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Die Buchmalerei der Beuroner Kunstschule Auszug aus dem Tschechischen Rundfunkprogramm des Senders "Vltava" anlässlich der Herausgabe von LIBER EVANGELIORUM (Knižní malba Beuronské umělecké školy / Die Buchmalerei der Beuroner Kunstschule) – an Weihnachten 2016 Rundfunkdramaturg und Redakteur Tomáš Černý fragt die Ägyptologin Dr. Hana Navrátilová nach der Erklärung der vielen ägyptisierenden sowie ägyptischen Darstellungen in der Beuroner Kunst.

Die ehemalige Abteikirche Mariä Verkündigung des Klosters St. Gabriel liegt im Prager Stadtteil Smíchov in der Nachbarschaft zur Kleinseite. Hinter einer hohen Wand sieht man von der Holečkova Straße aus die große Klosteranlage des benediktinischen Frauenklosters, das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erbaut wurde. Von 1889 bis 1919 lebten hier die Benediktinerinnen der Beuroner Kongregation. Prag wurde zu dieser Zeit das Zentrum der Beuroner Kunst, da die Mönche aus dem Kloster St. Martin in Beuron in Baden Württemberg in der Zeit des Bismarckschen Kulturkampfes Beuron verlassen mussten und seit 1880 in dem Prager Kloster Emaus lebten. Die beuronischen Schätze im Kloster Emaus wurden am Ende des zweiten Weltkrieges zerstört, gleichwie das Kloster Monte Cassino bei Rom. Man ahnt nicht, welch ein Schatz sich im Inneren der ehemaligen Abteikirche sowie im Kloster St. Gabriel befindet. Dr. Hana Navrátilová Als ob der Weg in die Kirche ein Weg durch die Zeit wäre. Die Besucher der Kirche in den Zeiten ihrer Errichtung und ihrer Ausschmückung kannten die romanischen Formen. Sie waren nicht ungewöhnlich, der neuromanische und der neugotische Stil wurden in ihrer Zeit wieder zu einem gewöhnlichen Baustil der Kirchen. Die Menschen traten in den dichten, satten Farben fast byzantinisch wirkenden Raum unter einem aufragenden Dachstuhl, sahen Wände, die alle mit farbiger Ausschmückung versehen waren. Das war wiederum nicht ganz ungewöhnlich [?], da auch einige der historisierenden Baustile darauf zurückgekommen waren. Und nun wurde den Besuchern klar, dass hier keine illusionistische, keine Perspektivmalerei vorkommt, alles wurde den Gestalten untergeordnet. Durchaus ungewohnt mit Anklängen an das alte Ägypten. Dann schritten sie durch das Kirchenschiff weiter nach vorne. Und falls sich jemand umdrehte und vom Presbyterium zur heutigen Orgelempore hinaufschaute, erblickte er dort eine Pietà. Die christliche Kunst kennt viele Formen von Darstellungen der Maria mit dem Leichnam Christi auf dem Schoß, diese sah allerdings ganz anders aus als alle, die die damaligen Kirchenbesucher nun kannten, es war für sie einfach eine ägyptische Wandmalerei auf einem dunkelblauen Hintergrund, mit den goldenen, gelben, grünen, roten und weißen Farbtönen, ganz sonderbar. Rundfunkredakteur Tomáš Černý Es sind dort auch Farbtöne, wie Hellblau und Orange. Die Darstellung wirkt flächig, die Perspektive ist eigenartig. Dr. Hana Navrátilová Ja, die Perspektive in der Beuroner Kunst ist keine illusionäre , wie wir sie in der zeitgemäßen akademischen Malerei kennen, sie ist eigentlich eine hierarchische Perspektive. Für die Prager war die Pietà im Jahr 1895 eine große Überraschung, und es ist kein Wunder, dass einige von ihnen durch diese sonderbaren Wandgemälde soweit befremdet waren, dass sie ihr Unverständnis zum Ausdruck brachten. Daraufhin besuchte bei einer Visitation der damalige Prager Erzbischof Kardinal Schönborn als Nachfolger des Kardinals Schwarzenberg das Kloster und die Kirche. Auch er war überrascht als gebildeter Mann, nahm aber sehr wohl zur Kenntnis, wovon die Beuroner Inspiration ausging, und er war sich bewusst, auf welche Studien sich etwa die Schöpfer dieser Szenen stützten. Trotzdem blieb er an einem Bild (an der Pietà), hängen, das ihn am meisten an die Göttin Isis und nicht an die Jungfrau Maria erinnerte. Er hatte wohl auch Verständnis für die Entrüstung der Prager, die durch etwas so Ungewöhnliches geschockt waren. Er versuchte sogar die Situation durch einen Vorschlag zu lösen, nämlich das Wandgemälde wenigstens vorläufig abzudecken. Böse Zungen behaupteten, dass eine Tilgung der Malerei erörtert wurde. Das ist aber nicht wahr, es wurde immer bloß eine Verhüllung oder Überdeckung der Malerei diskutiert. Sie wurde schließlich tatsächlich eine Zeit lang durch einen Vorhang verhüllt, was dennoch eine seltene, künstlerische Demütigung ihres Schöpfers P. Desiderius Lenz bedeutete. Er hat den Entwurf seiner Pietà während mehrerer Jahrzehnte präzisiert, bevor er die Gelegenheit ihrer Realisation hier in Prag bekam, und trotzdem war er ohne jede weitere Diskussion mit der Ansicht seines Vorgesetzten einverstanden. Seine Demütigung wandte sich allerdings wieder zum Guten. Die Äbtissin des Klosters St. Gabriel, Adelgundis Berlinghoff, setzte sich stark dafür ein, dieses erste Beuroner Frauenkloster aufzubauen, Desiderius Lenz und seinen Mitbrüdern aus Emaus die Gelegenheit zu bieten es auszuschmücken und auch ihre eigene Kommunität der Schwestern die Arbeit in diesem Kunststil erlernen

zu lassen. Sie ordnete schließlich an, dass die Pietà wieder enthüllt wurde. Sie vertrat ihre Ansicht letztlich auch wieder mit Hilfe ihrer Kollegen, der Äbte im Rahmen der Beuroner Kongregation, und verteidigte sie auch gegenüber Kardinal Schönborn, so dass die Pietà wieder in ihrer Ursprünglichkeit bewundert werden konnte. Im zwanzigsten Jahrhundert fand die ungewöhnliche Ausschmückung der Kirche dann doch in Prag, wo nebeneinander verschiedene Kunststile leben, Akzeptanz und Anerkennung. Eine der Besonderheiten des Beuroner Stils ist es, dass er sehr als ein in sich abgeschlossener wirkt, ist aber von Kunstelementen durchgedrungen, die wirklich vom alten Ägypten praktisch bis zur Gotik und Renaissance reichen. Rundfunkredakteur Tomáš Černý Damit hängen zweifellos auch die verschiedensten geometrischen Formen in der Ausschmückung zusammen, weil auf der Wand die verschiedenen roten, gelben und grünlichen, einst vielleicht türkisfarbenen Streifen erscheinen, die aber nicht geradlinig, sondern gezahnt sind. Es wirkt, als seien mehrere Treppenhäuser nebeneinander dargestellt, also lauter Geometrie. Dr. Hana Navrátilová Lauter Geometrie, das ist wieder aus Ägypten übernommen worden, und hier kommen wir zur Frage, warum sich ein Ägyptologe mit dem Beuroner Stil befassen sollte. Wenn Sie umherblicken und außerdem die Elemente aller anderen schon erwähnten Kunststile entdecken, so erblicken Sie die mehr oder weniger auffallenden Elemente in der Ornamentik sowie in der Komposition, die aus Ägypten übernommen wurden. Beginnen wir mit den Ornamenten, die zwar zierlich sind, aber in einer ungeheuren Menge vorkommen. Schon die Treppenhäuser, die Sie erwähnen, oder die verschiedenen gestreiften Bordüren auf den Wölbungsbögen, sind aus den künstlerischen Musterbüchern des 19. Jahrhunderts übernommen worden, welche die Beuroner, neben der anderen Literatur, sehr sorgfältig studiert hatten. Sie würden sie meistens auf den ägyptisch betitelten Seiten vorfinden. Woher sind diese Ornamente gekommen, bevor sie in die Musterbücher aufgenommen wurden? Meistens von den ägyptischen Bauten, seien es Begräbnis- oder Tempelbauten. Und insbesondere die großflächigen, geometrischen und floralen Farbornamente stammen meistens aus des Architektur des ägyptischen Neuen Reiches, wo wir uns etwa zwischen dem sechzehnten und zwölften Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung bewegen. Das ist der Zeitraum der großen Pharaonen, mögen wir schon von den Thutmosen, der Königin Hatschepsut, von dem nur kurz regierenden, aber umso berühmteren Tutanchamun, oder auch von den Ramsessiden sprechen, also der großen Zeit Ägyptens. Für die ägyptische Kunst war es die Zeit eines großen Aufschwungs, der Verbindung mit der Welt, der Amalgamierung verschiedener Elemente und einer großen Schaffenskraft. Es ist also kein Wunder, dass der ornamentale Reichtum des neuen Reiches nicht nur die Ägyptologen, sondern auch die Kunsthistoriker des 19. Jahrhunderts so gefesselt hat, dass sie übernahmen, nachahmten und dass Elemente reichlich auch in die Musterbücher übernommen wurden, mit denen die damaligen Künstler gearbeitet hatten. Und dort führt schon ein direkter Weg in die Architektur und Malerei des 19. Jahrhunderts und so eigentlich aus Ägypten über einige Zwischenstationen bis nach Smíchov. Rundfunkredakteur Tomáš Černý Ein Mensch von einer etwas romantischeren Gesinnung möchte gerne daran denken, dass einstmals jemand von den Beuroner Benediktinern vielleicht in Ägypten war, von so etwas durchdrungen wurde, dass ihm eine solche Ästhetik gefiel und er sie in diese Beuroner Schule übertrug. In Wirklichkeit ging es aber über irgendeines der Musterbücher oder es war eine zeitgemäße, allgemeine Bezauberung durch die alte ägyptische Ästhetik? Dr. Hana Navrátilová Ja, man kann es so sagen. Es waren nicht nur die Musterbücher, sondern sowohl im Falle von Desiderius Lenz, des Begründers oder eines der Begründer der Beuroner Schule, als auch im Falle der Benediktinerschwestern hier in Smíchov, ebenso die Bücher über die Kunst des Altertums und bei Lenz auch die Besuche der Museen mit den Sammlungen der Altertumsfunde. Rundfunkredaktuer Tomáš Černý Also doch vielleicht etwas Unmittelbares. Dr. Hana Navrátilová Ja, es war dabei doch ein wenig ein direkter Weg, soweit es um die Künstler innerhalb des Benediktinerordens selbst ging. Ihre Begegnung mit der ägyptischen Kunst geschah durch die zeitgenössische Ägyptologie und Kunstgeschichte, sie war aber auch unmittelbar. Bei Lenz wissen wir konkret, dass er z.B. die in Berlin ausgestellten Kunstsammlungen besucht hat. Und er war wirklich fasziniert, notierte sich Bemerkungen und machte Skizzen zu den Objekten aus den

Berliner Museen. Folglich war von unseren Protagonisten wahrscheinlich niemand selbst in Ägypten, wenigstens wissen wir bislang nichts davon. Der ägyptischen Kunst begegneten sie natürlich auf andere Weise. Diese Begegnungen fanden ihren Niederschlag und zeugten von einem tiefen Interesse. Hier kommen wir nun zu einer weiteren Sache, die Sie erwähnt haben und die sehr bedeutend ist: Das ist die zeitgemäße Bezauberung von Ägypten, erkennbar an einer riesigen Anzahl der Formen und Motive. Und die Beuroner Ausprägung ist nicht nur deshalb interessant, weil sie durch die Farben und Ornamente fasziniert ist, sondern auch deshalb, weil die Beuroner Schule bemüht war zu verstehen, worauf die Prinzipien der ägyptischen Kunst beruhten. Warum haben sie die Perspektive nicht benutzt trotz der Kenntnisse darüber? Die Antwort lautet, sie wollten sie nicht benutzen. Ihre Kunst ist nicht die Kunst eines Augenblicks, nicht die Kunst der optischen Illusionen, das Bedeutende wird groß, ausführlich und in einer dominanten Lage erfasst, es beherrscht die von Ihnen beobachtete Szene. Ein Beispiel: Wenn es in der ägyptischen Kunst um die Darstellung eines Herrschers geht, wird er die ganze Szene beherrschen, weil er der Träger eines Grundgedankens ist, der König, der sich um die Erhaltung der Welt kümmert, damit die Leute leben, die Götter verehrt werden können und alles so, wie sich es gehört, funktioniert. Und davon – kommen wir zurück zu Beuron – sind auch Desiderius Lenz und seine Schüler ausgegangen. Ihnen kam es wirklich darauf an, ein Bild des Ewigen aufzubauen, dessen, was weiter geht, was nicht mit einem Augenblick verknüpft ist. Hier in der Kirche können Sie bemerken, dass keine der Szenen durch einen Hintergrund, durch eine Anordnung der Figuren belastet ist. Falls eine Szene vervollständigt werden soll, wird sie in die Fläche ausgebreitet, bei der Pietà dominiert durchaus Maria, die den Körper Christi hält, und sie wird dann durch die Engel vervollständigt. Sie selbst sitzt dann auf einem Thron mit den ägyptisierenden Elementen, ihr Heiligenschein ist so gemalt, wie man in Ägypten die Sonnenscheiben malen würde, also rot mit einer goldenen Bordüre, und sie selbst ähnelt auch der Manier, wie die Ägypter die Göttin Eset bzw. die griechisch-römische Isis, mit der dann die ganze antike Welt bekannt wurde, abbildeten. So sind dort einige Elemente herausgezogen – der Heiligenschein, die Ewigkeit und auch der Körper Christi ist von einem punktierten, goldenen Heiligenschein umschlossen. Konzentrieren Sie sich gänzlich auf die Jungfrau Maria, auf ihre Geste, auf die Gestalt Jesu Christi und so weiter. Es ist durchaus das Zentrum der Darstellung und sie kontrolliert eigentlich auf ihre Art diesen Teil des Kirchenschiffes. Rundfunkredakteur Tomáš Černý Es ist eigentlich seltsam die christliche Liturgie mit der Vergöttlichung eines Pharao zu kombinieren. Dr. Hana Navrátilová Es ist wirklich seltsam. Sobald wir beginnen, uns da hinein zu vertiefen, zerfällt es in mehrere Ganzheiten. Erstens, der Kontrast ist stark, weil auf der einen Seite sehen wir, ist es ein katholischer Mönchsorden, wenn wir dann etwa auf die hier in Smíchov von den Benediktinerschwestern geschaffenen Illuminationen schauen würden, stellen wir fest, dass sie ausgeprägte, sehr propäpstliche Positionen eingenommen haben, orthodox katholisch, will ich sagen. Allerdings auf einmal, als ob es in der Kunst gar nicht gelten würde, befassen sie sich mit ägyptischer Kunst, haben Bücher, die sie studieren, zögern nicht darüber zu sprechen, dass sie die Werke im ägyptischen Stil schaffen, sie reflektieren, es ist kein Spiel mit den Figürchen, mit den Farben, es ist bewusst, sie wissen was sie übernehmen und warum sie es tun, aber... Rundfunkredakteur Tomáš Černý Und sie berühren oder überschreiten die Grenze nie? Dr. Hana Navrátilová Oder sie sind bestrebt, an die Grenze gar nicht zu denken. Es ist nämlich sehr seltsam: Lenz selbst hat eine Statue geschaffen, die er Isis-Madonna nannte. Das ist schon etwas, was an die modernen, religionistischen Deutungen grenzt, die darüber, und ich vermute berechtigt, spekulieren, dass eine ganze Reihe der Elemente christlicher Glaubenslehre auf der Grundlage von sehr starken, ägyptischen Überlieferungen gebildet wird - sei es durch das Tradieren oder auch durch eine absichtliche Überlegung. So würden wir in eine lange Erzählung geraten über die ägyptischen Traditionen und darüber, wie sie im römischen Mittelmeerraum weiterleben und wir würden dort wiederholt eben auf die Isis und den Osiris, die ägyptischen Götter Eset und Usire stoßen, die eine der großen Geschichten der ägyptischen Religion darstellen. Wenn wir sie nur kurz erzählen, können einige Verbindungen mit der christlichen Glaubenslehre allen Ernstes nicht unterschlagen werden. Eset und Usire kommen auf die Erde als die Götter, die in Ägypten herrschen und den Leuten die Erkenntnis bringen, wie sie zu leben, zu arbeiten und die Götter zu verehren haben, einfach wie Menschen zu sein und nach den richtigen Regeln zu leben haben. Allerdings hat Usire einen sehr neidischen Bruder Sutech, der zwar eine Gottheit ist, aber auch sehr ungestüm, jähzornig, eigentlich neiderfüllt. Sutech tötet Usire und zerhackt seinen Körper. Eigentlich kann man sagen, dass er für seine gute Königsherrschaft durch einen Märtyrertod belohnt wird, und Eset muss dann seine Körperteile einsammeln, ihn

wieder beleben, postmortal, also aus unserer Sicht wunderbar, den Sohn Hor empfangen, der der künftige König Ägyptens wird. Usire geht ins Jenseits als eine unsterbliche Gottheit fort, die ägyptischen Götter sind unsterblich, können aber sterben, was ein interessantes Element der ägyptischen Glaubenslehre ist. Im Jenseits ist Usire ein Richter der Verstorbenen und führt stets nicht etwa ein einmaliges Letztes Gericht durch, das wir aus dem christlichen Kontext kennen, sondern richtet jeden einzelnen Verstorbenen, die ägyptische Sicht ist individualistisch in dem Sinne, dass wir dort jeder für sich selbst sind und vor dem göttlichen Gericht Usires standhalten müssen. Diese Geschichte trägt also die Elemente des Todes einer Gottheit in sich, die auf die Erde kam, sich de facto opferte und dann zu einem Richter der Verstorbenen wird, der Mutter – Göttin, die durch ein Wunder empfängt und den künftigen König zur Welt bringt und so weiter, das alles ist dort schon beinhaltet. Und darüber hinaus trat wirklich Isis, insbesondere in dieser griechisch-römischen Gestalt, mit den ihr gemäßen Attributen auf, einschließlich eines dunkelblauen Mantels, mit Sternen und Mondsichel, die danach in die Gestalt der Jungfrau Mariä übertragen wurden, was Sie übrigens auch hier auf der Abbildung in der Kirche sehen. Eset oder Isis oder Jungfrau Maria, alle sind die Mütter, Göttinnen, die geben, die schützen, die in sich eine riesige Macht tragen, obwohl es an ihrem zarten Äußeren nicht erkennbar ist. Das alles sind wieder die Elemente, die wir als Verbindungsglieder bezeichnen könnten. Wenn Lenz eine von seinen Statuen Isis-Madonna nannte, wenn er Jungfrau Maria eine ägyptische Gestalt gab, war er sich wenigstens dessen bewusst. Es gibt hier noch ein Element, das beweist, dass er über die ägyptische Morphologie und Symbolik ziemlich umfangreich Kenntnis hatte. In der Apsis der Kirche, wo unter anderem wieder ein Bild Jungfrau Mariä, der Mutter Gottes ist, befindet sich auch eine Holzbank mit einer geschnitzten Lehne, auf der die Darstellungen der Raubvögel mit den ausgestreckten Flügeln erscheinen, die am ehesten den Geierweibchen ähneln. Im Ägyptischen wird das Wort Geierweibchen mit dem gleichen Zeichen wie das Wort Mutter geschrieben, besser gesagt die Hieroglyphe Geierweibchen wird für die Aufzeichnung des Wortes mut, also des Wortes Mutter benutzt. In Hinsicht darauf, dass unmittelbar darüber das Bild Mater Dei angebracht ist, bedeutet es wahrscheinlich mehr, als eine zufällige Übereinstimmung. Die Beuroner Künstler haben sich also tatsächlich auf einem sehr brüchigen Boden oder dünnen Eis bewegt, wahrscheinlich haben sie es wenigstens teilweise reflektiert, offensichtlich lehnten sie es aber ab zuzugeben, oder wollten nicht zugeben, dass es in einem Widerspruch zu ihrem sehr innigen katholischen Glaube sein könnte. Rundfunkredakteur Tomáš Černý Gleichzeitig sage ich mir aber, dass es die Menschen sehr interessieren musste, dass sie es bestimmt dazu trieb, darüber nachzudenken. Ich würde sogar den Ausdruck nicht scheuen, dass sie es in einem positiven Sinne, der schließlich auch diese Ästhetik gebar, irgendwie beunruhigen musste. Dr. Hana Navrátilová Es ist durchaus möglich. Übrigens auch die Benediktinerinnen hier im St. Gabriel-Kloster, als sie an den Illuminationen des Evangelistars, also einer Auswahl der bei den Festen des liturgischen Jahres benutzten Textabschnitte der Evangelien arbeiteten, bemühten sich stets zu balancieren, wieviel von der ägyptischen Botschaft sie noch hineintragen konnten. Ab und zu, wenn es um etwas ging, wo sie vermuteten, dass sie es sich leisten konnten, legten sie ihre Hemmungen ganz ab und begannen so zu zeichnen, als ob sie die Ägypter imitieren würden, und schufen z. B. die Szenen des Exodus, wo die ägyptischen Krieger fast genauso wie auf den ägyptischen Reliefs dargestellt sind. Das Spiel mit dem Motiv, dass ich vorgebe eine ägyptische Künstlerin zu sein und zeichne das, was in meine Welt gehört, aber zugleich es in meine Welt nicht gehört, ist da offensichtlich anwesend. Rundfunkredakteur Tomáš Černý Während der ganzen Zeit, in der wir sprechen, denke ich darüber nach, was hier zu einem sonderbaren Gefühl einer bestimmten Abgeschiedenheit, einer Entfernung beiträgt, als ob wir durch die Kirchentür wirklich in einen ganz anderen Kontinent, in ganz andere Gegenden getreten sind, und jetzt werde ich mir sicher dessen bewusst, dass es an den Palmen liegt und darüber hinaus, dass die Palmen, die direkt hier vorne sind, einen gewissen Bogen mit denjenigen Palmen bilden, die auch in der Pietà-Darstellung sichtbar sind, dort natürlich kommen sie nur in der farbigen Darstellung vor, aber auch das sind, glaube ich, die Palmen. Dr. Hana Navrátilová Ja, die Palmen sind hier wenigstens als ein Zeichen ergänzt worden, um zu unterstreichen, wie auch eine florale Ausschmückung einer Kirche ursprünglich wichtig war. Die hier vorkommenden Palmen sind wirklich nur ein vertretendes Element, das aber, wie Sie ganz richtig bemerkt haben, darauf aufmerksam machen soll. Sonst sind die Palmen im Rahmen der Beuroner Kunst äußerst wichtig, nicht nur in der malerischen Darstellung, die Sie hier auf der Pietà und auch in der Apsis hinter dem Altar sehen, wir sehen hier aber die Palmen auch dreidimensional, weil der Baldachin oberhalb des Altars von den sogenannten Palmensäulen oder Säulen mit den Palmenkapitellen gestützt

wird, die wiederum mit diesem Motiv arbeiten, und zwar sagen wir nicht direkt auf eine ägyptische, aber bestimmt auf eine durch Ägypten beeinflusste Weise. So sind die Palmen wirklich allgegenwärtig, übrigens sehen Sie sie als eine der wenigen Ergänzungen auf den Malereien, die irgendwie das Naturmilieu evozieren. Sonst haben wir hier meistens die Gestalten auf dem ockerfarbenen, goldenen, blauen oder dunkelroten Hintergrund, welche übrigens die Farben sind, die wir auch im ägyptischen Milieu finden würden und einen goldenen Hintergrund würden wir natürlich sehr oft auf den byzantinischen Mosaiken vorfinden. Das erfordert jetzt eine kleine Abschweifung - diese Kirche sollte ursprünglich wohl diese ganze großartige Ausschmückung in der Durchführung als Mosaiken haben, was ihr eher einen byzantinischen Charakter verleihen würde, während die Malerei die ägyptische Morphologie unterstreicht. Rundfunkredakteur Tomáš Černý Es würde glänzen, während diese natürlich matte Oberflächen sind, es hat aber wiederum die Anmut einer gewissen Weichheit. Und natürlich aus den matten Farben tritt hier deutlicher das goldene Moment hervor, wo die Heiligenscheine goldig durchgeführt sind und in diesem Sonnenlicht in den Bildern sehr deutlich werden. Dr. Hana Navrátilová Die goldenen Akzente waren sehr wichtig, nicht nur für die Malerei, sondern auch für die schon erwähnte Illumination, es wurde dabei auch Blattgold benutzt, die Schwestern haben sogar sowohl mit der mit Blattgold vergoldeten Oberfläche, als auch mit der reliefartig gestalteten Oberfläche gearbeitet, sodass das hier entstandene Evangelistar wirklich ein Unikat ist, und es musste überwältigend sein, wenn dann die großen, aufgeschlagenen, gemalten Seiten beim Gottesdienst vorgetragen wurden und sowohl aus den Wänden, als auch vom Buch die goldenen Akzente inmitten der mehr matten Farben strahlten. Übersetzt von Lubomír Košnar und Wolfram Brüninghaus Das deutsch-tschechische Buch LIBER EVANGELIORUM mit dem Untertitel (Knižní malba Beuronské umělecké školy / Die Buchmalerei der Beuroner Kunstschule) hat die zwei einst bedeutendsten Klöster der Beuroner Kongregation in Prag wieder zusammengefügt. P. Augustinus Gröger OSB aus dem Kloster St. Martin in Beuron war der Leiter des deutsch-tschechischen Teams, der sich an den Kommentaren zu den Miniaturen beteiligte. Siehe bitte - www.malakim.cz Monica Bubna-Litic Vorsitzende des Stiftungsfond Malakim und des Vereins der Freunde der Beuroner Kunst