Deutsche Kolonialromane - Mythos-Magazin

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Deutsche Kolonialromane

Masterarbeit im Fach Germanistik zur Erlangung des Grades Master of Arts (M.A.) der Philosophischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf von Thorina Lepak

Prüfer: Prof. Dr. Peter Tepe April 2013

 

Inhaltsverzeichnis     1.  Einleitung  .............................................................................................................................................  4   1.1.  Zur  Kolonialproblematik  in  Forschung  und  Gesellschaft  ..............................................................  4   1.2.  Zum  Vorgehen  der  Arbeit  .............................................................................................................  7   2.  Zur  Theorie  ..........................................................................................................................................  9   2.1.  Zum  Selbstverständnis  der  kognitiven  Hermeneutik  ...................................................................  9   2.2.  Der  Autorbegriff  .........................................................................................................................  10   2.3.  Das  Methodenkonzept  ...............................................................................................................  11   3.  Zum  geschichtlichen  Hintergrund  .....................................................................................................  15   4.  Gustav  Frenssen:  Peter  Moors  Fahrt  nach  Südwest  ..........................................................................  20   4.1.  Basis-­‐Analyse  ..............................................................................................................................  20   4.1.1.  Textzusammenfassung  ........................................................................................................  20   4.1.2.  Textbeschaffenheit  ..............................................................................................................  22   4.2.  Basis-­‐Interpretation  ....................................................................................................................  28   4.2.1.  Textkonzept  .........................................................................................................................  28   4.2.2.  Literaturprogramm  ..............................................................................................................  32   4.2.3.  Überzeugungssystem  ..........................................................................................................  33   5.  Adolf  Kaempffer:  Farm  Trutzberge  ....................................................................................................  37   5.1.  Basis-­‐Analyse  ..............................................................................................................................  37   5.1.1.  Textzusammenfassung  ........................................................................................................  37   5.1.2.  Textbeschaffenheit  ..............................................................................................................  42   5.2.  Basis-­‐Interpretation  ....................................................................................................................  46   5.2.1.  Textkonzept  .........................................................................................................................  46   5.2.2.  Literaturprogramm  ..............................................................................................................  59   5.2.3.  Überzeugungssystem  ..........................................................................................................  60   6.  Uwe  Timm:  Morenga  ........................................................................................................................  65   6.1.  Basisanalyse  ...............................................................................................................................  65   6.1.1.  Textzusammenfassung  ........................................................................................................  65   6.1.2.  Textbeschaffenheit  ..............................................................................................................  68   6.2.  Basis-­‐Interpretation  ....................................................................................................................  71   6.2.1.  Textkonzept  .........................................................................................................................  71   6.2.2.  Literaturprogramm  ..............................................................................................................  85   7.  Schlussbetrachtung  ...........................................................................................................................  92   2    

             

 

3    

1.  Einleitung    

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Darstellung des Fremden und Eigenen, namentlich der Afrikaner und Deutschen, in ausgewählten (Post-)Kolonialromanen über Südwest-Afrika der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sowie der Gegenwart. Dies ist insofern relevant, als dass die Kolonialzeit sowohl historisch als auch literarisch einen eher vernachlässigten Bestandteil der germanistischen Forschung darstellt. Erst seit wenigen Jahren wird auf diese Thematik näher eingegangen, wie noch ausgeführt werden wird. Die folgenden beiden Unterkapitel sollen zur besseren Orientierung zum einen die Kolonialproblematik skizzieren und zum anderen das Vorgehen der Arbeit umreißen.  

1.1.  Zur  Kolonialproblematik  in  Forschung  und  Gesellschaft    

Die Kolonialzeit wird nicht nur in der Forschung marginal behandelt, auch im öffentlichen Bewusstsein ist sie kaum präsent. Die Erinnerung an die deutsche Kolonialzeit von 1884 bis 1914 ist im Vergleich zu der an den Holocaust so gut wie nicht existent, obwohl auch hier Genozide großen Ausmaßes verübt wurden. In dem Zusammenhang soll auch die These Hannah Arendts aufgegriffen werden, die eine untrennbare Verknüpfung zwischen der Kolonialzeit und dem Rassenwahn respektive der Bürokratie der Nationalsozialisten sah. Sie schreibt in ihrem Hauptwerk Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft,

daß in der eigentlichen imperialistischen Periode diese beiden Prinzipien sich unabhängig voneinander entwickeln und daß keiner der Männer, die […] für die Herausstellung eines dieser beiden Prinzipien verantwortlich waren, je ahnte, welche außerordentlichen Möglichkeiten an Macht- und Zerstörungsakkumulation sich aus einer Kombination beider ergeben würden.1

Sie leitet somit den „Verwaltungsmassenmord“2 her, der seine Wurzeln in der im 17. Jahrhundert entstandenen „Beamtenschaft des Nationalstaates“3 hat, zunächst in den Kolonien stattfand und schließlich während der nationalsozialistischen Zeit ein viel größeres Ausmaß annahm. Den sich entwickelnden Rassenwahn führt sie auf das Folgende zurück:

Der in Afrika beheimatete Rassenbegriff war der Notbehelf, mit dem Europäer auf menschliche Stämme reagierten, die sie nicht nur nicht verstehen konnten, sondern die als Menschen, als ihresgleichen anzuerkennen sie nicht bereit waren. […] Aus dem Entsetzen, daß solche Wesen auch Menschen sein könnten, entsprang der Entschluß, auf keinen Fall der gleichen Gattung Lebewesen anzugehören. Hier, unter dem Zwang des Zusammenlebens mit schwarzen Stämmen, verlor die Idee der Menschheit

                                                                                                                        1

Arendt, Hannah: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Frankfurt am Main 1958, S. 287. Ebd. 3 Arendt, S. 285. 2

4    

und des gemeinsamen Ursprungs des Menschengeschlechts […] zum ersten Mal ihre zwingende Überzeugungskraft […].4

Es ist das „Entsetzen vor Wesen, die weder Tier noch Mensch zu sein scheinen und gespensterhaft, ohne alle faßbare zivilisatorische oder politische Realität, den schwarzen Kontinent bevölkern“5, das nach Arendt schließlich den Rassebegriff zu vorher nie dagewesenen Extremen treibt. Arendts These wird hier so ausführlich vorgestellt, da sich vor diesem Hintergrund zum einen bestimmte in der Analyse vorkommende Romaninhalte besser verstehen lassen und zum anderen um die tatsächliche Brisanz des Kolonialthemas aufzuzeigen, das enger mit dem weiteren Geschichtsverlauf verknüpft ist, als dies auf den ersten Blick den Anschein macht. Es kann allerdings nicht Aufgabe der Arbeit sein, diese These zu bestätigen oder zu widerlegen. Es gibt aber auch Institutionen, die gegen das Vergessen dieser Epoche arbeiten, was wiederum einen Beweis für die weitgehende Vernachlässigung der Problematik darstellt. Ein Beispiel hierfür ist die Arbeitsgemeinschaft Postkolonial der Universität Leipzig, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die mit dem Kolonialismus verbundenen Orte Leipzigs zu untersuchen und die gefundenen Spuren auf einer eigenen Internetseite zu veröffentlichen.6 Aktiv kritisiert wird das Vergessen der Kolonialzeit auch durch den vom Afrikanistik-Institut der Universität Köln ins Leben gerufenen Verein Kopfwelten e. V., dessen Ziel es ist, durch Projekte „die vorherrschenden Afrikabilder nachhaltig zu verändern und so langfristig Rassismus abzubauen.“7 Dazu informiert der Verein auch umfassend über die Kolonialzeit und erklärt das mangelnde Interesse an dieser mit ihrer Kürze, ihrer aus Sicht der Bevölkerung irrelevanten Wirkung auf das übrige bzw. weitere Weltgeschehen und auch mit ihrem „unrühmlichen Ende.“8 Die geringe Beachtung, die der deutschen Kolonialzeit entgegengebracht wird, schlägt sich schließlich, wie bereits konstatiert, auch in der Germanistik nieder. Werke, die einen umfassenden Überblick über die Kolonialliteratur geben, sind kaum vorhanden und neuere Arbeiten sind noch schwerer auszumachen. Zwar gab es bereits in den 1930er Jahren Dissertationen

                                                                                                                        4

Arendt, S. 286. Die Frage nach dem Zusammenhang des Holocaust und der Kolonialzeit wurde auch von Russell Berman (vgl. Ders.: German Colonialism: Another Sonderweg? In: The European Studies Journal 16/2 (1999), S. 25-36) und Thomas Pynchon (vgl.: Ders.: Gravity’s Rainbow. Toronto 1984) aufgegriffen. 5 Ebd. 6 Emendörfer, Jan: Menschen wie Tiere ausgestellt – Kritik an Ausblendung der Kolonialzeit-Verbrechen. In: Campus Online, URL: http://www.lvz-online.de/gestaltete-specials/campus_online/studentenleben/menschenwie-tiere-ausgestellt/r-studentenleben-a-118844.html (Stand: 26. 02. 2013). 7 Bechhaus-Gerst, Marianne: Kopfwelten e. V., URL: http://www.kopfwelten.org (Stand: 26. 02. 2013). 8 Ebd.

5    

zur Kolonialliteratur,9 jedoch fokussierten diese eher die „ideologisch-affirmativen Grundaussagen der Texte.“10 Obwohl sich in den folgenden Jahrzehnten vereinzelt Publikationen finden, hat die germanistische Literaturwissenschaft erst „in den 1970er und 80er Jahren begonnen, der Kolonialliteratur Aufmerksamkeit zu widmen.“11 Medardus Brehl erklärt dies in seiner Dissertation Vernichtung der Herero mit „der Konzeption der Sozialgeschichte der Literatur“12, im Zuge derer sich auch vermehrt mit „trivialen“ Literaturen auseinandergesetzt wird. Tatsächlich führen unter anderem auch Benninghoff-Lühl13 und Dunker14 die Zuordnung der Kolonialromane zur Trivialliteratur als einen Grund an, weswegen diese Gattung lange peripher behandelt wurde. Ein weiterer Grund ist das fehlende geschichtliche Interesse in der Bevölkerung bezüglich der Kolonialthematik und im Zuge dessen der nur in Ansätzen und jüngerer Zeit aufkeimende Kolonialdiskurs sowie die Abwesenheit der Postcolonial Studies in Deutschland,15 wie sie beispielsweise in England oder den USA viel präsenter sind. Es handelt sich hierbei um „eine kritische kulturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit […] der Geschichte und Gegenwart von Kolonialismus und Imperialismus, westlicher Dominanzkulturen und Ethnozentrismen sowie kapitalistischer Globalisierung.“16 Diese kann in „empirisch, historisch und diskursgeschichtlich gesättigten“17 Formen geschehen. Die Erklärung für die zögerliche Annäherung an diese Studien in Deutschland liegt unter anderem darin, dass die koloniale Vergangenheit an sich, wie oben dargelegt, kaum bewusst ist. Die Studien in größerem Umfang in diese Arbeit einzubeziehen, würde den Rahmen überschreiten. Ein Beispiel für eine Arbeit, die versucht, Kolonialromane umfassender darzustellen, ist Sibylle Benninghoff-Lühls Anfang der Achtzigerjahre erschienene Dissertation Deutsche Kolonialromane 1884–1914 in ihrem Entstehungs- und Wirkungszusammenhang.

                                                                                                                        9

Marass, Ferdinand: Der deutsche Kolonialroman. Diss. Wien 1935; Patzlaff, Georg: Die Kolonien und der Kolonialgedanke in der deutschen erzählenden schönen Literatur der Vorkriegszeit. Diss. Greifswald 1939; Todt, Herbert: Die deutsche Begegnung mit Afrika im Spiegel des deutschen Nachkriegsschrifttums. Diss. Frankfurt a. M. 1939. 10 Benninghoff-Lühl, Sibylle: Deutsche Kolonialromane 1884-1914 in ihrem Entstehungs- und Wirkungszusammenhang. Bremen 1983, S. 2. 11 Brehl, Medardus: Vernichtung der Herero: Diskurse der Gewalt in der deutschen Kolonialliteratur. Diss. Bochum 2006, S. 35. 12 Ebd. 13 Benninghoff-Lühl, S. 6. 14 Dunker, Axel: Einleitung. In: Dunker, Axel (Hrsg.): (Post-)Kolonialismus und Deutsche Literatur. Bielefeld 2005, S. 11. 15 Vgl. Brehl, S. 37. 16 Uerlings, Herbert: Kolonialer Diskurs und Deutsche Literatur. Perspektiven und Probleme. In: Dunker. S. 39. 17 Ebd.

6    

Im geschichtswissenschaftlichen Bereich sind vor allem die Publikationen Horst Gründers zu nennen, die seit den 1980er Jahren erscheinen und detaillierte Einführungen und Einblicke in die deutsche Kolonialgeschichte bieten.18 Wie noch zu zeigen sein wird, bildet neben Ostafrika die Kolonie Deutsch-Südwest im heutigen Namibia die größte und wichtigste Kolonie, was eine entsprechende Fülle an thematischen Romanen zur Folge hatte.19 Entsprechend sind diese Romane innerhalb der deutschen Kolonialliteratur die am besten und umfangreichsten untersuchten, während „DeutschNeuguinea, die Südsee-Territorien und Kiatschou“20 weniger häufig in Primär- und Sekundärwerken behandelt werden, denn sie bieten „nicht nur auf politischer, sondern auch auf literarischer Ebene […] weit weniger Anlass zu Auseinandersetzungen als ihre afrikanischen Gegenstücke.“21 Ein wichtiges Werk, das sich mit der Literatur über Südwest beschäftigt, ist Werner Tabels Autoren Südwestafrikas.22  

1.2.  Zum  Vorgehen  der  Arbeit    

Vorab sei noch ein Hinweis zur Begriffsklärung gegeben. Die Begriffsverwendung bzw. -definition von Kolonialismus und Imperialismus in der vorliegenden Arbeit stützt sich auf den Vorschlag Jürgen Osterhammels. Er versteht unter Kolonialismus das Folgende:

Kolonialismus ist eine Herrschaftsbeziehung zwischen Kollektiven, bei welcher die fundamentalen Entscheidungen über die Lebensführung der Kolonisierten durch eine kulturell andersartige und kaum anpassungswillige Minderheit von Kolonialherren unter vorrangiger Berücksichtigung externer Interessen getroffen und tatsächlich durchgesetzt werden.23

Imperialismus ist dem Kolonialismus übergeordnet und bezieht sich vielmehr auf das gesamte kolonisierte Reich des eigenen Landes. Die imperiale Wirkung ist weitreichender als die koloniale, da Imperialismus vor allem auch die „Kräfte und Aktivitäten“24 zusammenfasst, die ein Entstehen von Kolonien als internationales System überhaupt möglich machen. Da Kolonialismus oftmals mit Imperialismus verwechselt wird25 und letzterer nur eingeschränkt auf                                                                                                                         18

S. z. B.: Gründer, Horst: Geschichte der deutschen Kolonien. Paderborn 1985 und Ders.: Der moderne Imperialismus. Düsseldorf 1980. 19 Vgl. Warmbold, Joachim: Deutsche Kolonial-Literatur: Aspekte ihrer Geschichte, Eigenart und Wirkung, dargestellt am Beispiel Afrikas. Diss., Basel 1979, S. 7 f. 20 Warmbold, S. 8. 21 Ebd. 22 Tabel, Werner: Autoren Südwestafrikas. Göttingen u. a. 2007. 23 Osterhammel, Jürgen: Kolonialismus: Geschichte – Formen – Folgen. München, 1995 S. 21. 24 Osterhammel, S. 27. 25 Hein, Kerstin: Hybride Identitäten – Bastelbiografien im Spannungsfeld zwischen Lateinamerika und Europa. Diss., Bielefeld, 2006 S. 37.

7    

Deutschland angewandt werden kann,26 sollten diese beiden Definitionen hier noch einmal voneinander abgegrenzt werden. Der Begriff Kolonialliteratur wird im Sinne Kouassi Kouamés aufgegriffen, auf den auch Brehl sich stützt. Demnach wird „die Gesamtheit der über die Kolonien geschriebenen Texte – und zwar nicht ausschließlich der genuin poetischen Texte über die Kolonien“27 als Kolonialliteratur bezeichnet. Die Analyse der Romane wird nach der Methode der Kognitiven Hermeneutik erfolgen, die von Peter Tepe entwickelt wurde. Aus diesem Grund erfolgt im Anschluss zum besseren Verständnis ein Kapitel, das diese Literaturtheorie in ihren wichtigsten Punkten darstellt. Anschließend gibt ein Kapitel zum geschichtlichen Hintergrund die Entstehung der Kolonien im Allgemeinen und die Lage in der Kolonie Deutsch-Südwest zur Zeit der Herero- und Namakriege wider. Während dieser Zeit findet die Handlung der Romane zum größten Teil statt. Vor diesem Hintergrund werden sich dann die Romananalysen entwickeln, die den Hauptteil der Arbeit ausmachen. Als Analysegegenstände wurden Gustav Frenssens Peter Moors Fahrt nach Südwest aus dem Jahr 1906, Adolf Kaempffers Farm Trutzberge von 1937 und Morenga von Uwe Timm aus dem Jahr 1978 herangezogen. Es handelt sich somit um Romane, die in verschiedenen Epochen des 20. Jahrhunderts zu verorten sind, was für die Interpretation von Interesse ist. Peter Moor entstand noch während der deutschen Kolonialzeit und setzt sich aus Erzählungen verschiedener Soldaten zusammen, die den Krieg gegen die einheimische Bevölkerung miterlebt haben und zeichnet somit ein vorgeblich authentisches Bild. Kaempffers Farm Trutzberge hat zwar historischen Abstand, entstand aber während der Regierungszeit Hitlers. Der Autor hat darüber hinaus selbst in Südwestafrika gelebt, sodass beide Aspekte in den Roman mit einfließen. Schließlich rundet Morenga die Romanauswahl ab. Nicht zuletzt aufgrund des geschichtlichen Abstands nähert sich dieser Roman dem Thema auf eine gänzlich andere Weise und betreibt die Aufarbeitung der Geschichte. Dieser Ansatz schlägt sich sowohl inhaltlich als auch formal nieder.

 

 

                                                                                                                        26 27

Osterhammel, S. 28. Kouamés, zitiert nach Brehl, S. 64.

8    

2.  Zur  Theorie    

Die Arbeit wird der Methode der kognitiven Hermeneutik folgen. Hierzu wird zunächst das Selbstverständnis dieser Theorie skizziert und dann die Rolle des Autors verortet. Anschließend wird die Vorgehensweise erläutert.

2.1.  Zum  Selbstverständnis  der  kognitiven  Hermeneutik    

Bei der kognitiven Hermeneutik handelt es sich um eine von Peter Tepe entwickelte Interpretationstheorie, welche im Jahre 2007 unter selbigem Titel in Buchform erschien.28 Die Ausführungen in diesem Kapitel werden sich daher hauptsächlich auf dieses Werk stützen. Hauptanliegen der Theorie ist neben der gründlichen Textinterpretation eine objektive Arbeit mit dem Text bzw. das Vermeiden von aneignender Interpretation.29 Unter dieser wird ein Verfahren verstanden, das als Lebensbewältigung angesehen werden kann. Demnach werden Texte unter dem Aspekt eigener Sinnfragestellungen, die beispielsweise den eigenen Alltag oder das Bedürfnis nach Unterhaltung betreffen, gelesen. Der Leser stellt sich die Frage: „Was sagt mir oder uns dieser Text?“30 Es soll hier jedoch nicht nur der Bezug zur eigenen Lebenspraxis vermieden werden, sondern auch eine Lesart des Textes unter eigenen weltanschaulichen Prämissen.31 Diese Art der Textwissenschaft unterscheidet beispielsweise zwischen religiösen und areligiösen Weltanschauungen und es besteht die Gefahr, dass Interpreten „bestimmte Texte für ihr eigenes Überzeugungssystem […] vereinnahmen“32 und nur aus dieser einseitigen Sicht interpretieren. Es bleibt also festzuhalten, dass die aneignende Interpretation aufgrund ihrer starken Subjektivität als nicht wissenschaftlich betrachtet wird und daher bei Textinterpretationen auszublenden ist. Dennoch ist sie als unerlässlich für die eigene Lebensorientierung und bewältigung einzustufen und von diesem Standpunkt aus wichtiger als die kognitive Interpretation.33

                                                                                                                        28

Tepe, Peter: Kognitive Hermeneutik. Königshausen & Neumann, Würzburg 2007. Tepe, S. 11. 30 Ebd. 31 Tepe, S. 92. 32 Ebd. 33 Vgl.: Tepe, S. 104. 29

9    

Darüber hinaus ist auch der projektiv-aneignende Ansatz auszuklammern.34 Bei diesem handelt es sich um eine verdeckte aneignende Interpretation, da eigene Vorstellungen und Annahmen in den Text hinein- und wieder herausgelesen werden, was somit zur Bestätigung der eigenen Annahmen führt. Verdeckt ist dieser Ansatz deshalb, weil er im Gegensatz zum oben genannten weitgehend unbewusst geschieht. Der eigentliche Fokus der kognitiven Hermeneutik besteht aus der kognitiven Interpretation. Es stellt sich hier die Ausgangsfrage: „Wie ist der Text beschaffen?“35 Anhand der Frage ist bereits erkennbar, dass es hier vor allem um die Frage geht, wie es kommt, dass der Text so ist, wie er ist. Es handelt sich also um einen deskriptiv-feststellenden Ansatz, der davon ausgeht, dass sich im Text objektive Anhaltspunkte für dessen Interpretation finden lassen. Dies wiederum erfordert festgelegte Größen, mit denen man die Textbeschaffenheit beurteilen kann. Bei der aneignenden Interpretation bliebe dies unberücksichtigt. Die entsprechenden Größen sollen weiter unten an geeigneter Stelle ausgeführt werden. Anknüpfend an das Verwerfen der aneignenden Interpretationsarten lässt sich noch ein weiterer wichtiger Aspekt der kognitiven Hermeneutik aufgreifen: die Ablehnung des „radikalen Interpretationspluralismus“36. Es wird kritisiert, dass dieser in der Wissenschaft weit verbreitet ist und mehrere Deutungsoptionen vermischt respektive zulässt, die einander ausschließen und auch unreflektiert und damit projektiv-aneignend sind, weil sie sich nicht an weitgehend objektiven Kriterien orientieren. Dies kann wiederum nicht als wissenschaftliches Vorgehen bezeichnet werden. Es ergeben sich daher zwei verschiedene Optionen des Textsinns: der Sinn-Subjektivismus und der Sinn-Objektivismus. Bei erstem wird der Sinn „vom Textrezipienten im Kontakt mit einem vorliegenden Text erst gebildet und [ist] somit vom Rezipienten abhängig“37. Der SinnObjektivismus geht davon aus, dass der Text eine Größe ist, deren Sinn für sich selbst steht. Diese Option wird von der kognitiven Hermeneutik vertreten.  

2.2.  Der  Autorbegriff    

Der Autor hat in der kognitiven Hermeneutik eine besondere Stellung. Er wird nicht, wie dies bei vielen anderen Literaturtheorien der Fall ist,38 vollständig ausgeklammert. Allerdings soll auch kein klassischer Autorintentionalismus, wie er beispielsweise bei Schleiermacher vor                                                                                                                         34

Vgl.: Tepe, S. 109 f. Tepe, S. 12. 36 Tepe, S. 23 f. 37 Tepe, S. 21. 38 Vgl. z. B.: Barthes, Roland: La mort de l’auteur. In: Barthes, Roland: Le bruissement de la langue. Paris 1984. 35

10    

liegt39, vertreten werden. Vielmehr geht die Idee der Autorintention in den bereits zuvor erwähnten drei objektiven Größen auf, die von der Weltanschauung des Autors abhängen und als textprägende Instanzen40 bezeichnet werden: das Textkonzept, das Literaturprogramm und das Überzeugungssystem. Mit anderen Worten: Um zu klären, weshalb der Text ist, wie er ist (man spricht auch von Textbestand), wird auf den Autor zurückgegriffen.41 Jedoch differenziert die kognitive Hermeneutik zwischen verschiedenen Verständnissen von Autorintention bzw. Autorabsicht. Zum einen sind hier die textprägenden Instanzen gemeint, zum anderen eine bewusst vom Autor formulierte und verfolgte Absicht.42 Generell kann zu einem späteren Forschungszeitpunkt nach Autorkommentaren zum jeweiligen Text geforscht werden, diese gilt es auch gegebenenfalls zu hinterfragen.43 Weiterhin ist noch zu unterscheiden, dass es einen Autor im engeren Sinn und einen Autor im weiteren Sinn gibt.44 Der Autor im engeren Sinne ist ein tatsächlich selbstständig arbeitender, welcher allein über den Text entscheidet. Der Autor im weiteren Sinn ist oftmals von einer höheren Stelle, beispielsweise einem Herrscher, beauftragt worden, unter bestimmten Vorgaben einen Text zu verfassen. Er entscheidet somit nicht allein über die Elemente, die in den Text integriert werden. Da dies wiederum Auswirkungen auf die Interpretation hat, ist diese Tatsache vorher zu klären.  

2.3.  Das  Methodenkonzept    

Es soll nun das eigentliche Konzept vorgestellt werden, nach dem die Textarbeit in der vorliegenden Arbeit verfährt. Die Theorie unterscheidet zunächst zwei Ebenen, nämlich die Basis- und die Aufbau-Arbeit. Bevor beides geleistet wird, erfolgt als Erstes eine Zusammenfassung des jeweiligen Textes, was bereits als knappe Basis-Analyse angesehen werden kann.45 Neben der „pointierten Zusammenfassung des Textweltgeschehens“ soll auf diese Weise außerdem mit einer „gerafften Herausarbeitung der ästhetischen Besonderheiten des Textes“46 begonnen werden.

                                                                                                                        39

Schleiermacher, Friedrich: Hermeneutik. Heidelberg 1959. Tepe, S. 62 ff. 41 Vgl. Tepe, S. 58. 42 Vgl.: Tepe, S. 72 f. 43 Tepe, S. 73. 44 Tepe, S. 58 f. 45 Tepe, S. 80. 46 Ebd. 40

11    

Bei der Basis-Arbeit geht es dann zunächst darum, die grundlegenden Bestandteile des Textes zu untersuchen und zu verstehen. Dementsprechend teilt sie sich auch nochmals in BasisAnalyse und Basis-Interpretation auf. Alle Untersuchungsziele können bei der Basis-Analyse ohne weitere Zuhilfenahme am Text selbst erreicht werden. Dabei stellt sich die grundlegende Leitfrage: „Wie ist der vorliegende Text beschaffen?“47 Diese Stufe der Textarbeit schließt sich „an die Leseerfahrung mit dem jeweiligen Text an, um die dort bereits bemerkten Texteigentümlichkeiten mittels geeigneter Begrifflichkeiten in erkenntnismäßiger Hinsicht genauer zu bestimmen.“48 Hierbei können beispielsweise zum einen sprachliche oder strukturelle Besonderheiten (Stilmittel, Kongruenz) und zum anderen bestimmte Motive beschrieben werden. An dieser Stelle kann ein weiterer zentraler Begriff der kognitiven Hermeneutik eingeführt werden. Hierbei handelt es sich um den Sinnbegriff. Genauer gesagt gibt es sechs Sinnbegriffe, die an unterschiedlichen Stellen der Textarbeit von Bedeutung sind bzw. teilweise aus bestimmten Gründen auch gar nicht zum Tragen kommen sollten. Zunächst ist hier der Begriff des Textwelt-Sinns zu nennen. Dieser meint „alles, was zur jeweiligen Textwelt gehört“49, also den eigenen Sinn der Textwelt, wie beispielsweise die Charakterisierungen der Figuren. Er kann nach objektiven Maßstäben erfasst werden. Hierbei geht es zunächst nur um die Beobachtung und Beschreibung der Textwelt ohne weiterführende Interpretation. Betreibt man demnach Basis-Analyse, so erfasst man dabei immer den Textwelt-Sinn. Die Textbeschreibung wird vorangestellt, um ein Verstehen zu garantieren. Die Basis-Interpretation baut auf der Analyse auf. Hier lautet die Grundfrage: „Wie kommt es, dass der vorliegende Text die festgestellte Beschaffenheit aufweist?“50 Es geht hier also darum, die in der Basis-Analyse gewonnenen Ergebnisse zu erklären, daher spricht Tepe auch von der „erklärenden Interpretation“.51 Der Autor kann hier, wie bereits erwähnt, als Größe in Form der textprägenden Instanzen befragt werden, um Erkenntnisse bezüglich der Textbeschaffenheit zu gewinnen. Auf diese Instanzen soll an dieser Stelle näher eingegangen werden. Als erstes ist das Textkonzept zu nennen. Man kann es als textnaheste Instanz verstehen, der das Literaturprogramm und das Überzeugungssystem übergeordnet sind. Es handelt sich hier um „eine bestimmte künstlerische Ausrichtung oder Zielsetzung, eine bestimmte Gestaltungs                                                                                                                         47

Tepe, S. 50. Tepe, S. 51. 49 Tepe, S. 22. 50 Tepe, S. 56. 51 Ebd. 48

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idee“52, welche dem Text zugrunde liegt. Dies muss nicht immer bewusst entstanden sein. Hauptsächlich geht es dabei um die Umsetzung eines künstlerischen Ziels, wie etwa dem, durch exemplarische Schilderungen auf soziale Missstände aufmerksam machen zu wollen. Der Begriff des Textkonzepts kann daher mit dem der Textintention gleichgesetzt werden.53 Die zweite Größe bildet das Literaturprogramm. Hierbei geht es weniger um den Inhalt des Textes als solchen, sondern vielmehr um die Auffassung des Autors darüber, wie Literatur zu sein hat.54 Aufgrund der unzähligen Möglichkeiten, wie ein Literaturprogramm beschaffen sein kann, ist es schwierig, allgemeingültige Aussagen zu treffen. Tepe schreibt hierzu:

Ein Literaturprogramm kann einem klassischen Verständnis des Kunstwerks verpflichtet sein, aber auch mit diesem brechen; es kann z. B. das zumeist abgewertete Oberflächliche aufwerten und das zumeist geschätzte Tiefsinnige abwerten, den Weg in die Tiefe des Sinns verlegen wollen. […] Die allgemeine künstlerische Zielsetzung kann auch darin bestehen, die verbreitete Suche nach der positiven Botschaft des Textes ins Leere laufen zu lassen, den Leser zum Mitautoren zu machen usw.55

Wie auch beim Textkonzept kann eine Hypothese hierüber zunächst nur aufgrund des Textes selbst erfolgen und wird vor allem dann interessant, wenn mehrere Werke eines Autors untersucht werden sollen.56 Schließlich bedarf noch das Überzeugungssystem einer näheren Erläuterung. Dies kann als übergreifende Instanz über den beiden anderen aufgefasst werden. Hier siedelt sich die „Schicht aus Weltbildannahmen und Wertüberzeugungen“57 an, welche aus unterschiedlichen Elementen bestehen und daher relativ komplex sind. Dabei wird beispielsweise deutlich, ob eine Person an eine Religion glaubt oder nicht oder ob sie von politischen Ideologien überzeugt ist. Da das Weltbild des Autors sich ebenfalls im Text niederschlägt, kann man auch hier wieder Hypothesen anhand der Vorlage bilden, ohne sich unmittelbar mit dem Autor zu beschäftigen. Anhand dessen, was in der Basis-Analyse aufgefallen ist, werden nun Hypothesen über Textkonzept, Literaturprogramm und Überzeugungssystem gebildet. Wichtig ist hier der zweite Sinnbegriff: der Prägungs-Sinn, der schon der Bezeichnung nach eng mit den textprägenden Instanzen verknüpft ist, da diese ihn bilden. Er ist wie der Textwelt-Sinn eine objektive Größe. Dabei wird in einem Zweiphasenprogramm zunächst davon ausgegangen, dass die text-

                                                                                                                        52

Tepe, S. 63 f. Vgl.: Tepe, S. 73. 54 Vgl.: Tepe, S. 65. 55 Tepe, S. 65 f. 56 Tepe, S. 66. 57 Tepe, S. 67. 53

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prägenden Instanzen einander nicht widersprechen (1. Phase) und erst bei Phänomenen, die zur Annahme von Widersprüchen zwingen, wird auf solche eingegangen (2. Phase).58 Nachdem die Basis-Arbeit erfolgt ist, kann sich noch die Aufbau-Interpretation anschließen. Diese wird jedoch in der vorliegenden Arbeit weniger zum Ausdruck kommen, da der Fokus hauptsächlich auf einer gründlichen Basis-Arbeit liegen soll. Dennoch werden Ansätze vorhanden sein, weswegen hier ein kürzerer Abriss der Aufbau-Interpretation erfolgen soll. Sie ordnet hauptsächlich den Text in einen größeren Kontext ein, beispielsweise in „einen biographischen, einen literaturhistorischen, einen gattungspoetischen […] Kontext.“59 Es sollte also vorher festgelegt werden, unter welchen Fragestellungen man diese weiterführende Interpretation angeht. So kann analog zu Textwelt- und Prägungs-Sinn hier von einem Kontext-Sinn gesprochen werden.60   Konkret bedeutet dies, unter anderem auch nach den Gründen für das verwendete Literaturprogramm oder den Funktionen zu fragen, welche diese bestimmte Umsetzung des künstlerischen Ziels übernehmen.61 Es handelt sich also um kognitive Fragen nach übergeordneten Aspekten.62 Abschließend lässt sich also sagen, dass bei der kognitiven Hermeneutik ausgehend vom Text die Untersuchung immer weiter ausgedehnt wird und bei fortschreitender Forschung immer mehr übergeordnete Elemente mitberücksichtigt werden. Wie bereits angedeutet ist die Darstellung der kognitiven Hermeneutik auf diese Arbeit zugeschnitten. Aspekte wie verschiedene Stufen der Basis-Interpretation, welche auch die ästhetische Textverwendung in Form einer Theateraufführung oder Lesung63 beinhalten, können in diesem Rahmen nicht geleistet werden. Das Gleiche gilt für verschiedene Deutungsoptionen, die am Text noch durchgespielt werden könnten. Auch bezüglich der Hintergründe zur Entwicklung der kognitiven Hermeneutik sowie Abgrenzungen zu anderen Theorien sei auf das Werk Kognitive Hermeneutik verwiesen.

 

 

                                                                                                                        58

Vgl.: Tepe, S. 153. Tepe, S. 48. 60 Tepe, S. 162. Zwei weitere Sinnbegriffe sind der Relevanz-Sinn und der höhere Textsinn, welche aber beide der aneignenden Interpretation zugerechnet werden und daher zu vermeiden sind. Den letzten Sinn stellt der tiefere Textsinn dar, dessen sich tiefenpsychologische Theorien bedienen. 61 Tepe, S. 193. 62 Vgl.: Tepe, S. 191. 63 Vgl.: Tepe, S. 179. 59

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3.  Zum  geschichtlichen  Hintergrund    

Zum besseren Verständnis der Romananalysen erfolgt in diesem Kapitel eine kurze Einführung in die Geschichte der deutschen Kolonien. Da die Romane in Südwestafrika spielen, soll nach einem kurzen allgemeinen Abschnitt vor allem der koloniale Hintergrund dieses Landes im ausgehenden 19. Jahrhundert im Fokus stehen. Der Vollständigkeit halber bleibt noch zu erwähnen, dass Deutschland außer Südwestafrika noch Kolonien in Kamerun, dem Gebiet Deutsch-Neuguinea in der Südsee und Togoland, Ostafrika, Samoa und im chinesischen Kiatschou Schutzgebiete erlangte.64 Die deutsche Kolonialzeit nimmt einen späten und kleinen Platz in der allgemeinen europäischen Kolonialgeschichte ein. Während Eroberungsländer wie Spanien und England schon im 16. Jahrhundert mit Kolonialisierungen begonnen hatten und im Laufe der Zeit immer weiter expandieren konnten,65 deckt die deutsche Kolonialzeit nur einen Zeitraum von dreißig Jahren ab, nämlich von 1884 bis 1914.66 Hauptgrund für die starke Verzögerung ist vor allem die innerdeutsche Situation der bis 1871 vorherrschenden vielen einzelnen Fürstentümer bzw. das damit verbundene erst im 19. Jahrhundert aufkeimende Nationalbewusstsein der Deutschen.67 Darüber hinaus stellten sich aber auch logistische Probleme: Zum einen behinderte das Zollsystem bis in die 1830er Jahre selbst den Handel innerhalb Deutschlands und somit in gesteigertem Maße den Welthandel68 zum anderen besaßen die Deutschen seit dem „Niedergang der Hanse im 17. Jahrhundert“69 auch keine Seemacht mehr, welche sie zur Erkundung anderer Weltteile befähigt hätte. Bismarck, der 1884 die erste Kolonie unter deutschen Schutz stellte, war keineswegs von Anfang an ein Verfechter des Kolonialismus gewesen. Als Begründung hieß es: „So lange ich Reichskanzler bin, treiben wir keine Kolonialpolitik. Wir haben eine Flotte, die nicht fahren kann […] und wir dürfen keine verwundbaren Punkte in fernen Weltteilen haben, die den Franzosen als Beute zufallen, sobald es losgeht.“70 Des Weiteren wollte er „das Risiko der englischen Feindschaft nicht eingehen“71, denn das Königreich besaß bereits Kolonien in weiten Teilen der Welt, wie zum Beispiel Afrika.                                                                                                                         64

Steltzer, Hans Georg: Die Deutschen und ihr Kolonialreich. Frankfurt am Main 1984, S. 33 ff. Vgl.: Sieber, Eduard: Kolonialgeschichte der Neuzeit: die Epochen der europäischen Ausbreitung über die Erde. Bern 1949. 66 Gründer, Horst: Geschichte der deutschen Kolonien. S. 11. 67 Steltzer, S. 13. 68 Steltzer, S. 14. 69 Steltzer, S. 11. 70 Poschinger, H. v. (Hrsg.): Bismarck und die Parlamentarier, Bd. III, Breslau 1896, S. 54. Zit. n. Gründer, S. 55. 71 Sieber, S. 216. 65

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Letztendlich war seinem Entschluss, Kolonien zu beanspruchen, Kolonialagitation aus dem Volk vorausgegangen, welche kurz nach der Reichsgründung eingesetzt hatte.72 Diese kann man durchaus als organisierte Agitation bezeichnen, entstanden um 1880 doch Kolonialvereine, die die Kolonialfrage entschieden vorantrieben. Allen voran lässt sich hier der Deutsche Kolonialverein nennen, welcher 1882 gegründet wurde. Teilnahmen an Entdeckungs- und Forschungsreisen hatten wiederum zur Entstehung dieses und anderer Vereine beigetragen.73 Neben dem Hamburger Juristen Wilhelm Hübbe-Schleiden, Carl Peters, Adolph von Hansemann und Ernst von Weber, war Friedrich Fabri einer der herausstechenden Persönlichkeiten, welche die Kolonialfrage vorangebracht haben.74 Fabri verfasste 1879 die Broschüre Bedarf Deutschland der Colonien?, in welcher er mit der „rapiden Zunahme der Bevölkerung Deutschlands“75 für Auswanderung – und damit Kolonien – plädierte. Tatsächlich wuchs die Bevölkerung zwischen 1880 und 1900 „von rd. 45 Millionen auf rd. 54 Millionen an“76, was durch den Übergang zum Industriezeitalter zu erklären ist. Doch daneben spielten noch einige andere Aspekte eine Rolle, wie beispielsweise die Wiederbelebung des eigenen Handels77 und die Stärkung der neugewonnenen Nationenidentität nach außen hin. Ein hauptausschlagendes Argument war außerdem die Konkurrenz der anderen europäischen Mächte, wie zum Beispiel Carl Peters bemerkte.78 Dieser Punkt ist nach derzeitigem Stand der ausschlaggebende gewesen, der Bismarck letztendlich dazu veranlasst hatte, sich für eine Kolonialpolitik zu entscheiden. Zwar gibt es viele Theorien hierüber, eine eindeutige Stellungnahme Bismarcks diesbezüglich existiert jedoch nicht. Gründer schreibt allerdings, dass die „englisch-französischen sowie englisch-portugiesischen wirtschaftlich-kolonialen Abmachungen über Gebiete in West-Afrika […] den handelspolitischen und wirtschaftsexpansiven Intentionen Bismarcks zuwider liefen.“79 In der Reichstagrede am 26. Juni 1884 bezieht Bismarck Stellung zu seiner Entscheidung. Im Gegensatz zu anderen europäischen Mächten will er keinen Raum zur Verfügung stellen, der dann von den Deutschen besiedelt werden soll, sondern er will „kaufmännische Unternehmungen“80 unterstützen, wobei diese aber weitgehend souverän und eigenverantwortlich sein sollten. Dies ist auch der Grund dafür, weshalb deutsche Kolonien als                                                                                                                         72

Vgl.: Sieber, S. 216. Vgl.: Gründer, S. 43 f. 74 Gründer, S. 36 f. 75 Fabri, Friedrich: Bedarf Deutschland der Colonien? Eine politisch-ökonomische Betrachtung, Gotha 1879. Zitiert n. Gründer, S. 38. 76 Gründer, S. 28. 77 Speitkamp, Winfried: Deutsche Kolonialgeschichte. Stuttgart 2005, S. 18. 78 Gründer, S. 33. 79 Gründer, S. 56. 80 Schüssler, Wilhelm (Hrsg.): Bismarck, Die gesammelten Werke, Bd. 12: 1878-1885, Berlin 1929. Zitiert n. Gründer, S. 63. 73

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Schutzgebiete bezeichnet werden. Bismarck macht nochmals seinen Standpunkt zu Kolonien deutlich mit Erfindung dieses Begriffes, der besagt, dass die deutsche Wirtschaftsentwicklung in anderen Ländern durch das Reich geschützt wird „in ihrer freien Entwicklung sowohl gegen die Angriffe aus der unmittelbaren Nachbarschaft als auch gegen Bedrückung und Schädigung von Seiten anderer europäischer Mächte.“81 Hieran schließt sich der koloniale Hintergrund Südwestafrikas, dem heutigen Namibia, das für die vorliegende Arbeit vornehmlich relevant ist. Dieser Teil wird im April 1884 als erster unter den Schutz des Reiches gestellt.82 Initiator hierfür war der Bremer Kaufmann Adolph Lüderitz, der in der Hoffnung auf Diamantfunde83 die Bucht Angra Pequeña (später Lüderitzbucht) und das Mündungsgebiet des Oranjeflusses erlangte.84 Um sicherzugehen, dass das Gebiet auch amtlich deutsch wird und um Schikanen „seitens der Eng- und Kapländer auf alle mögliche Art und Weise“85 abschütteln zu können, bat Lüderitz um den Schutz der Erwerbungen durch das Deutsche Reich. Die Erklärung dessen besiegelte schließlich die deutsche Kolonisation. Obwohl der erhoffte Diamantfund ausblieb, was Lüderitz in den Ruin trieb, und obwohl daraufhin das Interesse an Lüderitzland, wie sein Gebiet auch genannt wurde, zunächst versiegte,86 weiteten sich letztendlich die deutschen Grenzen unter der Herrschaft des Reichkanzlers Leo von Caprivi weiter aus.87 Das erstreckte sich letztendlich „im Osten bis zur Kalahari […] und im Norden bis zum Kuene, dem Grenzfluß zu Angola.“88 Ein prominentes Ereignis während der deutschen Kolonialzeit in Südwestafrika, daher auch in zahlreichen Romanen aufgegriffen, bilden die Aufstände der beiden Volksgruppen Herero und Nama. Hierbei handelt es sich um den größten Aufstand in der deutschen Kolonialgeschichte.89 Die beiden Stämme besiedelten das Land großflächig, ohne allerdings einvernehmlich miteinander zu leben, weswegen ein erfolgreicher Widerstand gegen das Kolonialsystem nicht geleistet werden konnte.90 Im Gegenteil unternahmen beide Völker Verbündungsversuche mit den Deutschen. Da die Herero zum einen von den Nama bedroht wurden und zum anderen                                                                                                                         81

Ebd. Gründer, S. 85. 83 Westphal, Wilfried: Geschichte der deutschen Kolonien. München 1984, S. 20. 84 Gründer, S. 88. 85 Sudholt, Gert: Die deutsche Eingeborenenpolitik in Südwestafrika: von den Anfängen bis 1904. Diss. München 1975, S. 17. 86 Gründer, S. 121. 87 Ebd. 88 Westphal, S. 23. 89 Gründer, S. 128. 90 Gründer, S. 121. 82

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Samuel Maharero, ein Gruppenführer der Herero, seine Oberherrschaft über alle Herero erreichen wollte, waren seine Bemühungen, sich mit den Deutschen zu verbünden, erfolgreicher als die von Hendrik Witbooi, dem Kapitän der Nama. Nach Westphal führten beide Stämme vor allem um Land und Vieh, das ihre Lebensgrundlage bildete, erbitterte Kämpfe.91 Maharero erwartete von den Kolonialherren Schutz und versprach sich von ihren „staatlichen Organisationsvorstellungen“92 eine Hilfestellung zur Machterlangung. Obwohl beide Völker mit den Deutschen kooperieren wollten, waren sie neben anderen Ursachen vor allem ausschlaggebend für den Aufstand. Wachsendes Herrschaftsdenken, das mit sozialer und politischer Diskriminierung einherging, sowie die Vernichtung der Naturvölker prägten mehr und mehr das Handeln der Kolonisten.93 Konkret bedeutet das unter anderem die Reservatsbildung, um die Völker zur Sesshaftigkeit zu zwingen94 und somit eine bessere Kontrolle zu haben. Des Weiteren spielten Geschäftsbetrüge seitens der Deutschen und die damit verbundene Rechtsunsicherheit eine nicht unwesentliche Rolle.95 Allerdings waren auch die Rinderpest von 1897 und ihre Folgen ausschlaggebend. Sie bedeutete eine Existenzgefährdung der Ureinwohner, wurden die Rinder doch als „lebendes Kapital“96 gehalten und bildeten die Währung. Dies brachte sowohl die Herero als auch die Nama wiederum in eine wirtschaftliche Abhängigkeit von den Deutschen. Beide Völker waren jetzt gezwungen, Land zu veräußern,97 wodurch die Deutschen ihr Gebiet ausweiten konnten. Der Aufstand begann im Januar 1904 mit tödlichen Überfällen der Herero auf die Stationsbesatzungen und Zerstörung der Bahnlinie Windhuk-Swakopmund.98 Theodor Leutwein war zu dieser Zeit Leutnant und sollte die oben beschriebenen Unruhen bezüglich der Herrschaftsfrage im Land „ohne Blutvergießen“99 eindämmen. Nachdem die Deutschen dem Aufstand zunächst unterlegen waren, gelang es Leutwein, „dass sich die Hauptmasse der Herero am Waterberg festsetzte“100, wo es im August desselben Jahres zur entscheidenden Schlacht kam und wo die Herero dann von seinem Nachfolger Lothar von Trotha weitgehend vernichtet wurden. Erst danach griffen auch die Nama ins Geschehen ein, Kapitän Witbooi fiel allerdings ebenfalls im Oktober 1905. Es schlossen sich Guerillakämpfe an, die unter anderem auch von Ja                                                                                                                         91

Westphal, S. 25. Gründer, S. 122. 93 Gründer, S. 128. 94 Speitkamp, S. 123. 95 Gründer, S. 129. 96 Gründer, S. 127. 97 Westphal, S. 87. 98 Gründer, S. 130. 99 Gründer, S. 122. 100 Gründer, S. 130. Siehe hierzu: Sonnenberg, Else: Wie es am Waterberg zuging. Ein Beitrag zur Geschichte des Herero-Aufstandes, Berlin 1905. 92

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kob Morenga angeführt wurden. Dieser besaß eine außergewöhnliche Bildung und Führungsqualitäten, weshalb er bald zu einer Führerfigur der Bondelzwarts, einem Nama-Stamm, wurde.101 Sein taktisches Geschick wurde von mehreren deutschen Hauptmännern sowie Leutwein lobend erwähnt. Dieser erkannte auch die Gefährlichkeit Morengas für die deutsche Kolonialmacht.102 Morenga schaffte es einerseits, mehr und mehr Anhänger unter seinem Volk zu gewinnen und beschaffte sich andererseits Vieh, Munition und andere Ausstattung durch Überfälle auf deutsche Farmen, wobei er sich „in keiner Weise an dem Leben der Farmer und ihrer Angehörigen“103 vergriff. Auf diese Art konnte er sein Aktionsgebiet und seinen Ruf immer weiter ausbauen, bis sogar die verfeindeten Nama und Herero zusammen unter ihm kämpften. Doch trotz erfolgreichen Kampfes gegen die Deutschen fiel Morenga schließlich den britischen Truppen zum Opfer. Die Deutschen und die Briten hatten gleichermaßen das Ziel, ihn zu stellen und so schlossen sie sich zusammen. In Folge dieses „gemeinsamen Vorgehens“104 kam Morenga im Jahre 1907 während eines letzten Aufstands zu Tode. Im März 1908 kamen die Kämpfe vollständig zum Erliegen als auch der letzte Anführer, Simon Kopper, ein Rentenangebot der englischen Polizei annahm.105 Der Sieg der Deutschen, die großen Verluste der Volksstämme106 und die aus Überlebensangst ausgelöste Massentaufe nach 1907 festigten nach diesem Krieg den Herrschaftsanspruch der Weißen. Dennoch verhinderte das riesige, unüberschaubare Gebiet und die Arbeit der Missionskirchen, die größtenteils für die Belange der Schwarzen eintraten, eine totale und andauernde Kolonialherrschaft.107 Während ihres Bestehens war die Kolonie DeutschSüdwest jedoch die bedeutendste aller deutschen Kolonien.108 Mit dem Ersten Weltkrieg verlor das Reich seine Kolonien. Zum einen war dies auf das Unterliegen Deutschlands im Krieg selbst zurückzuführen,109 zum anderen waren auch seine Kolonien zu schwach, die „Truppen in Übersee reichten nicht aus, um die Schutzgebiete ernsthaft zu verteidigen.“110 Im Versailler Vertrag vom 28. Juni 1919 wurde schließlich die „Abtretung der deutschen Überseegebiete“111 festgehalten und bestätigt. Demnach ging Süd                                                                                                                         101

Nuhn, Walter: Feind überall: der große Nama-Aufstand (Hottentottenaufstend) 1904-1908 in DeutschSüdwestafrika (Namibia). Bonn 2000, S. 41 f. 102 Nuhn, S. 42. 103 Nuhn, S. 43. 104 Schnee, Heinrich: Kolonial-Lexikon, Band 2 H-O. Leipzig 1920, S. 590. 105 Gründer, S. 131. 106 75-80% der Herero-Bevölkerung und 50% der Nama-Bevölkerung waren in diesem Aufstand umgekommen. (Gründer, S. 39). 107 Gründer, S. 137. 108 Gründer, S.139. 109 Sieber, S. 233 f. 110 Speitkamp, S. 155. 111 Speitkamp, S. 156.

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westafrika an die Südafrikanisch Union über. Die anderen Gebiete wurden unter England, Frankreich, Belgien und Japan aufgeteilt.112

4.  Gustav  Frenssen:  Peter  Moors  Fahrt  nach  Südwest   4.1.  Basis-­‐Analyse   4.1.1.  Textzusammenfassung    

Bei Gustav Frenssens Peter Moors Fahrt nach Südwest handelt es sich um einen Feldzugsbericht, der in siebzehn Kapiteln die Kämpfe der Deutschen gegen die Herero und Nama im Jahre 1904 beschreibt. Er erschien bereits zwei Jahre später, im Jahr 1906. Zu Beginn des Buches erzählt der Protagonist Peter Moor von seinem bisherigen Lebensweg, namentlich seiner Kindheit, den Jugendjahren und der Ausbildung. Hierbei lässt er seine früh erwachte Abenteuer- und Entdeckungslust einfließen, um eine Erklärungsgrundlage für seine spätere Afrikafahrt zu legen. Der eigentliche Anstoß zu dieser Entscheidung wird gegeben, als Moor auf seinen alten Bekannten Heinrich Behlsen trifft, der ihm erstmals ausführlicher über Südwest und die dortigen Aufstände erzählt. Nachdem Behlsen ihm seinen Beschluss, ins Seebataillon einzutreten, mitteilt, wird Moors Reiselust erneut geweckt und er beschließt, es ihm gleich zu tun. Kurz darauf erreicht Deutschland die Nachricht über den Herero-Aufstand im Januar 1904, woraufhin Moor dem Freiwilligenaufruf folgt und dem Bataillon beitritt. Angefacht durch den Patriotismus und den Gedanken, selbst aktiv etwas für das Vaterland tun zu können, wird die Stimmung bis zur Abreise bei ihm selbst, seinen Kameraden und seiner Familie als positiv und freudig erwartend beschrieben. Der Feind wird als einer angesehen, von dem kaum Gefahr ausgeht und es besteht ein Klischeebild vom naiven Wilden. Zusätzlich verlässt man sich auf die eigene Überlegenheit. Einzig die Mutter wird als sehr sorgenvoll dargestellt. Ihr allein kommt der Gedanke, dass ihr Sohn und alle anderen Deutschen in Südwest den Tod finden könnten. Nach einem großen Abschied schließt sich eine ausführliche Beschreibung der Schiffsreise an. Diese ist zunächst hauptsächlich gekennzeichnet durch Tatendrang, Ausgelassenheit und die Beschäftigung mit der Ausrüstung sowie Freizeitaktivitäten. Vor allem der Anblick der Küste Englands und der Besuch der Insel Madeira, der den ersten richtigen Kontakt mit dem Ausland darstellt und während dem Landschaft und Menschen von den Soldaten wie im Mär                                                                                                                         112

Speitkamp, S. 157.

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chen wahrgenommen werden, geben der Überfahrt den Charakter einer Vergnügungsreise. Nur eingestreute dunkle Vorahnungen und Ängste verweisen auf das Bevorstehende. Kurz vor Afrika steigen Einheimische zu, die auf dem Schiff aushelfen sollen. Der erste Kontakt mit der Bevölkerung wird als beklemmend und befremdend wahrgenommen. Der erste Konflikt der Klischeevorstellungen mit der Realität ereignet sich an der Küste von Swakopmund, vor der das Schiff anlegt. Statt der erwarteten paradiesischen weißen Strände mit Palmen erstreckt sich eine rote Düne in greller Sonne ohne jegliche Vegetation. Auch die Bahnfahrt von Swakopmund zur Hauptstadt Windhuk wird als mühsam und langwierig beschrieben. Hitze, zerstörte Stationen und Tote am Weg erschweren die Fahrt zusätzlich. Vor Windhuk wird die Landschaft jedoch fruchtbarer und freundlicher, was vom Protagonisten mit Erleichterung zur Kenntnis genommen wird. Von Windhuk aus zieht die Gruppe weiter in die Ebene, um den Feind zu suchen. Hierbei werden Unsicherheiten, die durch die Fremdartigkeit des Landes hervorgerufen werden, sowie die Umgebung selbst genauer beschrieben. Es ereignet sich das erste Gefecht, das auch bereits die ersten Toten fordert und die Gruppe mit der Realität in Südwest vertraut macht. Dennoch wird danach durch vertraute und wiederkehrende Tätigkeiten wie Beten und Kochen eine gewisse Normalität in den Lagern erreicht. Die Motivation ist weiterhin ungebrochen und die Verfolgung der feindlichen Afrikaner wird, trotz gelegentlichem Wunsch nach der Heimat, unermüdlich betrieben. Auch Moors Einstellung Afrika gegenüber bleibt positiv, er beginnt, das Land zu mögen. Bei einem weiteren Gefecht wird er angeschossen, der Kampf wird detailliert beschrieben. Die Hartnäckigkeit der Afrikaner macht den Deutschen endgültig deutlich, dass sie sie zu Unrecht unterschätzt haben. Typhus, Wassermangel und Beschwerlichkeit zwingen die Gruppe schließlich zum Rückzug. Auch Mutverlust und Heimweh tragen ihren Teil bei. Nachdem er sich lange genug in einem Lager erholt hat, wird Moor wieder kräftiger und gesünder und will weiterkämpfen. Er schließt sich einer neuen, frischeren Truppe an. Bevor ein Heerzug angestrebt wird, führt der Weg jedoch zunächst zurück nach Windhuk, das Moor wie ein Wunder vorkommt, hat er doch alles wieder, was er in der Ebene entbehrt hat: Nahrung, Wasser und Sauberkeit. Der erneute Auszug wird beschwerlicher und härter als alles Vorherige. Kalte Nächte, heiße Tage und verdorbenes Wasser prägten schon zuvor das Leben in den Lagern und während der Märsche. Zusätzlich werden in diesem Abschnitt Schicksale, Beweggründe und Pläne der Mitstreitenden beschrieben.

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Moor hat Todesangst, als er durch einen Überfall von seinen Kameraden getrennt wird, mit denen er einen Auftrag erfüllen soll und allein und ohne Wasser durch die Wildnis irrt. Mit Hilfe einer anderen Station, auf die er zufällig trifft, findet er seine Kompanie wieder. Es schließt sich jedoch ein brutaler und schwerer Kampf an; die berühmte Schlacht am Waterberg, bei dem die Deutschen zunächst eine ganze Weile unterlegen sind, bevor sie die Einheimischen, obwohl sie in der Minderheit sind, durch überlegene Waffen schlagen können. Der Feind flieht so weit in die Wüste, dass die Deutschen ihm nicht mehr folgen können, ohne noch mehr Verluste zu riskieren. Es erfolgt die Rückkehr nach Windhuk. Allgemein wird mit der vollständigen Rückkehr in die Heimat gerechnet, jedoch kommt bald die Nachricht einer erneuten Auflehnung des Feindes, sodass der Beschluss zu einem weiteren Heerzug gefasst wird. An diesem kann Moor jedoch aufgrund von Herzproblemen, die er sich während der Strapazen zugezogen hat, nicht mehr teilnehmen und so wird er vom Arzt in die Heimat gesandt. Nach erneuter Beschreibung der Schiffsfahrt, während der die Schicksale von mitreisenden Kameraden beschrieben werden, kommt Moor in Hamburg an. Das Buch endet mit dem Treffen mit Frenssen, der seine Geschichte aufschreibt.  

4.1.2.  Textbeschaffenheit    

Die Klärung der Textwelt ist in diesem Fall einfach und eindeutig. Da es sich um einen Tatsachenbericht über einen Teil deutscher Geschichte handelt, in welchem sich viele historisch verbürgte Beschreibungen finden, ist von einer natürlichen Textwelt auszugehen. Es finden sich keinerlei übernatürliche Elemente. Auch kann bei Frenssen von einem Autor im engeren Sinne ausgegangen werden, da über einen Auftrag zum Roman nichts bekannt ist. Das Werk trägt den Untertitel Ein Feldzugsbericht von Gustav Frenssen, was dem Leser direkt signalisiert, dass Peter Moors Bericht nicht von ihm selbst verfasst worden ist. Tatsächlich stellt er, wie bereits erwähnt, eine Collage verschiedener mündlicher und schriftlicher Quellen dar. Der aus der Ich-Perspektive verfasste Text weist jedoch durchaus auch Merkmale des literarischen Erzählens bzw. der Romangattung auf, diese sind beispielsweise subjektive Einschübe113, Vergleiche114, Ausrufe115 und Alliterationen.116 Er hat darüber hinaus auch eine bestimmte Funktion, die in der Basis-Interpretation erläutert werden soll. Des Weiteren ist der besondere Einsatz von Adjektiven, aber auch Verben auffällig. Vor allem die Adjekti                                                                                                                         113

Frenssen, Gustav: Peter Moors Fahrt nach Südwest. Berlin 1908, S. 44. Frenssen, S. 60. 115 Frenssen, S. 45. 116 Frenssen, S. 38. 114

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ve sind stark wertend und wiederholen sich häufig, was allerdings nicht zu Lasten der Erzählweise geht. Viel mehr wird so die Mühsal der Soldaten und das beschwerliche Leben während der Heerzüge und Wanderungen unterstrichen. Aus diesen Gründen, die in der Basis-Interpretation weiter ausgeführt werden sollen, ist der Text eher als Roman denn als Bericht einzustufen. Da die vorliegende Arbeit vor allem die Darstellung des Fremden und des Eigenen untersucht, sollen im Folgenden die Themen Heimat, Afrika, Einheimische und Deutsche beschrieben werden, welche als Hauptthemen des Berichts ausgemacht werden können. Weitere häufig auftretende Motive sind darüber hinaus Wasser, Krankheit, heiße Tage respektive die Sonne und eiskalte Nächte. Heimat Die Heimat bildet dabei eine Art Klammer, da sie Ausgangs- und Endpunkt der Handlung ist und auch entsprechend beschrieben wird. Hierbei spielt die physische Nähe respektive Distanz zu Deutschland eine Rolle, wobei die Heimat hauptsächlich in der Ferne zum Thema wird, während vor der Abreise vor allem „Übersee“117 und dessen positive Konnotationen in der Vorstellung der Deutschen eine zentrale Rolle einnimmt. Mit fortschreitendem Bericht wird die Heimat auf verschiedene Arten bzw. innerhalb verschiedener Kontexte angesprochen. Dies beginnt schon auf der Überfahrt selbst, als jeder „aus seiner Heimat“118 berichtet. Auch die Angst, die Heimat nie wiederzusehen, entfaltet sich bereits auf der Hinfahrt, indem ein Kamerad äußert: „Es ist ja gar nicht möglich, einen so weiten Weg wieder zurückzufinden.“119 Eine weitere Form, in der die Heimat zur Sprache kommt, ist der Gesang. Auch er wird bereits auf der Hinfahrt angestimmt, die Lieder tragen Titel wie Nach der Heimat möcht‘ ich wieder120. Als die Soldaten später kraftlos in der heißen Ebene sind, erklingen ebenfalls die Zeilen „Sei gegrüßt in weiter Ferne/Teure Heimat, sei gegrüßt.“121 Darüber hinaus dient Deutschland auch als Vergleichsmöglichkeit mit Afrika, wobei es weitgehend positiv und im Kontrast zum neuen Kontinent dargestellt wird, wenn dieser als „nicht so schön, weder so mächtig noch so ruhevoll, wie in der Heimat“122 beschrieben wird. Je länger die Kompanie jedoch in Südwest verweilt und je beschwerlicher es wird, desto mehr wird                                                                                                                         117

Frenssen, S. 2. Frenssen, S. 19. 119 Frenssen, S. 32. 120 Frenssen, S. 21. Vgl. auch: S. 31. 121 Frenssen, S. 107. 122 Frenssen, S. 33. 118

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Deutschland zu einem Ort der Sehnsucht und zu einem Gedanken, der den Soldaten hilft, durchzuhalten.123 Besonders deutlich wird das Gewicht der Heimat in der Aussage: „Davon sprachen wir am liebsten. Nach Hause! Was werden sie zu Hause sagen, wenn wir wiederkommen!“124 Allein in Kapitel 9 fällt der Begriff „nach Haus“ bzw. „zu Haus“ sechs Mal auf einer halben Seite.125 Zur Heimat zählt jedoch nicht nur Deutschland als solches und die Gefühle, die die Kameraden für ihr Land hegen, sondern auch die Daheimgebliebenen bzw. nahestehenden Personen. Vieles wird auch in Relation zu ihnen und ihrer Reaktion formuliert: „Wenn Du dann nachher zu Hause sagst, du wärst auch mit gewesen und hast nichts aufzuweisen, glaubt es Dir keiner.“126 Je näher es an das Ende der Heerzüge geht, desto mehr wird die Heimat zum eigentlichen Ziel.127 Aufgrund der vorherigen nachdrücklichen und immer wiederkehrenden Heimatmotivik ist es auffällig, dass die Rückfahrt sowie Ankunft in Deutschland beziehungsweise die Gefühle hierbei nicht mehr kommentiert, sondern nur noch beschrieben werden. Afrikaner Die afrikanischen Völkerstämme werden hauptsächlich negativ beschrieben. Es finden sich vorwiegend Tiervergleiche, um die Fremden zu beschreiben. Darüber hinaus zielen die Beschreibungen auch auf mangelnde Intelligenz ab. Beides zeigt sich bereits im ersten Zusammentreffen auf dem Schiff kurz vor Afrika. Nachdem die Besatzung durch „Schreien und dummes Gekreische“128 darauf aufmerksam wurde, dass Neuankömmlinge an Bord sind, werden diese durch „Katzenschleichen und Schlangengleiten, schwarz und lang und halbnackt, mit großen entblößten Gebissen, mit lachenden, wilden Menschenaugen“129 beschrieben. Dieser Vergleich zieht sich weiter durch alle Darstellungen der Afrikaner im Buch. Es wird auch beschrieben, dass sie „mit ihren großen, knarrenden Tiergebissen Beine, Gekröse und Eingeweide ungereinigt fraßen.“130 Das Stellen des Feindes wird verglichen mit dem Einfangen eines Fohlens, welches der Knecht mit dem Halfter erwartet,131 auch wird ganz Afrika als „Affenland“132 bezeichnet. Der Affenvergleich fällt ebenfalls während der Kampfbe                                                                                                                         123

Frenssen, S. 64 f. Vgl. auch: S. 80 f. Frenssen, S. 96. 125 Ebd. 126 Frenssen, S. 23. 127 Frenssen, S. 187, vgl. hierzu auch Gerhard, S. 131. 128 Frenssen, S. 28. 129 Ebd. 130 Frenssen, S. 30. 131 Frenssen, S. 58. 132 Frenssen, S. 64. 124

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schreibung, als „eine schwarze, nackte Gestalt, wie ein[ ] Affe[ ], mit Händen und Füßen, das Gewehr im Maul, auf einen Baum“133 klettert. Abgesehen davon werden die Einheimischen auch als zerstörungslustig dargestellt. Ihnen wird eine kindliche Freude an der Zerstörung zugeschrieben, denn „wie eine kleine glühende Kinderschar, die, sich an den Händen haltend, vorwärts tanzte“134 kommen die Afrikaner den Deutschen entgegen und feuern auf sie. An früherer Stelle135 werden ihre Zerstörung der Bahnhaltestellen und die Ermordung des Streckenwärters und seiner Frau unterstrichen. Dies wird von den Deutschen mit Empörung aufgefasst und als Affront gegen die eigene Nation gesehen. Es erfolgt in der Regel keine Reflexion über Gerechtigkeit und darüber, dass sich hierin der Kampf der Afrikaner gegen die deutsche Kolonialherrschaft ausdrücken könnte.136 Es gibt zwar Stellen, in denen andere Auffassungen geäußert werden als den gängigen. Beispielsweise wird ein älterer Soldat zitiert: „Glaubst du, daß es ohne Grausamkeit abginge, wenn bei uns das ganze Volk gegen seine Unterdrücker aufstände? Und sind wir nicht grausam gegen sie?“137 Auch der Protagonist selbst ist nicht frei von Skrupeln und Menschlichkeit. Als er auf eine große Gruppe Afrikaner blickt, die seine Kompanie angreifen will, geht es ihm durch den Kopf: „Da liegt ein Volk, mit all seinen Kindern und all seinem Hab und Gut, von allen Seiten von wildem, schrecklichen Blei gedrängt und zum Tode verurteilt“138, was noch von einer körperlichen Reaktion begleitet wird, indem es ihm eiskalt den Rücken hinunterläuft. Ob diese Stellen aber im Gesamtgefüge eher für oder gegen die Kolonisten sprechen, soll die BasisInterpretation klären. Deutsche Es gibt keine eingeschobenen Passagen, in denen von der Überlegenheit der Deutschen die Rede ist, wohl aber zahlreiche Stellen, an denen die Selbstdarstellung der Deutschen in Relation respektive Gegensatz zu den Afrikanern erfolgt. Schon zu Beginn des Buches will man am „wilden Heidenvolk vergossenes deutsches Blut […] rächen“139 und es wird kritisiert, dass die Mühe, die „deutsche Hände“140 in die Erbauung der Kolonie gesteckt haben, von den Afrikanern zunichte gemacht wird. Wie bereits im Abschnitt zur Heimat erwähnt, bildet                                                                                                                         133

Frenssen, S. 85. Frenssen, S. 174. 135 Frenssen, S. 41. 136 Vgl.: Ebd. 137 Frenssen, S. 67. 138 Frenssen, S. 136 139 Frenssen, S. 6. 140 Frenssen, S. 41, vgl auch: S. 50: „Unfern davon war ein schönes stattliches Farmhaus von den Schwarzen ganz und gar zerstört worden.“ 134

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Deutschland das Gegenbild zu den „wilden, heidnischen Feinden“141 und dem „Affenland“, dies wird illustriert durch Erinnerungen an das Elternhaus, in dem „alles friedlich, rein und schön“142 ist und in dem man sich zum Kirchgang fertig macht. Das „schwarze Volk“ wird als in „wildem Hass gegen die fremden, schlauen und harten Eroberer“143 befindlich dargestellt. Die Klimax der deutschen Darstellung wird jedoch durch das Hinzuziehen von Bibelvergleichen und die Rechtfertigung durch Gott erreicht. Als die Soldaten nach großen Entbehrungen wieder in Windhuk ankommen, sehen sie eine deutsche Frau mit ihrem kleinen Kind auf der Veranda: „Wie die heiligen drei Könige, die auch aus der Wüste kamen und vom Pferd herab Maria mit ihrem Kinde sahen.“144 Der Priester, der der Truppe vor der Schlacht am Waterberg nochmals Mut zuspricht, begründet diesen Kampf mit der Auflehnung des Naturvolkes „gegen die Obrigkeit […], die Gott ihm gesetzt hätte.“145 Aus diesem Grund solle das Schwert der Obrigkeit wieder zum Einsatz kommen. Überhaupt wird die Meinung vertreten, dass Gott die Deutschen „hier hat siegen lassen, weil wir die Edleren und Vorwärtsstrebenden sind.“146 Es besteht in diesem Zusammenhang der Wunsch, „vor allen Völkern der Erde die Besseren und die Wacheren“ zu werden, da diesen die Welt gehöre. Es wird erwartet, dass die Afrikaner sich an die Deutschen als Gemeinschaft anpassen. Letztere hätten es immerhin erfunden, Wasser zu stauen und Brunnen zu machen, zu pflanzen, zu bauen und zu weben und erst dann, wenn auch die Afrikaner dies ebenfalls beherrschten, „mögen sie wohl einmal Brüder werden.“147 Der missionarische Gedanke, dass die Afrikaner Brüder seien, steht dem Eroberungsgedanken gelegentlich entgegen,148 letzterer überwiegt jedoch in der Gesamtdarstellung. Wie bereits in der Zusammenfassung erwähnt, bestand vor der Ankunft in Südwest das paradiesische Klischeebild des weißen Palmenstrandes mit leicht kontrollierbaren Einwohnern, welches auch nicht hinterfragt wurde. Je länger man sich allerdings im Land aufhielt und je tiefer man eindrang, umso mehr musste die ursprüngliche Vorstellung der Realität weichen.

                                                                                                                        141

Frenssen, S. 82. Ebd. 143 Frenssen, S. 124. 144 Frenssen, S. 111. 145 Frenssen, S. 189. 146 Frenssen, S. 200. 147 Frenssen, S. 68, vgl. auch: S. 200: „Diese Schwarzen haben vor Gott und den Menschen den Tod verdient, […] weil sie keine Häuser gebaut und keine Brunnen gegraben haben.“ 148 Vgl. z. B. S. 200. 142

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Afrika Bereits als die Kompanie auf der Suche nach dem Feind durch das Land zieht, betont der Protagonist die Schönheit des Landes, die sich unter anderem durch den „schönen, blauen Himmel“ und die „fremden Sterne“149 auszeichnet. Dies verhilft ihm dazu, dass er das Land, welches er als „wunderlich“ und „endlos“ beschreibt, trotz der bisher verlebten „schweren Wochen“150 liebgewinnt. Dies geschieht zu einer ruhigen Stunde, als Moor mit den anderen unter freiem Himmel nächtigt. Als er jedoch nach vierwöchigem Aufenthalt im Typhuslager hört, dass mit Verstärkung aus Deutschland der Heerzug mit mehr Macht wieder aufgenommen werden soll, wünscht er sich, aus dem „Affenland“ heraus zu sein.151 Kurz darauf, während des erholsamen Windhuk-Aufenthaltes vor dem nächsten Heerzug werden wiederum „weite Wolken“152 in der Dämmerung poetisch mit einem Gewand verglichen, der Sonnenuntergang und der Anblick eines Berges wirken beruhigend und auch Himmel und Sterne werden abermals als wunderbare Pracht bezeichnet. Nach weiteren harten Wochen, die durch Krankheit und Hitze gekennzeichnet sind, gelangt Moor zusätzlich in einen Heuschreckenschwarm hinein und schüttelt sich „vor Entsetzen über dies schreckliche, wunderlich fremde Land“153. Als der harte Heerzug vorbei ist und der Frühling in Windhuk einzieht, konstatiert Moor abermals, dass er „das fremde Land schon lange gern“154 hatte und er „es nach Jahren einmal wieder besuchen wollte“.155 Es fällt auf, dass, obwohl das Land vom Protagonisten tendenziell eher positiv gesehen wird, es keine durchgängig konstante Meinung gibt. Schnell wird diese durch üble Ereignisse und auftretende Beschwerlichkeiten beeinflusst und ist insgesamt stark abhängig vom äußeren Geschehen. Meist befinden sich die angegebenen Stellen am Ende eines Kapitels, wodurch sie noch eine besondere Gewichtung erhalten.  

     

 

                                                                                                                        149

Frenssen, S. 69. Ebd. 151 Frenssen, S. 108. 152 Frenssen, S. 115. 153 Frenssen, S. 169. 154 Frenssen, S. 204. 155 Frenssen, S. 205. 150

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4.2.  Basis-­‐Interpretation    

4.2.1.  Textkonzept    

Im Folgenden sollen nun die in der Basis-Analyse gewonnenen Erkenntnisse näher erläutert und interpretiert werden. Hierzu ist nun zunächst festzuhalten, dass der Text als Augenzeugenbericht eines gegenwärtigen politischen Ereignisses, namentlich des Krieges gegen die Herero in der deutschen Kolonie Südwest, angelegt ist. Da Frenssen selbst nicht vor Ort gewesen war, stützte er sich beim Abfassen des Berichtes auf drei mündliche Berichte von tatsächlichen Soldaten und Offizieren sowie Artikel, Briefe und weitere schriftliche Quellen.156 Diese unterschiedlichen Quellen werden im fiktiven Ich-Erzähler Peter Moor vereinigt, was Authentizität und Unmittelbarkeit hervorruft. Das ist wiederum von Wichtigkeit für das künstlerische Ziel Frenssens. Das Ziel besteht darin, die deutsche Öffentlichkeit auf die Geschehnisse in der afrikanischen Kolonie aufmerksam zu machen. Während der Herero-Kriege hat es in Deutschland kaum Interesse an den Geschehnissen in den Kolonien gegeben.157 Dies bezeugt auch eine Stelle im Buch, als ein Kompaniemitglied einen Brief aus der Heimat erhält, in welchem steht, dass „in Deutschland jedermann von dem Krieg zwischen Rußland und Japan spräche“158, der Krieg gegen die Herero und die deutschen Soldaten in Afrika seien hingegen aber überhaupt nicht Gesprächsgegenstand. Wenn doch einmal über Afrika gesprochen wird, dann nur im Spott. Die dort kämpfenden Deutschen werden als „Leute, die für eine lächerliche und verlorene Sache stritten“159 und „das schnelle Siegen nicht verstünden“, angesehen. Der fehlende Rückhalt aus dem eigenen Land hat unter manchen Soldaten Mutlosigkeit und Verbitterung zur Folge. Als Moor sich mit einem Kameraden über den Briefinhalt unterhält, verhöhnt dieser das Interesse der Deutschen an trivialen und unwichtigen Dingen und führt polemisch das Strumpfband der Königin von Spanien oder die Frauen des Königs von Siam als Hauptinteressen an.160 Moor fällt aber zu einem früheren Zeitpunkt selbst auf, dass in Afrika viel geschehen ist, wovon man in der Heimat nichts weiß:

                                                                                                                        156

Benninghoff-Lühl, S. 124. Wassink, Jörg: Auf den Spuren des deutschen Völkermordes in Südwestafrika. München 2004, S. 141. 158 Frenssen, S. 105. Gemeint ist der im Februar 1904 ausgebrochene Russisch-Japanische Krieg, bei dem es um den Anspruch beider Reiche auf die Manjurei und Korea ging. Vgl. hierzu z. B. Lange, Heinrich: Der russisch-japanische Krieg bis zum Falle Port Arthurs. Paderborn 2011. 159 Frenssen, S. 105. 160 Vgl. Frenssen, S. 106. 157

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Ich wunderte mich, daß schon so große und harte Dinge von Deutschen in diesem Land ausgeführt waren, davon ich nimmer auch nur ein Wort gehört oder gelesen hatte, und daß schon so viel deutsches Blut qualvoll in diesem heißen, dürren Lande geflossen war.161

Aber auch die Tatsache, dass nichtdeutsche Ereignisse wie der Russisch-Japanische Krieg viel mehr Aufmerksamkeit auf sich zogen, spricht für die geringe Beachtung der Geschehnisse in Afrika. Frenssen will darüber hinaus den Soldaten in Südwest die angemessene Ehre und Respekt entgegenbringen. Dies macht auch die Widmung zu Anfang deutlich: „Der deutschen Jugend, die in Südwestafrika gefallen ist, zu ehrendem Gedächtnis.“162 Entsprechend detailliert stellt er die Erlebnisse und Mühen der deutschen Soldaten dar, die sich von keinerlei Widrigkeiten, seien es Krankheit, Todesgefahr oder Aussichtslosigkeit der Situation, von ihrem Ziel abhalten lassen. Die Interessen Deutschlands stehen über allem, sogar über dem eigenen Leben, wie bereits zu Beginn des Buches deutlich wird: „Wir wollten ehrlich streiten, und wenn es sein mußte, auch sterben für die Ehre Deutschlands.“163 Zwar wird vor dem ersten richtigen Kampf der Krieg gegen die Herero unterschätzt, aber auch nach einigen Monaten in Afrika, als der Protagonist und die anderen Soldaten bereits erfahren hatten, was es bedeutet, gegen die Afrikaner zu kämpfen, wird die Angst vor dem eigenen Tod nicht thematisiert, was das Unterfangen auch noch schwerer gemacht hätte. Selbst da, wo eine Reflexion über das Sterben in diesem Krieg generell stattfindet, wird diese wieder entkräftet:

Ich hatte während des Feldzugs oft gedacht: ‚Was für ein Jammer! All die armen Kranken und all die Gefallenen! Die Sache ist das gute Blut nicht wert!‘ Aber nun hörte ich ein großes Lied, das klang über ganz Südafrika und über die ganze Welt, und gab mir einen Verstand von der Sache.164

Diese Stelle findet sich gegen Ende des Buches und lässt in der Tat eine Entwicklung erkennen, welche jedoch von Skrupeln und ansatzweisen humanen Überlegungen wegführt. Am Ende des Feldzuges wird die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit des Krieges bestätigt. Dadurch erscheinen auch die bereits erwähnten auffälligen früheren Stellen, in denen das Blutvergießen in Frage gestellt wird, im Buch in einem anderen Licht. Zwar wird der Grausamkeit der Afrikaner ein gewisses Verständnis entgegengebracht, indem ihre Situation mit einem historischen deutschen Ereignis verglichen wird,165 zwar läuft es Moor beim Anblick                                                                                                                         161

Frenssen, S. 67. Frenssen. 163 Frenssen, S. 9. 164 Frenssen, S. 201. Es wird sogar eher beim Anblick deutscher Leichen resigniert, als ernsthaft darüber nachgedacht: „Wie lange wird es dauern, dann liegen wir auch so. Dann haben wir keine Not mehr.“ (S. 77). 165 Frenssen, S. 67, hier wird auf die deutschen Befreiungskriege angespielt. 162

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des schutzlosen afrikanischen Volkes eiskalt den Rücken herunter, aber dennoch haben diese Situationen keinen Effekt auf weitere Gedankengänge oder das weitere Vorgehen. Dies unterstreicht noch die Skrupellosigkeit der Deutschen, die trotz Anflügen von Menschlichkeit das im späteren Verlauf des Krieges ohnehin unterlegene Volk fast gänzlich vernichten. Dies wird mit Gott und seiner Auswahl der Stärkeren und Besseren gerechtfertigt. Dieser Sozialdarwinismus ist auch für das spätere NS-Regime166 charakteristisch, zumindest, wie es nach außen hin propagiert wurde, und konnte sich bereits in den Kolonien weiterentwickeln und ausbreiten. Wenn der Oberleutnant der Kompanie sagt, dass die Deutschen „vor allen Völkern der Erde die Besseren und Wacheren werden“167 müssen und dass es „Gottes Gerechtigkeit“ ist, dass „den Tüchtigeren, den Frischeren“168 die Welt gehört, passt dies nicht nur zum Schema der Überlegenheit der eigenen „Rasse“, sondern auch zu der bereits angesprochenen Problematik, dass Deutschland sich und die eigene Stärke vor dem Rest der Welt beweisen musste, dass es vom Rest der Welt als eine Nation wahrgenommen werden wollte, wobei die Kolonien helfen sollten. Es war schon allein aus dem Grund an ein Aufgeben und einen Rückzug nicht zu denken.169 Es kommt hinzu, dass die Deutschen unter den ohnehin widrigen Umständen nur im Kollektiv überleben konnten, nur als mit Proviant und Munition ausgestattete Gruppe, deren Mitglieder sich gegenseitig beschützten (indem beispielsweise nachts Wachen eingeteilt wurden170), die ihre Kranken pflegt und weiterhin mit sich führt. Dies illustriert auch das Kapitel, in dem Moor durch einen Überfall von seinen Kameraden getrennt wird und allein durch die Wüste irrt. Er scheint durch Wassermangel dem Tode nahe und überlebt nur deswegen, weil er rechtzeitig eine Station der Deutschen findet.171 Es ergibt sich aus diesem Grund eine Gruppendynamik, deren übergeordnetem Ziel, nämlich der Vernichtung der Herero, als Einzelner kaum zu entkommen ist. Der Deutsche ist nicht nur als Mitglied in die Gruppe eingebunden, er ist auch in elementaren Dingen von ihr abhängig, weswegen eine wirkliche Infragestellung des Vorhabens oder der eigenen Gesinnung noch unwahrscheinlicher wird. Das Abenteuer

                                                                                                                        166

Vgl. z. B.: von Kotze, Hildegard (Hrsg.): Es spricht der Führer – 7 exemplarische Hitler-Reden. Gütersloh 1966, S. 109: „Der liebe Gott, der ist bei uns gewesen, der hat uns geführt! […] Wir glauben an […] unseren Herrgott, der uns nicht verlassen wird, wenn wir unserem Volk und unserer Aufgabe nicht untreu werden.“ 167 Frenssen, S. 200. 168 Ebd. 169 Vgl.: Hermes, Stefan: Fahrten nach Südwest – Die Kolonialkriege gegen die Herero und Nama in der deutschen Literatur (1904-2004). Würzburg 2009, S. 82. 170 Frenssen, S. 100. 171 Frenssen, S. 143.

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schweißt zusammen, es ist wir gegen die anderen, was sich auch auf die gesamte Bildung der neuen deutschen Nation übertragen lässt.172 Ähnlich wie die Juden im Zweiten Weltkrieg, deren systematische Vernichtung vor allem dadurch möglich war, dass ihnen das Menschsein und damit verbundene Rechte mehr und mehr abgesprochen wurden, wurden auch die Afrikaner entmenschlicht und in eine eigene, niedere Kategorie eingeordnet.173 Dies entspricht der These Arendts und geschieht im Roman nicht nur durch Tier- und Kindervergleiche, sondern auch durch die scharfe Abgrenzung der Deutschen von ihnen. Sie erfolgt neben der Hervorhebung der eigenen Fähigkeiten (bspw. das Bauen von Farmen und Brunnen) vor allem durch die starke Identifikation mit der eigenen ethnischen Zugehörigkeit und Kultur. Auch hierfür ist die Gruppe wichtig. Es ergibt sich daher ein komplexes Konstrukt, das die Überzeugung vom eigenen Volk und dem Kampf mehr und mehr festigt, sodass ein Verständnis für die Afrikaner allein schon deswegen nicht erreicht werden kann. Der Kollektivgedanke wird selbst auf dem Dampfer, der die Verwundeten nach Hause bringt und in dem die vorherige Gemeinschaft aufgebrochen ist, nicht aufgegeben, denn auch dort hält man aufgrund des Erlebten und der erlittenen Krankheiten „gut zusammen.“174 Während das Klischeebild von Afrika unter den Eindrücken bröckelt, gelingt es den Deutschen, sich am Klischeebild der Afrikaner festzuhalten und diese durchgehend zu diffamieren. Zwar müssen sie eingestehen, dass die Einheimischen wider Erwarten hartnäckige Kämpfer sind, alle anderen Vorstellungen bleiben aber erhalten. Schon zu Beginn bei der ersten Begegnung auf dem Dampfer konstatiert Moor, dass mit ihnen „gar kein Verständnis und Verhältnis des Herzens möglich wäre“ und es „lauter Mißverständnisse geben“175 müsste. Die Bezeichnung, die im weiteren Verlauf am häufigsten für die Afrikaner fällt, geht noch entschieden darüber hinaus, indem hauptsächlich vom „Feind“ die Rede ist.176 Die ambivalente Darstellungsweise von Afrika, das Schwanken zwischen „Paradies“ und „Affenland“, ist einerseits sicher mit der Desillusionierung zu erklären, welche die Soldaten bei ihrer Ankunft ereilt. Dies schlägt sich auch im Adjektivgebrauch wieder, der stark wertend und gleichermaßen von positiven bzw. negativen Adjektiven charakterisiert ist.177 Eine nähere Untersuchung dessen kann jedoch aus Platzgründen nicht erfolgen. Andererseits sind es aber auch die Ereignisse, das harte Kämpfen und entbehrungsreiche Leben, die verhindern,                                                                                                                         172

Vgl. Dabag (2004) zitiert nach Hermes: Der Feldzug fungiert als „Beweis der Ehre und Stärke der Nation.“, S. 82. 173 Vgl. auch: Wassink, S. 154. 174 Frenssen, S. 207. 175 Frenssen, S. 30. 176 Vgl. z. B. Frenssen, S. 51 und S. 70. 177 Frenssen, S. 45 und 157.

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dass zu dem Land ein richtiger Bezug hergestellt wird. Ein unvoreingenommenes Wirkenlassen der Umgebung wird durch die ständige Bedrohung des Feindes unmöglich. Aber auch die Tatsache, dass die eigene Heimat doch über allem steht und dass Afrika die Heimat eines niederen Volkes ist, macht das Land fremd. Dies wird vor allem durch die wiederkehrenden Einschübe über die Heimat der Soldaten unterstrichen, die sich auch in deren Bewusstsein immer wieder zwischen sie selbst und Afrika schiebt. Zur strikten Abgrenzung von den Afrikanern gehört es auch, an der eigenen Herkunft festzuhalten. Darüber hinaus machen der ungebrochene Kampfwille der Deutschen, der an Peter Moor exemplifiziert wird, und die bedingungslose Treue zur Heimat den Roman nicht nur zu einem Medium, das die Aufmerksamkeit der Deutschen auf Afrika ziehen soll. Viel mehr macht es ihn kolonialpropagandistisch: Die Deutschen sollen anerkennen und unterstützen, was in Südwest-Afrika für das Land getan wird, dass im Interesse des Reiches deutsches Blut vergossen wird, und erkennen, dass die Ereignisse von der deutschen Bevölkerung unterschätzt werden. Der Roman legt nahe, dass Afrika für die Deutschen eingenommen werden kann, wenn nur unermüdlich genug dafür gekämpft wird.  

4.2.2.  Literaturprogramm    

Basierend auf dem Textkonzept kann nun das Literaturprogramm erschlossen werden. Es soll in diesem Unterkapitel vor allem um das allgemeine künstlerische Ziel Frenssens gehen. Peter Moor ist Frenssens einziger Kolonialroman. Der Umfang der Arbeit erlaubt es zwar nicht, nähere Vergleiche zu den anderen Werken vorzunehmen, trotzdem sollen einige hier kurz angeführt werden. Sie behandeln hauptsächlich das ländliche Leben in Deutschland bzw. noch genauer im Norden des Landes, wie auch viele Titel nahelegen: Der Glaube der Nordmark,178 Jörn Uhl,179 Der Pfarrer von Poggsee180 oder Der Landvogt von Sylt.181 Somit wird auch im restlichen Werk die Heimat thematisiert und dargestellt. Frenssen kann demnach als Heimatdichter bezeichnet werden.182 Im Abschnitt zum Textkonzept wurde schon die Tatsache herausgearbeitet, dass es sich bei Peter Moors Fahrt nach Südwest um einen Roman handelt, der die Mühen und Handlungen der Deutschen detailreich darstellt, während die Einheimischen durchgängig und eindeutig als                                                                                                                         178

Frenssen, Gustav: Der Glaube der Nordmark. Stuttgart 1936. Frenssen, Gustav: Jörn Uhl. Berlin 1901. 180 Frenssen, Gustav: Der Pfarrer von Poggsee. Berlin 1921. 181 Frenssen, Gustav: Der Landvogt von Sylt. Berlin 1943. 182 Stokes, Lawrence D.: Der Eutiner Dichterkreis und der Nationalsozialismus: 1936-1945 – eine Dokumentation. Neumünster 2001, S. 304. 179

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niedere Menschen präsentiert werden. Das Werk bejaht die deutsche Kolonisierung und rechtfertigt das Kämpfen und Töten durch die Deutschen auf unterschiedliche Weise, wobei der Reaktion der Afrikaner keinerlei Verständnis entgegengebracht wird. Es klingt vielmehr Empörung über ihre Zerstörung deutscher Gebäude und ihre Kampfeslust durch. Auch liegt der Fokus der Darstellung allgemein auf den Deutschen und ihrer Wahrnehmung des Landes, eine Annäherung an oder gar ein Brückenschlag zur einheimischen Bevölkerung erfolgt überhaupt nicht. Die Überzeugung, es könne kein „Verständnis und Verhältnis des Herzens“183 geben, wird unhinterfragt weiterverfolgt und ist Teil des Weltbildes, an dem sich die Deutschen orientieren. Abgesehen davon erfolgt eine Orientierung an den eigenen Werten (z. B. Sauberkeit und Tüchtigkeit) und auch an Gepflogenheiten in der Heimat. Viele konkrete Situationen werden diesbezüglich erinnert, wie die Stube an Ostern oder der sonntägliche Kirchgang, was wiederum zusammen mit dem Glauben an das Auserwähltsein von Gott auch ein christliches Ideal nahelegt. Das Heimatmotiv ist eines, das im Gesamtwerk Frenssens große Verbreitung findet. Dass es auch in seinem einzigen Kolonialroman so stark aufgegriffen und immer wieder in Relation zu Afrika dargestellt wird, unterstreicht noch seine Wichtigkeit. Auf Grundlage dessen lässt sich die Behauptung aufstellen, dass Frenssens Literaturprogramm bzw. übergeordnetes Ziel darin besteht, die deutsche Kultur und Lebensweise zu propagieren und den Lesern deren Vorzüge und beispielhafte Werte vor Augen zu führen. Es liegt darüber hinaus nahe, dass Frenssen eine Identifikation der Leser mit seinen Figuren beabsichtigte und dass sie ihre eigene Welt in der Textwelt wiedererkennen sollten.  

4.2.3.  Überzeugungssystem    

Ausgehend vom Text können vor allem zwei Aspekte festgemacht werden, die das Überzeugungssystem des Autors und damit wiederum den Text prägen. Zum einen hat Frenssen eine religiöse Weltanschauung. Oftmals wird das eigene Schicksal als in Gottes Händen befindlich angesehen.184 Aber auch diverse andere Stellen im Buch belegen dies, in allen Fällen sind sie sowohl an die Heimat als auch an Afrika gebunden. Bezüglich der Heimat sind die religiösen Elemente, wie bereits erwähnt, als Unterstreichung der Reinheit und der Ordnung, mit welcher Deutschland verknüpft wird, anzusehen. Auch Steve Uran stellt fest, dass „die Deutschen                                                                                                                         183

Frenssen, S. 31. Vgl. Frenssen z. B. S. 91 f: „Wenn Gott mich nach der Heimat zurückführt und mir langes Leben und Gesundheit gibt, will ich noch einmal davor stehen [vor dem Grab eines Gefallenen] und überdenken, ob ich dann in meinen eigenen Augen wert bin, daß ich einst aus diesem Feuerloch lebend heraus kam.“

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die Kräfte der Kultur und der Ordnung“185 symbolisieren, während die Afrikaner die „chaotische Unordnung“ darstellen. Im Gegensatz zum „chaotischen“ Afrika ist in Deutschland an Ostern die „Stube so blank“, duftet „der Morgenkaffee so festlich.“186 Die Darstellung der Frau in Windhuk, die mit ihrem Kind auf der Veranda steht und ein Stück Heimat in der Fremde repräsentiert, hat eindeutig marienhafte Züge. Dies leitet über zur Pastorenrede, in welcher deutlich wird, dass die Deutschen Gott als ihren Helfer und Führer in diesem Krieg ansehen und mit seiner Hilfe siegen konnten.187 An dieser Stelle läuft das religiöse Weltbild mit dem zweiten, noch prägnanteren Weltbild zusammen: das der Überlegenheit der eigenen Nation, oder deutlicher: der Nationalismus. Ursprünglich unter Bismarck zum Ausbau wirtschaftlicher Aktivitäten geplant, lag der Kolonialidee später die Weltanschauung zugrunde, die Deutschen könnten aus Gründen der körperlichen, bildungsbezogenen und materiellen Überlegenheit heraus in fremde Weltteile fahren und sich Gebiete mit allen Mitteln zu eigen machen. Denn neben der anatomischen Differenz werden auch im Roman eigene kulturelle Errungenschaften wie der Bau stabiler Gebäude und Bücher hervorgehoben. An drei Stellen wird betont, dass die Einheimischen die von Deutschen überbrachten Bücher auf den Wegen zurückgelassen haben.188 Auch Hermes bewertet die Bücher aus Sicht der Deutschen als „Symbole ihrer eigenen, vermeintlich überlegenen (Schrift-)Kultur“ und den damit verbundenen Umgang der Afrikaner als „unverzeihliche Entheiligung des Deutschtums.“189   Zwar wird über die Physiognomie der Deutschen nichts ausgesagt, ausgenommen die Beschreibung einiger Individuen.190 Jedoch lässt die wiederholte Beschreibung der Afrikaner als affenartig oder schlangengleich den Schluss zu, dass die Deutschen sich in ihrem Äußeren als richtige Menschen sehen, die sich deutlich von Tieren abgrenzen. Hier klingt auch bereits der Arierglaube an, der wenig später unter Hitler wieder aufgegriffen wurde und demgemäß nicht nur eine Unterteilung in Tiere und den überlegenen Menschen vorgenommen wurde, sondern bekanntermaßen auch die Menschen selbst in edel und unedel eingeteilt wurden.191 Die Überzeugung, den Naturvölkern in allen Belangen überlegen zu sein, bildet das Hauptargument,                                                                                                                         185

Pakendorf, Gunter: Morenga, oder Geschichte als Fiktion. In: Acta Germanica 21, 1988, S. 276. Frenssen, S. 81. 187 Frenssen, S. 200. Vgl. hierzu auch: Kirchenlexikon, S. 358: „Gleichwohl ließ Frenssen auch 1917 keinen Zweifel daran, daß nach seiner Auffassung Gott in diesem Krieg [dem Ersten Weltkrieg] auf deutscher Seite ist.“ 188 Frenssen, S. 50, 62 und 187. 189 Hermes, S. 58. 190 Frenssen, S. 14. 191 Frenssen hatte sich für das „rassenbiologische und rassenhygienische Schrifttum“ interessiert (Bautz, Wilhelm: Biographisch-Bibliographisches Kirchen-Lexikon, Band XXII. Nordhausen, 2003, S. 353) und sah den „nordischen Menschentyp“, zu dem er sich auch selbst zähle, als herausragenden aller an (Kirchen-Lexikon, S. 355). 186

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aus dem heraus der Kolonialismus vorangebracht wurde. Ein Lebensrecht hat nur, wer einen Beitrag zur Kultur und Zivilisation leistet, denn in der deutschen Weltsicht herrscht ein Streben nach Fortschritt vor.192 Sie haben aus ihrer Sicht heraus dementsprechend Anspruch auf das afrikanische Land und darauf, die Einwohner zu unterdrücken. Diese haben nämlich keinerlei Interesse am wirtschaftlichen Aspekt ihres Landes und halten somit die Deutschen in ihren Interessen auf. Diese rassistischen bzw. nationalsozialen Elemente im Buch sind bewusst gesetzt worden und wichtiger Teil der Kolonialpropaganda, denn selbst, wenn Frenssen diese Einstellung so von Berichtenden vermittelt bekommen hat, hat er sich keinesfalls davon distanziert. Auf Grundlage dessen kann festgehalten werden, dass der Autor zum Zeitpunkt der Entstehung von Peter Moor einer nationalistischen Weltanschauung folgt. Ganz deutlich wird das auch anhand seiner Mitgliedschaft in Friedrich Naumanns Nationalsozialem Verein.193 Hier setzte man sich unter anderem für die Interessen deutscher Arbeiter ein, denen Recht und eine Stimme verliehen werden solle. Später, Ende der 1920er Jahre, wechselte Frenssen dann zum Nationalsozialismus über, was Stokes mit dem Weltwirtschaftszusammenbruch und der Agrarkrise in Schleswig-Holstein erklärt.194 Die beiden Betrachtungsweisen stehen nicht getrennt nebeneinander, vielmehr unterstützt und sichert das religiöse Weltbild das nationalistische. Gott wird als übergeordnete Instanz angeführt, von der die Deutschen als die Stärkeren auserkoren wurden. Die Botschaft hier ist, dass nicht nur die Deutschen selbst von sich behaupten, das beste Volk zu sein, sondern dass dies darüber hinaus auch Gottes Wille ist.195 Die Paradoxie besteht darin, dass Frenssen zwar christliche Werte und religiöse Akte als bedeutsam erachtet, der Roman aber dennoch eine Haltung transportiert, die nicht konform ist mit der der christlichen Missionen in Südwestafrika. Auch die Missionare sind als Christen dort, praktizieren aber die Nächstenliebe, indem sie zum einen die Afrikaner vor den deutschen Soldaten schützen und sie zum anderen darüber hinaus auch als Brüder bezeichnen.196 Die Einheimischen werden gemäß christlichen Werten und entgegen der Einstellung der Soldaten nicht herabgestuft, woran deutlich ersichtlich wird, dass das Christentum im Sinne des nationalistischen Denkens von den Soldaten respektive Kolonialbefürwortern, zu denen auch                                                                                                                         192

Frenssen, S. 200, vgl. hierzu auch: Hermes, S. 72. Fehlberg, Frank: Protestantismus und nationaler Sozialismus: liberale Theologie und politisches Denken um Friedrich Naumann. Diss., Chemnitz 2012, S. 124. Das Thema wird in Frenssens Roman Jörn Uhl vertieft, was zeigt, dass die Interessen des Nationalsozialen Vereins auch Eingang in seine Werke gefunden haben. 194 Stokes, S. 305. 195 Vgl. auch: Kirchen-Lexikon, S. 357. 196 Vgl. z. B. S. 68: „Die Missionare predigen ihnen: Ihr seid unsere Brüder! Und verwirren ihnen die Köpfe! Sie seien nicht unsere Brüder; sondern unsere Knechte, die wir menschlich aber streng behandeln müßten!“ 193

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Frenssen zählt, instrumentalisiert wird. Dies passt zu Frenssens völkisch-religiösem Weltbild, nach dem er die Belange des deutschen Volkes in den Jesusglauben hineinprojizierte.197 Auch hier kann wieder eine Parallele zur Zeit des Nationalsozialismus gezogen werden, der sich auch christlich-religiöser Argumente bediente.198 Mit Osterhammel lässt sich die im Roman behandelte Expansionsform als überseeische Siedlungskolonisation afrikanischen Typs bestimmen.199 Sie ist die vierte von sechs unterschiedenen Formen200 und trifft hier vor allem deswegen auf die Definition zu, da Südwestafrika als „herrenlos“201 angesehen und die indigene Bevölkerung „trotz oft heftiger Gegenwehr gewaltsam zurückgedrängt“202 wurde. Besonders deutlich wird das im Roman, als die fliehenden Herero trotz damit verbundener Risiken auf deutscher Seite noch weiter in die Wüste hinein verfolgt werden. Ziel der Deutschen war es, Land zum Leben und somit auch zum Kultivieren erlangen zu können. Hierbei blieben sie aber stets von den Einheimischen abhängig, was den Zusatz „afrikanischen Typs“ erklärt. Diese ambivalente Situation der Dominanz auf der einen und der Abhängigkeit auf der anderen Seite war vor allem in Südafrika stark ausgeprägt. Die ursprüngliche Bevölkerung soll zwar von ihrem Agrarland vertrieben werden bzw. wird mit ihr um gutes Land konkurriert, um eine eigene Farm ausbauen zu können und sich im fremden Land zurechtzufinden, bedarf es aber kundiger Afrikaner. Dies wird im nachfolgend behandelten Roman Farm Trutzberge von Adolph Kaempffer noch deutlicher werden. Es muss daher berücksichtigt werden, dass zunächst die totale Vernichtung der Herero und anderer Stämme im Vordergrund stand, man später aber einsehen musste, dass man beim Siedeln auf die Einheimischen aufgrund ihrer Kenntnisse angewiesen war. Bei Frenssen werden der Aspekt der Abhängigkeit und andere Vorzüge der Einheimischen jedoch überhaupt nicht berücksichtigt, was den rassistischen Charakter des Werkes noch mehr hervorhebt. Dem Volk wird kein „Nutzen“ zugestanden, es ist „zum Tode verurteilt“203 und das Vorhaben der Deutschen, ihre eigene Kultur in Südwestafrika durchzusetzen, steht über allem. Trotz anfänglicher Skrupel wird fast ein ganzes Volk ausgerottet, wie es auch bei den Siedlerkolonien altenglischen Typs in Nordamerika der Fall war.204 Es kann daher von einem radikalen Kolonialismus gesprochen werden. Deutlich macht das auch die Passage, in der                                                                                                                         197

Dies kann aus Platzgründen leider nicht weiter ausgeführt werden, es sei daher an dieser Stelle auf Fehlberg, S. 118 ff verwiesen. 198 Von Kotze, S. 109. 199 Osterhammel, S. 11 f. 200 Namentlich: Totalmigration, massenhafte Individualmigration, Grenzkolonisation, überseeische Siedlungskolonisation, reichsbildende Eroberungskriege und Stützpunktvernetzung. (Osterhammel, S. 9-15). 201 Osterhammel, S. 11. 202 Ebd. 203 Frenssen, S. 136, siehe hierzu auch Benninghoff-Lühl, S. 131. 204 Osterhammel, S.

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aufgezählt wird, wie lange es noch dauern würde und was die Afrikaner alles können müssten, bis sie einmal Brüder werden können,205 obwohl das Handeln der Deutschen darauf keinesfalls abzielt, denn „es sei entweder recht und richtig, zu kolonisieren, das heiße entrechten, rauben und zu Knechten machen, oder es sei recht und richtig, zu christianisieren.“206 Mit Hermes207 lässt sich sagen, dass Frenssen weder versucht, den Völkermord zu kaschieren noch zu rechtfertigen. In wie fern genau Frenssen in der damaligen Bevölkerung mit seinem Roman eine Wirkung erzielen konnte und wie Peter Moor in das Weltbild der deutschen Bevölkerung im Detail passte respektive wie sie die Afrikaner sah, ist ein Aspekt, der aufgrund des geschichtlichen Kontextes in der Aufbau-Interpretation untersucht werden könnte. Frenssen und seinen Werken wurde im Dritten Reich großer Respekt entgegengebracht: Hitler selbst zeichnete ihn 1938 mit der Goethe-Medaille aus.208 Mit dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft und seinem Tod, der ebenfalls ins Jahr 1945 fällt, verblasste Frenssen allerdings mehr und mehr in der Literaturlandschaft. Für die Forschung ist er jedoch aufgrund der „Breitenwirkung seiner Schriften in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts“209 wieder von Interesse. Weitere Ansätze für die Aufbau-Interpretation könnten in Bezug auf den historischen Kontext eben jene sein.

5.  Adolf  Kaempffer:  Farm  Trutzberge   5.1.  Basis-­‐Analyse   5.1.1.  Textzusammenfassung    

In Adolf Kaempffers Kolonialroman stehen vor allem der Siedlungsaspekt und die politischen sowie wirtschaftlichen Probleme der Deutschen in der Kolonie Südwestafrika nach dem Ersten Weltkrieg im Vordergrund. Die erzählte Zeit erstreckt sich über zehn Jahre und beginnt im Jahre 1915, welches das Ende des Ersten Weltkrieges in Südwestafrika markiert. Die Deutschen hatten den Krieg gegen die Briten verloren, sodass das Gebiet an die Südafrikanische Union übergeben werden musste und Mandatsgebiet des Völkerbundes wurde.210

                                                                                                                        205

Frenssen, S. 68. Frenssen, S. 67 f, vgl. auch: Wassink, S. 159. 207 Hermes, S. 66. 208 Fehlberg, S. 110. 209 Kirchen-Lexikon, S. 364. 210 Blumhagen, Hans Ernst: Die Doppelstaatigkeit der Deutschen im Mandatsgebiet Südwestafrika und ihre Völkerrechtlichen Auswirkungen. Berlin 1938, S. 3. 206

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Die Brüder und Protagonisten Martin und Bernhard Richter kommen nach ihrer Freilassung aus Khorab, das gegen Kriegsende von den Engländern umstellt war, zurück auf ihre Farm Heimatland, die sie weitgehend verwüstet vorfinden. In Gesprächen über den Krieg während der Farmbegutachtung wird der Standpunkt der Brüder deutlich gemacht: Sie fühlen sich betrogen und verraten von den Engländern, die sich gegen ihre Mitweißen und auf die Seite der Afrikaner stellen. Allerdings können die Richters ihr Vieh wieder erlangen und beginnen sogleich, unermüdlich für den Wiederaufbau der Farm zu kämpfen und zu arbeiten. Die zweite deutsche Familie, die Ruhlands auf Farm Unkenstein, wird eingeführt. Zusammen mit Vater Ruhland fährt Martin Richter nach Gibeon, um Besorgungen zu machen. Dort angekommen werden beispielhafte Schikanen beschrieben, welchen den Deutschen von nun an häufiger begegnen sollen. Martin, der keinen Reisepass dabei hat, wird von einem Polizisten angehalten und darüber aufgeklärt, dass die Deutschen nun ihre Farmen ohne Pass nicht mehr verlassen dürfen. Martins Einwand, er habe noch keine Gelegenheit gehabt hat, das in Gibeon angeschlagene neue Gesetz zu lesen, wird vom Polizisten ignoriert. Martin wird vor Gericht geladen und für schuldig erklärt. Er bekommt eine Geldstrafe auferlegt, was ihn und seinen Bruder in noch größere Geldsorgen bringt. Während Martin, um Geld zu verdienen, an einem Dammbau mithilft, baut Bernhard die Farm mit Hilfe einiger Afrikaner wieder auf. Dabei wird deutlich, dass diese durch den Schutz der Briten und die damit verbundenen eigenen Rechte weniger Respekt vor den Deutschen haben und nicht mehr so gehorsam sind wie zuvor, was wiederum von den Deutschen mit Zorn bemerkt wird. Im Jahr 1916 wird Martin abermals straffällig, indem er sich von einem Afrikaner provozieren lässt und ihn daraufhin verprügelt. Ihm wird erneut eine Geldstrafe auferlegt, wobei sich zeigt, dass die neuen Regelungen und Gesetze in Südwest von den Deutschen als Ungerechtigkeit ihnen gegenüber empfunden werden. 1917 erlangen die Deutschen langsam wieder die Oberhand über die Afrikaner und auch der Farmaufbau ist erfolgreich. Es kommt zur Gründung einer Berufsgenossenschaft, deren Hauptaufgabe es ist, die finanzielle Ausbeutung der Deutschen durch die afrikanischen Juden zu verhindern. Weitere Sorgen der Deutschen wie beispielsweise der Krieg in Europa und eigene Schulden werden dargestellt. Im folgenden Jahr 1918 scheint das Aufwärtsstreben und die Erholung der Farmen in Gefahr: Starke Regenfälle, denen auch Deutsche zum Opfer fallen, verwüsten einige Gebiete. Es wird außerdem Kritik an Spekulanten geübt, die durch den wirtschaftlichen Erfolg der Deutschen ins Land kommen und von deren Arbeit profitieren wollen. Die Nachricht des Zusammen-

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bruchs der deutschen Front wollen sie nicht wahr haben und bleiben, im Glauben an die eigene Unverwüstbarkeit, zuversichtlich. 1919 beginnen die Repatriierungen, wobei vor allem Deutsche in höheren Ämtern und Aufrührer zurück in die Heimat geschickt werden. Die Brüder Richter bekommen Besuch von Kapitän Richter, der Farm Heimatland kaufen will. Sie stellen ihre Verwandtschaft miteinander fest, doch als Martin erfährt, dass der Kapitän sich mehr als Südafrikaner fühlt und Kritik am deutschen Militarismus übt, ist er erzürnt. Für ihn ist der Kapitän ein Verräter, dem nichts daran liegt, das Deutschtum aufrecht zu erhalten und für ein eigenes Land zu kämpfen. Er zweifelt daran, mit einer derart gesinnten Person tatsächlich verwandt zu sein. Die Brüder wollen die Farm nicht verkaufen, sondern weiterhin dafür kämpfen. Allerdings folgt die Rache des Kapitäns, der durchgehend freundlich bleibt, auf dem Fuße: Er bringt Martin durch einen Trick dazu, einem Afrikaner eines seiner Hemden zu verkaufen. Der Handel zwischen Deutschen und Afrikanern ist nun jedoch für die Deutschen gesetzeswidrig. Die beiden werden vom Kapitän wie zufällig erwischt, wobei dieser freundlich versichert, die Sache werde keine Folgen haben. Bernhard und Ruhlands Tochter Tine sind sich indes näher gekommen und Bernhard hält um ihre Hand an. Da alle damit rechnen, dass Martin nun bald aufgrund der Vorfälle ebenfalls das Land verlassen muss, soll die Hochzeit zeitnah sein. Kurz darauf kommt tatsächlich ein Polizist und überreicht Martin eine Vorladung aufgrund der Angelegenheit mit dem Hemd. Die Verhandlung in Gibeon hat zunächst nur eine weitere Geldstrafe zur Folge, was abermals als Ungerechtigkeit aufgenommen wird. Martin fühlt sich als Opfer politischen Hasses. Kurze Zeit später verkaufen Tines Eltern Farm Unkenstein und wollen zurück nach Deutschland reisen. Der Erlös ist ein Segen für das junge Brautpaar. Es stellt sich heraus, dass es für Martin nicht bei einer Geldstrafe bleibt. Aufgrund der früheren Zwischenfälle liegt mittlerweile zu viel gegen ihn vor, sodass er einen Ausweisungsbefehl erhält. Als er bei Kapitän Richter um Hilfe bittet, erklärt dieser freundlich, dass es ihm aufgrund der Verwandtschaftsleugnung Martins leider unmöglich sei, etwas für ihn zu tun. Das Jahr schließt mit einer traurigen Hochzeit und der Abreise Martins sowie der von Tines Eltern. Im nächsten Jahr erhalten die Richters einen Brief von Martin, der sich in Deutschland, das er zuvor nie gekannt hat, nicht zurechtfindet und nach Angola auswandern will. Er bittet um finanzielle Unterstützung, die den Richters aber schwer fällt, denn Tine ist schwanger und die deutschen Produkte können mit den südafrikanischen kaum noch konkurrieren, da diese günstigere Einfuhrtarife erhalten. Dies wird als weitere Maßnahme beschrieben, um die Deutschen 39    

systematisch kleinzumachen. Der Aufschwung der Farm wird allerdings als Beweis gesehen, dass die Deutschen die Zukunft des Landes sind. Bernhard verkauft über Dritte Schafe an Kapitän Richter, mit dessen Geld er Martin aushelfen kann, wodurch der Gerechtigkeit etwas genüge getan wird. Es schließt sich die Beschreibung der dramatischen Entbindung des Sohnes Traugott an, die ohne die Hilfe Gowachas, einer afrikanischen Arbeiterin auf der Farm, nicht ohne Gefahr verlaufen wäre. Die Richters sind Gowachas so dankbar für die Rettung des Erben und der Mutter Tine, dass sie ihr viele Geschenke machen und allen afrikanischen Arbeitern frei geben. 1921 läuft die Farm zwar wieder richtig gut, jedoch kommen andere Probleme auf. Die Landbank übernimmt die deutsche Landwirtschaftsbank und fordert Darlehen zurück, die Viehpreise fallen und der Genossenschaft, die 1917 gegründet wurde, geht es so schlecht, dass sie Geld von den Genossen verlangt. Bernhard und die anderen Deutschen müssen einander gegenseitig helfen, viele gehen in Konkurs, wollen aber dennoch nicht nach Deutschland zurück. Die einwandernden Buren, die sich auf benachbarten Farmen niedergelassen haben, werden mit Argwohn beobachtet, da man ihnen nicht zutraut, so arbeitsam zu sein wie die Deutschen, die ihre Farmen nach vorn gebracht haben. Die wirtschaftliche Situation der Deutschen wird insgesamt immer prekärer. Ein Jahr später verlieren die Richters nicht nur ihr Geld, sondern auch ihr Vieh und schließlich die Farm. Das Eigentum wird von der Genossenschaft und den Banken gepfändet und versteigert, den Zuschlag für die Farm selbst erhält Kapitän Richter. Auf dem Land des befreundeten Deutschen Heidenreich dürfen die Richters sich eine bescheidene Hütte bauen, mit diesem Leben können sie sich jedoch nicht arrangieren. Sie wollen wieder ihre eigenen Herren und unabhängig sein. Bernhard fallen noch unbewohnte Regierungsfarmen ein, an die wegen ihrer abgelegenen Lage und dem zweifelhaften Wasservorkommen sonst kaum jemand denkt. Er und Tine reiten hin, finden tatsächlich Wasser und beschließen, sich auf Farm Nr. 5 niederzulassen. Die Farm wollen sie Trutzberge nennen. Es stellt sich jedoch heraus, dass Bernhard die Farm immer nur auf einen Monat pachten kann und sobald jemand aus der Union Anspruch erhebt, müssten die Richters die Farm verlassen und ihre Investitionen wären umsonst. Trotzdem wollen sie es versuchen. Es folgt ein langer, komplizierter Umzug auf die Farm mit dem wichtigsten Hausrat, einigen Tieren und Afrikanern. Dort angekommen baut Bernhard eine bescheidene Hütte, weitere Fortschritte kann die Familie aber nicht machen, da das Geld fehlt. Bernhard beschließt, auf den Diamantfeldern zu arbeiten, wozu er Tine fast ein ganzes Jahr allein lassen muss.

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Im Jahre 1923 zieht Bernhard zu den Feldern, wo er mit den Arbeitern und deren Nöten konfrontiert wird. Er kommt zum ersten Mal aus seinem abgeschnittenen Leben heraus und hat ein aufrührendes Gespräch mit dem Schlosser vor Ort. Dieser vertritt die Arbeiterschaft im Sinne der Zweiten Internationalen und fordert die Wahrnehmung der Arbeiterinteressen weltweit. Er versucht, Bernhard von seiner Sicht zu überzeugen. Der sieht auch die Notwendigkeit ein, dass den Arbeitern eine Stimme verliehen werden muss, allerdings ist er vollkommen national eingestellt und will, gewohnt, allein zu kämpfen, weiterhin selbst dafür sorgen, dass aus ihm und dem Land etwas wird. Er fordert mehr Unterstützung für die Deutschen, die das Land Südwest groß gemacht und mehr Rechte verdient haben. Im Gesprächsverlauf mit weiteren Arbeitern wird auch Bernhards Antisemitismus deutlich, der dem „globalen Finanzjudentum“ die Hauptschuld an der Misere der Deutschen in Südwest gibt. Darüber hinaus vertraut er darauf, dass eine neue Regierung kommen wird, die den Arbeitern Gerechtigkeit widerfahren lassen wird. Die international eingestellten Kollegen jedoch wollen selbst sicherstellen, dass sie eine Zukunft haben, gehört werden und jeder die Möglichkeit erhält, sich hochzuarbeiten. Hohe Positionen sollen nicht länger durch Geburt oder Vermögen festgelegt sein. Des Weiteren sei ja der Arbeitgeber selbst ein Jude: Ernst Oppenheimer, von dem sich Bernhard allerdings ausgebeutet fühlt. Er ist selbst jedoch nicht allein mit seiner Meinung auf den Feldern, sodass sich zwei Lager herauskristallisieren. Als die Nachricht kommt, dass die Deutschen naturalisiert werden, also die britischsüdwestafrikanische Staatsbürgerschaft annehmen sollen, um Rechte, vor allem das Wahlrecht, zu erhalten, lehnen Bernhard und andere Deutsche dies auf der Generalversammlung des Arbeiterverbandes ab. Dem Mandatsland entsprechend, in dem sie leben, fordern die ein Mandatsbürgerrecht an Stelle der Staatsbürgerschaft. Bernhard reist danach zurück auf die Farm, auf der es von da an weiter voran geht. Trotzdem darf er sie noch nicht kaufen. 1924 kommt die Tochter Treuhild zur Welt und es droht die Zwangsnaturalisierung der Deutschen, sofern sie nicht innerhalb von drei Monaten widersprechen. 1925 bekommt Richter Besuch von den Deutschen Müller und Haber, die er schon lange kennt und mit denen zusammen er auch auf den Feldern war. Es entwickelt sich ein Gespräch über die systematische Entmachtung der Deutschen, wobei wieder der Jude als Initiator ermittelt wird, der die Union beeinflusse. Müller und Haber haben ebenfalls alles verloren, konnten sich bisher aber im Gegensatz zu Bernhard noch nichts Neues erarbeiten. Mit seiner Hilfe gelingt es ihnen jedoch, wieder eine Farm zu beziehen, deren imposanter Aufbau beschrieben wird. 41    

Das Buch endet damit, dass der käufliche Erwerb von Farm Trutzberge zwar weiterhin offen bleibt, es letztendlich aber nicht zu bezweifeln ist, dass er eines Tages vollzogen werden und das Land wieder Deutschen gehören wird.  

5.1.2.  Textbeschaffenheit     Auch in diesem Werk lässt sich die natürliche Textwelt zweifelsfrei feststellen, Da wie bei Peter Moor keine übernatürlichen Elemente zu finden sind. Hier werden zwar fiktive Geschehnisse verarbeitet, die aber auf realistischen Bedingungen beruhen, darüber hinaus werden gleichzeitig viele reale Elemente aus der Politik und Wirtschaft der damaligen Zeit aufgegriffen. Auch bei Kaempffer handelt es sich um einen Autor im engeren Sinn. Auffällig an dem Roman Farm Trutzberge sind vor allem bestimmte Motive, die im Folgenden genauer beschrieben werden sollen. Zu nennen sind auch hier wieder die Afrikaner als niedere Rasse, was sich zum einen ähnlich wie bei Frenssen, zum anderen aufgrund des näheren Umgangs mit der indigenen Bevölkerung aber auch differenzierter als bei ihm äußert. Analog hierzu werden die Deutschen als dasjenige Volk gezeichnet, welches als beispielhaft gelten kann. An die Deutschen werden somit die meisten wiederkehrenden Motive geknüpft, die wiederum die Relation zu den Afrikanern, aber auch Briten deutlich macht. Diesbezüglich ist vor allem die Arbeitsbereitschaft, der ungebrochene Wille und das Durchhaltevermögen, das deutsche Blut bzw. Erbe sowie die ungerechte Behandlung der Deutschen durch die Briten hervorzuheben. Seltener, jedoch umso auffälliger, ist außerdem die Thematisierung der Juden sowie Anspielungen auf Hitler und das Dritte Reich. Die Afrikaner werden hauptsächlich durch bestimmte Bezeichnungen sowie Adjektive charakterisiert. Es wird eine Unterteilung in Hottentotten und Kaffern211 vorgenommen, die nicht weiter erläutert wird. Insgesamt werden die Afrikaner aber unter dem Begriff „die Braunen“212 zusammengefasst, der im Roman als Bezeichnung für die Einheimischen am häufigsten fällt. Von dem gängigerem Wort Schwarze wird kein Gebrauch gemacht. Die afrikanischen Frauen werden durchgehend als „Weiber“213 bezeichnet. Als Kollektiv wird über die Afrikaner ebenfalls abwertend gesprochen: In den Augen vieler Deutscher sind sie „elendes Gesindel“214, eine „Bande“ oder „auffälliges Pack.“215 Die Palette der Adjektive, derer Kaempffer sich zur näheren Beschreibung bedient, lässt vor allem den Schluss zu, dass die Afri                                                                                                                         211

Kaempffer, Adolf: Farm Trutzberge. Berlin 1937, s. z. B. S. 18: So zog er denn mit einem Dutzend Klippkaffern und Hottentotten an die Arbeitsstelle. 212 Vgl. z. B. Kaempffer S. 31. 213 Vgl. z. B. Kaempffer, S. 27. 214 Kaempffer, S. 25. 215 Kaempffer, S. 31.

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kaner als ein aufmüpfiges, respektloses und faules Volk angesehen werden, da sie immer wieder als unverschämt216, fahrlässig bzw. unzuverlässig217 und vor allem frech218 beschrieben werden. Auch der Umgang mit ihnen lässt am Weißherrentum der Deutschen keinen Zweifel, denn trotz der Tatsache, dass das Gebiet seit dem Kriegsende von der Südafrikanischen Union verwaltet wird, wenden die Deutschen weiterhin die vorigen Methoden an. Die Afrikaner beziehen beispielsweise Prügel, da die Deutschen der Meinung sind, dass man so bei den Afrikanern am meisten erreichen kann, im Gegensatz zu einem Gespräch mit ihnen. Darüber hinaus zeigen Prügel nach Ansicht der Deutschen am deutlichsten, wer im Land immer noch die Oberhand hat. Diese extremen Einstellungen werden vor allem an der Figur des Martin Richter exemplifiziert.219 Trotz dieser Darstellungen der Afrikaner erfolgt allerdings ebenfalls eine Anerkennung ihrer Hilfe, wie zum Beispiel im Falle Gowachas, die bei der Geburt hilft, oder das Lob Bernhard Richters, das er dem afrikanischen Arbeiter Jan für dessen gute Arbeit ausspricht,220 wobei sich auch hierin wieder das Gefälle zwischen Deutschen und den als unter ihnen stehend angesehenen Afrikanern deutlich wird. Die Deutschen betreffend können als wichtige Motive im Buch vor allem zwei herausgestellt werden: die deutschen Tugenden, die sich nochmals auffächern lassen, und die im Gegensatz dazu stehende Ungerechtigkeit, mit der die Deutschen regelmäßig zu kämpfen haben, seit sie den Krieg in Südwest verloren haben. Es wird immer wieder auf die Arbeitsbereitschaft eingegangen, die das Land groß221 gemacht hat und mit der man alles erreichen kann, wenn man durchgehend fleißig ist, was sich auch an den Farmaufbauten und dem damit verbundenen wirtschaftlichen Aufschwung zeigt.222 Das Arbeitsmotiv wird gleichzeitig als Abgrenzung der Deutschen zu den Afrikanern und anderen Bevölkerungsgruppen aus der Südafrikanischen Union, beispielsweise der Buren, instrumentalisiert. Die Deutschen sind die Fleißigen, ohne die das Land zu dem Zeitpunkt nicht wäre, was es ist,223 während es klar ist, dass den Afrikanern aufgrund ihrer Unzuverlässigkeit und ihrer Faulheit kein Aufbau zuzutrauen ist. Das Hereinkommen weiterer Gruppen in Südwest, wie beispielsweise der Buren aus dem Transvaal empfinden die Deutschen als ein Setzen ins gemachte Nest. Viele Buren übernehmen die Farmen der Deutschen, als diese Konkurs an                                                                                                                         216

Kaempffer, S. 22. Kaempffer, S. 175. 218 Kaempffer, z. B. S. 24. 219 Vgl. Kaempffer, S. 33 f. 220 Kaempffer, S. 213. 221 Vgl. hierzu auch: Dietzel, Karl Heinrich: Die Südafrikanische Union. Ihre Entstehung und ihr Wesen. Berlin 1934, S. 271 222 Vgl. z. B. Kaempffer, S. 70. 223 Vgl. hierzu auch: Dietzel, S. 277. 217

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melden müssen. Von deutscher Seite rechnet man daraufhin mit dem Verfall der Farmen. Das deutsche Werk wurde daher zum einen vom Inneren und zum anderen von außen als bedroht empfunden und man kritisierte sehr, dass „die ‚Inkomers‘ aus der Union sich als genießende Nachfolger der liebenden und schützenden deutschen Farmer breit zu machen begonnen hatten.“224 Hier liegt der Übergang zum Motiv der Ungerechtigkeit, das ebenfalls immer wieder, vor allem im Zusammenhang mit dem Arbeitsmotiv, im Buch angesprochen wird. Die Deutschen fühlen sich hintergangen, vor allem von den Briten, und verlangen Anerkennung für das, was sie geleistet haben. Stattdessen sollen sie des Landes verwiesen werden. Die Auffassung ist, dass die Briten der Welt auf Kosten der Deutschen ihre eigene Gerechtigkeit präsentieren wollen, indem sie sie „erst zu Verbrechern und Mördern erklärt“225 hatten und dann begnadigten und nach Deutschland sandten.226 Es wird den Briten unterstellt, sie wollten durch Schikanen wie dem Reisepass zum Verlassen der Farm „Material für das Blaubuch über die angebliche deutsche Kolonialschuld, diese größte Lügensammlung der Weltgeschichte, zusammentragen.“227 Mit der Arbeitsbereitschaft bzw. dem Fleiß ist ebenfalls das Motiv des Durchhaltewillens und der Tatkraft der Deutschen verknüpft. Dies wird als Hauptvoraussetzung gesehen, um es im Leben zu etwas zu bringen und vor allem, um das Land wieder aufzubauen.228 Darüber hinaus wird diese Eigenschaft als deutsche Tugend angesehen und folgt oft auf Stellen im Buch, in denen die Ungerechtigkeit den Deutschen gegenüber thematisiert wird. Wenn es beispielsweise darum geht, was „Haß und Unverstand und Habgier aus [dem] deutschen Werk herausgebrochen haben“229, folgt sogleich eine Passage, die deutlich macht, dass die Deutschen sich davon nicht unterkriegen lassen: „O ja, es wächst dir alles zu; nur den Nacken steif halten und die böse Zeit überdauern.“230 Gleiches gilt auch, als beschrieben wird, wie Martin und die anderen Deutschen Afrika auf dem Dampfer verlassen: „Jetzt, da alles hinter ihm lag, war er zukunftsfroh und voller Hoffnung auf das neue, unbekannte Leben.“231 Der Fleiß und das Durchhaltevermögen sind wiederum wichtig, um das Blut und BodenMotiv, das auch in anderen Werken Kaempffers eine Rolle spielt, stützen und erhalten zu können. Hierzu gehört auch das deutsche Erbe. Vor allem, als es darum geht, dass die Deut                                                                                                                         224

Kaempffer, S. 53. Kaempffer, S. 60. 226 Vgl. hierzu auch: Blumhagen, S. 4. 227 Kaempffer, S. 18. 228 Kaempffer, S. 46. 229 Ebd. 230 Ebd. 231 Kaempffer, S. 95. 225

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schen naturalisiert werden sollen, wird die Forderung nach dem Recht des Volkes „auf sein Blut und auf Boden, darauf das Blut gedeihen kann“232 laut. Die Kinder sollen einmal die Erben werden und das Fortbestehen des deutschen Werkes in Südwest sichern.233 Auch von Traugott, dem Sohn der Richters, wird häufig als „Erbe“234 gesprochen. Das Blutmotiv hat allerdings auch noch eine entgegengesetzte Facette: „Es ist zu viel deutsches Blut vergeudet worden“235, als dass an ein Aufgeben zu denken wäre. Wenn die Deutschen sich unterkriegen ließen und entweder in die Heimat zurückkehrten oder britisch-südafrikanische Staatsbürger würden, dann wären viele Deutsche während der Kriege umsonst gestorben und verwundet worden. Diese Ansicht wird im Roman deutlich vertreten. Wie bereits erwähnt, werden auch die Juden im Roman thematisiert, was vor allem in einem Kolonialroman zunächst weniger zu erwarten wäre. Hieran wird deutlich, dass Farm Trutzberge im Jahre 1937, also vier Jahre nach der Machtergreifung Hitlers, veröffentlicht worden ist. In wie weit Juden in Südafrika zu dem Zeitpunkt tatsächlich eine Rolle für die deutschen Kolonisten gespielt haben und in wie weit dies mit dem Antisemitismus im Deutschen Reich selbst zusammenhängt, wird die Basis-Interpretation klären. Im Roman werden sie als ausbeuterisch dargestellt236 und man macht nur dann mit ihnen Geschäfte, wenn es keine andere Möglichkeit gibt.237 Mehr noch: Im Roman wird außerdem die historisch verwurzelte Verschwörungstheorie repräsentiert, nach der die Juden die Weltherrschaft an sich reißen wollen oder bereits heimlich besitzen. Vor allem Bernhard Richter vertritt die Ansicht, dass „der Einfluß des Goldes“ „die Frucht jüdischer Erziehung“238 und die rote und goldene Internationale eine jüdische Erfindung zum Ausbau der Weltherrschaft seien,239 weswegen er auch sehr gegen die Meinung vieler international eingestellter Arbeitskollegen ist. Gegen Ende des Buches werden der Antisemitismus und die Vorverweise auf Hitler240 immer deutlicher. In den Roman eingestreut sind mehrere Passagen, welche auf märchenhafte Weise die Schönheit und den Zauber des Landes Afrika unterstreichen sollen. Tiere werden personifiziert, wobei Kommunikation unter ihnen auch artübergreifend stattfindet241, vor allem werden aber die „uralten Geheimnisse der Wildnis“, die „naturgeheiligten Nächte“ und die „seltsame Fei                                                                                                                         232

Kaempffer, S. 64. Kaempffer, S. 134. 234 Vgl. z. B. Kaempffer, S. 125. 235 Kaempffer, S. 67. 236 Kaempffer, S. 39. 237 Kaempffer, S. 44. 238 Kaempffer, S. 200. 239 Ebd. 240 Vgl. z. B. Kaempffer, S. 206: Wenn Gott in seiner Gnade Deutschland den Mann schenken mag, dem es gelingt, den schaffenden Menschen und das schaffende Kapital wieder, ihrer Aufgabe bewusst, in das Volk einzufügen, […] dann ist Deutschland bald heraus aus aller Not. 241 Vgl. z. B. Kaempffer, S. 19. 233

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erlichkeit“242 hervorgehoben. Durch Bilder wie die „Melodie der Nacht“, „tausend funkelnden Sternen“243 oder dem „fahlrote[n] Morgenschimmer“244 wird eine romantische Atmosphäre erzeugt. Oftmals stehen diese Passagen nicht für sich, sondern sind auf mehrere Arten mit den Deutschen und ihren Werken verknüpft. Es wird im Zusammenhang damit auch auf historische Ereignisse in Deutsch-Südwest und zugehörige Persönlichkeiten verwiesen, wie beispielsweise Hendrik Witboi245 oder Lüderitz und Leutwein.246  

5.2.  Basis-­‐Interpretation    

5.2.1.  Textkonzept    

Anders als Frenssens Peter Moor, das den Kriegsaspekt als Hauptthema hat, thematisiert Kaempffer den Siedlungsaspekt der deutschen Kolonie Südwest. Die Geschehnisse im Roman finden außerdem am Ende der deutschen Kolonialzeit statt, nachdem die Deutschen den Ersten Weltkrieg verloren hatten, während Peter Moor beschreibt, wie die Deutschen sich in Südwestafrika durchsetzten. Es ist daher interessant zu sehen, was sich in der Zwischenzeit veränderte und wie das Leben der Deutschen in Südwest letztendlich ausgesehen hatte. Hypothetisch kann angenommen werden, dass Kaempffer mit dem Roman den Deutschen deutlich machen wollte, dass sie sich überall durchsetzen können, wenn sie Stehvermögen beweisen und erkennen, dass ihr Glück in ihren eigenen Händen liegt. Er kann als Motivation gesehen werden, für die eigene Sache einzustehen und zeigt, dass es keinen Grund gibt, am Deutschtum und an Deutschland selbst zu zweifeln. Damit entspricht er auch den Aufrufen, die es zu seiner Entstehungszeit von Hitler respektive der NS an das deutsche Volk gegeben hat. So begründete Hitler das Wiedererstarken Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg in seiner Rede vom 24.02.1937 „zum 17. Jahrestag des Beginns der nationalen Erhebung“247 im Münchner Hofbräuhaus wie folgt: „Es ist uns nur gelungen durch unsere Geschlossenheit, durch unser immer wieder beginnendes Kämpfen und Ringen; dem allein verdanken wir die Wiederauferstehung der deutschen Nation.“248 Dieser Gedanke findet sich im Roman vor allem in den beiden stärksten Motiven Arbeitsbereitschaft bzw. Disziplin und dem Durchhaltewillen. Die Kolonie, die zur Zeit des Romans für die Deutschen bereits verloren ist, bietet                                                                                                                         242

Ebd. Kaempffer, S. 58. 244 Kaempffer, S. 59. 245 Kaempffer, S. 36. 246 Kaempffer, S. 75. 247 In: von Kotze, Hildegard (1966). 248 Hitler, zitiert nach Kotze, S. 106f. 243

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dazu den perfekten Hintergrund, da die Deutschen hier keine eigene Regierung und keine uneingeschränkten Rechte besitzen.249 Allein auf punktuelle nachbarschaftliche Hilfe und die eigene Stärke angewiesen, bauen sie unermüdlich an ihren Farmen und lassen sich weder von wirtschaftlichen, natürlichen noch politischen Widrigkeiten unterkriegen, die Kaempffer zur Darstellung des Willens mannigfach in den Roman einbaut. Dies entspricht abermals den Forderungen der Nationalsozialisten, wie im Programm der NSDAP unter Punkt 10 nachzulesen ist: „Erste Pflicht jedes Staatsbürgers muss sein, geistig oder körperlich zu schaffen.“250 Von allen Faktoren, die sich den Deutschen in Südwest in den Weg stellen, sollen hier vor allem die verschiedenen Volksgruppen genauer untersucht werden. Wie bereits erwähnt, sind es nicht nur die eingeborenen Afrikaner, die von den Deutschen zum einen als untergeordneter Bevölkerungsteil, zum anderen als durch das britische Protektorat Aufsässige angesehen werden. Die zweite Gruppe Einheimischer, von denen die Deutschen sich abgrenzen wollen, sind die Buren. Innerhalb Deutsch-Südwest und auch außerhalb werden außerdem die Juden gefürchtet. Die vierte, von den Deutschen als Gegner empfundene Gruppe, bilden die Südafrikanische Union bzw. die Briten als Kolonialmacht. Afrikaner Wie erwähnt kommt im Roman Farm Trutzberge der Aspekt der Abhängigkeit der Deutschen von den Afrikanern zum Tragen, der in diesem Unterkapitel vor allem dargestellt werden soll. Es handelt sich also um ein ambivalentes Verhältnis zu den Eingeborenen, da diese trotz ihrer Landeskenntnisse, ihrer Hilfe und praktischen Fähigkeiten von den Deutschen nicht anerkannt werden. Dies ist aber nicht der einzige Faktor, der das Verhältnis der Deutschen zu den Afrikanern verkompliziert respektive zur Ambivalenz beiträgt. Zunächst ist festzuhalten, dass sich an der grundsätzlichen Einstellung der Deutschen den Afrikanern gegenüber seit dem Herero- und Namakrieg wenig geändert hat. Dies zeigt sich am deutlichsten an den bereits aufgeführten Bezeichnungen für die indigene Bevölkerung. Hier bedürfen die Begriffe Hottentotte und Kaffer noch einer eingehenderen Erläuterung, schon allein aus dem Grund, da es die gängigsten zur damaligen Zeit waren. Hervorzuheben ist hierbei vor allem, dass durch diese beiden Bezeichnungen eine Scheinkategorisierung vorgenommen wurde, da beide Begriffe an sich schon auf „irrationalen Konzepten“251 beruhen, und wiederum zwei verschiedene Gruppen der indigenen Bevölkerung bezeichnen sollen. Die                                                                                                                         249

Vgl. hierzu auch: Dietzel, S. 272. Feder, Gottfried: Das Programm der NSDAP und seine weltanschaulichen Grundgedanken. München, 1934 S. 18. 251 Arndt, Susan: Afrika und die deutsche Sprache: ein kritisches Nachschlagewerk. Münster 2004, S. 155. 250

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Kriterien, aufgrund derer diese Unterteilung vorgenommen wurde, wurden zu einem großen Teil auf äußere Merkmale zurückgeführt. Während die Hottentotten „eine schmutzigolivengelbe und fahlgraue Gesichtsfarbe“, daneben den „Fettsteiß und die Hottentottenschürze“252 aufweisen, sind die Kaffer je nach Region „rein braun“ oder auch „dunkelschwarz.“253 Die Bezeichnung selbst geht im Falle der Hottentotten auf die mit Klicklauten durchsetzte Sprache der so bezeichneten Volksgruppe zurück und kommt aus dem Holländischen. Das Wort meint Stotterer und ist somit eine Anspielung auf die Sprache, mit der die Europäer nicht viel anzufangen wussten.254 Der Begriff Kaffer geht wahrscheinlich auf das jidddische Kaffer zurück, welches Bauer oder Dörfler bedeutet.255 Die Tatsache, dass es sich hierbei um „ein willkürlich geschaffenes Konstrukt“ handelt, „um die Vormachtstellung der Weißen im südlichen Afrika zu legitimieren“256, macht ein weiteres Nachvollziehen der Definition schwierig. Für weitere Erläuterungen beider Begriffe sei an dieser Stelle auf Arndt/Honscheidt verwiesen.257 Ausschlaggebend ist hier, dass die Bezeichnungen von jeher als pejorativ aufzufassen sind, was im Roman zur eindeutigen Abgrenzung genutzt wird. Hierfür stehen auch Komposita wie „Hottentottenhühnchen“258 oder „Polizeikaffern“259, im Gegensatz zu den „weißen Polizisten“260. Im Buch finden sich auch andere Stellen, in denen das Aussehen beziehungsweise die physischen Merkmale der Afrikaner generalisiert und als charakteristisch angesehen werden. Jan, der Arbeiter auf der Farm Heimatland, wird als „so trocken und zähe und auch sonst nicht ansehnlicher als jeder andere Hottentott“261 beschrieben. Dass die Beurteilung der Afrikaner als hässlich tatsächlich verbreitet war, liest man beispielsweise auch in Rochus Schmidts Deutschlands Kolonien aus dem Jahr 1898.262 Selbst am Gang soll man Europäer und Afrikaner unterscheiden können, wobei auch hier der Deutsche der Kräftigere ist.263 Dennoch ist hier das Gefälle nicht so eindeutig, wie das noch bei Frenssen der Fall gewesen ist. In der Rede und im Denken lehnen die Deutschen die Afrikaner ab, dies lässt sich aber nicht mehr ohne weiteres auf das Handeln übertragen.                                                                                                                         252

Arndt, S. 147. Arndt, S. 154. 254 Arndt, S. 149. 255 Arndt, S. 155. 256 Arndt, S. 156. 257 Arndt 258 Kaempffer, S. 172. 259 Kaempffer, S. 150. 260 Ebd. 261 Kaempffer, S. 8. 262 Schmidt, Rochus: Deutschlands Kolonien – ihre Gestaltung, Entwicklung und Hilfsquellen, Zweiter Band. Berlin 1898, S. 222. 263 „Wie, das war doch kein Farbiger, der so fest auftrat?“, S. 215. Vgl. auch S. 60: „Der Schwung, den sie gaben, riß den kleinen zarten Hottentotten jedes Mal fast mit hoch.“ 253

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Dies ist, wie oben bereits angedeutet, vor allem zwei Gründen geschuldet. Zunächst müssen die Deutschen sich eingestehen, dass sie es ohne die Hilfe und Kenntnisse der Afrikaner in dem fremden Land schwerlich bis kaum schaffen können, Fuß zu fassen. Das führt zu einem angespannten Verhältnis, das sich in Farm Trutzberge unter anderem in Dialogen zwischen Deutschen und Afrikanern ausdrückt. Eine der prägnantesten Textstellen ist die der Geburt von Traugott, bei der Gowachas behilflich ist. Hier wird nicht nur das gespannte Verhältnis der Deutschen gegenüber den Afrikanern deutlich, sondern auch umgekehrt: Den sonst so überlegenen und kräftigen Deutschen kann die afrikanische Arbeiterin wenig Verständnis entgegen bringen, als diese sich bei einem natürlichen Vorgang wie einer Geburt nicht mehr zu helfen wissen. Im Gespräch reagiert sie größtenteils mit schnippischen Gegenfragen und wird ins Geschehen involviert, als sie gefragt wird, ob es normal sei, dass Frauen bei der Geburt so leiden,264 worauf sie antwortet:

Was weiß ich von Leiden? Warum sind die knochigen weißen Weiber so schwach? Hat die Missis nicht mehr Knochen an der Hand als ich im ganzen Körper? Warum leidet sie denn so? Massiert man nicht den Leib und streicht ihn mit Fett ein? Trinkt sie nicht Tee von dem Busch, der für die Gebärenden gewachsen ist?265

In dieser Aussage klingen die Demütigungen durch die Deutschen und der damit verbundene Frust mit. Gowachas macht sich keine Sorgen um die seit zwanzig Stunden leidende Tine und lässt auch kein Mitgefühl erkennen. Viel mehr spiegelt sie hier den Deutschen die Überlegenheit wider, die diese immer wieder betont haben und die Afrikaner spüren ließen. In der Frage, was sie von Leiden wisse, klingt einerseits das Vorurteil der Deutschen mit, die Afrikaner wüssten ohnehin nicht viel, andererseits ergreift Gowachas hier auch die Gelegenheit, die eigene Überlegenheit zu zeigen. Dies zeigt sich auch in der zweiten Frage, in der sie Tine als knochiges, schwaches Weib bezeichnet, wobei die Schwachheit als Attribut der Weißen dargestellt wird. Es lässt sich somit sagen, dass Gowachas hier den Spieß herumdreht und ihr eigenes Volk, zumindest in dieser Situation, nicht länger das schwache, unterlegene ist. Auch die Wortwahl, indem sie Tine als Weib bezeichnet, ist pejorativ und spiegelt ebenfalls den Sprachgebrauch der Deutschen vor allem den Afrikanern gegenüber wider. Sie macht auf die vermeintliche Stärke Tines aufgrund ihres Deutschseins aufmerksam, wodurch es nicht nachvollziehbar ist, weshalb diese auf einmal ihre Hilfe brauchen könnte. Aus diesem Grund bietet Gowachas ihre Hilfe auch nicht an und gibt nur indirekt Tipps, indem sie fragt, wieso die Deutschen keine entsprechenden Maßnahmen ergreifen. Durch den Fragestil werden das                                                                                                                         264 265

Kaempffer, S. 113. Ebd.

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Massieren und der Tee als etwas Naheliegendes, allgemein Bekanntes dargestellt, wodurch die Hilflosigkeit der Deutschen noch unterstrichen wird. In ihrer Sorge ignorieren sie jedoch den Tonfall der Afrikanerin und wenden ein, dass ihr Volk der Natur näher sei als sie selbst, sodass die Afrikanerinnen kurz nach der Geburt schon wieder der normalen Arbeit nachgehen könnten. Auch hierauf erwidert Gowachas nur: „Was weiß ich?“266 Die Antwort Frau Murrs, einer Nachbarin der Richters, auf Bernd Richters Frage, ob man nicht eine Einheimische zu Hilfe nehmen sollte, unterstreicht die Aussagen Gowachas noch: „Ja, ich wollte es Ihnen nicht auf meine Verantwortung vorschlagen, aber es könnte die letzte Rettung sein; die Leute sind nur auf sich angewiesen und verstehen oft erstaunlich viel.“267 Frau Murr steht selbst bei Problemen wie diesem, bei dem die Deutschen den Afrikanern ein umfangreicheres Wissen zugestehen, den Einheimischen skeptisch gegenüber und traut ihnen nicht richtig zu, wirklich helfen zu können. Sie traut sich daher auch nicht, diesen Vorschlag selbst zu machen, um nachher keinerlei Verantwortung übernehmen zu müssen. Der zweite Teil der Aussage unterstreicht das generelle Bild, das die Deutschen vom Wissen und den Fähigkeiten der Bevölkerung haben und das auch Gowachas unterschwellig kritisiert. Es wird hervorgehoben, dass die Afrikaner, da sie auf sich gestellt sind, erstaunlich viel verstehen. Als Gowachas daraufhin von Bernd Richter direkt um Hilfe gebeten wird, antwortet diese entsprechend mit: „Wie kann ich der weißen Frau helfen; bin ich ein weißer Doktor?“268 Gefragt, ob sie denn die Mittel kenne, die ihr Volk benutzt, sagt sie: „Warum sollte ich die Mittel nicht kennen? Bin ich ein Kind?“269 Sie verweist nicht von sich aus auf diese Mittel, wobei die wahrscheinlichste Erklärung ist, dass sie aufgrund des gesamten Verhältnisses zu den Deutschen nicht annimmt, dass diese Mittel ernstgenommen würden, denn sie verweist zunächst ausdrücklich auf einen weißen Doktor als oberste Autorität, die die Deutschen in diesen Fragen anerkennen. Trotz der Tatsache, dass es für die Familie Richter keine andere Hilfe gibt und Tines Zustand bedenklich ist, bleibt noch Raum, um an zwei Stellen auf die Unreinheit der Afrikaner einzugehen. Die Deutschen kritisieren die einzige Unterstützung, die sie haben. Die Wurzel, aus der ein Sud gekocht werden soll, sieht „nicht sehr sauber“270 aus und auch die „borkige[n], unsaubere[n] Hände“ der Afrikanerin werden von Frau Murr „mit großer Besorgnis“271 bese-

                                                                                                                        266

Kaempffer, S. 114. Kaempffer, S. 114. 268 Ebd. 269 Kaempffer, S. 115. 270 Ebd. 271 Ebd. 267

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hen. Auch in Extremsituationen werden die traditionellen Werte, wie sie schon bei Frenssen als Leitmotive eingesetzt werden, gepflegt. Das außergewöhnliche Ereignis der Geburt bringt, wie schon die Diskrepanzen während dessen ahnen lassen, die Deutschen und Gowachas nicht näher zusammen. Dass Gowachas und auch die anderen Arbeiter zum Dank mit vielen Geschenken und Freizeit bedacht werden, ist weniger der Dankbarkeit den Afrikanern gegenüber geschuldet, sondern vielmehr der Erleichterung, dass auf Farm Heimatland „der Erbe geboren“272 ist. Die Afrikaner bekommen frei, um genau dies feiern zu können, obwohl man am gesamten Verhältnis zu den Deutschen sieht, dass dies für die Afrikaner selbst viel weniger ein Grund zum Feiern ist. Die Afrikaner helfen somit den Deutschen, ihr Blut auf dem fremden Boden weiterzugeben und dem Deutschtum eine Zukunft zu sichern, wie sie ihnen parallel auch helfen, den Boden selbst und damit das Deutschtum in geographischer Hinsicht, auszubauen. Der Aspekt der Farmhilfe macht besonders den Unmut deutlich, mit dem die Deutschen die Hilfe der Afrikaner annehmen. Sie tun es nur, weil sie keine andere Wahl haben, denn es gibt noch zu wenig Deutsche im Land. Dies wird deutlich an der Zukunftsvision Bernhard Richters, der daran glaubt, dass eines Tages so viele Weiße im Land sein werden, dass „die Arbeitskraft der wenigen Farbigen bei einem solchen Werk verschwindend gering sein würde.“273 Er glaubt weiterhin daran, dass mit der Ankunft von mehr Europäern auch das Anerkennen der Farmarbeit wieder steigen wird:

Tine, daß weiße Menschen zum Beispiel Hirten sein könnten in Südwest, wird doch nur deshalb für unmöglich gehalten, weil durch die Arbeit der Braunen das Ansehen gewisser Arbeiten gesunken ist. Sobald wir eine genügend große bodenständige weiße Bevölkerung im Lande haben, wird der Weiße auch Vieh hüten.274

Auch hieran zeigt sich wieder, wie gering die Afrikaner geschätzt werden. Hauptgrund für die langfristige Ablehnung ihrer Arbeit ist zum einen die Unzuverlässigkeit, die die Deutschen den Afrikanern zuschreiben. Durch beispielsweise den Verlust der Tiere, der durch diese vermeintliche Unzuverlässigkeit entsteht und wieder ausgeglichen werden muss, schlägt sich die billige Arbeitskraft der einheimischen Bevölkerung ökonomisch nicht nieder.275 Zum anderen vertrauen die Deutschen nur auf ihre eigenen Fähigkeiten und ihre Gründlichkeit, die

                                                                                                                        272

Kaempffer, S. 117. Kaempffer, S. 121. 274 Kaempffer, S. 122. 275 Ebd. 273

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ihnen ein Erfolgsgarant ist. Südwestafrika muss „ein Weißenmannesland sein auf die Weise, daß der Weiße selbst mit schafft.“276 An dieser Situation zeigt sich abermals das ambivalente Verhältnis der Deutschen gegenüber den Afrikanern, was sich auch zusätzlich an einem kurzen Dialog belegen lässt, der mit einem Lob Bernhard Richters Jan, dem Arbeiter, gegenüber eingeleitet wird. Das Lob wird von Jan als Überlegenheitsbekundung des Deutschen aufgefasst und so stellt er ihm die Frage, ob er, Jan, nicht die Farm aufgebaut hat, worauf Bernhard spöttisch antwortet: „Doch, Jan; du hast sie aufgebaut, und Mister Martin und ich haben dir dabei helfen dürfen.“277 Der Afrikaner versteht den Spott in dieser Aussage, hält aber trotzdem an seiner Meinung fest. Hierdurch wird auch der Glaube der Deutschen untergraben, sie allein hätten zum Aufbau und Fortschritt von Südwest beigetragen. Zwar sind sie abhängig von den Afrikanern, ignorieren aber deren Arbeitskraft und Unterstützung, wenn es darum geht, die eigene Sache zu verteidigen und die „deutsche Aufgabe“278 zu betonen, die letztendlich nach Fabri darin besteht, Südwestafrika zu einem Auffangland für die überschüssige deutsche Bevölkerung zu machen. Dass die Deutschen sich viele Fakten so drehen, dass sie besser in ihr Selbstbild passen, wird noch an anderen Stellen im Buch deutlich und in den folgenden Unterkapiteln untersucht. Der zweite oben angesprochene Faktor, der dazu führt, dass die Deutschen im Umgang mit den Afrikanern Kompromisse machen müssen und der hier noch kurz Erwähnung finden soll, ist die neue Regierung. Der Erste Weltkrieg beendet die Vormacht der Deutschen in Südwest und das Gebiet wird als Mandatsgebiet des Völkerbundes der Verwaltung der Südafrikanischen Union unterstellt, die „Südwestafrika wie einen Bestandteil des eigenen Staates zu verwalten“279 hatte, dabei aber immer das Wohl der Bevölkerung im Auge behalten sollte. Dass sich daraufhin viele Eingeborene „aufsässig gegenüber den besiegten Deutschen“280 verhielten, wie das im Buch vor allem im Zusammenhang mit Martin Richter dargestellt wird, ist eine historische Tatsache, ebenso die harten Strafen, die im Falle einer Selbstjustiz der Deutschen verhängt wurden. Besonders deutlich wird die Tragweite dessen, als Martin aufgrund seines Umgangs mit den Eingeborenen des Landes verwiesen wird, was wiederum als Ungerechtigkeit den Deutschen gegenüber aufgenommen und dargestellt wird. Das Motiv Ungerechtigkeit zieht sich durch die Beziehungen mit allen im Roman vorkommenden Gruppen.

                                                                                                                        276

Kaempffer, S. 120. Kaempffer, S. 88. 278 Vgl. z. B. Kaempffer, S. 7. 279 Tabel, S. 55. 280 Tabel, S. 56. 277

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Buren und Inkomers Mit der Übernahme der Union müssen die Deutschen sich nicht nur mit den Afrikanern auseinandersetzen, sondern auch vermehrt mit anderen weißen Bevölkerungsteilen in Südafrika, namentlich den Buren, die vorrangig aus dem Staat Transvaal in Südwest einwandern. Die Buren gehen größtenteils auf niederländische Siedler zurück281 und obwohl sie nicht zu den primitiv lebenden Eingeborenen gehören, werden auch sie von den Deutschen mit Argwohn beobachtet. Grund für die vermehrte Einwanderung war nämlich das Bestreben der Union, das Mandatsgebiet näher an sich zu binden bzw. letztendlich ganz einzuverleiben.282 Hierzu brauchte sie mehr Einwohner, die ihr den Rücken stärkten. Um den Buren die Übersiedlung schmackhaft zu machen, bot die Regierung ihnen „zu günstigen Bedingungen Farmen von ausgewiesenen Deutschen“283 an. Tatsächlich waren die Deutschen dadurch den anderen weißen Bevölkerungsgruppen nach einer Weile zahlenmäßig unterlegen. Dennoch fühlen sie sich, was Werte und Charakter anbelangt, den Buren überlegen. In den wesentlichen Dingen wie Fleiß und Ordnung werden diese als von den Deutschen gegensätzlich beschrieben. Die Buren werden als Eindringlinge dargestellt, die alles unversehens herunterwirtschaften. Im Buch finden sich mehrere Stellen, an denen die Buren die Deutschen von ihren Farmen als „genießende Nachfolger“284 verdrängt haben. Die Kritik zielt unter anderem drauf ab, dass die Buren aus Sicht der Deutschen nur auf Grundlage dessen, was diese erreicht haben, in Südwest leben können. Beispielsweise wird die pekuniäre Unterstützung der Buren durch die Regierung aus dem Geld realisiert, das „die Landwirtschaftsbank der deutschen Zeit hinterließ“285, wodurch der Import der „Wählerstimmen aus der Union“286, der im Buch immer wieder kritisiert wird,287 eigentlich von den Deutschen finanziert wird. Noch ungerechter wird dieser Umstand für die Deutschen dadurch, dass die Buren als Ergebnis dessen ohnehin nur „mit Weib und Kindern und Beiwohnern in der schönen Gegend [schlampampen], bis kein Wasser mehr da oder bis das Wild vergrämt und zerschossen ist.“288 Ein weiterer Kritikpunkt der Deutschen ist das Auftreten der Buren. Ausgestattet mit billigen „Fordautos“289 geben sie sich auf ihren Farmen „patriarchalisch“ mit „Gesinde von braunen Knechten und weißen Bijwohnern“ und sind „ergriffen vom Fieber des Mitteilhabenwollens                                                                                                                         281

Vallentin, Wilhelm: Die Buren und ihre Geschichte. Berlin 1902, S. 13 f. Tabel, S. 60. 283 Ebd. 284 Kaempffer, S. 53. 285 Kaempffer, S. 144. 286 Kaempffer, S. 145. 287 Vgl. z. B. auch Kaempffer, S. 117. 288 Kaempffer, S. 170f. 289 Kaempffer, S. 85. 282

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am Erbe des beraubten deutschen Volkes.“290 Auch hier klingt die Ungerechtigkeit durch, die die Deutschen in eine Opferrolle drängt. Die Bodenständigkeit der Deutschen gegenüber dem Neureichtum der Buren wird auch an dem Äußeren Tines und Frau Berere291 veranschaulicht. Während letztere „eine dicke Dame mit Bubikopf, Veilchenduft, Puder und Schminkstift“ in „billige[n] Seidenstrümpfen“292 darstellt, wird Tine in ihrer „blanken, blonden Sauberkeit“ geschildert, die sich darüber hinaus trotz des geschmacklosen Äußeren von Frau Berere ihrer „häuslichen Tracht“ und „leichten Sandalen“293 schämt. Aus dem bisher Angeführten ergibt sich als Hauptkritikpunkt der Fleißmangel respektive die aus deutscher Sicht fragwürdige Farmwirtschaft der Neuankömmlinge. Interessant hieran ist, dass die Deutschen genau dies auch den Afrikanern vorwerfen. Es wird beschrieben, wie die Buren „auf Tänzer“ und „auf Regen und Beiwohner, die ihnen die Arbeit tun sollten“294, warten. In diesem Zusammenhang wird auch ihr „Herrentum“ thematisiert, das darin besteht, „andere Völker niederzuzwingen, die ihnen die Arbeit tun müssen“295 und ohne die sie es gar nicht schaffen könnten, wohingegen Bernhard Richter Herr seines eigenen Bodens und Werkes sein will. In wie weit die Buren die Afrikaner tatsächlich mehr oder weniger wie Sklaven behandelt haben, kann an dieser Stelle nicht erläutert werden. Es bleibt jedoch abermals festzuhalten, dass die Deutschen selbst ohne die Arbeit der Afrikaner Schwierigkeiten hätten, etwas zu erwirtschaften oder das Land nach vorn zu bringen. Dieser Umstand wird aber von den Deutschen ungern betont, wie auch an der Einstellung ersichtlich wird, dass die Arbeitskraft der Afrikaner nur so lange in Anspruch genommen wird, wie zu wenige Deutsche im Land sind. Gerade, weil die Buren ebenfalls zur weißen Bevölkerung zählen und ihre Vorfahren auch aus Europa hergekommen sind und sie trotzdem mehr Rechte als die Deutschen genießen, kann sich das Ungerechtigkeitsempfinden letzterer vollends entzünden. Die Deutschen heben sich trotz der europäischen Herkunft der Buren in ähnlicher Weise von ihnen ab wie von den Afrikanern. In dieser Hinsicht sind die Buren für sie auch nicht viel mehr und nicht viel besser als die indigene Bevölkerung. Vor allem läuft die Kritik an beiden Bevölkerungsgruppen in der Kritik der Regierung zusammen, von der Buren wie Afrikaner den Deutschen vorgezogen werden, um diese letztendlich aus dem Land zu vertreiben, obwohl sie das einzige Volk wa                                                                                                                         290

Kaempffer, S. 86. Es handelt sich hierbei um die Frau eines Buren, mit dem Bernhard Richter Geschäfte macht, um sich mit der Farm über Wasser halten zu können. 292 Kaempffer, S. 106. 293 Ebd. 294 Kaempffer, S. 94. Vgl. auch S. 118. 295 Kaempffer, S. 122. 291

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ren, das nach eigenen Einschätzungen für die Wirtschaft des Landes überhaupt etwas getan hat. Briten/Regierung Wie bereits dargestellt, dachte die Regierung sich zumindest zu einem gewissen Teil Fallen aus, um den Deutschen Gesetzesmissachtung vorwerfen und sie somit leichter des Landes verweisen zu können. Hierbei handelt es sich nicht um einen Vorwurf im Roman,296 der aus der Enttäuschung und dem Ungerechtigkeitsempfinden der Deutschen gespeist wurde. Es gab in dieser wie auch anderen Kolonien tatsächlich Fälle dieser Art.297 Zwar gibt das Blaubuch298, in welchem die Vergehen der Deutschen gesammelt wurden, dadurch nicht die volle Wahrheit wider, dennoch gehen die Deutschen über die Kritik dessen hinaus, indem im Roman bereits zu Anfang „die angebliche deutsche Kolonialschuld, diese größte Lügensammlung der Weltgeschichte“ angesprochen wird. Auch wird das Vorgehen als „Trap‘-System der Burenengländer“ bezeichnet und als „Sport“ „andern Menschen Fallen zu stellen.“299 Auch in Bezug auf die Behörden in Südwest zeigt sich also die Opferrolle, in der die Deutschen sich sehen.300 Mehr noch: Es wird an mehreren Stellen im Buch ersichtlich, wie eine Umkehr des Täter-Opfer-Verhältnisses stattfindet. Nicht die Afrikaner werden als rechtmäßige Einwohner angesehen, denen das Land zusteht und denen man mit den Kriegen und der Landwegnahme Unrecht getan hat, sondern die Deutschen. Dies zeigt sich auch an Fragen wie „Was haben denn überhaupt die Südafrikaner für ein berechtigtes Interesse an Südwest? Sitzen sie nicht […] auf zusammen 1 140 000 Quadratkilometer […], derweil wir in Deutschland fünfundzwanzigmal so dicht sitzen und noch darüber?“301 und „Was wollen sie hier eigentlich im Lande? Haben sie es nicht jahrhundertelang unbeachtet liegengelassen […]?“302 Dass die Regierung das nicht sieht, werfen die Deutschen ihr massiv vor, ebenso den sich daraus ergebenden Umgang mit der indigenen Bevölkerung, der durch die neue Regierung vorgegeben wird und dadurch ein aufmüpfiges Verhalten der Afrikaner provoziert. Die im Roman vehement vertretene Meinung lässt sich in folgendem Zitat zusammenfassen: „Wie soll man mit dem Volk fertig werden, wenn es sich beschützt fühlt in seiner Bosheit? Diese Menschen ha-

                                                                                                                        296

Vgl. z. B. Kaempffer, S. 13 und 17f. Vgl. auch Tabel, S. 57. 298 His Majesty’s Stationary Office (Hrsg.): Report on the Natives of South West Africa and their Treatment by Germany. London 1918. 299 Kaempffer, S. 18. 300 Vgl. hierzu auch: Blumhagen, S. V. 301 Kaempffer, S. 7. 302 Kaempffer, S. 19. 297

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ben mich bestohlen, und dafür werde ich bestraft; wie soll man ihnen beikommen?“303 Auch hier zeigt sich wieder die Umkehr der Schuldfrage. Dass die britisch-südafrikanische Regierung den Afrikanern eigene Rechte zugesteht, wie sie sie zur Regierungszeit der Deutschen nie hatten, findet im Buch keine Erwähnung. Eine ansatzweise Kritik an den Deutschen erfolgt nur durch die Figur des Kapitän Richter, der den Deutschen vorwirft, unnötig Unruhe im Land zu säen und auch als Vorverweis „Deutschlands Militarismus und die daraus kommende Gefahr für den Weltfrieden“304 anspricht. Jedoch funktioniert auch er nur als Gegenspieler der Deutschen, was umso brisanter ist, da er ursprünglich einerseits selbst Deutscher war, andererseits auch noch mit den Richters verwandt ist. Auf diese Weise wird das Einzelkämpfertum der Hauptfiguren, das aus der Ungerechtigkeit von Personen wie Kapitän Richter hervorgeht, noch hervorgehoben. Die Deutschen, deren Geschichte im Roman erzählt wird, haben also weder durch die Landesregierung noch durch die übrigen Einwohner noch durch andere Deutsche Rückendeckung.

Juden Auch die Juden werden in Farm Trutzberge thematisiert, obwohl sie in den gesamten deutschen Kolonien eine eher untergeordnete Rolle spielen, entsprechend gibt es hierzu auch kaum Forschungsliteratur. Das Thema Juden und Kolonien wird vor allem im Zusammenhang mit dem Madagaskar-Plan untersucht, den die Nationalsozialisten kurzzeitig verfolgt haben.305 Hieran wird deutlich, zu welcher Zeit der Roman verfasst worden ist und auch, was er beabsichtigt. Die Juden werden, wie alle Volksgruppen in Farm Trutzberge, negativ beschrieben. Die Deutschen fühlen sich nicht nur von der Regierung bzw. den Burenengländern ausgebeutet, die auf Kosten dessen leben, was die Deutschen erarbeitet haben, sondern auch vom jüdischen Bevölkerungsanteil in Südwest. Hierbei wird noch zwischen schwarzen und weißen Juden, „denen das Gift der schwarzen Juden die deutsche Seele kaputt gefressen hat“306 unterschieden. Exemplifiziert wird dies an der historischen Figur Ernest Oppenheimer, der gebürtig Deutscher war und in Südafrika ein Diamantenkartell aufgebaut hat.307 Bernhard Richter moniert, dass die Deutschen im Gegensatz zu den Buren und Engländern als einziges Volk

                                                                                                                        303

Kaempffer, S. 30. Kaempffer, S. 64f. 305 Vgl. z. B. Jansen, Hans: Der Madagaskar-Plan. Die beabsichtigte Deportation der europäischen Juden nach Madagaskar. München, 1997. 306 Kaempffer, S. 203. 307 Ebd. 304

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gewillt sind, „an der kahlen, unwirtlichen Küste“308 auf den Diamantfeldern zu arbeiten. Die gute Bezahlung legt er Oppenheimer als Ausbeutung aus, damit dieser Dank der Arbeitskraft der Deutschen, ohne die er nicht auskommt, selbst „seine Millionen“309 machen kann. Der von den Nationalsozialisten gemachte Unterschied zwischen raffendem Kapital, wohinter sich die Juden verbergen, und dem schaffendem Kapital der Arier, das produziert,310 wird somit im Roman wiedergegeben. Es ist also auch hier wieder das Motiv der deutschen Arbeit vertreten. Während die Deutschen allerdings die Faulheit der Buren und Afrikaner kritisieren, unterstellen sie den handeltreibenden und arbeitsamen Juden zum einen, dass sie bei der Arbeit nicht den Eigenwert, sondern das damit verbundene Geld im Auge haben311 und zum anderen auch eine Verschwörung in Form des Weltjudentums und damit den Willen zur Weltherrschaft. Dies steht den Vorwürfen gegen die anderen Bevölkerungsgruppen diametral gegenüber. Sie gehen so weit, dass die Rote Gewerkschaftsinternationale, die unter anderem gegen den Kolonialismus war und die in den Kolonien lebenden Arbeiter organisieren wollte für deren Unabhängigkeit und „ökonomische Interessen“312, als jüdische Erfindung bezeichnet wird, „um den Arbeiter, den starken Pfeiler der Nationen, herauszubrechen aus seinen Völkern und durch ihn die Völker zu zerbrechen.“313 Den Juden wird somit eine systematische Zerstörung der Völker unterstellt, die ihre Weltherrschaft sichern soll, wie dies auch im Nationalsozialismus geschah.314 Auch die Union wird als von den Juden und ihrem Finanzkapital beeinflusst dargestellt.315 Um sich vor der jüdischen Ausbeutung zu schützen bleibt den Deutschen aus mangelnder Unterstützung seitens der Regierung nur die Gründung von Genossenschaften.316 Wie bereits erwähnt sind Quellen, die Aufschluss über das tatsächliche Verhältnis zwischen Deutschen und Juden in den ehemaligen Kolonien geben, schwer auffindbar. Nach Tabel war es jedoch zumindest in Südwestafrika „keineswegs gespannt, kaum belastet und teilweise sogar freundschaftlich“, der „südwester Nationalsozialismus [verzichtete] weitgehend auf die antisemitische Komponente.“317 Dass die Juden im Buch dennoch als Bedrohung von globa                                                                                                                         308

Ebd. Kaempffer, S. 204. 310 Bauer, Kurt: Nationalsozialismus. Köln 2008, S. 112. 311 Eggerstorfer, Wolfgang: Schönheit und Adel der Arbeit – Arbeitsliteratur im Dritten Reich. (= Europäische Hochschulschriften, Reihe I: Deutsche Sprache und Literatur). Frankfurt am Main 1988. 312 Tosstorff, Reiner: Moskau oder Amsterdam? Die Rote Gewerkschaftsinternationale 1920-1937. In: UTOPIE kreativ, H. 177/178 (Juli/August 2005), S. 704-718. 313 Kaempffer, S. 200. 314 Vgl.: Bauer, S. 108. 315 Kaempffer, S. 227. 316 Kaempffer, S. 39. 317 Tabel, S. 620. 309

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lem Ausmaß charakterisiert werden, unterstreicht noch seinen nationalsozialistischen Einschlag. Aus den bisherigen Ausführungen wird ersichtlich, dass die Deutschen sich auf unterschiedliche aber immer selbsterhöhende Weise gegen alle sie umgebenden Völker abgrenzen wollten, wobei sie sich hauptsächlich über Disziplin definieren. Sie fühlen sich als Opfer der Regierung, Juden, Buren und selbst der Afrikaner, denen sie die primitivste Lebensweise nachsagen. Was die Diffamierung anderer, so unterschiedlicher Völker angeht, zeigen die Deutschen einen großen Erfindungsreichtum, während sie die eigene Darstellung verharmlosen und sich dem Hass der Welt ausgesetzt fühlen.318 Somit haben sie sowohl auf der Ebene der Bevölkerung, auf der der Regierung sowie auf weltweiter Ebene Gegenspieler, gegen die es sich zu behaupten gilt. In jedem Fall werden die Deutschen ungerecht behandelt, da es die anderen nur auf ihr Geld und ihre bisherigen Errungenschaften abgesehen haben (seien es die faulen Buren oder habgierigen Juden), während sie selbst über den eigenen Umgang mit den Afrikanern keineswegs reflektieren. Das Leitmotiv, immer wieder aufzustehen und sich nicht unterkriegen zu lassen, macht letztendlich bereits der Titel Farm Trutzberge deutlich, wobei die Referenz auf Trutzburg unübersehbar ist. Als Trutzburg wird ein Burgtyp bezeichnet, der allen Angriffen trotzt und als widerstandsfähig einzustufen ist.319 Die fertige Farm Trutzberge wird daher folgendermaßen beschrieben: „Doch, es war schon etwas um dieses trotzige, kantige kleine Haus, das da wie ein Fort in der schluchtenzerrissenen Hochebene, das da wie ein Wort, wie ein helles, hartes ‚Ich will!‘ in der Wildnis stand.“320 Es ist somit das Symbol der deutschen Durchhaltekraft. An dieser Stelle sei auch nochmals auf das Ende des Romans verwiesen, welches dieses Motiv unterstützt, indem am Erfolg des deutschen Willens und damit an der Wiedererlangung der Kolonie kein Zweifel mehr gelassen wird:

Aber einmal wird die Sonne dem Tag scheinen, an dem die tausendfältige Saat unsrer schweren Opfer, unsrer heißen Liebe zu dem Land Adolf Lüderitz‘ aufgeht […] Dann gehört Farm Trutzberge ihrem Erbauer; dann hat Traugott Richter sein Erbe.321

Auch Dietzel ist in seinem Werk Die Südafrikanische Union davon überzeugt:

                                                                                                                        318

Kaempffer, S. 102. Duden – Das große Wörterbuch der deutschen Sprache, Band 7 Sil-Urh. Mannheim 1995, S. 3463. 320 Kaempffer, S. 185. Auch von einem weiteren Deutschen im Buch wird beschrieben, dass er „sein Haus wie eine Festung um den ertrotzten Brunnen herumgebaut hat.“ (S. 166). 321 Kaempffer, S. 231. 319

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Wenn er [der Gedanke eines Greater South Africa] überhaupt noch zu verwirklichen ist, dann sicherlich nur in einer höheren Einheit, in der auch das südwestafrikanische Deutschtum seinen Platz zu behaupten vermag. Es muß nur den entschlossenen Willen dazu aufbringen.322

Darüber hinaus kann über den Titel wiederum eine Verbindung zum Heimataspekt geschlagen werden, da Farm Trutzberge stark an ein Werk Ludwig Ganghofers, seines Zeichens ein Heimatdichter, erinnert. Es handelt sich hierbei um den 1915 erschienenen historischen Roman Die Trutze von Trutzberg323, in dem es gleich zu Beginn heißt: „Wahrlich, ich sag' euch, ihr guten Christenkinder: alles vermag eine fromme Seel' zu erfechten mit festem Glauben, bloß mit dem Willen allein, wenn's nur der rechte ist!“324 Ob diese Referenz beabsichtigt war oder nicht, lässt sich nicht mehr mit Sicherheit rekonstruieren, jedoch ist die Parallele unverkennbar. Fest steht, dass der Gedanke des deutschen Willens, mit dem man alles erreichen kann, besonders zu der damaligen Zeit in Fachbüchern und Belletristik nachdrücklich vertreten wurde.  

5.2.2.  Literaturprogramm    

Das Literaturprogramm lässt sich auch im Falle Kaempffers aus den Ausführungen zum Textkonzept respektive den problematischen Beziehungen zu den oben dargelegten Gruppen erschließen. Es klingt bei der Lektüre des Romans ein aufrichtiges Unverständnis der Deutschen für die Behandlung durch die anderen Einwohnergruppen durch, welches sich durch das gesamte Werk zieht. Die deutschzentrierte Erzählweise des Romans schildert, wie bereits dargelegt, die Ereignisse nicht so, wie sie waren, sondern so, wie es für die Weltanschauung der Deutschen am passendsten ist. Hierbei ist es egal, ob es sich um Details wie die Faulheit der übrigen Bevölkerung handelt oder um Großereignisse wie den Krieg gegen die Afrikaner, der aus deutscher Sicht nötig war, um Land für den eigenen Bevölkerungsüberschuss zu erlangen. Wo eindeutig Straftaten vorliegen oder solche, die moralisch nicht zu rechtfertigen sind, werden diese von den Deutschen mit dem Argument verteidigt, dass der Zweck die Mittel heiligt. Auf diese Weise wird vermieden, die eigene Schuld eingestehen zu müssen, wie das im Falle Martin Richters geschieht, als er einen afrikanischen Arbeiter „so mordsmäßig“

                                                                                                                        322

In einer Fußnote heißt es weiter: Der vorstehende Abschnitt ist im Frühjahr 1933 geschrieben. Den seither zweifellos eingetretenen Rückschlag zu schildern und zu beleuchten mußte aus technischen Gründen unterbleiben. Der Verfasser sieht in ihm auch keinen Anlaß, seine Grundanschauungen aufzugeben. Die jetzige Reaktion wird, weil nicht aus dem Land selbst erwachsen, sondern durch äußere Ereignisse bestimmt, Episode bleiben. (Dietzel, S. 284). 323 Ganghofer, Ludwig: Die Trutze von Trutzberg: eine Geschichte aus anno Domini 1445. Stuttgart 1921. 324 Ganghofer, S. 5.

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schlägt, „daß er den nötigen Respekt bekommen hat.“325 Gegen Ende des Buches sehen sogar die Afrikaner ein, dass „der Engländerbur […] kein sicherer Freund geworden“ ist, sie aber bei den Deutschen „in festen Händen“326 sind. Bei der Hypothese über das Literaturprogramm ist außerdem noch Kaempffers eigener Hintergrund zu berücksichtigen. Er war im Jahr 1902 im Alter von sechs Jahren mit seiner Familie von Deutschland nach Südwest gekommen, das ihm bis zu seinem vierunddreißigsten Lebensjahr eine Heimat gewesen ist.327 Er selbst hat den „harte[n] Überlebenskampf“328 miterlebt und auch weitere Bücher geschrieben, in denen er sein Leben in der deutschen Kolonie verarbeitete. In seinem Roman Das erste Jahr, der drei Jahre nach Farm Trutzberge, also 1940, erschien, entwirft er eine Utopie, in der die Kolonien Deutschland zurückgegeben werden, was am Ende von Farm Trutzberge bereits anklingt und entspricht damit laut Schneider dem „Diskurs des Kolonialrevisionismus, der in Deutschland in der Zeit von 1935 bis 1940 […] wach gehalten worden war.“329 Dieser Kolonialrevisionismus ist auch in Farm Trutzberge vertreten, womit das Literaturprogramm definiert ist. Indem die Rückgabe der Kolonien angedeutet wird, sollen die Deutschen von ihrer Kolonialschuld entlastet werden, die im Buch explizit geleugnet wird.  

5.2.3.  Überzeugungssystem    

Im Falle des vorliegenden Romans muss bei der Untersuchung des Überzeugungssystems im Groben der historische Kontext, der normalerweise in der Aufbau-Interpretation stärker berücksichtigt wird, mit einbezogen werden. Die Weltanschauung Kaempffers ist hieran zu stark gebunden, als dass dies in der Analyse des Romans außen vor gelassen werden könnte. Wie bereits erwähnt wurde Farm Trutzberge im Jahr 1937, also vier Jahre nach der Machtergreifung Hitlers, veröffentlicht. Zu diesem Zeitpunkt bestand aus Sicht der Kolonialbefürworter tatsächlich noch die Hoffnung auf den Wiedererwerb der Kolonien, betrieb die NSDAP doch in Deutschland Kolonialpropaganda.330 Diese sollte allerdings nur von Hitlers eigentlichem Plan, nämlich den Osten einzunehmen, ablenken. Dennoch bekommt der Roman eine                                                                                                                         325

Kaempffer, S. 34. Kaempffer, S. 217. 327 Tabel, S. 86. 328 Tabel, S. 87. 329 Schneider, Daniel: Identität und Ordnung. Entwürfe des „Eigenen“ und des „Fremden“ in deutschen Kolonial- und Afrikaromanen von 1889 bis 1952. Bielefeld 2011, S. 254 f. 330 Tabel, S. 62. Vergleiche hierzu auch den dritten Programmpunkt der NSDAP in der Ausgabe Feders von 1934: „Wir fordern Land und Boden (Kolonien) zur Ernährung unseres Volkes und Ansiedlung unseres Bevölkerungs-Überschusses.“, S. 17. 326

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andere Facette, wenn man ihn unter Berücksichtigung des historischen Kontextes liest, in dem er entstanden ist. Farm Trutzberge weist große Parallelen zu charakteristischen Bestandteilen der NS-Zeit auf. Es finden sich auch Anspielungen auf Hitler neben der bereits dargelegten Selbsterhöhung der Deutschen gegenüber allen anderen beteiligten Völkern und vor allem der Juden, die in den Kolonien nicht die Rolle gespielt haben, die ihnen in Deutschland zugeschrieben wurde und die auch im Roman vertreten wird. Außerdem erfolgt auch eine Hervorhebung von deutschen Tugenden wie Fleiß, Disziplin und Arbeit, die die NS-Ideologie für sich genutzt hat. So ist Bernhard Richter beim Gespräch mit Kollegen auf den Diamantfeldern davon überzeugt: „[…] niemals wieder wird einer das deutsche Volk führen, der die Klasse oder die Kaste über das Volk setzt. Niemals wird einer das deutsche Volk befreien, der nicht die verfluchte Irrlehre des Internationalismus […] zu allererst zertrümmert.“331 Im Buch wird Standesdünkel und die Bevorzugung der Bourgeoisie und anderer hoher Stände zu Zeiten des Kaiserreichs moniert, wobei der Arbeiter keine Stimme hat und somit relativ chancenlos ist, seine Interessen durchzusetzen. Hitler hingegen, der den Arbeiterstand für seinen Machtausbau brauchte, hat diesen sehr umworben und unter anderem als Ziel proklamiert, dass „beim gemeinsamen Arbeiten [verschiedener Schichten] die letzten vermeintlichen Klassenschranken [fallen] und so die ‚Volksgemeinschaft‘ Schritt für Schritt verwirklicht werden könne.“332 So wurde er auch im Völkischen Beobachter vom 12. Mai 1933 zitiert: „Ich werde keinen größeren Stolz in meinem Leben besitzen als den, am Ende meiner Tage sagen zu können: Ich habe dem deutschen Volk den deutschen Arbeiter erkämpft.“333 Tatsächlich wurde schon die Arbeiterschaft der Weimarer Republik, zu deren Zeiten die Romanhandlung stattfindet, „sozial benachteiligt und wirtschaftlich ausgebeutet.“334 Kaempffer greift von diesem Standpunkt aus historisch authentische Problematiken auf, die er dann mit seinem eigenen zeitgenössischen Kontext verknüpft. Noch deutlicher wird dies im Brief, den Bernhard nach den Gesprächen auf den Diamantfeldern an Tine schreibt:

Wenn Gott in seiner Gnade Deutschland den Mann schenken mag, dem es gelingt, den schaffenden Menschen und das schaffende Kapital wieder, ihrer Aufgabe bewußt, in das Volk einzufügen, der es versteht, den Opfersinn und die Tatbereitschaft des Arbeiters richtig zu leiten, dann ist Deutschland bald heraus aus aller Not. Und solange wir den Führer nicht kennen, ist es unsre – die wir Streiter in

                                                                                                                        331

Kaempffer, S. 200. Eggerstorfer, S. 30. Vgl. auch Kaempffer, S. 205. 333 Zitiert nach Heuel, Eberhard: Der umworbene Stand – Die ideologische Integration der Arbeiter im Nationalsozialismus 1933-1945. Frankfurt am Main 1989, S. 13. 334 Eggerstorfer, S. 17. 332

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diesem Kampf um die deutsche Seele sein wollen – Aufgabe, uns tief hineinzubeugen in das Leid des g a n z e n Volkes […].335

Hitlers eigentliche Intention, einerseits die Stimmen der zunächst skeptischen Arbeiter für seine Partei zu gewinnen und andererseits die Arbeiterbewegung zu zerschlagen,336 wird dabei übergangen und somit auch, dass die NSDAP entgegen ihres Namens keine Arbeiterpartei war.337 Einer der Widersprüche im Buch ist daher, dass Hitler indirekt gepriesen wird, obwohl er unter anderem auf das aus war, was im Buch der Union massiv vorgeworfen wird: Stimmenfang. Der Aspekt der Sauberkeit und Ordnung ist, wie auch bei der Untersuchung zu Frenssens Peter Moor, während der Romananalyse herausgestellt worden. Beide Werte waren später für die Nationalsozialisten Mittel zur „Ab- und Ausgrenzung“338, wofür sie auch in beiden Romanen stehen. Diese Inhalte kamen den Deutschen vor allem in einem Land wie Südwestafrika entgegen: Mit ihnen konnten sie sich noch besser vom schmutzigen, schwarzen Volk, das sie umgab, abheben. Dennoch wurden sie damals nicht explizit auf physischen Kontakt zwischen Deutschen und Einheimischen bezogen, was sich auch an Stellen in Peter Morr und, um vorwegzugreifen, in Morenga von Uwe Timm zeigt. Es kam auch zu Mischehen zwischen Deutschen und Afrikanern, deren Nachkommen noch bis heute in Namibia leben.339 Ordnung und Sauberkeit wurden dann aber von den Nationalsozialisten noch weiter ausgeweitet, bis sie sich insgesamt auf die „‚Reinerhaltung‘ der ‚Rasse‘“340 bezogen. Auch das Motiv der Arbeit selbst, welches im Roman immer wieder betont wird, erhält eine ähnliche Gewichtung im Nationalsozialismus. Arbeit wird als „Arbeit für Deutschland“341 vor allem in wirtschaftlich schwachen Zeiten angepriesen, und auch in Farm Trutzberge ist die Arbeit ein Mittel, um das Deutschtum in Südwest zu festigen und um das Land deutsch zu machen. Auch hierzu findet sich in der Rede Hitlers vom Februar 1937 eine entsprechende Passage:

Daher muß man sich Arbeit schaffen, damit man jung bleiben kann. Und ich kann dem deutschen Volk, damit es lange als Volk jung bleibt, immer nur das eine wünschen: Deutsches Volk, nehme dir stets neue Arbeiten vor! Solange du große Projekte durchführst, so lange wirst du jung sein.342

                                                                                                                        335

Kaempffer, S. 206. Eggerstorfer, S. 23. 337 Heuel, S. 15. 338 Eggersatorfer, S. 197. 339 Bley, Helmut: Kolonialherrschaft und Sozialstruktur in Deutsch-Südwestafrika 1894-1914. Hamburg 1968, S. 249 ff. 340 Eggerstorfer, S. 197. 341 Eggerstorfer, S. 209. 342 Hitler, zitiert nach Kotze, S. 105. 336

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Generell ist die Arbeit für den Nationalsozialismus ein Wert gleichbedeutend mit Familie oder Ordnung343 und ganz im Sinne Bernhard Richters, der Tine wissen lässt, dass die Weißen sich, sind ihrer nur eines Tages genug im Lande, keiner Arbeit mehr schämen würden, auch nicht der des Viehhütens, heißt es in der Schrift der Deutschen Arbeiterfront Die DAF Schulung: „Es gibt keine Arbeit, die eines deutschen Menschen unwürdig wäre.“344 Darüber hinaus greift das Buch die Blut-und-Boden-Ideologie des Dritten Reiches auf, die auch hier mit dem Siedlungsgedanken verknüpft war, wiewohl er sich auf den Osten bezog.345 Demnach muss „ein gesunder Staat im eigenen Volk (Blut) und im eigenen Boden seinen Schwerpunkt haben.“346 Dies wird in den Kolonien sogar noch ausgeweitet, da die eigene Scholle, die durch Vererbung weiterhin in deutscher Hand bleiben sollte, hier nicht nur Fundament für eine funktionierende deutsche Gesellschaft darstellt, sondern den Triumph der Deutschen über die Regierung und die übrigen Einwohner selbst.347 Es wird an den bisherigen Darlegungen ersichtlich, dass der Roman, obwohl zunächst als Kolonialroman konzipiert, sehr von seiner Entstehungszeit beeinflusst ist und zwar auf eine Art und Weise, die an der Bejahung der NS-Ideologie keinen Zweifel lässt. Im Falle Adolf Kaempffers kann daher von einer nationalsozialistischen Weltanschauung ausgegangen werden. Zwar werden in Farm Trutzberge die Afrikaner anders behandelt als in Peter Moors Fahrt nach Südwest, die Kriege gegen die Afrikaner sind beigelegt und die ursprüngliche Bevölkerung soll nicht mehr so radikal zurückgedrängt werden. Das Zusammenleben und -arbeiten der Deutschen und Afrikaner ist allerdings einerseits nur durch die bestehende Abhängigkeit der Deutschen zu erklären und andererseits dadurch, dass sie diejenigen Arbeiten den Afrikanern überlassen haben, die sie selbst als zu lästig empfanden. Der übergeordnete Gedanke, den der Roman ebenfalls mit dem Nationalsozialismus gemein hat, sich vor der Welt zu behaupten,348 wird anhand der Kolonie Südwest in einem kleineren und überschaubaren Beispiel exemplifiziert. So, wie sich die Deutschen in Südwest gegen Buren, Afrikaner und die Regierung behaupten wollen, so können die Bewohner des Deutschen Reiches – mit der richtigen Führung – vor der Welt bestehen. Auch hat es zumindest zur Entstehungszeit des Buches im                                                                                                                         343

Eggerstorfer, S. 211. Zitiert nach Eggerstorfer, S. 203. 345 Bauer, S. 112 f. 346 Meyers Lexion, zitiert nach: Bauer, S. 113. 347 Vgl. Kaempffer, S. 66 f. 348 Siehe hierzu auch Hitler, zitiert nach Kotze, S. 93: „Staatlich redet in unser deutsches Leben jetzt niemand mehr hinein. Wir sind jetzt Herr in unserem Haus und werden dieses Recht unseres Hauses von jetzt ab eifersüchtig hüten. Das kann die Welt zur Kenntnis nehmen.“ Sowie NSDAP-Programm-Punkt 2, S. 17: „Wir fordern die Gleichberechtigung des deutschen Volkes gegenüber den anderen Nationen, Aufhebung der Friedensverträge von Versailles und St. Germain.“ 344

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heutigen Namibia durchaus Nationalsozialisten gegeben,349 sodass hier abermals eine geschichtliche Verknüpfung vorliegt. Das utopische, für die Romancharaktere aber erstrebenswerte Ende des Romans unterstreicht dies noch: Die Mühen und die Hartnäckigkeit zahlen sich letztendlich aus. Dies kann mit Hilfe der bereits zitierten Rede Hitlers auch wieder im historischen Kontext verortet werden, denn dieser Gedanke wurde dort ebenfalls proklamiert: „Und da kommt, glaube ich, erst recht unsere alte nationalsozialistische Aufgabe wieder zum Vorschein, nämlich unentwegt Träger des Glaubens an die deutsche Zukunft und damit der Arbeit zu sein, die für diese Zukunft notwendig ist“350 und es heißt weiter: „[E]ine Bewegung und ein Volk, die in so wenig Jahren sich aus einer solchen Niederlage wieder erheben, die sind wirklich zu bewundern, und die verdienen auch die Bewunderung der Nachwelt.“351 Somit lassen sich ganz leicht die Überzeugungen der NS-Zeit aus dem Roman herauslesen. Es kann daher die eingangs aufgestellte Hypothese über das Textkonzept bestätigt werden, dass der Roman das Vertrauen der Deutschen in sich selbst und ihre nationale Identität stärken soll, was im nationalsozialistischen Gedankengut gipfelt. Hiermit ist auch das nationalsozialistische Überzeugungssystem Kaempffers bezeichnet, das sich aus den rassistischen Facetten des Romans und dem von den Nationalsozialisten übernommenen Wertesystemen konstituiert. Mit den oben ausgeführten Überlegungen sind die vielen Elemente in Kaempffers Farm Trutzberge noch nicht erschöpfend behandelt. An anderer Stelle könnte weiterhin untersucht werden, in wie fern die Internationale, und zwar in diesem Fall hauptsächlich die Rote Gewerkschaftsinternationale, die im Roman vom Protagonisten stark kritisiert,352 von Nebenfiguren allerdings gestützt wird, in der Kolonie Deutsch-Südwest tatsächlich eine Rolle gespielt hat. In diesem Zusammenhang kann auch das Arbeitermotiv weiter ausgebaut werden. Wie bereits angerissen, ist wahrscheinlich auch das Judentum, obwohl es im Roman kein Hauptmotiv einnimmt, verzerrter dargestellt, als dies in den Kolonien tatsächlich der Fall war. Sollte sich diese Hypothese bestätigen, spräche das umso mehr für die meinungsbildende Funktion, die der Roman bei seinem Leser haben sollte. Da sich diese Aspekte dem zeitlichen Kontext der Kolonien zuordnen lassen, eignen sie sich eher für eine Aufbau-Interpretation, die aber aus Platzgründen in der vorliegenden Arbeit nicht vorgenommen werden kann.                                                                                                                           349

Babing, Alfred: Namibia. Kolonialzeit, Wiederstand, Befreiungskampf heute. Köln 1980, S. 134 ff. Hitler, zitiert nach Kotze, S. 106. 351 Hitler, zitiert nach Kotze, S. 109. 352 Vgl. z. B. Kaempffer, S. 194 ff. 350

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6.  Uwe  Timm:  Morenga   6.1.  Basisanalyse   6.1.1.  Textzusammenfassung    

Uwe Timms Morenga ist ein collageartig aufgebauter Roman mit mehreren Kapiteln, der hauptsächlich zu Zeiten des Herero-Aufstandes stattfindet und sowohl faktische als auch fiktive Elemente miteinander vermischt. Charakteristisch sind neben der eingeflochtenen Haupthandlung auch Passagen, die mit dem originalen Wortlaut aus Kolonialdokumenten sowie Fotobeschreibungen und fiktiven Tagebucheinträgen gefüllt sind. Er wurde im Jahre 1978 veröffentlicht und bildet damit eine der ersten literarischen Annäherungen an das Thema seit der NS-Zeit.353 Das Buch beginnt mit der Vorgeschichte des Herero- und Nama-Aufstandes und stellt den Rebellenführer Morenga vor. Im folgenden Kapitel wird Protagonist Gottschalk eingeführt, ein norddeutscher Veterinär, der auch in eben dieser Funktion nach Südwest gereist ist. Er kommt an dieser Stelle des Buches in Swakopmund an und es erfolgt eine Rückblendung zum Abschied in Deutschland und zur Überfahrt. Hierbei werden seine Kabinengenossen beschrieben: Zum einen Dr. Haring, ein extrovertierter und leutseliger Zeitgenosse und zum anderen Wenstrup, ein Veterinär-Kollege und der eher für sich bleibt und viel liest. Gespickt ist diese Stelle des Romans mit vielen Rückblenden in die Kindertage Gottschalks, dessen Vater ein Kolonialwarengeschäft besessen hatte. In Gesprächen mit weiteren Deutschen an Bord, beispielsweise Leutnant Schwanebach oder Rittmeister von Tresckow, die im weiteren Verlauf ebenfalls eine Rolle spielen, wird deren Geringschätzung gegenüber den Afrikanern deutlich. Der Handlungsverlauf wird danach wieder in die Gegenwart des Romangeschehens verlegt. Es schließt sich die Zugfahrt von Swakopmund nach Windhuk an, während der es durch ödes Land geht und vorbei an zerfallenen Stationen. Während der nächtlichen Rast malt sich Gottschalk, der langfristig in Afrika farmen will, sein zukünftiges Zuhause aus. In Windhuk sieht Gottschalk zum ersten Mal ein Konzentrationslager, das sofort von Wenstrup als Ausrottungssystem erkannt und kritisiert wird. Hierbei wird Gottschalks unbedarftes und teils etwas naives Wesen, das in dem Fall hauptsächlich mangelnden Informationen über Südwest zuzuschreiben ist, zum ersten Mal deutlich. Es erfolgt eine Beschreibung des Angriffs der Deutschen auf die Nama im Oktober 1904, bei dem die Deutschen aus taktischen und logistischen Gründen zunächst unterliegen.                                                                                                                         353

Hermes, S. 178.

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Wenstrup verschwindet. Entgegen eines Auftrages, mit einer Patrouille zu reiten, zieht er allein los und kehrt nicht mehr zurück. Gottschalk ist gar nicht klar, weswegen Wenstrup überhaupt nach Afrika gekommen ist, er selbst findet den Krieg aber mittlerweile beschaulich und interessant. In Rückblenden zu Gesprächen der beiden wird schnell das Querdenken Wenstrups, der den Krieg für unmenschlich hält, klar. Im Gegensatz dazu hört ihm Gottschalk, der auf viele dieser Gedanken noch nicht gekommen ist, aufmerksam zu und versucht, Wenstrups Denkweise nachzuvollziehen. Dieser hält sich auch einen Bambusen354 nicht als Handlanger, sondern um von ihm die Nama-Sprache zu lernen und gilt schnell als Sonderling. Gottschalk versucht ebenfalls, dem Sprachunterricht zu folgen und übt das Gelernte unter dem Spott Schwanebachs während des Ritts tagsüber. Wenstrup fällt auch sonst oft unangenehm auf, Gottschalk beginnt aber, Interesse an dessen Sichtweise zu entwickeln. Wenstrups Verschwinden wird von den Deutschen als Fahnenflucht interpretiert. Bei der Weihnachtsfeier, an der er noch teilnimmt, schenkt er Gottschalk das Buch Gegenseitige Hilfe in der Entwicklung, dessen Titel angelehnt ist an das Werk Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt355 des russischen Anarchisten Pjotr Kropotkin und das im Roman auch Kropotkin zugeschrieben wird. Gottschalk lässt das Exemplar schnell verschwinden. Es schließt sich eine längere Passage über Klaas Shepperd an, einem Propheten, der angeblich Hendrik Witbooi zum Aufstand anstiftete und dessen Ziel die Erlösung für das Nama-Volk ist. Danach erfolgt ein Gefechtsbericht über die Großoffensive unter Oberst Deimling gegen die Hottentotten im Jahr 1905. Auch hier werden die Schwierigkeiten deutlich, mit denen die Deutschen zu kämpfen haben. Trotzdem schlagen sie die Afrikaner zurück, wie auch im folgenden Gefechtsbericht der Belagerung von Warmbad 1904. Gottschalk reist nach Warmbad und kümmert sich dort um die Pferde. An dieser Stelle wird Oberleutnant Kageneck eingeführt, der jeden Tag betrunken und dann bereit ist, den Afrikanern Zugeständnisse zu machen, was von ihnen wiederum ausgenutzt wird. Es erfolgt ein längerer Rückblick ins Jahr 1852, als Missionar Gorth mit einem Ochsenwagen, auf dem er ein Klavier und Schweine transportiert, ins Land kommt. Als er in Warmbad auf Lukas, einen vorzeigbaren Hottentotten trifft, will er diesen am liebsten direkt mit nach Deutschland nehmen, um ihn dort bei Vorträgen über Afrika vorzuführen. Zusammen reisen sie weiter nach Bethanien. Je länger sich Gorth im Land aufhält, umso weiter entfernt er sich                                                                                                                         354

Eine in Deutsch-Südwestafrika allgemein eingebürgerte Bezeichnung für eingeborene Diener, besonders für die halbwüchsigen, im Haushalt beschäftigten Farbigen. (Schnee, Heinrich: Kolonial-Lexikon, Band I. Leipzig 1920, S. 120). 355 Kropotkin, Pjotr: Gegenseitige Hilfe in der Entwicklung. Leipzig 1904.

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von seinen eigenen Vorsätzen und wird mehr und mehr von den afrikanischen Sitten beeinflusst. Schließlich raucht auch er berauschende Dagga-Pfeifen und tanzt des Nachts. Er stirbt später unter ungeklärten Umständen. Es schließt sich eine Dokumentensammlung der Deutschen über das Für und Wider der Prügelstrafe und der hierzu legitimen Mittel an, die als nötig erachtet wird, aber nicht zu verheerend sein darf. Gottschalk träumt weiter von einem beschaulichen Leben. Die Kropotkin-Lektüre und die darin enthaltenen Anmerkungen Wenstrups irritieren ihn. Dr. Haring, der sich mit Gottschalk ein Zimmer teilt, beobachtet die Veränderung Gottschalks, die aufgrund des leidlich gepflegten Äußeren aus seiner Sicht einer Verkafferung gleichkommt. Als Gottschalk Haring Maßnahmen zur Vermittlung zwischen Deutschen und Afrikanern unterbreitet, halten die Deutschen ihn für geisteskrank. Es erfolgt wieder eine Rückblende in die 1850er Jahre, während denen der Händler Klügge mit einem riesigen Branntweinfass nach Bethanien kommt, dessen Einwohner gerade durch Missionar Kreft vom Alkohol entwöhnt worden sind. Klügge will ein paar Tage Rast machen, während denen er durch das Alkoholfass Bethanien aber in Chaos versetzt, da die Einwohner nun wieder auf den Branntwein spekulieren und Klügge im betrunkenen Zustand sogar mit der Missionarsfrau die Nacht verbringt, als ihr Mann außerhalb der Stadt ist. Als Klügge dann abreist, irrt er einige Zeit durch die Wüste, währenddessen verliert er den Verstand. Es schließt sich ein weiterer Bericht über ein nun wieder in der Romangegenwart stattfindendes Gefecht an. Gottschalks Verhältnis zu den Eingeborenen wird veranschaulicht. Er verbringt Zeit mit ihnen und hält den Krieg inzwischen für etwas Unrechtes. Als er für seine Verdienste ausgezeichnet werden soll, versucht er, dies zu verhindern, scheitert aber an der Bürokratie, die das mit sich bringt. Sogar Rittmeister Tresckow stellt nun den Sinn und die Ernsthaftigkeit des Krieges in Frage. Anschließend erfolgt die Geschichte eines weiteren Deutschen: Landvermesser Treptow. Auch ihn beeinflusst die afrikanische Lebensweise massiv, sodass er nach einiger Zeit die deutsche Disziplin fahren lässt, trinkt und ansonsten wenig aktiv ist. Erst ein Brief aus Deutschland, in dem zur Vereinfachung der Landvermessung eine Methode mit einem Ballon beschrieben wird, rüttelt ihn wieder auf. Gottschalk, der mittlerweile weit davon entfernt ist, eine Farm zu kaufen, ist unterwegs mit einem Wagentransport. Dieser wird von Morenga und seinen Mitstreitern überfallen, was sich jedoch human, fast freundschaftlich gestaltet. Morenga und Gottschalk unterhalten sich, dann 67    

lässt Morenga ihn gehen, was später das Misstrauen der Deutschen nach sich zieht, die hierin einen geschickten Zug wittern. Später stellt sich Morenga den Engländern und wird interniert. Das Ende des Krieges, das 1907 offiziell ausgesprochen wird, wird in seinen wichtigsten Stationen beschrieben. Gottschalk schreibt seinen Entlassungsgesuch und reist nach Lüderitz. Der inzwischen wieder freie Morenga wird verfolgt und es kommt zu einem Gefecht, in dem er fällt. Das Buch endet damit, das Gottschalk zusammen mit einem Mann namens Lüdemann im Ballon über das Allgäu fliegt.  

6.1.2.  Textbeschaffenheit    

Die Textwelt in diesem Roman kann als natürliche definiert werden. Zwar sind übernatürliche Elemente wie sprechende Tiere enthalten, jedoch sind diese auf die veränderte Wahrnehmung der Figuren zurückzuführen. Auch ist die Darstellung des Geschehens aufgrund der Collagenform nicht stringent und chronologisch, dennoch stehen die historischen Ereignisse im Vordergrund, weswegen auf Übernatürliches verzichtet wird. Auch bei dieser Analyse soll sich vor allem wieder der Darstellung der Deutschen und der Afrikaner gewidmet werden. Hierbei kann erste zum einen in die Elemente Alkohol, Sex, Deutschtum bzw. der Versuch, wie gewohnt weiterzuleben, eingeteilt werden und zum anderen in die Geschichten bestimmter Deutscher wie Gottschalk, Missionar Gorth, Händler Klügge und Landvermesser Treptow. Bei der Darstellung der Afrikaner finden sich sowohl konventionelle Sicht- und Darstellungsweisen, wie diese auch in Farm Trutzberge und Peter Moor vertreten sind, als auch gewandelte in dem Sinne, dass die Afrikaner als Menschen und Volk ernstgenommen werden. Es stellt sich hierbei vor allem die Frage, wann und aus welcher Intention heraus die jeweiligen Betrachtungsweisen eingebaut wurden. Unter den Deutschen gibt es diejenigen, deren Ansichten über Afrikaner die der damaligen in den Kolonien entsprechen. Hierzu gehören vor allem Rittmeister von Tresckow, Oberarzt Haring und Leutnant Schwanebach, abgesehen von Oberst Deimling und anderen historischen militärischen Figuren, zu denen auch Lothar von Trotha zählt, der aber nur am Rande erwähnt wird. Unter anderem findet sich hier der Vergleich von Afrikanern mit Tieren wieder, indem Schwanebach äußert, dass die medizinische Untersuchung eines Afrikaners eigentlich dem Veterinär zufällt.356 Die Afrikaner selbst werden je nach Kontext entweder wie in Peter Moor

                                                                                                                        356

Z. B. Timm, Uwe: Morenga. München 2011, S. 16 f.

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als Aufständische bzw. Feinde bezeichnet357 oder auch als Hottentotten358 und Neger359. Darüber hinaus findet sich das Attribut der Unreinheit in Morenga,360 in dessen Zusammenhang bei Deutschen, deren Sorgfalt für das Äußere in Afrika mehr und mehr abnahm, von Verkafferung gesprochen wird. Hierbei handelt es sich um ein damals gebräuchliches Wort, das den (negativen) Einfluss der Afrikaner auf die Deutschen bezeichnete.361 Die gegenteilige Sichtweise, dass der Krieg in Südwest unmenschlich sei und den Afrikanern ein Unrecht widerfährt, wird am radikalsten von Wenstrup vertreten. Dies zeigt sich vor allem in seinem Verschwinden, das wahrscheinlich als Desertation aufgefasst werden kann und in Äußerungen wie „Weil die Herrschaft des Menschen über den Menschen abgeschafft werden muß.“362 und „Sinnlos ist, wer nicht frei seine Sinnhaftigkeit ausbilden kann. Darum ist so viel Sinn auf seiten der Aufständischen“363 zum Tragen kommt. In seinem spurlosen Verschwinden wird auch die Marginalisierung der Afrikaner, mit denen er sympathisiert, verdeutlicht.364 Ein weiterer Gegner des Krieges, der in Afrika aber dennoch seine eigene Kultur und vor allem Religion zum Standard machen möchte, ist Missionar Gorth. Zwar sieht er die Afrikaner als „Geschöpfe Gottes“365 an, die allerdings in einer „Finsternis“ leben, in die nur Jesus Christus „Licht und Liebe“366 bringen kann. Gottschalk sticht in seiner Entwicklung, die er während des Romans durchmacht, heraus. Seine Geschichte ähnelt der Struktur eines klassischen Entwicklungsromans: Der unerfahrene Protagonist macht eine weite Reise, während der er immer mehr über sich und die Welt lernt, was ihn letztendlich charakterlich und seelisch reifen lässt, sodass er am Ende des Buches eine gefestigtere Persönlichkeit und ein differenzierteres Bild über das Land besitzt. Als Gottschalk nach Afrika kommt, hat er keine solch radikale und unreflektierte Einstellung wie beispielsweise Leutnant Schwanebach, was sich unter anderem daran zeigt, dass er zwar mit lacht, als Schwanebach einen Witz auf Kosten der Afrikaner macht, ihm aber eigentlich „zum Lachen gar nicht zumute gewesen“367 ist. Dennoch lässt sich Gottschalk im Gegensatz zu Wenstrup nach der Ankunft mit dem Schiff von einem Afrikaner, vor dem er sich ekelt, an                                                                                                                         357

S. z. B. Timm, 238 f. Z. B. Timm, S. 31. 359 Z. B. Timm, S. 9. 360 Ebd.: „Gottschalk fühlte die schwitzende schwarze Haut, er roch den sauren Schweiß. Er ekelte sich.“ 361 Vgl.: Schnee, Heinrich: Kolonial-Lexikon, Band III. Leipzig 1920, S. 606. 362 Timm, S. 57. 363 Timm, S. 63. 364 Rodena-Krasan, Mary: Postcolonial Subversions in Uwe Timm’s Morenga. In: Rectanus, Marc W. (Hrsg.): Über Gegenwartsliteratur – Interpretationen und Interventionen. Bielefeld 2008, S. 285. 365 Timm, S. 125. 366 Timm, S. 126. 367 Timm, S. 17. 358

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Land tragen.368 Es zeigt sich hier sein wenig entwickelter Standpunkt gegenüber den Afrikanern und auch dem Krieg, den er zunächst „beschaulich und abwechslungsreich“369 findet. Seine Beeinflussbarkeit zeigt sich aber auch in Details wie dem, dass Gottschalk Gesten von Wenstrup annimmt, was ihm aber wiederum bewusst und „gegen seinen Willen“370 ist. Wenstrup ist es auch, der Gottschalks Entwicklung anstößt, indem er ihn mit seinen Äußerungen und dem Buchgeschenk zum Nachdenken anregt. Zunächst sind es schiere Verständnisprobleme, die Gottschalk zum Nachfragen und zu weiteren Überlegungen bringen. In Gesprächen hatte er „so viele Fragen an ihn gehabt“371, als er nach Wenstrups Verschwinden das Buch Kropotkins aufmerksamer liest, versucht er, Sinn in dessen kryptisch erscheinende Randbemerkungen zu bringen.372 Gottschalk wird daraufhin offener für die Kultur und Lebensweise der Afrikaner und verbringt auch dann Zeit mit ihnen, als Wenstrup schon weg ist. Die Entwicklung gipfelt im Abschiedsgesuch Gottschalks mit der Begründung, „er wolle sich nicht länger beim Abschlachten unschuldiger Menschen beteiligen.“373 Die anderen eingangs genannten Deutschen, von denen noch die Rede sein soll, durchlaufen dagegen eine diametrale Entwicklung und scheitern hauptsächlich an ihren Vorhaben. Sie kommen aus unterschiedlichen Gründen in das Land, haben aber alle ein Ziel: ihre deutschen Interessen und Kultur durchzusetzen. Die teils weltfremden Ansichten, das indirekte sowie direkte Verhalten vor Ort den Einheimischen gegenüber und die Gegenstände, die hierbei mit transportiert werden, verleihen den jeweiligen Textstellen eine Komik auf Kosten der Deutschen. Wie bereits erwähnt, werden die Einheimischen aus zwei Hauptblickwinkeln heraus betrachtet. Der konventionelle rassistische wurde bereits in den vorangegangenen Analysen dargelegt. Die zweite Betrachtungsweise stellt die Einheimischen als ebenbürtige Menschen dar. Hierzu gehört zum einen die tiefergehende Beschäftigung mit der Kultur der Afrikaner, die sich Gottschalk und Wenstrup durch diese selbst beibringen lassen, und zum anderen die Beschreibung der Reaktionen der Afrikaner auf die Deutschen und ihr Handeln. Auf die Wahrnehmung der Einheimischen wird in Peter Moor und Farm Trutzberge keineswegs eingegangen. So finden sich in Morenga Stellen, die an der Intelligenz der Afrikaner keinen Zweifel lassen wie etwa der, dass sie die deutsche Sprache schneller lernten „als die Veterinäre Na-

                                                                                                                        368

Timm, S. 9. Timm, S. 45. 370 Timm, S. 24. 371 z. B. Timm, S. 66. 372 Timm, S. 337. 373 Timm, S. 422. 369

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ma.“374 So wird ebenfalls Universitäts-Professor Brunkhorst zitiert, der konstatiert, dass „man vom Schädel der Hottentotten nicht auf einen niedrigen Intelligenzgrad schließen könne, eher im Gegenteil.“375 Darüber hinaus fordert er, dass man sich zunächst genauer und vor allem vorurteilsfrei mit den Anschauungen der Afrikaner befassen sollte.376 Auch Morenga selbst wird positiv beschrieben: Er setze seine Pläne mit „bemerkenswerter Schnelligkeit, Tatkraft und Heimlichkeit ins Werk.“377 Von der Lebensweise der Afrikaner wird ebenfalls Positives berichtet. So schreibt Gorth, dass die Menschen „heiter und freundlich“ seien, eine „grenzenlose Ausgelassenheit“378 an den Tag legten und die Frau dem Mann ebenbürtig sei. Darüber hinaus ist das Verhältnis zwischen Gottschalk und dem Nama-Mädchen Katharina eines, welches man nicht mit dem nur auf das Sexuelle beschränkte der anderen Deutschen mit den Afrikanerinnen vergleichen kann. Ekelte Gottschalk sich noch am Romananfang vor dem verschwitzten Afrikaner, der ihn an Land brachte, so kommt es ihm bei Katharina vor, als verströme sie einen Geruch, wie „wenn er als Junge vom Spielen abends nach Hause kam, ein Geruch nach Erde, Sonne und Wind. Nach Schmutz, wie seine Mutter sagte, die aber keinen Geruchssinn hatte. Schmutz, das war, wie Gottschalk jetzt fand, lediglich ein Vorurteil der Zukurzgekommenen.“379 Es lässt sich aufgrund der obigen Ausführungen bereits festhalten, dass in Morenga ein viel diversifizierteres Bild der Beteiligten gezeichnet wird, als das in den vorangegangenen Romanen der Fall ist. Dies soll in der folgenden Basis-Interpretation genauer herausgearbeitet werden.  

6.2.  Basis-­‐Interpretation   6.2.1.  Textkonzept    

Timms Morenga wurde sechzig Jahre nach Übergabe der deutschen Kolonien veröffentlicht. Der Roman konstituiert sich entsprechend nicht zuletzt aus der geschichtlichen Distanz und einer gewandelten Weltanschauung. Sie bilden die hauptsächlichen Gründe für die Art und Weise, wie Deutsche und Afrikaner im Buch dargestellt werden. Dass Timm das Kolonialverhalten der Deutschen mit diesem Buch kritisiert, liegt auf der Hand. Es stellt sich daher viel mehr die Frage nach dem eigentlichen Ziel, das er mit dieser Kritik verfolgt. Aufgrund                                                                                                                         374

Timm, S. 59, s. a. Schmidt, S. 223. Timm, S. 349. 376 Timm, S. 357. 377 Timm, S. 100. 378 Timm, S. 135. 379 Timm, S. 254. 375

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dessen, dass er einerseits bei seiner Darstellung der Deutschen in militärischen wie kolonialen Belangen (z. B. Missionierung, Handel) den Fokus auf deren Unzulänglichkeiten legt und andererseits nicht nur die Vorzüge der Afrikaner (z. B. schnelle Lernfähigkeit) mit aufnimmt, sondern auch deren eigene Verwunderung und ihr Mokieren über die Deutschen veranschaulicht, ist der Schluss zu ziehen, dass kein Volk dem anderen überlegen ist. Diese ausbalancierende Darstellungsweise und das wiederholt und komisch beschriebene Scheitern der Deutschen führt zu der Hypothese, dass es sich um ein historisch-sozialkritisches Textkonzept handelt: Die Lächerlichkeit der Kolonialpläne herauszustellen, die von vornherein zum Scheitern verurteilt sein mussten, da sie auf einer überzogenen Selbsterhöhung und einem ungerechtfertigten Herrschaftsanspruch gründeten. Zwar sind die Deutschen aufgrund vermeintlichen Platzmangels nach Afrika gekommen, allerdings ist es zunächst nie darum gegangen, friedlich neben den Einheimischen zu existieren. Zum Inhalt des Buches passt auch seine Form: Der Roman changiert zwischen Rassenideologie, vertreten u.a. durch Leutnant Schwanebach und der Sichtweise, dass kein Volk mehr wert ist, als das andere, wie dies Wenstrup konstatiert. Die Form der Collage erlaubt es, zwischen diesen beiden Polen, i.e. Sicht der Figuren, zu wechseln, indem einerseits entsprechende historische Dokumente und Beschreibungen ausgewählt und andererseits phantastische Elemente hinzugefügt werden, die dies noch weiter stützen und veranschaulichen. Außerdem muss sich der Leser „zu diesem Prozeß in Beziehung setzen und gewinnt erst allmählich eine eigene Beurteilungsperspektive.“380 Mit Salama lässt sich außerdem sagen, dass in der dezentrierten Erzählweise auch zu einem „Dekolonialisierungsakt“381 beigetragen wird. Auf diese Weise kreiert der Roman keine Utopie, wie eine ideale Kolonie eigentlich hätte aussehen sollen, was nicht den gleichen Effekt hätte wie den, der dem Buch auch gerade durch die damaligen authentischen Anschauungsweisen verliehen wird. Somit wird erklärbar, weshalb durchgehend der Begriff Hottentotten auch von der Erzählerstimme, die sich zwischendurch einschaltet, verwendet wird. Nur durch die Gegenüberstellung der Anschauungsweisen kann die tatsächliche Tragweite der Kolonialpolitik deutlich werden. Die folgenden Unterkapitel stellen beispielhaft einige Deutsche und die Reaktionen der Afrikaner vor. Die Auswahl ergibt sich aus dem Fokus auf die groteske und absurde Darstellungsweise der Deutschen, die Timm gewählt hat. Es sei an dieser Stelle jedoch nochmals darauf hingewiesen, dass Morenga selbst, obwohl titelgebende Figur, immer weitgehend nebulös bleibt. Es werden hauptsächlich, bis auf die                                                                                                                         380

Basker, David (Hrsg.): Uwe Timm II. (=Contemporary German Writers), Cardiff 2007, S. 41. Salama, Dalia Aboul Fotouh: Postkolonialistische Perspektiven in der deutschen und arabischen Literatur. In: Czucka, Eckehard u. a. (Hrsg.): Interkulturelle Kommunikation – Perspektiven einer anwendungsorientierten Germanistik. München 2001, S. 223.

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wenigen Stellen, in denen er selbst auftritt, lediglich Vermutungen über ihn angestellt. Nach Hermes ist dies als Respektbekundung Timms den Afrikanern gegenüber zu werten, anstatt wie Romanautoren früherer Zeiten vorzugeben, „fundierte Informationen über die Bevölkerung von ‚Südwest‘ zu vermitteln.“382 Missionar Gorth Missionar Matthäus Gorth gehört der Rheinischen Missionsgesellschaft383 an und ist eine der historischen Personen im Buch, die tatsächlich im Jahre 1852 nach Süden gereist sind, um die Missionsstation Bethanien zu übernehmen. Auf Geschichten wie seine und Händler Klügges, der im nächsten Unterkapitel vorgestellt werden soll, stieß Timm in Dr. Heinrich Vedders Buch Das alte Südwestafrika384, welches Impulse für die weitere Ausgestaltung der Figuren und ihrer Schicksale gab.385 Der Titel Morenga lässt vermuten, dass sich um die Zeit der Herero- und Nama-Kriege im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts handelt, wodurch die Rückblende in die Zeit 50 Jahre zuvor vor allem auffällig ist. Sie unterstreicht die These, dass es in dem Roman nicht nur um die Nachzeichnung der Kriegsgeschehnisse gehen soll, sondern vor allem auch um das oft nicht durchdachte Vorgehen der Deutschen, die vor allem in kolonialen Fragen nicht so erfahren waren, wie viele andere europäische Staaten, aber dennoch an der weltweiten Kolonialpolitik mitwirken wollten. Hierzu wird daher Missionar Gorth herangezogen, der ebenfalls zu denen gehörte, die mit hochgesteckten Zielen in Südwestafrika ankamen, sie aber mit den falschen Mitteln versuchten, umzusetzen. Dies macht bereits die Überschrift des Kapitels deutlich, das die Geschichte Gorths erzählt: „Landeskunde I: Wie Gorth das Evangelium predigte, sich mit Ochsen besprach und vom rechten Weg abkam.“386 Schon hier wird die Antiklimax deutlich, die Gorths weiteren Werdegang beschreibt. Auf seinem Weg nach Bethanien hält Gorth in Warmbad Einzug, wo er schon von den Ortsansässigen mit einer unglaublichen Spannung erwartet wird. Diese ist allerdings nicht auf das                                                                                                                         382

Hermes, S. 186. In den deutschen Schutzgebieten hat die Rheinische Missionsgesellschaft in Deutsch-Neuguinea Niederlassungen und vor allem in Deutsch-Südwestafrika (seit 1842) ein großes und wichtiges Arbeitsfeld. Bis zur Aufrichtung der deutschen Herrschaft war sie für dieses Land fast der alleinige Vermittler europäischer Kultur und hat in jahrzehntelanger Arbeit ohne Schutz durch eine europäische Macht unter schwierigen Verhältnissen Pionierdienste geleistet und. der späteren deutschen Kolonisation vorgearbeitet. (Kolonial-Lexikon, Band III, S. 168). 384 Vedder, Heinrich: Das alte Südwestafrika. Berlin 1934, S. 322: „M. Gorth aus Heppenheim in Hessen sollte sein [Knudsens] Nachfolger werden. Von Otjikango aus versuchte er, nach Bethanien zu gelangen. […] Mit frischem Mut nahm er seine Arbeit auf, aber nur wenige Arbeitswochen waren ihm vergönnt. […]“ 385 Vgl.: Hamann, Christoff: Interview mit Uwe Timm: Einfühlungsästhetik wäre ein kolonialer Akt. In: Sprache im technischen Zeitalter. Heft 168, 2003, S. 451. 386 Timm, S. 117. 383

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Missionsvorhaben Gorths oder seine Person selbst zurückzuführen, sondern „auf das Gesicht des Fremden“, denn bei näherer Betrachtung „erkannten die geübten Nomadenaugen an ihm sogleich seine Ähnlichkeit mit einem Schaf.“387 Die Tatsache, dass dies der Grund für die freudige Erwartung der Afrikaner ist, die sogar durch „Gerüchte, die seit Wochen im Land umliefen“388 genährt wurde, untergräbt bereits Gorths Autorität als Missionar und macht ihn zu einer komischen Figur. Dies lässt sich vor allem an zwei Punkten fest machen. Zum einen erfolgt hier eine Umkehr des lapidaren Ausdruckes, dass „die Geistlichen […] ihren Schäfchen den Weg zum Himmel möglichst klar vorpredigen.“389 Indem Gorth selbst mit einem Schaf verglichen wird, wird er auf eine Stufe mit denen gestellt, denen er in Afrika zu predigen hat: den Afrikanern. Dieser Vergleich wird aber noch weiter überspitzt, indem Gorth „nicht mit irgendeinem Schaf“, sondern „dem feinwolligen Merinoschaf“ zu vergleichen ist und als sich „das Schafige in seinem Gesicht“390 noch durch Lächeln verstärkt, schlägt ihm „begeisterter Jubel“391 entgegen. Auch wird auf ihn im weiteren Verlauf des Kapitels nur noch durch das Wort Schafsgesicht392 rekurriert. Zum anderen bringt Timm hier einen Tiervergleich bezogen auf einen Deutschen ein, was wiederum den Tiervergleichen, die die Deutschen in den Kolonien damals mit den Afrikanern anstellten, gegenüber gestellt werden kann. Dies tritt, wie oben dargelegt, vor allem in Frenssens Peter Moor hervor. Gorth ist entsprechend nicht der einzige Deutsche, der in Morenga mit einem Tier verglichen wird. Händler Klügge, der im nächsten Kapitel noch genauer vorgestellt werden soll, wird mit einem Elefanten verglichen,393 Oberst Deimling hat auf einem Bild „eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Vorstehhund“394, während er in Gottschalks Augen eher ein „Hühnerhundgesicht“395 besitzt. Dies degradiert Deimling auch gleichzeitig bezüglich seiner militärischen Stellung. Leutnant Schwanebach erhält im Laufe des Romans den Spitznamen „Schweinebauch“396 und wird sogar als „behaart, schwarz, affenartig“397 beschrieben. Abgesehen von dieser letzten Beschreibung, werden die Deutschen immer mit Tieren verglichen, mit denen sie bestimmte Gemeinsamkeiten haben. Es geht daher nicht einfach                                                                                                                         387

Timm, S. 118. Ebd. 389 Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (Hrsg.): Digitales Wörterbuch der Deutschen Sprache. URL: http://www.dwds.de/?qu=Sch%C3%A4fchen (27.02.2013). 390 Timm, S. 118. 391 Timm, S. 119. 392 S. z. B. Timm, S. 126. 393 Timm, S. 214. 394 Timm, S. 235. 395 Timm, S. 265. An dieser Stelle wird außerdem Major von Kamptz erwähnt, „der auch irgendeinem Tier ähnlich sah, Gottschalk wollte nicht einfallen, welchem.“ 396 Z. B. Timm, S. 62. 397 Timm, S. 70. 388

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nur um einen Tiervergleich als Schimpfwort. So, wie sie die wendigen, dunkelhäutigen Afrikaner mit Affen verglichen haben, so werden auch die auffälligen Eigenschaften der Deutschen auf diese Weise herausgestellt. „Elefant“ und „Schweinebauch“ zielen auf das massivere Auftreten der Deutschen im Gegensatz zu den zierlichen Afrikanern ab, wie dies schon in Farm Trutzberge geschah. Mit einem Vorstehhund verglichen zu werden, spielt wiederum auf den militärischen Habitus und die dazugehörige Hierarchie der Deutschen an. Interessant ist auch, dass die Vergleiche nicht von Afrikanern, sondern immer nur von Deutschen gezogen werden. Betrachtet man diese Tiervergleiche vor dem Hintergrund dessen, dass sie ursprünglich oft auf die Afrikaner angewendet wurden, ergibt sich abermals eine Gleichstellung beider Völker bzw. ein Ausgleich in Bezug auf die zu Kolonialzeiten gängigen beleidigenden Darstellungen gegenüber den Afrikanern. Die Komik bzw. Ironie398 wird noch dadurch gesteigert, dass Gorth den Empfang als Beweis seiner göttlichen Mission missversteht. Auch die dort ansässige Missionarsfrau Priestley nimmt in einem Vorverweis den kurzen Ruhm Gorths vorweg: „Heute Hosianna, morgen kreuziget ihn.“399 Ihr ist sofort klar, dass Gorths Taten in Südwest keine Früchte beschert sind. Wie fehl am Platz viele europäische respektive deutsche Kulturgüter sind, zeigt die Tatsache, dass Gorth ein Klavier mitgebracht hat.400 (Ein weiteres Beispiel für die unbedingte Durchsetzung deutscher kultureller Gewohnheiten ist der Plan des Unteroffiziers Rattenhuber, in Afrika „eine Kunsteisbahn anzulegen.“401) Der Aufwand, der damit einhergeht, auf einem Ochsenwagen ein massives Musikinstrument wochenlang durch Wüste und sengende Sonne zu transportieren, evoziert abermals Komik. Es kommt auch nur zwei Mal zum Einsatz, als Gorth sich darauf selbst zum Gesang von Kirchenliedern begleitet. Am Ende des Kapitels, kurz vor seinem Tod, kann er selbst das nahezu umsonst mitgenommene „dümmlich schwarz lackierte Klavier nicht mehr ertragen.“402 Gorth will jedoch nicht nur mit den auf der Missionsschule gelernten Mitteln die Afrikaner zum Christentum bekehren, sondern sie gleichzeitig auch noch davor bewahren, anderen falschen Religionen, wie beispielsweise dem Islam, zu verfallen. Zu diesem Zweck hat er neben dem Klavier noch eine Sau und ihre Ferkel mitgebracht, um die Afrikaner an den im Islam verbotenen Verzehr von Schweinefleisch zu gewöhnen. Es zeigt sich ein weiteres Mal die                                                                                                                         398

Vgl. hierzu auch: Baumbach, Kora: Standorte – Westdeutsche und lateinamerikanische Autoren im Wechselspiel politischer und ästhetischer Kommunikation. (=Allgemeine Literaturwissenschaft, 15), Berlin 2011, S. 91. 399 Timm, S. 119. 400 Timm, S. 120. 401 Timm, S. 70. 402 Timm, S. 150.

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Unbeholfenheit der Deutschen, die sie in Afrika oft an den Tag legten sowie den häufigen Mangel an Argumenten, mit denen sie die Afrikaner von etwas zu überzeugen oder abzuhalten gedachten. Der Hauptfehler des Missionars liegt darin, dass er die Afrikaner nicht unvoreingenommen als eigenes Volk sieht, sondern sie immer durch die Brille der bereits vorhandenen und potentiellen Mitglieder der Missionsgesellschaft in Deutschland, denen er vorzeigbare Afrikaner auf Vortragsreisen durch sein Heimatland präsentieren will. So ist er auch von den „kleinen Hottentotten“ mit ihren „sonderbar verfilzten Haarlocken“403 enttäuscht. Erst in Lukas erkennt er die „veredelnde und bildende Wirkung des Christentums“, der „groß und gerade gewachsen [war], eine hohe freie Stirn und offene Augen“404 besaß. Diese Annahme beruht auf der damals beliebten, heute umstrittenen und bis in die Antike hineinreichende Methode der Physiognomik, nach der sich aus den physischen Eigenschaften eines Menschen auf dessen Charakter oder Seelenleben schließen lässt.405 Gorth hinterfragt nicht die Logik des Prozesses, durch den sich das Körperliche dem Seelischen angleichen und dass der genetisch festgelegte Körperbau sich also verändern müsste. Hier zeigt sich wieder, wie auch in Gorths unzulänglichen Kenntnissen der Nama-Sprache, aufgrund derer er sich kaum verständigen kann,406 dass sich der Missionar nicht genügend auf die Reise vorbereitet und vielmehr auf die Überlegenheit seiner eigenen Kultur und vor allem Religion gebaut hat. Schließlich muss er mit allen zu missionierenden Afrikanern, die der deutschen Sprache mächtig sind, in seiner eigenen Muttersprache kommunizieren. Es gab dagegen auch durchaus deutsche Missionare, die die Nama-Sprache gesprochen und sogar an Lehrbüchern gearbeitet haben, wie beispielsweise Kreft,407 der in Morenga ansatzweise ebenfalls thematisiert wird.408 Dennoch hat Timm die Geschichte Gorths in größerer Ausführlichkeit dargestellt, da diese insgesamt besser ins Textkonzept passt. Schließlich lässt sich Gorth, wie der Titel schon nahelegt, durch die afrikanische Lebensweise immer mehr von seinem Weg abbringen, was vor allem in den Briefen an seine Verlobte illustriert wird, die immer verwirrter klingen und immer weniger von Gott sprechen.409 Verantwortlich hierfür ist hauptsächlich und ironischerweise der von ihm selbst auserkorene „Vorzeigeafrikaner“ Lukas, mit dem er nach Bethanien reisen will und der ihn in das Rauchen der                                                                                                                         403

Timm, S. 125. Ebd. 405 S. z. B. Timm, S. 349. 406 Timm, S. 126 f. 407 Vgl.: Walter, Moritz: Aus Alten in Südwest, Band 9: Hermann Heinrich Kreft. Insbesondere das Kapitel: Mitarbeit am Neuen Testament und dem Wörterbuch in der Namasprache. Selbstverlag, Werther 1995. 408 Timm, S. 180. 409 Timm, S. 136. 404

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Daggapfeife und afrikanische Tänze einführt.410 Er lebt, dem Bild der Afrikaner entsprechend, ohne strukturierten Tagesablauf, hört Ochsen reden,411 wobei das Verstehen der Tiersprache „für einen anderen Weltzusammenhang“412 steht, und verliert immer mehr sein Ziel aus den Augen, das geografische wie auch das ideelle. Dennoch erreicht er eine wirkliche Annäherung an die Afrikaner nicht, sondern scheitert insgesamt mit seinem Vorhaben.413 Woran genau Gorth gestorben ist, ist nicht ermittelt und auch nicht, wie weit er gekommen wäre, wenn er sich dem Drogenkonsum entzogen hätte. Fest steht, dass sein Vorhaben ins Gegenteil umgeschlagen ist: Vielmehr wurde er von den Afrikanern missioniert und zwar ohne, dass diese sich dabei eine besondere Mühe hätten geben müssen, ohne, dass sie das eigentlich als erklärtes Ziel hatten. Sie waren ihm überlegen, werden zumindest so dargestellt, obwohl er durch die Missionsschule auf sie hätte vorbereitet sein müssen, indem sie ihn von vornherein in seiner Unbedarftheit richtig eingeschätzt haben,414 indem viele von ihnen und vor allem Lukas seine Sprache sprachen und somit ihre Kenntnisse seiner Kultur besser für sich nutzen konnten als er die seine. Es erfolgte demnach eine ironische Umkehr seiner Rolle in der Kolonie. Händler Klügge Mit dem Kapitel des ebenfalls historischen Händlers Klügge erfolgt ein weiterer Rückblick in die 1850er Jahre. In Vedders Buch wird zu ihm notiert: „Geisteskrank, durchzieht mit einer Karre, die er selbst schiebt, ganz Namaland und kommt bis Otizeva.“415 Es wird hauptsächlich die Zeit beschrieben, zu der Klügge sich in Bethanien aufhält, wo der bereits erwähnte Missionar Kreft arbeitet, der ebenfalls in Vedders Buch erwähnt wird.416 Zwar erreicht dieser die Ziele, den Alkohol in Bethanien zu verbannen, den Stamm sesshaft zu machen und die Viehräuberei einzudämmen, jedoch ist auch er aufgrund seiner Ideale, die er durchsetzen will, nicht vor auf Unwissenheit beruhenden Fehlern gefeit. Beispielsweise scheitert er an der Einführung des Lakto-Vegetarismus, da er sich aufgrund einer zum Verzehr falsch ausgewählten Pflanze eine Vergiftung zuzieht und einsehen muss, dass seine Kenntnisse der Nahrungsmittel                                                                                                                         410

Timm, S. 137. Timm, S. 140. 412 Hielscher, Martin: Sprechende Ochsen und die Beschreibung der Wolken. Formen der Subversion in Uwe Timms Roman Morenga. In: Sprache im technischen Zeitalter. Heft 168, 2003, S. 468. 413 Spedicato, Eugenio: Mentalitätskritik und geschichtliche Moraldidaxe in Uwe Timms Morenga (1978). In: Rácz, Gabriella u. a. (Hrsg.): Der deutschsprachige Roman aus interkultureller Sicht. Wien 2009, S. 297. 414 S. 121: „Aber dieser mildlächelnde Fremde, der dem Schaf so ähnelte, wollte niemandem Land oder Vieh nehmen.“ 415 Vedder, S. 582. 416 Vedder, S. 322. 411

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und Gewächse vor Ort für ein solches Unterfangen zu unzureichend sind.417 Hiermit sind die Szenen, die Einblicke in Krefts Leben und Wirken geben, im Buch fast wieder erschöpft, sodass sich auch dieses Kapitel abermals einem Deutschen widmet, dessen Pläne ins Südwestafrika einerseits ausgefallen, andererseits zum Scheitern verurteilt sind. Ähnlich wie Gorth, der zwar den Eingeborenen aufrichtig zugetan ist, aber dennoch zu sehr die eigenen Ziele und vor allem die der Missionsgesellschaft vor Augen hat, sodass sich die Frage ergibt, ob Gorth für das Seelenheil der Afrikaner oder die Deutschen missioniert, ist auch Klügge nur daran interessiert, seine eigenen Vorstellungen in Südwest wahr zu machen. Dies erfolgt allerdings in einem extremeren Maß, als das bei Gorth der Fall war. Klügge ist wenig an den Afrikanern selbst oder ihrer Kultur interessiert, auch nimmt er eine Unterscheidung zwischen Menschen und Hottentotten vor, indem er sich als einen guten Menschenkenner und „de[n] beste[n] Hottentottenkenner überhaupt“418 einschätzt. Seine materielle Orientierung lässt ihn das Konzept des riesigen Branntweinfasses ersinnen, welches von ihm persönlich konstruiert und in Kapstadt gebaut wurde. Dies wurde nötig, als Klügge feststellen musste, dass sein ursprünglicher Handel mit Töpfen, Knöpfen und anderen Utensilien des täglichen Lebens nicht einträglich genug war und die Afrikaner sich auch in geschäftlichen Dingen nicht so einfach betrügen ließen, wie er, abermals aufgrund fehlender Kenntnisse, angenommen hatte. Er wirft den Afrikanern ihren mittlerweile dank vorheriger Händler entwickelten Geschäftssinn, der bei den Deutschen in viel ausgeprägter Form gang und gäbe war, als „Unverfrohrenheit“419 vor und wird hierüber wütend. Der Einfluss der Deutschen hatte bereits Früchte getragen und, wie ersichtlich, in dieser Hinsicht nicht zu ihrem Vorteil. Klügge geht sogar so weit, dies als „verkehrte Welt“420 zu bezeichnen. Die Knauserigkeit, die die Afrikaner Klügge entgegenbringen, erklärt sich dieser mit ihrer Verwandtschaft zu den Juden. Tatsächlich wurde damals davon ausgegangen, dass nicht nur Juden, sondern auch Afrikaner semitischer Abstammung seien.421 Da seine Ware darüber hinaus zu haltbar ist, muss Klügge auf etwas umsteigen, das zur Neige geht und so Nachschub erforderlich macht. Dies ist beim Branntwein der Fall. Was aber noch wichtiger ist, ist die Tatsache, dass er abhängig macht, was einen durchgängigen Bedarf sichert. Klügge betrachtet dies als eine „zwingende und darum schöne Logik.“422 Hier wird auch deutlich, dass er nicht an einer realen wirtschaftlichen Entwicklung Südwestafrikas inte                                                                                                                         417

Timm, S. 180. Timm, S. 182. 419 Timm, S. 189. 420 Timm, S. 190. 421 Arndt, S. 28. 422 Timm, S. 192. 418

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ressiert ist, die durch den Branntweinhandel langfristig keine positive Entwicklung nehmen kann. So kommt es, dass er mit einem riesigen Branntweinfass in Bethanien Einzug hält, wo er sich auch nicht von dem dort erlassenen Alkoholverbot beirren lässt. Die Ironie ist, dass Klügge durch diesen Alkoholhandel der „Zivilisation der Weißen“423 zum Vormarsch verhelfen will, letztendlich dadurch aber Bethanien in ein größeres Chaos versetzt, als es die Afrikaner getan hätten, wie wohl die Deutschen ihnen ihre chaotische und faulenzende Lebensweise beständig vorwerfen.424 Bereits vorige Versuche, selbst hergestellten Alkohol zu vertreiben, bewirkten eine „gewisse Verrohung“425 und auch Gewalt.426 Allerdings gibt es in Bethanien zwei Hauptfaktoren, die das bevorstehende Chaos begünstigen und auf den Branntwein zurückzuführen sind: In Krefts Abwesenheit haben Klügge und die Missionarsfrau nach dem Genuss mehrerer Branntweingläser Sex miteinander. Außerdem wird Klügge durch die eigene Trunkenheit freigiebig mit dem Alkohol gegenüber den afrikanischen Einwohnern, vor denen er das Fass zunächst streng verschlossen hält und sogar durch ein zuschlagendes Tellereisen gesichert hatte. Zur Unterhaltung des gesamten Stammes können die Geräusche des Geschlechtsverkehres, beschrieben als „Röhren“, „Gebrüll“ und „Schmatzen“427 außerhalb des Missionarshauses mühelos wahrgenommen werden. Die Wortwahl erinnert an Tiergeräusche, womit abermals ein Tiervergleich gezogen wird.428 Vor allem Klügge wird aber nicht nur dadurch bloßgestellt, sondern auch durch die Anteilnahme der Afrikaner, die „von diesem unerhörten Wettlauf angezogen aus ihren Pontoks krochen“ und als „grinsende Menge“429 dem Treiben lauschen, bis sie zum Schluss „anerkennend“430 nicken. Die Stelle zeigt, dass auch die Deutschen über eine Scham- und Anstandslosigkeit verfügen, ganz entgegen dem Bild, das sie allgemein von sich selbst haben und auch nach außen darstellen wollen. Es ist gerade dies, was sie eigentlich den Afrikanern immer vorgeworfen haben,431 von denen sie nun zwangsläufig dabei gehört werden.

                                                                                                                        423

Timm, S. 189, vgl. auch: S. 70. Vgl. z. B. auch ebd. 425 Timm, S. 203. 426 Ebd. 427 Timm, S. 210. 428 Auch als Kreft zurück ist und seine Frau dennoch mit Klügge die Nacht verbringt, werden die Geräusche unter anderem als „wollüstiges Geschrei“ beschrieben, was Kreft an einen „Urwald“ erinnert. (S. 213) 429 Ebd. 430 Timm, S. 211. 431 Vgl.: Timm, S. 26. 424

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Als Kreft zurückkehrt, ist das chaotische Treiben in Bethanien bereits in vollem Gange. Schon von weitem hört er ein „Schreien und Grölen“432 und man tanzt. Als später Kreft mit seiner Frau wieder vereint ist und Klügge abreisen will, ist die Ordnung jedoch noch nicht wieder hergestellt. Noch immer hört man das „geile Hecheln“433 aus dem Missionshaus, diesmal von Kreft und seiner Frau, durch das „besoffene Gegröle“434 des Branntweingelages von Klügge und dem Stamm. Darauf, dass den Afrikanern die Lage durchaus bewusst ist, deutet auch die Aussage David Christians, dem Häuptling: „Du hast uns reich beschenkt, sagte David Christian mit einem hinterhältigen Grinsen zu Klügge, auch den Missionar.“435 Kurz darauf zieht Klügge mit seinem Fass aus Bethanien heraus. In der Wüste trifft er Dominicus, einen Elefantenjäger und Branntweintrinker, der als Flüchtling vor seinen Gläubigern in Deutschland ebenfalls seine ganz eigene Geschichte hat.436 Klügge ist diese Gesellschaft allein schon wegen des Branntweindursts seiner Bekanntschaft nicht recht, dennoch ziehen sie eine Weile zusammen durch die Wüste. Nachdem Dominicus eines Tages wie durch einen Unfall einen Schuss ins Fass abgefeuert hat, woraufhin der kostbare Branntwein entströmt, verlässt er Klügge, der von nun an damit zu kämpfen hat, dass die Afrikaner, die als Treiber mitreisen, nun erst recht auf den Alkohol spekulieren und das Rinnsal mit dem Mund auffangen, was der Händler einen „ekelhaften Anblick“437 findet. Später liegen alle Treiber „besinnungslos im Schatten“438 und es stirbt sogar ein Afrikaner, womit der verheerende Einfluss des Alkohols auch außerhalb Bethaniens weitergeht. Klügge wiederum macht das versehrte Fass sehr zu schaffen, sodass er nur noch „in möglichst kleinen Zeitabschnitten“439 schläft und an einer neuen Konstruktion für ein unverwundbareres Fass arbeitet. Ein Tag nachdem Klügge feststellt, dass das Fass leer ist, verfällt er vollständig einem Wahn. Als ein Treiber einen Ochsen schlägt, wirft er sich „schützend vor das Tier“ und ruft: „Das ist Gottes Kreatur!“440 Er fantasiert weiter, steckt dann das leere Fass in Brand und setzt es sich zum nächsten Ziel, einen Holunderbusch zu suchen, da zu seiner Kinderzeit einer bei seiner Familie im Garten gestanden habe. Das Kapitel endet schließlich damit, dass er allein weiter durch die Wüste zieht, ohne, dass man sich mit ihm noch hätte verständigen können.

                                                                                                                        432

Timm, S. 211. Timm, S. 217. 434 Ebd. 435 Ebd. 436 Timm, S. 221. 437 Timm, S. 225. 438 Ebd. 439 Ebd. 440 Timm, S. 229. 433

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Er teilt somit ein ähnliches Schicksal wie Gorth, obwohl er ganz andere Motive und Ziele hatte als der Missionar. Auch er hat seinen in Deutschland zurechtgelegten Plan nicht erfolgreich durchführen können, auch er ist schließlich an dem Land Afrika und den dortigen Bedingungen gescheitert, wobei ihm nicht zuletzt sein Überlegenheitsgefühl den Afrikanern gegenüber zum Verhängnis geworden ist. Auch hierin liegen wieder die Ironie und die ausgleichende Darstellungsweise in Bezug auf die Afrikaner: Klügge hatte die Einwohner abhängig machen und ihre Sucht für seine materiellen Zwecke ausnutzen wollen, stattdessen wird er selbst das Opfer seines Alkohols, indem er das Fehlschlagen seiner eigenen Erfindung respektive Konstruktion und seines eigenen absurden Plans, mit einem überdimensionalen Fass durch das Land zu ziehen, nicht verkraften kann, in den er all seine Zukunftsvisionen gesetzt hat. Auch verfällt er durch den Alkohol aus christlicher Sicht der Sünde des Fleisches. Durch diesen Verlust der Disziplin wird auch er zur Unterwanderung der Deutschen als Kolonisatoren instrumentalisiert. Die Rolle des Alkohols in Südwest, wie sie im Buch geschildert wird, ist mit dieser Darstellung noch nicht erschöpft. Beispielsweise die Figur des Grafen Kageneck und auch Landvermesser Treptow werden hierdurch in unterschiedlichem Maße beeinträchtigt. Veterinär Gottschalk Johannes Gottschalk ist der fiktive Protagonist in Timms Roman, der allerdings durch sein Tagebuch, das gegen Ende bei einem gefallenen Feldkornett Morengas gefunden wird, an Authentizität gewinnt. Einerseits durch dieses Dokument und andererseits durch die erzählerisch eingeflochtenen Passagen über Gottschalks innere Gedankengänge kann der Leser dessen Entwicklung mitverfolgen. Vollständig lässt sie sich an dieser Stelle allerdings aus Platzgründen nicht ausführen, jedoch ist es im thematischen Rahmen der Arbeit ausreichend, seine Motive für die Afrikafahrt und die Beziehung zu den Afrikanern etwas zu beleuchten. Bereits zu Beginn des Romans wird deutlich, dass Gottschalk die Motive für die Reise wenig durchdacht hat. Sie werden zunächst nicht explizit genannt, weil sie von ihm selbst gar nicht genau formuliert werden können.441 Der Krieg respektive der Kampf für das Vaterland ist es nicht, was ihn antreibt, denn noch bevor das Schiff überhaupt in Hamburg ablegt, hat „Gottschalk plötzlich den Wunsch, wieder auszusteigen. Da wurde ein Krieg geführt, der ihn, genaugenommen, doch gar nichts anging. Wie war er nur auf den verrückten Gedanken gekommen, sich freiwillig zu melden?“442 Vielmehr besteht der Grund zunächst darin, dass Gott                                                                                                                         441 442

Timm, S. 15. Timm, S. 10.

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schalk, wie viele Südwestafrikareisende zu der Zeit, eine romantische Vorstellung vom Leben in Übersee hatte. Diese Überlegung schließt sich auch an die Kriegsgedanken an: „Andererseits hatte er sich in den vergangenen Tagen auf Südwest gefreut. Dort begann, während in Deutschland die Tage kürzer und kälter wurden, der Sommer.“443 Auch hält er, nachdem er in Afrika angekommen ist, nach Farmland Ausschau. Wie bereits weiter oben dargelegt, finden sich in Gottschalks Tagebüchern Vorstellungen von seiner Zukunft, die sich auf der Zugfahrt durch die karge Landschaft vorbei an Ruinen und angesichts des nahen Krieges besonders ausgefallen ausnehmen. Er träumt von einer bürgerlichen Idylle, wie er sie aus Hamburg kennt: Sein Farmhaus soll eine Bibliothek beinhalten sowie ein Klavier, „obwohl Gottschalk selbst nur etwas Flöte spielen konnte, aber seine Frau würde Klavier spielen können, später auch seine Kinder. Wobei gesagt werden muß, daß Gottschalk zu dieser Zeit (er war vierunddreißig Jahre alt) keine Frau kannte, die seine Frau hätte werden können.“444 Wie wenig Gottschalks Traumkonstruktionen die tatsächlichen Umstände berücksichtigen und damit umso schwerer realisierbar sind, zeigt sich somit nicht nur darin, dass er dabei das Land weitgehend ignoriert, in dem er eigentlich leben will, sondern auch seine eigene Lebenssituation. Vor allem mit ersterem steht er in einer langen Tradition deutscher Afrikareisender und besonders -auswanderer, die das weite Land als Freiraum ansehen, in dem sie die Pläne verwirklichen können, die sich in Deutschland nicht verwirklichen lassen. Einmal Abenteuer erleben, wie in Peter Moor; unbescholten und frei zu leben ohne Vorschriften, wie in Farm Trutzberge oder im neuen Land noch unbekannte Unternehmungen aufzubauen wie im Falle des Händlers Klügge. Die Liste der Gründe, die weder auf Deutschland noch auf die Afrikaner, sondern auf das jeweilige Individuum selbst bezogen sind, ist lang. Gerade in einem Land wie Deutschland, das um die Jahrhundertwende eine schnelle Entwicklung hin zur Industrialisierung durchmachte, worauf schon Kunst und Literatur unter anderem mit der Wiederentdeckung der Romantik reagierten,445 kam der Krieg in Südwest gerade recht. Er bot einen Vorwand, um das Leben führen zu können, das man sich abseits von Mietkasernen und Verpflichtungen vorstellte und gerade das kritisiert Timm in Morenga, indem auch Gottschalk keine Ausnahme hiervon bildet. Er stellt einen mittleren Helden dar, wodurch seine Entwicklung, ausgehend vom großen Einfluss der Kolonialpropaganda, ihren Lauf nehmen kann.446 Dass das Land Afrika als solches dabei eine Nebenrolle spielt, vielmehr das Deutschtum dort                                                                                                                         443

Ebd. Timm, S. 21. 445 vgl. hierzu auch: Noyes, zitiert nach Rodena-Krasan. 446 Baumbach, S. 63. 444

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hin verlegt werden soll, hat Gottschalk mit vielen anderen in dieser Arbeit vorgestellten Charakteren gemeinsam. Was ihn von ihnen unterscheidet und letztendlich seine Entwicklung ermöglicht, ist die Tatsache, dass er von vornherein kaum abwertend über die Afrikaner denkt und auch an keiner Stelle das Land dafür verantwortlich macht, dass seine Vorstellungen sich nicht erfüllen. Zwar hat er anfangs Berührungsängste mit den Afrikanern und ekelt sich, wie bereits dargelegt, auch vor ihnen, die menschenverachtende Einstellung des Leutnant Schwanebachs teilt er aber nicht. Letztendlich entfernt er sich sogar innerlich wie äußerlich von der deutschen Schutztruppe, während der Protagonist in Peter Moor im Kollektiv aufgeht.447 Auch in der Darstellung Gottschalks bedient sich Timm des Stilmittels der Ironie. So beschäftigt sich Gottschalk, der in einem Zug auf dem Weg ins Kriegsgebiet ist, nicht mit dem Bevorstehenden oder gar damit, dass er sein Leben riskieren könnte. Timm treibt die ohnehin schon realitätsfernen Vorstellungen Gottschalks insofern auf die Spitze, als dass die Entscheidung des Kaufs eines Klaviers oder doch eher Cembalos „jeweils von der Situation ab[hängt], die er sich gerade vorstellte, und von dieser Situation wiederum, wie das Zimmer auszusehen habe […] und endlich auch die Zahl seiner Kinder. Bei bestimmten Musikstücken würden drei reichen, bei anderen vier […].“448 So wird an Gottschalk durch Übertreibung exemplarisch die Unangemessenheit der Pläne und Motive vieler Deutscher zur Kolonialzeit veranschaulicht. Das wird auch daran deutlich, dass in Gottschalks Tagebüchern keine Eintragungen darüber gemacht werden, wie der Farmbetrieb eigentlich erfolgreich begonnen geschweige denn fortgeführt werden könnte, sondern er sich nur mit Einzelheiten des häuslichen Lebens befasst. Dies zeigt einmal mehr die Sehnsucht nach einem ruhigen, beschaulichen Leben jenseits der Großstadthektik in Hamburg. Von Wenstrup wird er deswegen ausdrücklich als Träumer bezeichnet und kritisiert.449 Über die tieferliegenden Gründe seiner Fahrt nach Afrika reflektiert Gottschalk jedoch erst viel später, als ihn Wenstrups ausgesprochene und geschriebene Gedanken schon eine Weile beschäftigt haben. Die hier angestellte Überlegung, warum er sich zu einem Erkundungsritt zum Oranje gemeldet hatte, lässt sich auch auf seine gesamte Afrikareise übertragen, die ihre Wurzeln im eingangs oft beschriebenen Kolonialladen des Vaters hat und schließlich die Weiten Afrikas mit dem Argument der Abenteuerlust vereint:

Es war die Sehnsucht nach dem Neuen, die aus seiner Kindheit zu kommen schien, nach der Ferne; eine Neugierde, die alles Gewohnheitsmäßige, Erstarrte aufbrach, in der man sich plötzlich und überraschend als ein anderer wiederfand, in der die kühnsten Tagträume schaudervolles Leben annahmen,

                                                                                                                        447

Hermes, S. 185. Timm, S. 22. 449 Timm, S. 20. 448

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gewöhnliche Dinge sich jäh häuteten, fremd wurden und geheimnisvoll. Der Zimtgeruch im Laden seines Vaters. Zuweilen konnte Gottschalk nicht mehr verstehen, wie er die vergangenen Jahre in der drückenden Enge der Kaserne überhaupt hatte ertragen können, dieser schmutzigrote Backsteinbau, der dem städtischen Gefängnis ähnelte. Hier hingegen war Raum und nicht nur Platz, so weit die Ellenbogen reichten.450

Letztendlich liegt in den Motiven Gottschalks also ein Widerspruch. Er will einerseits das Neue und damit das Erstarrte aufbrechen,451 gleichzeitig wünscht er sich aber ein adrettes Leben in Südwestafrika, „mit rotweiß gewürfelten Gardinen vor den Fenstern seines Farmhauses“452, also eben doch wieder das Vertraute in der Fremde. Gottschalk kann seinem Bezug zum Eigenen, zur deutschen Herkunft, keinen weniger hohen Stellenwert zugunsten einer Assimilation in Südwestafrika einräumen, weswegen er am Ende des Romans doch daran scheitert, das Fremde zu überwinden.453 Er schafft es auch nicht im Falle des Namamädchens Katharina, in das er verliebt ist. Selbst sie erinnert ihn durch ihren Geruch an zu Hause,454 wie wohl Gottschalk festhält, dass das einzige, was sie ihm „manchmal fremd“455 macht, die Tatsache ist, dass sie seine Pfeife rauchen will. Dennoch entfremdet er sich weiter von ihr, bis er ihr sogar aus dem Weg geht.456 Auch im Gespräch mit dem Dominikanerpater Meisel wird die unüberwindbare Entfernung zu den Afrikanern deutlich, als dieser ihn fragt, wieso Gottschalk nie übergelaufen sei.457 Gottschalk, der öfter mit dem Gedanken gespielt hatte, muss schließlich bekennen:

Er war unsicher geworden. Da war, wenn man diese Menschen beobachtete, mit ihnen sprach, sie roch, doch eine Ferne, die ihm nicht überbrückbar schien. Auch wenn er sich sagte, daß mit einem solchen Schritt für ihn alles anders würde, nicht leichter, aber doch wäre er sich dann selbst näher gekommen.

An dieser Stelle klingt ebenfalls der mögliche Grund für Gottschalks Unvermögen, den Afrikanern näher zu kommen, an: die Entfernung, die er auch sich selbst gegenüber empfindet. Er wird einerseits dadurch untermauert, dass Gottschalk sich den eigenen Beweggründen für den großen Schritt, nach Afrika zu gehen, zunächst nicht bewusst ist und andererseits dadurch, dass er, „obwohl schon vierunddreißig Jahre alt, noch immer keine festgelegten körperlichen

                                                                                                                        450

Timm, S. 157 f. S. a. Rodena-Krasan, S. 282. 452 Timm, S. 158. 453 Vgl. auch: Ott, Christine: Der Schriftsteller als Geschichtsschreiber und Ethnograph. (=Europäische Hochschulschriften, 2026), Frankfurt am Main 2012, S. 59. 454 Timm, S. 254. 455 Ebd. 456 Timm, S. 331. 457 Timm, S. 418. 451

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Ausdrucksformen“ hatte und daher „mimische Eigenarten anderer Personen übernahm.“458 Er kommt als unreifer Charakter nach Afrika, weswegen er, obwohl er sich bezüglich des Krieges, den er schließlich als falsch empfindet und des Humanitätsgedankens vor Ort weiter entwickelt, an der Überwindung der Grenzen scheitert.459 Gottschalk unterliegt dem Einfluss des allgegenwärtigen Deutschtums, sodass ihm auch dann der Weg in ein afrikanisches Leben versperrt bleibt, als er im Gegensatz zu bereits genannten anderen Deutschen bereit gewesen wäre, sich auf die afrikanische Kultur einzulassen. Es zeigt sich später nicht zuletzt in seinem Äußeren, dass immer mehr den Einheimischen ähnelt.460 Dies darf allerdings nicht als Widerspruch zu Gorth gelesen werden, der schließlich der afrikanischen Lebensweise folgt. Dieser lässt sich äußerlich passiv mitreißen und findet keinen echten Zugang zu den Einheimischen, während Gottschalk aktiv über sein Verhältnis zu den Afrikanern reflektiert. Somit vereinigt Timm im Protagonisten das Gesamtgewicht, das die deutsche Herkunft für viele Kolonisten hatte, wohingegen bei Gorth und Klügge nur Teilaspekte beleuchtet werden, namentlich vor allem der missionarische und der Handelsaspekt der deutschen Kolonisation. Dennoch wurden diese Charaktere bisher in der Forschung zu Unrecht weitgehend vernachlässigt,461 stellen sie doch wesentliche Charaktere dar, anhand derer Timm die Darstellung der Deutschen, wie sie bei Frenssen und anderen früheren Kolonialschriftstellern erfolgte, umkehren und so eine besondere Wirkung der Kritik erzielen konnte, wie oben gezeigt. Es lässt sich festhalten, dass sie „Vertreter einer epochalen Verblendung“462 darstellen, mit denen „kulturelle[] Selbstüberheblichkeit, kapitalistische[s] Profitdenken und religiöse[] Besserwisserei“463 als solche entlarvt werden. Somit wird die Autorität der Deutschen als Kolonialherren unterwandert.  

6.2.2.  Literaturprogramm    

Bezieht man noch weitere Werke Timms in die Betrachtung mit ein, so fällt auf, dass viele markante Ereignisse der deutschen Geschichte zum Thema haben. Es handelt sich hierbei vor                                                                                                                         458

Timm, S. 24. Siehe zur Gottschalks Zwiespalt auch: Agossavi, Simplice: Fremdhermeneutik in der zeitgenössischen deutschen Literatur. St. Ingbert 2003, S. 51-54. 460 Timm, S. 169. 461 Vgl. z. B. Brodersen, Silke: Die Symbolik des Widerstands in Uwe Timms Morenga und Alfred Anderschs Winterspelt. In: Petersen, Christer (Hrsg.): Zeichen des Krieges in Literatur, Film und den Medien. Band 1 Nordamerika und Europa. Kiel 2004. Dort heißt es: „Die Erlebnisberichte über die Missionare Knudsen und Gorth sowie den Händler Klügge dienen als Vorläufer und Kontrapunkte für Gottschalks im Text geschilderte Bewusstseinsveränderungen. Bereits diese Pioniere der kolonialen Frühzeit verlieren im Laufe ihres Aufenthaltes ihre klaren Ideale und fallen einem Zustand anheim, der vom westlichen Standpunkt als ‚Verkafferung‘ […] gewertet wird.“ (S.281). 462 Spedicato, S. 291. 463 Ebd. 459

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allem um zwei Themen. Als erstes ist der Nationalsozialismus zu nennen, um den es in Am Beispiel meines Bruders464, einem autobiografischen Roman, geht. Auch die Handlung in Halbschatten465 findet in dieser Zeit statt. Beide Romane ergründen die näheren Lebensumstände von zwei Personen, die tatsächlich gelebt haben und versuchen, ihre Handlungsweisen nachzuvollziehen. Das zweite Thema, das in Timms Gesamtwerk zur Sprache kommt, ist die Zeit der politischen Studentenbewegung um das Jahr 1968. In Der Freund und der Fremde466 zeichnet er seine Freundschaft zu dem Studenten Benno Ohnesorg nach, der 1967 in einer Demonstration durch einen von einem Polizisten abgegebenen Schuss ums Leben kam. Dieses Ereignis ging in die Geschichte ein als weiterer Anstoß für die deutsche Studentenbewegung. Auch im Roman Heißer Sommer467, der sechs Jahre nach der Studentenrevolte erschien, werden die Geschehnisse dieser Zeit verarbeitet. Mit dem Roman Morenga geht Timm noch weiter in der deutschen Geschichte zurück in eine Zeit, die er nicht direkt, sondern durch Erzählungen miterlebt hat.468 Gerade dadurch, dass es sich bei der deutschen Kolonialzeit um eine Ära handelt, die in Forschung und Literatur relativ stiefmütterlich behandelt wird, wird deutlich, wie sehr Timm an der Aufarbeitung der deutschen Geschichte in seinem Werk gelegen ist. Es kann aufgrund der anderen Romane und der bisherigen Ausführungen zu Morenga davon ausgegangen werden, dass das Literaturprogramm respektive allgemeine Ziel Timms darin besteht, die Erinnerungskultur in Deutschland wachzuhalten und deren Brisanz zu verdeutlichen, indem er bestimmte historische Ereignisse in ihrer Tiefe ergründet und veranschaulicht anhand von Beispielen bestimmter Personen.469 Es kann so ein besseres Verständnis der Umstände und Dynamiken der damaligen Zeiten erreicht werden, die in ihrer Detailliertheit sonst vor allem einer breiten Öffentlichkeit oftmals nur schwer zugänglich sind. Aus diesem Grund sind viele Geschichten und Schicksale authentischer deutscher Afrikareisender, aber auch Angehöriger anderer Bevölkerungsgruppen in Morenga dargestellt. Sie ergänzen und illustrieren die geschichtlichen Dokumente, die ebenfalls im Roman enthalten                                                                                                                         464

Timm, Uwe: Am Beispiel meines Bruders. Köln 2003. Timm, Uwe: Halbschatten. Köln 2008. 466 Timm, Uwe: Der Freund und der Fremde. Köln 2005. 467 Timm, Uwe: Heißer Sommer. München 1974. 468 Vgl.: Riordan, Colin: ‘Eine Deklaration gegen Gewalt und Tod‘: Gespräch mit Uwe Timm. In: Basker, David (Hrsg.): Uwe Timm I (=Contemporary German Writers), Cardiff 1999, S. 32. 469 S. hierzu auch: Wilke, Sabine: „Hätte er bleiben wollen, er hätte anders denken und fühlen müssen“: Afrika geschildert aus Sicht der Weißen in Uwe Timms "Morenga". In: Monatshefte für deutschsprachige Literatur und Kultur, 93.3 (2001), S. 335: „Vor allem war es das permanente Verschweigen der deutschen Kolonialgeschichte und der deutschen Vergangenheit als Kolonialmacht, das in der Bundesrepublik Uwe Timms herrschte und Timm zur schriftstellerischen Arbeit an diesem Stoff anregte.“ 465

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sind, wie beispielsweise Briefe verschiedener Leutnants oder Zitate aus diversen Dokumenten des Reichskolonialamtes. Auf diese Weise wird ein mehrdimensionales Bild der Kolonialzeit gezeichnet, das einen wichtigen Bestandteil der Erinnerungskultur ausmacht und sich nicht zuletzt auch aus der Collagenform ergibt. Somit wird dem Rezipienten ein anschauliches Bild von Geschichte vermittelt, ohne, dass zu sehr auf Fiktion ausgewichen wird oder historische Fakten zugunsten der Handlung abgeändert werden.  

  6.2.3. Überzeugungssystem  

Aufgrund der vorangegangenen Ausführungen, nicht zuletzt der Themenpalette in Timms Werken insgesamt, die geprägt ist von markanten geschichtlichen Ereignissen, in denen die Rolle der Opfer eine ganz entscheidende ist, lässt sich für das Überzeugungssystem Timms konstatieren, dass es durch den Humanitätsgedanken geprägt ist. Hierbei spielt vor allem der Aspekt der Gleichheit in diesem Gedanken eine Rolle, was sich in Morenga an mehreren Stellen zeigt. Vor allem anhand der Entwicklung Gottschalks zeigt sich explizit, dass kein Mensch und kein Volk das Recht haben, sich über andere Individuen oder Menschengruppen zu stellen und diese entsprechend zu behandeln. Auch die Gründe aus denen dies geschieht, beispielsweise die als fortschrittlicher angesehene eigene Kultur und Wirtschaft, werden hier durch die Darstellung Deutscher wie Gorth oder Klügge untergraben und als unzulässig entlarvt. Der Titel des Buches Gegenseitige Hilfe in der Entwicklung, das Wenstrup Gottschalk schenkt, unterstreicht dies ebenfalls. Schließlich ist die Forschung im Falle Uwe Timms in der Situation, auf Aussagen des Autors selbst zurückgreifen zu können, sodass die Bestätigung dieser These auch durch ihn selbst erfolgen kann. Um ungeheure geschichtliche Ereignisse wie die des Völkermordes an den Herero oder den Holocaust verstehen und aufarbeiten zu können, muss nach Timm immer auch der Täter als Opfer in die Betrachtungsweise mit einbezogen werden. Demnach ist der Täter selbst durch sein Umfeld determiniert, denn „das ist das Humane daran, „daß jemand nicht genetisch festgelegt ist, von Geburt an Killer zu sein, sondern daß es ein Umfeld gibt, das solche Menschen produziert.“470 Der Humanitätsbegriff Timms ist demnach umfassend und trägt auf diese Weise dazu bei, auf die Frage, wie „ein Individuum so präpotent wird, daß es andere unterdrückt“471 eine Antwort zu finden. Aufgabe der Literatur ist es in dem Zusammenhang, neben der Bewusstmachung der deutschen Vergangenheit, sich dagegen zur richten, „daß Menschen in irgendeiner Weise dehumanisiert                                                                                                                         470 471

Riordan, S. 37. Ebd., S. 36.

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oder gegängelt werden“ und eine „Deklaration gegen Ideologien, die das Individuum einschränken“472 darzustellen. Die Frage nach dem Sinn des Krieges und danach, ob es überhaupt legitim ist, andere Völker so zu behandeln, wie die Deutschen es mit den Afrikanern taten, rückt demnach auch im Roman Morenga immer mehr in den Vordergrund. Unterschwellig wird die Thematik bereits direkt zu Beginn aufgeworfen, als Wenstrup sich nicht wie die anderen von einem Afrikaner an Land tragen lässt, sondern selbst durch das Wasser watet.473 Später, als Gottschalk seinen und den Einfluss des Kropotkin-Buches auf sich hat wirken lassen, wird ihm immer bewusster, dass alle Völker die gleichen Rechte haben sollten, sodass er auch Pläne für eine gemeinsame Schule für deutsche und eingeborene Kinder hat.474 Die wichtigste und augenfälligste Methode, die Timm anwendet, um die Gleichheit der Völker zu veranschaulichen, ist allerdings die bereits am Beispiel einiger Deutscher dargestellte Veränderung hin zur afrikanischen Kultur und Lebensweise – von Gegnern verächtlich als Verkafferung bezeichnet. Die Tatsache, dass es sich dabei nicht einmal um erfundene Personen und Geschichten handelt, macht diesen Kunstgriff umso aussagekräftiger. Timm versucht nicht, mit erhobenem Zeigefinger auf die Menschenwürde aller hinzuweisen, er versucht auch nicht, ein tiefgehendes Verständnis des afrikanischen Lebens im Leser hervorzurufen, sondern legt vielmehr den Fokus auf die Deutschen, die sich in mehrerer Hinsicht selbst untergraben, indem sie genau den Dingen nachgeben, die sie eigentlich verurteilen und so in eine größere Nähe zu den Afrikanern gerückt werden, die das von Tanz und Lebensfreude charakterisierte Leben von Tag zu Tag leben, anstatt, wie von den Deutschen kritisiert, an die Zukunft zu denken. Dass Deutsche wie Gorth oder Klügge sich gehen lassen, lässt sich vor allem auf zwei Aspekte zurückführen: Der erste ist der, dass die Deutschen sich nach einer gewissen Zeit in Afrika des allgegenwärtigen Einflusses der indigenen Bevölkerung nicht mehr erwehren können. Die Afrikaner versuchen zwar nicht, den Deutschen ihre Lebensweise aufzuoktroyieren, dennoch sind sie in der Überzahl, wodurch der Einfluss auf die Deutschen begünstigt wird. Ein gutes Beispiel hierfür ist auch Landvermesser Treptow. Er wird sich plötzlich der Lächerlichkeit seiner morgendlichen Turnübungen bewusst, bei denen ihn die Afrikaner beobachten und stellt diese ein: „Treptow […] verrenkte auch nicht mehr morgens auf der Veranda Arme und Beine zur allgemeinen Belustigung. (Noch vor fünf Tagen war es ihm schnuppe gewesen, was die Einwohner von ihm dachten.)“475 Er wird sich somit seiner                                                                                                                         472

Riordan, S. 36 f. Timm, S. 9. 474 Timm, S. 158 f. 475 Timm, S. 304. 473

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Wahrnehmung durch die Afrikaner bewusst und reagiert entsprechend. Es sind nicht die Deutschen, die ihn belächeln, sondern die Afrikaner, weshalb er in seinem Bedürfnis, sich nicht der Lächerlichkeit preiszugeben, sein Handeln der Meinung den ursprünglichen Einwohnern unterordnet. Auf diese Weise wird ihnen abermals Menschlichkeit zugesprochen, da sie als beobachtende und daraufhin bewertende Lebewesen dargestellt werden. Von hier an nimmt Treptows Veränderung ihren Lauf, der aufgrund der Afrikaner nicht nur seine Turnübungen, sondern kurz darauf auch den Sinn seiner Arbeit vor Ort in Frage stellt und diese daraufhin mit weniger Ernst betreibt. Der zweite Aspekt ist der des Alkohols, den die Deutschen oftmals selbst aus ihrer Heimat mitgebracht haben und wobei es nicht einmal des Einflusses der Afrikaner bedarf, um nach und nach die stringente Verfolgung der deutschen Kolonialpläne zu zersetzen. Am Beispiel des Händlers Klügge war dies schon ersichtlich und auch im Falle Graf Kagenecks, der durch seinen Ruf als Trinker bereits täglich Bittsteller anzieht, die seine Lage auszunutzen wissen.476 Auf diese Weise lässt Timm die Deutschen als genauso undiszipliniert und charakterlos erscheinen, wie sie es selbst wiederum den Afrikanern vorwerfen, womit ebenfalls eine Gleichstellung erreicht wird. Zusätzlich wird diese durch die Tiervergleiche, die hier auf die Deutschen bezogen sind, unterstrichen. Das Bild, das die Deutschen von den Afrikanern haben, wird demnach auf die Urheber selbst zurückprojiziert. Hieran anknüpfend wird in Morenga außerdem deutlich, dass die unmenschliche Behandlung der Afrikaner durch die Deutschen vor allem dadurch möglich wird, dass letztere den Afrikanern jegliche Menschlichkeit absprechen477 und in die Nähe der Tiere rücken. Dies wurde in der Analyse zu Peter Moor in Zusammenhang mit dem Holocaust, dem ein ähnliches Prinzip zugrunde lag, ebenfalls angesprochen. Verweise auf den Nationalsozialismus gibt es außerdem in deutlicherer Form durch die Figur des Professor Brunkhorst, der, wie bereits erwähnt, von der Vermessung der Kopfform der Afrikaner auf deren Wesen schließen will, wie es später auch im Dritten Reich zur Identifizierung des Ariertums geschah.478 Der Zweite Weltkrieg ist jedoch noch in viel übergreifender Weise im Werk vertreten. Timm gibt zur weiteren Intention des Werkes an:

Es ist einmal der Versuch, das Ungeheuerliche, nämlich Auschwitz zu dokumentieren. […] In allen Kolonien wurde geprügelt, nicht um die Schuld von den Deutschen zu nehmen; in den englischen und den französischen, in den belgischen, aber nur in den deutschen wurde darüber Buch geführt. […]

                                                                                                                        476

Timm, S. 112. Vgl. auch: Horn, Peter: Fremdsprache und Fremderlebnis. Dr. Johannis Gottschalks Lernprozeßin Uwe Timms Morenga. In: Wierlacher, Alos (Hrsg.): Jahrbuch Deutsch als Fremdsprache, Band 14. München 1988, S. 75. und 78 f. 478 Vgl. hierzu auch: Brodersen, S. 276. 477

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Und es ist sicherlich nur in der deutschen Tradition denkbar, daß eine lange Diskussion über den Sinn der Prügelstrafe stattfindet.479

Timm greift somit die These Hannah Arendts auf, dass die deutschen Kolonien letztendlich als „Laboratorien“ für menschenverachtendes Handeln und die differenzierte Ausbildung des Rassenhasses fungiert haben.480 Hielscher spricht auch von einem Post-Holocaust-Roman.481 Indem Timm die bis heute dokumentarisch belegte akribische Beschäftigung der deutschen Beamten mit dem Umgang der Einheimischen im Roman verankert, zeigt er eines der Elemente auf, die zur Vertiefung des Rassismus geführt haben könnten, denn hierin spiegelt sich die Ernsthaftigkeit wider, mit der die Deutschen zur Tat geschritten sind. In dem Zusammenhang wird die noch in Farm Trutzberge vertretene Einstellung der kolonialen Schuldlüge, der größten Lüge über die Deutschen vor der Welt überhaupt, in Morenga widerlegt.482 Dies geschieht nicht zuletzt durch Standpunkte wie die Schwanebachs, dessen stereotype Sichtweise auf die Afrikaner an das Weltbild der Kolonisten gemahnen soll,483 und im Gegensatz dazu Wenstrups, der die Tötungs- und Vernichtungsabsichten der Deutschen durchschaut. Auch in den Gefechtsberichten werden die historischen Fakten in aller Deutlichkeit festgehalten und vor allem dem Leser vor Augen geführt: „Die Aufständischen waren zwar vertrieben worden, aber nicht, wie General v. Trotha es befohlen hatte, vernichtet.“484 Hier werden nicht einer radikalen Figur des Romans derartige Aussagen in den Mund gelegt, diese Stellen gibt es auch,485 sondern belegte Befehle des preußischen Generals verwendet.486 Auf diese Weise verhindert Timm, dass der Leser sich trotz allem dem komfortablen Gedanken hingibt, das alles sei nur Fiktion, die die historische Wirklichkeit überformt.487 Wie oben bereits erwähnt, spielt in Timms Gesamtwerk nicht nur die Zeit des Nationalsozialismus eine Rolle, sondern auch die der Studentenbewegung Ende der Sechzigerjahre. Während jedoch Kritik und Anklänge an das Dritte Reich in Morenga vergleichsweise naheliegend und offenkundig sind, bleiben die Bezüge zur Studentenbewegung eher im Hintergrund,

                                                                                                                        479

Riordan, S. 33. Vgl. hierzu auch: Ridley, Hugh: Die Geschichte gegen den Strich lesend: Uwe Timms Morenga. In: Fuchs, Anne (Hrsg.): Reisen im Diskurs, Heidelberg 1995, S. 360. 481 Hielscher, S. 465. 482 S. Brodersen, S. 285. siehe hierzu auch Wilke, S. 336. 483 Hermes, S. 187. 484 S. 243. 485 S. 251. 486 Vgl. hierzu auch: Salama, S. 214: Es werden die „wahren kolonialistischen Bestrebungen demaskiert und somit gleichzeitig der Mythos der Deutschen als wohlwollender Kolonisatoren […] in Frage gestellt.“ 487 Vgl.: Rodena-Krasan, S. 283. 480

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vorhanden sind sie aber trotzdem.488 Sie ergeben sich aus dem Engagement der Studentenbewegung gegen die wirtschaftliche Ausbeutung der Dritten Welt, für dessen Abstraktheit Timm nach Manfred Durzak ein konkretes „Beispiel in der kolonialistischen Vorgeschichte Deutschlands in Afrika“489 gefunden hatte, um die Aufmerksamkeit der Deutschen wieder auf die eigene Vergangenheit zu lenken. Timm sagt hierzu selbst:

Ich denke, ein Roman wie Morenga ist aus dem Umkreis der Studentenbewegung zu sehen. […] Wir vom SDS haben damals in Hamburg ein Denkmal umgerissen, einen deutschen Kolonisator. Da kam ich auf dieses Morenga-Thema. […] Das ist ein Produkt der Studentenbewegung, daß ich über kulturelle Implikationen nachgedacht habe, die ich internalisiert habe: Ordnungsvorstellungen, Leistungen, den Zeitbegriff, habe ich in Morenga vier Jahre lange aufgegriffen.490

Morenga ist somit nicht nur ein Werk, das durch seine Polyperspektivität mittels Dokumenten und Fiktion einerseits die Abstraktheit der Geschichtswissenschaft und andererseits den Unterhaltungscharakter der Romangattung relativiert und so dem Rezipienten die Wahrhaftigkeit des Geschehenen vor Augen führt. Es ist auch ein Werk, in dem sich gleichzeitig Räume eröffnen für viele weitere eng mit der deutschen Schuldfrage verknüpfte Ereignisse des 20. Jahrhunderts, wodurch nicht nur die Kolonialzeit wieder ins Bewusstsein gelangt, sondern wodurch Timm sein Ziel, die Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit wenigstens in Ansätzen, in noch größerem Umfang zu realisieren vermag und ein Bewusstsein für die Tatsache schaffen kann, dass sich diese Ereignisse im Laufe der Geschichte nicht beziehungslos aneinander gereiht haben. Dennoch soll an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass dies nicht automatisch bedeutet, dass der Holocaust in direktem Zusammenhang mit dem Kolonialismus steht. Mit Ott lässt sich aber sagen, dass gerade weil Timm diesen Zusammenhang in seinem Werk suggeriert, „die Rezipientinnen und Rezipienten geneigt [sind], ihre vielleicht euphemistische Sicht auf die Kolonialvergangenheit grundlegend und kritisch zu überdenken.“491 Eine weiterführende, in die Aufbau-Interpretation passende Untersuchung von Morenga könnte darauf abzielen, die Bedeutung des Romans für die deutschen Postkolonialen Studien herauszuarbeiten respektive dessen Einfluss auf den kolonialen Diskurs. Dies bietet sich vor allem deswegen an, da Morenga als „erste literarische Auseinandersetzung mit der deutschen                                                                                                                         488

Vgl. hierzu auch: Albrecht, Monika: Che Guevara in „Deutsch-Südwest“ – Uwe Timms Anti-Kriegsroman Morenga aus interdisziplinärer Sicht. In: Göttsche, Dirk u. a. (Hrsg.): Schreiben gegen Krieg und Gewalt. (=Schriften des Erich Maria Remarque-Archivs, Band 19), Göttingen 2006, S. 190. 489 Durzak, Manfred: Zweimal Deutsch-Südwestafrika: Uwe Timms Roman Morenga und Gerhard Seyfrieds Roman Herero. In: Basker, David: Uwe Timm II (= Contemporary German Writers). Cardiff 2007, S. 37 f. 490 Riordan, S. 32 f. 491 Ott, S. 49.

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Kolonialgeschichte“492 gilt. Im Zuge dessen ließen sich auch weitere, nach Morenga erschienene Romane vergleichen, die sich der Thematik annehmen.  

7.  Schlussbetrachtung    

Die oben dargelegten Untersuchungen haben zunächst eines gezeigt: Die deutschen Kolonien beschäftigen die Literatur auch noch weit nach ihrer Rückgabe. Während des 20. Jahrhunderts wurden sie im Licht der jeweiligen Epoche, in der die Romane erschienen, behandelt. Weitere aktuelle Beispiele sind Dietmar Beetz Flucht vom Waterberg493 aus dem Jahr 1989 und Gerhard Seyfrieds Herero494 aus dem Jahr 2003. Auch die Kolonien der Südsee werden, wenn auch nicht ganz so umfangreich wie die in Afrika, beispielsweise in Romanen wie Christian Krachts Imperium495 von 2012 repräsentiert. Doch nach wie vor sind es nicht nur linke oder liberale Künstler, die sich mit den Kolonien beschäftigen. Wie bereits zu Zeiten Adolf Kaempffers, so finden sie auch heute noch Beachtung in der rechten Szene: Die Band Landser proklamiert im Reichskoloniallied: „Afrika braucht wieder Kolonien! Afrika braucht deutsche Kolonien!“496 und auch Bekleidungshersteller wie die Marke Thor Steinar produzieren Pullover mit Aufdrucken wie: „ThorSteinarExpedition Südwestafrika.“497 Dass die rechte Szene mit dem Kolonialgedanken verknüpft ist, ist somit abermals an aktuellen Beispielen belegt. Romane wie Frenssens Peter Moor, aber noch viel mehr Kaempffers Farm Trutzberge haben daher für bestimmte politische Gruppen nicht vollständig an Wahrhaftigkeit verloren. Auch deswegen sind Projekte wie die der Kölner Universität, die die deutsche Kolonialzeit aufarbeiten, wichtig. Die Romane Frenssens und Kaempffers sind sich somit in Bezug auf die Weltanschauung ähnlich, wie auch die vorangegangene Untersuchung gezeigt hat. Bei beiden werden die Afrikaner mit negativen Eigenschaften ausgestattet bzw. assoziiert und ihr Handeln wird entsprechend interpretiert, darüber hinaus werden sie auch auf einer Ebene mit den Tieren angesiedelt. Während allerdings bei Frenssen noch eine krudere Zeichnung der Einheimischen vorherrscht, die ihnen alles Zivilisatorische abspricht, sind sie bei Kaempffer mehr ins Alltags                                                                                                                         492

Ott, S. 10. Beetz, Dietmar: Flucht vom Waterberg. Berlin 1989. 494 Seyfried, Gerhard: Herero. Berlin 2003. 495 Kracht, Christian: Imperium. Köln 2012.   496 Vgl. hierzu auch: Naumann, Thomas: Rechtsrock im Wandel: Eine Textanalyse von Rechtsrock-Bands. Hamburg 2009, S. 78. 497 Grabowski, Fabian: Rechtsextremisten: Neue Kleidung, altes Weltbild. In: Spiegel Online. URL: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/rechtsextremisten-neue-kleidung-altes-weltbild-a-424302.html (Stand: 27.02. 2013). 493

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bild der siedelnden Deutschen integriert. In Peter Moor verkörpern sie die anonymen „Wilden“, im Sinne der damaligen allgemeinen Anschauungsweise, die sich teilweise schon auf der animalischen Ebene bewegen und werden als Ursache für Chaos und Zerstörung angesehen. Das und die vorherrschende Darstellung als Masse ohne weitere distinguierende Merkmale macht ihr Handeln zusätzlich nicht nachvollziehbar und sie entsprechend noch fremder. Die Deutschen hingegen werden hauptsächlich als fleißige Erbauer gezeichnet, die all ihre Mühen in ihre Vorhaben investieren und darüber hinaus die Repräsentanten der Reinheit und ein auserwähltes Volk darstellen. Diese Bilder beider Gruppen rechtfertigen den stattfindenden Genozid, es gibt keinen Abstand und es erfolgt keinerlei Reflexion über das Geschehen, was sich auch mit Frenssens künstlerischem Ziel, die Deutschen über das Geschehen in Südwest aufzuklären, damit sie die Leistungen der Soldaten anerkennen, nicht hätte vereinbaren lassen. Obwohl die Sichtweise, die in Farm Trutzberge über die Einheimischen vorherrscht, keineswegs als relativierend bezeichnet werden kann, so finden sich hier doch Attribute der Afrikaner, die zur Zeit respektive im Roman Frenssens undenkbar gewesen wären: Sie werden unter anderem als „frech“498, „gleichmütig“499, „fahrlässig“500 und „unzuverlässig“501 bezeichnet. Dies sind alles Eigenschaften, die den näheren und auch auf den Arbeitsalltag bezogenen Umgang mit der indigenen Bevölkerung implizieren. Es hat sich demnach eine notgedrungene Annäherung vollzogen, die aber am eigentlichen Überlegenheitsgefühl der Deutschen nichts ändert. Hier wird unausgesprochen das Motto verfolgt, das später auch in Uwe Timms Morenga als solches entlarvt wird: „Nicht der tote Herero ist ein guter Herero (da irrt der Schlächter Trotha), sondern der kostenlos arbeitende Herero.“502 Nach wie vor werden die Einheimischen als niederes, schmutziges Volk angesehen, dessen Hilfe man sich entledigt, sobald es die Situation zulässt. Es wird hier deutlich, dass sich in den 10 bis 20 Jahren nach dem Hererokrieg die Lage in einer Weise geändert hat, die die Deutschen nicht unbedingt vorausgesehen haben. Darüber hinaus werden auch weitere Gruppen wie die Buren und die Juden im Roman dargestellt, hauptsächlich aus dem Grund, um die Überlegenheit und auch die Opferrolle der Deutschen, in die sie durch die Regierung gedrängt worden sind, zu untermauern. Es schlägt sich hier der Entstehungskontext des Buches nieder und so werden die Deutschen entsprechend des nationalsozialistischen Weltbildes überhöht darstellt. Hierbei werden die Deutschen selbst ähnlich wie bei Frenssen gezeichnet, wobei der Aspekt der Dis                                                                                                                         498

Kaempffer, S. 24. Kaempffer, S. 8. 500 Kaempffer, S. 175. 501 Kaempffer, S. 121.   502 Timm, S. 160. 499

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ziplin und des Durchhaltevermögens noch viel mehr ausgearbeitet wird. Eine Opferrolle der Deutschen war bei Frenssen ebenfalls undenkbar, wobei Kaempffer diese Darstellung als künstlerisches Mittel benutzt, um in den Deutschen Widerstand und Kampfeslust zu wecken, eben damit sie in der Realität nicht von den sie umgebenden Völkern unterjocht oder unterwandert werden. Hierzu bietet sich die Kolonialzeit geradezu an, nicht umsonst wird am Ende des Buches auch die Utopie von der Rückgabe der Kolonien integriert und die Kolonialschuld als Lüge dargestellt. In Farm Trutzberge fließen die Kolonialzeit und die Zeit des Nationalsozialismus in einer Weise ein, die, aus historischem Abstand betrachtet, eine Verbindung beider Überzeugungssysteme nahelegt. Der Roman Morenga, der von allen ausgewählten Werken mit dem größten geschichtlichen Abstand entstand, ist, wie zu zeigen war, von einem gänzlich anderen Weltbild geprägt. Dies geschah nicht zuletzt aufgrund des starken Einflusses der 68er-Bewegung, die Timm bewusst miterlebt hat. Er wählte den Ansatz, die Darstellungsweise von Deutschen und Afrikanern, wie sie zu Kolonialzeiten vorherrschend war, umzukehren. Vereinzelte Deutsche wurden durch Tiervergleiche charakterisiert, die sich meistens auf das Aussehen der jeweiligen Person bezogen. Darüber hinaus werden Alkohol und Sexualität als Elemente herangezogen, die, wie beispielweise im Falle des Händlers Klügge, die Disziplinlosigkeit der Deutschen gerade unterstreichen sollten und der Selbsteinschätzung, Ordnung und Disziplin zu verkörpern, diametral gegenüber standen. Mit Hilfe von authentischen Geschichten wird somit veranschaulicht, dass auch die Deutschen zu Charakterschwächen fähig sind und an ihren Vorhaben scheitern, ein Punkt, der sowohl bei Frenssen als auch bei Kaempffer undenkbar war. Die Komik, die dadurch oftmals entsteht, betont dabei noch die Unzulänglichkeit der Deutschen und macht ihre erhöhte Stellung unmöglich. Darüber hinaus wurde die „Verkafferung“ der Deutschen herausgestellt, also die Tatsache, dass sie – zumindest in den Augen ihrer disziplinierten Landsleute – den Eingeborenen immer mehr ähnelten. Hiermit geht auch die Beschreibung einiger Deutscher als ungepflegt und unrein einher. Es handelt sich hierbei, wie oben dargelegt, ebenfalls um ein Attribut, das zuvor den Afrikanern zugeschrieben wurde. Somit ist die Umkehr der Deutschen in das, was sie gerade nicht repräsentieren wollen, auf historisch belegbare Weise gelungen. Im Gegensatz dazu hat Timm die Afrikaner mit Eigenschaften ausgekleidet, die es erlauben, die indigene Bevölkerung als das wahrzunehmen, was sie ist: als menschlich. Hier zeigt sich eine noch größere Kluft zur Darstellung bei Frenssen, als sie bei Kaempffer vorliegt. Die Afrikaner zeigen Neugier auf das, was die Deutschen machen oder mitgebracht haben, in ihrer schnellen Lernfähigkeit zeigen sie eine hohe Intelligenz, darüber hinaus werden sie als fröhlich und lebenslustig beschrieben. Zwar beinhaltet 94    

das Buch auch den früheren Blick auf die Afrikaner, die in dem Fall aus der Sicht der rassistischen und vom Kolonialgedanken überzeugten Leutnants geschildert werden, und nimmt diesbezügliche Tiervergleiche und beispielsweise auch die Unreinheit mit auf. Dies geschieht aber aufgrund des Romankonzepts, das zum einen aus mehrperspektivischer Collage besteht und zum anderen ja gerade die frühere Einstellung zum Kolonialismus und der damit einhergehenden Behandlung von Menschen kritisieren und aufdecken will. Dass Timm diese Umkehr in der Darstellungsweise als ein mögliches Mittel nutzt, um dieses Ziel zu erreichen, wird vor allem vor der Betrachtung der vorangegangenen Romane deutlich. Darüber hinaus hat Timm sich, wie schon Kaempffer, an weiteren historischen und zeitgenössischen Ereignissen orientiert, deren Einbeziehung weiter auf die Verständigung der Völker untereinander einzahlen: Zum einen wird hier neben dem Kolonialismus der Nationalsozialismus kritisiert, der bei Kaempffer noch in ganz gegenteiliger Kontextualisierung mitberücksichtigt wurde. Zum anderen wurde Morenga auch aus der Studentenbewegung Ende der Sechzigerjahre motiviert, während der es nicht zuletzt im Zuge des Vietnamkriegs um Humanität und respektvollen Umgang der Völker miteinander ging. Somit veranschaulicht Timm nicht nur auf weitgehend authentische Art, wie das Leben in der Kolonie Deutsch-Südwest wirklich ausgesehen hat, sondern will mit seinem Roman auch dagegen ankämpfen, dass die deutsche Kolonialzeit und damit verbundene Schuld heruntergespielt wird und in Vergessenheit gerät. Es zeigt sich, dass die deutschen Kolonien eine Thematik bilden,   die sowohl im linken wie auch im rechten Spektrum der politischen Landschaft Bearbeitung erfahren. Sie gehört somit zu den historischen Ereignissen bzw. Zeitabschnitten des 20. Jahrhunderts, die einen zeitlosen Kontext bieten und sich somit mit am besten für die Veranschaulichung der eigenen Ziele und Überzeugungen eignen. Die Epoche bietet Reflexionsräume für beide Enden des Spektrums, bleibt dadurch aktuell und stellt allein schon daher, wie bereits eingangs konstatiert, einen in der Forschung und historischen Chroniken zu Unrecht vernachlässigten Teil der deutschen Vergangenheit dar. Selbstverständlich konnten in der vorliegenden Arbeit nicht alle Aspekte der Kolonialliteratur Deutschlands berücksichtigt werden. Die Arbeit hat gezeigt, dass diese literarische Gattung in der Sekundärliteratur vor allem in den vorherigen Jahrzehnten als trivial angesehen worden ist und darum kaum Gegenstand von Untersuchungen war. In anderen europäischen Literaturen kommt der Kolonialliteratur ein anderer Stellenwert zu. Zur weiteren Forschung stellt sich daher unter anderem die Vergleichsfrage zwischen deutscher Kolonialliteratur und der anderer ehemaliger Kolonialmächte. Die Arbeit hat darüber hinaus gezeigt, dass die deutschen 95    

Romane der damaligen Zeit rassistisches Gedankengut aufweisen – auch und gerade noch nach der Kolonialzeit – und dass auch das Weißherrentum einen breiten Raum einnimmt. Dies könnte zusammen mit der Selbstdarstellung der Kolonisten in den anderen Literaturen untersucht werden, um dort weitere Hinweise darüber zu finden, in wie weit es gerade zunächst in Deutschland zum späteren Nationalsozialismus hat kommen können. Geschichtsbücher legen nahe, dass gerade die Deutschen besonders brutal vorgegangen sind und sich darüber hinaus mangels Erfahrung am Kolonialverhalten anderer Mächte, wie beispielsweise den Briten, orientiert hatten.503 Diesem Vorgehen kann in der vergleichenden Analyse ebenfalls nachgespürt werden. Darüber hinaus besteht natürlich die Möglichkeit, die Darstellung der indigenen Bevölkerung in der Betrachtungsweise anderer Kolonialstaaten zu untersuchen und Gemeinsamkeiten und Unterschiede aufzudecken. Da die Arbeit sich nur mit der Kolonie Deutsch-Südwest beschäftigt hat, bietet sich auch ein Vergleich zu anderen deutschen Kolonien respektive deren Darstellung in der Literatur an. Beispielsweise waren die Südsee-Kolonien wirtschaftlich weniger interessant als Afrika. Dies wirft die Frage danach auf, wie sich die Interessen der Kolonialisten dort entfaltet haben, was bei den Kolonialplänen im Vordergrund stand und wie die Einheimischen, die sich aufgrund ihrer Herkunft und Kultur von den Afrikanern unterscheiden, auf die Deutschen reagiert haben. Dies wiederum kann in den entsprechenden Kolonialromanen analysiert und in Bezug zu den wichtigen Kolonien in Afrika gesetzt werden. An den wenigen Publikationen, die zum Thema zu finden sind und die sich dem linken wie auch rechten Ende des Spektrums zuordnen lassen zeigt sich, dass die Kolonialproblematik bei weitem noch nicht erschöpfend aufgearbeitet worden ist. Allerdings ist ein Trend erkennbar, der das Thema vom Rand weg und mehr ins Zentrum der Betrachtungen rückt. Diese Arbeit will dazu beitragen, dass dies auch weiterhin gewährleistet wird.

   

 

                                                                                                                        503

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2.3. Monografien Kolonialliteratur Agossavi, Simplice: Fremdhermeneutik in der zeitgenössischen deutschen Literatur. St. Ingbert 2003. Baumbach, Kora: Standorte – Westdeutsche und lateinamerikanische Autoren im Wechselspiel politischer und ästhetischer Kommunikation. (=Allgemeine Literaturwissenschaft, 15), Berlin 2011. Benninghoff-Lühl, Sibylle: Deutsche Kolonialromane 1884–1914 in ihrem Entstehungs- und Wirkungszusammenhang. Bremen 1983. Brehl, Medardus: Vernichtung der Herero: Diskurse der Gewalt in der deutschen Kolonialliteratur. Diss. Bochum 2006. 98    

Fehlberg, Frank: Protestantismus und nationaler Sozialismus: liberale Theologie und politisches Denken um Friedrich Naumann. Diss., Chemnitz 2012. Hermes, Stefan: Fahrten nach Südwest – Die Kolonialkriege gegen die Herero und Nama in der deutschen Literatur (1904–2004). Würzburg 2009. Ott, Christine: Der Schriftsteller als Geschichtsschreiber und Ethnograph. (=Europäische Hochschulschriften, 2026), Frankfurt am Main 2012. Schneider, Daniel: Identität und Ordnung. Entwürfe des „Eigenen“ und des „Fremden“ in deutschen Kolonial- und Afrikaromanen von 1889 bis 1952. Bielefeld 2011. Stokes, Lawrence D.: Der Eutiner Dichterkreis und der Nationalsozialismus: 1936-1945 – eine Dokumentation. Neumünster 2001. Tabel, Werner: Autoren Südwestafrikas. Göttingen u. a. 2007. Warmbold, Joachim: Deutsche Kolonial-Literatur: Aspekte ihrer Geschichte, Eigenart und Wirkung, dargestellt am Beispiel Afrikas. Diss., Basel 1979.  

2.4. Aufsätze Albrecht, Monika: Che Guevara in „Deutsch-Südwest“ – Uwe Timms Anti-Kriegsroman Morenga aus interdisziplinärer Sicht. In: Göttsche, Dirk u. a. (Hrsg.): Schreiben gegen Krieg und Gewalt. (=Schriften des Erich Maria Remarque-Archivs, Band 19), Göttingen 2006. Brodersen, Silke: Die Symbolik des Widerstands in Uwe Timms Morenga und Alfred Anderschs Winterspelt. In: Petersen, Christer (Hrsg.): Zeichen des Krieges in Literatur, Film und den Medien. Band 1 Nordamerika und Europa. Kiel 2004. Dunker, Axel: Einleitung. In: Dunker, Axel (Hrsg.): (Post-)Kolonialismus und Deutsche Literatur. Bielefeld 2005. Durzak, Manfred: Zweimal Deutsch-Südwestafrika: Uwe Timms Roman Morenga und Gerhard Seyfrieds Roman Herero. In: Basker, David (Hrsg.): Uwe Timm I (=Contemporary German Writers), Cardiff 1999. Hamann, Christoff: Interview mit Uwe Timm: Einfühlungsästhetik wäre ein kolonialer Akt. In: Sprache im technischen Zeitalter. Heft 168, 2003. Hielscher, Martin: Sprechende Ochsen und die Beschreibung der Wolken. Formen der Subversion in Uwe Timms Roman Morenga. In: Sprache im technischen Zeitalter. Heft 168, 2003. Horn, Peter: Fremdsprache und Fremderlebnis. Dr. Johannis Gottschalks Lernprozeßin Uwe Timms Morenga. In: Wierlacher, Alos (Hrsg.): Jahrbuch Deutsch als Fremdsprache, Band 14. München 1988. Pakendorf, Gunter: Morenga, oder Geschichte als Fiktion. In: Acta Germanica 21, 1988. 99    

Ridley, Hugh: Die Geschichte gegen den Strich lesend: Uwe Timms Morenga. In: Fuchs, Anne (Hrsg.): Reisen im Diskurs. Heidelberg 1995. Riordan, Colin: ‘Eine Deklaration gegen Gewalt und Tod‘: Gespräch mit Uwe Timm. In: Basker, David (Hrsg.): Uwe Timm I (=Contemporary German Writers), Cardiff 1999. Rodena-Krasan, Mary: Postcolonial Subversions in Uwe Timm’s Morenga. In: Rectanus, Marc W. (Hrsg.): Über Gegenwartsliteratur – Interpretationen und Interventionen. Bielefeld 2008. Salama, Dalia Aboul Fotouh: Postkolonialistische Perspektiven in der deutschen und arabischen Literatur. In: Czucka, Eckehard u. a. (Hrsg.): Interkulturelle Kommunikation – Perspektiven einer anwendungsorientierten Germanistik. München 2001. Spedicato, Eugenio: Mentalitätskritik und geschichtliche Moraldidaxe in Uwe Timms Morenga (1978). In: Rácz, Gabriella u. a. (Hrsg.): Der deutschsprachige Roman aus interkultureller Sicht. Wien 2009. Tosstorff, Reiner: Moskau oder Amsterdam? Die Rote Gewerkschaftsinternationale 1920– 1937. In: UTOPIE kreativ, H. 177/178 (Juli/August 2005). Uerlings, Herbert: Kolonialer Diskurs und Deutsche Literatur. Perspektiven und Probleme. In: Dunker, Axel (Hrsg.): (Post-)Kolonialismus und Deutsche Literatur. Bielefeld 2005. Wilke, Sabine: „Hätte er bleiben wollen, er hätte anders denken und fühlen müssen“: Afrika geschildert aus Sicht der Weißen in Uwe Timms "Morenga". In: Monatshefte für deutschsprachige Literatur und Kultur, 93.3 (2001).  

2.5. Sammelbände Dunker, Axel (Hrsg.): (Post-)Kolonialismus und Deutsche Literatur. Bielefeld 2005. von Kotze, Hildegard (Hrsg.): Es spricht der Führer – 7 exemplarische Hitler-Reden. Gütersloh 1966.  

2.6. Nachschlagewerke Arndt, Susan: Afrika und die deutsche Sprache: ein kritisches Nachschlagewerk. Münster 2004. Bautz, Wilhelm: Biographisch-Bibliographisches Kirchen-Lexikon, Band XXII. Nordhausen 2003. Duden – Das große Wörterbuch der deutschen Sprache, Band 7 Sil-Urh. Mannheim 1995. Schnee, Heinrich: Kolonial-Lexikon, Band I A-G. Leipzig 1920. Schnee, Heinrich: Kolonial-Lexikon, Band II H-O. Leipzig 1920. 100    

Schnee, Heinrich: Kolonial-Lexikon, Band III P-Z. Leipzig 1920.  

2.7. Internet-Quellen Bechhaus-Gerst, Marianne: Kopfwelten e. V., URL: http://www.kopfwelten.org. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (Hrsg.): Digitales Wörterbuch der Deutschen Sprache. URL: http://www.dwds.de/?qu=Sch%C3%A4fchen. Emendörfer, Jan: Menschen wie Tiere ausgestellt – Kritik an Ausblendung der KolonialzeitVerbrechen. In: Campus Online, URL: http://www.lvz-online.de/gestaltetespecials/campus_online/studentenleben/menschen-wie-tiere-ausgestellt/r-studentenleben-a118844.html. Grabowski, Fabian: Rechtsextremisten: Neue Kleidung, altes Weltbild. In: Spiegel Online. URL: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/rechtsextremisten-neue-kleidung-altesweltbild-a-424302.html

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