Diana Müller - Mein Leben ohne mich - Patmos Verlag

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CAROLA THIMM mit Diana Müller Mein Leben ohne mich Wie ich 5 Jahre im Koma erlebte »Ich war immer ein optimistischer Mensch – ich habe nie daran ge...

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CAROLA THIMM mit Diana Müller

Mein Leben ohne mich Wie ich 5 Jahre im Koma erlebte

»Ich war immer ein optimistischer Mensch – ich habe nie daran gezweifelt, dass ich wieder ins Leben zurückfinde.« CAROLA T H I M M

© rex schober

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anchmal denke ich, ich hätte eine Ahnung haben sollen, irgendein Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Eine Warnung. Aber da war nichts dergleichen. Die leichten Kopfschmerzen und das Schwindelgefühl: Alles schiebe ich auf meine Arbeit im Kinderzimmer. Mein Mann und ich haben es frisch gestrichen – damit alles fertig ist, wenn unsere Tochter geboren wird – und ich habe ziemlich viel Zeit dort verbracht. Die Farbe riecht noch sehr intensiv und immer wieder musste ich niesen, wenn mir der scharfe Geruch zu sehr in die Nase gestiegen ist. Wir haben uns für einen hellen Gelbton entschieden, die Farbe wirkt warm und freundlich und wenn die Sonne durch die beiden großen Fenster scheint, leuchtet der ganze Raum. Das gefällt uns. Später, das habe ich mir fest vorgenommen, will ich wilde Tiere auf die Wände kleben – im Baumarkt habe ich tolle Motive gesehen – Giraffen und Löwen, Elefanten und Krokodile. Unsere Tochter soll es schön haben! Vor einigen Wochen habe ich in einem kleinen Laden in Kiel ein tolles Mobile gesehen. Ich musste es einfach kaufen, obwohl es eigentlich zu teuer war. Es ist blau und an den unterschiedlich langen Bändern hängen winzige Meerestiere – bunte Seesterne und Muscheln, ein grauer Wal, eine dicke rote Garnele, ein lilafarbener Delfin. Ich will es über das Bett meiner Tochter hängen – die Unterwasserwelt wird ihr bestimmt gefallen! Das Meer. Dazu hatte ich als Schleswig-Holsteinerin schon immer eine besondere Beziehung. Und doch hat meine Leidenschaft für das Tauchen nicht in der Ostsee, sondern im Roten Meer begonnen. In einem Ägyptenurlaub habe ich zum ersten Mal einen Schnuppertauchgang gemacht und war sofort fasziniert von der unglaublichen Welt, die sich mir unter der Wasseroberfläche offenbart hat. Ich liebe dieses schwerelose Dahingleiten, das stille Beobachten, den leichten Druck in meinen Ohren und das leise Geräusch, wenn ich die Luft aus meinem Mundstück sauge. Wenn ich abtauche, lasse ich alle meine Sorgen oben zurück, ich vergesse die Welt um 4

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mich herum und bin für eine Stunde frei von allem, unbeschwert und glücklich. Nie hat mir die Tiefe des Meeres Angst gemacht, nie hatte ich unter Wasser irgendwelche Schwierigkeiten. Es gibt keinen anderen Ort, an dem ich so gut zur Ruhe kommen kann wie dort. Schade, dass ich wegen der Schwangerschaft momentan nicht tauchen darf. Das fehlt mir sehr. Ich freue mich schon riesig darauf, wieder damit anzufangen. Das ist so ein wichtiger Teil meines Lebens. Aber für meine Tochter nehme ich diese Pause gerne in Kauf. Ich wende mich von dem Kleiderschrank ab, in den ich in der letzten halben Stunde kleine rosa- und gelbfarbene Strampelanzüge, winzige Bodys und Strumpfhosen, die ich von meiner Schwester bekommen habe, eingeräumt habe. Meine Nichte Ebba ist schon längst aus diesen Sachen herausgewachsen – und wir können sie gut gebrauchen. Mit den Fingern massiere ich meine Stirn, bewege meine Augen vorsichtig von links nach rechts. Die Kopfschmerzen sind noch da. Ich atme tief durch. Wahrscheinlich würde es mir gut tun, mal an die frische Luft zu gehen. Eine Runde Walken. Vielleicht habe ich heute auch zu wenig getrunken. Oder habe ich mir in den letzten Wochen zu viel zugemutet? Michael und ich haben viel Kraft in unseren Anbau gesteckt, mehr Räume soll es geben, mit großen Fenstern, für uns und unsere Tochter. Aber wir sind gut vorangekommen. Der Termin für das Richtfest steht schon. Ich gehe hinüber in unser Schlafzimmer und ziehe mich um. Herrlich scheint die Sonne durchs Fenster herein und kleine Staubpartikel glitzern im Licht. In meiner schwarzen Trainingshose und einem roten T-Shirt laufe ich die Treppe hinunter – ich bin so froh, wenn wir hier endlich ­einmal alle Baustellen beseitigt haben. Durch den Anbau ist immer überall Staub und Dreck, da nutzt alles Putzen gar nichts. Unter der Treppe steht noch der Werkzeug­ kasten und an der Wand im Flur lehnt die ­Leiter. Daneben stehen meine Laufschuhe, immer noch ganz dreckig – als ich das letzte Mal unterwegs war, hat es geregnet und ich bin noch nicht dazu 5

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gekommen, sie sauber zu machen. Egal. Ich gebe Michael Bescheid, dass ich eine Runde Walken gehe. „Ja, ist ok“, tönt es aus dem Wohnzimmer – mein Mann geht seiner Lieblingstätigkeit nach und sitzt vor dem Computer. Damit kann er sich stundenlang begeistert beschäftigen. Ich schnappe mir eine leichte Jacke von der Garderobe und nehme meine Walkingstöcke. „Tschüss“, ein kurzer Blick ins Wohnzimmer, wo Michael, wie erwartet, konzentriert in den Bildschirm starrt. „Tschüss, bis später“, ruft er und winkt mir kurz zu. Ich trete vor die Haustür und atme tief ein. Das tut gut! Frische Luft ist jetzt genau das Richtige. Ich winke unserem Nachbarn zu, der im Garten unter einem Sonnenschirm sitzt und Zeitung liest, und laufe unsere Straße hinunter. Es ist eine ruhige Gegend am Stadtrand von Preetz – Einfamilienhäuser mit gepflegten Gärten. Von hier ist es nicht weit, bis ich mitten in der Natur bin. Die Strecke dauert nur wenige Minuten. Wie immer führt mich mein Weg schnurstracks in die Feldmark. Hier bin ich schon immer gerne gelaufen. Wegen meiner Schwangerschaft verzichte ich aber momentan aufs Joggen und walke stattdessen. Im fünften Monat will ich kein Risiko eingehen. Die Schwangerschaft. Ich muss lachen. Ich freue mich so sehr auf unsere Tochter, dass ich das gar nicht in Worte fassen kann. Michael und ich wünschen uns schon so lange ein Kind. Nie hat es geklappt. Erst die Fehlgeburt. Und dann noch die – zum Glück vollkommen falsche – Diagnose meines Frauenarztes. Meine Gebärmutter sei nicht in Ordnung. Was sollte das heißen? Und jetzt ist es plötzlich doch so weit. Ein medizinisches Wunder: Ich bin schwanger! Die Sonne scheint mir ins Gesicht, ich lasse meinen Blick über die ­herrliche Landschaft schweifen und biege in den sandigen Waldweg ein. Rechts und links von mir blühen die Heckenrosen und verströmen einen leichten süßlichen Duft. Zwischen den Bäumen kann ich schon den Postsee erahnen, blau glitzert das Wasser hinter dem zarten Grün. Die Luft ist warm und frisch, ein leichter Wind geht, und ich atme tief ein und aus. Ich höre das leichte Plätschern des Wassers, das gegen einen 6

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Holzsteg wogt. Ich liebe meine Heimat. Woanders zu leben, könnte ich mir nicht vorstellen. Der Weg führt mich nun direkt am Wasser entlang, Sträucher und Bäume lichten sich und eröffnen den Blick auf den See, kleine Boote schaukeln am Ufer. Es ist Feiertag, Pfingstmontag, und trotzdem sind an diesem frühen Nachmittag nur wenige Leute unterwegs. In der Ferne sehe ich ein älteres Paar mit einem Schäferhund, am anderen Seeufer sind zwei Fahrradfahrer in voller Montur unterwegs. Rote Flecken, die durch die Bäume immer wieder kurz sichtbar werden. Doch ansonsten ist alles ruhig, vor mir, hinter mir ist niemand zu sehen. Welche Runde soll ich heute machen? Ich könnte mich in einigen Metern nach rechts wenden und bliebe dann immer direkt am See. Allerdings gibt es dort einige matschige Stellen. Ich könnte aber auch links weiterlaufen, am Bauernhof vorbei und dann zwischen den Feldern entlang. Das wäre die ­kürzere Runde. Eine knappe Stunde Walken sollte für heute reichen. Ich laufe nach links weiter in Richtung Bauernhof und gebe noch einmal richtig Gas. Die kleine Steigung hinauf werden meine Stöcke eins mit meinem Körper. Meine Atmung beschleunigt sich. Irgendwie ist mir plötzlich schlecht, mein Herzschlag hämmert in meinem Kopf. Schnell und gierig atme ich die frische Luft ein, pumpe sie in meine Lunge. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass der Sauerstoff nicht ausreicht. Ein stechender Schmerz jagt durch meinen Kopf. In der Ferne sehe ich einen Spaziergänger auf einem der Felder, über mir zieht ein Bussard seine Kreise am wolkenlosen Frühlingshimmel. Sein Schrei, der spitz in meinen Ohren klingt, ist das Letzte, was ich wahrnehme – dann ist plötzlich alles schwarz, Blackout, nichts mehr. Ein blinder Fleck in meiner Erinnerung.

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Interview

Die Lektorin Heike Hermann im Gespräch mit Carola Thimm

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iebe Frau Thimm, Ihre Geschichte ist wirklich unglaublich. Sie haben sich nach fünf Jahren im Wachkoma ins Leben zurückgekämpft. Wie geht es Ihnen heute? Es geht mir schon wirklich gut. Ich kann fast alles wieder tun, was für ein normales Leben wichtig ist. Vor allem bemühe ich mich gerade darum, mein Kurzzeitgedächtnis zu trainieren. Ich mache viel Gehirnjogging, beschäftige mich mit Fremdsprachen. Können Sie in kurzen Stichworten beschreiben, wie es sich anfühlt, im Wachkoma zu liegen? Es klingt seltsam: Aber während ich im Koma lag, wusste ich ja nicht, dass ich im Koma lag. Ich habe sehr viel gesehen und gehört während dieser Zeit. Ich habe schon gemerkt, dass ich sehr krank war, aber das Ausmaß war mir nicht bewusst. Ich fand es schade, dass ich nicht reden konnte oder als Alternative etwas zeigen konnte. Aber ich hatte das Gefühl, dass meine Familie mir vieles von den Augen abliest, weil sie mir meine Wünsche so oft erfüllt hat. Ich habe einfach nur gehofft, dass es bald w ­ ieder besser wird. 8

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Während der Zeit im Koma haben Sie Ihre Tochter geboren, die Sie erst nach Ihrem Erwachen, fünf Jahre später, kennengelernt haben. Wie geht es Ihnen heute mit Ihrer Tochter? Ich bin sehr glücklich, dass ich Mutter geworden bin, weil das schon lange zu meinen größten Wünschen gehört hat. Es ist sehr schön, wenn wir zusammen etwas unternehmen. Sie ein ganz anderer Typ als ich, aber zum Beispiel in sportlicher Hinsicht haben wir den gleichen Geschmack: Schwimmen, Tauchen und Zumba. Was hat Ihnen während der Zeit im Koma Kraft und Zuversicht gegeben? Meine Familie, besonders meine Mutter, aber auch mein Vater, als er noch lebte, war oft bei mir. Ich habe mich zum Beispiel sehr gefreut, als meine Mutter die Idee hatte, mir vorzulesen. Daran kann ich mich gut erinnern. Auch die Therapeuten haben sich mit mir sehr große Mühe gegeben. Zum Beispiel haben sie mich zu therapeutischen Zwecken auf ein Pferd gesetzt. Als es mir langsam besser ging, kurz vor dem Aufwachen aus dem Koma, hat mir ein Bekannter mit den Fingern ein Tauch-OK-Zeichen gezeigt. Ab da ging es aufwärts mit mir. Wie empfinden Sie die Zeit im Koma, wenn Sie von heute aus zurückblicken? Es ist ein Glück, dass mein Gehirn die negativen Aspekte des Komas anscheinend nicht gespeichert hat. An die Schmerzen oder die traurigen Momente, wie die Beerdigung meines Vaters, erinnere ich mich nicht. Ich erinnere mich eigentlich nur an positive Dinge. Was gibt Ihnen heute Lebensfreude? Ich bin froh über alles, was ich heute wieder kann. Immer, wenn mir wieder etwas gelungen ist, was früher vielleicht selbstverständlich war, werde ich noch sicherer. Ich bekomme mein Leben wieder in den Griff. Meine Familie und einige Freunde sind an meiner Seite. Wenn ich bei etwas unsicher bin, kann ich sie fragen. Da ich meinen Beruf nicht mehr ausüben kann, engagiere ich mich jetzt ehrenamtlich bei der Caritas. So habe ich auch eine sinnvolle Aufgabe. 9

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nermüdlich fährt Brita jeden zweiten Tag nach Bad Segeberg und sitzt stundenlang am Bett ihrer Tochter. Seit Winfried so krank ist, kann er sie nur noch selten begleiten. Jetzt fährt sie alleine ohne ihren Mann. Vierzig Minuten Fahrt sind es durch etliche kleine Ortschaften von Preetz in das Neurologische Zentrum. Eine Strecke, die Brita inzwischen wie im Schlaf bewältigt. Anfangs hat sie sich noch ein wenig Sorgen gemacht – wird sie sich allein in Bad Segeberg zurechtfinden? Wo soll sie parken, um die Klinik gut erreichen zu können? Doch es dauert nicht lange, bis sie sich bestens auskennt. Seit über zwei Jahren liegt ihre Tochter jetzt schon im Koma, knapp zwei Jahre sind vergangen, seit ihre kleine Enkelin Marie per Kaiserschnitt auf die Welt gekommen ist. Unwillkürlich schüttelt Brita den Kopf. Was war das für ein Albtraum! Diese endlosen Stunden auf dem Flur der Uniklinik, jeden Moment in der Erwartung, dass sich die Tür zu den Operationssälen öffnet und der Arzt herauskommt. Doch mit welcher Nachricht? Was tun wir, wenn uns der Arzt gleich mitteilt, dass nur einer von beiden überleben kann? Mutter oder Kind? Für wen sollen wir uns dann entscheiden? Wie soll es dann weitergehen? Zwar ist medizinisch heute vieles möglich, aber wie kann eine Geburt gelingen, wenn die Mutter kein bisschen mithelfen kann? Wie kann ein Baby geboren werden und seine eigene Mutter bekommt davon überhaupt nichts mit? In diesen Momenten dort vor dem OP hat Brita sich so hilflos gefühlt, zum Warten verdammt, sie konnte nichts tun. Brita schiebt die Gedanken zur Seite, zum Glück ist mit Marie alles gut gegangen, und betritt den hellen gläsernen Eingangsbereich der Bad Segeberger Klinik. Freundlich nickt sie der jungen Frau an der Information zu und nimmt den Aufzug in den zweiten Stock. Vorsichtig klopft Brita an der Tür des Zimmers ihrer Tochter, Raum 203, – wie schön wäre es, wenn sie eines Tages plötzlich „herein“ rufen würde – und drückt langsam die Klinke herunter. Was gäbe sie dafür, wenn ihre Tochter sich plötzlich aufsetzen und sie ansehen würde! Brita öffnet die Tür und betritt das Zimmer. Der Geruch von Desinfektionsmittel steigt ihr in die 10

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Nase. Zugleich riecht die Luft irgendwie abgestanden, ein wenig muffig, als wenn zu wenig Sauerstoff darin wäre. Carola liegt im Bett, ihr Brustkorb hebt und senkt sich regelmäßig, ihre Augen blicken ins Leere. „Hallo, meine Liebe“, sagt Brita bemüht fröhlich, „hier bin ich wieder!“ Sie tritt an das Bett ihrer Tochter, beugt sich über sie und küsst sie auf die Wange. „Wie schön, wieder bei dir zu sein“, sagt sie und drückt Carolas Hand. In ihrem roten Trainingsanzug liegt ihre Tochter da, blass sieht sie aus und ziemlich aufgedunsen. Ihre Gesichtszüge sind jetzt, im Koma, kaum noch zu erkennen. Wenn die Muskeln nicht mehr bewegt werden, verliert das Gesicht seine Konturen, haben die Ärzte Brita erklärt. Und dass Carolas Gewichtszunahme an den Medikamenten liegt. Ihre schönen ehemals langen lockigen Haare sind jetzt kurz geschnitten und kräuseln sich wild um ihren Kopf. Was ist nur aus dir geworden, Carola, denkt Brita und schluckt. Doch dann atmet sie tief durch und gewinnt ihre Fassung wieder. Trübsal blasen bringt keinem etwas. Sie geht zu einem der beiden Fenster, öffnet es weit und lässt die Sonne herein. Dann nimmt sie die Vase vom Nachttisch, in der die Rosen aus ihrem Garten schon längst verblüht sind, und wirft die Pflanzen in den Mülleimer. Sie hat Nachschub mitgebracht. Aus ihrer Tasche holt sie ein paar frische, aufgeblühte Sonnenblumen, die sie vorher noch beim Blumenladen besorgt hat, füllt die Vase neu und stellt sie zurück auf den Nachttisch. „Ich habe dir ein bisschen Farbe mitgebracht“, sagt sie zu ihrer Tochter. Langsam strömt die frische Luft ins Zimmer. Sie zieht die Decke ihrer Tochter ein wenig höher und nimmt ihre Hand. „Hier bin ich doch“, sagt sie leise, „deine Mama.“ Inzwischen ist sie diejenige, die Carola am häufigsten besucht. Claudia tut sich sehr schwer damit, ihre Schwester in diesem Zustand zu sehen, Michael kommt nach wie vor regelmäßig, hat aber durch Marie auch viel anderes um die Ohren. Brita zieht einen der Stühle heran und setzt sich ans Bett ihrer Tochter. Es klopft an der Tür. Ein junger Pfleger steckt den Kopf herein. „Hallo, Frau Thimm, ich 11

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wollte nur schauen, ob Sie schon da sind“, sagt er und lächelt. „Ich komme später noch mal wieder.“ Brita lächelt zurück. „In Ordnung, danke.“ Inzwischen kennt sie alle Krankenschwestern, Ärzte und Therapeuten auf der Station. Sie sind erstaunt, mit welcher Kraft und welchem Optimismus diese Frau ihre Tochter begleitet. Und auch mit den Angehörigen der anderen Patienten kommt Brita ins Gespräch. Wie viele Menschen es doch gibt, die in einer ähnlichen Situation sind wie Carola. Wie viele schreckliche Schicksale in dieser Klinik zusammenkommen. Brita tut es gut, ab und zu mit anderen Müttern, Vätern und Partnern zu sprechen, zu sehen, dass sie mit der Krankengeschichte ihrer Tochter nicht alleine dasteht. Das gibt ihr Kraft und Mut, nicht aufzugeben. Brita schaut ihre Tochter an. „Heute ist draußen ein wunderschöner Tag, Carola“, erzählt sie ihr. „Die Sonne scheint und der Himmel ist strahlendblau. Ich schwitze sogar in meinem dünnen T-Shirt. Draußen ist es fast schon zu heiß, da würde man am liebsten im Garten im Schatten sitzen und ein kühles Eis essen. Das würdest du jetzt sicher auch gerne tun“, sagt sie und streichelt ihrer Tochter übers Gesicht. „Ein leckeres Cornetto-Nuss oder ein weißes Magnum, das magst du doch so gerne.“ Brita hält inne. Carolas Blick ist unverändert. Seit sie ins Zimmer gekommen ist, hat ihre Tochter keine einzige kleine Reaktion gezeigt. Wenn sie sie doch bloß einmal irgendwie aus der Reserve locken könnte, denkt Brita. Sie schweigt und betrachtet Carolas Gesicht. Worüber soll sie reden, wenn sie hier an ihrem Bett sitzt, was soll sie ihr immer wieder erzählen? Stundenlang mit jemandem zu sprechen, der gar nichts sagt, der nicht lächelt, wenn sie etwas Lustiges erzählt, der das Gesicht nicht verzieht, wenn sie von traurigen Dingen spricht, ist gewöhnungsbedürftig. Vor einigen Monaten hat sich Brita deshalb entschieden, Bücher mit in die Klinik zu bringen und ihrer Tochter daraus vorzulesen. Auch jetzt greift sie in ihre Tasche und holt einen dicken Wälzer daraus hervor: Der Medicus. Brita hat das Buch vor mehreren Jahren im Urlaub ver12

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schlungen, doch an vieles kann sie sich jetzt gar nicht mehr so genau erinnern. Ob Carola den Roman kennt, weiß sie nicht. Sie schlägt das Buch auf, nimmt das Lesezeichen heraus und fängt an zu lesen. Zuerst etwas stockend, bis ihre Stimme warm geworden ist, dann immer flüssiger. Wenn unterschiedliche Personen zu Wort kommen, verstellt sie ihre Stimme. So wirkt es lebhafter. Brita liest und liest. Auch sie versinkt nach einer Weile ganz in der Geschichte und vergisst für kurze Momente alles um sich herum. Hin und wieder wendet sie die Augen vom Text ab und schaut in das Gesicht ihrer Tochter. Und dann sieht sie es. Ab und zu, nur einen Wimpernschlag lang, spürt sie, dass ihre Tochter reagiert. Dass sie nicht tot ist, dass sie nicht nur daliegt und nichts mitbekommt. Wenn sie etwas Lustiges vorträgt, meint sie, dass sich Carolas Mund ganz kurz verzieht, ebenso passiert es, wenn die Geschichte im Buch eine traurige Wendung nimmt. Als der Medicus in Schwierigkeiten gerät, werden Carolas Augen größer, sie sieht es ganz deutlich. Einmal hat sie ein Buch weggelegt, erinnert sich Brita, weil es einfach blöd war. Eine Bekannte hatte ihr einen Krimi empfohlen, an dessen Titel sie sich schon gar nicht mehr erinnert. Irgendetwas mit einem einsamen Haus in England und einem Mann, der zurückgezogen darin lebte. Das Buch war weder spannend noch interessant, sondern einfach blöd. Das hat sie ihrer Tochter dann auch gesagt: „Dieses Buch legen wir weg, das ist ja total langweilig.“ Und wieder war er da, dieser kurze Augenblick, in dem sie meinte, eine Reaktion auf Carolas Gesicht zu erkennen. So wie gerade beim Medicus. Bildet sie sich das nur ein? Spielt ihr ihre Wahrnehmung nach zwei Stunden am Bett ihrer Tochter einen Streich? Sind diese vermeintlichen Reaktionen nur ein Strohhalm, an den sich eine verzweifelte Mutter klammert? Brita schüttelt den Kopf. Das kann doch nicht sein! „Ach Carola, wenn du doch nur mit mir sprechen könntest, wenn du mir nur sagen könntest, wie es dir geht“, flüstert sie. Als sie Claudia kürzlich von ihrer Entdeckung erzählt hat, hat die sie nur mitleidig angesehen. „Du weißt doch, dass Carola nichts mitbekommt“, hat sie zu 13

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ihr gesagt. „Die Ärzte haben uns doch erklärt, dass sie nicht in der Lage ist, eine Reaktion zu zeigen. Keiner weiß, wie es in ihrem Gehirn aussieht. Das ist unheimlich schwer, aber wir müssen das akzeptieren, Mama.“ Auch Michael hat sich nicht auf das Gespräch eingelassen, als er ihr vergangene Woche ihre Enkelin Marie vorbeigebracht hat. „Ich hatte heute den Eindruck, dass Carola reagiert hat, als ich ihr vorgelesen habe“, hat sie zu ihm gesagt. Er hat sie nur müde angesehen. „Menschen im Koma zeigen Reaktionen, na klar, ihr Körper funktioniert ja auch noch. Ihre Muskeln zucken, ihre Nerven arbeiten ganz normal, aber es geht ja darum, ob diese Reaktionen bewusst gesteuert werden. Und dazu ist – wie wir seit Monaten wissen – Carola doch leider gar nicht in der Lage.“ Damit war das Gespräch für Michael beendet. Brita schüttelt über sich selbst den Kopf. Sie legt das Lesezeichen ins Buch und klappt den Medicus zu. Erst da bemerkt sie, dass Carolas Logopädin in der Tür steht. „Ich habe Ihnen kurz zugehört“, sagt Adriana Meijer mit ihrem sympathischen holländischen Akzent und lächelt. „Sie lesen Carola sehr schön vor, das gefällt ihr!“ Adriana kommt ins Zimmer und schüttelt Brita die Hand. „Wir finden das so toll, dass Sie Ihre Tochter so unterstützen“, sagt die schlanke junge Frau mit den blonden Locken. Dankbar lächelt Brita zurück. „Wahrscheinlich klingt das total blöd, aber ich habe den Eindruck, dass Carola mitbekommt, was ich ihr vorlese.“ Sie schaut der Therapeutin in die Augen: „Je nachdem, was ich vorlese, reagiert sie darauf“, sagt sie leise und erwartet schon, dass Adriana sie belächeln wird. Doch nichts dergleichen geschieht. Die Logopädin steckt die Hände in die Taschen ihres lilafarbenen Kittels und blickt ernst. Dann nickt sie. „Sie haben Recht. Wir haben auch schon festgestellt, dass sich bei Carola ein Stück weit etwas tut“, bemerkt sie. „Machen Sie weiter so bei Ihrer Tochter, das ist ganz prima“, ermutigt sie Brita, der ein Stein vom Herzen fällt. Sie hat sich nicht getäuscht!

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© REX SCHOBER

Carola Thimm, geboren 1968, arbeitete nach einem Studium des Verwaltungsrechts für das Sozial­ministerium in Schleswig-Holstein. Außerdem war sie passionierte Taucherin und Tauchlehrerin. Sie lebt heute in ihrer Heimatstadt Preetz.

© PRIVAT

Diana Müller, geboren 1977 in Siegen, volontierte an der Katholischen Journalistenschule ifp und arbeitet nun als Redakteurin beim Schwaben­verlag in Ost­fildern.

CAROLA THIMM mit Diana Müller

Mein Leben ohne mich Wie ich 5 Jahre im Koma erlebte

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16 D I E A U TO R I N STEHT FÜR V E R A N S TA LT U N G E N ZUR VERFÜGUNG Bitte wenden Sie sich an Sabrina Reusch Tel. 0711 / 4406-168 [email protected]

Fünf Jahre Koma

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Dramatischer kann eine Lebensgeschichte kaum sein. Carola Thimm ist im fünften Monat schwanger, als in ihrem Gehirn ein Aneurysma platzt. Sie fällt ins Wachkoma, wird künstlich ernährt, kann nicht sprechen, reagiert nicht. Selbst die Geburt ihrer Tochter erlebt Carola Thimm nicht mit. Fünf Jahre bleibt sie in diesem Zustand, bis sie langsam wieder erwacht. In ihrem erstaunlichen Buch beschreibt Carola Thimm ihre Erfahrungen und Gefühle während dieser Zeit. Und wie es ihr gelungen ist, sich ihr Leben nach dem Erwachen neu zu erobern. Sie lernt wieder gehen, sprechen, Zähne putzen und begreift nur langsam, dass sie Mutter einer mittlerweile fünfjährigen Tochter ist. Ein aufrüttelndes Buch über eine lebensmutige Frau und ein sensationeller Einblick in das Phänomen Wachkoma.