DIe eRste In beRlIn - Rudolf Steiner Schule Berlin

DIe eRste In beRlIn - Rudolf Steiner Schule Berlin

weit weg vom heutigen Standort in der Clayallee in einem Schöneberger Hinterhaus in der Genthiner Straße. Dort wurden 56 Kinder in zwei Klassen unterr...

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weit weg vom heutigen Standort in der Clayallee in einem Schöneberger Hinterhaus in der Genthiner Straße. Dort wurden 56 Kinder in zwei Klassen unterrichtet von der jungen Magdalene-Ithwari Kiefel und dem erfahrenen

Die erste

Herbert Schiele. Später kam Anni Heuser als Lehrerin dazu.

Der Gedenkstein Auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee wurde 1951 ein Gedenkstein für eine jüdische Widerstandsgruppe errichtet. Dieser Gruppe um Herbert Baum gehörte auch Edith Fraenkel an, die in die Klasse von Helmut Koberg und Inge Hirschfeld ging. In der großen Schule in der Clayallee, der Nachfolgerin der 1. Rudolf Steiner Schule, erinnert bisher nichts an unsere ehemaligen jüdischen Schüler. Dabei ist hier der Gefühlsanteil einer Mahnung „Vergesst sie nicht“ besonders brisant, da zwei unserer Gebäude eng mit den „Nazigrößen“ Keitel und Jodl verbunden sind.

Die wachsende Schule zog bald darauf in ein frei gewordenes Schulgebäude in der Großbeerenstraße in Kreuzberg. 1933 begann der Aufbau der Oberstufe mit dem ersten 9. Schuljahr durch den Mathematiklehrer Robert Schiller. Am 7. April 1933 war das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ verkündet worden. Danach wurden alle politisch bedenklichen Beamten und alle Juden aus dem Staatsdienst entfernt. Die Eingriffe in den Lehrplan blieben

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Als „Umschulungskurse“ wurden einige Klassen noch über ein Jahr ziemlich geschlossen weitergeführt. So konnten auch einige jüdische Schüler bleiben, was in einigen Fällen eine Umschulung vor der Auswanderung ersparte. Dadurch blieb ihnen in einigen Fällen eine Umschulung vor der Auswanderung erspart. Ab 1939 konnten kleine Gruppen von Kindern durch Vorlegen eines Attests privat unterrichtet werden. Erich Weismann wurde aus solch einer Unterrichtstätigkeit 1941 von der Gestapo verhaftet und ins Gefängnis gebracht. Die Atmosphäre dieser ersten Schule und die beeindruckenden Lehrerpersönlichkeiten müssen so prägend gewesen sein, dass alle Ehemaligen aus dieser Zeit ihr ganzes Leben lang davon schwärmten, wo auch immer sie das Schicksal hingestellt hatte. Julia Stoye

Einweihung des Gedenksteins findet statt am Freitag, dem 11. September 2015 um 16.00 Uhr auf dem

Rudolf Steiner Schule in Berlin zunächst geringfügig, der Verbleib der nichtarischen Lehrer war jedoch beendet. Die Eurythmistin Lola Jaerschky trennte sich daher von der Schule. Sie war Halbjüdin und wollte das Kollegium nicht in Schwierigkeiten bringen. Im Februar 1934 zog die Schule wegen des steten Wachstums in die Berliner Straße (heute Otto-Suhr-Allee) um. Dort gab es sogar eine kleine Aula für 150 Personen, aber die Zeit des Aufbaus nahm dennoch ein Ende: Am 12. März 1936 wurde verfügt, dass die Rudolf Steiner Schule keine neuen Kinder mehr aufnehmen durfte. Die Waldorfschulen waren wegen ihrer Unterrichtsmethode im neuen Staat nicht mehr tragbar. Als die Lehrer der Schule ultimativ aufgefordert wurden, sich einzeln auf den Führer zu vereidigen und das Treuegelöbnis zu Adolf Hitler schriftlich zu bestätigen, entschloss sich das Kollegium, die Schule am 26. August 1937 zu schließen. Die Kinder wurden anschließend zur Aufnahme in andere Schulen vorbereitet.

Die feierliche

AusGabe 29/2015

Platz vor dem Eingang Clayallee Nr. 118.

Erst wenn ich Lichtes denke, leuchtet meine Seele; erst wenn meine Seele leuchtet, ist die Erde ein Stern; erst wenn die Erde ein Stern ist, bin ich wahrhaft Mensch.

Liebe Leserinnen und Leser,

Herbert Hahn

F

ür unsere Gruppe war daher von Anfang an klar, dass wir einen Gedenkplatz auf dem Schulhof entwickeln würden. Wir begannen also, mit der fachmännischen Hilfe von Herrn Kaufmann, Entwürfe zu zeichnen. Schnell wurde uns klar, dass wir ohne finanzielle Mittel und Unterstützung der Schule nichts erreichen würden. So wurden Sponsoren gesucht: Wir sind dankbar dafür, dass unsere Suche erfolgreich war! Herr Ohlendorf war von unserem Plan begeistert und unterstützte alle Bemühungen nach Kräften, immer bereit, uns zu ermutigen und Zeit für Beratungen zu opfern. So fanden wir bald einen bisher kaum genutzten Platz, rechts vor dem Eingang zum Saalbau (Clayallee), womit wir einen wunderbaren Ort inmitten des aktiven Schullebens erhielten. Ein passender Naturstein wurde gefunden und in zwei Teile zersägt, um auf diese Weise die

willkürliche Ausgrenzung der Juden zu symbolisieren. Für die Inschrift wählten wir einen Spruch von Herbert Hahn, der für Edith Fraenkel eine besondere Bedeutung in ihrem kurzen Leben hatte; diese Tatsache wurde von Ediths Verlobten der „Nachwelt“ übermittelt. Der Stein wird umringt von kleineren Steinen, auf denen wir Kupferplatten mit den Namen der uns bekannten jüdischen Schüler angebracht haben. Wir hoffen, dass wir dadurch die ehemaligen jüdischen Schüler symbolisch wieder in unsere Schulgemeinschaft aufgenommen haben. Wir wissen aus Kontakten mit den Nachkommen dieser Menschen, die heute in Uruguay oder in Kalifornien leben, dass ein Gedenkstein viel für sie bedeutet. Eva Probst | Marlene Werner

IMPRESSUM Herausgeber: Freundeskreis der Rudolf Steiner Schule Dahlem Auf dem Grat 1 - 3 • 14195 Berlin www.dahlem.waldorf.net Redaktion: Conny Bergengrün, Friedrich Ohlendorf, Gisela Schuster Druck: Grafische Werkstatt Franz Pruckner Auflage: 4.500 Erscheinungsdatum: Juli 2015 Kontakt: Gisela Schuster Freiwaldauer Weg 26 • 12205 Berlin T: 030 / 811 62 42 [email protected] Kontoverbindung: Bank für Sozialwirtschaft IBAN: DE59 1002 0500 0003 0900 00 BIC: BFSWDE33BER

gestaltung: www.grammatiks.de | Foto Titel: Architekturbüro Kersten + Kopp

Diese erste Schule hieß zuerst noch „Freie Schule Berlin“. Sie befand sich

heute präsentieren wir Ihnen die 29. Ausgabe unseres Newsletters. Noch ist das laufende Schuljahr „in full swing“, aber die Tage eilen dahin, und die großen Ferien winken. Viele Abschlüsse, wie die Klassenspiele, konnten wir bereits bewundern. Auch die wichtigen Prüfungen, wie der Mittlere Schulabschluss und das Abitur sind fast beendet, es fehlen noch die Eurythmiepräsentationen der Mittel- und Oberstufe und das Konzert des Oberstufenorchesters zum Abschluss der Tournee. Wenn Sie, liebe Leserinnen und Leser, den i-Punkt in den Händen halten, gehören alle diese Ereignisse in die Vergangenheit, so wie das Mittelstufenkonzert, das in diesem Jahr zugleich eine Premiere war: Man traf sich zum Musizieren in der neuen Mehrzweckhalle! Auf dem Foto sehen Sie die Halle am Tag der Einweihungsfeier. Einige Kinder der Unterstufe zeigen ihr Können im Bodenturnen auf dem Platz, wo wenig später das Orchester saß. Die ansteigenden Ränge, die man rechts sieht, können durch Knopfdruck in der Wand verschwinden, wenn der Strom so schön zuverlässig fließt, wie er das bisher immer tat. Die Ränge waren beim Mittelstufenkonzert als Sitzplatz heiß begehrt, denn man hat von dort eine gute Sicht auf die Musiker. Sicher gibt es noch technische und bauliche Unzulänglichkei-

ten, die deutlich wurden, aber welcher neue „Konzertsaal“ ist gleich perfekt, und was bedeuten kleine Mängel im Vergleich zu der Tatsache, dass ein großes Konzert im eigenen Hause von nun an möglich ist. Nach dem Verschwinden der Tribünen und dem Wegräumen der Pulte und der Instrumente konnte wieder fröhlich geturnt werden: Diese zweifache Nutzung war ja das Ziel des Neubaus! Unsere heutige Ausgabe hat ein besonderes Anliegen: Wir wollen Sie informieren über eine „Forschungsarbeit“, die hier im i-Punkt 2010 angeregt wurde und nun zu einem gewissen Abschluss gekommen ist. Es handelt sich um das Aufspüren der Lebenswege der jüdischen Schüler der ersten Rudolf Steiner Schule Berlin. Eine Gruppe aus der 11. Klasse hat hier eine großartige Arbeit geleistet, und die Schüler/innen berichten darüber im Innern dieser Ausgabe. Sollten Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, bei der Lektüre weitere Informationen zu dem Thema einfallen, so würden wir uns über Zuschriften freuen. In der Hoffnung, dass Sie den Inhalt der 29. Ausgabe des i-Punkt besonders warmherzig aufnehmen, grüße ich Sie herzlich. Ihre

17.06.15 12:58

Jüdische Schüler der 1. Rudolf SteinerSchule in Berlin

Die Rassengesetze

Das antisemitische Gedankengut war keine Erfindung Hitlers. Er übernahm jedoch im großen Stil den pseudowissenschaftlich begründeten Rassenantisemitismus des 19. Jahrhunderts. Daraus entwickelten sich die Rassengesetze, die den Juden, aber auch den Sinti und Roma alle Freiheiten nahmen, die sie vorher hatten, und die ihnen das Leben in Deutschland fast unmöglich machten. Die Lage spitzte sich bis zu dem Beschluss der totalen Vernichtung zu, der auf der sogenannten „Wannseekonferenz“ 1942 gefasst wurde. Dies führte zur Ermordung von über fünf Millionen Juden.

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uch die jüdischen Schüler der ersten Rudolf Steiner Schule hatten unter den Maßnahmen der Verfolgung zu leiden. Öffentliche Kulturveranstaltungen waren ihnen verboten Wenn z.B. ein Theater-oder Konzertbesuch geplant war, konnten sie nicht mit. Da sie öffentliche Verkehrsmittel nicht mehr benutzen durften, war die Teilnahme an Ausflügen und Klassenfahrten unmöglich. Auch für die Waldorflehrer war das sehr schwer zu ertragen, denn sie wollten natürlich alle Schüler mitnehmen! Das Leben der Juden wurde immer schwieriger und die Angst vor gewaltsamen Übergriffen nahm täglich zu. Der Schulweg war für diese Kinder immer mehr von Unsicherheit geprägt! Zeitzeugen haben berichtet, dass die jüdischen Mitschüler ihre kindliche Sorglosigkeit und Fröhlichkeit verloren, sich immer mehr als Außenseiter fühlten. Das wurde ab 1939 für Jeden sichtbar, denn die Juden mussten von da an einen gelben Stern, den „Judenstern“, an ihrer Kleidung tragen. Ihre Pässe und Lebensmittelkarten wurden mit einem großen „J“ gekennzeichnet. Als zweiten Vornamen mussten sie von die Namen Sara und Israel tragen. Wenn ich mir vorstelle, was meine ehemaligen jüdischen Mitschüler ertragen mussten, dann finde ich folgende Maßnahmen besonders niederträchtig. Wie würden wir heute reagieren, wenn uns solche Verbote treffen? Die Kinder mussten z.B. Abschied vom Hund oder der Katze nehmen, denn Juden durften keine Haustiere mehr halten. Sie mussten die Rundfunkgeräte abgeben. Sie durften nicht mehr in einen Park oder in den Wald gehen. Und wie geht es einem, wenn man nach acht Uhr abends nicht die Wohnung verlassen darf? Auch der tägliche Einkauf war beschränkt auf die Zeit zwischen vier und fünf Uhr nachmittags. Die Benutzung von Leihbüchereien war ebenfalls untersagt. Die Liste der Verbote ist noch lang, die Demütigung schwer wiegend, und die Ausgrenzung der Juden perfekt! Die Lehrer der ersten Rudolf Steiner Schule Berlin versuchten die Fassade des „normalen“ Lebens für die jüdischen Schüler so lange wie möglich aufrecht zu erhalten. 1938 jedoch verpflichteten die Nationalsozialisten die Lehrer der Privatschulen einen persönlichen Eid auf Adolf Hitler zu leisten. Daraufhin beschlossen die Waldorflehrer, ihre Schule zu schließen. Zu dem Zeitpunkt waren allerdings schon viele jüdische Schüler emigriert. Hannah Tauber

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ach der Machtübernahme Hitlers flohen über eine halbe Million Menschen aus Deutschland, darunter viele Juden. Bis 1941, als das Auswanderungsverbot für Juden erlassen wurde, wanderte etwa die Hälfte der in Deutschland lebenden Juden aus. Das Leben in der Fremde war für viele beschwerlich. Sprachprobleme und finanzielle und berufliche Probleme waren die Hauptursachen. Die meisten konnten ihr Vermögen nicht retten. Mit der Verfolgung der Juden und deren Verdrängung aus der deutschen Gesellschaft wurde von Beginn an auch deren Beraubung durchgeführt. Das verstellte oft den Weg in die

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r, geb. Ruhm Delia Walke

Juden im Exil zur Zeit des Nationalsozialismus Emigration, denn nur wer genügend Geld mitbrachte, hatte Chancen auf die Aufnahme in einem fremden Land. Viele verkauften alles, was sie noch besaßen, um das Geld für die Reise oder Überfahrt zu organisieren. In dieser Situation befanden sich auch die jüdischen Schüler der ersten Rudolf Steiner Schule und deren Eltern. Ein Beispiel dafür sind Delia und Beate Ruhm. Ich stieß auf den Namen Delia Walker geb. Ruhm, als ich einen Artikel des Online Magazins „Berlin.de“

las. Delia berichtete dort über die Zeit, die sie mit ihrer Schwester Beate von Oppen geb. Ruhm an der Rudolf Steiner Berlin verbracht hatte. Ich begann eine tiefergehende Recherche und konnte so das Schicksal der beiden Schwestern aufklären. Beate (geb. 1918) war die große Schwester von Delia und beide waren jüdischer Abstammung. Sie wuchsen in Berlin auf. Ihr Vater, Ernst Ruhm, arbeitete als Anwalt und ihre Mutter, Hilde Isaac, war eine bekannte Sopran-Sänge-

Theresienstadt,

das „Geschenk des Führers an die Juden“, war kein gewöhnliches Konzentrationslager. Auf den ersten Blick unterschied es sich zweifellos von anderen Lagern, wie z. B. Auschwitz. Es fehlten die elektrischen Stacheldrahtzäune, die primitiven Holzbaracken und die einheitliche Häftlingskleidung. Dennoch war das Leben elend: In der Stadt hatten vor dem Krieg 7.000 Menschen gewohnt. Nun drängten sich dort 40.000 Juden. In den Räumen war kein Platz für Privatsphäre, denn der Abstand zwischen den Betten betrug oft nicht einmal einen Meter. Viele Bewohner mussten auf Dachböden und in Kellern schlafen, wo es im Sommer unerträglich heiß und im Winter eiskalt war. Der Mangel an Nahrung und die unzureichende Hygiene ließen Krankheitsepidemien ausbrechen, die Menschen starben in Massen. Die älteren Menschen waren bei ihrer Ankunft besonders erschüttert, denn man hatte ihnen versprochen, Theresienstadt sei ein Altersheim. Sie hatten sogar viel Geld für das Wohnrecht bezahlt. Da diese Juden nicht mehr arbeiten konnten, wurden sie bald zur elendsten Gruppe und fast alle starben.

l rau Kiefe

F …Alles belasse und ihre K gann mit einem Brief, den die Re 1928 daktion im Sommer 2010 von Gerhard J. Palmer, Pfarrer der Christengemeinschaft, aus Leipzig beHelmut Koberg kam. Herr Palmer schrieb, er sei im Sommer 1935 in die letzte erste Klasse der Rudolf Steiner Schule Berlin eingeschult worden. Auf einem Klassenfoto habe er festgestellt, dass von den 32 Schülern acht jüdischer Abstammung waren – einer war Halbjude. Was mag aus diesen Kindern geworden sein, so fragte er sich und regte an, das einzusammeln, was an Informationen noch zu finden sei.

Die Anregung ließ mich nicht los, und so kam ich zu einer Begegnung mit Helmut Koberg, einem Schüler der 1. Rudolf Steiner Schule Berlin. Dieser ersten Begegnung folgten viele weitere Besuche und Gespräche, in denen ich alle meine Fragen stellen konnte. Herr Koberg erzählte, gestützt auf ein wunderbares Erinnerungsvermögen, begeistert von seinen Jahren auf der Waldorfschule. Gemeinsam betrachteten wir ein Klassenfoto, und er nannte die Namen der jüdischen Mitschüler und berichtete über ihr Schicksal. Fast alle jüdischen Kinder konnten mit ihren Eltern rechtzeitig emigrieren, zwei Mädchen gelang dies nicht: Inge Hirschfeld geb. Korach, die von 1943 an die Schrecken von Theresienstadt und Auschwitz durchlitt, und die glücklicherweise überleben konnte. Edith Fraenkel, das andere Mädchen aus dieser Klasse, blieb in Berlin, erlebte Gefängnis und Zwangsarbeit und wurde 1944 nach Auschwitz transportiert, wo sich ihre Spur verliert. Im Spätsommer 2013 lernte ich die damalige 10. Klasse der Rudolf Steiner Schule kennen. Zusammen mit Frau Bergengruen (Geschichtslehrerin der Klasse) berichtete ich Ihnen von Herrn Palmers Brief und fragte, ob sich eine Schülergruppe mit dem Projekt „Wir klären das Schicksal der ehemaligen jüdischen Mitschüler auf“ verbinden würde. Die Gruppe war schnell gefunden, und traf sich von da an regelmäßig. Es war leider schon fast zu spät, denn es gab kaum noch Zeitzeugen. So hielten wir uns mit der Forschung hauptsächlich an die Informationen der Klasse von Frl. Ithwari Kiefel, über die wir Bilder und Dokumentationen von Herrn Koberg bekamen. Sie lesen also auf dieser Seite in bunter Folge, was die Schülerinnen und der Schüler der jetzigen 11. Klasse erforscht haben. Wir hoffen, dass es Leser gibt, die uns noch weitehelfen können,denn die Arbeit ist nicht beendet. Gisela Schuster

Edith Fraenkel um 1938

Hans Hirschfelds Mutter

(Bericht ueber ihr Schicksal im i-Punkt Nr.21 - Die Redaktion)



Inge Hirschfeld

von oben nach unten

1928 - 1939 - 1937

Unsere ehemalige Mitschülerin Inge Hirschfeld, geb. Korach wurde mit ihrem Mann Hans im Juni 1943 nach Theresienstadt gebracht ( Wir berichteten über ihr Schicksal im „i-Punkt“ Nr. 22 – Die Redaktion). Inge und Hans wurden sofort voneinander getrennt, und der Kontakt war von da an schwierig, als sie die unerträglichen Verhältnisse in Theresienstadt erkannten. Für Inge war die Situation besonders schrecklich, denn sie war im 5. Monat schwanger. So war es kein Wunder, dass die Zwillingsmädchen, die Inge im August (d.h. zwei Monate zu früh) zur Welt brachte, kurz danach starben! Inge wurde dann Leiterin eines Kinderheims. In ihrer Freizeit nahm sie rege an den künstlerischen Angeboten teil. Diese Angebote waren für viele Gefangene ein Lichtblick, ja ein Hoffnungsschimmer in ihrem grauen und immer mit Angst verbundenem Alltag. Inge war sehr musikalisch und konnte vom Blatt singen. So trat sie in den Chor ein, der z. B. Haydens „Schöpfung“ einstudierte. Sicher hat die Musik sie auch an ihre Waldorfschulzeit erinnert! Die Kinder, mit denen Inge im Kinderheim arbeitete, spielten teilweise in der Kinderoper „Brundibar“ mit, die im Ghetto über fünfzig Mal aufgeführt wurde. Das gemeinsame Singen und Spielen bedeutete für die kleinen Künstler ein Stück Normalität und Freude, und sie vergaßen Hunger und Kälte und Angst. Denn man starb in Theresienstadt nicht nur aus Mangel an Brot, sondern auch an verlorenem Selbstgefühl, an verlorener Identität. Wer weiß, ob Inge Hirschfeld, unsere ehemalige Mitschülerin, ohne die Kraftquelle der Musik die schreckliche Zeit überlebt hätte. Carlotta Brissa

…Fortsetzung Juden im Exil

rin. Delia wechselte von der ungeliebten Volksschule auf die Rudolf Steiner Schule, auf der sie sich sehr wohl fühlte. Sie berichtete von sehr aufgeschlossenen Lehrern, die sich besonders für die jüdischen Schüler einsetzten. „All schools had a quota of Jewish children which they were not allowed to exceed. Our teachers regularly broke this rule and many other rules, too. Some of them ended up in prison. A brave and exceptional group of people!” (berlin.de) * Als die Nationalsozialisten die Schulerziehung für jüdische Schüler verbot,

besuchte Delia eine internationale “Quaker”-Schule in den Niederlanden. 1939 zog sie dann zu ihrer Schwester Beate nach England, wo sie eine Schule in Cambridge besuchte. Kurze Zeit später konnten die Eltern der beiden Mädchen ebenfalls nach England emigrieren. Delia war immer schon eine begeisterte Flötistin. Nachdem sie ein Stipendium für die „Royal Academy of Music“ in London bekommen hatte, konnte sie dieses Instrument studieren und dann eine erfolgreiche Karriere als Flötistin starten. Delia heiratete Harlan Walker, mit dem sie eine Familie in Birmingham gründete. Sie starb mit 89 Jahren und hinterließ

ihren Mann, zwei Söhne, eine Tochter und sieben Enkelkinder. Ihre Schwester Beate ging in die USA und arbeitete dort als Historikerin und Lehrerin. Sie starb mit 86 Jahren. Delia, ihre Schwester und ihre Eltern überlebten den Holocaust. Dank ihrer finanziellen Mittel hatten sie das Exil erreicht. Etwa 6 Millionen Juden gelang dies nicht: Sie erlagen dem grausamen Völkermord. Max Kemman * “Alle Schulen unterlagen einer Quote von jüdischen Schülern, die sie nicht überschreiten durften. Unsere Lehrer verstießen regelmäßig gegen diese und viele andere Regeln. Einige von ihnen kamen daher ins Gefängnis. Eine mutige und besondere Gruppe von Menschen!“

17.06.15 12:59