Die 4. Kunsthistorikerinnentagung in Berlin

Die 4. Kunsthistorikerinnentagung in Berlin

Technischen Universität im Fachbereich Kunstgeschichte gibt es keinen einzigen weiblichen Hochschullehrer. Dieses groteske Mißverhältnis dürfte an all...

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Technischen Universität im Fachbereich Kunstgeschichte gibt es keinen einzigen weiblichen Hochschullehrer. Dieses groteske Mißverhältnis dürfte an allen deut· sehen Hochschulen annähernd gleich sein. Frauen sind hauptsächlich in der Kunst-

vermittlung tätig, die Männer widmen sich der forschenden Kunstwissenschaft. Einer dervier Tagungsschwerpunkte galt daher zurecht den Fragen der geschlechtsspezi· fischen Hierarchien und der Ausgrenzungsstrukturen im Bereich von Kunst und

Kunstwissenschaft. Die Vorbereitungsgruppe, die sich als "Lu Märten-Verein" konstituiert hatte- es sind Studentinnen und wissenschaftliche Mitarbeiterinnen derBer-

liner Hochschulen-, hatten sich die Kunst- und Kulturhistorikerin Lu Märten, die 1970 in Berlin trotzihres beeindruckenden theoretischen Werkes zur" klassenlosen Kunst" isoliert und fast vergessen starb, zum Vorbild genommen. Ausgehend von einer Un-

tersuchung über die gesellschaftliche SituQtion der Künstlerinnen hatte Lu Märten eine Theorie der "Kunst als Sanderfall der Produktion" entwickelt, in der die Frau, "nach Zwecken zerteilt", ihre geistigen Energien opfert. Lu Märten hatte verlangt, die Kritik der Kunst in eine Kritik der Arbeit zu verwandeln. Fürdie gegenwärtige Frauen-

forschung bleibt dieser Ansatz wichtig. Neben der wissenschaftlichen Aufarbeitung der von Männern auf Grund fehlenden Interesses oder des Verhaftetseins in patriar-

chalen Denkformen nicht bearbeiteten Themen sollte die politische Kampagne zur Durchsatzung gerechter Forderungen nach angemessener Präsenz von Frauen auf allen Stufen der Hierarchie im Wissenschaftsbetrieb fortgesetzt werden. Daß es sich

dabei um einen politischen Kampf der Frauen handelt, wurde auf der Tagung wohl zu wenig beachtet. Der alte "Marsch durch die Institutionen" dürfte, gepaart mit parteipolitischem Engagement, am ehesten zu Erfolgen führen. Kunsthistorikerinnentagungen, das zeigten die wissenschaftlichen Vorträge zu den

Schwerpunkten "Spiegelungen oder: Identifikationsmuster patriarchalischer Kunst· geschichte", "Männliche und weibliche Künste?" und "Zur ästhetischen Organisa-

tion von Macht- Sexualität- Gewalt in bildliehen Darstellungen", sind für die über· greifenden methodischen und erkenntnistheoretischen Fragestellungen der Frauen-

forschung ein notwendiges Forum. Besondere Beachtung fand der Vortrag von lrit Ragaff, Berkeley, über "Öffentliche Selbst-Konfigurationen von Maskulinität und kultureller Autorität in der deutschen Moderne". Maskulinität bleibt, so die Referent· in, in unserer westlichen, analytischem Denken verpflichteten Kultur das "große Un-

gesagte", aber ständig als Macht gegen das "Andere" Spürbare, wenngleich unter·

Die 4. Kunsthistorikerinnentagung in Berlin 1982 fand in Marburg die erste Kunsthistarikerinnen·Tagung statt, der im Abstand von zwei Jahren Treffen in Zürich und Wien folgten. Dabei hat sich die Teilnehmerin· nenzahl von Tagung zu Tagung nahezu verdoppelt, bei der Tagung in Berlin vom 21.

bis 25. September 1988 waren es etwa 800 Kunsthistorikerinnen die eine autonome 1

"Frauenkunstgeschichte" für notwerldig hielten. "Es gibt kein Feld, wa die Diskriminierung der Frausaverdeckt und effektiv betrie· ben wird, wie in der Kunst", stellte Ulrich Ralaff·Momin, Präsident der Hochschule der Künste, die neben der Technischen Hochschule Berlin Gastgeberinder Tagung war, am Eröffnungsabend fest. Für die fast 70 Prozent Studentinnen an der Berliner

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schiedlich determiniert im Verhältnis zu Rasse, Klasse und Kultur.ln Künstler-Selbstporträts von Böcklin, Corinth, Liebermann und Kirchner spürte lrit Ragoffder von einer patriarchalen Kultur geschaffenen genormten Selbstdarstellung des Künstlers nach.

Die Autorität des autonomen Künstlers im Bildmittelpunkt gibt allem, das ihn umgibt, eine Randexistenz. Tauchen Frauen auf solchen Selbstbildnissen auf, so werden sie

als passive Kulturteilnehmerinnen dargestellt. Die Engländerin Griselda Pollock (Leeds) untersuchte die "Räume der Weiblichkeit" in der Moderne und zeigte auf den "männlichen Blick" als den Blick des Flaneurs/ Voyeurs in den Bildern der Impressionisten. "Hätten Berthe Mariset und Mary Cassat solche kanonisch gewordenen Bilder wie Manets 'Oiympia' oder die 'Bar des Folies Berg6re' malen können?" fragte sie. Der voyeuristische Blick auf Frauenkörper

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kommt bei diesen Malerinnen der frühen Moderne nicht vor. Ihre Bilder zeigen Frau~ en aus anteilnehmender Nähe, schon i"n der besonderen Art, wie sie "Räume, die sie repräsentieren", konstituieren: Frauen sind in solchen Räumen als Subjekte, nicht als

Objekte gesehen. Eine "Künstlergeschichte als Heldengeschichte" führte Anne-S. Damm-Maurer (München) am Beispiel Hans von Marees vor, der in Julius Meier-Graefe den Mythenbildner seines Künstlerlums gefunden hatte. Alexandra Pätzold (Marburg) wies an Marees "Goldenem Zeitalter" nach, daß der Kunsthistoriker Meier~Graefe vom Sichtbaren nur das zur Sprache bringt, was im

Häufung der Referate wurde die Diskussionszeit im allgemeinen nicht beschnitten.

Eher konnten einige Beiträge schon durch den Stil des Vortrags, der sie in die Nähe von Manifesten und Statements brachte, zu Verärgerung führen. Vereinzelt muteten solche Darbietungen wie eine Karikatur der akademischen Vortragspraxis an, nach

dem Motto: ein Wissenschaftler hat sich um die Vermittlung seiner Wissenschaft nicht zu kümmern. Vielleicht sollte aber auch nur der stillschweigend vorausgesetzte Grundkonsens zum Ausdruck kommen, wenn- und darüber konnte auch die elabo~ rierte Sprache nicht hinwegtäuschen- in einigen Vorträgen so munter über manches hinweggegangen wurde, das sich dann in der Diskussion als durchaus klärungsbe~

"Subjektentwurf Mann" seinen Platz hat, und dazu gehört nicht die im Bild durch formale Übernahme antiker Zitate verbildlichte Knabenliebe, die auch in der weiteren Rezeptionsgeschichte mit Schweigen behandelt wurde. Unter dem Thema "Geschlechterverhältnisse in Kunstgattungen und Medien" wurde

Die Gefahr, von patriarchalischen Denk- und Sprachmustern zu feministischen, ebenso unbeweglichen Beurteilungsrastern zu gelangen, wurde ebenfalls gelegentlich recht plastisch vorgeführt und in kritischen Diskussionsbeiträgen zur Sprache ge~

den Maßstäben der etablierten Kunstgeschichte nachgegangen, von der hoch einge-

bracht.

dürftig erwies.

stuften Gattung der Bildnerei bis zur tiefstehenden Tapisserie, die bis heule als Domäne der Künstlerinnen gilt. Die Strategien der Abwertung von Künstlerinnen zeigen

Gabriele Hoffmann

sich besonders deutlich bei Robert und Sonja Delaunay. Spricht die Kunstgeschichte bei Sonja Delaunay von Intuition, so im Zusammenhang mit (weiblichem) Instinkt. Bei Robert Delaunay findet man, wie Kerstin Kolter (Berlin) an Beispielen erläuterte, Intuition als Komplement zu Rationalität. Erfolgreich durfte die Frau als Muse und Mäzenatin eines großen Künstlers sein. Das

Mäzenatentum der Schwestern Dr. Claribel und Miss Etta Cone bescherte den USA eine reiche lmpressionistensammlung, die berühmte Cone-Collection im Boltimare

Museum of Art. "Frauenrollen im städtischen Raum der DDR" stellte Helga Möbius (Berlin, DDR) vor. Die "Bekunslung" des öffentlichen Raumes durch weibliche Aktfiguren gehorchte immer dem gleichen Prinzip: Wohlbefinden erregen durch die unbeschwert heiteren Frauenkörper, dabei kam einem die staatlich verordnete" Kraftdurch Freude" in den Sinn. Künstlerinnen dagegen, so konnte Helga Möbius an vielen Beispielen nachwei-

sen, zeigen auch bei Mutter-Kind Darstellungen die Abkehr vom Klischee der Weiblichkeit. Der letzte Tag der Tagung war dem Thema "Macht und Gewalt in bildliehen Darstel-· Iungen" gewidmet; ein Themenkomplex, dem mit Sicherheit eine eigene Tagung angemessen gewesen wäre. Es ging in den Vorträgen und Beispielen vor allem um die ästhetische Inszenierung von Macht, Gewalt und Sexualität; angefangen bei Verge-

waltigung und Selbstmord der Patriziergattin Lukretia über die "Wunden des Schmerzensmannes" bis zu ,,Johh der Frauenmörder" von George Grosz. Dabei wurde nicht übersehen, daß für die unterschiedlichen Forrrlen der Unterdrückung-

nicht nur bei Frauen!- die stukturelle Gewalt, die sich hinter Klischee und Idylle häufig verbirgt, die gefährlichere Form der Gewalt ist. , Als sei es die letzte Kunsthistorikerlnnen~Tagung, hatte frau auf keines der ge-

schlechtsspezifischen Problemfelder verzichten wollen. Bemüht, in Einzelforschungen den Beweis für die Richtigkeit der Behauptung von der Notwendigkeit der Frauenforschung aufzuzeigen, war ein Mammutprogramm aufgestellt worden. Trotz der

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kommt bei diesen Malerinnen der frühen Moderne nicht vor. Ihre Bilder zeigen Frau~ en aus anteilnehmender Nähe, schon i"n der besonderen Art, wie sie "Räume, die sie repräsentieren", konstituieren: Frauen sind in solchen Räumen als Subjekte, nicht als

Objekte gesehen. Eine "Künstlergeschichte als Heldengeschichte" führte Anne-S. Damm-Maurer (München) am Beispiel Hans von Marees vor, der in Julius Meier-Graefe den Mythenbildner seines Künstlerlums gefunden hatte. Alexandra Pätzold (Marburg) wies an Marees "Goldenem Zeitalter" nach, daß der Kunsthistoriker Meier~Graefe vom Sichtbaren nur das zur Sprache bringt, was im

Häufung der Referate wurde die Diskussionszeit im allgemeinen nicht beschnitten.

Eher konnten einige Beiträge schon durch den Stil des Vortrags, der sie in die Nähe von Manifesten und Statements brachte, zu Verärgerung führen. Vereinzelt muteten solche Darbietungen wie eine Karikatur der akademischen Vortragspraxis an, nach

dem Motto: ein Wissenschaftler hat sich um die Vermittlung seiner Wissenschaft nicht zu kümmern. Vielleicht sollte aber auch nur der stillschweigend vorausgesetzte Grundkonsens zum Ausdruck kommen, wenn- und darüber konnte auch die elabo~ rierte Sprache nicht hinwegtäuschen- in einigen Vorträgen so munter über manches hinweggegangen wurde, das sich dann in der Diskussion als durchaus klärungsbe~

"Subjektentwurf Mann" seinen Platz hat, und dazu gehört nicht die im Bild durch formale Übernahme antiker Zitate verbildlichte Knabenliebe, die auch in der weiteren Rezeptionsgeschichte mit Schweigen behandelt wurde. Unter dem Thema "Geschlechterverhältnisse in Kunstgattungen und Medien" wurde

Die Gefahr, von patriarchalischen Denk- und Sprachmustern zu feministischen, ebenso unbeweglichen Beurteilungsrastern zu gelangen, wurde ebenfalls gelegentlich recht plastisch vorgeführt und in kritischen Diskussionsbeiträgen zur Sprache ge~

den Maßstäben der etablierten Kunstgeschichte nachgegangen, von der hoch einge-

bracht.

dürftig erwies.

stuften Gattung der Bildnerei bis zur tiefstehenden Tapisserie, die bis heule als Domäne der Künstlerinnen gilt. Die Strategien der Abwertung von Künstlerinnen zeigen

Gabriele Hoffmann

sich besonders deutlich bei Robert und Sonja Delaunay. Spricht die Kunstgeschichte bei Sonja Delaunay von Intuition, so im Zusammenhang mit (weiblichem) Instinkt. Bei Robert Delaunay findet man, wie Kerstin Kolter (Berlin) an Beispielen erläuterte, Intuition als Komplement zu Rationalität. Erfolgreich durfte die Frau als Muse und Mäzenatin eines großen Künstlers sein. Das

Mäzenatentum der Schwestern Dr. Claribel und Miss Etta Cone bescherte den USA eine reiche lmpressionistensammlung, die berühmte Cone-Collection im Boltimare

Museum of Art. "Frauenrollen im städtischen Raum der DDR" stellte Helga Möbius (Berlin, DDR) vor. Die "Bekunslung" des öffentlichen Raumes durch weibliche Aktfiguren gehorchte immer dem gleichen Prinzip: Wohlbefinden erregen durch die unbeschwert heiteren Frauenkörper, dabei kam einem die staatlich verordnete" Kraftdurch Freude" in den Sinn. Künstlerinnen dagegen, so konnte Helga Möbius an vielen Beispielen nachwei-

sen, zeigen auch bei Mutter-Kind Darstellungen die Abkehr vom Klischee der Weiblichkeit. Der letzte Tag der Tagung war dem Thema "Macht und Gewalt in bildliehen Darstel-· Iungen" gewidmet; ein Themenkomplex, dem mit Sicherheit eine eigene Tagung angemessen gewesen wäre. Es ging in den Vorträgen und Beispielen vor allem um die ästhetische Inszenierung von Macht, Gewalt und Sexualität; angefangen bei Verge-

waltigung und Selbstmord der Patriziergattin Lukretia über die "Wunden des Schmerzensmannes" bis zu ,,Johh der Frauenmörder" von George Grosz. Dabei wurde nicht übersehen, daß für die unterschiedlichen Forrrlen der Unterdrückung-

nicht nur bei Frauen!- die stukturelle Gewalt, die sich hinter Klischee und Idylle häufig verbirgt, die gefährlichere Form der Gewalt ist. , Als sei es die letzte Kunsthistorikerlnnen~Tagung, hatte frau auf keines der ge-

schlechtsspezifischen Problemfelder verzichten wollen. Bemüht, in Einzelforschungen den Beweis für die Richtigkeit der Behauptung von der Notwendigkeit der Frauenforschung aufzuzeigen, war ein Mammutprogramm aufgestellt worden. Trotz der

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