Die Angst vor dem Terror – Daten aus deutschen

Die Angst vor dem Terror – Daten aus deutschen

Burkhard Brosig und Elmar Brähler Die Angst vor dem Terror – Daten aus deutschen Repräsentativerhebungen vor und nach dem 11. September für Konflikt...

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Burkhard Brosig und Elmar Brähler

Die Angst vor dem Terror – Daten aus deutschen Repräsentativerhebungen vor und nach dem 11. September

für Konflikt- und Gewaltforschung Journal of Conflict and Violence Research Vol. 4, 2/2002

Burkhard Brosig und Elmar Brähler Die Angst vor dem Terror Daten aus deutschen Repräsentativerhebungen vor und nach dem 11. September [The Fear of TerrorData from German Representative Surveys Before and After September 11.]

http://www.uni-bielefeld.de/ikg/jkg/2-2002/brosig_braehler.pdf

1. Einleitung Von Galea et al. (2002) konnte in Telefoninterviews im Stadtteil Manhattan von New York, NY gezeigt werden, dass die Terroranschläge auf das World Trade Center am 11. September massive psychologische Folgen hatten. Von den 1.008 interviewten Personen zeigten 7,5% Symptome einer Akuten Posttraumatischen Stressreaktion sowie 9,7% Zeichen einer depressiven Störung im Sinne der ICD-10 Klassifikation seelischer Störungen. Einwohner Manhattans, die südlich der Canal-Street lebten und damit räumlich näher an den Ereignissen waren, zeigten sogar in 20,0% Zeichen eines Posttraumatischen Stresses. Die Terroranschläge auf das World Trade Center in New York, NY und das Pentagon in Washington, DC hinterließen nicht nur bei den unmittelbar Betroffenen sondern auch in der Öffentlichkeit der westlichen Welt einen Schock. Es wäre banal auf die mediale Vervielfältigung des individuellen Leidens hinzuweisen, die eine globale Öffentlichkeit informierte, miterleben ließ und gleichzeitig in immer neu sich reproduzierenden Bildsequenzen „unterhielt“ und dabei das ikonographische Register einer „Ästhetik“ von Katastrophen bediente. Neben der luziden Bebilderung der Katastrophe wuchs in den Zuschauern, den globalen Zaungästen der Anschläge, so etwas wie eine unbestimmbare Angst. Dieses unter-gründige, bodenlose, auf „groundzero“ gebrachte Gefühl einer namenlosen Bedrohung wird zum Gegenstand unserer Untersuchung. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich also mit der Frage, ob der Terroranschlag vom 11. September 2001 Spuren in Bezug auf Ängste und politische Einstellungen in der deutschen Bevölkerung hinterlassen haben. Falls dies, im Sinne eines gesellschaftlichen Klimawechsels, der Fall wäre, müsste es sich auch in repräsentativen Erhebungen zwischen Frühjahr 2001, Herbst 2001 sowie Frühjahr 2002 nachweisen lassen. Niemand wartet auf den Krieg. Es scheint deshalb nicht verwunderlich, dass Daten zu psychischen Veränderungen im Verlauf der Phase einer Zunahme politischer Spannungen und dem Übergang zur Auslösung eines Krieges prospektiv nicht gewonnen wurden. Dennoch gibt 77

es im Rahmen von Längsschnittstudien zu diesem Themenbereich gelegentlich Befunde, wie sie beispielsweise in einer empirischen prospektiven Einzelfallstudie zu einer psychosomatischen Fragestellung von Brosig (1998) vorgelegt wurden. Hier wurde durch ARIMA-Impact-Analyse in Form eines vektorautoregressiven Modells untersucht, inwieweit der Ausbruch des Golfkrieges mit den spürbar mobilisierten Ängsten in der Bevölkerung emotionale Spuren bei einem Paar hinterlassen hatte. Es konnte gezeigt werden, dass die in Frage stehende psychosomatische Symptomatik der Partner im Zusammenhang mit den Ereignissen am persischen Golf zunächst sistierte und gleichzeitig von einem Ansteigen empfundener Ängste begleitet war. Danach folgte, insbesondere beim Ehemann, eine Periode der Lähmung und Hoffnungslosigkeit, etwa in dem Tenor, dass man gegen weltpolitische Veränderungen ohnedies nichts unternehmen könne. Auch die Frau reagierte mit einer raschen Abnahme der von ihr angegebenen Ängsten, so dass nach etwa drei Wochen keine wesentlichen Reaktionen im Spiegel dieser Tagebuchdaten zu bemerken war. Wie die folgenden Ergebnisse zeigen werden, war dies im Gefolge der Terroranschläge auf das World Trade Center und auf das Pentagon in Washington deutlich anders. Silver et al. (2002) beschrieben einen abfallenden Trend von psychischer Beeinträchtigung als Reaktion auf den 11. September 2001. Waren es zwei Monate nach dem Terroranschlag noch 17% aller Befragten einer Internet-Umfrage, die Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung zeigten, so fiel der Anteil sechs Monate später auf 5,8%. Prädiktoren für ein hohes Maß an Trauma-Symptomatik waren weibliches Geschlecht, erlebte EheScheidung, prämorbide Befunde von Depression oder Angststörung, persönliche Betroffenheit durch die Anschläge und bestimmte, unreife Coping-Strategien. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich nun mit der Frage, ob, im Spiegel von Repräsentativerhebungen in der deutschen Bevölkerung, Veränderungen bezüglich wahrgenommener Ängste empirisch nachzuweisen wären. Wir konnten vier repräsentative Befragungen ermitteln, bei denen jeweils mit, zumindest teilweise identischen, Fragen zu Ängsten vor und nach dem 11. September eine Wiederholungsbefragung stattfand. Bei allen vier wiederholten Erhebungen handelt es sich jedoch nicht um echte Längsschnittuntersuchungen, sondern jeweils um wiederholte Querschnittuntersuchungen.

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2. Ergebnisse Die Darstellung der Ergebnisse folgt in der Gliederung den vier repräsentativen Erhebungen, die, jeweils aus unterschiedlichen Blickwinkeln, Meinungsänderungen und Stimmungswechsel in der deutschen Bevölkerung im Zusammenhang mit den Terroranschlägen am 11. September anzeigen. 2.1 LBS-Kinderbarometer Das „LBS-Kinderbarometer“ untersucht Stimmungen, Einstellungen und Meinungstrends von Kindern und Jugendlichen in NordrheinWestfalen. Die Erhebung erfolgt jeweils jährlich in Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit des Landes NRW. Es wurde in der hier referierten Studie untersucht, ob in Anbetracht der Terroranschläge vom 11. September 2001 und der darauf folgenden militärischen Einsätze in Afghanistan, die Erlebniswelt von Kindern durch die beschriebenen weltpolitischen Ereignisse tangiert wurde. Nachdem (Klöckner/Beisenkamp 2002, 112) die Haupterhebung des LBS-Kinderbarometers im Frühjahr 2001 abgeschlossen war, wurde kurzfristig eine zweite Erhebungswelle im gleichen Kalenderjahr gestartet und 1.221 Kinder wurden nachbefragt. Die Ergebnisse der verschiedenen Themenbereiche der Befragung sollen kurz skizziert werden. a) Angst vor Krieg und Terror: Es zeigte sich, dass das allgemeine Wohlbefinden der befragten Kinder und Jugendlichen im Mittel von einem Wert von 5,7 auf 5,4 Punkte abgefallen war (ebd., 115). Die befragten Kinder hatten nunmehr nach dem 11. September 2001 vermehrt Angst vor Krieg und Terroranschlägen. Unmittelbar ins Auge fielen die massiven Ängste vor einem möglicherweise herannahenden Krieg, die nun von etwa 41% der befragten Kinder geäußert wurden. Auf dieselbe Frage gaben im Frühjahr 2001 lediglich 1% (!) der Befragten Kriegsangst an, eine Befindlichkeit, die somit fast nicht fassbar war. Auch die Angst vor Terroranschlägen (11% im Herbst 2001 gegenüber 0% im Frühjahr 2001), die Angst, Freunde bzw. Freundinnen zu verlieren (7% im Herbst 2001 gegenüber 5% im Frühjahr 2001), sowie die Angst vor dem eigenen Tod (3% im Herbst 2001 gegenüber 2% im Frühjahr 2001) nahm zu. Umgekehrt nahm die Angst vor einem Schulversagen (dies äußerten noch 29% der Befragten im Frühjahr 2001 gegenüber nur 18% im Herbst 2001) ab, ebenso die Angst vor dem Tod oder einer Krankheit von Familienangehörigen (10% im Frühjahr 2001 79

gegenüber nur 5% im Herbst 2001). Im Sinne einer Gegenprobe wurde gefragt, ob gegebenenfalls gar keine Ängste von den Kindern wahrgenommen würden. Dies äußerten noch 14% der befragten Kinder im Frühjahr 2001 gegenüber nur 5% im Herbst 2001. Auch die Antwortkategorie „weiß nicht“ wurde weniger stark verwendet, hier kreuzten noch im Frühjahr 2001 13% der Kinder an, im Herbst 2001 keine Kinder mehr (Klöckner/Beisenkamp 2002, 17). Somit war eine Zunahme von Kriegsangst und von Angst vor Verlusten nahestehender Personen zu konstatieren, bei einer gleichzeitigen Abnahme von Ängsten bezüglich Schule und einer Reduktion von allgemeinen Krankheits- und Todesängsten. Gleichzeitig nahm die Angstbereitschaft, als reziproker Wert gemessen über die Abwesenheit von Ängsten bzw. über die Nicht-Berücksichtigung der „Unentschieden“-Kategorie, ab. Wie die Autoren ausführen, unterscheiden sich Jungen und Mädchen in der Angst vor Terroranschlägen nicht, auch war kein Alterseffekt in Bezug auf diese Ängste bei den befragten Kindern nachzuweisen. „Üblichere“ Ängste bei Kindern, etwa die Angst Freundinnen und Freunde zu verlieren (bei Mädchen stärker als bei Jungen), die Angst in der Schule zu versagen (bei Jungen stärker als bei Mädchen, bei älteren Kindern stärker als bei jüngeren), zeigten dagegen deutlichere Altersund Geschlechtseffekte. Kinder aus Migrantenfamilien scheinen weniger Ängste vor Terroranschlägen (5%) als deutsche Kinder (12%) zu äußern. Diese Kinder sehen sich jedoch, wie auch im Frühjahr 2001, stärker in der Gefahr, in der Schule zu versagen. b) Zentrale Wertvorstellungen der Kinder: Befragt wurden die Kinder auch in Bezug auf ihre Haltung gegenüber zentralen Aussagen zu sozialen Werten und moralischen Einstellungen. Es zeigte sich, dass keine Unterschiede in Bezug auf Ehrlichkeit, Freundschaft, Hilfsbereitschaft bezüglich anderer Menschen oder Offenheit anderen gegenüber nachweisbar waren. Die Kinder glaubten nach wie vor, dass es wichtig sei, eine eigene Meinung zu haben, anderen Menschen zu helfen, mit anderen Dinge zu teilen, offen auch zu Menschen zu sein, die anders sind; es war für sie weiterhin wichtig, die Umwelt zu schützen, ehrlich zu sein und Freunde zu haben. Sie wollten auch nach wie vor, jedoch in einem leicht reduzierten, statistisch noch nicht signifikant niedrigerem Ausmaß „Spaß haben.“ Lediglich die Einstellung zu materiellen Werten („viel Geld haben“) war signifikant (auf p < 0.001-Niveau) reduziert. Dies deutet auf eine deutliche Reduktion einer rein materiell orientierten Haltung von Kindern in der „Spaß- und

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Erlebnisgesellschaft“ nach dem Schock durch den 11. September 2001 hin (ebd., 119). Befragt wurden die Kinder auch in Bezug auf das von ihnen favorisierte Verhalten in Streits und Auseinandersetzungen. Es zeigte sich, dass die Mittelwerte bezüglich dreier Aspekte der Beurteilung von Streits zwischen dem Frühjahr und Herbst 2001 verändert waren. Kinder waren weniger geneigt sich zu streiten, um Dinge durchzusetzen, die wirklich wichtig seien. Zwar sagten die Kinder nach wie vor, dass Streiten manchmal einfach dazugehöre (keine Veränderungen der Mittelwerte), doch meinten sie statistisch signifikant häufiger (p < 0.001), dass gute Freunde nie streiten sollten. Somit wurde zwar anerkannt, dass Streit auch in guten Freundschaften möglich sei, die Tendenz zum Streiten war insgesamt jedoch weniger stark ausgeprägt. Gefragt nach dem Verhalten in Streitfällen zeigte sich, dass das Wehren mit Worten in der Gunst der Kinder deutlich reduziert war. Die Kinder meinten vielmehr häufiger, dass Hilfe von Erwachsenen zu holen sei und auch Hilfe bei anderen Kindern gesucht werden müsse. Wehren mit Prügeln oder Sich Zurückziehen wurde gleichhäufig im Frühjahr 2001 bzw. Herbst 2001 angegeben, wobei hier die Mittelwerte nahe der mittleren Ankreuz-Kategorie lagen („teils-teils“ in Ordnung sich so zu verhalten). c) Politikfelder: Dramatische Veränderungen zeigten sich auch in Bezug auf die Beurteilung des wichtigsten Politikfeldes in der aktuellen historischen Situation. Hier antworteten 24% der befragten Kinder im Herbst 2001, dass Frieden das wichtigste Politikthema sei, gegenüber nur 5% im Frühjahr 2000 und etwa 8% im Frühjahr 1998. Waren 1998 noch Umweltschutz und Arbeitslosigkeit die Hauptthemen der Kinder, so reduzierten sich die Angaben zu diesen Politikfeldern im Herbst 2001. Angst hatten die Kinder vermehrt auch vor Armut (8% gegenüber 0% in den Vorbefragungen). Die Themenbereiche Steuern und Staatsfinanzen sowie Kinderrechte blieben von den aktuellen politischen Ereignissen nahezu unberührt (ebd., 124). d) Gewalt als Mittel der Politik: Auf die Frage, ob, um Frieden zu bewahren, manchmal Gewalt eingesetzt werden müsse, stimmten 38% der Mädchen und 22% der Jungen dezidiert nicht zu („stimme gar nicht zu“). Weiterhin antworteten 25% der Mädchen gegenüber 21% der Jungen in der Kategorie „stimmt wenig.“ In den Antwortkategorien, die zu mehr „Gewaltbereitschaft im Konfliktfall“ hingerichtet wa81

ren, antworteten schließlich zunehmend mehr Jungen als Mädchen mit Zustimmung, so auf die Antwortalternative „stimmt teils/teils“ (37% der Jungen gegenüber 27% der Mädchen); bei Antwortmöglichkeit „stimmt ziemlich“ antworteten immerhin 10% der Jungen gegenüber 6% der Mädchen, und bei „stimmt völlig“ meinten 11% der Jungen und nur 5% der Mädchen, dass dies richtig sei. Hier zeigt sich also ein deutlicher Geschlechtseffekt hinsichtlich der Bereitschaft, politische Konflikte nötigenfalls auch mit Mitteln der Gewalt zu lösen, um so die gesellschaftliche Ordnung aufrecht zu erhalten. 2.2 Zwei Repräsentativbefragungen zu Ängsten bei Erwachsenen Im April 2001 wurden im Auftrag der „Apotheken Umschau“ im Rahmen einer Mehrthemenumfrage durch die Gesellschaft für Marktforschung (GfK) 2.452 persönliche Interviews durchgeführt. Die Grundgesamtheit der repräsentativen Befragung war die deutschsprachige Bevölkerung ab 14 Jahren in Privathaushalten (Apotheken Umschau 11/2001). Die Umfrage befasste sich mit Ängsten, Folgen der Ängste für die Betroffenen, Medikamentengebrauch und Arztinanspruchnahme. Um mögliche Veränderungen nach den Ereignissen vom 11. September 2001 festzustellen, wurde die Frage 1 der obigen Untersuchung, die sich auf allgemeine Ängste bezog, identisch wiederholt und noch um eine Frage ergänzt: „Haben Sie seit dem 11. September mehr Angst?“ Die Befragung wurde wiederum von der GfK im Auftrag der „Apotheken Umschau“ in einer repräsentativen Befragung in der Grundgesamtheit der deutschsprachigen Bevölkerung ab 14 Jahren in Privathaushalten mit 2.490 Personen durchgeführt (Apotheken Umschau 2/2002). Tabelle 1 zeigt Ergebnisse der Befragung im April 2001 gegenüber den Ergebnissen vom November 2001, jeweils getrennt für Männer und für Frauen.

Tabelle 1: Frage: „Angst um die eigene Gesundheit, um die Familie, oder Furcht vor kommenden wirtschaftlichen, sozialen oder politischen Entwicklungen ist für viele Menschen heutzutage ein Thema. Wovor haben Sie persönlich am meisten Angst, was sind Ihre größten Befürchtungen?“ (Mehrfachantworten, Angaben in Prozent) April 2001

Nov. 2001

m

w

m

Ich unheilbar krank werde

51

60

54

61

Ich in wirtschaftliche Not gerate

25

25

29*

31***

33

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37*

46***

9

9

15***

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47***

52**

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30*

30***

13

13

17*

19***

12

17

13

19

19

22

32***

37*** 23

(Vorlage Liste)

w

Ich habe am meisten Angst, dass ...

Meinem(r) Lebenspartner(in)/Ehepartner(in) etwas zustößt Ich bzw. mein Partner arbeitslos werde/wird Ich ein Opfer von Kriminalität/körperlicher Gewalt werde Ich im Alter zum Pflegefall werde Ich bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt werde Politischer Extremismus von rechts oder links zu Gewaltausschreitungen führt In meine Wohnung/mein Haus eingebrochen wird Wir in einen militärischen Konflikt oder einen Krieg verwickelt werden Meine Rente im Alter nicht ausreicht

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23

25

Unsere Umwelt lebensbedrohlich zerstört wird

23

26

23

26

Meine Partnerschaft/Ehe zerbricht

14

15

18*

16

7

8

7

7

14

18

18**

25***

17

23

26***

29***

17

17

17

18

12

20

10

12***

2

3

2

2

15

9

10**

5***

Ich beim zunehmenden technischen Fortschritt im Alltag und Beruf nicht mehr mithalten kann Uns vermeintlich längst ausgerottete oder neue unheimliche Krankheiten bedrohen Ich keine Familie und Freunde (mehr) habe, einsam bin/werde Durch die Einführung des Euro und die geplante Erweiterung der EU eine große Wirtschaftskrise auf uns zukommt Ich nicht mehr weiß, was ich noch ohne Gesundheitsrisiko essen kann Anderes nichts davon/k. A. November 2001 gegen April 2001 (Chi-Quadrat-Test) mit * p < 0.05, ** p < 0.01, *** p < 0.001

Bei Männern und Frauen nehmen die Ängste deutlich zu bei der Frage „Ich habe am meisten Angst, dass wir in einen militärischen Konflikt und einen Krieg verwickelt werden.“ Ebenso nimmt bei Männern und 82

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Frauen die Angst davor deutlich zu, keine Familie, keine Freunde mehr zu haben und einsam zu werden. Auch diese Frage ist im Kontext einer Kriegsbedrohung zu verstehen. Bei den Männern nehmen noch besonders deutlich Ängste davor zu, dass der Befragte selbst bzw. dessen Partnerin arbeitslos werden oder im Alter zum Pflegefall werden könnte. Bei den Frauen zeigt sich auch in diesen Fragebereichen ein Anstieg, der aber nicht ganz so deutlich ausgeprägt ausfällt. Bei Frauen zeigt sich eine Zunahme von Ängsten, die bei den Männer nur wenig ausgeprägt sind. Es sind die Ängste davor, in wirtschaftliche Not zu geraten, bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt zu werden, und die Angst, dass der politische Extremismus von rechts oder links zu Gewaltausschreitungen führt und dass „uns längst ausgerottete oder neue unheimliche Krankheiten bedrohen“ könnten. Bei einigen weiteren Fragen bleiben die Ängste auf gleichem Niveau, während bei einer Frage die Angstbereitschaft sogar bei den Frauen zurückgeht. Es geht hier um die Frage „Ich weiß nicht mehr, was ich noch ohne Gesundheitsrisiko essen kann.“ In der Befragung sind somit fast durchgehend deutliche Geschlechtseffekte nachweisbar, wobei auch schon bei der Erstbefragung generell Frauen mehr Ängste als Männer äußerten. Im Herbst 2001 hat sich diese Tendenz aber noch verstärkt. Die Ängste bei den Frauen haben mithin durchschnittlich noch mehr zugenommen als die bei den Männern. Ängste, in einen militärischen Konflikt oder Krieg verwickelt zu werden, hat im November 2001 andere Sorgenbereiche, die im Frühjahr 2001 noch im Vordergrund standen, überholt, z. B. die Sorge vor der lebensbedrohlichen Umweltzerstörung, der fehlenden Altersrente und die Sorgen, bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt zu werden und Opfer von Kriminalität und körperlicher Gewalt zu werden. In der Wiederholungsbefragung wurde noch eine zusätzliche Frage gestellt: „Wie ist das bei Ihnen persönlich, haben Sie jetzt seit dem 11. September mehr Angst?“ Die Tabelle 2 zeigt die Ergebnisse dieser Befragung.

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Tabelle 2: Frage: „Nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington am 11. September 2001 sowie dem anschließenden Krieg in Afghanistan hat sich die politische Weltlage ja grundlegend geändert. Wie ist das bei Ihnen persönlich: Haben Sie jetzt seit dem 11. September mehr Angst?“ (Mehrfachantworten, Angaben in Prozent) gesamt

m

w

24

20

27***

23

21

24

51

47

56***

46

42

50***

31

32

33

25

25

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Unser Zusammenleben mit ausländischen Mitbürgern von Misstrauen und Vorurteilen überschattet wird

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28

36***

Wir auf einen „Krieg der Kulturen“ mit den islamischen Ländern zusteuern

34

31

36**

(Vorlage Liste) Ja, und zwar davor, dass ... Ich selbst oder ein enger Angehöriger oder Freund durch neue Attentate zu Schaden komme/kommt Ich, falls ich fliege, Opfer einer Flugzeugentführung werden könnte Auch wir in Deutschland durch Anschläge mit biologischen Waffen wie z. B. dem Milzbranderreger (Anthrax) zu leiden haben werden Auch Deutschland in einen langen und schweren Krieg verwickelt wird, in dem Soldaten der Bundeswehr getötet werden Die wirtschaftlichen Folgen des Kampfes gegen den internationalen Terrorismus unser Einkommen mindern und die Arbeitslosigkeit erhöhen werden Unsere bürgerlichen Freiheitsrechte in Deutschland wegen des Kampfes gegen den internationalen Terrorismus empfindlich beschnitten werden

Anderes

2

3

1***

Nein. Nicht mehr Angst

19

23

16***

Frauen gegen Männer (Chi-Quadrat-Test) mit * p < 0.05, ** p < 0.01, *** p < 0.001

Am deutlichsten wurde die Sorge geäußert, dass wir auch in Deutschland durch Anschläge mit biologischen Waffen, wie z. B. durch Anthrax, zu leiden haben werden. Dies befürchtet sogar die Hälfte der Deutschen. Ähnliche Ausmaße haben die Werte, dass Deutschland in einen langen und schweren Krieg verwickelt wird, in dem Soldaten der Bundeswehr unter Unständen getötet werden. Jeweils ein Drittel der Befragten ängstigt sich, dass wir auf einen Krieg der Kulturen mit islamischen Ländern zusteuern, dass unser Zusammenleben mit ausländi85

schen Mitbürgern von Misstrauen und Vorurteilen überschattet wird und dass die wirtschaftlichen Folgen des Kampfes gegen den internationalen Terrorismus unser Einkommen mindern und die Arbeitslosigkeit erhöhen werden. Rund ein Viertel befürchtet, dass die bürgerlichen Freiheitsrechte in Deutschland wegen des Kampfes gegen den internationalen Terrorismus empfindlich beschnitten werden. Die Sorge, selbst oder Angehörige bzw. Freunde Opfer einer Flugzeugentführung werden zu können oder durch neue Attentate selbst zu Schaden zu kommen, haben weniger als ein Viertel. Dies sind die am wenigsten geäußerten neuen Ängste seit dem 11. September. Bei allen geäußerten neuen Ängsten dominieren die Angaben der Frauen, dies spiegelte sich ja auch schon in der Tabelle 1 wider, wo bei den Frauen die stärksten Anstiege zu sehen waren. Nur eine Minderheit von einem Sechstel der Frauen und weniger als einem Viertel der Männer gibt an, seit dem 11. September keine größeren Ängste zu haben. 2.3 Repräsentativbefragung zur sozialen Distanz Im Sommer 2001 wurden im Rahmen eines DFG-geförderten Projektes zur Stigmatisierung psychisch Kranker in einer repräsentativen Befragung in Deutschland 5.025 Personen in Face-to-Face-Interviews durch Mitarbeiter des Meinungsforschungsinstitutes USUMA befragt. Bei dieser Befragung ging es auch um soziale Distanz, operationalisiert durch die Frage: „Auf der Liste stehen eine ganze Reihe verschiedener Personengruppen. Könnten Sie einmal alle heraussuchen, die Sie nicht gern als Nachbarn hätten?“ Diese Frage wurde auch in eine für Ost- und Westdeutschland repräsentative Befragung im April 2002 aufgenommen, die eine Mehrthemenuntersuchung darstellte. Hier ging es u. a. um Einstellungen zu Menschenrechten (Brähler/Sommer 2002), zu politischen Einstellungen (Brähler/Richter 2002) und zu Rechtsextremismus (Niedermayer/Brähler 2002). Eine genauere Stichprobenbeschreibung findet sich z. B. bei Brähler und Richter (2002). Die Ergebnisse sind in Tabelle 3 aufgeführt. Hochsignifikante Veränderungen wurden markiert. Wir hatten damit gerechnet, dass die soziale Distanz zu Ausländern/Gastarbeitern, Zigeunern, Moslems, Juden, Neonazis und Linksextremisten ansteigen würde und dass die Werte bei den anderen Gruppen, wie Drogenabhängigen, Alkoholikern, Schizophrenen, Vorbestraften, AIDS-Kranken, Homosexuellen und Kinderreichen gleich bleiben würden. Die Ergebnisse zeigen erwartungskonform, dass bei Moslems und bei Juden ein starker Anstieg der so gemessenen sozialen Distanz 86

stattfindet, wenn auch noch auf einem nicht sehr hohen Niveau. Für Zigeuner, Ausländer und Gastarbeiter finden wir gleich bleibende bzw. leicht fallende Werte, außerdem finden wir nicht erwartungskonform einen starken Rückgang der sozialen Distanz zu Linksextremisten und Neonazis. Dagegen finden wir, ebenfalls nicht erwartungskonform, einen deutlichen Anstieg der sozialen Distanz zu Depressiv-Kranken und auch einen Anstieg bei den Schizophrenen. Zudem lässt sich ein Absinken der sozialen Distanz bei Drogenabhängigen und Alkoholikern registrieren, das auch nicht erwartungskonform ist. Bei Vorbestraften, AIDSKranken, Homosexuellen und Kinderreichen bleiben die Werte nahezu unverändert. Tabelle 3: Frage: „Auf der Liste stehen eine ganze Reihe verschiedener Personengruppen. Könnten Sie einmal alle heraus suchen, die Sie nicht gerne als Nachbarn hätten.“ (Angermeyer/Brähler 2001, Angaben in Prozent)

Neonazis Drogenabhängige Alkoholiker Linksextremisten Zigeuner Schizophrene Vorbestrafte Moslems Aids-Kranke Homosexuelle Depressiv-Kranke Ausländer/Gastarbeiter Juden Kinderreiche

Juni 2001 (n = 5.025) 77 62 55 46 35 28 26 12 18 18 10 11 7 8

April 2002 (n = 2.051) 65 55 47 36 32 31 25 19 18 17 16 11 10 7

- 12*** - 7*** - 8*** - 10*** -3 +3 -1 + 7*** r0 -1 + 6*** r0 + 3*** -1

*** p < 0.001 im Chi-Quadrat-Test.

2.4 Repräsentativbefragung zur politischen Einstellung Im April 2002 wurden 1.001 Ostdeutsche und 1.050 Westdeutsche in einer Mehrthemenumfrage im Auftrag der Universität Leipzig und des Sigmund-Freud-Institutes in Frankfurt befragt. Das Themenspektrum umfasste Einstellungen zu Menschenrechten, zu politischen Einstellungen und Fragen zum Rechtsextremismus (Brähler/Richter 2002). Die Befragung wurde vom Meinungsforschungsinstitut USUMA durchgeführt. Einige der Fragen waren schon in einer früheren Befragung, 87

dings bei einem sehr hohen Ausgangsniveau. Weiterhin wurde gefragt „Ich kann es gut ... gar nicht gut verstehen, dass manchen Leuten Juden unangenehm sind.“ Abbildung 2 zeigt die Antworten für die Jahre 1999 und 2002. Abbildung 2: „Ich kann es gut verstehen, dass manchen Leuten Juden unangenehm sind.“

1999 2002

60

50

40 Prozentwerte

ebenfalls in einer Stichprobe von ca. 1.000 Ostdeutschen und 1.000 Westdeutschen, gestellt worden (Brähler/Richter 2000). Auch diese Befragung war im Auftrag der Universität Leipzig und des Sigmund-FreudInstitutes Frankfurt im Auftrag der Universität Leipzig vom Meinungsforschungsinstitut USUMA durchgeführt worden. Es handelte sich dabei auch um eine Mehrthemenumfrage zu politischen Einstellungen, rechtsextremen Einstellungen und zur Lebensqualität. Aus den Fragen, die wir in den beiden Erhebungen vor und nach dem 11. September eingesetzt hatten, haben wir drei ausgewählt, weil wir Hypothesen zu einer Antwortveränderung hatten. Die eine Frage lautete, wie viel Angst vor Ausländern im Land besteht. Hier nahmen wir an, dass die Angst vor Ausländern gegenüber 1999 zugenommen habe. Bei der Frage „Ich kann es gut verstehen, dass manchen Leuten Juden unangenehm sind“ sind wir davon ausgegangen, dass eine Zunahme in der Bevölkerung seit 1999 stattgefunden hat, da den Juden die Mitschuld gegeben wird an den Ereignissen des 11. September. Abbildung 1 zeigt die Ergebnisse für 1999 und 2002 nach Ost- und Westdeutschland aufgeschlüsselt.

56

30

10

38

36

20

20

25

26

Abbildung 1: „Die Ausländer im Land machen mir eher viel Angst.“ 0 verständlich

Ost

unentschieden

unverständlich (Brähler, Universität Leipzig)

West

60

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Prozentwerte

40

30

57 43

44 34

20

10

0

1999

Ost

2002

1999

West

Während 1999 noch eine deutliche Mehrheit von 56% aller Deutschen es unverständlich fand, dass manchen Leuten Juden unangenehm sind, so finden heute bereits 36% der Deutschen die Äußerung verständlich gegenüber 20% 1999. Besonders deutlich ist die Zunahme in den alten Bundesländern. Abbildung 3 zeigt die Zustimmungsrate dafür, dass manchen Leuten Juden unangenehm sind, getrennt nach Ost und West für die Befragungen 1999 und 2002. Die Zustimmung zu der Frage „Ich kann es gut verstehen, dass manchen Leuten Juden unangenehm sind“ hat vor allem in der alten Bundesrepublik zugenommen.

2002 (Brähler, Universität Leipzig)

Die Ergebnisse sind nicht erwartungskonform, sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland nimmt die Angst vor Ausländern im Land eher ab. Besonders stark ist der Rückgang in den neuen Bundesländern, aller88

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Abbildung 3: „Ich kann es gut verstehen, dass manchen Leuten Juden unangenehm sind.“

West

Ost 40

Prozentwerte

30

20

21

18

10

0

37

31

1999

Ost

2002

1999 West

2002 (Brähler, Universität Leipzig)

3. Diskussion Die Ereignisse des 11. September haben einen deutlichen Niederschlag auf die Einstellungen, die Ängste und das Wohlbefinden in der deutschen Bevölkerung verursacht. In der LBS-Studie „Kinderbarometer“ zeigen sich Auswirkungen der Ereignisse in der Abnahme des Wohlbefindens und in der Zunahme von vielen verschiedenen Ängsten, aber auch in einer Verschiebung der Bedeutung verschiedener Lebensbereiche, die Angst machen. So ging z. B. die Angst vor Schulversagen stark zurück. Auch bei den zentralen Wertvorstellungen der Kinder kam es zu einer interessanten Änderung, die Betonung der Bedeutung materieller Werte war reduziert, die Lust nach Streit vermindert und umgekehrt wurde der Wunsch nach Solidarität und Gemeinschaft mit anderen gestärkt. Der Schock des 11. Septembers hat die Bewertung der Gefährlichkeit verschiedener Ereignisse bei den Kindern stark verändert. Das elementare Grundbedürfnis nach Überleben und Abwesenheit von schlimmen Ereignissen, wie Krieg, war sicherlich auch schon vor dem 11. September vorhanden, aber durch die Bedrohung der Ereignisse des 11. Septembers hat die Angst in diesem Bereich stark zugenommen. Auch bei den Befragungen der Erwachsenen vor und nach dem 11. September zu diesen Ängsten zeigen sich parallele Ergebnisse. Am stärksten stieg die Zahl der Befragten, die Angst vor einem militärischen 90

Konflikt haben, von 20% im April auf 35% im November 2001 an. Aber nicht nur die mit kriegerischen Auseinandersetzungen verbundenen Ängste stiegen deutlich an, sondern auch die Ängste um wirtschaftliche Not bis hin zu der Angst, im Alter zum Pflegefall zu werden, und sogar die Angst vor Verkehrsunfällen stieg an. Die Untersuchung zur sozialen Distanz hat ebenfalls eine Veränderung im Gefüge von Werten und in der Wahrnehmung von Bedrohungen der Deutschen gebracht. Während man Moslems und Juden verstärkt nicht zu Nachbarn haben will – aber es handelt sich immer noch um eine sehr kleine Gruppe, die das nicht will – so zeigt sich ein Rückgang der Angst vor verschiedenen Nachbarn bei vielen potentiell stigmatisierten Nachbargruppen. Auch Ausländer und Migranten fürchtet man nicht mehr als bisher, dagegen nimmt die Angst vor Depressiven oder Schizophrenen als Nachbarn stark zu. Die Tat vom 11. September wird möglicherweise als etwas rational Unbegreifbares verstanden, d. h. die Täter versteht man in ihren Motiven nicht, und man möchte sich auch nicht mit deren Gedankenwelt befassen und möchte solche „irr-rationalen“ Menschen nicht als Nachbarn haben. Welche Folgen dieser Einstellungswandel für die psychisch Kranken in unserem Lande hat, die ja im Durchschnitt nicht gewalttätiger sind als die sogenannten Normalen, können wir an dieser Stelle nicht abschätzen. Es ist zu befürchten, dass die Ereignisse des 11. September, durch die dabei mit ausgelösten Ängste, auch zu einer höheren Stigmatisierung psychisch Kranker führen könnten. Auch zeigen die Ergebnisse der Wiederholungsbefragung zur Einstellung zu Ausländern und Juden, dass sich die Einstellung zu Juden verschlechtert hat. Eine parallele Entwicklung findet sich in der Untersuchung von Niedermayer und Brähler (2002). Hier lässt sich ein rapider Anstieg des Antisemitismus nachweisen, vor allem in den alten Bundesländern, so z. B. bei der Frage „Die Juden haben so etwas Eigentümliches und Fremdes an sich und passen eigentlich nicht zu uns.“ Demgegenüber hat sich die Einstellung gegenüber Ausländern, im Gegensatz zu Juden offenbar liberalisiert. Die Angst vor dem Fremden in Aussehen, Sitten und Gebräuchen hat sich relativiert in Anbetracht des Schrecklich-Unvorstellbaren der Tat vom 11.September 2001. Die Reduktion der „Angst vor Ausländern“ erscheint insofern interessant, weil im Gefolge des 11. Septembers 2001 ein „Kampf der Kulturen" befürchtet wurde. So sieht Enwezor (2002) den letztlich emanzipatorischen postkolonialistischen 91

multikulturellen Diskurs gefährdet durch die sozialpsychologischen Folgen der Ereignisse vom 11. September. Die psychische Tiefendimension dieser Ereignisse wird von den psychoanalytisch orientierten Autoren in seinem symbolischen Gehalt ausgelotet. Hanna Segal spricht von massiven „desintegrierenden“ Ängsten, die von den Terroranschlägen ausgingen: „Meiner Meinung nach besitzt der 11. September einen hohen Symbolgehalt. Wir wurden jählings in eine Welt der Fragmentierung gestürzt, mitunter auch in vollständige Desintegration und psychotische Ängste – und gleichzeitig sahen wir uns von absoluter Verwirrung umgeben: Wer sind unsere Freunde? Wer sind unsere Feinde? (...) Die zersprengten Fragmente eines zusammenbrechenden Imperiums wurden überall auf der Welt wahrgenommen; sie schienen erfüllt mit dem Bösen, dem pestartigen Übel...“ (Segal 2002, 34f). Richter (2002) betont in diesem Kontext die Verleugnung der mutuellen Abhängigkeit in den Länder des Westens. Terrorismus sei zu verstehen als das „Negativ“ der Globalisierung mit seinen oft filigranen, nicht immer bewusst spürbaren Abhängigkeitsstrukturen. Die Fehlwahrnehmung des „Westens“ beziehe sich nun darauf, dass die Abhängigkeit nur unidirektional gedacht werde, als hierarchische Beziehung, so wie sie zwischen Schuldner- und Geberländern, zwischen militärisch Starken und Schwachen zu existieren scheint. Die Minderheit der Starken sei aber nicht unverwundbar. Zusammenfassend erscheint es plausibel, dass die Terroranschläge am 11. September enorme Auswirkungen auf das politische und sozialpsychologische Klima in der Bundesrepublik hatten. Auch wenn, wie einleitend problematisiert, nicht alle hier vorgestellten Veränderungen allein auf die Terroranschläge zu beziehen wären, politische Stimmungen sind ja komplex determiniert und keineswegs unikausal begründbar, so zeugen insbesondere Studie 1 und 2, die ja in einem konkreten Zusammenhang mit den Ereignissen vom 11. September 2001 durchgeführt wurden und auch die Ereignisse direkt ansprachen, von einem solchen Bezug. Parallel dazu sind die Daten von Galea et al. (2002) und Silver et al. (2002) im Kontext des Terror-Traumas generiert und interpretiert worden. Silver et al. (2002) erfassen zudem differenziert die Co-Faktoren, die zu einer erhöhten Angst-Wahrnehmung im Kontext der Anschläge führen und im Sinne eines Modells der kumulativen Traumatisierung interpretiert werden können. Die wahrgenommene Bedrohung scheint dabei nicht allein durch die konkreten Befürchtungen um den Ausbruch eines Krieges angeheizt worden zu sein. Viel92

mehr muss der Anschlag auf das World Trade Center in New York in seinem ganzen symbolischen Gehalt gewürdigt werden als ein Anschlag mitten ins Herz einer Hegemonialmacht. Die Abhängigkeit der Deutschen und die damit verbundene Ambivalenz den USA gegenüber schlägt sich zum einen in einem erhöhten Angstpotenzial nieder: Die Schutzmacht USA ist in ihrer phantasierten „Unverwundbarkeit" getroffen. Gleichzeitig kommt es zum anderen zu einer regressiven AbwehrBewegung mit Wiederbelebung alter, historisch längst überwunden geglaubter Positionen antisemitischen Gepräges. Zwar haben die Deutschen nach dem 11. September 2001 vor Ausländern im allgemeinen (inwieweit hier soziale Erwünschtheit im Antwortverhalten eine Rolle spielt, mag dahingestellt bleiben) nicht mehr Angst, doch ist, neben den Muslimen und den Juden, eine erhöhte Angst spürbar gegenüber den Randgruppen psychisch Kranker, die für „irr-rationale“ Taten stehen dürften. Von einer „Regression" sprechen wir somit in einer doppelten Bedeutung: Historisch erscheint, zumindest in der Tendenz, eine Wiederbelebung alter Positionen, nicht zuletzt antisemitischen Anstrichs, spürbar. Sozialpsychologisch, in der Tradition der Psychoanalyse gedacht, wird diese historisch rückwärtsgewandte Bewegung gleichzeitig von einer intrapsychischen Regression begleitet, die durch Spaltungsprozesse sich der namenlosen Angst, die vom 11. September ausgeht, annimmt. „Wer sind unsere Feinde, wer sind unsere Freunde?", war die Frage, die Segal (2002) sich nach dem 11. September stellte. Diese Frage erscheint, zumindest partiell, historisch wie psychisch regressiv beantwortet zu werden. Literatur Angermeyer, Mathias/Brähler, Elmar (2001): Rechtsextremistische Einstellungen in Deutschland – Ergebnisse einer repräsentativen Erhebung. Pressemappe zur Pressekonferenz am 13.12.2001 in Leipzig. Apotheken Umschau (2001): Angst – Wovor sich die Deutschen am meisten fürchten. Apotheken Umschau, 11, S. 28–35. Apotheken Umschau (2002): Wovor die Deutschen Angst haben. Apotheken Umschau, 2, S. 10–13. Brähler, Elmar/Richter, Horst-Eberhard (2000): Zukunftserwartungen und Einstellungen zu politischen Fragen der Deutschen an der Schwelle des neuen Jahrhunderts, in: Oliver Decker/Elmar Brähler (Hrsg.): Deutsche – 10 Jahre nach der Wende. Psychosozial 80. Gießen: Psychosozial-Verlag, S. 39–45. Brähler, Elmar/Richter, Horst-Eberhart (2002): Einstellungen zu Juden, Amerikanern und Arabern und andere politische Einstellungen in Deutschland – Ergebnisse einer repräsentativen Befragung im Frühjahr 2002. Gießen: Psychosozial-Verlag (im Druck). Brähler, Elmar/Sommer, Gert (2002): Einstellungen zu Menschenrechten in Deutschland. Ergebnisse einer Repräsentativbefragung. Pressemappe.

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Brosig, Burkhard (1998): Der Krieg und das Paar. Der Ausbruch des Golfkrieges aus der Sicht einer psychosomatischen Paartherapie, in: Trin Haland-Wirth/Norbert Spangenberg/Hans-Jürgen Wirth (Hrsg.): Unbequem und engagiert. Horst-Eberhard Richter zum 75. Geburtstag. Gießen: Psychosozial Verlag, S. 51–60. Enwezor, Okwui (2002): Großausstellungen und die Antinomien einer transnationalen globalen Form. Berliner Thyssen Vorlesung zur Ikonologie der Gegenwart. München: Wilhelm Fink Verlag. Galea, Sandro/Ahern, Jennifer/Resnik, Heidi/Kilpatrick, Dean/Bucuvalas, Michael/Gold, Joel/Vlahov, David (2002): Psychological Sequalae of the September 11 Terrorist Attacks in New York City. New England Journal of Medicine, 346, pp. 982–987. Klöckner, Christian/Beisenkamp, Anja (2002): LBS-Kinderbarometer 2001. Stimmungen – Meinungen – Trends von Kindern und Jugendlichen in NRW. Ergebnisse der Erhebung im Schuljahr 2000/2001. LBS-Initiative Junge Familie, Münster. Niedermayer, Oskar/Brähler, Elmar (2002): Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland – Ergebnisse einer repräsentativen Erhebung im April 2002. Pressemappe zur Pressekonferenz am 05.09.2002 in Berlin. Richter, Horst-Eberhard (2002): Zeit zum Umdenken. Einführung zum attac-Kongress am 19. 10. 2001. Segal, Hanna (2002): Durch Erfahrung Lernen: Hiroshima, der Golfkrieg und der 11. September. IPA Newsletter, 11, S. 33–35. Silver, Roxane Cohen/Holman, E. Alison/McIntosh, Daniel N./Poulin, Michael/Gil-Rivas, Virginia (2002): Nationwide Longitudinal Study of Psychological Responses to September 11. JAMA, 288, pp. 1235–1244.

Die Autoren: Univ. Doz. Dr. Burkhard Brosig Klinik für psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Justus Liebig Universität Gießen Ludwigstraße 76 D-35392 Gießen E-Mail: [email protected]

Prof. Dr. Elmar Brähler Universität Leipzig Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie Stephanstraße 11 D-04103 Leipzig E-Mail: [email protected]

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