Die Eroberer - Die Onleihe

Die Eroberer - Die Onleihe

1 Der Indien-Plan 1483 –1486 13° 25’ 7’’ S, 12° 32’ 0’’ E Im August 1483 stellte eine Gruppe wettergegerbter Seemänner Erkundung: Der Weg nach Ind...

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Der Indien-Plan 1483 –1486 13° 25’ 7’’ S, 12° 32’ 0’’ E

Im August 1483 stellte eine Gruppe wettergegerbter Seemänner

Erkundung: Der Weg nach Indien Der Indien-Plan

e­ inen Pfeiler aus Stein auf einer Landspitze an der Küste des heu­ tigen Angola auf. Er war knapp 1,70 Meter hoch, mit einem Eisenkreuz an der Spitze, das mit gegossenem Blei im Sockel verankert war. Die zylindrische Säule lief oben in einen Würfel zu, dessen Seiten mit einem Wappen und einer Inschrift auf Portugiesisch versehen waren:

Im Jahre 6681 nach der Erschaffung der Welt und 1482 Jahre nach der Geburt unseres Herrn Jesus Christus sandte der Hohe und Vortreffliche und Mächtige Herrscher König Johann II. von Portugal Diogo Cão aus, den Schildknappen seines Hauses, um dieses Land zu entdecken und diesen Pfeiler zu errichten.1

Dieses Monument, eine winzige Nadel in der gewaltigen Landmasse Afrikas, markierte den bislang südlichsten Punkt, den die euro­ päischen Forschungsreisen jenseits der Küsten des Mittelmeeres erreicht hatten. Er war zugleich ein bescheidenes Symbol der Inbesitznahme und ein Stab, der an der afrikanischen Westküste von Landspitze zu Landspitze nach Süden getragen wurde auf der Suche nach einem Seeweg nach Indien. Der Wappenpfeiler erzählte seine eigene mythische Geschichte von Zeit, Identität und religiöser Mission. Cão errichtete mehrere dieser Steinmale, als er auf Geheiß seines Königs nach Süden segelte. Diese Pfeiler, die wahrscheinlich ein Jahr vorher in den grünen Hügeln von Sintra in der Nähe von Lissabon behauen und Tausende Seemeilen auf einer schaukelnden

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Erkundung: Der Weg nach Indien

Karavelle befördert worden waren, kündeten von einer erklärten Absicht, einem festen Vorsatz, wie eine amerikanische Flagge, die in ein Raumfahrzeug geladen wurde, das auf dem Mond landen sollte. Als Cão von seinem Wappenpfeiler aus nach Süden blickte, sah er, dass sich die Küste nach Osten zu neigen schien. Vielleicht dachte er, er befinde sich nahe am Ende von Afrika. Der Weg nach Indien war in Sicht. Wie eine Apollo-Raumfahrtmission versinnbildlichte auch dieser Augenblick jahrzehntelange Bemühungen und Anstrengungen. Nach der Einnahme von Ceuta hatte Prinz Heinrich, der als Heinrich der Seefahrer in die Geschichte einging, damit begonnen, Expeditionen entlang der afrikanischen Küste zu unterstützen, die nach Sklaven, Gold und Gewürzen suchen sollten. Jahr für Jahr, Landspitze für Landspitze drangen die portugiesischen Schiffe weiter vor an der sich westwärts wölbenden Küstenlinie Westafrikas, vorsichtig das Terrain auslotend und stets auf der Hut vor Untiefen und Riffen, über denen sich die donnernde Meeresbrandung brach. Dabei begannen sie auch nach und nach die Form des Kontinents zu erfassen: die Wüstenküste von Mauretanien, die üppigen tropischen Strände jener Gegend, die sie Guinea nannten, das Land der Schwarzen und die großen Flüsse Äquatorial-Afrikas: den Senegal und den Gambia. Unter Heinrichs Führung ­verbanden sich Erforschung, Plünderung und Handel mit ethnographischer Neugier und Kartographierung. Jedes neue Kap und jede Bucht Dieser Pfeiler markierte die Endpunkte von ­Diogo Cãos Reisen entlang der afrikanischen Westküste. Er wurde im Januar 1486 am Kreuzkap in Namibia aufgestellt und 1893 nach Berlin gebracht.

Der Indien-Plan

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wurden in Verbindung mit dem Namen eines christlichen Heiligen, einem sicht­baren Merkmal oder einem bestimmten Ereignis in eine Karte eingetragen. Diese Expeditionen waren eher bescheidene Unternehmungen: zwei oder drei Schiffe unter Leitung eines Mitglieds von Heinrichs Hofstaat, während die Navigation und die Schiffsführung in den Händen eines erfahrenen, doch nicht namentlich genannten Steuermanns lag. Auf jedem Schiff gab es ein paar Soldaten, die ihre Armbrust schussbereit hatten, wenn sich das Schiff einem unbekannten Ufer näherte. Die Schiffe, es handelte sich um Karavellen, waren eine portugiesische Entwicklung und wahrscheinlich arabischen Ursprungs. Ihre dreieckigen Lateinersegel ermöglichten es ihnen, hart am Wind zu segeln, was sehr wichtig war, um sich von der guineischen Küste abzusetzen, und aufgrund ihres geringen Tiefgangs konnten sie auch in Meeresarme und Flussmündungen vorstoßen. Diese Schiffe eigneten sich sehr gut für Forschungsfahrten, wenngleich längere Seereisen aufgrund ihrer geringen Größe – sie waren 25 Meter lang und 7 Meter breit – und des begrenzten Lagerraums für Vorräte mit vielen Unannehmlichkeiten verbunden waren. Heinrich verfolgte verschiedene Motive. Portugal war ein kleines und armes Land an der Peripherie Europas und fühlte sich durch seinen mächtigen Nachbarn Kastilien bedrängt. Bei Ceuta hatte Portugal einen Blick in eine andere Welt geworfen. Heinrich und seine Nachfolger hofften, Zugang zu finden zu den Stätten des afrikanischen Goldes, sich Sklaven und Gewürze anzueignen. Heinrich wurde inspiriert durch mittelalterliche Karten, die auf Mallorca von jüdischen Kartographen erstellt worden waren und funkelnde Flüsse zeigten, die zum Reich des legendären Mansa Musa führten, des „Königs der Könige“, der das Königreich Mali seit dem 14.  Jahrhundert regierte und die sagenumwobenen Goldminen am Fluss Senegal beherrschte. Diese Karten legten die Vermutung nahe, dass es Flüsse gab, die den gesamten Kontinent durchflossen und mit dem Nil verbunden waren. Sie nährten die Hoffnung, dass man ­Afrika auf dem Wasserweg durchqueren könne. Der Hof stellte diese Fahrten gegenüber dem Papst als Kreuzzüge dar – als eine Fortsetzung des Kampfes gegen den Islam. Die Portugiesen hatten die Araber viel früher aus ihrem Land vertrieben als

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Erkundung: Der Weg nach Indien

ihre Nachbarn in Kastilien und schon früh ein Gefühl von nationaler Identität entwickelt, doch der Appetit auf Glaubenskriege war nach wie vor ungestillt. Als katholisches Herrschergeschlecht bemühte sich das Königshaus Avis darum, auf der europäischen Ebene als Kämpfer für die Sache Christi anerkannt zu werden. In einem Europa, das sich zunehmend von einem militanten Islam bedroht fühlte, vor allem nach dem Fall Konstantinopels im Jahr 1453, erhielten die Portugiesen vom Papst moralische und finanzielle Unterstützung, und es wurden ihnen im Namen Christi territoriale Rechte über die erforschten Gebiete eingeräumt. Der Auftrag aus Rom lautete, „sämtliche Sarazenen, Heiden und sonstigen Feinde der Christenheit zu besiegen, gefangen zu nehmen, zu vernichten und zu ­unterwerfen … und sie in immerwährende Sklaverei zu führen.“2 Die Portugiesen wurden aber auch von dem Verlangen nach großen Taten getrieben. Heinrich und seine Brüder waren halbe Engländer – ihre Mutter war Philippa von Lancaster, Enkelin von Edward III.; ihr Vetter war Heinrich V., der Sieger von Azincourt. Eine Aura edler Ritterlichkeit, gespeist durch ihre anglo-normannischen Vorfahren und die mittelalterliche Literatur, umgab den Königshof und beseelte die rastlosen Adeligen mit einer kraftvollen Mischung aus gereiztem Stolz, verwegenem Mut und dem Wunsch nach Ruhm, verbunden mit dem Fieber des Kreuzzugs. Diese adelige Schicht, auf Portugiesisch fidalgos genannt, wörtlich „Söhne einer Familie mit Besitz“, lebte, kämpfte und starb nach einem Ehren­ kodex, der die Portugiesen überall auf der Welt begleitete. Hinter der afrikanischen Unternehmung stand der uralte Traum eines militanten Christentums: dass man den Islam einfach umgehen könne, der den Weg nach Jerusalem und zu den Reichtümern des Ostens versperrte. Auf einigen der Karten wurde eine Herrschergestalt in einem roten Gewand, mit einer Bischofsmitra auf dem Kopf und auf einem golden glänzenden Thron dargestellt. Das war der legendäre christliche Priesterkönig Johannes. Der Mythos vom Priester Johannes reichte weit zurück ins Mittelalter. Er verkörperte den Glauben an die Existenz eines mächtigen christlichen ­Regenten, der jenseits der muslimischen Welt in Asien herrschte und mit dem sich die westliche Christenheit verbünden könne, um die Ungläubigen zu vernichten. Dieser Mythos beruhte auf Berich-

Der Indien-Plan

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Ausschnitt aus dem Katalanischen Weltatlas aus dem Jahr 1375, der auf Mallorca angefertigt wurde. Er zeigt Mansa Musa mit einem Goldklumpen in der Hand. Im Norden liegen der sagenumwobene Goldene Fluss, die Küste Nordafrikas und Südspanien.