Die Erfindung einer Tradition. Die Entstehung - Historisches Kolleg

Die Erfindung einer Tradition. Die Entstehung - Historisches Kolleg

Schriften des Historischen Kollegs Herausgegeben von der Stiftung Historisches Kolleg Vorträge 29 Shulamit Volkov Die Erfindung einer Tradition Zur...

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Schriften des Historischen Kollegs Herausgegeben von der Stiftung Historisches Kolleg Vorträge 29

Shulamit Volkov

Die Erfindung einer Tradition Zur Entstehung des modernen Judentums in Deutschland

München 1992

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Schriften des Historischen Kollegs im Auftrag der Stiftung Historisches Kolleg im Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft herausgegeben von Horst Fuhrmann in Verbindung mit Knut Borchardt, Lothar Gall, Hilmar Kopper, Karl Leyser, Christian Meier, Horst Niemeyer, Rudolf Smend, Rudolf Vierhaus und Eberhard Weis Geschäftsführung: Georg Kalmer Redaktion: Elisabeth Müller-Luckner Organisationsausschuß : Georg Kalmer, Franz Letzelter, Elisabeth Müller-Luckner, Heinz-Rudi Spiegel Die Stiftung Historisches Kolleg hat sich für den Bereich der historisch orientierten Wissenschaften die Förderung von Gelehrten, die sich durch herausragende Leistungen in Forschung und Lehre ausgewiesen haben, zur Aufgabe gesetzt. Sie vergiht zu diesem Zweck jährlich bis zu drei Forschungsstipendien und ein Förderstipendium sowie alle drei Jahre den "Preis des Historischen Kollegs". Die Forschungsstipendien, deren Verleihung zugleich eine Auszeichnung für die hisherigen Leistungen darstellt, sollen den herufenen Wissenschaftlern während eines Kollegjahres die Möglichkeit hieten, frei von anderen Verpflichtungen eine größere Arbeit ahzuschließen. Professor Dr. Shulamit Volkov (Tel Aviv 1 Israel) war - zusammen mit Privatdozent Dr. Franz Bauer (Regenshurg), Professor Dr. Volker Press (Tühingen) und Professor Dr. Kurt Raallaub (Providence, R.I./USA) - Stipendiatin des Historischen Kollegs im Kollegjahr 1989/90. Den Obliegenheiten der Stipendiaten gemäß hat Shulamit Volkov aus ihrem Arbeitsbereich einen öffentlichen Vortrag zu dem Thema "Die Erfindung einer Tradition: Zur Entstehung des modernen Judentums in Deutschland" am 9. Juli 1990 in der Bayerisehen Akademie der Wi"enschaften gehalten, der zuerst in der "Historischen Zeitschrift" (Band 253, Heft 3, 1991, S. 603-62X) veröffentlicht wurde. Die Stiftung Historisches Kolleg wird vom Stiftungsfonds Deutsche Bank zur Förderung der Wissenschaft in Forschung und Lehre und vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft getragen.

© 1992. Stiftung Historisches Kolleg, Kaulhachstraße 15, ROOO München 22.

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TRADITION ist ein so selbstverständliches Element unserer Kultur, daß sie scheinbar keiner besonderen Erklärung bedarf. Trotzdem wird sie immer wieder zum Gegenstand einer lebhaften Debatte in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen. Wiederholte Bemühungen, ihre Bedeutung zu analysieren und neu zu definieren, führten zu grundsätzlichen neuen Überlegungen in der Volkskunde'), und die Prohlematisierung von Tradition und einigen ihrer gängigsten Gegensätze, wie zum Beispiel Innovation und Modernität, zu einem interessanten Umdenken in der Kunst- und Literaturwissenschaft.') Ihre Neubewertung wird nun langsam, wie zu erwar') S. die interessante Diskussion in Dan Ben-Amos. The Seven Strands 01' Tradition: Varieties in Its Meaning in America f'olklore Studies, in: Journ. 01' Folklore Research 21, 1984, 97-131. Ben-Amos verweist auf die in der Volbkunde immer wiederkehrende Wortverbindung .. new tradition" und zitiert den britischen f'olkloristen Edwin Hartland, der schon I ri8S meinte: .. tradition is always being created anew ..... (ebd. 99). Für den Hinweis auf diesen Aufsatz möchte ich mich bei Herrn Gadi Elgazi, zur Zeit in Göttingen, bedanken. Eine kritische Stellungnahme zu einem unrellektierten Konzept von Tradition findet sich auch in Hermann Bausinger. Volkskunde. Von der Altertumsforschung zur Kulturanalyse. Darmstadt 0.1., und in derL Wo/fRanK Briickner (Hrsg.), Kontinuitiit'? Geschichtlichkeit und Dauer als Volkskundliches Problem. Berlin 1969. ') Einen kurzen Überblick über den neuen Stand dieser Diskussion gibt die Einleitung von Wif/ried Barner. in: ders. (Hrsg.), Tradition, Norm, Innovation. Soziales und literarisches Traditionsverhalten in der Frühzeit der deutschen Aufklärung. (Schriften des Historischen Kollegs, Kolloquien, 15.) München 1989, IX-XXIV. Vgl.
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ten war, auch zu einem Thema für Historiker, und zwar nicht nur, wie früher, für Kirchenhistoriker.') In einer sich ausweitenden und veriindernden Welt mit immer wechselnden Perspektiven ist die Erklärung dessen, was uns hisher selbstverstiindlich erschien, kein Luxus mehr. Wenn man Dogmatismus und, schlimmer noch, die steh pr~isente Gefahr des Provinzialismus vermeiden möchte, wird die Kliirung des terminologischen Wirrwarrs zur ahsoluten Notwendigkeit. Begriffe wie Tradition müssen immer wieder neu durchdacht und ihre Bedeutung muß rckoll.l/ruicrl werden: eigentlich muLI sie erst dckollslruierl werden, dem neuesten Trend in der Geisteswissenschaft entsprechend. Eine vorläufige Definition ist hier unvermeidlich. Um so nah wie möglich an der alltiiglichen Bedeutung des Wortes zu hleiben und der Versuchung komplizierter theoretischer Ansätze zu widerstehen, ist es vielleicht nützlich, vorsichtig, etwas konservativ, anzufangen. Für unsere Zwecke ist Tradition demnach ein Sammelhegriff für den gesamten symholischen, schriftlichen und institutionellen Apparat, mit dem eine Gruppe die Erinnerung an ihre gemeinsame Vergangenheit, an ihre Werte, ihren Charakter und ihrc ererbte Eigenart hewahrt oder zu hewahren versucht. Dies mag iihnlieh wie die Erinnerung eines einzelnen funktionieren. Aher ohwohl es leicht einleuchtet, daß die Erinnerung ihre Rolle crst dann spielen kann, wenn die reale Erfahrung von der Gegenwart in die Vergangenheit gerückt ist, wird diese simple Wahrheit im Falle der Tradition nur selten angewandt. Die Erinnerung dient, natürlich nicht immer wahrheitsgetreu, dazu, eine vergangene Welt aufrechtlllerhalten. Auch die Tradition erh~iIt ihre Bedeutung erst, wenn das eigentliche Ereignis vorhei ist. Sie setzt ein gewisses Niveau an histo-

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Grimm (Hrsg.), Literatur und Leser. Theorien und Modelle zur Re?t:'ption literarischer Werke. Stuttgart 1975, ~5-IOO: und ders .. Üher das Negieren von Tradition - Zur Typologie literaturprogrammatischer Epochenwenden in Deutschland, in: Reinhart Herzog/Reinhart Koselleck (Hrsg.), Epochenschwelle und EpochenhewuLltsein. München 19X7, 3-51. ') Ich möchte Reinhart Koselleck danken, dal.l er mir die Fahnen des Artikels .,Tradition" IVerfasser: Siegfried Wiedenhofer) für den nüchsten Band von .,Geschichtliche Grundhegriffe" zur Verfügung stellte. Die hesondere Stellung der Tradition in der Theologie und in kirchengeschichtlichen Arheiten ist dort ausführlich hehandelt. Für das neue Interesse der Historikn an Traditionen und hesonders an sogenannten .,erfundenen Traditionen" außerhalh dieses Bereichs s. z. B. Eric HohshawfII Terellc" Rallger (Eds.), Thc Invention 01' Tradition. Camhridge 19~3.

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7 rischem Bewußtsein voraus und eine allgemeine Vorstellung von den Mechanismen zeitlichen Wandels. Aber, genau wie die Erinnerung und anders als die Geschichte, bemüht sie sich gerade nicht darum, die Vergangenheit so ins Gedächtnis zurückzurufen, ,wie sie eigentlich gewesen war'. Statt dessen ist die Tradition bestrebt, die Vergangenheit zu bestimmten Zwecken zu rekonstruieren, die für die Gegenwart von Bedeutung sind. Trotz ihres Anspruchs auf Authentizität liefert sie uns normalerweise ein schiefes Bild von der vergangenen Wirklichkeit. Sie ist meist ein verzerrender SpiegeL Auch religiöse Traditionen sind deshalb grundsätzlich verdächtig. Sie erlangen ihre Bedeutung auch erst, wenn die eigentliche religiöse Erfahrung, vor allem die konstitutive Erfahrung der Offenbarung, ihren Einfluß verliert. Sie entwickeln sich als Antwort auf den Verfall des mit dieser Erfahrung verbundenen Lebensstiles. Religiöse Traditionen entstehen vor allem als Ersatz für transzendentale Erfahrungen und oft auch für wahre Überzeugungen. In diesem Sinne hat sich auch die jüdische Tradition entwikkelt. Aber weil schon sehr früh "eine srezifische Auswahl" aus der gesamt jüdischen mündlichen Überlieferung "herausgehoben und mit religiöser Autoritiit umkleidet" wurde 4 ), schien eine zusätzliche, verbindliche Tradition im Judentum bis weit ins IX. Jahrhundert überflüssig zu sein. 5 ) Geheiligte Texte und eine Vielzahl religiöser \vie auch nicht-religiöser Bräuche wurden natürlich auch unter den Juden von einer Generation zur anderen weitergegeben. Aber das jüdische Leben war vor allem von den' Geboten eines absoluten, ver//Iutlich unveränderbaren religiösen Gesetzes (die Halacha) bestimmt, und dieses alleine hatte die Macht, alle Asrekte des jüdischen Lebens zu regulieren. Es diktierte den Rhythmus der gewöhnlichen und der Feiertage, den Ablauf von Arbeit und Ruhe, den menschlichen Lebenslauf in all seinen rrivaten und öffentlichen Bereichen. Alte Gewohnheiten mögen in der Behandlung von Konfliktsituationen oder bei der Lösung unerwarteter Probleme eine gewisse Rolle gesrielt haben, aber es war die gesetzmäßige EntscheiGersho/ll Scho/em, Offenharung und Tradition als religiöse Kategorien im Judentum, in: ders" Üher einige Grundhegriffe des Judentums. Frankfurt am Main InO, 95. ') Für weitere Literatur zur Tradition im Judentum s. Na/hall RO/(,I1~/reich. Tradition and Realitv. The Impact 01' Hi<;tory on Modern Jewish Thought. New York 1972; R. 1. Zl1'i Wah/mv.IA)', Beyond Tradition and Modernity. LUlldoll I
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• 8 dung des örtlichen Rabbiners, die die endgültige Lösung diktierte. Er bezog seine Autorität aus seiner Beherrschung der Schriften, nicht aus irgendeiner vagen Form von gemeinsamer Tradition. Die Juden schienen keinen Bedarfan einer Tradition als sinn- und identitätsstiftendem Mechanismus gehabt zu haben. Dies war eine moderne Erfindung. In der Tat war die Erfindung einer Tradition das umfassendste, vielleicht sogar das hervorragendste, kollektive jüdische "Projekt der Moderne".") Anders als andere Aspekte der Modernisierung war sie nicht das Ergebnis individueller Entscheidungen und Handlungen, sondern eine mehr oder weniger bewußte, gemeinsame Bemühung.') Sie sollte dieses immer präsente, aber schwer faßbare, ja mysteriöse Etwas - das Judentum - umgestalten und modernisieren. Aber interessanterweise wurde dieses Projekt nur selten als solches erkannt, geschweige denn studiert oder analysiert. Schließlich war die Verleugnung seiner Existenz seine eigentliche "raison d'etre". Es war eine immanente Aufgabe dieses Projekts, seine Neuheit zu vertuschen und das moderne Judentum lediglich als neue Darstellung des alten zu präsentieren. Vor allem deshalb wurde dieses Phünomen als Gal1::es nie untersucht. Außerdem waren Historiker, wie fast alle anderen Kommentatoren, die über das deutsche Judentum schreiben, immer wieder mit anderen Aspekten der Geschichte dieses Judentums beschäftigt, vor allem mit dem spektakulüren Eintritt der Juden in die nicht jüdische Kultur ihrer Umgebung, mit deren Erfolgen und Leistungen. R) Da sie auch oft die Debatten unter den zeitgenössischen Juden - zwischen Reformern und Orthodoxen, zwischen Assimilationisten und Zionisten - aufgenommen und fortgeführt haben, waren sie nur selten in der Lage, neue Perspektiven zu suchen. Schlimmer noch, zu oft waren sie, und manchmal sind JiirKen Hahermas hat diesen Ausdruck in seiner Rede "Oie Moderne - ein unvollendetes Projekt"'" 19RO benutzt. S. der.l .. Kleine politische Schriften I-IV. Frankfurt am Main 19X I, 444-464. ') Über die Modernisicrung der Juden als Mitglieder einer bestimmten sozial-ethnischen Gruppe vgl. Sill/tamil Votkol'. Jüdisches Leben und Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert. Zehn Essays. München 1990, bes. 131145. S. auch dies .. Erfolgreiche Assimilation oder Erfolg und Assimilation: Die deutsch-jüdische Familie im Kaiserreich, in: Jb. d. Wissenschaftskollegs zu Berlin 1982/R3, 373-387. ') Für eine umfassende Beschreibung und Kritik dieser Historiographie s. demnächst Sill/tamil Votkov. Juden in Deutschland 1780-1914. (Enzyklopädie deutscher Geschichte.) München 1992, T. 2.

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sie es noch immer, sogar von der Terminologie der Vergangenheit beherrscht; verfolgt von der Auseinandersetzung, die einst die Beteiligten spaltete. Man könnte sich vielleicht von all diesem lösen, wenn es einem gelingen würde, die alten Paradigmen, die sich immer wieder um Emanzipation und Assimilation bewegen, zu ersetzen und die angeblich vertraute Landschaft von neuem zu betrachten. Die Anwendung neuer Konzepte ist ja eine beliebte Technik, um zu einer neuen Sichtweise zu gelangen, und so möchte ich hier fortfahren. Um einige, wie mir scheint, hartnäckige Mißverständnisse auszuräumen, möchte ich erstens vorschlagen, das Judentum weder als Konfession noch als Bezeichnung für eine bestimmte ethnische Gruppe zu behandeln, auch nicht als eine moderne Nation - sondern als ein einzigartiges "kulturelles System". Ich würde dann ::l1'eilenl" argumentieren, daf3 seit Ende des 18. Jahrhunderts innerhalb dieser Kultur ein kollektives Bemühen um eine kulturelle Verjüngung stattgefunden hat, dessen Ergebnis man unter dem Titel "die Erfindung einer Tradition" subsumieren kann. Dieses Projekt war nicht immer von Erfolg gekrönt. Es litt unter einer Reihe immanenter, struktureller Schwächen, auf die ich hier nur kurz hinweisen kann. Aber seine Bedeutung für die damalige Zeit und seine Auswirkungen auf spätere Generationen dürfen nicht unterschätzt werden. I hr Versagen wie ihre Leistungen, so würde ich drittens und schließlich behaupten, gehörten zum deutschen Judentum als Ganzes. Die Reformbewegung und die Neo-Orthodoxie, sogar die Orthodoxie selbst, waren an derselben Unternehmung beteiligt. Assimilierte und Zionisten spielten alle eine Rolle in derselben Geschichte.

11. Die Behandlung des Katholizismus oder des Protestantismus als nicht nur reine Konfessionen erregt heutzutage wenig Widerspruch. Schon vor mehr als 20 Jahren hat Maria Rainer Lepsius, um nur ein Beispiel zu erwähnen. die Wilhelminische Gesellschaft als ein Konglomerat verschiedener "Milieus" bezeichnet, eines davon ganz selbstverständlich das katholische.") Lepsius konnte leicht zei") M. Rainer Lef'sius, Parteiensystem und Sozialstruktur. Zum Problem der Demokratisierung der deutschen Gesellschaft, in: Wirtschaft, Geschichte

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gen, daß die Katholiken über die bekannte Kirchenhierarchie hinaus ein ganzes Netzwerk gesellschaftlicher Kontakte geschaffen hatten, das sich vor allem mit rein weltlichen Dingen beschiiftigte. Aufgrund einer Vielzahl historischer Ursachen nahmen die Katholiken im Deutschland des 19. Jahrhunderts auch eine ganz spezifische soziale Position ein. Sie waren in den lkindlichen Gebieten und in den unteren Gesellschaftsschichten überrepräsentiert und bei den Wohlhabenden und besonders den Gebildeten deutlich unterrepräsentiert. Thomas Nipperdey erinnerte uns kürzlich daran, daß man sogar von der Gefahr einer "Zwei-Kulturen-Gesellschaft"" sprach, ohwohl den Zeitgenossen das tatsächliche Ausmaß der Unterschiede zwischen Katholiken und Protestanten kaum bewußt gewesen sein konnte, und da'.) auch der Protestantismus nachweislich mehr als nur eine religiöse Angelegenheit war. Man kann daher von "Kulturprotestantismus" sprechen und damit viele zentrale Werte und typische Lebensstile der Mitglieder dieser Konfession erfassen: sowohl der wirklich Glüubigen als auch der zahlreichen Agnostiker, der Frommen wie der Hiiretiker.'o) Erstaunlicherweise werden die Dinge jedoch komplizierter, sobald wir uns dem Judentum zuwenden. Seit dem spüten I X. Jahrhundert wurde von den Juden erwartet - nicht nur und nicht einmal in erster Linie von ihren Gegnern -, daß sie ihre eigentümliche ,,Jüdischkeit" auf Wunsch ablegen konnten. Die Juden selbst wunderten sich oft über ihre Unfiihigkeit, gerade dies zu tun. Man erinnert sich an Ludwig Börnes vielzitierte Worte, in denen er sich darüber heklagte, daß Freunde wie Feinde in ihm beharrlich nur den Juden sahen: "Es ist wie ein Wunder"", schrieb er, "sie sind wie gebannt an diesen magischen Judenkreis, es kann keiner hinaus.""") Und fast ein Jahrhundert spiiter grübelte Freud immer noch über dieses "Geheimnisvolle Etwas" .. , das - bisher jeder Analyse unzugiinglich -

und Wirtschaftsgeschichte. Festschrift zum 65. Gehurtstag von Friedrich Lütge. Hrsg. v. Wilhelm Ahel u.a. Stuttgart 1966,371-393. ''') S. nlOlIIlIS Nippen/cl". Religion und Geselbchaft: Dcuhchland um 1900. (Schriften des Historischen Kollegs, Dokumentationen, 5.) München 19XX, 5-19, hes. 24-17. Dazu jetzt auch ausführlich ders .. Deutsche Ge-;chichte IX66-19IX. Bd. I: Arheitswelt und Bürgergeist. München 1990, Kap. XII. ") Ll/dwig Biime. Sämtliche Werke. Bd. 3. Düsseldorf 1965, 510. Für diese und andere relevante Beispiele vgl. MarcC'! Reich-Ral1icki. Üher Ruhe,llirer Juden in der deutschen Literatur. München 1973, 36-56.

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den Juden ausmacht"'.") Die Kafkas und die Mauthners wunderten sich immer wieder üher ihre unsichtharen Bindungen an das Judentum. Wenn es aher tatsächlich mehr als nur eine Konfession war, wenn es, um mit dem amerikanischen Anthropologen Clifford Geertz zu sprechen, ein umfassendes "kulturelles System" war, das dazu diente, "wirksame, durchdringende und anhaltende Stimmungen und Motivationen zu hegründen",il), dann war es vielleicht gar nicht so üherraschend, daß diese Miinner nicht in der Lage waren, seine Spuren ahzustreifen. Vielleicht war dieser allgegenw~irtige "Kreis" doch nicht so "magisch'''? Zweifellos war eines der zentralen Ziele der liheralen Reformjuden, das Judentum in eine reine Konfession zu verwandeln. Dadurch wollten sie gerade der Umklammerung durch eine umfassende jüdische Kultur entfliehen. Einige unter ihnen wollten so weit gehen, dasJudentum aufeine Komhination von unverhindlichem Ritualund etwas reformulierter Liturgie zu reduzieren. i") Aher in Wirklichkeit, gleich wie sie argumentierten, heschiiftigten sich die Reformer immer wieder damit, das Judentum nicht nur als Konfession, sondern als eine gesamte Kultur neu zu gestalten. Und sie waren in ihren Bemühungen keinesfalls allein. Am Ende des Jahrhunderts entpuppten sich auch die deutschen Zionisten als kulturelle Erneuerer par excellence. Ohwohl sie das Judentum als eine moderne politische Nation verstehen wollten, waren sie stiindig mit Plänen zur kulturellen Erneuerung heschäftigt. Zweifellos erwies sich innerhalh der internationalen zionistischen Bewegung am Ende die aus Rußland kommende neuejüdische Kultur als wichtiger und einflußreicher. Das Projekt als Ganzes hatte aher in der deutschsprachigen Welt hegonnen und hreitete sich erst viel später anderswo aus. In vieler Hinsicht führten die deutschen Zionisten das Projekt ihrer verschiedenen Vorgiinger fort und heteiligten sich zusammen mit ihren Gegnern an der Modernisierung der jüdischen Gesamtkultur. ") SieKmuIJd Freutl. Briefe IXn-1939. Frankfurt am Main 1960,421. Vgl. auch seinen Brief an die Mitglieder des Wien er Vereins B'nei Brith, ehd. 3X I. i') Clif10rtl GeerI::. Religion as a Cultural System, in: ders., The Interpretation of Cultures. Selected Essays. New York 1973, X7-125, Zit. 90. i") Üher solche radikale Interpretation des Judentums s. Michael A. Mn·er. The Origins 01' the Modern Jew. Jewish Identity and European Culture in (Jermany, 1749-IX::>4. Detroit 1975, hesonders das Kapitel üher David Friedliinder, 57-X4. Für spiitere Beispiele vgl. ders .. Response to Modernity. A History 01' the Reform Movement in Judai,m. Oxford 19XX, 2X-61 u. 119131.

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Es gibt heute keinen Grund mehr, warum man nicht auch das Judentum, genau wie andere Religionen, als ein umfassendes Kultursystem sehen könnte. Ganz im Gegenteil: Zahlreiche Gründe sprechen dafür. Eine große Zahl ungekliirter Fragen wird durch die Verwendung dieses Begriffs verständlich. Er erlaubt sowohl einen neuen Überblick über unser Thema als auch einen neuen Zugang zu den Einzelheiten. Am Ende des 19. Jahrhunderts, so kann man jetzt argumentieren, waren die meisten Juden in Deutschland sicher nicht mehr Teil der alten jüdischen Welt; aber sie waren auch nicht so völlig mit ihrer neuen Umgebung verschmolzen, wie sie oft glauben wollten. Die meisten von ihnen lebten in einer dritten Sphiire, die sich wiihrend des Jahrhunderts langsam entwickelte. Sie lebten in ihrem eigenen deutsch-jüdischen Kultursystem: Sie hatten eine komplexe Struktur von öffentlichen und privaten Vereinen geschaffen und ein Netzwerk von Erziehungseinrichtungen. Sie unterhielten eine lebhafte Öffentlichkeit, vertraten eine Vielzahl widerstreitender ideologischer Positionen und versuchten, eine gemeinsame jüdische Tradition zu konstruieren.")

III. Diese neue Tradition war, wie andere Traditionen auch, ein zweigleisiges Projekt. Sie beinhaltete das, was der Anthropologe Robert Redfield einmal eine "groBe" und eine "kleine" Tradition nannte, analog zur hiiufiger diskutierten "Hoch-" und "Massen"kultur oder "hohen" und "volkstümlichen" Kunst."') Die Verbindungen zwischen bei den waren in diesem Fall besonders wichtig. Die neugeschaffene "große" jüdische Tradition hat nie ihre pädagogischen und apologetischen Ziele aus den Augen verloren, und diese konnte sie nur \'erwirklichen, wenn sie regelmiißig in den populären Bereich eindrang. Die "kleine" jüdische Tradition dagegen mußte sich stets an alle Botschaften, die von oben kamen, anpassen 15) Ich stütze mich hier auf Bmnyamin Harshav, Das Wiederauneben Erez

Israels und die moderne jüdische Revolution: Überlegungen zur gegenwürtigen Lage (Hebräisch), in: Nurit Graetz (Hrsg.), Kultur uml Gesellschaft in Eretz-Israel. Tel Aviv Inx. 7-31. lh) S. vor allem Roher! Red/je/d. Peasant Society and Culture. Chicago 1956. Über den Gebrauch dieser Begriffe in Anthropologie und Ethnologie vgl. Ben-Amos. The Seven Strands (wie Anm. I). bes. 107-116.

und bemühte sich, diese so vollständig wie möglich zu renektieren und zu reproduzieren. Die bei den entwickelten sich in einem so engen Kontext, daß die Trennungslinie oft ziemlich verschwommen war.") Trotzdem dürfte es für analytische Zwecke nützlich sein, zuerst etwas zu der anspruchsvolleren, vielleicht wichtigeren "großen Tradition" zu sagen. hevor man sich der wenig hekannten "kleinen Tradition" zuwendet. Max Weber hat kulturelle Modernität als die Trennung der religiösen und metaphysischen "substantiven Vernunft" in die drei autonomen Bereiche Wissenschaft, Moral und Kunst bezeichnet.'x) Ohne Zweifel hatten die modernen Juden die Einheit eines wahren religiösen Lebens verloren. Jetzt aber galt es, aus einer Vielzahl von Elementen, die sich nur selten gegenseitig unterstützten und manchmal in einer künstlichen Harmonie nebeneinander existierten, eine Alternative aufzubauen. Die Bemühungen. die Religion durch Wissenschaft zu "ersetzen", bestimmten dieses ganze kulturelle Projekt von Anfang an. Die philosophisch-theologische Diskussion über die Ethik des Judentums stand auch hald im Mittelpunkt, und der Versuch, eine neue Art von Kunst, besonders eine neue Literatur, zu schaffen, hat das jüdische intellektuelle Leben des 19. Jahrhunderts durchdrungen. Der erste umfassende Versuch in diese Richtung wurde von den Mitgliedern des "Vereins für Cultur und Wissenschaft der Juden" unternommen."') Diese Männer, die sich im Spätsommer des Jahres lXl9 nach der antisemitischen "Hep-Hep-Bewegung" zusammengefunden hatten. suchten nach Wegen. um ihrem Gefühl von Verlust und Ablehnung positiv zu begegnen. nachdem volle Akzeptanz in der hürgerlichen Gesellschaft sich als weit schwieriger her'-) Diese engen Beziehungen ,wischen "großen'" und .. kleinen'" Traditionen hat auch Redtield. Peasant Society (wie Anm. 16).41 r.. hervorgehohen. Vgl. auch Hermann Bausinger . .. Folklore und gesunkenes Kulturgut'". in: Deutsche Jhh. f. Volkskunde I. 1966. 15-25. lX) Für diese gekürzte Formel s. HIlbermIlI. Die Moderne (wie Anm. 6). Vgl. z. B. Max Weher. Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie. Bd. I. Tühingen 1922/23. 436-473. "') Üher den Verein s. auch heute noch Siegfriclf Ucko. Geistesgeschichtliche Grundlagen der Wissenschaft des Judentums (Motive des Kulturvereins vom Jahre U\l9). in: Zs. f. d. Gesch. d. Juden in Deutschland 5. 1935. 1-:~4. Vgl. auch Hein::: Moshe Graupe. Die Entstehung des modernen Judentums. Geistesgeschichte der deutschen Juden 1650-1942. 2. Aufl. Hamhurg 1977. Kap. 13.

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ausgestellt hatte, als sie in den ersten Jahrzehnten der Emanzipation erschienen war. Sie begannen, sich systematisch mit jüdischer Geschichte zu beschäftigen, eine neue theologische Disziplin zu entwerfen, alte jüdische Poesie und Prosa wiederzuentdecken wie auch neue zu schaffen. Aber obgleich sie ihr Proiekt im grol3en Umfang und in verschiedenen wissenschaftlichen Bereichen unternahmen, gingen Eduard Gans, Leopold Zunz, Isaak Marcus Jost und andere Mitglieder des Culturvereins in der Gl'schicllll' die revolutionärsten Wege.~II)

Aus der Perspektive der modernen Geschichtsschreibung war die vor-moderne jüdische, religiöse Welt trotz ihres Vertrauens auf eine historische Wiedergabe und zahlreiche historische Symhole eher ahistorisch. Die Konzentration auf die Exegese von religiösen Texten und auf die Pflege einer Anzahl nationaler Mythen schlol3 jedes wirkliche Interesse an der Geschichte aus. 21 ) Eine moderne jüdische Geschichtsschreihung entwickelte sich erst mit der auflommenden Säkularisierung im Laufe des 19. Jahrhunderts, vorwiegend in Deutschland unter dem Einflul3 des romantischen Historismus und der neuen wissenschaftlichen Methoden der modernen deutschen Historiographie. Der Anstol3 kam aher nicht nur von außen. Der historische Zugang Lum Judentum, der die AutoriUit der religiösen Gesetze durch den Hinweis auf das konkrete historische Umfeld ihrer Entstehung relativierte, wurde zu einem unverzichtb.uen Werkzeug für die Reform.") Darüber hinaus mußten sich auch ihre Gegner damit heschäftigen. Seit der Mitte des Jahrhunderts verhreitete sich die Faszination der Geschichte unter gebildeten Juden aller '''I Zu Gans s. /lal/IlS G. Reissl/er. Eduard Gans. Ein Lehen im Vllrmiirz. Tühingen 1<)0). Zu ZunL: Nahtillt N. Glltf:l'r. Leopold Zunz. Jude - DeutscherEuropiier. Tühingcn I '164, und Luifpold Wal/ach. Lihcrty and Letters. The Thought of Leopold Zunz. London 1959. Zu Jl1st s. Rl'III'C/J Miclllll'l. I. M. Jost und sein Werk, in: Bull. d. Leo Baeck Instituts J, 1900, 2J
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religiösen Strömungen in Deutschland. Zweifellos war das wichtigste intellektuelle Ereignis im Zusammenhang mit der deutsch-jüdischen Kultur des 19. Jahrhunderts die Veröffentlichung von Heinrich Graetz' "Geschichte der Juden von den iiltesten Zeiten bis auf die Gegenwart".") Ihre Popularität blieb durch das Jahrhundert hindurch unerreicht. Sie wurde von jüdischen Gelehrten wiederholt besprochen und kommentiert und hatte EintluB auf die verschiedensten Leute.") Aber obwohl Graetz' Werk ja ein "bahnbrechendes und heroisches" Unternehmen war"), repräsentierte es nur die Spitze des Eisbergs. Geschichte war inzwischen zu einem Hauptgebiet jüdischen Interesses geworden. Sie wurde zu einer wahren Leidenschaft. 'h ) Der unvermeidliche SelektionsprozeB, der damit verbunden war, spielte sich deshalb auf einem sehr weiten Feld ab. Grundsätzlich fand er auf zwei Ebenen statt: der inhaltlichen und der methodischen. Inhaltlich bedeutete die Selektion den Vorzug gewisser Zeitriiume und Aspekte des vergangenen jüdischen Lebens und die Vernachlässigung anderer. Methodisch ging es darum, eine passende Interpretation und einen überzeugenden Erzählstil zu finden. Es war die erste Art dieser Auswahl, die von Gershorn Scholem in einem seiner schiirfsten Aufsätze so vehement kritisiert wurde.'-)

'I) Die: erste Aullage wurde zvvischen IX53 und IX76 veröffentlicht: von den ersten Bünden erschien hereits ah I X6J eine 2., verh. und ergünzte Aullage. ") Vgi. 7. B_ die Bt'merkungen in Gershom S·cholem. Von Berlin nach Jerusalem. Frankfurt am Main 1977. 39-40. oder in Fran~ Kalka. Tagehücher. Frankfurt am Main 1967, I. Novemher 191 \. "~I S. Slullllcl EI/in)!.{'/'. Judentum und jüdische Geschichte im Denken Graetlens. in: ders. (Hrsg_), Zvi Graetz - die Wege der jüdischen Geschichte (hehriiisch). Jerusalem 1969.7. "~'I In seinem Buch "Zachor" (wie Anm. 21), 11 X-1J2, beschreibt Yeyushalmi dagegen die relatiw Schwiiche des historischen Ikwußtseins im mDdernen Judentum. S. auch die interessanten kritischen Hinweise in seinen Anmerkungen, 160-165. Dazu auch Funkenv/ein. Collective Memory (wie Anm. 21), und der.\" .. RefDrm und Geschichte: Die Modernisierung des deutschen Judentums, demnüchst in: Shulamit Volkov (Hrsg.), Deut,che Juden und die Moderne. (Schriften des Historischen Kollegs.) München 1991. '-I Die scharfe Version die,es Aufsatzes wurde nur auf hebriiisch verölTentlicht: zum ersten Mal als: Überlegungen zur Wissenschaft des Judentums in: Luach Ha'Aretz 1945, 94-1 I:!, wiederabgedruckt in: (jershom Scholem, Dvarim Bego. Bd. 2. Tel Aviv 1976, 385-403. Die Veröffentlichung auf deutsch, basierend auf einem Vortrag im Leo Baeck Institut in Londcm 1957, erschien zuerst als: Wissenschaft vom Judentum einst und jetzt. in: Buli. d.

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Scholem sah in der speziellen Selektion, die die verschiedenen Vertreter der Wissenscha/i des Judentums betrieben, eine Art Selbstzensur. Er sah hier einen Versuch, das Judentum zu einer "rein geistigen, idealen Erscheinung" zu machen, alle mythischen oder irrationalen Elemente aus ihm auszumerzen. "Man betrachtete nur, worum es sich im Salon, zwischen der Bibel und Luther, zwischen Hermann Cohen und Kant, zwischen Steinthai und Wilhelm von Humboldt handelte."'~) Aber seine Kritik, die zweifellos teilweise zutrifft, ist nicht immer berechtigt. Schließlich ist Auswahl für die Geschichtsschreibung erforderlich, und für Pioniere wie Jost und Zunz war sie sicher unumgänglich. In der damals entstehenden jüdischen Geschichte mußten alle, auch zionistische Historiker, ihre Auswahl treffen, und diese, wie auch Scholem zugeben mußte 2'!), unterschied sich oft kaum von der ihrer liberalen Antagonisten. So stimmt es tatsiichlich, daß zum Beispiel Abraham Geiger, der sogenannte "Vater des Reformjudentums", der das Ziel eines besonders scharfen Angriffs von Scholem war, vieles aus der mittelalterlichen jüdischen Geschichte ausgelassen hat und daß er die biblische Geschichte, die für die vor-modernen jüdischen Wissenschaftler eher nebensächlich gewesen war, ungewöhnlich stark betonte.")) Aber auch viele Zionisten betrachteten die Erfahrung der mittelalterlichen "Galuth" mit Verachtung und konzentrierten sich lieber auf die früheren, heroischeren Zeiten. Sie waren sicherlich anderer Meinung als die Reformer, was z. B. die national-historischen Teile des Alten Testaments angeht. Aber als grundsiitzlich weltliche Juden neigten auch sie dazu, über die Gesetzesteile des Pentateuch hinwegzugehen und die

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Leo Baeck Instituts l). 1960, 10-20. S. auch Gersholll Scho/clII. Judaica. Bd. I. Frankfurt am Main 1963, 147-164. ") Scho/efll. Wissenschaft vom Judentum (wie Anm. 27), Zit. 11, 16. ''l) Ehd. 16-20. Schärfer noch in der früheren hebräischen Fassung: vgl. Dvarirn Bego (wie Anm. 27), 403-403. "') Scholems Angriff hefindet sich in der hehräischen Fassung seines ohen erw~ihnten Aufsatzes, in: Dvarim Bego (wie Anm. 27). 3')2-393. Üher Ahraharn Geiger, mit einer BibliQgraphie, s. jetzt Jakoh 1. Pelllchowski (Ed.), New Perspectives on Ahraham Geiger: An H UC-JI R Symposium. Cincinnati 1975, und Meyer. Response to Modernity (wie Anm. 14),89-99. S. auch Ludwig Geiger (Hrsg.), Ahraham Geiger: Lehen und Lehenswerk. Berlin 1910, und Max Wiener. Ahraham Geiger and Liheral Judaism: The Challenge 01' the Nineteenth Century. Philadelphia 1962. Vgl. auch {slIIar Schoysch. The Ernergence 01' Historical Consciousness in Modern Judaism, in: LBIY 28. 1983, hes. 420-430.

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biblischen Propheten, diese eindeutigen Exponenten einer alten jüdischen, sozialen Ethik, ganz besonders hervorzuheben. Die Affinitiit ging noch weiter. Die zionistisch eingestellten Historiker hatten, wie fast alle deutsch-jüdischen Gelehrten des 19. Jahrhunderts, eine besondere Vorliebe für die Geschichte der spanischen Juden. Ismar Schorsch hat dieses Thema vor kurzem in einem Artikel sehr schön dargelegt.\i) Von den AnLingen der Haskalah an hat die radikale Kritik der bestehenden jüdischen Kultur, so argumentiert er, "viel von ihrer Gültigkeit, wenn nicht sogar von ihrer Inspiration, direkt aus Spanien bezogen".12) Das Eintreten für eine weltliche Erziehung, die Einschränkung der talmudischen Exklusivität, das Bedürfnis, jüdische Philosophie und Poesie wiederzubeleben, all das schien aus der Geschichte der spanischen Juden Bestätigung zu erhalten und sprach sowohl Reformer als auch orthodoxe Juden, Liberale wie Zionisten an. Die "Überlegenheit" der sephardischen über die aschkenasischen Juden, die in talmudische Dispute und jiddische "Dialekte" vertieft waren, >.chien ihnen allen ganz selbstverstiindlich. Die deutschen Juden bauten ihre Synagogen im maurischen Stil, idealisierten die "Marranos Posse" in ihrer Literatur und feierten die spanischen Juden in ihren historischen Schriften.") "Sie ernährten sich nach einer spanischen (kit", behauptete Schorsch. \4) Er hätte hinzufügen können, daß der Zionismus diesem ProzeB die Krone aufgesetzt hat, indem er schließlich die spanische Aussprache für die Wiedergeburt des Hebräischen als eine moderne Sprache wählte. Auch methodisch hatten Juden verschiedener Strömungen ähnliche Priiferenzen. In erster Linie herrschte in der Geschichtsschreibung der Zeit der sogenannte exemplarische Typus vor. l ;) Seine \I) Ismar Schorl'eh. The Myth 01' Sepharadic Supremacy, in: LH I Y 26, 1989, 47-66. ") Ehd. 49. ") Üher den herühmtesten Fall s. Phi/ipp F. Veil. Heine: The Marrano Pose, in: Monabhdte 66, 1974, 14~-156. Fine zusätzliche Diskussion mit dem Schwerpunkt auf dem spanischen Parallelfall findet sich in Yose! Harim Yerusha/mi. Assimilation and Racial Anti-Semitism: The Iherian and the German Models. (Leo l3aeck Memorial Lecture. 26.) New York 1982. q) Schorsch. The Myth (wie Anm. 31), 59. ij) Diese Terminologie hahe ich von Jiim Riist>ll. S. zuletzt seine "Typologie der Geschichtssschreihung" in: ders .. Lehendige Geschichte. Grundzüge einer Historik. 111: Formen und Funktionen des historischen Wissens. Göttingen 1989, 45-49. S. auch den .. The Development 01' Narrative Competence

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didaktische Zweckmäßigkeit war unwiderstehlich. Hier werden auch die Verbindungen zwischen der "großen" und der "kleinen" jüdischen Tradition sofort sichtbar. Jüdische Geschichte wurde in dieser Aufmachung zu einer wirklichen "Magistra Vitae", die eine wichtige erzieherische Aufgabe erfüllen mußte. lh ) Der wachsenden jüdischen Leserschaft wurde eine Galerie ausgewählter jüdischer Persönlichkeiten präsentiert: aufgeklärte Rabbiner, hochgebildete Marannos, spanisch-jüdische Literaten, Philosophen und einflußreiche Männer der Politik. Auch eine Auswahl "herausragender jüdischer Frauen" fehlte nie.") Die anspruchsvolleren historischen Arbeiten wagten sich gelegentlich auch in andere Formen der Geschichtsschreibung vor. Nicht unbekannt war z. B. der "gegnerische Typus, in dem sich, durchaus zutreffend, Muster verändern, um, paradoxerweise, ihr Fortbestehen zu sichern."'") In allen Werken war jedoch eine klare, kontinuierliche Geschichtserzählung unverzichtbar. Diese war notwendig, um die Parameter der neugeschaffenen Tradition festzusetzen, und entscheidend, um dem modernen J udenturn als Ganzem Sinn zu verleihen. Aus dieser Perspektive war die jüdische Ethik, die zu der Zeit nicht weniger intensiv ausgearbeitet wurde, ebenso wichtig. Über den Idealismus der liberalen Juden des 19. Jahrhunderts wurde viel geschrieben. 10) Es ist aber vielleicht nützlich zu wiederholen, daß diese philosophischen, rein ethischen Interpretationen des Judentums, genau wie die historische, völlig neu waren. Sie entstanden in Historical Learning - An Ontogenetic Hypothesis Concerning Moral Consciouness, in: History and Memory I, 19X9, 35-59. Ih) VgL Reinhart Kosel/eck. Historia Magistra Vitae. Über die Auflösung des Topos im Horizont neuzeitlich bewegter Geschichte, in: ders., Vergangcne Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten. Frankfurt am Main 1979, 3866. ") VgL zum Beispiel M. Ehrentheil. Jüdisches Familienbuch. 160 Lebensund Charakterbilder der vorzüglichsten Gestalten der jüdischen Geschichte aus allen Zeitperioden u. Staaten. Budapest 1881. Ähnliche Bücher wurden jährlich in den jüdischen Periodika rezensiert und oft auch empfohlen. IX) Rüsen. Development (wie Anm. 35), 49. 1'1) S. vor allem Uriel Tal. German-Jewish Social Thought in the Mid·Nine· teenth Century, in: Werner E. Mosse u. a. (Eds.), Revolution and Evolution. IX48 in German-Jewish History. Tübingen 1981,299-328, und ders., Theolo· gische Debatte um das ,Wesen' des Judentums, in: Werner E. Mosse (Hrsg.), Juden im Wilhelminischen Deutschland I X90-1914. Tübingen 1976, 599632. Dort auch Pinchas E. Rosenhliith. Die geistigen und religiösen Strömungen in der deutschen Judenheit, 549-59X. Für eine nützliche Zusammenfassung siehe Graupe, Entstehung (wie Anm. 19), Kap. 18 u. 19.

19 au~ dem Bestreben von Männern wie Moritz Lazarus, Hermann ('ohen oder Leo Baeck, dem Judentum eine Bedeutung zu geben, die es für moderne Menschen akzeptabler machen konnte. Sie waren Neufassungen, die dem Judentum intellektuell und auch sozial innerhalb der deutschen hürgerlichen Gesellschaft Anerkennung verschaffen sollten. Auch hier waren natürlich Selektion und eine Reihe neuer Akzentuierungen entscheidend, während die didaktischen Absichten und die Verbindung zur "kleinen" Tradition sogar noch deutlicher waren. In diesem Zusammenhang kann es lehrreich sein, von der großen zur kleinen Tradition weiterzugehen; die erste Garnitur zugunsten der zweiten, vielleicht sogar der dritten oder vierten, zu vernachlässigen. Hinter dem Werk der groBen jüdischen Historiker und mehr noch hinter den überragenden Philosophen und Literaten entdeckt man einen großen Bereich populärer jüdischer Kultur, die praktisch vergessen ist. Eine ganze Armee von Traditionsschaffenden war dabei, die anspruchsvolleren Denker populär zu machen und ihre Botschaft neu zu formulieren. zu erkliiren und zu verbreiten. Es wurde eine giinzlich neue Öffentlichkeit geschaffen, um die~e Aufgabe zu meistern. Das Vakuum, daB durch weitgehende Verweltlichung, durch Apathie und die Attraktivität der nichtjüdischen Kultur entstanden war, versuchte man so eifrig zu füllen.

IV. In Kurt Koszyks maßgeblichem Handbuch über die deutsche Presse des 19. Jahrhunderts findet sich kein Hinweis auf den Umfang der jüdischen Zeitungs- und Zeitschriften produktion in dieser Zeit. 41l ) Mehr als 200 jüdische periodische Schriften erschienen während dieses Jahrhunderts. und obwohl viele nur kurzlebig und unbedeutend waren, gelang es einigen, über Jahrzehnte hinweg kontinuierlich zu erscheinen und beachtlichen Einfluß zu erreichen. 4 ]) Zwar I\/Irl Ko.\:I'''-. Geschichte der deutschen Presse. Bd. 2: Deutsche Presse im I 'l. Jahrhundert. Berlin 1%6. Vgl. Barhara Slichr. Die jüdische Presse im Kaiserreich und in der Weimarer Re)1ublik, in: Julius H. Schoeps (Hrsg.). Juden als Trüger bürgerlicher Kultur in Deutschland. Stuttgart 1'l!N, 1674")

1'l2. 4]) Es gibt keine umfassende Untersuchung der jüdischen Presse in Deut;,ch-

land. Man benutzt immer noch Margarel T. Ede/heim-Mühsam. The Jewish Press in Germany. in: LBIY I. 1'l56. 163-176. und den \'011 ihr verJ':.lßtclI Ar-

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schätzte man zu Ende des Jahrhunderts die Auflage der "Allgemeinen Zeitung des Judentums'", sicher die bedeutendste deutsch-jüdische Wochenzeitung und die am längsten erscheinende, auf nur ungefähr :1000. 42 ) Und am Vorahend des Ersten Weltkrieges erreichte die orthodoxe ,Jüdische Presse'", ein sogenanntes .,Organ für die gesamten Interessen des Judentums'", auch noch ähnliche Zahlen. 4J ) Aber den Lesegewohnheiten der Zeit entsprechend, hahen zweifellos mehr Menschen die Möglichkeit gehaht, etwas aus diesen Zeitungen zu lesen. Zu jener Zeit erreichte das "Hamhurger Israelitische Familienblatt'", ein unabhängiges "UnterhaItungsorgan'", schon eine Auflagenhöhe von 12 :WO, und zahllose lokale BUtter und Flugschriften wurden dann auch für eine ausschließlich jüdische Leserschaft publiziert."4) "Im Deutschen Reich'", die Veröffentlichung des "Centralvereins deutscher Staatshürger jüdischen Glauhens'", des sogenannten CV, die ah 1)\95 erschien, erreichte 1912 eine Auflagenhöhe von 11000: sie wurde aher sicherlich von mehr, wenn nicht von allen der 40000 Vereinsmitglieder vor dem Ersten Weltkrieg, gelesen. 4') Auch die zionistische Presse, die für ihre journalistische und literarische Qualitiil hekannt war, wurde sicher von mehr Menschen als nur ihren eigentlichen Ahonnenten geieseil. Das Pressefieher der deutschen .luden war für eine Bevölkerungsgruppe von knapr über einer halhen Million heachtlich. Darüher hinaus ist das fast ausschließliche Interesse dieser Presse für jüdische Anliegen auffallend. Offenhar gah es eine begie-

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tikel "Presse, jüdische" im Jüdischen Lexikon. Bd. 4/ I. Berlin IlJ30. 11021110. Fine vollkommene Beschreihung der jüdischen Pre"e in Österreich aher haben wir bei 10mb Tour\', Die Jüdische Presse im österreiL'hischen Kaiserreich I xm-llJ I X. Tühingen IlJX.'. Fr hat auch einige Aufsiit7e zur deutsch-jüdischen Presse geschriehen. S. ders .. Die Anfiinge des jüdischen Zeitungswesens in Deutschland, in: Bull. d. Leo Baeck Instituts 3Xl3lJ, 1<)67, lJ3-123, und ders .. Das Phiinomen der jüdischen Presse in Deutschland, in: Quesher, .lournalism Studies, Tel Aviv University, Sonderheft: Jüdische Zeitungen und Journalisten in Deutschland, Mai IlJXlJ, 4-13. .") S. Adresshuch der deutschen Zeitschriften und der hervorragenden politischen Tageshlütter. Hand- und Jahrhuch der deutschen Presse 36, I SlJ). Hrsg. v. H. O. Sl'l'rlinf(. Stuttgart I SlJ), 163. ") Suchr. Jüdische Presse (wie Anm. 40), 174. ") Ebd. 176. ") Ehd. 177. Für Mitgliederzahlen des CV siehe Amold Pal/eker, Zur Prohlematik einer jüdischen Ahwehrstrategie in der deutschen Gesellschaft, in: Mosse (Hrsg.), Juden in Wilhelminischen Deutschland (wie Anm. 39), 4XlJ4<)3,

21 rige Leserschaft für solche Themen, und eine umfangreiche literarische Produktion hat es sich zum Ziel gemacht, dieses Verlangen zu befriedigen. Der Judaica-Katalog der Stadtbibliothek Frankfurt am Main verzeichnet Tausende von deutschen Titeln, meist vor 1914 erschienen, die sich mit diversen jüdischen Themen beschäftigen.'''') Darunter sind Veröffentlichungen zur Ribelkritik und Forschungen über die verschiedensten jüdischen Texte; Arbeiten zu Geschichte und Erziehung, Medizin und Theologie, Naturwissenschaft und Literatur. Am beeindruckendsten sind das Verzeichnis von etwa 120 Predigtsammlungen und die Titel unter der Überschrift "Erbauungsliteratur". Solch ein Verzeichnis vermittelt natürlich nur eine allgemeine Vorstellung vom Umfang dieses kulturellen Projekts; ein Proiekt, das zweifellos eine große Bedeutung für die gesamte Entwicklung der allgemeinen, modernen jüdischen Kultur in Deutschland haben mußte. Peter Gay hat einmal vorgeschlagen, "eine historische und soziologische Studie des dummen Juden durchzuführen".·:) Das ist vielleicht übertlüssig und auch nicht so einfach, wie er meinte. Aber es ist sicher hilfreich, daran zu erinnern, daß das deutsche Judentum zwar weder einen Bauernstand noch ein nennenswertes Proletariat hatte. aber ~elbst im sp:iten 19. Jahrhundert meistens noch den unteren Mittelschichten angehörte. Werner Mosse hat im ganzen 19. Jahrhundert bis in die Weimarer Republik eine jüdische wirt~chaf'tliche Elite von nur wenigen Dutzend Familien ausfindig machen können, zu denen er noch etwas über einhundert Vertreter einer ,Sub-Elite' dazuzühlte 4K ) Avraham Barkai zeigte in einer neuen Studie, dar.\ noch am Ende des 19. Jahrhunderts viele städtische Juden zu den IInteren Gruppen der Steuerzahler gehörten.·") Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein waren die Juden vorwiegend im Handel beschMtigt und führten, da sie die Selbständigkeit vorzogen, in ih-

.") Stadthihliothek Frankfurt am Main, Katalog der .Iudaica und Hehraica. Bd. I: .Iudaica. Frankfurt am Main 1932. , ) Peler Gar. Begegnung mit der Moderne. Deutsche Juden in der deutschen Kultur, in: Mosse (Hrsg.), Juden im Wilhelminischen Deutschland (wie Anlll. 39), 247. ") JVemer E. Mosse . .lews in the Gerlllan Economy. The German-Jewish !:xonomic f.lite 11\20-1935. Oxford 191\7, 1\7-95. '''i Al'ra/w/11 Barkai. Jüdische Minderheit und Industrialisierung. Demographie, Berufe und l:inkommen der Juden in Westdeutschland I S50-1914. Tühingen 19S5, 62-70. 136-165.

• 22 rer Mehrheit kleine Einmann- oder Familienbetriebe. 5 ") Der massive Eintritt der Juden in die akademischen Berufe \'ollzog sich erst seit dem letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts, und selbst dann erreichte ihr Anteil an der jüdischen arbeitenden Bevölkerung keine zehn Prozent: nicht einmal in Berlin. 5 ') Für unser Thema vielleicht noch relevanter ist die weitere Tatsache, daß, obwohl jüdische Kinder an den humanistischen Gymnasien auffallend überrepriisentiert waren, die Hälfte von ihnen sogar in dieser späten Zeit nicht mehr als ein Minimum an Grundschulbildung erhielt.") Juden waren zwar im Durchschnitt deutlich wohlhabender und durchweg gebildeter als ihre nichtjüdischen Mitbürger, eine beachtliche Gruppe unter ihnen aber zählte zu den potentiellen Konsumenten kultureller Massenprodukte. Sie waren die Leser der verschiedenen Familienblätter, die Abonnenten der Unterhaltungspresse, ja die schenkenden Verwandten, die diverse jüdische Kalender und Almanache - diese Sammlungen von "Instant-Kultur" - untereinander austauschten. In Rudolf Schendas wegweisendem Buch "Volk ohne Buch"") wurden uns zum ersten Mal das AusmaLi und die Bedeutung der Lesestoffe für die unteren sozialen Schichten der deutschen Gesellschaft zwischen 1770 und 1910 vor Augen geführt. In iihnlicher Weise entwickelte auch das deutsche Judentum seine "kleine" Tradition und die Organe, die sie vermittelt und verbreitet hahen. Zusiitzlich zur periodischen Presse entdeckt man schnell auch den jüdi"') S. jetzt vor allem Ar/hllr PrilI::'. Juden im deuhchen Wirtschath\ehen. Soziale und wirtschaftliche Struktur im Wandel IX)0-1914. Bearh. u. hrsg. v. Avraham Barkai. Tühingen 19X4, 166-16X, 172-176, und Barkai. Jüdische Minderheit (wie Änm. 49), ~6-44. Vgl. noch immer Jakoh .'>·('!!.all. Die heruflichen und sozialen Verhältnisse der Juden in Deutschland. Berlin 1912. ") Vgl. Se!!.all. Berufliche und Soziale Verhältnisse (wie Anm. )0). 451T.: Jakoh L!!S/schinskl'. Das wirtschaftliche Schicksal des deutschen Judentums. Berlin 1932, 101: Uri!!! Sc/lInel::.. Die demographische Entwicklung der Juden in Deutschland von der Mitte des 19. Jahrhunderts his 1933, in: Zs. r. Bevölkerungswiss. R. 19X2. 64. Vgl. auch Barkai. Jüdische Minderheit (\vie Anm. 49), 4X-51. und Prin::.. Juden im deutschen Wirtschaftslehen (wie Anm. 49), I3X-140, IX4-IX6. ") S. Jakoh Thon. Der Anteil der Juden am Unterrichtswc,en in Preul.len. Berlin 1905. Nach seinen Angahen gelangten IXX6 nur 46,5"" und 1901 56,3"" der jüdischen .lungen üher die Volksschule hinaus. Bei Nichtiuden allerdings stieg der Prozentsatz von 6,3"/0 auf 7,3"/0. Vgl. ehd. 23-2). 51) Rlldo!( Schenda. Volk ohne Buch. Studien zur Sozialgeschichte der populären Lesestoffe 1770-1910.2. Aufl. München 1977.

sehen "hinkenden Boten", um Schendas Terminologie zu benutzen. q ) Bescheidene Jahrbücher, Kalender und Almanache aller Art heinhalteten Informationen über jüdische (und nichtjüdische) Feiertage, Listen spezieller Markttage und ähnliche nützliche Dinge. Sie lieferten aber auch eine ausgewogene Mischung des neuen "Judentums". Man kann dort immer ein paar historische Aufsätze finden: Portr~üs wichtiger jüdischer Persönlichkeiten oder Nachrufe auf gerade verstorbene Berühmtheiten; eine kurze Geschichte der einen oder anderen jüdischen Gemeinde in Deutschland; ein paar Gedichte, gelegentlich in hehräisch, aber immer mit angefügter deutscher Ühersetzung; eine kurze historische Erzählung, normalerweise üher ein spanisch-jüdisches Thema oder eines aus dem Ghettomilieu; usw. Das Muster ist immer dasselbe.") Verglichen mit der allgemeinen deutschen Produktion von Populärliteratur war die jüdische Auswahl vielleicht etwas anspruchsvoller. Sie zeigte etwas weniger Interesse an der sogenannten "Trivialliteratur" und dafür mehr an populärer Sachliteratur - Geschichte, Philosophie und Sozialethik. Trotzdem war dies sicher ein paralleles Phänomen: eine jüdische Version der deutschen Mittelstandskultur. Zwar schenkte sie immer wieder einigen der hekanntesten deutschen Schriftsteller ihre Anerkennung und 'ichloß solche Berühmtheiten wie Lessing oder Schiller mit ein. Aher insgesamt war sie ein jüdisches Unternehmen - eine Antwort auf die Nachfrage nach einer modernen, volkstümlichen Tradition. 50 ) Der fleißigste Produzent dieser Tradition war ohne Zweifel Ludwig Philippson, der Gründer und langjährige Herausgeher der "Allgemeinen Zeitung des Judentums".5;) Mit seinen zahllosen Arti") Ehd. 274-2';1,7. ") Vgl. z. B. Kalender u. Jahrhuch für Israeliten, Wien I X4V44--1X47/4R, seit I X54/55 hrsg. v . .I. Werlheimer: außerdem J. W. Paehe/es. Illustrierter israelit. Volksblender. Prag 1865: oder J. K. BlIehner. Jahrhuch für Israeliten, 21. Jg. Leipzig IX6J. "') Die hesten Beispiele findet man wieder in der Allgemeinen Zeitung des Judentums. Vgl. hierzu Hans 01/0 Horch. Auf der Suche nach der jüdischen Er7;ihlliteratur. Die Literaturkritik der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" (I X37-1 422). Frankfurt am Main 1485. Für die Behandlung der deutschen Klassiker siehe hesonders Kapitel 111. '-) Es giht keine moderne Biographie von Philippson. S. aher Me.l'er Karser!iHR. Ludwig Philippson. Eine Biographie. Leipzig IS4R: und Johanna Phi/ippson. The Philippsons, a German-Jewish Family 1775-1933, in: LBIY 7, 1462,95-118: auch diCl .. Ludwig Philippson und die Allgemeine Zeitung

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kein über historische Fragen, philosophischen und ethischen Gedankenspielen, Porträts jüdischer Persönlichkeiten, Gedichten und Erzählungen, politischen Äußerungen und öffentlichen Appellen, dominierte Philippson jahrelang die volkstümliche, jüdische, literarische Szene. Zwischen den späten 1830er Jahren und seinem Tod 1889 verfaLlte er eine erstaunliche Anzahl von Schriften und setzte sich unermüdlich für alle nur denkbaren jüdischen Angelegenheiten ein.") Mehr als jeder andere bestimmte Philippson die kulturelle Kost des durchschnittlichen deubchen Juden in dieser Zeit. Sein Buch "an den israelitischen Konfirmanden und die israelitische Konfirmandin" (letzteres war selbst eine Kreation des modernen deutschen Judentums), das unter dem Titel "Der Rath des Heils"'") erschien, veranschaulicht sein Anliegen am deutlichsten. Es ist ein Glaubensbekenntnis der neuen Tradition. "Fühlst du dich glücklich, ein Israelit zu sein'!" lautet der Titel des ersten Kapitels dieses elegant aufgemachten Buches. Danach folgen zwei historische Kapitel, die in eine Geschichte der Religion und eine des "Stammes" aufgeteilt sind, und eine ausführliche Darstellung der spirituellen und ethischen Bedeutung der religiösen Bräuche, der Gebote, Feiertage, des Sabbaths usw. In den letzten Kapiteln werden schliel.\lich die praktischen Auswirkungen des Judentums auf ein geregeltes berufliches und gesellschaftliches Leben in der bürgerlichen deutschen Gesellschaft dargestellt. Philippson war ein erklärter Anhänger des Reformjudentums, aber auch Samson Raphael Hirsch, der Führer der jüdischen NeoOrthodoxie, hätte die Dinge nicht überzeugender ausdrücken können. Hirschs Lehre, seine TomI! im Derech-Hrel::, mag in mancher Hinsicht von seinen Anhängern eine strengere Befolgung der reli-

de, Judentums, in: Hans Lieheschützl Arnold Paucker (H r,g.), Das J udentum in der deutschen Umwelt IiWO-IX50. Tiihingcn 1977,243-291. I,") Das Folgende ist eine Au,wahl \on Philirrsom sera rat gedruckten oder neu gedruckten Schriften: LuJl1'if.{ Philippso/l, Saron. Gesammelte Dichtungen in metrischer und rrosai,cher Form. 5 Hde. 2. Autl. Leirzig 1~55-I~nO: den .. An den Strömen, durch drei Jahrtausende. Erziihlullgen. Leirzig I ~72: Jen .. Welthewegende Fragen in Politik und Religion. Aus den letzten dreißig Jahren. Leirzig I XoX: das .. Gesammelte Ahhandlungen. :1 Hde. Leirzig 1911. "') Ludl1'if.{ PhilippS()l1, Eine Mitgabe für das ganze Leben an den israelitischen Konfirmanden (Harmitzva) und die israelitische Konfirmandin oder beim Austritt aus der Schule. 3. Aull. Leirzig IIno,

25 giösen Gehote verlangt haben'''), aher die Botschaften des liheralen Judentums a la Philippson und der Neo-Orthodoxie ü la Hirsch sind für uns heute üherraschend ähnlich. Beide repräsentierten eine Art gezähmter Version des modernen Judentums, in der das Familienlehen und eine etwas ahstrakte Verantwortung für die gesamte jüdische Gemeinschaft hetont wurde. Sie hrachten ein vielfiiltiges, aher eher rudimentiires historisches Interesse und eine allgemeine moralische, ja moralistische Haltung zum Ausdruck - kurz: eine angepaßte Mischung für gesetzestreue Bürger, die gleichzeitig patriotische Deutsche und loyale Juden sein wollten. In einer hervorragenden Studie über die Neo-Orthodoxie hat Mordechai Breuer vor kurzem die Stärken und Schwächen dieser Bewegung geschildert. Die Neo-Orthodoxie entsprach, so Breuer, den Bedürfnissen einer speziellen sOlialen Gruppe zu einem speziellen historischen Zeitpunkt. Deshalh konnte sie sich nie üher ihre ursprüngliche, hegrenzte Anhiingerschaft hinaus ausdehnen und die Veränderungen, die in ihrem Umfeld vor sich gingen, nicht üherlehen"') Liherale deutsche Juden standen in der Tat vor demseihen Dilemma. Beide heteiligten sich an der Frfindung einer neuen Tradition, aher heide konnten die immanenten Schwächen dieses Vorhahens nicht üherwinden. Trotz eines Netzes von Organisati\)nen, speziellen Schulen. Rahhinerseminaren, aktiven Vereinen für jüdische Geschichte und Literatur, Bnei-Brith-Logen und iihnlichem hlieh die neue jüdische Tradition in ihrer populiiren Version ein im Grunde unhefriedigendes kulturelles Projekt.

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Hirsch und die Neo-Orthodoxie s. jdzt vor allem MO/"ilechai Breller. Jüdische Orthodoxie im Deuhchen Reich IS71-1'iIX. Die Sozialgeschichte einer religiösen Minderheit. Frankfurt am Main I'iX6. Üher s<,in früheres Lehen und Werk: Dal'id SO/·kill. Thc Transformation 01' German Jewry. 1noIX40. Ncw York I'iX7. hes. Kap. X; und Roher! Uherlc.l. Religious Conllict in Social Context. Thc Resurgence 01' Orthodox .Judaism in I-rankrurt am Main, IX3X-IX77. Westport I'iX5, hes. Kap. 4. Zu seincm Denken: N. Rosenhlo()fn. Tradition in an Age of Reform. The Religious Philosophy of Samson Raphael Hirsch. Philadelphia 11)76. Für die Schriften Hirschs siche seine "Gesammelten Schriften". 6 Bde. Frankfurt am Main 1'i02. "~'I Breller, Jüdische Orthodoxie (wie Anm. 6(l1, 351-35X .

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V. Innerhalb der allgemeinen deutschen Kultur litt dieses Projekt ständig unter einer fundamentalen Ungleichzeitigkeit. Es vertrat die Ideale der AufkHirung, als diese überall in Deutschland heftig angegriffen wurden. Es verehrte Lessing und Schiller, als die deutschen Literaten sich bemühten, das expressionistische Theater zu verstehen. Und es spielte noch mit einer Art des Nationalismus aus dem frühen 19. Jahrhundert, als sich dieser bereits in einer bedrohlichen Version zeigte, verbunden mit Rassismus und frühen Formen des Nationalsozialismus. Aber am schlimmsten war vielleicht, daß diese Volkskultur es zu oft nicht geschafft hat, für eine neue Generation hochgebildeter und idealistischer junger Menschen attraktiv genug zu werden. Sicher, die deutsche Volkskultur jener Zeit war nicht viel besser. Sie strebte vielleicht stärker nach Unterhaltung und war weniger auffallend didaktisch, aber ihr allgemeines Niveau war, wenn überhaupt, noch erbiirmlicher. Trotzdem hatte das jüdische Kultursystem zusiitzliche Schwierigkeiten, vor allem deshalb, weil es von Anfang an und immer wieder seine besten Kräfte an die umgebende Kultur verlor. Es war dazu bestimmt, unvollendet zu sein, in Wirklichkeit koptlos zu bleiben. Dafür war besonders eine Tatsache verantwortlich: Schon sehr früh verließ sich die moderne jüdische Kultur in Deutschland vollsUindig auf die deutsche Sprache. Aber die Entscheidung für Deutsch war in der Zeit der Aufkliirung keineswegs selbstverständlich. Noch 1750 unternahm Moses Mendelssohn einen journalistischen Versuch, mit dem er den kulturellen Horizont der Juden erweitern wollte, und begann die Veröffentlichung einer hebrüischen W()chenschrift.('~) Es war etwas später "Hameassef" - "der Sammler" -, eine hebräische Monatsschrift für den aufgeklärten Juden,

Die Zeitschrift, "Kohelet Musar", von der nur einige Nummern erschie· nen, ist wiedergegeben in MO.les MenJel.lsohn. Gesammelte Schriften . .Iubiliiumsausgabe. Hrsg. v. I. Elbogen, J. Guttmann u. E. Mittwoch. 13erlin/Breslau 1'i29-193X, 13d. 14, 1-21. Über Mendelssohns hebriiische Schriften und seine Bemühungen um die Wiederbelebung der hebriiischen Sprache s. Ale.\'{mder AI/mann. Moscs Mendelssohn. A Biographical Study. London 1973, X3, 90-91,420; Moshe Pelli. Revival 01' Hebrew and Revival 01' the Pcorle: The Attitude 01' the First Maskilim toward the Hebrew Language, in: ders .. Thc Age 01' Haskalah. Studies in Hebrew Literature 01' the Enlightenment in Germany. Leiden 1979,7.\-90. h')

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die danach strehte, diese Unternehmen fortzusetzen."l) Zu Beginn war tatsächlich die Aufklärung unter Juden eindeutig mit der Erneuerung des Hehriiischen verknüpft. Sie erhielt sogar einen speziellen hehräischen Namen: die "Haskalah". Aher die Sprachenfrage wurde schon hald anders entschieden. I X06 hegann eine deutschsprachige jüdische Monatsschrift unter dem hihlisch-hehräischen Titel "Sulamith" in Dessau zu erscheinen und erreichte schnell heachtliche Popularität."·) Auch anderswo plädierten liherale, aufgekliirte Juden zunehmend für den Gehrauch der deutschen Sprache. Sie konnten so hesser von den allgemeinen kulturellen Gütern Gehrauch machen und ihre Standpunkte hesser den nicht-jüdischen Lesern, Freunden und Feinden gleichermaßen, vermitteln. Die Kontroverse üher die Rolle des Hehriiischen Ilammte spiiter wieder auf, als die Reformjuden versuchten, deutsche Gehete in den Ritus einzuführen."5) Noch 1844 hrach Zacharias Frankel - ein moderater Reformer, der als Gründer des sogenannten historischpositivistischen Judentums hetrachtet wird, ein Vorläufer der heutigen Konservativen Strömung in den USA - hauptsächlich wegen dieser Frage mit seinen Reformfreunden."") Aher wiihrend er hartnäckig auf hehräischen Geheten hestand, wurden seine wissenschaftlichen Arheiten auf deutsch veröffentlicht, vor allem die Zeitschrift, die er üher Jahrzehnte hinweg herausgah: die "Monats''') Zu H am<:as,ef I 17X4-1 x 12) s. jetzt T"'/1/(/ch Flwnritl/l. H amea"ef (Hchdi,eh). Tel A\'i\ I'!xx: auf deuhch Ja/wh Tour)'. AnCinge des jüdischen Zeitung,wesens (wie Anm. 40). Die Zeitschrift ist kurz erwühnt in (jiilller SI('/I/huxer. Geschichte der jüdischen Literatur. (-.im: Einführung. München 1'!77, In-In. Vgl. auch Waller R(il/. Thc Kassel "Ha-Mea,sef" 01' 1799. An Unkno\\ n Contrihutil11l to thc Haskalah, in: Jehuda RcinharZi WaJtn Schat?herg (Lds.), The Jewish Response to (ierman Culturt:. From the Enlightcnment to the Second World War. Hano\'cr/London 1'!35, 32-50. ''') S. Sieg/ried S,eill. Die Zeihchrift "Sulamith", in: Zs. f. d. Ge,ch. d. Juden in Deutschland 7, 1937, x9-'!'!. Jetzt auch :')orkill, Thc Transformation (wie Anm. (0), xl-x:? u. passim. "~'i Für die frühen Versuche in dieser Richtung s. I'derer. Rcspome to Modernity (wie Anm. 14),40-61. Für die spätere und ausführlichere, zeitgenössische Diskussion dieser Frage vgl. die Protokolle der ersten Rahhiner Ver,ammlung. Braunschweig IX44. und Protokolle und Aktenstücke der Zweiten Rahhiner Versammlung. Frankfurt am Main IX45. "") Für seine Meinung s. Protokolle und Aktenstücke (wie Anm. 66), I X-22, 30-36, X6-'!0. Üher Frankel vgl. vor allem {smar S·chorsch. Zacharias Frankel and the Eurllpean Origins 01' Conservative Judais111, in: Judaism 30,

I'!X I. -'44-354.

28 schrift für Geschichte und Wissenschaft des Judcntum,- ." ) Auch einige der mehr orthodoxcn Gelehrten hegegneten dle'l'\l1 Dilemma. Besonders interessant war das zweifache Proiekt .Iacnb Ettlingers aus Altona, eines der am höchsten verehrten Rabbiner des 19. Jahrhunderts: Er hegann im Sommer 1845 ein deutsches Monatshlatt herauszugehen, "Der treue Zionswüchter", dn hald danach durch ein direktes hehrüisches Gegenstück, den "ShomlT Zion Ha-Neeman" ergünzt wurde. Die hebriiische Zeihchrift sollte die gelehrtere von heiden sein, aber didaktisch und politisch spielte die Hauptrolle eindeutig die dynamische und vielseitige tkutschsprachige Publikation."K) Eine iihnliche zweisprachige Unternehmung begann spiiter Samson Raphael Hirsch."") Aher zu dieser Zeit konnte niemand mehr ühersehen, daB Hehriiisch ab Kommunikationsmittel unter den deutschen Juden ineffektiv war. Hirschs "Israelit"' war dann auch eine deutsche Zeitschrift. So verließ sich die moderne jüdische Kultur in Deutschland \ollstiindig auf die deutsche Sprache. Sie war die einzige Sprache ihrer erfundenen, geschriehenen Tradition: eine Tatsache, die für Liherale und Neo-Orthodoxe, für Orthodoxe und Zionisten, unwiderrullich hlieb. Aher was sich LUniichst ab Stiirkt' erwie" wurde spiiter zu einer immanenten Schwiichc. Ein Vergleich mit lh:m russisch-jüdischen Gegenstück kann diese Fntwicklung erlüutern. Denn die Bialiks und die Mendeles, wie frühere und spiilerc jüdische Schriftsteller, waren \l)n ihrem allgemeinen kulturellen und sprachlichen Milieu in Rußland stark heeinllul3t - und wahrscheinlich auch viel mehr als sic selbst ahnten -, mußten aher innerhalh ihres eigenen, speziellen jüdischen Bereiches hleihen. Schließlich schriehen sie Jiddisch oder Hebrüisch, manchmal auch beides, und dadurch wurde ihr Umfeld umgrenzt.- II ) Die Heines und die Wassermanns wollten dagegen immer darüher hinaus. Dies war schon von Anfang an offensichtlich. Die Ver,uche, hereits in den 1820er Jahren im "Culturverein", ein neues Judentum zu schaffen, überzeugten nicht einmal die eigenen Mitglieder. Durch das 19. Jahrhundert hindurch suchten sich die hesse ren ",) Veröl"fentlieht ununlerhrnchen von IX:;I his 19:\<). ',S) S. ludilll Bleie/I. The Emergenee 01" an Orthudo\ Press in (icrm
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Köpfe ihre Anregungen anderswo. Auch den Zionisten de~ frühen 20. Jahrhunderts hlieb dieses Prohlem nicht erspart. In Scholems autohiographischen Schriften drückt sich exemplarisch die Sehnsucht danach aus, die intellektuellen Grenzen des hestehenden jüdischen Milieus überwinden zu können, ohne es dabei zu verlassen.-') Diese Üherwindung jedoch gelang zu jener Zeit und unter den damaligen Umständen nur wenigen, und die Zionisten hatten in dieser Hinsicht nicht viel mehr Erfolg als ihre Gegner. So werden zum Beispiel die Grenzen von Martin Buhers Versuch, die deutschen Juden für den osteuropäischen Chassidismus zu interessieren - damals so hochgeschätzt - hei näherem Hinsehen deutlich. Zwar wurde Bubers Auffassung des Chassidismus schon von Scholem selbst streng kritisier(2), aher in einer neuen hehräisehen Ausgahe der Legenden des Baal Shem, eine Sammlung chassidischer Geschichten, erhebt der Herausgeber gegen Buber andere Einwände, dieseIhen, die Scholem früher gegen die liheral-reformerischen Gelehrten der alten Wissenschaft des Judentums erhoben hatte.-') Buber hahe, und zwar ganz bewußt, kommentiert Pinhas Sadeh, den chassidischen Geschichten ihr inneres Lehen genommen. Er wollte "die ursprünglichen Texte und das Bild des Baal Shem verbessern, seine schlammigen Stiefel mit eleganten Schuhen vertauschen und diesen natürlichen, lebendigen, ekstatischen, manchmal auch brutalen Charakter in einen angesehenen Intellektuellen verwandeln".-') Vor allem die systematische Auslassung der Geschichten, die von Dämonen und Geistern, von Hexen und Verrückten, von den Mächten der Nacht handeln, verärgert ihn. Für Sadeh repräsentiert Buber die konstruierte deutsch-jüdische Tradition nicht weniger als Zunz oder Hermann Cohen. Der problematische Charakter der neuen jüdischen Tradition in Deutschland war bereits lange vor der nationalsozialistischen -') Scho/em. Von Berlin nach Jerusalcm (wie Anm. 24). hes. Kap. 3. -') Eine ausführliche Kritik erschien zuerst 1963 auf hehräisch. Neu gedruckt in Scho/em. Dvarim Bego (wie Anm. 27). 361-3X2. Vgl. auch der.I .. Martin Buhers Deutung des Chassidismus. in: ders .. Judaica. (wie Anm. 27). Bd. I, 165-206. -') Pill/ws 5;odeh. Tales 01' the Baal Shem (to which are appended some 01' his propositions concerning the Divinity, the purpose and suhstance 01" life, its sorrows and its joys). Jerusalem 19X7. In-lXI. Vgl. jetzt auch auf deutsch den .. König Salomos Honigurteil. Märchen lind Legenden der Juden. München 19X9. ') Ehd. lXI.

30 Machtergreifung sichtbar. Das jüdische Projekt der Moderne hatte jedoch nirgendwo in Europa Zeit genug, mit den Schwierigkeiten fertig zu werden, seine eigene Lehensfähigkeit zu testen und sein Potential voll zu entwickeln. Es ist heute auch noch fraglich, oh da, Projekt in seinen zwei wichtigsten modernen Ausführungen, in Israel und in den USA, dauerhafte und treue Erben gefunden hat. Trotz der heeindruckenden Entwicklung einer hehr~iischen Literatur in Israel und des vielfältigen kulturellen Lehens dort kann man angesichts des neuen religiösen Nationalismus die Schwäche der früheren zionistischen Alternative nicht länger leugnen. Die hewußt und radikal säkulare jüdische Kultur, die aus Europa nach Palästina gehracht wurde und dann in Israel zu wach,en schien, ist heute sehr deutlich geschrumpft. In Amerika geht die Ahwendung vom Judentum, so modern und reformiert es auch ist, vielleicht langsamer vor sich, als die meisten Pessimisten erwartet hatten, aber sie wurde sicher nicht gestoppt, nicht einmal richtig gehremst. Unter gänzlich neuen Bedingungen scheint es immer noch notwendig, ein modernes Judentum zu erfinden. Das Werk ist noch lange nicht vollendet.

Zusammenfassung Die Erfindung der Tradition war das einzige, jedoch ;iußerst wichtige jüdische "Projekt der Moderne". b hedeutete die Schaffung einer kohärenten jüdischen Geschichte, die Formulierung moderner jüdischer Ethik und das Wiederaunehen jüdischer Literatur. Dieses dreifache Bestrehen offenharte sich in der "großen" wie in der "kleinen" Tradition. Am wichtigsten, und völlig vergessen, ist die "kleine" Tradition. Sie entwickelte sich parallel mit der allgemeinen deutschen Kultur, erschien in einer Vielfalt von Publikationen in Zeitschriften, Jahrbüchern, Kalendern usw. Trotz der großen Meinungsverschiedenheiten zwischen den einzelnen jüdischen Gruppen in Deutschland - Orthodoxen und Reformjuden, Liheralen und Zionisten - nahmen sie alle teil daran, diese neue Tradition zu gestalten, und alle erzeugten - auf dem komplexen Weg der Auswahl und Interpretation - sehr ähnliche Versionen dieser Tradition.

30 Machtergreifung sichthar. Das jüdische Proiekt der Moderne hatte jedoch nirgendwo in Europa Zeit genug, mit den Schwierigkeiten fertig zu werden, seine eigene Lehensfähigkeit zu testen und sein Potential voll zu entwickeln. Es ist heute auch noch fraglich, oh da, Projekt in seinen zwei wichtigsten modernen Ausführungen, in Israel und in den USA, dauerhafte und treue Erben gefunden hat. Trotz der heeindruckenden Entwicklung einer hehräischen Literatur in Israel und des vielfültigen kulturellen Lehens dort kann man angesichts des neuen religiösen Nationalismus die Schw~iche der früheren zionistischen Alternative nicht Hinger leugnen. Die bewußt und radikal säkulare jüdische Kultur, die aus Europa nach Palästina gehracht wurde und dann in Israel zu wachsen schien, ist heute sehr deutlich geschrumpft. In Amerika geht die Abwendung vom Judentum, so modern und reformiert es auch ist, vielleicht lang,amer vor sich, als die meisten Pessimisten erwartet hatten, aber sie wurde sicher nicht gestoppt, nicht einmal richtig gehremst. Unter gänzlich neuen Bedingungen scheint es immer noch notwendig, ein modernes Judentum zu erfinden. Das Werk ist noch lange nicht vollendet.

Zusammenfassung Die Erfindung der Tradition war da, einzige, jedoch ;iußerst wichtige jüdische "Projekt der Moderne". Es bedeutete die Schaffung einer kohärenten jüdischen Geschichte, die Formulierung moderner jüdischer Ethik und das Wiederaufleben jüdischer Literatur. Dieses dreifache Bestreben offenbarte sich in der "großen" wie in der "kleinen"' Tradition. Am wichtigsten, und völlig vergessen, ist die "kleine" Tradition. Sie ent\'iickelte sich parallel mit der allgemeinen deutschen Kultur, erschien in einer Vielfalt von Puhlikationen in Zeitschriften, Jahrbüchern, Kalendern usw. Trotz der groBen Meinungsverschiedenheiten zwischen den einzelnen jüdischen Gruppen in Deutschland - Orthodoxen und Reformjuden, Liberalen und Zionisten - nahmen sie alle teil daran, diese neue Tradition zu gestalten, und alle erzeugten - auf dem komplexen Weg der Auswahl und Interpretation - sehr ähnliche Versionen dieser Tradition.