein Kind vom Alsergrund“ – Traude Veran. Dieser Film gibt einen Querschnitt durch Traude Verans Leben wieder. Persönliche Daten Traude Veran (früher: Gertraud Schleichert) wurde 1934 in Wien geboren. Sie lebte in verschiedenen Bundesländern Österreichs, in Süddeutschland und jetzt wieder in Wien. Als Sozialarbeiterin, Animatorin und promovierte Psychologin hat sie in Praxis, Lehre und Forschung gearbeitet. Ihr berufliches Hauptanliegen war die integrative Unterstützung behinderter oder ausgegrenzter Kinder. Mit dem Schreiben begann sie schon im 12. Lebensjahr. Sie schrieb vor allem Lyrik, später kam Fachliteratur dazu und dokumentarische Prosa. Seit ihrer Pensionierung erschienen etwa zwei Dutzend Bücher, größtenteils Lyrik. Die meisten davon brachte die Edition Doppelpunkt Wien heraus, ein Verlag, den sie mitbegründete. Sie gehörte bzw. gehört mehreren Literaturzirkeln und Arbeitskreisen an, war als künstlerische Fotografin, Kulturredakteurin, Übersetzerin, Lektorin und Mitarbeiterin der Rechtschreibreform tätig. In letzter Zeit interessiert sie sich für Lokalgeschichte, will sich aber jetzt auf einen kleineren Wirkungskreis zurückziehen. Berührung mit Haiku Traude Veran erinnert sich: „Meinen ersten Haikuband ‚Vollmond und Zikadenklänge‘ schenkte mir 1956 mein späterer Mann zum Geburtstag. Ich liebe (und brauche!) dieses Buch noch immer. Auf die Idee, selbst Haiku zu schreiben, kam ich aber viele Jahrzehnte lang nicht. Wieso eigentlich? Lyrische Formen aus fremden Sprachen im Deutschen nachzuempfinden, ist für 27

eine Dichterin wie mich reizvoll; als ich das der Mitbegründerin und Verlagsleiterin der Edition Doppelpunkt, Renate Niedermaier (heute: Petra Sela), erzählte, lud mich diese Mitte der Neunzigerjahre in eine Haiku-Gruppe ein. Diese Form zog mich sogleich in ihren Bann, besonders, da ich in früheren Jahren eine Zeit lang Chinesisch und Japanisch studiert hatte.“ Haiku-Werdegang 2010 gründete Petra Sela die österreichische Haiku-Gesellschaft, in der Traude Veran federführend mitarbeitet. Seither beschäftigt sie sich viel mit der einschlägigen Literatur und interessiert sich besonders für Übersetzungsprobleme beim Haiku. In der Zeitschrift der ÖHG „Lotosblüte“ finden sich Haiku, Artikel und Rezensionen von ihr. Sie legte eine umfangreiche Liste einschlägiger Publikationen an, die sie jährlich überarbeitet und an die Mitglieder der ÖHG sendet. Zu ihren eigenen Texten sagt sie: „Ich versuche immer wieder einmal, die herkömmlichen Grenzen zu überschreiten: Haiku / Senryû im Wiener Dialekt, Haiku-Ketten, die eine Geschichte erzählen, Klebe-Senryû mit ausgeschnittenen Zeitungsbuchstaben im Rahmen meines Projekts ‚Erpresserbriefe‘. Da ich jetzt in der Großstadt lebe, fasse ich den Begriff ‚Natur‘ viel weiter, ich möchte ihn eher durch ‚Umwelt‘ ersetzen. 2012 erschien mein erstes Haiku-Buch ‚Primzahlverse‘. Seit ich vor einigen Monaten Heike Gewis Haiga kennen lernte, gestalte ich Haiga und Shahei mit eigenen Fotografien. Auch dem Haibun möchte ich mich in Zukunft mehr widmen. Von der Magie der Primzahlen, also dem 5-7-5/17 und 5-7-5-7-7-/31 komme ich immer mehr ab, besonders im Haiga.“ Von Traude Veran gibt es eine große Anzahl von Büchern, die auf ihrer Homepage http://www.letternfilter.at aufgeführt sind. Nachfolgend einige wenige Bücher, die ihr nach eigener Angabe wichtig sind. - Krumauer Begegnungen/Krumlovská setkání. Gesellschaftsverlag Brünn 1997 (zweisprachig deutsch/tschechisch, mit Übersetzer/innen). Lyrik, vergriffen - Regeninsel. Winter in Madeira. Edition Doppelpunkt, Wien 2000. Tagebuch, Restexemplare bei Traude Veran - Gras gesät auf den Asphalt. Gedichte aus dem Berufsleben. Cornelia Goethe 28

Verlag, Frankfurt/Main 2005 - Das steinerne Archiv. Der jüdische Friedhof in der Wiener Rossau. Mandel-

baum Verlag, 2. Aufl. Wien 2006. Historisches Werk - Primzahlverse. Zwiebelzwerg Verlag, Willebadessen 2012 Haiku-Verständnis Dazu Traude Veran: „Es war mir schon immer wichtig, in meiner Lyrik mit Worten sparsam umzugehen; da fasziniert mich natürlich eine so lakonische Form besonders. Auch habe ich viel auf dem Land gelebt und fühle mich der Natur verbunden; allerdings missbrauchte ich sie schreibend allzu oft als Symbol für seelische Zustände. Ein weiser Lehrer war mir da Kobayashi Issa, dessen Haiku mir die gravitätisch-abendländische Bedeutsamkeit gründlich ausgetrieben haben. Ich schreibe nicht ausschließlich in japanischen Formen, wenngleich sie in meiner Lyrik derzeit einen Schwerpunkt bilden. Aber auch meine anderen Texte sind kürzer und prägnanter geworden und ich bemühe mich, beim Schreiben bescheidener zu sein und philosophierendes Weiterdenken den Leser/innen zu überlassen. Ich fasse noch einmal zusammen: Diese drei Persönlichkeiten haben meine Haiku/Senryû/Haiga stark beeinflusst: Petra Sela, Kobayashi Issa und Heike Gewi, in dieser zeitlichen Abfolge.“ Haiku-Beispiele: der Pelzmantel hängt zum Auslüften am Kirschast blütengesprenkelt

Lavasteinhaus Übertünchversuche rostrot und blau

der Jaguar schnürt sein Pfad am Gitter entlang ist ausgetreten

der fremde Nachbar – nur am Rauschen der Spülung merkt man: er lebt da

die Hyazinthe ist verblüht – ihre Knolle heb ich nicht mehr auf

Lindenblütenduft wer wird im nächsten Winter die Amseln füttern

Die beiden unteren Haiku stammen aus: 98 Jahre Haiku und Senryû für Gottfried W. Stix (1911–2010).

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Haiga: Traude Veran

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Haiku-Werkstatt Klaus-Dieter Wirth

Haiku-Werkstatt Korrekturvorschläge an konkreten Beispielen mit Einverständnis der Autorin Beate Waszner Hm, Deine Ohren und Omas Wassereimer voll roter Kirschen Im Haiku möglichst keine direkten Ansprachen! Dazu erscheint die Großschreibung von „Deine“ in diesem Zusammenhang als unangemessen. Dafür bringt eine weitere Konkretisierung („sechs“) umso mehr Lebendigkeit ins Bild. So wird der unmittelbar Angesprochene gewissermaßen neutralisiert, andererseits zusätzlich mehr emotionale Nähe (Großmutter – mehrere Enkel) erzeugt. Sechs kleine Ohren und Omas Wassereimer voll roter Kirschen In der Astgabel versprengte Drachenzellen Kampfplatz des Herbstes Letztlich ist der Text viel zu metaphorisch, die Wortbildung „Drachenzellen“ zu künstlich-steril, der „Kampfplatz“ zu pathetisch, der denkbare Doppelbezug von „versprengt“ zu aufgesetzt. Mein Vorschlag schlicht und einfach: In der Astgabel Fetzen eines Drachens wütender Herbst 31

Das „a“ von „Drachen“ rückt in eine betontere Position und bleibt quasi eher in dem zweimaligen „a“ der „Astgabel“ hängen. Andererseits lässt sich „wütender“ als Adjektiv (Zustand) oder als Partizip (Geschehen) lesen. Wieder und wieder zupft mich der Wind, die Gräser schaukeln, weiß, gelb, grün Eigentlich sind Adjektive und Verben eher zu vermeiden! Doch hier halte ich die Häufung im dritten Vers für durchaus vertretbar, da sie die Wiederholung im ersten Vers gewissermaßen aufgreift und unterstreicht. Das Verb „schaukeln“ erscheint mir allerdings schon an sich unpassend. Statt dessen wäre wohl „wellen“ oder etwas poetischer „wallen“ zutreffender. Außerdem käme so in beiden Fällen die Alliteration mit „weiß“ zustande, zusätzlich ein doppeltes Aufgreifen der Alliteration aus dem ersten Vers und eine verstärkende Ergänzung der nachfolgenden Alliteration bei den Farben „gelb, grün“. Schließlich bleibt zu überlegen, ob der persönliche Bezug („zupft mich“) überhaupt, d.h. so ausdrücklich, zur Sprache kommen sollte. Endergebnis: Wieder und wieder der Wind – Gräser wallen weiß, gelb, grün Auf diese Weise kommen auch die Hauptakteure („Wind“ und „Gras“) besser zur Geltung, das „Gras“ wird umso augenfälliger in die Zange genommen („Wind ..wallen“), das Farbenspiel wird eigenwertiger, bleibt aber durch den Zeilensprung hinreichend mit seinem Bezugsträger („Gras“) verbunden. Bis zum Dachboden siebzehn Stufen ersteigen Zeit für ein Haiku Ein geeignetes Beispiel um zu zeigen, wie sehr Verben oft im Haiku 32

stören. Stattdessen einfach: Bis zum Dachboden genau siebzehn Stufen Zeit für ein Haiku Das hinzugefügte „genau“ macht mehr auf das spezielle der traditionellen Haiku-Form aufmerksam. An der Kreuzung versponnene Ampelfarben Gehen wir weiter Meines Erachtens eine vollkommen überzogene Beobachtung. Versponnen? Wohl doch nicht von Spinnen? Von was sonst? Und überhaupt? Es werden kaum alle an der Kreuzung sichtbaren Ampeln in diesem Zustand sein! Selbst wenn, auch die abschließende Aufforderung mutet zu lapidar an. Jeder Birkenzweig fein, säuberlich durchkämmt Der Wind spart nicht Wiederum zu viele Adjektive und Verben! War das Komma zwischen „fein“ und „säuberlich“ eigentlich durchdacht? Einfach und präziser: Jeder Birkenzweig einzeln durchkämmt Sorgfalt des Windes Die Silbenreduzierung im Mittelvers wird zugleich zur Unterstützung der Aussage genutzt! „Windes“ statt „Winds“ klingt luftiger und führt zu ebenfalls fünf Silben, weniger wichtig wegen der Silbenanzahl an sich, sondern wegen der Symmetrie im Gesamterscheinungsbild. Normalerweise ist ja der Mittelvers der längere, hier übernimmt quasi umgekehrt seine geringere Silbenanzahl die Funktion der Hervorhebung. 33

Nur ein Steinchenwurf zwischen Himmel und Hölle die Straßenkinder Hier fällt der Begriff „Straßenkinder“ eher irreführend auf, da es sich wohl nicht primär um sozial vernachlässigte Kinder handelt. Durch eine kleine Umstellung bekommt „nur“ im ersten Vers ein stärkeres Gewicht. „Kinderspiel“ verdeutlicht einmal umso mehr den Sinn von „Himmel und Erde“ und fächert zum anderen über den konkreten Bezug hinaus den Interpretationsspielraum weiter auf. Außerdem kommt durch den anaphorischen Einsatz des an sich eher unscheinbaren unbestimmten Artikels „ein“ eine ironische Nuance ins Spiel. Ansonsten ein starkes Haiku! Ein Steinchenwurf nur zwischen Himmel und Hölle ein Kinderspiel Über der Wiese hoch über meinen Sorgen voll und ganz der Mond Trotz oder gerade wegen der Wiederholungen ein gelungenes Haiku. Das doppelte „über“ markiert die vertikale Stufung, die Synonymisierung „voll und ganz“ trägt in der Parallelelen zur Betonung bei. Sehr haikuhaft die Einbindung von Irdischem – unter Einschluss des persönlich-menschlichen Bereichs – und von Kosmischem, wobei die Erdung durch die eindeutige Blickausrichtung nach oben („voll und ganz“) wiederum in eins relativiert wird. Weich und luftvernäht im Faltenwurf des Himmels die Wolkenschäfchen Grundsätzlich eine überladene Metaphorik! Dazu unscharf, denn Wolle wird nicht vernäht, und der „Faltenwurf“ gehört zu einer anderen Bild34

sphäre, die ebenfalls nicht zu der Wollevorstellung passt. Kurzum ein schwieriger Fall! Vielleicht: Luftdurchkämmt, weich in der Weite des Himmels Wolkenschäfchen Allgemeine Empfehlungen: Weniger ist fast immer mehr! Auf die Präzision der Wörter achten! Sich nicht in ausgesuchten Wortschöpfungen verlieren! Ein gefälliger, ausgewogener, markanter Rhythmus, auch orientiert am Inhalt, an der gesamten Textstruktur, garantiert mehr als die bloße Hoffnung auf die Wirksamkeit des streng eingehaltenen traditionellen 5-7-5 Silbenschemas. Dennoch sollte dies immer erst einmal grundsätzlich verinnerlicht und dann auch zum Wegbegleiter gemacht werden, stellt es doch letztendlich selbst einen Basisrhythmus dar!

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Lesertexte Haiku- und Tanka-Auswahl März 2014 Im Zeitraum November 2013 bis Januar 2014 wurden insgesamt 204 Haiku und 16 Tanka von 52 Autorinnen und Autoren für diese Auswahl eingereicht. Einsendeschluss war der 15. Januar 2014. Jeder Teilnehmer konnte bis zu 5 Haiku oder Tanka einsenden. Diese Texte wurden vor Beginn der Auswahl von Silvia Kempen, die auch die gesamte Koordination hatte, anonymisiert. Die Jury bestand aus Margareta Hihn, Christa Beau und Reiner Bonack. Die Mitglieder der Auswahlgruppe reichten keine eigenen Texte ein. Alle ausgewählten Texte (30 Haiku und 6 Tanka) sind nachfolgend alphabetisch nach Autorennamen aufgelistet – es wurden bis zu maximal drei Texte pro Autor/in aufgenommen. „Ein Haiku/ein Tanka, das mich besonders anspricht“ – unter diesem Motto besteht für jedes Jurymitglied die Möglichkeit, ein Werk auszusuchen (noch anonymisiert), hier vorzustellen und zu kommentieren. Der nächste Einsendeschluss für die Haiku/Tanka-Auswahl ist der 15. Juli 2014. Es können nur bisher unveröffentlichte Texte eingereicht werden. Keine Simultaneinsendungen. Die Einsendungen bitte im Mail-Body, keine angehängten Dateien. Da die Jury sich aus wechselnden Teilnehmern zusammensetzen soll, möchte ich an dieser Stelle ganz herzlich alle interessierten DHGMitglieder einladen, als Jurymitglied bei kommenden Auswahl-Runden mitzuwirken. Silvia Kempen

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Achtung! Für das nächste Heft (Nr. 105) findet wieder unser jährliches Kukai statt. Damit entspricht die DHG dem Wunsch der Mitglieder, von denen nach dem Kukai im Sommer 2012 und 2013 begeisterte Rückmeldungen kamen. Wir hoffen auf eine rege Beteiligung und im Anschluss an neuerliche Reaktionen. Von jedem Teilnehmer kann ein Haiku zum Thema „Frühling in der Stadt“ an folgende Adressen gesendet werden: E-Mailadresse: [email protected] Postadresse: Ralf Bröker, Mohnstraße 2, 48607 Ochtrup Einsendeschluss: 1. April 2014 Ein Haiku, das mich besonders anspricht Das Thema rund um die Familie, Mutter, Vater, Großmutter, Großvater, Kinder, Enkelkinder usw. ist nicht neu. Dennoch wird es immer ein Bestandteil unseres Lebens sein, wird immer wieder unsere Gedanken anregen, uns motivieren, Momente des Zusammenlebens im Haiku festzuhalten. In der Regel sind es Vater und Mutter, die uns erziehen. Sie sind im ersten Teil unseres Lebens unsere Bezugspersonen, die Personen, die uns lieben, behüten, beschützen. Doch irgendwann sind wir es, die erwachsenen Kinder, die für Mütter oder Väter die Fürsorge übernehmen. Egal, ob es die eigenen Eltern sind oder Menschen, die uns in Heimen, im Betreuten Wohnen anvertraut werden. Unter diesem Gesichtspunkt hat mich das Haiku berührt: gefrierender See Mutter zeichnet ihren letzten Wunsch Helga Stania 37

Es steht viel zwischen dem Gesagten. Eine alte Frau, vielleicht Greisin, zeichnet ihren letzten Wunsch. Möglicherweise unterzeichnet sie ihren letzten Willen, das Testament. Welches Schicksal liegt hinter ihr? Kann sie nicht mehr schreiben? Sie zeichnet. Hat sie keine andere Sprache mehr? Vielleicht befindet sie sich in einem Heim. Jemand zeichnet mit ihr. Eine Art sich auszudrücken, die zum Leben der Mutter gehörte. Und der „gefrierende See“ schließt sich. So wie sich das Leben der Mutter schließen wird. Für mich ein gelungenes Haiku. Ausgesucht und kommentiert von Christa Beau am friedhofseingang das mädchen mit dem handy schlägt die zeit tot Peter Wißmann

Die Autorin/der Autor dieses Haiku suggeriert einen Betrachter, der selbst außerhalb des eigentlichen Geschehens auf dem Friedhof steht und die Situation etwas vorschnell mit seiner Wertung deutet. So fasste ich das Mitgeteilte zunächst auf. Denn die dritte Zeile beinhaltet ja außer der Mitteilung einer scheinbar offensichtlichen Tatsache gleichzeitig auch eine Wertung, ist Metapher für Langeweile, faulenzen, sich herumdrücken, verlorene Zeit. Abhängen, und das am Friedhofseingang, könnte man kopfschüttelnd oder empört konstatieren. Seht, die da schlägt ihre Lebenszeit mit sinnlosen Spielereien tot, während andere früh starben und die meisten bestimmt gern noch ein paar Jährchen gelebt hätten. Nach mehrmaligem Lesen eröffneten sich mir jedoch weitere Lesarten. Möglicherweise wartet das Mädchen auf etwas oder jemanden und vertreibt sich dabei die Zeit, die dann gar nicht mehr so sinnlos, wie es auf den ersten Blick scheint, genutzt würde. Denn Däumchen dreht es ja nicht. Es rührt sogar mehr als nur einen Finger. In seinem eigenen 38

Verständnis tut das Mädchen vielleicht etwas, was das Leben (das Warten) spannend und interessant macht, was ihm wichtig ist, wichtiger als die Toten, in deren Nähe (Sind sie ihr nah?) es sich im Verständnis eines nicht nur registrierenden Beobachters doch bitteschön angemessen, also den Erwartungen der „Erwachsenen“ entsprechend, „aufzuführen“ hat. (Das Haiku übermittelt unterschwellig auch den Draufblick jener „Erwachsenen“, die ganz selbstverständlich davon ausgehen, die Jungen würden aus Langeweile und mangels anderweitiger Interessen mittels ihrer Handys (Spielzeuge) nur Belangloses abrufen oder kommunizieren.) Dass das Mädchen am Friedhofseingang steht, kann aber auch darauf verweisen: Es hat sich vom Ort der Trauer und des Gedenkens an den Rand zurückgezogen, hat möglicherweise das Empfinden, mit dem Handy auf dem Friedhof störend zu wirken. Oder: Es hat „keinen Bock mehr“ auf ein sich fast täglich oder wöchentlich wiederholendes Ritual. Erinnerung: „Oma, was machen wir heute?“ „Heute? Heute ist Mittwoch. Da gehen wir doch immer auf den Friedhof.“ Oder: Es hat keine Beziehung zu den Toten, zu dem oder der Toten auf dem Friedhof, und es ist es leid, Betroffenheit zu heucheln? Oder: War das Mädchen – auch das scheint mir möglich – durch den Besuch des Friedhofs, durch das Bewusstwerden von Schmerz und Trauer derart aufgewühlt, dass es erst einmal den Friedhof verlassen, von dieser Erfahrung wieder Abstand gewinnen musste (auch durch „Zeit totschlagen“), ohne sich ganz vom Ort des Erfahrenen lösen und entfernen zu können? Dieses Haiku scheint mir offen für eine Reihe von Interpretationsmöglichkeiten und dennoch nicht beliebig interpretierbar. Deshalb finde ich es sehr gelungen. Ausgesucht und kommentiert von Reiner Bonack

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Die Auswahl Auf dem Kalender noch dick markiert sein Geburtstag Marita Bagdahn

Heilige Nacht – das Licht des Neuschnees über der alten Krippe Cezar-Florin Ciobîcă

Aromatherapie – im Hausflur ein fremdes Parfüm Frank Dietrich

Wintersonne zwischen Kissen und Decke Mutters kleines Gesicht Heike Gericke

Augenaufschlag in der Notfallaufnahme blüht ein Veilchen

Cezar-Florin Ciobîcă

das Blau des Frühlings in den Augen des Greises Frank Dietrich

Schaufensterpuppe – sie sagt ihm dass ihre Brüste nicht echt sind Frank Dietrich

Altstadtrestaurant von Efeu überwuchert die Erinnerung Hans-Jürgen Göhrung

Winternacht klirrend geht ein Glas zu Bruch

Hans-Jürgen Göhrung

Hans-Jürgen Göhrung

Bergpfad nach Kyoto. Vor einem Riesenbuddha steht ein Sommerstrauß.

Krankenhausfenster. Auf dem Geländer turteln Tauben im Vollmond.

Saskia Ishikawa-Franke

Zen-Tempelgarten, von einem Schneerest bellt ein Hund in die Stille. Saskia Ishikawa-Franke

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Tauwetter – in alten Räumen neue Klänge

Saskia Ishikawa-Franke

Südflug der Schwäne in den Federn das letzte Licht der Arktis Gérard Krebs

Sonnenaufgang ein Kirschbaum erleuchtet den Tempelhof Gérard Krebs

Morgenland ich betrete die Leere meines Tages Eva Limbach

Coffee to go – mit kalten Fingern süße ich nach

er siebzehn sie einundneunzig – dazwischen ein rollstuhl

Eva Limbach

Ralph Günther Mohnnau

Abenddämmerung lautlos wachsen schwarze Schraffuren Birgit Schaldach-Helmlechner

Augenkontakt Großmutter bückt sich lächelnd zu einem Lächeln

Der Trost dieser Nacht Glanz noch auf nassen Dächern Birgit Schaldach-Helmlechner

altes Album Sie blättert ein Schmunzeln um

Angelica Seithe

Angelica Seithe

gefrierender See Mutter zeichnet ihren letzten Wunsch

zwielicht an der fensterscheibe noch ein paar federn

Helga Stania

Der Druck zu groß – nun trägt sie Langarmpullis mitten im Juli Brigitte ten Brink

im Stiegenhaus der Geruch von Hefeteig Mutter wieder wohlauf Elisabeth Weber-Strobel

bunte windräder jagen im wintersturm kinderfriedhof Peter Wißmann

Helga Stania

Blutspendeaktion vom Plakat lacht eine Wiedergeborene Brigitte ten Brink

am friedhofseingang das mädchen mit dem handy schlägt die zeit tot Peter Wißmann

Die Welt im Spiegel des Sees. Sie trägt Falten. Birgit Zeller 41

„Diesmal feiern wir gemeinsam ins neue Jahr“ sagtest du und so warte ich auf dich auch am 32. Dezember Tony Böhle

die Wäsche verstreut der Abwasch unerledigt irgendwo dazwischen bin ich ein Teil der Dinge die dein Leben vermüllen Tony Böhle

Die lieben Gäste – ich rechne auch auf dich duftender Jasmin! in der stillen Luft vergeht heute der ruhige Tag Dragan J. Ristić

der Song zu dem wir das erste Mal tanzten als er im Radio läuft wechselst du den Sender Tony Böhle

der kalte Mond dringt durch das Fenster … ich versuche die ungesagten Worte zu vergessen Cezar-Florin Ciobîcă

Früh am Gartentor bittet ein Zaunkönig um Asyl Gestern fiel sein Reich Nachbars Säge zum Opfer Monika Smollich

Ausgezeichnete Werke Immer wieder schaffen es deutschsprachige Autorinnen und Autoren bei großen und internationalen Haiku/Tanka-Wettbewerben vordere Plätze zu belegen. Wir möchten sie hier an dieser Stelle im SOMMERGRAS vorstellen, sofern die Autorinnen und Autoren dafür ihr Einverständnis geben. Zusendungen sind willkommen! Folgender deutschsprachiger Autor gewann beim Nagoya City Board of Education Award 2013 crusted snow each step crunching differently Klaus-Dieter Wirth 42

Neue Mitglieder in der DHG im zweiten Halbjahr 2013 Folgende neue Mitglieder heißen wir herzlich willkommen und freuen uns, sie mit zwei eigenen Haiku hier an dieser Stelle vorstellen zu können: Gabriele Brunsch aus Obernbreit / Bayern adventssingen der rotz auf dem ärmel glitzert

gravitätisch aus der Bahn geworfen. higgs, geht schon wieder …

Susanna Darabos aus Deggendorf / Bayern Günther Domes aus Hamburg / Hamburg Über allem Die funkelnden Sterne Heilige Nacht

Noch verschlossen Die Weißdornblüten – dennoch: Was für ein Duft!

Nicolas Grenier aus Paris / Frankreich Erika Hannig aus Bühl / Baden Württemberg In meinen Händen ihre weichen Rundungen – Sinnlichkeit in Ton

Gefüllte Dosen nach dem süßen Backtag – locken Rollmöpse

Birgit Lockheimer aus Hildesheim / Niedersachsen Sommerhitze eine Alte fischt Eiswürfel aus ihrem Glas

Reichskristallnacht in der blutigen Hand Scherben des Mahnwachenlichts 43

Jörg Müller aus Langenhagen / Niedersachsen Stadtbahn Linie Zehn Umleitung ins neue Jahr Feuerwerk-Prosit.

Bambustor, …herein Wintersonne-Teehaus ruht, … lausche Kiefernwind.

Eleonore Nickolay aus Vaires sur Marne / Frankreich Das Kichern der Nymphen unter Neptuns Fontäne – Schulausflug

Hannah Arendt – Beim Abspann erleuchtete Gesichter über Handydisplays

Marian Poyck aus WE Oldenzaal / Niederlande ook de maan in het treinraam maakt een S-bocht

auch der Mond im Zugfenster macht eine S-Kurve

de eerste regen sinds weken – het gemopper volgt op de voet

der erste Regen seit Wochen – die Nörgelei folgt gleich

Boris Semrow aus Berlin / Berlin Frühstück mit Katzen Unter schattigen Bäumen Milchschaum am Bart

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alte Liebe – was machst du heute in meinen Träumen?

Angelika Holweger

Übergang Haibun Wir feiern in einer kleinen Gruppe im Gemeindesaal. Gegen Mitternacht suchen die meisten Gäste einen guten Platz auf der Terrasse. Ich bleibe drinnen bei Helene. Sie war viele Jahre Hausmeisterin in diesen Räumen. Sprach- und gehbehindert sitzt die Betagte nun im Rollstuhl am großen Ostfenster und freut sich unbändig an jeder aufsteigenden Leuchtrakete. „So ihr nicht werdet wie die Kinder“ … bald wiegt Stille das junge Jahr

Annette Grewe

Schritt für Schritt Haibun

Mit zittriger Hand den Schlüssel im Schloss drehend fällt ihr Blick auf das Namensschild: Hier wohnen Gerda und Hans. Sie tritt ein in die Stille. Sein Lieblingssessel. Unsicher sucht sie Halt. Und endlich: Tränen Am frischen Grab – zwischen welkenden Blüten tanzt ein Schmetterling

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Gabriele Hartmann und Silvia Kempen

Fünf Tan-Renga rinnende Tropfen an der Scheibe staut sich ein Wort

in Buddhas Hand eine Lotosblüte – Vollmond

in die Stille nach dem Streit platzt sein Lachen

zu Boden fällt geschorenes Haar

(GH / SK)

(SK/GH)

Coffee to go – nur noch kurz die Welt retten

Zwiegespräch sie stellt die Skulptur zwischen Sonne und Mond

auf der Domtreppe Kupfermünzen

in der Finsternis Himmelsgucker

(SK / GH)

(GH / SK)

Abbruchhaus er schildert die Vorteile der freien Liebe eine Tür öffnet sich in den Himmel (GH / SK)

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Claudia Brefeld und Angelika Holweger

Zwei Tan-Renga Grabstele ungezählt die Stufen bis zum Regenbogen

zerliebt der kleine Plüschbär … seinen Namen vergessen

junges Grün – mit jeder Bö zittert sein Schatten

im Lehnsessel die Alte Sag mir das Wort …

AH:1 / CB: 2

AH:1 / CB: 2

Haiku: Yuko Igarashi, Foto: Jerry Bergonzi Rhapsodie … Verführung in der Nacht ein Rendezvous 47

Claudia Brefeld und Martina Heinisch

Europa – ohne Grenzen Rengay-Zyklus - Teil III

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hallende Weite

im Spiegel

Preikestolen – In mir hallt die Weite nach

Kawiarnia Fantazja drei rosa Blüten für die Frau des Gastgebers

Mitternacht der Sonnenball taucht ab

Mahnmal – gesenkter Blick am Platz des Kniefalls

Småland Blonde Zöpfe wippen 2 x 3 macht 4 …

auf der Freiheit in Richtung Warschau Hejnał

Zeit des Lichts finde Mandeln und Rosinen im Glögg

Die Moldau … sich durch Nymphenreigen und Stromschnellen lauschen

Nebel gleiten über die Geschichte – Runensteine

Karlsbrücke – ein Teufelsmaler hält uns den Spiegel vor

heimkehren … jetzt blickt sie uns hinterher Seelands Nixe

Faschingsmasken Der Türke mit dem Fräulein Arm in Arm

CB: 1, 3, 5 / MH: 2, 4, 6

MH: 1, 3, 5 / CB: 2, 4, 6

Rüdiger Jung und Ramona Linke

Ilse Jacobson und Helga Stania

Marienblau

Die Gärten Isfahans

Rengay

Frühlings-Jûnichô

Kraniche bei Nacht Jetzt höre ich sie fliegen und seh sie schreien

lichte Tage schneller als das Grün streift mich der Duft

über dem Tal ausgebreitet der Sternenmantel

Schwalben kehren zurück zwischen Erd- und Himmelslust

Marienblau die Farbe für Yves Klein

auf leisen Sohlen ins Zauberzelt Liebe

Beaujolais Nouveau sein Finger entlockt dem Kelch ein sanftes Schwingen

Sternennacht … drinnen kost die Mutter ihr Kind

der Nachhall ein Traum

einmal Musher sein: Es wirbelt und wirbelt Alaskas Pulverschnee

Milchreis mit Zimt – Die unsichtbaren Räume ihrer Kindheit.

Logenplatz „Lola rennt“

RJ: 1, 3, 5 / RL: 2, 4, 6

gelesen, beiseitegelegt, der neue Armutsbericht taumelnde Blätter Wolken ziehen, wohin? Treidler-Lieder den Weg entlang Herbstzeitlosen über Jahrhunderte gepflegt die Gärten Isfahans 49

Rhetorik Seminar seine kurze Rede voller Würze großer roter Mond unterm Gewölbe der Zeit Schöpfungsmythen IJ: 1, 3, 5, 7, 9, 11 / HS: 2, 4, 6, 8, 10, 12

Metod Češek

Purple Night – Purpurrote Nacht Haiku-Sequenz

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storm is coming owned by the United States of America

Sturm kommt auf im Besitz der Vereinigten Staaten von Amerika

a myriad of f i r e f l i e s on the Near East sky God's headache

Myriaden L e u c h t k ä f e r am Nahosthimmel Gottes Kopfschmerzen

peeking through the subway camera national security

spähend durch die U-Bahnkamera nationale Sicherheit

a sniper lurks in the deep shade of an old oak

ein Scharfschütze lauert im langen Schatten einer alten Eiche

soldiers through a poppy field April red

Soldaten durch ein Mohnfeld Aprilrot

in a refugee camp little girl plays grown-ups acid rain

in einem Flüchtlingslager spielt ein Mädchen Erwachsene saurer Regen

night summer rain homeless old man makes a shelter for fireflies

Sommerregen nachts der alte Obdachlose baut ein Dach für Leuchtkäfer

Veterans Day grandson missing in Afghanistan

Veteranentag Enkel vermisst in Afghanistan

Christmas Eve shelter companions’ toothless laughter

Heiliger Abend der Asylanten zahnloses Lachen

sleeping beauty – the soldier's soul

schlafende Schönheit – Soldatenseele

Übersetzung ins Deutsche: Dietmar Tauchner

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Haiku und Tanka aus dem Internet Internet-Haiku-Kollektion von Claudia Brefeld, Horst-Oliver Buchholz und Annette Grewe Aus der Werkstatt auf haiku.de und aus den Monatsauswahlen August, September und Oktober auf haiku-heute.de wurde folgende Auswahl (30 Haiku) für das SOMMERGRAS zusammengestellt: Wohnungswechsel ankommen im Licht neuer Räume Christa Beau

Raunächte der Wind ballt Wolken zu Geschichten Elke Bonacker

den Stadtlärm von den Füßen streifen … Duft des Tatami Simone K. Busch

Beschuldigungen. Einmal mehr zieht sie ihr Lippenrot nach. Beate Conrad

bewölkt … ich gieße Milch in den Tee Hans-Jürgen Göhrung

auf dem Totenbett er lässt sich berühren Barbara Hagemann 52

Verlassener Schrein. Der dunkle Klang des Blattgolds in der Dämmerung. Wolfgang Beutke

klostergarten umrunde das was nicht zu ändern ist Ralf Bröker

Silvesternacht – ein Fremder küsst mich und verschwindet im Nebel Cezar-Florin Ciobîcă

harfenwerkstatt der kleine möchte ein schwert Bernadette Duncan

Winterspaziergang Möwen flanieren durch die Sandburgruine Claudius Gottstein

Hausputz die Bilder der Eltern zurechtrücken Barbara Hagemann

Intensivstation das Flüstern der Trennwand Martina Heinisch

das Fenster angelehnt … Mutter redet im Traum mit mir Angelika Holweger

Heute Nacht – Immer wieder die Decke umarmt. Bastian Kienitz

Sonnenuntergang – dem letzten Jahrestag lange nachschauen … Hildegard Hilpert

große Stille … wo Wegwarten blühten Angelika Holweger

Dezemberregen auf der Modelleisenbahn alles tief verschneit Gérard Krebs

teuer eingekauft das lächeln der verkäuferin Tobias Krissel

Im Klostercafé freundlich bedient sie zuerst den Hund Marianne Kunz

zwischen den Jahren … das Windgesicht der Bäume Ramona Linke

Auf dem Friedhof – fast hätt ich vergessen, wie spät es ist. Michael Mintel

Im Einkaufswagen Monatsende Andrea Naß

mein Hefezopf niemals wie ihrer – Totensonntag Eleonore Nickolay

Obdachloser – Das arme Kätzchen, sagt die Frau Eleonore Nickolay

nebelnacht jede laterne eine insel René Possél

neujahrstag alles spricht von gestern René Possél

spaziergang unablässig redet der schirm René Possél 53

Nebelbänke es wandern die Ränder des Wissens

Schnee weht in deine Abwesenheit Dietmar Tauchner

Helga Stania

Internet-Tanka-Kollektion

von Claudia Brefeld, Oliver Buchholz und Annette Grewe Erstmalig hat das Redaktionsteam aus dem Internet von „Einunddreißig – das Tanka-Magazin“ eine Auswahl an Tanka für das SOMMERGRAS zusammengestellt: Ein Riss in der Wand hinter unserem Bett. Ein neuer Ozean hat begonnen sich zu öffnen zwischen dir und mir. Tony Böhle

Momentlang fällt Sonnenlicht durch die Scheiben des Museums bis in die Steinzeit Reiner Bonack

manchmal sehe ich wie du an deinem Ring drehst und ich frage mich, was wäre hättest du damals Nein gesagt Heike Gericke

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Endlich ein Brief vom Jungen Sie liest das Ungesagte Reiner Bonack

Eine Kerze anzünden Den Kopf wieder heben In den Nischen schimmert der Staub so vieler Gebete Reiner Bonack

Wie hoch auch der Schnee lag vor dem Haus unserer Kindheit Vater bahnte den Weg Ilse Jacobson

Septembersonne im Gefängnis Tag der offnen Tür auch in meinem wird es hell

Die Gartenstühle übereinander gestellt. Nebel kriecht heran … Im Rasenschach konserviert eine finale Stellung.

Angelica Seithe

Conrad Miesen

In ein Buch vertieft mit brennenden Augen nachts … Am andern Morgen der schwere Kopf auf dem Tisch und Seiten – absolut leer! Conrad Miesen

Foto: Gerhard Stein

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Leserbriefe Mit folgendem Beitrag möchte ich die verstorbene Ruth Franke noch einmal zu Wort kommen lassen: Zwei Haiku von Ruth Franke Neujahrsmorgen das erste Weiß der Orchidee Das Haiku der am 14. April 2011 verstorbenen Ruth-Ingeborg Franke berührt. Noch immer. Immer wieder. allein – ich lausche der Stimme der Geige Ihr 2010 erschienenes Buch „Schwerelos gleiten“, aus dem das zweite Haiku entliehen wurde, ist weiterhin lieferbar. Auf die Rezension in Sommergras Nr. 90 und den Nachruf in SOMMERGRAS Nr. 93 wird hingewiesen. Gabriele Hartmann

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Rezensionen Peter-Michael Jander

Augenblicke

Versuch einer Rezension als Text-Collage Im Gegenlicht – Haiga-Ausstellung von Ion Codrescu. 7. – 9. Juni, Villa Winkel, Ochtrup. Katalog. 2013.

Draußen ein Regentag. Drinnen ein Feuer im Kamin. Der Hund schläft zu meinen Füßen. In meiner Fantasie bin ich auf der überdachten Terrasse eines japanischen Hauses nach einer Tee-Zeremonie bei kalligrafischen Übungen mit dem Blick auf einen ZEN-Garten … Da erreichen mich „meine“ drei Originale und der Katalog der Haiga-Ausstellung von Ion Codrescu! Leider hatte auch ich nicht die Gelegenheit, die Ausstellung, die ja anlässlich der 25-Jahr-Feier der Deutschen Haiku-Gesellschaft in der Villa Winkel in Ochtrup zu sehen war, vor Ort zu besuchen und Ion Codrescu sowie einige der „Autoren“ persönlich kennenzulernen. Umso mehr freue ich mich, den sehr gut konzipierten Katalog mit den (verkleinerten) Abbildungen aller „Werke“ in Händen halten zu können. Auch der Text-Teil mit einem Vorwort von Prof. Ito Isao, einem Beitrag („Haiga zwischen Tradition und Moderne“) von Klaus-Dieter Wirth und den Ausführungen zur „Tusch-Malerei“ von Ion Codrescu, sowie „am Ende“ einigen verschiedenen Zitaten, birgt eine Fülle von Informationen, Anregungen und Interpretationen. Ich werde sprachlos, wie „Shiro“ aus den Erzählungen von David Lanoue, erlebe eine „erfüllte Leere“, Ein- oder Augenblicke ins Innerste des Seins („Mensch, werde wesentlich“), einen „Zeit-Raum“ des Werdens und Vergehens und Wieder-Werdens, stelle die Frage des „Woher und 57

Wohin“ und lerne das Staunen …, wie die Alchemisten, die nach dem „Stein der Weisen“ suchten oder nach dem allumfassenden kosmischen essenziellen Prinzip. Es ist „wie ein Riss in der Zeit – oder – die Mitte der Ewigkeit“ (Konstantin Wecker: Jeder Augenblick ist ewig / Gedichte). Deshalb gleich an dieser Stelle einen großen Dank an alle Beteiligten dieses einmaligen Projektes. „Im Gegenlicht“: (Gegenlicht – so heißt auch ein Unterkapitel mit verschiedenen Gedichten von Paul Celan in seinem Werk „Mohn und Gedächtnis“) neue unbekannte, überraschende Bilder. Und Terézia Mora zitiert in „Das Ungeheuer“ auf Seite 176 ff Lajos Kassáks „Buch der Reinheit Nr. 2“: „Um unser Herz wachen Steine, Tiere und Pflanzen … Man kann sich nirgends ausschließen, sich einfach zurückziehen, denn auch was außer uns ist, ist in uns, wie im Quadrat der Kreis und umgekehrt.Wenn wir etwas Neues entdecken, so haben wir uns selbst entdeckt. Der Künstler schöpft immer…, der Künstler ist ein bodenloses Meer, … … müde bin ich geworden, aber traurig bin ich nicht. Ich sehe die Wege, die am Horizont sich zu Bergen ballen. Du aber sagst: ich bin nicht traurig! Ich höre, wie die Tore sich schließen in ihren diamantenen Angeln. Du aber sagst: nein! Ich bin nicht traurig. Und ich fühle, wie unsere Wurzeln absterben und wir uns schwerelos auflösen im Nebel … Es gibt welche, die balancieren über fadendünne Seile zwischen Himmel und Erde“ „Haiga, eine Kunst, die Poesie, Kalligrafie und Malerei vereint. Haiga, das Lesbare sichtbar gemacht“. (Ion Codrescu) Emily Dickinson sagt in ihren Gedichten und Briefen „Guten Morgen, Mitternacht“: Ein Wort hört auf zu leben, Wenn wir ihm Ausdruck geben, Sagt man.

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Ich sag, Es fängt erst dann Zu leben an. In diesem Sinne hoffe ich, viele von uns – mich eingeschlossen – werden die Exemplare des Haiga-Katalogs in der Neu-Auflage ordern, für sich oder als Geschenk (so wie ich es machen werde), sodass auch hoffentlich die neue Auflage bald ausverkauft sein wird. Wenn ich durch meine – zugegebenermaßen sehr subjektiven – Assoziationen, Imaginationen und Reflexionen dazu beigetragen haben könnte, wäre ich dankbar und glücklich. „Lehrt eure Kinder, was wir unsere Kinder lehrten … Denn das wissen wir. Die Erde gehört nicht dem Menschen – der Mensch gehört zur Erde. Alles ist miteinander verbunden“. (Chief Seattle/Häuptling der Suquanish) Zu „guter Letzt“ ein Zitat aus dem Gedicht „Engführung“ von Paul Celan: VERBRACHT ins Gelände mit der untrüglichen Spur: Gras, auseinandergeschrieben. Die Steine, weiß, mit den Schatten der Halme: Lies nicht mehr – schau!

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Ramona Linke

Vorbei am Acker der Kindheit Rezension Vorbei am Acker der Kindheit von Angelika Holweger. Haiku und Haiku-Prosa. Eigenverlag, 2013.

Das Buch liegt vor mir, ich berühre den Einband, dieser erinnert mich, von Format und Farbgestaltung her, an mein Lieblingsbuch aus Kindertagen. Angelika Holweger lädt ihre Leserschaft zu einem HaikuSpaziergang im Wandel der Jahreszeiten ein. Mir ist, als würden wir beide im stillen Einvernehmen nebeneinander hergehen, auf einem dieser Waldwege, die ich schon manchmal beim Lesen ihrer Haiku beschreiten durfte. Und ich finde mich an Orten und in Begebenheiten wieder, die ich zu kennen glaube, welche ich selbst erlebt habe. wilder Flieder Gewesenes weht in den Tag (S. 31) Die Autorin überzeugt mit Haiku im klassischen Silbenformat und überrascht im Handumdrehen mit einzeiligen, zweizeiligen oder vierzeiligen Gedichten … barfuß in der Wegwartenwiese den Himmel betreten Mondnacht die Spuren der Wasserläufer

(S. 37)

(S. 50)

an die Kletterrose gelehnt … das windschiefe Haus (S. 62) Von Zeit zu Zeit tauche ich beim Umblättern für manch längere Weile in eine ihrer ansprechenden Acrylmalereien oder Collagen (auf Holz gearbeitet) ein, bin fasziniert vom ganz eigenen Stil der Malerin Holweger und lasse das Farbenspiel oder die Schlichtheit eines Bildes auf mich wirken. 60

heimwärts dieser Sternenhimmel … niemand wartet (S. 93) Ihre Haibun Abschied, Einklang, Zeiten und Vorbei berühren durch eine sanfte Melancholie, die auch manchmal in Angelikas Haiku mitschwingt. Es fällt nicht schwer, sich in ihre Lyrik, Kurz-Prosa und Malerei einzufühlen, sich von ihren und unweigerlich von den eigenen Erinnerungen tragen zu lassen. Vorbei am Acker der Kindheit werde ich noch manchmal zur Hand nehmen, ob an langen Winterabenden am Kamin oder an lauen Sommernachmittagen im Garten. Gedichte sind Tautropfen des Herzens, sagte mir einmal jemand vor langer Zeit. Angelika hat ihre Tautropfen in die Welt entlassen, und es ist eine Bereicherung, auf ihren Haiku-Pfaden zu wandeln.

Rüdiger Jung

Gejagt von Wolkenschatten Rezension

Gejagt von Wolkenschatten von Volker Friebel. Haiku. Wolkenpfad Verlag, Tübingen, 2013. 60 Seiten. Papierdruck: ISBN 978-3-936487-46-6. e-Buch: ISBN 978-3936487-47-3.

Mit Volker Friebel assoziiert man automatisch www.Haiku-heute.de. Keine Frage: Die Weite des Blicks macht ihn als Kenner und Herausgeber deutschsprachiger Haiku-Dichtung einzigartig. Was man darüber keineswegs aus den Augen verlieren sollte, ist sein eigenes kontinuierliches und kontinuierlich faszinierendes Haiku-Schreiben. 128 Haiku aus dem Zeitraum März 2006 bis Februar 2008 – teilweise bis in den Juli 2013 hinein überarbeitet – präsentiert der neue Band „Gejagt von Wolkenschatten“. Ganz offensichtlich ist der Autor auch im Fall der eigenen Texte ein disziplinierter Herausgeber. Ihm ist die Gabe eigen, Texte liegen zu lassen und wieder hervorzukramen, sie zu lassen, wie sie sind, 61

fortgesetzt an ihnen zu feilen, sie erst, wenn sie einen funktionierenden Filter passiert haben, in die Öffentlichkeit zu entlassen. Der Fotograf Volker Friebel mit seinem Auge für Landschaften, Stimmungen, Details und verblüffende Perspektiven setzt in dem Band ebenso sparsame wie hochwertige Kontrapunkte zu seinen eigenen Texten. Apropos „verblüffende Perspektiven“: Hausabbruch. Der Bagger reißt eine Tür in den Himmel. (S. 3) Einem biblischen Inbild wie den Schwertern, die zu Pflugscharen werden, lässt sich auf Augenhöhe folgendes Haiku zur Seite stellen: Stadtmauer. Der Efeu schickt neue Triebe durch die Schießscharte. (S. 8) Den Blickwinkel des Kindes einzunehmen, lässt sich Friebel von Bashô nicht zweimal sagen: Wolken ziehen. Ein Schulweg, an Himmel und Hölle vorbei. (S. 10) Mit oder ohne Straßenkreide – wer hat das größere Auge: Das Kind? Der Erwachsene ? „Vorbei“ am Ende bleibt schillernd nach Raum und Zeit – und hält die Frage offen, ob der Autor „nur“ Beobachter ist oder sich nicht auch selbst als Kind im Fokus hat. Möglichkeiten, die einander nicht ausschließen. Wohnzimmer-Tapete. Der schmutzige Rand, wo ihr Bild hing. (S. 18) Das ist voller Dialektik: Steht der „schmutzige Rand“ für eine Entzau62

berung – oder der Raum, den er freigibt, für das Gegenteil? Die eigentümliche Wehmut und Verlassenheit klassischer japanischer Texte ist in überzeugender Weise auch Teil von Friebels WahrnehmungsRepertoire: Der Hauswirt ist tot. Zwischen faulenden Äpfeln im Garten die Katze. (S. 22) Ein Beispiel dafür, wie auch das Schriftbild mit sehr unterschiedlichen Zeilenlängen bei Friebel immer wieder Akzentuierungen setzt. Hochhausfenster. Ein Streit schallt bis in die Pusteblumen. (S. 29) Ein Haiku, schillernd wie die Realität – zwischen Trost (wenn „die Pusteblumen“ für die durch ihr bloßes Dasein heilsame Natur stehen) und Traurigkeit (wenn sie eher die Vergeblichkeit verstärken). Der toten Freundin gedenken …Ein Kuckuck ruft, endlos. (S. 29) Hier behält der Trost – bei traurigstem Anlass – eindeutig die Oberhand. Übersetzt doch der Volksglaube die Kuckucksrufe in Jahre und ein „endlos“ folglich in „ewig“. Mahd. Ein Marienkäfer klettert am liegenden Halm. (S. 38) Die „Mahd“ als Bild vom Schnitter Tod ist eindeutig. Aber die Tatsache, dass das Klettern „am liegenden Halm" weitaus einfacher gerät, setzt einen geradezu humoristischen Kontrapunkt! Exakt jene leise Iro63

nie prägt auch den unmittelbar folgenden Text: Stoppelfelder. im leeren Anhänger zirpt eine Grille. (S. 38) Nehmen wir der Grille den schützenden Lebensraum, bleibt ihr nichts, als den unseren zu usurpieren – das vermag sie anhaltend lautstark! Um noch einmal auf den oben erwähnten „Blickwinkel des Kindes“ zurückzukommen: Haiku ist keine Kunst des Verstandes denn vielmehr der Sinne. Weshalb was uns vor Augen tritt, beseelt ist. Mit überraschenden Folgen: Busfahrt. Die Augen des Plüschhasen starren ins Herbstlaub. (S. 49) Mag sein, dass eine besondere Gabe der Poesie darin liegt, Ambivalenzen wahrzunehmen und auszuhalten. In diesem Sinne ist Haiku voller Poesie: Blätter rieseln im Hangwald. Mehr und mehr fester Himmel. (S. 50) Ambivalent ist hier das Attribut des „Himmels“. „fest“ kann heißen: undurchdringlich. Dann zementiert es eine Atmosphäre, die von Abschied und Verlust geprägt ist. „fest“ kann aber auch heißen: sicher, beständig. Dann steht der Verlust des Akzidentellen für die Substanz. Und aus der Wahrnehmung des Vergänglichen wird ein Hinweis auf das, was bleibt. Eine der großen Verlockungen in Friebels Buch: beständig Nachlese halten: Waldrebe. Eine Amsel holt aus dem Licht die letzten Beeren. (S. 56) 64

Dietmar Tauchner

Poetica oder: Schmetterlinge weinen nicht Poetica oder: Schmetterlinge weinen nicht von Sabine Weber-Bublitz. Ein Plädoyer für die Dichtung. ATEdition, Berlin, 2012. ISBN: 978-3-89781-211-6

In dem 76 Seiten schmalen Band „Poetica“ stellt Sabine Weber-Bublitz in der Einführung zum Buch die These auf, dass die (deutsche) Sprache und Gesellschaft zusehends rationaler, nüchterner, sachlicher und damit gefühllos geworden sei und werde. Dieser Prozess sei maßgeblich von der Literaten-Gruppierung „Gruppe 47“, von H. W. Richter in Gang gesetzt und unter Beteiligung von Autoren wie Günter Grass und Martin Walser forciert worden. Um dem nationalsozialistischen Sprach-Gestus entgegenzuwirken, setzte sich die „Gruppe 47“ für das „Pathos der Nüchternheit“ ein. Dabei sollten nicht nur Phrasen und Wendungen der NS-Mobilisierung eliminiert werden, sondern auch jegliche emotionale Sprache. „Das, was die Nazis damals als Emotion zelebriert haben, war eine Art ‚Pseudo-Emotionalität‘ gepaart mit Sprachmanipulation und Sprachpropaganda […] Diese Tatsache rechtfertigt in keiner Weise die Behauptung, ein zweites HitlerDeutschland könne nur durch eine fast emotionslose, nüchterne und sachliche Sprache vermieden werden, und deshalb müsse man sich einer solchen Sprache unbedingt bedienen, um zu zeigen, dass man sich von der Nazi-Zeit distanziere. Das halte ich für einen verhängnisvollen Trugschluss.“ So endet die Einführung. Nun folgt das Stück „Poetica“, in dem historische und fiktive Persönlichkeiten wie Aristoteles, Murasaki Shikibu, Rabbi de Vries, Jesus, Pilatus, Goethe, Celan, Grass, Prinz Genji, Tamakazura und „Poetica“ für oder gegen eine emotional-poetische Sprache argumentieren, und das aus ihrem jeweiligen Wirkungskontext heraus. Poetica erscheint im Stück als „hübsche Tänzerin (langes, weißes, ärmelloses Kleid aus feinem seidigem Stoff; rotblonde lange, gewellte Haare; barfuß)“. Im Anschluss erläutert das vorletzte Kapitel, „Sitzordnung“ genannt, wer welcher Argumentationsseite auf der Bühne zuzuordnen ist. Im 65

letzten Kapitel „Musik“ werden einige Musikstücke aufgeführt, zu denen Poetica im Stück schweigend tanzt. Sabine Weber-Bublitz rührt mit ihrem Buch zweifellos an ein wichtiges Thema, das nicht nur im historisch-kulturellen Kontext von Relevanz ist, sondern auch in einem psychosozialen; denn: wie soll Sprache sein, um von wem akzeptiert zu werden? Ob die Einführung nicht schon zu viel von dem, was das Stück thematisiert, vorwegnimmt, sei der Beurteilung der Leser überlassen. Vielleicht wäre es konsequenter gewesen, entweder auf essayistische oder dramatische Mittel alleine zurückzugreifen. Das Buch basiert jedenfalls auf einer fundierten Recherche und einer gekonnten Auswahl von Zitaten und einer charakterisierenden Sprachmodellierung der angeführten Protagonisten. Ein schmales Buch mit weiter Wirkung. Traude Veran Haiku-Pick Haiku-Pick von Heike Gewi. Deutsch/Englisch, Verlag tredition, Hamburg, 2013. 212 Seiten, broschiert. ISBN 978-3-8495-6109-3

Und wieder legt Heike Gewi einen Haiku-Band vor, dessen Texte zwischen 2009 und 2013 entstanden sind. „Pick“ – dieser Titel klingt zunächst fast schelmisch. Bald aber erfährt man lesend, dass hier tatsächlich, wie es die Autorin auf dem Umschlagbild gezeichnet hat, ein spitzer Schnabel aus dem großen Teich des Bewusstseins die feinsten Teilchen herauspickt. „Die größte Offenbarung ist die Stille.“ Diesen Ausspruch Laotses stellt Heike Gewi an den Anfang ihres Buches. Sie beschreibt, wie sich ihr allen Eindrücken offener und dadurch ablenkbarer Geist (open mind) durch Bodenhaftung, Erdung im wörtlichen Sinne nach und nach in einen leeren Geist (empty mind) wandelt. Die Gedanken flattern auf und davon, bis ein einziger zurückkehrt: das Haiku. Einen virtuellen BashôTeich nennt sie ihr Werk und lädt ein, mit ihr an seinem Ufer zu sitzen, 66

dem Nachhall zu lauschen und Ruhe zu finden. Die Texte sind klassisch nach den vier Jahreszeiten gegliedert, ein fünfter Teil enthält Senryû, dazwischen eingestreut immer wieder Haiga in großteils üppiger Farbgebung sowie ein „Wordicht“ aus sprachkritischen und sprachphilosophischen Gedanken in Form von visuellkonkreter Poesie: WelTraum Diesmal tritt die deutsche Sprache in den Vordergrund, schon allein durch deren größeren Druck. Auch lässt sich die Szenerie im Europa der wechselnden Jahreszeiten verorten. Eines der Haiga erhielt den Excellent Haiga Award 2011: Warten auf den ersten Schritt … Herbstlaub

Waiting for the first move autumn leaves

Seine Kürze lässt darauf hoffen, dass die Beckmesserei der formalen Vorgaben, wie sie vor allem in der deutschen Haiku-Dichtung herrschte, sich endlich überlebt hat. Die unglaubliche Knappheit der Verse verblüfft erst im zweiten Moment; zunächst tun sich beim Nachdenken reiche Bilder- und Gefühlswelten auf, als handle es sich um ein viel längeres Gedicht. Wenn das ideale Haiku mit dem Eisberg zu vergleichen ist, bei dem nur 10 Prozent über die Wasseroberfläche ragen, so sind diese Texte wohl zu 98 Prozent unter die Oberfläche getaucht. Es sind Naturgedichte in japanischer Tradition, in denen Wind und Wasser, Wärme und Kälte, Blüten, Bäume und Tiere, alle die Töne, Farben, Gerüche des Jahreskreises erstehen. Die Menschen, seien es Liebende oder die Großmutter, sind mit eingebunden. Nirgends findet sich Romantik; klare, kleine Szenen spielen sich vor unserem inneren Auge ab, ohne Deutung, manchmal auch mitsamt der egozentrischen Sinnestäuschung, der wir so gern erliegen: Sommerzug weiße Wolken folgen stundenlang meinem Blick

summer joint white clouds follow for hours my eye

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Was verwirrend wirkt, ist die genaue Dokumentation des Werks. Sowohl das Inhaltsverzeichnis, das mehr Zeilen hat als das Buch Seiten, als auch der umfangreiche Erstveröffentlichungsnachweis (ein Wort mit mehr Buchstaben als manches der Haiku) verstören etwas. Andrerseits lassen sie die Schwere fühlbar werden, die vielen Publikationen innewohnt, und im Gegensatz dazu die luftige Leichtigkeit der Dichtung. Rüdiger Jung

HAIKU. HAIKU KREIS WIESBADEN. HAIKU. HAIKU KREIS WIESBADEN. Anthologie von Rita Rosen (Hrsg.). Hochschule RheinMain, Wiesbaden, 2013. 82 Seiten. ISBN 978-3-923068-48-4

„ein originelles und ausdrucksstarkes Haiku-Buch“ (S.5) – dem Urteil des Präsidenten der Hochschule RheinMain, Prof. Dr. Detlev Reymann, kann ich mich nur anschließen. Großen Anteil daran hat Sören Kunz, der von allen Beteiligten Haiku-Autorinnen jeweils einen Text illustriert hat. Großen Anteil daran hat überdies Lisa Geibel, die gemeinsam mit ihm, betreut von Prof. Guido Ludes (Studiengang Kommunikationsdesign), für Gestaltung und Layout verantwortlich zeichnet. Die Ästhetik in Schwarz-Weiß ist für mich beides: gediegen und erfrischend. Hartmut Fillhardt bietet – in der Tat „KLASSISCH“ – den zugespitzten Augenblick: Spatz, braun, auf dem Zaun aufgeplustert, vorgebeugt und fortgeflogen (S. 12) Er hat ein Faible für die Stimmung, die Atmosphäre – und für die ihnen innewohnenden Polaritäten, die sich immer wieder als konstitutiv für das Haiku erweisen: Abendstern flimmert ohne Hauch und früchteschwer das Nussbaumgeäst (S. 14) 68

Manch rostiges Blatt schon am Dornengeranke nur die Beeren süß (S. 15)

Irene Friedrich-Preuss fasziniert mich mit ihren FRÜHLINGSBOTEN Wildgänse ziehen den Frühling Richtung Norden – es gibt kein Zurück (S. 20) Nachdrücklich behauptet die Schlusszeile der Natur und ihren Zyklen gegenüber das Einmalige und Unwiederholbare des erfüllten Augenblicks. Ähnlich wie seinerzeit Jens Hagen in seinen „Haiku Kriminale“ verweist uns Eve Marie Helm auf die Affinität des Haiku zum Ungelösten, Rätselhaften: Schattenlos der Weg Ein Stein springt über den Fluss. Wer hat geworfen? (S. 28) Werner Henz ist ein Meister der äußersten Kürze (S.36) Rote Äpfel im Mondlicht (S. 6) und Zuspitzung: Raben auf Schollen abgeerntete Äcker Oktoberfest jetzt. (S. 36) Ruth Karoline Mieger beeindruckt besonders durch folgenden Vers: im Friedhofspark – ein alter Eichelhäher vergräbt Früchte (S. 47) Renate Müller-Tümmler zeigt einmal mehr, wie der Gegensatz ein Haiku spannend macht: Der Garten verschneit am Vogelhaus herrscht Betrieb – allein am Fenster (S. 50) 69

Sie nutzt die Kürze und Prägnanz der Haiku-Form zum spontanen und unmittelbaren Ausdruck des Empfindens: Zelten am Wegrand Regen prasselt auf das Dach kuscheln – nur – kuscheln (S. 51) Und dann haben ihre sehr geistesgegenwärtigen Texte noch dieses leise Prickeln und Knistern einer ganz feinen Ironie: Nussschokolade Hochgenuss im Liegestuhl Eichhörnchen lauert (S. 54) Frau Prof. Dr. Rita Rosen, Kulturbeauftragte der Hochschule RheinMain, Leiterin des Haiku Kreises Wiesbaden und Herausgeberin des vorliegenden Bandes, liefert für die fünfte Jahreszeit der HaikuDichtung, die Jahreswende, folgendes Kabinettstück: Silvesterwünsche wir stoßen an mit Gläsern so zerbrechlich (S. 63) In wenigen Worten die ganze Ambivalenz des Jahreswechsels: „Silvester-„ nicht nur als Jahresende, mehr noch – als Inbegriff der Endlichkeit, vor dem „-wünsche“, Glück und Glas, die, die sich zuprosten, allesamt „zerbrechlich“ wirken. Lassen wir uns von der gewichtigen Schlusszeile nicht täuschen! „Wir stoßen an“ – trotz allem: Das ist die trotzige, frohe, mutige, nicht dem Alten verhaftete, sondern dem Neuen zugewandte Botschaft des Gedichts! Spontaneität und Unmittelbarkeit des Haiku nutzt schließlich auch Hildburg Türke: Der Duft des Flieders, fast vergaß ich die Schönheit der roten Tulpen. (S. 67)

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Den folgenden Text adelt der außerordentlich starke Klang der Schlusszeile: Spätsommerfarben durchleuchten meinen Garten, am Zaun steht der Herbst. (S. 71) Aber da ist noch ein Text, der als poetische Selbstreflexion der Autorin hervorsticht: Mein Zinienstrauß lächelt mich sommerfroh an und weiß von gar nichts. (S. 67) So funktioniert ja oft die Naturlyrik, dass wir unsere Empfindungen an die Dinge delegieren. Hildburg Türke entmythologisiert das Haiku, ohne dass ihm das den geringsten Abbruch täte. Geschenkt: der „Zinienstrauß“ „weiß von gar nichts“. Was bleibet – wusste schon Hölderlin –, stiften die Dichter. Und also nützt dem „Zinienstrauß“ sein Nichtwissen am Ende gar nichts! Es bleibt dabei: er „lächelt mich sommerfroh an“. Bleibt noch zu vermerken, dass die Haijin sich uns am Ende näher vorstellen. Man möchte mehr von ihnen allen lesen – wenn‘s geht, auch wieder in so exzeptionell schönen Büchern!

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Erratum SOMMERGRAS Nr. 103 Betrifft: Bericht „Heilige Haiku Orte und das internationale Haiku“ von Simone K. Busch (Seite 37, 3. Haiku): Richtig muss die Übersetzung lauten: Geräusche und Gerüche als ihre Gehhilfe gefallene Blätter sammelt

Haiku: Rita Rosen, Bild: Eva van der Horst 72

Mitteilungen Neuveröffentlichungen 1. Heike Gewi: Den Wind jagen. Haiku und Haiga wechseln in lockerer Abfolge. Deutsch/Englisch. Verlag tredition, Hamburg, 2013. 198 Seiten. ISBN 978-3-8495-3808-8 2. Paul Dinter: Der Duft des Kerzenwindes. Haiku, Senryû und andere Poesie nach japanischem Vorbild, mit Schwarzweiß-Fotografien. Ansprechend gebunden in asiatischer Blockheftung. Cover aus kahari. 68 Seiten. Verlag edition ps, Wien, 2013. ISBN 978-3-900169-10-7 3. Petra Sela: Wie Sonne und Mond. Haiku. Eine Hommage an Matsuo Bashô. Deutsch/Englisch/Japanisch. Mit wissenschaftlichen Kommentaren von Hisaki Hashi und Petra Sela. Übersetzungen von Dietmar Tauchner, Elizabeth Enfield und Hisaki Hashi. Hrsg. ÖHG, Wien, 2013. ISBN 978-3-9503584-0-7 4. Gerhard Stein: Welch eine Weite – Dat Land so wiet. Für alle Freunde des Dialekts hat sich der Autor etwas einfallen lassen, weil er der Auffassung war, dass es neben dem Slang der KohlenpottHaiku unbedingt noch ein weiteres Standbein geben müsse. Der Zauber des Dialekts ist etwas ganz besonderes und so entstanden 75 Haiku, die „in’t Plattdüütsche överdragen“ wurden. Ob es ein Haiku- oder Sprachbuch oder beides ist, gilt es somit ebenso zu entdecken. Engelsdorfer Verlag, Leipzig, 2013. ISBN 978-3-95488-697-5 5. Sabine Weber-Bublitz: Poetica oder: Schmetterlinge weinen nicht. Ein Plädoyer für die Dichtung. Eine wissenschaftlich-literarische Arbeit in Form eines Theaterstücks mit Personen aus verschiedenen Kulturkreisen: Europa (Griechenland, Deutschland), Orient bzw. Nahost (Israel), Asien (Japan), die entweder für oder gegen Poesie eingestellt sind. Entstanden ist das Stück durch eine dreijährige intensive Beschäftigung mit japanischen „Waka“ und dem „Genji Monogatari“ (japanischer Nationalepos) und den dabei entstandenen 73

Assoziationen zu unserem Kulturkreis. ATEdition, LIT Verlag, Berlin, 2012. ISBN: 978-3-89781-211-6 6. Jane und Werner Reichhold: Symbiotic Poetry. Das Buch, betitelt „SYMBIOTIC POETRY, multi-genre, multi-media in action“ enthält eine Anthologie ausgewählter Arbeiten beider Autoren, entstanden in den vergangenen 25 Jahren. Sie bezeugen die Vorstellung, dass unsere Zeit mit ihren unzähligen Möglichkeiten des schnellen gegenseitigen Austausches notwendig nach einer Antwort suchen muss, wie wir die Fülle weltweit verbreiteter literarischer Formen in unsere Arbeiten integrieren und in eine Symbiose führen können. Gesucht ist ein dieser unserer Wirklichkeit entsprechender Terminus, befreit von jahrzehntelangem Herumirren zwischen Imitation und hilflos konstruierten Pseudogenre-Bezeichnungen, zugleich weit offen gegenüber allen Arten von Inspiration aus den unterschiedlichsten Kulturen – aus Kult-Uhren, falls Versteck-und-Entdeckungsspiele beliebt sind. Das Werk umspannt und bezeichnet die dort angebotenen Arbeiten, öffnet und ebnet den Weg hin zu den in allen Sprachen noch zu erarbeitenden poetischen Ambitionen der Zukunft. AHA Books, 2014. 282 Seiten. ISBN 978-1494422776 Sonstiges 1. Seit unserer Veranstaltung zum 25. Jubiläum der DHG in Ochtrup oder auch nur durch den dazu herausgegebenen Haiga-Katalog dürfte der rumänische Künstler Ion Codrescu vielen kein Unbekannter mehr sein. Es besteht bald wieder die Möglichkeit, ihn persönlich und einen Teil seiner Werke kennenzulernen, und zwar anlässlich einer HAIGA-AUSSTELLUNG in IMMENSTADT/ALLGÄU vom 13. April bis zum 3. Mai –Vernissage am 13. April um 17:00 Uhr – im dortigen Literaturzentrum. Zu sehen sind deutsche Haiga, Ions eigene Haiga in deutscher Übersetzung und wahrscheinlich noch andere Tuschmalereien (sumi-e). 2. Haiku Dichtung in der eXperimenta Das Kunst- und Literaturmagazin eXperimenta veröffentlicht seit September 2013 einmal im Monat auf der letzten Titelseite ein Haiku. Geplant sind auch Haiku im Innenteil des Magazins. Mitglieder 74

der Deutschen Haiku-Gesellschaft sind eingeladen, ihre HaikuGedichte einzusenden. Aufsätze und Essays, die sich mit der HaikuDichtung beschäftigen, sind ebenfalls willkommen. Bitte eine Kurzvita mit einreichen. Einsendungen an: [email protected] Website der eXperimenta: www.eXperimenta.de Herausgeber: Rüdiger Heins www.ruedigerheins.de Siehe auch:www.haiku-garten.de

Haiga: Simone K. Busch 75

Impressum Vierteljahresschrift der Deutschen Haiku-Gesellschaft 27. Jahrgang – März 2014 – Nummer 104 Herausgeber:

Vorstand der DHG Tel.: 040 / 460 95 479 E-Mail: [email protected]

Redaktion:

Claudia Brefeld (Chefredakteurin), Horst-Oliver Buchholz, Annette Grewe

Titelillustration:

Moritz O. Buchholz

Satz und Layout:

Martina Sylvia Khamphasith

Druck:

Hamburger Haiku Verlag – Erika Wübbena E-Mail: [email protected]

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Deutsche Haiku-Gesellschaft e.V. Georges Hartmann, Ober der Jagdwiese 3, 57629 Höchstenbach E-Mail: [email protected]

Freie Mitarbeit erwünscht. Ihre Beiträge schicken Sie bitte per E-Mail an:

Claudia Brefeld, Horst-Oliver Buchholz, Annette Grewe [email protected]

Post an:

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Einsendeschluss für das kommende Kukai: Redaktionsschluss:

15. April 2014 25. April 2014

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