Die dunklen Krieger - Die Onleihe

Die dunklen Krieger - Die Onleihe

Leseprobe aus: Bernard Cornwell Die dunklen Krieger Mehr Informationen zum Buch finden Sie auf rowohlt.de. Copyright © 2016 by Rowohlt Verlag GmbH...

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Leseprobe aus:

Bernard Cornwell

Die dunklen Krieger

Mehr Informationen zum Buch finden Sie auf rowohlt.de.

Copyright © 2016 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Bernard Cornwell

Die dunklen Krieger Historischer Roman

Aus dem Englischen von Karolina Fell

Rowohlt Taschenbuch Verlag

Die Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel «Warriors of the Storm» bei HarperCollins Publishers, London. Deutsche Erstausgabe Veröffentlicht im Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, Juni 2016 Copyright © 2016 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg «Warriors of the Storm» Copyright © 2015 by Bernard Cornwell Karte Copyright © Peter Palm, Berlin Redaktion Jan Möller Umschlaggestaltung any.way, Hamburg, nach der Originalausgabe von HarperCollins Publishers Ltd 2015 Umschlagabbildung Lee Gibbons / Tin Moon – www.leegibbons.co.uk
 Satz aus der Janson Text, PostScript, InDesign Gesamtherstellung CPI books GmbH, Leck, Germany ISBN 978 3 499 27218 9

Die dunklen Krieger

ist für Phil und Robert

INHALT Karte 9

Ortsnamen 10 ERSTER TEIL

Flammen auf dem Fluss 13 ZWEITER TEIL

Das Totengatter 229 DRITTER TEIL

Bruderkrieg 371

Nachwort des Autors 491

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Ortsnamen Die Schreibung der Ortsnamen im angelsächsischen England war e­ ine unsichere und regellose Angelegenheit, in der nicht einmal über die Namen selbst Übereinstimmung herrschte. London etwa wurde abwechselnd als Lundonia, Lundenberg, Lundenne, Lundene, Lundenwic, Lundenceaster und Lundres bezeichnet. Zweifellos hätten manche Leser andere Varianten der Namen vorgezogen, die unten aufgelistet sind, doch ich habe mich in den meisten Fällen nach den Schreibungen gerichtet, die entweder im Oxford Dictionary of English Place-Names oder im Cambridge Dictionary of English Place-Names für die Jahre um die Herrschaft Alfreds von 871 bis 899 zu finden sind. Doch selbst ­diese Lösung ist nicht narrensicher. So wird die Insel Hayling im Jahr 956 sowohl Heilincigae als auch Hæglingaiggæ geschrieben. Auch bin ich selbst nicht immer konsequent geblieben; ich habe die moderne Bezeichnung Northumbrien dem älteren Norðhymbralond vorgezogen, weil ich den Eindruck vermeiden wollte, dass die Grenzen des alten Königreiches mit denjenigen des modernen Countys identisch sind. Aus all diesen Gründen folgt die untenstehende Liste ebenso unberechenbaren Regeln wie die Schreibung der Ortsnamen selbst. Æscs Hügel Alencestre Beamfleot Bebbanburg Brunanburh

Ashdown, Berkshire Alcester, Warwickshire Benfleet, Essex Bamburgh Castle, Northumberland Bromborough, Cheshire 10

Cair Ligualid Ceaster Cent Contwaraburg Cumbrien Dunholm Dyflin Eads Byrig Eoferwic Gleawecestre Hedene Horn Hrothwulfs Hof Jorvik Ledecestre Liccelfeld Lindcolne Loch Cuan Lundene Mærse Mann Sæfern Strath Clota Ouse Wiltunscir Wintanceaster Wirhealum

Carlisle, Cumberland Chester, Cheshire Kent Canterbury, Kent Cumberland Durham, County Durham Dublin, Irland Eddisbury Hill, Cheshire York, Yorkshire Gloucester, Gloucestershire Fluss Eden, Cumberland Höfn, Island Rocester, Staffordshire York, Yorkshire Leicester, Leicestershire Lichfield, Staffordshire Lincoln, Lincolnshire Strangford Lough, Nordirland London Fluss Mersey Isle of Man Fluss Severn Strathclyde, Schottland Fluss Ouse Wiltshire Winchester, Hampshire Halbinsel Wirral, Cheshire

ERSTER TEIL

Flammen auf dem Fluss

Eins Da war Feuer in der Nacht. Feuer, das den Himmel ver­sengte und die Sterne verblassen ließ. Feuer, dessen dichter Rauch über das Land zwischen den Flüssen quoll. Finan weckte mich. «Ärger», war alles, was er sagte. Eadith regte sich, und ich schob sie von mir weg. «Bleib hier», sagte ich zu ihr und rollte mich aus den Schafsfellen. Ich tastete nach meinem Umhang aus Bärenfell und legte ihn mir um die Schultern, bevor ich Finan auf die Straße folgte. Es schien kein Mond, da war nur der Widerschein der Flammen auf der riesigen Rauchwolke, die mit dem Wind landeinwärts zog. «Wir brauchen mehr Männer auf den Wällen», sagte ich. «Schon erledigt», sagte Finan. Also blieb mir nichts mehr zu tun, als zu fluchen. Und ich fluchte. «Es ist Brunanburh», sagte Finan düster, und ich fluchte noch einmal. Leute sammelten sich auf der Hauptstraße von Ceaster. Eadith war aus dem Haus gekommen, sie hatte sich in ­einen weiten Umhang gewickelt, und ihr rotes Haar schimmerte im Licht der Laternen, die an der Kirchentür brannten. «Was ist los?», fragte sie verschlafen. «Brunanburh», sagte Finan grimmig. Eadith bekreuzigte sich. Ich erhaschte ­einen Blick auf ­ihren nackten Körper, als ihre Hand unter dem Umhang hervorglitt, 15

um ihre Stirn zu berühren, dann zog sie das schwere, wollene Tuch wieder eng um ihre Mitte zusammen. «Loki.» Ich sprach seinen Namen laut aus. Er ist der Gott des Feuers, ganz gleich, was e­ inem die Christen erzählen wollen. Und Loki ist der unzuverlässigste von allen Göttern, ein Schwindler, der uns hinters Licht führt, bezaubert, im Stich lässt und uns verletzt. Feuer ist seine zweischneidige Waffe, sie kann uns wärmen, unser Essen garen, uns versengen oder uns töten. Ich berührte den Thorshammer, der um meinen Hals hing. «Æthel­stan ist dort», sagte ich. «Wenn er noch lebt», sagte Finan. Solange es dunkel war, konnten wir nichts ausrichten. Es war ein Ritt von wenigstens zwei Stunden nach Brunanburh, und in dieser finsteren Nacht würde es noch länger dauern, wenn wir durch den Wald stolperten und womöglich in ­einen Hinterhalt der Männer gerieten, die das Feuer in der Wehrstadt gelegt hatten. Alles, was ich tun konnte, war, auf den Wällen Ceasters Wache halten zu lassen, für den Fall, dass im Morgengrauen ein Angriff erfolgte. Ich rechnete nicht mit solch ­einem Angriff. Ceaster war von den Römern erbaut worden und genauso stark wie jede erdenkliche andere Festung in Britannien. Die Nordmänner würden e­inen gefluteten Graben überqueren müssen, um dann Leitern an die hohen Steinmauern zu stellen, und Nordmänner haben noch nie gern Festungen angegriffen. Doch nun stand Brunanburh in Flammen, wer konnte da schon wissen, welch unwahrscheinliche Dinge der Morgen bringen würde? Brunanburh war unsere jüngste Wehrstadt, erbaut von 16

Æthel­flæd, die über Mercien herrschte, und d ­ iese Wehrstadt wachte über den Fluss Mærse, der den Schiffen der Nordmänner ­einen einfachen Weg ins Herz Britanniens bot. In früheren Jahren war die Mærse viel befahren worden, stetig waren Riemen in ihr Wasser eingetaucht und durchgezogen worden, und die drachenköpfigen Schiffe hatten sich gegen die Strömung des Flusses gestemmt, um ständig neue Krieger zu dem immerwährenden Kampf zwischen Nordmännern und Sachsen zu bringen, doch Brunanburh hatte diesem Treiben ein Ende gesetzt. Wir hielten dort e­ine Flotte von zwölf Schiffen bereit, deren Mannschaften von den mächtigen Palisaden Brunanburhs geschützt wurden, und die Nordmänner hatten gelernt, ­diese Schiffe zu fürchten. Wenn sie jetzt an der Westküste Britanniens landeten, gingen sie nach Wales oder nach Cumberland, das wilde, ungezähmte Land nördlich der Mærse. Außer in dieser Nacht. In dieser Nacht loderten Flammen an der Mærse. «Zieh dich an», sagte ich zu Eadith. Es würde in dieser Nacht keinen Schlaf mehr geben. Sie berührte das smaragdbesetzte Kreuz, das um ­ihren Hals hing. «Æthel­stan», sagte sie leise, als würde sie für ihn beten, während sie das Kreuz betastete. Sie hatte Æthel­stan liebgewonnen. «Entweder ist er tot oder lebendig», sagte ich knapp, «und wir werden es nicht vor dem Morgen erfahren.» Wir ritten kurz vor der Dämmerung los, ritten im Wolfslicht nach Norden, folgten der gepflasterten Straße über den verschatteten Friedhof römischer Toter. Ich nahm sechzig Mann mit, alle auf schnellen, schlanken 17

Pferden, damit wir fliehen konnten, falls wir auf e­ ine Streitmacht brüllender Nordmänner trafen. Ich schickte Späher vor­aus, aber wir mussten schnell sein und hatten deshalb keine Zeit für unsere übliche Vorsichtsmaßnahme, auf den Bericht der Späher zu warten, bevor wir weiterritten. Dieses Mal würde der Tod unserer Späher unsere Warnung sein. Wir verließen die Römerstraße und folgten dem Weg, den wir durch den Wald angelegt hatten. Von Westen her waren Wolken aufgezogen, und es nieselte, aber vor uns stieg weiter der Rauch empor. Regen konnte Lokis Feuer löschen, aber nicht dieses leichte Nieseln, und der Rauch verhöhnte uns und lockte uns zu sich. Dann kamen wir von dem Wald zu ­einem Landstrich, auf dem sich die Felder in morastige Auwiesen verwandelten, die wie­der­um mit dem Fluss verschmolzen, und dort, weit westlich von uns, auf diesem weiten Streifen silbergrauen Wassers, lag e­ ine Flotte. Zwanzig, dreißig Schiffe, vielleicht mehr, es war unmöglich zu sagen, so dicht bei­ein­an­der waren sie vertäut, doch selbst aus dieser Entfernung sah ich, dass sie die Tiere der Nordmänner auf dem Bug trugen; Adler, Drachen, Schlangen und Wölfe. «Gütiger Gott», sagte Finan entsetzt. Nun eilten wir vor­an, auf ­einem Viehweg, der auf höherem Grund dem gewundenen Südufer des Flusses folgte. Der Wind blies uns ins Gesicht, unvermittelte Böen ließen Kräuselwellen über die Mærse ziehen. Wir konnten Brunanburh noch nicht sehen, weil die Festung hinter ­einer bewaldeten Erhöhung lag, doch ­eine unvermittelte Bewegung am Waldrand verriet, dass dort Männer waren, und meine zwei Späher ließen ihre Pfer18

de umdrehen und galoppierten zu uns zurück. Wer auch immer sie aufgeschreckt hatte, verschwand im dichten Blattwerk des Frühlings, und ­einen Moment später ertönte ein Horn, dessen Klang schwermütig in die feuchte, graue Dämmerung hallte. «Es ist nicht die Festung, die da brennt», sagte Finan, ohne sicher zu sein. Statt ­einer Antwort schwenkte ich von dem Weg ab auf die üppige Weide. Die zwei Späher kamen her­an, von den Hufen ­ihrer Pferde stoben feuchte Erdklumpen empor. «Da sind Männer im Wald, Herr!», rief ­einer. «Wenigstens zwanzig, wahrscheinlich mehr!» «Und kampfbereit», berichtete der andere. «Kampfbereit?», fragte Finan. «Schilde, Helme, Waffen», erklärte der zweite. Ich führte meine sechzig Mann südwärts. Der Gürtel aus Jungwald stand wie ein Damm zwischen uns und Brunanburh, und wenn dort ein Gegner wartete, würde er gewiss den Weg absperren. Wenn wir dem Weg folgten, würden wir womöglich direkt in i­hren Schildwall hineinreiten, den sie zwischen den Bäumen versteckt haben mochten, doch indem ich weiter landein abschwenkte, würde ich sie zwingen, sich zu bewegen, ihre Aufstellung aufzugeben, also ritt ich schneller, trieb mein Pferd zu ­einem leichten Galopp an. Mein Sohn ritt an meine linke Seite. «Nicht die Festung brennt!», rief er. Der Rauch wurde dünner. Er stieg immer noch hinter den Bäumen auf, ­eine graue Schliere, die sich mit den niedrig hängenden Wolken vermischte. Er schien vom Fluss zu kommen, und ich vermutete, dass Finan und mein Sohn recht hatten und nicht die Festung brannte, 19

sondern die Schiffe. Unsere Schiffe. Aber wie hatte ein Gegner ­diese Schiffe erreichen können? Wenn er bei Tageslicht gekommen wäre, hätte man es entdeckt, und die Verteidiger der Festung hätten die Schiffe bemannt und den Gegner herausgefordert, aber dass er bei Nacht gekommen war, schien unmöglich. Die Mærse war seicht, überall gab es Sandbänke, und kein Schiffsführer konnte dar­auf hoffen, sein Schiff in der Finsternis ­einer mondlosen Nacht so weit ins Inland zu bringen. «Es ist nicht die Festung!», rief mir Uhtred erneut zu. Bei ihm klang es wie e­ ine gute Nachricht, ich jedoch fürchtete, dass die Festung gefallen war und ihre mächtigen Palisaden nun ­eine Horde Nordmänner schützten. War­um sollten sie verbrennen, was sie leicht verteidigen konnten? Das Gelände stieg an. Ich konnte keine Gegner in dem Wald entdecken. Das hieß nicht, dass sie nicht dort waren. Wie viele Gegner? Dreißig Schiffe? Das konnte leicht tausend Männer bedeuten, und d ­ iese Männer mussten gewusst haben, dass wir von Ceaster hierherreiten würden. Wenn ich der gegnerische Anführer gewesen wäre, hätte ich kurz hinter dem Wald gewartet, und das legte nahe, dass ich unseren Vormarsch verlangsamen und wieder die Späher vorschicken sollte, doch stattdessen trieb ich mein Pferd schneller vor­an. Mein Schild hing über meinem Rücken, und dort ließ ich ihn, lockerte nur Schlangenhauch in seiner Scheide. Ich war wütend, und ich war leichtfertig, aber mein Gefühl sagte mir, dass keine Gegner hinter dem Wald auf uns warteten. Sie hätten uns auf dem Weg abpassen können, aber durch meinen Schwenk landeinwärts hatte ich i­hnen 20

wenig Zeit gelassen, i­hren Schildwall auf dem höher gelegenen Gelände neu aufzustellen. Der Waldgürtel verbarg noch immer, was dahinterlag, und ich ließ mein Pferd umdrehen und ritt wieder Richtung Westen. Ich tauchte ins Laubwerk ein, duckte mich unter ­einem Ast, ließ das Pferd selbst seinen Weg durch den Wald suchen, und dann hatte ich die Bäume hinter mir und nahm die Zügel kürzer, ritt langsamer, beobachtete, blieb stehen. Kein Gegner. Meine Männer brachen durchs Unterholz und hielten hinter mir an. «Dank sei dem Herrn», sagte Finan. Die Festung war nicht erobert worden. Das weiße Pferd Merciens flatterte weiter über der Befestigungsanlage und daneben Æthel­flæds Gänseflagge. Ein drittes Banner hing an dem Wall, ein neues Banner, das die Frauen von Ceaster auf mein Geheiß angefertigt hatten. Es zeigte den Drachen von Wessex, und der Drache hielt ­ einen Blitzstrahl in e­iner erhobenen Klaue. Es war das Zeichen Prinz Æthel­stans. Der Junge hatte ein Christenkreuz auf seiner Flagge haben wollen, aber ich hatte stattdessen befohlen, dass der Blitzstrahl eingestickt wurde. Ich nannte Æthel­stan ­einen Jungen, doch er war nun ein Mann, vierzehn oder fünfzehn Jahre alt. Er war groß geworden, und die Erfahrung hatte seinen jugendlichen Mutwillen gemildert. Es gab Männer, die Æthel­stans Tod wollten, und er wusste es, und deshalb war sein Blick wachsam geworden. Er war auch gutaussehend, jedenfalls hatte Eadith mich das wissen lassen, und seine wachsamen grauen ­Augen blickten aus ­einem klar geschnittenen Gesicht, das von glattem Haar um21

rahmt war, dessen Schwärze an ­einen Rabenflügel erinnerte. Ich nannte ihn Prinz Æthel­stan, während ihn die Männer, die ihn tot sehen wollten, ­einen Bastard nannten. Und viele glaubten ihre Lügen. Æthel­stan war der eines schönen Mädchens aus Cent, das gestorSohn ­ ben war, als es ihn geboren hatte, aber sein Vater war Edward, der Sohn König Alfreds und nun selbst König von Wessex. Inzwischen hatte Edward ein westsächsisches Mädchen geheiratet und ­ einen weiteren Sohn gezeugt, wodurch Æthel­stan zu ­einer Unannehmlichkeit wurde, besonders weil das Gerücht umging, dass er in Wahrheit gar kein Bastard sei, weil Edward das Mädchen aus Cent heimlich geheiratet habe. Ob wahr oder nicht – und ich wusste aus gutem Grund, dass die Geschichte von der ersten Heirat tatsächlich stimmte – , dar­auf kam es nicht an, denn für viele im Königreich seines Vaters war Æthel­stan der ungewollte Sohn. Er war nicht in Wintanceaster aufgezogen worden, wie Edwards andere Kinder, sondern man hatte ihn nach Mercien geschickt. Edward beteuerte, den Jungen zu mögen, schenkte ihm jedoch keinerlei Aufmerksamkeit, und in Wahrheit war ihm Æthel­stan ­eine Peinlichkeit. Er war der älteste Sohn des Königs, der Ætheling, doch er hatte e­inen jüngeren Halbbruder, dessen rachsüchtige Mutter Æthel­stans Tod wollte, weil er zwischen ­ihrem Sohn und dem Thron von Wessex stand. Ich aber mochte Æthel­stan. Ich mochte ihn genug, um zu wollen, dass er auf den Thron gelangte, der sein Geburtsrecht war, doch um König zu sein, m ­ usste er zuvor die Verantwortlichkeiten ­eines Mannes erlernen, und deshalb 22

hatte ich ihm den Befehl über die Festung und die Flotte von Brunanburh gegeben. Und nun war die Flotte verloren. Sie war verbrannt. Die Rümpfe qualmten neben den verkohlten Resten des Kais, für dessen Bau wir ein Jahr gebraucht hatten. Wir hatten Ulmenpfähle tief ins Uferland getrieben und den Laufgang bis über die Niedrigwassermarke hin­ ausgebaut, um ­ einen Landeplatz zu haben, an dem jederzeit e­ ine Kriegsflotte bereitliegen konnte. Jetzt war der Landeplatz verloren und mit ihm die schlanken Schiffe mit ­ihren hochaufragenden Bugen. Vier der Schiffe waren oberhalb der Gezeitenmarke gestrandet und schwelten noch, die übrigen waren nur noch geschwärzte Rippen im seichten Wasser, während am Ende des Kais drei drachenköpfige Schiffe an den verschmorten Pfeilern vertäut lagen. Fünf weitere Schiffe lagen dicht dahinter und wurden mit den Riemen gegen die Strömung des Flusses und die Ebbe an Ort und Stelle gehalten. Der Rest der gegnerischen Flotte befand sich ­eine halbe Meile weiter flussauf. Und am Ufer, zwischen uns und dem verbrannten Landeplatz, waren Männer. Männer in Rüstung, Männer mit Schilden und Helmen, Männer mit Speeren und Schwertern. Es mochten zweihundert sein, und sie hatten das bisschen Vieh zusammengetrieben, das sie entdecken konnten, und führten es zum Ufer, wo es geschlachtet wurde, um das Fleisch verschiffen zu können. Ich warf ­einen kurzen Blick zur Festung. Æthel­stan befehligte dort hundertfünfzig Mann, und ich sah sie dicht an dicht auf dem Befestigungswall stehen, doch er unternahm keinen Versuch, den Rückzug des Gegners aufzuhalten. «Töten wir ein paar von den Bastarden», sagte ich. 23

«Wirklich?», fragte Finan, angesichts der Überzahl des Gegners. «Sie werden flüchten», sagte ich. «Sie wollen die Sicherheit ­ihrer Schiffe, sie wollen nicht an Land kämpfen.» Ich zog Schlangenhauch. Die Norweger am Ufer waren alle zu Fuß, und sie waren weit verstreut. Die meisten befanden sich nahe beim landseitigen Ende des verbrannten Kais, wo sie schnell e­ inen Schildwall aufstellen konnten, doch Dutzende andere mühten sich mit dem Vieh ab. Auf ­diese Männer hatte ich es abgesehen. Und ich war wütend. Ich befehligte die Garnison von Ceaster, und Brunanburh war ein Teil dieser Garnison. Es war e­ ine entlegene Festung, und sie war überrascht worden, und ihre Schiffe waren verbrannt, und ich war wütend. Ich wollte Blut in der Dämmerung. Ich küsste Schlangenhauchs Heft, dann gab ich meinem Pferd die Sporen, und wir ritten in vollem Galopp den sanft abfallenden Hang hin­un­ter, die Schwerter gezogen, die Speere wurfbereit. Ich wünschte, ich hätte mir selbst ­einen Speer mitgenommen, doch nun war es zu spät für Bedauern. Die Viehhüter sahen uns und versuchten wegzulaufen, aber sie waren auf den morastigen Auwiesen, und das Vieh wurde aufgeschreckt, und die Hufschläge unserer Pferde klangen dumpf auf dem taufeuchten Boden. Die größte Gruppe der Gegner bildete dort, wo die verkohlten Überreste des Kais ans trockene Land reichten, ­einen Schildwall, aber ich hatte nicht im Sinn, gegen sie zu kämpfen. «Ich will Gefangene!», brüllte ich meinen Männern zu. «Ich will Gefangene!» Eines der Nordmannschiffe fuhr Richtung Ufer, 24

entweder um die Männer an Land zu unterstützen oder um ­ihnen eine Fluchtmöglichkeit zu bieten. Tausend weiße Vögel flogen von dem grauen Wasser auf, riefen und kreischten, zogen ihre Kreise über der Weide, auf der sich der Schildwall formiert hatte. Ich sah ein Banner über der Wand aus Schilden flattern, aber ich hatte keine Zeit, die Standarte genauer anzusehen, weil mein Pferd über den Weg donnerte, den Abhang hin­un­ter und in die Gezeitenzone des Flussufers. «Gefangene!», rief ich erneut. Ich ritt an ­einem geschlachteten Bullen vorbei, dessen Blut dick und schwarz auf dem Schlamm stand. Die Männer hatten angefangen, ihn zu zerlegen, dann aber die Flucht ergriffen, und nun war ich bereits zwischen diesen Flüchtenden, und ich benutzte die flache Seite von Schlangenhauch, um ­einen Mann niederzuschlagen. Ich drehte um. Mein Pferd glitt im Schlamm aus, ging auf die Hinterbeine, und als es wieder herunterkam, setzte ich sein Gewicht ein, um ­einem zweiten Mann Schlangenhauch in den Körper zu rammen. Die Klinge durchbohrte seine Schulter, drang tief ein, Blut quoll aus seinem Mund, und ich trieb den Hengst an, damit er mir half, die schwere Klinge aus dem sterbenden Mann freizuziehen. Finan kam an mir vorbei, dann galoppierte mein Sohn vor­über, hielt sein Schwert Rabenschnabel tief und beugte sich aus dem Sattel, um es im Rücken ­eines davonlaufenden Mannes zu versenken. Ein Norweger mit wildem Blick schwang ­eine Axt gegen mich, der ich mühelos auswich, dann fuhr Berg Skallagrimmrsons Speerklinge in den Rücken des Mannes, durch seine Eingeweide hindurch und tauchte hell und blutbeschmiert wieder aus seinem 25

Bauch auf. Berg ritt barhäuptig, und in sein helles Haar, das er lang wie ­eine Frau trug, waren Fingerknochen und Bänder eingeflochten. Er grinste mich an, als er den Eschenschaft seines Speers losließ und sein Schwert zog. «Ich habe sein Kettenhemd verdorben, Herr!» «Ich will Gefangene, Berg!» «Vorher bringe ich ein paar von den Bastarden um, ja?» Noch immer grinsend ritt er weiter. Er war ein norwegischer Krieger, vielleicht achtzehn oder neunzehn Sommer alt, aber er hatte schon ein Schiff nach Horn auf der Insel von Feuer und Eis gerudert, die weit weg im Atlantik lag, und er hatte in Irland gekämpft, in Schottland und in Wales, und er kannte Geschichten von Ruderfahrten durch Birkenwälder im Landesinneren, von denen er behauptete, sie würden östlich des Norwegerlandes wachsen. Dort gebe es Eisriesen, hatte er mir erzählt, und Wölfe so groß wie ein Hengst. «Ich hätte schon tausendmal sterben müssen, Herr», hatte er zu mir gesagt, nun aber war er nur noch am Leben, weil ich ihn verschont hatte. Er war mein Mann geworden, mein Schwurmann, und in meinem Dienst trennte er mit ­einem einzigen Schwung seines Schwertes ­einem Flüchtenden den Kopf von den Schultern. «Hah!», brüllte er zu mir zurück. «Ich schärfe die Klinge gut!» Finan war nahe beim Ufer, so nah, dass ein Mann auf dem näher kommenden Schiff ­einen Speer auf ihn schleuderte. Die Waffe blieb im Schlamm stecken, und Finan beugte sich herablassend aus dem Sattel, um nach dem Schaft zu greifen, bevor er zu ­einem Mann galoppierte, der blutend im Morast lag. Er schaute zu dem Schiff zurück, ging sicher, dass er beobachtet wurde, 26

und hob den Speer, um dem Verwundeten die Klinge in den Bauch zu stoßen. Doch dann hielt er unvermittelt inne und warf, zu meiner Überraschung, den Speer beiseite. Er stieg ab, kniete sich zu dem Verwundeten, redete ­einen Moment lang mit ihm und stand wieder auf. «Gefangene!», rief er. «Wir brauchen Gefangene!» In der Festung wurde ein Horn geblasen, und als ich mich umdrehte, sah ich Männer aus dem Tor von Brunanburh strömen. Sie kamen mit Schilden, Speeren und Schwertern, bereit, ­einen Schildwall aufzustellen und damit den gegnerischen Schildwall in den Fluss zu drängen, doch die Eindringlinge waren schon auf dem Rückzug und brauchten dabei keine Unterstützung von uns. Sie wateten an den verkohlten Pfählen vorbei und schoben sich um die qualmenden Wracks, um auf die nächstgelegenen Schiffe zu steigen. Das herankommende Schiff hielt an, die Mannschaft brachte das seichte Wasser mit den Riemen zum Schäumen, zögerte, meinen Männern entgegenzutreten, die ihr Beleidigungen zuriefen und sie am Ufer des Flusses mit gezogenen Schwertern und blutigen Speeren erwarteten. Noch mehr von unseren Gegnern wateten in Richtung der drachenköpfigen Schiffe. «Lasst sie!», rief ich. Ich hatte Blut im Morgengrauen gewollt, aber es brachte keinen Vorteil, ­eine Handvoll Männer im seichten Wasser der Mærse abzuschlachten und dabei womöglich ein Dutzend meiner eige­nen Männer zu verlieren. Die gegnerische Hauptflotte, zu der noch Hunderte weitere Krieger gehören mussten, wurde schon flussauf gerudert. Um sie zu schwächen, hätte ich d ­ iese Hundertschaften töten müssen, nicht nur ein paar wenige Männer. 27

Die Mannschaften der gegnerischen Schiffe in unserer Nähe verspotteten uns. Ich beobachtete, wie Männer an Bord gezogen wurden, und ich fragte mich, woher ­diese Flotte gekommen war. Seit Jahren hatte ich nicht so viele nordländische Schiffe gesehen. Ich trieb mein Pferd bis ans Ufer. Ein Mann schleuderte ­einen Speer, aber der Wurf reichte nicht bis zu mir. Ich schob Schlangenhauch mit vorsätzlicher Gelassenheit in die Scheide, um dem Gegner zu zeigen, dass ich in das Ende des Kampfes einwilligte, und ich sah, wie ein graubärtiger Mann e­ inem Jüngling auf den Ellbogen schlug, als dieser noch ­einen Speer werfen wollte. Ich nickte dem Graubart zu, der zur Bestätigung ­eine Hand hob. Wer waren sie? Die Gefangenen würden es uns sehr bald erzählen, und wir hatten wenigstens zwanzig von ­ihnen, denen nun Kettenhemden, Helme und Wertgegenstände abgenommen wurden. Finan kniete wieder bei dem Verwundeten, redete auf ihn ein, und ich lenkte mein Pferd zu ihm, dann blieb ich verwundert stehen, denn Finan war aufgestanden und pisste nun auf den Mann, der mit schwacher Hand nach seinem Peiniger schlug. «Finan?», rief ich. Er beachtete mich nicht. Er redete in seiner Muttersprache mit seinem Gefangenen, und auch der Mann antwortete wütend auf Irisch. Finan lachte, dann schien er den Mann zu verfluchen, überzog ihn mit e­inem Singsang böse klingender, deutlich ausgesprochener Worte, wobei er seine Finger auf das tropfnasse Gesicht gerichtet hielt, als würde er seinen Gegner mit e­ inem Zauber belegen. Was auch immer sich da abspielte, ich vermutete, dass es mich nichts anging, und so richtete 28

ich meinen Blick in demselben Moment zurück auf die Schiffe am Ende der zerstörten Landestelle, in dem der gegnerische Bannerträger an Bord des letzten Schiffs kletterte, das noch in der Nähe war. Der Mann trug ein Kettenhemd und mühte sich schwer, sich an der Schiffswand hinaufzuziehen, bis er schließlich sein Banner nach oben reichte und beide Arme ausstreckte, sodass er von zwei anderen Kriegern an Bord gehievt werden konnte. Und da erkannte ich das Banner, und ich konnte kaum glauben, was ich sah. Haesten? Haesten? Wenn d ­ iese Welt je e­ inen wertlosen, heimtückischen, schleimigen Kothaufen von Mensch gesehen hat, dann war es Haesten. Ich kannte ihn ein Leben lang, tatsächlich hatte ich ihm sein elendes Leben gerettet, und er hatte mir Treue geschworen, hatte seine Hände um meine gelegt, die wie­der­um das Heft von Schlangenhauch umklammert hielten, und er hatte Tränen der Dankbarkeit vergossen, als er schwor, mein Mann zu sein, mich zu verteidigen, mir zu dienen und als Gegenleistung von mir Gold zu bekommen und meinen Schutz, und innerhalb von Monaten hatte er den Eid gebrochen und gegen mich gekämpft. Er hatte Alfred Frieden geschworen, und auch diesen Eid hatte er gebrochen. Er hatte Heere angeführt, um Wessex und Mercien zu verwüsten, bis ich seine Männer schließlich bei Beamfleot in die Enge gedrängt und die Wasserläufe und Marschen mit ­ihrem Blut schwarz gefärbt hatte. Wir hatten die Gräben mit seinen Toten gefüllt, die Raben hatten an diesem Tag 29

ein Festmahl gehalten, Haesten aber war entkommen. Er entkam immer. Er hatte seine Streitmacht verloren, aber nicht seine Gerissenheit, und er war zurückgekehrt, nun in den Diensten von Sigurd Thorrson und Cnut Ranulfson, und die beiden waren in ­einer anderen Schlacht umgekommen, Haesten jedoch hatte sich erneut davongemacht. Nun war er zurück, und sein Banner zeigte ­einen gebleichten Schädel auf ­einer Stange. Es verhöhnte mich von dem letzten Schiff aus, das nun weggerudert wurde. Die Männer an Bord brüllten Beleidigungen, und der Standartenträger schwenkte den Schädel hin und her. Hinter diesem Schiff ragte ein größeres auf, der Bug gekrönt von ­einem enormen Drachen, der seinen mit spitzen Zähnen besetzten Fang weit in die Höhe reckte, und im Heck des Schiffes sah ich ­einen Mann, der ­einen Umhang und ­einen Silberhelm mit schwarzen Rabenflügeln trug. Er nahm den Helm ab und verbeugte sich spöttisch in meine Richtung, und ich erkannte Haesten. Er lachte. Er hatte meine Schiffe verbrannt und ein paar Rinder gestohlen, und für Haesten war das Sieg genug. Es war keine Rache für Beamfleot – um auf dieser blutigen Waage für Ausgleich zu sorgen, würde er sowohl mich als auch alle meine Männer töten müssen – , aber er hatte uns wie Narren aussehen lassen, und er hatte die Mærse für ­eine große Flotte Nordmänner geöffnet, die nun flussauf ruderten. ­Eine Flotte von Gegnern, die gekommen waren, um unser Land zu nehmen, angeführt von Haesten. «Wie kann dieser Bastard Haesten so viele Männer anführen?», fragte ich mich laut. «Das tut er nicht.» Mein Sohn hatte sein Pferd ans 30

seichte Wasser des Ufers traben lassen und brachte es neben mir zum Stehen. «Nicht?» «Ragnall Ivarson führt sie an.» Ich sagte nichts, doch mich überlief ein Schauder. Ich kannte den Namen Ragnall Ivarson, wir alle kannten ihn, diesen Namen, der auf der gesamten irischen See Schrecken verbreitete. Er war ein Norweger, der sich selbst Seekönig nannte, denn sein Landbesitz war überall dort verstreut, wo die wilden Wogen auf Fels oder Sand liefen. Er regierte, wo die Robben schwammen und die Lundvögel flogen, wo der Sturm heulte und wo Schiffe untergingen, wo die Kälte so schneidend war wie ein Messer und nachts die Seelen Ertrunkener stöhnten. Seine Männer hatten die wilden Inseln vor Schottland erobert, hatten sich Landabschnitte an der irischen Küste gesichert und Volk in Wales und auf der Insel Mann versklavt. Es war ein Königreich ohne Grenzen, denn jedes Mal, wenn ein Gegner zu stark wurde, stiegen Ragnalls Männer auf ihre Langschiffe und segelten zu ­einem anderen wilden Ufer. Sie hatten die Küstengebiete von Wessex überfallen, Sklaven und Vieh genommen, und waren sogar den Sæfern hinaufgerudert, um Gleawecestre zu bedrohen, doch die Wehranlagen dieser Festung hatten sie entmutigt. Ragnall Ivarson. Ich war ihm nie begegnet, aber ich kannte ihn. Ich kannte seinen Ruf. Kein Mann segelte besser, kein Mann kämpfte erbitterter, kein Mann verbreitete mehr Angst. Er war ein Wilder, ein Pirat, ein grausamer König von Nirgendwo, und meine Tochter Stiorra hatte seinen Bruder geheiratet. 31