Die Berliner Mauer - Die Onleihe

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BerlinerMauer_Aufl2_Korr5_f_cm.qxd 08.08.2008 14:57 Uhr Seite 5 INHALT Eine Mauer durch Berlin Die Grenze wird dichtgemacht 6 Die Lage in Ost-Ber...

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INHALT Eine Mauer durch Berlin Die Grenze wird dichtgemacht 6 Die Lage in Ost-Berlin 13 Schüsse auf Flüchtlinge 18 Frontstadt im Kalten Krieg Berlin-Krisen 28 Flüchtlingswellen 30 Das Chruschtschow-Ultimatum 31 Sommer 1961 – Auf Messers Schneide 32 Konfrontation am Checkpoint Charlie 35 Im Schatten der Mauer Trennungen 38 »Keinen Pfennig mehr für Ulbricht!« – Der S-Bahn-Boykott 41 »Halt! Grenzgebiet!« – Wohnen und arbeiten an der Mauer 43 Fluchtaktionen Tunnelfluchten 48 Schleusungen und Durchbrüche 51 Desertionen 54 »Grenzdurchbrüche sind zu verhindern« 55 Ausbau der Sperranlagen 57

Aufrüstung an der Grenze »Wartungsarm und formschön« – Grenzmauer 75 82 Die Grenztruppen der DDR 86 »Die Vermittlung eines Feindbildes ist zu verstärken« 90 Tote Helden: Kult um erschossene Grenzsoldaten 95 Freiwillige Helfer der Grenztruppen 96 Hundert Jahre Mauer? Gewöhnung und Verdrängung 100 Von Ost nach West, von West nach Ost 101 Hart an der Grenze: Exklaven und Idyllen 106 »Die Mauer muß weg!« – Jugendproteste in Ost-Berlin 107 »High-Tech-Mauer 2000« 109 Der Fall der Mauer Ein System löst sich auf 114 Der 9. November 1989 115 Die Geschichte eines Zettels 123 Das Ende des Grenzregimes 124 Das Verschwinden der Mauer Mauerschützen- und andere Prozesse 126 Abriß und Verwertung 127 Streit um die Erinnerung 130

Kalter Krieg um die Mauer Lautsprecher-Gefechte 62 Staatsgäste am »antifaschistischen Schutzwall« 64

Schlußbemerkung 132 Chronologie 134

Die Mauer wird durchlässig Passierscheinabkommen 68 Grenzgänger 72 Geisterbahnhöfe 74 Bahnhof Friedrichstraße 76 Die Glienicker Brücke 79 Neue Ostpolitik: Das Viermächteabkommen 80

Anhang Anmerkungen 136 Literatur 139 Archivverzeichnis 140 Bildnachweis 140 Statistische Daten 141 Register 141

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EINE MAUER DURCH BERLIN Die Grenze wird dichtgemacht Um 1.11 Uhr unterbricht der Ost-Berliner Rundfunk seine »Melodien zur Nacht« für eine Sondermeldung: »Die Regierungen der Warschauer Vertragsstaaten wenden sich an die Volkskammer und an die Regierung der DDR mit dem Vorschlag, an der Westberliner Grenze eine solche Ordnung einzuführen, durch die der Wühltätigkeit gegen die Länder des sozialistischen Lagers zuverlässig der Weg verlegt und rings um das ganze Gebiet Westberlins eine verläßliche Bewachung gewährleistet wird.«1

Die geschraubte Erklärung hat eine klare Bedeutung: West-Berlin wird abgeriegelt. Aber wer hört im Westen schon SED-Funk ... Es ist Sonntag, der 13. August 1961. Am Brandenburger Tor gehen um 1.05 Uhr plötzlich die Lichter aus. Bewaffnete DDR-Grenzpolizisten und Angehörige der Kampfgruppen ziehen auf und postieren sich an der innerstädtischen Demarkationslinie. Im Scheinwerferlicht von Militärfahrzeugen reißen sie das Straßenpflaster auf und errichten Stacheldrahtbarrieren. An vielen Stellen in und um Berlin die gleichen Szenen: Grenzpolizisten, Schützenpanzer, Stacheldraht, Betonpfähle.

13. August 1961: Eine Sperre aus Kampfgruppen-Angehörigen am Brandenburger Tor.

Der Westen ahnt zu diesem Zeitpunkt noch nichts von der dramatischen Entwicklung an den Sektorengrenzen. Im Lagezentrum der West-Berliner Polizei am Tempelhofer Damm richtet sich Oberkommissar Hermann Beck auf einen Routinedienst ein. Seit Schichtbeginn um 17.30 Uhr hat es keine besonderen Vorkommnisse gegeben. »Hilflose Person am Bahnhof Zoo«, »Angetrunkene Halbstarke am Wittenbergplatz«. Das Übliche eben in einer Berliner Samstagnacht. Gegen 2.00 Uhr kommt eine Meldung, mit der Beck zunächst nichts anzufangen weiß. Irritiert trägt er ins Wachbuch ein: »13. 8. 1961, 1.54 Uhr. Polizeirevier Spandau teilt mit, daß der S-Bahn-Zug aus Richtung Staaken in Richtung Berlin

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auf sowjetzonales Gebiet zurückgeführt wurde. Die Fahrgäste mußten aussteigen und erhielten ihr Fahrgeld zurück.« Nur eine Minute später ein weiterer Anruf, aus Wedding: »1.55. Einstellung des S-Bahn-Verkehrs am Bahnhof Gesundbrunnen in beiden Richtungen.« Nun geht es Schlag auf Schlag. Auch Schönholz, Wannsee, Stahnsdorf melden die Unterbrechung des S-Bahn-Verkehrs.2 Die ab 2.20 Uhr in kurzer Folge einlaufenden Meldungen werden immer bedrohlicher: »15 Militärlastwagen mit Vopos an der Oberbaumbrücke«. »Panzerspähwagen an der Sonnenallee«. »Am Brandenburger Tor hunderte Vopos und Grenzer mit Maschinenpistolen«. Beck gerät an den Rand einer Panik. Ist das

der immer wieder befürchtete Angriff auf West-Berlin? Soll er jenen versiegelten Umschlag aus dem Panzerschrank holen und den geheimen Alarmplan für die Verteidigung von West-Berlin auslösen, der die westlichen Hauptstädte binnen weniger Minuten in Aufruhr versetzen würde? Eine viertel Stunde lang ringen Beck und sein mittlerweile eingetroffener Vorgesetzter Günter Dittmann um die folgenschwere Entscheidung. Als bis 2.45 Uhr in den telefonischen Lageberichten weiterhin von »Truppenansammlungen« und »Absperrungen« die Rede ist, nicht aber vom »Vorrücken auf West-Berliner Gebiet«, entschließen sie sich, erst einmal »kleinen Alarm« (Alarmstufe E1) zu geben.3

Sämtliche 13 000 West-Berliner Polizisten werden in dieser Nacht aus dem Schlaf geklingelt. An den Sektorengrenzen erwartet sie immer das gleiche Bild: Volkspolizei und Grenzpolizisten reißen das Straßenpflaster auf und entrollen Stacheldraht. Betriebskampfgruppen und Grepos haben an der Demarkationslinie Aufstellung genommen und blicken starr nach Westen. Ein ehemaliger Polizeihauptmann über die dramatischen Augenblicke am Brandenburger Tor: »Wir haben erst gedacht, die überrennen uns und marschieren in West-Berlin ein, aber die blieben auf den Zentimeter genau an der Sektorengrenze stehen.«4

Schützenpanzer der DDR-Volkspolizei sind am Brandenburger Tor in Stellung gegangen.

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EINE MAUER DURCH BERLIN Es ist eine generalstabsmäßig geplante und ausgeführte Aktion, die von einem im Westen kaum bekannten SED-Funktionär geleitet wird – Erich Honecker. Bei dem 49jährigen Sekretär des Nationalen Verteidigungsrates laufen in dieser Nacht alle Fäden zusammen. Sein Lagezentrum befindet sich im Polizeipräsidium am Alexanderplatz, wo er über Telefon und durch Kuriere laufend Berichte zum Fortgang der Sperrmaßnahmen entgegennimmt und Anweisungen an die Kommandeure ausgibt. Honecker hält es jedoch nicht in seiner Leitstelle. Unvermittelt taucht er an mehreren Grenzabschnitten auf, um sich selbst ein Bild zu machen. An der Absperrung von WestBerlin sind in dieser Nacht unmittelbar rund 10 500 Einsatzkräfte von Volksund Grenzpolizei und Angehörige der Kampfgruppen beteiligt. Hinzu kommen mehrere Hundert Stasi-Mitarbeiter sowie zwei motorisierte Schützendivisionen der NVA (zusammen rund 8 000 Mann), die allerdings Befehl haben, sich der Grenze in einer »zweiten Sicherungsstaffel« nur bis auf 1 000 Meter zu nähern.5 Alles verläuft nach Plan. Von den 81 Straßenübergangsstellen sind nur noch 12 passierbar, der Rest mit Stacheldraht abgesperrt. Der S- und U-Bahn-Verkehr zwischen beiden Teilen Berlins sowie ins Umland ist unterbrochen. Am 23. August wird die Zahl der Grenzübergänge auf sieben reduziert: Friedrichstraße, Bornholmer Straße, Chausseestraße, Invalidenstraße, Heinrich-Heine-Straße, Oberbaumbrücke, Sonnenallee und Friedrichstraße/Zimmerstraße (Checkpoint Charlie). Walter Ulbricht hat sein politisches Ziel erreicht. Der Fluchtweg über die Berli-

ner Sektorengrenze, auf dem in den vergangenen Jahren mehr als 1,6 Millionen DDR-Bürger in den Westen gegangen waren, ist versperrt. Es hatte den SEDChef in den vergangenen Monaten und Tagen einige Mühen gekostet, den sowjetischen Partei- und Staatschef Chruschtschow und die anderen Ostblock-Führer davon zu überzeugen, daß nur die Abriegelung von West-Berlin den Flüchtlingsstrom stoppen und ein »Ausbluten« der DDR verhindern könne. Am 12. August 1961 gegen 16.00 Uhr unterzeichnet Ulbricht die entsprechenden Befehle. An Paul Verner, Erster Sekretär der SED-Bezirksleitung, ergeht der Befehl, alle drei Stunden Meldung über die Lage zu machen; »erste Meldung am 13.8. 1961, 5.00 Uhr.«6 Die Operation nimmt ihren Lauf. Am Abend des 12. August hat Ulbricht noch eine letzte Unterredung mit dem sowjetischen Botschafter Perwuchin. Dieser hegt zwar eine Abneigung gegen den SED-Chef, sagt ihm allerdings seine volle Unterstützung für die bevorstehenden Maßnahmen zu. Wie immer man zueinander stehe, nun werde die Lage kritisch. »Wenn etwas schiefgeht, reißt man uns beiden den Kopf ab.«7 Die Stabsstelle der Nationalen Volksarmee, welche die Sperrmaßnahmen militärisch abzusichern hat, allerdings nicht in vorderster Linie erscheinen soll, befindet sich in jenen Tagen in Schloß Wilkendorf östlich von Berlin. Dort erfolgt am 12. August die Einweisung der bis dahin ahnungslosen NVA-Kommandeure durch Verteidigungsminister Heinz Hoffmann. Um 20.00 Uhr ergeht an sie der Befehl, »die bewaffneten Kräfte des Ministeriums des Innern bei der Sicherung der Sektorengrenzen und am

Außenring von Westberlin zu unterstützen. Die Truppenteile der Nationalen Volksarmee bilden in den befohlenen Abschnitten mit Kräften der 1. und 8. MSD (motorisierte Schützendivision, d. Verf.) eine zweite Sicherungsstaffel in einer Tiefe von ca. 1 000 m von der Grenze.«8 SED-Führung und NVA-Oberkommando wollen in dieser höchst brisanten Lage bei aller Entschlossenheit offenkundig eine militärische Eskalation, etwa durch unbedachtes Handeln untergeordneter Kommandeure, unbedingt vermeiden. In diesem Sinne befiehlt Verteidigungsminister Hoffmann weiter: »Die Anwendung der Schußwaffe ist kategorisch verboten und erfolgt nur auf meinen Befehl. Die Munition in den Panzern ist zu versiegeln. Die Infanterie-Munition ... und Platzpatronen ist kompanieweise in versiegelten Kisten mitzuführen. ... Scharfe Munition erhalten nur Wachen und Streifen.«9 Für die sowjetischen Truppen um Berlin (Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland, GSSD) gilt in jener Nacht Alarmstufe 1. Doch sollen sie bei der gesamten Operation nach Möglichkeit überhaupt nicht in Erscheinung treten.10 Ulbricht und Honecker haben bei den Vorbereitungen der Grenzschließung fast alle Führungskräfte in Partei und Staat übergangen. Auch die Vorsitzenden der sogenannten Blockparteien (CDU, LDPD, NDPD, DBD) sind ahnungslos, als sie am Abend des 12. August auf Einladung von Ulbricht in dessen Sommerresidenz nach Groß-Dölln 75 Kilometer nördlich von Berlin zum Essen kommen. Unter den Anwesenden befinden sich auch Ministerpräsident Willi Stoph und

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der Ost-Berliner Oberbürgermeister Friedrich Ebert. Erst gegen 22.00 Uhr wird den einigermaßen verblüfften Gästen mitgeteilt, daß die Schließung der Sektorengrenze zu West-Berlin unmittelbar bevorstehe. Bezeichnend für die östliche Geheimhaltungspraxis in diesen Tagen ist, daß auch über diese Zusammenkunft keine schriftlichen Aufzeichnungen gemacht werden.11 Es ist eine warme Augustnacht nach einem heißen Samstag. Um 2.30 Uhr erhält Allan Lightner, oberster Vertreter der US-Regierung in Berlin, telefonisch die Information über die Sperrung der Sektorengrenze – und legt sich wieder schlafen. Man solle ihn wecken, sobald es neue Entwicklungen gebe. Der CIA-Mitarbeiter John Kenney erfährt um 3.30 Uhr über eine Radiomeldung des Rias, daß die Grenze geschlossen ist. Als er wenig später im CIA-Hauptquartier in Dahlem eintrifft, erwartet er eigentlich hektisches Treiben. Doch im ganzen Gebäude ist es ruhig, von Alarmstimmung keine Spur. Unterdessen hat Richard Smyser, Mitarbeiter der US-Mission, vom diensthabenden Offizier den Auftrag erhalten, sich in Berlin »umzusehen«. Gegen 3.30 Uhr trifft er am Potsdamer Platz ein. Von den dort postierten Grenzpolizisten verlangt er Auskünfte über das Geschehen – und freie Durchfahrt. Nach kurzem Wortwechsel wird tatsächlich der Stacheldraht beiseitegeschoben, so daß Smyser mit seinem Auto passieren kann. Auf den dämmrigen Straßen Ost-Berlins sieht er Militärfahrzeuge, Schützenpanzer und LKW mit Stacheldraht und Betonpfählen; aber er sieht keinen einzigen sowjetischen Panzer.12 Auch ein britischer Offizier hat sich Zugang nach Die Uhr tickt. Am 12. August 1961 löst Honecker die Befehlskette für die Grenzsperrung aus.

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EINE MAUER DURCH BERLIN Ost-Berlin verschafft, wo er dieselben Beobachtungen macht – Vopos, Militärlastwagen, Schützenpanzer, aber keine Russen. In Washington treffen die ersten Nachrichten aus Berlin kurz nach 5.00 Uhr MEZ (gegen Mitternacht Ortszeit) ein. Als erster wird John Ausland, Mitarbeiter der Berlinabteilung im USAußenministerium, informiert. Er hört sich den Telefonbericht an und geht wieder zu Bett. Vier Stunden später erhält er ein CIA-Telegramm aus Berlin, welches das Code-Wort zur sofortigen Unterrichtung des Präsidenten enthält. Nun eilt Ausland ins State Departement und sucht in den Unterlagen hektisch nach Plänen für den vorliegenden Fall. Nach längerem Suchen findet er endlich einen Ordner mit der entsprechenden Aufschrift »Border closure« – er ist leer.13 US-Präsident Kennedy wird um 12.30 Uhr Ortszeit an Bord seiner Yacht in Hyannis Port, dem Familiensitz in Massachusetts, in Kenntnis gesetzt. Er ist zunächst ungehalten, erst jetzt von den Berliner Ereignissen zu erfahren, beruhigt sich jedoch rasch. Mit Außenminister Dean Rusk entwirft er eine Presseerklärung und sagt dann: »Ich gehe jetzt segeln. Gehen Sie wie geplant zu Ihrem Baseball-Spiel.«14 In der Presseerklärung heißt es: »Die Absperrung Ost-Berlins ist eine für alle Welt sichtbare Niederlage des kommunistischen Systems. Das ostdeutsche Ulbricht-Regime ist für die unmenschliche Einsperrung der eigenen Landsleute vor aller Welt verantwortlich.«15 In Berlin reibt sich mancher die Augen. Keine Rede von Gegenmaßnahmen, keine konkreten Forderungen, kein Ultimatum. In all die Wut und die Ängste

mischt sich Enttäuschung, und zwar über die Westalliierten. Auch in Paris und London bleibt es an diesem Sonntag ruhig. Präsident Charles de Gaulle erholt sich weiter in seinem Heimatort Colombey-les-deux-Eglises; der britische Premier Harold Macmillan läßt sich nicht bei der Jagd in Schottland stören. In vertraulicher Runde macht Kennedy aus seiner Erleichterung über die Entwicklung keinen Hehl. »Chruschtschow hätte doch keine Mauer bauen lassen, wenn er wirklich West-Berlin will. Wenn er die ganze Stadt besetzt, dann braucht er keine Mauer. ... Keine besonders angenehme Lösung, aber eine Mauer ist verdammt noch mal besser als ein Krieg.«16 Zudem waren die »drei Essentials« der amerikanischen Berlin-Politik gewahrt – 1. Präsenz der Westalliierten in Berlin, 2. freie Zugangswege, 3. Selbstbestimmungsrecht der West-Berliner. Für Washington bestand somit wenig Anlaß zu energischem Handeln.17 Gegenüber seinem Vertrauten Kenneth O’Donnell gibt Kennedy, den das Berlin-Problem in den vergangenen Monaten stark belastet hat, seine Erleichterung deutlich zu erkennen: »Die anderen sind in Panik geraten – nicht wir. Wir werden jetzt nichts tun, weil es keine Alternative gibt außer Krieg. Es ist vorbei, sie werden Berlin nicht überrollen.«18 In West-Berlin sieht man die Dinge an diesem 13. August völlig anders. Der Regierende Bürgermeister Willy Brandt befindet sich nicht in der Stadt, sondern in einem Wahlkampfsonderzug auf der Fahrt von Nürnberg nach Hannover. Brandt ist SPD-Kanzlerkandidat für die im September 1961 anstehenden

Bundestagswahlen. Um 4.30 Uhr wird er von Heinrich Albertz, dem Chef der Senatskanzlei, geweckt. Mit dem ersten Flugzeug kehrt Brandt nach Berlin zurück. »Am Flughafen Tempelhof empfingen mich Albertz und Polizeipräsident Stumm. Wir fuhren zum Potsdamer Platz und ans Brandenburger Tor und sahen überall das gleiche Bild: Bauarbeiter, Hindernisse, Betonpfähle, Stacheldraht, Militärs der DDR. Im Rathaus Schöneberg entnahm ich den Meldungen, daß rings um die Stadt sowjetische Panzer in Bereitschaft gegangen seien und Walter Ulbricht den mauerbauenden Einheiten bereits gratuliert habe ...«19 Wut und Zorn empfindet er an diesem Morgen und Besorgnis über eine mögliche Eskalation der Lage. Noch am Vormittag fährt Brandt zu den westlichen Stadtkommandanten in den Villenvorort Dahlem. Er fragt eindringlich, was die Westalliierten zu tun gedächten, und erntet zunächst betretenes Schweigen. In wachsender Erregung fordert der Regierende Bürgermeister wenigstens einen scharfen Protest in Moskau und fügt hinzu: »Schickt mindestens sofort Patrouillen an die Sektorengrenze, um dem Gefühl der Unsicherheit zu begegnen und den West-Berlinern zu zeigen, daß sie nicht gefährdet sind!«20 Das immerhin veranlassen die drei Stadtkommandanten. Ansonsten sehen sie wenig Grund zu Aktivitäten, zumal sie auf Instruktionen aus ihren Hauptstädten warten. Vom passiven Verhalten der westlichen Stadtkommandanten ist Willy Brandt maßlos enttäuscht. »Selten habe ich Brandt so vor Wut bebend erlebt wie nach der Rückkehr von dem Gespräch mit den drei westlichen Kommandanten...«21, schreibt sein langjähriger Vertrauter Egon Bahr.