Die Einführung der Kartoffel in Brandenburg - NABU Dahmeland

Die Einführung der Kartoffel in Brandenburg - NABU Dahmeland

Die Einführung der Kartoffel in Brandenburg – Legenden und Wirklichkeit Heinz-Dieter Krausch Hanff brachte dann neben vielen anderen Pflanzen auch die...

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Die Einführung der Kartoffel in Brandenburg – Legenden und Wirklichkeit Heinz-Dieter Krausch Hanff brachte dann neben vielen anderen Pflanzen auch die Kartoffel mit nach Berlin, und zwar in zwei Sorten: rote und weiße. Nachzulesen wäre dies in der 1657 verfassten Aufstellung der im Berliner Lustgarten nunmehr kultivierten Gewächse durch dessen wissenschaftlichen Leiter Dr. Johann Sigismund Elsholtz (in der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek Berlin) sowie in dessen 1663 in Berlin gedruckter »Flora Marchica«, dort auf der Seite 136, und schließlich auch im 1666 erschienenen Gartenbaubuch desselben Verfassers, wo denn auch ausführliche Angaben über Anbau und Verwendung der »Tartuffeln« geboten werden. Den vom Rundfunk ausgesetzten Preis für die richtige Antwort habe dann aber nicht ich erhalten, wie es gerecht gewesen wäre, sondern ein Hörer, welcher »Friedrich der Große« angegeben hatte. Legenden sind also kaum auszurotten!

Die Feststellung eines Historikers: »Die preußische Geschichte ist legendenverseucht«, gilt auch für die Einführungsgeschichte der Kartoffel. Hierfür ein Beispiel: Vor einigen Jahren stellte der Brandenburgische Rundfunk (ORB, jetzt RBB) an seine Hörer die Preisfrage: »Wer hat die Kartoffel in Brandenburg eingeführt: Friedrich der Große, Napoleon oder Alexander von Humboldt?« Ich habe damals dem Rundfunk einen Brief geschrieben, in dem es hieß: Weder Friedrich noch Napoleon noch Humboldt führten die Kartoffel in Brandenburg ein, sondern bereits der Urgroßvater Friedrichs, Friedrich Wilhelm der Große Kurfürst, der von 1640 bis 1688 regierte. Als dieser nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges daranging, den Lustgarten am Berliner Schloss wieder herrichten zu lassen, sandte er um 1650 seinen Lustgärtner Michael Hanff nach Holland, um von dort neue und seltene Gartenpflanzen heranzuschaffen. 156

Kartoffelstaude · Foto: Wolfgang Klaeber

Eine weitere Legende ist die, die Kartoffel wäre zuerst nur als Zierpflanze gezogen worden. Dies trifft jedoch lediglich in einem sehr begrenzten Ausmaß zu. Bei der damals als Zierpflanze kultivierten Kartoffel hat es sich um eine aus Venezuela stammende Indianerkartoffel mit bis sieben Zentimeter Durchmesser erreichenden eindrucksvollen lila-violetten Blüten gehandelt. Diese kam offensichtlich zuerst nach England, wo sie auf dem Titelblatt des 1597 erschienenen Herballs (aus dem englichen: Kräuerbuch) des Londoner Arztes John Gerarde abgebildet wurde. In Deutschland wuchs sie alsbald auch in den bischöflichen Gärten an der Wilibaldsburg in Eichstätt, eine Abbildung bringt der 1613 erschienene »Hortus Eystettensis«. Der Medizinprofessor Johannes Matthäus in Herbom in Hessen brachte 1621 eine derartige Kartoffel aus England mit, die er in einem Blumentopf zog und so sto lz darauf war, dass er einige ihrer Blüten seiner Tochter in den Brautkranz stecken ließ. Das waren aber Ausnahmen. Die Mehrzahl der da-

mals in Europa kultivierten Kartoffelsorten besaß, wie die zeitgenössischen Abbildungen zeigen, wesentlich kleinere Blüten mit einem Durchmesser von etwa zweieinhalb Zentimetern, so wie die heute angebauten Sorten auch. Es trifft auch nicht zu, dass die Kartoffel zuerst durch die englischen Seefahrer Walter Raleigh 1584 und Francis Drake 1589 nach Europa gebracht worden ist, wie noch in der »Flora der Provinz Brandenburg« von Paul Ascherson 1864 zu lesen. Drake wurde in Deutschland deswegen sogar ein Denkmal gesetzt. Vielmehr waren es die Spanier, welche bei der Eroberung des Inka-Reiches in Südamerika als erste auf die von den dortigen Indianern kultivierten Kartoffeln stießen und diese als Schiffsproviant mit nach Spanien brachten, wo bei Sevilla zwischen 1560 und 1570 ein erster Anbau belegt ist. Von Spanien aus gelangte die Kartoffel nach Italien, wo man sie wegen der Ähnlichkeit ihrer Knollen mit Trüffeln »tartufoli« nannte. Von Italien aus kam sie dann auch nach Deutschland, wo man ihren italienischen Namen zu »Tartuffeln« und »Kartoffeln« umformte. Ein anderer Einfuhrweg verlief über England. Britische Freibeuter wie die oben genannten Raleigh und Drake, von den Engländern »Seehel-

den«, von den Spaniern aber »Seeräuber« genannt, brachten Kartoffeln als Beute aus gekaperten spanischen Schiffen oder geplünderten spanischen Niederlassungen in Amerika mit nach England, von wo aus sie dann auch nach Holland kamen. Bei allen diesen frühen Einfuhren handelte es sich um Kurztagspflanzen, die in Europa mit seinen langen Sommertagen nicht recht gedeihen wollten und hier nur geringe Erträge brachten. Erst nach und nach gelang es, aus diesen Importen Langtagspflanzen auszulesen, welche wüchsiger und ertragreicher waren. In Deutschland wuchs die Kartoffel zuerst als bestaunte Seltenheit in den Gärten von Fürsten und Botanikern, doch wusste man auch damals schon ihre Knollen als Nahrungsmittel zu nutzen, wenn auch zunächst als eine rare Delikatesse. So heißt es in einem 1591 abgefassten Schreiben des Landgrafen Wilhelm IV. von HessenKassel an den Kurfürsten Christian I. von Sachsen: »Wir überschicken E. L. unter anderem ein gewechße, so wir vor wenig Jahren aus Italia bekommen und Taratouphli genanndt wird. Daßselbige wechßt in der erdenn undt hat schene blumen guts geruchs und undenn an den wurtzeln hat es viele tubera hencken. Dießelbige wenn

 Kartoffelfeld bei Mittenwalde · Foto: Wolfgang Klaeber

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sie gekocht werdenn, seindt sie gar anmuthig zu eßen. Man muss sie aber erstlich in Waßer uffsieden laßenn, so gehen die obersten Schalenn ab. Darnach thut mann die brühe davonn undt seudt sie in butter vollends gahr«. Später hat dann auch Johann Sigismund Elsholtz in Berlin, Botaniker, Arzt und Gartendirektor des Großen Kurfürsten in seinem Gartenbaubuch (1666, 3. Auflage 1684) sowie in seinem Diaeteticon (1682) die kulinarische Verwendung der Kartoffel beschrieben. Ob die Kartoffel bereits gegen Ende des 16. Jahrhunderts auch in den Lustgarten am Berliner Schloss gelangte, ist ungewiss. Da dieser Lustgarten während des Dreißigjährigen Krieges völlig verkam und fast alle Pflanzen verloren gingen, dürfte die Kartoffel, so sie denn vorhanden war, hier nicht überlebt haben. Der brandenburgische Kurfürst Friedrich Wilhelm war es dann, wie bereits oben vermerkt, der die Kartoffel auf Dauer nach Berlin und Brandenburg geholt hat. Nach Julius Haeckel (1930) ließ dieser Kurfürst (1688) die Kartoffel im Kreise Teltow sogar schon versuchsweise als Feldfrucht anpflanzen. Seitdem verbreitete sie sich nach und nach auch in den anderen Regionen Brandenburgs, und zwar nicht nur in den altbrandenburgischen Gebieten, sondern auch in den damals (bis 1815) noch zu Sachsen gehörenden Landschaften im Süden des heutigen Landes Brandenburg. In die damals zu Sachsen gehörenden Gebiete kam sie zumeist aus dem Erzgebirge, wo sie, ebenso wie im angrenzenden Fichtelgebirge, in Deutschland zuerst auf Äckern angebaut worden ist, weil in den Gebirgslandschaften auf den dortigen kleinflächigen Äckern ein individueller, keinem Flurzwang unterworfener Anbau möglich war. 1717 brachte sie der sächsische General Friedrich Moritz von Milckau nach Lebusa im heutigen Elbe-Elster-Kreis. Eine äußerst anschauliche Darstellung der Einführung der Kartoffel in die östliche Niederlausitz gab Johann Georg Leopoldt, Güterdirektor des Grafen von Promnitz auf Sorau, rückblickend in seinem 1759 erschienenen Landwirtschaftsbuch. Hierin heißt es: »Vor etlichen zwanzig Jahren wußten hiesigen Ortes wenige Menschen von Tartuffeln, und als ich zum erstenmale mit einem guten Freunde, welcher den Samen (Saatkartoffeln) aus vorgedachtem Erzgebirge mitgebracht, 158

zwei Feldgebeethe zur Hälfte steckte, so wunderten sich alle Vorübergehenden, da solche zu wachsen anfingen, was denn solches für eine Frucht sein müsse. Die Curiosität machte, dass an denen Beethenden ziemliche Stöcke ausgerauft wurden und jedermann war begierig, was es denn sei. Doch wurde der Stock, wenn sie solches nun besehen hatten, wiederum mitsamt der Frucht hingeworfen. Es geriethe die Prope, ohngeachtet die Beethe verkürzet worden, dennoch ganz gut und ich erntete auf einem Beethe vor gnädige Herrschaft noch 10 Scheffel ein. Da ich nun solche hatte, so wollte ich sie auch dem Gesinde zu essen geben. Da war weder Appetit noch Geschmack dazu, weil sie zu wildrich waren. Doch zur Noth fraßen solche noch die Schweine und es hätte bald nicht viel gefehlt, ich hätte denen Schweinemägden noch mögen viele Betheurung machen, dass solche dem Vieh nicht schädlich wären. Als ich nun den Samen auf mehrere Vorwerge folgende Jahre verbreitete, so fingen die Gesindemäuler allmählich daran einen Geschmack besser, als wohl anfangs zu bekommen. Ja die Begierde nach denselben kam endlich auch unter die anderen Leute, und viele davon schafften sich den Samen an und diejenigen, welche solchen nicht kauften sahen zu, wie sie diesen vom Felde ohne Geld erlangeten. Und nun hat sich diese Frucht so ungemein bekannt gemacht, und nicht nur in hiesiger Gegend, sondern recht weit und breit in andere angrenzende Oerter ausgebreitet. Wenn nun mehr das Gesinde nur viele bekommen könnte, so würden sie wohl alle Tage ein paar mal essen und nicht überdrüssig werden.« Man ersieht aus diesem eingehenden Bericht, wie die Kartoffel nach anfänglichem Misstrauen und Zögern doch recht bald zu einem geschätzten Nahrungsmittel geworden ist. Ebenso wie in der Niederlausitz dürfte es auch in den altbrandenburgischen Gebieten verlaufen sein. Hier hat es sicherlich nicht der die Kartoffeläcker bewachenden Soldaten bedurft, von denen die Legende berichtet, um die Bevölkerung vom Wert dieser neuen Frucht zu überzeugen. Aus verschiedenen zeitgenössischen Berichten geht vielmehr hervor, dass sich auch hier die Kartoffel damals relativ schnell und weithin aus-

gebreitet hat und zu einem überall bekannten und geschätzten Nahrungsmittel geworden war. So schreibt beispielsweise Christian Friedrich Germershausen, Pfarrer in Schialach bei Treuenbrietzen, Landwirtschaftsreformer und -schriftsteller, im dritten Band seines »Hausvaters« 1785: »Diese vor einigen fünfzig Jahren bey uns gemein gewordene Frucht versteht jeder Bauer und Taglöhner nachgerade gut zu bauen«. Allerdings erscheint sie bei Germershausen nicht unter den Feldfrüchten, sondern im Kapitel„Der Küchengarten«, ein Zeichen, dass die Kartoffel auch hier damals weniger auf dem Ackerland sondern hauptsächlich erst in den Gärten angebaut wurde. Friedrich II (der Große), welcher 1740 den preußischen Thron bestieg, hat also keineswegs die Kartoffel in Brandenburg eingeführt, sie wurde bei seinem Regierungsantritt bereits allenthalben kultiviert, allerdings meist nur in Gärten. Entsprechend waren die Erntemengen an Kartoffeln erst recht gering. Ursache dafür war, dass zu dieser Zeit allgemein die noch ganz auf Getreideanbau ausgerichtete Dreifelderwirtschaft betrieben wurde, in welche sich ein Kartoffelanbau nur schlecht einpassen ließ. Das große Verdienst Friedrichs aber ist, dass er die Bedeutung der Kartoffel für die Landwirtschaft seines Landes klar erkannt hatte. So war er denn sehr bemüht, den Kartoffelanbau auszuweiten. Professor Johann Gottlieb Gleditsch, damals Direktor des Botanischen Gartens der Akademie der Wissenschaften, erhielt den Auftrag für eine wissenschaftliche Studie über Anbau und Vermehrung der Kartoffel. Seine auf umfangreichen Versuchen basierende Untersuchung, welche 1765 im Druck erschien, stellt den Beginn der wissenschaftlichen Kartoffelforschung dar. Jedoch die fortgesetzten Bemühungen des Königs, die auch in vielen Reskripten und Anordnungen zum Ausdruck kamen, hatten nur wenig Erfolg. Um den Kartoffelanbau wesentlich auszudehnen, hätte erst das ganze damalige Agrarsystem grundlegend verändert werden müssen. Die notwendigen Agrarreformen kamen aber nur sehr zögerlich in Gang und über die Herausnahme der Akkerflächen einiger Güter aus Gemengelage und Flurzwang gelangte man vorerst nicht hinaus.

Immerhin konnte wenigstens auf den herausgelösten Gutsschlägen die Kartoffel fortan in größerem Umfang angebaut werden, insgesamt blieb ihr Anbau aber immer noch erheblich hinter dem Getreideanbau zurück. Erst die dann auf der Grundlage der Stein-Hardenbergschen Reformen durchgeführten, als Separationen oder Gemeinheitsteilungen bekannten Flurneuordnungen im 19. Jahrhundert, die nunmehr eine individuelle Bewirtschaftung der Agrarflächen ermöglichten, brachten den Durchbruch. Nunmehr nahm die Kartoffelanbaufläche binnen kurzer Zeit sprunghaft zu, so dass schon 1839 der Ökonomierat Johann Gottlob Koppe in seinem Buch über die landwirtschaftlichen Verhältnisse Brandenburgs schreiben konnte, die Kartoffel wäre nunmehr »zu einem Haupthebel des Ackerbaues« geworden. Literatur Heinz-Dieter Krausch: 250 Jahre Kartoffelanbau in der Niederlausitz. Niederlausitzer Studien 9, S. 97–112 (1975) Heinz-Dieter Krausch: Knollen, Nudeln und Tartüffeln. Die Geschichte der Kartoffel in Brandenburg, in: Schön und nützlich. Aus Brandenburgs Kloster-, Schloss- und Küchengärten 2004, S. 121–126. In beiden Publikationen finden sich weitere Quellenund Literaturnachweise. Der Beitrag erschien zuerst im Tagungsband »Ackersegen und wiedergewonnene Vielfalt«, Greiffenberg/ Uckermark 2006.



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