Die Erziehung in der Schule Gottes - Bibelkommentare

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Die Erziehung in der Schule Gottes James Butler Stoney Dieser Kommentar ist erschienen bei Ernst-Paulus-Verlag. Aus dem Englischen übersetzt; leider...

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Die Erziehung in der Schule Gottes James Butler Stoney

Dieser Kommentar ist erschienen bei Ernst-Paulus-Verlag. Aus dem Englischen übersetzt; leider seit einigen Jahren vergriffen.

© 2017 Ernst-Paulus-Verlag und www.bibelkommentare.de

Dieser Kommentar ist im Internet veröffentlicht unter: www.bibelkommentare.de/get/cmt.219.pdf

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Die Erziehung in der Schule Gottes (J.B.S.)

Inhalt

Inhalt

Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Adam . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

6

Abel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

12

Henoch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

16

Noah . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

18

Abraham . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

22

Isaak . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

28

Jakob . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

34

Joseph . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

41

Hiob . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

46

Mose . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

57

Josua . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

72

Gideon . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

80

Simson . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

87

Ruth . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

94

Samuel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

99

David . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108 Elia . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133 Elisa . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 142

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Inhalt

Hiskia . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151 Jesaja . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 158 Jeremia . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166 Hesekiel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 179 Paulus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 184 Bibelstellenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 200

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Einleitung

Einleitung Für den Gläubigen kann nichts anziehender sein als die Art und die Ergebnisse jener Erziehung zu betrachten, die unser Gott in der Fülle Seiner Liebe und Weisheit Seinem Volke angedeihen läßt. Trotz seiner Anziehungskraft und seiner Notwendigkeit für die geheimen Seelenübungen wird dieser Gegenstand nur wenig verstanden, und die Wege Gottes werden entweder für sonderbar gehalten oder es fehlt ihnen jede richtige und nützliche Erklärung. Ich möchte daher mit des Herrn Hilfe in einer Reihe von Aufsätzen Gegenstand und Wirkung der besonderen Erziehung darstellen, wie sie uns im Hinblick auf hervorragende Zeugen Gottes auf Erden berichtet wird. Ich möchte es tun, um die Herzen der Gläubigen dahin zu führen, sich mehr mit einer Sache zu beschäftigen, die uns in besonderer Weise mit den geheimen, liebevollen Gedanken Gottes für uns verbindet.

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Adam

Adam Ich beginne demgemäß bei Adam. Obgleich er eigentlich nicht am Anfang des Glaubenslebens steht, war er doch der Gegenstand ernster Zucht und ein bemerkenswertes Beispiel ihrer Wirkung. Einst hatte Adam die Zucht nicht nötig – ein Zustand, den später nie ein Mensch kennengelernt hat. Als er in Übertretung fiel, brach der Tag der Zucht an. Er, der nach dem Bilde Gottes geschaffen war, der Gott näher stand als jedes andere Geschöpf, ist jetzt von einem Geist und einer Natur erfüllt, die Gott so entgegengesetzt sind, daß er, wenn er für Gott leben will, lernen muß, seinem eigenen Willen zu entsagen, geübt unter der mächtigen Hand Gottes. Für Adam muß dies ein eigenartiger Gegensatz zu der einst ruhigen Unterwerfung seines Sinnes unter den Willen Gottes gewesen sein. Folglich muß er ihn um so mehr gefühlt haben, und während der Widerstand seines Herzens unterdrückt wurde, muß er die Herrschaft Gottes mit der Machtlosigkeit der Unschuld verglichen haben. Im Zustand der Unschuld war er gefallen, und ihn, den Gefallenen, erhob die Hand Gottes -und er war nicht unwissend oder teilnahmslos dabei, sondern tätig, von seiner Schuld überführt. Die Unschuld war bei ihm schwach gewesen. Die Macht Gottes, die seine nicht mehr unschuldige Natur unterwarf, war groß und mächtig. Nie wieder hätte er den Zustand der Unschuld zurückgesehnt, denn er wußte, wie schwach jener war. Er wußte, daß er als Gefallener in der Macht Gottes mehr vermochte, als er ohne Hilfe im Zustand der Unschuld je hätte versuchen können. Als Unschuldiger hatte er keinen Begriff von dem Wert des Lebens; als Gefallener, der an die Offenbarung Gottes glaubte, konnte er jetzt das einzige Geschöpf, dem er bisher einen Namen gegeben hatte, die Mutter aller Lebendigen nennen. Unter dem Urteil des Todes konnte er von Leben reden, während er als Unschuldiger – wenn er ungehorsam war – mit dem Tod bestraft wurde. Die Unschuld konnte jetzt keinen Reiz mehr für ihn haben. Sie war zwar eine Zeit wunderbarer Seligkeit gewesen, aber ein Zustand, in dem er nicht bleiben konnte; unter der Zucht Gottes steht er nun sittlich höher, obgleich stellungsmäßig tiefer. Adam wurde nicht betrogen, sondern beeinflußt. Früh entdeckt er die Schwächen der Natur, die schließlich zu seinem Fall führten. Weder die Welt und ihre Herrlichkeit noch irgendeine Art der niederen Geschöpfe konnte das Sehnen Adams nach einem Gefährten stillen: für ihn wurde keine Hilfe gefunden, und es war „nicht gut, daß er allein war.“ Das Verlangen seiner Natur war nicht befriedigt; aber als diejenige, die ihn befriedigte, betrogen wurde, gibt er ihrem Einfluß nach, wie er selbst gesteht: „Sie gab mir . . . und ich aß“. So eröffnet der erste Mensch das Geheimnis seines Herzens, daß er von jemand anders abhängig war, so daß, als Satan nicht wagte ihn zu betrügen, Eva als die Person seiner Zuneigungen ihn mit Erfolg beeinflußte. jetzt haben beide entdeckt, daß sie Gott entfremdet sind und verbergen sich vor Seiner Gegenwart; aber jetzt werden ihnen die ersten Lehren der Gnade Gottes zuteil. Zucht ist eigentlich sowohl Überführung von Sünde, als auch Zurechtweisung. Züchtigung oder Zurechtweisung verbunden mit Leiden um der Sünde willen machen mich zu einem Teilhaber der Herrlichkeit. Meine Natur wird dadurch nicht verbessert, aber ich werde so von ihrer völligen

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Adam

Hilflosigkeit überzeugt, daß ich mich Gott hingeben kann, und das ist die wahre und klare Bedeutung der Heiligung, „ohne welche niemand den Herrn schauen wird.“ Von Sünde überführt zu werden, ist äußerst schmerzlich, und wenn wir nicht ein starkes Bewußtsein von der Gnade Gottes haben, wenn wir überführt werden, dann werden wir sehr niedergedrückt sein und dazu neigen, in der Verzweiflung alles aufzugeben. Daher die Ermahnung: „noch ermatte, wenn du von ihm gestraft (griechisch auch überführt) wirst.“ Gott überführt nicht vorschnell. Er möchte, daß wir durch die Wirkung Seines Wortes auf unser Gewissen uns selbst zuerst überführen. Es hilft wenig, einem eitlen Menschen seine Fehler vorzuhalten; im Allgemeinen veranlaßt ihn das nur, sie noch besser zu verbergen oder herabzumildern. Es ist sehr schwierig, jemanden, der krank ist, aber es selbst nicht glaubt, dahin zu bringen, daß er die notwendige Lebensweise befolgt; je mehr Einwendungen man ihm macht, desto eifriger wird er versuchen, zu beweisen, daß man Unrecht hat, und so verschlimmert man die Krankheit, die man lindern wollte. Aber die wahrhaft von Sünden überführte Seele gleicht dem Kranken, der zitternd die Gefahr erkennt, und ist willig bereit, jede wahre Zurechtweisung und Hilfe anzunehmen. Als Adam die Pläne seines entfremdeten verderbten Herzens vollendet hatte, als die Schürzen von Feigenblättern sie bedeckten, und er sich hinter den Bäumen versteckt hatte, erreichte ihn die forschende Stimme Gottes, obwohl er ihr zu entgehen versuchte. Dazu neigen wir immer zuerst, wenn das Licht des Wortes uns erreicht; wir versuchen dem Licht zu entweichen wie die Pharisäer, die die Gegenwart des Herrn verließen. Daher wird uns beständig erlaubt, unsere Pläne bis zu Ende durchzuführen, damit wir erfahren, wie nichtig sie sind. Manche Stunde, mancher lange Tag wird vergeudet bei der Durchführung von Plänen, die, am forschenden Worte Gottes geprüft, ganz und gar aufgegeben werden müssen. Welcher Art sind diese Pläne? Sind sie dazu angetan, dich von Gott zu entfernen und vor Ihm zu verbergen, oder dich nahe zu Ihm zu bringen und Ihm die kleinsten Geheimnisse deines Herzens zu enthüllen? Diese Frage ist ihr Prüfstein. Die Pläne Adams sollten ihn verhüllen, um dem Auge Gottes zu entgehen, und Gott ließ ihn seine Absicht zu Ende führen. O, wie gut wissen wir alle, was das ist! Der arme verlorene Sohn versucht sein Glück im fernen Land, aber er kehrt als wahrhaft gedemütigter Mann in das Vaterhaus zurück. Die vielen Absichten werden gut geprüft und für nichtig befunden, und dann lauscht die Seele den gnädigen Worten, denen sie so gerne entflohen wäre. Es ist schrecklich, die Frage: „Wo bist du?“ beantworten zu müssen. wenn man die Unzulänglichkeit aller Mittel, die das Gewissen vor der Wirkung des Wortes Gottes schirmen Sollen, entdecken muß. Gefiel es dem verlorenen Sohn, sie zu beantworten, als er die Schweine hütete? Gefiel es Petrus, sie zu beantworten, als er sich am Feuer der Feinde seines Herrn wärmte? Gefiel es Adam, wenn er sich an die Stellung, die er einnahm, erinnerte, im Gegensatz zu der, die er verwirkt hatte? Die Antwort auf die Frage: „Wo bist du?“ offenbart den Zustand des Gewissens. Die Stimme Gottes erforscht das Gewissen, und wenn dieses nicht erkannt hat, daß es mit Gott zu tun hat, muß seine Antwort lauten: „Ich fürchte mich“. Die erste Regung eines beschwerten Gewissens ist, sich zu verbergen. Es möchte weder sich selbst sehen, noch daß irgendein anderer es sieht, wie es ist, und beim Klang der Stimme Gottes versteckt es sich, und Verstecken verrät sowohl Entfernung als auch Ausweichen. Wenn man seine Zuflucht zum Verbergen nimmt, muß eine gewisse Tätigkeit des Gewissens vorhanden sein, besonders, wenn keine andere Strafe zu erwarten ist, als die Tatsache der Offenbarung der Schuld. Im Grunde nehmen wir unsere Zuflucht zum Verstecken, um besser

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Adam

zu erscheinen, als wir sind. Wenn wir willens wären, uns so zu zeigen, als wir sind, würde es kein Verstecken geben. Noch nie wurde eine Maske zu etwas anderem als zur Selbsterhöhung benutzt, und noch nie wurde eine Lüge zu einem anderen Zweck aufrechterhalten als dem, unverdiente Anerkennung zu bekommen. Wenn Gott sich mit uns beschäftigt, erfahren wir, daß „alles bloß und aufgedeckt ist vor den Augen dessen, mit dem wir es zu tun haben“. Das Wort (Hebräer 4,12–13) wirkt auf unser Gewissen „durchdringend bis zur Scheidung von Seele und Geist . . ., und ist ein Beurteiler der Gedanken und Gesinnungen des Herzens“; aber es führt zu Gott. Er ist es, „mit dem wir es zu tun haben.“ Die Stimme Jehovas durchdrang die Seele Adams, und obwohl er mit Feigenblättern umgürtet war, was seinem eigenen sittlichen Maßstab genügte, prüfte ihn das Wort, als es zu ihm kam, und er fürchtete sich, weil er nackt war – nackt vor Gott – und er versteckte sich. Es ist wichtig, sich mit diesen beiden Tätigkeiten des Gewissens zu beschäftigen, denn ihre Verwechslung führt zu mancherlei Übungen und Verwirrung der Seele. Wenn ein Mensch sein Gewissen beruhigt und irgendein System angenommen hat, das den wahren Zustand seiner Seele vor ihm selbst und anderen verborgen hält, schwimmt er eine Zeitlang auf stillem Wasser, aber sobald er die Stimme des Herrn hört, scheinen ihm alle Elemente sich in einem Wirbelsturm zu befinden. Sein Schlaf wird unterbrochen, er ist wie der überführte Petrus in Lukas 5,8: er „fürchtet sich“. Die Tatsache, daß er vor Gott bloß und aufgedeckt ist, kommt ihm mit schrecklicher Klarheit zum Bewußtsein, und das umsomehr, weil er sich selbst betrogen und sein Ruf bei seinen Mitmenschen ihn darin noch bestärkt hat. Die Wirksamkeit des Wortes Gottes würde furchtbar und überwältigend sein, hätten wir nicht „einen großen Hohenpriester, der durch die Himmel gegangen ist, Jesum, den Sohn Gottes.“ Er, „der in allem versucht worden ist in gleicher Weise wie wir, ausgenommen die Sünde“, kommt uns mit Seinem Mitgefühl entgegen, sobald wir durch die Wirkung des Wortes von der Sünde abgesondert sind, und Seine Sühnung in ihrer ganzen Wirkung vor Gott bringt das überführte Gewissen am Thron der Gnade zur Ruhe, damit es dort die Gnade empfangen kann, die es bedarf. Das ist es gerade, was Adam lernen mußte; daher verfolgt ihn die Stimme bis in sein Versteck. Umsonst versuchen wir, dem Auge Gottes zu entgehen, wenn Er beschließt, uns zu suchen. Nähmen wir „Flügel der Morgenröte“ und ließen uns nieder „am äußersten Ende des Meeres“, so würde Er uns auch dort erreichen! O, wie bemäntelt sich das Gewissen, das Gott zu entfliehen trachtet, mit dem Blattwerk dieser Welt! Es bekleidet die höchsten und ehrenvollsten Ämter, aber vergebens! die „Wächter“ werden laut rufen: „Hauet den Baum um und schneidet seine Zweige weg, und streifet sein Laub ab“ (Dan 4,14). Der Zufluchtsort der Lügen wird bloßgelegt werden, und die Seele muß sich vor Gott verantworten. Sie muß die Frage: „Wo bist du?“ beantworten, und die ganze Antwort besteht in den einfachen Worten: Ich fürchtete mich, denn ich bin nackt, und ich versteckte mich.“ In dem Augenblick, wo die Seele ein volles Bekenntnis ablegt, befindet sie sich auf dem Boden der Vergebung und Wiederherstellung, und der Geist weist sie zu Recht wie einen Freund. Adam hatte seine eigenen Mittel erprobt; sie waren nutzlos und nichtig, und jetzt lauscht er der Gnade, die von einem sicheren, vollkommenen Mittel spricht. Aber erst eröffnet er den ganzen wahren Zustand seiner Seele, er bekennt seine Furcht, seine Nacktheit, seinen Versuch, sich zu verstecken. Das hatte die Erziehung bewirkt. Nun belehrt Gott ihn. Adam ist demütig, und Gott wird ihn Seine Wege lehren. Er hat erfahren, daß die Unschuld keinen Schutz gegen einen bösen Einfluß gewährte und daß das Fehlen eines bösen Beweggrundes noch keine Garantie für wahres sittliches Handeln war. Er allein wußte,

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Adam

was Unschuld war, und doch war sie kein Schutz gewesen. Er hatte der Versuchung nachgegeben. Obwohl er weiß, daß seine Unschuld dahin ist und daß böse Beweggründe herrschen können, glaubt er, seine Schande bedecken und beschönigen zu können. Das Mittel, das er anwandte, genügte seinem sittlichen Gefühl, und was unendlich viel trügerischer war, es genügte dem sittlichen Gefühl der Person, deren gute Meinung es sich erhalten wollte und deren Zufriedenheit die Stütze seiner eigenen Zufriedenheit war. Das ist ein Fallstrick, durch den selbst gottesfürchtige Menschen zu Fall kommen. Mit anderen Worten: der gute Ruf bei Freunden wird dem Gewissen als Urteilsspruch der höchsten Instanz aufgedrückt und immer, wenn ängstliche Fragen auftauchen, als endgültig und entscheidend vorgebracht. In dieser Art von Ansehen liegt eine Wechselwirkung: was du bei mir zuläßt, lasse ich auch bei dir zu. Wenn ein Schurz aus Feigenblättern den Anforderungen deines sittlichen Gefühls genügt und du ihn für mich als ausreichend ansiehst, tue ich dasselbe bei dir. Das ist das Wesen und der Charakter alles menschlichen und religiösen Ansehens. Aber die Stimme Gottes erklingt und Adam in seinem lügnerischen und gefallenen Zustand ist bestürzt. Diese Stimme erforscht die ganze Lage, und am Ende sieht er sich „bloß und aufgedeckt vor den Augen dessen, mit dem wir es zu tun haben“. Er bekennt alles und steht nun auf der höchsten Stufe der Belehrung, mit einem demütigen, bußfertigen Geist. Auf die Aufforderung Gottes hin bekennt er – obgleich entschuldigend und beschönigend – daß er versucht worden ist und gegessen hat. Seine Rechtfertigung erniedrigt ihn sittlich mehr als die Anklage, vor der er sich zu rechtfertigen sucht. Dennoch ist es ein Bekenntnis und wird als solches angenommen, und unser Gott beginnt das gnadenreiche Werk der Entfaltung Seiner Ratschlüsse. Jedem, der an dieser erstaunlichen Szene teilgenommen hat, wird nun das Urteil zugemessen entsprechend der Rolle, die er darin gespielt hat. Als erstes wird das Urteil über Satan verkündigt, und während seine Verdammnis beschlossen ist, wird dem lauschenden Adam Befreiung von diesem und ewige Heilung durch das Evangelium verkündet. Es ist die Weise Gottes bei der Wiederherstellung einer Seele, sie zunächst auf die Macht und Gnade Gottes zu gründen. Dies erfuhr Petrus durch den Fischzug und die Worte Jesu (Lk 5). Es ist die Grundlage aller göttlichen Wiederherstellung. Wenn das Herz wieder aufgerichtet ist, wie bei David, als Nathan sprach.- „So hat auch Jehova diese Sünde hinweggetan“, dann ist es stark genug, zu hören, welche Zucht notwendig ist das zu verbessern, was der Sünde Gelegenheit zu wirken gab. Es ist wichtig, sich den Vorgang *zu vergegenwärtigen, wodurch Gott der Seele die Zucht offenbart, die Er auferlegen will. Was auch immer unseren Fehltritt hervorgerufen hat, wird gebranntmarkt und zwar nicht mit allgemeinen Worten, sondern im Verhältnis und der Art der Schuld, und zugleich wird die wahre Art und Weise der Befreiung angekündigt. Satan wird nicht nur verurteilt, sondern die Wirkung seiner Bosheit auf den Menschen wird seine eigene unabänderliche Vergeltung sein. Der Mensch wird an seinem Feinde gerächt werden. Der Schlange wird nicht nur als sichtbares Urteil bestimmt auf dem Bauche zu kriechen und Staub zu fressen, in ständiger Feindschaft mit dem Samen des Weibes, sondern „auf ihren Scheitel wird herabstürzen ihre Gewalttat“ (Ps 7,16); ihr Kopf sollte zermalmt werden. Danach kommt das Gericht über das Weib. Sie war die unmittelbare Ursache für Adams Fehltritt; aber da der Hauptschuldige sein Urteil empfangen hat, muß sie nun ihr Urteil hören. Sie wird verurteilt zu Zeiten großer Mühsal bei jedem Zuwachs zur menschlichen Familie, die durch ihre Mitwirkung der Macht des Todes unterworfen ist, und zu bedingungsloser Unterwerfung unter ihren Mann, denn daß es ihr hieran ganz gefehlt hatte, führte zu ihrem und auch zu Adams Fall.

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Adam

jeder der Übertreter wird nicht nur zu einer Strafe verurteilt die seiner Schuld entspricht, sondern auch das Verhältnis, in dem die Schuld Adam berührte, wird besonders berücksichtigt. Der Knecht Gottes kann nicht ungestraft ausgehen, aber er darf selbst nicht irren. Der gerechte Gott wird seine Sache rächen, aber nur in Gerechtigkeit. Er kann die Schwachheit Seines Knechtes nicht übersehen, obwohl Er ihn retten wird, wenn das ungemilderte Urteil ausgeführt ist. Wenn Gott richtet, wird unparteiisch Recht gesprochen. Aber Taten sind in einem höheren oder geringeren Maße sträflich, wobei dasjenige, was den Zeugen Gottes von ihm entfernt, sträflicher ist, als der Fehler, den der Zeuge offenbart, während er entfernt wird. Derjenige, der einen anderen verführt, erhält eine schwerere Strafe als der Verführte, nichtsdestoweniger wird der Verführte nicht frei ausgehen, denn er hat sittliche Schwachheit erwiesen. Das Auferlegen von Strafen geschieht nicht notwendigerweise zur Besserung. Es bestand keine Hoffnung, Satan zu bessern, dennoch werden schwere Strafen über ihn verhängt, weil Adam durch ihn gelitten hatte. Der Mensch war Gottes Stellvertreter auf Erden; an ihm begangenes Unrecht war Verrat gegen Gott. Daher liegt in der göttlichen Zucht immer eine Verbesserung des bösen Grundsatzes der Natur und zugleich Vergeltung für das Vergehen, das wir an unserem Mitmenschen begangen haben mögen. Das wird im Urteil Adams verdeutlicht. Seine Sünde bestand darin, daß er der Bitte seiner Frau im Widerspruch zum Worte Gottes nachgegeben hatte, Wahrscheinlich tat er das nicht mit Absicht, d. h. nicht mit Überlegung. Aber das Wort war nicht in seinem Herzen und leitete ihn nicht, denn wenn das der Fall gewesen wäre, hätte er der Stimme seiner Frau kein Gehör geschenkt. Aber nachdem er seinen Platz aufgegeben hat, muß er die Strafe dafür tragen und der große Sklave und Arbeiter auf jener Erde werden, deren Herrscher und Fürst er gewesen war. Alles auf ihr würde Zeichen der Widersetzlichkeit gegen ihren rechtmäßigen Herrn tragen. Um die Prüfung zu mildern, muß er sein Leben in mühseliger Arbeit verbringen, um leben zu können, aber am Ende muß er zum Staube zurückkehren, denn vom Staube war er. In all diesem liegt ernste Belehrung: wenn wir die Stellung, in die Gott uns versetzt hat, aufgeben, wird uns diejenige, in die wir uns zurückziehen, unweigerlich auf furchtbare Weise an das erinnern, was wir verwirkt haben. jeder kleinste Dorn erinnerte Adam daran, daß er seine Herrschaft verloren hatte, weil er auf die Stimme seiner Frau gehört hatte. Wenn David sich von den Pflichten eines Königs zurückzog (2. Sam 11,1), so mußte er auf schmerzliche Weise auch dessen Ehren verlieren (2. Sam 15 ff). Durch den erfolgreichen Aufstand seines eigenen Sohnes wird er daran erinnert, wie leicht er die Pflichten eines Königs genommen hatte. „Verflucht sei, wer das Werk Jehovas lässig treibt.“ Der ganze Einfluß eines Barnabas brachte Paulus nicht dazu, Markus mitzunehmen, der aus Pamphylien zurückgegangen war. Die Weigerung des Apostels Paulus erinnerte Markus daran, wie er mit dem Platz, der einst sein war, gespielt und ihn verlassen hatte, und daß der Platz leichter zu verlieren als wiederzuerlangen war. Dies ist auch die Art der Zucht bei Adam. Alles erinnert ihn an das Verlorene, und je weniger sorgfältig und fleißig er arbeitet, um die zahlreichen Erinnerungen an sein Versagen zurückzudrängen, desto stärker vermehrten sie sich und desto weniger konnte er sich gegen sie behaupten. Im Schweiße seines Angesichts erleichterte er sich seine Stellung um der Bedürfnisse willen. David kehrte nach ernster Züchtigung auf den Thron zurück. Markus war „nützlich für den Dienst“, nachdem die Zucht ihre Wirkung getan hatte. Der Glaube wandelt stets über der Zucht, obwohl er von ihr lernt. Adam hört das Urteil über alle, und indem er ihm im Glauben zustimmt, erhebt er sich darüber und nennt seine Frau Eva, denn sie ist „die Mutter aller Lebendigen“. Der Glaube reicht bis zu Gott; daher kann er sich der Stellung unterwerfen, die einer irrenden Seele gerechterweise zufällt, und er kann in bezug auf die Zeit und Art der Befreiung auf Gott blicken.

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Adam

Er nimmt die Strafe für seine Sünde nicht nur als Vergeltung, sondern als Verbesserungsmaßregel an. In der Tat hat die Zucht ihre größte Wirkung erreicht, wenn die Seele sich ihr im Vertrauen auf Gott unterwirft. Das beweist Adam; denn indem er seine Frau Eva nennt, macht er seine früheren Vorwürfe wieder gut, und was in seiner nicht unterworfenen Natur Ursache seines Kummers war, ist nun für das Glaubensauge ein Kanal des Lebens. Als Gezüchtigter und im Glauben Wandelnder wird Adam von Gott bekleidet, aber die Zucht kann nicht beendet oder aufgeschoben werden. Gott schickt ihn hinaus, den Erdboden zu bebauen, von dem er genommen ist, damit er erkennt, was für ein Mensch er ist, und erfährt, wie sein Glaube ihm erhalten wird. In unserem unmittelbaren Lebensbereich, im engsten Kreise, wo am wenigsten Zurückhaltung besteht, offenbaren wir uns am ehesten. Wie soll ein Mann, der nicht einmal seinem eigenen Haus vorstehen kann, für die Versammlung Gottes Sorge tragen? Macht läßt sich zu Hause wirksamer ausüben, als in der Ferne. Wenn Adam aus der Zucht lernt, so sollte das in seiner Kraft gesehen werden, das Böse, wofür er litt, zu meiden. Es scheint, als ob er nichts gelernt hat, denn Eva nimmt es auf sich, seinem ältesten Sohn einen Namen zu geben; sie verliert wiederum ihren Platz aus dem Auge, und zweifellos füllte sie ihren Erstgeborenen mit Wünschen (wie sein Name andeutet), die zu seinem furchtbaren Widerspruch gegen Gottes Verheißung führten, wodurch auf schmerzliche Weise bewiesen wurde, daß sie die Verheißungen Gottes nicht verstanden hatte. Wo Leben erwartet wurde, gab es Verwüstung des Todes; die Tatsache, daß ein Kind ermordet wurde und das andere sein Mörder war, und zwar das, auf den sich ihre Hoffnungen konzentrierten, muß für Adam eine Prüfung gewesen sein, die wir nur schwer nachempfinden können. Aber es war eine wirkungsvolle Zucht; denn obwohl wir lesen, daß m erster Linie Eva ihren Sohn benannte, lesen wir auch, daß Adam seinen Namen Seth nannte, und das zeigt, wie mir scheint, daß er endlich gelernt hatte, was die Zucht ihn lehren sollte: außerhalb jeder Beeinflussung für Gott zu handeln und nicht zu erlauben, daß irgend etwas ihn vom Pfade des Glaubens abzog. In der letzten uns aufgezeichneten Tat seines Lebens scheint er dies gelernt zu haben; sein wohlgefälliges Ende zeigt die Wirkung der Zucht und gibt seiner Lebensgeschichte einen passenden, glücklichen Schluß. Wir lernen aus der Geschichte, daß Unschuld oder das Fehlen böser Beweggründe noch kein wirksamer Schutz gegen Beeinflussung ist. Wenn wir unser eigenes sittliches Gefühl oder das einer anderen Person zufriedenstellen, beweist das noch nicht, daß wir Gottes Forderungen an uns genügt haben oder genügen können. Wenn wir aufhören, unseren von Gott zu. gewiesenen Platz zu bewahren, werden wir sicher fallen, und das Wort Gottes, das uns auf unserem Platz bewahrt hätte, wirkt außerhalb jenes Platzes nicht auf das Herz. Aber während wir erfahren, was es heißt, unseren Neigungen zu folgen, wird unsere Zucht immer so beschaffen sein, daß sie unsere Fehler berichtigt und uns auf sehr feine Art daran erinnert, was wir durch unsere Schwachheit geworden sind, wie das die Dornen bei Adam taten.

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Abel

Abel Abel ist der erste Gläubige, dem die Strafe der Sünde durch Geburt auferlegt war. Wir dürfen daher voraussetzen, in seinem Leben die Grundzüge jener göttlichen Zucht zu erblicken, die ein Leben solch hervorragenden Glaubens notwendigerweise aufweisen muß. Es ist jedoch ein Irrtum, welcher der Seele manchmal nicht geringe Übung bringt, wenn wir annehmen, weil irgendeine Linie der Wahrheit oder Gnade in mir stark ausgeprägt ist, daß aus diesem Grunde die Natur in mir weniger in Tätigkeit trete. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Denn je mehr der natürliche Mensch seinen Fall verspüren muß, umso mehr will er sich behaupten. Es ist gut, dies zu erkennen. Hätte der Mensch in seinem ersten Zustand auf einer tieferen Stufe gestanden, (obwohl der Sündenfall ihn nicht hätte tiefer hinabstürzen können, als dies geschehen ist), so wäre sein Bestreben und sein Eifer, den Folgen des Falles zu entgehen, nicht so anmaßend und gewalttätig gewesen. Die Tatsache, daß der Mensch im Bilde und Gleichnis Gottes geschaffen wurde, gibt der alten Natur Gelegenheit, das zu begehren, was sie eingebüßt hat. Je mehr sie gezwungen wird, die Größe des Falles aus ihrem einst hohen Zustand zu empfinden, soviel mehr ringt sie um Anerkennung und sucht sich Geltung zu verschaffen, wo sie es nur kann. Seelen, die ernstlich jede Wirksamkeit des Fleisches ausschalten wollen, entdecken daher, daß sich ihnen das Fleisch auf Schritt und Tritt entgegenstellt. Sie lernen dadurch auf praktische Weise, daß nur die, die im Fleische gelitten haben (1. Pet 4,1), mit der Sünde abgeschlossen haben; daß nur das Kreuz Christi von der Macht und Knechtschaft der verderbten Natur in der Welt befreit. Die große sittliche Wahrheit, durch die göttliche Zucht das Gestorbensein zu lernen, gewinnt dabei durch Gottes Gnade Gestalt. Wir lernen, daß wir durch den Tod Christi gestorben sind und daß wir nun vor Gott in Ihm dargestellt Sind, befreit von allem, was in Seinem Tode gerichtet werden mußte. Demzufolge will die Zucht des Vaters uns in die praktische Verwirklichung dieser unserer Stellung in Christus einführen, so daß wir nicht nur in Ihm gestorben sind, sondern uns auch tatsächlich für tot halten, was die praktische Folge ist. Die Zucht ist der Weg, diesen Zustand hervorzubringen. Die Seele, die ihre völlige Annahme bei Gott erkannt hat, als gerechtfertigt vor Ihm, lernt nun, daß sie nicht mehr von der Natur abhängig sein kann, von der sie befreit wurde und aus der sie nun herausgenommen ist. Der Apostel konnte sagen: „täglich sterbe ich’, und daß er das Sterben Jesu allezeit an seinem Leibe umhertrage, auf dass auch das Leben Jesu an seinem Leben offenbar würde. Wenn unsere Annahme eine Wirklichkeit ist, wenn sie in Wahrheit eine Befreiung von unserer alten Natur bedeutet, sollten wir dann nicht sittlich und praktisch die Folge dieser Befreiung beweisen? Nein, muß es nicht sogar so sein? Da die Annahme in Gerechtigkeit völlig über und außerhalb unserer Natur liegt, so folgt daraus, daß die Natur unserem Auge entschwindet in dem Maße, wie wir die Annahme in Gerechtigkeit genießen und verwirklichen. Dies ist die einzige würdige Anerkennung unserer hohen Stellung. Können wir unseren natürlichen Zustand aufrechterhalten und uns dennoch der Befreiung von ihm rühmen? Wenn wir uns der Befreiung erfreuen, müssen wir sie dann nicht durch Verleugnung dessen beweisen, wovon wir befreit wurden?

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Die Erziehung in der Schule Gottes (J.B.S.)

Abel

Wenn Abel der erste Zeuge der Annahme in Gerechtigkeit ist, so werden wir auch sehen, daß er der erste Zeuge war, der, als von Gott angenommen, seines natürlichen Lebens beraubt wurde. Er war ein Zeuge sowohl der einen wie der anderen Tatsache. Wenn er von der Annahme bei Gott zeugte, zur Freude und Ruhe seines eigenen Herzens, so zeugte er durch den Tod auch davon, wie wahr und herrlich diese Annahme war, so daß er, obwohl er gestorben ist, noch redet“. Dies ist die erste Stufe der Zucht: „Haltet euch der Sünde für tot.“ Dies ist die Folge unseres Lebens in Christo. Denn, lebend in Ihm, sollten wir tot in uns selbst sein. Und die göttliche Zucht, in ihren ersten, einfachsten Unterweisungen, will uns in diese Wahrheit führen. Keinem Gläubigen bleibt es erspart, die Bedeutung des Todes zu lernen. Er mag es in dem langsamen, stetig fortdauernden Prozeß kleinerer Übungen lernen, oder auch durch einen einmaligen, überwältigenden Schlag, oder vielleicht auch durch ein letztes Krankenlager. Aber auf die eine oder andere Weise muß das Gestorbensein gelernt werden, um unsere Seelen den Gewinn der Befreiung vom Tode empfinden zu lassen. Ohne dieses kann auch kein Zeugnis da sein. Abels Geschichte liefert uns nicht viele Einzelheiten, aber sie stellt in einer nicht zu überbietenden Lebendigkeit und Eindringlichkeit die zwei großen Pole im Leben des Gläubigen ans Licht: die Annahme bei Gott und der Tod aller natürlichen Bande und Empfindungen, das erste durch den Glauben mühelos verwirklicht, das zweite nicht aus eigenem Willen, sondern durch Gewalttat, als Folge eines veränderten und gefallenen Zustandes, in einer bösen Welt dargestellt, aus welcher der Tod Befreiung bedeutete. Gott gestattete der Gewalttätigkeit Kains, die Gelegenheit zur Darstellung dieser Wahrheiten zu bieten. Gott gab dadurch Seiner Gnade, und Seiner Selbst als dem Quell dieser Gnade, Ausdruck, während Sein Knecht und Zeuge, obwohl er in sich selbst in die Übung geführt wurde, den höchsten Platz des Dienstes im Evangelium einnahm, den Platz des Leidens um der Gerechtigkeit willen. Laßt es uns als erwiesen betrachten, daß, wenn ich meiner Annahme mir wohl bewußt bin, mein Teil in dieser Welt der Tod ist, und daß die Zucht diese Tatsache nicht übergehen wird. Denn sie ist es, welche die Wahrheit meiner Annahme mir umso kostbarer macht, und welche sie meiner Umgebung bezeugt. In dieser Tatsache liegt für uns das ganze Interesse und die Unterweisung der Geschichte Abels. Er ging in das Leben hinaus (wie wir sagen würden), nicht gemäß der dem Adam gegebenen Regel und Vorschrift, den Boden zu bearbeiten, von dem er genommen war, sondern, im Gegensatz hierzu, um ein Schafhüter zu werden. Dadurch stand von vornherein fest, daß er nicht die Absicht hatte, den Schauplatz um sich herum zu verbessern oder aus der Erde, durch seine eigenen Bemühungen, irgend etwas zu gewinnen, was zwischen ihm und Gott vermitteln könnte. Das Bewußtsein des Todes und des Gerichts stand vor seiner Seele, und von diesem befreit zu werden konnte allein ihn befriedigen. Als Schafhirte bewachte er seine Herde und zog mit ihr von Weideplatz zu Weideplatz, wie die Schafe es bedurften. Auf dieser Erde, von der er nichts erwartete, was ihn hätte befreien können, nannte er keinen einzigen Ort seinen bleibenden Ruheplatz. Als Arbeiter, als Wanderer, indem er unter dem Fluch litt, der auf allem um ihn her lastete, und selber unter dem Urteil des Todes stehend inmitten eines solchen Schauplatzes – in diesem Zustand bewachte er eine Herde lebender Tiere und stand dadurch in Berührung mit dem Leben, dem einen Gegenstand, den sein eigener Geist nötig hatte. Im Glauben nahm er von der Erstgeburt der Herde, dem Anfang ihrer Kraft, und opferte sie als etwas, was Gott gehörte und was ein Sinnbild des Lebens Christi darstellte. Dies Opfer, Gott dargebracht, entsprach seinem eigenen Gefühl des Todes. Aber mehr als das war nötig, um der Gegenwart Gottes begegnen zu können. Es bedurfte auch der Annahme.

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Abel

Dieser Wunsch fand seinen Ausdruck und seine Befriedigung durch die Darbringung des Fettes, welches das Kostbarste des Tieres darstellt und nur durch dessen Tod gewonnen werden kann – das Resultat des Todes Christi durch die Auferstehung, das jetzt das Gewissen bezüglich der Annahme bei Gott voll befriedigt. So trat Abel in die Gedanken Gottes ein bezüglich seines eigenen Zustandes vor ihm, und so erhielt er das Zeugnis, gerecht zu sein, nicht nur in bezug auf seine Handlungsweise, sondern auch auf seine Stellung. In dem Glück, von Gott angenommen zu sein, muß er den Platz und die Leiden dessen kennenlernen, der hier auf Erden so gesegnet ist. Wenn er von Gott angenommen war, so mußte er von einem Schauplatz getrennt werden, der unter Gottes Fluch stand. Wenn er von dem Urteil des Todes befreit wurde, so konnte der Tod keine Strafe mehr für ihn bedeuten. Er mußte ihn aber erwarten auf einer Erde, wo alles dem Leben entgegensteht, in welchem er angenommen war. Infolgedessen wurde er dazu ausersehen, ein unerschütterliches Zeugnis davon abzulegen, daß die Annahme bei Gott und die Befreiung vom Gericht derart wirkliche Segnungen sind, daß selbst der Tod sie ihm nicht rauben konnte. Dies ist Abels Zeugnis, und dies seine Zucht. Wie bei Stephanus, dem ersten Märtyrer der Auferstehung, so war es auch bei Abel, dem ersten Märtyrer der Annahme. Stephanus bewies die Wirklichkeit der Auferstehung im Tode mehr als im Leben, und seine Seele drang im Augenblick seines Todes tiefer in ihre Wirklichkeit ein, als sie während seines Lebens je imstande war. Sein letztes Zeugnis war das hellste. Während die Werkzeuge des Bösen in der Welt Stephanus steinigten, antwortete er auf ihre tödlichen Würfe nur, indem er seinen Geist Dem anbefahl, Den sie verleugneten und verstießen. Und welch ein Beweis davon, wie vollkommen sicher er der Fürsorge und Bewahrung Christi war, ist es, daß er niederknien konnte, um sich mit aller Kraft, die ihre Bosheit ihm noch ließ, für sie zu verwenden. Der Zeuge der Annahme, – Abel – und der Zeuge der Auferstehung, – Stephanus – haben kein Teil in dieser Welt. Alles muß für sie Tod sein und in der Zucht lernen sie das, um sich die Größe der Gabe Gottes zu vergegenwärtigen, die ewiges Leben außerhalb und jenseits des Todes ist. Auf welchem Pfade du auch wandelst, du mußt das eine lernen, daß der Vater es so will. Aus einem Feuer von Reisig Wird eine Natter Paulus daran erinnern, daß er sich inmitten des Todes befindet. Er geht von einem Grab zum anderen. Gestern schiffbrüchig, heute von einer Natter gebissen! Wir haben diese Zucht nötig. Wir glauben, wir könnten weiterleben wie andere Menschen und das neue und gesegnete Teil, das wir empfangen haben, genießen. Aber das können wir nicht, und es ist gut zu verstehen, daß wir unser Teil in Seinem Sohn zu würdigen wissen, im Gegensatz zu allen Dingen auf der Erde. Vergeblich versuchen wir, beides zu verbinden, so daß wir einen großen Teil unserer Zeit vergeuden, um zu erkennen, daß es hier nichts gibt, das den Anforderungen unserer neuen Gefühle entspricht. Es ist ein einsames Wandern in der Wüste, aber eine Stadt, um darin zu wohnen, finden wir hier nicht. Aber Gott läßt es zu, damit Seine Kinder entdecken, daß ihr Begehren nur von Ihm gestillt werden kann. Wir müssen lernen, daß wir nicht von der Welt sind. Wir können ihr nicht vertrauen. Christus konnte sich den Menschen nicht anvertrauen. Stephanus mochte das Angesicht eines Engels haben, dennoch wurde er gesteinigt, weit er Christo treu war. Obwohl Kain zu Abel „sprach“ und sie „auf dem Felde“ scheinbar in Eintracht waren, erfährt Abel bald, daß er ihm nicht trauen kann, denn im selben Augenblick erhob sich Kain wider ihn und erschlug ihn. Unsere Berufung bedeutet, daß wir mit der Erde zu Ende sind. Dahin werden uns Gottes Zucht und ein treues Zeugnis immer führen. In unserer Zucht können wir ein Zeugnis sein; aber wieviel besser ist es, in unserem Zeugnis gezüchtigt zu werden. Sicher sollten wir darauf achten, inwieweit wir

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Abel

gezüchtigt werden, weil wir auf die eine oder andere Art an der Welt hängen, oder weil wir gegen sie zeugen. Wir können leicht erklären, warum Abel fortfuhr, in brüderlicher Nähe mit Kain zu verkehren, und wir können sein Tun rechtfertigen, denn der Hag des Menschen gegen die Gerechtigkeit Gottes war bislang noch nicht enthüllt worden. Und wir können wohl verstehen, wie Abel seine vertraute Art mit seinem Bruder beibehielt, die Kain eine allzu günstige Gelegenheit bot, seinen Mordplan durchzuführen. Dies ist leicht und natürlich zu erklären. Aber wie können wir Gläubige entschuldigen, die fortfahren, geselligen Umgang mit der Welt zu pflegen? Können wir nicht oft den Grund und die Notwendigkeit für die Zucht, die viele erleiden, auf die Tatsache zurückführen, daß diejenigen, die vor Gott in Christo lebend sind, und durch Seinen Tod von allem, was in der Welt ist, befreit sind, noch immer an der Welt hängen, statt gegen sie zu zeugen? Die Stunde des Umgangs mit Kain war verhängnisvoll für Abel, da er mit der Bosheit der Menschen unbekannt war und nicht an Arges dachte. Jetzt ist die Stunde des Umgangs sittlich verhängnisvoller für die, welche wissen sollten, daß der Fürst dieser Welt den Herrn der Herrlichkeit gekreuzigt hat und daß die Freundschaft der Welt Feindschaft gegen Gott ist. Haben solche nicht Zucht nötig? Müssen sie nicht lernen, alles aufzugeben, wofür Christus verurteilt wurde? Wenn sie es nicht in Gnade aufgeben, muß Gott, unser Vater, Seine Kinder auf die eine oder andere Art von einer Welt trennen, von der wir nach Seinem Willen durch den Tod Seines Sohnes befreit sind. Es ist richtig und passend, daß es so sei. Laßt uns denn unseren wahren Platz außerhalb der Welt einnehmen, und möge unsere Zucht lieber durch unser Zeugnis sein, als unser Zeugnis durch unsere Zucht.

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Henoch

Henoch Aus der Geschichte Henochs lernen wir die große Wahrheit, daß das Leben in Hoffnung und die Entrückung durch Glauben (d. h., daß unsere Erwartungen und Interessen von dem gegenwärtigen Schauplatz weggerichtet sind) der Weg ist, der am sichersten und hinsichtlich der äußeren Umstände am meisten von der Zucht verschont ist. Henoch erfuhr zweifellos die geheimen Züchtigungen, die jeder Sohn in unserer Natur braucht, aber durch Glauben wandelte er als Zeuge mit Gott, in der Hoffnung, bei Ihm zu sein, und so überschritt er den Tod, ohne sein Opfer zu werden. Während seines Wandels von 300 Jahren versetzte ihn die Hoffnung jenseits dieses bösen Schauplatzes, über dessen Ende er weissagte. Wenn er der erste Mensch war, der aus ihm durch die Macht des Glaubens entrückt wurde, erhaben über die unumschränkte Gewalt des Todes, so war er der Prophet der letzten Augenblicke der grausamen Herrschaft des Todes. Wenn er der erste war, der aus der Welt entrückt wurde, konnte er, in dem Genuß der Hoffnung und des Erbes, das sie vor seine Seele stellte, am besten sagen, welches das Ende der Welt sein würde. Abel nahm seinen Platz ein als Zeuge der Annahme in Gerechtigkeit, und die Welt konnte ihn nicht ertragen. Er war ungeeignet für sie und sie für ihn; er fiel und sein Blut wurde auf ihr durch die Hand seines Bruders vergossen. Menschliche Gerechtigkeit wird unter den Menschen geehrt, aber Gerechtigkeit durch Gnade, im Glauben aufrichtig festgehalten, ist beim Menschen immer verhaßt, denn sie gibt ihm nichts zu tun oder zu verbessern, sondern muß von Gott und bei Gott angenommen werden, und das sondert ihn notwendig von allen menschlichen Interessen ab. Abel war ein gerechter Mann, in einer bösen Welt, und er fand sein Grab in ihr, durch einen schrecklichen und unnatürlichen Tod. Die Verbindung mit Gott stellt mich immer in Feindschaft zur Welt. Wenn wir Söhne Gottes sind, erkennt uns die Welt nicht, wie sie den Sohn Gottes nicht erkannte. Wenn ich, obwohl als Sohn, allein in diesem Leben Hoffnung habe, bin ich der elendeste von allen Menschen. Abel muß in seiner Seele sehr glücklich gewesen sein, aber er war elend in der Welt, und am Ende erlitt er einen grausamen Tod in ihr. Seine neue Natur selbst brachte diese Leiden mit sich. Sie forderte von ihm, allem um ihn herum zu sterben, denn wenn er gerecht war, war alles um ihn herum ungerecht. Wenn er nicht durch Glauben in Hoffnung über diesen Schauplatz wandelte, dann mußte er auf ihm sterben. Und in diesem ist Henoch der Zeuge eines Besseren; denn er kann über die vollendete Herrlichkeit weissagen, während Abel durch sein vergossenes Blut nur um Rache an einer Welt schreien kann, die einen gerechten Mann nicht dulden wollte! Es ist klar, daß in einer bösen Welt ein gerechter Mann entweder sterben oder kraft der Entrückung aus ihr entweichen muß. Henoch wurde durch Glauben entrückt, nachdem er mit Gott gewandelt hatte. Nichts kann uns mehr von der Welt trennen, als wenn der Herr unser Herz einnimmt. „Ich heilige mich selbst für sie, auf daß auch sie Geheiligte seien durch Wahrheit“, sagt Er. Das Herz, das mit Ihm außerhalb der Welt verbunden ist, befindet sich in der vollkommensten Heiligung. Gläubige gehen durch viel Zucht durch äußere Umstände, weil ihre Herzen nur darauf ruhen, daß sie

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Henoch

Gerechtfertigte auf der Erde sind, – ohne Frage eine gesegnete Stellung – aber unsere Stellung ist unvereinbar mit allem, was auf der Erde ist; und daher muß die Seele, die das nicht weiß, es lernen. Paulus mußte lernen, Jerusalem und alle Verbindungen dort, an denen sein Herz hing, aufzugeben. Er ging durch viele Trübsale, ehe er sittlich von seiner irdischen Hoffnung befreit war. Himmlische Hoffnungen setzten ihn zweifellos anderen Trübsalen aus, aber der Tod gehörte nicht dazu, denn er hatte Lust, abzuscheiden. Wenn unsere Hoffnung wirklich die Entrückung wäre, um den Herrn zu sehen, würde der Tod in diesem Leben uns nur wenig schrecken; er würde nie unsere Hoffnung antasten. Wir leiden unter gegenwärtigen Dingen nicht so sehr, weil sie wirklichen Einfluß oder Wert für uns haben, sondern weil sie einen so großen Teil unserer Hoffnung bilden. Nur durch unsere Hoffnung gewinnen alle Dinge um uns und an uns ein Interesse. Die einzige Zucht, die Henoch zeigt, ist ein Weg mit Gott und ein prophetisches Zeugnis, und deshalb ist das der Weg, auf dem das wohlerzogene Kind Gottes wandeln wird, und je mehr es daran festhält, um so weniger wird es nötig sein, ein „Gewicht‘wegzunehmen oder es wegen seines Unglaubens zu ermahnen, und das ist das Ende aller väterlichen Zucht.

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Noah

Noah Noahs Geschichte ist deshalb besonders interessant, weil sie uns das Vorbild eines Dieners Gottes auf Erden gibt, der der Welt bezeugt, daß hier alles eitel ist, indem er eine Arche baut, um aus der Welt zu entkommen. Er ist eigentlich der Anfang der neuen Ordnung in sittlicher Kraft. Adam war erst wenige Jahre tot, ebenso Seth und Henoch, und daher hätte Lamech, Noahs Vater, damit rechnen können, daß Gott ihnen ein wenig „Ruhe“ sandte, – irgendein Zeichen Seiner Fürsorge und Regierung. Als solches erwies sich Noah (“Trost“, „Ruhe“), und daher ist sein Leben für die Diener Gottes sehr lehrreich. Abel und Henoch waren Zeugen von Grundsätzen. Noah ist der Zeuge Gottes auf einem Schauplatz, wo diese Grundsätze verkündet, aber nun mißachtet wurden. Noah ist deshalb Gottes geduldiger Zeuge und Diener in großer Langmut, der vor dem kommenden Gericht warnt. Die Erde war verderbt vor Gott und voll Gewalttat; alle Schranken zwischen rein und unrein waren niedergerissen. Die Söhne Gottes heirateten die Töchter der Menschen, „welche sie irgend erwählten“. Der Wille war der einzige Führer und Prüfstein bei diesen unheiligen Verbindungen. Der Name Gottes wurde auf der Erde verunehrt. Die Religion Henochs und der Väter mag noch bestanden haben, aber die Richtschnur, die die Kinder Gottes beobachten sollten, um Seinen Namen zu bewahren, wurde nun zugunsten ihres eigenen Willens aufgegeben. So wurde also schon in jenen Tagen offenbar, daß die Befriedigung unseres eigenen Willens die Aufgabe jenes Zeugnisses für einen heiligen Gott zur Folge hat, das uns in einer bösen Welt geziemt. Eine Stellung ist wertvoll, wenn man sie einnimmt, wenn aber nicht, so verschlimmert sie den Abfall. Denn je höher die Stellung ist, umso weniger wird sie auch nur den geringsten Abfall ertragen. Ein Fehltritt, der in einer niedrigeren Stellung nicht bemerkt wird, wird in einer höheren untragbar. Es war notwendig, Timotheus nicht nur zu sagen, sich von den „jugendlichen Lüsten“ zu reinigen, sondern sie zu fliehen. Der Wille darf sich nicht einmischen, wenn die abgesonderte Stellung des Volkes Gottes aufrechterhalten werden soll. Folglich ist das entschlossene Festhalten der eigenen Meinung in bezug auf irgendeinen Gegenstand Sektiererei. Nun war dieses Handeln „welche sie irgend erwählten“ die herrschende Macht in den Menschen jener Zeit nach der Entrückung Henochs, dessen Prophezeiungen unbeachtet blieben; und Gott in Seiner Güte und Nachsicht errichtete Sich Selbst ein Zeugnis in der Person Noahs. Noah war 500 Jahre auf der Erde gewesen, bevor er zu seinem besonderen Werk berufen wurde, und wir lesen, daß er unter seinen Zeitgenossen ein Zeuge der Wahrheiten war, die schon durch Abel und Henoch auf der Erde geoffenbart worden waren. Es wird gesagt, daß er ein „gerechter Mann“ war wie Abel, und er „wandelte mit Gott“, das war die große und heilige Linie, der Henoch gefolgt war. Das ist der Mann, der berufen wird, den Namen Gottes zu verkünden, d. h., was Gott ist und wie Er Sich in der Welt kundgetan hat. Grundsätze der Wahrheit, wodurch der Mensch gesegnet werden sollte, waren ausdrücklich auf der Erde bezeugt worden. Wenn nun aber alle sittliche Verpflichtung gegenüber der Heiligkeit Gottes und alle Furcht vor ihr aufgegeben wird, kommt Gott Selbst hervor, um Sich zu

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Noah

offenbaren, und Sein treuer Diener widmet sich dem Erforschen des Wesens Gottes in neuen, tiefen und vollen Zügen. Der Mensch kann seine Würde und Stellung unwiederbringlich verwirken und aufgeben, aber die Wahrheit Gottes und was Gott ist, der ihm diese Würde und Stellung verschaffte, kann nicht aufgegeben werden, sondern jeder wahre Diener steht zu ihr und hält sie aufrecht, – nicht um den Menschen wiederherzustellen, der sie hätte bewahren sollen, sondern um den Namen Gottes und Seine Güte zu verteidigen, die man aus dem Auge verloren hat. Wenn Gott Grundsätze verkündet, sind sie zum Segen des Menschen und haben deshalb besonders den Menschen zum Gegenstand. Aber wenn die Menschen, die sie empfangen, sie vernachlässigen, so daß ihre Schönheit und ihr Wert beeinträchtigt werden, dann geziemt es dem Diener, sie wieder zu erneuern. Nicht für die Menschen, obgleich sie noch für sie bestimmt sind, sondern für Gott, Dessen Ehre über alles geht, wenn in bezug auf sie die Gleichgültigkeit vorherrscht. Und je deutlicher und heller diese Grundsätze dargestellt werden, um so schärfer werden die Gleichgültigen und Ungläubigen verurteilt, aber soviel mehr werden auch die treuen Diener mit Ehre gekrönt und gesegnet. Ein Diener wie Noah hat in seiner Umgebung viel zu lernen außer der Tatsache seiner Annahme und seiner Verbindung mit Gott. Die Zucht ist dem Dienst, den Noah tun soll, angepaßt. Noah mußte vor allem Geduld lernen; aber die Geduld war auch mit schwerer Mühe verbunden. Henoch besaß Geduld, aber er wandelte auf einem Pfade der Absonderung. Noah benötigte sie im praktischen Leben, denn er beschäftigte sich nicht mit dem, was angenehm war, sondern mit feindlichen Geistern. Henoch entflieht den Menschen, um mit Gott zu wandeln, und ist dann 300 Jahre geduldig. Noah hat es bei seiner täglichen Mühe mit den Menschen zu tun und verurteilt die Welt. Er ist ein Prediger der Gerechtigkeit, die er durch den Glauben an den Gott, der in der Welt sittlich verleugnet wurde, besaß. Statt Ruhe und Trost, die sein Vater Lamech erwartet hatte, gibt es Arbeit und Mühe, um Ruhe und Trost zu erlangen und um die Welt zu verurteilen, auf der der Fluch Gottes ruhte. Geduldig arbeitete er, und die Geduld zeigt ihre Früchte, obwohl wir später sehen werden, daß seine Natur das Gegenteil beweist. Um in einer bösen Welt zu Trost und Ruhe zu kommen, muß ich geduldig den Namen Gottes und die Wahrheit festhalten. Oft nehmen wir uns im Herzen ein gutes und würdiges Ziel vor, aber den versuchungsreichen und schwierigen Pfad, den wir gehen müssen, um es zu erreichen, kennen wir nur wenig. Es war zweifellos wahr, daß Noah nach dem Ausspruch Lamechs „uns trösten wird über unsere Arbeit und die Mühe unserer Hände“, ob schon Lamech es selbst nicht erlebte. Er sah es nur im Werden. Der Vorsatz, ein gutes und erwünschtes Ziel zu erreichen, vermindert in großem Maße die auftretenden Schwierigkeiten. Noah bereitete eine Arche zur Rettung seines Hauses und verurteilte die Welt wegen ihres Unglaubens und weil sie Gott leugneten, während er geduldig Zeugnis ablegte mit einer Klarheit, die alle Kinder Gottes kennzeichnen sollte. Selbst wenn er nur der geduldige Diener gewesen wäre, wäre seinem Hause der Segen infolge eben der Mühe, durch die er die Welt wegen ihrer Unkenntnis Gottes verurteilte, zugeströmt. Gott wird den Knecht, der Ihn ehrt, immer ehren. „Der du . . . hast mein Wort bewahrt und hast meinen Namen nicht verleugnet . . . ; siehe, ich werde sie zwingen, daß sie kommen und sich niederwerfen vor deinen Füßen und erkennen, daß ich dich geliebt habe“ (Off 3,8–9). Wenn Gott und Seine Wahrheit (gemäß ihrer Offenbarung) ihre wahre sittliche Wirkung auf das menschliche Gewissen verloren haben, ist das einzig wahre und sichere Mittel zu ihrer Wiederherstellung – auch für jeden einzelnen –, nachdrücklich zu erklären, daß Gott wahrhaftig ist und jeder Mensch ein Lügner! Ich wende mich

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Noah

von den Menschen weg, um von der Wahrheit Zeugnis zu geben, denn ein Gewissen kann letzten Endes wahrhaft gesegnet werden, wenn Gott ihm nicht der Wahrheit gemäß vorgestellt wird. Deshalb, wenn „die Wahrheit auf dem Markt gestrauchelt ist“, möge der Mutige bekennen, wie der wahrhaft Mutige, „ich bin dazu in die Welt gekommen, auf daß ich der Wahrheit Zeugnis gebe.“ Nach Jahren der Zucht und Mühe befindet sich Noah nun in der Arche. Sehr oft wird die Eigenschaft, durch die wir uns am meisten hervortun und durch die wir am meisten erreicht haben, unwirksam, und wir leiden viel. Zweifellos wartete Noah ungeduldig darauf, die Arche zu verlassen, nachdem sie ihren Zweck erfüllt hatte. Unsere Ungeduld und unser Eigenwille werden in nichts so sehr bloßgestellt wie hier. Noah war ein Zeuge der Anhänglichkeit an Gott, im Gegensatz zum Eigenwillen der Menschen um ihn herum. jahrelang hat er sich abgemüht, die Arche zu bauen, und nun ist er ungeduldig, sie zu verlassen, sobald sie ihm die Errettung ermöglicht hat. Gott ist gerechtfertigt, Seiner Wahrheit ist Zeugnis gegeben, Noah und sein Haus sind errettet; und nun will er die Arche verlassen, bevor Gottes Zeit da ist. Es ist eine größere Probe, auf dem Platz des Segens zu verharren, als ihn zu erreichen, denn manche widrigen Umstände können uns bewegen oder drängen, ihn zu suchen. Aber wenn das Herz nicht befriedigt ist, wenn es nicht mit den Schätzen des göttlichen Erbteils beschäftigt ist, wenn es statt nach dem Wohlgefallen Seines Herzens an Seinen Freuden teilzuhaben, seine Aufmerksamkeit auf den „Lauch“ und die „Zwiebeln“ draußen richtet, dann ist der Errettete und Gesegnete in größerer Gefahr, abgelenkt zu werden, als der nicht Errettete, – der Wille ist tätig, und gerade die Ruhe seines Gewissens gewährt seinem unbeschäftigten Sinn Freiheit, selbst zu suchen und zu planen. Der freigelassene Rabe, der hin und wieder flog, ist ein treffendes Bild von der Ruhelosigkeit unseres ungeduldigen Geistes. Die Taube gibt Noah eine andere Unterweisung. Der Rabe hatte ihn die wahren Gründe des Eigenwillens gelehrt, gegen den er selbst gezeugt hatte, und der wie ein Hund unbefriedigt umherstreift. Die Taube lehrt ihn zuerst, daß er Geduld haben muß. Wie demütigend ist es, wenn wir durch den sanften, weichen Ton der Liebe zurechtgewiesen werden! Die Taube hatte ihren Platz in der Arche; warum sollte Noah ihn da nicht haben? Das zweite Mal kehrt die Taube mit dem Friedenszweig zurück, so daß Noah nicht nur nachgeben muß, sondern, da die Geduld ihr Werk vollendet hat, ist er zufrieden. Das Olivenblatt zeigt uns die Fülle der Segnung, die sein ist. Und wenn die Taube noch einmal hinausfliegt, kann sie fortbleiben. Die Zucht hat Noah reifen lassen, und er wird auf einen neuen Schauplatz gerufen, auf dem er die wertvolle Erziehung beweisen soll, die ihm zuteil geworden ist; er, der aus der Arche hervorgegangen ist in aller Kraft und Treue eines siegreichen Knechts, um Gott auf Seinem wahren Platz auf Erden zu offenbaren. Gott ist befriedigt, das Zeugnis wiederhergestellt, und zwar mit vermehrtem Segen für den Menschen. Danach beginnt Noah, Ruhe und Trost für sich zu finden. Selbstgefälligkeit tritt an die Stelle der Geduld, und so offenbart sich die Schwachheit der größten Knechte Gottes, wenn sie ihre eigene Ruhe und Befriedigung suchen. Das Hin- und Wiedergehen unserer Gedanken, wenn wir noch von unbeseitigten Schwierigkeiten umringt sind, zeigt uns, wohin unsere Neigungen gehen. Aber wenn wir Erfolg gehabt haben, dann wird unsere Schwachheit in ihrer ganzen Größe offenbar – (verflucht sei, der sie verkündet! vgl. 1. Mose 9,22+25). Obwohl Gott lange Nachsicht mit uns hat, muß Er uns Seine Gnade lehren. Wenn ich meine Schwachheit im Übermaß meiner Freude zeige, erfahre ich, wie

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Noah

sündhaft ich bin; und so sieht auch Noah nach all seiner Selbstverleugnung und seinem Dienst, wie sündhaft er ist. Bezeichnenderweise schließt mit dieser Warnung die Geschichte Noahs.

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Abraham

Abraham In Abrahams Geschichte finden wir auf besondere Weise die für das Leben des Glaubens notwendige und passende Zucht dargestellt. In Babel hatten die Menschen das geheime Ziel ihres Herzens geoffenbart. Sie bauten eine Stadt und einen Turm, dessen Spitze an den Himmel reichen sollte. Sie sagten: „Machen wir uns einen Namen, daß wir nicht zerstreut werden über die ganze Erde“ (1. Mo 1,14)! Sie versuchten, das durch eigene Werke und unabhängig von Gott zu erreichen. Gott verwirrte sie beim Versuch und ließ das ganze Menschengeschlecht fühlen, daß ihm geistige Verbindung durch den Verlust des gemeinsamen Verständigungsmittels versagt ist, so daß der Mensch seinem Mitmenschen entfremdet wurde. Was auch immer sein Gefühl der gemeinsamen Verwandtschaft sein mochte, seine Gedanken waren gehemmt oder nicht mitteilbar. Nachdem Gott in dieser Weise dem Unabhängigkeitsstreben des Menschen Einhalt geboten hatte, blieb Er der Absicht Seiner Liebe treu und offenbarte – wieder mittels eines Menschen – wie dieser Wunsch, dem der Mensch in Unabhängigkeit von Gott nachgestrebt hatte, verwirklicht werden kann: In einer völligen Abhängigkeit von Gott! Und so, darf ich am Rande bemerken, sind Gottes Wege mit uns immer. Wir fühlen unser Bedürfnis und suchen es mit eigenen Mitteln zu stillen. Der Herr muß uns bei dem Versuch dazu „verwirren“, aber danach führt Er unsere Seelen dazu, eine unbegreiflich viel größere Antwort auf unsere Wünsche zu finden als die, die wir uns ausgedacht hatten. Der verlorene Sohn suchte nur Nahrung bei einem Bürger jenes Landes, aber im Hause seines Vaters fand er nicht nur Brot, sondern einen überschwänglichen Empfang und ein gemästetes Kalb. Doch gehen wir zurück. Nachdem die Verwirrung der Sprachen geschehen ist, betritt Gott den Schauplatz und ruft aus ihm einen Mann heraus – nämlich Abraham –, der Zeuge der Abhängigkeit sein und nicht nach einem „Babel“, sondern nach einer „Stadt, welche Grundlagen hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist“, ausschauen sollte. Und in Gnade wird uns die Geschichte dieses Zeugen und Knechtes Gottes gegeben, um uns zu belehren, was unsere Natur in ihrer Tätigkeit unter dem Ruf Gottes ist, und wie Gott Sich mit ihr in ihren vielen Stufen des Eigenwillens und der Unabhängigkeit beschäftigt, wie Er sie zurechtweist, unterwirft und sie zu unserem Segen auf Seinen Wegen leitet. Das Wort Gottes an Abraham lautet: „Gehe aus deinem Land und aus deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in das Land, das ich dir zeigen werde“ (1. Mo 12,1), und das Wort wird der Beurteiler der Gedanken und Gesinnungen des Herzens. Wir kennen nie die wahre Absicht unseres eigenen Willens, bis wir ihn zwingen, sich bedingungslos dem Willen Gottes, den Sein Wort uns zeigt, zu unterwerfen. Vielleicht sehen wir gar keinen großen Unterschied zwischen unserem Lauf und dem Willen Gottes, bis wir ihn mit den genauen Forderungen des Wortes Gottes messen; und zwar nicht nur mit den Forderungen eines Teiles dieses Wortes, sondern des ganzen. Wenn wir es teilweise erfüllen, ändern oder schränken wir Gottes geoffenbarten Willen ein; wenn wir uns von Seinem Geiste entfernen, verlieren wir die Belehrung. Aber nur dadurch, daß wir es annehmen und

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Abraham

daran festhalten, wird unsere Seele vom Eigenwillen befreit und zu dem Segen geführt, den seine Belehrung uns vorstellt. Aber hier treten dann die Versuchungen und Übungen auf, denn Übungen und Streit müssen sein, weil unser natürlicher Wille das Wort Gottes immer flieht oder einschränkt und weil die Unbeugsamkeit der Absicht Gottes (wegen Seiner Liebe) uns immer streng auf Seinen Willen beschränkt. Dieser Streit macht Zucht notwendig und erklärt so Ereignisse in unserem Leben, die uns sonst unverständlich wären. Der Ruf an Abraham war klar und deutlich. Er forderte ihn auf, den Ort und alle verwandtschaftlichen Beziehungen zu verlassen und einen von Gott bereiteten Schauplatz zu betreten. Die Genauigkeit seines Gehorsams zeigt das Maß seiner Kraft. Er beginnt, dem Ruf zu gehorchen; er verließ Ur in Chaldäa, „um in das Land Kanaan zu gehen“; er kam aber nur aus dem Lande der Chaldäer und hielt sich in Haran auf. Er empfing das Wort und begann, zu gehorchen, und doch sehen wir, daß er es unvollständig tat; er verließ wohl sein Land, nicht aber seine Verwandtschaft! Er blieb in Haran, bis sein Vater gestorben war. Die Natur war dazwischengetreten und hinderte ihn, dem Ruf Gottes vollkommen zu gehorchen. Das ist eine ernste Warnung für uns. Wir stimmen dem Ruf zu und nehmen ihn an; aber erst wenn wir in Übereinstimmung mit ihm wandeln, entdecken wir die Forderungen, die er an unsere Natur stellt. Nichts beweist so sehr den Mangel an wahrer Energie, wie die Unfähigkeit das zu vollenden, was wir bereitwillig auf uns nehmen. Wie viele beginnen das Glaubensleben eifrig und freudig, die dann aber entdecken, daß sie nicht imstande sind, „die Toten ihre Toten begraben“ zu lassen, und, obgleich sie im Herzen bereit sind, „ein anderes Land“ zu suchen, durch irgendwelche Bindung des Fleisches abgelenkt und abwendig gemacht werden. Nichts ist für den Menschen so schwierig, als fleischliche Verbindungen ohne Ersatz abzubrechen, weil solch ein Abbruch Einsamkeit hervorrufen muß, wenn er nicht eine andere vollkommene Verbindung gefunden hat; und gerade darauf zielt der Herr ab, wenn Er sagt: „Folge du mir nach.“ Aber wenn ein Abbruch dieser Beziehungen den Verlust der engsten Verbindungen mit der natürlichen Existenz bedeutet, so muß ihre Aufrechterhaltung die Erhaltung der unmittelbarsten Zugänge zum menschlichen Herzen sein, und deshalb steht geschrieben: „Des Mannes Feinde sind seine Hausgenossen.“ Außer in der Gnade gibt es kein Entfliehen vor der Natur. Als Barnabas seinen Verwandten Markus wählte, wählte er zugleich Zypern, seine Heimat. Sein Fehltritt war nicht nur in dem Fleisch, sondern auch zum Fleisch. Abraham versäumte zunächst also, den zweiten Teil des Rufes Gottes zu erfüllen; er verließ seines „Vaters Haus“ nicht und wird demzufolge zurückgehalten, bis sein Vater gestorben ist. Dies ist die erste Stufe im Glaubensleben, und obwohl er sie bereitwillig und mit dem Herzen betrat, wie geschrieben steht: „und er zog aus, nicht wissend, wohin er komme“, entdeckte er, daß er es nicht vollbringen konnte, ehe nicht der Tod das Band, das ihn mit der Natur verknüpfte, zerrissen hatte. Der Glaube ist Abhängigkeit von Gott, und die Unabhängigkeit von allem, was menschlich ist. Der Weg, der Abraham vorgestellt wurde, erforderte demgemäß den unbedingten Ausdruck der Abhängigkeit von Gott allein. Er konnte nicht ohne Opfer sein und wollte es auch nicht; und außer den Übungen, die Abrahams Herz auf diesem Pfade des Glaubens durchgemacht haben muß, erfährt er, daß der Tod praktisch das Band, das ihn auf dem Wege zurückhält, lösen muß. Die erste Stufe wird nicht überschritten, ohne daß das Herz den Schmerz des Todes verspürt, aber der Tod bringt eine neue Befreiung. Wenn Abram nicht durch seinen Vater zurückgehalten worden wäre, sondern den unbekannten Weg ohne Pause verfolgt hätte bis zu dem Platz, zu dem Gott ihn berufen hatte, wäre er dem Schmerz, den der Tod mit sich brachte, entgangen; aber da er es selbst zugelassen hatte, daß er zurückgehalten wurde,

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konnte nichts als der Tod ihn befreien, und deshalb geht er durch diese Zucht. So ist es in Gnade bei vielen von uns; unsere Abhängigkeit von Gott ist nicht einfältig und bedingungslos; wir halten auf dem Pfade des Glaubens inne und werden durch irgendeine fleischliche Bindung zurückgehalten, bis sie „stirbt“, denn sterben muß sie, wollen wir unseren Weg mit Gott fortsetzen, oder wir müssen ihr absterben. Als der Tod so Abrams Verbindung mit der Natur gelöst hatte, mußte er seinen Lauf von neuem beginnen, zweifellos dadurch gezüchtigt, daß das Gewicht, das ihn behindert hatte, entfernt war. Dieser Zucht hätte er entgehen können, wenn er in größerer Glaubensenergie gewandelt hätte; aber doch empfing er Belehrung durch sie. Es war eine sehr nützliche Lehre, nämlich, daß der Glaube die fleischliche Begierde in den Tiefen des Herzens nicht beeinflußt und daß die Begierde, selbst wenn die Segnungen groß sind, sich dem Wort Gottes nur selten unterwirft, und selbst wenn es für eine kurze Zeit der Fall sein sollte, wird sie immer nach einer freien Entfaltung ihrer Tätigkeit streben; und wenn sie öffentlich tätig ist, muß sie öffentlich unterjocht werden. Wenn ich mich von meinem fleischlichen Willen leiten lasse und mich so vom Pfade des Glaubens abwende, muß ich, wenn Gott in Seiner Gnade mich wieder in rechte Bahnen lenkt, lernen, meinen Willen beiseite zu setzen. Das ist Selbsterniedrigung und Zucht. Für junge Gläubige, aber auch für alle ist es wichtig, wie wir diese erste Stufe des Glaubenslebens beginnen und vollenden; Versagen und Unentschlossenheit hier können Kummer und Unschlüssigkeit auf dem ganzen Wege nach sich ziehen. Denn niemals weichen wir vom Pfade des Glaubens ab, ohne einen „Dorn“ von der Natur aufzulesen, die wir berufen sind zu verleugnen. Das Fleisch muß im Tode gehalten werden; und obgleich wir befreit sein mögen wie Abraham durch den Tod seines Vaters, braucht ein Fehler, obgleich er berichtigt wird, nicht in seinen Wurzeln ausgerottet zu sein, und wenn das der Fall ist, muß die Zucht fortgesetzt werden. Lot ging mit Abram, aber er war nicht nur für Abram persönlich eine beständige Prüfung, sondern seine Nachkommen waren die größte Plage für Abrams Nachkommen, und ihre boshaften Versuchungen auf Betreiben Balaams sind in der Schrift als Vorbild der schlimmsten Machenschaften gegen die Kirche Gottes niedergelegt (Off 2,14). Wo wir einmal versagen, werden wir wie ein Pferd, das stolpert, wahrscheinlich noch einmal versagen deshalb warnt Gott uns in Seiner Fürsorge beständig vor unseren Neigungen, obgleich die Gnade, wenn sie in uns wirkt immer am deutlichsten gesehen wird, wenn sie am nötigsten gebraucht wird. Abram betritt nun die zweite Stufe seines Glaubenslebens: als Fremder im fremden Land, abhängig von Gott, baut er einen Altar, denn die Fremdlingschaft, in die uns der Glaube führt, befestigt unsere Herzen in Gott, und das führt zur Anbetung. Wenn aber die Folgen oder Umstände unserer Fremdlingschaft uns beschäftigen, verlieren wir die Ruhe, die der Glaube bietet und suchen anderswo Trost. So wandte sich Abram, als er sah, daß eine Hungersnot im Lande war, vom Glaubenspfade ab, den er betreten hatte, und ging nach Ägypten hinab. Es ist demütigend, zu sehen, wie wankelmütig wir auf diesem Pfade sind, und wenn wir auch glücklich und sicher auf ihm zu wandeln scheinen, ist es doch nötig zu sagen: „Wer zu stehen sich dünkt, sehe zu, daß er nicht falle“. Obgleich Abram in Gnade auf den Pfad, von dem er abgewichen war, zurückversetzt wird und sogar zu dem Orte, wo im Anfang sein Altar gewesen war, zurückkehrt, sehen wir, daß die Dornen, die er auf seinen Wanderungen aufgelesen hatte, ihn bei seiner Wiederherstellung stechen. Das Vieh, der Gewinn Ägyptens, ruft einen Konflikt zwischen den Hirten Abrams und Lots hervor.

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Aber die Wiederherstellung fördert uns immer in sittlicher Hinsicht, denn sie stellt uns über das, wovon wir wiederhergestellt werden. Jetzt, nachdem Abram wahrhaft wiederhergestellt ist, sieht er nicht auf die Folgen, sondern bleibt in Abhängigkeit von Gott und in hoher sittlicher Kraft auf dem Wege des Glaubens. Meine erste Schwierigkeit auf dem Pfade des Glaubens ist, vom Fleisch, vom Ort, und von der Verwandtschaft loszukommen; wenn ich davon befreit bin und die Fremdlingschaft fühle, ist das nächste der Drang zum Vorwärtsschreiten oder mich zu erfreuen oder in dieser neuen Stellung Ruhe zu finden, so wie ein Auswanderer in einem fernen und wilden Lande sich so schnell wie möglich ein Heim zu bauen sucht. Dieser Wunsch zum Vorwärtsschreiten, eine so starke Leidenschaft im menschlichen Herzen und der Beweggrund aller großen Anstrengungen Babylons, kann Ehrsucht genannt werden, aber er muß vom Mann des Glaubens, der Gottes Zeuge in dieser bösen Welt ist, überwunden werden. So wird Abrams Ehrsucht nun geprüft; aber die Zucht hat ihr Werk getan, und seine Wiederherstellung ist vollständig. Sucht er Anerkennung oder Emporkommen in diesem neuen Land? Nein! er wandelt durch Glauben und überläßt Lot alle zeitlichen Vorteile, der, um seine Ehrsucht zu befriedigen, die ganz bewässerte Ebene wählt, während Abram eine vollere Offenbarung als Lohn für seinen Glauben erhält. Aber selbst jetzt geht es nicht ohne Leiden, denn sobald ich mich mit Christus auf dem Weg befinde, gehe ich den Weg eines Gesandten Gottes, um Seinem Volk hier auf Erden zu dienen. Abram, der abhängige Mensch, der seinen unsichtbaren Pfad der Absonderung verfolgt, muß in Erscheinung treten und den gleichen Dienst tun, den Christus erfüllte, und seinen Bruder Lot retten, der seinen Ehrgeiz befriedigt hatte, indem er sich mit den Menschen dieses Zeitlaufs eingelassen hatte und demzufolge in Trübsale kam. Und wenn Abram in den Gefahren und Übungen seines Dienstes zu fühlen bekam, was er durch diesen Neffen, den er aus Ur in Chaldäa mitgebracht hatte, zu leiden hatte, wurde seine Seele zugleich auf dem Pfade der Abhängigkeit von Gott befestigt. Während er bei der vorigen Gelegenheit durch eine vollere Offenbarung des verheißenen Erbes belohnt worden war, werden Streit und Dienst jetzt durch die Erquickung und den Segen im Namen Jehova-Gottes, der Himmel und Erde besitzt, belohnt, wahrlich mehr als genug, um ihn für den Verzicht auf den Ehrgeiz des Fleisches zu entschädigen! Hier möchte ich hinzufügen, daß, wenn die Neigungen unseres Fleisches nicht besiegt sind und wir uns auf irgendeine Art in unserer neuen Stellung auszuzeichnen oder vorzudrängen suchen, wir wie Lot sein werden, wenn wir auch von „Haus“ und „Verwandtschaft“ getrennt sind und die himmlische Stellung einnehmen. Wenn wir aber wirklich versuchen, den Pfad der Absonderung zu gehen, wird unser Glaube durch vermehrte Offenbarungen gestärkt werden, und unser Dienst wird belebt durch die Verbindung mit Ihm, der unser Vorläufer innerhalb des Vorhangs ist, „Jesus, ein Hoherpriester in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks“. Wir kommen nun zum dritten Abschnitt der Geschichte Abrams auf dem Wege des Glaubens, und zwar wird er hier unter eine völlig neue Art der Belehrung gestellt, welche seine Zuneigungen prüfte. Der Ehrgeiz seines Fleisches ist geprüft worden; nun werden seine Zuneigungen unter die Zucht gestellt, und das wird in erster Linie durch die Verheißung eines Sohnes bewerkstelligt. Das ist der Gegenstand von 1. Mose 15. Ich möchte kurz bemerken, daß ich mich bei der Betrachtung des Lebens dieses Knechtes Gottes auf einen Gegenstand, nämlich die Zucht, beschränke. Ich übergehe viele Ereignisse, die von anderer Seite ausführlich betrachtet worden sind, z. B. seine Gemeinschaft mit Gott, seine Fürbitte, usw. Alles das ist sehr anziehend, kann aber hier nicht behandelt werden.

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Es scheint mir, daß sich der wahre Zustand des Herzens Abrams in seiner Antwort auf Gottes gnadenreiche Anrede am Anfang des Kapitels offenbart. Zwar war es richtig, daß er sich einen Sohn wünschte; das war ein Wunsch, der den Ratschlägen Gottes betreffs seiner entsprach, und hätte er den Wunsch nicht gehabt, wäre es nicht dem Willen Gottes gemäß gewesen. Dennoch erhebt sich seine Antwort „Was willst du mir geben?“ nicht zu der Höhe, in die Gott ihn einführen wollte, nämlich innige Zufriedenheit mit Ihm, denn was konnte Er ihm Größeres geben“ als die Verheißung, daß Er sein „sehr großer Lohn“ war? Nichtsdestoweniger kommt Gott ihm entgegen und verheißt das, was Er früher nur angedeutet hat. Aber ein langer Weg liegt zwischen ihm und der Erfüllung der Verheißung, und als Abraham muß er in seinem Hause eine Vorbereitung für die Prüfung seiner Zuneigungen über sich ergehen lassen, die ihn viele Jahre später erwartete, die er aber durchmachen mußte, um im Leben des Glaubens vervollkommnet zu werden. Es war nicht so, daß er die Fülle und Nähe, in der Gott Sich ihm offenbart hatte, unterschätzte, aber er zeigte die geheime Schwäche der menschlichen Seele, getrennt von jeder rnenschlichen Bindung zu ruhen. Gott weiß das und will gnädig helfen; aber wenn Er Isaak verheißt und gibt, muß Abraham ihn auch als von Gott gegeben ansehen. Abraham glaubte Gott, aber sein Herz brauchte Vorbereitung und Zucht, wie wir an der Ungeduld des Fleisches sehen, die er bekundet, während er auf die Erfüllung der Verheißung wartet, und er ist ihr im engsten Familienkreise unterworfen. Es gibt vielleicht kein größeres Hindernis für die Erfüllung dessen, was Gott uns zuteil werden lassen will, als wenn eine fleischliche Gesinnung handelt. Wie es eine Eigenschaft Satans ist, das, was er nicht vereiteln kann, zu verderben, so ist es auch mit dem Eigenwillen unseres Fleisches, der gerne etwas annehmen und vollenden möchte, was eigentlich vollkommen außer ihm, bei Gott seinen Ursprung hat: so hält Eva Kain für den verheißenen Samen, weil sie eine geistliche Wahrheit in fleischlicher Gesinnung auslegt. Der Mensch kann nie das Ausmaß dessen erkennen, was Gott denen bereitet, die Ihn lieben. Ein Ismael war der Maßstab Abrahams, ein Isaak derjenige Gottes. Inzwischen muß Abraham durch Streit und Kummer erfahren, welches die Frucht seiner Ungeduld ist, und schließlich muß er tun, was „übel in seinen Augen“ ist, nämlich seinen Sohn vertreiben. So verzögern unsere eigenen Pläne nur die wirklichen Segnungen. Es müssen fast 20 Jahre zwischen der Verheißung und der Geburt Isaaks verflossen sein, und mannigfaltig waren die Prüfungen, die er in der Zeit durchmachen mußte, obwohl der Herr ihm ebenso viele und große Mitteilungen machte. Wir kommen nun zum vierten Abschnitt auf Abrahams Pfad der Zucht: Kapitel 21. Sein Becher scheint voll zu sein: Isaak wird geboren; die Magd und ihr Sohn vertrieben; die Mächte der Nationen – vorgestellt in Abimelech – kommen, um zu bezeugen, daß Gott mit ihm ist in allem, was er tut; er pflanzt eine Tamariske und ruft den Namen des ewigen Gottes an. Aber noch mehr Zucht war nötig, um seiner Seele deutlich zu machen, daß jener volle Becher ganz allein Gottes Gabe war; daß nur Er ihn füllen, leeren und wieder füllen konnte, und daß Er allein es konnte. Abraham erwartete nichts mehr von der Welt; würde er nun den Gegenstand seiner Hoffnungen und Zuneigungen aufgeben können? und noch mehr, würde er selbst diese schreckliche Tat ausführen wollen? Es war „übel in seinen Augen“, Ismael zu vertreiben; was mußte es für ihn sein, nun zu hören: „Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du lieb hast, den Isaak, und ziehe hin in das Land Morija und opfere ihn daselbst als Brandopfer auf einem der Berge, den ich dir sagen werde.‘Er opferte ihn nicht wie Jephtah auf sein eigenes Versprechen, sondern auf das eindeutige Gebot Gottes hin, das nicht nur seine Zustimmung

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forderte, sondern auch, daß er selbst der Täter sein sollte! Abraham gehorchte. Er geht den Weg der Abhängigkeit von Gott, erhaben über jeden Einfluß von Ehrsucht oder Gefühl. Aber welche Zucht! Welche Verleugnung langgehegter Hoffnungen und Gefühle! Der Gegenstand des Verzichts war nicht wie Jonas Wunderbaum, der in einer Nacht emporwuchs und in einer Nacht verdorrte, sondern die Frucht jahrelanger Geduld, Prüfungen und Anteilnahme; und nun sollte er sich selbst den vollen Becher von der Lippe reißen. Wo war das Fleisch? – wo seine Forderungen? War Abraham an jenem Tage wie Jephta „tief niedergebeugt“, oder „zürnte“ er wie Jona? Nein! der Mann der, Glaubens stand an jenem für das Fleisch so schrecklichen Tage „des Morgens früh auf und sattelte seinen Esel und nahm mit sich zwei von seinen Knaben und Isaak, seinen Sohn; und er spaltete Holz zum Brandopfer und machte sich auf und zog hin an den Ort, den Gott ihm gesagt hatte“. Welch eine dauernde Ruhe und Würde verleiht der Glaube! Nichts geschah hastig oder überstürzt; die Zeit der Erwägung war lang, denn am dritten Tage war der Ort noch „ferne“. Wer kann im Geiste diesen Übungen einer Seele, die der Glaube treu im Gehorsam gegen das Wort Gottes bewahrte, folgen, ohne zu erstaunen über die alles übersteigende Kraft, die jener Glaube verleiht? Das Opfer ist vollständig! Abraham nimmt mit eigener Hand das Messer, um seinen Sohn zu schlachten, aber er vertraut auf Gott, „indem er urteilte, daß er auch aus den Toten zu erwecken vermöge.“ Die Abhängigkeit von Gott triumphiert über die Forderungen des Fleisches, und die Belohnung erfolgt sogleich. Der im Dickicht festgehaltene Widder, – Christus, das wahre Brandopfer, Der uns in eine herrliche Stellung vor Gott versetzt, was keines unserer Opfer je vermocht hätte, – Er ist unsere Entschädigung nach allem Verzicht und auch die wahre, vollständige Befriedigung unserer Herzen. Und so wird der Ort Jehova-jireh genannt; er ist „der Berg Jehovas“, weil hier Jehova das, was allen unseren Bedürfnissen entspricht, bereithält. Hier erhält Abraham auch die größte und vollste Offenbarung der Segnungen, die ihm jemals zuteil wurde. Das Fleisch war so zum Schweigen gebracht und die Abhängigkeit von Gott so wahr und echt, daß Jehova ihm die geheimsten Ratschlüsse Seiner Liebe offenbaren kann. Er war so vollkommen und „erwachsen“, daß er ein Ohr zu hören und ein Herz um die Weisheit zu verstehen hatte. Alles dieses hatte Gottes Zucht bewirkt; und dazu will Er, in der Größe Seiner Gnade, auch jeden von uns führen. Möchten wir wirklich Gnade und Weisheit haben, den Pfad des Glaubens zu erkennen und auf ihm zu wandeln, zur Ehre und Verherrlichung Dessen, der bei aller Erziehung unserer Herzen unseren Segen und unsere Freude im Auge hat.

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Isaak Abraham, Isaak und Jakob waren in besonderer Weise „die Väter Israels“, die Häupter eines von Gott berufenen Volkes, das auf der Erde in glücklicher Abhängigkeit von ihm wandeln sollte. Abraham war der erste auf dem Wege, und während er im Glauben am vorbildlichsten war, der sie alle kennzeichnete, hatte er mit besonderen Umständen zu ringen, die den anderen unbekannt waren. Wenn sein Weg höher war, waren seine Schwierigkeiten größer; wenn der Glaube stärker war, waren Widerstand und Verleugnung des Fleisches besonders hartnäckig und heftig, aber das geziemte ihm als dem Anführer. Die mächtige Wirksamkeit des göttlichen Glaubens widersetzte sich in tödlichem Kampf jedem dreisten Widerstand, den die eigenwillige Natur im Kampf um ihr Dasein ihm entgegenstellte. Es war ein „Nahkampf“: Die Abhängigkeit von Gott, die das Geschöpf der Herrschaft seines eigenen Willens entriß ‚ um es Gottes Willen zu unterwerfen, muß die bitterste Feindschaft des Fleisches hervorgerufen haben. Abraham steht eigentlich an erster Stelle in diesem wichtigen Streit. Es folgt Isaak, auch ein Führer, aber erst an zweiter Stelle. Abraham erobert das Land; Isaak soll es bewahren und muß die Stellung gegen den gemeinsamen Feind behaupten. Abraham leidet, während er um den Besitz kämpft; Isaak leidet, während er ihn bewahrt. Die Hindernisse bei Abraham entspringen größtenteils der Macht der Umstände außer ihm, bei Isaak fast immer der persönlichen Schwachheit. Isaak stellt uns die Natur in ihrem besten und glücklichsten Zustand, aber in ihrer Unfähigkeit vor, den Weg des Glaubens zu bewahren, auf den der Mensch durch Gottes Gnade gestellt ist. Seine Fehltritte werden nicht so sehr durch die Macht des Feindes bewirkt, der ihn abwendig macht, als vielmehr durch die bloße Schwachheit des Menschseins. Die Jünger schliefen, als der Herr sie aufforderte zu wachen, nicht aus Bosheit, denn „der Geist war willig“, sondern weil das Fleisch „schwach“ war und es nicht seine Gefühle zeigen konnte, wie es wollte. Isaak zeigt uns, wie schwach und hinfällig selbst die beste Seite unserer Natur auf dem Wege des Glaubens ist, wie sie auf diesem Weg versagt, und welches die daraus entspringende Zucht ist. Isaak betritt den Schauplatz als der Sohn der Verheißung, und wie sein Name andeutet (“Lacher“ s. Anm. zu 1. Mo 17,19), unter den glücklichsten sittlichen Vorzeichen. Kein Wunder, daß wir vorbereitet sind, in ihm ein glückliches Beispiel der gefallenen Menschheit zu sehen: gehorsam, liebevoll, häuslich. Die erste Bekanntschaft mit ihm machen wir im beginnenden Mannesalter bei der Besteigung des Berges Morija; bei einer so wunderbaren Begebenheit, daß wir kaum wissen, was unsere Bewunderung mehr fesselt, die gelassene Tat Abrahams oder die Lamm gleiche Ergebenheit Isaaks. Man kann sagen, daß er nicht im voraus wußte, daß er auf so unheilvolle Weise selbst dabei betroffen war; aber auch als er es wußte, als er auf das Holz des Altars gelegt wurde und das Messer in des Vaters ausgestreckter Hand war, um ihn zu schlachten, selbst dann finden wir nicht, daß er auch nur im geringsten der Ausführung widerstand. Gehorsam in Unwissenheit bekundet unbegrenztes Vertrauen in die Person, der ich mich so arglos unterwerfe, und beweist weiter, daß ich meinen eigenen Willen beugen und dem unterwerfen kann, der Anspruch auf mich hat. Gehorsam muß am Anfang der Liste all der

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Tätigkeiten stehen, die zu Ordnung und Segen führen sollen. Die Forderung lautet (wie schon bei Adam), den Willen zugunsten Dessen aufzugeben, Der rechtmäßige Forderungen stellen kann. Für Untertanen, Knechte, Ehefrauen, Kinder gilt das. „Ehre deinen Vater und deine Mutter“ ist deshalb das erste Gebot mit Verheißung, weil den Willen aufzugeben eine Handlung ist, die dem Charakter unserer Natur entgegengesetzt ist, und Gott anerkennt und segnet sie. Der Weg des Herrn Jesus war von uneingeschränktem Gehorsam, aber Ihm standen immer die Folgen jenes Gehorsams vor Augen. Er unterwarf Sich wegen des Dienstes, den Er tun sollte, und wegen der Freude, die Er dem Vater bereiten würde, und nicht wie Isaak, das Vorbild auf Ihn, weil er den Ausgang nicht kannte und weil er auf den vertraute, der den Gehorsam verlangte. Dieser Gehorsam Isaaks im Anfang seiner Geschichte verbürgt unsere hohe Einschätzung seiner Person; aber wenn er (wie bei dem Jüngling im Evangelium, den der Herr liebte) dem Charakter des Fleisches entsprang, so mußte er (wie bei jenem) einer unzweideutigen Prüfung unterzogen werden. Je lieblicher der Charakter ist, desto unverkennbarer muß der Beweis sein, daß ein solcher allem, was in ihm selbst ist, entsagt hat. Von dem Jüngling wird gefordert, alles was er hat, zu verkaufen und den Armen zu geben, von wo es nicht wiedererlangt werden kann; und so, beraubt und entblößt, dem Herrn zu folgen. Isaak, die sanfteste aller Naturen, mußte sinnbildlich durch den Tod gehen, den Tod, der das Ende alles Fleisches bedeutet, der der einzige wahre Ort dafür ist. Denn nur wo das Fleisch vollständig am Ende ist, nämlich im Tode Christi, gibt es wahre Befreiung vom Tode und bewußte Einnahme des Platzes, auf den die Gnade uns versetzt hat. Der göttliche Wille führt uns unfehlbar zu dieser vorbehaltlosen Unterwerfung; und diese Zucht, die für Isaak so notwendig und gesegnet ist, wird ihm gleich zu Beginn seiner Geschichte auferlegt. Es ist nicht wie bei Abraham die Absonderung und Selbsterniedrigung, sondern nichts anderes als der Tod, der sittliche Tod. Je gebildeter und vollkommener die Natur ist, desto schwieriger ist es, sie zu verleugnen; wo nichts Offenkundiges zu verleugnen ist, erscheint es hart, daß alles verleugnet werden muß. Wo etwas Offenkundiges ist, wird eine Verleugnung immer den Willen brechen, weil der Wille in der herrschenden Leidenschaft seinen Ausdruck findet, und das Zerbrechen des Willens ist der sittliche Tod der alten Natur, den alle erleiden müssen. Nur wird er bei einigen direkt durch die Vernichtung einer herrschenden Vorliebe oder eines Übels erreicht, während bei anderen, die wie Isaak eine gleichmäßigere Natur haben, bei der nichts besonders hervortritt, das zerbrochen werden muß, das Ganze praktisch unwirksam gemacht werden muß. Das nächste, was wir von Isaak hören, steht wieder in Verbindung mit dem Tode: aber in einer anderen Art und Weise, die ihn auf ein neues Leben vorbereitet. Der Tod seiner Mutter läßt ihn als Einzelwesen auf der Erde zurück. Wir finden in der göttlichen Zucht zwei Arten des Todes, nämlich entweder sterbe ich, oder alles stirbt mir. Wir dürfen wohl sagen, daß Isaak, als er „auf dem Felde sann“, erfahren haben muß (obwohl er durch die Hoffnung auf bessere zukünftige Dinge erfreut wurde), wie der Tod den Schauplatz verödet und eine Lücke im Herzen hinterläßt, die nichts darin füllen kann. Der Beiseitesetzung Saras folgt jedoch die Einführung Rebekkas, und er verläßt das Dunkel und den Kummer des Todes, um den Trost, den Jehova ihm verschafft, anzunehmen. Aber selbst dann, so treu und wahr sind die Wege unseres Gottes mit Seinem Volk, hat Isaak, der verheißene Sohn, keinen Erben, und er bekommt ihn nicht eher als bis er sich auf Gott verläßt, denn er muß lernen, auf Ihn zu schauen statt auf das Fleisch. Er muß lernen, daß Segnungen, welcher Art sie auch sein mögen, getrennt von Gott kein erwünschtes Ergebnis erzielen. Aber nach dieser

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Lehre wird der vorbestimmte Plan durchgeführt, und Isaak erhält Kinder. Bei ihrer Geburt wird eine Offenbarung über ihr Schicksal gewährt, die für ein dem Willen und den Ratschlägen Gottes geöffnetes Ohr ausreichend sind, um zu erkennen, was der göttliche Wille betreffs ihrer war. Isaak sollte das verstanden und dementsprechend gehandelt haben; aber er scheint es nicht getan zu haben, oder die Gewohnheit seiner Natur verdrängte den Ratschluß Gottes in seinem Innern, denn er scheint in Jakob nicht den Erben der Verheißungen erkannt zu haben, und er „hatte Esau lieb, denn Wildbret war nach seinem Munde“. Der göttliche Fingerzeig wird übersehen, weil das Herz des Vaters durch die Aufmerksamkeiten des Sohnes erfreut wird und mehr durch die Eingebungen des Fleisches als durch den Ratschluß Gottes geleitet wird. So natürlich und väterlich dieses Gefühl auch war, so war doch der Wille des Menschen im Widerspruch zum Willen Gottes, und deshalb muß Isaak lernen, aufzugeben, denn das Wort des Herrn muß bestehen bleiben! Aber das geschieht nicht in einem Augenblick. Isaak scheint dieses Verhältnis, in dem Esau vorgezogen wurde, sehr lange genossen zu haben. Im Lauf der Zucht, der Gott Sein Volk unterwirft, finden wir oft, daß es Ihm offenkundig widerstrebt, uns unserer einfachen fleischlichen Vergnügungen zu berauben. ja, oft dürfen wir an ihnen teilhaben, bis wir ihnen in der Anmaßung des Fleisches einen Platz gegen Gott einräumen wollen, und wir, wie der König Ussija es tat, dem, was nur einen Platz im Fleische hat, einen Platz bei Gott einräumen wollen und dem Fleisch demgemäß Würden zuteilen, die Gott vorbehalten sind. Dies geschieht fast zwangsläufig, wo die Neigung, dem Herrn zu folgen besteht, und sogar, wo der anerkannte Beweggrund der Seele ist, Gott zu gefallen, d. h., wo das Gewissen in Tätigkeit, aber der Wille nicht unterworfen ist. So können die Forderungen des Herrn in der Seele anerkannt werden, ohne daß der eigene Wille dem Willen des Herrn wirklich untertan ist. Wenn dies der Fall ist, wird man sich bemühen (und häufig mit zeitweiligem Erfolg), dem Geschöpf jene Stellung und Würde zuzuerkennen, die nur der von Gott Berufene besitzen sollte. In der Christenheit sehen wir dazu bemerkenswerte Beispiele, daß richtige Namen ihren ungeeignetsten Gegnern beigelegt werden. Zum Beispiel stellt die gewöhnlich sogenannte „Kirche“ genau so wenig die wahre Sache dar wie das goldene Kalb den Gott, der Israel aus Ägypten geführt hatte; und doch sind die meisten Gewissen beruhigt, weil der wahre geistliche Name bewahrt geblieben ist. Ach, wir können unser Gewissen beruhigen, während wir unseren Willen befriedigen, indem wir dem fleischlichen Ergebnis einen göttlichen Namen geben. Wo diese Haltung herrscht, muß Zucht sein, aber für manche Zucht sind wir nicht bereit, ehe wir durch eine Zucht anderer Art gehen. Und siehe, während Esau sich durch seine Jagd bei seinem Vater beliebt macht und das Wort Gottes in seinem Innern ungültig macht, zwingen ihn die Wirkungen eben dieser Jagd, sein Erstgeburtsrecht eben dem zu verkaufen, für den Gott es vorgesehen hatte; und so bereitet er zugleich die notwendige Zucht für Isaak vor und führt die Absichten Gottes aus. Satans scheinbar größter Sieg enthält immer den Keim zu seiner eigenen Vernichtung. Wie er beim Tode Christi seine Macht vereinigte und verlor, so würden wir, wenn wir nur Geduld hätten, das Ende abzuwarten, entdecken, daß sein schrecklichster Anschlag gegen uns in unserer sichersten Errettung endigt. „Aus dem Fresser kam Fraß.“ Der nächste Bericht über Isaak ist von anderer Art. Im Lande entstand eine Hungersnot, und Kapitel 26 gibt uns eine ausführliche Beschreibung der Übungen, durch die er vom Auszug nach dem Süden bis zu seiner Rückkehr ging. Die Hungersnot wird ausdrücklich von der „vorigen Hungersnot“ in den Tagen Abrahams unterschieden. Die erste stellte Abraham, den Vorläufer, auf die Probe, die zweite Isaak, den Bewohner. Abraham hatte sich von ihr abgewandt und war nach Ägypten hinabgezogen.

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Isaak schlägt dieselbe Richtung ein und geht zu Abimelech, dem König der Philister, aber dort ermahnt ihn Gott, nicht weiterzuziehen und sich in Gerar aufzuhalten. Er erlaubt ihm, sich dort aufzuhalten, um zu erkennen, ob es möglich ist, aber Er fügt hinzu: „Bleibe in dem Lande, von dem ich dir sage.“ Isaak hielt sich nicht nur in Gerar auf, sondern er blieb dort, und als Folge davon beginnen seine Leiden. Er muß hier lernen, daß er, wie reich er auch im Lande der Philister sein mag, nie den Frieden und die Ruhe genießen kann, die seine Seele begehrt, solange er in Verbindung mit ihnen steht. Zunächst versucht er, sich durch falsche Darstellungen einen ungestörten Aufenthalt zu verschaffen, und als seine Lüge aufgedeckt wird, erniedrigt sie ihn vor ihnen als einen, der Gott in den Umständen, in die er sich selbst gebracht hat, nicht vertrauen kann. Aber noch verläßt er den Ort nicht. Oft versuchen wir, dort zu bleiben, wo wir untreu waren, als ob wir das, was wir verloren haben, wiedererlangen könnten; aber wenn unsere Stellung eine Stellung des Unglaubens ist, kann keine Art des Verhaltens ihren Charakter verändern. Jehova zeigt Isaak die Nutzlosigkeit des Gewinns in Gerar. Er mag so gesegnet sein, daß sein Getreide hundertfältig trägt, bis er sehr groß wird. Aber wozu das alles? Die Stellung eines Fremdlings wäre glücklicher für ihn, denn dann könnte er sein Brot in Ruhe essen und aus seinen eigenen Quellen in Frieden trinken; aber bei all seiner Größe und all seinen Reichtümern sind ihm diese Segnungen in Gerar versagt. In einem langsamen und schmerzlichen Prozeß muß Isaak lernen, daß er das Land der Philister ganz und gar verlassen muß, und jeder Brunnen, den er graben mußte, kennzeichnet die Abschnitte dieses Vorgangs: erst „Zank“, dann „Anfeindung“, sodann „Räume“, aber als er „Raum“ gefunden hat und von der Verbindung, die ihn behinderte, befreit ist, schreitet er voran nach Beerseba, das an der Grenze des Landes liegt. Er nimmt wieder den Platz eines von Gott abhängigen Fremdlings und Pilgers ein, und in dem Augenblick, wo er das tut, erhält er seine Belohnung. „Jehova erschien ihm in selbiger Nacht“ und segnete ihn. Die Zucht hatte Heiligung erzielt, und er baut einen Altar und betet an. Sie hatte ihn gelehrt, daß es besser ist, ein wenig bei Gott zu haben als große Reichtümer in einer Stellung fern von Gott, und nun genießt er seine Segnungen und seine Quelle in Frieden. Er erhielt dieselbe Lehre wie Abraham, nur in einer milderen Form; nämlich den Ehrgeiz und den Wunsch nach Auszeichnung in dieser bösen Welt zu kreuzigen. Ehrsucht sucht der Gegenstand der Aufmerksamkeit der anderen zu sein; Zuneigung sucht der Gegenstand der Aufmerksamkeit der eigenen Person zu sein. Abraham mußte zulassen, daß beides geprüft und gekreuzigt wurde; ebenso Isaak, aber wie gesagt, in einer milderen Form. Er wird zum Ende des einen, nämlich der Ehrsucht gebracht, in einer Weise, die beim Volke Gottes häufig ist, indem er entdeckt, daß man sich an keinem Gewinn in Verbindung mit dem Bösen erfreuen kann, und indem er nach verschiedenen Kämpfen dazu getrieben wird, die falsche Stellung zugunsten der ungetrübten Wasser von Beerseba und der Gegenwart des Herrn zu verlassen. Aber noch erwartete ihn die große Zucht seiner Zuneigung; auf die er seit langem vorbereitet wurde; es war in der Tat die große Zucht und Lehre seines Lebens. Sie begann, als auf dem Berge Morija seine ganze Natur, das Gute sowohl wie das Böse, abgelehnt wurde, indem sie „im Gleichnis“ durch den Tod ging, und während seines ganzen Lebens wurde sie nie aus dem Auge verloren. Damals bestand die Zucht mehr in dem wirklichen, ein für allemal geschehenen Tode; nun lernt Isaak jedoch jene Verleugnung des Willens, die ihn sittlich zu dem führt, was der Tod praktisch ist. Alles, was wir in Verbindung mit seinem Lieblingssohn Esau hören, trägt denselben Charakter und scheint die Vorbereitung für die Prüfung seiner Zuneigungen zu sein, die er schließlich erdulden muß, weil

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er dem Fleisch unrechtmäßig den Vorzug vor Gottes Ratschluß gegeben hat. Die Schwachheit des Fleisches war die Lehre für Isaak, und sie ist oft erniedrigender als seine Schlechtigkeit. Sie ließ die geliebten jünger in Gethsemane einschlafen und ließ Petrus fluchen und schwören, daß er Den nicht kenne, Den er am meisten auf Erden liebte. Esau hatte nicht nur sein Erstgeburtsrecht verwirkt, sondern er hatte sich auch gesellschaftlich des Rechtes auf Erbschaft beraubt, indem er eine Kanaaniterin heiratete. Als Isaak das erfährt, ist es, wie wir lesen, ein „Herzeleid“ für ihn. Aber selbst das entfernte Esau nicht von seinem Platz in der Zuneigung seines Vaters. Esau war 40 Jahre alt, als diese Heirat stattfand. Jahre später, wie wir annehmen dürfen, als „Isaak alt geworden und seine Augen zu schwach waren um zu sehen“, ruft er Esau zu sich und sagt: „Mein Sohn, . . . siehe doch, ich bin alt geworden, ich weiß nicht den Tag meines Todes. Und nun nimm doch dein Jagdgerät deinen Köcher und deinen Bogen, und gehe hinaus aufs Feld und erjage mir ein Wildbret; und bereite mir ein schmackhaftes Gericht wie ich es gern habe, und bringe es mir, daß ich esse, damit; meine Seele dich segne, ehe ich sterbe.“ So hängt Isaak bis zuletzt an dem Sohn, den er lieb hatte, und übersah – so groß war seine natürliche Zuneigung – jeden göttlichen Fingerzeig, der ihn in eine andere Richtung gewiesen haben sollte. Wir sehen ihn von einer wahrlich demütigenden Seite, wie jeden Gläubigen, bei dem das ungebändigte Fleisch regiert. Aber Gott wird die ungerichtete Natur auch bei Isaak unterwerfen! Und nicht nur das (so vollkommen und vollständig sind Gottes Wege), sondern Er wird gerade jene Befriedigung, die dazu gedient hatte, Isaaks Willen und Urteil zu beeinflussen, als unmittelbares Mittel zu seiner Züchtigung benutzen. Gott erlaubt, daß er betrogen wird. Mittels des „schmackhaften Gerichtes“ wurde sein Verstand vom gesunden Urteil abgewendet, und durch das „schmackhafte Gericht“ wird er ohne sein Wissen gezwungen, nach dem Willen Gottes zu handeln: nicht wie bei der erhabenen und einsichtigen Tat Jakobs, der seinen Segen in voller Übereinstimmung des Geistes mit dem Willen Gottes aussprach, sondern als Irregeführter, Gedemütigter, Betrogener – fast gegen seinen Willen und ohne jegliche geistliche Verbindung zu Ihm –, und ohne, daß die traurigen Wirkungen der Natur gerichtet oder getötet waren. Menschliche Pläne werden jedoch vereitelt. Jakob, der rechtmäßige Erbe und von Gott Bestimmte, erhält den Segen, und Isaak muß es hören. Und nun findet in seiner Seele der Kampf zwischen dem fleischlichen Willen und dem Worte Gottes statt. Was ist das Ergebnis? Die Natur gibt sich geschlagen! Welch ein Augenblick! Wer kann den Aufruhr der Seele beschreiben, der das ganze Geschöpf erschüttert, wenn das Wort Gottes, das gleichgültig behandelt worden ist, seine Macht und Autorität in unserer Seele behauptet? Unser Wille vergeht vor der Größe der Wahrheit, die wir erkennen, ohne daß er uns rechtfertigt. Es überrascht uns nicht zu lesen, daß Isaak „mit großem Schrecken über die Maßen erschrak und sprach: Wer war denn der, welcher ein Wildbret erjagt und mir gebracht hat? und ich habe von allem gegessen, ehe du kamst und habe ihn gesegnet; er wird auch gesegnet sein.‘Wir sollten hier eine Tatsache von großem Gewicht bemerken, daß nämlich die Wahrheit durch einen Wandel in Eigenwillen nicht verändert werden wird und kann, obwohl wir, wenn unser Geist nicht Gott unterworfen ist, versuchen werden, sie falsch anzuwenden. Nur wenn das Fleisch unterworfen ist, können wir glücklich der einzig wahren und richtigen Anwendung des Wortes Gottes zustimmen.

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Isaak

Zum Schluß sehen wir, wie Gottes Zucht wirkt. Isaak beugt sich nun dem Ratschluß Gottes; aber welch ein Schauplatz des Kummers umgibt ihn! Seine Liebe zu Esau ist zerstört, und der nun rechtmäßige Erbe, die Hoffnung seines Hauses, ist ein Verbannter! Dies alles ist die bittere Frucht natürlicher Zuneigung, der gegen den Willen Gottes nachgegeben worden ist! Dennoch hören wir keine Äußerung der Ungeduld von Isaak; er segnet Jakob und sendet ihn nach Paddan-Aram, so stark und fest im Glauben wie in seinen besten Tagen. Und seine Geschichte schließt mit dem Bericht, daß seine letzten Tage durch die Gegenwart Jakobs erhellt wurden. So sehen wir die Absicht des Herrn, „voll innigen Mitgefühls und barmherzig“, wenn die Zucht vollendet ist, dem Beraubten alles und mehr als er verloren hat, zurückzugeben. Möge dies alle, die in Zion trauern, trösten!

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Jakob

Jakob Die Geschichte Jakobs ist besonders lehrreich für uns, denn in ihr wird die Tätigkeit des fleischlichen Willens dargestellt, nicht so sehr im Handeln gegen den Ratschluß Gottes, als vielmehr in dem Versuch, das durch eigene Bemühungen zu erlangen, was von Gott zuvor bestimmt ist. Je verständnisvoller der Wille des Menschen ist, und je tiefer er von der Absicht Gottes beeindruckt ist, soviel nötiger ist seine Unterwerfung unter Gott, denn sonst wird er versuchen, mit fleischlichen Mitteln zu erreichen, was der Weisheit Gottes überlassen werden sollte; und daraus entsteht Unruhe. Der solchermaßen tätige Wille benötigt Selbstgericht; denn sein Fehler ist nicht, daß er den Willen Gottes zurückweist oder mißversteht, sondern daß er ihn mit eigener Kraft zu unterstützen und zu verwirklichen trachtet. Wenn das der Fall ist, läßt der Herr zu, daß Sein Knecht durch traurige Erfahrungen das Ende seiner eigenen Pläne sieht. Und obwohl die Ratschlüsse Seiner Liebe dieselben bleiben, müssen sie unter Bedingungen durchgeführt werden, die erkennen lassen, daß Der, welcher segnet, Sich mit dem Willen dessen beschäftigen mußte, der gesegnet wird. „Die Furcht Jehovas ist der Weisheit Anfang; und die Erkenntnis des Heiligen ist Verstand.“ Wenn ich Gott nicht vor mich stelle, kann ich, mit meinem fleischlichen Willen in einer bösen Welt, niemals in Weisheit wandeln, denn Gott ist die Quelle der Weisheit. Daher ist bloße Erkenntnis an sich nichts, d. h., sie führt den Menschen nie dazu, mit Gott zu wandeln. Der Glaube kommt vor der Erkenntnis; durch Erkenntnis kommen wir nicht in Verbindung mit Gott, wenn der Glaube ihr nicht vorangeht. Wenn ich in Abhängigkeit von Gott wandle, muß jede wahre Erkenntnis die Abhängigkeit verstärken, denn durch die Erkenntnis lerne ich, daß niemand als Gott der Abhängigkeit würdig ist. Wenn ich Gott liebe, kenne ich ihn, aber die Liebe nährt meine Erkenntnis, sonst „bläht die Erkenntnis auf.“ Jakob ist ein bemerkenswertes Beispiel eines Menschen, der die Segnungen genießt, aber immer wieder die Pläne Gottes hemmt und ihnen durch seine eigenen Pläne zuvorkommt. Sein Herz stand gut, könnten wir sagen; aber sein Wille war ungebrochen, und der Wille des Fleisches kann nur nach seiner eigenen Verderbtheit handeln. So zeigte er in der ersten Tat seines Lebens, die uns überliefert ist, daß er mehr auf den Segen und die Stellung, die das Erstgeburtsrecht verleiht, blickt, als auf die Mittel, durch die er diese erlangen kann. Er nützt die Lage seines Bruders aus, um den mit Recht hochgeschätzten Preis zu ergreifen, den Esau für den größten Gewinn nicht hätte aufgeben dürfen. Aber der Besitz des Erstgeburtsrechtes gab Jakob nicht den Genuß des Segens, den jenes darstellte; denn sonst hätte er sich später nicht so bereitwillig dem unwürdigen Plan gefügt, den seine Mutter ersann, um ihm den Segen zu verschaffen. Und warum? Er hatte den ersehnten Segen auf fleischlichem Wege ergriffen, und er genoß nichts von der Befriedigung, die er erfahren haben würde, wenn er ihn auf göttlichem Wege erreicht hätte; denn der göttliche Weg verbindet die Seele immer mit Gott. Wenn ein Segen nicht mit Gott in Verbindung gebracht wird, kann er mich oft noch elender machen; aber wenn ich weiß, daß er aus Seiner Liebe hervorströmt, empfängt ihn mein Herz in Ruhe und Vertrauen. Denn ich weiß, daß ich, obgleich ich

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Jakob

den Beweis Seiner Liebe nicht sehe, ich doch die Liebe selbst nicht verlieren kann, und daß die Liebe nicht bestehen kann, ohne sich zu offenbaren. Mose war in seinen Bemühungen, die Kinder Israel aus der Sklaverei Ägyptens zu befreien, schnell entmutigt. Er schätzte seinen Dienst, aber indem er ihn nicht mit Gott in Verbindung brachte, verlor er bald die Gewißheit bezüglich seines Erfolges. Früher oder später wird der Herr uns lehren, alle unsere Segnungen und Dienste mit Ihm in Verbindung zu bringen; denn er weiß, daß wir sonst nicht damit rechnen, daß Seine Kraft uns stützt. Deshalb ist Mose 40 Jahre in Midian, wo er auf die Stimme aus dem brennenden Dornbusch vorbereitet wird. Im Gefängnis zu Rom wird Paulus in der Wirklichkeit von Wahrheiten befestigt, die ihm lange vorher mitgeteilt worden sind. Und als Jakob Gott nahegebracht worden war und Seine Macht erkannte, als er gegen sie rang, erhielt er durch Gnade den Namen Israel, und er empfing die Versicherung von Segnungen, auf die er schon seit vielen Jahren ein Anrecht hatte. Der Besitz des Erstgeburtsrechts, der Segen seines Vaters, das Gesicht in Bethel, der Traum in Paddan-Aram, das alles konnte Jakob nicht von der Gewißheit des Teiles überzeugen, das er so schätzte und benötigte. Der starke Arm Gottes, der mit ihm rang in Machanaim, wo er Gott persönlich nahegebracht und unterworfen wurde, er allein gab ihm die Gewißheit der Nähe Gottes und seiner Unterwerfung unter Gott. Der Traum zu Bethel war die göttliche Mitteilung des Segens; aber erst als Jakob in einem Zeitraum von 20 Jahren in Paddan Aram die bitteren Früchte seines Eigenwillens schmeckt, wird er in jenen Umgang mit Gott gebracht, dessen Ergebnis die Geringschätzung der eigenen Person ist. Jeder, der von Gott nach einem Weg des Eigenwillens wiederhergestellt wird, muß wissen, daß der Erfolg der Gnade Gottes seine Natur, durch die er geleitet und betrogen wurde, überstrahlt; und in dem Maße wie die Gnade ihren Platz und ihre Würdigung erhält, muß das Fleisch verurteilt und verabscheut werden. Welch ein Weg der Zucht ist nötig, um eine eigenwillige Seele zu unterwerfen! Jakob wird in allem, was er wünscht, gesegnet, obwohl seine Pläne, und immer gerade die, die ihm am wichtigsten sind, oft durchkreuzt werden. Sein älterer Bruder überläßt ihm das Erstgeburtsrecht, sein Vater segnet ihn mit dem größten Segen, Jehova offenbart ihm die Absicht Seiner Liebe mit ihm, als er ein Wanderer fern vom Hause seines Vaters ist, in Paddan-Aram gelingt ihm alles, wenn auch nach Mühen und einer Reihe von Fehlschlägen. Und als er zurückkehrt, um die aufgehäuften Segnungen im Lande der Verheißung zu genießen, begegnet ihm schon beim Eintritt sein Bruder Esau, und es muß sich herausstellen, ob er nun wirklich der Besitzer des Segens ist. Welch ein Augenblick der Pein und Ungewißheit muß das für sein eigenwilliges Herz gewesen sein! Noch ist er unfähig, Gott zu vertrauen und fürchtet, daß der Becher, den Gott Selbst gefüllt hat, nun bald von seinen Lippen gerissen wird und alle seine Segnungen verloren gehen werden. Alle Züchtigungen seines früheren Lebens waren im Hinblick auf diesen Augenblick geschehen. Er war der Gesegnete; aber besaß er Selbstverleugnung genug, um mit völligem und befriedigendem Besitz betraut zu werden? Er muß soweit mit sich selbst am Ende sein, daß er in bezug auf die Gewißheit der Segnungen allein auf Gott vertraut. Aus jenem Kampf, – einem Kampf gegen Gott, geht er als ein Israel hervor, aber mit dem tiefen Gefühl persönlicher Schwachheit, deren Zeichen er an seinem Körper trägt. Das Hüftgelenk Jakobs war verrenkt. Er war Verlierer, was seine Person anging, aber Sieger, was seine Stellung betraf, oder mit anderen Worten: er verliert in fleischlicher Hinsicht und gewinnt in göttlicher Hinsicht. Er hatte

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Jakob

versucht, sich die Segnungen des Landes mit der Kraft und den Hilfsquellen des Fleisches anzueignen; nach 20 Jahren der Zucht, als er das Land wirklich betreten will, wird er in solche Verlegenheit und Übungen der Seele gebracht, daß Gott seine einzige Zuflucht wird. Er wird auf Ihn geworfen und kann schließlich nur noch vorwärts schreiten, wenn Gott ihn nicht nur segnet, sondern auch unterwirft. Aber als dies erreicht ist, betritt er das Land im Glauben, als Israel, gedemütigt und gesegnet, doch mit dem äußerlichen Zeichen persönlicher Schwachheit. Und in diesem Charakter als Israel, obgleich hinkend, kann er Esau und jedem anderen, der seinen Titel anficht, entgegentreten. Alle seine Mühen und aller Erfolg von 20 Jahren waren umsonst in Bezug auf jenen Titel; denn Gottes Segen, nicht der Beweis davon, befestigt seine Seele und sendet ihn aus als den gedemütigten Israel, den unbestreitbaren Besitzer des Landes! So ist es auch mit uns. Wir begehren die Segnungen, sind aber zu wenig unterwürfig, um ihre Ausführung dem Herrn allein zu überlassen; wir fürchten sie zu verlieren und werden uns unserer Schwachheit bewußt, wenn irgendeine Forderung an uns gestellt wird. Aber der Gott Jakobs ist auch unser Gott, und Er wird uns nicht nur züchtigen, sondern auch segnen. Hier endet eigentlich der erste Abschnitt im Leben Jakobs. Er nimmt nun den Platz des Glaubens ein, der die einzige wahre Verbindung zum Segen darstellt; und er ist für uns das Vorbild der Ehre, die dem zuteil wird, der seinen eigenen Willen aufgibt und aus dem Kampf als Sieger über Gott und Menschen hervorgegangen ist. Wir sehen, daß Gott Sich dadurch, daß Er den verkehrten Willen eines Menschen zerbricht, auf besondere Weise auszeichnet, indem Er nämlich einem solchen Macht gibt, über Ihn Selbst und Menschen zu siegen. Nun müssen wir Jakob in dem Lande betrachten. Obgleich der Wille gebrochen sein muß, um unseren Zugang auf einen Boden des Segens zu ermöglichen, bleiben wir selten auf jenem Platz, ohne daß eben jener Eigenwille, der unseren Eingang verzögerte und verhinderte, wiederkehrt. Soll der Pfad ein wahrhaftiger und Gott wohlgefälliger sein, muß das Fleisch, das einen entgegengesetzten Einfluß ausüben möchte, niedergehalten werden; daher muß der Platz des Segens, den ich durch die Verleugnung meines Willens betreten habe, auf dieselbe Art festgehalten werden, wenn ich ihn genießen will. Ich muß durch Gottes Zucht lernen, daß die Unterwerfung, die mich für den Eingang passend gemacht hat, nicht im geringsten gelockert werden darf, weil ich das Land erreicht habe und den Besitz genieße. Wie oft erfahren wir das genaue Gegenteil hierzu in uns! Wie oft geschieht es, daß wir, nachdem wir große Wachsamkeit gezeigt haben, vorsichtig gewandelt sind und wahrhaft demütig einzutreten versuchten, die Weise und den Geist vergessen, mit denen wir das, was wir gesucht und erreicht haben und genießen, und so neue Zucht nötig wird! Die Kinder Israel kämpften und litten, um die Segnungen des Landes zu erreichen, aber als sie sie besaßen und genossen, wurden sie fett und schlugen aus und vergaßen den Gott, der sie erhöht hatte. Es ist schwerer, mit Gott zu wandeln, wenn die Segnungen überströmen, als wenn sie selten sind. Das Wasser war eine größere Probe für Gideons Heer als die Leiden, die der Feldzug mit sich brachte. Jakob, der nun friedlich die Segnungen genoß, mit denen Gott ihn umgab, und der nun in dem Land, mit dem jede Segnung verbunden war, wohnte, hätte seinem Gelübde zufolge nach Bethel zurückkehren müssen. Aber stattdessen sorgt er für seine eigenen unmittelbaren Bedürfnisse und baut ein Haus in Sukkoth. Man könnte behaupten, daß seine Bedürfnisse das erforderten; dennoch

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wich er vom Grundsatz des Glaubens ab, durch den er den Besitz erlangt hatte. Es war ein wenn auch noch so geringes Abweichen vom Pfade eines Pilgers, und außerdem ein Halten auf dem Wege, den er hätte verfolgen sollen, bis Bethel erreicht war. Aber da es von einem Fehltritt zum andern immer nur ein kleiner Schritt ist, lesen wir als nächstes, daß er ein Stück Feld von den Söhnen Hemors kaufte. Er erwirbt eine andere Gewähr für seinen Besitz als den Willen und den Arm des Allmächtigen. Es ist eine Wiederholung des Eigenwillens, der ihn so kennzeichnete; immer versuchte er durch eigene Mittel die Segnungen zu erlangen, die von Gott kamen und die er zweifellos als solche besaß. Dies ist eine weit verbreitete Neigung, und sie ist viel schwieriger bloßzustellen und zu richten als jene, die einfach die Dinge der Welt sucht. Gott ist nicht der wichtigste Gegenstand der Seele. Gottes Gaben schließen Ihn Selbst oft aus; und wo Er nicht der Mittelpunkt ist, muß irgendwo der eigene Wille tätig sein, und in Wirklichkeit denken wir daran, uns an den Gaben statt an Ihm zu erfreuen. So war es mit Jakob in Sichem. Er hat dem Fleisch nachgegeben und im Eigenwillen den Pfad der einfältigen Abhängigkeit von Gott verlassen und errichtet nun einen Altar, den er „Gott, der Gott Israels“ nennt; er vergißt nicht, daß er Israel, der Gesegnete, ist, aber er mißt dieser Tatsache mehr Wert bei als der Gnade Gottes, die ihn dazu gemacht hat. Der wahre Zustand unserer Seele wird, wenn ich so sagen darf, am Namen unseres Altars offenbar, mit anderen Worten, an der Art unseres Nahens zu Gott. Wenn die Seele mit sich selbst beschäftigt ist, d. h., wenn ihr eigener Zustand sie mehr beschäftigt als die Größe und Erhabenheit des Herrn, ist es klar, daß diese nicht völlig verstanden werden, sonst würden sie in den Vordergrund treten. Wenn wir in der Gegenwart Gottes sind, können wir nicht mit unserem eigenen Zustand beschäftigt sein, außer um dafür zu danken, daß wir zu einem so hohen Platz zugelassen sind. Wenn wir wirklich bei Gott sind, versinken wir in Ihm und in Seinen Schönheiten; aber wenn wir mit unseren eigenen Segnungen und Bedürfnissen beschäftigt sind, – obgleich die Beschäftigung damit zu ihrer Zeit gut ist –, so ist sie doch nicht so erhaben wie die, die Ihn zu ihrem höchsten Gegenstand macht, – nicht so erhaben wie das, was Paulus kannte, als es sein Ziel war, „Christum zu gewinnen“. Jakob ist hier nicht nur mit seinen Segnungen beschäftigt, sondern gibt seinem Eigenwillen nach, und dafür ist Zucht notwendig. Das Gewicht, das ihn behindert, muß entfernt werden. Er muß lernen, daß seine eigenen Pläne nur Kummer und Niederlagen verursachen. So bringt sein Aufenthalt in Sichem Schande und Kummer über seine Familie, und die einzige Abhilfe ist Gehorsam gegen das Wort des Herrn. Er muß die Schande und Erniedrigung der von ihm gewählten Stellung fühlen, und dann redet das Wort Jehovas wirkungsvoll zu seiner Seele, und die Zucht hat ihn bereitet, zu gehorchen. „Mache dich auf“, sagt Jehova, ziehe hinauf nach Bethel und wohne daselbst, und mache daselbst einen Altar dem Gott, der dir erschienen ist als du vor deinem Bruder Esau flohest.“ Wenn wir den vor uns liegenden Lauf verfolgen, geht alles gut! Jakob verläßt Sichem, um nach Bethel zu gehen und läßt alle Befleckungen zurück. Die Götzenbilder müssen in Sichem bleiben; sie können nicht nach Bethel mitgenommen werden. Sobald wir den Weg zu Gottes Haus einschlagen, müssen wir rein sein; „Seinem Hause geziemt Heiligkeit auf immerdar.“ Als er in Bethel ist, heißt der Altar ElBethel, der Gott des Gotteshauses ist der einfache Gegenstand seiner Anbetung. Und während er den Ort so nennt in Verbindung mit Gott, so ist sein Name in Verbindung mit ihm selbst Allon Bakuth, Eiche des Weinens. Das gibt uns eine wichtige Belehrung. Wenn Jakob den hohen Platz bei Gott

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Jakob

erreicht hat, wie der Name El-Bethel andeutet, muß er seinerseits die Ausschließung von allem, was ihn behindert hatte, erfahren. Debora, die Amme seiner Mutter, stirbt: die letzte Verbindung zu ihr, die ihn so geliebt hatte und ihrer Liebe erlaubt hatte, sich vom Pfade des Glaubens zu entfernen, ist nun zerrissen. Wir dürfen annehmen, daß die Mutter lange vorher gestorben war, aber nun stirbt die Amme. Jakob kommt unvermutet mit dem Tode in Berührung, als seine Seele sich zu ihrem wahren Platz vor Gott erhoben hatte. Ein neuer Schritt auf dem Glaubenspfade ist getan, und nun erscheint Gott dem Jakob noch einmal, segnet ihn und bestätigt ihm den Namen Israel. Segnungen können gegeben werden, ohne bestätigt zu werden. Um bestätigt zu werden, müssen sie mit dem Geber in Verbindung gebracht werden und der Seele als in Seiner Gegenwart bestehend bekannt sein. Aber als Jakob nun Bethel erreicht und die Segnungen, die, mit diesem Glaubensschritt verbunden waren, empfangen hat, macht er sich wieder auf, um nach Hebron zu gehen, wo sein Vater wohnte. Ich sage nicht, daß diese Reise gegen den Willen Gottes, der ihn nach Bethel geführt hatte, war; aber wir sehen, daß er die Reise kaum begonnen hat, als er von der größten Probe seiner Zuneigungen heimgesucht wird. Rahel stirbt in Bethlehem. Hier entstand für ihn eine Lücke, die nie wieder geschlossen werden konnte, ein schmerzlicher Verlust den er für den Rest seines Weges nicht mehr vergessen sollte. Vgl. 1. Mose 35,16 und 48,7. In dem Vers Kapitel 48,7 spricht Jakob von jenem Kummer, als ob er alle seine Hoffnungen auf Erden vernichtet habe. „Denn ich“, sagt er, „als ich aus Paddan kam, starb Rahel bei mir im Lande Kanaan, auf dem Wege, als noch eine Strecke Landes war, um nach Ephrat zu kommen; und ich begrub sie daselbst auf dem Wege nach Ephrat, das ist Bethlehem.“ Er begräbt den Gegenstand seiner Liebe dort, wo Christus, der wahre Balsam für jedes wunde Herz, einmal geboren werden sollte. Wenn Jakob Bethel, das Haus Gottes, den Ort wo Gott ihm erschien und befahl, dort zu bleiben, verläßt, muß er lernen, daß außerhalb dieses Ortes nichts als Gram und Elend ist. Wolken umgeben seinen Weg. Die unsittliche Tat seines Erstgeborenen und der Tod seines Vaters folgen bald darauf. Wie sehr ihn die Tat Rubens traf, sehen wir in Kapitel 49,3+4, wo der Kummer seines Herzens, der hier nicht beschrieben wird, einen Weg findet alles im Lichte der Ratschläge Gottes zu überblicken. Den nächsten Bericht von Jakob finden wir in Kapitel 37, wo wir lesen, daß er „wohnte in dem Lande, in welchem sein Vater als Fremdling geweilt hatte.“ Das war seine eigentliche Stellung, zu der ihn der Glaube berufen hatte; aber nichtsdestoweniger wird die Zucht nach einiger Zeit fortgesetzt. Es war noch immer notwendig, daß er von der Abhängigkeit auf irgendeinen Gegenstand abgebracht würde. Rahel ist tot, aber ihre beiden Söhne leben, und durch sie erfährt Jakob einen beständigen Prozeß der Kreuzigung seiner Zuneigungen. Wenn wir die Art und Weise, in der Gott mit uns handelt, sorgfältiger beachten würden, fänden wir, daß zwar der Kummer aufhört und oft eine lange Zeit der Ruhe eintritt, daß aber die Prüfungen auf eine sehr ähnliche Weise fortgesetzt werden, bis das gewünschte Ergebnis erreicht ist. Wir könnten denken, daß Jakobs Geist so gebrochen, so ohne Interessen und Gefühle war, daß er seinen Weg von nun an in Unterwerfung unter Gott fortsetzen würde. Aber nein, es gibt keine völlige Aufgabe des menschlichen Willens, solange noch eine Verbindung zum Fleisch wirksam ist; und aller Kummer seines Herzens, von dem wir in Kapitel 37 und 43 in Verbindung mit Joseph und Benjamin lesen, ist notwendig, um Jakobs Herz und Willen in völlige Unterwerfung zu bringen.

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Jakob

Daß die Zucht dies bewirkte, können wir nicht bezweifeln, wenn wir seine Worte in Kapitel 37, 34–35 und 43, 14 vergleichen. In Kapitel 37 zerreißt er seine Kleider, legt Sacktuch um seine Lenden und verweigert es, sich trösten zu lassen. „Denn“, sagt er, „leidtragend werde ich zu meinem Sohne hinabfahren in den Scheol!“ Aber in Kapitel 43 sagt er: „Wenn ich der Kinder beraubt bin, so bin ich der Kinder beraubt!‘Mit anderen Worten: „Ich beuge mich!“ Welch ein Unterschied! Welch ein Elend, wenn das Herz gequält ist und in Gott keine Zuflucht findet, und welch ein Gegensatz, wenn Gott die Zuflucht ist und der Beraubte sagen kann: „Wenn ich beraubt bin, bin ich beraubt.‘“Ich nehme diesen Platz ein.“ Das ist einfältige Unterwerfung unter den Willen Gottes und bewirkt für uns, was Gott so sehr wünscht, – dass wir unsere Quellen in Ihm suchen sollen; und die Seele, die dazu gebracht worden ist, ist vollkommen befriedigt. Das Herz in der Nähe Gottes weiß, daß Er seine Stärke und sein Teil für immerdar ist. So sagt unser Herr zum Weibe von Samaria: „jeden, der von diesem Wasser trinkt, wird wiederum dürsten; wer irgend aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, den wird nicht dürsten in Ewigkeit; sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, wird in ihm eine Quelle Wassers werden, das ins ewige Leben quillt.‘Dies ist die Gabe Gottes; und der Gegenstand, dessen Verlust dem Geprüften und Gezüchtigten solchen Kummer verursacht hatte, wird ihm nach einer Zeit der Vorbereitung und Reifung in Abhängigkeit von Gott zurückgegeben. Jakob erhält sowohl Joseph als auch Benjamin wieder. Aber er ist so unvorbereitet auf die liebende Gnade Gottes, daß schon ihre Ankündigung sein Herz erstarren läßt. Die Tiefen seines Kummers waren so groß gewesen, daß der Versuch, den Kummer zu beenden, ihn für einen Augenblick fast überwältigte. Viel Zucht war nötig gewesen, um seinen starken Willen und seine nicht unterworfene Natur zu zerbrechen, aber sie hatte ihr Ziel erreicht. Wie gebrochen ist er nun! Einer der besonderen Dienste Christi ist, das gebrochene Herz zu trösten; aber mancher Jakob kann es nicht glauben, daß so zärtliche Gnade ihn erwartet, und ihre Größe unterwirft den Gedemütigten mehr, als die Zucht es getan hat. Aber der Herr geht immer den sicheren Weg. Er neigt Sich zu unserer Schwachheit herab und gibt uns Beweise. Der königliche Beamte (Joh 4) wurde durch Beweise überführt, daß, zur selben Stunde, als Jesus zu ihm sagte: „Dein Sohn lebt“, der Knabe gesund geworden war. So ist es hier: erst wird Jakob durch Beweise von der Wirklichkeit der Gnade überzeugt, und dann, als er Joseph wieder erhält, ist der Trost so vollständig, daß er Gefühle äußert, die denen des alten Simeon ähnlich sind, als er das Kindlein Jesus in den Armen hält: „Nunmehr mag ich sterben, nachdem ich dein Angesicht gesehen habe.“ Der Becher ist voll! Das Herz, schon so gebrochen und unterworfen, ist nun befriedigt, als es das Verlorene von Gott zurückerhält, und zwar zu Seiner größeren Ehre und Verherrlichung. Wenn die Zucht ihr Werk beendet hat, sehen wir, daß nach dem Herzen Gottes Fülle von Freude unser Teil ist. Jakobs Leben in Ägypten ist eigentlich der dritte Abschnitt seines bewegten Pilgerlebens, und es ist eine glänzende Zeit. In seinen letzten Augenblicken geschieht die große Begebenheit, die von dem Apostel als der leuchtendste Beweis des Glaubens beschrieben wird: „Durch Glauben segnete Jakob sterbend einen jeden der Söhne Josephs und betete an über der Spitze seines Stabes.“ Dort erscheint er vor uns als der Zeuge Gottes, verständnisvoll bezüglich Seiner Ratschläge, mit gebrochenem Willen, heilig und erhaben in seinen Äußerungen. Welch ein glänzender und ruhiger Schluß seines verwirrten, eigenwilligen und zuchtreichen Lebens! Wieviel können wir von seiner Geschichte lernen! Er schätzte die Segnungen, aber er nahm immer wieder Zuflucht zu seinen eigenen Mitteln

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und Wegen, um sie zu erlangen; er erkannte durch kummervolle Erfahrungen die Torheit seiner Pläne und daß, mit welchem Maß der Mensch mißt, ihm wieder gemessen wird. Aber andererseits erfährt er, daß Gott die einzige wahre Ruhe und Zuflucht im Kummer ist; und dieses unvergleichliche Teil erwirbt er zur Befriedigung seines Herzens, bevor sein Lauf sich endet. Wie nützlich und lehrreich ist es, allen Wegen Gottes mit uns nachzuspüren, wenn wir endlich in Ihm, als unserer wahren Zuflucht, ruhen.

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Joseph

Joseph Die Geschichte Josephs zeigt uns die Prüfungen und Pflichten eines Knechtes Gottes. Das Böse und die Fehler der menschlichen Natur werden uns in seinem Lauf nicht gezeigt, wie im Leben einiger, mit denen wir uns schon beschäftigt haben. Joseph wird uns hauptsächlich als Knecht und Werkzeug für Gottes Absichten gezeigt und deshalb müssen wir den Übungen und Läuterungen nachspüren, denen er unterworfen war, um für diesen Dienst passend gemacht zu werden. Das erste, was wir von ihm erfahren, zeigt ihn in seiner Stellung im Hause seines Vaters. „Und Israel hatte Joseph lieber als alle seine Söhne, weil er der Sohn seines Alters war; und er machte ihm einen langen Leibrock.“ Da er so von seinem Vater geliebt und ausgezeichnet wird, öffnet sich sein Herz; denn nichts weckt unsere Liebe so sehr, wie zu wissen, daß wir geliebt werden; wie geschrieben steht: „Wir lieben, weil er uns zuerst geliebt hat.“ So öffnet sich Josephs Herz in zartem Alter in der glücklichen Atmosphäre der Liebe seines Vaters, aber zugleich wurde er dadurch dem Neid derer ausgesetzt, die sich dieser Liebe als unwürdig erwiesen hatten. „Seine Brüder haßten ihn und vermochten nicht, ihn zu grüßen.“ Während er auf der einen Seite die Zärtlichkeit und Geborgenheit der väterlichen Liebe genoß, erduldete er auf der anderen Seite Vorwürfe und Verfolgung, weil er begünstigt war. Wenn das eine ihn zu seinem Vater hinzog, bewies ihm das andere auf schmerzliche Weise, daß er in dieser Zuneigung verharren mußte, denn außerhalb und wegen dieser Zuneigung war er ein Leidender. So lernte Joseph früh im häuslichen Kreise (wie alle Knechte Gottes) die einfachen Grundsätze der Wahrheit, die ihn nachher in den höchsten Diensten stützen mußten: Wer von Gott geliebt wird, ist von den Menschen gehaßt. Die Liebe seines Vaters, die sich in dem Geschenk des langen Leibrocks deutlich zu erkennen gab, mußte ihn für den Haß seiner Brüder entschädigen; sie mußte ihn gegen all ihren Widerstand und Neid stärken und wappnen. Dies ist die erste und größte Unterweisung, die der Knecht Gottes beim Betreten seines Weges lernen muß; und diese Unterweisung bestand Christus (auf den Joseph ein Vorbild ist) so gut und vollkommen. Er, der immer im vollen Bewußtsein der Liebe Seines Vaters lebte, wurde dadurch befähigt, allem Haß und aller Bosheit des Menschen unbewegt zu begegnen. Wer die Liebe des Vaters am besten kennt, ist der beste Beweis jener Liebe, – und der geeignetste Knecht, den der Vater aussenden kann zu denen, die die Liebe nicht kennen. „Der eingeborene Sohn, der in des Vaters Schoß ist, der hat ihn kundgemacht.“ Joseph wird entsprechend seinem Charakter als Vorbild und Diener, von seinem Vater ausgesandt, um zu sehen, wie es seinen Brüdern ging. Aber vorher werden ihm noch zwei Mitteilungen über die Stellung, die er später einmal einnehmen sollte, gemacht. Von seiten seines Vaters wird er nicht unterstützt, sondern getadelt; und dieser Umstand, begleitet von dem verstärkten Widerstand seiner Brüder, legte den Grund zu jener Abhängigkeit von Gott und Unabhängigkeit von Menschen, die seinen späteren Weg so sehr kennzeichnete. Die Ausblicke, die meine Seele beschäftigen, mögen von allen um mich herum, selbst den geschätzten Freunden und

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Joseph

Ratgebern, mißverstanden werden; aber sie werden in Gnade gegeben, um die Seele zu befestigen und um mich, wenn ihre Verwirklichung eintritt, von der treuen und beständigen Fürsorge Gottes zu überzeugen. Wie wenig bemerken und schätzen wir die kleinen Umstände in jungen Jahren und die Wirkung, die sie auf uns ausüben! Von Kindesbeinen an werden wir für den uns von Gott bestimmten Platz geformt, und unsere ganze Geschichte ist nur eine Folge von Vorbereitungen auf das Ziel, und die erste gleicht in materieller Hinsicht genau derjenigen, die unseren Weg beendet. So war es bei David. Das erste, was wir von ihm lesen, ist, daß er in der Wildnis Schafe hütete. Von dort wurde er, nach einer dazwischen liegenden Zeit der Zucht, weggenommen, „um Israel, sein (Gottes) Volk zu weiden, und Jakob, sein Erbteil“; diese Stellung behielt er im Auf und Ab der Zeit bis ans Ende. Ebenso war es bei Mose. In dem Kästlein aus Schilf allein für Gott, mit Gott und unter Gott, ist jeder Teil seines Lebens von derselben Art, ob nun in Midian, oder auf dem Berge Gottes, oder schließlich auf dem Gipfel des Pisga. Joseph macht sich nun auf den Weg, er ist der Liebe seines Vaters sicher; er kennt den Haß seiner Brüder und hat eine unbekannte, noch unbegreifliche Ahnung von kommender Größe. Dem Willen des Vaters gehorsam, schrak er nicht vor der Gefahr zurück, die jener für ihn nicht fürchtete. Wenn Gott in Seiner Liebe und Weisheit uns einen Weg des Dienstes zeigt, der Ihm wohlgefällig wäre, und Er, der alles weiß, keine Gefahr für uns befürchtet, können wir den Weg in einfältigem Vertrauen betreten. Auch wir kommen aus dem häuslichen Kreise – dem bekannten Ausdruck für die Liebe des Vaters –, um uns in den stürmischen Ozean unverständiger und liebloser Brüder zu begeben und Boten der Liebe des Vaters zu ihnen zu sein. Als solcher kam Christus, und jeder wahre Diener muß als solcher seinen Dienst tun und nützlich sein. Auf dem Wege seines Dienstes kam Joseph, der Übermittler der Botschaft der Teilnahme seines Vaters, nach Sichem, aber er wird in der Ausführung seiner Sendung enttäuscht, denn er findet seine Brüder nicht dort. Solche Hindernisse treten häufig auf und prüfen, ob es unser ganzes Begehren ist, den Willen des Vaters zu tun. Offenbar war Joseph gewillt, den Auftrag auszuführen, denn anstatt umzukehren, als er sie nicht finden konnte, irrt er umher, bis er erfährt, wo sie sind und folgt ihnen bis Dothan, ohne zu ahnen, welch ein blutiger und boshafter Empfang seiner harrte. Nachdem seine Brüder verschiedene Male ihre bösen Absichten geändert haben (denn gottlose Pläne sind immer mannigfaltig, während es nur einen Weg gibt, das Rechte zu tun), wird Joseph an die Ismaeliter und von ihnen wieder an Potiphar, einen Kämmerer des Pharao, den Obersten der Trabanten, verkauft. Welch ein Wechsel für ihn, der Wärme der väterlichen Liebe entrissen und erst von seinen eigenen Brüdern angegriffen zu werden, um nun als Sklave in Ägypten zu sein! Hatten die göttlichen Mitteilungen, die ihm in seinen Träumen gewährt worden waren, in ihm Unabhängigkeit von allem Menschlichen (sei es Haß oder Liebe) und Abhängigkeit von Gott allein bewirkt? Wenn ja, so benötigte er die Abhängigkeit von Gott in diesem kritischen Augenblick; und zweifellos lag darin der Wert der Zucht, die er jetzt erduldete. Als erstes wird uns die Wahrheit mitgeteilt, und wir dürfen uns glücklich schätzen über ihren Besitz; aber nur der Winter kann das kräftige Wachstum von Frühling und Sommer zur Reife bringen. Die große Wirklichkeit der Wahrheit muß von uns erfahren werden. Joseph mußte lernen, daß Gott die einzige Rettung ist. Aber der Winter ist selten ohne einen Sonnenstrahl, und oft tritt vor seiner größten Härte, wie auch vor seinem Ende, eine Zeit des Lichts ein. Bevor der schwerste Teil der Zucht über uns kommt, werden wir oft durch eine unerwartete Zeit der Freude ermuntert. Joseph ist ein glücklicher Mann

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im Hause des Obersten. Aber er wird bald vertrieben, – der Feind der Seelen hat eine Schlinge bereitet, der Joseph jedoch in Lauterkeit und Würde entfliehen kann; denn sie richtete sich nur gegen die Verderbtheit seiner Natur und bot seinem Sklavendasein keinerlei Erleichterung. Wir können Potiphars Frau als Bild der Welt, deren Verlockungen sie darstellt, betrachten; und als es ihr mißglückt, den Knecht Gottes zu verführen wird sie sein ärgster und gewissenlosester Feind. Sehr oft wird Gedeihen begleitet von schlechter Gesellschaft; aber diese Verbindung kann von der gottesfürchtigen Seele nicht geduldet werden. Solange noch Treue da ist, muß sie die Trennung herbeiführen. Aber wie groß ist die Belohnung für den Verlust von beidem, Wohlstand und böser Gesellschaft! Gott bleibt, – und mit Bestimmtheit handelte Joseph nun für Ihn und vor Ihm. Wie bunt ist das Leben dieses zukünftigen Zeugen Gottes! Erst als Sklave verkauft, weil er der Bote der Liebe seines Vaters zu seinen Brüdern war; nun von seinem Herrn ins Gefängnis geworfen, weil er der rechtschaffene Hüter dessen Besitzes war, erfuhr er, daß weder Liebe noch Rechtschaffenheit von den Menschen verstanden wurden. Er durfte nur auf Gott schauen und Ihm allein vertrauen. Und Gott enttäuschte ihn nicht. „Und Jehova war mit Joseph und wandte ihm Güte zu und gab ihm Gnade in den Augen des Obersten der Feste.“ Wenn jemand wirklich auf Gott vertraut, erleichtert Er die Umstände der Prüfungen, in denen er sich befindet, seien sie von kurzer oder langer Dauer. Keine widrigen Umstände vermögen die wahre lebendige Kraft zu unterdrücken, wie sehr sie sie auch behindern und einschränken mögen. Der Schauplatz mag sich ändern, nicht aber der Geist. Mose hilft in Midian den Frauen und tränkt ihre Herden, als er den Hebräern nicht mehr helfen und dienen durfte. Sowohl in Midian als auch in Ägypten ist er ein Erretter; und Jehova wird ihm eine Freistatt und gewährt ihm Erleichterung in seiner Knechtschaft und Sorge. Auch Joseph wird bald im Gefängnis ebenso nützlich erfunden wie im Hause des Obersten der Trabanten. „Der Oberste der Feste sah nicht nach dem Geringsten, das unter seiner Hand war; und was er tat, ließ Jehova gelingen.“ In jeder noch so dunklen Zeit der Prüfung gibt es Strahlen von Licht und Erleichterung; aber die volle Erlösung wird oft verzögert durch unsere Besorgnis, sie zu erlangen. Gott Selbst, und nicht die Erlösung, soll die Befriedigung Seines Knechtes sein; daher wird die Erlösung oft verzögert, bis wir sie nicht mehr ersehnen oder erwarten, und dann kann sie auf eine so völlig außerhalb unseres Verstehens liegende Weise vollbracht werden, daß wir die Liebe und die Teilnahme, die uns während der ganzen Prüfungszeit umringte, sehen und verstehen müssen. So war es bei Petrus in Apg 12, mit Paulus und Silas in Apg 16, und mit Joseph im weiteren Verlauf dessen, was wir betrachten. Seine Fähigkeiten als Gottes Diener und eines Mannes, der mit Seinen Gedanken vertraut ist, werden erst auf deutliche Weise im Gefängnis bewiesen. Prüfungen als Ergebnis menschlicher Feindschaft behindern die Treue Gottes nicht. Gelegenheiten, um sie zu beweisen, gibt es unter den unglücklichsten Umständen. Paulus im Gefängnis dient zum Segen des Kerkermeisters; Joseph offenbart im Gefängnis dem Obersten der Schenken das Urteil Gottes. Aber er macht wahrscheinlich einen Fehler, als er ihn bittet, sich für seine Freilassung zu verwenden; und er muß zwei Jahre länger gefangen bleiben. Wieder erfährt er, daß auf den Menschen kein Verlaß ist. Die lange Einkerkerung muß ihm sehr hart erschienen sein, da er sich bewußt war, nichts getan zu haben, wodurch er sie verdient hätte. Es mußte ihm fast erscheinen, als habe Gott ihn vergessen; und nichts ist so schmerzlich wie das Bewußtsein, daß jemand, von dem wir viel erwarten, unsere Not kennt, aber

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nicht zu unserer Hilfe herbeieilt. Das war Hiobs große Prüfung – daß Gott Seine Fürsorge nicht bewies; und die Prüfung Johannes‘des Täufers, als er im Gefängnis von den Taten Jesu hörte. Wir wissen nicht, ob Joseph das empfand; aber wir wissen, daß Gott einen Zweck mit seiner langen Gefangenschaft verfolgte, und als das Ziel erreicht war, „traf sein Wort ein; das Wort Jehovas läuterte ihn. Der König sandte hin und ließ ihn los; der Herrscher über Völker, und befreite ihn.“ Wie wenig verstehen wir die Übung und die Läuterung, denen der treue Diener unterworfen ist, damit er für den Dienst Gottes befähigt wird! Zucht ist notwendig, um das aus dem Wege zu räumen, was wir nicht selbst entfernen; aber Läuterung befreit uns von dem, was wir selbst loszuwerden wünschen und versuchen. Joseph machte einen gründlichen Läuterungsprozeß durch, von dem Tage an, da er das Haus seines Vaters in dem langen Leibrock, der der Beweis der Liebe war, verließ. Er mußte durch eine bemerkenswerte Anzahl von Trübsalen und Züchtigungen erfahren, daß die Gunst der Menschen trügerisch ist. Von Zeit zu Zeit darf er sie genießen, um zu erkennen, wie wenig sie ihm in Zeiten der Not nützt; und langsam, aber sicher, erfährt er, was es heißt, von Gott und für Gott zu leben. Aber schließlich kommt die Befreiung, und Joseph erscheint vor Pharao als Diener und Zeuge Gottes im höchsten Sinne. Er verkündet zukünftige Dinge und empfängt die Auszeichnung und Stellung, die ihm gebührt, und die Welt wird gezwungen, sie ihm zuzuerkennen. In dieser ganzen Zeit wußte er wahrscheinlich wenig von dem Dienst, den er seinen Brüdern leisten sollte, oder davon, wie völlig das, was er ihnen einst versuchte zu geben und das so gottlos zurückgestoßen und vergolten worden war, ihnen nun angeboten, und so demütig angenommen werden würde. Die ganze Zeit wirkte Gott für Sein Volk, und im Laufe der Zeit erkannte Joseph das und erfüllte es. In den zahlreichen Gesprächen mit seinen Brüdern ist er für uns das lieblichste Bild eines Mannes von göttlicher Weisheit und Urteilskraft, der gegen die zarten Regungen des Herzens kämpft; er hielt seine Gefühle solange zurück, bis er sicher war, daß die rechte Zeit für die Eröffnung der Wahrheit gekommen war. Wie rührend ist die Besorgnis und Not, die er über seine Brüder verhängte, um sie auf den Weg zu führen, den sein Herz ersehnte! Seine Liebe zu ihnen gab ihm all das ein; und wenn wir sein Benehmen betrachten, sehen wir, wie selbstbeherrscht und wie geeignet er war für den Dienst, den er auszuüben berufen war. Welch ein Augenblick muß es für diesen einst leidenden und gedemütigten, gezüchtigten, jetzt aber erhobenen Mann gewesen sein, sich seinem Vater vorzustellen und ihm um den Hals zu fallen und zu weinen! Welch einen Weg der Vorbereitung war er gegangen, ehe dieser Höhepunkt seines Lebens und Dienstes erreicht war! Aber nun war es soweit. In Gnaden hatte er für alle Bedürfnisse Vorsorge getroffen; so bewies er, wie ähnlich seine erste Sendung zu Beginn seines Laufes gewesen war – ihnen eine richtige Vorstellung von der Liebe ihres Vaters zu geben. Zum Schluß können wir nur den Glauben hervorheben, durch den er sich auszeichnete. Nach aller Größe, die er in Ägypten erlangt hatte, nach allem Dienst, den er vollbracht hat, sieht er im Glauben ein besseres und größeres Erbteil in der Ferne. Bei seinem Tode erwähnt er den Auszug Israels und gibt Befehl wegen seiner Gebeine. So beschließt er seinen Lauf als treuer Diener, indem er von dem wahren Gegenstand der Hoffnung Zeugnis ablegt; er hatte während seines Lebens dem Volke Gottes vollkommen und gemäß seiner Bedürfnisse gedient, und als er starb, führte er sie zur wahren Aussicht und Hoffnung ihrer Seelen – dem Erbe des verheißenen Landes. Keine zeitlichen Vorteile durften das

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umwölken oder hemmen. Der Glaube blickt über den Glanz gegenwärtiger Dinge hinweg; seinem Volke treu bis ans Ende dienend, befiehlt er ihnen mit seinen letzten Atemzügen ihre eigentliche Hoffnung und ihren zukünftigen Weg an. So endet der Weg eines der am meisten gezüchtigten und geehrten Knechte, nach großen Prüfungen, aber größeren Erfolgen; nach großen Trübsalen, aber größeren Freuden; nach großer Erniedrigung, aber größerer Erhebung; und die Beschäftigung mit Josefs Leben ist nützlich für jeden leidenden Knecht Gottes, des Gottes, der gelobt sei von Ewigkeit zu Ewigkeit.

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Hiob Die Anspielung auf Hiob in Jakobus 5,11: „Von dem Ausharren Hiobs habt ihr gehört, und das Ende des Herrn habt ihr gesehen, dass der Herr voll innigen Mitgefühls und barmherzig ist“, genügt, um die Aufmerksamkeit einer ernsten Seele auf die Beschäftigung mit einer Geschichte zu lenken, die uns so vollständig überliefert ist. Zunächst wird Hiob uns als ein Musterbeispiel dargestellt: glücklich in seinen Verhältnissen, gläubig und treu in seinen Beziehungen zu Gott. Wir sehen in ihm einen Mann, der sich in jeder Beziehung über den Kummer und das Böse, die das Los des Menschen sind, erhoben hatte; er ist das bemerkenswerte Beispiel eines Mannes, der von Gott unter den Menschen ausgezeichnet war – einer, der in Lauterkeit vor Ihm wandelte. Er war auf der Erde für Gott und wurde von Ihm reich gesegnet. Er war vollkommen und rechtschaffen, gottesfürchtig und das Böse meidend. Was seinen Besitz betraf, so war er so groß, daß dieser Mann größer als alle Söhne des Ostens war. Es ist wichtig zu wissen, daß Hiob vor Gott wohlgefällig wandelte und Ihm als solcher angehörte, als Satan zum ersten Male seine Treue in Frage stellte und ihm einen unwürdigen Beweggrund zur Last legte, der in der Frage gipfelte: „Ist es umsonst, daß Hiob Gott fürchtet?“ Diese Frage gibt uns einen Schlüssel zum wahren Verständnis der Art der Zucht, der Hiob unterworfen wurde, denn wir sehen, daß sie nicht auf Grund persönlicher Schwäche eintrat, sondern um Satan zu beweisen, wie wahr Gottes Urteil über Seinen Knecht war. Wir werden sehen, daß Hiob viel persönliche Schwäche an den Tag legte, als er unter der göttlichen Zucht stand; denn obgleich ihm die Prüfungen von Satan auferlegt wurden, und zwar mit der Absicht, seine Verleumdung zu bestätigen, wurden sie dennoch von Gott benutzt, um in Hiob jene Selbstverleugnung und jenen Glauben zu bewirken, die Gott schließlich die Gelegenheit gaben, in vollem Segen die Wahrheit des Urteils, das Er in Seiner Güte über Seinen Knecht abgegeben hatte, zu beweisen. Es ist wunderbar und höchst anziehend, die Art und Weise zu betrachten, in der Gott zu gleicher Zeit Satan beschämt, Sein Urteil rechtfertigt und Seinen Knecht zum vollen Verständnis Seiner Selbst erzieht, und, als das vollbracht ist, Satan tadelt, indem Er Hiob doppelt so viel gibt als er vorher besessen hat. Wir müssen versuchen, uns klarzumachen, was es für jemanden in den Umständen Hiobs war, plötzlich von solchen Schicksalsschlägen getroffen zu werden. Noch kurze Zeit vorher sehen wir ihn im Genuß der vollen Segnungen Gottes und zugleich in peinlicher Gewissenhaftigkeit, was seine Beziehungen zu Gott betraf; in seiner Besorgnis steht er nach dem Gastmahl seiner Söhne des Morgens früh auf und opferte Brandopfer nach ihrer aller Zahl, denn er sagte: „Vielleicht haben meine Kinder gesündigt und sich in ihrem Herzen von Gott losgesagt. Also tat Hiob allezeit.“ Wo jeder Punkt so sorgfältig und eifrig beobachtet wurde, könnten wir, wie Hiob selbst, erwarten, daß die Ruhe, in die er durch Gottes Gnade versetzt worden war durch nichts gestört wurde. Wenn ihn auch Befürchtungen wie Wolken an einem Sonnentage überkommen mochten, so hatte er doch zweifellos keine Ahnung von dem boshaften Geist, der dadurch, daß er ihn vor Gott verleumdete,

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Hiob

Gott nur veranlaßte, Hiob in die Hand Satans zu geben, um auf das Eindeutigste Hiobs Lauterkeit und unerschütterliche Treue zu Ihm zu beweisen. Wir müssen auch immer daran denken, daß Gott, während Er in Seinen Wegen mit Hiob Sein über ihn abgegebenes Urteil rechtfertigen will, uns zugleich zeigt, wie Er jenen Knecht. erzieht und unter die Zucht stellt, um ihn dieses Urteils würdig zu machen. Der Schlag für Hiob kam, als er ihn am wenigsten erwartete. Zweifellos hatte er oft seine Befürchtungen, denn er sagt: „Denn ich fürchtete einen Schrecken, und er traf mich“, und so kommt es immer, wenn die Seele keine größere Gewißheit der Liebe hat, als ihre Beweise und das Vorhandensein der Gaben. Die Gaben sind so eine Falle für uns, und Satans Anklage gegen uns ist oft in einer Hinsicht wahr; denn der Grund für unsere Ruhe vor Gott ist Seine Freundlichkeit und Gnade, und nicht einfach das Wissen um Seine Liebe. Das wird sehr deutlich an dem großen Kummer und der Verzweiflung vieler Seiner Kinder, wenn sie irgendeiner besonderen Segnung beraubt werden. Sie ruhen mehr in den Gaben als in Gott, und die Gaben waren für sie der Beweis Seiner Liebe; aber die Liebe selbst war es nicht, die ihren Herzen Ruhe gab. Satan kennt diese Neigung des Menschen und zögerte daher nicht, Hiob ihretwegen anzuklagen, indem er behauptete, daß Hiob nur auf Grund der überströmenden Segnungen Verbindung zu und Ehrfurcht vor Gott habe. Gott hatte in Seiner Gnade bezüglich Seines Knechtes Satan herausgefordert, daß seinesgleichen kein Mann auf Erden sei. Satan antwortete, indem er Hiob einen unlauteren Beweggrund für seine Treue vorwirft und behauptet, daß er sich offen von Ihm lossagen würde, wenn alles, was er besaß, von ihm genommen würde. Daraufhin erlaubte Jehova Satan, Hiob alles was er hat, zu nehmen, um die Richtigkeit Seines Urteils zu beweisen und um Hiob dieses Urteils würdig zu machen. An einem einzigen Tage verliert Hiob in schneller Folge Besitz, Kinder, alles was er hat. Niemals kam ein Unglück so schnell und vollständig. „Und Hiob stand auf und zerriß sein Gewand und schor sein Haupt; und er fiel zur Erde nieder und betete an.“ Er erträgt die ersten schweren Wogen des Unglücks mit beispielhafter Geduld und sagt: „Nackt bin ich aus meiner Mutter Leibe gekommen, und nackt werde ich dahin zurückkehren. Jehova hat gegeben, und Jehova hat genommen, der Name Jehovas sei gepriesen!“ Es sei bemerkt, daß eine große Häufung von Trübsalen zunächst leichter als nachher ertragen wird. Die Stärke, die im Herzen ist, das Vertrauen zu Gott ist die Zuflucht, wenn der Schlag plötzlich und schrecklich kommt; und es scheint mir, daß Satan durch die rasche Folge der Ereignisse, in denen er seine Macht gebrauchte, sich selbst überlistete; denn gewiß sind Leiden, wenn sie nicht alle zugleich, sondern in gewissen Abständen auftreten, eine größere Prüfung. Satan hoffte jedoch, daß der Schlag für Hiob überwältigend sein würde, daß er nicht anders könnte, als Gott an allem die Schuld zu geben. Aber äußerste Schwierigkeit bringt oft die verborgene Kraft zum Vorschein, – wie bei einem Ertrinkenden-, während eine kleinere Gefahr diese Wirkung nicht haben würde. Die Prüfung ist manchmal nicht hart genug, um den Menschen zu eigenen Bemühungen zu veranlassen. Erst wenn in äußersten Schwierigkeiten Anstrengungen gemacht worden sind und sich als vergeblich erwiesen haben, fühlt man wirkliche Hilflosigkeit, und Verzweiflung befällt die Seele. Hiob hatte seinen Kummer so gut getragen, daß der gnädige Gott bezüglich Seines über ihn abgegebenen Urteils Satan noch einmal herausfordern kann. Satan antwortet: „Haut um Haut, ja, alles was der Mensch hat, gibt er für sein Leben. Aber strecke einmal deine Hand aus und taste sein Gebein und sein Fleisch an, ob er sich nicht offen von dir lossagen wird.“ Natürlich füllt es den Becher des Leidens, wenn

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ich von allem, woran mein Herz hängt, beraubt bin und der ganze, einst so liebliche Schauplatz nun eine Wüste für mich ist, – mit den Gräbern meiner früheren Freuden, und wenn ich dann durch körperliche Leiden eine Last für mich selbst werde! Sicherlich würden körperliche Leiden und Krankheit mich auf das Bitterste an meine völlige Verlassenheit erinnern, ohne daß ich das Herz und die Kraft hätte, meine Lage zu verbessern. Gott erlaubt Satan, Hiob mit den ärgsten körperlichen Leiden heimzusuchen; und er wird mit bösen Geschwüren von seinen Fußsohlen bis zu seinem Scheitel geschlagen. Welch ein Elend für Hiob! Seine Frau wird davon überwältigt und in ihrer Not gerät sie in die Falle Satans: sie rät ihrem Mann, sich von Gott loszusagen und zu sterben. Alles ist gegen Hiob. Welch eine Zeit der Übungen für seine Seele! Welche Kämpfe müssen wegen seiner Hoffnung auf Gott in seiner Seele stattgefunden haben! Aber jede Übung stärkt die Seele in Gott, obgleich der Leidende davon im Augenblick wenig weiß. je größer die Not, je tiefer ist das Gefühl, daß Seine Gnade sie ändern kann; das eine bereitet nur den Boden für das andere vor. Zunächst zeigt Hiob wunderbare Geduld. Er tadelt seine Frau und sagt: „Wir sollten das Gute von Gott annehmen und das Böse sollten wir nicht auch annehmen?“ Aber seine Prüfungen sind noch nicht zu Ende. Seine Freunde kommen, um ihm ihr Beileid zu bezeugen und ihn zu trösten. Wenn ich unter der Zucht Gottes stehe, die meine engsten Freunde und Verwandten nicht verstehen, dann stören und verletzen mich ihre Trost- und Hilfsangebote eher, als daß sie mir willkommen sind. Das mußte Hiob bei seiner Frau einerseits, und bei seinen Freunden andererseits erleben; dort auf Grund des Fleisches, hier auf Grund größeren Verstandes. Welch ein Bild! „Und sie erhoben ihre Augen von ferne und erkannten ihn nicht; da erhoben sie ihre Stimmen und weinten, und zerrissen ein jeder sein Gewand und streuten Staub auf ihre Häupter himmelwärts. Und sie saßen mit ihm auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte lang; und keiner redete ein Wort zu ihm, denn sie sahen, daß der Schmerz sehr groß war.“ „Danach tat Hiob seinen Mund auf und verfluchte seinen Tag. Unter dem Gewicht eines schrecklichen Schlages ist die Trennung von der Umwelt so vollständig, daß man nicht versucht, sich zu beklagen oder zu äußern. Und wenn die Seele Gott vertraut, gibt sie sich mehr dem Vertrauen hin, und der Leidende ist unfähig, hinsichtlich der irdischen Dinge und dessen, was er einst in ihrer Mitte war, auf sich selbst zu schauen. Aber sobald er sich wieder seiner Verbindung zur Umwelt bewußt wird, beginnt die Beschäftigung mit sich Selbst, sofern er nicht schon mit dem eigenen Ich am Ende ist. Das Ziel der Zucht ist, das Ich beiseite zu setzen und das Herz in seine wahre Beziehung zu Gott zu setzen, – ohne das Ich. Daher bewirkt die Zucht die Aufdeckung der geheimen Tätigkeiten und Gefühle des Ich, die sonst nicht entdeckt und bekannt, und folglich nicht abgelegt worden wären. Hiob fühlte sich unglücklich; um ihn herum war nichts als Elend; er hatte alle Freuden der Erde überlebt, und er verfluchte seinen Tag. Wofür hatte er gelebt, und wofür sollte er noch leben? Er wusste wenig von dem Platz, den er vor Gott einnahm, und davon, daß Gott ihn durch schreckliche Leiden zubereitete, um Sein Urteil über Hiob vor Satan zu rechtfertigen. Wir müssen nun untersuchen, wie Gott dieses Ziel erreicht, indem wir den Weg betrachten, den die Seele unter der Zucht Gottes gehen muß, um zu einfältiger Abhängigkeit und Ruhe vor Ihm zu gelangen. Der erste und bitterste Gedanke nach dem Erwachen zur vollen Erkenntnis ist, unseren Tag zu verfluchen. Das ist ein schrecklicher Gedanke, der, wenn man Gott nicht kennt, zum Selbstmord führt. Aber wenn man wie Hiob Gott kennt, ist er der Beginn einer heilsamen Tätigkeit; nicht weil er die Unzufriedenheit und das Elend offenbar macht, sondern weil das Gefühl des Todes, der gänzliche

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Ausschluß von allem, gekannt und gefühlt wird. Wenn ich das unendliche Elend des Menschen auf Erden sehe, mag ich Aufruhr und Unzufriedenheit in mir aufkommen lassen, aber ich muß es erst kennen, um zu voller Selbstverleugnung zu gelangen. Ich darf Gott nicht dafür tadeln, sondern muß es als das wahre Los des Menschen erkennen. Der Tod erscheint besser als solches Elend, in dem zu leben das Herz kein Verlangen spürt. Das fühlt auch Hiob. Er weiß nicht, daß Gott ihm gegenüber Satan zu einem Zeugen der Abhängigkeit von Ihm machen will. Aber so sind Gottes Wege. Die Zucht mag bewirken, daß wir den Tod dem Leben vorziehen, aber gerade dadurch führen wir Gottes Absichten aus. Aber in der Antwort Eliphas’, des Temaniters, erhält Hiob einen Gegenschlag. ich glaube, wir können in den drei Freunden die verschiedenen Übungen sehen, in die unser Gewissen kommt, wenn es unter solcher Zucht steht. Eliphas gibt Hiob zu verstehen, daß er diese Trübsale verdient habe: „So wie ich es gesehen habe: die Unheil pflügen und Mühsal säen, ernten es“, und weiterhin, daß es gar nicht einmal Züchtigung sei, denn wenn das der Fall ist, dann „bereitet er Schmerz und verbindet“ (5,18). So deutet er an, daß es etwas anderes als Züchtigung sein müsse, da Er ihn nicht „verbunden“ habe. In den nun folgenden Kapiteln 6 und 7 ist Hiob nicht so sehr mit seinem Elend beschäftigt, als mit seinem Recht, zu klagen, und den Bemühungen, den Äußerungen seines Freundes zu begegnen. Er gibt uns eine Aufzählung seiner Trübsale – wozu auch seine Enttäuschung an seinen Freunden gehört -; es drängt ihn, sich zu rechtfertigen, obwohl er gleichzeitig um so mehr von der Nichtigkeit seines Lebens überzeugt wird, was er in den Worten ausdrückt: „so daß meine Seele Erstickung vorzieht, den Tod lieber wählt als meine Gebeine.“ Welche schmerzlichen Lehren müssen wir erhalten, ehe wir die Weisheit der Selbstverleugnung erfassen! Was muß die Seele alles erfahren, um dahin zu gelangen! Wie wird sie gequält von verschiedenen Gedanken, die sie nie erreichen und beunruhigen könnten, wenn das Ich nicht vorhanden wäre. Die Möglichkeit, daß eine Anklage auf Wahrheit beruht, macht diese schmerzlich und verwirrend. Bildads Antwort ist eine neue Prüfung für Hiob. Es ist gut für uns, daß wir im Worte Gottes eine Aufzählung der unbeschreiblichen Übungen haben, die notwendig sind, um uns zu lehren, daß der Mensch in sich selbst nichts ist. Selbst Menschen, die den Anspruch erheben, unsere Freunde zu sein, bringen uns nur noch mehr in Trübsal. Bildad macht Hiob die schwersten Vorwürfe und sagt, daß die Worte seines Mundes ungestümer Wind sind, und wenn er lauter und rechtschaffen wäre, würde Gott zu seinen Gunsten aufwachen. Dadurch richtet er Hiobs Sinn noch mehr auf ihn selbst und nimmt an, daß seine Prüfungen die gerechte Vergeltung für die Sünde seien und nicht – wie es in Wahrheit war – die Zucht Gottes, die ihn dazu führen wollte, mit seinem Ich zu Ende zu kommen. Hiob ist nun nicht mehr so sehr mit seinem Elend beschäftigt als vielmehr damit, sich vor seinen Freunden zu rechtfertigen. Es ist schmerzlich und grausam für die Seele, wenn Freunde die Anklage erheben, daß man so großes Elend verdient habe. Hiob wußte, daß er nichts getan hatte, wodurch er es verdient haben könnte: aber er mußte lernen, daß er auf nichts Anspruch erheben konnte, und das wußten seine Freunde ebenso wenig; sie bestanden auf dem Grundsatz der Rechtschaffenheit. Nun erkennt Hiob Gott an; er wendet sich zu Ihm; aber während er die Größe und Macht Gottes anerkennt, benutzt er sie nur, um den Abstand zwischen sich und Gott zu zeigen, und daß sie einander nicht auf gleicher Ebene begegnen können; aber wenn das möglich wäre, würde er sich nicht fürchten.

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Wir sehen, daß seine Seele eine Verbindung zu Gott besitzt: aber seine Freunde haben ihm Gott als den Richter vorgestellt, indem sie andeuteten, daß der Raub der zeitlichen Güter eine Strafe für die Sünde ist, und das schließt natürlich ein, daß das Gegenteil, ihr Vorhandensein, eine Belohnung für die Rechtschaffenheit darstellt. In dieser neuen Übung sieht Hiob Gottes Größe, nicht aber Seine Sorge für ihn, der sich in Seiner Hand befindet; und er meint, daß er nichts tun könne. Er sieht keine Logik in ihr und betrachtet sie als willkürlich. Wenn er einen Schiedsmann hätte, der sie auf gleichen Boden stellen würde, könnte er seine Sache verteidigen, aber so besteht für ihn keine Hoffnung. „Ich hätte verscheiden, und kein Auge hätte mich sehen sollen!“ so ruft er aus. Zophar versucht in seiner Antwort, ihn zu überführen und weist ihn darauf hin, „daß Gott dir viel von deiner Missetat übersieht“, und wenn die Missetat nicht wäre, würden die Segnungen vorhanden sein. Ja, dann wirst du dein Angesicht erheben ohne Makel und wirst unerschütterlich sein.“ Zophar macht die menschlichen Taten zum Maßstab des göttlichen Handelns. Er sieht nicht das Böse im Menschen und die daraus folgende Gottesferne, die kein Recht auf Segen gibt. – Hiob antwortet. Wie unnachgiebig ist eine sich selbst rechtfertigende Seele! Seine Freunde hatten ihn mit ihrem Vorwurf empfindlich getroffen, wenn sie sagten, daß seine Trübsale die Folgen seiner Missetaten seien. Im Bewußtsein, daß er solche Leiden durch keine Sünde verdient habe, verneint Hiob das. Vorwürfe, die unser Herr schweigend ertrug, obwohl man Ihn ungerechterweise damit überhäufte, werden von Hiob zurückgestoßen, weil er sich noch nicht, so wie er ist, vor Gott gesehen hat. Er beurteilt sich wie ein Mensch, und das hätten auch seine Freunde tun sollen, denn sie standen keineswegs auf besserem Boden als er. Gottes Allmacht erklärt ihm alles. Er sieht keine Gnadenabsicht in Gottes Wegen mit ihm, und doch sehen wir, daß seine Seele Fortschritte macht, denn er ruft aus: „Siehe, er tötet mich, ich werde auf ihn warten“, und ein Hoffnungsstrahl fällt in seine Seele: „Du würdest rufen, und ich würde dir antworten, du würdest dich sehnen nach dem Werke deiner Hände.“ Wie herrlich, wenn die Seele durch alle diese Übungen und Schmerzen geht, um von der Selbstzufriedenheit schließlich zur Ruhe in Gott zu gelangen. Immer wird das Ende beweisen, daß Gottes Wege vollkommen sind. Eliphas antwortet (Kapitel 15). Er wird hart und unbeherrscht in seinen Anstrengungen, Hiob zu überzeugen, daß er und seine Freunde weise und daher im Recht sind, wenn sie feststellen, daß Gott mit den Menschen je nach ihren Verdiensten verfährt, und daß der Gesetzlose alle seine Tage gequält wird; er fügt hinzu: „Die Stimme von Schrecknissen ist in seinen Ohren, im Frieden kommt der Verwüster über ihn.“ Wenn wir nicht die Übungen unserer eigenen Herzen kennen, können wir schwerlich ermessen, welche Qualen diese Vorwürfe dem Herzen Hiobs bereitet haben. Sie leiteten ihn in die verkehrte Richtung; denn sie führten ihn zur Beschäftigung mit sich selbst. Er konnte nicht leugnen, daß er in Trübsal war; er sah, wenn er sich mit anderen Menschen verglich, in sich selbst keine Ursache für so große Trübsal. Seine Freunde quälten ihn fortwährend und versuchten, ihn zu überzeugen, daß Gottes Wege sich nach den Taten der Menschen richteten, und dass er, da er so viel leiden mußte, außerordentlich sündhaft sein müsse. Hiob widersetzt sich (Kapitel 16) und nennt seine Freunde „leidige Tröster“, denn das waren sie. Er ruft aus: „Wenn ich rede, so wird mein Schmerz nicht gehemmt: und unterlasse ich es, nicht weicht er von mir.“ Er gibt nun dem bittersten Gefühl Raum: daß Gott ihn den Gottlosen überliefert habe. Er schmeckt etwas von den Leiden, die unser Herr als Mensch über Sich ergehen ließ. Wer kann

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den bitteren Schmerz erfassen, der jetzt Hiobs Seele ergriff! „Meine Freunde sind meine Spötter: zu Gott tränt mein Auge.“ In all den Schrecken seiner Trübsal und Leiden erkennen wir doch hier und da die Verbindung, die er als wiedergeborene Seele mit Gott hat. Er hat sich bisher noch nicht mit den Augen Gottes gesehen, deshalb verharrt er in seiner Stellung, „obwohl keine Gewalttat in meinen Händen, und mein Gebet lauter ist“, möchte er mit Gott rechten, wie ein Mann mit seinem Nachbarn rechtet. Teilweise fühlt er die Größe Gottes, aber er fühlt nicht Seine Heiligkeit, weil er Gott niemals nahe genug gewesen ist; denn nur Gottes Nähe gibt uns das Gefühl Seiner Heiligkeit. Hiob glaubt, wenn er mit Ihm rechten könnte, würde er freigesprochen werden. Wir sehen, welche schrecklichen Verirrungen der Seele entstehen, wenn Leiden aus Gottes Hand mit menschlichen Maßstäben gemessen werden. Wie sehr beschäftigt ist Hiob mit sich selbst! Er fühlt, daß er „zum Sprichwort der Völker“ geworden ist. „Die Aufrichtigen werden sich hierüber entsetzen, und der Schuldlose wird aufgebracht werden über den Ruchlosen.“ Für solche Gedanken kann nur der Tod Erlösung bedeuten. „Wenn ich hoffe, so ist der Scheol mein Haus, in der Finsternis bette ich mein Lager.“ Bildad antwortet ihm (Kapitel 18) mit ärgerlichen und vorwurfsvollen Worten und zeigt ihm mit aller Schärfe den Weg des Gottlosen auf: er wird ins Netz getrieben und „sein Ratschlag wird ihn stürzen“ (Vers 7). Er wird keinen Sohn und keinen Nachkommen haben unter seinem Volke“ (Vers 19). Ja, so sind die Wohnungen des Ungerechten, und so ist die Stätte dessen, der Gott nicht kennt“ (Vers 21). Wohl konnte Hiob, angestachelt durch die Behauptung, daß er Gott nicht kenne, antworten: „Wie lange wollt ihr meine Seele plagen und mich mit Worten zermalmen?“ Es ist eine wunderbare Zeit für die Seele, wenn sie sich mit dem Gewissen im Glauben zu rechtfertigen sucht, inmitten all der Trübsal und des Kummers, die hier gerechterweise das Los aller sind, und ganz besonders, wenn sie der Zucht dienen. Die Anklage, daß er in seiner eigenen Schlinge gefangen sei, weist Hiob zurück: „So wisset denn, daß Gott mich in meinem Recht gebeugt, und mich umstellt hat mit seinem Netze.“ Er schreibt es Gott zu, ohne einen Grund dafür angeben zu können. Aber bei all diesem angestrengten Suchen, mit dem wachsenden Gefühl, unschuldig von Gott heimgesucht zu werden, wird seine Seele doch in der Hoffnung gestärkt, wie wir den Worten: Ich weiß, daß mein Erlöser lebt, und als der letzte wird er auf der Erde stehen; und ist nach meiner Haut dieses da zerstört, so werde ich aus meinem Fleische Gott anschauen‘entnehmen können. Kapitel 20. – Mit großem Nachdruck stellt Zophar Hiob nun den völligen Untergang der Gottlosen vor Augen. Er klagt ihn ohne Gnade an. „Der Himmel wird seine Ungerechtigkeit enthüllen und die Erde sich wider ihn erheben.“ – Hiob beschreibt in seiner Antwort (Kapitel 21) den Wohlstand der Gottlosen, um zu zeigen, daß Zophar irrt; und doch weiß er, daß die Vorwürfe seiner Freunde unbegründet sind; er hat nur keine klare Vorstellung von Gottes Willen oder irgendeiner Zweckmäßigkeit in Seinen Wegen. Er weiß nur, daß Er allmächtig ist und tun kann, wie es Ihm beliebt; aber er sieht nicht, daß Gott bei allen Seinen Wegen ein bestimmtes Ziel vor Augen hat. „Wie tröstet ihr mich nun mit Dunst?“ fragt er „, und von euren Antworten bleibt nur Treulosigkeit übrig.“ Kapitel 22. – Eliphas richtet sich nun zum letzten Mal an Hiob und versucht, ihn durch die Ungeheuerlichkeit seiner Anklagen zu beeindrucken. „Ist nicht deine Bosheit groß, und deiner Missetaten kein Ende?“ Er wiederholt diesen falschen Grundsatz in bezug auf Gottes Wege und sagt, daß Er denen Gold und Silber gibt, die zu Ihm zurückkehren. „Wenn Du zu dem Allmächtigen umkehrst, so wirst du wieder aufgebaut werden; wenn du Unrecht entfernst aus deinen Zelten.

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Und lege das Golderz in den Staub und das Gold von Ophir unter den Kies der Bäche: so wird der Allmächtige dein Golderz und dein glänzendes Silber sein.“ In den Kapiteln 23 und 24 werden zwei Dinge deutlich: erstens, daß Hiob sich der Entfernung bewußt ist, die zwischen Gott und ihm liegt und dann, daß, während er diese Entfernung fühlt, er gerne in Seine Nähe gelangen möchte. Es ist die wahre Übung einer belebten Seele; sie tastet gewissermaßen in der Finsternis nach dem Gegenstand ihrer Sehnsucht. „Siehe, gehe ich vorwärts, so ist er nicht da; und rückwärts, so bemerke ich ihn nicht.“ Hier ist die Erkenntnis der Unveränderlichkeit von Gottes Absicht. „Doch er bleibt sich gleich, und wer kann seinen Sinn ändern?“ Und dennoch ist die wahre Furcht, die ernste Wirkung Seiner Gegenwart, noch unbekannt, denn Hiob sagt: „Darum bin ich bestürzt von seinem Angesicht; erwäge ich’s, so erschrecke ich vor ihm.“ – Das zweite ist, daß Hiob seinen Blick auf die Menschen richtet; er hat bei Gott keine Ruhe oder Annahme gefunden und blickt nun auf die Menschen. Er sieht, daß es den Gottlosen in der Welt gut geht; dennoch haben sie ihre geheimen Sorgen, und der Tod überschattet ihren Weg. Aber auf dieser Stufe seiner Prüfung beschäftigt er sich nicht mit sich selbst; er sucht die Nähe Gottes, aber er fürchtet „Sein Angesicht“, weil er nicht in Ruhe oder Sicherheit ist. Vielfach sind die Übungen, durch die eine Seele gehen muß, wenn sie sich weigert, die Vollständigkeit ihrer Verderbtheit in den Augen Gottes anzuerkennen. Kapitel 25. Bildad beschließt seine Bemerkungen, indem er noch einmal die Größe Gottes und die Unreinigkeit des Menschen hervorhebt, als gäbe es keinen Boden, auf dem eine Versöhnung zwischen ihnen stattfinden könnte. Bittere Worte für einen Erschöpften, der Gott, Den er im Herzen kennt, und an Den er glaubt, nahekommen will. Kapitel 26 – 31. – Hiob stellt nun seinen Zustand dar, sowohl was ihn selbst betrifft, als auch seine Vorstellung von Gott. Die Größe Gottes in der Schöpfung zeigt sich ihm; aber das macht die Seele nie auf den Charakter ihrer Entfernung von Gott aufmerksam; deshalb sehen wir im folgenden Kapitel, daß er an seiner Rechtschaffenheit festhält. Wenn ich nicht im Lichte bin, muß ich an meiner Rechtschaffenheit festhalten, außer wenn ich ein Gebot gebrochen habe – eine offenbare Tat begangen habe; so sucht auch Hiob sich von dem Vorwurf, er sei von Gott geschlagen, zu reinigen. In Kapitel 28, wo er die Weisheit beschreibt, ist es interessant zu bemerken, wie seine Seele unter all dem Druck im wahren Licht und wahrer Erkenntnis voranschreitet, und offenbart, daß die Zucht wirksam ist. je mehr ich Gottes Weisheit und Seine Wege erkenne, (wie es manchmal in der Bedrängnis vorkommt), desto bedrückter werde ich werden, wenn ich nicht auf annehmliche Weise in Gottes Gegenwart treten kann, und demzufolge wende ich mich meinem eigenen Leben zu und beschäftige mich mit mir selbst. In Kapitel 29 verweilt Hiob bei der Vergangenheit, und das ist immer ein Zeichen, daß die Seele nicht im rechten Zustand vor Gott ist; denn wenn sie ihren Weg mit Gott ginge, würde sie größere Dinge als jene vergangenen verkündigen können. Besonders leicht tritt dies ein, wenn das eigene Ich betrachtet wird: Liebenswürdigkeit, Gottes Gaben und Seine Güte, das waren die Kennzeichen des reichen Jünglings in Mk 10. Wenn ich infolge meiner Übertretungen das Bewußtsein der Schuld in mir habe, verliert solch ein Rückblick seinen Reiz. Aber wenn die Seele im Elend eine Zeit der Makellosigkeit in Leben und Wandel in Erinnerung bringen kann – vom Glanz der Gunst Gottes in Seinen Gaben umstrahlt – solch ein Rückblick ist anziehend für das Herz und nimmt es ganz in Anspruch. Hiob lebte, bevor Gott dem Volke Israel Kanaan gab; und so wird er als einer aus den Nationen zur Erkenntnis des

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Bösen in ihm gebracht, und zwar nicht durch das Gesetz, sondern in der Gegenwart Gottes, und da er immer mit reinem Gewissen gewandelt war, war es nicht leicht, nun alles für Dreck zu achten. Gott erlaubt ihm, dabei zu verweilen, um uns zu zeigen, wie unsere eigene Gerechtigkeit uns beschäftigen und hindern kann, und andererseits auch, wie vollkommen nichtig der Weg der Freunde Hiobs war, der ihn zu einer wahren Einschätzung seiner eigenen und der Person Gottes führen sollte. So verweilt Hiob, immer noch mit sich selbst beschäftigt, in Kapitel 29 bei seiner früheren Wohlfahrt, während er in Kapitel 31 der Reihe nach die Vollkommenheit seines Weges darlegt, indem er mit menschlichem Urteil richtet. Schließlich faßt er alles zusammen in den Worten: „Der Allmächtige antworte mir.“ Das sind die Übungen einer Seele, die, ohne je das natürliche Gewissen verletzt zu haben, sich nicht im Lichte der Gegenwart Gottes gesehen hat und daher die Verderbtheit ihrer Natur nicht erkannt hat. Wenn das natürliche Gewissen auf irgendeine Weise hätte überführt werden können, hätte es leicht und schnell handeln können. Aber wenn das sittliche Gefühl nicht verletzt ist, dauert es länger, bis die Seele den geistlichen Sinn erreicht, d. h., eine Einschätzung ihrer selbst im Lichte der Gegenwart Gottes. Wir kommen nun zu einem neuen Abschnitt der Geschichte Hiobs. Wir haben kurz und unvollständig aufgezeigt, mit welcher Geduld Gott die Seele führt, um sie zur Erkenntnis ihrer völligen Verderbtheit in Seinen Augen zu bringen. Hiob war einer, gegen den niemand eine Anklage vorbringen konnte. Was die Werke anbetraf, konnte Gott Selbst Satan herausfordern und versichern, daß seinesgleichen kein Mann auf Erden war, rechtschaffen und das Böse meidend. Und während weder in den Augen Satans, noch in den Augen der Menschen irgendetwas an Hiob Anlag zu Tadel gab, wollte Gott, daß Hiob sah, wie vollkommen verderbt und verloren er in Seinen Augen war. Das zu erkennen ist für das Fleisch äußerst schmerzlich und bitter. Das Fleisch muß sterben. Der Beginn ist bei Hiob, daß er den Tod dem Leben vorzieht, denn hier ist nur Elend. Dann weist er auf Grund seines Bewußtseins von seiner eigenen Rechtschaffenheit und seiner Kenntnis der Wege Gottes (während er durch die Vorwürfe und Vermutungen seiner Freunde hinsichtlich seiner verborgenen Schuld gequält wurde) die Auffassung, die jene vertraten, zurück, nämlich daß Gott die Dinge im Hinblick auf den Menschen nach dessen Werken lenke und bestimme; daß Er keine anderen Regierungsgrundsätze habe, und daß die Handlungen des Menschen den Ablauf der Handlungen Gottes bestimmen, wobei sie Gott darstellten, als habe Er kein bestimmtes Ziel, sondern als sei Er ein gewöhnlicher Herrscher, dessen Gesetze sich nach den wechselnden Umständen richten. Durch dies alles wird Hiob in zweierlei Hinsicht gestärkt, was aber nur um so mehr zu seiner Verwirrung beiträgt. Er wird mehr von der unumschränkten Herrschaft Gottes überzeugt, und daß von Ihm alle Macht ausgeht; und zweitens wird er, da seine Freunde sein Gewissen nicht erreichen konnten, kühner in seiner Selbstrechtfertigung. Kapitel 32. – In diesem Augenblick kommt Elihu hinzu. Dieser Knecht Gottes kommt, wie wir sehen werden, von Gott und gibt nun Hiob die Unterweisung, die er so dringend brauchte. Oft sind wir uns der ernsten Seelenübungen nicht bewußt, die wir erfahren müssen, bis wir von seiten Gottes selber darauf vorbereitet werden, von Ihm zu hören. Es kann sein, daß wir uns in völliger Finsternis abmühen und ermüden müssen, bis wir bereit sind, das Wort des Lichtes zu hören, denn das Licht kommt von Gott allein; Er (Christus) ist das „Licht, welches, in die Welt kommend, jeden Menschen erleuchtet.“ Jedes menschliche Hin- und Herüberlegen, wie das seiner Freunde, beschäftigte Hiob nur umso mehr mit sich selbst und rief seine Selbstrechtfertigung hervor, während es ihm andererseits immer deutlicher den Abstand zwischen ihm und Gott fühlen ließ und daher in seiner Seele das

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Bedürfnis nach Gott verstärkte. Elihu beweist jetzt, daß die Behauptungen Hiobs nicht wahr seien, daß Gott willkürlich handle, daß Er „Feindseligkeiten wider mich erfindet“ (Kapitel 32,10). Seine erste Feststellung ist, daß Gott stärker als der Mensch ist, „Warum haderst du wider ihn? denn über all sein Tun gibt er keine Antwort.“ Der erste wichtige Punkt für die Seele ist, sich unter die mächtige Hand Gottes zu demütigen. Das hatte Hiob noch nicht getan. Aber, so fügt Elihu hinzu, Gott redet in den Träumen zu dem Menschen, „um ihn von seinem Tun abzuwenden.“ Welche Gnade, daß Gott, wenn alles in tiefem Schlafe liegt, Sein stets waches Interesse für den Menschen zeigt und ihn im Träumen warnt! Gott ist voll Erbarmen, wie wir in den Versen 23–28 sehen. Wo ein Bekenntnis der Schuld auf dem Boden der Gerechtigkeit Gottes ist, da ist Erbarmen und Errettung von Gott. Das alles tut Gott oft mit den Menschen. Im Falle Isaaks haben wir ein Beispiel von der Erschütterung, die stattfindet, wenn die Wahrheit Gottes in der Seele Macht und Herrschaft wiedererlangt. Er erschrak mit großem Schrecken über die Maßen (1. Mose 27,33). Auch Hiob mußte das nun erfahren; er hatte sich selbst erlaubt Gott zu beurteilen, anstatt sich Ihm zu unterwerfen und auf Seine Anweisungen zu warten. Kapitel 34. – Als nächstes hebt Elihu hervor, daß Gott gerecht sein muß. Hiob hatte gesagt, daß er selbst gerecht wäre und daß Gott ihm sein Recht entzogen hätte. Wenn Gott nicht gerecht wäre, ja die Quelle der Gerechtigkeit, wie könnte Er dann regieren? „Sollte auch herrschen wer das Recht haßt?“ -.ja, wahrlich, Gott handelt nicht gesetzlos, und der Allmächtige beugt nicht das Recht.“ – „Wer hat ihm die Erde anvertraut?“. Elihu ermahnt Hiob, zu erkennen, daß Gott gerecht ist und daß Er in Seiner Gerechtigkeit handeln kann, wie Er will. „Denn er braucht nicht lange auf einen Menschen achtzugeben, damit er vor Gott ins Gericht komme.“ Wenn das so ist, ist der einzig richtige Platz für Hiob der eines Bekenntnisses. „Denn hat er wohl zu Gott gesagt: ich trage meine Strafe, ich will nicht mehr verderbt handeln?- Obgleich uns diese mannigfachen Unterweisungen, diese einzelnen Fortschritte der Seele in einer zusammenhängenden Folge berichtet werden, müssen wir uns erinnern, daß es oft lange Pausen gibt, bis jeder Schritt erkannt wird. Hier wird uns mehr ihre Reihenfolge vor Augen gestellt; nicht so sehr die Leiden, die die Seele unterdessen durchmacht. In Kapitel 35 berührt Elihu einen neuen Punkt: Gott steht unendlich weit über den Menschen, und die Werke der Menschen können Ihn in keiner Weise berühren. Hiob muß erkennen was es ist, wenn Elihu fragt: „Wenn du gerecht bist, was gibst du ihm? Oder was empfängt er aus deiner Hand?“ – „Wenn Abraham aus Werken gerechtfertigt worden ist, so hat er etwas zum Rühmen, aber nicht vor Gott.“ Die Güte von seiten Gottes sollte erkannt werden, aber das Gegenteil ist der Fall: „man spricht nicht: wo ist Gott, mein Schöpfer, der Gesänge gibt in der Nacht?“ – wenn ringsum Finsternis herrscht. Hiob hatte bei dem, was er für Gott, und nicht bei dem, was Gott für ihn war, verweilt. Und dann heißt es: „Auf nur Eitles hört Gott nicht, und der Allmächtige schaut es nicht an.“ In Kapitel 36 wird Hiob darauf hingewiesen, daß er Gottes Gerechtigkeit erkennen muß, wenn er die Dinge mit den Augen Gottes betrachtet. Er sollte verstehen, daß „Er seine Augen nicht von dem Gerechten abzieht“, und daß Er „ihr Ohr der Zucht öffnet“. – „Den Elenden errettet er in seinem Elend.“ Hier hatte Hiob gefehlt; anstatt sein Ohr der Zucht zu öffnen, hatte er sich zu rechtfertigen bemüht. „Siehe, Gott ist mächtig.“ Es ist ein großer Fortschritt, wenn die Seele das erkennt, und die

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Dinge klar mit Gottes Augen betrachtet. Wenn ich wirklich erkenne, wer Er ist, muß die Wirkung davon sein, daß ich mich unter Seine mächtige Hand demütige und auf Ihn warte. In Kapitel 37 führt Elihu Hiob weiter, Gott in Seiner Größe und in Seinen Werken zu betrachten. Der Herr sagte: „Glaubet mir um der Werke selbst willen.“ Das ist die Einleitung, wenn ich so sagen darf, zum nächsten Kapitel, wo Gott Hiob aus dem Sturme antwortet und ihn über Seine Größe und Macht belehrt. Hiob hat Elihu gelauscht, ist auf die Stimme Gottes vorbereitet, und nun beschäftigt Gott Sich direkt und eingehend mit seiner Seele. Wie tief und ernst ist die Übung, wenn die Seele, allein mit Gott, durch Seine wunderbare Gnade und Barmherzigkeit Seine Majestät und Güte kennenlernt. In Kapitel 38 lesen wir: „Und Jehova antwortete Hiob aus dem Sturme“ und forderte ihn auf, nachzudenken. „wo warst du, als ich die Erde gründete?“ – „Durch Glauben verstehen wir, daß die Welten durch Gottes Wort bereitet worden sind.“ Das ist der Anfang des Glaubens, so wie derjenige, der zu Gott kommt, glauben muß, daß Er ist. Hiob glaubte, daß es einen Gott gab, aber sein Glaube war nicht einfältig auf die Macht Gottes in Seiner Größe gerichtet. Er wird nun aufgefordert zu überlegen, ob er den Ursprung eines der Werke Gottes erklären oder erkennen könne. Konnte er sie erreichen oder begreifen? Gott fragt ihn: „Wer hat Weisheit in die Nieren gelegt, oder wer hat dem Geiste Verstand gegeben?Gott zeigt Hiob, wie unwissend er über den Ursprung aller seiner Werke in der Welt der leblosen Dinge ist, und nun, in Kapitel 39, muß er einsehen, wie unfähig er ist, über die Tierwelt zu herrschen. Sei es der Wildesel, das Ross, oder der Adler, alle sind Hiob an Kraft überlegen. Und wieviel mehr Er, der ihnen ihre Eigenschaften gab, sollte Er nicht Hiobs Ehrfurcht hervorrufen können? „Soll der Tadler rechten mit dem Allmächtigen?“ Nun fühlt Hiob die Kraft des göttlichen Wortes. „Siehe, zu gering bin ich, was soll ich dir erwidern? Ich lege meine Hand auf meinen Mund. Einmal habe ich geredet, und ich will nicht mehr antworten; und zweimal, und ich will es nicht mehr tun.“ Er erkennt nun seine Nichtigkeit; aber nur insoweit will er schweigen, weil er keine Antwort weiß. Er weiß sich verurteilt, aber er hat noch nicht die einfältige Selbstverleugnung erreicht. Man kann von seiner Nichtigkeit und Unfähigkeit zu antworten überzeugt sein und dennoch auf Besserung hoffen. Es kann sein, daß es nur eine Pause ist, um sich von dem Überführtsein zu erholen, die Gottes Wort in der überwältigten, aber nicht unterworfenen Seele hervorrufen muß, Wenn das Gefühl der Nichtigkeit und Verderbtheit vollkommen ist, gibt es kein Versprechen, sich zu bessern und keinen Gedanken, daß man jetzt etwas besseres tut als bisher. Daher richtet sich die Stimme Gottes wieder an Hiob, und er wird wieder der göttlichen Aufforderung unterworfen (Kapitel 40 und 41). Diesmal stellt Gott ihm Behemoth, den Leviathan vor, der bei weitem ein großartigeres Geschöpf ist als er. „Auf Erden ist keiner ihm gleich, ihm, der geschaffen ist ohne Furcht.“ Zu diesem Zweck wird der Seele Hiobs die Mannigfaltigkeit und Ordnung der Wege Gottes hinsichtlich dieses eigenartigen und mächtigen Lebewesens vorgestellt, und Hiob, der sich in der Gegenwart Gottes sieht, ist beschämt. Nun erst hat er das von Gott gewünschte Ziel erreicht, nachdem er eine so lange Zeit erduldet hat. Hiob sieht Gott, und das führt ihn zu wahrer Selbsterkenntnis und er bereut in Staub und Asche. Dieser makellose Mann, der als Mensch rechtschaffen war, verabscheut sich, als er in Gottes Gegenwart geführt wird. Als Mensch hat er Grund, sich zu rühmen: er mag sich vor seinen Freunden rechtfertigen können, nicht aber vor Gott. In der Gegenwart Gottes kann er keine

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Hiob

Forderung stellen, nichts erwarten und auf nichts Anspruch erheben. Vor Gottes heiligen Blicken kann er sich nur verabscheuen und in Staub und Asche bereuen. Hiob ist jetzt mit sich selbst am Ende. Glückliche Frucht und Vollendung aller Zucht! Er ist so vollkommen von seinem Ich befreit, daß er für seine Freunde beten kann, bevor er noch von den äußeren Umständen, den Prüfungen, die der nächste Grund aller seiner Trübsale und Seelenübungen gewesen waren (die Satan über ihn verhängt hatte, um seine Verkehrtheit zu beweisen), erlöst war. Mehr als seiner eigenen Leiden gedenkt er seiner Freunde vor Gott, und dann wendet Jehova die Gefangenschaft Hiobs, indem Er so wieder beweist (und wir dürfen es tief in unsere Herzen einprägen), „dass der Herr voll innigen Mitgefühls und barmherzig ist.“

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Mose

Mose Mose war in besonderer Weise ein Vorbild auf Jesum, den großen Diener, und wir können uns denken, dass sein Leben gekennzeichnet war von einer Zucht, die besonders dazu angetan war, seine Natur beiseite zu setzen, um Platz zu machen für die Gnade und den Dienst, die auf vollkommene Weise in unserem Herrn Jesus zum Ausdruck kamen. Mose wird zur Zeit des Pharao geboren (2. Mo 2) der den Befehl gegeben hatte, alle neugeborenen Knaben zu töten. Er kam in eine Welt, auf der kein Platz für ihn war. Auch für den Herrn der Herrlichkeit gab es nicht einmal Raum in einer Herberge. Der König Ägyptens hatte verfügt, daß auch Mose im Augenblick seiner Geburt getötet werden sollte. Nur durch Glauben retteten seine Eltern ihn, „denn sie sahen, daß das Kindlein schön war; und sie fürchteten das Gebot des Königs nicht“. In der tiefen Überzeugung des Glaubens wußten sie, daß sie Gott in Bezug auf dieses Kind vertrauen konnten. So erhält es der Glaube an Gott am Leben. Welche Kraft muß er in späteren Jahren aus dieser gottesfürchtigen Tat seiner Eltern empfangen haben, und wieviel Dank war er ihnen für diese erste Lehre in der Zucht und Ermahnung des Herrn schuldig! Der Anfang unseres Weges bestimmt schon die Richtung seines weiteren Verlaufs; die ersten Lehren, die wir in der Schule Gottes erhalten, geben unserem Charakter eine Form und Gestalt, die niemals ganz verblaßt. Moses Erdendasein wurde nur durch den Glauben seiner Eltern gesichert. Drei Monate wurde er verborgen. Sicher wurde ihr Glaube in jenen neunzig Tagen auf die Probe gestellt, aber sie harrten aus, und schließlich vertrauen sie das Kind in dem Kästlein von Schilfrohr dem Wasser an. Ein Platz auf der Erde wurde ihm verweigert, und je älter er wurde, desto schwieriger wurde es, ihn vor dem grausamen Befehl zu schützen. Wenn wir im Glauben handeln und lange genug ausgeharrt haben, daß unsere Seele in Glaubensgewißheit befestigt ist, dann gibt uns der Geist, der in uns den Glauben bewirkt, auch Weisheit zum Handeln. Das verspüren auch die Eltern Moses. Der Glaube läßt unsere Zuneigungen nicht unbeachtet, aber er möchte den stützen, der, wenn er auf sich selbst gestellt wäre, in Angst und Besorgnis leben würde. Der Glaube stärkt das Herz im ruhigen Ausharren in Überzeugung und mit dem Blick auf das Ziel, das er uns vor Augen hält. Mose, das Kindlein, wird aus seiner gefährlichen Lage in dem Kästlein aus Schilfrohr befreit, und zwar von keiner Geringeren als der Tochter dessen, der der ärgste Feind seines Lebens war. Dennoch mußte er vor seiner Rettung die Kälte dieser Welt verspüren, denn wir lesen, daß „der Knabe weinte“. So mußte er schon in seiner zartesten Kindheit den Kummer und die Verlassenheit schmecken, die ihn auf seinem ganzen Lebensweg begleiteten. Der Verstand des Kindes konnte sich nicht daran erinnern, aber seine Seele beginnt mit vollem Bewußtsein hier den Weg, auf dem sie später so sehr geprüft wurde. Seine Tränen waren die Erstlingsfrüchte des Kummers, der ihm im späteren Leben so vertraut wurde. Aber Gott antwortet hierauf in liebender Fürsorge. Moses wird nicht nur durch die Tochter seines Feindes gerettet, sondern wird sogar der Obhut seiner eigenen Mutter anvertraut und später in Ehren in das Haus Pharaos versetzt. Die Verlassenheit von der Welt und das nie nachlassende

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Mose

Erbarmen Gottes sind die ersten Lehren der Zucht, die seiner noch unberührten Seele vorgestellt werden. Nie werden diese Lehren ausgelöscht werden können, denn Gott belehrt uns früh, gründlich und dauerhaft. Die Zeit, die zwischen dieser Begebenheit und der nächsten uns berichteten liegt, als Mose vierzig Jahre alt ist, kann kurz gekennzeichnet werden als die Zeit, in der er in aller Weisheit der Ägypter erzogen wurde und mächtig in Worten und Taten war. Er wuchs inmitten aller Annehmlichkeiten Ägyptens auf, damit er, wenn er sie verließ, in jeder Hinsicht mit dem Volke Gottes mitfühlen konnte, wenn es zum Auszuge aus Ägypten und damit zur Aufgabe aller seiner Güter aufgerufen würde. Andere mochten vieles aufzugeben haben, aber keiner so viel wie er. Wenn es das Volk als hart empfand, den Lauch und die Zwiebeln zurückzulassen, was mußte es dann für Mose sein, sich von allen Bequemlichkeiten und Ehren des Hofes Pharaos abzuwenden! Er wurde also durch Gottes Zucht und Erziehung auf jenes Amt eines Führers vorbereitet, dass er nach und nach übernehmen sollte. Die Größe seines Verzichts befähigte ihn, andere zur Nachahmung aufzurufen; sein eigener Verzicht auf alle Annehmlichkeiten Ägyptens berechtigten ihn, das Volk aus Ägypten zu führen. Denn wenn er „lieber wählte, mit dem Volke Gottes Ungemach zu leiden, als die zeitliche Ergötzung der Sünde zu haben“, so geschah das, nachdem er sie in ihrer größten Prachtentfaltung erlebt hatte. Und mehr noch: er wurde durch diese Erziehung mit allem bekannt, was es an Ergötzlichem für das Fleisch gibt; er machte Erfahrungen in Bezug auf das Fleisch, die keiner der Charaktere, die wir bisher betrachtet haben, gekannt haben konnte. Weder Abraham, noch Isaak oder Jakob, ja nicht einmal Joseph hatten eine solche Erziehung; aber sie hatten sie auch nicht nötig, denn keiner von ihnen hatte einen Auftrag wie Mose zu erfüllen. Gottes Übungen und Zucht sind immer den jeweiligen bestimmten Absichten angepaßt. Salomo erkannte die Eitelkeit alles Irdischen; der Herr Jesus fühlte sie in Seiner sittlichen Vollkommenheit; Mose ist bis in sein reifes Alter von ihr umgeben und wendet sich dann von ihr ab. Es ist bemerkenswert, daß kein Führer des Volkes Gottes weniger erleidet, als das Volk, das zu leiten er berufen ist. Menschliche Führer mögen auf verschiedenen Wegen zu Macht und hoher Stellung gelangen, aber die Führer des Volkes Gottes können nur auf dem Wege durch Leiden emporkommen. Die Kraft, alle auf das Volk zukommenden Verpflichtungen und Hindernisse zu ertragen und ihnen entgegenzutreten, wird zuerst an seinem Führer erprobt. Dann kann er es in sicherem Vertrauen auf Gott, durch Dessen Macht er überwunden hat, weiterführen. Mose geht aus zu seinen Brüdern. Eine gute Absicht führt ihn auf den richtigen Weg, aber wir sind nicht immer auf die Ausführung unserer Absichten vorbereitet, selbst wenn diese Absichten richtig sind. Die Bedingung zum Fruchtbringen ist Kraft und Reife. Daher kommt es oft zu Rückschlägen und zu Zucht, bis wir der Aufgabe Gott gemäß sittlich gewachsen sind. Als Petrus das erste Mal sagt, daß er dem Herrn folgen will (Joh 13), antwortet der Herr ihm daß er es jetzt nicht könne, sondern daß er Ihn sogar verleugnen würde. Aber als Petrus vollkommen wiederhergestellt und seine Seele in der Liebe Christi gekräftigt ist läßt der Herr ihn wissen (Joh 21,18+19), daß er Ihm folgen soll, und daß er das Begehren, das er einst so furchtlos und unwissend ausgesprochen hatte, noch mit Entschiedenheit in die Tat umsetzen sollte. Ebenso ist es hier mit Mose. Seine Gedanken und seine Absicht waren richtig, aber Gott hatte ihm noch nicht den richtigen Weg zu ihrer Ausführung gezeigt. Er weiß noch nicht welche Übungen ihm auf dem Wege begegnen werden, und ist deshalb nicht vorbereitet, sie zu ertragen. Sein Versuch beweist nur,

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wie unzureichend seine Hilfsquellen sind für das Werk, das er begonnen hat. Er muß es schließlich aufgeben und das verlassen, worauf sein Herz gerichtet war. Das ist die unvermeidliche Folge, wenn wir eine an sich richtige Absicht mit unseren eigenen Mitteln auszuführen versuchen. Moses Versuch schlägt fehl, wie zu erwarten war. Aber nicht nur das; sein Leben ist bedroht, und er muß um seiner eigenen Sicherheit willen fliehen. Wir lesen: „Mose floh vor dem Pharao und weilte im Lande Midian. Und er saß an einem Brunnen“. Welche Häufung qualvoller Gefühle muß dieser eifrige Diener Gottes erduldet haben! Welch ein Schmerz für das treue Herz, wenn seine aufrichtigen Bemühungen, den Brüdern zu helfen, auf solche Weise vereitelt werden! Müssen nicht alle seine Opfer, sein Verzicht auf die Herrlichkeiten Ägyptens, ihm als nutzlos für die anderen und ihn selbst erschienen sein, wenn er dort saß? – ein Wanderer und Verbannter, gleich einem verdorrten, fruchtleeren Baum in der Wüste. Aber mochte Mose so denken, Gott dachte anders. Seine Sendung war nicht aufgehoben, nur aufgeschoben. Er war noch nicht geeignet für den Dienst Gottes. Seine Natur war noch nicht beiseitegesetzt. Andererseits war Gottes Zeit für die Befreiung Seines Volkes noch nicht da, auch war das Volk selbst noch nicht auf die Befreiung vorbereitet. Aber wir beschäftigen uns mit Mose, und er benötigt als Knecht Gottes für das Werk eine Vorbereitungszeit von 40 Jahren, ehe er seinen Dienst antreten kann. Schon als er an dem Brunnen im Lande Midian sitzt, steht er unter der Zucht, die ihn für die große Aufgabe nach Gottes Ratschluß formen soll. Vierzig Jahre Verbannung sind ihm bestimmt. Aber es hängt davon ab, wie er die Zucht aufnimmt, ob jene 40 Jahre eine einzige ununterbrochene Zeit des Kummers und der Dunkelheit sein werden, oder ob sie durch Augenblicke des Trostes und der Freude gemildert werden. Wird er sich beugen und den Willen Jehovas annehmen? Wird er sich hier in seinem Herzen als Erlöser der Bedrängten – wie später seines eigenen Volkes zeigen? Wenn ja, dann nimmt er Gottes Zucht auf sich und deshalb mag sein Los weniger bedrückend sein. Sobald wir uns der Zucht beugen, ist sie wirksam und kann erleichtert werden. Sie braucht deshalb nicht beendet zu sein, aber der Schauplatz wird leichter. So geschah es in Moses Fall. Er wird für die Töchter Reghuels am Brunnen zum Befreier, als sie von den Hirten hinweggetrieben wurden. Obgleich es ihm versagt war, in größerem Kreise als Befreier aufzutreten, weigerte er sich nicht, als solcher in einem sehr unbedeutenden Kreis zu handeln. Er sinnt nicht in lustlosem Kummer über sein Versagen nach, wie der Tor, der sein eigenes Fleisch ißt; er handelt den Umständen gemäß, erhebt sich über seine eigenen Gefühle und hilft anderen. Ich stehe solange unter Prüfungen, bis ich sie überwunden habe; und während ich unter ihnen stehe, kann ich nicht frei sein, um mit ganzem Herzen und jener Freudigkeit des Geistes zu dienen, die immer die Quelle allen Dienstes ist. Nichts beweist so sehr unsere göttliche Sendung, wie die Bereitschaft, unseren Dienst in der ungünstigsten wie in der günstigsten Lage auszuüben. Und wenn wir uns ganz in die Stellung versetzen, die der Herr uns bestimmt hat, dann erhellt Er den verlassensten Ort (den Ort unserer Zucht) und verschafft uns dort Ruhe und Trost, wo wir in Kummer und Verlassenheit ankamen. Zunächst empfängt Mose für seinen Dienst an den midianitischen Frauen keine Belohnung; auch der Oberste der Schenken vergaß Joseph, als er befreit war. Aber das bleibt nicht immer so. Reghuel, ihr Vater, läßt Mose holen, aus Dank für den Dienst an seinen Töchtern gibt er ihm Raum in seinem Hause und gibt ihm Zippora, seine Tochter zur Frau. „Und sie gebar einen Sohn, und er gab ihm den Namen Gersom, denn er sprach: Ein Fremdling bin ich geworden in fremdem Lande“. Obwohl er nun einen Sohn hatte, fühlte er sich noch als Fremder in fremdem Land. Daher mußte sein Sohn, der ihn

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mit dem Schauplatz verband, einen Namen tragen, der ihn an seine Verbannung erinnerte. Keine gegenwärtige Segnung konnte diese Erinnerung trüben. Niemals wurde die aufrichtige und ernste Absicht, sein Volk zu befreien, dadurch verwischt, und sie konnte es auch nicht, denn wie wir schon gesagt haben, war diese Absicht richtig, ja göttlich; nur wurde Mose an ihrer Ausführung gehindert, bis er besser vorbereitet war. Paulus konnte das, was er empfangen hatte und worin er frohlockte, erst nach 14 Jahren in angemessener Weise ausdrücken, und erst im Gefängnis in Rom ist er ganz dazu fähiggemacht. Vierzig Jahre lang erfüllt Moses täglich seine Pflicht in Unterwerfung unter den Willen Gottes. Die Eigenschaften, die er als Knecht an den Tag legte, indem er die Pflichten des täglichen Lebens vorbildlich erfüllte, waren ein sicheres Zeichen dafür, daß er auch diejenigen eines Führers besaß, denn einer, der nicht gelernt hat, zu dienen, kann nicht richtig herrschen. Seine Arbeit, für die Herde seines Schwiegervaters Jethro Weideplätze zu finden, war sicherlich eine schwierige Arbeit. So trieb er die Herde eines Tages „hinter die Wüste und kam an den Berg Gottes, den Horeb“ (Kap. 3). Er dachte sicher nicht daran, daß die Tage seiner Fremdlingschaft nun bald beendet sein würden. Der Augenblick, da Gott ihn gebrauchen konnte, war gekommen, und Gott will ihn jetzt zur Ausführung jenes Wunsches gebrauchen, der ihn vor vielen Jahren dazu veranlaßt hatte, die Befreiung seiner Brüder vom Joch Ägyptens zu unternehmen. Wir wollen die Schlußszene jener langen Vorbereitungszeit betrachten, die Jehova in Seiner Weisheit für Mose bestimmt hatte, und die Er jetzt durch die Offenbarung Seiner Selbst krönen wollte. „Da erschien ihm der Engel Jehovas in einer Feuerflamme mitten aus einem Dornbusche; und er sah: und siehe, der Dornbusch brannte im Feuer, und der Dornbusch wurde nicht verzehrt“. Moses Aufmerksamkeit ist erregt. Die Beschäftigung mit seinen täglichen Pflichten machte ihn nicht unfähig, die Offenbarung Gottes zu erkennen. Das sollte auch nicht so sein, sondern wenn wir sie treu erfüllen, bewirken sie Fleiß auch in den höheren Pflichten. Die Hirten, die nachts ihre Herde hüteten, waren die Zeugen, die Gott erwählte, um die größte auf Erden geschehene Begebenheit zu berichten. Es ist einer der besten Beweise der Unterwerfung unter Gott, wenn wir unsere tägliche Arbeit geduldig und vollkommen erledigen und doch immer geöffnete Augen haben, um die Wege Gottes zu beachten. Ich glaube, das ist die Kraft der Ermahnung – verbunden mit Gebet – : „eben hierzu wachend mit allem Ausharren“ usw. Dies ist das Ziel einer einfältigen Seele, die einfach die Herrlichkeit des Herrn vor Augen hat. „Und Mose sprach: Ich will doch hinzutreten und dieses große Gesicht sehen . . . Und als Jehova sah, daß er herzutrat“ (als es deutlich war, daß Mose die Bedeutung der Wege Gottes kennenlernen wollte), „da rief Gott ihm mitten aus dem Dornbusche zu und sprach: Mose! Mose! Und er sprach: Hier bin ich“. Jehova offenbart sich hier in Gnade, in einer zwar brennenden, aber nicht verzehrenden Feuerflamme. Die Herrlichkeit Gottes kommt zu den Menschen, und der Mensch sieht nichts als Gnade und Freundlichkeit aus ihr hervorströmen. Und doch war es heiliges Land, das nur unbeschuhte Anbeter betreten durften. Es war noch dazu so, daß Gott zu den Menschen kam, nicht umgekehrt. Jehova zeigt Sich in einer Feuerflamme in einem Dornbusch und offenbart Seine Gefühle und Sein Interesse an Israel. Wie erquickend müssen solche Mitteilungen für Mose gewesen sein! Nach der langen, traurigen Pause, in der es schien, daß Gott Sein Volk vergessen hatte, erfährt Mose nun die unendliche Liebe und Teilnahme, mit der Er es in Seiner Absicht, es zu befreien, betrachtet hatte. Jetzt ist Mose sich seiner Unfähigkeit für solch einen Dienst bewußt. Er sieht, daß es nicht seine eigenen Gefühle sind, auf Grund deren er handeln oder die er zufriedenstellen muß, sondern die Gefühle

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Jehovas, des Einen, Der, obwohl Er vor ihm in einer Feuerflamme ist, ihn nicht verzehrt. Die Größe Seiner ewigen Liebe und Gnade hob sich scharf von dem impulsiven, in die Irre führenden Ungestüm ab, das Mose 40 Jahre vorher gezeigt hatte. Mose ist sich seiner Unzulänglichkeit vollkommen bewußt, denn er sagt: „Wer bin ich, daß ich zu dem Pharao gehen, und daß ich die Kinder Israel aus Ägypten herausführen sollte?“ Gott wird ihn stärken, belehren und zubereiten; in Kapitel 4 erfahren wir, auf welche Weise. Er teilt Seinem Knecht zunächst Seine Absicht und Sein Ziel mit. Das muß ihn beruhigen, nicht nur im Beweis des Vertrauens, den es zeigt, sondern der Knecht Gottes, der Seinen Willen kennt, ist eher bereit, den Dienst zu übernehmen, wenn der ganze Ablauf und das Ende ihm in Einzelheiten bekannt ist. Aber mehr noch (denn Gottes Unterweisungen sind vollkommen): Mose muß an sich selbst die Macht Gottes fühlen. Ehe er die Verbindung zwischen Gott und dem Volke werden kann, muß die Verbindung zwischen ihm und Gott vollkommen sein. Gott gibt ihm diese Unterweisung auf dreifache Weise. Zuerst erfährt er seine eigene Macht, die größer ist als die, der seine Natur unterliegen .würde. Sein Stab wird in eine Schlange (ein Bild Satans) verwandelt, und Mose flieht vor ihr, aber Jehova befiehlt ihm, sie zu ergreifen, und sie verwandelt sich wieder in seinen Stab der Macht. Zum zweiten lernt er, daß Gott seine aussätzige Hand wieder gesundmachen kann, und drittens, daß das Wasser des Stromes (der großen Segensquelle) zu Blut werden würde, wenn er es auf das Land gießen würde, wodurch Gott ihm zeigt, daß Er das Land richten würde. In diesen drei Punkten wird er unterwiesen, damit er für die ihm anvertraute Sendung geeignet wird, und damit er sich ihr gewachsen fühlt. Mose hat aber noch immer Einwände zu machen. Obwohl seine Seele gestärkt ist, fällt es ihm schwer zu reden. Aber Gott ist bei der Zubereitung Seines Knechtes zu dem Werke in kleinen wie in großen Dingen langmütig und gnädig. Wenn Mose sich weiter zu schwach fühlt, wirkt Gott diesem entgegen. Aaron soll sein Mund sein, und als alles geregelt ist nahm Mose sein Weib und seine Söhne und ließ sie auf Eseln reiten und kehrte in das Land Ägypten zurück; und Mose nahm den Stab Gottes in seine Hand“ (Kap. 4, 20). Wie anders hatte er dieses Land verlassen; wie bezeichnend ist der Unterschied ‚ den diese 40 Jahre der Zucht in und an ihm bewirkt hatten, Damals war es schmachvolle Flucht; er bangte um sein Leben infolge seines früheren Selbstvertrauens und der ohne Abhängigkeit von Gott für seine Brüder vollbrachten Tat. Nun, bei seiner Rückkehr ist er klein und schwach in seinen eigenen Augen, aber mit der Macht Gottes angetan. Er besitzt die ruhige Würde dessen, der fühlt, daß seine einzige Kraft in der Abhängigkeit von Jehova liegt, in Dessen Dienst er einzutreten im Begriff steht. Aber bevor dies geschehen kann, muß noch eine Frage zwischen Jehova und Mose geklärt werden (Kap. 4, 24). Wir sehen hier ein bemerkenswertes Beispiel der Forderungen der Heiligkeit Gottes in der Zucht. Entweder um den Midianitern entgegen zukommen oder weil er zweifelte, jemals sein eigenes Volk wiederzusehen, hatte Mose unterlassen, seinen Sohn zu beschneiden, und steht nun im Begriff, den Dienst für Gott anzutreten, ohne seine schwere Unterlassungssünde aus dem Wege zu räumen, als sei das eine gleichgültige Angelegenheit. Aber er muß erfahren, daß bei einem zum Dienst Berufenen nichts übersehen werden kann. Seine Verantwortlichkeit steht in Übereinstimmung mit seiner Berufung. Jehova sucht ihn zu töten, so unbeugsam ist Er in Seiner Heiligkeit und so streng in Seinen Gehorsamsforderungen, und ganz besonders bei einem, der den Platz eines Dieners inne hat. Seine Frau beseitigt diesen Widerspruch, aber sie tut es tadelnd und kehrt in ihr Land zurück, während Mose seinen Weg mit Aaron fortsetzt.

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Welch eine Schlußbelehrung so kurz vor dem ersehnten Dienst! Welch einen Eindruck muß sie auf seine Seele gemacht haben, während der ersehnte Morgen in seiner Seele anbrach! Kein noch so hervorragender Dienst, keine noch so große Erkenntnis der Tiefen Gottes kann ein Übertreten der Gebote Gottes entschuldigen. Im Gegenteil mußte er fühlen, daß ihm viel gegeben war, aber auch viel von ihm erwartet wurde. Unbedingter Gehorsam muß Leben und Wege der hervorragendsten und am besten belehrten Knechte kennzeichnen. Nach dieser letzten Lehre in diesem Lebensabschnitt betritt Mose nun sein Arbeitsfeld. Aus der Einsamkeit Midians kommend soll er nun als Gottes Zeuge vor Pharao stehen. Nachdem er sozusagen in einer „Privatschule“ vorbereitet worden ist, soll er nun auf einem großen, segensreichen Gebiet die Ergebnisse jener Belehrung zeigen. Wir müssen nun die verschiedenen Übungen Moses bei der Erfüllung seines Dienstes betrachten. Jene, die ihn für den Dienst bereiteten, haben wir kurz gestreift; aber der Knecht Gottes benötigt eine beständige Zucht, damit er immer in Abhängigkeit von Gott bleibt. Für Mose beginnt diese neue Art der Zucht sehr früh, wir können sogar sagen, sofort beim Betreten des Weges des Dienstes. In Begleitung Aarons tritt er vor Pharao und verkündet ihm Gottes Aufforderung, Sein Volk ziehen zu lassen, aber Pharao weigert sich nicht nur, zu willfahren, sondern läßt als Antwort die Lasten des Volkes vergrößern. Das war ein entmutigender Anfang für einen Knecht, der seinen Dienst gerade begonnen hatte, eine gerechte Aufforderung ausgesprochen hatte und wußte, daß die Botschaft von Gott kam. Sein Auftreten schien nur eine offenbare Mißachtung der Rechte Gottes und eine Vergrößerung des Kummers des Volkes hervorzurufen. Damit nicht genug, zögern die Vorsteher des Volkes nicht, Mose als dem Urheber ihrer Leiden Vorwürfe zu machen. Sie trafen ihn um so härter, weil sie gerade von dem Volk kamen, dem er zu dienen begehrte. Was konnte er in dieser Lage tun? Er wendet sich zu Jehova und legt Ihm in Bitterkeit des Herzens seine Schwierigkeiten und seine Entmutigung dar, und als Antwort gibt Gott ihm eine neue Unterweisung. Jetzt war der Augenblick gekommen für jene besondere Zucht im Leben eines Knechtes, die, wenn sie erfolgreich ist, ihn befähigt, seinen Dienst fortzusetzen, ohne auf die Ergebnisse zu schauen. Es ist allgemein, den Erfolg eines Dienstes an den Ergebnissen zu messen, und umgekehrt; aber der wahre Knecht muß sein Auge nur auf das Wort seines Herrn gerichtet halten und das Ergebnis Ihm überlassen, wie der Herr Jesus, der, als Er merkte, daß Seine Worte und Werke vergeblich waren, so daß Er die Städte, wo die meisten Seiner mächtigen Taten geschehen waren, schalt, sich zum Vater wandte und sprach: „Ich preise dich, Vater, . . . daß du dies vor Weisen und Verständigen verborgen hast, und hast es Unmündigen geoffenbart“. Wenn Mose nicht den gleichen Geist erhält, wird sein Dienst nicht durch Glauben, sondern durch erfolgreiche Resultate gestützt werden. Ein Mann ohne Glauben ist unbeständig auf allen seinen Wegen. Jehovas Belehrungen in dieser Hinsicht werden uns in 2. Mo 6 beschrieben. Als Einleitung für alle weiteren Belehrungen erhält Mose eine tiefere Erkenntnis Gottes. Je besser wir Gott kennen, desto leichter ist es, Ihm zu vertrauen. Je tiefgehender unsere Bekanntschaft mit Gott ist, desto größer ist unser ruhiges und beständiges Vertrauen auf Ihn. Gott offenbart Sich Mose hier als Jehova, der Gott des Bundes, wie Er es weder bei Abraham, noch bei Isaak oder Jakob getan hatte, denn keiner von ihnen war zu einem solchen Dienst, oder zum Streit

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mit feindlichen Mächten berufen. Mit ihnen hatte Gott den Bund errichtet, Israel das Land Kanaan zu geben. Dieses Bündnis führt Er nun aus, verbunden mit einer neuen Offenbarung seiner Person, um die Seele Moses zu stärken und ihn zu befähigen, gelegentliche Rückschläge zu ertragen in der Überzeugung, daß das Ergebnis befriedigend sein würde, weil es durch Gottes Wort und Bündnis verheißen war. In gewisser Weise beruhigt begibt Mose sich zu den Kindern Israel, aber sie hören nicht auf ihn vor Ungeduld und vor hartem Dienst. Seinem Dienst immer noch nicht ganz gewachsen, antwortet er, als Jehova ihn beauftragt, wieder zum Pharao zu gehen: Siehe, die Kinder Israel haben nicht auf mich gehört, und wie sollte der Pharao mich hören, zumal ich unbeschnitten an Lippen bin“ (Kap. 6,12)? An seinen Bemühungen vor 40 Jahren Israel in der Kraft des Fleisches zu befreien, hatte er so gelitten, daß er jetzt schnell geneigt ist, zu verzagen, und je weiter er in seinem Dienst fortschreitet, desto mehr entdeckt er die damit verbundenen Schwierigkeiten und seine eigene mangelnde Eignung dafür. Aber Jehova will Seinen Knecht in seiner Arbeit vollkommen und glücklich machen, daher gibt Er Mose und Aaron nun „Befehl an die Kinder Israel und an den Pharao, den König von Ägypten, um die Kinder Israel aus dem Lande Ägypten hinauszuführen“. Der Befehl leitet den Dienst ein. Charakterfestigkeit und Zielstrebigkeit sind ohne ihn nichts. „Das anvertraute Gut“ (wie Paulus an Timotheus schrieb) gibt unserem Dienst die genaue Linie. Jemand, der sie nicht kennt, kann nie hoffen, seinen Dienst zu erfüllen oder ihn in angemessener Weise zu tun. Aber wenn er weiß, daß er vom Herrn einen Befehl oder eine Richtlinie erhalten hat, hat er Vertrauen und Verantwortlichkeit. Dieser Befehl wird Mose nun (Kap. 6,13) gegeben, aber noch immer fühlt er seine Unzulänglichkeit; doch in dem Maße, wie er sie fühlt, gibt Gott ihm die Kraft, die ihr entgegenwirkt. Zuerst muß er auf Jehova vertrauen, den Gott des Bundes, der geschworen hatte, dieses Volk in das Land Kanaan zu bringen. Sodann wird ihm ein bestimmter Befehl gegeben, und wenn er glaubt, daß er für Jehova handelt, hat er das verheißene Ergebnis seiner Sendung, und das ihm zugewiesene Werk ist genau abgesteckt. Zuletzt (Kap. 7) wird er mit Macht versehen, um jedes Zögern, jedes Gefühl der Unzulänglichkeit zum Schweigen zu bringen. Jehova sagt zu ihm: „Siehe, ich habe dich dem Pharao zum Gott gesetzt“, und er erhält den Befehl, das Wunder, das ihm beim brennenden Busch Sicherheit gegeben hatte – die Verwandlung seines Stabes in eine Schlange – vor dem Pharao zu wiederholen. Dort (beim brennenden Busch) mußte er jedoch die Schlange greifen, damit sein persönlicher Glaube gestärkt wurde; nun ist der Zweck mehr, dem Pharao zu zeigen, daß er mit der Macht Gottes bekleidet ist, so daß der zweite Teil des Wunders nicht wiederholt wird. Die gnadenreiche Belehrung Jehovas vervollständigt die für Moses Seele notwendige Zucht, damit er seinen Dienst beginnen kann, und zwar so sicher und hingebungsvoll, daß nichts ihn mehr davon abbringen oder Zweifel bezüglich des Ergebnisses in ihm wachrufen kann. Er wird ihn in gläubiger und unentwegter Arbeit, stark in der Kraft Gottes vor Pharao, ohne Vorwürfe seitens seiner Brüder, erfüllen, bis das große Ziel, das er schon bei seinem ersten, schwachen, weil fleischlichen Versuch vor Augen hatte, – nämlich die Befreiung des Volkes von der Knechtschaft Ägyptens – erreicht sein wird. Von dem Zeitpunkt an, da seine Seele wahrhaft für den Dienst gestärkt und befestigt ist, bis zur Passahnacht, als er mit dem Volke aus dem Lande der Knechtschaft zog, durchlebte Mose eine für ihn sehr ehrenvolle Zeit. Aber wir wollen nicht dabei verweilen, wie er ununterbrochen als Gottes

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Werkzeug handelte, wozu er, – wie wir gesehen haben – durch die vorhergehende Zucht befähigt worden war; denn er ist keinerlei neuen Übungen persönlicher Art ausgesetzt. Jetzt sehen wir das Volk das mit starker Hand aus Ägypten herausgeführt worden ist, gelagert zwischen Migdol und dem Meere. Aber dort erwartete sie eine schwere Prüfung. Es war ein entscheidender Augenblick für Mose, nach dem erfolgreichen Ende aller seiner Mühe und Besorgnis. Schon glaubte er, das Ziel erreicht zu haben, da stellten sich ihm scheinbar unüberwindliche Hindernisse in den Weg: auf der einen Seite der Pharao mit seinem Heer, auf der anderen das Meer mit seinen tosenden Fluten. Wieder einmal schreit die kleingläubige Menge, ob er sie weggeholt habe, daß sie in der Wüste sterben sollten, weil in Ägypten keine Gräber waren. Aber wie ruhig und glaubensstark ist Mose in diesem Augenblick der Entscheidung! Wie hat sich der ängstliche Mann früherer Tage verändert! „Fürchtet euch nicht“! sagt er, „stehet und sehet die Rettung Jehovas“. Gerade das hatte er selbst während der 40 Jahre der Zucht gelernt. Die Natur mußte stehenbleiben und der Glaube mußte auf die Rettung Gottes warten. Er beruhigt zunächst das Volk und ruft dann selbst zu Gott. Wir erkennen hierin eine der wichtigsten Übungen, durch die ein treuer Führer des Volkes Gottes gehen muß: in schwierigen Situationen unerschütterliches Vertrauen auf Gottes Hilfe zu bewahren und zugleich von Gott Kraft und Weisheit zu empfangen, wodurch diese Hilfe zum Segen angewendet werden kann. Mose tut beides: Er beruhigt das Volk und ehrt Jehova durch sein volles Vertrauen. Dann erhält er, den Blick auf Ihn gerichtet, die Anweisungen bezüglich der Rettung, die ihm in so vollständiger und gesegneter Weise gegeben werden. „Rede zu den Kindern Israel, daß sie aufbrechen. Und du, erhebe deinen Stab und strecke deine Hand aus über das Meer . . . (usw. bis Vers 18) . . . , wenn ich mich verherrlicht habe an dem Pharao, an seinen Wagen, und an seinen Reitern“. Welch eine Kraft und Erhebung muß dieses Ereignis Mose verliehen haben! Wie hatte er aufs neue die Weisheit und Größe Gottes und Seiner Wege erfahren! Welch ein wunderbares Ergebnis rief alles hervor! „Sie glaubten an Jehova und an Mose, seinen Knecht“. In Kapitel 15, 23–26 sehen wir ihn, wie er durch eine neue Prüfung geht, diesmal von anderer Art. Kaum war der Triumphgesang verstummt, da murrte das Volk wider Mose und sprach: „Was sollen wir trinken“? Der Knecht Gottes muß auf jede Art der Prüfung und der Enttäuschung gefaßt sein. Es ist ganz gleich, wieviel er schon gedient hat; er darf dafür keine Würdigung von der Versammlung erwarten, sondern er muß darauf verzichten und allein auf den Herrn blicken können. Mose hat das sicher tief empfunden, nachdem ihr Lobgesang kaum verstummt war; aber diese Mittel der Zucht führen den treuen Diener zur Gemeinschaft des Geistes und der Kraft mit Gottes bestem und größtem Diener, dem Herrn Jesus. Mose schreit zu Gott, und wieder wird er unterwiesen in der Fülle und Vollkommenheit der Mittel Gottes für jedes menschliche Bedürfnis. Welch ein bevorrechteter Platz ist es, der Mittler zu sein, durch den alle diese Dinge strömen! Für kurze Zeit mögen die Übungen schwer lasten, es mag „Mara“ sein und Tränen werden gesät. Aber alles geschieht nur, um „mit Jubel“ zu ernten. Wenn der Diener wegen des Volkes Gottes keinen Augenblick der Ruhe von seinem Dienst finden kann, dann wird er andererseits in wahrster und tiefster Weise mit den Hilfsquellen Gottes vertraut gemacht und er wird selbst zum Kanal des Segens für andere gemacht. So war es mit Mose hier; ihm wird befohlen, das Holz in das Wasser zu werfen, und das Wasser wird süß. In Kapitel 16 wird uns eine andere Art der Arbeit vorgestellt, die dieser erprobte Diener erhält. Die Prüfungen des Volkes werden für ihn eine Schule zum Erlernen und Ausüben des Dienstes, dessen sie bedurften, und dabei nimmt seine Seele in der Gnade zu, deren Diener er war. Für uns ist es

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anziehend und wichtig, zu sehen, daß Mose für jedes Bedürfnis, jede Prüfung eine bestimmte, den Umständen angepaßte Weisung empfängt, so daß er geistlich zunimmt, während sein Dienst dem Volk die nötige Hilfe bietet. In diesem Kapitel bekam das Volk die Dürre der Wüste so sehr zu spüren, daß sie gegen Mose murrten: „Wären wir doch im Lande Ägypten durch die Hand Jehovas gestorben, als wir bei den Fleischtöpfen saßen, als wir Brot aßen bis zur Sättigung“. Mose war es, der sie in diese Lage geführt hatte; muß er nicht gefühlt haben, welch eine entscheidende Stunde dies war? Menschliche Hilfe gab es nicht, und gerade deshalb verließ er sich um so mehr auf Gott, Der ihn auf diese Weise prüfte, um ihn zu veranlassen, auf Ihn allein zu blicken. Und wieder gibt ihm Jehova eine dem Augenblick angepaßte Weisung: „Siehe, ich werde euch Brot vom Himmel regnen lassen“. So wird zu Mose gesagt. Aber es wird uns auch berichtet, wie Mose es dem Volke sagt, und es ist in Verbindung mit unserem Gegenstand bemerkenswert, weil es seine Verbundenheit mit Gott und das daraus folgende Suchen und die Demut zeigt, die durch Offenbarungen der Gnade Gottes hervorgerufen werden. Er will, daß das Volk zu Jehova, Der ihr Murren gehört hatte, hinzunaht“, Er hatte an sich selbst die Wirkung dieses Hinzunahens“ verspürt, und als weiser Führer wollte er seine Brüder auch dahin bringen, wenn auch auf einem anderen Wege. Die Herrlichkeit und die Hilfsquellen Jehovas hatten ihn schon unterwiesen; nun möchte er, daß das Volk die gleichen segensreichen Belehrungen empfängt, wenn auch die Ursache dazu ihre Unzufriedenheit und ihr Murren waren. „Da wandten sie sich gegen die Wüste, und siehe, die Herrlichkeit Jehovas erschien in der Wolke“, und sie erfahren Gottes gnädige Vorkehrungen für ihre Bedürfnisse. Wir sehen, daß der Diener immer vor dem Dienst, den er ausüben Soll, die Zucht erfährt. Er kann niemand über den Punkt hinaus, bis zu dem er selbst geführt worden ist, leiten. Aber wenn die Tiefe und Größe der Wahrheit von ihm ergriffen worden ist, dann wird er selbst ihr Vermittler. In Rephidim (Kap. 17) wird er wieder das Opfer der Gemeinde, die bereit ist, ihn zu steinigen. Aber Jehova, allgegenwärtig, um ihm in Augenblicken der Not zu helfen, verleiht ihm besondere Kraft, um dem aufsässigen Volk Erleichterung zu schaffen. Da er persönlich angegriffen worden ist, muß er persönlich geehrt werden, und zwar vor denen, die ihn mit Vorwürfen und Drohungen angegriffen hatten. Die Ältesten Israels müssen zusehen, wie Wasser aus dem Felsen strömt, den Mose geschlagen hat. So bestätigt Jehova Seinen Diener vor den Häuptern des Volkes, und der Diener selbst wird im Verständnis und in der Würdigung der Kraft, die Gott ihm für seinen Dienst gegeben hat, befestigt. Hier in Rephidim muß Israel auch zum ersten Mal den Kampf gegen den Menschen aufnehmen. Amalek streitet wider sie. Mose wird in neue und ungekannte Schwierigkeiten gestellt, und er beschließt, daß Josua gegen die Menschen antreten soll, daß er selbst aber im Geiste mit Gott sich beschäftigen muß. Er begibt sich mit dem Stabe Gottes in seiner Hand auf den Gipfel des Hügels. Welch eine Zeit des Segens für ihn, so für Gott abgesondert zu sein und Herz und Seele mit den Versicherungen und Beweisen der Macht und Gnade Gottes für die Seinen zu füllen. Aber zugleich fühlt Mose mehr denn je seine eigene Schwachheit. Solange er seine Hand emporhielt (ein Zeichen der Abhängigkeit von Gott), war Israel der Sieg sicher; aber sobald er seine Hand ruhen ließ, hatte Amalek die Oberhand. Sein Dienst war wahrlich ein besonders wichtiger. Aber wie demütigend war es für Mose, zu erfahren, daß sein Fleisch zu schwach war, das, was sein Geist so begehrte, auszuführen! Seine Hände wurden schwer, und sie wären herabgesunken ohne die Hilfe von anderen. In erster

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Linie lernen wir hieraus, daß das Priestertum für die Aufrechterhaltung des Dienstes notwendig ist; als zweites, wenn wir den Schauplatz in Verbindung mit Mose betrachten, lernen wir, daß im Kampf gegen Menschen unsere fleischliche Unzulänglichkeit um so deutlicher hervortritt, je hervorragender der Platz ist, den Gott uns gegeben hat. Es verwundert nicht, daß Mose dort einen Altar baut und ihn „Jehova-Nissi“ nennt. Der Streit war gegen Menschen, er war widernatürlich. „Wehe der Welt der Ärgernisse wegen! . . . wehe dem Menschen, durch welchen das Ärgernis kommt!“ Wenn es aber kommt, dann bietet nur das Panier Jehovas Schutz dagegen, Auf dieser Stufe der Erfahrungen der Seele ist ihr Altar, mit anderen Worten, der Charakter ihrer Anbetung: Jehova-Nissi (Jehova, mein Panier). Im nächsten Kapitel (18) sehen wir Mose auf einem tieferen Standpunkt. Er läßt sich von Menschen beeinflussen und teilweise schlecht beeinflussen. Er hatte eine hervorragende Stellung im Dienste erlangt; soeben hatte er einen Altar in Erinnerung an Gottes Hilfe in seinem Kampf gegen die feindliche Menschheit errichtet, und nun tritt ihm die Stimme des Menschen in den wohlgemeinten, aber gefährlichen Ratschlägen seines Schwiegervaters entgegen. Mose gibt nach und sinkt dadurch in sittlicher Hinsicht. Bei der Unterredung mit Jethro scheint er die soeben während des Streites gegen Amalek erhaltene Lehre vergessen zu haben, denn er gibt den Dienst, zu dem er berufen ist, teilweise auf, ohne die Absichten oder die Zustimmung Gottes abzuwarten. Der Beistand, den er hier bei den Häuptern des Volkes sucht, ist von ganz anderer Art als der, den er rechtmäßig von Aaron und Hur während des Streites mit Amalek erhielt. Letzterer war eine Hilfe für ihn persönlich, während er jetzt die Pflichten, die Jehova ihm auferlegt hatte, auf andere abschob. Jethro hatte alles gehört, was Jehova für Mose und Israel getan hatte, und er kam, um Mose wieder mit seiner Frau und seinen Söhnen zusammen zu bringen, die er anscheinend zurückgeschickt hatte. Ich glaube, Jethro stellt die Verbindung unter den Menschen dar, zu denen ein Knecht Gottes durch verwandtschaftliche Beziehungen verlockt werden kann. Obwohl er den Dienst für Gott mit Mose gemeinsam hatte, maßte er sich etwas an, was ihm nicht zukam; denn es war eine Anmaßung für einen Unbeschnittenen aus den Nationen, die Führung des Volkes Gottes an sich zu reißen, indem er Mose, Aaron und die Ältesten Israels dazu bringt, mit ihm Gemeinschaft zu haben. Wenn das Verhältnis der Seele zu Gott getrübt ist, ist es verhältnismäßig leicht, sie unter dem Vorwand der Unfähigkeit von ihrer Verantwortlichkeit abzulenken. Mose wird dazu gebracht, sich selbst in einer Angelegenheit für unfähig zu halten, für die Gott ihn nicht für unbefähigt gehalten hatte. Obgleich diese Regelung geduldet wird, muß sie für ihn einen Verlust bedeutet haben. Mose befindet sich nun am Berge Gottes; er erfährt die Erfüllung der Verheißungen Gottes im brennenden Busch, nachdem er einen einzigartigen, wunderbaren Weg gegangen ist. Aber selbst hier, an dessen Ende, nach allem Umgang und allen Offenbarungen, die er erfahren hat, sehen wir, daß er – wie andere Menschen – für den Einfluß des Fleisches empfänglich ist, und es beweist, wie wenig verläßlich der Mensch ist. Nun aber wird Mose an dem Berge Gottes zu einer neuen Aufgabe, einer anderen Sendung berufen (Kap. 19). Bisher ist er Befreier und Führer gewesen, jetzt wird er der Gesetzgeber und Prophet. Er wird, indem er dem Volk den Willen Gottes offenbart, ein Mittler zwischen dem Volk und Gott. Als reich gesegneter Diener muß er diesbezüglich unterwiesen werden. Gott war Seinem Volk in der Not entgegengekommen, aber wie manche Befreite, haben sie die Natur Gottes noch nicht erkannt. Die drohende Vernichtung war vorübergegangen, aber sie müssen erfahren, wer Gott ist und wie

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vollkommen verderbt sie in Seinen Augen sind. Mose, von Gott unterwiesen, muß sie nun in diesem Stück unterweisen. Er wird zu diesem Zweck auf den Berg gerufen und dort in Gottes Nähe gebracht. Er empfängt dort eine Offenbarung, die anders ist als die, die er einst am brennenden Busch empfangen hatte. Dort war alles Gnade, obwohl es „heiliges Land“ war; die Erscheinung Jehovas war in Gnade und Mitgefühl. Hier jedoch ist es Gottes furchtbare Majestät, die Forderung eines heiligen Gottes an den Menschen und Seine große Entfernung vom Menschen. Beide Belehrungen waren für Mose notwendig, damit er den ihm zugewiesenen Platz einnehmen konnte. Es ist immer die Art der Zucht Gottes, Seine Diener zu einer volleren und lebendigeren Erkenntnis der Wahrheit, deren Kanal sie werden sollen, zu bringen. Stephanus sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen, ehe er verkündete, daß der Himmel geöffnet sei und daß er den Sohn des Menschen zur Rechten Gottes stehen sähe; d. h., er verkündete nur einen Teil dessen, was er sah; aber das Größere machte ihn fähiger, das Geringere zu verkünden, das seinen Zuhörern angepaßt war. So wird auch Mose durch die Belehrungen Gottes hinsichtlich Seines Willens befähigt, Ihn dem Volke zu offenbaren. Er sieht Ihn, wie Er in Seiner Gerechtigkeit an den noch fleischlichen Menschen auf der Erde Forderungen stellt. Nachdem er das Gesetz verkündet und vorbildlich das Blut der Reinigung gesprengt hat, wird er gerufen (Kap. 24), nicht nur die in Stein gegrabenen Gesetze zu empfangen, sondern ebenfalls eine viel vollständigere Offenbarung der Anteilnahme Gottes an Seinem Volk. Es ist dies die Vorsorge der Gnade, gegründet auf Jehovas Vorkenntnis der Unfähigkeit des Volkes, das Gesetz zu halten. In diesen interessanten Begebenheiten wollen wir unser Augenmerk aber nicht auf das Volk richten, sondern auf die segensreiche Art, in der Mose auf die ihm anvertraute Aufgabe vorbereitet wird. Er wird auf den Berg gerufen, auf dem die Herrlichkeit Gottes ruhte. Sechs Tage bedeckte die Wolke den Berg, und am siebenten rief Gott Mose aus der Mitte der Herrlichkeit, die in den Augen der Kinder Israel wie ein verzehrendes Feuer war; und Mose war auf dem Berge 40 Tage und 40 Nächte. Wahrlich eine geeignete Vorbereitung für einen, der beauftragt wurde, auf der Erde ein Abbild der Dinge, die er gesehen hatte, zu schaffen. Der Erde völlig enthoben, umhüllt von der Wolke, die die Herrlichkeit Gottes umgab, erhielt seine Seele den Eindruck des wunderbaren Gegenstands seines Auftrages. Dann sprach Jehova zu ihm: „Sie sollen mir ein Heiligtum machen, daß ich in ihrer Mitte wohne. Nach allem, was ich dir zeige, . . . also sollt ihr es machen“. Wir bekommen einen Einblick in Gottes Art, einen Knecht für Seine Absichten zu erziehen, und wir bemerken dabei vor allem zwei Dinge: 1. daß Mose in der Nähe Gottes ist, während er die Wahrheit erfährt, und an sich die Wirkung dieser Nähe sieht, und 2. daß er die Wahrheit bewußt von Gott mitgeteilt erhält; er ist nicht nur in Seiner Nähe, sondern er weiß, daß Er Selbst sie ihm mitteilt. Bevor Mose jedoch diesen neuen Dienst angetreten hat, ist das Volk Israel der Götzendienerei verfallen und hat ein goldenes Kalb gemacht, und er wird aufgerufen, von seiner erhabenen Stellung auf dem Berge hinabzusteigen und den Abfall des Volkes von dem soeben geschlossenen Bunde zu erleben; und jetzt gibt er Gefühlen Ausdruck, die bezeugen, wie gut er gelernt hatte, auf die Verherrlichung

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Gottes bedacht zu sein. In dieser Hinsicht gibt es in der ganzen Schrift kaum etwas, was seinen Worten in 2. Mo 32,11–13 gleichkommt. Aber es waren die vergangenen 40 Tage und Nächte, die ihn befähigten, sie so hoch zu schätzen, und jeder seiner Schritte in dieser wichtigen Stunde zeigt, wie tief er in die Gedanken Gottes eingedrungen war. Er zerschmettert die Gesetzestafeln, denn sie waren von seiten Israels schon gebrochen, und es war nun nicht der Augenblick, sie ihnen vorzuhalten. Dann nimmt er das Götzenbild, das sie gemacht haben und verbrennt es mit Feuer, zermahlt es zu Pulver, streut es auf das Wasser und läßt das Volk davon trinken. Ihre Sünde mußte nicht nur beseitigt werden, sondern sie mußten sie auch selber schmecken. Sodann verlangt er Trennung vom Bösen und fordert jeden der auf der Seite Jehovas steht, die Abtrünnigen zu ergreifen. Im Augenblick einer gemeinsamen Sünde können die bußfertigen und sich demütigenden Zeugen den Abbruch aller ihrer früheren Beziehungen gar nicht klar genug zum Ausdruck bringen; sie müssen jede Spur davon vernichten, selbst bis zum Tode, und Mose, der treue Diener, ist dabei ihr Anführer. Nachdem er sie so gewissermaßen auf Gott vorbereitet hat, als Bußfertige und Abgesonderte, kehrt er zu Gott zurück, um für sie einzutreten. Jehova weigert Sich, weiter mit dem Volk zu ziehen; Er fordert, daß es seinen Schmuck ablegt, damit Er weiß, was Er ihm tun soll (Kap. 33). In diesem Augenblick großer Ungewißheit weiß Mose, der die Heiligkeit Gottes kennt, was er mit dem Volke zu tun hat und wie Beziehungen wiederhergestellt werden können. Er schlägt das Zelt außerhalb des mit Schuld beladenen Lagers auf, damit jeder, der sich unter dem Gefühl der Sünde gedemütigt hatte und nach Jehova verlangte, Ihn dort aufsuchen könne, abgesondert von der Verunreinigung. Diese Tat kam dem Willen Jehovas entgegen und stellte Seine Gegenwart dem Volke wieder her. Die Wolkensäule stieg hernieder und stand am Eingang des Zeltes, und Jehova redete mit Mose von Angesicht zu Angesicht, wie ein Mann mit seinem Freunde redet. Er verheißt ihm nicht nur, daß Seine Gegenwart mit ihm sein wird, sondern gibt auch seinem Bitten nach, Seinen Platz inmitten Israels wieder einzunehmen. In welch eine Nähe zu Gott ist Mose getreten! Die äußersten Schwierigkeiten eröffnen ihm nur in höherem Maße die Hilfsquellen Gottes; er erreicht sie aber erst, nachdem er der Heiligkeit Gottes entsprechend gehandelt hat. Er hat sowohl Gott als auch den Menschen mehr erkannt, den Menschen als unzuverlässig und in allen Umständen versagend; Jehova als Zuflucht seines Herzens und als sein ewiges Teil. Und so stellt er, als Gott allen seinen Wünschen entsprochen hatte, die aufrichtige Bitte: Laß mich doch deine Herrlichkeit sehen“! Damit sagt er: Ich habe genug von dem Menschengeschlecht gesehen, um mich von ihm abzuwenden, und ich habe genug von Gott gesehen, um zu begehren, Ihn in Seiner Fülle zu sehen.‘Dieser Wunsch wurde erhört (Kap 34); aber noch völliger und eindeutiger wurde er erfüllt, als er auf dem Berge der Verklärung (Lk 9,30+ 31) zusammen mit Elias mit dem Herrn den Ausgang besprach, den Er sowohl für das hartnäckige Israel als auch für alle Erlösten erfüllen sollte. Wir haben nun den Aufstieg Moses bis zum höchsten Platz, der je einem Menschen eingeräumt worden ist, verfolgt. Dem Apostel Paulus, einem Manne in Christo, wurden größere und andere Herrlichkeiten geoffenbart, aber „es stand in Israel kein Prophet mehr auf wie Mose, welchen Jehova gekannt hätte von Angesicht zu Angesicht“. Paulus mußte einen Dorn im Fleische haben, damit er sich nicht überhöbe. Wir dürfen daher nicht überrascht sein, zu sehen, daß Mose bald beweist, daß er auf Grund seiner Schwachheit die hohe Stellung, die er erhalten hat, nicht bewahren kann.

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Er, der soviel von der Macht Gottes gesehen hat, vergißt sie und tut, als kenne er sie nicht, als er durch das Böse und den Unglauben des Volkes bedrängt wird (4. Mo 11). Er sagt: „Ich allein vermag nicht dieses ganze Volk zu tragen, denn es ist mir zu schwer“. Der Mensch kann die hohe Stellung, zu der ihn Gott beruft, nicht aufrechterhalten, ohne ab und zu seine Schwachheit zu erkennen. Wenn wir nicht das Todesurteil in uns selbst haben, werden wir Selbstvertrauen fassen. Hätte Mose, der in der Herrlichkeit gewesen war, dies gewußt, so hätte er weder in Kraft noch in Schwachheit auf sich geblickt, sondern auf „Gott, der die Toten auferweckt“. Er wird nun vor den 70 Ältesten Israels gedemütigt, vor denen er früher erhoben worden war. Der Geist, der auf ihm war, ist jetzt auf ihnen. Wir wissen, daß er auf den Vorschlag seines Schwiegervaters hin erlaubte, daß dieser Sauerteig hereinkam, zwar in milderer Form, aber jetzt hat er sich weiter entwickelt, wie immer, wenn ihm freies Feld gelassen wird. Es ist eine Zeit der Demütigung für Mose, für uns aber nicht weniger interessant als die Zeit seiner Erhöhung, denn sie erleuchtet die Art der göttlichen Zucht, in der er sich befindet. Seine Unterwerfung und seine Anerkennung des Wirkens Jehovas ist sehr lehrreich, und sein Interesse an seiner Arbeit wird dadurch, daß er teilweise verdrängt worden ist nicht vermindert. Er tadelt Josua, weil er für ihn eifert. Aber obwohl Jehova den Unglauben Seines Knechtes so behandelt hat, erlaubt Er nicht, daß Menschen ihn mißachten oder geringschätzen (Kap. 12). Die Ursache des Tadels war wahr, denn er hatte eine kuschitische Frau geheiratet, und Aaron und Mirjam waren scheinbar durch die Demütigung, die Mose soeben erfahren hatte, ermutigt worden. Aber Jehova rächt ihn aufs deutlichste und schrecklichste; und Mose wird zum Fürsprecher der Schuldigen. Jehova Selbst darf Zurechtweisungen geben, nicht aber der Mensch. Die Art, in der Mose die Vorwürfe ertrug, beweist, wie viel er in der Schule Gottes gelernt hatte und wie demütig er im Herzen war. Wir sahen, wie sein gerechter Zorn ausbrach, als Gottes Herrlichkeit und Ehre auf dem Spiel stand; aber wenn er persönlich angegriffen wird, schweigt er. Ein anderes Beispiel dafür finden wir im Falle Korahs (Kap. 16). Anstatt sich und sein Amt zu rechtfertigen, überläßt Mose Jehova die Entscheidung, Der sie auch trifft, und zwar durch ein furchtbares Gericht an den Übeltätern. Wiederum ist es Mose, der die Gedanken Gottes kennt und weiß, was der Plage Einhalt gebieten kann. Er macht Gebrauch von seinem Amt als Priester, wie ehemals im Falle des goldenen Kalbes, als er sich für das Volk bei Gott verwendet hat. Wir kommen nun (Kap. 20) zur letzten Begebenheit im Leben Moses, die wir betrachten wollen, als er das Recht, Kanaan zu betreten, verwirkt, weil er es unterließ, Jehova vor dem Volk zu heiligen. Dies geschah im 40. Jahre ihrer Wanderung, gerade, als Mose im Begriff stand, das glückliche Ende aller seiner Mühen und die Erfüllung der Verheißungen Gottes zu erleben. Er versagte gerade in jenem Stück, in dem er sonst so hervortrat. Er unterläßt es, Jehova, Dessen Ehre ihm so kostbar war, in den Augen des Volkes zu heiligen, und macht sich dadurch untauglich, das Volk in das Land seines Erbes zu führen, als sie schon an dessen Grenze stehen. Als die Gemeinde nach Wasser schrie‘sagte Gott ihm: „Nimm den Stab und versammle die Gemeinde, du und dein Bruder Aaron, und redet vor ihren Augen zu dem Felsen, so wird er sein Wasser geben“. Stattdessen stelIt Mose, durch seine Erbitterung fortgerissen, das Volk und sagt- „Werden WIR euch Wasser aus diesem Felsen hervorbringen“? und er erhebt seinen Stab und schlägt den Felsen zweimal. Jehova handelte jetzt in Gnaden durch das Priestertum gegen das Volk. Der Felsen brauchte nicht mehr geschlagen zu werden. Mose ist in diesem Augenblick nicht in Gemeinschaft mit den Gedanken und Absichten Gottes – er hat in seinem Dienst versagt und seine Führerschaft verwirkt. So ist der Charakter der Zucht Gottes! Kein noch so

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treuer Dienst während langer Jahre kann die Strafe für Anmaßung in diesem Dienst mildern oder abwenden. Paulus wollte entgegen der Mahnung des Geistes nach Jerusalem gehen, und die Strafe dafür war lange Gefangenschaft. Gott kann und wird ohne Zweifel Seine Knechte an dem Platz gebrauchen, den ihr Versagen ihnen einbringt. Paulus wurde so im Gefängnis ein Werkzeug in einem neuen und besonderen Dienst. Was seine Briefe für ihn waren, das war für Mose das 5. Buch: Gott muß das Fleisch, das sie zu Handlungen in Unabhängigkeit von Ihm geführt hat, unterwerfen. Mose begann seine Laufbahn, indem er ein gutes Werk in eigener Kraft durchführen wollte und erduldete deswegen manches Jahr der Einsamkeit. Nun legt er ‚sich auf dem Berge Pisga nieder (5. Mo 34), nachdem er das gelobte Land gesehen hat von dem er ausgeschlossen ist, weil er, während er für Gottes Volk handelte, es in Unabhängigkeit von Gott tat, Dessen Diener er war. Sein erstes Versagen ist seinem letzten sehr ähnlich. Aber obwohl er bezüglich seiner Sendung und seines Dienstes so gezüchtigt worden ist, verliert er nichts von seiner persönlichen Nähe zu Gott, ja er gewinnt auf diese Art noch etwas, denn Jehova zeigt ihm das Land. So war es auch mit Paulus. Während er die Strafe für seinen Fehler im Gefängnis erduldete, fand er mehr denn je, daß Christus alles für ihn war; und sicher hat Mose auf dem Berge Pisga gespürt, daß Gott für ihn mehr bedeutete als selbst das verheißene Land oder die Führerschaft dorthin. Seine Unterwerfung unter den Willen Gottes ist sehr schön (4. Mo 27,12–23), und die Bereitwilligkeit mit der er seine Würde und sein Amt auf Josua übertragen läßt verrät deutlich, daß er sich selbst, sein Fleisch, gekreuzigt hat. Während sein Auge das Erbe betrachtet, erleidet er die Kreuzigung seines Fleisches. Er legt sich nieder, um zu sterben, aber Jehova nimmt sich seines Körpers an; Satan streitet vergeblich darum (Jud 9). Bald wird der Leib Moses als ein verherrlichter Leib auferstehen, gleich dem verherrlichten Leibe unseres Herrn, gemäß der Macht, die Er hat, alle Dinge Sich Selbst zu unterwerfen. Zurückschauend möchte ich auf vier große Perioden der Zucht im Leben Moses aufmerksam machen. Die erste: 40 Jahre Verbannung im Lande Midian, weil er versucht hatte, in eigener Kraft die Gnadenabsicht seiner Seele auszuführen. Gewiß gibt es bei manchem ernsten jungen Diener Christi ebensoviel beständiges Versagen. Er ist offenkundig so erfolglos und entmutigt, daß er in die Einsamkeit zu Gott geführt wird, bis er erkennt, daß er nicht auf sich selbst vertrauen darf; und dieser Abschnitt ist beendet, als seine Seele durch Zeichen und Offenbarungen der Macht Gottes befestigt ist. Die zweite Periode ist noch dunkler und schrecklicher. Jehova sucht ihn zu töten, weil er seinen Sohn nicht beschnitten hat. Er ist hier nicht der Wüstenwanderer, der erfährt, wie kraftlos er als Mensch ist, sondern Jehova ist gegen ihn, weil er in seiner Gedankenlosigkeit das Unbeschnittene als Knecht Jehovas mit Jehova in Verbindung brachte. Jehova sucht ihn zu töten -das Leben wegzunehmen, das Mose in seinem Sohn nicht durch die Beschneidung verurteilt hatte. Der alte Mensch muß gekreuzigt werden. Wir sind beschnitten durch das Ausziehen des Leibes des Fleisches, in der Beschneidung des Christus. Das dritte Beispiel der Zucht ist die Einführung Moses in Gottes Herrlichkeit während 40 Tagen und Nächten. Jetzt will Gott ihn nicht töten als Menschen auf der Erde, sondern indem Er ihn in der Herrlichkeit über alle Menschen stellt belehrt Er ihn in allen Seinen Wegen und wünscht, daß er auf Erden Abbilder der wahren Dinge – in den Himmeln – verfertigt (2. Mo 25; Heb 8,5).

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Mose

Der vierte Abschnitt zeigt uns Mose, als er auf dem Berge Pisga wirklich durch den Tod gehen muß, weil seine Lippen törichte Worte geredet haben, als er den heiligsten Dienst für Gott verrichtete. Der Tod muß sein; aber zugleich sieht und überblickt sein Auge klar und deutlich das Erbteil, das Gott für Sein Volk bereitgelegt hat. – Amen.

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Josua

Josua In 2. Mose 17,9 wird Josua das erste Mal erwähnt, als er von Mose den Auftrag erhält, die ausgewählten Männer gegen Amalek zu führen. Daraus können wir schließen, daß er für diese Aufgabe am geeignetsten war. Wenn wir uns mit der Geschichte irgendeines Knechtes Gottes beschäftigen, ist es besonders interessant, diesen in dem besonderen Licht und in dem Zustand, in dem er uns zuerst vorgestellt wird, zu erkennen, denn darin sehen wir seine Besonderheit, die seinen ganzen Weg kennzeichnet. Das gilt auch für Josua. Ein Vorbild auf Christum und Diener Christi, wird er uns zunächst als Kriegsheld vorgestellt, der bereit ist, den Feinden Israels entgegenzutreten, und ist so ein Vorbild auf den Anführer unserer Errettung (Heb 2,10). Josuas erster Streit ist wider Amalek, das uns das Fleisch oder den natürlichen Menschen in tätigem Widerstand gegen den Vormarsch des Volkes Gottes darstellt. Ägypten ist eigentlich mehr die Welt, während Amalek das verkörperte Fleisch ist; Assyrien schließlich ist die alte Natur mit ihren Verlockungen und Einflüssen. Der Streit mit Amalek war für Israel der Anfang des Kampfes und hier erscheint Josua zum ersten Mal als Führer auf dem Schauplatz. Er besiegt den Feind mit der Schärfe des Schwertes; aber durch diesen Sieg erfährt er, wovon der Sieg abhängig ist. Er lernt, in die Wechselfälle des Streites verwickelt, das Volk in Abhängigkeit von einem unsichtbaren Mittler zum Siege zu führen. Mose steht mit dem Stabe Gottes in seiner Hand auf dem Gipfel des Hügels. Sobald seine Hände sinken‘läßt der Erfolg nach, und gerade durch den Wechsel des Kampfglücks lernt Josua die Abhängigkeit von Gott, und er siegt infolge seiner Abhängigkeit. Er gibt ein praktisches Beispiel für das Wort „Bewirket eure eigene Seligkeit mit Furcht und Zittern; denn Gott ist es, der in euch wirkt sowohl das Wollen als auch das Wirken, nach seinem Wohlgefallen“ (Phil 2,12). Es ist ein wirklicher Streit, buchstäblich ein Gefecht Mann gegen Mann, und der Sieg schwankt hin und her zwischen den Kämpfenden. Gott ist die Quelle sowohl des Wollens als auch des Wirkens. Der Glaube hält Josua aufrecht. Er weiß Mose mit dem Stabe Gottes in der Hand auf dem Hügel, und so lernt er zu Anfang seiner Laufbahn die Wechselfälle des Kampfes in Abhängigkeit zu ertragen und wunderbar zu siegen. Es gibt der Seele große Kraft, mit den Schwierigkeiten unserer Wanderung gekämpft, und in der Kraft des Herrn gesiegt zu haben und sagen zu können: „Alles vermag ich in dem, der mich kräftigt“. Das erfährt Josua bei seinem ersten Schritt als Führer Israels und er handelt danach; und da dies sein erster Sieg war, der wie Davids Sieg über Goliath auf alle noch folgenden hindeutete, befiehlt Jehova, daß dies nicht nur in ein Buch geschrieben werden sollte, sondern in die Ohren Josuas gelegt werden sollte, „daß ich das Gedächtnis Amaleks gänzlich unter dem Himmel austilgen werde“. Welch eine Ermunterung muß das für Josua in seinen vielen späteren Kämpfen gewesen sein! Er konnte sich darauf stützen, wenn der Mut ihn verlassen wollte. Wenn Jehova geschworen hatte, seinen ersten Feind zu vernichten, sollte Er dann nicht ebenso treu sein in bezug auf die übrigen?

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Josua

Sodann sehen wir Josua als Diener Moses (Kap. 32), als dieser auf den Berg berufen wird, um die Tafeln des Zeugnisses zu empfangen. Diese Bemerkung über Josua ist nur kurz, aber wichtig, denn sie zeigt uns, daß dem Mann der Tat, der er auf Erden war, die ernsten und wunderbaren Offenbarungen des unsichtbaren Gottes nicht fremd waren. Er wußte nicht nur gegen die Feinde des Volkes Gottes zu kämpfen, sondern er erfuhr auch das Wesen der Herrlichkeit Gottes, wodurch er für den Dienst hier auf Erden ausgebildet wurde. Innerlich war er (wie der Herr Jesus auf vollkommene Weise) in Verbindung mit der Herrlichkeit Gottes, äußerlich ein Kriegsmann von Jugend an; und durch beides bildete Gott ihn für seinen späteren Dienst. Die Gemeinschaft in der Herrlichkeit auf dem Berge war ebenso notwendig wie die Wechselfälle des Kampfes auf dem Schlachtfeld. Im Kampf gegen Amalek befand Josua sich auf einem Gebiet des Dienstes, auf dem Berge ist es ein anderes, – das Gebiet der Gemeinschaft mit Gott, dort wird seine Kenntnis des Willens Gottes erweitert – eine sehr gesegnete Zeit der Belehrung. Aber selbst in dieser hohen Stellung der Gemeinschaft hält Josua an seiner Berufung fest. Als Mose sich wandte und vom Berg hinabstieg, und der Lärm des abtrünnigen Volkes an ihre Ohren drang, lautet Josuas Erklärung: „Kriegsgeschrei ist im Lager“! (Kap 32, 17). Er deutet das Geschrei der Götzendiener gemäß des Eindruckes, den es auf ihn macht. Aber als der Schauplatz der Abgötterei vor ihm liegt, und Mose das Zelt außerhalb des Lagers aufschlägt, beweist Josua, welchen Wert die gesegnete Zeit der Belehrung auf dem Berge für ihn hat: er nimmt den Platz der Absonderung ein und weigert sich, sich mit dein verunreinigten Lager zu vereinigen. Wir lesen: Josua, der Sohn Nuns, ein Jüngling, wich nicht aus dem Inneren des Zeltes“ (33,11). Er hatte erfahren, was es heißt, im Schirm des Allmächtigen zu bleiben. Wenn auch Mose in seinem Dienst hin und her gehen mußte, dieser Jüngling, den Gott belehrte, wußte, daß es für ihn besser war, bei Gott in dem abgesonderten Zelt zu bleiben. Der Dienst rief Ihn nicht ins Lager, deshalb hielt er sich vollkommen davon abgesondert bei Gott. Mose muß seinen Dienst erfüllen und betritt das Lager. Aber wenn für uns keine Gelegenheit zum Dienst darin besteht, laßt uns so weit wie möglich davon getrennt bleiben, denn die Trennung wird uns zubereiten, den wirkungsvollsten Dienst zu tun, wenn wir dazu berufen sind. Bloße Kenntnis des Willens und der Ratschlüsse Gottes ist nicht das volle Ergebnis unserer Nähe zu Ihm, sondern das Bewußtsein dessen, was Ihm gebührt und was Seinem Willen entspricht; mit anderen Worten: Heiligkeit, und sie ist das große Ziel der väterlichen Zucht. Josua muß jedoch noch mehr lernen. Wir sehen ihn wieder in 4. Mo 11, als er den Willen Gottes mißversteht. Dieselbe Wahrheit, die ihn zuvor vor der verunreinigenden Gemeinschaft und in Übereinstimmung mit Gottes Willen bewahrt hatte, wird jetzt von ihm benutzt, um Gott zu wehren. Es ist sehr wichtig, daß wir uns erinnern, daß Gott Selbst uns beraten muß und nicht irgendeine Wahrheit. Als Israel abtrünnig war, war das abgesonderte Zelt eindeutig der Ort der Wahrheit und des Segens. Als aber Eldad und Medad im Lager weissagten, mußte der Geist Gottes anerkannt werden, auch wenn sie nicht zum Zelt gekommen waren. Daher tadelt Mose Josua, weil er nach Menschenweise und nicht nach der Weise Gottes dachte. Das Herz war im rechten Zustand, aber es hatte den Rat des Fleisches angenommen und mußte deshalb getadelt werden. Diese Zucht war hart, aber notwendig, und wirksam als Vorbereitung für die neue, göttliche Art, in der Gott Sein Volk führt.

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Josua

Josua weiß nun, daß er auf sich selbst nicht vertrauen kann und wird beauftragt, das Land auszukundschaften. Mose zeichnet ihn dadurch aus, daß er ihm den Namen Josua statt Hosea gibt (4. Mo 13,16). Daraus können wir entnehmen, daß er gemäß seinem neuen Namen einen neuen Dienst antritt. Bisher war er nur der Diener Moses gewesen und hatte seine Anordnungen ausgeführt. Nun erhält er mit noch elf anderen Fürsten des Volkes den Auftrag, das Land auszukundschaften. Nur Kaleb und Josua bringen günstige Nachricht zurück und bestätigen Gottes Verheißung und die Vortrefflichkeit dessen, was Er geschworen hatte ihnen zu geben; aber sie standen allein inmitten des Unglaubens ihrer Genossen. Wie hart sie geprüft wurden und wie sehr sie die Sünde des Volkes fühlten, sehen wir daran, daß sie ihre Kleider zerreißen und mutig die Vortrefflichkeit des Landes bestätigen, indem sie erklären, daß ihr Eingang in das Land nicht von ihrer eigenen Stärke abhängt, sondern davon, ob Jehova Gefallen an ihnen hat. Aber die ganze Gemeinde sagte, daß man sie steinigen solle, und nur das Erscheinen der Herrlichkeit Jehovas, die an dem Zelte „allen Kindern Israel“ erstrahlte, hinderte sie an der Ausführung ihrer bösen Absicht. Wir sehen hier, wie Gott Josua während seiner Erziehung verschiedene Unterweisungen gibt. Josua hatte Gott als den Befreier kennengelernt, aber hier macht er die erste Bekanntschaft mit dem Land, das Gott Seinem Volk verheißen hatte, und in das er selbst sie einmal führen sollte. Mose und Josua hatten in ihrer Stellung als Diener verschiedene Aufgaben. Mose führte das Volk aus Ägypten heraus, Josua führte es in Kanaan ein. Mose ist ein Vorbild auf den Herrn, Der den Teufel auf der Erde besiegte, Josua, wie Er uns in die gesegneten Ergebnisse des Lebens und der Ruhe einführt. Um aber für diese große Aufgabe geeignet zu sein, bedurfte Josua der Erziehung. Er sollte das Land nicht nur sehen, sondern er mußte den Charakter des Volkes, das er dorthin führen sollte, sehen und erkennen. Und nicht nur das, sondern, nachdem er das Land gesehen hat – nachdem er seinen Glauben an Gottes Absicht und an Seine Macht, sie einzuführen, mit dem Herzen bewiesen und mit dem Munde bekannt hat und deswegen den Widerstand und die Wut dieses Volkes ertragen hat, muß er noch 40 Jahre warten, ehe er das Teil, worauf sein Glaube gewartet hat, sehen und ergreifen kann. Sicher wurde sein Glaube durch die lange Erziehung geprüft. Die Geschichte Josuas wird hier scheinbar unterbrochen; es ist ihm nicht gelungen, das Volk zum Verständnis seiner Berufung zu bringen und er zieht sich gewissermaßen vom öffentlichen Leben zurück, aber nur, um seinen Platz in dem Augenblick wieder einzunehmen, in dem er dazu berufen wird. In den 40 Jahren in der Wüste ist sein Glaube sicherlich vertieft worden. Während er sah, wie die Ungläubigen einer nach dem anderen starben, bis von der alten Generation nur er und Kaleb übrig waren, bestätigte ihm der Tod jedes einzelnen von ihnen, wie gesegnet der Glaube und wie verderblich für jede Segnung und jeden Dienst der Unglaube ist. Wie Mose in Midian mußte er 40 Jahre auf Jehova warten und Geduld, die wichtigste Eigenschaft eines Knechtes Gottes, lernen. Es hat nie Glauben gegeben, ohne frühere oder spätere Wirksamkeit. So sagt Jakobus: „Die Schrift ward erfüllt, welche sagt: Abraham aber glaubte Gott, und es wurde ihm zur Gerechtigkeit gerechnet“. Der Glaube muß festgehalten werden, bis die Wirksamkeit ihn offenbart, und er stärkt die Seele, weil er Abhängigkeit von Gott ist. Der Faden der Geschichte Josuas wird dort wieder aufgenommen, wo er abgerissen ist. Er hatte den Israeliten versichert, daß sie wohl imstande seien, hinzuziehen und das Land in Besitz zu nehmen. Am

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Josua

Ende der Wüstenreise erscheint Josua wieder auf dem Schauplatz, da Mose untauglich ist, das Volk in das Land zu führen. Als die Zeit gekommen ist, wird er zu diesem besonderen Dienst bestimmt (4. Mo 27,18–22). Er mag sich oft gefragt haben, wohin der Glaube, der ihn vor 40 Jahren erleuchtet und befähigt hatte, die Herrlichkeit des Erbteils zu preisen, ihn noch führen würde, aber der Glaube rechtfertigt Gott immer. Je weniger sichtbare Beweise es gibt, desto mehr ist die Seele auf Gott geworfen, und dadurch wird der Glaube gestärkt, denn Er bestätigt die Wirklichkeit, unabhängig von allem Äußerlichen. Josuas Glaube wird vollkommen bestätigt, und nun, „voll Geistes der Weisheit“ und durch all die Jahre der Erziehung vorbereitet, wird er nicht nur von Mose bestimmt für den Dienst, sondern persönlich von Jehova mit dieser großen Sendung beauftragt und ermuntert. „jeden Ort, auf den eure Fußsohle freien wird, habe ich euch gegeben“, war das Wort Jehovas an Josua. Wir können jedes der endlosen Felder der Herrlichkeit durchwandern, die auf ewig unser sind. Und nicht nur das, ihre Wirklichkeit und ihr Wert wird uns auf Erden bezeugt, wie bei Stephanus, als er Jesus und die Herrlichkeit sah. Aber wir dürfen nicht vergessen, daß Josua eigentlich der Nachfolger (der Fortsetzer des Werkes) Moses war, und daß beide – in verschiedener Weise – Vorbilder auf den Herrn Jesus sind. Mose führt mich bis zum Tode Christi; Josua führt mich siegreich aus dem Tode heraus. Daher sagt Jehova, als er Josua, dem Sohn Nuns, „dem Diener Moses“, seinen Auftrag gibt: „Mein Knecht Mose ist gestorben; und nun, mache dich auf, gehe über diesen Jordan, du und dieses ganze Volk, in das Land, das ich ihnen . . . gebe . . . Sei stark und mutig! denn du, du sollst diesem Volk das Land als Erbe austeilen, das ich ihren Vätern geschworen habe, ihnen zu geben“. Demzufolge sollte er sie nicht nur zu ihrem Besitz führen, sondern ihnen dadurch, daß er das Erbe austeilte, einen festen Platz geben. Das ist ein Vorbild auf das Ende des Werkes unseres Herrn, das Er ankündigte, als Er sagte: Ich gehe hin, euch eine Stätte zu bereiten“. Josuas Dienst ist erst vollendet, wenn er dies vollbracht hat. Daher finden wir im zweiten Teil seiner Geschichte die Prüfungen und Schwierigkeiten, die ihm bei der Erfüllung dieser Aufgabe entgegentreten. Schon Jahre vorher hatte Josua geglaubt, daß Gott sie in das Land bringen könnte und würde. Das war der feste Grund Josuas, denn „ohne Glauben ist es unmöglich, ihm wohlzugefallen“. Aber nun wird das, was er im Glauben solange genossen hat, Wirklichkeit, und er ist nicht träge darin. Er kündigt den Vorstehern an: „In noch drei Tagen werdet ihr über diesen Jordan ziehen, um hinzukommen, das Land in Besitz zu nehmen“. „Bereitet euch Zehrung“, sagt er. Sie sollten sich mit ganzem Herzen, aber mit heiliger Ruhe auf den Weg machen. „Heiliget euch; denn morgen wird Jehova in eurer Mitte Wunder tun“. Ich übergehe die wunderbare Szene des Durchzugs durch den Jordan mit ihrer Bedeutung, denn darüber ist an anderer Stelle ausführlich geschrieben worden; wir haben es hier nur mit der Beziehung Jehovas zu Josua zutun. Die Absicht Jehovas hinsichtlich Josuas wird in Josua 3,7 und Josua 4,14 deutlich: „An diesem Tage will ich beginnen, dich in den Augen von ganz Israel groß zu machen“. Fast als einziger war er 40 Jahre zuvor fest für Gottes Absicht und Macht inmitten des Widerstandes und des Unglaubens des Volkes eingestanden. Nun sollte er vor ganz Israel großgemacht werden, und die Gegenwart Jehovas mit ihm wurde eine ebenso große Tatsache wie bei Mose. Es war ein herrlicher Augenblick in seiner Geschichte, und er entsprach dem Charakter seines Glaubens. Auf der einen Seite ist Josua ein Vorbild auf den Herrn Jesu in seinem Gelingen, auf der anderen Seite ist er ein Beispiel für uns in den Kämpfen, durch die er geht, ehe er den Erfolg erreicht.

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Ich will keine Lebensbeschreibung Josuas geben und muß mich daher (nachdem ich nur seine großen Taten aufgezählt habe) auf die Übungen beschränken, durch die seine Seele geht. Seine erste Tat als Führer ist der Durchgang durch den Jordan; sodann die Abwälzung der Schande Ägyptens bei Gilgal; und schließlich der Fall Jerichos oder die Inbesitznahme des Landes und die Austeilung des Erbteiles (Jos 15). Das sind seine großen Taten. Seine Übungen können wir mehr ins Einzelne gehend betrachten, die erste ist die Niederlage von Ai (Kap. 7). Sie war die erste Niederlage seiner glänzenden Laufbahn. Der Jordan war durchschritten, die Schande Ägyptens abgewälzt, die Mauern Jerichos durch Glauben gestürzt und das Land auf herrliche Weise in Besitz genommen – wie groß muß seine Not und Enttäuschung gewesen sein, als er Israel vor den Männern von Ai fliehen sah! Das hatte er schwerlich erwartet. Segen und Erfolg waren bisher seine Begleiter gewesen, aber jetzt befand er sich in großer Not. Er zerriß seine Kleider und fiel zur Erde nieder. Er erfährt zum ersten Mal, wie leicht der Mensch im Augenblick der vollsten Segnungen fallen kann. Er hatte das Versagen des Volkes in der Wüste gesehen, diese Niederlage aber findet in Kanaan statt, und das verursacht seiner Seele besondere Qual. Wie gut verstehen wir seinen Schrei: „Bitte, Herr, was soll ich sagen, nachdem Israel vor seinen Feinden den Rücken gekehrt hat“? je größer die Wahrheit und die Segnung ist, die das Herz kennt und genießt, desto größer ist die Bestürzung, die eine Niederlage in dem Herzen hervorruft, das der Herrlichkeit Gottes treu ist. Aber Josua hatte, wie viele von uns, in diesem Abschnitt seiner Geschichte etwas Wichtiges zu lernen: alles was wir früher erworben oder genossen haben, vermag uns nicht vor Niederlage oder Fall zu bewahren, wenn wir im Herzen Grundsätze oder Tatsachen, die im Widerspruch zu Gott stehen, geduldet oder uns damit vereinigt haben. In Unkenntnis der Ursache betet, trauert Josua und macht Jehova sogar Vorhaltungen. Sein Glaube schwankt in der Größe seiner Not. Aber aus dem Tadel Jehovas sehen wir, daß es ihm an geistlicher Weisheit mangelte, denn sonst hätte er, so wie er Gott kannte, schließen müssen, daß Er nicht zugelassen hätte, daß Sein Volk eine Niederlage erlitt, wenn nicht eine böse Abweichung von Ihm vorhanden wäre. Er hätte das verborgene Böse suchen sollen, statt Jehova Vorwürfe zu machen. Das Gebet kann nie Nachlässigkeit im Werk wiedergutmachen; es führt zum Werk, – sucht Kraft und Licht für das Werk, aber wenn ich das Licht, das ich schon besitze, nicht gebrauche, wird kein Gebet mir mehr Licht verschaffen, denn wenn ich der Offenbarung, die ich empfangen habe, nicht glaube, bin ich nicht imstande, mehr zu empfangen. Jehova schilt Josua, weil er vor Ihm in unwissender, untätiger Trauer liegt. Er sagt: „Stehe auf! Warum liegst du denn auf deinem Angesicht? Israel hat gesündigt . . . und auch haben sie von dem Verbannten genommen“. Dann fährt Er fort und kündigt an, was getan werden muß, um Seine Gegenwart unter ihnen wiederzuerlangen. Wir sehen, daß Israel das Erbe jetzt antrat, das uns Gottes Königreich und das himmlische Teil Seiner Heiligen vorstellt. Sie waren ein Volk. Die Sünde eines einzigen betraf das ganze Volk. Bei uns ist die Einheit geistlich, und es sollte uns eine Mahnung sein, daß, wenn unter solchen, die nur nach dem Fleische verbunden waren, durch die Sünde eines Mannes solch ein offenbares Unglück hervorgerufen wurde, das in viel stärkerem Maße in der Versammlung der Fall ist, wo jeder durch den Heiligen Geist ein Glied des einen Leibes ist. Es war neu für Josua, das das heimliche Abweichen von Gott dieses einen Mannes im Heer auf so unheilvolle Weise das Vorschreiten und den Segen ganz Israels unterbrechen konnte. Er ist dadurch

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erschüttert und läßt nahezu seinen Glauben, der ihn so kennzeichnete, fahren. Aber welch ein wahres Verständnis der Größe und Herrlichkeit Gottes hat er in der tiefsten Not! „Was wirst du für deinen großen Namen tun?“ ist seine erste Frage. Zunächst ordnet Jehova an, Nachforschungen anzustellen. Die ganze Gemeinde muß vor Ihm erscheinen. Große Sorgfalt, geduldige und vorsichtige Untersuchung ist notwendig. Das Los fällt, aber die Entscheidung liegt bei Jehova. Nun zeigt Josua, daß er der Lage gewachsen ist. Er steht „des Morgens früh auf“, um die Ursache zu entdecken, und rasch und entschlossen wird das Urteil ausgesprochen und an dem Übertreter vollzogen. „Da nahm Josua Achan . . . und das Silber und den Mantel und die goldene Stange und seine Söhne und seine Töchter, und seine Rinder und seine Esel und sein Kleinvieh und sein Zelt und alles, was er hatte und sie brachten sie hinauf in das Tal Achor. Und Josua sprach: Wie hast du uns in Trübsal gebracht! Jehova wird dich in Trübsal bringen an diesem Tage! Und ganz Israel steinigte ihn, und sie verbrannten sie mit Feuer . . . “ Nicht ein Stück seines Besitzes wird verschont. So bezeugt Josua, das, je näher ein Mensch Gott ist, und je größer die Segnungen sind, die er genießt, desto vollkommener und eindeutiger muß er alles und jeden brandmarken, der Seine Herrlichkeit schmälert. Der Josua, der den äußeren Feind nicht fürchtet, der gesehen hat, wie die ganze Schöpfung sich vor seinen siegenden Schritten beugte, ist derselbe, der so treu und wirksam das Böse im Innern hinaustut. Beides ist untrennbar miteinander verbunden. Macht bleibt Macht, in welcher Weise sie auch immer ausgeübt werden mag. Macht über den Kanaaniter, den Widersacher der Verwirklichung unseres himmlischen Erbes, verbürgt auch Macht über das Böse im Innern. Das eine hatte Josua auf ruhmvolle Weise, mit erhobener Hand, kennengelernt, das andere erfährt er jetzt gebeugt und kummervoll in geheimer Zwiesprache mit Gott, aber mit derselben wunderderbaren Dazwischenkunft Seiner Macht. Laßt uns stets daran denken: je größer unsere Siege hinsichtlich des Erbes, desto strenger muß die Absonderung von allem, was nicht in Übereinstimmung mit Gott ist, sein. Die Sünde Achans war nicht von gewöhnlicher Art. Sie war doppelt schwer, eine doppelte Übertretung des Gebotes Gottes, und daher verhängnisvoll für einen himmlischen Streiter. Er hatte einen von Gott verfluchten Mantel, und Gold und Silber, das dem Schatz Jehovas gehörte, genommen. Er bewies dadurch die Verderbtheit des Herzens, das die Treulosigkeit besitzt, seinen eigenen Vorteil und Genuß zu suchen, während es die Beweise der Gnade vor Augen hat. Nach dem Ende dieser großen Übung erfährt Josua, wie er Ai besiegen kann. Nicht öffentlich und mit Macht, wie bei Jericho, denn die Sünde hat ihre Folgen, auch wenn der Riß geheilt ist. Die Eroberung ist jedoch nicht weniger wirkungsvoll, und der Glaube erkennt die gleiche geistliche Kraft, obwohl das Heer nicht besonders hervortritt. Aber Josua muß noch lernen, und in Kap. 9 wird eine neue Art der Übung dargestellt, die wiederum durch vorübergehenden Mangel an Abhängigkeit von Gott bei ihm und den Fürsten hervorgerufen wurde. Der Fallstrick liegt nur nicht innerhalb sondern außerhalb des Volkes. Die Gibeoniter „handelten mit List“ und täuschen Josua, so daß er Frieden mit ihnen schließt, ohne Jehova um Rat zu fragen. Darin lag der Grund des Falles, denn sobald die Abhängigkeit von Gott nur einen Augenblick aufgegeben wird, und sei es in der Freude eines Sieges, muß unfehlbar Versagen daraus hervorkommen. Das hatte Josua als erstes beim Streit gegen Amalek erfahren, wie wir gesehen haben, und sogar jetzt noch, nach so vielen Jahren der Erziehung und des Krieges, wird dadurch sein Vormarsch gehemmt.

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Die Sünde Achans war gegen Gott; die der Gibeoniter mehr gegen Israel gerichtet; der Mensch wollte vor seinem Mitmenschen als etwas anderes erscheinen, als er war, damit er aufgenommen würde, Die Sünde war eine andere, also ist auch die Strafe anders geartet; bei Achan gab es nur gänzliche, nichts verschonende Verdammung, hier ständige, öffentliche Strafe. Die Betrüger erhalten die schwerste Strafe: sie werden Knechte Israels. aber die Betrogenen, d. h. Israel, leiden auch, denn wären sie den Wegen und dem Willen Jehovas gefolgt, wäre die Unterwerfung vollständig gewesen. Gewiß hatte Josua in all den verschiedenen Übungen den Willen Gottes klarer erkannt. Unmittelbar hierauf beginnt sein ruhmvoller, ununterbrochener Siegeszug, und bis zum Ende seines Weges erhält er keine Niederlage mehr. Von Gott hoch geehrt, unterwirft er einen Feind nach dem anderen, und Jehova hält „auf die Stimme eines Menschen“ (Kap. 10,14) selbst den Lauf der Natur an (Sonne und Mond bleiben stehen). Welch ein Augenblick muß es gewesen sein, als Josua und sein Heer die Feinde endgültig besiegt und vernichtet hatten, von Kades–Barnea bis Gaza, – Kades, der Schauplatz des früheren Unglaubens des Volkes und des festen, unwandelbaren Glaubens Josuas! Der nächste wichtige Abschnitt ist die Verteilung des Erbes an die Stämme (Kap. 13–19) gemäß dem besonderen Gebot Jehovas. Nachdem Josua dies beendet hat, erhält er selbst ein persönliches Erbteil (19, 49–50), in dem er eine Stadt baute und darin wohnte. Josuas Taten stellen uns vier verschiedene mit dem neuen, himmlischen Erbe in Verbindung stehende Segnungen vor: 1. Das Durchschreiten des Jordans (Kap. 3). 2.Die Abwälzung der Schande Ägyptens (Kap. 5). 3. Die Einnahme Jerichos usw. (Kap. 6–12). 4. Die Austeilung des Erbes (Kap. 13–19). Andererseits erhielt er drei wichtige Lehren in Verbindung mit seiner Führerschaft in das Land Kanaan hinein. 1. Er mußte erfahren, wie das ganze Heer geschwächt und seine Kraft durch die Sünde eines Mannes beraubt werden konnte. 2. Er wurde selbst betrogen und verführt, weil er es unterlassen hatte, den Rat Jehovas zu befragen. 3. Als letztes erkannte er, wie wenig er sich darauf verlassen konnte, daß die Gemeinde der Kinder Israel dem Platz und dem Weg des Segens anhing, zu dem sie berufen waren. Das wird uns in den Kapiteln 23–24 als Schlußszene dargestellt. Er hatte das Volk durch Gottes Güte zu wunderbaren Segen geführt. Gott war treu gewesen, aber sie wollten weder treu noch Zeugen Seiner Gnade sein. Welch ein Kummer für Josua, nachdem alles gemäß der Verheißung Gottes erfüllt und sein eigener Glaube vollkommen bestätigt war, zu wissen, daß er auf die Gemeinde kein Vertrauen setzen konnte! Diese Überzeugung muß er schon in dem Augenblick gewonnen haben, da er aus dem Lager das Geschrei der Abgötterei hörte, als mit Mose vom heiligen Berge herabstieg; und wir sehen wieder, wie schon oft, daß die Übungen am Anfang und am Ende des Weges sich entsprechen. Wie schmerzlich für die Seele, voraussehen zu müssen, daß in kurzer Zeit wenige oder niemand die

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Josua

Segnungen zu würdigen weiß, die er ihnen vorgestellt hat und an deren Genuß sie sich so lange erfreut haben! Dasselbe erfuhr Paulus, als alle, die in Asien waren, sich von ihm abgewandt hatten (2. Tim 1). Aber was war seine Hilfsquelle? „Er nahm einen großen Stein und richtete ihn daselbst auf unter der Terebinthe, die bei dem Heiligtum Jehovas steht. Und Josua sprach zu dem ganzen Volke: Siehe dieser Stein soll Zeuge gegen uns sein, denn er hat alle Worte Jehovas gehört, die er mit uns geredet hat; und er soll Zeuge gegen euch sein, damit ihr euren Gott nicht verleugnet“. Dieser Stein ist ein Bild von Christus, und im Blick auf Ihn als den einzigen „treuen Zeugen“ beschließt Josua seinen Weg. In seiner letzten Zeit beweist er noch einmal, wie wirksam die Erziehung Gottes gewesen war, denn jetzt ruhte sein Herz nur in Ihm, Den dieser Stein vorbildlich darstellte. Daher hält er in der Abhängigkeit eines von Gott Belehrten die Wahrheit Gottes aufrichtig fest, ohne von Menschen irgendetwas zu erhoffen, aber sicher und ruhig, weil seine Hoffnung auf Gott ist.

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Gideon

Gideon Um Gideons Geschichte und seinen Dienst verstehen und würdigen zu können, müssen wir den Zustand des Volkes Gottes überschauen, als Gideon berufen wurde, ein Zeuge und Diener unter ihnen zu werden. Israel war sieben Jahre von Midian unterdrückt und beherrscht worden. Ihre Feinde herrschten eine vollkommene Zeit (7) über sie, weil sie gegen die Herrschaft Gottes aufsässig geworden waren; so erfahren sie im Lande des Segens und der Vorrechte den Gegensatz zwischen der Herrschaft Gottes und der des Menschen. Wir werden immer von irgend jemand oder irgend etwas beherrscht; wenn nicht von Gott, dann von der Macht, die Gott und Seinem Volke feindlich ist; und wir werden dieser Macht oft unterworfen, um zu erkennen, wieviel besser die Macht Gottes ist als die Macht der Welt, unter der wir gequält und aufgerieben werden. Dieser Zucht sind alle Kinder Gottes ausgesetzt, und die Kirche hat sie auf bittere Weise erfahren; denn statt ihre Vorrechte und Segnungen zu genießen, hat sie sich der Macht der Welt unterworfen. Gequält und beunruhigt suchen viele der Treuen hier und da, in den Klüften der Berge, den Höhlen und Bergfesten, um eine kurze Ruhepause von der drückenden Herrschaft zu genießen, die zugelassen worden ist, weil die Kirche die Autorität Christi abgewiesen hat. Der größte Diener leidet am schwersten; er muß den Zustand vollkommen erkannt haben, ehe er handeln kann. Er muß mit dem Volke unter den Umständen der Prüfung gelitten haben; er muß die Tiefen des Elends, zu denen sie geführt wurden, erfahren haben; wenn er nicht weiß, woher und wohin er das Volk heraufführen soll, kann er ihm nicht seinen Bedürfnissen entsprechend helfen. Er muß Geduld haben und den Schmerz des Urteils kennen, wenn er die Befreiung, die er herbeiführen soll, richtig würdigen soll. Paulus war der frommste Pharisäer und wußte am besten um die bösen Auswirkungen der Vorurteile der Pharisäer. Daher konnte er sie, nachdem er von Gott belehrt war, am wirksamsten und treffendsten bloßstellen und zum Schweigen bringen. Er, der in der alten Natur in die Tiefen dieser Vorurteile eingedrungen war, konnte unter der Gnade keines von ihnen unaufgedeckt und unerkannt lassen, denn der Herr bereitet Seine Diener zu, gerade das Böse anzuprangern, wozu sie ihre eigene alte Natur geleitet hat. „Und du, bist du einst zurückgekehrt, so stärke deine Brüder“. So wurde Gideon vorbereitet; noch nicht durch die Erkenntnis seiner eigenen bösen Natur, sondern durch die praktische Einsmachung mit den Umständen, in denen sich das Volk Israel auf Grund seiner Verfehlungen befand. Er litt mit ihnen und hatte sicher mit eingestimmt, als sie wegen der Midianiter zu Jehova schrien. Aber ehe er als Befreier auf dem Schauplatz in Erscheinung tritt, gibt Jehova eine Antwort auf das Schreien, indem er (durch den Mund eines Propheten) dem Volk vor Augen führt, wie es von Ihm abgewichen war (Ri 6,8–10). Zuerst zeigt der Herr der Seele ihren Abfall und ihre Verfehlung. Das Wort Gottes ist „durchdringend bis zur Scheidung von Seele und Geist . . . und ein Beurteiler der Gedanken und Gesinnungen des Herzens“. Es offenbart der Seele ihren wahren

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Gideon

Zustand, und die Propheten haben immer durch das Wort zu den Seelen geredet. Durch sie wurden die Geheimnisse der Herzen geoffenbart und nachgewiesen. Als der Herr dem samaritischen Weibe ihren sittlichen Zustand geoffenbart hatte, erklärte sie Ihn sofort für einen Propheten. Auch hier sehen wir, wie die Israeliten durch die Überführung ihres Gewissens auf die nahende Befreiung vorbereitet werden. Unmittelbar danach eröffnet der Engel Jehovas die Verbindung zu dem ausersehenen Befreier, dessen Eignung für das Werk in seiner Stellung und seiner Beschäftigung zum Ausdruck kommt. „Und Gideon . . . schlug eben Weizen aus in der Kelter, um ihn vor Midian zu flüchten“. Das kennzeichnet diesen Mann. Das Eisen war in seine Seele gedrungen, aber seine Kraft hatte ihn am Tage des Unglücks nicht verlassen, und wahre Kraft zeigt sich gerade darin, daß sie in dem Augenblick, da sie gebraucht wird, vorhanden ist; die Not bringt eine sonst verborgene Fähigkeit ans Licht. Gideons Kraft war der Lage gewachsen; er stärkte das Übrige, das sterben wollte, und während er so seine Treue im Geringsten offenbarte, offenbart sich ihm der Engel Jehovas, nachdem er ihn beobachtet hat, und sagt zu ihm: „Jehova ist mit dir, du tapferer Held“. Scheinbar eine eigenartige Anrede für einen armen Mann, der Weizen drischt! Aber Jehova schätzt ihn nicht als Menschen; Er kennt das Gefäß, das Er gebrauchen kann und Er weiß, was es vollbringen kann. Der Apostel Paulus sagt: „Er hat mich treu erachtet, indem er (mich) in den Dienst stellte . . . “ Er bezeichnet Gideon als einen „tapferen Helden“, weil Er Gideons Bemühungen, den Rest der Segnungen zu verwahren, würdigt, und Er beruft ihn zu einer erhabeneren Sendung und zu einem größeren Dienst. Offenbar hatte Gideon über die Wege Jehovas nachgedacht, denn er antwortet: „Bitte, mein Herr! wenn Jehova mit uns ist, warum hat denn dieses alles uns betroffen? Und wo sind alle seine Wunder, die unsere Väter uns erzählt haben, indem sie sprachen: Hat Jehova uns nicht aus Ägypten herauf geführt? Und nun hat Jehova uns verlassen und uns in die Hand Midians gegeben“. An dieser Erwiderung sehen wir, daß er nicht nur wußte, wie Jehova in früheren Zeiten mit Israel gehandelt hatte, sondern auch, daß sie sich nun unter Seinem Gericht befanden. In beidem sah er Gott allein. Daher „wandte sich Jehova zu ihm“ und befahl ihm: „Gehe hin in dieser deiner Kraft, und rette Israel aus der Hand Midians! Habe ich dich nicht gesandt“? Der Knecht Gottes muß wissen und glauben, daß in Gott die Macht ist, die ihn allein aufrichten und niederwerfen kann; das ist der Grundstein der Seele für jede Befreiung. Gideon wußte das; aber es ist ein großer Unterschied, ob man anerkennt, daß alle Macht Gott gehört, oder sieht, daß sie für uns wirksam ist; und da jene Überzeugung uns unsere eigene Machtlosigkeit um so mehr fühlen läßt, wird sie Verzagtheit hervorrufen, wenn wir nicht in der Sicherheit ruhen, daß Gott für uns und durch uns handelt. Gideon kann nicht sehen, wie die Verbindung zwischen Gott und Menschen zustandekommen soll, so daß der Mensch Gottes Macht und Willen ausführen kann und er macht seine Unbedeutendheit und Unzulänglichkeit geltend. Aber Jehova gibt ihm eine Verheißung, um ihn zu stärken: „Ich werde mit dir sein, und du wirst Midian schlagen wie einen Mann“. So groß diese Verheißung war, Gideon war nicht fähig, sie für sich in Anspruch zu nehmen; so wunderbar sie seinen Umständen entgegenkam, er vermochte nicht, sie anzunehmen, bis zu dem Augenblick, da er in seiner Seele die Verbindung zwischen sich und Gott erfährt und seiner Annahme sicher ist. Dann ruft er: „Wenn ich denn Gnade in deinen Augen gefunden habe, so gib mir ein Zeichen, daß du es bist, der mit mir redet“. Dann bringt er sein Opfer, das er nach den Anweisungen

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des Engels darbringt (V. 18–22); Jehova nimmt das Opfer an, läßt es verbrennen und entschwindet den Augen Gideons, als Er ihm den unzweifelhaften Beweis nicht nur Seiner Gegenwart und Macht, sondern der Annahme Gideons gegeben hat. Gideon hatte ein Zeichen erbeten, damit seine Seele in dem großen, ihm aufgetragenen Dienst auf die verheißene Hilfe Gottes vertrauen könne. Denn als gefallener, von Gott entfremdeter Mensch sah er keinen Grund für die Abhängigkeit, und die Annahme seines Opfers ist beinahe zu viel für ihn. Die Offenbarung Jehovas überzeugt Gideon von Seiner Nähe, die natürlicherweise für ihn den Tod bedeutet, was er auch erkennt, denn er ruft aus: „Ach, Herr Jehova! Dieweil ich den Engel Jehovas gesehen habe von Angesicht zu Angesicht! Aber das Wort Jehovas beruhigt seine Seele. „Friede dir! fürchte dich nicht, du wirst nicht sterben“. Daraufhin baut Gideon einen Altar, der die Beziehung zeigt, in der er nun zu Gott steht, und der der feste Grund seiner Seele ist, ehe er seinen Dienst beginnt. Der Altar, die Grundlage seines Nahens, heißt: Jehova–Schalom (Jehova ist Friede). Auf diese Weise wird Gideon für das Werk, zu dem er berufen ist, vorbereitet, und es ist für jeden Diener nützlich, inwieweit er in gleicher Weise für den Dienst zubereitet worden ist. Ich habe diese Vorbereitungen so eingehend behandelt, weil ich erst dann meine eigenen Interessen von der Vermischung mit den Interessen des Dienstes, zu dem ich berufen bin, fernhalten kann, wenn ich meiner Annehmung bei Gott und meiner Ruhe in Ihm sicher bin. Viele versuchen, dem Herrn zu dienen und hoffen, dadurch Ruhe und Frieden für ihre Seelen zu erlangen. Sie hören nicht auf mit dem Dienst und bewerten ihn danach, ob er ihnen die ersehnte Erleichterung bringt. Zwar muß jede Seele, die für Gott wirkt, in dem Wissen um Seine Gnade gegründet sein, aber wenn dies zum Gegenstand gemacht wird, wird der Dienst von seinem wahren Zweck entfremdet, und seine eigentliche Triebkraft geht verloren. Nur eine in Gott glückliche Seele kann wahren Dienst ausüben, denn sie ist glücklich, Sein Mitarbeiter zu sein. Der Dienst darf nicht durch seine Wirkungen auf mich beeinflußt werden, er muß ausschließlich im Blick auf den Willen Gottes getan werden. Wiederum versuchen andere zu dienen, ohne dazu befähigt zu sein; sie sind bei öffentlichem Auftreten beständig mit sich selbst beschäftigt. Entweder wissen sie nicht, wo sie Ruhe und Frieden finden können, oder, wenn sie beides gefunden haben, wandeln sie nicht in der Kraft, die der Glaube mit sich bringt. Nachdem Gideon bei Jehova–Schalom angebetet hat (der Name des Altars verrät die Art der Anbetung), wird ihm noch „in selbiger Nacht“ die Art seines Dienstes mitgeteilt. Wenn wir bereit sind, den Segen zu empfangen, wird er nicht aufgeschoben. Die Nacht ist nicht die Zeit des Handelns, und der Mensch würde vielleicht sagen: „Morgen will ich gehen’, aber von Gott empfangen wir in dem Augenblick, wo wir dazu bereit sind. Sobald Isaak Beerseba, den wahren Ort der Absonderung, erreicht hatte, erschien Jehova ihm „in selbiger Nacht“; als Jakob Paddan–Aram verließ, „begegneten ihm Engel Gottes“. Sobald wir in Übereinstimmung mit Gott wandeln, befinden wir uns im Lichte und in der Kraft Gottes. „In selbiger Nacht“ erhält Gideon den Auftrag, von der Gnade, die ihm zuteil geworden ist, zu zeugen, und zwar auf folgende Weise: „Nimm den Farren deines Vaters, und zwar den zweiten Farren von 7 Jahren; und reiße nieder den Altar des Baal, der deinem Vater gehört, – und die Aschera, die bei demselben ist, haue um“. Der erste Kreis, in dem der treue Diener beweist, wie ernst es ihm in der Seele mit seinem Dienst ist, ist das Haus seines Vaters; und die Macht und

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Gideon

Entschiedenheit, mit der das geschieht, umreißt schon andeutend die zukünftige Laufbahn und die Fähigkeit Gideons. Der Herr Jesus begann Seinen göttlichen Weg in „Nazareth, wo er erzogen war“. So muß Gideon hier in kühner und entschlossener Weise seinem Vaterhause, und durch es der ganzen Stadt, das Licht verkündigen, das in seiner Seele aufgegangen war, und das ihm zugleich den Auftrag und die Kraft gab, Zeugnis abzulegen. Der Götzendienst im Hause seines Vaters mußte völlig abgeschafft werden. Gideon gehorcht, aber er tut es bei Nacht, weil er sich fürchtete, es bei Tage zu tun. Das ist eine Einmischung des Fleisches. Sein Glaube war noch nicht stark genug, ihm die Kraft zu geben, kühn in der Öffentlichkeit zu zeugen; aber wozu ihn sein Glaube befähigte, das tat er. Auch wo das Wort Gottes angenommen und ihm Glauben geleistet wird, auch dort ist das Zeugnis oft nur schwach. Mancher treue Christ ist nicht im rechten Zustand, so ein Zeugnis zu sein, wie er sein könnte. Es ist besser, wenn Gehorsam und Zeugnis zusammengehen; aber auch, wenn das Fleisch das Zeugnis schwächt, kann es doch den Gehorsam nicht verhindern, vorausgesetzt, daß Glaube vorhanden ist. Paulus war sowohl Diener als auch Zeuge. Es ist das höchste Vorrecht eines Dieners, nicht nur zu gehorchen und darzureichen, sondern von seiner Übereinstimmung mit dem Dienst zeugen zu können. Wenn das Fleisch wirksam ist – wenn wir unserer alten Natur Raum geben, wird unser Zeugnis gefährdet, wir verlieren unsere Ruhe und die Kontrolle über uns selbst, die für einen Zeugen notwendig sind. Aber der Glaube besteht auf Gehorsam, wenn auch „bei Nacht“. Unser Herz und Sinn muß in Frieden bewahrt bleiben, sonst können wir selbst Taten des Glaubens nicht ohne Verlust hinsichtlich des Zeugnisses vollbringen. Die Gefühle des Fleisches sind keine Entschuldigung, wenn wir das, wozu uns der Glaube befähigt, nicht tun. Es kann geschehen, daß wir ihretwegen einen höheren Platz des Zeugnisses verlieren, aber nichts darf den Gehorsam gegenüber dem Worte Gottes hemmen. Wenn wir treu sind, werden unsere Taten für sich sprechen und daraus folgt das Zeugnis, wenn es sie auch nicht begleitet. So war es bei Gideon. Schon zu Beginn erfährt er die Feindschaft seines Volkes gegen Treue zur Wahrheit. Aber wie wenig weiß die Welt, daß all ihr böser Widerstand immer eine Kraft hervorruft, die mehr als ausreicht, nur ihn zu überwinden! Dem Geschrei der Leute um Herausgabe und Tötung Gideons stellt Joas seinen Vorschlag entgegen, Baal für sich selbst rechten zu lassen, wenn er ein Gott ist, und Gideon wird nach dieser Herausforderung Jerub–Baal genannt. Mit welcher Gnade und Weisheit bereitete Jehova Seinen Diener auf das Werk vor, das Er nach Seinem Ratschlag ihm anvertrauen wollte! Mit uns sind Seine Wege sehr ähnlich. Seine Absicht ist, der Seele zu versichern, daß wir, so gewiß wie Christus über alle Macht des Bösen triumphiert hat, wissen dürfen, daß jedes Auftreten und jede Offenbarung des Bösen für uns eigentlich nur ein Beweis dessen ist, daß uns eine Kraft zur Verfügung steht, die ihm mehr als überlegen ist. Und mehr noch: je größer der Widerstand des Bösen ist, desto deutlicher und offenbarer wird die Macht sein, die ihn überwindet und zum Schweigen bringt. Es sollte uns in allen Umständen des Lebens ein Trost sein, daß „wenn der Feind herankommt wie Wasserfluten, erhebt der Geist Jehovas das Panier wider ihn“. Das ist für den treuen Diener in schweren Zeiten eine sehr wichtige Wahrheit; sie wird deshalb durch die göttliche Macht in das Herz Gideons gelegt, und sie wird jetzt kundgetan vor den Midianitern und allen Söhnen des Ostens, die im Tale Jisreel lagern. „Und der Geist Jehovas kam über Gideon; und er stieg in die Posaune, und die Abieseriter wurden zusammengerufen, ihm nach“. Zwei große Erfahrungen hatte seine Seele schon gemacht, durch die er für dieses Werk geeignet

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Gideon

wurde. Die eine war, daß seine Seele in ihrer Beziehung zu Gott am Altar Jehova–Schalom befestigt wurde; die andere war seine Treue hinsichtlich der Wahrheit Gottes in der völligen Abschaffung des Götzendienstes. So vorbereitet, beginnt er seinen öffentlichen Dienst. Aber obschon er durch die göttliche Kraft die Männer von Abieser, Aser, Sebulon und Naphtali um sich versammelt hat und sich anschickt, angesichts des Feindes zu handeln, muß er hier wiederum erfahren, daß er nicht fortschreiten kann, wenn er nicht der Unterstützung Gottes sicher ist. Wie schwankend und demütigend ist das verborgene Verhalten der Seele, das uns bei diesem treuen Knecht so eingehend geschildert wird. Äußerlich erkennt man bei ihm nichts als Kühnheit und Kraft. Es ist gut für uns, daß wir es mit einem Gott zu tun haben, der unserer Schwachheit ebenso gnädig und verständnisvoll gegenübersteht wie der Schwachheit Gideons. Durch besondere Zeichen und Mitteilungen überzeugt der gnädige Herr die Seele seines Dieners von der Wahrheit der Verheißungen, in denen er sogleich hätte ruhen sollen. Es ist ein Unterschied, ob wir ein Zeichen suchen, damit unser Glaube an Gott gestärkt wird, oder ob wir es fordern, um zu erkennen, ob der Pfad, auf dem wir wandeln, der richtige ist und ob Gott uns dabei beisteht. Das erstere kann der Herr nicht gewähren oder zulassen. „Kein Zeichen wird ihm gegeben werden“, sagt er dem Volk der Juden, als sie ein Zeichen sehen wollten als Grundlage ihres Glaubens. Der göttliche Pfad muß im Glauben betreten werden, ohne Zeichen; aber der Herr gewährt der Seele fortwährend Zeichen, um sie, die schon auf dem rechten Pfade ist, zu befestigen und ihr zu versichern, daß sie darauf Erfolg haben wird. Die Seele, die wahrhaft abhängig von Gott ist, und ein besonderes Werk beginnt, will sich nicht der eigenen Fähigkeiten bewußt sein, sondern deren Gottes, und zwar im abstrakten, wenn ich so sagen darf, d. h., daß sie es mit Dem zu tun hat, Dessen Macht – und die Fähigkeit, sie anzuwenden – allen Forderungen gewachsen ist. Diese Erziehung befestigt die Seele und bringt sie auf den ihr vorgezeichneten Weg. In ähnlicher Weise wird sie jedem Diener zuteil; er wird entsprechend den Bedürfnissen nach der Macht Gottes mit dieser bekanntgemacht. Schwache Punkte in unserem Glauben werden um so eher sichtbar, je mehr der Glaube beansprucht wird. Viele versagen auf dem Wege, weil sie die Größe und stete Bereitschaft der Macht Gottes nicht erfahren haben. Gideon entdeckt, was wir alle entdecken werden: daß Gott in Seiner Gnade ihn in diesem Punkte entgegenkommt, was er auch wünscht, um ganz sicher zu gehen. Ob es nun Tau auf dem Vließe allein und Trockenheit auf dem ganzen Boden ist, oder umgekehrt, Gott gewährt es, um Gideon zu befestigen. Nun ist er bereit, und er „und alles Volk, das mit ihm war, machten sich früh auf, und sie lagerten sich an der Quelle Harod“. Hier tritt Jehova dazwischen, um das Werk als Seines zu erklären. Israel soll keinen Anlaß haben, sich gegen Gott zu rühmen und zu sagen: „Meine Hand hat mich gerettet“! Deshalb muß Gideon vor den Ohren des Volkes ausrufen: „Wer furchtsam und verzagt ist, kehre um und wende sich zurück vom Gebirge Gilead!“ Es ist wohl eine Glaubensprobe für Gideon gewesen, als er sah, daß 22000 vom Volk umkehrten; aber von solchen Prüfungen wird der Glaube immer begleitet sein. Wenn Gideon glaubt, darf er nicht beunruhigt werden, wenn er sieht, wie die Mittel, mit denen er sein Ziel zu erreichen hoffte, fast ganz zusammenschmelzen. Aber er ist jetzt erstarkt in Gott und wird durch das gnädige Handeln Gottes nicht entmutigt; es ist ja auch nicht nötig, denn für einen Glaubensmann ist es besser, von einigen wenigen Treuen begleitet zu sein, als von einer Menge von Schwachen und Wankelmütigen. Aber obwohl weniger als ein Drittel der ursprünglichen Anzahl übrigbleibt, sagt Jehova: „Noch ist des Volkes zu viel“, und Er befiehlt, die ganze übriggebliebene Schar einer Prüfung zu unterziehen, damit sich herausstelle, wer wirklich für

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Gideon

Krieg und Zeugnis geeignet sei. Die Probe ist für das menschliche Auge eine einfache und unwichtige, aber in ihrer geistlichen Anwendung eine grundsätzliche. Sie offenbarte, ob die Männer nur das eine Ziel vor Augen hatten, oder ob sie sich für einen Augenblick davon ablenken ließen, um sich einer fleischlichen Erquickung hinzugeben. Das will die Prüfung durch das Wasser besagen. 9700 waren nicht von ganzem Herzen bereit, denn sie ließen sich auf ihre Kniee nieder, um zu trinken. Sie waren wohl bereit zum Kriege, aber dies Ziel beherrschte den Wunsch nach persönlichem Genuß nicht völlig. Nur 300 werden so zielbewußt erfunden, daß sie nur kosten und weitereilen. Ach, wenn wir einer solchen Probe unterzogen würden, wie wenige von uns würden dann zu der Schar Gideons zählen! Viele würden zu den 32000 gehören, die mit ihm auszogen, oder auch zu den 10000, die die erste Sichtung überstanden; aber wie wenige kennen die Verachtung des Fleisches, die sie befähigte, ohne Rücksicht auf persönlichen Genuß weiterzueilen und den guten Kampf des Glaubens zu kämpfen! Es bestand nur ein kleiner Unterschied zwischen denen, die leckten und denen, die sich auf ihre Knie niederließen, um zu trinken, und gewiß war Wasser eine notwendige Erquickung für durstige Krieger. Aber die Art, wie die Männer es zu sich nahmen, offenbarte den Zustand ihrer Herzen. Die Belehrung für uns liegt darin, daß, wenn wir nicht den Herrn und Seine Verherrlichung zum alleinigen Gegenstand unseres Handelns haben, Er uns nicht als Befreier gebrauchen kann, wenn Er uns in Seiner Gnade auch an der Befreiung teilhaben läßt, die Er durch treuere Kämpfer zustandegebracht hat. Sowohl für Gideon als auch für seine Gefolgsleute muß diese Auslese eine Glaubensprobe gewesen sein, denn durch das Sinken der Anzahl wurde er immer mehr zur Abhängigkeit von Gott getrieben, und viele wären durch eine so gründliche Prüfung beunruhigt worden; aber der Unbelehrte ist den Prüfungen des Kampfes nie gewachsen. „In selbiger Nacht“ (nun, da die Schar bereit ist, darf es keinen Aufschub mehr geben), da sprach Jehova zu ihm: „Mache dich auf, gehe in das Lager hinab; denn ich habe es in deine Hand gegeben“. Aber in besonderer Güte, und gewillt, jedem Schwanken in Gideons Glauben zu begegnen und ihn zu stärken, fügt Er hinzu: „Und wenn du dich fürchtest, hinabzugehen, so gehe mit Pura, deinem Knaben, zum Lager hinab; und du wirst hören, was sie reden; und danach werden deine Hände erstarken, und du wirst in das Lager hinabgehen“. Wie vielfältig sind die Wege des Herrn hinsichtlich Seiner Diener! Im Lager der Feinde wird durch die Auslegung eines Traumes der Sieg Gideons angekündigt, und er hört, wie sie schon ihre Niederlage vorausahnen. Dadurch wird Gideon sehr ermutigt; er betet an und kehrt in voller Siegesgewißheit zurück, ehe noch der Kampf begonnen hat. Bei den Einzelheiten dieses Kampfes – oder besser: dieses Sieges, denn es war mehr eine Verfolgung als ein Kampf – brauche ich nicht zu verweilen, es bleibt nur zu erwähnen, daß hier wahrhaft Kraft in Schwachheit vollbracht wurde. Fackeln in Krügen – Schätze in irdenen Gefäßen, und Posaunen, um zu verkünden, daß sie für Jehova stritten – waren die einzigen Waffen der kleinen Schar, bis bei den Feinden das Schwert des einen gegen den anderen gerichtet wurde. Der Sieg Gideons war vollständig, und es wurde bestätigt, daß er ein Werkzeug in Gottes Hand war, durch das die Befreiung Seines Volkes bewirkt wurde. Aber welch eine Erziehung war nötig, bis es soweit war. Wie wenig wissen wir von der Feindschaft unserer Natur gegen den Willen Gottes, wenn wir glauben, den Dienst auf uns nehmen zu können ohne jene Selbstverleugnung, die nur durch die eigene Erfahrung und die Kenntnis der Erhabenheit der Wege und Ratschlüsse Gottes gelernt werden kann! Was wir schätzen, werden wir nicht eher aufgeben, als bis wir etwas Besseres gefunden haben; und der Mensch ist so erfüllt von sich selbst und seinem eigenen Willen, daß er, ehe

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Gideon

er die Überlegenheit des Willens Gottes erkennt, weder ein gehorsamer noch ein geeigneter Diener sein kann, d. h., einer, der den Willen und die Absichten seines Herrn ausführt. Dies muß oft erst durch verschiedenartige, schmerzliche Wege erfahren werden. Jona lernte den Gehorsam im Bauch des Fisches, denn er lernte dort, allein auf Gott zu vertrauen, aber der Verlust des Wunderbaums unterwies ihn in dem Willen und der Natur Gottes. Ein von Gott belehrter Diener findet immer einen Weg, sein Werk zu tun, wie schwierig es auch scheinen mag. Je größer die Schwierigkeiten, desto deutlicher muß der Beweis sein, daß unsere Hilfsquellen von anderer Art sind als diejenigen, die gegen uns aufgeboten werden, und das erweist sich sowohl im Kleinen als auch im Großen als wahr. Kaum ist Midian besiegt, da sieht Gideon sich vor eine andere Schwierigkeit gestellt: den Widerstand derer, die als seine Freunde gelten. Es erfordert mehr Weisheit, diese Art des Widerstandes zu überwinden, als den von anerkannten Feinden. Die Art und Weise, wie er sich gegen die beiden Gruppen seiner ihm widerstehenden Brüder verhält, ist für uns sehr lehrreich. Bei den Männern von Ephraim (Kap. 8), die ihn schelten, weil er sie nicht zum Streit aufgerufen hat, nimmt er den niedrigeren Platz ein, den der Gnade, der der wahre, weise und göttliche Standpunkt gegenüber denen ist, die besonders hervortreten wollen. Gideon hätte erwidern können, daß er und die 300 Männer besonders von Gott berufen und auserwählt waren; aber er tut es nicht und überläßt die Männer von Ephraim der Zufriedenheit mit dem Maße an Ehre, das Gott ihnen gegeben hat. Aber mit den Männern von Sukkoth und Pnuel, die sich weigerten, den ermatteten Verfolgern einige Laibe Brot zu geben, verfährt er anders. Hier ist Nachsicht nicht am Platze, denn ihr Betragen ist Widerstand gegen die Sache Gottes und Verrat an Seinem Namen und Seiner Herrlichkeit. Das Prinzip ist im Haushalt des Gesetzes das gleiche wie in dem der Gnade. Es gibt Fälle, denen wir in Gnade begegnen müssen, aber wir sind andererseits berufen, mit Ernst für den Glauben zu kämpfen. „Ich wollte, daß sie sich auch abschnitten, die euch aufwiegeln“! sagt der Apostel, und „wenn jemand diese Lehre nicht bringt, nehmet ihn nicht in euer Haus auf, grüßet ihn auch nicht“. In Kap. 8,22 sehen wir Gideon wiederum, aber nun zum letzten Mal, unter einer neuen, besonderen Art der Erziehung. Großer Dienst erzeugt oft Selbstzufriedenheit und den Wunsch nach einer Erhöhung, die die Ungeistlichen uns nur zu gerne gewähren. Das Volk fordert Gideon auf, über sie zu herrschen, aber er antwortet: „Nicht ich will über euch herrschen, . . . Jehova soll über euch herrschen“. Wie konnte er den Platz Gottes annehmen, Der ihn so gesegnet und geehrt hatte? Bis hier sprach er in der Weisheit des Geistes, aber seine Bitte um die Ohrringe ihrer Beute offenbart den geheimen Wunsch, an seine Dienste zu erinnern, obschon er den Platz der Würde und Macht nicht angenommen hatte. Solch ein Wunsch konnte indessen nur ein Fallstrick werden, sei es nun in Form eines Ephods oder etwas anderem. So ging es auch Gideon und seinem Hause (V. 27 b). Welch eine warnende Lehre ist es für uns, zu sehen, wie ein Diener Gottes nach einer so langen Erziehung für das Werk Gottes in einem Augenblick sozusagen die Selbstbeherrschung verliert, und wie er, der durch den Dienst einen so hohen, hervorragenden Platz erlangt hat, vor unseren Augen hinabsinkt. Wir lernen daraus, daß, obschon wir einen Platz öffentlicher Ehrung zurückweisen, wir noch nicht gefeit sind gegen den feineren, aber gefährlichen Fallstrick der Annahme, daß das Andenken an unseren Dienst in irgendeiner Weise zur Ehre Gottes beitragen könnte; denn das hieße, den Dienst als Mittel zur Selbstverherrlichung benutzen, und das muß „uns und unserem Hause zum Fallstrick werden“.

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Simson

Simson Simson ist der letzte der Richter, in einer Zeit, während der Jehova Sein Volk auf seine Fähigkeit prüfte, Ihm bezüglich der Regierung, die nicht durch eine sichtbare Ordnung dargestellt wurde, zu vertrauen. Sie hatten beständig versagt und waren deshalb denen tributpflichtig geworden, die sie eigentlich aus dem Lande vertrieben haben sollten. Für das Volk Gottes gibt es keinen Mittelweg. Es steht entweder über der Welt und zeugt für Gott gegen sie, oder aber es befindet sich in Knechtschaft unter der Welt. Wenn Israel sich nicht von Gott über den Nationen erhalten lassen wollte, dann wurden sie als Gefangene von den Nationen weggeführt; sie konnten nie gleichberechtigt nebeneinander bestehen. Entweder waren sie Sieger oder aber Sklaven. Die Knechtschaft war ihre Züchtigung von Gott, weil sie nicht Sieger waren; Jehova war nicht mit ihnen. Wenn sie von Jehova abfielen, waren sie schwächer als die Nationen. Ein Christ ohne Gemeinschaft ist immer schwächer als die Welt, weil er die Quelle seiner Kraft verlassen hat, und er wird daher von der Welt, die ihn auf so mannigfache Art versucht, leicht in den Bann gezogen. Jehova bestellte Richter, um das Volk von seinen Feinden zu erretten, als sie die Sünde ihres Abfalls von Ihm in dem Maße erkannten, wie Er ihnen die Erkenntnis gab. Zur Zeit der Geburt Simsons war das Volk Israel 40 Jahre unter der Herrschaft der Philister. Das war die längste Zeit der Knechtschaft unter den Richtern. Simson wird bestellt, um sie von dieser langen Knechtschaft zu befreien. Und weil sie die letzte und härteste während dieser ereignisreichen Periode war, werden uns nicht nur die näheren Umstände der Geburt des Erretters mitgeteilt, sondern auch die Gesinnung und die Erwartungen seiner Eltern vor seiner Geburt. Simson sollte „ein Nasir Gottes . . . sein von Mutterleibe an“. Um das Volk aus der Unterjochung, in die es durch seine Verbindung mit dem Unheiligen geraten war, befreien zu können, mußte er von allen Freuden, an denen sie teilnahmen, vollkommen getrennt sein. Seine Mutter wird diesbezüglich belehrt und erzieht ihn auch demgemäß. Unsere früheste Erziehung und die Gesellschaft in der wir uns befinden, üben eine besondere, anhaltende Wirkung auf uns im späteren Leben aus. Simson war ein Nasir, aber er wuchs in der Nähe und der Bekanntschaft mit den Philistern auf; daher scheint er sich nie des großen sittlichen Unterschiedes, der zwischen einem Nasir und einem Philister bestehen sollte, bewußt zu sein. Auch unter den Christen unserer Tage kann man in dieser Hinsicht große Unwissenheit und Mangel an Erkenntnis wahrnehmen. Persönliches „Nasiräertum“ wird vielfach anerkannt, während Verbindung und Verkehr mit der Welt aufrechterhalten wird. So ist das erste, was uns von Simson berichtet wird, der Versuch, da eine Vereinigung herbeizuführen, wo es keine Vereinigung geben konnte (Ri 14). Seine Eltern können das nicht verstehen, und wir lesen: sie „wußten aber nicht, daß es von Jehova war; denn er suchte eine Gelegenheit an den Philistern.“

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Simson

Wohlgemerkt, nicht die Vereinigung war von Jehova, sondern der beabsichtigte Widerstreit gegen die Philister; nicht das Mittel, sondern das Ziel. Nach dem Willen Gottes konnte es keine Vereinigung geben. Im Gegenteil werden bei jeder angestrebten Vereinigung von so grundverschiedenen Elementen die Unterschiede um so deutlicher aufgedeckt, das von Simson angewandte Mittel war nicht göttlich; sondern die Absicht war göttlich, während das Mittel offenbar menschlich war. Daher wird die Ehe verhindert, während Gottes Absicht ausgeführt wird. Es ist etwas Großes, mit einer richtigen Absicht zu beginnen, denn wenn sie von Gott kommt, muß sie früher oder später durchgeführt werden, obschon notwendigerweise auf Kosten alles dessen, was das Ich hereingebracht hat. Mose wollte sein Volk aus Ägypten erretten, aber bei seinem ersten Versuch vertraute er auf seine eigenen Hilfsquellen und sein Plan schlug fehl, aber schließlich siegte er ruhmreich durch die Macht Gottes. In ähnlicher Weise war Petrus bereit, für den Herrn zu sterben, was schließlich auch geschehen ist; aber wie viel Demütigungen mußte er erfahren bis sein Wunsch verwirklicht wurde! Der Herr belehrt uns so, daß die menschlichen Grundsätze beiseitegesetzt werden und Seine Macht in uns vollkommen zur Darstellung kommt. Diese Wahrheit wird sehr schön illustriert durch den Teil der Geschichte Simsons, den wir jetzt betrachten wollen. „Und Simson ging . . . nach Timna hinab, und als sie an die Weinberge von Timna kamen, siehe, da brüllte ein junger Löwe ihm entgegen. Und der Geist Jehovas geriet über ihn, und er zerriß ihn, wie man ein Böcklein zerreißt; und er hatte gar nichts in seiner Hand.“ Jehova zeigt ihm hier, daß er nicht durch eine unheilige Verbindung mit der Welt, sondern durch ausgesprochenen Widerstand gegen sie siegen muß, und am Ende wird das auch von Simson erreicht. Die Wahrheit, die durch diese Lektion ans Licht kommt (für die Welt ist sie ein „Rätsel“), führt zur Auflösung seiner Ehe, und bringt ihn zur offenen Feindschaft gegen die Philister. Wir wollen diese Unterweisung ein wenig eingehender betrachten. Wie wir gesehen haben, beginnt Simson mit einer richtigen Absicht; aber infolge seines Umganges mit den Philistern versucht er, eine Tochter dieses unbeschnittenen Volkes zu heiraten. Aber gerade als er den Ort erreicht, wo er seine Absicht vollenden will, brüllt ein junger Löwe ihm entgegen. Auf diese Weise will Gott ihm klarmachen, daß der Geist Gottes ihn befähigen kann, den gegenwärtigen Feind ohne jede Hilfe – ganz zu schweigen von menschlichen Plänen betreffs einer Vereinigung mit dem Unheiligen – zu überwinden, denn „er hatte gar nichts in der Hand.“ Unbewaffnet tritt Simson diesem schrecklichen Gegner entgegen und besiegt ihn so vollständig, daß er ihn in der Kraft Gottes zerreißt, „wie man ein Böcklein zerreißt.“ Welch ein Augenblick! Es war ein Kampf auf Leben und Tod! Wie notwendig ist es für die Seele, an die Macht des lebendigen Gottes im Tale des Todesschattens zu glauben – Seine Macht, die uns aus dem Rachen des Löwen zu erretten vermag, zu kennen! Das hätte für Simson ein Vorgeschmack von der Art seiner Aufgabe sein sollen, wie es die Erscheinung auf dem Wege nach Damaskus ein Leben lang für Paulus war, denn er sollte ein Diener und Zeuge dessen sein, was er gesehen hatte, „als auch worin ich dir erscheinen werde“ (Apg 26,16). Die Art unserer ersten Bekanntschaft mit Gott deutet schon den Weg an, auf dem Er uns hier auf Erden zu führen wünscht. Aber Simson lernte nur langsam; unbeeindruckt von dieser wunderbaren Belehrung verfolgt er seine Absicht, schließt einen Vertrag ab und kehrt nach einiger Zeit zurück, um ihn zu bestätigen. Dabei führt ihn sein Weg wieder an dem Ort vorbei, wo er solch eine außerordentliche Errettung erlebt hat, wo es aber, wenn er nur aufmerkte, eine weitere Unterweisung für ihn gab. Als er seinen besiegten

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Gegner betrachtet, findet er Honig im Gerippe des Löwen, und er teilt ihn mit seinen Eltern, die nicht wußten, woher er kam. Das ist der Anlaß zu dem Rätsel, das Simson wohl kannte, das er aber nicht auf seine eigenen Umstände anzuwenden imstande war. Ach, wie oft ist es der Fall bei uns, und wie viel Kummer bereitet uns unser Eigenwille, weil wir das Wort nicht im Glauben annehmen und auf uns anwenden. Denn es ist offenbar, daß wir eine Wahrheit praktisch nur annehmen, wenn wir überzeugt sind, daß sie auf unsere Umstände paßt, und ich glaube, daß der Herr will, daß wir diese Überzeugung haben, ehe wir uns die Wahrheit zunutze machen. Das erklärt auch, warum es oft zugelassen wird, daß wir bei unseren Plänen beharren, nachdem wir eine Wahrheit gelernt haben, die, wenn wir sie wirklich angenommen hätten, alle unsere Pläne verdrängt hätte, weil sie uns auf Gott hingewiesen hätte. Das Geheimnis unserer Kraft mit Gott wird dem natürlichen Menschen immer ein Rätsel bleiben. Die Macht, die Simson erfahren hatte, war den Philistern ein völliges Geheimnis. Indem Simson dieses Rätsel vorlegte, zeigte er die große Kluft zwischen den Philistern und sich selbst, und auch seine zukünftige Frau befindet sich auf der anderen Seite. Eine unter solchen Umständen angestrebte Verbindung muß damit enden, daß die Frau die Sache der Philister derjenigen ihres anerkannten Herrn vorzieht, und sie tut es auch. Ihre Zuneigung zu ihm gibt der Furcht vor ihren eigenen Landsleuten nach, die drohen, sie zu töten, wenn sie ihn nicht verrät. Wenn sie nur in wahrer Zuneigung an ihm gehangen hätte, würde er sie ganz sicher vor dem Untergang bewahrt haben; aber sie tut es nicht und verrät ihn, für den sie hätte leiden müssen. Ein trauriges, aber wahres Bild der Christenheit, und es spricht zu einem jeden von uns! Simson wird von derjenigen verraten, der er am meisten vertraute, bei der er natürlich am wenigsten Verrat vermutete; aber Jehova wendet alles zum Segen, die Ehe wird gelöst, damit er die Strafe bezahlen kann, der er sich unterworfen hatte, als er der Philisterin sein Geheimnis eröffnete. So hatte der Kampf mit dem Löwen doch noch das erreicht, was Gott mit Simson beabsichtigte, aber nur, weil Simson erst spät verstand, was er sogleich hätte verstehen sollen. Das Rätsel „Aus dem Fresser kam Fraß“ – d. h. die Simson durch jenen Streit geoffenbarte Wahrheit – war die Auflösung seiner unheiligen Verbindung, wobei der Ratschluß Gottes, den Simson gerade durch diese Verbindung ausführen wollte, durch ihren Bruch bestätigt wurde. Die Philister benutzen die Kenntnis des göttlichen Geheimnisses, die sie unrechtmäßig erworben haben, und das berechtigt Simson, durch den Geist Gottes gestärkt, ihnen eine gerechte Vergeltung zu geben. Zunächst geht Simson nach Askelon, erschlägt 30 Mann, nimmt ihre ausgezogenen Gewänder und gibt die Wechselkleider denen, die das Rätsel kundgetan hatten. Danach läßt er auf Grund ihrer ungerechten Verfügung über seine Frau 300 Schakale mit Fackeln zwischen je zwei Schwänzen los in das stehende Getreide, die Garbenhaufen und die Olivengärten. Er bezahlt die Schuld, in die ihn die Philister mit unrechtmäßigen Mitteln verstrickt hatten, an sie selbst zurück. So sollte es auch heute bei dem Knecht Christi sein. Die Christenheit hat das göttliche Geheimnis unrechtmäßig an sich gerissen und darauf ihren Anspruch, die Kirche Gottes zu sein, gegründet. Der Diener findet sich innerhalb einer Christenheit, die öffentlich im Besitz der Wahrheit Gottes ist, die dem natürlichen Menschen ein Rätsel bleibt und die von ihm nur für fleischliche Zwecke benutzt wird, und dazu, dem Anteil jener, die die Wahrheit wirklich besitzen, zu widerstehen. Mittels dieser Wahrheit hebt der treue Diener nicht nur den unrechtmäßigen Anspruch der Welt auf, sondern zieht dadurch auch die Trennungslinie zwischen sich und dem bloßen Bekenner.

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Simsons zweite Tat, die dadurch veranlaßt worden war, daß seine Frau seinem Gesellen gegeben worden war, erregte die Philister zu größerer Gewalttat. Sie üben ihre Rache nicht an Simson aus, sondern an ihr, die ihn und das Haus ihres Vaters verraten hatte, – es ereilt sie das Schicksal, das sie so gefürchtet hatte, aus Furcht vor dem sie treulos an Simson gehandelt hatte. Wir sehen, daß das, was wir in Unglauben und Ungerechtigkeit fliehen, schließlich doch unser Verderben wird. Wir mögen ihm eine Zeitlang entgehen, aber schließlich ist die Flucht der sicherste Weg dorthin. Diese Tat vergrößert jedoch Simsons Recht auf Rache, und wir lesen: „er schlug sie, Schenkel samt Hüfte, und richtete eine große Niederlage unter ihnen an. Und er ging hinab und wohnte in der Kluft des Felsens Etam“ (Kap. 15, 8). Nach diesen verschiedenen Übungen und durch seinen Dienst ist Simson ein so großer Feind der Philister geworden, daß sie mit einem Heer heraufziehen und sein Leben fordern. Wenn der Knecht Gottes der Welt keinen Raum gibt, und sie ihn in keiner Weise überlisten kann, dann wird ihre offene Feindschaft losbrechen. Derselbe Geist der Feindseligkeit, der gegen unseren Herrn rief: „Kreuzige, kreuzige Ihn“, beseelt die Philister hier, die nach Simsons Leben trachten. Juda, der Stamm, aus dem der Schilo hervorkommen sollte, offenbart gegenüber Simson denselben Mangel an göttlichen Grundsätzen, der ihn auch später kennzeichnete, als er den Herrn Jesus an Pilatus überlieferte. „Da zogen 3000 Mann von Juda zur Kluft des Felsens Etam hinab und sprachen zu Simson: Weißt du nicht, daß die Philister über uns herrschen? Und warum hast du uns das getan? . . . Da sprachen sie zu ihm: Um dich zu binden, sind wir herabgekommen, daß wir dich in die Hand der Philister liefern.“ Was mochte Simson in diesem Augenblick bewegen, als er sah, wie wenig seine Absichten und Taten von seinem eigenen Volke, für das er gekämpft hatte, gewürdigt wurden! Wie ähnlich erging es Ihm, von Dem gesagt wird: „Er kam in das Seinige, und die Seinigen nahmen ihn nicht an“ (mit dem Unterschied, daß Simson auf einer sittlich unermeßlich viel tieferen Stufe stand)! Welch einen ganz besonderen Kummer muß der treue Diener von denen erdulden, denen er in so aufrichtiger Weise gedient hat! Es ist eine harte Prüfung, nach einem so hervorragenden Dienst als nutzlos verstoßen und verurteilt zu werden, aber Simson ist ihr gewachsen. Ja, noch mehr: in der Macht Gottes und in der Sanftmut Seiner Gnade tut er seinem eigenen Volk, wie undankbar es auch ist, nichts zuleide, sondern läßt sie nur schwören, daß sie nicht selbst über ihn herfallen. Trotzdem binden sie ihn und führen ihn aus dem Felsen herauf. Und als die Philister ihm entgegenjauchzten, geriet der Geist Jehovas über ihn, und die Stricke, die an seinen Armen waren, wurden wie Flachsfäden, die vom Feuer versengt sind, und seine Bande schmolzen weg von seinen Händen. Er fand einen frischen Eselskinnbacken, und er nahm ihn und erschlug damit 1000 Mann. Simson war sowohl von der Gemeinschaft mit den Philistern als auch von der Knechtschaft unter den Philistern befreit worden und hatte sich in die Kluft Etam in Juda als Befreier Israels und gleichzeitig als der Schrecken der Philister zurückgezogen. Aber Juda hat keinen Glauben und liefert ihn dem Feinde aus. Das führt zu der Offenbarung der Macht Simsons und zu seinem Recht, Israel zu richten, was im letzten Vers des Kapitels (15, 20) bemerkt wird. Nachdem ihn der Geist durch viele Übungen geführt hat, nimmt er jetzt den Platz ein, für den er ausersehen war. Wir dürfen den Schluß der eben genannten Offenbarung jedoch nicht übersehen. Nachdem er mit einem Kinnbacken einen großen Sieg errungen und voll Freude darüber ein Siegeslied angestimmt hat, wirft er den Eselskinnbacken fort, und dann wird er von seinen persönlichen Bedürfnissen gequält. „Es dürstete ihn sehr.“ Große Dienste für andere können der Seele nicht das Notwendigste

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geben; das kann nur der Herr. Auch wenn unser Dienst noch so hervorragend ist, wird unsere Seele verhungern, wenn sie nicht unmittelbar vom Herrn erhalten wird, denn nur der Dienst kann sie nicht erhalten. Im Gegenteil, je größer der Dienst ist, desto mehr werden wir uns unserer Bedürfnisse und unserer Abhängigkeit von der Unterstützung Gottes bewußt. Der größte Dienst schenkt der müden Seele nicht einen Tropfen Erquickung. Sie muß von Gott kommen. Gott erhört den Ruf Simsons, und er nennt den Ort En-Hakore, „Quelle des Rufenden“. Er gedenkt nicht seines Dienstes, sondern seiner Abhängigkeit von Gott. Nun, da Simson sowohl in der Abhängigkeit als auch im Dienste erprobt ist, wird berichtet, daß er Israel 20 Jahre richtete. Zurückschauend können wir diesen ersten Teil der Geschichte Simsons von zwei Gesichtspunkten aus betrachten. Wir haben gesehen, daß seine geplante Vereinigung mit einer Philisterin eine unheilige Vereinigung war, und daß Gott ihn durch Zucht von der Unmöglichkeit einer solchen Verbindung überzeugen mußte, und wir haben diese Zucht betrachtet. Wenn wir ihn als Israeliten und Nasiräer betrachten, trifft dies zu, aber ich glaube, es gibt noch eine andere Seite, die in den Worten: „Sein Vater und seine Mutter aber wußten nicht, daß es von Jehova war“ (Kap 17, 4) zum Ausdruck kommt. Das heißt, daß die Knechtschaft und die Gemeinschaft mit den Unbeschnittenen fast eine notwendige Folge der Stellung war (das Volk Israel befand sich unter dem Gericht Gottes), der er durch seine Geburt unterworfen war. Obwohl er ein Nasir war, war er auf Grund des Zustandes seines Volkes dieser verderbten Gemeinschaft ausgesetzt und war dafür verantwortlich; und während er auf der anderen Seite belehrt wird, sich von ihr loszumachen, wird ihm andererseits erlaubt, eine Vereinigung zu planen, die ein Zugeständnis an die ihm übergebene Verantwortlichkeit, an deren Vorhandensein er persönlich keinen Anteil hatte, war. Diese Verbindung wurde nicht zugelassen, weil sie an sich unheilig war; aber das Vorhaben kommt der zweifachen Absicht Gottes bei Seiner Unterweisung entgegen. Auf der einen Seite bringt es die Folgen der Sünde des Volkes zur Geltung, auf der anderen ist es für Simson eine Gelegenheit, sich durch die Macht Gottes daraus zu befreien und zum Erretter Seines Volkes zu werden. In derselben Weise ist jeder Mensch, der geboren wird, der Strafe für Adams Sünde unterworfen, ehe er selbst auch nur eine Sünde begangen hat. So war es in Israel, so ist es in der Kirche. Jeder einzelne ist sowohl den Verlusten und Strafen, als auch den Vorrechten, die das Ganze betreffen, unterworfen. Er kann die Vorrechte nicht genießen, ohne diesen Verbindlichkeiten, die wirkliche Hindernisse für den Genuß der Vorrechte sind, nachzukommen. Das war Kains Fehler; indem er Jehova eine Opfergabe darbrachte, nahm er den Platz eines vor Gott Angenehmgemachten ein, ohne den Ansprüchen Gottes auf ihn, wegen der in ihm wohnenden Sünde, Genüge geleistet zu haben. Derselbe Grundsatz trifft für die Kirche zu. Wir müssen sowohl ihren Verfall als auch ihre Vorrechte und Würden tragen. Aber ein Mann der Kraft darf sich diesen Folgen nicht einfach beugen, ohne sich zu bemühen, das Böse zu ahnden, und sich, seine Familie und sein Volk ihm zu entziehen. Er kann das nicht ableugnen, dem er gerechterweise unterworfen ist, aber er wird die Schwierigkeiten auch nicht dadurch vergrößern, daß er persönlich die Sünde seines Volkes vermehrt. Daher war Simson ein Nasir von seiner Geburt an, und war aus eben diesem Grunde der einzige, der geeignet war, den Platz eines Dieners und Erretters einzunehmen. Während er persönlich abgesondert war, ließ er eine rechtliche Verbindung zwischen Israel und den Philistern zu, indem er eine Verschwägerung mit einer von ihren Stammesgenossen im Sinn hatte. Das war unvereinbar, aber zunächst läßt Gott so viel zu, damit Simson, der Mann der Kraft, die gedemütigte Stellung Israels bekennen sollte, aber mehr

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wird nach den Ratschlüssen Gottes nicht notwendig und erlaubt. Um diese Verbindung zu verhindern und Israel von seinen Unterdrückern zu befreien, wird schnell ein triftiger Grund gefunden. Nach dem Kampf erreicht Simson den Felsen Etam, wird dort als Erretter des Volkes bestätigt und richtet es 20 Jahre lang. Damit ist der erste Teil der Geschichte Simsons beendet. Der zweite zeigt, wie er wieder – aber auf einer niedrigeren Stufe – mit den Philistern in Berührung kommt und wie er deshalb leidet. Beim ersten Mal erstrebte er die Verbindung, weil er „eine Gelegenheit“ an ihnen suchte; er wurde auf wunderbare Weise unterstützt und zum Richter des Volkes erhoben. jetzt aber sucht er ihre Gesellschaft auf Grund seiner fleischlichen Lust, und obwohl er, als er bereute, seine Kraft wiedererlangte, konnte er nie mehr die Stellung von Etam als Richter des Volkes Israel einnehmen, und das redet sehr deutlich zu uns. Wenn wir den Verfall der Kirche mit der Absicht bekennen, unseren daraus hervorgegangenen Verpflichtungen nachzukommen, werden wir Hilfe zu unserer Befreiung erhalten. Aber wenn wir wieder Gemeinschaft in „dem großen Hause“ (2. Tim 2,20) suchen, für das wir uns verantwortlich gefühlt haben, werden wir bestimmt hineingezogen, und wenn wir auch später einzelne Taten vollbringen mögen, so werden wir doch nie den Platz des Zeugnisses für Gott oder den des Erretters Seines Volkes einnehmen können. „Und Simson ging nach Gasa, und er sah daselbst eine Hure und ging zu ihr ein“ (Kap. 16). Er erneuert die unheilige Verbindung, aber er wird doch die Machenschaften der Philister gegen ihn gewahr, und wird befähigt, jene auf wunderbare Weise zu besiegen, denn „um Mitternacht stand er auf und ergriff die Flügel des Stadttores und die beiden Pfosten und riß sie samt dem Riegel heraus und legte sie auf seine Schultern; und er trug sie auf den Gipfel des Berges, der gegen Hebron hin liegt.“ Obwohl Simson auf bemerkenswerte Weise errettet wurde, mußte dieser Vorfall eine Warnung für ihn sein. Oft wird die Seele von ihrem ersten Schritt rückwärts unter großen Kraftbeweisen wiederhergestellt, obschon es erst bei Mitternacht geschehen mag, d. h., daß das Zeugnis hinter der Errettung zurücksteht. Die Reise des Apostels Paulus nach Jerusalem ist ein Beispiel von einem solchen Rückwärtsschritt auch er kann erst bei Mitternacht seine Widersacher überlisten und, von römischen Soldaten begleitet, entfliehen. Es ist fürwahr ein Segen, wenn solche Zucht die Seele dazu bringt, diese Gemeinschaft zu meiden! Bei Paulus war es so; aber Simson lernt daraus nicht, denn „es geschah hernach, da liebte er ein Weib im Tale Sorek, ihr Name war Delila.“ Hier werden wir vor den traurigsten, demütigendsten Vorfall im Leben des Knechtes Gottes gestellt. Kein noch so großer Verrat von seiten Delilas (die ein Bild der Welt in der Vereinigung von Verlockung und Feindseligkeit ist) vermag Simson zur Erkenntnis des wahren Charakters der Person zu bringen, mit der er sich vereinigt hat. Wo war sein Feingefühl, daß er mit jemand, der sein Vertrauen erschlich, um ihn zu verderben, die engste Gemeinschaft pflegen konnte? Zunächst vertraute er ihr nicht, und solange er seine Zurückhaltung und das göttliche Geheimnis bewahrt, ist er sicher; aber wie demütigend ist es, sich als mächtiger Mann in den Händen einer falschen Frau zu befinden. Wahrlich, wenn wir sehen, wie die Stärksten betrogen werden können und nicht einmal die greifbarsten Beweise ihren verdunkelten Sinn erhellen, dann können wir sagen: „Niemand rühme sich seiner Kraft.“ Groß ist die Gnade unseres Gottes, Der uns sogar auf einem Abwege bis zum letztmöglichen Punkt bewacht. Simson ist siegreich, bis er das Geheimnis seiner Kraft verrät – das Kennzeichen Seines Nasiräertums und seiner Absonderung für Gott; aber in dem Augenblick verläßt er die Quelle seiner Kraft, er verliert das Kennzeichen des Knechtes Gottes – das nicht für die Ohren der Unbeschnittenen bestimmt war. Solange das

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Kennzeichen vorhanden war, gab Gott ihm Beistand und Ehre. Wir sehen oft, daß Gott Seinen Knecht, der das Geheimnis der Absonderung bewahrt, unterstützt, auch wenn er durch Verlockungen des Fleisches angezogen wird; aber sobald dies Kennzeichen aufgegeben wird, ist es mit dem Beistand vorbei. Es ist nur ein kleiner Schritt von den Verlockungen der Welt zum tödlichen Übel. Simson gibt erst der Versuchung nach, dann gibt er die Absonderung auf und wird schließlich in die Hand der Philister überliefert, wo seine Augen ausgestochen werden. Welch eine harte, schmerzliche Zucht muß Simson jetzt erdulden! Mit ehernen Fesseln gebunden, muß er „mahlen im Gefängnis“. Das ist das Ergebnis seines Eigenwillens und der Aufgabe seines Platzes der Absonderung. Im Gefängnis beginnt sein Haar wieder zu wachsen, das Zeichen der Absonderung wird erneuert, aber sein Augenlicht ist verloren! Wie ernst! Das Kennzeichen wird wiederhergestellt, die Kraft ist wirksam, aber die Macht zeigt sich erst im Tode. Wie nun im Tode Christi alle Feinde praktisch besiegt worden sind, so bleibt der Tod allein als Platz des Zeugnisses für einen Diener wie Simson, der mit offenen Augen gerade die Verbindung eingegangen ist, die er früher so bekämpft hatte, und, als sein Herz wiederhergestellt war, zurückwies. Als sein Haar gewachsen ist, ist der einzige Ort des Zeugnisses für ihn der Tod – öffentlicher, praktischer Tod, bei dem er offenbart, daß Gott mit ihm ist. Der wiederhergestellte Nasir bekundet seine Buße in der Vollkommenheit seiner Selbstaufgabe: er stirbt. Nicht das „Haar“ kennzeichnet ihn, sondern der Tod. Simson starb mit den Gottlosen, aber in seiner letzten Anstrengung – jenem schrecklichen Gericht, das auf den Menschen infolge der Sünde lastet – verherrlichte er Gott, denn „es waren der Toten, die er in seinem Tode tötete, mehr als derer, die er in seinem Leben getötet hatte.“ Das ist die wahre Grabschrift jeder Seele, die die Macht des Todes Christi erfahren hat, denn dort hat der Sieger jeden Feind besiegt, selbst den, der die Macht des Todes hat, zur Verherrlichung und zum Preise Gottes. Daraus lernen wir, daß der Tod das einzige Heilmittel für die Begierden des Fleisches ist. Das ist das Ende Simsons. Niemand kam ihm an Kraft gleich; sein Ende ist demütigend für das Fleisch, aber es verherrlicht Gott und rechtfertigt Seine nie fehlende Weisheit und Zucht in bezug auf Seine Knechte. Möchten wir alle lernen, mehr in Absonderung zu wandeln und unser Nasiräertum zu bewahren, damit wir Zeugen für unseren Herrn sein können und vor der Unterdrückung der Welt bewahrt bleiben! Möchten wir aus der Geschichte Simsons lernen, wie leicht Absonderung aufgegeben werden kann, wenn wir in Gemeinschaft mit der Welt kommen. Aber auch, wie wir Gott doch noch verherrlichen können, auch wenn unser Zeugnis durch Verfehlungen beeinträchtigt ist, wenn es in der Ruhe und Stetigkeit geschieht, mit der wir an unserem Leibe das Sterben Jesu herumtragen, damit das Leben Jesu an unserem Leibe offenbar werde.

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Ruth Die Geschichte zu verfolgen, durch die eine Frau befähigt wird, den Platz eines Zeugnisses für Gott auf Erden einzunehmen, muß sicherlich ein interessantes und wichtiges Studium für uns bieten. Zugleich ist es ein Studium, das in unseren Tagen besonders notwendig ist, sowohl im Blick auf den einzelnen wie auch in bezug auf die Kirche. Das Weib wurde gebildet, um eine Gehilfin für den Mann zu sein, ihm entsprechend. Es scheint, daß sie diese hohe Stellung bei dem Sündenfall eingebüßt hat und von da an mehr in einer abhängigen und untergeordneten Stellung, als in einer Stellung der Gleichheit und Hilfeleistung, geschaut wird. Die Gnade ist die große Kundmachung der Liebe Gottes, und es ist der Grundsatz der Gnade: „Wo die Sünde überströmend geworden, ist die Gnade noch überschwenglicher geworden!“ Gerade dort, wo sich Versagen und Schwäche am meisten gezeigt haben, betätigt sich die göttliche Gnade in der Wiederherstellung. Die Wiederherstellung ist aber stets mit einem Gefühl des Versagens und der Schwäche verbunden, über welche die Gnade triumphiert hat. Führt unser teurer Herr eine Seele in die Segnungen Seiner Gnade ein, so muß Er sie notwendigerweise über die Gerechtigkeit und über die Güte Seiner Handlungen belehren. In dem Maße, wie wir „den Herrn Jesus Christus gelernt haben“, verstehen wir diese beiden Seiten in unseren Herzen und Gewissen, und die Mittel und einzelnen Abschnitte der Wiederherstellung belehren uns über die Erziehungswege und die Zurechtweisung des Herrn. Er leitet uns Schritt für Schritt dahin, zu erkennen, wie wir Seiner Gnade bedürfen. Er bereitet uns für Seine Gnade zu, indem Er in uns jene Selbstverleugnung hervorbringt, die für Seine Gabe Raum schafft. Gott lehrt uns durch Seine Zucht einzusehen, wie das Fleisch uns behindert. Er zeigt uns, was das Fleisch ist, und beschäftigt Sich mit ihm, um es beiseitezusetzen. Welche Gnade ist es daher von dem Herrn, uns durch die Vorbilder, die Er uns in Seinem Worte vor Augen stellt, über die Grundsätze der Zucht zu belehren, die uns nach Seinen eigenen Absichten für den Dienst und für die Herrlichkeit passend machen soll. Dies ist es, was wir auch bei Ruth finden und was unser Interesse an ihrer Geschichte hervorruft. Wir werden hier belehrt, wie Gott eine Frau leitete, die einem besonders verachteten Stamm, den Moabitern, angehörte, und wie Er sie dazu befähigte, die erhabene Stellung, zum königlichen Geschlecht Israels zu gehören, einzunehmen, ja, sowohl die Segnungen der Rahel als auch der Lea in sich zu vereinigen. Wir können nicht aufmerksam genug den Weg und die geistige Einstellung betrachten, die zu diesem großen Ziel führten. Elimelech, Noomi und ihre beiden Söhne waren wegen der in ihrem eigenen Land herrschenden Hungersnot aus Bethlehem in Juda in das Land Moab ausgewandert. Es war ein Zeichen des Verfalls und des Gerichts, daß ein lsraelit sein eigenes Land verlassen mußte, weil es jener natürlichen Segnungen ermangelte, die einem heidnischen Land geschenkt wurden. Die notwendige Folge dieses Zustandes war es, daß Elimelechs beide Söhne sich moabitische Frauen nahmen. Indem ein Sohn des verheißenen Samens eine moabitische Frau heiratete, erhob er sie aus ihrer niedrigen Stellung, obwohl

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er dadurch gleichzeitig seine eigene Stellung verdunkelte und sie preisgab, indem er im Lande Moab wohnte. Ruth wurde somit durch ihre Heirat aus ihrer niedrigen nationalen Stellung in die Verbindung mit einem Stamm des Volkes Israel erhoben. Bei dem Tode ihres Mannes mußte sie, eine Witwe, der nur eine verwitwete Schwiegermutter verblieben war, entweder wie Orpa in ihren früheren niedrigen Zustand zurückfallen, oder sie mußte versuchen, jene Stellung aufrecht zu erhalten, zu der sie erhoben worden war. Dies konnte nur dadurch geschehen, daß sie an ihrer Verbindung zu Israel festhielt, selbst auf Kosten persönlicher Vorteile; das heißt, indem sie an Noomi festhielt, obwohl alle natürlichen Erwartungen aus diesem Verhältnis verloren schienen. Ruth wählte diesen Weg, nicht mit Berechnung irgendwelcher Art, welchen stellungsmäßigen Vorteil ein solches Festhalten an ihrer Schwiegermutter ihr bringen würde, sondern geleitet von dem höheren Beweggrund persönlicher Anhänglichkeit zu derjenigen, durch die sie aus ihrem Zustand der Niedrigkeit bereits so hoch erhoben worden war. Ihre Handlungsweise und die Folgen dieses Weges werden uns im einzelnen in diesem interessanten Buch mit großer Genauigkeit mitgeteilt, als ein Gegenstand von großer Bedeutung für uns selbst. Denn, mögen wir Ruth als ein Bild der Kirche, oder eines Heiligen aus dem Heidentum, oder aber jedes Gläubigen betrachten, so stellt ihre Geschichte ein Kapitel über Gottes Handlungsweise dar, das für uns sehr lehrreich ist. Als welches Vorbild wir Ruth auch betrachten mögen, – ein einfältiges Festhalten an der erkannten Wahrheit ist das erste Merkmal. Und dieses Merkmal ist in Ruth in lieblicher Weise ausgeprägt. Sie opfert jede Aussicht auf eine Veränderung ihres Zustandes der Zuneigung zu Noomi, mag kommen, was wolle. Sie sagt zu ihr: „Dringe nicht in mich, dich zu verlassen, hinter dir weg umzukehren; denn wohin du gehst, will ich gehen, und wo du weilst, will ich weilen; dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott; wo du stirbst, will ich sterben, und daselbst will ich begraben werden. So soll mir Jehova tun und so hinzufügen, nur der Tod soll scheiden zwischen mir und dir!“ – Welch ein Ausspruch ist dies! Es ist die Sprache dessen, der sich einem Ziel unbeirrbar verschrieben hat. Welcher Ausdruck einer Seele, die fest entschlossen ist, von der Wahrheit Gottes, der Verbindung mit all Seinen Absichten und Segnungen, nicht zu weichen! Der erste Teil der Waffenrüstung Gottes (Eph 6) ist das „Umgürtetsein mit Wahrheit“, und das erste Erfordernis eines Knechtes in Christo, besonders wenn es sich um die zurückgezogene Sphäre einer Frau handelt, ist das einfältige Festhalten an der Wahrheit Gottes. Noomi stellte, wie wir gesehen haben, das Bindeglied zum Volke Israel dar. Ruth mag darüber keine klare Erkenntnis gehabt haben, aber das gerade läßt ihre Hingabe nur um so bewundernswerter erscheinen. Denn wäre ihr Wissen größer gewesen, so hätte sie mehr Grund und Ansporn zu ihrem Handeln gehabt, anstelle der reinen Zuneigung und Wertschätzung, durch die sie sich leiten ließ. Wenn ein Herz die Wahrheit ergreift, ohne von dem Warum zu wissen, aber mit der Entschlossenheit, sie zu „erwerben, und nicht wieder zu verkaufen“ (Spr 23,23), so können wir gewiß sein, daß sich die Wahrheit dem Herzen weiter offenbaren wird und daß dem, der da hat, „hinzugefügt werden wird.“(Mt 13,12) Hingabe an ein wahres Ziel veredelt eine Frau. Besitzt sie die Hingabe nicht, so fehlt ihr die erste Eigenschaft ihrer Stellung. Versagt sie in dieser und denkt an sich selbst, wie Eva dem Adam gegenüber, oder die Kirche Christus gegenüber, so wird jede Unordnung die Folge sein. Die Hingabe an die Wahrheit, an das was wir als das wirklich Wahre und Gute erkannt haben, ist das erste große Merkmal einer Seele, die zum Dienst und Zeugnis bereitet und befähigt ist. Besitzen wir diese Eigenschaft nicht, so werden alle unsere Wege notwendigerweise unvollkommen sein, denn wir

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können dann kein genau erkanntes Ziel vor Augen haben. Um ein Zeuge Gottes zu sein unter denen, die einer Lüge über Ihn geglaubt und in ihr gewandelt haben und sich ihrer Gottesfeindschaft brüsten, müssen wir zuerst und vor allem anderen mit Glaubensmut für die Wahrheit eintreten. Mangelt es an dieser Eigenschaft bei uns, so ist augenscheinlich unsere Befähigung zum Zeugendienst mangelhaft. Mehr als das: indem wir versuchen, ein Zeugnis zu sein, verunehren wir gerade den Namen, Dem wir zu dienen meinen. Unser Herz ist nicht vollkommen darauf gerichtet, die erste Voraussetzung des Dienstes zu erfüllen. Wir mögen eine gewisse Zuneigung besitzen, wie Orpa sie durch ihren Kuß ausdrückte, aber, wie bei ihr, ruht unsere Zuneigung nicht auf dem allein Wahren, und wir werden uns bald abwenden auf unsere eigenen Wege. Die Wirklichkeit des einfältigen Festhaltens an der Wahrheit kann uns nicht ernst genug vor die Seele gestellt werden. Wenn unsere Herzen mit tiefer Liebe zum Herrn erfüllt sind, trachten wir danach, Gemeinschaft mit Ihm zu haben. Er ist der Gegenstand unserer Zuneigung, und in dem Maße unserer Liebe hangen wir Dem an, Der sie hervorgerufen hat. In dem Maße, wie wir Ihn verehren, werden wir Ihm gleichgestaltet. Nichts anderes kann eine wahrhaft hingegebene Seele befriedigen. Die Wahrheit über Seine Person kann auf keinen Fall preisgegeben werden, und Falsches wird abgelehnt. Ich verweile besonders bei diesem Punkt, weil die Stellung eines wahren Dieners der Kirche in so starkem Maße davon abhängt. Ruth war, wie wir gesehen haben, einfältig und unbeirrbar in ihrem Herzensentschluß. Sie gibt uns daher ein treffendes Bild dieser so wichtigen Eigenschaft, die auch, wie wir sehen werden, reichen Lohn empfing. Aber ehe wir uns mit diesem Lohn beschäftigen, wollen wir noch eine andere Eigenschaft betrachten, die in der Geschichte der Ruth so stark hervortritt und uns reiche Beispiele liefert, und das ist der einfache Gehorsam in der untergeordnetsten und unbeachtetsten Stellung des Dienstes. Sie betrat das Land Israel in unzertrennlicher Gemeinschaft mit der einstigen Noomi (“Liebliche“), aus der jetzt eine Mara (“Bittere“) geworden war. Indem sie sich mit ihren Umständen abgefunden hatte, nein, indem sie mit ihnen zufrieden war, wendet sie sich dem kleinsten sich ihr bietenden Ausweg zu – was stets ein Beweis einer gesunden und aktiven Seele ist– und ergreift ihn ohne Zaudern oder Zweifel. Sie sagt: „Laß mich doch aufs Feld gehen und unter den Ähren lesen hinter dem her, in dessen Augen ich Gnade finden werde“. Es ist der eindeutigste Beweis wahrer Kraft, wenn wir in einer Notlage nicht nur ergeben sind, sondern auch bereit sind, jeden kleinen Ausweg zu benutzen, und fähig sind, uns zu erniedrigen, und dadurch vor allen – auch vor unserer eigenen Seele – zu bezeugen, daß Gott uns nicht vergessen hat und daß das, was wir gerade vor uns sehen, völlig zur Befriedigung unserer Bedürfnisse ausreicht. Wir bedürfen nur der Demut, um die Umstände so zu beurteilen. Sollten wir anders reden oder empfinden, würden wir Seine Fürsorge und Anteilnahme an uns antasten. Ruth sieht, daß der einzige Ausweg für sie ist, Ähren zu lesen, und so wendet sie sich dem Ährenlesen zu, und gerade dies war der vom Herrn für sie bestimmte Weg. Zweifellos war es ein sehr niedriger, unbeachteter Dienst, aber der Herr sieht nicht, wie der Mensch sieht, und Er leitete sie auf rechtem Wege. „Er lehrt die Sanftmütigen seinen Weg“ (Ps 25,9); deswegen „traf sie zufällig das Feldstück des Boas, der aus dem Geschlecht Elimelechs war“. „Wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden“ (Lk 18,14). Sind wir Ihm unterworfen, so werden wir zur Fülle der Segnung geführt. Ergreifen wir nicht den geringen Ausweg, den Er uns bietet, so werden wir nie das Ziel der Segnung erreichen. Ruth war die demütige, sich mühende Magd, und als solche erhält sie wegen ihrer Hingabe an Noomi ihren Lohn. Beachte es

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wohl! Es ist ihre Hingabe, die belohnt wird, mehr als ihr Dienst. Boas sagt zu ihr: „Es ist mir alles wohl berichtet worden, was du an deiner Schwiegermutter getan hast nach dem Tode deines Mannes, indem du deinen Vater und deine Mutter und das Land deiner Geburt verlassen hast und zu einem Volke gezogen bist, das du früher nicht kanntest. Jehova vergelte dir dein Tun, und voll sei dein Lohn von Jehova, dem Gott Israels, unter dessen Flügeln Zuflucht zu suchen du gekommen bist!“ Boas segnete sie – eine Segnung, an der er später (wie es bei Segnenden stets der Fall ist) selber teilhatte – und zugleich befahl er seinen Jünglingen: „Auch zwischen den Garben mag sie auflesen, und ihr sollt sie nicht beschämen; und auch sollt ihr selbst aus den Bündeln Ähren für sie herausziehen und sie liegen lassen, damit sie sie auflese, und sollt sie nicht schelten.“ So sehen wir, daß Ruth mehr zuteil wird aufgrund ihrer Hingabe an Noomi, als sie durch ihre mühevolle und unermüdliche Arbeit erhielt. Und dies ist stets der Fall. Wie groß der Lohn für treuen Dienst auch sein mag, er wird von der Belohnung treuer Hingabe unermeßlich übertroffen. Wäre Ruth auf das Feld zum Ährenlesen gegangen wie die anderen Mägde es taten, so hätte sie das bekommen, was ihr zustand und was ihrer Mühe entsprach, nicht mehr. Aber bei ihr war es etwas ganz anderes. Die Hingabe an eine andere Person (Noomi) war die Triebfeder ihres ganzen Handelns. Der Erfolg war für sie (wie er auch uns zuteil wird, wenn wir von dem gleichen Geiste beseelt sind), daß die Ernte überströmend war. Nicht nur das, sondern die ergebene Seele wird weitergeführt, Schritt um Schritt, bis sie wahre Ruhe, Ehre und zuletzt ein Erbteil erlangt. Der Schluß ihrer Geschichte zeigt uns, wie sie schließlich die Frau des Boas, des wahren Blutsverwandten, wird, der das Erbe löst, und wie sie gemäß dem Segen, der über sie ausgesprochen wurde, das königliche Haus Davids erbaut, „wie Rahel und wie Lea, welche beide das Haus Israel erbaut haben.“ Die Moabitin tritt in enge Verbindung zu dem Thron Judas, und durch sie wird der Name ihres Blutsverwandten und Lösers mächtig in Bethlehem–Ephrata, der Stätte des Todes und der Auferstehung, – der wunderbare Abschluß eines so geringen Anfangs, aber völlig den Wegen der göttlichen Erziehung entsprechend. Und nun, wo wir diesen Schluß der Geschichte der Ruth erreicht haben, laßt uns, zum Gewinn für unsere Seelen, innehalten, um den Erziehungsweg zu überschauen, auf dem der Herr sie zu diesem Platz der Ruhe und Ehre führte (der gleiche Weg, auf dem Er tatsächlich jede Seele führt, die das gleiche Ziel erreicht). Denn es ist segensreich für uns, zu beachten, wie Er zuerst entleert, ehe Er füllt, wie Er erniedrigt, ehe Er erhöht. Ruth war zunächst eine Witwe, ohne alle menschliche Hoffnung für jenen Lebensweg, der für sie ehrenvoll gewesen war und zu dem sie durch ihre Verbindung mit einem Sohne Israels erhoben wurde. Dann gibt sie Heimat, Verwandtschaft und die natürlichen Aussichten preis, die sie durch eine Rückkehr zu ihrer früheren niederen Stellung als Moabitin hätte haben mögen, um der Gemeinschaft mit derjenigen willen, die mit ihrer Witwenschaft verbunden, aber aus „Lieblichkeit“ zu Bitterkeit geworden war, und deren Gemeinschaft für Ruth ununterbrochene demütige Mühe bedeutete. Indem sie keinen Ausweg, wie bescheiden er auch war, ablehnt oder geringschätzt, geht sie Tag für Tag ihren niedrigen, mühevollen, anspruchslosen Weg und erlebt dabei täglich, wie gnädig und barmherzig der Herr zu ihr ist. Dies erfüllt sie mit Bewunderung und Staunen, denn am ersten Tage sagt sie zu Boas, indem sie auf ihr Angesicht fällt und sich zur Erde niederbeugt: „Warum habe ich Gnade gefunden in deinen Augen, daß du mich beachtest, da ich doch eine Fremde bin“? Die Seele ist noch wenig zubereitet für Gottes unerwartete Gnadenbezeugung. Doch was war diese im Vergleich zu der Gnade, die noch folgen sollte? Was war ihre frühere Stellung,

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vor ihrer Witwenschaft, verglichen mit der Stellung voller Ehre und Würde, in die der Herr sie jetzt stellte? Gesegnete Witwenschaft, die sie für solch eine Stellung zubereitete! Gesegnetes Wirken, das dorthin führte auf den Pfaden der einfältigen Herzenshingabe und Demut! Gepriesen sei Gott, der in solcher Weise an ihr handelte! Wir erinnern uns daran, daß Ruth nach Bethlehem kam zu Beginn der Gerstenernte, die unmittelbar nach dem Passahfest einsetzte, und daß sie ihren Dienst während der sieben Wochen der Ernte fortsetzte (eine vollkommene Zeitspanne gemäß dem symbolischen Zahlengebrauch der Heiligen Schrift), bis zum Ende der Weizenernte, das ist bis Pfingsten. Erst nach Pfingsten fordert Boas sie als sein Eigentum. Ich erwähne dies als bedeutsam, ob wir nun Ruth als ein Vorbild vom praktischen oder vom stellungsmäßigen Standpunkt aus betrachten, denn das Pfingstfest bezeichnete den Vollgenuß der Segnung, wie er durch das Herniederkommen des Heiligen Geistes eingeführt wurde. Nach einer Zeitspanne von sieben Wochen zwischen dem Tode des Herrn und den Geschehnissen in Apostelgeschichte 2 wurde jener große Tag der Pfingsten erfüllt, auf den alle früheren Pfingstfeste hingedeutet hatten, und die Braut wurde in die Stellung des Vorranges eingeführt. Andererseits kann die Kirche aber, obwohl sie jetzt in den Segnungen des Pfingsttages steht, die hohen Vorrechte, die ihr geschenkt wurden, nicht verwirklichen, wenn sie nicht in Treue gegenüber der ihr anvertrauten Wahrheit und in geduldigem, pflichttreuem Dienst vorangeht. Der Grund hiervon ist leicht zu erkennen. Wenn ich dem Herrn, insoweit ich Ihn kenne, nicht treu bin, werde ich nicht von Seinem Geiste geleitet. Wandle ich aber nicht im Geiste, dann kann ich unter keinen Umständen die Vorrechte und die traute Gemeinschaft verwirklichen, die der Brautstellung entsprechen, und in die der Heilige Geist uns einführen möchte. Was aber in bezug auf die Kirche wahr ist, ist auch wahr in bezug auf jedes einzelne Glied. Es wurde uns hier als Symbol das Weib hingestellt, weil sie, als Einheit, die Kirche, die Braut des letzten Adam, darstellen sollte, erlöst aus dem Ruin und der Schande, in die das erste Weib sie gestürzt hatte. Sei es nun Mann oder Frau, wenn wir nicht in Unterwürfigkeit unter die Wahrheit in geduldigem demütigem, unbeachtetem Dienst als Fremdlinge über die Erde pilgern, so können wir nicht in die Stellung und den Ort der Ruhe eingehen, den unser Boas jeder treuen Ruth im Geiste auch heute darbietet. Je mehr wir Seine Wege mit uns verstehen lernen, je besser werden wir erkennen, wie Er jeden von uns in dieser Weise erzieht: Er belehrt uns, als treu gemäß dem uns geschenkten Licht, darin bis zum vollen Genuß Seiner Liebe zu gelangen; als „Witwen“ in dieser Welt zu wandeln, die Ihm ergeben sind, die Ihm geduldig und in Niedrigkeit dienen, glücklich in dem Bewußtsein dessen, was jetzt bereits unser Teil ist – unsere Einsmachung mit Ihm und der Besitz alles dessen, an dem Seine Liebe uns hier schon Anteil geben kann. Lehre uns, o Herr, Dir treu zu folgen!

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Samuel Wenn wir den Zustand des Volkes Gottes zu irgendeiner Zeit verstehen, dann können wir auch erfassen, warum der Diener, der am meisten zum Dienst an diesem Volke benutzt wird, in seinem eigenen Leben und in seinen Umständen für den Dienst zubereitet werden muß. Ein ungeeigneter Knecht, wie willig er auch sein mag, kann nur einen unzulänglichen Dienst leisten. Wir können in der Schrift feststellen, daß die Zubereitung und Erziehung des Dieners immer im Zusammenhang steht mit dem Platz, zu dem er bestimmt ist ihn einzunehmen. Israel hatte bis zur Zeit Samuels keinen König; „ein jeder tat, was recht war in seinen Augen“. Israel mußte daher durch Erfahrung lernen, daß, „wer auf sein Herz vertraut, ein Tor ist“, und daß es nur eine Folge des göttlichen Eingreifens war, wenn es je von denen, die es bedrückten, errettet wurde. Nicht nur das, sondern Israel selbst als Volk entfernte sich auf jede Art mehr und mehr davon, Gott über sich gebührend anzuerkennen. Während dieser Zustand der Dinge fortschreitet, wird Samuel geboren. Er nimmt aber seinen Platz als Knecht Gottes erst ein, nachdem Eli gestorben ist, der das Opfer von Verhältnissen war, die er verurteilte, aber gegen die er nicht stark genug war, sie zu ändern. Samuels Mutter ist ein Bild des gläubigen Überrestes Israels zu jener Zeit, und Samuel selbst ein Bild des Segens, der jenem Überrest geschenkt wird. Hanna betete zum Herrn in der Bitterkeit ihrer Seele wegen ihres Kummers und ihrer Kränkung seitens der Widersacherin. Sie verzichtete dabei auf Formen und äußeren Schein. In unausgesprochenen Seufzern ihrer Seele flehte sie zum Herrn, so daß der heilige Priester nach dem Gesetz sie mißverstand. Die Trauernde in Israel ist weiser als der Hohepriester, denn sie empfand ihren Zustand und ihren Kummer. Ihre Antwort auf seinen Vorwurf berichtigt ihn, und er hat Gnade, die Zurechtweisung anzunehmen. Hanna flehte um Samuel. Was dem Bedürfnis einer aufrichtigen, heiligen, trauernden Seele entsprach, das war auch angemessen für die ganze Familie des Volkes Gottes. Die Erhörung des Gebets der Hanna war auch zugleich die Erhörung alles bekümmerten Flehens in Israel. Samuel sollte jedem und allem entsprechen. Er ist die Antwort auf das Gebet der Betrübnis, und so ist er dem Herrn geweiht, um in Seiner Gegenwart zu bleiben. Laßt uns nun Samuel selber betrachten. Je mehr sein Verständnis erwacht, je klarer wird er sich bewußt, daß er als Erhörung eines Gebets berufen ist, und daß er aus diesem Grunde dem Herrn geweiht wurde, um stets vor Ihm zu sein. Bereits sehr früh muß er eine Vorstellung seiner göttlichen Berufung gehabt haben. Auf alle Fälle ist es offenbar, daß er die beste Erziehung dafür hatte. Wenn die vorher bekümmerte, niedergedrückte Hanna ihn als Gebetserhörung empfangen und ihn an den Herrn als Seine Gabe zurückgegeben hatte, mußte Samuel dadurch nicht ständig an die Wirksamkeit des Gebets erinnert werden, deren lebendiger Beweis er selbst ist? Bei Simson, dem letzten der Richter, sehen wir die Macht dem Menschen übergeben; und obwohl er hier und da Heldentaten vollbrachte, so wurde doch mehr durch den Tod dieses Zeugen erreicht

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als durch sein Leben. Bei Samuel wird ein neuer Zustand der Dinge eingeführt. Die bekümmerte Seele, die zu Gott ruft, wird erhört und die Antwort, in der Person von Samuel selbst, wird der Kanal der Errettung mittels des Gebets. Die gleiche Macht, die ihn ins Dasein rief, soll er jetzt ausüben zu Gunsten seines leidenden Volkes, nicht als der Mann physischer Kraft, wie Simson, sondern als der Mann des Gebets. Außerdem wird durch die Erfahrung der Hanna ein wahrer Grundsatz aufgestellt – daß die Segnung, die Gott uns persönlich schenkt, auch groß genug ist für Sein ganzes Volk. Im Gebet liegt nicht nur ein Ausdruck der Abhängigkeit, sondern die wahrhaft betende Seele erwartet auch eine Antwort oder Mitteilung von Gott. Ehe wir aber tief und wirklich gelernt haben, was Gebet ist, mögen wir uns, wie Samuel, in der Stellung des Betenden befinden und doch nicht imstande sein, die Stimme des Herrn zu verstehen. So finden wir in dem ersten aufgezeichneten Bericht aus Samuels praktischem Leben (Kap 3) die Worte, da Samuel „vor dem Herrn diente“, und daß er sich niedergelegt hatte um zu schlafen, ehe die Lampe Gottes im Tempel Jehovas erloschen war. Die ganze Szene ist ein Bild des moralischen Zustandes der Nation zu jener Zeit. „Das Wort Jehovas war selten in jenen Tagen, Gesichte waren nicht häufig“. „Eli lag an seinem Orte seine Augen aber hatten begonnen, blöde zu werden, er konnte nicht sehen“. Samuel hatte sich hingelegt als „die Lampe Gottes noch nicht erloschen war“. Diese Worte zeigen an, daß man es gewohnheitsmäßig zuließ, daß die Lampe Gottes erlosch, was aber gegen die göttliche Anordnung verstieß. Alles deutete Schwäche an. Samuel wird als Antwort auf Hannas Gebet gegeben – Hanna selbst ist das Bild des trauernden Überrestes. Daher tritt Samuel in den Tempel ein als der Repräsentant, der lebendige Zeuge von der Macht und dem Wert des Gebets, wie wir auch von ihm im Psalm 99 lesen: „Samuel unter denen, die seinen Namen anrufen!“ Um aber einen solchen Dienst ausüben zu können, oder um den ihm zugewiesenen Platz auszufüllen, muß er zuerst lernen, die Stimme des Herrn zu verstehen. Man mag sich am rechten Platz befinden und trotzdem die lebendigen Segnungen nicht kennen, die mit diesem Platz verbunden sind. Samuel wird uns vorgestellt als einer, der durch Warten auf Gott das Unglück heilen kann, das Simson bei all seiner großen Kraft nicht zu heilen imstande war. Er ist der Zeuge der Erhabenheit des Gebets über alle persönliche Macht. Wenn er aber der Zeuge für die Wirksamkeit des Gebets sein soll, so muß er für seinen Dienst durch göttliche Erziehung zubereitet werden. Die erste große Lektion, nachdem wir uns Gott genaht haben, ist, die Mitteilung des Herrn in unserer Seele zu verstehen, Seine Stimme zu kennen. Welchen Nutzen hat es, Ihm zu nahen, wenn man nie ein klares Licht oder eine Mitteilung von Ihm empfängt? Ich halte es für die höchste und gesegnetste Stellung der Seele, und für etwas, das für den Hinzunahenden unter allen Umständen notwendig ist, ein klares Verständnis der Gedanken des Herrn zu erlangen. Viele nahen Gott im Gebet, gleichen aber allzusehr dem Samuel zu Anfang dieser Szene, der unfähig war, die Mitteilungen des Herrn wahrzunehmen. Wieviele anhaltende Beter gibt es, die wohl durch ihre Gebete beruhigt und getröstet werden, die aber doch keine klare, gewisse Anweisung vom Herrn über den Gegenstand ihrer Gebete erhalten oder auch nur zu erhalten trachten. Nun, Gebete dieser Art werden nie die Kraft und Freude vermitteln können, die der empfängt, der im Glauben erkennt, was des Herrn Wille ist. Ich sage nicht, daß der Herr uns genau mitteilt, was Er tun wird – obwohl ich selbst dieses in besonderen Fällen erwarten würde, wenn einfältiges Warten auf Ihn voraufgegangen ist. Zu Anfang des Dienstes Samuels lehrt der Herr Samuel Seine Stimme kennen und eröffnet ihm zugleich Sein Wort. Und dies ist die sichere Grundlage des Zeugnisses seines Lebens, nämlich, das

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Angesicht des Herrn in jeder Lage zu suchen und unter Seinen Propheten gekannt zu sein als einer, der „Seinen Namen anrief“. Samuel hatte nun nicht nur die Stimme des Herrn kennengelernt, sondern auch das Wort des Herrn, das sind Seine Absichten. Wenn wir die Stimme des Herrn kennen, werden wir Seine Absichten leicht verstehen können, wie sie uns in Seinem Wort mitgeteilt werden. Samuel weiß nun, was Gottes Gedanken über den Zustand der Dinge sind, und „sein Wort erging an ganz Israel“. Wir haben, wenn wir von Gott belehrt worden sind, auch Kraft zum Zeugnis. Ein Mensch aber, der bezeugt, alle seine Quellen in Gott gefunden zu haben, darf nicht einen glatten, leichten Lebensweg erwarten. Samuel sieht zu Beginn seines Zeugnisses oder Dienstes (Kap 4) Israel in den niedrigsten Zustand versetzt, geschlagen vor den Philistern, der Lade Gottes beraubt, die Priester getötet und Eli ums Leben gekommen. Unglücksschläge können den Mann des Gebetes aber nicht entmutigen. Trotzdem muß es seine Seele in Übung gebracht haben, einen solchen Zusammenbruch gerade in dem Augenblick zu sehen, als er seinen Dienst antritt. Alles schien verloren, aber der Mann, der gelernt hat, die Stimme Gottes zu unterscheiden und Sein Wort zu verstehen, läßt sich nicht entmutigen, wenn auch alle Stützen der göttlichen Herrschaft umgestürzt werden sollten. Samuel war ein solcher Mann, und er konnte mit Gott rechnen. Er sagt (Kap 7): „Versammelt ganz Israel nach Mizpa, und ich will Jehova für euch bitten’. Es ist beachtenswert, daß er vorher das Volk gewarnt und es dahin geführt hatte, den fremden Göttern abzusagen und dem Herrn allein zu dienen. „Die Kinder Israel taten die Baalim und die Astaroth hinweg und dienten Jehova allein“. Wenn ich Gott erkenne, so erkenne ich Seine Natur, ich erkenne Ihn in Einfalt und Klarheit als den einzigen Herrn, und Seinen Namen als den einzigen Namen. Wo ein falsches Verständnis gegenüber dem wahren Gott, oder ein Eingreifen des Menschen nach seinen eigenen Gedanken vorliegt, da entsteht immer eine Schranke, und Gott zu finden wird verzögert. Samuel rief das Volk auf, Jehova allein zu dienen und die fremden Götter hinwegzutun. Dies ist unumgänglich nötig, wenn Errettung bei dem Herrn gesucht wird. Wo dies fehlt, da kann unser Mangel an Gebetserhörung stets auf diese Unterlassung zurückgeführt werden. Der Herr ist dann nicht einzig und allein unser Gott. Habsucht ist Götzendienst, das heißt, das Herz sucht etwas anderes neben Gott. Ein Habsüchtiger kann nicht sagen, daß er dem Herrn allein dient. Infolgedessen kann er nicht vom Herrn die Befreiung aus Not erwarten, denn dies würde ihn nicht näher mit dem Herrn verbinden; die Befreiung von einem augenblicklichen Druck würde ihn vielmehr um so mehr befähigen, die Wünsche seines Herzens ungestört zu befriedigen. Samuel führte das Volk in jenen Zustand der Seele, in dem es Jehova suchen konnte. Der neue und wunderbare Weg, auf dem Gott das Volk von seinen Feinden erretten würde, sollte ihm nun enthüllt werden. Wir lesen: „Und sie versammelten sich nach Mizpa und schöpften Wasser und gossen es aus vor Jehova; und sie fasteten an selbigem Tage und sprachen daselbst: Wir haben gegen Jehova gesündigt“ (1. Sam 7,6)! Dies ist stets der wahre Weg. Die Seele wird wiederhergestellt vor Gott, ehe sie sich in den Kampf mit irgendwelchen Feinden einlassen kann. Samuel führte das Volk Gottes dahin, und nun ist es bereit und wartet auf das Eingreifen Gottes. Aber in dem Augenblick, wo es sich auf die Feinde vorbereitet indem es auf Gott wartet, veranlaßt Satan seine Sendboten (die Philister), sich dem Volk Gottes entgegenzustellen und den Streit wieder aufzunehmen. „Und die Philister hörten, daß die Kinder Israel sich nach Mizpa versammelt hatten, und die Fürsten der Philister zogen wider Israel herauf“. Israel, obwohl gedemütigt und wiederhergestellt in der Gegenwart des Herrn, hat noch nicht genug Erfahrung von der Macht Gottes zu seinen Gunsten gemacht, um unerschrocken

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der Gewalt des Menschen gegenüberzustehen. Eine Seele mag sich in voller Gewißheit vor Gott befinden und sich auf Seine Annahme stützen, und doch kann sie sich vor der Gewalt des Bösen und der Macht der Finsternis sehr fürchten. Nichts kann die Seele von der Angst befreien als nur die Erfahrung. Ich meine die Erfahrung, die wir mit Gott machen, indem die Seele Gebrauch macht von der Macht Gottes, die sie in ihrer Annahme bereits genießt. Petrus machte diese Erfahrung nach seiner Befreiung durch den Engel, als er sagte: „Nun weiß ich in Wahrheit, daß der Herr seinen Engel gesandt und mich gerettet hat aus der Hand des Herodes . . .“ Die Menschenfurcht bleibt oft, obwohl die Seele sich in Frieden mit Gott befinden mag. Aber wenn ich sagen kann: „Der Herr ist mein Helfer, und ich will mich nicht fürchten; was kann, mir ein Mensch tun?“, so ist dies das Ergebnis der Erfahrung. Es ist daher nicht verwunderlich, daß die Kinder Israel sich fürchteten, als sie von dem Herannahen der Philisterfürsten hörten? Aber sie hatten im gewissen Maße den Wert des Gebets in den Augen Gottes erkannt, und sie sagen zu Samuel: „Laß nicht ab, für uns zu Jehova, unserem Gott, zu schreien, daß er uns von der Hand der Philister rette!“ Sie wußten. worin Samuels große Kraft bestand. „Und Samuel nahm ein Milchlamm und opferte es ganz als Brandopfer dem Jehova; und Samuel schrie zu Jehova für Israel, und Jehova erhörte ihn. Es geschah nämlich, während Samuel das Brandopfer opferte, da rückten die Philister heran zum Streit wider Israel. Und Jehova donnerte mit starkem Donner an selbigem Tage über den Philistern und verwirrte sie, und sie wurden vor Israel geschlagen.“ Der Herr schenkt stets dem Beter, der sich auf Ihn stützt, eine Rettung, die über die eigenen höchsten Vorstellungen hinaus geht, und dazu auf keinem gewöhnlichen oder menschlichen Wege verwirklicht wird. Wie bei Paulus im Gefängnis zu Philippi, so handelt der Herr auch hier in einer ganz unerwarteten Weise, an die niemand gedacht hatte, weil sie über die menschliche Vorstellung hinausging. Der Donner Gottes ist die Antwort auf das Gebet, und die Philister werden verwirrt. Israel nimmt die Verfolgung auf und „schlug sie bis unterhalb Beth-Kar“. Wenn wir unsere Feinde geschlagen sehen, so können wir sie, wenn wir überhaupt Mut besitzen, leicht verfolgen und in die Flucht schlagen. Wir haben aber keine Macht, zu handeln, bis die Dazwischenkunft des Herrn unseren Herzen die Zusicherung gibt, daß wir handeln dürfen. Wenn wir wissen, daß Gott auf unserer Seite ist, so können wir sagen: „Wer wird wider uns sein?“ Samuel mußte der so offensichtlichen Gnade des Herrn einen Gedenkstein setzen, denn jede Durchhilfe, als Antwort auf unser Warten auf den Herrn, ist ein Eben-Eser für uns. Es ist in Wirklichkeit ein Eben-Eser unseres Herrn und Erlösers, des auserwählten Ecksteins. Er ist uns die Offenbarung der zärtlichen Liebe unseres Gottes, und wenn uns Barmherzigkeit geschenkt wird, so wird das Herz in der Erinnerung an Ihn belebt. Es ist in einer solchen Stellung, daß wir das Wort verstehen lernen: „Alles vermag ich in dem, der mich kräftigt“. Wir haben das erhebende Bewußtsein, daß Er der Fels unserer Hilfe ist. Welch glücklicher Dienst für Samuel, nach der Bedrängnis seines Herzens, durch die er im Blick auf die Zerstörung um ihn her hindurchgegangen sein mußte! Die Gnade war eine bleibende Gnade – jedes Eben-Eser ist ein bleibendes! Die Philister waren gedemütigt und „sie kamen fortan nicht mehr in die Grenzen Israels; und die Hand Jehovas war wider die Philister alle Tage Samuels“, des Mannes des Gebets. Samuel war nun in seiner Berufung, Israel zu richten, bestätigt. Durch seine Abhängigkeit von Gott hatte er aus den göttlichen Quellen schöpfen dürfen. Und nun nimmt er seinen Platz als Richter eines erlösten Volkes ein. Er zog umher nach Bethel und Gilgal und Mizpa. Der letzte Ort darf nicht

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vergessen werden, dort hatte er seine Berufung bewiesen. Samuel wohnte in Rama, und daheim lebte er das aus, was er draußen unter Beweis stellte, denn „er baute daselbst Jehova einen Altar“. Wir haben nun den Weg verfolgt, auf dem Samuel lernte, durch Gebet und Abhängigkeit von Gott Sein Volk aus der tiefsten Erniedrigung und Ohnmacht zu befreien, bis er als Ergebnis ihr Richter wurde. Und hier, möchte ich sagen, schließt ein Abschnitt seines Lebens, eines Lebens der Abhängigkeit. Aber ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Denn es ist die Eigentümlichkeit, und auch der Segen eines Lebens in Abhängigkeit, daß Du, kaum hast Du ein Ziel (vielleicht nach mühevollen Übungen) erreicht, sogleich in den nächsten Abschnitt eintreten mußt, als direkte Folge der Stellung, die Du durch des Herrn Gnade erreicht hast. Samuel war, durch seine Abhängigkeit von Gott, eine wunderbare Befreiung von äußeren Feinden geschenkt worden. Die Philister sind unterdrückt, und er selbst richtet Israel. Aber ach, es ist mit ihm wie mit uns allen; wenn die Natur ins Mittel tritt und wirksam wird, versagt er, und Unordnung ist die Folge. Es ist offenbar eine Regung der Natur bei Samuel, seine Söhne als Richter im Lande einzusetzen, als er alt geworden war. Eine lange Zeit seines Lebens hindurch sah man bei ihm die Früchte seiner ersten großen und tiefen Übungen in der Abhängigkeit. Aber nun, wo er alt ist, scheint er in weltgemäßes Planen zurückzufallen, indem er seine Söhne zu Richtern macht. Es ist jetzt nicht Abhängigkeit von Gott, sondern fleischliche Berechnung, und sie erweist sich als ein Mißerfolg. „Seine Söhne wandelten nicht in seinen Wegen; und sie neigten sich dem Gewinne nach und nahmen Geschenke und beugten das Recht“. Wir lesen in 1. Samuel 8,4–5: „Da versammelten sich alte Ältesten von Israel und kamen zu Samuel nach Rama; und sie sprachen zu ihm: Siehe, du bist alt geworden, und deine Söhne wandeln nicht in deinen Wegen. Nun setze einen König ein über uns, daß er uns richte, gleich allen Nationen“. Dies ist ein schwerer Augenblick für Samuel, aber ein Augenblick der tiefen Belehrung für ihn wie auch für uns. Wenn derjenige, der den Segen der Abhängigkeit von Gott gekannt hat, sich dahin abziehen läßt, nach eigenem Ermessen zu denken und zu handeln, kann ihm keine größere Gnade widerfahren als daß er in solche Schwierigkeiten verstrickt wird, daß nichts als zur Abhängigkeit von Gott zurückzukehren ihm Hilfe verschaffen kann. Zwei schmerzliche Wahrheiten waren in der Bitte der Ältesten enthalten, die Samuel in große Übung bringen mußten. Erstens, das Versagen seines Ratschlusses bezüglich seiner eigenen Söhne. Dies ist der Punkt, der jeden Mann am meisten schmerzen muß, und je wertvoller der Mann, je stärker das Gefühl des Schmerzes. Zweitens, die Eigenwilligkeit und Gottlosigkeit des Volkes, die in der Bitte um einen König zum Ausdruck kommt. Armer Samuel! Seine Familie hatte ihn enttäuscht, und seine Nation hatte alle seine Mühe und Arbeit auf böse Weise vergolten. Es sind jetzt nicht mehr die Philister, es ist ihr eigenes inneres Verderben. Welch ein Augenblick! Was konnte der betagte Samuel tun? Wir lesen: „Und Samuel betete zu Jehova“. Die Notlage hat dazu gedient, seine Seele zu dem alten und wohlbekannten Kanal der Abhängigkeit zurückzuführen. Und, wie es bei dem wirklich Abhängigen, der Gottes Verherrlichung sucht, stets der Fall sein wird: Gott antwortet ihm in äußerst gnädiger und tröstlicher Weise, indem er auf all die Gefühle Seines Knechtes eingeht. „Nicht dich haben sie verworfen, sondern mich haben sie verworfen, daß ich nicht König über sie sein soll.“ Samuel war das Bindeglied zwischen den Richtern und dem Königtum, oder das Bild der Treuen in dem Zwischenraum zwischen dem offenbaren Versagen Israels, als eines von Gott regierten Volkes, und der Errichtung des Königtums. Simson war es, der jenen Zeitabschnitt angemessen beendete,

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der hauptsächlich durch die Macht in der Person des Menschen gekennzeichnet war, indem er selbst das ausgesprochenste Beispiel dieses Abschnittes darstellt. Samuel stellt uns eine ganz andere Ordnung der Macht vor Augen, einer Macht, die stärker ist, als alle vorangegangenen, nämlich die Macht des Gebets und der Abhängigkeit von Gott. Er zeigt uns, wie gesegnet es ist in Gemeinschaft mit Gott voranzugehen, und wie groß die Rettungen sind, die aus dieser Abhängigkeit hervorkommen. Er verbindet uns auch mit dem Königtum und wird selbst abgelöst durch Gottes gesalbten König David. Zunächst muß er aber seinen Platz Saul einräumen. Denn der Zeuge des Vertrauens auf Gott, der Mann des Gebets, muß sich schicken, all der Feindseligkeit, wie lange sie auch währen mag, in Geduld zu begegnen, die sich erhebt, um seinen Glauben auf die Probe zu stellen. Saul entsprach dem, was Israel sich unter einem König vorstellte, und Gott gestattete seine Einsetzung. Was Ismael für Isaak war, das war Saul für David: der Gegensatz des natürlichen zu dem geistlichen Menschen. Der König nach den Gedanken des Menschen wird erst geprüft, ehe der Herr Seinen König einsetzt. Der betagte Samuel, der Mann des Gebets und der Abhängigkeit von Gott, wird beauftragt, Saul zu berufen und zu salben. Gott gestattete die Einsetzung des Mannes, der in Wahrheit das Wunschbild Israels war. Und mehr als das, „der Geist Gottes geriet über ihn, und er weissagte“. Wie das Gesetz der Seele, die wirklich durch es Gott sucht, erst zeigt, wie wahrhaft schuldig sie ist, so mußte Saul beweisen, wie unfähig Israel war, sich selbst durch einen König seiner eigenen Wahl zu helfen, selbst wenn dieser von Gott zugelassen wurde. Samuel wird nun einen Erziehungsweg geführt, der sehr verschieden von dem zu Anfang seiner öffentlichen Laufbahn ist. Als ein Greis am Ende seines Lebens stehend, und am Ende seines Zeugnisses für die Glückseligkeit des Vertrauens auf Gott, muß er nun in Geduld tragen und mitwirken, solange er es noch vermag. Während diese Erziehung andauert, muß er all die traurigen und bitteren Gefühle unterdrücken, welche seine Gedanken bestürmen mögen. Er muß auf Gott warten, er muß auf das Ende warten, bis Gott dieses Ende einführt. Seine Haltung und sein Tun in diesem traurigen Abschnitt seines Dienstes sind sehr ermutigend für uns. Es ist leichter, sich emporzurichten und in Gott zu ruhen, indem man auf Seine Rettung vor offenbaren Feinden, wie den Philistern, vertraut, als anzuerkennen und mitzuwirken in all dem, was um uns her wohlmeinend zu sein bekennt. Samuel unterwirft sich, im Gehorsam gegenüber dem Herrn, der Prüfung eines menschlichen Königs, erkennt ihn an und bezeugt ihn als von Gott erwählt, bis sich das Gegenteil erweist. Zu gleicher Zeit verfolgt er aber zwei Grundsätze in der Handlungsweise: Treue dem Volk gegenüber, daß er vor dem Abfall und der damit verbundenen Zucht warnt, aber auch Treue Gott gegenüber. Die Treue Gott gegenüber leitete ihn dahin, sich augenblicklich von dem König loszusagen, als dieser die von Gott festgelegten Richtlinien verließ. Wir wollen uns daran erinnern, daß Samuel in Abhängigkeit von Gott das Volk Israel zur Sicherheit und Rettung von seinen Feinden geführt hatte, daß er aber irrte, als er meinte, seine Söhne könnten ihn in dieser seiner Stellung ablösen. Er kommt in Übungen und Leiden durch ihre Unzulänglichkeit und Untreue. Und nun sagt sich das Volk durch seine Ältesten von der Stellung der Abhängigkeit von Gott los, die ihm in der Person Samuels solche Segnungen gebracht hatte. Sie wollen zu menschlicher Größe zurückkehren, aber jetzt nicht mehr durch Werkzeuge, die Gott Sich erwählt hat, sondern durch einen König „nach Art der Nationen“. Der Unterschied zwischen den Richtern und den Königen ist dieser: Die Richter leiteten das Volk auf Grund eines direkten Auftrags von Gottes Seite aus, die Könige nahmen ihre Stellung auf Grund öffentlicher Annahme seitens des Volkes ein. Samuel

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befindet sich jetzt in einer Stellung, die der Stellung des Mose ähnlich war, als das Volk sich erbot, das ganze Gesetz zu halten: Er musste beiseite stehen und ihnen den Versuch überlassen, um, wenn sie versagten (was unausbleiblich der Fall sein würde) imstande zu sein, sich in die Bresche zu stellen und das göttliche Heilmittel anzuwenden. Samuel stellte dem Volk in vollem Umfang und ganzer Eindringlichkeit seinen Abfall und dessen Folgen vor Augen. Zu gleicher Zeit aber steht er als Vorbild vor uns durch seine bereitwillige Hilfe und sein Ertragen Saul gegenüber, solange dies möglich war. Welch ein Erziehungsweg für ihn! Der Wert des Vertrauens auf Gott wird von ihm mehr benötigt und bewiesen als je zuvor. Wie wird seine Seele dadurch belebt! Seine Söhne haben versagt und sind zu einem Anstoß geworden; das Volk weist die Abhängigkeit von Gott von sich und sucht einen König, der Ihn ersetzen soll – Samuel aber verfolgt seinen Weg durch all diese Umstände hindurch. Er wird nun vom Herrn angewiesen, das Volk ernstlich zu ermahnen und ihm die Weise des Königs vorzustellen, der über es herrschen soll. Und er tut dies in umfassender und klarer Weise. Der Mann des Glaubens wird beauftragt, jeden Schritt, der sich gegen den Glauben richtet, bloßzustellen und zu verurteilen. Nachdem er dies getan hat, kann er geduldig warten, während die Unabhängigkeit des Menschen auf die Probe gestellt wird. Nein, er genehmigt sie und erkennt sie an, soweit er dazu die göttliche Befugnis besitzt. Seine Handlungsweise Saul gegenüber ist sehr schön. Er empfängt ihn nicht nur als den geehrten Gast, er sagt ihm auch, daß all das Begehren Israels auf ihn gerichtet sei. Und nicht nur das, sondern er ließ ihn auch den Ehrenplatz unter den Geladenen einnehmen. Um ihn noch weiter auszuzeichnen, wird ihm das Schulterstück vorgesetzt, wobei Samuel sagt: „Siehe, das Zurückbehaltene!“ Und dann „nahm Samuel die Ölflasche und goß sie aus auf sein Haupt, und er küßte ihn und sprach: Ist es nicht also, daß Jehova dich zum Fürsten über sein Erbteil gesalbt hat?“ Welch eine Übung für Samuel, auf diese Weise zu handeln! Er zeigt uns die huldvolle Handlungsweise und ruhige Unterwerfung einer Seele, die sich in der Abhängigkeit von Gott praktisch übt, ja, die darin bereits geübt ist. Er ist der wirklich Abhängige, der den Geschehnissen nicht vorausgreift, sondern sich geduldig einer Ordnung der Dinge unterwirft, die zwar versagen muß, aber jetzt noch nicht als solche geoffenbart ist. Als nächste Handlung sehen wir Samuel das Volk zusammenrufen vor Jehova zu Mizpa (1. Sam 10,17). Zu diesem Ort bestand eine wichtige Verbindung, denn dort hatte sich das Volk zu Jehova zurückgewandt und hatte den Segen des Gebets gelernt (1. Sam 7,5+6). Hier stellt er Saul dem Volke vor. Samuel sagte zu dem Volk: „Habt ihr gesehen, den Jehova erwählt hat? Denn keiner ist wie er im ganzen Volke.“ Er kann mit Würde, mit Gnade und sogar mit Freude zusehen, wie er selbst beiseitegesetzt wird, weil es so der Wille des Herrn war. Er ist nur der demütige, abhängige Diener, der den Willen des Herrn versteht, wenn sich neue und ungekannte Umstände ergeben. Ständig finden wir bei uns eine Neigung, einen einmal erkannten Rechtsgrundsatz unter allen erdenklichen Umständen durchzusetzen. Der Grundsatz mag wahr sein, und wenn dies der Fall ist, so wird er sich auch als solcher erweisen. Gott aber stellt oft den Gegner bloß, ehe Er Seinem Gericht den freien Lauf läßt, und die wirklich abhängige Seele, wie diejenige Samuels, wird mit Gott übereinstimmen und in Gerechtigkeit und Liebe vorangehen. In Kapitel 11 Vers 14 sagt Samuel zu dem Volk: „Kommt und laßt uns nach Gilgal gehen und daselbst das Königtum erneuern.“ Es zeigt sich kein Unwille, nichts von einem Zwang in Samuels Handlungsweise. Als Saul sich durch seine Eigenschaften des Königtums würdig erwiesen hatte, tritt Samuel hervor und ermuntert das Volk, den höchsten Standpunkt einzunehmen: Das Königtum in Gilgal zu erneuern und

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Saul an der Stätte zu krönen, die geheiligt war durch all die großen Kraftentfaltungen der Wahrheit und Macht, welche die leuchtendste Stunde ihrer Geschichte kennzeichnete. Wie Abraham Lot mit Würde und Selbstverleugnung Platz macht, so tut es Samuel Saul gegenüber. Nein, Samuel steht größer da, denn er ehrte, schützte und beriet Saul solange es noch von irgendwelchem Nutzen war. Und von jenem Zeitpunkt an zieht er sich nach seinem eigenen Hause zurück, indem er den Ausgang Gott überließ. Aber, obwohl er voller Liebe ist, ist er auch im gleichen Maße gerecht. Und daher stellt er dem Volk in voller Ausführlichkeit vor Augen, wie groß ihre Sünde ist, einen König zu begehren. Zu gleicher Zeit rief er aber zum Herrn, und Jehova sandte Donner und Regen. Samuel schrickt nicht davor zurück, dem Volk seine große Sünde vorzustellen, obwohl er jede Bereitschaft gezeigt hat, mit ihm zu tragen und obwohl er ihm jetzt zusichert, daß er nicht aufhören werde, Fürbitte für es einzulegen. Wer könnte diese Dinge so völlig und rein miteinander verbinden, als nur die Seele, die sich auf Gott stützt? Es ist wunderbar, welche Fähigkeit man erwirbt, sowohl gütig als auch gerecht zu handeln, wenn man wirklich in Abhängigkeit mit Gott wandelt. Die Liebe erduldet alles und läßt alles zu, soweit sie es nur kann – sie bedeckt eine Menge von Sünden. Aber in dem Augenblick, in dem Gott verunehrt oder Seine Wahrheit entstellt wird, macht die Gerechtigkeit ihre unbeugsamen Forderungen geltend, und der Schuldige, möge er sein, wer er wolle, erhält sein verdientes Urteil. So war es bei Saul. Samuel hat ihn geehrt und ihm Beistand geleistet, solange er als Mensch unter Menschen in Aufrichtigkeit wandelte. Aber in dem Augenblick, als er gegen die Anordnungen Gottes verstieß (als Saul das Brandopfer opferte), schonte Samuel ihn nicht. Als Saul ihm entgegenkam, um ihn zu begrüßen, sagte er: „Was hast du getan!“ Und er fügte dann hinzu: „Du hast töricht gehandelt, du hast nicht beobachtet das Gebot Jehovas, deines Gottes, daß er dir geboten hat; denn jetzt hätte Jehova dein Königtum über Israel bestätigt auf ewig; nun aber wird dein Königtum nicht bestehen. Jehova hat sich einen Mann gesucht nach seinem Herzen, und Jehova hat ihn zum Fürsten über sein Volk bestellt; denn du hast nicht beobachtet, was Jehova dir geboten hatte“. Wenn wir in völliger Liebe wandeln, und gleichzeitig in wirklicher Treue Gott gegenüber, so können wir versichert sein, daß der Herr, nachdem Er uns erprobt hat, das verborgene Böse offenbar machen wird, das wir vor Ihn brachten, nur weil es nicht aufgedeckt war. Es ist Liebe, so lange zu einem Menschen zu stehen, wie Gottes Wort es gestattet. Aber die Liebe muß aufhören, wenn irgendein Angriff gegen Gottes Anordnungen gemacht wird. Jedes Gefühl dem Menschen gegenüber muß zurücktreten, um die Vorschriften Gottes zu vertreten. Demjenigen, der, wie Samuel, es gelernt hat, in Nachsicht und Liebe gegenüber einem Saul zu handeln, während er sich gleichzeitig gegen den Grundsatz der Unabhängigkeit stellt, wird endlich eine Gelegenheit gegeben werden, die Anmaßung des Fleisches bloßzustellen. Saul verurteilt sich selbst wegen seines Eingriffs in den Priesterdienst – einer Handlung, die stets die Frucht menschlicher Unabhängigkeit ist (die Handlungsweise eines Kain wurde durch die Anmaßung Korahs zur Vollendung gebracht, vergl. Judas 11). Samuel weiß, daß das Königtum nicht in Saul aufgerichtet werden kann, aber er stellt ihn nochmals auf die Probe, indem er ihn gegen die Amalekiter aussendet. Saul versagt nochmals, und Samuel wird in tiefe Betrübnis versetzt. Er hatte den bösen Tag nicht herbeigewünscht, obwohl er ihn vorausgesehen hatte. Er ist in solcher Betrübnis über diesen Zusammenbruch, daß er, wie ein Jeremia, die ganze Nacht zu Jehova schreit. Als Folge davon sehen wir, in welch angemessener und treuer Weise er handelt, als die Zeit zum Handeln gekommen ist. Er

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„hieb Agag in Stücke“ und wendet sich an Saul mit einem Urteil, das nicht nur niederschmetternd ist, sondern auch göttliche Grundsätze aufzeigt, die weit über das Licht und die Erkenntnis der Haushaltung hinausgehen, in der er diente. Welche Unterweisung gibt uns Samuels Gesinnung in dieser Szene! Er hat zu Saul gehalten in der Hoffnung, daß dem Volke Gottes Hilfe durch ihn erwachsen würde. Nun aber, da er überzeugt davon ist, daß keine Hoffnung mehr vorhanden ist, geht Samuel nach seinem Hause in Rama. „Und Samuel sah Saul nicht mehr bis zum Tage seines Todes.“ Nicht, daß er gleichgültig ihm gegenüber geworden wäre, denn es heißt: „Samuel trauerte um Saul“. Er hatte, mehr als man erwarten würde, damit gerechnet, daß Israel durch Saul geholfen werden würde. Aber er mußte lernen, daß der Repräsentant des Volkes ein Versager sein mußte. Ihm wird diese Erkenntnis in Gnaden zuteil, wie es bei jeder Seele der Fall sein wird, die Gott wirklich treu ergeben ist. Durch seine Treue, sein einfältiges Auge, war Samuel „voller Licht“ – leuchtend! Und wenn er einen Augenblick lang zuviel von dem erwartet hatte, was nach Gottes Zulassung auf die Probe gestellt werden sollte, während er in Liebe zu den Menschen und in Treue Gott gegenüber handelte, so wurde er am Schluß vollkommen darin gerechtfertigt, daß er sich von dem menschlichen König lossagte. Dies ist eine wichtige Lektion für den Diener Gottes. Zweifellos trauerte Samuel um Saul. Auch der Herr trauerte um Jerusalem. Samuel war betrübt über den Ruin aller menschlicher Hoffnungen. Aber der treue Gott, Der Seinen Knecht an seine jetzige Stätte betrübter Zurückgezogenheit geführt hatte, überwältigt durch das Versagen des Königtums, macht nun Seine Güte gegen Samuel voll, indem Er ihm Seinen eigenen König zeigt und ihn mit dessen Salbung beauftragt. Wie muß das Herz Samuels erleichtert und beglückt gewesen sein, als er sich endlich in der Gegenwart des Königs Gottes befand, des Mannes nach dem Herzen Gottes! Aber nicht nur das. Als David von Saul verfolgt wurde, da war Samuel sein Gefährte in der Verbannung: „Er (David) und Samuel gingen hin und wohnten zu Najoth“ (Kap 19, 18). Welch ein Abschluß! Wie gesegnet und angemessen nach einer solchen Geschichte! Samuel verliert sich in David. Nachdem er während der Zeit seiner Verwerfung bei ihm gewohnt hatte, verläßt Samuel, der Mann des Gebets und der Abhängigkeit, den Schauplatz seines früheren Dienstes, seiner Übungen und seiner Erziehung (Kap 25,1), ehe der rechtmäßige König – der Gesalbte Gottes, zu dem Samuel sich bekannt hatte – das Zepter ergreift.

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David Wenn wir die Erziehungswege Gottes verstehen wollen, die David geführt wurde, ist es nötig, daß wir Den im Auge haben, Den David vorbildlich darstellte. Die Wesenszüge jenes Einen konnten von David nur angedeutet und im Vorbild dargestellt werden auf Grund göttlicher Belehrung und unter Abtötung seiner eigenen Natur. Hinsichtlich seiner Stellung war David ständig ein Bild des Herrn Jesus Christus. Da er aber ein Mensch von gleichen Gemütsbewegungen wie wir war, so hatte er es, je höher seine Berufung war, um so mehr nötig, daß seine alte Natur beiseitegesetzt wurde, damit er in seinem Seelenzustand seiner hohen Stellung entsprechen konnte. Wir werden daher sehen, daß das große Ziel aller Zucht, durch die er gehen mußte, war, ihn für die Stellung fähig zu machen, in die Gott in Seiner Gnade ihn berufen hatte. Ist es nicht so auch bei uns allen? Müssen wir nicht in die Zucht genommen und zubereitet werden für jede Stellung, die Gottes Gnade uns überträgt? Je höher die Gnade uns zu dem Bewußtsein ihrer selbst erhebt, je nötiger haben wir die Reinigung. Wie dies geschieht, das würde unsere persönliche Lebensgeschichte, wenn sie gewissenhaft niedergeschrieben würde, im Einzelnen ergeben. Damit wir nun lernen, Seine Zucht an uns sorgfältig und richtig zu beachten und zu beurteilen, legt uns unser treuer Gott die Geschichte Seiner Wege mit anderen niedergeschrieben vor, die den Weg vor uns gepilgert sind. Die Geschichte Davids ist eine eindrucksvolle Illustration jener wunderbaren Zucht und Ermahnung, durch die Gott erzieht, – die Unterwerfung und Beiseitesetzung unserer selbst, um alles zu unterdrücken, was Seiner Gnade und Seinen Absichten zuwiderläuft. 1. Samuel 16. David wird zuerst erwähnt, als Samuel von Gott gesandt wird, um ihn zum König an Sauls Stelle zu salben. Hier, in dem ersten uns mitgeteilten Abschnitt seines Lebens, können wir die Spuren des Charakters und der Stellung dessen sehen, der unsere Aufmerksamkeit später in so reichem Maße auf sich lenkt. Wir finden ihn, den jüngsten Sohn Jesses, abwesend von zu Hause, bei der Hut der Schafe seines Vaters in der Wüste. Dabei zeigt uns sein Angesicht – dieser untrügliche Spiegel des innersten Wesens –, welche Art von Mensch vor uns steht: Er war „rötlich, dazu schön von Augen und von gutem Ansehen“. Und als Samuel ihn gesalbt hatte, „geriet der Geist Jehovas über David von selbigem Tage an und hinfort.“ Vorbildlich stellt der gesalbte David unseren Herrn dar nach der Taufe des Johannes, als der Heilige Geist vom Himmel herniederkam und auf Ihm blieb. So wie der Herr, als eine Folge dieser Salbung des Heiligen Geistes, Seinen öffentlichen Dienst aufnahm, ebenso tritt auch David, das Vorbild, seinen Dienst nun an. Unser Herr, voller Gnade und Wahrheit, wurde dadurch umso mehr dem Bösen um Sich her ausgesetzt. Und bei David, sobald der Geist Gottes auf ihn gekommen war, „wich der Geist Jehovas von Saul, und ein böser Geist von Jehova ängstigte ihn-. David ahnte sicher nicht, als der Geist auf ihn kam, daß sein erster Dienst als der Mann Gottes es sein würde, die Gewaltsamkeit, die geistliche Gewalttätigkeit zu besänftigen, die sich in dem Haupt des Königreichs zeigte. Es war Saul geraten worden, einen Mann zu suchen, der des Lautenspiels kundig war, um den bösen Geist von

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ihm zu vertreiben. Und gerade der, der für diesen Dienst vorgeschlagen wird, ist David. Er wird in angemessener Weise beschrieben als einer, der des Spielens kundig ist, und ein tapferer Held und ein Kriegsmann, und der Rede verständig und ein schöner Mann; und Jehova ist mit ihm.“ – „Und es geschah, wenn der Geist von Gott über Saul kam, so nahm David die Laute und spielte mit seiner Hand; und Saul fand Erleichterung, und es wurde ihm wohl, und der böse Geist wich von ihm.“ Für David, den gesalbten König Gottes, war das ein scheinbar geringer Dienst, könnten wir sagen. Aber was für ein moralisches Vorrecht! Es scheint nur etwas Geringes zu sein, auf einer Laute zu spielen. Aber geringe Dienste, die in der Kraft des Geistes Gottes verrichtet werden, haben die erstaunlichsten Ergebnisse zur Folge. Der Herr nahm während Seines Erdenwandels den gleichen Platz ein in bezug auf das Böse und all die Gewalttätigkeit, die Ihn hier umgaben. Für David aber bedeutete dies auch Zucht. Ob er verstanden hatte, was die Salbung in ihren vollen Auswirkungen bedeutete, wird uns nicht mitgeteilt. Wenn wir aber daran denken, daß der Geist Gottes auf ihn herniedergekommen war, so glauben wir, daß er empfunden haben muß, daß er die Befähigung für ein höheres Amt besaß. Hier aber zeigt sich die Echtheit wahrer Kraft in der Unterwerfung unter Gottes Willen. Es war Gottes Berufung, die ihn an diesen Platz stellte; der König Saul brauchte seinen Dienst, und er verrichtete ihn ohne Widerrede. Vielmehr, mit großer Geschicklichkeit! Treue im Geringsten beweist die Fähigkeit für das Größere. Und David lernt bei seinem ersten öffentlichen Auftreten, die großen Fähigkeiten, die Gott ihm gegeben hat, zur Förderung des im Augenblick am meisten benötigten Guten zu verwenden. Was hätte edler oder königlicher sein können! 1. Samuel 17. Obwohl David von Saul sehr geliebt wurde, und er ihn zu seinem Waffenträger machte, scheint es doch, daß er nur gelegentlich in der Gegenwart Sauls weilte, und daß er das Hüten der Schafe seines Vaters in der Wüste nicht aufgegeben hatte. Denn als Saul im Terebinthental in die Schlacht gegen die Philister zieht ist David nicht bei ihm, und es wird uns ausdrücklich mitgeteilt, daß er zurückgekehrt war, um die Schafe seines Vaters zu Bethlehem zu weiden, und daß David von da aus, auf Grund der Weisung seines Vaters, zum Kriegsschauplatz kam – ich nehme an, etwa 40 Tage nach Ausbruch des Kampfes. Ich erwähne dies, weil es uns die wechselnden Wege zeigt die in der göttlichen Erziehung so wertvoll und nötig sind. David war ein Insasse des Palastes gewesen, der Waffenträger des Königs, sehr geliebt von ihm, und er hatte dem König überdies einen einzigartigen Dienst erwiesen. Aber er verläßt diesen Schauplatz, um zu dem niedrigen Dienst zurückzukehren, die Schafe seines Vaters in der Wüste zu hüten. Dort dient er in Zurückgezogenheit mit gleichem Eifer und gleichem Fleiß wie an höchster Stelle, und er beweist durch seine Willigkeit, die eine Arbeitsstätte mit der anderen zu vertauschen, die wahre Kraft der Seele und Aufrichtigkeit seiner Absicht als ein treuer Diener, was auch immer von ihm verlangt wurde. Ein bedeutenderer und hervorragender Dienst steht ihm jedoch nun bevor. Doch der Weg zu diesem Dienst ist ein sehr geringer Weg. Denn auf Anordnung seines Vaters verläßt er die Wüste und die Hut der Schafe, um einen sehr einfachen Auftrag auszuführen, nämlich, seinen Brüdern Lebensmittel zu bringen und nach ihrem Wohlergehen zu fragen. Während er diesen Auftrag ausführt zeigt sich ihm eine Möglichkeit, eine Forderung in ihm, von der Herrlichkeit Gottes Zeugnis zu geben. Einer solchen Forderung zu entsprechen, dazu ist der Mensch Gottes stets bereit. Nachdem David sich zuerst seines Auftrags entledigt hat, wird seine Aufmerksamkeit erregt, als er den Philister die Schlachtreihen des lebendigen Gottes schmähen hört. Sein Geist wird in ihm erregt, und er beschließt sofort, dem Philister entgegenzutreten. (Wie

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besitzergreifend und zum sofortigen Handeln drängend ist die Kraft Gottes!) Obwohl er nur mit einem geringen Auftrag betraut war, ist David doch bereit, sich augenblicklich mit großem Eifer und großer Tapferkeit in den hervorragendsten Dienst zu stellen, zugleich aber auch mit schöner Einfachheit. Indem er die Rüstung Sauls zurückweist, die er „nie versucht“ hatte, ergreift er, was für ihn am natürlichsten war, fünf glatte Steine aus dem Bach. Er zeigt dadurch, daß er nichts Höheres brauchte, als die Mittel, die zum Bereich seiner Tätigkeit gehörten. Mit der einfachen Ausrüstung eines Hirten ist er zufrieden und furchtlos, er kann dem furchtbaren Feind mit einem Stabe, einer Hirtentasche, einer Schleuder und fünf Steinen entgegentreten – fünf „glatte Steine“! Wie völlig muß er im Besitz göttlicher Kraft gewesen sein, um sie mit solcher Ruhe und Besonnenheit anzuwenden! David tritt Goliath entgegen, wie er einem Kinde hätte begegnen können, und er erwidert seine Herausforderung mit all der Würde eines Menschen, der die Macht kennt, auf die er sich als seine Waffe bedenkenlos stützt. Vertrauen auf Gott, Dessen Durchhilfe er in seinen persönlichen Wüstenkämpfen mit dem Löwen und dem Bären erfahren hatte, machte ihn furchtlos und sicher bei der Begegnung mit einem furchtbaren Feind, vor dem das ganze Heer Israels zitterte. Ein Stein genügte, und der Riese stürzte zu Boden! David, in richtiger Anwendung der Mittel, nachdem er vorher Sauls Rüstung als ein Mittel zum Sieg abgelehnt hatte, ergreift nun rechtmäßigen Besitz von dem, was er erobert hatte, Er nahm das Schwert Goliaths und „hieb ihm den Kopf damit ab’. Jede Handlungsweise zeugt von der Angemessenheit und Weisheit göttlicher Kraft. 1. Samuel 18. Wie es bei dem Herrn Selbst war, so bleiben auch Davids größte Verdienste ohne Anerkennung, ausgenommen durch den kleinen Überrest, der mit Seiner Person verbunden war, und der dem armen Weibe in Lukas 7 gleicht. Sie empfand, daß der Herr alles für sie bedeutete, während der Pharisäer und die Hochgestellten in sich hohl waren und dem Herrn ablehnend gegenüberstanden. Sicherlich schätzte der Herr die Liebe Seiner Jünger, und sie erfreute Ihn auf Seinem Erdenweg, auf dem Er von den Menschen so verkannt und beiseitegesetzt wurde. David wurde noch größerer Trost gewährt in der wunderbaren, ergreifenden Zuneigung und Verbindung mit Jonathan, der ihm treu blieb. Er mußte aber auch lernen, daß dies alles war, worauf er rechnen konnte. Mochte sein Dienst auch noch so erhaben sein, er durfte sich nicht auf die stützen, denen er gedient hatte, sondern nur auf den einen, dessen Zuneigung er gewonnen hatte. Es mußte eine Herzensverbindung sein, nicht die Gunst des Volkes oder des Königs – eine gesegnete Erfahrung für jeden Diener, ein schöner und heiliger Pfad, zu dem die Seele hingeleitet wird. Die Undankbarkeit schlägt bald in Feindschaft um. Saul beneidet jetzt David und er „sah scheel auf David von jenem Tage und hinfort“. Saul ist, wie ich empfinde, ein Bild der Welt, die ein religiöses Kleid trägt so wie das Christentum durch die Welt gestützt wird. Je treuer wir in dieser Welt sind, je stärker fordern wir ihre Feindschaft heraus. Aber wie förderlich ist diese Feindschaft für den Mann Gottes! Bleibt er treu, so treibt sie ihn schließlich dazu, jegliche Gemeinschaft mit der Welt aufzugeben. Denn so treu sein Dienst auch sein mag, er kann nie siegen. Ich möchte nicht sagen, daß David kein Recht hatte, das Haus Sauls aufzusuchen. Indem er den Herrn darstellte, befand er sich dort als der Befreier. Aber am Schluß ist er gezwungen, zu gehen, so wie jeder treue Knecht früher oder später feststellen wird, daß er entweder fällt oder alle Gemeinschaft mit der Welt aufgeben muß. Auf die verschiedenste Weise versucht Saul, die Vernichtung Davids herbeizuführen. So ein bitterer und unverdienter Haß mag uns in Erstaunen versetzen. Aber er zeigt uns lediglich die Bosheit des

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weltlichen Bekenners, der durch das größte Maß an Güte und Hilfe nicht entwaffnet werden kann. David zeigt uns hier das Bild eines Menschen, dem es ein Bedürfnis ist, inmitten seines Volkes zu dienen – ein edler Entschluß, der sich in vollkommener Weise in dem wahren David, dem größten Knecht Gottes, in Jesus, zeigte. Saul versucht nun, David dadurch zu fangen, daß er ihm seine älteste Tochter unter der Bedingung zusagt, daß er die Streite Jehovas streite. Denn er ist im Bösen noch nicht so verhärtet, daß er öffentlich die Hand an ihn legen würde. Er dachte aber: „Die Hand der Philister soll wider ihn sein!“ David bekommt Merab nie zum Weibe; offenbar hätte er dies als eine ganz unerwartete Ehrung angesehen. Aber es kam nicht zu dieser Ehrung. Es ist der stete Tropfen, der den Stein höhlt und dies war stets die Art der Zucht, die David nötig hatte. Wie muß er unter dem Betrug und den Intrigen gelitten haben, auf die er so wenig vorbereitet war, als er den Kreis um den König betrat! Die Edlen und Starken können schlecht die gemeine Gesinnung des Neides ertragen. David lernte aber dadurch das trügerische Wesen der Gottlosen kennen. Saul gibt Merab, allem Recht und Ehrgefühl zuwider, dem Adriel zum Weibe. Aber indem er immer noch nach der Vernichtung Davids dürstet, bietet er ihm Michal als eine Falle an, nämlich mit der Bedingung, daß er als Heiratsgabe „hundert Vorhäute der Philister“ bringen müsse. David geht willig darauf ein. Indem er sich nicht an die Begrenzung des Abkommens hält, geht er in der Großzügigkeit seines Wesens über die gestellte Bedingung hinaus (denn er will niemandes Schuldner sein), und erschlägt „unter den Philistern zweihundert Mann“. Je höher wir jedoch über dem Geiste der Welt stehen, je mehr wird sie uns hassen. Saul wurde nun „David feind alle Tage-. Dieser treue Diener muß nun eingesehen haben, daß alle seine Güte und sein Dienst am Hof nichts ausrichteten. Vermehrte Ehre brachte ihm nur tödlicheren und tiefgewurzelten Haß ein. In geringem Maße muß er die Gefühle Dessen empfunden haben, Der sagte: „Wenn ich nicht die Werke unter ihnen getan hätte, die kein anderer getan hat, so hätten sie keine Sünde . . . Sie haben mich ohne Ursache gehaßt“. 1. Samuel 19. Dieser Haß verbirgt sich jetzt nicht mehr unter einem schützenden Mantel. Denn Saul redete zu seinem Sohne Jonathan und zu allen seinen Knechten, daß er David töten wolle“. David wird durch Jonathan, der großes Wohlgefallen an David hatte, wegen dieser Absicht gewarnt. Wie gnädig und barmherzig sind die Wege Gottes mit Seinem Volk! Wenn Er es für nötig befindet, Seinen Knecht durch eine bittere Erfahrung das Böse einer Gemeinschaft mit der Welt zu zeigen, von der der Knecht sich absondern muß, so sorgt Gott gleichzeitig für ein ergebenes Herz, auf das sich Sein Knecht völlig verlassen kann! David hatte einen Lichtblick, einen Ort der Geborgenheit, eine Zuflucht, die sein großes Gegenbild nur wenig auf Erden kannte. Jonathan warnt ihn, vermittelt zwischen ihm und seinem Vater, Saul läßt sich erweichen, und David „war vor ihm wie früher“. Alle diese wechselnden Erziehungswege sind nötig. Wenn wir so gering geworden sind, daß wir uns „verbergen am Bergungsorte“, so wird unsere Zuflucht in Gott als eine Wirklichkeit nicht nur bezeugt, sondern sie wird uns selbst bewiesen. Wenn dann die äußeren Umstände wieder günstig sind, und wir vergleichen die Ruhe, die wir dank der Umstände genießen mit derjenigen, die wir genossen haben, als wir – menschlich betrachtet – in aussichtsloser Lage waren, dann merken wir den großen Unterschied: Die geringere Hilfsquelle kann uns nie die Ruhe bieten, die wir in der höheren Quelle finden. David, dem sich die Gunst Sauls wieder zugewendet hat, dient mit Eifer, aber er wird bald wieder angegriffen, und kann nur durch eine List Michals entfliehen, – derjenigen, die Saul als Falle für

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David benutzen wollte. Nachdem er nun überzeugt ist, daß er nicht länger im königlichen Palast bleiben kann, flieht er, indem er seine Stellung und alles, was einem Mann wertvoll ist, aufgibt, mit Ausnahme seines Lebens. Und wohin wendet er sich? Wohin treibt ihn natürlicherweise der Bruch mit Saul? Zu Samuel in Rama. Samuel hatte sich, nach einem weiteren Erziehungswege, ebenfalls aus der Gemeinschaft mit Saul zurückgezogen. Nun war der wahre König, nach allen vergeblichen Versuchen, der herrschenden Macht zu dienen und sie für sich zu gewinnen, ebenfalls zum Rücktritt gezwungen worden. Und, indem er den göttlichen Pfad beschreitet, kann er nicht anders als dem begegnen, der ihn bereits zurückgelegt hat. David und Samuel, der Diener und der Prophet, werden durch etwas Gemeinsames verbunden, – der eine betritt gerade die Schule Gottes, der andere verläßt sie. David war noch ein jugendlicher Schüler, während Samuel betagt und in dieser Schule wohl ausgebildet war. Aber durch den verwandten Geist und durch ein gleiches Ziel begegnen sie sich und wohnen zusammen. Und dies ist der wahre, heilige und göttliche Weg, Gemeinschaft mit den Heiligen zu erlangen. Hast Du den göttlichen Weg durchschritten und ich betrete ihn, so müssen wir einander begegnen und zusammen wandern, denn wenn auch die Wege der Menschen viele sind, so ist Gottes Weg nur einer. Was hatte David nun durch dies alles gelernt, als er gezwungen war, um seines Lebens willen zu fliehen und Schutz und Teilnahme bei dem abgesonderten Propheten zu suchen? Er hatte durch Erfahrung gelernt, was es heißt, seinen Platz in der Welt behaupten zu wollen, die sich dem Namen nach zu Gott bekannte. Von der Nutzlosigkeit dieses Versuches, und noch mehr von der Bosheit, die ihm entgegenstand, nun überzeugt, betritt er einen neuen Pfad. Er lernt nun, was es heißt, allein unter Gottes Hand voranzugehen, getrennt von allen, denen er zu dienen bereit war. Er hatte die Gunst der Welt geschmeckt, die in ihrem Wesen so gefährlich und ungewiß ist, nun muß er sich in der Trübsal der Verwerfung üben. Wir müssen daran denken, daß David Gottes eigene Wahl für den Thron Israels darstellte. Außerdem war er gleich zu Anfang seiner Laufbahn für seine hohe Stellung gesalbt worden. Um diese Stellung aber nach Gottes Gedanken bekleiden zu können, mußte er in jenen Wesenszügen geübt werden, die dem König Gottes geziemen. Es ist stets Gottes Art, zuerst zu berufen, und dann zuzubereiten. Bei den Menschen ist es umgekehrt: sie bedürfen der Ausbildung vor ihrer Ernennung. Wir aber dürfen uns darauf getrost verlassen, daß Gott uns für jedes Amt, für jede Aufgabe, für die Er uns bestimmt hat, auch zubereiten wird, wenn Er uns dahin berufen hat. Der göttliche Grundsatz heißt, wie einer es ausdrückte: „Zuerst den Lorbeer tragen, dann beginnt der Kampf“. So war Gottes erste Handlung David gegenüber, ihn zum König zu berufen, und hieraus erwuchsen alle seine Erfahrungen, Taten und Schwierigkeiten. Denn ich bin der Annahme, daß er erst nach seiner Salbung „den Löwen und den Bär“ tötete. Aber welch ein langer Weg der Prüfung war nötig, ehe er geeignet war, die hohe Stellung einzunehmen, zu der er bestimmt worden war! Zu dem Zeitpunkt, den wir jetzt betrachten, hatte er zwei Pfade der Erziehung durchschritten. Der eine verlief daheim, bei der Hut der Schafe seines Vaters, in der Wüste, wobei er sich tapfer und erfolgreich erwiesen hatte. Der zweite Pfad führte ihn an die höchste Stelle in der Welt, der religiösen Welt, von einigen geliebt, vom Volke verehrt, aber geneidet vom König; abwechselnd der Gegenstand der Gunst, des Betruges und der Feindschaft, und schließlich gezwungen, seine Stellung aufzugeben und um seines Lebens willen zu fliehen. In unserer Lebensgeschichte werden wir stets finden, daß der erste Lebenskreis die HauptWesenszüge umschließt und darstellt, die alle folgenden Kreise kennzeichnen. Folglich ist nichts

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wichtiger für einen Christen als die Art, wie und unter welcher Führung er seinen ersten Lebenskreis beginnt und durchschreitet. Bei David hatte dieser erste Kreis eine schöne Ordnung und wies all die Bestandteile sittlicher Schönheit auf, die sich in den weiteren Kreisen so vielfältig zeigt, wie wir es noch sehen werden. Er betrat nun seinen dritten Erziehungspfad, der sich bis zum Tode Sauls erstreckt, und als die Zeit seiner Verwerfung bezeichnet werden kann, in welcher der Herrscher Israels, Saul, nach seinem Leben trachtete. Es war eine Zeit besonderen Leidens, aber auch großer, vielfältiger und gesegneter Erfahrungen der Güte Gottes, wie auch der Schwäche seiner eigenen Natur. Wir haben gesehen, daß David floh und in Rama bei dem Propheten wohnte, der sich bekümmert in Treue von der Szene und den Verbindungen zurückgezogen hatte, von denen David nun vertrieben wurde. Sie werden gemeinsam ohne Zweifel tief und bitterlich getrauert haben über die Mißherrschaft Sauls, der ebenso unbarmherzig war, wie später ein Herodes und der David selbst bis hierher verfolgt. Als er es aber unternimmt, sie in ihrem Bergungsort aufzuspüren, bezwingt ihn der Geist Gottes, und David wird zu Anfang dieses neuen und betrüblichen Weges vor Augen geführt, wie sichtbar Gott ihn in seiner scheinbaren Schutzlosigkeit unter Seinen Schutz nehmen kann. 1. Samuel 20. David ist aber noch nicht bereit, seine Position ohne Kampf aufzugeben. Er verläßt Najoth, um Jonathan aufzusuchen und von ihm zu erfahren, ob seine Stellung unwiederbringlich verloren ist. Sie treffen sich, ein Zeichen wird ausgemacht, das Sauls Unversöhnlichkeit bestätigt; Davids Schicksal scheint besiegelt, Er verläßt sein Versteck und läßt, mit Jonathan vereint, dem brennenden Schmerz eines vollen Herzens freien Lauf. Immer noch beherrscht, und den Anstand wahrend, als er Jonathan entgegenging, „fiel er auf sein Antlitz zur Erde und beugte sich dreimal nieder; und sie küßten einander und weinten miteinander, bis David über die Maßen weinte.“ Welche Szene war es, welch ein Losreißen! Das letzte Bindeglied, das David mit dem fruchtbaren und einst herrlichen Schauplatz seines Handelns verband, ist zerbrochen. In einem Augenblick ist er alles dessen beraubt, was er schätzte und liebte. Ehre, Stellung, Dienst schwinden vor seinen Augen dahin, ja selbst die Gemeinschaft des Herzens, das ihm immer noch treu blieb. Von nun an muß er seine öffentliche Laufbahn aufgeben, seine Verbindung zum König, seine tapferen Kämpfe für sein Volk gegen dessen Feinde, und die Liebe und Teilnahme Jonathans. Er muß sich aus der Öffentlichkeit zurückziehen und sie scheinbar mit Nutzlosigkeit vertauschen. Wir alle wissen, was es für die menschliche Natur bedeutet, das aufzugeben, was sie erwartete oder besaß, – wie schwer ist es, mit irgendwelcher Freudigkeit zu dem früheren Zustand zurückzukehren. Aus welchem Grunde geschah dies alles? Um des ungerechten und tödlichen Hasses des Herrschers Israels willen. Wenn David nicht erkennen konnte, wie wir es heute können, daß es Gott Selbst war, Der die Wege lenkte, um David weiterzubilden und für spätere Größe passend zu machen, so hätte er wohl zu Boden geschmettert werden können. Der Kampf mit dem Löwen und dem Bären, mit Goliath und den Philistern war mit diesem Schlage nicht zu vergleichen. Groß muß die Einsamkeit seiner Seele in jenen Stunden gewesen sein. Und als der hochgelobte Herr über Jerusalem weinte, müssen sicherlich Schmerzen der gleichen Art, wenn auch unvergleichlich tiefere und heiligere, Sein zartfühlendes Herz durchfurcht haben. David und Jonathan trennen sich mit einem Eide und in ungestörter Verbundenheit; aber ihre Lebenswege gehen nun auseinander. David, der verworfene König, muß noch eine Leidenszeit durchmachen und in dieser andere Gefährten seines Leidens und seiner Verwerfung finden; während Jonathan „in die Stadt“ zurückkehren mußte, zum Hause seines

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David

Vaters, dem Bindeglied, das er nicht abstreifen kann. Diese Szene zeigt uns im Vorbild den wahren David in Seiner Verwerfung und, den jüdischen Überrest, der weder mit Ihm leidet noch mit Ihm herrscht. 1. Samuel 21. David wurde in völliger Abhängigkeit auf Gott geworfen, und seine erste Handlung nach der von uns betrachteten Trennung ist sein Gang zu dem Hohenpriester. Die Seele, die den Platz der Abhängigkeit einnimmt, wendet sich stets (wenn auch vielleicht ohne klare Rechenschaft über den Beweggrund) zu Gottes anerkanntem Zeugnis auf Erden. Ich glaube, daß wir, wenn wir den Platz der Verbannung in der Welt um des Herrn willen (wenn es uns auch noch so wenig bewußt ist) einnehmen, stets instinktiv die Kirche (Versammlung), als Gottes aufgestelltes Zeugnis auf der Erde, aufsuchen. David tut das im Prinzip, wenn wir auch mit Recht seine Unaufrichtigkeit Ahimelech gegenüber tadeln mögen. Selten jedoch handelt der neue Mensch, ohne dass der alte, in dem Versuch des Mitwirkens, Schwäche und sittlichen Tiefstand beweist. David erhält von Ahimelech sowohl Brot als auch ein Schwert (tatsächlich das Schwert Goliaths, ein Andenken an seinen ersten öffentlichen Sieg). Er nahm in diesem Augenblick bildlich den Platz des Herrn in Israel ein, als Dessen Jünger, durch den Hunger getrieben, die Ähren des stehenden Getreides, durch das sie hindurchgingen, zwischen den Händen rieben. Aber wie bricht das rein menschliche Vorbild unter zu großer Belastung zusammen, und zeigt dadurch in umso größerer Klarheit die Vollkommenheit des göttlichen und zugleich menschlichen Gegenbildes. Und nun verfehlt sich David noch weiter. So groß ist seine Furcht vor Saul, obwohl er die Trophäe seines Sieges über den Riesen in der Hand hält, daß er das Land verläßt, den ersten Platz des Vorrechts aufgibt und zu Achis, dem König von Gath, flieht! Trotz der ihm zuteil gewordenen Nahrung und Bewaffnung aus Gottes Heiligtum gibt er sich dem Unglauben hin und verläßt das Erbteil Jehovas. Unglaube führt uns aber stets in die Not, der wir zu entgehen trachten, und die wir, wie wir später lernen, durch den Glauben hätten überwinden können. Die Knechte des Achis erkennen ihn gar bald, und David nimmt als nächstes Zuflucht dazu, sich wahnsinnig zu stellen. Wie demütigend ist das! Nun aber beginnt seine Seele, sich allein mit Gott zu beschäftigen, und die ganze vorangegangene Zucht fängt an, Frucht zu tragen. Es ist notwendig, daß er nicht nur alles, was er in der Welt hochschätzte, vor sich dahinschwinden sieht, sondern er muß auch seine persönliche Demütigung empfinden, und dann erst erschließt sich ihm der wahre Charakter und Wert der Hilfsquellen in Gott. Zu diesem Zeitpunkt war es, daß der Geist Gottes die lieblichen, vertrauensvollen Zeilen des 34. Psalms durch Davids Seele ziehen läßt: „Jehova will ich preisen allezeit!“ Er ruft aus: Ich suchte Jehova, und er antwortete mir; und aus allen meinen Beängstigungen errettete er mich“. Durch bittere Prüfungen hindurch hatte er diese gesegneten Aussprüche erreicht. Und an demselben Ort, sozusagen, wirkt der Geist Gottes immer noch die gleichen Ausrufe bei denen, die den gleichen Weg gehen. Aus der Welt hinausgetrieben, persönlich gedemütigt vor den Menschen und in seinen eigenen Augen, seine eigene „Arglist“ verurteilend, kann er nun sagen: Jehova erlöst die Seele seiner Knechte; und alle, die auf ihn trauen, werden nicht büßen.“ 1. Samuel 22. David verläßt Achis mit dem Psalm 34 auf den Lippen und flieht nach Adullam. Er befindet sich wieder im Lande, wenn er auch nur eine Höhle zur Verfügung hat. Und dorthin versammelt sich zu ihm nicht nur sein eigenes Haus, sondern alle, die in Bedrängnis oder in Schulden usw. sind. Indem er den Platz der Abhängigkeit für sich selbst erkannt hat, kann er der Mittelpunkt und Führer für die Armen der Herde werden, deren Herzen die Herrschaft Sauls nicht anerkannten.

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Und diese können seinem Glauben folgen, den Ausgang seines Wandels anschauen. Während seines Aufenthalts in der Höhle dichtet er drei Psalmen (Ps 142, Ps 57, Ps 52) und den 52. Psalm, diesen, wie ich annehme, nachdem der Prophet und der Priester zu ihm gekommen waren. Er bezeugt volles Vertrauen auf Gott, bis vorübergezogen das Verderben“, obwohl er gleichzeitig die Gefahren empfindet, die ihn umgeben. Sein „Herz ist befestigt“, darum will er „singen und Psalmen singen“. Wir schrecken natürlicherweise vor Übungen und Kümmernis zurück. Wenn wir aber die Hilfsquellen in Gott genießen, zu denen unsere Übungen uns erst Zuflucht nehmen ließen, so gedenken wir nicht mehr der Mühsal des Weges, der uns dorthin führte. Psalm 52 ist der Ausspruch Davids, als er von Doegs Handlungsweise hört. Er erkennt die göttliche Zucht in all seiner Mühsal: „Ich werde dich preisen ewiglich, weil du es getan hast.“ Wie formte der Geist Gottes jede Übung zu einem Anlaß um, Davids Seele mit den tiefen Akkorden des geistlichen Liedes und mit dem Tag der Herrlichkeit zu beschäftigen! Wenn ein Paulus bis in den dritten Himmel entrückt wurde und unaussprechliche Worte hörte, so hörte der ausgestoßene David in der Höhle und der Einöde sicherlich in seiner Seele die erhabenen Weisen des Sieges Gottes über jeden Feind. Er hörte nicht nur die Harfenspieler auf ihren Harfen spielen, sondern sein eigenes Herz wurde von Gott zum Klingen gebracht. Und die göttliche Musik ermunterte den Geist des verworfenen Königs. 1. Samuel 23. Kehila ist der nächste Gegenstand in diesem interessanten Bericht. Was auch der Druck oder die Übung unserer eigenen Stellung sein mag, wenn wir uns in dem Geist und Seelenzustand des Psalms 57 befinden, so können wir nicht von der Not irgendwelcher Glieder des Volkes Gottes hören, ohne zur Hilfe bereit zu sein, wenn diese in unserer Macht liegt. Als es daher David berichtet wurde: „Siehe, die Philister streiten wider Kehila, und sie plündern die Tennen“, da befragte er Jehova und sprach: „Soll ich hinziehen und diese Philister schlagen?“ Und der Herr antwortet: „Ziehe hin, und schlage die Philister und rette Kehila!“ Der Mann wahrer Macht und Erfahrung der Hilfe Gottes wendet sich stets zu Gott, ehe er irgendetwas unternimmt. Davids Männer versuchen, ihn zu entmutigen, aber, nachdem er sein eigenes Herz und seine Betrübnis bezwungen hat, muß er nun auch lernen, über dem Unglauben seiner Genossen zu stehen. Er fragt zum zweiten Male, und nachdem der Herr ihm eine weitere Zusage gegeben hat, geht er mit seinen Leuten hinab nach Kehila und ist völlig erfolgreich. Er rettet die Einwohner von Kehila. Dies sollte jedoch dazu dienen, nur eine neue Reihe von Übung und Prüfungen des Herzens für ihn herbeizuführen. Wieder einmal bleiben seine Dienste unbelohnt. Saul kommt hinab, Kehila zu belagern. David befragt Jehova, ob die Männer, die er eben von den Philistern befreit hat, ihn überliefern werden, und die göttliche Antwort sagt, daß sie es tun werden. Lasst uns hier den Unterschied in Davids Art Gott zu befragen in diesem und im ersten Fall beachten (Vers -1–4). Es scheint, daß er keinen Gebrauch von dem Priester machte, als er die Weisung wegen der Errettung Kehilas erbat. Hier aber, als er „erfuhr, daß Saul Böses wider ihn schmiedete“ und er den Weg seiner eigenen Handlungsweise erfahren wollte, sagt er zu dem Priester: „Bringe das Ephod her!“ und er stellt auf diese Weise seine Frage an den Herrn. Dieser Unterschied ist lehrreich. Im ersten Fall war es eine einfache Frage, ob er anderen einen Dienst erweisen sollte oder nicht. Ohne seine Beweggründe zu ergründen, braucht er sich wegen Weisung nur an den Herrn zu wenden. Wenn aber unsere eigenen Interessen auf dem Spiele stehen, besteht eine viel größere Wahrscheinlichkeit, daß wir uns vom eigenen Willen leiten lassen, und es an Einfalt des Herzens und der Absichten fehlt. Wir brauchen umso mehr, unsere volle Annahme zu verwirklichen und unsere Beweggründe zu prüfen.

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Und hier kommt das Priesteramt zur Geltung. In beiden Fällen war Gottes Antwort unverzüglich und unmißverständlich. Und es ist sehr lehrreich, die Art von Frage und Antwort zwischen David und dem Herrn zu beachten. Welches Vertrauen und welche Einfachheit zeigt sich in diesem Gespräch! David stellt seine klaren, einfachen Fragen, und Jehova antwortet ebenso einfach und klar. David hatte keine Zuflucht als nur beim Herrn; dies lernte er je mehr und mehr in jedem Abschnitt seines Lebens. Jede Seele, die sich in der Gegenwart des Herrn befindet und sich wahrhaft auf Ihn verläßt, wird dieselbe Erfahrung machen. Je einfältiger eine solche Seele ist, je befähigter ist sie für einen hohen, erhabenen Dienst. Wer stark im Herrn ist, kann alle seine Kräfte nach Gottes Ratschluß einsetzen, um anderen zu helfen und zu dienen, dabei in voller Abhängigkeit vom Herrn stehend. Er beweist dabei, daß seine Hilfsquellen ihn über jede Belohnung seitens derer stellen, denen er dient. Es ist klar, daß uns nicht alle Dienstleistungen Davids berichtet werden, oder alle Erfahrungen, durch die er hindurchging. Wahrscheinlich ist uns ein Beispiel für jede besondere Führungslinie in seinem Leben niedergeschrieben. Der Bericht von Kehila zeigt uns, wie ich meine, den verworfenen König bei seinem unbelohnten Dienst den Bürgern gegenüber. Und diese Begebenheit enthält notwendige Belehrung für ihn, nein, auch für jeden einzelnen, der mit dem wahren David durch diese böse Welt zu wandeln begehrt. David flieht nun wohin irgend er gehen konnte“ (Vers 13) und bleibt schließlich auf einem Gebirge in der Wüste Siph. Hier sucht Jonathan ihn auf und „stärkte seine Hand in Gott’, dadurch die Voraussage des Glaubens erfüllend, die David in Psalm 142 ausgesprochen hatte: „Die Gerechten werden mich umringen“. Wie gnädiglich ermuntert der Herr uns durch menschliches Mitgefühl, wenn wir die Einöde allein im Vertrauen auf Ihn betreten haben! Wie lieblich ist es für die Seele, diese Beweise Seines liebenden Herzens zu erkennen! Doch wird die Freude und Ermutigung, die er durch Jonathans Besuch empfangen hatte, bald durch die unverdiente Feindschaft seitens der Siphiter getrübt, die Davids Versteck verraten, um Sauls Wohlwollen zu gewinnen. Ob David bei dieser Gelegenheit, als ihm der Verrat der Siphiter erstmals bekannt wurde, den Psalm 54 aussprach, oder erst später, ist nicht wesentlich. Für uns ist wichtig zu wissen, in welchem inneren Zustand er sich damals befand, und dies wird uns in dem Psalm gezeigt. „Fremde sind wider mich aufgestanden“, aber er kann hinzufügen: „Siehe, Gott ist mein Helfer“. Wie sehr wurde dies verwirklicht! Gerade, als es Saul und seinen Männern gelungen war, ihn zu umzingeln, um ihn gefangenzunehmen, trifft ein Bote bei Saul ein und spricht zu ihm: „Eile und komm, denn die Philister sind ins Land eingefallen!“ David ist gerettet, und der Ort erhält zum Andenken den Namen „Fels der Trennung“. Auf diese Weise wird die Macht des Menschen zunichte gemacht. Der Mensch kann nie gegen zwei verschiedene Feinde streiten, und er muß einen entfliehen lassen, um dem anderen entgegenzutreten. David lernte in dieser Notlage, als alle Hoffnung fast verloren schien, wie es dem Herrn ein Leichtes, ein Geringes ist, ihn zu retten. Es ist sehr wichtig für einen Knecht praktischerweise diese verschiedenen Beweise der göttlichen Fürsorge für ihn zu erfahren, so daß er, „gestärkt durch die Macht seiner Stärke“, sagen kann: „Alles vermag ich in dem, der mich kräftigt“. Dies ist eine neue wichtige Lektion für David während der Zeit seiner Verwerfung. In Adullam und im Walde Hereth findet er Gefährten und Anteilnahme. Zu Kehila darf er einen hervorragenden Dienst verrichten, wobei er Sauls Pläne dadurch durchkreuzt, daß er sich nicht in die Hände der ihm Hörigen begibt. In der Wüste Maon, fast schon in der Hand des Feindes, wird er durch die Dazwischenkunft des Herrn

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gerettet. So lernte er auf verschiedene und wunderbare Weise die Wege Gottes in einer bösen und feindlichen Welt kennen. Und je mehr er in dieser Erkenntnis wuchs, je besser wurde er befähigt, das Volk Gottes auf solch einem Schauplatz zu führen und zu regieren. Davids Gegenbild, der hochgelobte Herr Jesus, bedurfte keiner derartigen Belehrung. Er wußte, was im Menschen war, und er allein ist der wahre Herr und König. David zeigt uns aber ein schönes Bild des menschlichen Gefäßes, mit großen Fähigkeiten und einem bereitwilligen Geist, die göttlichen Weisungen und Wege zu beherzigen. Seine Umstände verändern sich sehr häufig, aber wenn er sich an seine Lektion der Abhängigkeit von Gott hält, ist er stets auf dem rechten Pfade. 1. Samuel 24. Nach einer kurzen Ruhepause auf den Bergfesten von Engedi wird David wieder von Saul gesucht, der diesmal mit dreitausend auserlesenen Männern aus Israel gegen ihn auszieht. Saul genügt es nicht mehr, David einzeln zu verfolgen, er verfolgt Seinen Plan mit organisierter Macht und tödlicher Absicht. David muß diese Drangsal ertragen, aber er wird am Ende erkennen, daß, je größer die Gewaltsamkeit ihm gegenübertritt, je einfacher und wirksamer Gottes Mittel sind, ihn zu befreien. Saul erfuhr bei Kehila dadurch eine Niederlage, daß David den Ort aufgab. Bei dem Fels der Trennung wurde Sauls Plan durch einen Einfall der Philister vereitelt. Und auf sehr beschämende Weise wird er bei Engedi durch Davids maßvolles und treues Verhalten geschlagen, dem er sein Leben verdankt. Wie wenig wußte Saul, in der Bosheit seines Herzens, daß er sich durch das Betreten der Höhle in die Hand seines gesuchten Opfers begab, oder wie tief er moralisch gedemütigt werden sollte durch den Kontrast zwischen ihm und David, der sich in dieser Szene zeigte. Die großzügige Erhabenheit Davids über das Böse leuchtet über die Feindschaft Sauls in so hellem Licht hervor, daß sie eine Anerkennung für David von den Lippen des Verfolgers Saul hervorbringt. Saul wird sich im Vergleich mit David seiner eigenen Erniedrigung so bewußt, daß er für den Augenblick um die Gunst des Flüchtlings bittet und ihm seine rechtmäßige Königstellung zuerkennt, obwohl er doch mit seiner ganzen Macht, mit einem auserlesenen Heer ausgezogen war, ihn zu vernichten. Was David betrifft, so hielt er dadurch, daß er statt in Absichten der Rache in Gnade handelte, die göttliche Handlungsweise der Welt gegenüber aufrecht, die heute unter der Sünde steht, ihren rechtmäßigen König verworfen zu haben. 1. Samuel 25. Dies Kapitel zeigt uns einen anderen Pfad der Erfahrung. Hier werden wir finden, daß David für einen Augenblick die Lektion über die Macht der Gnade außer Acht läßt, die sein Handeln vorher so bedeutsam gekennzeichnet hatte. Dies ist für uns eine Warnung betreffs der Tücke unserer Natur, die uns zu einer Handlungsweise verleiten kann, die der kurz vorher noch gezeigten Weise völlig widerspricht. Überdies lernen wir hier, daß wir eher jemand gegenüber aus der Gnade fallen, auf dessen Freundschaft und Dankbarkeit wir einen Anspruch haben, als einem offenen Feinde gegenüber. David wird durch Nabals unbarmherziges Verhalten so gereizt, daß er sich zu sofortiger Rache an ihm entschließt. Er wird von seinem rachesüchtigen Pfad durch die lehrreichste Begebenheit und Verbindung zurückgehalten, die Gottes Knechte je in dieser Christus verwerfenden Welt erfahren können. Abigail stellt im Bilde die Kirche dar. Und wenn wir David als ein Vorbild des Herrn ansehen, so stellt Abigail den Ausgleich am Tage seiner Verwerfung dar für alles, was er in dem Königtum verloren hatte. Sie ist selbst dort bei ihm, wo ein Jonathan ihm nicht folgen konnte, und nachdem sie seine Gefährtin in den Leiden gewesen war, teilt sie mit ihm Thron und Herrlichkeit. Wir müssen aber

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David auch als den treuen Knecht betrachten, nicht als einen vollkommenen, wie den Herrn, sondern als unter Gottes Zucht und Erziehung stehend. Bei dieser Betrachtungsweise stellt Abigails Einfluß auf ihn vorbildlich den der Kirche dar, deren Stellung und Gefühle, wenn sie zum Ausdruck kommen, alle Rachevorstellungen unterdrücken. Nabal bleibt um Abigails willen verschont, die in Davids Seele die gesegnete und erhabene Stellung der Gnade wachrief und bestärkte, die ihm in seiner Verwerfung geziemte. Sie ist es, die auch freudig Mühe und Sorge mit ihm teilt. So wurde die Wüste Maon zu einem ereignisreichen Schauplatz für David, gerade so, wie es ein großer Tag in unserem Leben als Christen ist, wenn uns die Kirche in ihrer Berufung und ihrem Wesen erstmalig vor Augen gestellt wird. Denn mancher Gottesknecht, der die Anmaßung der religiösen Welt empfindet (wie David sie in der Person Sauls empfand), hat Abigail nicht gefunden, hat nicht völlig erfaßt, was die Kirche in den Gedanken Christi ist, um dann darin einen Gegenstand des Interesses, der Zuneigung und der Gemeinschaft zu finden, ja, eine Stütze auf dem Pfad der Gnade beim Durchschreiten dieser Welt. Wie Abigail für David eine Oase in der Wüste war, so ist die Kirche die einzige Oase sowohl für das Herz Christi als auch für Seine Knechte jetzt auf dieser Erde, sie ist der Mittelpunkt und Gegenstand Seiner Zuneigung. Bei der Betrachtung der Pfade, auf denen Gott Seinen Knecht erzieht, ist es wichtig, daran zu denken, daß die Erziehung immer im Hinblick auf die Stellung stattfindet, für die der Knecht bestimmt ist. David ist jetzt in der Vorbereitung für seinen großen Wirkungskreis. Ehe er in diesen Dienst eintritt, ist es nötig, daß er die Gnade des Herrn auf ihren verschiedenen Pfaden kennenlernt. Wir haben gerade gesehen, wie der Herr ihm in der Wüste half und ihn auf eine von ihm ganz unerwartete Weise ermunterte, wobei alle Umstände auf wunderbare Art die zarte und überströmende Liebe des Herrn kundmachten. Wenn Adam im Garten Eden der Gemeinschaft und Hilfe durch Eva bedurfte, wieviel mehr bedurfte David einer Abigail in der Wüste! Je größer die Not, umso größer der Segen der Durchhilfe.“ Diese Erfahrung muß Davids Seele gemacht haben. 1. Samuel 26. Doch nach diesem lichten Punkt umringen ihn wieder die Wasser der Verfolgung. Durch die Siphiter angestachelt, verfolgt Saul ihn wieder in der Wüste. David ersah daraus, daß der schreckliche Ausgang nahe bevorstand. Dem geistlichen Menschen, der von der Welt verfolgt wird, wird immer ein sehr klares Empfinden über Art und Wesen der Macht gegeben, die ihm gegenübersteht. Dies geschah auch jetzt bei David. Er kundschaftet Saul und sein Heer aus, erkennt den Weg, den er selbst gehen muß, und betritt diesen ohne Zaudern, nachdem er sich einen Gefährten gesucht hat. Und zu welchem Zweck? Einfach dazu, zu zeigen, daß er seinem Feind kein Leid zufügen würde, selbst wenn dieser sich in seiner Macht befände. „Saul lag schlafend in der Wagenburg, und sein Speer war in die Erde gesteckt zu seinen Häupten. . . „, als David und Abisai herzunahten. Abisai wollte den schlafenden König töten, aber David verhinderte es, indem er sehr bestimmt und feierlich sein Vertrauen bezeugt, daß Gott sein Rächer sein würde. Die einzigen Trophäen, die er mitnimmt, sind der Speer und der Wasserkrug, ein Beweis der Art seines Unternehmens. Der Speer (das Werkzeug des Krieges) wurde zurückgegeben, aber wir hören nicht von der Rückgabe des Kruges. Saul erkennt zum zweiten Male Davids Sieg der Gnade an und sagt als Antwort auf Davids Vorhaltung: „Ich habe gesündigt; kehre zurück, mein Sohn David! denn ich will dir nichts Übles mehr tun, darum, daß mein Leben an diesem Tage teuer gewesen ist in deinen Augen.“ Welch einen Beweis der mächtigen Kraft Gottes durfte David in diesem Falle schauen! So erfuhr er, was er nach seiner

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endgültigen Befreiung ausrufen konnte: „Er streckte seine Hand aus von der Höhe, er nahm mich, er zog mich aus großen Wassern!“ 1. Samuel 27. Aber ach, in unseren größten Rettungen sind wir uns oft der erwiesenen Gnade am wenigsten bewußt. Gerade die Undankbarkeit unserer Feinde ruft eine Reaktion in uns hervor, wenn wir nicht derartig gedemütigt und zerbrochen sind, daß wir mit dem Lobpreis des Herrn anstatt mit uns selbst beschäftigt sind. Nachdem wir so in der Hand des Herrn gelegen haben, sind wir uns unserer eigenen Kraftlosigkeit umso mehr bewußt, wenn wir nicht in Seiner Hand, im Preisen Ihm ergeben, verbleiben. Kraftlosigkeit mit Glauben verbunden bindet uns umso stärker an Gott als den sicheren Fels unserer Kraft und die Quelle, die uns versorgt. Kraftlosigkeit ohne Glauben aber treibt uns stets dazu, menschliche Hilfe zu suchen. Nach großen göttlichen Durchhilfen gehen wir oft einen verkehrten Schritt, teils deswegen, weil wir die Glaubensenergie aufgegeben haben, die durch die Notlage hervorgerufen wurde, teils weil unsere Natur trachtet, der durch den Glauben bedingten Einengung ihrer Triebe zu entfliehen. Das Fleisch begehrt in Umstände zu kommen, die keine Glaubensenergie notwendig machen. So wird David nach seinem großen Sieg über Saul eine Beute seiner eigenen Gefühle und Befürchtungen und spricht in seinem Herzen: „Nun werde ich eines Tages durch die Hand Sauls umkommen; mir ist nichts besser, als daß ich eilends in das Land der Philister entrinne. . . “ Dieser Plan steht in offenbarem Gegensatz zu den Worten, die er vor so kurzer Zeit zu Saul gesprochen hatte. Aber wie bald vergißt man die Überzeugungen des Glaubens wenn man sich an das Fleisch wendet! Eben hatte er noch gesagt: „Also möge meine Seele hochgeachtet sein in den Augen Jehovas, und er möge mich erretten aus aller Bedrängnis!“ Jetzt aber ist er so verzagt, daß er bereit ist, das Erbteil Jehovas aufzugeben. „Und David machte sich auf und ging hinüber, er und sechshundert Mann, die bei ihm waren, zu Achis, dem Sohne Maoks, dem König von Gath.“ Wir haben gesehen, daß er schon einmal Schutz bei Achis gesucht hatte und damals froh war, sich unter Demütigung wieder zu entfernen. Warum begibt er sich nun erneut dorthin? Er veranschaulicht hier praktisch die besondere und sehr notwendige Zucht, unter die eine Seele leicht kommen kann. Welches auch die Ursache unseres Versagens zu Anfang sein mag, und selbst wenn wir sie zeitweilig überwinden, sie wird uns unweigerlich wieder entgegentreten, und wenn wir nicht wirksam von ihr befreit sind, wird sie uns in noch bitterer und schlimmerer Form zu Fall zu bringen suchen. Denn wenn ein bestimmter Schößling meiner alten Natur weiter treiben will, so muß sicherlich die göttliche Zucht zu seiner Unterdrückung angewendet werden. Wird er nicht in Kürze beseitigt, so wird er sich bestimmt immer wieder zeigen, und bei jedem erneuten Aufleben (weil eine gründliche Abtötung nicht stattfand) muß als Folge eine um so strengere Zucht einsetzen. David tritt in nähere Beziehungen zu Achis, und erhält Ziklag von ihm. Es ist wunderbar, zu sehen, wie der Herr Seinen Knechten gestattet ihre eigenen Pläne auszuarbeiten. Nachdem sie aber zurechtgewiesen sind und das Ende der eigenen Planungen gesehen haben, führt Er sie hinauf zu einem größeren und erhabeneren Dienst, vorausgesetzt, daß sie Ihm im Prinzip treu geblieben sind. Ich glaube, daß dies auch bei David der Fall war, so tief sein Versagen an dieser Stelle auch sein mochte. Wir hören nichts davon, daß er Götzendienst trieb oder daß er vergaß, daß Israel das Volk Gottes war. Er betrog Achis und erniedrigte sich dadurch in moralischer Weise, aber er blieb im Prinzip Gott treu, und als seine Natur unterworfen worden war, wurde er aus seiner demütigenden Stellung heraus und zum öffentlichen und aktiven Dienst geführt. Ziklag bedeutete den letzten Strich der Meisterhand, um David für den Thron zuzubereiten, und es muß uns daher

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besonders interessieren. David zieht im Unglauben dorthin, bleibt dort über ein Jahr, gewinnt die Zuneigung des Achis durch falsche Vorstellungen. 1. Samuel 28,1+2 u. 29+30. David versucht sogar, mit Achis in den Kampf gegen Israel zu ziehen. In Anbetracht seines früheren Weges müssen wir wohl annehmen, daß die Fürsten der Philister diesen Versuch Davids richtig deuteten. Denn wenn David auch betrügen konnte, so hätte er doch nie das Schwert gegen sein eigenes Volk ergriffen außer mit der Absicht, ihm schließlich eine Hilfe zu sein. Dies wird vorausgesehen, und Achis ist gegen seinen Willen gezwungen, Davids Dienste abzulehnen und ihn fortzuschicken. Und nun, durch indirektes Eingreifen des Herrn aus seiner falschen und bedrückenden Stellung befreit, muß er die nachfolgende Zucht erfahren. Während seines Doppelspiels fällt das Gericht auf Ziklag, und David und seine Gefährten finden es bei ihrer Rückkehr mit Feuer verbrannt und ihre Frauen, Söhne und Töchter gefangen weggeführt! Wir wissen heute, was David in jenem niederschmetternden Augenblick nicht wußte, nämlich, daß der gleiche Gott, der ihn so schwer züchtigte, ihm das Königtum bereitete. Denn zur gleichen Stunde wurde Saul auf dem Gebirge Gilboa getötet. David aber war nicht passend für den Thron oder für irgendwelche diesbezügliche Botschaft, bis er gezüchtigt und in wahre Abhängigkeit zu Gott gebracht worden war. Der erste und letzte Schritt zum Thron hin ist die Abhängigkeit, sie ist das einzige von Gott anerkannte Recht auf diesen hohen Platz. Infolgedessen wird David in Ziklag mehr gedemütigt und verlassen als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt seines Lebens. Nicht nur war sein eigener Schmerz im Blick auf seinen großen Verlust sehr tief, das Versagen auf dem bisherigen Weg muß (wie stets bei einem derartigen Schmerz) sein Elend noch vergrößert haben. Endlich kam noch als größter Schlag hinzu, daß seine alten, ihm so eng verbundenen Gefährten davon sprachen, ihn zu steinigen. Solch einen Augenblick hatte er noch nie durchgemacht und erlebte ihn auch nie wieder. Seine Feinde (die Amalekiter) hatten ihn überlistet, und befanden sich außer Reichweite; und was mußte dem Kriegsmann schlimmer sein, als sich hintergangen zu wissen, ohne eine Möglichkeit der Vergeltung zu haben? Er befand sich wahrlich unter den Pfeilen des Allmächtigen, er musste die züchtigende Rute fühlen um der falschen Stellung willen, die er außerhalb des Landes und der Stätte des Vorrechtes eingenommen hatte. Menschliche Hilfe oder Stütze war nicht vorhanden; im Gegenteil, Gefahr und Verschwörung umlauerten ihn. Gott züchtigte ihn, seine Freunde zürnten ihm, der Feind war unerreichbar. Was aber war die Folge? „Aber David stärkte sich in Jehova, seinem Gott.“ Es ist sehr anregend, wenn wir uns ab und zu den Psalmen zuwenden und den Atemzügen der Seele Davids unter den verschiedenen Umständen lauschen, deren Beschreibung uns in seiner Lebensgeschichte gegeben ist. Wir finden, daß der Psalm 56 der Not seiner Seele Ausdruck verlieh, verursacht durch seinen verkehrten und demütigenden Aufenthalt in Gath. Ob der Psalm in jenen Zeitraum fällt, den wir gerade betrachten, oder nicht, so drückt er doch in einer Fülle das aus, was damals auf ihn einstürmte. Alles menschlichen Vertrauens beraubt, wendet er sich zu Gott, in vollem Bewußtsein seines eigenen Versagens. „Auf Gott vertraue ich, ich werde mich nicht fürchten; was sollte der Mensch mir tun? Auf mir, o Gott, sind deine Gelübde, ich werde dir Dankopfer entrichten. Denn du hast meine Seele vom Tode errettet, ja, meine Füße vom Sturz.“ Es ist gesegnet zu irgendeiner Zeit eine richtige Erkenntnis Gottes erlangt zu haben. Denn wenn wir diese besitzen, werden wir auf der Höhe unseres eigenen Versagens am besten wissen, daß Gott unsere einzige Zuflucht ist möge auch Seine Züchtigung schmerzhaft sein und mögen wir uns auch verlassen und hilflos befinden. Jetzt gibt es für David keine Furcht mehr. Er ist „erwacht“ und wird „erleuchtet“ (vergl. Eph 5,14).

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„Bringe mir doch das Ephod her“ sagt er zu Abjathar, dem Priester. Denn wenn die Seele den Pfad des Glaubens von neuem betritt, so ist sie sich der Notwendigkeit ihrer Annahme bei Gott besonders bewußt. Und nun hat er seinen alten Kurs des Vertrauens eingeschlagen, zweifellos mit neuer Kraft. Wie bei Kehila, so fragt er auch hier den Herrn: „Soll ich dieser Schar nachjagen? werde ich sie erreichen?“ Und Er antwortete ihm in besonders zusichernder und ermutigender Weise: jage nach, denn du wirst sie gewißlich erreichen und wirst gewißlich erretten.“ So hat die aufrichtige Seele innerhalb eines Augenblicks ihre richtige Stellung vor Gott wieder eingenommen. „Da zog David hin, er und die sechshundert Mann, die bei ihm waren“; zweihundert aber blieben am Bache Besor zurück, weil sie zu ermattet waren. Der Pfad des Glaubens stellt stets unsere Kraft auf die Probe, und jede Verlegenheit bietet nur eine Gelegenheit für eine größere Entfaltung der Gnade, die uns aufrecht erhält. Die Begebenheit gibt Veranlassung zu einer „Satzung für Israel bis auf diesen Tag“, die charakteristisch für die Gnade ist die die Verfolger im Augenblick geleitete. David versagt nicht. Weise und gnädig (wie der es stets ist, der nach Gottes Ratschluß wandelt), vermag er, jedes Vorkommnis zum Nutzen zu gebrauchen. Der fast verhungerte Ägypter erregt seine Aufmerksamkeit; auf jeden Fall durfte er ihn nicht in seinem Zustand lassen, wie wir es oft in unserer Eile bereit sind, zu tun. Hätte er ihn aber unbeachtet gelassen, so wäre ihm der richtige Fingerzeig zum erwünschten Ziel verlorengegangen. Der aufgefundene Ägypter führt David zum Lager seiner Feinde, und er schlug die ganze Schar, gewann alles zurück, was sie mitgenommen hatten, rettete seine beiden Frauen und alle anderen. Und nun, zum Bache Besor zurückgekehrt, veranschaulicht er, wie eine im Genuß der Gnade stehende Seele befähigt ist, diese Gnade anderen zu bezeugen. Er setzt die Selbstsucht des natürlichen Herzens beiseite und stellt jenen göttlichen Grundsatz auf: „Wie das Teil dessen, der in den Streit hinabzieht, so soll auch das Teil dessen sein, der bei dem Geräte bleibt; gemeinsam sollen sie teilen. Und so geschah es von jenem Tage an und hinfort; und er machte es zur Satzung und zum Recht für Israel bis auf diesen Tag“. Welch ein Denkmal, welches Andenken an die letzten Stunden der Verwerfung Davids! Und welche Ankündigung der Herrschaft, die er nunmehr antreten sollte! Diese Satzung des siegreichen aber ungekrönten David (in der gleichen Stellung, die der Herr jetzt Seinem Volk gegenüber einnimmt) hat einen sehr bedeutsamen Inhalt und verkörpert den Grundsatz, der heute für die Kirche gilt, daß jedes Glied am Leibe in bezug auf Verlust oder Gewinn von den anderen Gliedern abhängig ist. Ein neuer und wunderbarer Grundsatz, würdig der Stunde, in der er eingesetzt wurde! Es ist der Heilige Geist, der die Glieder des abwesenden Herrn in einem Leibe vereinigt und sie voneinander abhängig und untrennbar voneinander einsetzt. Mögen wir unsere Herzen der Weisheit öffnen, um die tiefen Gedanken Gottes zu verstehen. Wir haben nun das Ende des dritten Abschnitts oder Kreises in Davids ereignisreichem Leben erreicht, und damit den Abschluß jenes wunderbaren Zubereitungsvorganges, der nötig war, um ihn für die hohe und ehrenvolle Stellung zuzubereiten, zu der er schon so früh erwählt und gesalbt worden war. Wir treten nun in ein neues Kapitel seiner Geschichte ein. Die Zeit seiner Verwerfung ist vorüber, und die neue, glorreiche Stellung, die er einnehmen soll, wird für ihn zubereitet. Der Erziehungsweg des Flüchtenden und Leidenden, des zwar rechtmäßigen Erben des Thrones, endete zu Ziklag, das für ihn der Schauplatz bitterer Trauer und Enttäuschung war, aber auch wunderbarer Errettung und Wiederherstellung. Und gerade an jenem Ort, nach seiner Rückkehr von der Vernichtung der Amalekiter, und nachdem er Geschenke aus der Beute „der Feinde Jehovas“ allen Orten gesandt hatte, an denen er und seine Männer sich aufgehalten hatten, erreicht ihn die bedeutsame Kunde

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vom Tode des Mannes, dessen Platz auf dem Thron er einnehmen sollte! Welch ein bemerkenswertes Zusammentreffen von Umständen! Die verkohlten Ruinen von Ziklag zeugten von der Zucht, die er so tief empfunden aber auch nötig gehabt hatte, während die Geschenke, die er hierhin und dorthin sandte, von dem Ersatz und dem Siege sprachen, die ihm geschenkt wurden. Der Kontrast zwischen diesen beiden Zeugnissen ist eindrucksvoll, das eine sein eigenes Versagen darstellend, das andere in noch weiterem und bestimmteren Sinn die Güte und Gnade des Herrn. In wahrhaft königlicher Weise handelte David, ehe er noch wußte, daß er bereits König war und daß der, der ihm den Weg zum Thron verwehrt hatte, auf dem Gebirge Gilboa gefallen war. Es entspricht den Wegen Gottes, daß wir die geistige Bereitschaft für unsere Stellung besitzen, wenn der Zeitpunkt gekommen ist, sie einzunehmen, denn der Zustand bezeichnet die Stellung. Oder richtiger, der Zustand ist unbefriedigt, bis er die Stellung erreicht, die ihm entspricht. Die Zubereitung seines Herzens erfolgt von Gott aus, und wir können sicher sein, daß wir für eine gewünschte Stellung nur zubereitet sind, wenn wir im Geiste dieser Stellung handeln, andernfalls würden wir, in die Stellung gebracht, ungeeignet für diese erfunden werden. Es ist zwar richtig, daß wir nicht wissen und nicht zu wissen brauchen, wie wir in der verheißenen Stellung zu handeln haben, ehe wir nicht die Stellung tatsächlich eingenommen haben, denn die Tätigkeit des Glaubens wirkt sich in der Gegenwart aus. Wir können und sollten aber bereits im Geiste der besseren Stellung entsprechend handeln, und wenn wir darin keine Freude finden, so ist das göttliche Leben in uns nicht befriedigt, denn dieses sucht den ihm entsprechenden Lebensbereich auf, und die aus diesem Leben hervorgebrachten Gefühle sind ein Beweis seines Vorhandenseins. 2. Samuel 1. David hatte sich nach seiner Rückkehr von dem Beutezug zwei Tage in Ziklag aufgehalten ehe er Kunde vom Tode Sauls erhielt. Denn es war am „dritten Tage“, daß ihm dieses Ereignis und die näheren Umstände von einem Amalekiter berichtet wurden, welcher sprach: „Ich trat zu ihm hin und tötete ihn, denn ich wußte, daß er seinen Fall nicht überleben würde. Und ich nahm das Diadem, das auf seinem Haupte, und die Armspange, die an seinem Arme war, und habe sie zu meinem Herrn hierher gebracht.“ Aber wie nimmt David diese Kunde und die Trophäen auf? Er „faßte seine Kleider und zerriß sie . . . Und sie klagten und weinten und fasteten bis an den Abend“, Und was den Überbringer betrifft, – David befahl seine sofortige Hinrichtung. Wenn Gottes Gericht sein Volk trifft, mag das Gericht auch noch so verdient und von den Getreuen vorausgesagt sein, so ist es für die Frommen doch immer eine ernste und ergreifende Sache. Kein wahrer David konnte in einem solchen Augenblick an den Vorteil denken, der aus dem Geschehen für ihn erwachsen mochte. Die Seele versucht vielmehr, den Grund des göttlichen Eingreifens zu ermessen, und das Gefühl, daß Gott handelt, bringt das eigene Ich zum Schweigen. Wie viele und schwere Stürme hatten Davids Geist in jenen drei Tagen geübt! Er hatte nicht nur die besondere Barmherzigkeit des Herrn sich selber gegenüber erfahren, sondern er wird nun mit diesem einzigartigen Gericht bekanntgemacht, das ihn in der Verbindung mit Israel so stark beschäftigt, daß er im Augenblick dessen Bedeutung für seine eigene Stellung übersieht. Überdies konnte er es nicht zulassen, daß der Amalekiter, der die Nachricht überbracht hatte, weiterleben sollte. Denn er bewies seinen Anspruch auf den Thron gerade in seinem unnachgiebigen Kampf gegen die Amalekiter, im Gegensatz zu Saul, dessen Königtum von Jehova verworfen wurde, weil er Amalek verschont hatte (1. Sam 15), und der nun, unter Gottes unfehlbarer Vergeltung, durch einen Amalekiter getötet und seines königlichen Schmucks beraubt worden war. Es stand daher in Übereinstimmung mit Gottes Wegen und Willen, daß David sein Anrecht auf den

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Thron durch unbeugsame Rache an Amalek beweisen sollte. Zweifellos führte der Herr in Seiner Gnade eine solche Erbitterung Davids gegen den Feind Israels schon herbei, bevor David den Thron erreichte, indem Er den Amalekitern gestattete, David an der empfindlichsten Stelle zu verletzen. Treuer Gott, dies ist oftmals Deine gnädige Handlungsweise. 2. Samuel 2. Für die gottselige Seele ergibt sich stets ein neues Verlangen nach Gottes Rat und Führung, wenn Schwierigkeiten oder Widerstände hinweggeräumt werden, denn die Seele bedarf dann der Anweisung, wie die gegebenen Vorteile richtig zu nützen sind. Wenn es an Urteilskraft mangelt, kann oft großer Verlust entstehen. David befragte daher „Jehova und sprach: Soll ich in eine der Städte Judas hinaufziehen? Und Jehova sprach zu ihm: Ziehe hinauf. Und David sprach: Wohin soll ich hinaufziehen: Und er sprach: Nach Hebron.“ Welche einfache, glückliche und lehrreiche Abhängigkeit! Wie anders ist seine Verfassung, wo er jetzt Ziklag verläßt, gegenüber der Verfassung, in der er es damals betrat! Wie gesegnet ist die Frucht der göttlichen Zucht, die er nun genießt als er hinaufzieht nach Hebron, geleitet und aufrechterhalten durch die klare Anweisung Gottes! Welche Kraft und Schlichtheit kennzeichnen den Wandel des Mannes, der sich auf die Anweisungen Gottes stützt! David zieht nach Hebron, und „auch seine Männer, die bei ihm waren, hieß David hinaufzuziehen, einen jeden mit seinem Hause“. Wenn mein Vertrauen auf Gott durch die alte Natur nicht behindert ist, so umfaßt es alle Dinge, die mich betreffen. Ich erkenne, daß Gottes Anteilnahme an mir alle meine Bedürfnisse umfassen muß, sonst wäre sie nicht völlige Fürsorge. Wenn kein Haar von meinem Haupte ohne Ihn zur Erde fallen kann, so ist es für den Glauben offenbar, daß alles was mich betrifft, nun in Seiner Hand ruht. Von diesem Standpunkt aus handelnd, nahm David alle seine Männer mit, und jeder Mann sein Haus. Nichts Geringeres hätte dem Vertrauen auf Gottes Wort entsprochen, das zu ihm gesagt hatte: „Ziehe hinauf nach Hebron.“ Wenn wir in Glauben und Abhängigkeit beginnen, so wird jeder Umstand unseren Glauben sowohl wie die Weisheit unseres Weges bestätigen. So finden wir auch in Vers 4, daß „die Männer von Juda kamen und salbten daselbst David zum König über das Haus Juda“. Obwohl David nun in die königliche Würde eingesetzt war, entsprach doch diese Stellung bei weitem nicht derjenigen, zu der er auserwählt und von Samuel gesalbt worden war. Sieben weitere Jahre und sechs Monate mußten vergehen, ehe die ganze Nation ihn als König anerkennen sollte (Vers 11). Auch sollte der „Streit“ noch lang sein „zwischen dem Hause Sauls und dem Hause Davids“, obwohl David „immerfort stärker wurde“. Mit wie langsamen und gemessenen Schritten führt der Herr Seine Knechte an ihren festgesetzten Platz! Der Platz wird zweifellos in dieser Welt nie ganz erreicht, denn obwohl Paulus sagen kann: Dies eine tue ich“, so muß er doch bekennen, daß er jene gewisse Stellung noch nicht er griffen hat, die er in der Herrlichkeit einnehmen wird. je mehr er sich aber danach ausstreckte, je besser erfüllte er seine Berufung und seinen Dienst. Wie oft wird der Knecht Gottes, wie einst David, für eine Zeit nach Hebron versetzt, das heißt –, nur in die teilweise Ausübung des für ihn vorausbestimmten Dienstes eingeführt, und wie notwendig ist dies, um in ihm die richtigen Eigenschaften hervorzurufen. Wir mögen vor Feindschaft zurückschrecken, aber wenn keine vorhanden wäre, würden wir nie die Ausflüsse der Gnade schmecken, die uns durch den Heiligen Geist mitgeteilt wird. David werden nun viele Gelegenheiten geboten, seine Befähigung für

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die erwünschte Stellung zu beweisen, die er nie gehabt oder wohl nie genützt hätte, wenn er sogleich den Thron über ganz Israel eingenommen hätte. Seine erste Handlung ist, eine Botschaft der Anerkennung und Ermutigung an die Männer von Jabes-Gilead zu senden, die sich zu Saul bekannt hatten. Dies war große Gnade und die wahre Würde eines Mannes der Macht, der zum Führen und Herrschen befähigt war. Der Thron wird durch Gerechtigkeit befestigt, und der, der nicht unparteiisches Recht sprechen kann, kann nicht nach göttlichen Gedanken regieren. Ein Christ wandelt in Gerechtigkeit und Liebe, indem er allen Ansprüchen aus beidem gerecht und voll Genüge leistet, und die Schwachen und Leidenden mit dem Benötigten versorgt. David kann selbst einem Feinde das verdiente Lob geben, und dies befestigt das Gewicht seiner moralischen Stellung. Obwohl er auch durch Enttäuschungen und Irrtümer geht, wird er doch stärker und stärker und lernt dabei während der ganzen Zeit seine wahre Laufbahn vor Gott zu beschreiten. 2. Samuel 3. Abner wendet sich im Zorn vom Hause Sauls ab (V. 9 ff) und wirbt um David, der sich bereitfindet, mit ihm ein Bündnis zu schließen unter der Bedingung, daß er ihm sein Weib Michal, Sauls Tochter, ausliefere. Es ist schwer, Davids Beweggrund für diese Forderung zu verstehen. Was auch der Grund war, diese Handlung brachte keinem von beiden Ehre ein. Wenn die Herausgabe der Michal für Davids Natur eine Genugtuung war, so muß der niedere Meuchelmord Joabs an Abner ein bitterer Rückschlag für ihn gewesen sein. Gerade, als er auf diesen Mann der Tapferkeit gerechnet haben mochte als das vorausbestimmte Werkzeug, um das erwünschte Ziel zu erreichen, wird Abner niedergestreckt. Ein tiefer Weg der Zucht lag für ihn in diesem traurigen Ereignis. Kein Wunder, daß er um Abner wehklagte. In seiner Klage bekannte er seinen eigenen abhängigen Zustand. Er muß es empfunden haben, welch ein furchtbarer Fleck auf seiner Regierung dadurch lastete, daß das Schwert seines eigenen Heerobersten auf diese Weise seine gerechte Herrschaft durchkreuzt hatte. Er mußte aber lernen, auf niemanden seine Hoffnungen zu setzen. Und selbst dieses Ereignis wendete der Herr am Ende zu seinem Nutzen. Denn das Volk nahm Kenntnis von seiner großen Trauer und empfand Wohlgefallen daran. Was Menschen als ein großes Unglück hinstellen würden, kann Gott zugunsten Seines Knechtes in das Gegenteil verwandeln, David mochte mit Recht sagen: Ich aber bin heute schwach, obschon zum König gesalbt“. Diese Demütigung aber ging nur der Erhöhung voran. Wir müssen unser Bedürfnis nach Gottes Hilfe empfinden und kennen, ehe Er uns öffentlich helfen kann. 2. Samuel 4. Diese Begebenheit, vom menschlichen Gesichtspunkt aus ein so großes Mißgeschick, diente letztlich dazu, das Haus Sauls in bemerkenswerter Weise zu schwächen, denn Isboseth wird von zweien seiner Obersten getötet. Dadurch wird Davids Rivale hinweggetan, ohne daß irgendwelche Schuld auf David fällt, was nicht so gewesen wäre, wenn die Tat mit Hilfe von Abners Schwert ausgeführt worden wäre. O, würden wir nur dem Herrn vertrauen, so würden wir sehen, daß die Dinge, die wir mit unserer schwachen Urteilskraft als uns entgegenstehend betrachten, von Ihm durchaus für uns angeordnet wurden. Der vor Gott gedemütigte und auf Ihn wartende David handelt in diesem Fall des tückischen Mordes so, wie es ihm geziemte, indem er das gerechte Todesurteil die Schuldigen treffen läßt und die nun entstandene Lage aus der Hand des Herrn annimmt. Denn das letzte Hindernis zu seiner Anerkennung als König Israels war nun hinweggeräumt. 2. Samuel 5. „Und alle Stämme Israels kamen zu David nach Hebron . . . und der König David machte einen Bund mit ihnen zu Hebron, vor Jehova; und sie salbten David zum König über Israel“. In

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1. Chr 12,38 werden uns der Charakter und die Eigenschaften der Menge des Volkes Israel dargestellt, die sich in Hebron versammelte, um ihn als König anzuerkennen: „Alle diese Kriegsleute, die sich in Schlachtreihen ordneten, kamen mit ungeteiltem Herzen nach Hebron, um David zum König über ganz Israel zu machen. Und auch alle übrigen in Israel waren eines Herzens, David zum König zu machen.“ So hat dieser vielgeprüfte Knecht nach einem Zwischenraum von ungefähr einundzwanzig Jahren seinen verheißenen Platz eingenommen. Die Schritte zu diesem Ziele hin waren nur langsam gewesen. Tief und mancherlei Art war seine Zubereitung für diesen Platz. Nicht der geringste Teil dieser Zucht fiel in die Zeit der letzten siebeneinhalb Jahre, in denen er nur im teilweisen Besitz des Königtums war. Nun, wo er das Ziel erreicht hat, wollen wir festzustellen suchen, wie er den Platz ausfüllt. Dabei müssen wir immer daran denken, daß seine Unterweisung weiter fortgesetzt wird, jetzt zwar unter anderen Umständen. 2. Samuel 6. Die erste uns berichtete Handlung Davids, nachdem er auf den Thron erhoben ist, ist sein Versuch, die Lade Gottes zurückzubringen. Ein aufrichtiger und Gott gemäßer Wunsch, denn dem Herrn die Erstlinge unseres Gutes zu bringen ist die natürliche Handlungsweise der Seele, die die Segnungen bewußt aus Gottes Hand empfängt. Aber wie oft verderben wir die Ausführung unserer besten Absichten infolge des Einflusses unserer Umgebung. Sie, mit der wir Gemeinschaft haben, entspricht aber stets unserem eigenen praktischen Zustand. Davids Geist wünscht, die Lade Gottes heraufzubringen, „denn wir haben sie in den Tagen Sauls nicht befragt“. Indem er aber zweifellos zu jener Zeit mit den Heeresobersten stark in Anspruch genommen ist, die für ihn das Mittel gewesen waren den Thron zu erreichen, befragt er diese über die Rückführung der Lade, statt sich an Jehova zu wenden. Die Folge ist, wie es stets so sein wird, daß ein menschlich erdachter Plan zur Ausführung kommen soll. Ein von Rindern gezogener Wagen wird für die Überführung bestimmt, statt die Lade nach göttlicher Anweisung von Leviten tragen zu lassen. Was konnte aus dieser Handlungsweise anderes erwachsen als Gericht in der Offenbarung der Heiligkeit Gottes? Ussa wird getötet, ein Schlag für David, der ihn daran erinnerte, daß Jehova nahe war, und daß David, wenn er die Werke Gottes ausführen wollte, dies nur nach den Gedanken Gottes tun konnte. David scheint dies aber nicht sofort erfaßt zu haben. Wir lesen, daß er darüber „entbrannte“, daß er sich vor Jehova fürchtete und sprach: „Wie soll die Lade Jehovas zu mir kommen?“ Überdies ließ er die Lade drei Monate lang im Hause Obed-Edoms, des Gathiters. 1. Chronika 13–16. Hier lesen wir von zwei Kämpfen Davids gegen die Philister zwischen seinem ersten Versuch, die Lade heraufzuholen, und der schließlichen Ausführung. Ob die Kämpfe tatsächlich zu jenem Zeitpunkt stattfanden, oder so anzusetzen sind, wie im Buche Samuel berichtet wird, mag fraglich sein. Der Geist Gottes gibt uns aber in der Chronika stets die moralische Reihenfolge der Ereignisse. Ich bin daher davon überzeugt, daß sie uns dort in dieser Anordnung berichtet werden, um uns die Lektion zu zeigen, die David damals lernen mußte. Daß er sie das erste Mal nicht beobachtete, brachte ihn zu Fall. Wenn er das Wesen und die Größe der Macht Gottes aufrichtig und tief empfunden hatte (wie zu Baal Perazim, wo Gott den Feind durchbrach „gleich einem Wasserdurchbruch“, als Antwort auf die einfältige und gesegnete Abhängigkeit, mit der David Ihn befragte und sich von Ihm Schritt um Schritt führen ließ), so wäre ihm die Trauer und Demütigung von Perez-Ussa erspart geblieben. Selbst wenn wir große Siege über die Welt errungen haben, ach, wie oft vermengen wir dann unsere Anbetung mit irgendwelchen weltlichen Bestandteilen, die unsere aufrichtigen

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Absichten zunichte machen. Wenn ich nicht völlig erkenne, daß die Welt und jede Verbindung zu ihr beiseite gesetzt sind, werde ich sicherlich irgendwelches von ihr entlehntes Gedankengut beibehalten, das dann der Wahrheit und Gnade Gottes zuwiderläuft. Im ersten der beiden Kämpfe wird David gezeigt, welchen persönlichen Sieg Gott Seinem Knecht schenkt, wenn er Ihm vertraut; denn er hatte den Herrn in der gleichen völligen Abhängigkeit befragt, wie zur Zeit seines Aufenthaltes als Flüchtling in der Wüste Maon. Abhängigkeit ist aber um so kostbarer, wenn unsere Stellung derart ist, daß sie, menschlich gesprochen, die Abhängigkeit von Gott unnötig erscheinen läßt. Gott hatte verheißen, die Philister in seine Hand zu geben, und die Niederlage war so groß, daß David sagte: „Gott hat meine Feinde durch meine Hand durchbrochen, gleich einem Wasserdurchbruch. Daher gab man jenem Ort den Namen Baal-Perazim“. Es ist aber eine Sache, zu fühlen und zu wissen, daß ich persönlich der Welt gegenüber siegreich bin (vorher kann ich keine Ruhe finden), und eine ganz andere Sache, zu erkennen, daß Gott es ist, der mir Sieg schenkt, das heißt, daß Er mir meine Feinde unterwirft, und, noch weitergehend, daß ich erst in Tätigkeit treten und zum Kampfe vorgehen kann, wenn das „Daherschreiten“ Gottes gehört wird (1. Chr 14,15). Denn dann weiß ich, daß Er „vor mir ausgezogen ist, um das Heerlager der Philister zu schlagen“. Dies waren die gesegneten Erfahrungen, durch die der Herr Seinen Knecht führte. Sie reichten wahrlich aus, ihn davon abzuhalten, sich dadurch zu erniedrigen, daß er sich Formen und Ideen der Philister aneignete, anstatt Jehova und Sein Wort zu befragen! Im Verlauf von drei Monaten, in denen David gewarnt, gezüchtigt und so gnädiglich belehrt worden war, hört er von dem Segen, der auf Obed-Edoms Haus aus der Gegenwart des Gottes kam, Dessen Heiligkeit vor so kurzer Zeit sich im Gericht gezeigt hatte, um die Anmaßung des Fleisches hinwegzufegen. Und er trifft Vorbereitungen, um die Lade Gottes in die Stadt Davids mit Freuden hinaufzubringen. Er macht eine Ankündigung, die tatsächlich ein Eingeständnis seines eigenen Fehlers ist: „Die Lade Gottes soll niemand tragen als nur die Leviten; denn sie hat Jehova erwählt, um die Lade Gottes zu tragen und seinen Dienst zu verrichten ewiglich“. Die Einzelheiten dieses lehrreichen Vorfalls finden wir in 1. Chronika 15 + 16, und wir tun gut, die Gesinnung Davids bei dieser Begebenheit zu beachten. Er handelt sowohl als Priester wie als König, er gibt Befehle und Anordnungen für alles, er ist überdies selber mit einem Ephod und einem Gewand aus feinem Leinen bekleidet, und er tanzte vor Jehova mit all seiner Macht. Welch einen Unterschied gegenüber seinem ersten Versuch, die Lade hinaufzubringen, sehen wir hier, in Macht, Zeugnis und Freude des Herzens! Wie eindrucksvoll ist das Glück des Herzens, das sich mit dem Herrn beschäftigt, und wie gleichgültig ist ihm alle fleischliche Geringschätzung! Dies muß der glücklichste Augenblick in Davids Leben gewesen sein, und zugleich ein Augenblick höchster Ehre, als er sagte: Stehe auf, Jehova, zu deiner Ruhe, du und die Lade deiner Stärke!“ Und damals war es, daß er „zum ersten Male Asaph und seinen Brüdern auftrug, Jehova zu preisen“ (1. Chr 16,7–36). Ein strahlender und gesegneter Augenblick, nach all seinem Kummer und aller Zucht! Fülle der Freude gibt ihm seine Beschäftigung mit dem Herrn, und mit göttlichem Geschick ordnet er alle Einzelheiten des levitischen Dienstes an! Die Szene wird durch keinen Mißton gestört, außer durch die Tochter Sauls, deren Herz nicht in Einklang mit der ganzen Szene ist, so daß sie kein Mitgefühl mit David haben und kein Verständnis für ihn aufbringen kann, denn sie verachtete ihn in ihrem Herzen. So muß David in dieser Stunde der Freude durch eine unangemessene Verbindung leiden. Und wie oft ist dies der Fall! Mancher führt einen annehmbaren Wandel in dem verdunkelten Licht der bekennenden

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Christenheit, verrät sich aber bald, wenn er in das helle Licht der Gegenwart Gottes gestellt wird. Wenn dieser Zwischenfall aber eine Wolke am getrübten Himmel über Davids Haupt war, so barg sie zugleich eine Segnung und Befreiung für ihn. Denn diese ungleiche Verbindung sollte ihn nun nicht weiter fesseln. Die Trennungslinie wird von nun an für immer zwischen ihnen gezogen. In der Wüste hatte Gott ihm eine Abigail gegeben, eine verwandte Seele, um seine Verwerfung zu teilen. Und jetzt, als er die Lade Gottes zu ihrer Ruhe auf dem Berge Zion geleitet, unter der grenzenlosen Freude einer Seele, die über die Erhebung Jehovas jubelt, da bricht er das letzte Bindeglied zur Welt. Seine heilige Freude entfremdet ihm das Herz derjenigen, deren innerster weltlicher Sinn sich hier offenbart. Es erscheint wahrscheinlich, daß David den 30. Psalm aussprach, als er sich „wandte, um sein Haus zu segnen“ (1. Chr 16,43). Da konnte er sagen: „Meine Wehklage hast du mir in einen Reigen verwandelt, mein Sacktuch hast du gelöst und mit Freude mich umgürtet“. Er war nun zur Höhe des Wohlergehens aufgestiegen und konnte sagen: „Ich werde nicht wanken ewiglich“. Seine Seele erfreute sich in Einfalt alles dessen, was ihm aus Gottes Hand zuteil wurde. Und hier ruft er aus: „Ich will dich erheben, Jehova, denn du hast mich emporgezogen und hast nicht über mich sich freuen lassen meine Feinde.“ 1. Chronika 17. In diesem Geiste war es, daß David in seinem Hause saß und zu Nathan, dem Propheten, sprach: „Siehe, ich wohne in einem Hause von Zedern, und die Lade des Bundes Jehovas wohnt unter Teppichen’. Es war das durchaus natürliche und fromme Gefühl einer Seele, die in so lebendiger Weise die Liebe und Güte des Herrn genoß, und als solches wurde es von Nathan gelobt. Es entsprach jedoch nicht den Gedanken des Herrn, und wir lernen daraus, daß die aufrichtigsten und scheinbar geistlichsten Wünsche und Absichten nicht vertrauenswürdig sind und nicht ausgeführt werden dürfen, ehe wir direkte Anweisung vom Herrn erbeten haben. „Und es geschah in selbiger Nacht, da geschah das Wort Gottes zu Nathan also: Gehe hin und sprich zu David, meinem Knechte: So spricht Jehova: Nicht du sollst mir das Haus zur Wohnung bauen. . . « Und der Herr fährt fort, ihm zu sagen, wie Er Seinem Knecht ein Haus bauen wird! Wenn unser Becher überfließt, sind wir geneigt, auf der Höhe der Freude, die Gottes Güte uns gewährt, uns einen Dienst für Ihn vorzunehmen, zu dem wir gar nicht geeignet sind, obwohl die Absicht durchaus lauter sein mag. Gottes Wort weist uns aber stets unseren richtigen Platz zu, wie es hier David gegenüber geschieht, wobei ihm noch eine erweiterte und wunderbare Enthüllung der Anteilnahme des Herrn an ihn persönlich gezeigt wird. Es ist gut, großen Eifer für die Ehre des Herrn zu haben, aber Sein Wort, das unsere ungeeigneten Pläne korrigiert, wird uns sicherlich auch Seine eigene unermeßliche Anteilnahme an uns enthüllen. Dieses lernt David hier, und nun kann er hingehen und sich vor Jehova niedersetzen in voller Gemeinschaft mit den Gedanken des Herrn, und in jener Beiseitesetzung seiner selbst, die allein durch die Gegenwart des Herrn hervorgerufen wird. Wie sehr wir Ihn auch für Seine Gaben preisen, und diese wirklich aus Seiner Hand empfangen mögen, so sind wir doch fähig, wenn wir im „Hause der Zedern“ sitzen, unsere gebührende Berufung und Stellung mißzuverstehen. Setzen wir uns aber „vor Jehova nieder“ und lauschen Ihm, wie Er uns Seine Gedanken enthüllt, und uns Seine Anteilnahme an uns bezeugt, so wird alles an seinen richtigen Platz gerückt und wir rufen aus. „Wer bin ich, daß du mich bis hierher gebracht hast?“ 1. Chronika 18. Nach diesem unterwirft David die Philister, schlägt Moab, und den König von Zoba bei Hamath, als er hineinzog, um seine Macht am Strome Euphrat zu befestigen. Der Herr behütet ihn, wohin immer er sich wendet. David legt Besatzungen in Edom und die Edomiter werden seine

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Knechte; die Syrer fliehen vor Israel, sie wollten den Kindern Ammon nicht mehr zu Hilfe kommen. Kurz, der Herr schenkt David in beispielloser Art den vollen Segen des Erfolges und Wohlergehens. Wie stellt sich David zu diesen Segnungen? Er war in zweifacher Weise gesegnet worden, geistlich und zeitlich. Geistlich, als er in die Gemeinschaft mit Gottes Gedanken und Absichten eingeführt wurde, Gottes grenzenloses Interesse an seiner Person erkannte und seine unvollkommenen Wünsche sich in der Unbegrenztheit der göttlichen Verheißungen und Absichten verloren. Zeitlich in Segnungen, in der Erhabenheit der Wege Gottes und Seiner Gaben für Seinen Knecht. Ist er fähig, dies alles zu ertragen? Feindschaft stellt den Charakter auf die Probe, indem sie die Hilfsquellen in uns selbst herausfordert. Wohlergehen aber stellt das Fleisch und die Kraft der Selbstbeherrschung auf die Probe. Bei Feindschaft strengen wir alle Kräfte an und wollen sie beweisen, um aus der schwierigen Lage herauszukommen. Wohlergehen dagegen bietet uns Gelegenheit, unseren natürlichen Neigungen die Zügel schießen zu lassen. 2. Samuel 11. Gott hatte David auf wunderbare Weise gezeigt, wie überreich und freigebig Er Seine Hand auftun konnte um ihn zu segnen, Sein Wohlstand war grenzenlos. In diesem Zustand bietet sich seinem Fleische eine Gelegenheit. Er fällt. Mit welchem Eifer hascht das arme Herz nach Wohlergehen und Gnade und vergißt dabei, daß solche Geschöpfe, wie wir es sind, keine neue Gnade erlangen können ohne gleichzeitig einer neuen Prüfung für das Fleisch ausgesetzt zu werden. Und je mehr wir in den natürlichen Dingen unserer Umgebung ruhen, je größer ist die Gelegenheit für unser Fleisch, sich zu zeigen. Der Herr weiß, daß die Quelle des Bösen vorhanden ist. Und obwohl wir so sehr gedemütigt werden durch die Aufdeckung des Bösen, so ist diese Bloßstellung doch nötig, damit uns die Quelle gezeigt werde. In Wirklichkeit sind wir unter Gottes einsetzendem Gericht nicht schlechter als vorher, denn Er wußte von Anfang, wozu wir fähig waren. Von seiner Sünde wahrhaft überführt, ist David nun, wie wir in Psalm 51 sehen, niedergebeugt und sein Geist demütig und „zerbrochen“ in der Erkenntnis seiner eigenen Verderbtheit. Er hatte bereits vorher einen demütigen und zerbrochenen Geist gezeigt als Folge der bloßgestellten Schwachheit seiner Natur. Nun zeigt sich dieser Geist in der tiefen Erniedrigung durch die Verderbtheit seiner Natur. In seinem Bekenntnis hierüber gibt er dem Schrei aus dem Herzen Israels an jenem Tage Ausdruck, wenn es „den anschauen wird, welchen es durchstochen hat“ und vor Ihm gedemütigt wird in bezug auf seine „Blutschuld“. Wie schmerzlich dieser Augenblick auch sowohl für David wie für Israel ist, so wird doch beiden gerade in diesem Augenblick das Heil Gottes am völligsten geoffenbart. Denn je tiefer ich gesunken bin, um so kostbarer ist mir die Befreiung. David wird hiernach durch Gottes wunderbare Gnade in eine tiefere Erkenntnis des Heils eingeführt. Er lernt erkennen, was Gott für den Sünder ist, aber auch, daß Sünde gegen unseren Nächsten durch zeitliche Züchtigung heimgesucht werden muß. Gott ist gerecht in Seinen Regierungswegen mit den Menschenkindern, und der, der sich gegen andere versündigt, muß auch öffentlich bestraft werden. Viele sündigen nur gegen Gott und erleiden dann Strafe an ihrem Fleische, eine Züchtigung, die zwischen ihnen und Gott ausgeführt wird. Wenn durch die Sünde aber andere Schaden erleiden, so muß die Züchtigung eine öffentliche sein. 2. Samuel 12. Davids Kind stirbt. Aber bald zeigen sich wieder die gesegneten Früchte der Zucht in seiner Seele. Sie ist wieder in Abhängigkeit und Unterordnung. Während das Kind noch lebte,

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flehte er um seinetwillen zum Herrn. Während er zwar weit entfernt davon ist, die Zucht des Herrn zu verachten, empfindet er sie dennoch offenbar äußerst schmerzlich. Als das Kind aber gestorben ist, erkennt er den Ratschluß Gottes in völliger Unterwerfung an. „Da stand David von der Erde auf und wusch und salbte sich.“ Es war für ihn ein Augenblick tiefster Finsternis gewesen, denn jede Mitteilung des Herrn, um den Schmerz seines Herzens zu lindern, hatte ihm gefehlt. Ich glaube, daß dies allgemein der Fall ist, wenn wir unter Gottes Züchtigung leiden. Es ist notwendig, daß wir den gerechten Zuchtweg Gottes empfinden. Und während wir durch die Züchtigung als Folge unserer Sünde hindurchgehen, sind wir uns keines Lichtes und keiner Gemeinschaft bewußt. Wir dürfen jedoch aus der Züchtigung mit erneuerter Kraft und Stärke hervorgehen, wie es bei David der Fall war. Denn wir finden ihn gleich darauf im Kampf gegen Rabba (Vers 29) im vollen Sieg. Er betritt wieder den rechten Pfad, und Ehre und Segnungen werden ihm wieder zuteil. Gott zeigt ihm, so unbeugsam Er auch im Gericht ist, daß Seine Liebe und Fürsorge David gegenüber unverändert geblieben sind. Trotzdem war der Urteilsspruch ergangen und von Nathan (Verse 10 u. 11) verkündet worden: „So soll von deinem Hause das Schwert nicht weichen ewiglich.“ Obwohl Davids Seele an der Frucht seiner Sünde so bitter gestraft worden war, weil er sich nicht selbst gerichtet hatte, und obwohl er nun auch soweit wiederhergestellt war, so mußte er weiterhin die Züchtigung der gerechten Regierungswege Gottes erdulden, die ihn vor den Menschen demütigten. 2. Samuel 13 + 14. Damit gelangen wir zu jenem Abschnitt seiner Geschichte, in dem er infolge des Bösen seiner eigenen Kinder durch Trübsal und Demütigung geht, Es gibt wohl keine empfindlichere Weise, wie einem Mann das Gefühl des Bösen in der eigenen Natur zum Bewußtsein gebracht und wie er tiefer vor den Menschen gedemütigt werden kann. Mängel in der Selbstzucht eines Elternteiles werden sich an seinen Kindern offenbar machen, und von ihren jüngsten Kinderjahren an wird er in schmerzlicher Weise erfahren müssen, was in seiner eigenen Natur unterdrückt und gekreuzigt werden muß, obwohl er möglicherweise niemals genau die gleichen Sünden begangen hat, die sich an seinen Kindern zeigen. Kinder bilden die Fortsetzung des Lebens der Eltern hier auf Erden und zeigen deutliche Abbilder von deren Natur. Ich halte dafür, daß Amnon gemäß dem Gesetz für seine Sünde den Tod hätte erleiden müssen (Kap. 13, 4). David versäumt es, „gerecht und in der Furcht Gottes‘„ zu regieren. Das Gericht ereilt Amnon durch die Hand seines Bruders Absalom, der wegen dieser Mordschuld aus dem Königreich entflieht. David gibt der Strategie Joabs nach und ist so schwach, nicht nur die Rückkehr Absaloms zu gestatten, sondern ihn nach einiger Zeit wieder in seine Gunst aufzunehmen (Kap. 14). Es dauert nicht lange, bis diese Schwäche und Ungerechtigkeit die bittersten Früchte trägt. Denn wenn wir ungerechterweise jemand verschonen, um damit unseren eigenen Gefühlen nach zugeben, so setzen wir uns stets dem Bösen der Natur aus, das wir hätten eindämmen und verurteilen sollen. 2. Samuel 15. Nach der Mitteilung über die Aufnahme Absaloms durch seinen Vater führt uns bereits der nächste Vers in Absaloms Absichten der Empörung und Ermordung seines Vaters ein (Kap. 15,1). David muß nun fliehen. Was für ein trauriger und demütigender Anblick, ihn zu sehen, der zu solcher Ehre und so hoher Stellung erhoben worden war, wie er nun vom Throne steigt und Jerusalem verläßt vor den Wogen des Tumults und Aufruhrs, der von seinem eigenen Sohn hervorgerufen

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und genährt wird! Er war schon einmal durch einen ähnlichen Augenblick geschritten, aber unter anderen Umständen. Das Leid von Ziklag war ebenfalls eine Zuchtmaßnahme, aber dort war es auf allen Seiten der Mensch gewesen. Hier dagegen geht es um den Verlust Jerusalems, des Berges Zion, den er liebte, seiner Stellung und alles anderen, und nicht durch die Hand der Amalekiter, sondern durch die seines eigenen Sohnes. Doch er gibt alles auf, indem er den Ausgang in eine andere Hand legt: „Wenn ich Gnade finde in den Augen Jehovas, so wird er mich zurückbringen und mich sie (die Lade Gottes) und seine Wohnung sehen lassen. . . “ „David aber ging die Anhöhe der Olivenbäume hinauf und weinte, während er hinaufging; und sein Haupt war verhüllt, und er ging barfuß.“ Wie sehr die Züchtigung jener Stunde in seine Seele eindrang, wird uns in Psalm 3 gesagt: „Viele sagen von meiner Seele: Es ist keine Rettung für ihn bei Gott!“ Aber was folgt dann? „Mit meiner Stimme rufe ich zu Jehova, und er antwortet mir von seinem heiligen Berge!“ Der wahre Wert der Trübsal und Prüfung besteht darin, die Seele zu einem einfältigen Vertrauen auf Gott zu führen. David hatte hierin gefehlt. Während er damals in den ihm verordneten Dienst nicht hinausgezogen war, und sich dadurch selbst in Versuchung und Sünde brachte (Kap. -ii,:t), wird er nun durch seinen eigenen Sohn in einen Krieg hineingerissen. Wenn wir vor dem Dienst zum rückschrecken, zu dem wir berufen werden, bringen wir uns nicht nur selber in Schwierigkeiten, sondern wir beweisen, wie einst Jona, daß wir ein tieferes Geübtwerden der Seele nötig haben, um für unsere Berufung tauglich gemacht zu werden. In dem widernatürlichen und bitteren Kampf erneuert David, der leidende Knecht, sein Vertrauen auf Gott. 2. Samuel 16. Und von dem Augenblick an, wo er sagen konnte: „Ich legte mich nieder und schlief“ (Ps 3,5) verlief alles günstig für ihn. (Ich fühle mich veranlaßt, diese Worte an die Stelle zu setzen, wo es heißt: „Und der König (David) und alles Volk, das bei ihm war, kamen ermattet an, und er erholte sich daselbst“, Vers 14. Er sagt: „Ich erwachte, denn Jehova stützt mich. Nicht fürchte ich mich vor Zehntausenden des Volkes, die sich ringsum wider mich gesetzt haben.- Wenn wir auf Grund unseres Vertrauens auf Gott schlafen können, dann haben wir keine Furcht vor Menschen, so mächtig oder so nahe sie sein mögen. 2. Samuel 17 + 18. Ahitophels Rat wird verworfen und David kehrt nach Jerusalem zurück. Absalom aber mußte fallen. 2. Samuel 21. David geht durch andere Trübsale. Seine Geschichte zeigt uns in erster Linie, wie fortwährend die Übung seiner Seele fortgesetzt werden muß. Nach der Befreiung von Scheba (Kap. 20) kommt eine Hungersnot über das Land, die drei Jahre nacheinander andauert. Diese führt ihn dazu, den Herrn wieder zu befragen, und Er sagt ihm, daß die Heimsuchung wegen Saul und dessen Bluthaus gekommen sei. Im weiteren Verlauf werden die Letzten dieses Hauses ausgerottet. Nach diesem entstand ein weiterer Streit mit den Philistern (Vers 15). Am Ende seiner Laufbahn, wie zu deren Anfang, steht er wieder einem Riesen gegenüber – nicht demselben Riesen, denn was wir einmal wirklich besiegt haben, brauchen wir nicht zum zweiten Male zu besiegen. Aber andere Riesen erheben sich und stellen unsere Kraft auf die Probe, und wir müssen erkennen, daß das, was dem Glauben ein Leichtes ist, demjenigen, der nicht in der Glaubensübung steht, gefährlich werden kann. Hat unser Vertrauen auf Gott nachgelassen, so ist auch unsere Widerstandsfähigkeit geringer, so weitgehend auch unsere Erfahrung und Festigkeit sein mag, David war hier „ermattet“; als aber der Riese „gedachte, David zu erschlagen kam Abisai ihm zu Hilfe und tötete den Philister.

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2. Samuel 24 u. 1. Chronika 21. Noch eine weitere Zucht besonderer Art ist notwendig für diesen schon so viel gezüchtigten Knecht, und zwar am Ende seines Lebens. Manche Jahre waren verflossen, seitdem er gewünscht hatte, dem Herrn ein Haus zu bauen – ein Wunsch, der an sich gut war, aber zu dessen Verwirklichung er nicht berufen war. Der Herr erlaubte daher die Ausführung nicht, obwohl Er gleichzeitig David reichlich an seiner Seele segnete durch die Offenbarung der göttlichen Anteilnahme an seiner Person. Erst am Ende seines Lebens wird ihm gezeigt, wie wenig geschickt er tatsächlich für den Bau des Hauses des Herrn war, denn er wußte noch nicht einmal, wo es gebaut werden sollte. Diese Erkenntnis wird ihm zuteil als die Frucht der göttlichen Züchtigung wegen seines Versagens. Der Platz für den Tempel wird ihm gezeigt in seinem moralischen Wert und seiner Eignung. So konnte er, indem seine Seele das Wesen jener Gnade erkannte, die die Grundlage von allem bildete, seine letzten Stunden den Vorbereitungen für den Tempelbau widmen. Als David Ruhe hatte von allen seinen Feinden und sich natürlicherweise seiner erhabenen Stellung bewußt war, nutzt Satan dies aus, indem er ihn versucht, das Volk zu zählen, und sich dadurch seiner irdischen Hilfsquellen zu erfreuen (Kap. 24). Gott war es gewesen, Der ihn zu seiner jetzigen Stellung erhoben hatte, aber das menschliche Herz will Gottes Gaben zusammenzählen, um sich darin unabhängig vom Geber zu fühlen. Alles, was er besaß, verdankte er in einzigartiger, wunderbarer Weise Gottes Güte. So war es eine sehr offensichtliche, beschämende Wirksamkeit des Fleisches, wenn er zu Ende seiner Laufbahn seinen Wunsch öffentlich kundgab, für groß zu gelten aufgrund der Zahl seines Volkes, und nicht aufgrund des Beistandes Gottes, Der ihn bis hierher gestützt hatte. Der Herr sucht ihn diesetwegen heim, gestattet ihm aber, eine von drei Plagen zu wählen. Sind wir gestrauchelt, so ist Zucht nötig, um das Fleisch zurechtzuweisen. War die Verfehlung privater Natur, so ist die Züchtigung eine persönliche, wenn auch nicht weniger schmerzvolle; wenn sie aber öffentlicher Natur war, so muß auch die Züchtigung in der öffentlichkeit erfolgen, denn Gott erweist Seine Gerechtigkeit gegenüber allen Seinen Geschöpfen. David ist in seiner Seele wiederhergestellt, denn er erwählt die Züchtigung, welche am unmittelbarsten aus der Hand Jehovas kommt, und zeigt dadurch seine erneute Abhängigkeit. Und nun eröffnet sich ihm ein neues und wunderbares Segensgebiet. Der rührendste Beweis der Gnade Gottes, die aus Seiner Liebe hervorströmt, ist dies, daß uns, wenn die Wiederherstellung völlig ist, stets eine weitere Offenbarung der Fülle unserer Annahme bei Ihm geschenkt wird. Als das Schwert Jehovas über Jerusalem ausgestreckt war, und David im Bewußtsein seiner Schuld ganz auf Gott geworfen war, da offenbarte Gott Seine Gnade. Der Prophet Gad wird gesandt, um ihm zu sagen, daß er hinaufgehen und einen Altar auf der Tenne Ornans, des Jebusiters, errichten solle. David hat an diesem Altar Annahme bei Gott gefunden, während er sich fürchtete, zum Brandopferaltar auf der Höhe von Gibeon zu gehen, welcher zu der ersten Hütte unter dem Gesetz gehörte. Und nun erfährt er hier zum ersten Male, wo der Standort des Tempels sein soll. Lange vorher hatte er versucht, diesen Tempel aufzurichten, – dieses Bild von dem Herrn Jesus Christus. Aber noch nie war er derart gedemütigt gewesen, daß Gott ihn über den richtigen Ort belehren konnte. Auch hatte er, wie viele von im, nicht jene Übungen der Seele gekannt und jenen Lektionen der Gnade sich unterworfen, um auch nur die Anfangsgründe der Arbeit zu kennen, für die er sich geeignet gedünkt hatte. Es ist gut, hohe und große Dienste zu begehren, aber wir müssen zubereitet sein, um sie auf göttlichem Wege auszuführen. Wenn Jakobus und Johannes begehren, im Reiche Christi zu Seiner Rechten und Linken zu sitzen, waren sie dann fähig, von dem Kelch zu trinken, den Er trank, und mit

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der Taufe getauft zu werden, mit der Er getauft wurde? David hat nun eine Erkenntnis der göttlichen Gnade erlangt, die ihm vorher unbekannt war. Sie befähigt ihn nun, den Ort für jenen Bau zu finden, der Christus als Den darstellte, Der es Selbst auslebte, daß die Gnade über das Gericht triumphiert. Daher konnte David sagen. „Dieses hier soll das Haus Jehovas Gottes sein, und dies der Altar zum Brandopfer für Israel.“ Und daselbst wurde der Tempel errichtet. 1. Chronika 22. Es bleibt uns nur noch übrig, das Ende des Lebens Davids zu betrachten. Es scheint, daß er, nach der Züchtigung und Unterweisung auf dem Berge Morija, sich mit Fleiß der Zubereitung der Materialien für den Tempel widmete. 1. Chronika 23–33. Außerdem, nachdem er Salomo, seinen Sohn, als König über Israel eingesetzt hatte (Kap. 23), versammelte er alle Obersten Israels und die Priester und Leviten und teilte sie in ihre Abteilungen ein. Schöner und gesegneter Beschluß seines ereignisreichen und lehrreichen Lebens, das bezüglich des Zeugnisses in geziemender Weise durch seine Ansprache an alle Obersten Israels abgeschlossen wird! Dies ist das Ende seiner öffentlichen Laufbahn. 2. Samuel 23. Aber welches waren seine ganz persönlichen Gedanken? In seinen „letzten Worten“ verleiht er ihnen Ausdruck. Dort hören wir über seine eigenen Gefühle und Beurteilungen über alles, – über Gottes Gnade ihm gegenüber, über seinen eigenen unvollkommenen Zustand, über die Hoffnung seiner Seele und den Gegenstand ihres Vertrauens. Und endlich seine Einschätzung der Welt in ihrer Feindschaft gegen Gott, ausgedrückt mit der Bezeichnung „Männer Belials“. Indem wir diese hoch interessanten und erfahrungsreichen „letzten Worte“ in unserer Seele bewegen und des Kreises der Treuen und Tapferen eingedenk sind, die ihn begleitet hatten und nicht vergessen werden (Verse 8 ff), mögen wir die Geschichte des „Mannes nach Gottes Herzen“ beschließen unter dem Schall des Psalm-Gesanges: „Wunderbar sind deine Werke, und meine Seele weiß es sehr wohl!‘(Ps 139,14)

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Elia Die Stellung des Elias in den Wegen Gottes mit Seinem Volke verleiht dem Charakter der Geschichte des Propheten ein besonderes Interesse. Es war Gnade, welche die Art des Dienstes, der in jener bemerkenswerten Zeit von ihm gefordert wurde, in ihm entwickelte; sie unterwarf ihn zugleich der Erziehung, die ihn für jenen Dienst formen und erziehen sollte. Gott ernennt den Diener, der geeignet ist, Seinen Willen auszuführen, nach Seinem Eigenen Ratschluss und stattet ihn mit Kraft für seinen Auftrag aus. Gleichwohl steht der Diener ständig in Gefahr, den Planungen seines Fleisches zu folgen, wenn er nicht durch die Hand Gottes kontrolliert und geübt wird. Es spielt dabei keine Rolle, wie fromm und göttlich seine Absicht ist; denn wir täuschen uns sehr, wenn wir glauben, daß der Besitz göttlicher Gedanken allein schon zum Dienste befähigt; es kommt entscheidend auch darauf an, daß wir diese Gedanken treu und wirksam zum Ausdruck bringen, und das erfordert eine Zucht, die wir oft nicht verstehen. Zurechtweisungen für bekannte Fehler können wir leicht begreifen; aber jene besondere Art der Schulung, die den Menschen zu Gottes Werkzeug und Zeugen erzieht, verstehen wir ebensowenig wie die Pflanzen erfassen, daß sie die Wechselfälle des Winters durchstehen müssen, um eine reichere Ernte hervorzubringen. Die öffentliche Laufbahn des Elias begann damit, daß er Ahab das Gericht ankündigte (1. Kön 17). Das aber war keineswegs auch der Anfang seiner persönlichen Übungen; denn das hier so zuversichtlich angekündigte Gericht war nach Jakobus 5,17 eine direkte Antwort auf sein Gebet. „So wahr Jehova lebt, der Gott Israels sagt Elia, „vor dessen Angesicht ich stehe, wenn es in diesen Jahren Tau und Regen geben wird, es sei denn auf mein Wort“. Und warum hatte er das erbeten? Ahabs Bosheit war in den Augen Jehovas größer als die Bosheit aller seiner Vorgänger. Er hatte Isabel geheiratet, die Tochter des Königs der Zidonier, und er hatte dem Baal in dessen Haus einen Altar errichtet. Elia, „ein Mensch von gleichen Gemütsbewegungen wie wir“, aber ein gerechter Mann, der in Abhängigkeit von Gott lebte, konnte diese Greuel inmitten des Volkes Gottes nicht gleichgültig hinnehmen; deshalb „betete er ernstlich“, daß Jehova solchermaßen im Gericht zum Volk reden und Seinen Namen rechtfertigen möge. Er vertraute auf Gott und blickte auf Ihn in der Erwartung, daß Jehova Sein Volk strafen und zu der Abhängigkeit führen möge, die er selbst besaß. Der Entzug alltäglicher Wohltaten auf die Dauer von dreieinhalb Jahren sollte sie an die Quelle aller Segnungen erinnern und Besinnung sowie Umkehr bewirken. Der Verlust natürlicher Wohltaten durch übernatürliche Mittel vermittelt den Menschen immer das Gefühl der Notwendigkeit, zum Schöpfer aufzublicken. Wird der Lauf der Natur durch eine ihm unbekannte Macht aufgehalten, so fühlt er, auch wenn er im Genuß der gewöhnlichen Segnungen selten an Gott denkt, daß es nur ein Hilfsmittel gibt: Ihn anzurufen, den er bislang verunehrt und verlassen hat. Betrübt und bedrückt durch die Abtrünnigkeit Israels, findet Elia im Gebet Erleichterung für sein Herz und empfängt so von Gott das Heilmittel, das Sein Volk und Ahab, den König, dazu

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führen soll, jede Segnung, die sie genießen, als aus der Hand Gottes kommend anzuerkennen. Wie interessant ist danach schon der Beginn der Geschichte des Elias! Nachdem er im Verborgenen gebetet hat, tritt er zum ersten Mal hervor, um das Ergebnis dieses Gebets zu verkünden und erweist sich damit als ein gesegneter und zubereiteter Zeuge in einer so bösen, schrecklichen Zeit. Aber sein Zeugnis schließt auch – der Heilige Geist bekräftigt es Jahrhunderte später – die Bestätigung dafür, daß „das inbrünstige Gebet eines Gerechten viel vermag“, durch jede Seele ein, die gelernt hat, in allen Lagen auf Gott zu warten. Seine erste Begegnung mit Ahab (1. Kön 17,1) zeigt, mit welcher Würde und Kraft der von Gott unterwiesene Mann gegen die Verderbtheit seiner Tage zeugt. Es ist eindrucksvoll zu sehen, wie ein einzelner, bisher unbekannter Mann in der Kraft Gottes aufsteht und zu dem König von Israel spricht: „Wenn es in diesen Jahren Tau und Regen geben wird, es sei denn auf mein Wort“! Elia nahm damit die Vorrangstellung ein, die Ahab verwirkt hatte. Der König von Israel hätte Gottes hervorragendster Diener sein sollen; aber er hatte sich in trauriger Weise vom Wege Gottes abgewandt, und Jehova sendet nun Seinen Eigenen Diener, der im Geheimen unterwiesen wurde, Botschaft und Zeugnis davon zu Überbringen, daß Er – Gott – an höchster Stelle über alles waltet. Der Regen, auf den die Pflanzen des Erdbodens angewiesen sind, würde nicht fallen, es sei denn auf das Wort Seines Dieners. Nachdem der Diener die göttliche Botschaft ausgerichtet hat, führt Gott ihn einen bemerkenswerten Weg. „Gehe von hinnen und verbirg dich am Bache Krith. Und es soll geschehen, aus dem Bache wirst du trinken, und ich habe den Raben geboten, dich daselbst zu versorgen“. Elia soll nicht außerhalb der Trübsale, mit denen Gott Sein Volk heimsucht, sondern in Abhängigkeit von Gott in den Trübsalen stehen. So ist es mit jedem treuen Diener. Diese Zeit, die für den Eigenwillen voll ungemilderter Trübsal ist, erweist sich für den Mann des Glaubens als besonders nutzbringend. Wenn sein Gebet auf eine so eindringliche Weise beantwortet wurde, so mußte er aus eben diesem Grunde noch größere Abhängigkeit dadurch lernen, daß die Trübsale, für die er gebetet hatte, auch ihn selbst heimsuchen würden, wenn er sich nicht strikt an den Pfad des Glaubens hielte. Wenn unsere Bitten gnädig erhört werden, neigen wir häufig dazu, den Platz der Abhängigkeit aufzugeben, während die empfangene Segnung doch gerade das Gegenteil bewirken sollte. Der Glaube allein stellt den Diener über die Trübsale des Volkes Gottes und nicht die Umstände, die für ihn bestellt sind. Elia mußte sich verbergen; aber gleich Dem, Den er im Vorbilde darstellte, mußte er in Israel bleiben, wenn auch verborgen und unbekannt; denn Gott sorgte zunächst für ihn. Gewissermaßen mit Eigener Hand ernährte Er ihn. Raben, die im Gegensatz zu anderen Vögeln wegen ihrer Gefräßigkeit die Fütterung ihrer Brut vernachlässigen, sie werden von Gott zu Dienern der Bedürfnisse Seines Knechtes gemacht. „Und er trank aus dem Bache“. Aber kurz danach bekam er die Hungersnot und die Trockenheit im Lande noch stärker zu fühlen: „Da vertrocknete der Bach; denn es war kein Regen im Lande“. Er sollte die Leiden des Volkes Gottes noch empfindlicher spüren, auch wenn er sich diese nicht durch persönlichen Eigenwillen zugezogen hatte; aber zugleich durfte er auf Gott vertrauen und sagen: „Jehova ist meine Hilfe“. Das war auch die Erfahrung unseres gelobten Herrn, und zwar in der Vollkommenheit, die Ihn immer kennzeichnete. Als Er Seine Verwerfung von Seiten Israels fühlte, und erkannte, wie ihre Herzen sich Ihm verschlossen, bezieht Er Sich auf diese Vorgänge (Lk 4). Er benutzte sie dazu, Seinen Zuhörern zu zeigen, daß Er nicht ohne Hilfsquellen war. Wenn Ihm Israel die Aufnahme versagte, würde

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derselbe Gott, der eine Witwe aus den Nationen zur Wirtin des Elias bestellt hatte, dem Herrn der Erde Aufnahme in den Herzen der Nationen außerhalb Israels verschaffen. Nachdem Elia gelernt hatte, im Lande der Verheißung wegen seines täglichen Unterhalts auf Jehova zu warten, hörte er nun das Wort: „Mache dich auf, gehe nach Zarpath, das zu Zidon gehört, und bleibe daselbst; siehe ich habe daselbst einer Witwe geboten, dich zu versorgen“. Das war eine neue Art der Erziehung; sie eröffnete ihm einen Dienst. Er, ein Israelit, sollte das Land der Verheißung verlassen und bei einer Witwe aus den Nationen wohnen, um von ihr versorgt zu werden. Auch der Herr wohnte während Seiner Verwerfung von seiten Israels in gewissem Sinne bei den Nationen, und es ist gesegnet zu sehen, daß jeder treue Diener auf einen Pfad geführt wird, der dem Seinen in mancher Hinsicht ähnlich ist. Elia gehorcht und offenbart – wie der Herr – die wunderbare Gnade Gottes mit den Menschen an seinem neuen Aufenthaltsort. Schon am Eingang der Stadt traf er jene Witwe; denn wenn der Glaube auf das Wort Gottes hin handelt, findet sich stets das Richtige am richtigen Ort. Elia hätte an der Witwe vorübergehen und eine wohlhabendere suchen können, denn sie war arm. Aber sein Auge war auf Gott gerichtet, der geboten hatte, daß diese Witwe ihn versorgen sollte, und deshalb ließ er sich durch ihre Armut nicht entmutigen. Ohne weiteres forderte er sie auf: „Hole mir doch ein wenig Wasser im Gefäß, daß ich trinke“! Meines Erachtens fühlt eine von Gott geleitete Seele stets den rechten Weg ; sie zweifelt nicht, sondern bittet, und zwar zunächst um geringfügige Dinge und erst später – kühner werdend – um mehr. So auch hier. Als Elia sah, daß die Witwe ihre Arbeit willig unterbrach und die Forderungen, die die Not an sie richtete, zurückstellte, wagte er es, mehr zu bitten und stellte auf diese Weise fest, ob sie die Witwe war, zu der Gott ihn gesandt hatte. Sie war bereit, alles mit ihm zu teilen, was sie besaß; aber als der Prophet erbat, was sie nicht hatte, war sie gezwungen ihre ganze Armut zu enthüllen. Mit diesem Bekenntnis aber schuf sie die Voraussetzung, daß Elia in der ganzen Größe Dessen auftreten konnte, Dessen Diener er war. Wie herrlich ist dieser Augenblick, wo der Glaube mit vollem Bewußtsein in den Ratschluß Gottes eintritt, nachdem er auf seinem Wege sorgfältig dem Strahl des göttlichen Lichts gefolgt war, das wohl ihm, aber nicht nach außen hin erkennbar war. So war es mit Elia. Das Wort Jehovas hatte ihn nun erreicht, und er verkündete es der Witwe: „Das Mehl im Topfe soll nicht ausgehen und das Öl im Kruge nicht abnehmen bis auf den Tag, da Jehova Regen geben wird auf den Erdboden“. Er nimmt alsbald seinen Aufenthaltsort in ihrem Hause und wird ein ganzes Jahr in bemerkenswerter Weise von Jehova erhalten. Wir versäumen oft, das Wort Gottes entgegenzunehmen, weil wir uns nicht dort befinden, wo es uns erreichen kann d. h. wir gelangen nicht dahin, wo der Herr uns zur Verherrlichung Seines Namens gebrauchen kann. Nur dort sind wir imstande, Seinen Namen in voller Kraft zu verkündigen und uns im Genuß des Segens zu erhalten, in den Er uns eingeführt hat. Muß es für Elia nicht eine besondere Ermunterung gewesen sein, Tag für Tag zu erfahren, wie Gott ihn in diesem armen, verlassenen Hause erhielt? Müssen Brot und Öl, die er dort täglich zu sich nahm, nicht wohlschmeckend gewesen sein, wenn seine Seele sich vergegenwärtigte, daß diese Gabe unmittelbar – am Ende der „vielen Tage“ dürfte kein Stäubchen Mehl mehr im Topfe gewesen sein, als an ihrem Anfang –, aus Gottes Hand kamen? Was für gesegnete, wichtige Erkenntnisse wurden dem Elia im Hause jener Witwe zuteil! Er durfte im Vorbild das ganze Ausmaß göttlicher Segnungen in bezug auf den Menschen erleben, die später im

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Sohne Gottes völlig geoffenbart werden sollten. Er erfuhr, daß Gott vor dem Tode bewahren, der Not auf Erden begegnen und dem Übel abhelfen konnte. Aber er sollte jenes Haus nicht verlassen, ohne in ein noch größeres Geheimnis eingeführt zu werden. Der Sohn der Witwe stirbt, und Elia, obwohl er nicht ohne Hilfsquellen war, geht durch tiefe Seelenübungen, ehe er sich die Gnade, die in Gott ist, um einer solchen Not zu begegnen, aneignet (Verse 17–24). Er kommt jetzt mit einem Kummer in Berührung, der ihn tief beeindrucken muß. Die Witwe hat ihren einzigen Sohn, ihre letzte Verbindung zur Erde, verloren; sie bietet ein ergreifendes Bild menschlicher Traurigkeit und Verlassenheit. Doch noch viel näher muß es dem Propheten gehen, daß sie ihm den Tod ihres Sohnes zur Last legt (V. 18). Aber Gott war im Begriff, Seine Macht und Gnade in der Überwindung des Todes und der Wiedergabe des Lebens zu offenbaren; denn es ging jetzt nicht mehr um Bewahrung vor dem Tode und seinen Schrecken, sondern um Auferweckung aus den Toten. Er bediente sich dazu des Elias und unterwies ihn so in hervorragender Weise im Mächtigsten Seiner Werke. Die Seelenübungen des Propheten aus dem Vorwurf der trauernden Witwe und die Empfindungen seiner Seele hinsichtlich der Macht Gottes, die Leben aus den Toten gab, waren von besonderer und wunderbarer Art. Wie tief mußte ihn auf Grund solcher Erfahrungen das dankbare Zeugnis der Witwe nach der Auferstehung ihres Sohnes berührt haben: „Nunmehr erkenne ich, daß du ein Mann Gottes bist, und daß das Wort Jehovas in deinem Munde Wahrheit ist“. Durch das große Werk der Auferweckung wurde Gott geehrt und sein Diener gerechtfertigt. Nachdem Elia diese tiefen Belehrungen über die Gnade und Macht Gottes im Hause der Witwe aus den Nationen – im Vorbilde herrliche Offenbarungen derselben Gnade und Macht, die den Nationen in der Zeit der „Trockenheit“ in Israel gegeben worden sind – empfangen hat, bekommt er Befehl, sich Ahab zu zeigen, um ihm zu bezeugen, daß Jehova nun Regen auf den Erdboden geben werde (Kap 18,1). Er, der bisher vor Israel verborgen war und den Ahab vergeblich in jedem Volk und Königreich gesucht hatte, kommt an diesem Wendepunkt, als der König mit Obadja verabredet hatte, das Land unter sich zu teilen um Gras zu suchen, hervor und zeigt sich. Zuerst begegnet er Obadja. Der treue Überrest erkennt immer als erster den Propheten Gottes, und wenn sein Glaube auch wankt, er wird schließlich doch überzeugt und kann dem Gottlosen die Zukunft Dessen verkünden, in Dessen Hand sich der Segen befindet. Als Ahab dem Elia begegnet, fährt er ihn an: „Bist du da, der Israel in Trübsal bringt“? Aber Elia weist ihn zurecht, daß er selbst – der König – und das Haus seines Vaters Ursache der Trübsal sind. Der Mann, der die Gnade erfahren hat und der als deren Zeuge und Diener vor den Gottlosen tritt, kann seinen Anklagen eine Kraft und Schärfe geben, wie es der Vertreter des Gesetzes niemals vermöchte, jener deckt Fehler auf, um zu heilen und wiederherzustellen; dieser kann nur bloßstellen und fühlen, daß er für das, was er tadelt, kein Heilmittel besitzt. Elia fordert nun die Propheten des Baal zu einem offenen Probezeichen heraus, das beweisen soll, wer Gott ist: Jehova oder Baal, und es ist für ihn der herrlichste Augenblick, als er allein hervortritt, um die Wahrheit Gottes gegen alle Anmaßungen falscher Propheten zu behaupten. Er schlägt eine Probe vor, und Gott antwortet angesichts des ganzen Volkes durch Feuer. Dieses Feuer vom Himmel, welches das Opfer verzehrt, ist der höchste Beweis Gottes und Seiner Wahrheit, daß Er den Menschen auf Grund der Sühnung annimmt. Dies geschieht in Gnade, aber auch in der ganzen Kraft und Furchtbarkeit Seiner Heiligkeit. Der Mensch empfindet das nachhaltig, empfängt damit aber auch die Versicherung, daß Gott reinen, heiligen Grund hat, wenn Er ihn als Sünder aufnimmt. So wird die Annahme nicht

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nur als göttlich erkannt, sondern zugleich auch ihre ewige Gültigkeit und Vollkommenheit garantiert und der Seele das Gefühl von der Heiligkeit Dessen vermittelt, der annimmt. Welch ein Augenblick der Kraft und Belehrung für Elia, als er, auf Gott wartend, mutig für Ihn eintritt und die falschen Propheten jener Tage durch eine einfache Probe, die übrigens vom Volke verstanden wurde, entlarvt und schließlich vernichtet. Welchen Segen muß seine Seele empfangen haben, als er mit Gott zu Rate ging, während er dem König und dem ganzen Volke gegenüberstand! Welche Ruhe liegt in der Abhängigkeit von Gott! Der Mann Gottes konnte geduldig beiseite stehen und den Propheten des Baal erlauben, alles zu versuchen und sich ganz zu verausgaben, um letzten Endes doch nur die Machtlosigkeit ihres Götzen zu erweisen. Als er dann hervortritt, um den Altar Jehovas nach der göttlichen Ordnung wiederherzustellen, handelt er für Gott und mit Gott und zeigt, wie reichlich Jehova Seine Macht dem vergeßlichen Volke gegenüber entfalten kann. Welch ein tiefes glückliches Verständnis Gottes muß Elia gehabt haben, als er ihm so diente! Er hatte Gott am Bache Krith und in Zarpath so gut kennengelernt, daß er für diese öffentlichen Kundgebungen zubereitet war und sie mit Ruhe und Würde auf sich nehmen konnte. Das Volk kommt zur Einsicht; es erkennt seine Bosheit und kehrt zu Jehova um. Der Zweck der Heimsuchung durch die Dürre war dadurch erreicht. Das Volk hatte gelernt, daß der Gott, den es verachtet hatte, die alleinige Quelle all seiner Segnungen war. Nachdem Elia die Wahrheit durch die Tötung der falschen Propheten gerechtfertigt hatte, wurde das Gericht weggenommen; denn Gott hebt die Zucht immer dann auf, wenn ihr Ziel erreicht ist. Der Diener, der die Wahrheit angesichts der Feinde treu aufrechterhalten hat, wird nun als Kanal der Segnungen Gottes für Sein Volk benutzt. Er kann zu Ahab sagen: „Gehe hinauf, iß und trink, denn es ist ein Rauschen eines gewaltigen Regens“. Aber was tut er selbst? Er steigt auf den Gipfel des Karmel, beugt sich zur Erde und legt sein Angesicht zwischen seine Knie; denn die Kraft und Macht, mit der Gott Seinen Diener für das öffentliche Zeugnis versieht, kann nie die tiefen Übungen ersetzen, durch die die Seele gehen muß, wenn sie zum Werkzeug Seiner Gnade gemacht wird. Auch unser hochgelobter Herr verbrachte nach einem Tagewerk voll großer Kraft die Nacht im Gebet, im Gespräch mit Seinem Vater. Tätige Kundgebungen können niemals diese enge Gemeinschaft mit Gott ersetzen. Der wahre Diener wird diese Gemeinschaft um so mehr suchen und schätzen, je häufiger er öffentlich für Gott wirkt, damit er Dessen Gedanken erkennen und auf Seine Absichten eingehen kann. Elia wartet auf Gott, und es ist sehr lehrreich zu beobachten, wie ein Mann, der Feuer vom Himmel herabrufen konnte, mit gespanntem Ernst auf die Offenbarung der Segnungen Gottes warten muß. Siebenmal sendet er seinen Knaben, nach irgendeinem Anzeichen der verheißenen Segnung auszuschauen, bis endlich ein winziges Zeichen erscheint: „eine Wolke, klein wie eines Mannes Hand“. Das genügt dem Glauben. Der Prophet kündigt Ahab an, daß diese unbedeutende Erscheinung den erbetenen und ersehnten Segen herbeiführen werde, und „die Hand Jehovas kam über Elia; und er gürtete seine Lenden und lief vor Ahab her bis nach Jisreel hin“. Wie groß war der Erfolg, den Elia durch seinen Glauben und seine Mühe erreicht hatte! Was wäre wohl imstande gewesen, die Glaubensstärke eines so hervorragender Ehre und Macht von Gott gewürdigten Mannes zu erschüttern! Aber „arglistig ist das Herz, mehr als alles“. Es ist nicht selten in der Geschichte der Diener Gottes, daß sie im Anschluß an ihre größten Erfolge von einer tiefgreifenden Mutlosigkeit befallen werden. So war es bei David. Nach einer außergewöhnlichen Rettung vor Saul resignierte er: Nun werde ich eines Tages durch die Hand Sauls umkommen“ und suchte Zuflucht bei

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Achis (1. Sam 27,1). Auch Jona ermattete auf dem Höhepunkt seines Wirkens. Nach der gewaltigen Wirkung seiner Predigt, die zur Abwendung des angekündigten göttlichen Gerichts über Ninive gereichte, zog er sich zornig zurück und versagte sich dem Dienst. Ähnlich handelt Elia. Er hatte die Macht Gottes in zahlreichen Geschehnissen so handgreiflich erfahren; aber als er von Isebels Drohung, ihn umzubringen, hörte, „machte er sich auf und ging fort um seines Lebens willen, und kam nach Beerseba, und er ließ seinen Knaben dort zurück. Er selbst aber ging in die Wüste, eine Tagesreise weit, und kam und setzte sich unter einen Ginsterstrauch. Und er bat, daß seine Seele stürbe, und sprach: Es ist genug; nimm nun Jehova, meine Seele, denn ich bin nicht besser als meine Väter“ (1. Kön 19,4). Welch ein Gegensatz zwischen dem Mann des Glaubens auf dem Karmel und demselben Mann tags oder Tage danach unter dem Ginsterstrauch! Wie schwach und kraftlos wird doch selbst der hervorragendste Diener Gottes, wenn sein Glaube schwindet. Aber solche Rückschläge und Stunden der Dunkelheit – wie demütigend sie auch sein mögen –, sind ebenso Teil der Erziehung Gottes, wie die leuchtenden Augenblicke der Bewährung; der Diener erfährt so die Macht des Unsichtbaren an sich selbst. Das war das Geheimnis der Kraft Moses. Er hielt standhaft aus, als sähe er den Unsichtbaren. Wer viel mit den äußeren Wegen Gottes beschäftigt ist, braucht diese besondere innere persönliche Erziehung als Stütze des Glaubens umso mehr. Elia verlässt das Land und wandert allein in die Wüste; er sondert sich von seinen Mitmenschen ab. Welch ein Weg! Auf niemanden vertrauend, von keinem umsorgt, fühlt er sich nur in der völligen Trennung sicher. Unser hochgelobter Herr konnte Sich den Menschen nicht anvertrauen; denn er wußte, was im Menschen ist; aber Elia floh die menschliche Gesellschaft aus Furcht und Bitterkeit der Seele und suchte den Tod aus der Hand Gottes. Gepriesen sei Gott, daß Er voll innigen Mitgefühls ist und die niedergeschlagene Seele bewahrt – „er ist eingedenk, daß wir Staub sind“. Er gewährt dem einsamen müden Wanderer eine Erleichterung dadurch, daß Er ihn des Bewußtseins seiner vermeintlich so schwierigen Lage entrückt: „Und er legte sich nieder und schlief ein unter dem Ginsterstrauch“. Da berührte ihn ein Engel und mahnte: „Stehe auf, iß! Und er aß und trank und legte sich wieder hin“. Der auf heißen Steinen gebackene Kuchen und der Krug Wasser zu seinen Häupten bezeugten das Interesse und die Fürsorge Gottes für Elia offenkundiger, als seine Versorgung durch die Raben und die Witwe; der Dienst des Engels aber unterstrich, welchen persönlichen Anteil Jehova am Geschehen um Seinen Knecht nahm. Einsam wie er war, wurde Elia nicht allein und unversorgt gelassen. Ein Engel wurde ihm als Diener und Begleiter beigegeben, der ihn in seinem Schlaf bewachte und ihn nun zum zweiten Male anrührte und mit wachsender Besorgtheit aufforderte: „Stehe auf, iß! denn der Weg ist zu weit für dich“. Der Weg war sehr weit – er sollte ihn zum Horeb führen. Die zweifache Versorgung mit Nahrung veranschaulicht die besondere Weise der Vorbereitung unserer Seele auf eine Zeit tiefer Übung, vorgebildet durch jene 40 Tage in der Wüste, in der die bewußte Verbindung mit den Dingen menschlicher Anteilnahme und Unterstützung aufgehoben ist. Sie geht in der Regel – unser Herr und Mose bilden Ausnahmen – der Prüfung voraus und wird auch Elia zuteil, der in der Kraft dieser Speise 40 Tage und 40 Nächte lang wandert, ehe er den Berg Gottes erreicht. Dieser Weg einer 40-tägigen Wüstenwanderung, ohne Nahrung und menschliche Unterstützung kann dem nicht erspart werden, der Gott in Seiner unmittelbaren Wirklichkeit in bezug auf sich selbst und Seine Absichten auf Erden kennenlernen will. Am Horeb, dem Berge Gottes, ist alles bloß und aufgedeckt; Elia hat es mit Gott zu tun, und nur mit Gott, Der Seine persönlichen Mitteilungen

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mit der forschenden Frage eröffnet: „Was tust du hier, Elia“? Sodann heißt Er den Propheten, der sich in die Höhle zurückgezogen hatte: „Gehe hinaus und stelle dich auf den Berg vor Jehova“! Gott war im Begriff, Sich ihm in eindringlicher Weise zu offenbaren. Aber Er war nicht in dem Winde, nicht in dem Erdbeben und nicht in dem Feuer, wiewohl Er Sich so kundgeben konnte. Elia erfuhr, daß es etwas Tieferes, Heiligeres und Persönlicheres gibt, daß das leichte Säuseln Gottes größer ist als alle äußeren Kundgebungen, und diese Erfahrung hatte er sehr nötig, weil das machtvolle Einschreiten Jehovas auf dem Karmel seinen Blick auf Kosten der persönlichen Verbindung mit Gott so gefesselt hatte, daß ihm die nachfolgende Entwicklung zur Enttäuschung gereichte. Diese Verbindung zu erneuern, war das Ziel der anziehenden Bemühungen des Engels unter dem Ginsterstrauch; der Zweck der 40-tägigen Reise zum Horeb aber bestand darin, die Regungen der Seele bloßzulegen, und dem Propheten dort, fern von den Menschen, eine so gesegnete Belehrung durch Gott Selbst nahe zu bringen. Es stand ihm wohl an, daß er sein Angesicht mit seinem Mantel verhüllte und schweigend zuhörte. Auch auf die wiederholte Frage: „Was tust du hier“? hatte er keine befriedigende Antwort, und so bekommt er den Befehl: „Gehe, kehre zurück’! Es ging darum, die Ratschlüsse Jehovas auszuführen, und Elia wurde mit dieser Aufgabe betraut: der gottlose König sollte abgesetzt und in Israel sollte das Schwert gezogen werden. Was aber das Zeugnis anlangte, so war Elia nicht wie er meinte, „allein übriggeblieben“, sondern Gott hatte sich einen treuen Überrest von siebentausend übriggelassen, alle die Knie, die sich nicht vor dem Baal gebeugt hatten. Wie beschämend mußte dem Elia seine Fehlschätzung und wie demütigend die Aufforderung für ihn sein, einen anderen zum Propheten an seiner Statt zu salben. Sie zeigt ihm, daß, wie bedeutend sein Dienst auch gewesen sein mochte, Gott nicht auf ihn angewiesen war. Obwohl sich sein irdisches Zeugnis damit dem Ende zuneigen sollte, hatte Gott dennoch eine einzigartige Segnung für Seinen Diener bereit, die ihm jedoch, – soweit erkennbar –, hier noch nicht geoffenbart wurde. Welche wunderbare Erziehung war Elia zuteil geworden! Wie anders muß sein Bild von der Vorstellung Gottes über sich selbst und die Menschen gewesen sein, als er den Heiligen Berg verließ! Er war demütig geworden, wahrhaft für Gott eingenommen und im Innern seiner Seele mit Ihm verbunden, und er schätzte andere höher als sich selbst. Die Erstlingsfrüchte dieser Belehrung auf dem Horeb zeigen sich schon in seiner ersten Tat, der Berufung Elisas; es scheint, daß er diesen mit der Salbung sowohl Hasaels als auch Jehus betraute (2. Kön 8 + 9). Aber auch sein ganzer späterer Weg beweist, welchen Nutzen er aus der Belehrung gezogen hatte (Kap 21, 17ff). Als er Ahab im Weinberg Naboths begegnet, klagt er ihn furchtlos an und verkündigt das Gericht Gottes über ihn und Isebel. Gott tut durch ihn kund, wie betrübend es in Seinen Augen ist, wenn jemand – und vor allem ein Hochgestellter –, einen Angehörigen Seines Volkes des ihm von Gott zuerkannten Erbteils beraubt, und wie solch eine Tat ein sehr ernstes Gericht nach sich zieht; das ist ein schöner Dienst für den Mann, der durch Erziehung die Gefühle Gottes für Sein Volk kennengelernt hat. Elia fürchtet sich nicht, der Verkünder dieser „Magna charta“, dieses Freiheitsbriefes zu sein, wodurch Gott zeigt, daß Er es nicht duldet, wenn eines der Seinen Seiner Gabe beraubt wird, und daß Er über den Räuber ein schnelles und schreckliches Gericht verhängt. Dieser Grundsatz kommt auch in anderen Zusammenhängen zum Ausdruck. „Wenn jemand den Tempel Gottes verdirbt, den wird Gott verderben“. – „Ich wollte, daß sie sich auch abschnitten, die euch aufwiegeln“! – Wehe jenem Menschen, durch den das Ärgernis kommt“! Der Ausspruch Gottes durch Elia erreicht das Gewissen

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des Königs. Ahab demütigt sich, und Gott in Seiner nie ermüdenden Gnade teilt Seinem Diener mit, daß Er den Vollzug des über den König ausgesprochenen Urteils aufschieben werde. Anders als Jona, der nicht zu gleicher Reife gelangt, aufbegehrt hatte, weil die Güte Gottes seine eigenen Vorhersagen durchkreuzte, ist Elia zufrieden und stimmt völlig mit den Gedanken Gottes überein. Wer selbst die Gnade kennengelernt hat, kann die Wege der Gnade mit anderen verstehen. Der letzte Akt seines öffentlichen Zeugnisses (2. Kön 1) ist der Tadel des Propheten an den König von Israel, weil dieser – als ob kein Gott in Israel wäre – zu Baal-Sebub gesandt hatte, um zu erfahren, ob er von seiner Krankheit genesen würde. Der Abfall war so furchtbar und vollständig geworden, daß die Existenz Jehovas völlig übersehen wird. Elia verkündigt inmitten dieses Zustandes, daß der Tod die Wahrheit und die Existenz Gottes rechtfertigen muß, wenn der Unglaube keinen Beweis anerkennt und gelten läßt. „Von dem Bette, das du bestiegen hast, sollst du nicht herabkommen, sondern du wirst gewißlich sterben“. Wenn wir nicht glauben, daß Gott ist, bleibt nur der Tod. Es ist die Sendung Elias, diese tiefernste Wahrheit zu verkünden. Er tat es, zog sich sodann von dem schuldbeladenen Schauplatz zurück und weilte auf dem Gipfel eines Berges unangreifbar und in der bewußten Kraft sittlicher Absonderung und Erhabenheit. Ist das derselbe Mann, der um seines Lebens willen in die Wüste geflohen war? Oberste und ihre Scharen fürchtet er jetzt nicht. Das Feuer Gottes – es war nicht die Stimme Gottes, wie er auf dem Horeb erkannt hatte – steht ihm jetzt zur Verfügung; er kann damit seine Feinde vernichten. Zweimal bestätigt Gott auf so wunderbare Weise die Autorität Seines Dieners und sagt ihm dann, er solle hinabsteigen und seine Sendung erfüllen. Elia gehorcht. Am Hofe des Königs schien sein Leben wohl in der Hand seiner Gegner zu stehen, aber im der Macht Gottes war er dort ebenso unangreifbar wie auf dem Gipfel des Berges. Unerschrocken wiederholt er deshalb Gottes ernstes Urteil im Beisein des Königs und rechtfertigt so Gottes Namen im Zentrum der Macht und Bosheit des Abfalls. Wie würdig schloß dieser Ausklang seine gesegnete und ruhmvolle Laufbahn, sein öffentliches Wirken ab. Wahrhaftig, dieser Mann und sein Werk erfüllen uns mit Bewunderung; sie überwältigen das Herz, unseren Gott zu preisen: „Wie vollkommen bereitest Du Deine Diener zu Deiner Verherrlichung und zur Erkenntnis und Verwirklichung Deiner Absichten zu“! Elias öffentliches Auftreten ist beendet. Der Abschluß seiner persönlichen Geschichte auf Erden aber ist mit einer Fülle von Herrlichkeit verbunden, die alle Darreichungen weit übertrifft. Jehova hatte sich vorgesetzt, ihn nun auf eine einzigartige Weise zu Sich in den Himmel zu holen. Er wollte ihn – wie Henoch – entrücken „damit er den Tod nicht sehen sollte“. Ohne Zweifel wußte er, was Gott mit ihm vorhatte, und es ist sehr bedeutungsvoll und auf gesegnete Weise belehrend, wie er im Blick auf seinen Weggang von der Erde und insbesondere auf die Art dieses Weggangs die letzten Stunden auf Erden verbrachte. In diesen letzten Stunden bemüht er sich, eine persönliche Verbindung zu all den Orten in Israel zu knüpfen, die auf besondere Weise an die Wege Gottes mit Seinem Volke erinnerten. In Gilgal war die Schande Ägyptens abgewälzt worden; in Bethel hatte Jakob jene Leiter gesehen, die an den Himmel reichte! In Jericho hatte die Gnade Gottes allen Widerstand und alle Bosheit der Menschen überwunden; der Jordan aber – hier trat Elia ab, sicherlich nicht ohne sich beim Durchschreiten des Flusses an Israels herrlichen Einzug in das Land zu erinnern – sprach vom Tode, vom Ende des Menschen im Fleische.

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Vor ihm lag nun die Aussicht, dem Schauplatz des Abfalles, wo man die Gnade verachtet hatte, entrückt zu werden in Herrlichkeit. Aber Elias Herz ist – gleich dem seines großen Gegenbildes – doch noch ganz für die Interessen Seines Gottes auf Erden da. Er mußte zu diesem Zweck viele Meilen wandern; aber er scheute keine persönliche Anstrengung und ließ sich selbst von der Tatsache, daß sein Teil ein so herrliches sein sollte, nicht abziehen, wenn es sich um die Belange des irdischen Zeugnisses und um die Verherrlichung des Herrn handelte, für den er vielfältig und treu gezeugt hatte. So erreichte er schließlich den Ort, wo im Vorbild die Wasser des Todes über den alten Menschen in seiner verderbten, gefallenen Natur zusammengeschlagen waren; aber ihn erwartete hier der feurige Wagen, welcher ihn in die Herrlichkeit bringen sollte. In dieser Herrlichkeit ist er später zu vertrautem Gespräch mit seinem Herrn auf dem heiligen Berg erschienen, und in ihr wird er wieder erscheinen, wenn der Herr zur Befreiung des treuen Überrestes kommen wird, der in sittlicher Beziehung jenen siebentausend Übriggelassenen gleicht, von deren Existenz Elia an den Tagen seiner Mutlosigkeit erfuhr – Er, der nach der Reinigung des Landes von allen Befleckungen mit Seinen Erlösten die Freude Seines Königreiches genießen wird. Welch ein Weg war der Weg des Elia! – umsäumt von Prüfungen und Todeskämpfen, aber voller Belehrung aus dem Herzen Dessen, Dem zu dienen seine Freude und Herrlichkeit war – ein Weg, der mit Gebet im Verborgenen und mit Harren auf den lebendigen Gott betreten wurde und der mit einem einzigartigen Triumph endete; ein Wagen von Feuer führte den Propheten empor zu seinem Gott.

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Elisa Die erste Erwähnung des Elisa geschieht durch Jehova Selbst, als Er Elia wegen dessen Verzagtheit und Selbstüberhebung, – er urteilte, daß alle versagt hätten und er der einzige Zeuge Gottes auf Erden sei –, tadelte und ihn anwies, Elisa, den Sohn Saphats, an seiner Statt zu salben (1. Kön 19,16). Da Elia wegen seiner Mutlosigkeit beiseitegesetzt wurde, war anzunehmen, daß der an seiner Statt gesalbte Prophet ein nach Charakter und Absichten ganz anders gearteter Mann, nämlich eine kühne und ausdauernde Natur sein würde. Auch seine irdische Beschäftigung deutet dies an und weist – wie oftmals in der Schrift – auf seinen zukünftigen Dienst und die Art seines Weges hin. Elia findet ihn, als er „gerade pflügte mit 12 Joch Rindern vor sich her, und er war bei dem zwölften“; er erweist sich damit als ein tatkräftiger, ausdauernder Landmann. Elia wirft im Vorübergehen Seinen Mantel auf ihn und gibt ihm dadurch wohl zu verstehen, daß er mit dem Mantel auch Berufung und Auftrag des Trägers übernehmen soll. So begreift es Elisa auch, bittet jedoch – indem er vorerst noch seiner natürlichen Zuneigung nachgibt –, um die Erlaubnis, zurückkehren und Vater und Mutter küssen zu dürfen. Die Erwiderung des Propheten ist geeignet, ihm seine eigene Verantwortung bewußt zu machen. „Geh, kehre zurück! denn was habe ich dir getan?“ Es war seine Sache, das Handeln des Elia mit ihm richtig zu beurteilen. Daß damit ein göttlicher Ruf an ihn erging, sagte ihm sein geistliches Gefühl. Er gehorchte wohl nicht unverzüglich, handelte aber dennoch einsichtig. Er kehrte nur nach Hause zurück, um die natürlichen Bindungen in feierlicher Weise zu lösen. Er „nahm das Joch Rinder und schlachtete es, und mit dem Geschirr der Rinder kochte er das Fleisch derselben und gab es den Leuten, und sie aßen.“ Er verfügte über das was ihm gehörte, zum Wohle anderer und bezeugte damit zugleich seine Bereitschaft, sich Jehova zu übergeben. In gewisser Hinsicht verkaufte er, was er hatte, und gab es den Armen; dann aber machte er „sich auf und folgte Elia nach und diente ihm“. Die erste Antwort eines Menschen auf den Ruf Gottes ist sehr bezeichnend für die Art und den Charakter des folgenden Weges; wie sehr dies für Elisa gilt, werden wir noch sehen. Obwohl er zu Anfang ein wenig zaudert, folgt er Elia schließlich nach, und zwar nicht müssend oder gezwungenermaßen, sondern mit aufrichtig gutem Willen und betritt so eine Bahn, auf der er ein Diener und Zeuge der bemerkenswertesten Wege und Werke Gottes werden soll. Nach dem Worte Jehovas sollte er Prophet an Elias Statt sein; d. h. er sollte dessen Dienst ergänzen, so daß beider Wirken eine Einheit bildeten. Deshalb hören wir erst wieder von ihm, als Elia im Begriff steht, die Erde zu verlassen. Er ist nun Begleiter des Elia und Zeuge von dessen Entrückung. An diesem Tage – dem letzten des Elia, dem ersten im Dienste des Elisa; denn an diesem Tage wird er in sein Amt eingesetzt –, empfängt er eine bedeutungsvolle Unterweisung. Die Söhne der Propheten sagen ihm einstimmig, dass dies der letzte Tag seines Herrn ist, und während er diesen ganzen letzten Tag gemeinsam mit Elia wandelt, wird er über den Eifer und die Pflichten eines Dieners Gottes

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belehrt und erfährt zugleich, auf welche herrliche Weise Gott Seinen Diener aus dem Bereich seiner Tätigkeit wegnimmt. Dann begann seine Laufbahn. Wenn er von Natur aus stark und für schwere und geduldige Arbeit geeignet war, so vermittelte ihm das Erlebnis der Entrückung des Elia eine so große geistige Kraft und eine so lebendige Anschauung von den Wegen und der Gnade Gottes, daß er während seiner ganzen Laufbahn hiervon zehren konnte. Seine Vorstellung von Gott wurde hier geformt, und sein Dienst durch die Mitteilungen und Ermahnungen bei seiner Einsetzung maßgeblich gefördert. Elisa konnte nie vergessen, daß die Macht, die er empfangen hatte, Folge jener Einheit des Geistes mit Elia war, dessen Entrückung er mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgt hatte; denn auf seine Bitte um ein zweifaches Teil von seinem Geiste hatte Elia geantwortet: „Wenn du mich sehen wirst, wann ich von dir genommen werde, so soll dir also geschehen; wenn aber nicht, so wird es nicht geschehen!“ „Und Elisa sah es!“ Hier liegt die Quelle all seiner späteren Kraft. Die Söhne der Propheten bezeugen es: „Der Geist des Elia ruht auf Elisa!‘Sicher hat ihm der Geist Gottes diesen eindrucksvollen Beginn immer wieder vor den Blick gestellt, wie sich auch Paulus oft daran erinnerte, wie er auf seinem Wege nach Damaskus von der „Herrlichkeit jenes Lichtes“ zu Boden geworfen worden war. Ohne Zweifel deuten die Morgendämmerung der Gnade Gottes in unseren Seelen und ihre Wirkungen auf uns die Züge an, die uns in der Folge kennzeichnen werden; die Weise, in der das Evangelium dem Menschen vorgestellt und von ihm aufgenommen wird, läßt den Charakter seines Weges ahnen. Die erste Prüfung der Gnade, der sich Elisa am Beginn seiner Laufbahn unterziehen muß, ist der Jordan, das Bild des Todes an sich. Es handelt sich hier nicht um die Macht, sondern um das Wesen des Todes als der letzten Schranke zwischen der Wüste und Kanaan. Diese Probe war für einen Mann wie Elisa in besonderer Weise geeignet, ihn schon zu Anfang mit der Kraft bekanntzumachen, die ihn in das Erbe Gottes einführt, wozu der Jordan das Eingangstor ist. Nur wer den Jordan überquert, ist im Lande und erfährt, wie Gott ihn dort erhalten und alle seine Feinde vor ihm vertreiben wird. Elia hatte den Jordan durchschritten, um das Land zu verlassen und damit gegen dessen Bosheit zu zeugen, während ihm der Himmel als sein persönliches Teil geöffnet war. Elisa hingegen durchschreitet ihn, um das Land wieder in Gnade und in der Kraft des Geistes Gottes zu betreten, der jede Schwierigkeit zu überwinden vermag. Die Erfahrungen des Elisa sind vorbildlich; auch auf die Kirche kam der Geist infolge ihrer Vereinigung mit ihrem aufgefahrenen Herrn in zweifacher Macht. Sie sind aber auch gesegnet. Seine Augen hatten die Macht und die Herrlichkeit der Gnade Gottes bei der Aufnahme Seines Dieners verfolgt, und nun ist er Zeuge derselben Macht auf Erden, als die Wasser des Jordan sich vor ihm teilen, damit er den ihm verordneten Dienst beginnen kann; zugleich aber erfährt er, daß Gott alle Schranken vor ihm niederschlagen werde. Gleich Stephanus hatte er gesehen, wie Gott den Menschen zu Seiner eigenen Herrlichkeit emporhob, und wie jener beweist er, daß ihm die Macht Gottes Sieg über den Tod verleiht. Elisas erster Arbeitsbereich im Lande ist Jericho, und der erste Widerstand, der ihm begegnet, kommt von solchen, die ihrer Berufung gemäß seine Mitarbeiter hätten sein sollen. Obwohl die Söhne der Propheten die Macht, die die Wasser des Jordan gespalten hatte, gesehen und anerkannt haben, weigern sie sich, an die Entrückung Elias zu glauben, und verharren – wie ihre Fragen beweisen –, im Unglauben, bis Elisa ihrem Verlangen nachgibt, um sie von ihrer Torheit zu überführen; denn

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wenn der Mensch nicht auf die Warnungen des Geistes achtet, muß er aus seinen eigenen Fehlern lernen. Andererseits erkennt Elisa aus ihrem Verhalten, daß er von den Söhnen der Propheten, den zu jener Zeit verordneten Dienern, keine Hilfe oder Mitarbeit erwarten kann, daß er vielmehr bereit sein muß, ihrer Unwissenheit und ihrem mangelnden Verständnis des Willens Gottes zu begegnen. Das ist eine sehr notwendige Entdeckung für den Diener Gottes in bösen Tagen, und in einer solchen Zeit des Verfalls war Elisa berufen zu dienen. Auf den Jordan folgt Jericho. Nachdem Elisa die Gnade Gottes in ihrer ganzen Tiefe – ihren herrlichen Segen in der Entrückung des Elias in den Himmel und ihre Macht auf Erden, als sie ihm den Weg durch den Jordan bahnte, – überschaut hat, muß er – gleich Saulus von Tarsus – ihr Diener an einem von Gott am weitesten entfernten Ort im Lande Israel werden – dem Ort des Fluches. Die Männer der Stadt beschreiben mit diesem Ort sinnbildlich den Zustand der ganzen Welt: „Die Lage der Stadt ist gut, wie mein Herr sieht, aber das Wasser ist schlecht, und das Land ist unfruchtbar“. Welch ein treffendes Bild! Schön anzusehen, aber unfruchtbar in bezug auf das, was allein die Bedürfnisse der Menschen befriedigen kann. Doch Elisa vermag der Not abzuhelfen. Es ist ein erhabener Augenblick voll großer Erquickung für seine Seele, als er als Werkzeug der Gnade Gottes das Wort Jehovas aussprechen darf: „Ich habe dieses Wasser gesund gemacht“. Nachdem er Salz aus einer neuen Schale hineingeworfen hatte, wurde es „gesund bis auf diesen Tag“. Dieser Dienst, der dem Elisa zur Befestigung in der Gnade gereichen mußte, die er bediente, wurde durch eine sehr einfache, aber wirksame Erziehung zu Wege gebracht. Wer an sich selbst die Gnade und Macht Jehovas droben im Himmel und hier auf Erden erfahren hat, weiß, wie er auf einem sittlich so abgelegenen Schauplatz wie Jericho für Ihn zu handeln hat – dieses Wissen kennzeichnete auch unseren Herrn während Seines ganzen Wirkens auf der Erde. Aber wenn Elisa der Diener der Gnade war, so mußte er auch erfahren, was es heißt, verworfen zu werden, und das an einem Ort, der durch die Gunst Gottes und die Offenbarung Seiner Güte ganz besonders ausgezeichnet war. Von Bethel, dem Hause Gottes, kommen kleine Knaben, die die Himmelfahrt des Elias verspotten und Elisa zurufen: „Komm herauf Kahlkopf“! (Der englische Text stimmt mit der Anmerkung zu 2. Könige 2,23 überein: „Steige hinauf, Kahlkopf! Steige hinauf, Kahlkopf!“.) Aber die Wahrheit Gottes muß gerechtfertigt werden, und, obwohl Elisa Diener der Gnade ist, muß er die verurteilen, die ihr widersprechen, auch wenn es nur Knaben sind. „Und er wandte sich um und sah sie an und fluchte ihnen im Namen Jehovas. Da kamen zwei Bären aus dem Walde und zerrissen von ihnen 42 Kinder.“ So lernt der Prophet in Jericho und Bethel zwei sehr unterschiedliche Lektionen. Dort ist es die Gnade Gottes, die dem Bedürfnis der Menschen begegnet, hier der Widerspruch des Menschen und das darauf folgende schreckliche Gericht an dem Ort, wo Gott Seine größte Gunst erzeigt hatte. Elisa zieht sich nun vorübergehend in die Einsamkeit des Berges Karmel zurück, um im Anschluß daran seinen Wirkungskreis, Samaria, erneut aufzusuchen und die Sendung des Elias zu vollenden. Wir müssen uns hierbei erinnern, daß Elisa, im Gegensatz zu Elia, seinen Dienst bei der Offenbarung der Macht Gottes, als sich der Himmel zur Aufnahme des Menschen öffnete, aufgenommen hat, weil daraus zu schließen ist, daß uns mit seiner Geschichte gezeigt werden soll, wie Jehova einen Menschen führt und verwendet, der von droben kommt, im übertragenen Sinn also nicht von der Erde ist.

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In Samaria wird ihm der politische und sittliche Zustand von ganz Israel eröffnet (Kap 3). Moab ist abgefallen, und der .König von Juda befindet sich in unheiliger Verbindung mit den Königen von Israel und Edom; alle drei drohen zu Grunde zu gehen, nicht durch die Macht des Feindes, sondern aus Mangel an Wasser. In welch einer Lage und Gesellschaft befindet sich Josaphat, der Gesalbte Jehovas, ein wahrhaft frommer Mann! Er stellt in diesem kritischen Augenblick die Frage des Menschen, der Jehova kennt, sich aber von Ihm entfernt hat: „Ist hier kein Prophet Jehovas . . . ?“ Diese Frage ruft Elisa auf den Plan. Er hat erkannt, wie wichtig dieser Augenblick für das Zeugnis Gottes, das ihm anvertraut war, aber auch für seine persönliche Belehrung, ist. Inmitten des sittlichen Verfalls prangert er, wie unser Herr in späteren Zeiten, den Abfall Israels an, verbindet sich zugleich mit dem kleinen Überrest, der Gott geblieben war. „Was haben wir miteinander zu schaffen“? fragt er den König von Israel, „wenn ich nicht auf die Person Josaphats, des Königs von Juda, Rücksicht nähme, so würde ich dich nicht anblicken, noch dich ansehen“! Elisa sieht wohl das Elend in Israel, erkennt auch die Bedeutung des Überrestes; die Einsicht in die Gedanken Gottes zur Lage der Dinge bleibt ihm aber vorerst versagt. Er muß warten und nach einem Saitenspieler schicken. „Und es geschah, als der Saitenspieler spielte, da kam die Hand Jehovas über ihn.“ Seine Gedanken mußten erst von der Verwirrung und der Verzweiflung um ihn her abgelenkt und auf eine geistliche Schau abgestimmt werden, ehe sie Jehova gebrauchen konnte. Sein Dienst war von oben; und er war deshalb in Gefahr vom Strom der irdischen Entwicklungen überwältigt zu werden. Davon mußte er abgezogen und zu der Freiheit geleitet werden, die Voraussetzung für die Erkenntnis der Gedanken und Absichten Gottes ist. Hierzu diente ihm die Musik. Sie bewirkte jenen ruhigen, unbeirrbaren Geisteszustand in ihm, der ihn zum Verständnis und zur Aufnahme der Gedanken Gottes über das Geschehen um ihn her befähigte. Wer wissen möchte, was von droben ist, muß ruhig werden und sich über die Umstände erheben, sonst wird er den Ratschluß und die Gedanken Gottes nicht erkennen, also auch nicht gottgemäß handeln können. Elisa hatte inmitten des Abfalls in einer mehr verborgenen Weise gedient. Nun kommt er mit dem Verfall und der Not Israels in Berührung, und lernt hierbei still zu werden, ehe er das bemerkenswerte Eingreifen Gottes für Sein Volk ankündigt. Es ist ein großer Augenblick, wenn der Mensch im Stillesein die Rettung Jehovas sehen darf. Mit der herrlichen Offenbarung der Gnade Gottes hatte sein Dienst begonnen; er hatte also zunächst gesehen, was Gott ist. jetzt lernt er das Volk des Gottes der Gnade und Herrlichkeit kennen, erfährt, wie groß der Verfall und die Bedrängnis dieses abtrünnigen und ungläubigen Volkes sind, und sieht, wie Gott jeder einzelnen Not begegnet. Diese Übungen gereichen ihm zum persönlichen Wachstum in der Erkenntnis der Macht und der Hilfsquellen Gottes. Zeugnis von dem Verfall in Israel gibt der Schrei jenes Weibes von den Weibern der Söhne der Propheten: „Dein Knecht, mein Mann, ist gestorben, und du weißt ja, daß dein Knecht Jehova fürchtete; und der Schuldherr ist gekommen, um sich meine beiden Knaben zu Knechten zu nehmen.“ Bemerkenswert hieran ist nicht so sehr die Art der Notlage, als vielmehr die Tatsache, daß die Witwe eines der Propheten Jehovas in Seinem eigenen Land überhaupt in eine solche Zwangslage geraten konnte. Daß hier nicht rechtzeitig Abhilfe geschaffen wurde, zeigt wie vollständig das Volk die Fürsorge Gottes vergessen und mißachtet haben muß. Elisa, als Zeuge dieses Elends, zeigt sich zunächst ganz unvorbereitet für einen solchen Fall. Anscheinend fassungslos fragt er: „Was soll ich für dich tun“? Niemals zuvor hatte er solches Elend erlebt; wie sollte er ihm begegnen? Er sollte in „erster Linie lernen, auf Gott zu vertrauen, um in

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diesem Vertrauen das rechte Verständnis dafür zu erlangen, was zu tun sei. Der erste Schritt des einfältig auf Gott vertrauenden Herzens in dieser Richtung ist die Feststellung, was Gott dargereicht hat. Diesen Schritt tut Elisa. Sage mir, was du im Hause hast.“ Als er hört, daß die Witwe einen Krug Öl besitzt, weist er sie an, von ihren Nachbarn leere Gefäße – nur diese würde sie ihnen schulden – zu erbitten, denn Gott war im Begriff, alte Gefäße zu füllen, die sie aufzutreiben vermochte. Elisa wird das Vorrecht der Erkenntnis zuteil, daß die Gabe in Fülle nicht nur ausreichen würde, den Schuldherrn zufriedenzustellen, sondern auch die Witwe und ihre Söhne zu versorgen. So großzügig und freigebig ist die Gnade, die Gott erweist; wie anziehend und belebend muß sie sich auf den auswirken, der sie bezeugt und in Seinem Dienste erlebt. Aber Elisa sollte nicht nur Zeuge dieses Geschehens sein; er sollte durch gleiche Übungen gehen und die Not an sich selbst erfahren, um den in die Augen fallenden Gegensatz zu der Offenbarung der Herrlichkeit, von der er ausgegangen war, zu spüren und die Trübsal so unmittelbar zu erleben, daß er dem Volke Gottes in dessen Nöten mit Verständnis begegnen und aus der Fülle Gottes rechtzeitig Hilfe darreichen konnte, Er mußte deshalb selbst im Erbteil Gottes leiden, im gleichen Geiste wie Er, Der nicht hatte, wo Er Sein Haupt hinlegen konnte, und Der – obwohl Er Herr der Welt war – einigen Frauen zu Dank verpflichtet war“, die ihm mit ihrer Habe dienten“. Ganz ähnlich ergeht es dem Elisa (Kap. 4, 8). Eine Frau, eine Sunamitin nimmt sich seiner an und gewährt ihm Brot und Wohnung. So lernt er im kleinen Maßstab die Hoffnungen und Nöte des Volkes, aber auch die Grundsätze der Absichten Gottes praktisch kennen. In gleicher Weise verfuhr Gott mit Noah in der Arche, mit Abraham auf dem Berge Morija, mit Paulus im Hinblick auf die Kirche. Israel glich zu jener Zeit der Sunamitin; deren Mann war alt, sie hatten kein Kind, das ihren Namen fortpflanzen würde. So war auch das Volk im Verfall und ohne Erbe, der es zu neuem Leben und neuen Hoffnungen hätte tragen können. Gehasi, wohl ein Bild von Israel nach dem Fleische, sieht diese Lage und berichtet dem Propheten darüber. Dieser verheißt einen Sohn. Die Verheißung geht zwar in Erfüllung, aber vor der Ernte, vor dem Fest der Einbringung, stirbt das Kind. Wie plötzlich und völlig wird damit die späte Hoffnung der Familie wieder zerstört. In ihrer Not eilt die Mutter zu dem Propheten, den in der Einsamkeit des Karmel keine Nachricht von der Trübsal erreicht hat, in die Israel – verkörpert in dieser Frau – geraten ist (Vers 27). Er erhält nun Kenntnis von dem Geschehen und soll die wunderbare Art und Weise erleben, auf die Gott Sein Volk aus diesem Tiefstand befreien will. Das ist für Elisa eine ganz neue Erfahrung, und er wird langsam, Schritt für Schritt, dahin gebracht. Er muß erkennen, daß Gehasi und sein eigener Prophetenstab nicht imstande sind, dem Tod mit Erfolg zu begegnen; er erfährt am eigenen Leibe, daß dies nur das Leben bewirken kann. Durch die Macht Gottes wird er selbst das Werkzeug, das dem toten Kinde das Leben mitteilt: ein einfaches, deutliches Vorbild auf Den, Der Selbst das ewige Leben war und Der auf die Erde kam, um es zu geben. Es ist ein wunderbarer Platz, der hier einem Menschen zugewiesen wird, und eine wunderbare Entfaltung der Gnade Gottes, die Elisa befähigt, einen Kummer zu beheben, von dem er bisher nichts wußte. In all den Übungen, die damit verbunden waren, – er ging im Hause dahin und dorthin, stieg wieder hinauf, beugte sich über das Kind und betete –, erfuhr er auf verhaltene Art, was unser Herr auf so vollkommene Weise erduldete: die Schrecklichkeit des Todes und den Segen des Lebens. Sodann finden wir Elisa in Gilgal. Die Söhne der Propheten sitzen vor ihm, und er begegnet der Hungersnot im Lande. Wer die Macht und Gnade des lebenspendenden Gottes erfahren hat, kann

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im Vertrauen auf Ihn angesichts aller Bekenner ohne Schwierigkeit die zufälligen Nöte lindern, die uns auf dem Wege über diesen bösen Schauplatz heimsuchen. Er sagt zu seinem Knaben: „Setze den großen Topf auf und koche ein Gericht für die Söhne der Propheten.- Doch was Elisa als Diener Gottes vorbereitet, wird durch die Einmischung des Ungläubigen verdorben. Die wilden Koloquinten, von dem, der sie fand, für eine Bereicherung gehalten, fügten dem Gericht – wie alle menschlichen Zusätze zum Glauben und den Wegen Gottes – nur den Tod hinzu. Aber Elisa ist der Not im unbeirrbaren Vertrauen auf den lebenspendenden Gott gewachsen. Indem er Mehl in den Topf wirft, vernichtet er das tödliche Element. Die Seele, die einfältig auf Gott vertraut, wird immer zum Ziele gelangen; denn sie handelt im Glauben, auch wenn sie dabei Unterbrechungen und Hindernisse an Stellen überwinden muß, wo sie sie am wenigsten erwartet. Durch Übungen wächst der Glaube und die Erfahrung bereichert ihn nach Breite und Tiefe. Elisa ist nun fähig, das Volk (100 Männer) mit nur „Zwanzig Gerstenbroten, und Gartenkorn in seinem Sacke“ zu speisen und die Einwendungen des ungläubigen Dieners kurzerhand abzutun: „Gib es den Leuten, daß sie essen! denn so spricht Jehova: Man wird essen und übriglassen.“ Elisa ist jetzt praktisch soweit in der Macht Gottes unterwiesen, daß seine Ausstrahlung als Prophet Gottes die Grenzen Israels überschreitet (2. Kön 5). „Laß ihn doch zu mir kommen, und er soll erkennen, daß ein Prophet in Israel ist.“ Diese Aufforderung gilt Naamann, dem Syrer, und als dieser ihr Folge leistet, läßt er ihm lediglich durch einen Boten bestellen: „Gehe hin und bade dich siebenmal im Jordan, so wird dir dein Fleisch wieder werden, und du wirst rein sein.“ Trotz aller Bereitwilligkeit, den Aussätzigen zu heilen, sieht er die Person nicht an und bewahrt die einem Diener Gottes geziemende Würde. Er führt Naamann zu Errettung und Heilung; aber er macht kein Aufheben von der hohen Stellung des Heerobersten von Syrien und weigert sich, irgendetwas von Naamann anzunehmen, nachdem dieser geheilt ist. Er steht in der Abhängigkeit, die einen wahren Diener Gottes kennzeichnete. Im krassen Gegensatz hierzu steht das Verhalten des Gehasi. Aus dem Urteil, das an ihm vollzogen wird, lernen wir, daß, wer nach den Gütern dieser Welt greift und sie sich aneignet, unweigerlich von ihrem Aussatz angesteckt wird. An Elisa ist bemerkenswert, daß in seiner Geschichte ein weniger offenbares Bedürfnis nach Zucht zutage tritt, als bei anderen Dienern. Er ist von Oben begabt, und weiß auf seinem ganzen Wege die Gnade Gottes in angemessener und wohltuender Weise, je nach den Bedürfnissen darzustellen, denen er begegnet. Er wurde in verborgener Weise dazu erzogen, sich Gott soweit zu überlassen, daß er Dessen Gedanken völlig enthüllen konnte, und der offenbare Beweis dafür, daß eine solche Erziehung wirklich und in sehr wirksamer Weise stattgefunden haben muß, sind die Sanftmut und Einfalt des Herzens, mit denen er in den unterschiedlichsten Lagen gottgemäß handelt. In diesem Lichte besehen, ist kein Leben interessanter als das des Elisa; die einfach göttliche Art, in der er den verschiedensten Schwierigkeiten begegnet, ist sehr schön. Wie belehrend für uns ist es, ihm zu folgen und zu sehen, wie sich der Diener in den mannigfaltigsten Umständen verhält und wie Jehova ihn benutzt, um jene Gnade zu enthüllen, die in so erhabener Weise und in ewiger Macht durch den größten aller Diener, den Sohn Seiner Liebe, geoffenbart werden sollte. Als Diener Gottes jeder Lage gewachsen zu sein, bedeutet das Ende aller Erziehung. Vor unseren Augen entwickelt sich nun eine Folge wunderbarer Tätigkeiten inmitten persönlichen wie auch nationalen Unglücks; sie umfaßt im Prinzip wohl jede Stufe menschlichen Kummers (Kap 6).

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Zunächst schlugen die Söhne der Propheten, die Enge des Ortes fühlend, dem Elisa vor, Wohnung am Jordan zu nehmen. Er ging mit ihnen zu dem Fluß hinab. Als einer von ihnen aber einen Baum fällte, fiel das Eisen ins Wasser, und er schrie: „Ach, mein Herr! und es war entlehnt!“ Elisa begreift seinen Kummer und seine Not sofort; er versteht, daß es nicht nur um den Verlust des Eisens, sondern auch um die Ehre des Mannes geht, denn „es war entlehnt“. Die warme Anteilnahme des Propheten an dieser Not ist rührend; er besitzt Mitgefühl und zugleich die Macht, jedem ängstlichen menschlichen Gefühl zu begegnen. „Und der Mann Gottes sprach: Wohin ist es gefallen? Und er zeigte ihm die Stelle; da schnitt er ein Holz ab und warf es hinein und machte das Eisen schwimmen. Und er sprach: Nimm es dir auf! und er streckte seine Hand aus und nahm es.“ Es wird nun berichtet, wie Elisa die Niederlage des syrischen Königs herbeiführt, indem er dem König von Israel dessen Ankunft mitteilt (Kap. 6,9). Der König von Syrien, deswegen aufgebracht gegen Elisa – sendet Spione, die den Aufenthaltsort des Propheten auskundschaften sollen. Nachdem er erfahren hat, daß Elisa zu Dothan ist, sendet er Pferde und Wagen dorthin und läßt die Stadt umstellen. Es ist bezeichnend, daß er wegen der Person eines einzelnen, unbewaffneten Mannes ein kriegerisches Aufgebot für nötig erachtet; aber es ist ein deutlicher Beweis dafür, daß der Gottlose instinktiv seine Hilflosigkeit in der Gegenwart der Macht Gottes fühlt, auch wenn diese nur in einem einzelnen Menschen wirksam ist. Davon zeugt auch jene Schar mit Schwertern und Stöcken, die ausgesandt wurde, um den Herrn zu ergreifen. Dieses syrische Heer war so groß, daß Elisas Diener erschrokken ausrief: „Ach, mein Herr! was sollen wir tun!“ Die Antwort des Elisa kam aus der Kraft des Glaubens, der seiner Seele Ruhe gab: „Fürchte dich nicht! denn mehr sind derer, die bei uns, als derer, die bei ihnen sind.“ – „Wenn Gott für uns ist, wer wider uns?“ Das war auch die Erfahrung seiner Seele; deshalb konnte er nun – frei von aller Furchtsamkeit -für andere ins Mittel treten und bitten, daß dasselbe Bild, das vor seinem Glaubensauge stand, auch seinem Knaben gezeigt werden möchte. „Jehova, öffne doch seine Augen, daß er sehe“! Bereitwillig erfüllt Jehova diese Bitte. Die Augen des jungen Mannes werden geöffnet; er sieht den Berg „voll feuriger Rosse und Wagen, rings um Elisa her- und gelangt so zu gleicher Ruhe. Es genügt nämlich nicht, selbst im Glauben an den Beistand Gottes zu ruhen und andere zur Nachahmung aufzufordern, sondern ich muß versuchen, ihnen das Bewusstsein von der Macht dieses Beistandes zu vermitteln und sie so zur Ruhe kommen zu lassen. Die Fürbitte für seinen Knaben bestand darin, daß diesem die Augen geöffnet werden möchten, damit er das Heer Gottes sehen könnte, jetzt bat er, daß die Augen seiner Feinde geschlossen werden möchten, und er wird wiederum erhört. Jehova „schlug sie mit Blindheit nach dem Worte Elisas“. Sie waren damit völlig in seine Hand gegeben; aber er verfährt behutsam mit ihnen. Wohl führt er sie weg nach Samaria, erlaubt aber in rührender, belehrender Güte und Gnade nicht, daß Rache an seinen Gefangenen genommen wird. Seine Anweisung lautet: „Setze ihnen Brot und Wasser vor, daß sie essen und trinken, und dann zu ihrem Herrn ziehen“. Wie einfach und wunderbar ist es, wenn ein Mensch so in die Gedanken und Hilfsquellen Gottes eingeführt ist, daß er jedem Ereignis mit göttlicher Gnade und Kraft begegnen kann. Elisa behandelt in dieser Einsicht den Diener mit der gleichen Anteilnahme und Aufmerksamkeit wie den König, mißt dem Verlust eines geliehenen Eisens ebensoviel Wert bei wie der Abschnürung einer Stadt durch ein Kriegsheer und beweist so, daß der Bereich der Macht und Gnade Gottes alles einschließt, den Hohen und den Niedrigen, das größte wie das kleinste Ereignis!

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Elisa

In der Folge (Vers 24) wird dargetan, daß das menschliche Herz unter dem Einfluß der Todesfurcht keinen Gnadenbeweis, und sei er auch noch so groß, im Gedächtnis behält und recht zu würdigen weiß. Der König von Israel gerät durch eine Hungersnot in Samaria in eine große Notlage, und indem er Elisa die Schuld daran gibt, schwört er ihm Rache. Obwohl Elisa Zeuge und Diener der Gnade und Macht Gottes in der Abwendung vielfachen Elends war, versagt ihm der König in der Folgezeit nicht nur Achtung und Anerkennung, sondern bedroht auch sein Leben, für den Fall, daß er dem Volke weitere Hilfe verweigern würde. Zu diesem Zeitpunkt sitzt der Prophet in seinem Hause und die Ältesten sitzen bei ihm, wohl um gemeinsam mit ihm auf Gottes Weisung zu harren. Sie warten nicht vergeblich. Jehova unterrichtet seinen Knecht von der bösen Absicht des Königs und tut ihm Seinen Beschluß kund. Als der Bote eintritt und sagt: „Siehe, dieses Unglück ist von Jehova; was soll ich noch auf Jehova harren“? war die Zeit gekommen, das Wort Jehovas zu verkünden: „So Spricht Jehova: Morgen um diese Zeit wird ein Maß Feinmehl einen Sekel gelten, und zwei Maß Gerste einen Sekel im Tor von Samaria.“ Und so geschah es. Dieser größte ist zugleich der letzte aufgezeichnete öffentliche Dienst Elisas in Israel. Er war von Gott berufen worden, um seine Macht und Gnade im ganzen Bereich menschlicher Bedürfnisse zu offenbaren. Er hat sich dieser Aufgabe willig entledigt. Das Ergebnis seines Wirkens aber kann, wie bei seinem großen Gegenbilde, dahin zusammengefaßt werden: „Umsonst habe ich mich abgemüht, vergeblich und für nichts meine Kraft verzehrt.“ Er betraut einen anderen mit der Aufgabe, Jehu zum König über Israel zu salben (Kap. 9). Als letzte öffentliche Begebenheit im Leben Elisas wird sein Zusammentreffen mit Hasael in Damaskus berichtet. Jehova hatte ihm geoffenbart, daß Ben-Hadad, der König von Syrien, sterben würde. Elisa weinte, als er Hasael anschaute, weil er wußte, wie übel dieser den Kindern Israel mitspielen würde, Sodann verlieren wir unseren Propheten aus den Augen. Als Zeuge der alles übersteigenden Macht Gottes über den Tod und der Herrlichkeit jenseits des Todes war er aufgetreten und hatte auf seinem irdischen Weg gemäß der geoffenbarten Macht Gottes die Art und Weise und die Fülle Seiner Gnade und Hilfe für die Menschen entfaltet. Nun entschwindet er unseren Blicken, voll Trauer über das, was er über das Volk Gottes kommen sah, obgleich es nur die Folge der Sünde und Torheit Israels war. In derselben Weise beendete ein Größerer als Elisa Seinen öffentlich nicht anerkannten Dienst inmitten dieses Volkes und Seine Verbindung mit Israel. Er weinte über die Stadt, die sich geweigert hatte, zu erkennen, was zu ihrem Frieden diente, und die unter das Gericht Gottes kam, weil sie die Zeit ihrer Heimsuchung nicht erkannt hatte; dann ließ Er im Dienste der Gnade, den Elisa auf schwache Weise im Vorbild darstellte, Sein vollkommenes Leben und ging in den Tod. Für diesen Tod am Kreuz konnte Elisa kein Vorbild sein. Und doch, als „Elisa an seiner Krankheit erkrankte, an welcher er starb“ (2. Kön 13,14), als er nicht mehr öffentlich zeugen konnte, als Joas, der König von Israel, zu ihm herabkam und weinend über seinem Angesicht mit gleichen Worten wie Elisa einst bei der Entrückung des Elias sagte: „Mein Vater! Wagen Israels und seine Reiter“!, weil die Sonne Israels im Begriffe war mit der Person dieses großen Propheten unterzugehen, – selbst dann, im Augenblick des Todes, ist er stark in der Macht und Gnade Gottes. Er fordert Joas auf, Bogen und Pfeile zu holen, und heißt ihn die Hand auf den Bogen zu legen; dann tut er seine Hand auf die Hände des Königs und sagt: „Öffne das Fenster gegen Morgen!“ Joas gehorcht und schießt nach der Weisung des Propheten. Und Elisa sprach: „Ein Pfeil der Rettung von Jehova“; denn die Gnade Jehovas gegen sein Volk war noch nicht erschöpft. Sie verhieß nicht nur Rettung vor Syrien, sondern sprach auch von kommender

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Herrlichkeit, wie die Schußrichtung nach dem Osten, zur aufgehenden Sonne hindeutete. Indem Elisa vom Schauplatz abtrat, versank er so gewissermaßen im Westen, aber im Blick auf die kommende Macht und Herrlichkeit, die wie der Glanz der Sonne nach dem Regen erstrahlen würde. Im Vertrauen darauf heißt er den König, die Pfeile zu nehmen und auf die Erde zu schlagen. „Und er schlug dreimal und hielt inne. Da ward der Mann Gottes zornig über ihn und sprach: Du hättest fünf- oder sechsmal schlagen sollen, dann würdest du die Syrer bis zur Vernichtung geschlagen haben; nun aber wirst du die Syrer dreimal schlagen.“ Die letzten Augenblicke des sterbenden Propheten werden durch die Enttäuschung verdunkelt, daß das Volk, dem er gedient hatte, die ihm angebotene Gnade nicht in ihrem vollen Umfange ergreifen konnte. Der König hatte keine Kraft, ein Werkzeug dieser Gnade zu sein; denn wahre Kraft zeigt sich immer im bewußten, völligen und freudigen Gehorsam, der von Herzen kommt. Wo Glaube ist, wirkt er nach dem Maße seiner Größe, und die äußeren Taten stehen immer im Einklang zu der inneren Kraft. Wie gesegnet und wie übereinstimmend mit seinem Leben scheidet unser Prophet von hinnen! In seinem Tode umfängt ihn kommende Herrlichkeit und Errettung, vermischt mit dem schwachen Glauben derer, denen er gedient hatte. Elisa stirbt; aber die Macht, die seinen ganzen Weg kennzeichnete, wirkt in seinem Tode dergestalt weiter, daß die bloße Berührung mit seinen Gebeinen einem Leichnam, der in sein Grab geworfen wurde, das Leben wiedergab. So wurden in ihm die Macht Gottes in Gnade und das Auferstehungsleben entfaltet; aber er ist nicht nur eine Stimme aus den Toten, sondern ein Unterpfand der Macht, die Israel einmal zum Leben zurückbringen wird. Der Herr wirke es, daß wir von Ihm lernen, sanftmütig und von Herzen demütig zu sein, und Seinen Willen zu tun, damit Er uns für die Äußerungen Seiner Gnade im Kleinen wie im Großen gebrauchen kann wie Er will, zum Preise Seines Namens.

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Hiskia

Hiskia Nichts ist anziehender und lehrreicher, als die Wege Gottes mit einem Menschen, der – von gleicher Natur und gleichen Gefühlen wie wir – benutzt und befähigt wird, Seinen Willen zu tun. Sie zeigen, wie die Gnade Gottes wirkt und wo sie behindert wird, und wie der Mensch durch sie geformt und bewacht wird. Diese Art der Erklärung lehrt uns, wie Gott einen Menschen in Seinem Dienste verwenden kann und wie ein Knecht fällt, wenn er sich nicht einfach von Gott leiten läßt. Wer einen klaren Begriff von der göttlichen Erziehung bekommen will, muß diese Gesichtspunkte beachten. Die Schrift entfaltet am einzelnen Beispiel Art und Charakter der Umstände, die der Knecht Gottes durchschreiten muß. Beschäftigen wir uns damit näher und beobachten wir die Unterweisungen, die der Einzelne erhält, so gelangen wir zum Verständnis der Gedanken Gottes in jener Zeit. Hiskia lebte während einer ereignisreichen, sehr kritischen Zeit in Israel, und wie er von Gott für diese Zeit vorbereitet und unterwiesen wird, ist höchst aufschlußreich. Es besteht oft in den wesentlichsten Punkten große Ähnlichkeit zwischen der Stellung, die wir selbst berufen sind einzunehmen, und derjenigen, die von ausgezeichneten Knechten Gottes eingenommen wird. Die Beschäftigung damit, wie Gott einen vorzüglichen Knecht führt, gereicht oft zur Förderung eines schwächeren Gefäßes, das über seinen unmittelbaren Bereich hinaus unbekannt ist, obwohl es die Wege Gottes ebenso wahrhaftig erfahren und unter Seiner Hand ebenso vollständig erzogen werden kann, wie der hervorragendste und ausgezeichnetste Knecht. An Hiskia wird uns zunächst gezeigt, wie er gestärkt wurde, um das Zeugnis Jehovas auf beispielhafte Weise erneuern zu können, und zwar zu einer Zeit, als alles auf einem Tiefstand angelangt war und sich scheinbar im unaufhaltsamen Verfall befand. Sein Leben beweist aber auch, wie er lernte, in Gott zu ruhen, während seine Seele vom Ende und von der Verödung alles Irdischen überzeugt war. Seine Geschichte ist sehr anziehend, weil sie bekundet, wie Gott Seinen Knecht voranführt, ihn zur Ausführung Seines Willens und zum Wandeln auf Seinen Wegen befähigt und ihm dennoch die Einsicht vermittelt, daß, wie erfolgreich ein Mensch auch sein mag, doch alles verwirkt ist, wenn er sich abwendet und auf andere Menschen vertraut. Das Leben Hiskias ist in seinen großen Linien bewegt und sehr instruktiv. Die Aufzeichnungen über sein Wirken beginnen mit der Feststellung– „Er tat die Höhen hinweg, und zerschlug die Bildsäulen, und rottete die Aschera aus, und zertrümmerte die eherne Schlange, welche Mose gemacht hatte; denn bis zu jenen Tagen hatten die Kinder Israel ihr geräuchert, und man nannte sie Nechustan“ (2. Kön 18,4). Es war eine kühne und entscheidende Tat, mit der er seine öffentliche Laufbahn als Knecht Gottes begann; denn der Höhendienst war lange Zeit hindurch in ausgeprägter Form geübt worden. Höhen gab es vor, zu und nach den Tagen Salomos (vgl. 1. Kön 3,3). Durch welche Erziehungsmaßnahmen Hiskia die Eignung zu einer schnellen und entschiedenen Handlungsweise erlangt hat, wird uns nicht mitgeteilt. Nach dem Bericht über die Wege seines Vaters und dem Zustand, in dem sich das Zeugnis des Herrn damals befand, hätte man jedenfalls nicht ohne weiteres

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Hiskia

erwarten können, daß ein 25 jähriger junger Mann unmittelbar nach seiner Thronbesteigung mit solcher Tatkraft und Entschiedenheit handeln würde. Er entsteigt dem Schutt und den Trümmern früherer Größe, als ob er nichts damit zu tun hätte, und gelehrt worden wäre, sich von alledem zu trennen und es bloßzustellen. Er verhält sich andererseits wie ein zweiter David, der im übertragenen Sinne seine Brüder im Terebinthental besucht. Getrennt von ihnen und doch in ihrer Mitte, schickt er sich an, alles zu beseitigen, was Gott entehrt. Das deutet auf eine Schule hin, in der ihm diese Gedanken eingepflanzt wurden. Die Weise, wie wir handeln, zeigt den Charakter der Grundsätze, die wir in uns aufgenommen haben. Davids Erziehung in der Wüste bereitete ihn auf das Zusammentreffen mit Goliath vor; Hiskia muß auf eine andere Art vorbereitet und geübt worden sein, sonst hätte er der Unordnung, die ihn umgab, nicht durch so vollkommene Reformen begegnen können. Häufig erproben und erziehen die ungeordneten Zustände den Knecht Gottes selbst. Der eine unterwirft sich ihnen, der andere beklagt sie, ein dritter begegnet ihnen mit schwachen, unzulänglichen Mitteln; wer aber in seinem Herzen von Gott belehrt ist, kann nur für die wahre, göttliche Ordnung eintreten. Er schließt keinen Kompromiß, sondern besteht auf der Maßnahme, die Gott entspricht, was sie auch immer koste. Daß eine göttliche Erziehung, gleichviel ob im verborgenen oder offenkundig –, stattgefunden hat, erkennt man an den Früchten, die hierdurch genährt und entwickelt werden. Die erhabene Stellung eines wohlerzogenen und treuen Knechtes zeigt sich bei Hiskia darin, daß er nicht nur die Bildsäulen und die Aschera, sondern auch die eherne Schlange zertrümmerte und damit eine Gefahr, – die Kinder Israel räucherten ihr –, beseitigte, die bis dahin von anderen Knechten Gottes übersehen worden war. Seine ersten Maßnahmen gelten also der uneingeschränkten Wiederherstellung der Ehre Gottes; erst danach verficht er, mit Kraft gestärkt, nach allen Seiten die Rechte seiner Berufung und seine wahre Würde als König von Juda. „Und Jehova war mit ihm; überall wohin er zog, gelang es ihm. Und er empörte sich gegen den König von Assyrien und diente ihm nicht“ (2. Kön 18,7). Hiskia machte jedoch nicht nur seine wahre Stellung als Gottes König geltend, sondern hielt auch das Zeugnis für Gott voll und ganz aufrecht. Es genügt nicht, unseren Feinden zu widerstehen und sie zu zwingen, von ihren Anmaßungen abzustehen, sondern wir müssen auch die Wahrheit Gottes zur Darstellung bringen. Hiskia zeigt sich nicht nur seinen Feinden Überlegen, sondern widmet sich auch in tätiger Weise der Wiederherstellung des Zeugnisses Gottes. „Im ersten Jahre seiner Regierung, im ersten Monat, öffnete er die Türen des Hauses Jehovas und besserte sie aus“ (2. Chr 29,3). Das bewirkte Segen für die Stadt, und zwar in so reichem und vollem Maße, daß es heißt: „Und es war große Freude in Jerusalem; denn seit den Tagen Salomos, des Sohnes Davids, des Königs von Israel, war desgleichen in Jerusalem nicht gewesen“ (2. Chr 30,26). Aber er beschränkte sich nicht auf Jerusalem und auf die Wiederherstellung des Tempels. „Desgleichen tat Jehiskia in ganz Juda. Und er tat was gut und recht und wahr war vor Jehova, seinem Gott“ (2.Chr 31,20). Wer dem Bösen widersteht und das Gute tätig verficht, beweist, daß er im Besitz göttlicher Kraft ist; er kennt keine Einseitigkeit. Wo hingegen nur Überzeugung, aber keine göttliche Kraft vorhanden ist, wird alles unvollkommen bleiben. „Schlaff hängen die Beine des Lahmen herab“ (Spr 26,7). So mögen große Anstrengungen da sein, dem Feinde zu widerstehen, aber ohne entsprechende Bemühungen, die Wahrheit wiederzuerlangen, während andererseits der ausgesprochene Wunsch da sein mag, die Wahrheit wiederzuerlangen, man sich jedoch abquält mit dem was der Wahrheit feindlich ist. Man mag nach der Unterdrückung des Bösen rufen, ohne auf

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das Zeugnis Gottes zu achten, oder das was Christo wirklich zuwider ist, stillschweigend dulden und zugleich Seinen Namen bekennen. Hiskia ist kein Lahmer; er steht fest auf beiden Füßen, indem er dem Bösen widersteht und zugleich die Wahrheit Gottes in ihrer wahren Kraft und Vortrefflichkeit verwirklicht. Der beschriebene Zeitabschnitt fällt in die ersten 14 Jahre der Regierung Hiskias; es war eine glückliche, nützliche Zeit. Aber auch der Nützliche muß mit sich selbst zu Ende kommen und erkennen, daß sein alles in Gott liegt. Wir können immer wieder beobachten, daß mancher Knecht Gottes zunächst in Vorbereitung auf einen nützlichen Weg gezüchtigt, ein anderer hingegen im Anschluß an eine nützliche Zeit heimgesucht wird, damit er erkennt, wie wahr und vollkommen Gott Selbst weit über allem anderen steht. Das 14. Jahr war besonders ereignisreich: „Und im 14. Jahre des Königs Hiskia zog Sanherib, der König von Assyrien herauf wider alle festen Städte Judas und nahm sie ein“ (2. Kön 18,13), und „Nach diesen Dingen (d. h., nach dem, was oben kurz angedeutet wurde) und dieser Treue kam Sanherib, der König von Assyrien, und er drang in Juda ein“ (2. Chr 32,1). Auch wurde Hiskia in jenen Tagen krank zum Sterben. Diese Krankheit muß im 14. Jahr seiner Regierung aufgetreten sein, denn mit der Genesung wurden ihm 15 weitere Lebensjahre geschenkt, und er regierte insgesamt 29 Jahre (2. Kön 18,2). Dass die Krankheit nach dem zweiten Einfall Sanheribs erwähnt wird, dürfte vorbildliche Bedeutung haben. Hiskias Übungen während seiner Krankheit stellen dar, was Israel vor seiner endgültigen Errettung durchzustehen haben wird. Es ist ein schönes und anziehendes Bild, Hiskia –14 Jahre lang, d. h. eine doppelt vollkommene Zeit vor Gott in Würde und Treue auf der Erde wandeln zu sehen. Aber nun wird er in ganz andere Umstände geführt. Prüfungen von außen und von innen liegen auf ihm. Der König von Assyrien bedrückt ihn und versetzt ihn in Furcht, und Gott Selbst prüft ihn tief und schmerzlich. Er scheint beim ersten Einfall Sanheribs den Glauben verloren zu haben; andernfalls wäre unverständlich, daß Sanherib seinen Angriff noch fortsetzte, nachdem er den geforderten Tribut erhalten hatte. Die Geschichte stellt sich im Einzelnen so dar, daß Sanherib im 14. Jahre Hiskias heraufzog und einige Städte in Juda belagerte. Damals kaufte Hiskia sich los und vereinbarte, ein bestimmtes Lösegeld zu zahlen. In der Folge fiel Sanherib aber erneut in Juda ein – möglicherweise nach seiner Rückkehr aus Ägypten – und bedrohte Jerusalem. Zwischen diesen beiden Einfällen wurde Hiskia von einer schweren Krankheit heimgesucht und in tiefe Seelenübungen geführt. 14 Jahre lang hatte er mit Gott gewandelt, und hatte Gedeihen. Nun steht er vor der ersten Niederlage in seinem Leben. Anstatt – wie er es einst getan hatte – den Angriff des Königs von Assyrien abzuschlagen, kauft er sich frei. Am Anfang seiner Regierung hatte er sich ohne sichtbare Hilfsquellen gegen den König von Assyrien empört und ihm den Gehorsam verweigert. Jetzt dagegen, nachdem ihm Erfolg verliehen und er in Macht nach allen Seiten hin gesichert war, zeigt er sich unfähig und kraftlos, eine Stellung zu halten, die er allein durch den Glauben errungen hatte. So erklärt sich das Versagen vieler Knechte Gottes! Wer Gott in Abhängigkeit dient, sieht Seinen Weg und geht ihn kühn und unbeirrt, selbst wenn sich keine Hilfe zum Überwinden zeigt. Wer aber auf die Früchte seiner Treue, auf die Besitztümer und Hilfsquellen blickt, die er empfangen hat, fürchtet, sie durch ein neues Wagnis zu verlieren, zumal wenn er sie nicht von Ihm und mit Ihm besitzt. So war es mit Hiskia. Er, in dessen Händen göttliche Rechte lagen, hatte den richtigen Platz so furchtlos eingenommen, bediente sich nun aber

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des unwürdigen Mittels, sich von dem Assyrer loszukaufen, dem er einst glaubensstark die Stirn geboten hatte. Welch ein Gegensatz zwischen dem Vertrauen, das der Glaube an Gott gibt, und der Zuversicht, die man selbst aus besten menschlichen Hilfsquellen ableiten kann! Mit Gott als Helfer kann sich Hiskia auch unter schwierigsten Umständen weigern, dem König von Assyrien zu dienen; im Vertrauen auf Macht und Gedeihen aber sinkt er auf die Stellung eines Tributpflichtigen ab. Zu dieser Zeit dürfte er von seiner Krankheit heimgesucht worden sein. Sicherlich geschah dies nicht ohne Zweck. Gott wollte ihm den Tod und dessen Schrecklichkeit für den Menschen vor Augen stellen. Durch den Mund des Propheten Jesaja läßt Er ihm sagen: „Bestelle dein Haus, denn du wirst sterben und nicht genesen. Da wandte Hiskia sein Angesicht gegen die Wand und betete zu Jehova und sprach: Ach, Jehova! gedenke doch, daß ich vor deinem Angesicht gewandelt habe in Wahrheit und mit ungeteiltem Herzen, und daß ich getan, was gut ist in deinen Augen! Und Hiskia weinte sehr“ (Jes 38; vgl. 2. Kön 20,3). Diese Übung und Erziehung muß auf die eine oder andere Art jeder Gläubige erfahren und ertragen. Es gilt, den für die alte Natur furchtbaren Augenblick der Erkenntnis des nahenden Todes zu überstehen, sich damit abzufinden, daß alles, was dem Menschen teuer ist, was ihn mit seinen eigenen Werken und seinem Willen verbindet, in Zerfall sinkt! Der Mensch, wie er in sich selbst ist, vergeht. je größer seine Stellung hier ist, je ausgedehnter seine Beschäftigungen, je angenehmer seine Verbindungen und je ausgeprägter seine Zuneigungen sind, soviel größer ist der Schmerz, dem er im Tode unterworfen ist. Hiskia war ein hervorragender und besonders nützlicher Mann, der in Wahrheit und mit ungeteiltem Herzen vor Gott gewandelt hatte. Er litt angesichts des Todes nicht an Zweifeln über seine endgültige Errettung; sondern ihn bedrückte die Trennung von allem, was ihn hier anzog und beschäftigte. Wie hätte er als der Mittelpunkt nützlicher Wirksamkeit und Macht, und auch aus anderen Erwägungen, es leicht hinnehmen können, daß er so plötzlich seiner Stellung und seines Wirkungsbereichs durch eine so finstere Macht wie den Tod beraubt werden sollte? Wer begreift, was es heißt, von allem, was man als Mensch liebt, von denen, die uns Liebe entgegenbringen und in ihrer Existenz an uns gebunden sind, so jäh abgeschnitten zu werden, wird Hiskia nicht verurteilen, sondern mit ihm mitfühlen. Sein Verhalten zeigt uns, wie ein Mann Gottes, eine wiedergeborene Seele, den Schmerz fühlt. Was kann rührender sein als seine eigenen Worte über seine Seelenübungen angesichts des Todes. Auch der Christ muß durch den Tod hindurchgehen, wenn er vor der Ankunft des Herrn von dieser Erde abgerufen wird; aber er weiß, daß er auf der anderen Seite des Grabes, getrennt vom Fleische, Leben in Christo hat. Das Bewußtsein aber, daß ihm dieses Leben in Christo unendlich viel mehr schenkt als er im Tode verliert, macht ihm das Sterben leicht. Aber wir müssen die Aufgabe unserer Existenz als Mensch bereits jetzt in sittlicher Weise im Kreuz Christi lernen; diese Aufgabe – d. h. der Tod – ist an sich äußerst schmerzlich, wenn auch notwendig. Sie vermittelt uns nicht zuletzt auch die Erkenntnis, daß Güte und Nützlichkeit des Menschen die Härte des Todes und den Schmerz nicht mildern, sondern noch fühlbarer machen. Es handelt sich hierbei ja nicht um den bloßen Todesschmerz eines niederen Lebewesens, sondern um die jähe gewaltsame Lösung meiner Verbindung zu allem, was mich anzieht und fesselt, was das Leben wertvoll und großartig macht. Abgesehen von dem Fall, daß ein Mensch infolge tiefen Kummers oder schwerer Krankheit von sich aus nach dem Ende verlangt, ist es immer bitter, ohne himmlische Hoffnung von alledem abgeschnitten zu werden, Dieser Bitterkeit gibt Hiskia mit den folgenden Worten Ausdruck: „In der Ruhe meiner Tage soll ich hingehen zu den

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Pforten des Scheol, bin beraubt des Restes meiner Jahre. Ich sprach: Ich werde Jehova nicht sehen, Jehova im Lande der Lebendigen; ich werde Menschen nicht mehr erblicken bei den Bewohnern des Totenreiches. Meine Wohnung ist abgebrochen und ward von mir weggeführt wie ein Hirtenzelt. Ich habe, dem Weber gleich, mein Leben aufgerollt: vom Trumme schnitt er mich los. Vom Tage bis zur Nacht wirst du ein Ende mit mir machen! Wie eine Schwalbe, wie ein Kranich, so klagte ich; ich girrte wie die Taube. Schmachtend blickten meine Augen zur Höhe“ (Jes 38,10–12.14). Diese Worte Hiskias zeugen von den Übungen, denen er während dieser strengen Prüfung unterzogen wurde und die ihn zu neuer Erkenntnis führen: „O Herr, mir ist bange! Tritt als Bürge für mich ein“ (Jes 38,14)! Er sieht nun die Auferstehung, erfährt die Vergebung und kann jetzt sagen: „O Herr! durch dieses lebt man, und in jeder Hinsicht ist darin das Leben meines Geistes. Und du machst mich gesund und erhältst mich am Leben. Du, du zogest liebevoll meine Seele aus der Vernichtung Grube; denn alle meine Sünden hast du hinter deinen Rücken geworfen. Der Lebende, der Lebende, der preist dich, wie ich heute“ (Verse 16–17+19). Die Zucht hat ihr gesegnetes Ziel erreicht; die schreckliche Prüfung hat ihn gelehrt, vollkommen in Gott als der Quelle des Lebens zu ruhen. Wer mit Gott lebt, wird das Sterben des alten Menschen an sich und den Verlust der damit in Verbindung stehenden Dinge nicht hoch veranschlagen; ihm geht es darum, daß ihm der Tod als Mensch in besonderer Weise die Befähigung zu einem Gott entsprechenden Wandel vermittelt. Die Verwirklichung dieser Fähigkeit bedeutet die Zusammenfassung und das ENDE aller Zucht. Wer sich für tot hält und dem Geist erlaubt, Christum im Herzen lebendig zu erhalten, wird durch diese Zucht nur in dem gefördert werden, was er in der Kraft des Lebens angenommen hat; aber der Tod – hier der sittliche Tod – ist unmittelbare Wirklichkeit und sehr schmerzlich; wir können ihn nur in dein Maße, wie wir im Leben Christi stehen, freudig auf uns nehmen und sagen: „Der Lebende, der Lebende, der preist dich, wie ich heute“. Hiskia hat eine wunderbare Erfahrung gemacht. Er hat erlebt, was es heißt, im Tale des Todesschattens zu wandern, wo die Lichter nach und nach erlöschen; er hat das Zerreißen der silbernen Schnur, aber auch die große Macht Gottes verspürt, die ihn Meder emporhob. Wird er nun als ein solchermaßen belehrter und in der Erkenntnis erneuerter Mensch wandeln? Aus seiner weiteren Geschichte ersehen wir, welchen Übungen eine so erzogene Seele unterworfen wird, wie sie erneut in der Versuchung fällt, aber im Fallen dennoch den Nutzen erfahrener tiefgreifender Zucht beweist, der sich – so widerspruchsvoll es klingen mag – in besonderer Schwachheit und zugleich in besonderer Stärke offenbart: der Schwachheit des alten Menschen und der Kraft empfangener Gnade. Wer der Gnade zuschreibt, sie verhülle das Fleisch und schütze es vor Entdeckung, verkennt ihr Wesen. Sie ist wohl bestrebt, das Fleisch zu unterdrücken und niederzuhalten; aber sie gibt ihm niemals eine unechte Färbung oder einen unwahren Anstrich. Im Gegenteil, je wirksamer die Gnade ist, um so deutlicher wird die Häßlichkeit des nicht unterworfenen und gerichteten Fleisches hervorgekehrt, so daß es nicht ungewöhnlich ist, einem Ausbruch des Fleisches oder seinen bloßgelegten Neigungen in der alten Natur dort zu begegnen, wo die Gnade in ihrer ganzen Tiefe tätig wird. Als Petrus den Herrn verleugnete, wurde sein Fleisch bloßgestellt, während ihn der tiefe Zug der Gnade in seiner Seele zur Reue leitete. Nachdem Paulus in seiner Seele mit den Reichtümern der Herrlichkeit erfüllt worden war, muß ihm ein Dorn im Fleische, das sonst vielleicht gar nicht hervorgetreten wäre, gegeben werden. Die Gnade ist es, die das Böse in mir ans Licht bringt und mich auf diesem Wege

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entschiedener weiterführt. Wenn ich nahe beim Herrn wandle, wird das Böse entdeckt werden, ehe es zu wirken anfängt, andernfalls aber verhindert die Tatsache, daß ich in der Gnade stehe, nicht die Aufdeckung des Bösen. Wird es erkannt und vor Gott gerichtet, so wird es hinweggetan, ohne daß es sich öffentlich in Handlungen verrät; wenn aber nicht, wird – die Gnade es nicht verdecken. Es wird ans Licht gebracht und von Gott verurteilt werden, da es von mir nicht verurteilt worden ist; „denn wenn wir uns selbst beurteilten, so würden wir nicht gerichtet“. je weiter wir in der Gnade fortschreiten, um so mehr wird diese die mangelnde Unterdrückung des Fleisches enthüllen, d. h., wenn wir nicht in Abhängigkeit von Gott wandeln, von Dem wir die Gnade empfangen haben. In seinem Verhalten zu den Gesandten von Babel verrät Hiskia seine Natur; er, der in tiefen Seelenübungen den Entschluß gefaßt hatte: „Ich will sachte wallen alle meine Jahre“ (Jes 38,15), ist gegen die Schmeichelei der Welt noch nicht gefeit. „Hiskia hörte sie an, und er zeigte ihnen sein ganzes Schatzhaus: das Silber und das Gold, und die Gewürze und das köstliche Öl; und sein ganzes Zeughaus, und alles, was sich in seinen Schätzen vorfand; es war nichts in seinem Hause und in seiner ganzen Herrschaft, was Hiskia ihnen nicht gezeigt hätte“ (2. Kön 20,13). Obwohl dieser Mann so tiefgreifende Erfahrungen im Tal des Todesschattens gemacht hatte, sucht er dennoch von Babel anerkannt und geehrt zu werden. Ein Knecht Gottes hätte eine solche Anerkennung abweisen sollen; aber er gab nach und brachte demzufolge das Gericht über sein Haus. Welch ein schlagender Beweis von der Unverbesserlichkeit der menschlichen Natur! Wer anerkannt und geehrt wird, wird damit erprobt. Der Schmelztiegel für das Silber . . . und ein Mann nach Maßgabe seines Lobes“ (Spr 27,21). Die einfache Tatsache, daß Anerkennung und Ehre unser Fleisch befriedigen, bezeugt eindeutig die Gefahr, die damit für uns verbunden ist. Hiskia strauchelt hinein. Welch ein Fall für einen Menschen, der in Übungen der Seele Tod und Auferstehung erfahren hatte! Babel verkörpert die Welt in ihrem selbstsüchtigen, unabhängigen Vorgehen; die Gunst der Welt aber ist trügerisch. Sie gereicht nur dazu, Hiskias schwache Seite bloßzustellen; das Gericht aber trifft nicht nur ihn, sondern sein ganzes Haus. Das Urteil richtet seine Natur, nicht nur das Ärgernis, das die Frucht der Natur war. Wenn die Schmeichelei Babels die Schwachheit und Eitelkeit Hiskias – dies ist immer die Folge weltlichen Gedeihens – offenbarte, so zeugt der Einfall und die furchtbare Drohung des Assyrers (2. Kön 18,17) nur von der Kraft seines Vertrauens auf Gott. Die große Zucht, die er erduldet hatte, war nicht wirkungslos geblieben. Dem Menschen gegenüber bewahrt er nunmehr eine ruhige, unerschütterliche Würde. Es war sein Gebot angesichts der Boten des Königs von Assyrien: „Ihr sollt ihm nicht antworten“! aber vor Jehova schüttet er sein Herz aus; Ihm klagt er alle seine Not. Einst hatte er in Schwachheit versucht, den Eindringling mit Geld abzufinden, aber jetzt zerreißt er seine Kleider, hüllt sich in Sacktuch und geht in das Haus Jehovas. Seiner Stellung und seinem Betragen nach verhält er sich genau umgekehrt wie bei den Gesandten von Babel, und das entsprach einem, der aus dem Tode ernporgehoben war, der erfahren hatte, was der Tod wirklich ist. jetzt ist Hiskia nichts in sich selbst, sondern seine Hoffnung ist auf Gott gerichtet. Jehova hatte ihm nicht nur Genesung von seiner Krankheit, sondern auch Befreiung vom Assyrer verheißen (2. Kön 20,6), und Sein Sieg ist immer vollständig, sowohl über uns selbst als auch über jeden Unterdrücker. Unter dem gefährlichen Einfluß eines Systems der Huldigung und Schmeichelei war Hiskia im Verkehr mit den Gesandten von Babel gefallen und mußte unter der Regierung Gottes

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Hiskia

durch die Bekanntschaft mit dem Tod und das, was Gott im Tode ist, zurechtgebracht werden. Unter dem Druck des Assyrers aber wendet er sich zu Gott und erfährt eine wunderbare Errettung aus der Hand der Assyrer durch das Eingreifen Gottes. Dies ist das letzte Ereignis, das die Schrift aus seinem Leben berichtet. Es schließt in geeigneter Weise die Geschichte seiner Erziehung ab. Er hat erfahren, daß ein durch das Tal des Todes geführter Mensch leichter ausharren kann, wenn Tod und Bedrückung vor ihm stehen, als wenn er anerkannt und schmeichelnd geehrt wird, und er hat gelernt, daß alles Fleisch Gras ist. Gott wird nun alles in allem für seine Seele. Wenn wir dahingelangt sind, ist der Zweck aller Erziehung erreicht. Möchten wir lernen und in Geduld wandeln, damit wir vollkommen werden und nichts ermangeln!

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Jesaja Für eine Zeit wie die heutige ist es lehrreich, die Erziehung zu studieren, der die Propheten des Alten Testaments unterworfen waren. Zweck dieser Erziehung war es, die Wahrheit Gottes unter Seinem Volke neu zu beleben und diesem für den Fall mangelnder Bußfertigkeit das Urteil zu verkünden. Daher war es das Bestreben Satans in jenen Zeiten falsche Propheten einzuschleusen, ebenso wie es heute falsche Lehren gibt. Jesaja weissagte in den Tagen Ussijas, Jothams, Ahas und Jehiskias. Die Wahrheit, von der er zeugen sollte, wird ihm durch ein Gesicht vermittelt. Es geht um Juda und Jerusalem, den königlichen Stamm, die Stadt Gottes und den Abfall Judas. „Mein Volk hat kein Verständnis . . . Von der Fußsohle bis zum Haupt ist nichts Gesundes an ihm“, und dennoch: „Zion wird erlöst werden durch Gericht, und seine Rückkehrenden durch Gerechtigkeit“. „Das Wort, welches Jesaja, der Sohn Amoz, über Jerusalem und Juda geschaut hat“, ist in den Kapiteln 2– 5 verzeichnet. Auf das Gesicht und das Wort Jehovas folgen nun die persönlichen Erfahrungen des Propheten (Kap 6). Er sieht Jehova in Herrlichkeit, den König, den Herrn der Heerscharen. Das Anschauen dieser Herrlichkeit aber bewirkt die Befähigung zum Dienst. Diese Unterweisung schlägt Wurzeln; sie macht den Propheten zum geeigneten Kanal der Mitteilungen Gottes. „Dies sprach Jesaja, weil er seine Herrlichkeit sah“ (Joh 12,41). Die Vorbereitung auf den Dienst dürfte sich danach richten, in welchem Maße die Seele von dem Bewußtsein des Gefühls der Gegenwart Gottes erfüllt ist, so daß im Ergebnis der Zustand der Seele mit der Art des Dienstes übereinstimmt. Die Erscheinung Jehovas in Herrlichkeit wurde nicht auf einige wenige Personen beschränkt, sondern ist in gewissem Maße jedem Seiner Knechte zuteil geworden. Sie prägte den Charakter und das Ausmaß ihres Auftrages. Je nachdem, wie Gott dem Einzelnen erschien, so offenbarte Er Sich ihm; wie Er Sich aber offenbarte, so bestimmte Er auch den Dienst. Er erschien dem Abraham, dem Mose, dem Josua in Seiner Herrlichkeit, aber doch jeweils in einem besonderen Charakter und bestimmte dadurch die Linie der Sendung des einzelnen Knechtes. Da gab Er ihnen Seine Gedanken im Umriß, und sie erhielten den Eindruck, den sie in ihrem irdischen Lauf niemals vergessen sollten. So empfing Paulus sein Evangelium, und strauchelte er in diesen Begriffen, mußte er zu dem zurückkehren, was damals durch den Geist des lebendigen Gottes in seine Seele geschrieben worden war. So wird auch Jesaja für die Pflichten seines Amtes zubereitet. Jehova erscheint auch ihm in Herrlichkeit und stellt ihm, wie immer, den schrecklichen Gegensatz zwischen seiner Natur und der Heiligkeit Gottes vor. Dies gereicht zu einer tiefen Erkenntnis seiner eigenen Untauglichkeit für Gott, die ihn mit Furcht und Scham erfüllt. Die Gegenwart der Herrlichkeit bewirkt stets eine umfassende persönliche Demütigung; aber sie reicht auch Gnade dar. Eine glühende Kohle vom Altar berührt seine Lippen wie der Kuß den verlorenen Sohn und das Wort überzeugt sein Herz von der Wirksamkeit dieser gnadenvollen Berührung: „Siehe, dieses hat deine Lippen berührt; und so ist deine Ungerechtigkeit gewichen und deine Sünde gesühnt“.

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Jesaja

Der begnadete Knecht erhält eine wunderbare Offenbarung durch die Versicherung, daß er in der Herrlichkeit Gottes von der Ungerechtigkeit befreit und seine Sünde gesühnt ist. Das ist nicht die erste Lektion, wohl aber die größte, die den Knecht in seinem Lauf am wirksamsten stärken wird. Die Frucht dieser Erziehung zeigt sich alsbald. Als Jehova ruft: „Wen soll ich senden?“ antwortet Jesaja bereitwillig: „Hier bin ich, sende mich! Dann erhält er seinen Auftrag, der dem Zustand Israels von jenem bis zum heutigen Tage entspricht und auf den sich unser Herr in Joh 12 und der Apostel Paulus in Apg 28 bezieht. Jehova weist den Propheten sodann an: „Gehe doch hinaus, dem Ahas entgegen, du und dein Sohn Schear-Jaschub, an das Ende der Wasserleitung des oberen Teiches, nach der Straße des Walkerfeldes hin“. Diese Botschaft Gottes wird ihm und seinem Sohn anvertraut. Welch anziehender Ausdruck völliger Treue! Aber es ist auch bemerkenswert, wie der Vater vor Gott steht und im Kinde der Glaube des Vaters deutlich wird. Den Unterschied zwischen den Worten, die der Prophet dem König Ahas als die Gedanken und Gnadenabsichten Gottes mitteilt, und dem, was er selbst praktisch darstellen soll, zeigt die folgende Anweisung (Kap 8,1). Jesaja hat eine große Tafel zu nehmen und darauf mit Menschengriffel zu schreiben: „Es eilt der Raub, bald kommt die Beute“. So wird berichtet, daß ein Eilen zur Beute stattfinden würde, und es ist der Sohn des Propheten, der durch seinen Namen von dieser gnädigen Dazwischenkunft Gottes Zeugnis ablegt. Wie bedeutungsvoll ist Jesajas Hingabe an Gott; sie bewirkt, daß alles, was von ihm ausgeht – die Nachkommenschaft ist ein anschauliches Bild hiervon – in lebendiger Darstellung die Gedanken und die Gunst Gottes andeutet! Wie gesegnet ist es, wenn der Knecht nicht nur die Gedanken und Absichten Gottes offenbart, sondern auch in seinem Sohn, seinem eigenen Geschlecht, praktisch das Zeugnis der jeweiligen Wege Gottes zum Ausdruck kommt. Wie wirkungsvoll hat sich die Erziehung Gottes erwiesen, wenn der Knecht zugleich Gottes Werkzeug und Zeuge ist! Der Prophet erkannte also die Dinge nicht nur so, wie sie sich tatsächlich darstellten, sondern wurde von Gott auch unterwiesen, sie in der Ordnung zu sehen, wie sie hernach zur Herrlichkeit Gottes verändert werden sollten, wie sie einmal sein würden. In der Folge berichtet er: Denn also hat Jehova zu mir gesprochen, indem seine Hand stark auf mir war und er mich warnte, nicht auf dem Wege dieses Volkes zu wandeln“. Dann werden ihm die Gedanken Christi während Dessen Verwerfung mitgeteilt (Verse 12–18) und der Prophet stellt Ihn in seinem eigenen Herzen dar. Jehova hat ihn mit starker Hand gewarnt und ihm Erkenntnis über Seine Gedanken für den nämlichen Zeitraum geschenkt, in dem wir leben. Was nun folgt, zeigt den Kummer Israels (Kap 9–22). Dass dem Propheten der Beginn und die Vollendung des Segens vorgestellt werden (Kap 9,1–7) beweist, wie ihn der Herr für Seinen Dienst in arger Zeit – Jesaja lebte während der ganzen 16jährigen Regierungszeit des Ahas und mehr als 25 Jahre unter der Regierung Hiskias – vor und zubereitet. Welch eine traurige, eigenartige Zeit war das! Welch ein Gegensatz zwischen der Geschichte unseres Propheten und der Geschichte Israels nach 2. Kön 16! Wie umfassend war er aber auch durch gesegnete Unterweisungen zu einer gottgemäßen Behandlung der verschiedenen Formen des Bösen ausgerüstet, das sich damals in Israel breitmachte. Seine Erziehung geschah durch das Wort, und das ist besser als eine Erziehung durch die Umstände; denn das Wort Gottes ist lebendig und wirksam, und unter seinem Einfluß wird man „entsetzt“ wie Daniel.

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Ahas war der erste König von Juda, der seinen Sohn durchs Feuer gehen ließ. Er nahm daher den verderblichen Götzendienst an, der sich in Israel eingenistet hatte und wandelte so in den Wegen der Könige von Israel. Die sittliche Linie, die Juda vom Zehnstämme-Reich geschieden hatte, verschwand auf diese Weise mehr und mehr zugunsten einer Entwicklung, wie sie auch in der Christenheit zu beobachten ist, wo sich die Verteidigung der Bibel und der Rechte Gottes immer stärker verderblichen Einflüssen unterwerfen. Ahas opferte und räucherte auf den Höhen, auf den Bergen und unter jedem grünen Baum. Er suchte seine Hilfe bei Tiglath-Pileser und vervollständigte seinen Abfall dadurch, daß er einen Altar nach dem Muster, das er in Damaskus gesehen hatte, errichtete. So sah es um diese Zeit der Prophetie Jesajas in Juda aus, und dieser Zustand hielt an, bis Ahas starb (Kap 14). Die Belehrung, die Jesajas in dieser schweren Zeit erhielt, befähigte und ermächtigte ihn, den Überrest zu den Absichten und Ratschlüssen Gottes zurückzuführen. Was das Sichtbare anging, So war alles, vom Throne an abwärts, dazu angetan, ihn zu entmutigen; aber die ihm gegebenen Mitteilungen waren so lebendig und einzigartig, daß er sich über alles Sichtbare erheben und in den schönen Bereich der zukünftigen Wege Gottes auf Erden versenken konnte, wie es einem gottesfürchtigen Juden entsprach. Ein kurzer Überblick über die weitere Prophetie des Jesajas führt uns zunächst die zukünftige Segnung Israels vor Augen, die im Galiäa der Nationen begann und sich bis zu ihrer Vollendung im Reiche erstreckt (Kap 9, 1–7, s. a. Fußnote V. 1). Auf welche gesegnete Weise muß eine solche Enthüllung den Seher für den Dienst Jehovas in jenen bösen Tagen gestärkt haben! Denn nichts läßt uns so über den Dingen stehen wie das Wissen um ihren Ausgang, Wer das Geheimnis des Ergebnisses kennt, hat den Schlüssel der Stellung. Dieser Schlüssel wird hier dem Jesaja anvertraut; aber jeder wahre Knecht Gottes wird in böser Zeit durch die Gnade des Herrn in ähnlicher Weise ausgerüstet werden. Er wird vor der Zeit erfahren, ob das Volk Gottes gesegnet oder infolge seiner Bosheit gezüchtigt werden soll. Aber die Gnade und die Gerechtigkeit Gottes werden durch die Schlechtigkeit des Menschen nur noch augenscheinlicher hervorgekehrt. Daher wird Jesaja nicht nur die zukünftige Errettung des Volkes Gottes gezeigt, sondern auch das über Israel verhängte Gericht, wie der Assyrer, „die Rute meines Zorns“, es zertreten wird gleich Straßenkot (vgl. Kap 10, 5+6). Dann wird der Überrest umkehren (V. 21), wie der Name des Sohnes des Propheten – Schear-Jaschub – besagt (vgl. 7,3). Es ist sehr ermutigend für einen Knecht Gottes in einer solchen Zeit, daß sein eigener Sohn einen solchen beziehungsvollen Namen trägt. Wie verschiedenartig und passend sind doch die Methoden, mit denen der gepriesene Gott den Knecht in Seinem Dienst erquickt und befestigt. Nach dem Einblick in den Zustand und die Segnungen des Überrestes im Einzelnen (bis zum Ende von Kap 12) werden dem Propheten der Aufstieg und der Fall Babels geoffenbart (Kap 13 u. 14 bis Vers 27). Es ist bemerkenswert, daß Babel zu jener Zeit geschichtlich völlig unbedeutend war; aber der Geist Gottes urteilt nicht nach menschlichem, sondern nach Seinem eigenen Maßstab und unterweist Seinen Knecht, wie Er Babel einschätzt und wie böse die Grundsätze waren, die es entwickelt hatte. Diese Art und Weise, wie dies geschieht, verdient unsere volle Aufmerksamkeit, weil sie uns zeigt, wie ein Knecht Gottes für die Zeiten und Umstände, in die er gestellt ist, zubereitet wird. Jesaja betritt nun einen neuen Zeitraum, Hiskia hat den Thron bestiegen, durch ihn wird Juda Rettung erlangen; aber erst muß das Gericht kommen. Der Prophet schildert zunächst in einer kurzen

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Zusammenfassung die Leiden Israels und die Wiederherstellung des Überrestes (Kap 14,28–32). In alledem müssen ihm in solchen Zeiten das Wort und der Ratschluß Gottes zur eigenen Belehrung und Bewahrung gereichen, wenn er die ihm verordnete Aufgabe gottgemäß lösen will. Erst hernach wird gezeigt, wie umfassend er für diesen Platz zubereitet und wie sehr er mit den Absichten Gottes vertraut war. Für einen Diener, der – wie Jesaja – in der Herrlichkeit der Gegenwart Gottes zur Ruhe gelangt ist, gibt es nur eine wirksame Vorbereitung: die Erziehung durch das Wort; und Jesaja erfährt in der Folge (Kap 15 bis 36), was Juda und die mit ihm in Verbindung stehenden Nationen in den Augen Gottes sind. Nachdem ihm auch das Gericht Gottes über Moab, Damaskus, Äthiopien und Ägypten – eingeleitet durch die assyrische Macht – gezeigt worden ist, tritt er selbst als Zeuge der Leiden, die sie erdulden würden (Kap 20,2) auf, indem er das Sacktuch von seinen Lenden löst, seine Sandalen von seinen Füßen zieht und nackt und barfuß einhergeht. So erfährt er im Vorbild am eigenen Leibe dieselben Leiden, die er den Aufsässigen und Gedankenlosen prophezeit; unverdient erduldet er was sie verdientermaßen erdulden müssen, und das, obwohl es sich um Ägypten handelt. So wird er zu einem lebendigen Selbstzeugnis dessen, was er bewußt und mit Anteilnahme voraussagt. Das ist eine sehr notwendige Übung für den Propheten, der damit die dritte Stufe seiner Erziehung -nach der Ruhe in der Herrlichkeit Gottes und der Gewißheit, daß Gottes Gedanken auch durch seine Nachkommen bezeugt werden würden, nunmehr das persönliche Leiden als Darstellung des prophetischen Wortes – erreicht hat. Eine andere sehr notwendige Erfahrung folgt unmittelbar (Kap 21). In seinem Geist nimmt er nun schreckliche Dinge wahr, deren Verwirklichung ihm Kummer und Sorge bereiten. Voll Schmerz und Pein sieht er das Emporkommen der Perser und wie diese Babel vernichten. Der Räuber raubt, und er krümmt sich, daß er nicht hören, ist bestürzt, daß er nicht sehen kann. Der Prophet ist keine bloße Maschine; er versteht und fühlt Art und Charakter der Dinge, die er bedient. Der Fall Babylons hat ihn nahezu überwältigt, obwohl damit die Nation gerichtet wird, die ehedem die Geißel Israels war. Jesaja empfindet in seiner Seele vor Jehova die ganze Schrecklichkeit des Gerichts. Er ist kein unbeteiligter Zuschauer, sondern Teilhaber der Trübsale, die vor seinen Augen vorüberziehen, bevor irgendein anderer leidet, und das ist wahre Erziehung, wenn der Knecht die Art und Wirkung der Wahrheiten, die er verkündet, persönlich verspürt. In seinem Gemüt besonders erschüttert aber wird er von der Welle des Zorns, die über das Judentum kommt (Kap 22). Er klagt: „Schauet von mir weg, daß ich bitterlich weine; dringet nicht in mich, um mich zu trösten über die Zerstörung der Tochter meines Volkes!“ (22,4). Nach diesem Kummer des Herzens führt ihn seine Sendung zu Schebna, der über das Haus ist“ (V. 13), um ihm anzukündigen, daß alle seine Größe, selbst die mit seinem Grab verbundene, verschwinden werde; er soll zum Beispiel für die Art des Gerichts über Jerusalem werden. Jehova wird „zu einem Knäuel dich fest zusammenrollen, wie einen Ball dich wegschleudern in ein geräumiges Land. Dort sollst du sterben und dorthin sollen deine Prachtwagen kommen, du Schande des Hauses deines Herrn!“ Und dennoch sollte diesem Hause in der Person Eljakims Errettung werden. Im Augenblick des Gerichts wird der niedergebeugte Knecht durch den Ausblick auf die zukünftige Wiederherstellung getröstet. Doch die Fülle und der gründliche Charakter des überwältigenden Gerichts wird so weitgehend enthüllt, daß Jesaja, obgleich er die Gnade Jehovas sieht, erkennt, was er selbst ist. So ruft er aus: „Ich vergehe, ich vergehe, wehe mir!“ und verkündet: „Die Erde klafft auseinander, die Erde zerberstet, die Erde schwankt hin und her; die Erde taumelt wie ein Trunkener und schaukelt wie eine Hängematte“ (Kap 24,16+19). Aber wenn im Gericht der

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Mond mit Scham bedeckt und die Sonne beschämt wird, herrscht „Jehova der Heerscharen als König auf dem Berge Zion und in Jerusalem, und vor seinen Ältesten ist Herrlichkeit“. Angesichts dieser Erfahrung verwandelt sich der Kummer des Propheten wegen des drohenden Gerichts in Lobpreis über das Reich und die Herrlichkeit. Da dieses Ziel aber nur durch Gericht erreicht werden kann, fährt der Prophet fort, den schweren Weg zu beschreiben, den sie geführt werden sollten und warnt sie, sich durch die Prüfungen verleiten zu lassen, nach Ägypten hinabzuziehen (Kap 27–36). Aber anziehend ist die persönliche Verbundenheit mit Gott, die darin zum Ausdruck kommt, daß er die großen Tatsachen erfährt und in seiner Seele durchschreiten darf, noch ehe er sie verkündigt. So wird er gewissermaßen zum Herrn der Geschichte und ist doch zugleich Geschichtsschreiber, der so vollständig in dem künftigen Geschehen aufzugehen vermag, dass er es mit lebendigem, persönlichem Interesse schildern kann, so wie große Geschichtsschreiber die Schauplätze großer Taten besucht haben, um die Empfindungen eines wirklich daran Beteiligten erfassen zu können. Der historische Bericht eines Beteiligten oder Augenzeugen wirkt naturgemäß ganz anders als der eines Unbeteiligten. So ist auch für den Lehrer die persönliche Erfahrung in den Wahrheiten, die er predigt oder verkündigt, von unschätzbarem Wert. In der fortlaufenden Betrachtung kommen wir nun zu Sanheribs Einfall in Israel. Hiskia, der den zukünftigen Überrest darstellt, erlebt in diesem Zusammenhang zwei Prüfungen und zwei Errettungen: eine äußere aus der Hand des Assyrers und eine innere, die gewissermaßen einer Auferstehung aus den Toten gleicht. Gegenstand unserer Aufmerksamkeit ist in erster Linie die Rolle, die Jesaja in diesen beiden Prüfungen spielt. Die Weise, wie ein Knecht handelt, enthüllt die Wirkung der Zucht, die er durchgemacht hat. Jeder Knecht benötigt und empfängt – wenn er darauf wartet – die geeignete Vorbereitung für den Dienst. Wie gut ist, daß er diesen Dienst nicht kennt. Er würde sonst darüber nachdenken, wie er handeln sollte, statt sich einfach von Gott vorbereiten zu lassen. Das läßt sich immer wieder feststellen. Aber selbst die beste menschliche Vorbereitung und Durchführung eines göttlichen Auftrages reichen nicht hin; es bedarf hierzu der lebendigen Kraft, die Gott allein darreichen kann und die Er dem verleiht, den Er Selbst befähigt und zubereitet hat, auch wenn sich der Diener dessen nicht bewußt ist. Ein wahrer Knecht gleicht einem Garten, in dem jede Art von Frucht wächst, die der Besitzer wünscht. Er weiß nicht, was von ihm verlangt wird, aber er ist zugerüstet, bereit zum Dienst, wenn Sein Herr es wünscht. Ist Mangel an Dienst, so ist das wohl darauf zurückzuführen, daß es an dieser Vorbereitung fehlt, die allein bewirkt wird durch das Wort Gottes. Deshalb muß sich der Knecht unablässig mit dem Wort beschäftigen und so durchdringen lassen, daß er Gottes Willen gemäß handeln kann, wenn die Aufforderung dazu erfolgt. Es ist für jeden Knecht anziehend und bedeutsam, die Art und Weisung seiner Zurüstung für den Dienst zu verstehen. je schwieriger die Art des Dienstes ist, desto größer das Bedürfnis nach Vorbereitung. Erst wenn diese Erziehung zu abhängiger Bereitschaft gediehen ist, erfahren wir unseren Auftrag. Anweisungen, die uns vordem gegeben werden, gleichen den versiegelten Befehlen, die der Kapitän eines Schiffes vor dem Auslaufen mit der Order empfängt, sie erst auf hoher See zu öffnen. Es soll damit sichergestellt werden, daß der Dienst nicht nach unseren Gedanken und Wünschen ausgerichtet, sondern von der Kraft gestaltet wird, die nach der Weise und den Gedanken Gottes wirkt. Das soll nicht heißen, daß sich der Sprecher mit dem auszulegenden Schriftwort nicht schon früher beschäftigt haben darf; aber es besteht die Gefahr, daß er sich sonst mehr von seiner Erkenntnis als von der Macht Christi, von der Kraft und Salbung leiten läßt, die nur in Seiner

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Gegenwart erlangt werden können und ohne die selbst die größte Wahrheit, auch wenn sie in der vollkommensten Weise dargeboten wird, kraft- und wirkungslos ist. Wer aber wahrhaft zubereitet ist, wird sicher nicht der Einsicht ermangeln, die doch zweifellos zu seinem Dienste gehört und deshalb wesentlicher Teil der Vorbereitung sein muß. So sind auch dem Propheten Jesaja viele Wahrheiten mitgeteilt worden, ehe er zu irgendeinem Dienst berufen wurde, aber die Art des Dienstes, auf den er vorbereitet wurde, erfuhr er nicht. Auch Abraham wußte nicht, daß der Besuch und der Segen Melchisedeks ihn auf das Zusammentreffen mit dem König von Sodom und dessen Angebot vorbereiten sollten; aber als es dazu kam, zeigte er sich als so gründlich unterwiesen, daß er entschieden alles Angebotene zurückwies – vom Faden bis zum Schuhriemen. Mose mußte sich 40 Tage in der Herrlichkeit aufhalten, einmal um die wahre, ganze Gestalt der Stiftshütte kennenzulernen, zum andern aber auch, um sittlich für den großen Dienst ausgerüstet zu werden, zu dem er infolge der Abgötterei Israels gerufen werden würde. Daher weiß er ohne Zögern und Unsicherheit, wie er zu handeln hat, als er vom Berge herabsteigt und den Abfall des Volkes sieht – wie groß und furchtbar die Überraschung für ihn auch gewesen sein mag. Er hat weder Menschenfurcht noch Zweifel an Gott; der entscheidende Augenblick findet ihn gewappnet und entschlussfähig. Er handelt Gott gemäß, indem er das Zelt nimmt und es weit außerhalb des Lagers aufschlägt, abgesondert vom Götzendienst des abtrünnigen Volkes. Die Vorbereitung des Apostels Paulus auf den Dienst ersehen wir aus den Worten des Herrn „Hierzu bin ich dir erschienen, dich zu einem Diener und Zeugen zu verordnen, sowohl dessen, was du gesehen hast, als auch worin ich dir erscheinen werde“. Und Petrus ist, als er das in Apg 10 beschriebene Gesicht sieht, mehr von den Gedanken und dem Ratschluß Gottes als von den Ausdrucksformen gegenüber Kornelius beeindruckt. Wenn wir wahrhaft und völlig von den Gedanken Gottes erfüllt sind, ist die Art und Weise ihrer Darstellung auch in Übereinstimmung mit Seinem Willen. So wird Jesaja – nachdem er von Gottes Gedanken über Israel und alle mit Israel in Verbindung stehenden Nationen erfahren hat – im entscheidenden Augenblick zum Handeln in der zweifachen Prüfung Hiskias gerufen. Sein Dienst ist beispielhaft. Er ist dem König – der Knecht Gottes sollte als solcher bekannt sein – nicht fremd und wird von ihm gerufen. „Und die Knechte des Königs Hiskias kamen zu Jesaja“, um die Gedanken Jehovas durch ihn zu erfahren. Jesaja antwortet ihnen: „Also sollt ihr zu eurem Herrn sagen: So spricht Jehova: Fürchte dich nicht vor den Worten, die du gehört hast, womit die Diener des Königs von Assyrien mich gelästert haben. Siehe, ich will ihm einen Geist eingeben, daß er ein Gerücht hören und in sein Land zurückkehren wird, und ich will ihn durchs Schwert fällen in seinem Lande“. Jesaja hat keine Furcht. Der Feind erscheint ihm als ungefährlich, weil seine Seele von der Größe und Macht Gottes erfüllt ist. Diese Beurteilung ist der sicherste Beweis, daß er sich nahe bei Ihm aufgehalten hat. Hiskias Krankheit zum Tode war vor dem Einfall des Assyrers, und es ist aufschlußreich zu beobachten, wie Jesaja in dieser ersten, persönlichen Prüfung handelt, bevor wir seinen Dienst in der zweiten, äußeren Prüfung betrachten. In Kap 38 lesen wir, daß Jesaja von Gott zu Hiskia gesandt wurde, um ihm zu verkünden, daß er sterben und nicht genesen würde. Welch eine Prüfung für Jesaja. Als Schützer der Interessen Jehovas muß er sich in jener Zeit an der Treue Hiskias erfreut haben; das soll nun aufhören. Er selbst ist dazu ausersehen, jenen Schlag anzukündigen, der ihm praktisch den ganzen Zusammenbruch und Verfall seines Volkes vor Augen stellt. Den Tod Hiskias vor Augen, muß er mit der Auflösung Israels rechnen und ein solches Ende schmerzhaft empfinden. Es ist eine notwendige Zucht für den Knecht das

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Ende alles Fleischlichen völlig zu erfassen. Aber diese Erfahrung befähigt ihn für seinen zukünftigen Dienst, wenn er über Israel ausrufen muß: „Fürwahr, das Volk ist Gras. Das Gras ist verdorrt, die Blume ist abgefallen; aber das Wort unseres Gottes besteht in Ewigkeit“. Das große Werkzeug der Wiederherstellung muß dahingehen wie eine Blume. Nach diesem großen Kummer – ein Knecht des Herrn wird so geführt, damit er die Auferstehung wirklich und tiefgreifend verstehen lernt – wird er unterwiesen, dem Hiskia das Mittel zu seiner Heilung zu offenbaren (Kap 38,21). Als alle Hoffnung dahin ist und die kalte Hand des Todes lähmend fühlbar wird, bricht das Licht in die Finsternis. Die Seele wird von der tiefen Überzeugung erquickt, daß es einen Gott gibt, der die Toten erweckt. Das war für Jesaja eine zukunftsprächtige Offenbarung im Blick auf sein Volk. Es sollte sterben, abgeschnitten werden, wie es in der jetzigen Haushaltung geschehen ist; doch es gab Hoffnung auf ein Wiederaufleben, und in der Tat, Israel wird wiederhergestellt werden. Sodann kommt die Bedrückung durch den Feind von außen, den der König von Assyrien in dieser Geschichte darstellt. Jesaja versichert Hiskia, daß er aus dieser Unterdrückung errettet werden wird (Kap 38, 6+7). Aber das ist nicht alles. Als Hiskia gegen Sanherib betet, überbringt ihm Jesaja nicht nur die Zusicherung der Errettung, sondern auch einen bemerkenswerten Gnadenbeweis für das Volk. „Und dies soll dir das Zeichen sein: man wird in diesem Jahr den Nachwuchs der Ernte essen, und im zweiten Jahr, was ausgesprosst ist; im dritten Jahre aber säet und erntet, und pflanzet Weinberge und esset ihre Frucht“. Und dann wird hinzugefügt: „Und das Entronnene vom Hause Juda, das übriggeblieben ist, wird wieder wurzeln nach unten und Frucht tragen nach oben. Denn von Jerusalem wird ein Überrest ausgehen, und ein Entronnenes vom Berge Zion. Der Eifer Jehovas wird solches tun“! (2. Kön 19,29–31). So entfalten sich jetzt nicht nur die Gedanken über den Dienst zu dem der Prophet berufen war, sondern er muß probeweise auch in die beiden Prüfungen eintreten, die sein Volk erwarteten: das Absinken bis in den Tod wegen der in ihnen wohnenden Schwachheit und die vollständige Gefangennahme durch die Hand des Feindes. Aber diese tiefgreifenden Erfahrungen waren nötig zu einem wahren Verständnis der wunderbaren Wege Gottes, mittels deren Er die zweifache Errettung für das Volk Israel bewirken wollte. Hiervon weissagt Jesaja und darin schwelgt er von Kap 40 bis zum Ende des Buches. Welche wunderbaren Einblicke werden ihm gewährt. Und obgleich sie zu jener Zeit noch nicht verwirklicht werden sollten und alle menschlichen Begriffe überstiegen, sah er doch praktisch und wirklichkeitsnahe die Zukunftswege Gottes mit Seinem Volke vor sich. So wird der Knecht des Herrn im Verborgenen durch die Entfaltung der Gedanken Gottes zubereitet, damit er die Dinge gottgemäß zu beurteilen lernt; aber er muß auch persönlich in die zweifache Prüfung eintreten, nämlich in die Todesschwachheit des Menschen in sich selbst und in die furchtbare Macht des Feindes, weil nur der Knecht, der sich diesen beiden Tatsachen praktisch bewußt ist und Gottes Art der Errettung aus ihnen erfahren hat, in angemessener Weise von Seinem Reich und Seiner Macht zeugen kann. Damit der Knecht fähig ist, die ganze Fülle und Größe der Zukunftspläne Gottes völlig zu verstehen, muß er den Tod und den Verfall aller Dinge aufgrund der Macht, die Satan infolge des Falles des Menschen erlangt hat, praktisch erfahren. Wenn er dann auch die Macht der Auferstehung in Gott durch Christus erlebt hat, ist er empfänglich für die Offenbarungen, die Gott denen bereitet hat, die Ihn lieben. – Abraham war für die große Offenbarung im Blick auf seinen Samen zubereitet, nachdem er praktisch gelernt hatte, seine Hoffnung nur auf den Gott zu setzen, Der aus den Toten erwecken kann. Er hatte das Ende alles Irdischen erkannt und

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konnte nun die Tatsache begreifen, daß in seinem Samen alle Nationen der Erde gesegnet werden würden. Es ist eine folgenschwere Tatsache, daß niemand für die zukünftige Herrlichkeit, die für ihn aufbewahrt ist, bereit ist, der nicht die Vollständigkeit des irdischen Verfalls infolge der vereinten Tätigkeit menschlicher Schwachheit und satanischer Macht erkannt hat. Gleich Jesaja mußten auch Mose und Paulus – wie gut sie auch für den Dienst zubereitet waren – die zwei großen Wahrheiten lernen: den Widerstreit des Feindes von außen und die völlige Schwachheit des Menschen in sich selbst, in dessen Hand alles verdorben wird. Mit tiefem Verständnis für diese Wahrheiten bat Mose: „Laß mich doch deine Herrlichkeit sehen!“ Und Paulus konnte sagen: „Ich habe Lust abzuscheiden und bei Christo zu sein“.

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Jeremia In der traurigsten und ereignisreichsten Zeit der Geschichte Israels war Jeremia berufen zu dienen, und aus seiner Geschichte können wir viel lernen hinsichtlich des Charakters eines Gefäßes, das der Herr in einer solchen Zeit benutzt und der besonderen Art, in der Er es für die ihm zugedachte Sendung passend macht. Jeremia war von den Priestern zu Anathoth im Lande Benjamin; er war durch Geburt und Gemeinschaft mit der Hierarchie jener Zeiten verbunden, und er wird berufen, gegen das, was ihm so nahe stand und so teuer war, zu zeugen. Gott wählt Sich Seine Werkzeuge selbst, und es ist offenbar, daß Er alles was sie betrifft, von vornherein ordnet, so daß das ganze Leben, selbst bis vor der Geburt, die Spuren Seiner Führung trägt. Das ist anziehend und wunderbar. Daher wird zu Jeremia gesagt: „Ehe ich dich im Mutterleibe bildete, habe ich dich erkannt, und ehe du aus dem Mutterschoße hervorkamst, habe ich dich geheiligt: zum Propheten an die Nationen habe ich dich bestellt.“ Es ist bemerkenswert, daß es „an die Nationen“ heißt, denn fast seine ganze Prophetie bezieht sich auf den Fall und die Gefangenschaft Israels und die Unterwerfung der umwohnenden Nationen, mit der sicheren Hoffnung auf eine strahlende Zukunft. Das große vorherrschende Gefühl in dem Werkzeug dieses großen Dienstes ist: „Ich bin jung“. – „Ach, Herr, Jehova! siehe, ich weiß nicht zu reden, denn ich bin jung!“ Das Gefühl der Machtlosigkeit an sich ist nichts wert, aber wenn man seine Schwachheit in der Gegenwart der sicheren Hilfe des Herrn fühlt, wird man völlig auf Ihn geworfen, und wenn man sich völlig auf Ihn stützt, dann hilft Er auch völlig. Daher ermutigt Jehova ihn: „Sage nicht: Ich bin jung; denn zu allen, wohin ich dich senden werde, sollst du gehen, und alles was ich dir gebieten werde, sollst du reden. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin mit dir, um dich zu erretten, spricht Jehova.“ Die erste große Lektion in der Schule Gottes lehrt mich – während ich das Gefühl habe, daß ich nur „ein Knabe“ bin –, daß ich, schwach hinsichtlich menschlicher Kraft, das sichere Vertrauen haben kann, hinzugehen wohin immer Gott mich sendet, und zu reden, was Er mir geboten hat zu reden. Dann verleiht Jehova Jeremia eine Gabe. Er streckte Seine Hand aus und rührte seinen Mund an, „und Jehova sprach zu mir: siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.“ So bekommt er seinen Auftrag, der so wichtig für die Geschichte eines Knechtes ist, wie es die Gabe des Timotheus durch Händeauflegen der Ältestenschaft war; er bekommt ein Verständnis dafür, daß er nicht nur als ein Licht in die Welt gesandt ist, sondern die bestimmte Art seines Dienstes wird ihm mitgeteilt. So empfängt Jeremia im Bilde eine Offenbarung von Jehova in Beziehung zu der Art und der Linie seines Dienstes. Es ist anziehend, zu bemerken, auf welche besondere, deutliche Weise jeder Knecht für sein Werk befähigt und bevollmächtigt wird. Durch zwei Sinnbilder wird Jeremia mit einer göttlichen Grundlage für sein Werk versehen: durch den Mandelstab, der besagt, daß Jehova ausführen wird, was Er gesagt hat, „ich werde über mein Wort wachen, es auszuführen“; und durch den siedenden Topf, „dessen Vorderteil gegen Süden gerichtet ist“, der die Trübsale seines Zeugnisses gegen Israel

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und die Nachbar Nationen zeigt. Nun, da er im Herzen, in den Absichten befestigt ist durch diese Gesichte, fordert Jehova ihn auf (Verse 17–19), seine Lenden zu gürten und gutes Mutes zu sein, „damit ich dich nicht vor ihnen verzagt mache.“ So wird Jeremia für den Dienst bereit gemacht, und in Kap. 2 werden ihm die Gedanken Jehovas geoffenbart. Das Herz Jehovas öffnet sich ihm hinsichtlich des Zustandes von Israel, und das ruft bei ihm dieselbe Wirkung hervor, wie es bei Israel der Fall sein sollte. „O, meine Erquickung im Kummer! Mein Herz ist siech in mir. siehe, die Stimme des Geschreis der Tochter meines Volkes kommt aus fernem Lande: Ist Jehova nicht in Zion, oder ist ihr König nicht darin?‘Warum haben sie mich gereizt durch ihre geschnitzten Bilder, durch Nichtigkeiten der Fremde? Vorüber ist die Ernte, die Obstlese ist zu Ende, und wir sind nicht gerettet!‘Ich bin geschlagen wegen der Zerschmetterung der Tochter meines Volkes; ich gehe trauernd einher, Entsetzen hat mich ergriffen. Ist kein Balsam in Gilead, oder kein Arzt daselbst? Denn warum ist der Tochter meines Volkes kein Verband angelegt worden? O, dass mein Haupt Wasser wäre, und mein Auge ein Tränenquell, so wollte ich Tag und Nacht beweinen die Erschlagenen der Tochter meines Volkes!’ Es ist einer der schönsten Züge im Charakter eines Knechtes, vom Wort Jehovas in der vollsten und tiefsten Weise beeinflußt zu werden, in der es auf die, die es betrifft, wirkt. Keine Erziehung ist für einen Knecht wertvoller, als wenn er persönlich in die Bedeutung und Kraft der Gedanken Gottes eintritt, die er mitteilen soll, und sie so fühlt, wie der Herr möchte, daß seine Hörer dadurch getroffen werden. Dann, von Kap. 10, 19 bis zum Ende, stellt er mehr das reumütige Volk dar. In den vorigen Kapiteln ist es mehr sein Kummer und seine Bestürzung über die Gerichte Jehovas; hier sehen wir mehr die Sprache und Erfahrung jemandes, der unter dem Gericht leidet. Im Ende von Kap. 11 wird er einer anderen Erfahrung unterworfen, Nun ist es nicht der Kummer des Herzens wegen des Zustandes von Israel, auch nicht das Gefühl, daß er sich unter dem Gericht Gottes befindet; hier ist es die Verfolgung: Ich war wie ein zahmes Lamm, das zum Schlachten geführt wird“, die so stark ist, daß er die Gerechtigkeit des Gerichtes über sie fühlt und ausruft: Laß mich deine Rache an ihnen sehen; denn dir habe ich meine Rechtssache anvertraut.“ Das war Verfolgung von der schwersten Art, weil sie von seinem eigenen Volke kam. „Darum, so spricht Jehova über die Männer von Anathoth (seinem eigenen Land, Kap. 1, 1), welche nach deinem Leben trachten und sprechen. Du sollst nicht weissagen im Namen Jehovas, damit du nicht durch unsere Hände sterbest, – darum, so spricht Jehova: Siehe, ich suche sie heim. Die Übung, durch die die Seele des Propheten in Verbindung mit dieser Verfolgung geht, ist auffallend und anziehend. Es ist nicht die gewöhnliche Verfolgung seitens der äußeren, unheiligen Welt, sondern sein eigenes Volk will ihn nicht haben, ja bedroht ihn mit dem Tod. Das ist die schlimmste Art der Verfolgung, die auch die heutige Zeit kennzeichnet. Die hartnäckigste Verfolgung ist diejenige, die der treue Knecht Gottes von seiten der „Männer von Anathoth“ erduldet. Die darauf folgenden Gedanken Jeremias finden wir in Kap. 12,1–4. In den Versen 5–6 wird er ermahnt, nicht überrascht zu sein, denn er hat nichts anderes zu erwarten. Im Folgenden bis V. 11 erfährt er die Gefühle Jehovas hinsichtlich Seines Erbteils, aber auch Seine Gnade, wenn sie Buße tun. Ich verweile bei diesem Teil der Erziehung des Propheten, weil in vielem Ähnlichkeit besteht zu dem, was ein Knecht des Herrn heute durchmachen muß. Kein Knecht ist geeignet für das Werk des Herrn,

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wenn er nicht durch Übungen geht, nicht nur hinsichtlich dessen, wie er die Dinge fühlt, sondern auch wie sie in den Gedanken des Herrn sind. In Kap 13 wird ihm mittels eines leinenen Gürtels, den er umlegt und später in einer Felsenspalte am Euphrat verbirgt, mitgeteilt, wie Jehova über Sein Volk denkt; gleichwie der Gürtel verdorben war und zu gar nichts mehr taugte, so würde das Volk in seiner Verwerfung sein. Mit diesem einfachen Mittel wird der Knecht in den Gedanken Gottes über Sein Volk unterwiesen. Es ist interessant, daß der Knecht nicht einfach durch mündliche Anweisungen für das Werk passend gemacht wird. Wie klein die Gefühle Jeremias über den Gürtel vergleichsweise auch waren, als er ihn umlegte und als er verdorben war, so wurde ihm dadurch doch deutlich und handgreiflich ver Augen geführt, was Jehova für Sein Volk in dessen erstem und in dessen gefallenem Zustande fühlte. Sein Verständnis war im Verhältnis zu dem Jehovas sehr klein, aber das Wichtige für den Nutzen des Knechtes ist, daß er einen wahren, wirklichen Begriff, – wie klein dieser auch sein mag – von den Gefühlen Jehovas für Sein Volk unter den verschiedensten Umständen bekommt. Wie wohl belehrt ein Knecht im Worte auch sein mag, so muß er doch in Umstände geleitet werden, die ihn wirklich die Bedeutung der Wahrheit, die er verkündet, verstehen lehren. Das Gefängnis war notwendig für Paulus, damit er den Brief an die Epheser schreiben konnte, und Patmos für einen Johannes, damit er die Offenbarung empfangen konnte, Die Wahrheit, dieser Diamant, erfordert eine passende Fassung. Mose war 40 Jahre in der Wüste, ehe er ausgesandt wurde, um die Kinder Israel da hindurchzuführen. Praktisch erleben wir alle, daß der Himmel sich uns am strahlendsten öffnet, wenn wir von der Erde abgeschlossen sind und unter der Macht der Menschen leiden; wenn wir von den Menschen verstoßen und hier alleine sind, können wir wahrhaft den Tag wertschätzen, wenn das Reich dieser Welt das Reich unseres Herrn und Seines Christus sein wird. Die besondere Macht eines Mannes Gottes, eines wahren Dieners, ist, daß er nicht nur ein Kanal, ein bloßes Mittel ist, sondern daß er zumindest in gewissem Maße die Gefühle seines Herrn, zu denen ihm die Worte gegeben werden, übermitteln kann. Sicherlich gibt dies einem Evangelisten Kraft und Wirkung. Sein Herz ist von der Liebe Gottes zu den Sündern berührt; sein Verständnis davon mag klein sein, aber es ist echt, und je nach dem, wie es ihn spürbar bewegt, wird er zum Dienst befähigt. Sodann gibt es noch etwas anderes. Wenn ein Knecht in irgendeinem Maße oder lieber entsprechend seinem Maße, in die Gedanken Gottes eintritt, mit den Worten, die Er ihm zu reden gibt, ist er nicht nur ein wahrer Vertreter, sondern fühlt göttlichen Kummer, wenn das Wort auf Ablehnung stößt, so daß er es in mitfühlender Weise zum Ausdruck bringt, aber auch tief den Eigensinn des menschlichen Herzens fühlt, wenn es abgelehnt wird, Daher sagt Jeremia: „Wenn ihr aber nicht höret, so wird meine Seele im Verborgenen weinen wegen eures Hochmuts; und tränen wird mein Auge und von Tränen rinnen, weil die Herde Jehovas gefangen weggeführt ist.“ Kap. 14. „Das Wort Jehovas, welches zu Jeremia geschah betreffs der Dürre.“ Der, größte Gnadenbeweis für einen Knecht ist, wenn der Herr ihn mit Seinen Gedanken bezüglich gegenwärtiger und zukünftiger Ereignisse bekannt macht und ihn dergestalt passend macht, sowohl das Traurige und Furchtbare als auch das Freudige und Angenehme zu hören. Viele Knechte können arbeiten, wenn alles hoffnungsvoll und gedeihlich scheint, aber beim Auftauchen einer Wolke oder bei einem Rückschlag wie Markus in Pamphylien oder Demas den Mut sinken lassen. Einem wahren Knecht kann der Herr die kommenden Trübsale ankündigen, und er ist durch die Gnade vorbereitet, ihnen im

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Geiste Christi zu begegnen. So wurde Jeremia die Dürre vorhergesagt, und er beweist und zeigt durch die Art, wie er die Mitteilung aufnahm, daß er das in ihn gesetzte Vertrauen verdiente. Zuerst treten ihm falsche Propheten entgegen, die die Herzen des Volkes nähren und bedienen, und nicht geneigt sind, das ihnen wegen ihres Abweichens von Gott drohende Gericht zu erkennen. Nichts befriedigt und täuscht das abtrünnige Herz so sehr, als wenn Männer mit großer Anmaßung versichern: „Ihr werdet kein Schwert sehen, und Hunger wird euch nicht treffen, sondern ich werde euch einen sicheren Frieden geben an diesem Orte“. (Kap 14, 13) Es ist sehr anziehend, die verschiedenartige Übung oder Erziehung zu sehen, der ein Knecht unterworfen wird, und zu bemerken, daß jede notwendig ist. Es ist nicht genug, daß Jeremia von der Dürre erfährt, er muß betreffs ihrer auch einem religiösen Widerstand von seiten der falschen Propheten begegnen; aber nachdem er die Gedanken Jehovas über sie kennt, bringt er selbst die Gefühle zum Ausdruck, die die Gottesfürchtigen zu der Zeit haben würden, und die wahres Bekenntnis und ernstliches Flehen hervorrufen. In Kap 15 erfahren wir einige der tiefen Herzensübungen, die im Herzen des Knechtes stattfinden, der in der Zeit und unter den Umständen eines Jeremia lebt. Zuerst spricht Jehova zu ihm: „Wenn auch Mose und Samuel vor mir ständen, so würde meine Seele sich nicht zu diesem Volke wenden.“ Das Urteil muß vollzogen werden, und danach werden uns in V. 10 die Gefühle Jeremias gezeigt. Es ist gut, wenn man die Gefahr fühlt, wenn man nur nicht seinen Gefühlen nachgibt und sich von ihnen leiten läßt. Unser gepriesener Herr konnte sagen: „Die Fluten der Gottlosigkeit machen mir Angst.“ Zartgefühl ist kein Schaden, sondern ein Vorteil für einen Knecht, vorausgesetzt, daß er sich dadurch nicht beeinflussen läßt, denn wenn das geschieht, fällt er in Sorge um sich selbst und Feigheit. Wenn ein Knecht Christi die Einsamkeit seines Platzes fühlt, braucht er sich nur an Gott um Hilfe zu wenden, wie Jeremia in V. 15, und er wird ermuntert und ermutigt: „Darum spricht Jehova also: „Wenn du umkehrst, so will ich dich zurückbringen, daß du vor mir stehest; und wenn du das Köstliche vom Gemeinen ausscheidest, so sollst du wie mein Mund sein. Jene sollen zu dir umkehren, aber du sollst nicht zu ihnen umkehren. Und ich werde dich diesem Volk zu einer festen ehernen Mauer machen, und sie werden wider dich streiten, aber dich nicht überwältigen; denn ich bin mit dir, um dich zu erretten und dich zu befreien, spricht Jehova.“ In Kap 16 muß der Prophet alles häusliche Glück zurückweisen. „Du sollst dir kein Weib nehmen und weder Söhne noch Töchter haben an diesem Orte.“ Er soll sich auch von gemeinsamen Freuden fernhalten. „Auch in ein Haus des Gastmahls sollst du nicht gehen, bei ihnen zu sitzen, um zu essen und zu trinken.“ Der wahre Knecht muß immer leiden. Jede Art eigener Bequemlichkeit und eigenes Glückes muß an dem Ort, wo der Name des Herrn entehrt wird, versagt bleiben. Wir können gar nicht zu abgesondert oder zu entsagungsvoll sein. Wie verschiedenartig setzt sich die Erziehung eines Knechtes zusammen, in einer Zeit, wo das Volk Gottes von seiner wahren Stellung abgewichen und praktisch seinem Zustand und dem darauf folgenden Gericht des Herrn gegenüber gleichgültig ist. In V.10 findet Jeremia seinen Trost und seine Zuflucht in Jehova: „Jehova, meine Stärke und mein Hort, und meine Zuflucht am Tage der Bedrängnis!“ In Kap 17, wo er die Gefangenschaft Judas und den Fluch Gottes wegen ihres Vertrauens auf Menschen ankündigt, begegnet er, während er sich für sich selbst zu Gott wendet (V. 14), dem bitteren Hohn der Spötter (V. 15+16), der ihn noch mehr sich zu Gott wenden läßt, wie die V. 17–18 zeigen. Diese ganze Übung ist nur dazu da, ihn auf eine besondere Sendung vorzubereiten. Wie wenig verstehen wir die Art, wie ein Knecht Gottes

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auf das Werk, zu dem Er ihn bestimmt, vorbereitet wird! Sicher kann niemand sich mit dem Herzen mit den Erfahrungen Jeremias beschäftigen, ohne durch die einem von Natur so furchtsamen und empfindlichen Menschen bewiesene Gnade getröstet und gestärkt zu werden. In Kap 18 wird er zum Hause des Töpfers hinabgesandt, um ein einfaches Bild von der Gegenwart und der Zukunft Israels zu bekommen: das mißratene Gefäß wird beiseitegesetzt, und ein anderes gemacht. Dann wird der Prophet gesandt, um vor dem Volke zu zeugen, aber dadurch wird ihre Feindschaft so erregt, daß sie Anschläge gegen ihn ersinnen, so daß er, betrübt durch ihre Bosheit, sie als Gottes Feinde betrachtet und schonungsloses Gericht auf sie herabruft. Der Herr gebe, daß in dieser Zeit, wo Sein Volk so sehr dem in der Hand des Töpfers mißratenen Gefäß gleicht, jeder Seiner Knechte unter Seiner erziehenden Hand stehen möge, wie Jeremia, damit er den Dienst, zu dem Er ihn berufen hat, kraftvoll erfüllen kann. Es ist ein Augenblick der Furcht und des Leidens, wenn der Prophet den Zusammenbruch alles dessen, was dem Namen des Herrn trägt, verkünden muß. Jeremia wird aufgefordert, das auf sehr klare, deutliche Weise zu tun; er soll einen irdenen Krug kaufen, und von den Ältesten des Volkes und der Priester nehmen und in das Tat des Sohnes Hinnoms hinausgehen, und dort die Worte ausrufen, die Er zu ihm reden würde. Und du sollst den Krug zerbrechen vor den Augen der Männer, die mit dir gegangen sind, und zu ihnen sprechen: So spricht Jehova der Heerscharen: Also werde ich dieses Volk und diese Stadt zerschmettern, wie man ein Gefäß des Töpfers zerschmettert, welches nicht wiederhergestellt werden kann, Und man wird im Topheth begraben, aus Mangel an Raum zu begraben. Also werde ich diesem Orte tun, spricht Jehova.“ In dieser Tat des Propheten ist eine besondere Wirksamkeit. Niemand konnte die Bedeutung dieser furchtbaren Ankündigung mißverstehen. Die Einfachheit und Deutlichkeit der Ankündigung und der unbeliebte, abgesonderte Platz auf den sie den Propheten stellte, erwecken in hohem Maße unser Mitgefühl, da sie die Leiden des treuen Knechtes inmitten des Volkes Gottes darstellen, wo jede Geringschätzung ihn in doppelter Weise berührt: einmal deutet sie hinsichtlich seines Dienstes einen Mangel an, zum anderen betrifft sie ihn mehr dem Fleische nach, weil sie von seiten derer kommt, die ihm so nahe stehen. Wie oft hat sich ein Diener, der die Belastung seiner Geduld durch die Verkehrtheit der Hausgenossen des Glaubens nicht mehr ertragen konnte, einem mehr äußeren Dienst zugewandt und sich mehr mit evangelistischer Arbeit beschäftigt. Die großen Tugenden eines Mannes werden dort am schwersten geprüft und am klarsten gesehen, wo er am meisten zu Hause ist, oder anders gesagt, wo ein jeder mit der größten Freiheit unabhängig von ihm handeln kann. Der Mann, der den geringfügigen, aber beständigen Anforderungen, die in seinem häuslichen Leben, in dem Kreis, wo jeder am besten mit ihm bekannt ist, an sein Gemüt und seine Langmut gestellt werden, gewachsen ist, wird auch jeder anderen Anforderung genügen. Kap 20. Jeremia erduldet nun Verfolgung von außen. Der Priester Paschchur, der Oberaufseher im Hause Jehovas, schlägt ihn und legt ihn in den Stock, und da war er der Verachtung des Volkes, das ihn als den Gesandten Gottes hätte anerkennen sollen, ausgesetzt. Es ist nicht nur das körperliche Leiden, das den Knecht Gottes in der Verfolgung so trifft, es ist das Gefühl, daß das Unrecht über das Recht triumphiert, während er unverdiente Schmach empfängt. Nichts ist so quälend wie Ungerechtigkeit. Es gibt bis hinab zum kleinsten Kinde kaum jemand, der nicht durch ungerechte Strafe verwundet wird. „Sie haben mir Böses für Gutes vergolten“, war eines

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der tiefen Leiden unseres Herrn, und je höher und größer das Gute ist, desto mehr schmerzt das angetane Böse. Hinsichtlich Jeremias werden uns zwei Dinge berichtet: einmal, wie Jehova ihn rächen und Paschchur bestrafen wird. Wehe jedem, der den Mann Gottes verfolgt oder verletzt. „Wer dir flucht, sei verflucht.“ Jehova wird ihn nach seinen Werken belohnen, das wird klar als Absicht Gottes mitgeteilt. Andererseits hat Jeremia seine eigene, innere Not als der Mann, der zu dem schmerzlichen Dienst bestimmt war, dem, was geliebt und heilig gehalten wird, Elend und Gericht anzukündigen. Aber in der Geschichte der Erziehung dieses Knechtes durch Jehova müssen die Augenblicke der Schwachheit und des Versagens ebenso erwähnt werden wie die der Kraft und Stärke. Hier sehen wir die Schwachheit. Jeremia macht Jehova Vorwürfe, weil er wegen der Verkündigung der Wahrheit leiden mußte, statt als Prophet aufgenommen und geehrt zu werden. Das war zu viel für seinen Glauben: „Jehova, du hast mich beredet, und ich habe mich bereden lassen“, sagt er. Manchmal geht ein Knecht durch so eine Dunkelheit in seinem Herzen, und seine Not ist so groß, daß er sogar sagt: „Verflucht sei der Tag, an welchem ich geboren wurde.“ Es gibt kaum eine so große Demütigung wie das Gefühl der Wertlosigkeit der eigenen Existenz, und doch bereitet dieses Leiden den Knecht zu, einfältiger und vorbehaltloser für Jehova dazusein. Mitten darin kann er sagen: „Singet Jehova, preiset Jehova! denn er hat die Seele des Armen errettet aus der Hand der Übeltäter.“ Im 21. Kap. sendet Zedekia zu Jeremia, um zu erforschen, welches die Gedanken Jehovas über den Krieg sind, den Nebukadnezar gegen ihn begonnen hat. Jeremia wird jetzt als Prophet Jehovas anerkannt; er ist gedemütigt worden und nun hocherhoben und kann die Art der Belagerung und die einzige Rettungsmöglichkeit verkünden. Welch ein großes, wunderbares Vorrecht für den wahren Knecht Gottes! Welche Wechselfälle muß er erleben! Einmal niedergeworfen und der Gegenstand von Schmach und Spott, dann wieder geehrt als der einzige, der die Gedanken Jehovas enthüllt. In Kap. 22 kommt noch etwas hinzu. Jeremia wird zum König von Juda gesandt. Es ist sehr ermutigend, zu sehen, wie Jehova einen Knecht, der in solch einer entscheidenden Stunde treu ist, erhöht und ihm Vertrauen schenkt. Alles steht im Begriff zusammenzubrechen, und diejenigen, die den bevorrechtigten Platz einnehmen, wollen sich wie in der heutigen Zeit an den Gedanken klammern, daß das Verderben noch nicht nahe. Jeremia wird sehr unbeliebt, weil er dabei beharrt, daß alles zerstört werden wird und daß es keine Rettung, nicht einmal für das nackte Leben gibt, außer sich dem Gericht und der Gefangenschaft zu beugen. Welch ein Weg der Belehrung war notwendig, um einen der Priester Israels, wie Jeremia es war, zu veranlassen, dem Volke die Hoffnungslosigkeit seines Verbleibens in Jerusalem klarzumachen, und daß ihnen ferner keine Sicherheit gewährt werden konnte, als sich dem König von Assyrien gefangenzugeben. Es ist dem Grundsatz nach das gleiche, auf dem der treue Knecht heute in bezug auf die Kirche zu bestehen hat, daß es nämlich keine Machtstellung der Kirche mehr gibt, wie das in den ersten Tagen der Kirche der Fall war; der Platz der Gefangenschaft wird vom treuen Überrest anerkannt. Aber der Knecht, der in Treue dies anderen ans Herz legt, muß es praktisch für sich selbst angenommen haben. Wie wenig kennen wir die Übungen, durch die der Knecht, der einst wie Simeon oder Stephanus voll Hoffnung bezüglich des Zeugnisses auf Erden war, gehen muß! Welch einen Berg Morija muß er erklimmen, ehe er den strahlenden Morgen ohne Wolken, den Tag Seiner Macht, sieht, wenn die Gefangenschaft gefangen geführt wird. In Kap. 23 wird Jeremia wegen der falschen Propheten belehrt, die das Volk mit der Versicherung täuschen, daß es Frieden haben werde. So sind auch die Lehrer von Laodicäa (Off 3,14–21), die die Seelen mit dem Gedanken in Sicherheit wiegen, daß ihnen nichts mangele. Das ist ein sicheres

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Zeichen, daß Christus nicht der Gegenstand ihres Strebens ist, denn wenn es so wäre, würden sie niemals denken, sie hätten genug. Je mehr Er das Herz befriedigt, desto mehr drängt es, Ihn besser zu erkennen und alles für Ihn aufzugeben. Darum heißt es immer: „um dessentwillen ich alles eingebüßt habe und es für Dreck achte, auf daß ich Christum gewinne.“ In Kap. 24 werden Jeremia zwei Körbe Feigen gezeigt, und „in dem einen Korbe waren sehr gute Feigen, gleich den Frühfeigen; und in dem anderen Korbe waren sehr schlechte Feigen, die vor Schlechtigkeit nicht gegessen werden konnten.“ Sie sollen ihm zeigen, daß es in bezug auf Gott keine Neutralität gibt. Entweder sind die Feigen gut, ja, sehr gut, oder so schlecht, daß man sie nicht essen kann; und dadurch werden die zwei Klassen von Menschen dargestellt: jene, die in die Gefangenschaft gehen, stellen die erste Klasse dar, und die, welche im Lande Ägypten wohnen, die zweite. In Kap. 25 sagt Jeremia die 10 jährige Gefangenschaft vorher. In Kap. 26, 8 ergriffen die Priester und die Propheten und alles Volk ihn und sprachen: „Du mußt gewißlich sterben“; aber nachdem die Fürsten und alles Volk seine Verteidigung angehört haben, erklären sie: „Diesem Manne gebührt nicht die Todesstrafe; denn er hat im Namen Jehovas, unseres Gottes, zu uns geredet.“ (V. 16) Der Fall des Micha wird zu seinen Gunsten angeführt, und der Urijas gegen ihn. „Doch die Hand Achikams, des Sohnes Schaphans, war mit Jeremia, daß man ihn nicht in die Hand des Volkes gab, um ihn zu töten. Wie vollständig muß ein Mensch für den Herrn da sein, und wie vollständig getrennt von jeder irdischen Hoffnung, wenn er wie Stephanus den Herrn vor Seinem eigenen Volk bis zum Tode bekennen und festhalten muß! Das gibt dem Knecht eine große Entschiedenheit für den Herrn und gegen die Menschen in seinem Dienst. Jeremia setzt seinen Dienst in Kap. 27 fort. Er soll in sich selbst den Zustand darstellen, zu dem das Volk geführt werden wird. „So sprach Jehova zu mir: Mache dir Bande und Jochstäbe, und lege sie um deinen Hals.“ Nichts kennzeichnet den wahren und wirklich von Gott erzogenen Knecht besser, als die Fügsamkeit und Bereitschaft, mit der er von einem Dienst zum anderen übergehen kann. Ein gleichgültiger Knecht wird immer dadurch gekennzeichnet, daß er sein Nichtbeantworten eines Hilferufes damit entschuldigt, daß er nicht in seinem Bereich liege, oder daß er nicht zu seinem Werk gehöre. Und wirklich darf er seinen Dienst nicht aufdrängen, wenn er keine Kraft zum Dienen hat; aber es ist etwas ganz anderes, wenn ich den Dienst fliehe mit der Entschuldigung, er sei nicht meine Arbeit. Die einfache Frage heißt: Hat der Herr mich dazu gerufen oder nicht? Jeremia kann alles, was Jehova ihm gibt, auf sich nehmen. Der falsche Prophet Hananja versucht, seinen Worten zu widersprechen und sie ungültig zu machen, aber Jeremia spricht das Urteil Jehovas über ihn aus. „Und der Prophet Jeremia sprach zu dem Propheten Hananja: Höre doch, Hananja! Jehova hat dich nicht gesandt, sondern du hast dieses Volk auf eine Lüge vertrauen lassen. Darum, so spricht Jehova: Siehe, ich werfe dich vom Erdboden hinweg; dieses Jahr wirst du sterben; denn du hast Abfall geredet wider Jehova. Und der Prophet Hananja starb in demselben Jahre, im siebenten Monat.“ In Kap. 28 muß Jeremia der falschen Prophezeiung Hananjas begegnen, der „im Hause Jehovas vor den Augen der Priester und alles Volkes sagt: So spricht Jehova der Heerscharen, der Gott Israel, und sagt: Ich zerbreche das Joch des Königs von Babel. Binnen zwei Jahren werde ich alle Geräte des Hauses Jehovas an diesen Ort zurückbringen, welche Nebukadnezar, der König von Babel, von diesem Orte weggenommen und nach Babel gebracht hat. Und Jekonja, den Sohn Jojakims, den König

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von Juda, und alte Weggeführten von Juda, die nach Babel gekommen sind, werde ich an diesen Ort zurückbringen, spricht Jehova; denn ich werde das Joch des Königs von Babel zerbrechen.“ Es ist ein äußerst schwerer, beängstigender Augenblick, wenn ein falscher Lehrer, der die Gefühle des Volkes zu lenken weiß und mit großer Anmaßung ihren fleischlichen Hoffnungen Vorschub leistet, dem Knecht Jehovas widersteht, so daß dieser in eine höchst einsame Stellung gegen die, denen er in seinem Zeugnis dienen wollte, gedrängt wird. In den Versen 6–9 redet Jeremia wie ein wahrer Prophet des Friedens. Aber als Hananja die Jochstäbe vorn Halse des Propheten nahm, sie zerbrach und vor dem ganzen Volke sagte: „So spricht Jehova: Ebenso werde ich binnen zwei Jahren das Joch Nebukadnezars, des Königs von Babel, zerbrechen vom Halse aller Nationen,“ da ging Jeremia seines Weges. Es ist immer weise, den niedrigsten Platz einzunehmen, auch im Dienste des Herrn, und wie Jeremia hier, unter Stillschweigen sich zurückzuziehen. Aber danach geschah das Wort Jehovas zu Jeremia: „Geh und sprich zu Hananja und sage: So spricht Jehova: Hölzerne Jochstäbe hast du zerbrochen, aber an ihrer Statt eiserne Jochstäbe gemacht.“ – „Höre doch, Hananja! Jehova hat dich nicht gesandt, sondern du hast dieses Volk auf eine Lüge vertrauen lassen. Darum, so spricht Jehova: Siehe, ich werfe dich vom Erdboden hinweg; dieses Jahr wirst du sterben; denn du hast Abfall geredet wider Jehova.“ So ist es, wenn wir uns in Selbsterniedrigung zurückziehen, von den Menschen verdrängt dann kann der Herr uns Seine Gedanken wissen lassen, und der Feind wird beschämt. „Und der Prophet Hananja starb im selben Jahre, im siebenten Monat.“ In Kap 29 finden wir „die Worte des Briefes, welchen der Prophet Jeremia von Jerusalem an die übriggebliebenen Ältesten der Weggeführten und an die Priester und an die Propheten und an das ganze Volk sandte, weiches Nebukadnezar von Jerusalem nach Babel weggeführt hatte, (nachdem der König Jekonja und die Königin, und die Kämmerer, die Fürsten von Juda und Jerusalem, und die Werkleute und die Schlosser aus Jerusalem weggezogen waren).“ Wir haben hier das Wort Jehovas an alle diejenigen, die Er von Jerusalem nach Babel in die Gefangenschaft geführt hatte, und in den Versen 24–32, was der Herr der Heerscharen sprach und was Er Schemaja, dem Necheiamiter, tun wollte, denn er hat Abfall geredet wider Jehova.“ In Kap. 30 weist Jehova, der Gott Israels, Jeremia an, „alle Worte, die ich zu dir geredet habe, in ein Buch“ zu schreiben. In Kap. 32, als Jeremia von Zedekia im Gefängnishofe eingesperrt war, geschah das Wort Jehovas zu ihm also: „Siehe, Hanarnel, der Sohn Schallums, deines Oheims, wird zu dir kommen und sagen: Kaufe dir mein Feld, das zu Anathoth ist; denn du hast das Lösungsrecht um es zu kaufen.“ Während Jeremia sicher wußte, daß alles in die Hand des Königs von Babel übergehen würde, glaubte er – gleich Abraham – Gott, „Der die Toten lebendig macht und das Nichtseiende ruft, wie wenn es da wäre; der wider Hoffnung auf Hoffnung geglaubt hat.“ (Röm 4,17+18) und daher in einer Zeit der größten Niederlage und Hoffnungslosigkeit auf den Herrn der Heerscharen, den Gott Israels, rechnen konnte. „Es werden wiederum Häuser und Felder und Weinberge in diesem Lande gekauft werden.“ (Jer 32,15). In einem Gefängnis, durch die Gewalt der Menschen seiner Freiheit beraubt, im Bewußtsein eines drohenden und unausweichlichen Verfalls, wird Jeremia durch das Wort Gottes dahin geführt,

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zu sehen, daß in der Zukunft all das gegenwärtige Elend beendet und eine völlige, gesegnete Wiederherstellung aller Dinge stattfinden wird. Er sieht den gegenwärtigen Verfall als unvermeidlich, aber er ist berufen, im Glauben den Tag der Wiederherstellung zu sehen. Bevor Jeremia sich nun zu einfältigem Glauben emporschwingen und sich in der ihm so vorgestellten Zukunft erfreuen kann, muß er diesbezüglich zu Jehova beten (32,17–25). Es ist sehr wichtig, zu bemerken, daß die bloße Mitteilung des Wortes, wie eindeutig es auch übermittelt oder empfangen wird, nicht genügt. Es ist erforderlich, daß der Knecht deswegen auf Gott wartet, wie Jeremia in V. 16–25. Dann geschah das Wort Jehovas zu Jeremia (V. 26): „Siehe, ich bin Jehova, der Gott alles Fleisches; sollte mir irgendein Ding unmöglich sein?“ Jehova eröffnet ihm Seine Absichten, selbst die gegenwärtige völlige Zerstörung Jerusalems, aber auch die zukünftige Wiederherstellung Seines Volkes. siehe, ich werde sie aus allen den Ländern sammeln, wohin ich sie vertrieben haben werde in meinem Zorn und in meinem Grimm und in großer Entrüstung; und ich werde sie an diesen Ort zurückbringen und sie in Sicherheit wohnen lassen. Und sie werden mein Volk, und ich werde ihr Gott sein.“ In Vers 41 lesen wir dann: Und ich werde mich über sie freuen, ihnen wohlzutun, und werde sie in diesem Lande pflanzen in Wahrheit mit meinem ganzen Herzen und mit meiner ganzen Seele.“ Der Knecht muß unvermeidliche völlige Zerstörung ankündigen, wo Selbstvertrauen, Eigenwille und die Anmaßung, die von Gott gegebene Stellung durch menschliches Bemühen zu halten, herrscht. Dann tritt schonungsloses Gericht ein, aber andererseits wird es eine völlige Wiederherstellung aus den Trümmern geben. Kap. 34. Als der König von Babel und sein ganzes Heer gegen Jerusalem gestritten haben, wird Jeremia zu Zedekia gesandt, um ihm zu sagen, daß die Stadt in die Hände des Königs von Babel fallen würde, sein Leben aber verschont bleiben würde. Es ist bemerkenswert, daß der Knecht lernt, das Gericht durch Gnade zu mildern. Es ist sehr ernst und zieht das schwerste Gericht nach sich, wenn wir gegen unsere Überzeugung sündigen. Und das ist es gerade, worauf Zedekia verfiel. Der König hatte einen Bund mit dem ganzen Volk geschlossen, um dem göttlichen Gebot, das Sabbathjahr zu halten, mehr Kraft zu geben, „damit ein jeder seinen Knecht und ein jeder seine Magd, den Hebräer und die Hebräerin, frei entließe, so daß niemand mehr einen Juden, seinen Bruder, zum Dienste anhielte.“ Zunächst war das ganze Volk einverstanden und gehorchte, indem es die Richtigkeit und Wahrheit der Maßnahme zugab, aber später bereute es das Opfer, das damit verbunden war und ergriff wieder Besitz von den Knechten, die freigelassen worden waren. So rechtfertigt ihre Handlungsweise die schwere Vergeltung, die Jeremia über sie ausspricht, und die im einzelnen am Ende dieses Kapitels beschrieben wird. Kap. 35. Jeremia sieht an der Treue der Rekabiter gegen das Gebot ihres Vaters, wie treu Kinder ihrem Vater nach dem Fleische sein können, und wie doch die Kinder Israel ihrem Gott nicht gehorcht haben. Treue gegen einen gerechten Anspruch bringt hier Segen mit sich, daher soll es Jonadab, dem Sohne Rekabs, nicht an einem Manne fehlen, der vor mir stehe, alle Tage.“ Kap. 36. Jehova redet zu Jeremia und spricht: „Nimm dir eine Buchrolle und schreibe darauf alle die Worte, welche ich zu dir geredet habe . . . Vielleicht wird das Haus Juda auf all das Böse hören, welches ich ihnen zu tun gedenke, damit sie umkehren, ein jeder von seinem bösen Wege.“

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Es ist sehr anziehend, Gründe und Gelegenheit der Niederschrift der mündlichen Mitteilungen der Propheten zu untersuchen. Wir lesen in 5. Mo 32, daß der Grund, dieses Lied aufzuschreiben, es die Kinder Israel zu lehren und in ihren Mund zu legen, war, „daß dieses zum Zeugnis für mich wider die Kinder Israel sei, als Erinnerung an die geduldige und treue Fürsorge Gottes für Sein Volk. Bei Jeremia ist der Grund, das Volk wachzurütteln. Bei Lukas ist es, um die Gewißheit der Dinge zu zeigen, „auf daß du die Zuverlässigkeit der Dinge erkennest, in welchen du unterrichtet worden bist.“ Bei Johannes: „Diese aber sind geschrieben, auf daß ihr glaubet, daß Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und auf dass ihr glaubend Leben habet in seinem Namen.“ Und in seinem Brief: „auf daß ihr wisset, daß ihr ewiges Leben habt, die ihr glaubet an den Namen des Sohnes Gottes.“ Bei Paulus ist der Grund, Irrtümer zu berichtigen oder aufzudecken, oder auch um die Wahrheit mitzuteilen, wie an Ephesus, als er im Gefängnis war. Der König verbrennt dies Buch, als Jehudi drei oder vier Spalten gelesen hat (Kap. 36,22–26). Da sprach Jehova zu Jeremia: So spricht Jehova: Du hast diese Rolle verbrannt . . . Darum spricht Jehova also über Jojakim, den König von Juda: Er wird niemanden haben, der auf dem Throne Davids sitze,“ usw. (Verse 30–32). Kap. 37. Zedekia, der Sohn Josias, folgt an die Stelle Konjas, des Sohnes Jojakims, den Nebukadnezar, der König von Babel, zum König gemacht hatte im Lande Juda. Aber weder er, noch seine Knechte, noch das Volk des Landes hörten auf die Worte Jehovas, welche er durch Jeremia, den Propheten, geredet hatte. „ Der König sendet zu Jeremia Männer, die ihm sagen sollten: „Bete doch für uns zu Jehova, unserem Gott!“ Das Heer Pharaos war aus Ägypten gekommen, und die Chaldäer, die Kunde von ihnen vernommen hatten, ließen ab von der Belagerung Jerusalems und zogen ab. „Und das Wort Jehovas geschah zu Jeremia, dem Propheten, also . . . So spricht Jehova: Täuschet euch nicht selbst, daß ihr sprechet: Die Chaldäer werden gewißlich von uns wegziehen; denn sie werden nicht wegziehen. Denn wenn ihr auch das ganze Heer der Chaldäer schlüget, die wider euch streiten, . . . so würden diese ein jeder in seinem Zelte aufstehen und diese Stadt mit Feuer verbrennen.“ Nun geschieht in V.11 etwas sehr Bemerkenswertes: als das Heer der Chaldäer aus Furcht vor dem Heere Pharaos abzog, ging Jeremia aus Jerusalem hinaus, um in das Land Benjamin unter das Volk zu gehen. Wegen seines Glaubens an das Wort Jehovas, das er verkündet hatte, fürchtete er sich, in der Stadt zu bleiben, aber er wird von den Fürsten des Volkes mißverstanden, die der Anklage des Befehlshabers der Wache mehr Glauben schenken, daß er zu den Chaldäern habe überlaufen wollen, in Zorn über ihn geraten, ihn schlagen und im Hause Jonathans des Schreibers gefangensetzen. Wenn der Knecht seine eigene Sicherheit sucht, setzt er sich dem Feinde aus. Es ging Jeremia besser, da er an seinem Platz aushielt, als bei seinem Rückzug in die Sicherheit. Er blieb viele Tage im Kerker, aber dann „sandte der König Zedekia hin und ließ ihn holen. Und der König fragte ihn in seinem Hause insgeheim und sprach: Ist ein Wort da von seiten Jehovas?“ Wo es noch ein Gewissen gibt, dort kann es Verlangen nach dem Wort Jehovas geben, und wenn auch die Herzensbereitschaft zum Gehorsam fehlt, so ist doch deswegen im Herzen Unruhe. Danach, als Jeremia bittet, nicht in das Haus Jonathans zurückkehren zu müssen, um dort zu sterben, befahl Zedekia, daß man „Jeremia in den Gefängnishof versetzte; und man gab ihm täglich einen Laib Brot aus der Bäckerstraße, bis alles Brot in der Stadt aufgezehrt war. So blieb Jeremia im Gefängnishof.“

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Kap. 38. Diese Erleichterung sollte für Jeremia nicht lange dauern, denn die Fürsten hetzten den König gegen ihn auf, daß er getötet würde. Der König gab nach, und sie nahmen „Jeremia und warfen ihn in die Grube, . . . und sie ließen Jeremia mit Stricken hinab; und in der Grube war kein Wasser, sondern Schlamm, und Jeremia sank in den Schlamm.“ Auf zweifache Weise erfährt Jeremia nun, wie eitel Menschenhilfe ist. Sein Fluchtversuch hatte ihn der Verleumdung seiner Feinde preisgegeben, und jetzt erlaubt der König, der soeben noch seinem Wort gelauscht und auf seine Bitte die Gefangenschaft gemildert hat, daß er auf das Wort der Fürsten in einen schrecklichen Kerker gesperrt wird. Aber Jehova tritt in der Person Ebedmelechs, des Äthiopiers, für ihn ein. Es ist sehr gesegnet und ermutigend, die unerwarteten Werkzeuge zu sehen, die der Herr für die Hilfe und Rettung Seiner Knechte in Prüfungen gebraucht. Nach menschlichem Ermessen hat Jeremia nur einen qualvollen, langsamen Tod zu gewärtigen, als Ebedmelech den König bittet, ihm die Erlaubnis zur Rettung des Propheten zu geben. Diese Leiden, die einen Israeliten, dessen Hoffnungen so sehr mit der Erde verbunden waren, so schmerzlich trafen, bereiteten Jeremia für den großen Dienst, der vor ihm lag, zu. Er unternimmt ihn wie ein von den Toten Auferstandener, oder zumindest wie jemand, der mit allem Menschlichen zu Ende gekommen ist. „Er blieb im Gefängnishof bis zu dem Tage, da Jerusalem eingenommen wurde.“ Kap. 39. „Im 11. Jahre Zedekias, im 4. Monat, am 9. des Monats, wurde die Stadt erbrochen“ (V. 2). Nach Jahren der Geduld und persönlicher Leiden werden die Worte Jeremias erfüllt. Nebukadnezar nimmt sich seiner jetzt an; er „gebot. . . durch Nebusaradan, den Obersten der Leibwache, und sprach: Nimm ihn und richte deine Augen auf ihn und tue ihm nichts zuleide, sondern wie er zu dir reden wird, so tue mit ihm.“ (V. 11–12) So sandten Nebusaradan und die Fürsten hin und holten Jeremia aus dem Gefängnishofe und übergaben ihn Gedalja, daß er ihn ins Haus hinausführte. „Und so wohnte er inmitten des Volkes.“ (V. 13–14) Kap. 40. Jeremia ist von seinen Banden befreit und freigelassen. „Und Jeremia kam zu Gedalja, dem Sohne Achikams, nach Mizpa; und er wohnte bei ihm inmitten des Volkes, das im Lande übriggeblieben war.“ Er verbindet sich mit dem schwachen Überrest, der unter dem Statthalter des Königs von Babel geblieben war. Kap. 41. Jeremia tritt nun in eine neue, große Erfahrung ein. Er hatte sich mit dem im Lande verbliebenen Überrest vereinigt, aber infolge des Verrates Ismaels, der alle Juden, und die Chaldäer, die bei ihm waren erschlagen hatte, zog er mit dem ganzen Überrest, den man von Ismael zurückgebracht hatte, hin (V. 17), und sie machten Halt in der Herberge Kimhams, um fortzuziehen nach Ägypten, aus Furcht vor den Chaldäern. Dann kamen sie zu Jeremia (Kap 42,2) und sprachen: „Laß doch unser Flehen vor dich kommen, und bete für uns zu Jehova, deinem Gott, für diesen ganzen Oberrest; denn wenige sind wir übriggeblieben von den vielen, wie deine Augen uns sehen: damit Jehova, dein Gott, uns den Weg kundtue, auf welchem wir gehen, und die Sache, die wir tun sollen. Jeremia antwortet: „Siehe, ich will zu Jehova, eurem Gott, beten nach euren Worten; und es soll geschehen, jedes Wort, das Jehova euch antworten wird, werde ich euch kundtun.“ Nach 10 Tagen geschah das Wort Jehovas zu Jeremia, der dann zu ihnen sagte: „Wenn ihr in diesem Lande wohnen bleibet, so werde ich euch bauen und nicht abbrechen, und euch pflanzen und nicht ausreißen . . . Fürchtet euch nicht vor dem König von Babel, . . . denn ich bin mit euch, um euch . . . zu retten und zu befreien . . . Wenn ihr aber sprechet: . . . Nein, sondern wir wollen in das Land Ägypten ziehen, wo wir keinen Krieg sehen und den Schall der Posaune nicht hören und nicht nach Brot hungern werden, . . . so wird es geschehen,

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daß das Schwert, vor dem ihr euch fürchtet, euch dort, im Lande Ägypten erreichen wird, . . . und ihr werdet dort sterben.“ (42,10–16) Die Gedanken Jehovas werden ihnen also durch Jeremia verkündet, aber das Ergebnis ist, daß sie sich weigern, sie anzunehmen, wie sie es sich vorgenommen hatten (V. 5–6). So wird bewiesen, daß sie sich um den Preis ihrer Seelen geirrt hatten (V. 20), als sie Jeremia baten, Jehova für sie zu befragen. Die „frechen Männer“ antworten: „Du redest Lügen!“ So gelangten sie in das Land Ägypten, denn sie gehorchten dem Wort Jehovas nicht (Kap 43). Da geschah das Wort Jehovas zu Jeremia: „Nimm große Steine in deine Hand und verbirg sie in den Mörtel am Ziegelofen, der bei dem Eingang des Hauses des Pharao in Tachpanes ist, vor den Augen der jüdischen Männer; und sprich zu ihnen: So spricht Jehova der Heerscharen, der Gott Israels: Siehe, ich sende hin und hole Nebukadnezar, den König von Babel, meinen Knecht, und setze seinen Thron über diese Steine, die ich verborgen habe; und er wird seinen Prachtteppich über ihnen ausbreiten.“ Der Versuch des Unglaubens, den Schwierigkeiten auf dem Wege des Gehorsams auszuweichen, zieht immer die gleiche Art von Schwierigkeiten in erschwerter Form nach sich. Da die Furcht vor Nebukadnezar sie veranlaßt hatte, der Stimme Jehovas nicht zu gehorchen und in das Land Ägypten zu gehen, so sollte Nebukadnezar sie dort erreichen und sich mit Ägypten schmücken, wie ein Schafhirte sein Oberkleid um sich wikkelt. Kap. 44. Hier wird Jeremia über das Gericht unterwiesen, das auf den Überrest, der mit dem Herzen noch Ägypten anhängt, kommen würde. Es ist nicht leicht, den Kummer und die Enttäuschung eines Knechtes wie Jeremia zu ermessen, der viele Jahre lang das Volk Gottes beobachtet und vor dem kommenden Gericht gewarnt hat und sich nun von Jerusalem entfernt und in Ägypten mit dem einst glücklichen Überrest verbunden sieht, dem er dort ein noch schwereres Urteil zu verkünden hat als selbst in Jerusalem. Es ist eine höchst schmerzliche Erfahrung, wenn ein Knecht Gottes den Zusammenbruch des Werkes erlebt, das er so eifrig aufzubauen versucht hat. In derselben Weise sah Stephanus die Auflösung Israels und Paulus die Auflösung der Kirche. In Kap. 45 sehen wir die Wirkung auf Baruk. Als er die Worte aus dem Munde Jeremias in ein Buch schrieb, sagte er: „Wehe mir! denn Jehova hat Kummer zu meinem Schmerze gefügt; ich bin müde von meinem Seufzen, und Ruhe finde ich nicht. Die Worte, die Jeremia sprach, offenbarten ihm nun die Gesinnung, in der er selbst wandeln soll. „So sollst du zu ihm sagen: So spricht Jehova: Siehe, was ich gebaut habe, breche ich ab; und was ich gepflanzt habe, reiße ich aus, und zwar das ganze Land. Und du, du trachtest nach großen Dingen für dich? Trachte nicht danach! denn siehe, ich bringe Unglück über alles Fleisch, spricht Jehova; aber ich gebe dir deine Seele zur Beute an allen Orten, wohin du ziehen wirst.“ Danach schließt Jeremias Zeugnis mit Aufzeichnungen der Gerichte über Ägypten, die Philister, Moab, Ammon, Edom, Damaskus, Kedon, Hazor, Elam und Babel, – aber hernach soll Ägypten wieder bewohnt werden wie in den Tagen der Vorzeit, spricht Jehova, (45,26) und Er wird die Gefangenschaft Moabs wenden am Ende der Tage, (48,47) und Er wird am Ende der Tage die Gefangenschaft Elams wenden, spricht Jehova(49,39). Kap. 50 und 51 beinhalten das Wort, welches Jehova über Babel, das Land der Chaldäer, durch Jeremia geredet hat. So schrieb Jeremia all das Übel, das über Babel kommen würde, in ein Buch: „Und Jeremia

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Jeremia

sprach zu Seraja.: Wenn du nach Babel kommst, so sieh zu und lies alle diese Worte, und sprich. Jehova, du hast gegen diesen Ort geredet, daß du ihn ausrotten werdest, so daß kein Bewohner mehr darin sei, weder Mensch noch Vieh, sondern daß es zu ewigen Wüsteneien werden solle. Und es soll geschehen, wenn du dieses Buch zu Ende gelesen hast, so binde einen Stein daran und wirf es mitten in den Euphrat und sprich: Also wird Babel versinken und nicht wieder emporkommen wegen des Unglücks, welches ich über dasselbe bringe; und sie werden erliegen.“ (Kap 51, 60–64) „Bis hierher die Worte Jeremias.“ Ein sehr geeigneter Schluß für sein langes, treues Zeugnis.

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Hesekiel

Hesekiel Hesekiel ist Priester. Seine Stellung unter den Gefangenen am Fluß Kebar bereitete ihn für die Gnade Gottes zu: „Da taten sich die Himmel auf, und ich sah Gerichte Gottes.“ Der Knecht muß notwendig in Umstände versetzt werden, die ihn mehr befähigen, die Gunst Gottes zu würdigen, die völlig außerhalb und getrennt von allem Irdischen steht. Er sieht die Herrlichkeit sich von der Erde erheben, wegen der Bosheit des angeblichen Volkes Gottes, aber dennoch steht an der hellsten Stelle der verschwindenden Herrlichkeit die Gestalt eines Menschen, die andeutet, daß, obwohl die Herrlichkeit die Erde wegen der Schlechtigkeit der Menschen verläßt, der Mensch den strahlendsten Platz in der Herrlichkeit einnehmen wird. Kap. 2. Nachdem Hesekiel die Wege Gottes im Lichte der Herrlichkeit gesehen hat, wird ihm gesagt: „Stelle dich auf deine Füße, und ich will mit dir reden.“ Nun empfängt er seinen Auftrag. Jehova macht ihn mit dem Charakter des Volkes bekannt, warnt ihn aber, nicht wie sie zu sein: „Sei nicht widerspenstig wie das widerspenstige Haus: tue deinen Mund auf und iß was ich dir gebe.“ Kap. 3. „Und ich öffnete meinen Mund, und er gab mir diese Rolle zu essen . . . , und sie war in meinem Munde süß wie Honig.“ Dann wird er gesandt, um zu dem Hause Israel zu reden. Die Aufforderung wird ihm tief eingedrückt; er soll sich nicht fürchten, denn „ich habe dein Angesicht hart gemacht gegenüber ihrem Angesicht. Darüber hinaus wird er ermahnt: „Alle meine Worte . . . nimm in dein Herz auf und höre sie mit deinen Ohren.“ Es ist höchst wichtig, daß der Knecht Gottes die Wahrheit, die er anderen nahebringen soll, selbst praktisch zur Darstellung bringt, und er muß reden, ob sie hören wollen oder nicht. Die in den Versen 12–14 dargestellte Art seines Dienstes ist sehr bemerkenswert. „Und der Geist hob mich empor; und ich hörte hinter mir den Schall eines starken Getöses: „Gepriesen sei die Herrlichkeit Jehovas von ihrer Stätte her!“ . . . Und der Geist hob mich empor und nahm mich hinweg; und ich fuhr dahin, erbittert in der Glut meines Geistes; und die Hand Jehovas war stark auf mir.“ Welch wunderbare, gnadenreiche Vorbereitung auf die ihm bestimmte Art des Dienstes! Als er nach Tel-Abib kam, wo die Weggeführten am Flusse Kebar wohnten, sagte er: „Und es geschah am Ende von sieben Tagen, da geschah das Wort Jehovas zu mir also: Menschensohn, Menschensohn, ich habe dich dem Hause Israel zum Wächter gesetzt; und du sollst das Wort aus meinem Munde hören und sie von meinetwegen warnen.“ (V. 16) Er war am rechten Orte, und mußte dennoch auf das Wort Jehovas warten. Aber der Prophet wird für einen wichtigen Dienst bestimmt, und in V. 22 lesen wir: „Mache dich auf, gehe hinaus in das Tal, und dort will ich mit dir reden.“ Es ist interessant, zu bemerken, wie der Knecht allmählich zubereitet wird, und zwar nicht nach einem vorher bekannten System oder auf eine Weise, die der Mensch ersinnen oder entdecken könnte. Hesekiel geht in das Tal hinaus: „und siehe, daselbst stand die Herrlichkeit Jehovas, gleich der Herrlichkeit, die ich am Flusse Kebar gesehen hatte; und ich fiel auf mein Angesicht nieder.“ Dies ist die Vorbereitung auf die wunderbaren und schweren Übungen geduldigen Leidens, die er in seinem Dienst ertragen mußte. In Kap. 4 wird zu Hesekiel gesagt: „Nimm dir einen Ziegelstein und

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Hesekiel

lege ihn vor dich hin, und zeichne darauf eine Stadt, Jerusalem. Und mache eine Belagerung wider sie, und baue Belagerungstürme wider sie, und schütte wider sie einen Wall auf, und stelle Heerlager wider sie, und errichte Sturmböcke wider sie ringsum. Und du, nimm dir eine eiserne Pfanne und stelle sie als eine, eiserne Mauer zwischen dich und die Stadt: und richte dein Angesicht gegen sie, daß sie in Belagerung sei und du sie belagertest. Das sei ein Wahrzeichen dem Hause Israel.“ Der Knecht hat es mit Wirklichkeiten zu tun, die jedoch nur in sehr schwachem Maße den wirklichen Tatsachen gerecht werden, die er aber bis zu einem gewissen Grade selbst erfahren muß. Es besteht ein großer Unterschied im Verhalten und in der Kraft zwischen jemand, der gewisse Umstände am eigenen Leibe erfahren, und jemand, der nur von ihnen gehört hat, sei es auch sehr ausführlich. Es ist der Unterschied zwischen dem Zeugen und dem Geschichtsschreiber. Hesekiel muß nun die Leiden von Israel und Juda während der Belagerung kennenlernen und erdulden; er muß sie persönlich fühlen. Selbst wenn es für jedes Jahr nur ein Tag ist, muß er 390 Tage die Ungerechtigkeit tragen. „Und du sollst die Ungerechtigkeit des Hauses Israel tragen. Und hast du diese vollendet, so lege dich zum zweiten auf deine rechte Seite und trage die Ungerechtigkeit des Hauses Juda vierzig Tage; je einen Tag für ein Jahr habe ich dir auferlegt.“ Ebenso mußte er Brot nach Gewicht essen und Wasser nach Maß trinken, und zwar mit dem Gefühl der größten Erniedrigung für den natürlichen Menschen. Wie anders würde ein Knecht Gottes seinen Dienst beginnen und verfolgen, wenn er vorher in seiner Seele den Zustand der Dinge, von dem er spricht oder den er zu verbessern sucht, wahrhaftig, wenn auch in schwacher Weise, erfahren hat. Ich glaube, dass man keine Seele vor Bösem warnen kann, das man nicht selbst durch die Gnade bekämpft hat. Sei es der Vogel, der nicht vom Netz gefangen worden, oder einer, der aus der Schlinge des Vogelstellers befreit worden ist, sie erfahren wie Petrus: „Und du, bist du einst zurückgekehrt, so stärke deine Brüder.“ Kap. 5. Eine neue Erfahrung wartet nun auf Hesekiel. Sein Aussehen soll leiden. Das teilweise Abschneiden seines Haupthaares und seine Teilung nach Gewicht soll das Maß und den Zustand des an Zahl kleinen Überrestes ausdrücken. „Und du sollst davon eine kleine Zahl nehmen und in deine Rockzipfel binden. Und von diesen sollst du abermals nehmen und sie mitten ins Feuer werfen und sie mit Feuer verbrennen; davon wird ein Feuer ausgehen wider das ganze Haus Israel.‘Der Knecht soll mit Bewußtsein, in eigener Person, den Zustand der Zerstreuung und des Verfalls des Volkes erfahren. Paulus stellte in seinem Lebensweg die Wechselfälle und Leiden, die der himmlische Wandel mit sich bringt, dar. Er hat nichts, was das menschliche Auge sehen kann, und doch besitzt er alles, was zum Trost und zur Freude des geistlich gesinnten Herzens nötig ist. In Kap 6 und 7 werden dem Propheten die Gerichte, die über das Volk kommen sollen, mitgeteilt. Ihm wird erzählt, wie Jehova mit ihnen handeln wird, und wie schmerzlich ihr Weg dem Herzen Jehovas ist. Auf diese Weise wird der Knecht gebührend von der Bosheit der Menschen beeindruckt. Erst wenn Jehova ihm Seine Gedanken darüber kundgetan hat, kann er es richtig kennen. In Kap 8 wird der Prophet in Gesichten Augenzeuge der verschiedenen Greueltaten, die zu Jerusalem begangen wurden. Der Mensch in der Herrlichkeit streckt Seine Hand aus und nahm mich beim Haarschopf meines Hauptes“, und brachte ihn nach Jerusalem. Die Erziehung eines Knechtes, der berufen ist, das Urteil anzukündigen, ist von besonderer und für die Person schwerer Art. Nicht nur muß er die Gedanken Gottes bezüglich des Bösen kennen, sondern er muß über die Art und Weise desjenigen Bösen, über das das Urteil ausgesprochen wird, klar und deutlich unterrichtet sein. Dennoch darf er in keiner Weise damit verbunden sein. Zunächst wird er in V. 5 aufgefordert: „Hebe nun deine

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Hesekiel

Augen auf gegen Norden! . . . und siehe, nördlich vom Tore des Altars war dieses Bild der Eifersucht, am Eingang.“ Sodann in V. 7.brachte er mich an den Eingang des Vorhofs; . . . Und er sprach zu mir: Gehe hinein und sieh die bösen Greuel, die sie hier verüben. Und ich ging hinein und sah: und siehe, da waren allerlei Gebilde von scheußlichem Gewürm und Vieh, und allerlei Götzen des Hauses Israel, ringsumher an die Wand gezeichnet.“ Das verborgene Böse wird enthüllt. Dieser schreckliche Zustand war durch die Ältesten des Volkes hervorgerufen, die von den verderblichsten Auffassungen durchsäuert waren. „Jehova sieht uns nicht, Jehova hat das Land verlassen!“ In V. 14 sehen wir das 3. Greuel: „Und er brachte mich an den Eingang des Tores des Hauses Jehovas, das gegen Norden ist; und siehe, dort saßen die Weiber, welche den Tammuz beweinten.“ Nicht nur Gesinnung und Gedanken, auch die Zuneigungen und Gefühle sind befleckt; jedes Element des Volkes ist verderbt und götzendienerisch. In V. 16 sehen wir das vierte der Greuel: „Und er brachte mich in den inneren Vorhof des Hauses Jehovas; und siehe, am Eingang des Tempels Jehovas, zwischen der Halle und dem Altar, waren 25 Männer, ihre Rücken gegen den Tempel Jehovas und ihre Angesichter gegen Osten gerichtet; und sie bückten sich gegen Osten hin vor der Sonne. Diese 4 verborgenen, tief eingewurzelten Greuel werden dem Propheten enthüllt, und in Kap. 9 wird ihm die Ausführung des Urteils gezeigt. Aber vorher, oder zu gleicher Zeit, geschieht etwas von außerordentlicher Bedeutung: diejenigen, die sich voll Herzenskummer vom Bösen jener Zeit fernhalten, werden gekennzeichnet: „Mache ein Zeichen an die Stirnen der Leute, welche seufzen und jammern über all die Greuel, die in ihrer Mitte geschehen.“ Dem Manne Gottes ist das Urteil über das Volk Gottes immer etwas Schreckliches; daher heißt es: „Und es geschah, als sie schlugen, und ich allein übrigblieb, da fiel ich nieder auf mein Angesicht und schrie und sprach: Ach, Herr, Jehova! willst du den ganzen Überrest Israels verderben, indem du deinen Grimm über Jerusalem ausgießest?“ In Kap. 10 wird Hesekiel nun eine ganz andere Erfahrung zuteil. Es ist der Anblick der Herrlichkeit Gottes, einerseits ein kummervoller Anblick, weil sie das Haus, die Erde verläßt, anderseits dem Manne Gottes ein ermunternder Anblick, weil die Wege und Absichten (von denen die „Räder“ im Vorbild sprechen) im voraus bestimmt und sicher sind. Das Gebilde einer Menschenhand war unter den Flügeln der Cherubim: einst würde ein Mensch zur Verherrlichung Gottes handeln. Nichts ermuntert das Herz des treuen Knechtes in Zeiten des Niedergangs so sehr wie der ungetrübte Anblick der Herrlichkeit Gottes. Als die Sünde Israels den Geist Moses bedrückte, sagte er: „Laß mich doch deine Herrlichkeit sehen!“ Ebenso sah Stephanus die in dem Menschen Christus Jesus geoffenbarte und versicherte Herrlichkeit, als die Sünde Israels vollständig gemacht wurde, indem sie Ihn als den König in Herrlichkeit verwarfen. Sie ist eine schöne Vorbereitung auf Leiden, Dienst und Zeugnis auf Erden. Aber nicht nur das, in Kap. 11 lesen wir „Und der Geist hob mich empor und brachte mich zum östlichen Tor des Hauses Jehovas“, damit er die öffentlichen Lehren der Führer Israels anhören könnte, die sagen: „Es ist nicht an der Zeit, Häuser zu bauen; sie ist der Topf, und wir sind das Fleisch.“ Zweimal wird zu Hesekiel gesagt: „Weissage.“ – „Und es geschah, als ich weissagte, da starb Pelatja, der Sohn Benajas.“ Der bloße Anblick des Urteils berührte den Propheten tief; der Mann Gottes, wie große Gerichte er auch wegen der Heiligkeit Gottes verkünden mag, ist immer bewegt, wenn auch nur ein Mensch davon betroffen wird. Er sagt: „Und ich fiel nieder auf mein

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Angesicht und schrie mit lauter Stimme und sprach: Ach, Herr, Jehova! willst du dem Oberrest Israels den Garaus machen?“ Er wird durch eine Mitteilung Gottes über zukünftige Gnade gegen Israel getröstet. Die Herrlichkeit Gottes verläßt die Stadt, und Hesekiel kehrt zu den Weggeführten zurück und erzählt ihnen alles, was Jehova ihm gezeigt hat. Die ganze frühere Erziehung war bestimmt, den Propheten passend zu machen, den Weggeführten die Gedanken Jehovas zu übermitteln. In Kap. 12 muß er wegen des Zustandes des Volks wieder eine andere Erfahrung machen. Er soll dem Hause Israel ein Zeichen sein. Und ich tat also, wie mir geboten war. Meine Geräte trug ich wie Auswanderergeräte bei Tage hinaus, und am Abend durchbrach ich mir die Mauer mit der Hand; in dichter Finsternis trug ich sie hinaus, ich nahm sie vor, ihren Augen auf die Schulter.“ Es ist etwas Wunderbares, daß der Prophet sagen kann, er sei ein Zeichen, wie Paulus später sagen konnte: „Auf daß wir uns selbst euch zum Vorbild gäben, damit ihr uns nachahmet.“ Er zeigt, daß er persönlich die Leiden des drohenden Gerichts, vor dem er warnt, erduldet. Weiter geschieht das Wort Jehovas zu ihm: „Menschensohn, mit Beben sollst du dein Brot essen, und mit Zittern und in Angst dein Wasser trinken. Und sprich zu dem Volke des Landes: So spricht der Herr, Jehova, von den Bewohnern Jerusalems im Lande Israel: In Angst werden sie ihr Brot essen und in Entsetzen ihr Wasser trinken, weil ihr Land veröden wird von seiner Fülle wegen der Gewalttat aller seiner Bewohner. Und die bewohnten Städte werden wüst, und das Land wird eine Einöde werden. Und ihr werdet wissen, daß ich Jehova bin.“ Es ist eine große Ermutigung, daß dieselben Leiden an unseren Brüdern, die in der Welt sind, vollbracht werden, daß die Knechte Gottes zu anderen Zeiten ebenso gelitten haben, wie wir jetzt: Hesekiel hatte mit demselben Geist des Unglaubens zu kämpfen wie wir in unseren Tagen. Wenn man heute sagt: „Wo ist die Verheißung Seiner Wiederkunft?“ so sagte man damals: „Die Tage werden sich in die Länge ziehen, und jedes Gesicht wird zunichte werden“. (Hes 12,22). je weniger der natürliche Mensch von den Absichten und Wegen Gottes sehen kann, desto mehr vertraut der geistliche Mensch einfältig auf das Wort Gottes und wird dadurch im Glauben gestärkt. Daher lautet die Antwort auf diesen Spott der Ungläubigen: „Nahe sind die Tage und das Wort eines jeden Gerichts.“ Um dem Propheten die Wahrheit dessen zu zeigen, geschieht wiederum das Wort Jehovas zu ihm, und er soll zu dem Hause Israel sagen: „Keines meiner Worte soll mehr hinausgeschoben werden; das Wort, das ich rede, wird auch geschehen, spricht der Herr, Jehova.“ Es folgt nun ein wichtiger, schwerer Dienst für den Propheten, vielleicht der schwerste überhaupt in solcher Zeit. Die falschen Lehrer unter dem Volk, Männer und Frauen, sollen bloßgestellt werden. Für einen besonderen Dienst ist eine besondere Erziehung notwendig; und die einzige Möglichkeit, falsche Lehren heute zu widerlegen und zum Schweigen zu bringen ist die Tatsache der baldigen Wiederkunft Christi, und daß die Hoffnungen der Menschen alle eitel sind. Kap. 13 belehrt den Knecht über die Gedanken Gottes hinsichtlich dieser falschen Propheten. Wir finden hier große Grundsätze zu unserer Hilfe und Leitung. Die übertünchte Wand wird schließlich fallen. Der Knecht muß lernen, seine Seele in Geduld zu beherrschen; eines der Kennzeichen, daß er in der göttlichen Kraft steht, ist die Geduld, mit der er auf Gottes Zeit wartet, indem er weiß, daß die Langmut des Herrn Errettung ist. Wer glaubt, wird nichts übereilen. Wenn ich wahrhaft sicher bin, daß der Herr an mich denkt und zu meiner Rechten ist, kann ich geduldig auf Ihn warten und vertrauen, daß er es gutmachen wird. Hesekiel empfängt den Platz der größten göttlichen Ehre für einen Knecht auf Erden: ein Licht für Gott zu sein. Das ist der wahre Platz eines Knechtes und Propheten Gottes.

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Hesekiel

Kap. 14. „Und es kamen Männer von den Ältesten Israels zu mir, und sie setzten sich vor mir nieder.“ Sicher sollten wir uns jeder Zucht gerne unterwerfen, damit wir für einen so großen Dienst passend gemacht werden. Wie gesegnet wäre es, wenn wir von Gott zubereitet wären, in diesen bösen Tagen die Erklärer Seiner Gedanken zu sein, so daß die Führer menschlicher Religionen sich zu uns um Licht und Belehrung wenden würden; und soweit wir wirklich für Christum leben, sind wir von Ihm zu diesem Zweck bereitet und hingestellt, wie wenig wir auch anerkannt werden mögen. Hesekiel erhält hier nicht so sehr Erziehung als vielmehr Unterweisung; Erziehung ist die Voraussetzung für Unterweisung, und daher ist es anziehend und nützlich, die Zeit und Ordnung der Unterweisung zu beachten. In Kap. 15 ist Israel der Weinstock, von Natur aus nichts wert, ist er doch das Bild des Volkes Gottes auf Erden, das das Herz Gottes und der Menschen erfreuen soll. Unter den Bäumen des Waldes ist der Weinstock nichts, „wieviel weniger, wenn das Feuer das Holz verzehrt hat, . . . kann es dann noch zu einer Arbeit verwendet werden!“ denn Jehova spricht: „ich werde mein Angesicht wider sie richten.“ Kap 16 gibt einen Überblick über alle Gnadenwege Gottes mit Israel und zeigt im Einzelnen, wie sündig Israel gehandelt hat. Daher wird zum Propheten gesagt: Menschensohn, tue Jerusalem seine Greuel kund.“ Der Knecht muß notwendigerweise nicht nur das Gericht Gottes an dem Weinstock – dem anerkannten Volke Gottes – sehen, sondern ihnen ihren Fall und ihr Abweichen von dem Platz und dem Zustand, wohin Gott sie gestellt hatte, klar und deutlich vor Augen führen. So geschieht es jetzt. Vielleicht ist unser Dienst in diesem Punkt mangelhaft, d. h., daß wir Jerusalem seine Greuel nicht genügend kundtun. Ein Knecht ist niemals imstande, mit Kraft und Schärfe das Abweichen anderer aufzudecken, wenn er nicht selbst davor bewahrt oder errettet worden ist. Bis zum Ende von Kap 39 wird der Prophet nun über die Gedanken Gottes hinsichtlich aller mit Israel in Verbindung stehenden Nationen belehrt. Aber auch der Ratschluß Gottes wird ihm verkündet. Nun, nachdem die große Fülle der Gerichte ihm verkündet worden ist, kann er mit der Gnadenbotschaft des gepriesenen Gottes enden. „Und ich werde meine Herrlichkeit unter den Nationen erweisen; und alle Nationen sollen mein Gericht sehen, welches ich gehalten, und meine Hand, die ich an sie gelegt habe. . . Und ich werde mein Angesicht nicht mehr vor ihnen verbergen, wenn ich meinen Geist über das Haus Israel ausgegossen habe, spricht der Herr, Jehova.“ Und zum Schluß sieht Hesekiel im Gesicht die Aufrichtung von Gottes Heiligtum inmitten Seines Volkes (Kap 40–48); ein ermunterndes, gesegnetes Ende seiner Erziehung als Knecht und Prophet Gottes.

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Paulus

Paulus Zum ersten Mal in der Schrift wird Paulus – damals noch Saulus genannt – bei der Steinigung des Stephanus erwähnt. „Und die Zeugen legten ihre Kleider ab zu den Füßen eines Jünglings, genannt Saulus“. Später (Apg 22,20), spricht Paulus noch einmal davon: „Und als das Blut deines Zeugen Stephanus vergossen wurde, stand auch ich dabei und willigte mit ein und verwahrte die Kleider derer, welche ihn umbrachten“. Die Bedeutung, die er diesem beimißt, zeigt die Größe der Veränderung, die durch Gnade in ihm stattgefunden hatte. Je wahrhaftiger jemand im Leben und im Geiste Christi wandelt, desto deutlicher tritt der Gegensatz zu seinem früheren, fleischlichen Gottesdienst hervor, als er dem Leben Gottes entfremdet war wegen der in ihm wohnenden Unwissenheit. Das religiöse Ziel verrät auf so besondere Weise die Art der Feindschaft eines fleischlichen Sinnes gegen Gott, und hier kommt der Gegensatz des Sinnes Christi dazu ganz besonders zum Ausdruck. Ich glaube, daß die Feindschaft des natürlichen Menschen gegen Gott nirgends so deutlich hervortritt wie in der Religion. In seinem Bestreben, eine eigene Gerechtigkeit herzustellen, hat der Mensch sich nicht der Gerechtigkeit Gottes unterworfen. Daher war der angesehene Pharisäer weiter von Gott entfernt als der Zöllner, der aus der Gesellschaft Ausgestoßene. Der Herr sagt zu Seinen Jüngern: „Sie werden euch aus der Synagoge ausschließen; es kommt aber die Stunde, daß jeder, der euch tötet, meinen wird, Gott einen Dienst darzubringen“ (Joh 16,2). je mehr der Mensch sich mit dem Gedanken vertraut macht daß er wie Kain die Entfernung zwischen sich und Gott überbrücken kann, desto mehr haßt er Gottes Weg, diese Entfernung zu überbrücken. Daher erschlug Kain seinen Bruder, „weil seine Werke böse waren, die seines Bruders aber gerecht“. Darum werden wir auch gewarnt vor denen, die den Weg Kains gegangen sind. Niemand würde auch nur einen Augenblick annehmen, daß ein gottloser Mensch von Gott irgendwelche Hilfe fordert; aber der religiöse Mensch, wie der Jüngling im Evangelium, wird lieber betrübt Christum aufgeben als sein Kreuz aufnehmen und Ihm folgen. Es ist wichtig, den Zustand einer Seele vor ihrer Bekehrung im Auge zu behalten. Paulus sagte, daß er bis auf diesen Tag mit allem guten Gewissen gewandelt habe. Er hatte nicht das Gefühl, ein Sünder zu sein, weil er das Gesetz nicht öffentlich gebrochen hatte, und je mehr er sich seiner sittlichen Vortrefflichkeit rühmte, desto mehr Widerstand und Geringschätzung brachte er der Lehre entgegen, welche besagte, daß die Erlösung nur durch Glauben an den Tod und die Auferstehung Jesu Christi zu empfangen sei. Sicher hat Paulus die Rede des Stephanus gehört, aber je mehr er vom Licht des Christentums sah, desto stärker wurde seine Selbstgerechtigkeit angegriffen und desto mehr wurde er in Wut gebracht und um so entschlossener war sein Widerstand. So war es bei Saulus, denn in der nächsten Mitteilung über ihn hat sein Widerstand den Höhepunkt erreicht. „Saulus aber, noch Drohung und Mord wider die Jünger des Herrn schnaubend, ging zu dem Hohenpriester und erbat sich von ihm Briefe nach Damaskus an die Synagogen, damit, wenn er etliche, die des Weges wären, fände, sowohl Männer als Weiber, er sie gebunden nach Jerusalem

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führe“ (Apg 9,1–2). In seiner Wut verläßt er das Land und reist nach Damaskus, einer fremden Stadt. Es ist sehr ergreifend, den Weg des „Größten aller Sünder“ in diesem Augenblick zu betrachten. Er befindet sich auf dem Wege nach Damaskus, Grausamkeit schnaubend, unbeugsam in seinem Entschluß, die Kirche Gottes zu verwüsten. Wer könnte sich eine auch nur annähernde Vorstellung von der Wut des Saulus gegen Christum in diesem Augenblick machen? Der Wille des menschlichen Herzens in Selbstgerechtigkeit hat seinen Höhepunkt erreicht, – und jetzt, wo der religiöse Mensch sich im Widerstand gegen Gottes Hauptinteresse von seiner schlimmsten Seite zeigt, jetzt strahlt die Gnade Gottes in ihrem hellsten Glanz hervor. Ein Licht aus dem Himmel, das den Glanz der Sonne übertrifft, umstrahlt Saulus; nicht der Glanz der Herrlichkeit, um Gerechtigkeit zu fordern, sondern das Licht des Evangeliums der Herrlichkeit Christi, um dem „Größten aller Sünder“ auf dem Gipfel seines Eigenwillens zu eröffnen, daß er einen Erlöser in der Herrlichkeit Gottes hat. Der selbstgerechte Mensch findet vor der Herrlichkeit Gottes keinen Platz; er fällt zu Boden, und dann hört er die Stimme des Sohnes Gottes mit den ewig denkwürdigen Worten: „Ich bin Jesus, den du verfolgst-. Niemand könnte die sittliche Umwälzung beschreiben, die jetzt in der Seele Saulus‘am Werke ist; seine Religiosität, deren er sich so gerühmt hat, wird zuschanden. Er fällt vor dem Strahl der göttlichen Herrlichkeit zu Boden. Und dennoch werden in eben diesem Licht seine Ohren geöffnet, damit sie hören, daß derselbe Jesus, Der das Leben und die Ruhe des Stephanus war (in dessen Tod er eingewilligt hatte, weil jener an Christum glaubte) auch sein Erlöser ist, und daß, wie religiös und sittlich aufrichtig er auch war, sein großes Ziel gewesen war, Ihn in Seinen Gliedern hier auf Erden zu verfolgen. Hier wird das Geheimnis geoffenbart, daß der Leib Christi auf Erden ist. So entdeckt Saulus, dessen Wandel beispielhaft war, so weit der natürliche Mensch sehen konnte (obwohl er nichts sittlich Böses getan hatte, wodurch er die Verderbnis seines Herzens hätte entdecken können), daß er selbst der Größte der Sünder ist, weil er dem Willen Gottes genau entgegengesetzt und mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln den Hauptinteressen und dem Willen Gottes zu dieser Zeit entgegengewirkt hat. Welch eine Erniedrigung für den selbstgerechten Pharisäer! Wenn der ohne Tadel wandelnde Mensch der Größte der Sünder ist, ist es leicht zu sagen, daß „in mir, das ist in meinem Fleische, nichts Gutes wohnt“. Ein solcher braucht das Böse seiner Natur nicht durch Übertretung zu erfahren, wenn er durch seinen Willen, und nicht durch Gesetzesübertretung als Größter von allen Sündern verurteilt wird. Möchten unsere Herzen imstande sein, ihm in die Region des Lichts, in die er nun eintritt, zu folgen. Er ist bewußt blind gegenüber allem in dieser Welt, er lebt in ihr, aber er kann nichts in ihr erkennen oder genießen, er ist durch die „Herrlichkeit jenes Lichtes“ von allem hier abgeschnitten und verbringt 3 Tage nicht sehend, und (er) aß nicht und trank nicht“. Wie anziehend ist es, den Weg der Erziehung zu verfolgen, durch den dieser große Knecht gehen mußte, und wir dürfen festhalten, daß die Gnade, die ihm zuteil wurde, auch für uns ist. Wir können uns eine gewisse Vorstellung von den Seelenübungen machen, durch die er in jenen 3 Tagen ging. Wir alle gehen, wenn auch in verschiedenem Maße, durch eine ähnliche Erfahrung, wenn das Herz ausschließlich mit unserem Passahlamm beschäftigt ist, wenn wir, geschützt hinter dem Schutze Seines Blutes, zu unserer großen Erleichterung auf uns anwenden, was Er in Seinem Tode getragen hat, so wie Israel das Lamm aß, gebraten am Feuer und mit bitteren Kräutern. Für Paulus waren in jenen Tagen die Übungen zusammengedrängt, die bei uns oft über Jahre verteilt sind; sein Herz wurde davon so ergriffen, daß selbst leibliche Bedürfnisse vergessen werden – er aß nicht und trank nicht. Schließlich geht die Übung vorüber; er ersteigt die

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Höhe, zu der das Werk Christi ihn berechtigt, er wird angenommen, er betet, er ist am Tage des Heils angelangt, jetzt ist die wohlangenehme Zeit. Der Beweis, daß für jemand die wohlangenehme Zeit gekommen ist, ist, daß er betet. „Deshalb wird jeder Fromme zu dir beten, zurzeit, wo du zu finden bist“. Ananias wird nun zu ihm gesandt, um ihn auf seinen neuen Lebensbereich vorzubereiten. Er kommt und sagt zu ihm: „. . . damit du wieder sehend und mit Heiligem Geiste erfüllt werdest“. Saulus steht nun in der göttlichen Macht, er kann sich an seinem Erlöser in der Herrlichkeit Gottes erfreuen, und alsbald geht er in die Synagoge und predigt, daß Jesus der Sohn Gottes ist, – ich glaube, daß diese große Wahrheit jetzt zum ersten Mal so vollkommen dargestellt wurde. Damit endet das erste Kapitel dieser ereignisreichen Lebensgeschichte. Nachdem er so in der Synagoge öffentlich bezeugt hat, daß Jesus der Sohn Gottes ist – zugleich Quelle und Mittelpunkt des gegenwärtigen Dienstes – scheint es, daß Saulus für zwei Jahre nach Arabien ging (Gal 1,17). Er, hatte Gott gefallen, Seinen Sohn in ihm zu offenbaren, und alles was er hat und ist, verdankt er ausschließlich dieser herrlichen Person, Im allgemeinen sind wir uns nicht genügend bewußt, daß Er der Sohn Gottes ist; wir glauben es, aber wir verwirklichen es nicht, und doch erkennen wir die göttliche Natur sowohl unserer Stellung als auch unseres Zustandes nur, wenn wir Ihn in der Würde Seiner Person erkennen. Im Glauben an den Sohn Gottes bin ich mit Bewußtsein ein lebendiger Stein. „Wer ist es, der die Welt überwindet, wenn nicht der, welcher glaubt, daß Jesus der Sohn Gottes ist“? – „Wer an den Sohn Gottes glaubt, hat das Zeugnis in sich selbst“ (1. Joh 5,5+10); und aller Dienst geht dahin, „bis wir alle hingelangen zu der Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zu dem erwachsenen Manne usw.“ (Eph 4,13). Ich habe länger hierbei verweilt, weil, je größer die einem Knecht anvertraute Kenntnis ist, es desto nötiger und wichtiger ist, daß er ihretwegen viel mit Gott allein ist, damit er ihre Art und Wirkung zunächst auf sich selbst anwendet, ehe er es unternimmt, sie anderen bekanntzugeben. Dies „Wiederkäuen“ ist von großer Bedeutung. Wir finden nichts darüber, wie Saulus diese zwei Jahre in der einsamen Gegend Arabiens verbracht hat, aber wir können daran Art und Wirkung einer solchen Erziehung erkennen und lernen. Sie tadelt die Eilfertigkeit und Bereitschaft, mit der heute viele in den Dienst eintreten, indem sie versuchen, andere mit einem Maß an Wahrheit zu beeindrucken, das sie selbst noch nicht völlig ergriffen haben. Sicherlich sollte ein Knecht immer sagen können: Ich habe geglaubt und darum habe ich geredet“. Josua – der Geist Christi – ist auch jetzt immer der Leiter. Es wird manchmal. geglaubt es sei ein Zeitverlust, daß ein Knecht, bevor er den öffentlichen Dienst antritt zwei Jahre in der Einsamkeit verbringen sollte. Offenbar dachte der Herr im Hinblick auf Saulus nicht so, obwohl die Bedürfnisse damals, und die Notwendigkeit seines Dienstes sehr groß waren. Es ist besser, Zeit für das Werk zu verlieren durch die Vorbereitung auf den Dienst, als dadurch, dass man seine Fehler wiedergutmachen muß, weil man ein Werk unternommen hat, dem man nicht gewachsen war. Später kehrt Saulus nach Damaskus zurück, und so völlig und treu war er dem Herrn ergeben, daß die Juden die Stadttore Tag und Nacht bewachten, um ihn zu töten. Der Landpfleger Aretas schloß sich den Juden in ihrem bösen Vorhaben an. Alle, die in Christo Jesu gottesfürchtig leben wollen, werden Verfolgung erleiden. je mehr wir für den Herrn sind, desto gewaffneter wird die Feindschaft der Menschen gegen uns sein. Die selbstgerechten Juden, dem Namen nach das Volk Gottes, und die Macht der Welt in heidnischer Finsternis vereinen sich, um das Licht Gottes, sowie den Menschen, in dem es scheint, zu zerstören. Saulus entkommt unter äußerst demütigenden Umständen aus

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Damaskus, im großen Gegensatz zu der Art, wie er einige Jahre vorher dorthin gereist war. Er begibt sich jetzt nach Jerusalem. In seiner Einsamkeit in Arabien wurde er bestärkt in dem Ziel“, – dort wo (Christus ist, – aber er hat auch am eigenen Leibe den bitteren Haß des Menschen auf den erhöhten Christus verspürt. Derart seelisch und praktisch zubereitet geht er nach Jerusalem, um Petrus zu sehen (Gal 1,18). Dort wird er einer besonderen Prüfung unterworfen. Zweifellos war er, wie wir leicht ermessen können, mit dem Verlangen gekommen, Petrus zu sehen und in der Versammlung zu Jerusalem zu sein; aber die jünger fürchteten sich alte vor ihm (Apg 9,26). Welch einen Schmerz bereitet ihm dieses Hindernis! Er, der als Baumeister in den Tempel Gottes berufen war, mußte selbst den Argwohn der Gläubigen erfahren.. die zögerten, ihn aufzunehmen. Jemand mußte ihn empfehlen, und Barnabas war es, der diesen schönen Dienst für ihn tat, Er kam nach Jerusalem als das Gegenteil von dem mit allen Vollmachten versehenen Verfolger der Kirche, der er einst gewesen war – ein wunderbarer Gegensatz – jetzt predigte er den Glauben, den er einst ausrotten wollte, er sprach freimütig im Namen des Herrn Jesus und stritt mit den Hellenisten, die danach trachteten, ihn umzubringen. Aber das ist noch nicht alles; wir wissen, daß es während dieser Zeit geschah, daß er, Während er im Tempel betete, in Verzückung geriet und der Herr ihm erschien und zu ihm sprach: „Eile, und gehe schnell aus Jerusalem hinaus, denn sie werden dein Zeugnis über mich nicht annehmen“ (Apg 22,17–21). Sein eigenes Volk will ihn nicht annehmen. Das Wort „Gehe hin, denn ich werde dich weit weg zu den Nationen senden“, muß eine große Prüfung für ihn gewesen sein. Als Verfolger hatte er mehr Erfolg gehabt, denn als Prediger des Evangeliums Gottes. Wie verschiedenartig und besonders sind die Übungen, durch die der Knecht zubereitet wird, damit er seinen Herrn erfreuen kann! Er entflieht aus Jerusalem und gelangt nach Tarsus, seiner Geburtsstadt. Der Knecht Gottes soll seinem eigenen Hause, seinen Nachbarn und Freunden die großen Dinge verkünden, die der Herr an ihm getan hat. Man nimmt an, daß Saulus dort mehrere Jahre blieb (vgl. Gal 1,21.). Als aber das Evangelium zu den Griechen gelangte (Apg 11,20), zog Barnabas nach Tarsus, um Saulus zu sehen, nachdem er von Jerusalem nach Antiochien gesandt worden war, und „als er die Gnade Gottes sah, freute (er) sich“. – „Und als er ihn gefunden hatte, brachte er ihn nach Antiochien. Es geschah ihnen aber, daß sie ein ganzes Jahr in der Versammlung zusammenkamen und eine zahlreiche Menge lehrten, und daß die Jünger zuerst in Antiochien Christen genannt wurden“ (11,26). So sehen wir Saulus mit der ersten Versammlung verbunden, wo der Unterschied zwischen Juden und Griechen in dem einen gemeinsamen Namen „Christen“ aufgehoben wird. Nach einem Jahr, einem bedeutsamen Zeitraum, gehen Barnabas und Saulus nach Jerusalem (vgl. Apg 11,29–30).Wie schön ist der Weg, auf dem der Knecht des Herrn geführt wird! Saulus kehrt nach Jerusalem zurück, um zusammen mit Barnabas der Träger einer zeitlichen Erleichterung für die Brüder in Judäa zu sein, – fürwahr ein liebliches Zeugnis für die Gnade. Die Juden hatten die himmlischen Segnungen zurückgewiesen, und jetzt dienen ihnen die Nationen, die die himmlischen Segnungen empfangen haben, mit irdischen Dingen. „Barnabas aber und Saulus kehrten, nachdem sie den Dienst erfüllt hatten‘von Jerusalem zurück und nahmen auch Johannes mit, der Markus zubenannt war“ (Apg 12,25). In Apg 13 kommen wir zu einem sehr wichtigen Abschnitt der Geschichte dieses Knechtes Christi. Man nimmt an, daß jetzt, in der Folge seiner Sendung durch den Heiligen Geist in der Versammlung, seine Entrückung in das Paradies stattfand. Ich kann es nicht mit Bestimmtheit versichern, aber der in 2. Kor 12 gegebenen Zeitangabe zufolge, stimmt es; es scheint also sehr wahrscheinlich, daß sie

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zu dieser Zeit stattfand. Wir sehen in diesem Kapitel (13,1–3), dass die Versammlung große Kraft besaß. Es gab Propheten und Lehrer, und „während sie aber dem Herrn dienten und fasteten, sprach der Heilige Geist: sondert mir nun Barnabas und Saulus zu dem Werke aus, zu welchem ich sie berufen habe“. Es ist sehr interessant, daß diese Knechte, und vor allem Saulus, ihren Auftrag in der Versammlung erhielten. Er war für ein besonderes Werk berufen, aber nun erhält er vom Heiligen Geiste in der Versammlung, nicht von den Aposteln in Jerusalem, Weisung, in das Werk einzutreten. Der Anfang ist immer bezeichnend. Er übt eine große Wirkung auf unseren Lauf aus. Wie gesegnet ist es, auf solche Art den Dienst für die Versammlung zu beginnen! Saulus wurde im Hause Gottes öffentlich durch den Heiligen Geist aufgerufen, sein Werk zu unternehmen, und diesen Augenblick konnte er während seines ganzen Dienstes unmöglich vergessen. Man übersieht in der heutigen Zeit zu oft, daß der Knecht in der Versammlung und durch den Heiligen Geist zu irgendeiner bestimmten Art des Dienstes berufen werden sollte. Ich weiß, wie schwach wir sind, aber dennoch glaube ich, daß die Knechte des Herrn, wenn sie mit dem Herzen mehr bei der Versammlung als dem Mittelpunkt der Interessen Christi auf Erden wären, genaue Anleitung vom Geist Gottes empfangen würden (wenn auch weniger offenbar als Barnabas und Saulus), und sich wie jene aufmachen würden, von der Versammlung anerkannt wenn auch nicht in der gleichen sichtbaren Weise. Ich sage dies, weil, während wir mit Recht davor zurückschrecken sollten, da aufzufallen, wo wir gefehlt haben, die innere Kraft doch verbleibt, weil der Heilige Geist hier ist und Christus in der Mitte der Seinen ist, die sich in Seinem Namen versammeln. Die beiden kommen nun nach Salamis auf Cypern, und nachdem sie die ganze Insel durchzogen haben (immer wird im Dienst auch die Geduld geübt), begegnen sie einem bemerkenswerten Beispiel von Widerstand in dem Feind. Ein Jude, ein Zauberer, ist bei dem Höchsten des Ortes, – einem aus den Nationen, aber verständig. Letzterer rief Barnabas und Saulus zu sich und begehrte, das Wort Gottes zu hören, aber Elymas widerstand ihnen, indem er versuchte, den Prokonsul vom Glauben abwendig zu machen. Aber Saulus (“der auch Paulus heißt“) ist der Lage durch die Macht des Herrn gewachsen. So erhält er schon am Anfang Seines Dienstes eine schöne Belehrung: er wird der stärksten Art des Widerstandes, der ihm auf seinem Wege begegnen sollte, gegenübergestellt. Anstatt dem Heiden zu helfen, den geraden Weg des Herrn zu finden, bemüht sich jener Jude, ihn gerade vom Glauben abzuwenden. Paulus, mit Heiligem Geiste erfüllt, legt seine schreckliche Botschaft bloß, und indem er ihn für eine Zeit blind werden läßt, deutet er dadurch die sittliche Blindheit der Juden an. Diese Begebenheit trug ohne Zweifel dazu bei, den Apostel in dem Dienst, zu dem er ernannt war, zu befestigen. Wie wenig erkennen wir den Weg, auf dem der Knecht geleitet werden muß, um für den Dienst des Herrn passend zu sein! Während Hindernisse auftauchen, was in einer Welt der Sünde unvermeidlich ist, erfährt der geübte Knecht in jeder Notlage die Allgenugsamkeit des Herrn. Dann kann er sagen: „Mit meinem Gott werde ich eine Mauer überspringen“ (2. Sam 22,30). Ein leistungsfähiger Knecht lernt in der Regel erst selbst den Weg und die Kraft kennen, worin er die Gläubigen, führen soll. Der Glaube wird immer erprobt, und daraus folgt die Erfahrung. Mose lebt 40 Jahre in der Wüste, ehe er berufen wurde, das Volk hindurchzuführen. – Der Apostel wird jedoch durch die Belehrung des Prokonsuls erfreut. Sodann kommt er nach Perge, wo Markus, der sie von Jerusalern begleitet hat, sie verläßt. Obwohl wir den Grund nicht erfahren, können wir aus anderen Schriftstellen entnehmen, daß es aus irgendeiner

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jüdischen Voreingenommenheit geschah, denn später, als Barnabas darauf bestand, Markus (seinen Verwandten) mitzunehmen, weigerte Paulus sich; „es entstand nun eine Erbitterung, so daß sie sich voneinander trennten“. Ich bemerke dies besonders, weil es zeigt, daß die Hilfe und Unterstützung, die wir zu einer besonderen Zeit empfangen und wofür wir dankbar sein dürfen, ganz und gar fehlen kann, wenn wir es am wenigsten erwarten. Wir sehen, welch ein Gewinn alle diese Übungen für den Knecht sind, wie auch gesagt ist: „Gott will Leben und nicht Gewohnheit“. Daher werden wir kaum daß wir die Gnade in gewissen Umständen erfahren haben, schon in eine völlig neue Lage versetzt. Aber so ist der Knecht in gewissem Maße, wie unser Apostel, in der Lage, andere zu trösten, wie er selbst von Gott getröstet wurde. Jede Begebenheit macht ihn passender für den Dienst, während er mit dem Herrn wandelt, Nach dieser ausgedehnten Missionsreise finden wir unseren Apostel in Antiochien in Pisidien (Apg 13,14) auf einer äußerst wichtigen Stufe seiner Sendung. Dort in der Synagoge redet er seine Zuhörer an: „Männer von Israel und die ihr Gott fürchtet“! Den Inhalt seiner Worte bildet die bemerkenswerte Art, in der Gott Israel begünstigt hat, und er endet mit den Worten Habakuks: „Sehet nun zu, daß nicht über euch komme, was in den Propheten gesagt ist. „Sehet, ihr Verächter, und verwundert euch und verschwindet; denn ich wirke ein Werk in euren Tagen, ein Werk, das ihr nicht glauben werdet, wenn es euch jemand erzählt“ (Apg 13,40+41). Der Augenblick ist wichtig; die Juden weisen das Zeugnis ab, die Nationen nehmen es an. Paulus und Barnabas schütteln den Staub von ihren Füßen wider sie ab und wenden sich freimütig zu den Nationen. Es ist sehr anziehend, den Weg, auf dem der treue Knecht geführt wird, zu betrachten. Wie gnädig und eindeutig wird Paulus, den so viele natürliche Zuneigungen mit den Juden verbanden, zu dem geführt, was Stephanus gesagt hatte: Ihr widerstreitet allezeit dem Heiligen Geiste“. Ich übergehe Kap. 14 und wende mich kurz Paulus Rückkehr nach Antiochien zu, von wo er ausgegangen war, von der Gnade Gottes gesandt. jetzt erlebt der Knecht Gottes eine Zeit besonderer Befriedigung. Als sie aber angekommen waren und die Versammlung zusammengebracht hatten, erzählten sie alles, was Gott mit ihnen getan, und daß er den Nationen eine Tür des Glaubens aufgetan habe. Sie verweilten aber eine nicht geringe Zeit bei den Jüngern“ (Apg 14,27–28). In Apg 15,1–2 taucht nun eine große Krise in der Geschichte des Apostels auf. „Und etliche kamen von Judäa herab und lehrten die Brüder: Wenn ihr nicht beschnitten worden seid nach der Weise Moses’, so könnt ihr nicht errettet werden. Als nun ein Zwiespalt entstand und ein nicht geringer Wortwechsel zwischen ihnen und dem Paulus und Barnabas, ordneten sie an, daß Paulus und Barnabas und etliche andere von ihnen zu den Aposteln und Ältesten nach Jerusalem hinaufgehen sollten wegen dieser Streitfrage“. Diesmal kommt der Widerstand von innen. Der Knecht muß immer als erster an dem Orte der Verwerfung Christi leiden. Er muß lernen, alle verschiedenen Formen der Feindseligkeit zu überwinden, ehe er andere die Gnade Gottes lehren kann, die allein uns in einer solchen Lage zu erhalten vermag. Paulus stellt sich diesem neuen Widerstand entgegen. Durch eine Offenbarung geleitet, geht er nach Jerusalem und hatte eine persönliche Unterredung mit Petrus, Jakobus und Johannes. Sie erkannten an, daß, wie Petrus das Evangelium der Beschneidung, so Paulus das Evangelium der Vorhaut anvertraut sei und gaben ihm die Rechte der Gemeinschaft. Im Mittelpunkt aller jüdischen Interessen wird die Frage von den Aposteln und Ältesten besprochen, und die ganze Versammlung stimmte ihrem endgültigen Urteil bei: Enthaltet euch „von Götzenopfern und von

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Blut und von Ersticktem und von Hurerei. Wenn ihr euch davor bewahret, so werdet ihr wohltun. Lebet wohl“ (15,29). Die Entscheidung ist von großer Bedeutung: es ist die Dämmerung eines neuen Tages für die Christen. Sie sind befreit vom Gesetz Moses und werden nur durch göttliche Richtlinien geleitet. Aber dieses schöne Gedeihen (als solches wurde es zweifellos von dem Apostel angesehen) bot, wie immer, Gelegenheit für neue, unerwartete Leiden und Widerstände. Wie es scheint, hatte Petrus den neuen Weg so völlig eingeschlagen, daß er völlige Gemeinschaft mit denen aus den Nationen pflegte, -er aß und trank mit ihnen, bis etliche von Jakobus kamen, – dann zog er sich zurück, weit er sich vor denen aus der Beschneidung fürchtete. Paulus mußte ihm ins Angesicht widerstehen, weil er tadelnswürdig gehandelt hatte. Welch eine schmerzliche Pflicht mußte der Apostel an dem erfüllen, den er für eine Säule gehalten hatte! Aber so traurig dies in jener strahlenden Zeit auch für die Kirche war, es war ein noch größerer Kummer damit verbunden. Barnabas, sein geliebter Gefährte, wurde durch die Heuchelei des Petrus mit fortgerissen, und wo die Gesetzlichkeit wirksam ist, wird immer der eigenen Vorliebe mehr nachgegeben als den Interessen Christi; daher bestand Barnabas darauf, seinen Verwandten (Markus) mitzunehmen und segelte nach Cypern ab. Mit einem neuen Gefährten (Silas) ging Paulus fort, nachdem die Brüder ihn der Gnade Gottes anbefohlen hatten. Gemäß dem Beschluß, der zu Jerusalem gefaßt wurde, brauchten sich die Gläubigen aus den Nationen nicht den mosaischen Gebräuchen zu unterwerfen. Ein schweres Joch wurde damit abgeschafft. Von den Häuptern der Apostel war Paulus als derjenige anerkannt worden, dem das Evangelium der Vorhaut anvertraut war (Gal 2). Er hatte selbst auch erfahren, welch ein Element der Unsicherheit besteht, solange man noch am Gesetz hängt, und zwar am Beispiel der Gleichgültigkeit des Barnabas. Solange das Gesetz noch anerkannt wird, muß das Fleisch in Kauf genommen werden. Es ist gut, wenn wir uns fragen, ob wir ganz von uns selbst entleert sind und die verschiedenen Übungen, durch die uns der Herr geführt hat, zu Herzen genommen haben, während wir die Geschichte des Apostels lesen und die verschiedenen rührenden Wege sehen, auf denen er zu einem seinem Herrn nützlichen Diener gemacht wurde. Da wir nun durch das Werk Christi in die Gegenwart des Vaters versetzt sind – wie Christus Selbst –, und nicht ein Schatten der einstigen Entfernung oder ihre Ursache zurückgeblieben ist, ist es etwas Wichtiges für den Gläubigen, und mehr noch für den nützlichen Knecht, praktisch vom eigenen Willen befreit zu sein, damit er zu jeder Zeit bereit ist, den Willen seines Gebieters zu tun. So mußte Paulus auch jetzt sagen: Der Wille des Herrn geschehe. So geprüft, und wir könnten fast sagen enttäuscht, tritt er seine Reise an. Aber ein großes Zeichen der göttlichen Gnade wird ihm zuteil. In Lystra begegnet er Timotheus. In der Person dieses Jünglings schenkt der Herr ihm gerade die Hilfe, deren er bedarf, und macht so in vollem Maße den durch das Fehlen des Barnabas entstandenen Verlust wieder gut. Wie berühren uns diese besonderen Beispiele der Hilfe und Sorge des Herrn für Seinen Diener! Jahre später kann Paulus von Timotheus schreiben: „Ich habe niemanden gleichgesinnt, der von Herzen für das Eure besorgt sein wird . . . Er [hat], wie ein Kind dem Vater, mit mir gedient . . . an dem Evangelium“ (Phil 2,20+22). So vom Herrn gesegnet, kann er seine Arbeit fortsetzen. Der Geist hindert ihn, das Wort in Kleinasien zu predigen, aber in einem Gesicht bei Nacht wird er gerufen, nach Mazedonien zu kommen. Der Knecht muß auf jeden Befehl bereit sein, auch wenn ein Umweg oder eine andere Unbequemlichkeit damit verbunden ist.

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Jetzt betritt Paulus Europa; diese Tatsache ist von großer Bedeutung. In dem Gesicht hatte ein Mann aus Macedonien ihn gedrängt, zu kommen, aber nun erscheint niemand, um ihn zu empfangen. Er hatte sicherlich begriffen, daß der Herr ihn gerufen hatte, dort zu predigen, aber lange Zeit gab es nichts oder nur wenig, das bewies, daß er das Wohlgefallen des Herrn tat. „Und am Tage des Sabbaths gingen wir hinaus vor das Tor an einen Fluß, wo es gebräuchlich war, das Gebet zu verrichten; und wir setzten uns nieder und redeten zu den Weibern, die zusammengekommen waren“ (Apg 16,13). Dort öffnete der Herr das Herz Lydias (aus Thyatira in Kleinasien, dem Land, wo Paulus verhindert worden war zu predigen), und sie bat sie: „Wenn ihr urteilt, daß ich dem Herrn treu sei, so kehret in mein Haus ein und bleibet. Und sie nötigte uns“ (V. 15). So fand der Apostel an jenem Ort ein Haus. Es schien aber nicht, daß die Mazedonier dem Evangelium Aufnahme gewähren würden. Aber da geschah es, „daß uns eine gewisse Magd begegnete, die einen Wahrsagergeist hatte, welche ihren Herren vielen Gewinn einbrachte durch Wahrsagen. Diese folgte dem Paulus und uns nach und schrie und sprach: Diese Menschen sind Knechte Gottes, des Höchsten, die euch den Weg des Heils verkündigen“. Als Folge davon, daß Paulus die Mitwirkung Satans zurückwies, entstand eine heftige Verwirrung. Es ist bemerkenswert, daß es in Europa ist, wo die Kirche öffentlich von der Welt Unterstützung empfängt. Aber Paulus weist diese angebotene Hilfe nicht nur zurück, sondern treibt im Namen Jesu Christi den bösen Geist aus. Daraufhin erhob sich die ganze Macht an jenem Orte, die Volksmenge, wider sie, die Hauptleute rissen ihnen die Kleider ab und befahlen, sie zu schlagen. Schließlich wurden sie ins Gefängnis geworfen, und der Kerkermeister brachte sie in das innerste Verließ und legte ihre Füße in den Stock. Der Feind scheint die Oberhand gewonnen zu haben. Der Kerkermeister geht zur Ruhe. Doch Paulus und Silas beteten und lobsangen Gott, so daß die Gefangenen sie hörten. Um des Herrn willen hatte Paulus alle Unterstützung seitens der Welt abgeschlagen, und daher war die Welt entschlossen, ihn zu vernichten; aber der Herr beweist jetzt, daß Er diejenigen ehrt, die Ihn ehren. Um Mitternacht „geschah ein großes Erdbeben, so daß die Grundfesten des Gefängnisses erschüttert wurden; und alsbald öffneten sich alle Türen, und aller Bande wurden gelöst“. Nicht nur wird der treue Knecht von Gott in Schutz genommen, sondern vor ihm steht der „mazedonische Mann“, in Gestalt des Kerkermeisters und sucht Errettung. Paulus richtet seinen Blick auf den Heiland. Das Wort wird an ihm gesegnet, er glaubt und frohlockt in Gott mit seinem ganzen Hause. Welch eine segensreiche Erfahrung für den Knecht Gottes! Möchte sie mehr gekannt werden. Wer die Mitarbeit der Welt ganz und gar ablehnt, zieht sich schwere Verfolgung seitens eben dieser Welt zu. Aber die Nacht des Kummers und der Leiden wurde erleuchtet durch eine wunderbare Offenbarung der mächtigen Hand Gottes – ein Tisch wurde bereitet angesichts der Feinde – das Herz des Paulus wurde wieder gestärkt. „Wenn Gott für uns ist, wer ist wider uns“? Apg 17. Nachdem Paulus Philippi verlassen hat, gelangt er nach Thessalonich, der Hauptstadt Mazedoniens. Dort ging er in die Synagoge „und unterredete sich an drei Sabbathen mit ihnen aus den Schriften,“ so daß „etliche von ihnen glaubten und gesellten sich zu Paulus und Silas, und von den anbetenden Griechen eine große Menge, und der vornehmsten Frauen nicht wenige“ (V. 4). Wie wir sehen werden, erkennt Paulus in diesem und den folgenden Kapiteln die vollkommene Verderbtheit der Juden als Nation. „Die Juden aber wurden voll Neides“ und brachten einen Aufruhr zustande. Sie verwirrten das Volk und die Obersten der Stadt, so daß. der Apostel in 1. Thes 2,14–16 sagen muß: . . . weil auch ihr dasselbe von den eigenen Landsleuten erlitten habt, wie auch jene von den Juden, die

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sowohl den Herrn Jesum als auch die Propheten getötet und uns durch Verfolgung weggetrieben haben, und Gott nicht gefallen und allen Menschen entgegen sind, indem sie uns wehren, zu den Nationen zu reden, auf daß sie errettet werden, damit sie ihre Sünden allezeit vollmachen; aber der Zorn ist völlig über sie gekommen“. In diesen Versen bringt Paulus das Urteil, zu dem er im Laufe seines Dienstes gelangt war, zum Ausdruck. Es muß bemerkt werden, daß, wenn das Herz vorn Heiligen Geist auf den richtigen Gegenstand gelenkt wird, dieser nicht nur deutlicher vor die Seele gestellt wilrd, sondern daß von Gott bestimmte Umstände dazu angetan sind, die Seele zu überzeugen, daß sie auf dem rechten Pfade ist, so daß jede Versuchung, die sie ins Wanken bringen könnte, beseitigt wird. Bei Nacht sandten die Brüder Paulus nach Beröa. Dort glaubten viele, „als aber die Juden von Thessalonich erfuhren, daß auch in Beröa das Wort Gottes von Paulus verkündigt wurde, kamen sie auch dorthin und erregten die Volksmenge“ (Kap 17,13). Wieder stellen sich die Juden dem Werk des Herrn in den Weg. Nur wenig können wir davon verstehen, wie die unablässige Feindschaft des Volkes Gottes nach dem Fleisch wider Christum das Herz des Apostels Tag für Tag schmerzlicher berührte. Kraft des Heiligen Geistes war sein Herz auf Christus gerichtet, aber zweifellos ließ Gott es zu, daß der boshafte Haß der Juden ihn von der natürlichen Liebe, die er für sein Volk hegte, entwöhnte, damit er sich ungestört dem Wirkungskreis des Herzens Christi hingeben könne. Sodann geht Paulus nach Athen, wo er ganz neue Erfahrungen macht. Es ist interessant, welch einer Reihe von verschiedenen Umständen der Apostel unterworfen wird, bis er schließlich ganz von sich selbst entleert ist. Die Dinge, die wir versuchen, werden zu einem Prüfstein für uns. Hier, im Mittelpunkt der Gelehrsamkeit der heidnischen Welt, entdeckt der Apostel den wahren Zustand der Heiden. Ihrer natürlichen Weisheit folgend, hatten sie dem unbekannten Gott“ einen Altar errichtet, damit sie nur nicht den Gott irgendeines Volkes übersehen möchten. Diese Tatsache bot dem Apostel, als er auf dem Areopag stand, Gelegenheit, eine sehr gedrängte Zusammenfassung der Wege Gottes mit den Menschen zu geben; es war nicht einfach das Evangelium, obgleich das darin eingeschlossen war, es war eher die „Predigt“, wie sie in 2. Tim 4,17 genannt wird. In Apg 18 sehen wir Paulus in Korinth, Es ist nicht leicht, alles was dieser große Knecht auf den verschiedenen Stufen, die er erklomm, erreichte, zu beschreiben oder auch nur gut zu verstehen; aber es ist äußerst anziehend, zu erkennen, daß sie zusammen bewirkten, daß er ein wirkungsvollerer Diener der Kirche würde, da sie von Gott dazu bestimmt waren. Hier in Korinth „wurde Paulus hinsichtlich des Wortes gedrängt und bezeugte den Juden, daß Jesus der Christus sei. Als sie aber widerstrebten und lästerten, schüttelte er die Kleider aus und sprach zu ihnen: Euer Blut komme auf euren Kopf! Ich bin rein; von jetzt an werde ich zu den Nationen gehen“ (V. 6). Dies war ein großer Schritt: er hat jetzt erkannt, daß die Kirche von der Synagoge der Juden ganz verschieden ist. Wie wir in V. 8 sehen, ermutigt der Herr ihn in ganz besonderer Weise: „Krispus aber, der Vorsteher der Synagoge, glaubte an den Herrn mit seinem ganzen Hause; und viele der Korinther, welche hörten, glaubten und wurden getauft“. Die Korinther waren sehr üppige Menschen. Die Gnade Gottes wurde ihnen auf das Reichlichste zuteil, aber ihre mangelnde Übereinstimmung mit der Wahrheit zeigte dem Apostel, wie das Fleisch dem Worte Gottes ausweicht und wie von Gott reich begabte Männer bis zum Äußersten hinabsteigen können, wenn das Kreuz Christi mit seinen praktischen Wirkungen übersehen wird. Die Briefe des Apostels Paulus an die Korinther sind daher von höchstem Interesse. Einerseits beschreiben sie uns, welche Segnungen sie besaßen, – sie hatten

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„in keiner Gnadengabe Mangel“ und erwarteten die Offenbarung unseres Herrn Jesu Christi“ –, und sie zeigen uns andererseits, wie selbstsüchtig und unheilig sie überall, drinnen und draußen, in der Versammlung und in der Welt, gewesen waren. Wir lesen, daß Paulus „zu Kenchräa das Haupt geschoren hatte, denn er hatte ein Gelübde“. Er hat sich noch nicht von den Gebräuchen und Vorschriften des Gesetzes losgemacht. Wir übersehen leicht, wie langsam und allmählich ein jeder von uns von seinen herrschenden Neigungen befreit wird, und mehr noch, von irgendwelchen religiösen Vorurteilen, die das Gewissen beschweren. Paulus gelangt nun nach Ephesus, aber dort hält er sich nicht auf. „Als sie ihn aber baten, daß er längere Zeit bei ihnen bleiben möchte, willigte er nicht ein, sondern nahm Abschied von ihnen und sagte: Ich muß durchaus das zukünftige Fest in Jerusalem halten; ich werde, wenn Gott will, wieder zu euch zurückkehren“ (V. 20+21). Wir sehen, daß Apollos dorthin kam, als Paulus nicht in Ephesus blieb, und wie das folgende Kap. zeigt, wurde er dort gesegnet, denn Paulus findet dort später etliche Jünger. Diese empfangen den Heiligen Geist. Hier ist Paulus entschiedener als zu Korinth. „Als aber etliche sich verhärteten und nicht glaubten, und vor der Menge übel redeten von dem Wege, trennte er sich von ihnen und sonderte die Jünger ab, indem er sich täglich in der Schule des Tyrannus unterredete“ (Kap 19,9). Er hat sich nun endgültig abgesondert, und Ephesus wird der große Mittelpunkt seines Werkes in Kleinasien, sowie die am meisten von Gott gesegnete Versammlung. Sie hatte einen höchst anziehenden Anfang: die Hingabe der Gläubigen ist sehr auffällig, und sie empfingen wirklich große geistliche Reichtümer, wie wir aus dem an sie gerichteten Brief sehen können. Das Wirken des Apostels dort war mit großer Macht verbunden (siehe V.11–12). Im 1. Brief an Timotheus sehen wir, welch ein besonderes Interesse Paulus für die Gläubigen in Ephesus hegte. Dort wurde er dem heftigen Widerstand, der durch Demetrius angestachelt wurde, gegenübergestellt. Die ganze Stadt war von Aufruhr erfüllt. Demetrius brachte die heidnische Frömmigkeit in Aufruhr, damit er nicht seines Gewerbes beraubt wurde. So muß der Apostel zu seinen Erfahrungen das schmerzliche Gefühl über die heidnische Unduldsamkeit hinzufügen. Um diese Zeit schrieb Paulus wahrscheinlich den Brief an die Galater. Wie er die Korinther, denen doch jede Gnade zuteil geworden war, wegen ihrer Schlaffheit zurechtweisen mußte, so muß er jetzt die Galater ermahnen, weil sie sich, um das Fleisch zu unterdrücken, zum Gesetz zurückgewandt hatten. Sie hatten im Geiste angefangen und versuchten im Fleisch zu vollenden. Die Versuche des Fleisches, sich einen Platz zu verschaffen, sind eigenartig und tief eingewurzelt. „Haut um Haut, ja, alles was der Mensch hat, gibt er für sein Leben“. Welch eine segensreiche Erziehung war es für den Apostel, nicht nur diesen Mitteln, die das Werk Gottes verderben und entkräften wollten, gegenüberzustehen, sondern zu erfahren, daß er sie mit einem besonderen Worte des Herrn vernichten konnte. Wenn die Korinther den Tod Christi verstehen mußten, mit dem sie sich am Tische des Herrn einsmachten, so mußten die Galater lernen, daß der Geist Gottes wider das Fleisch gelüstet und wir die Lust des Fleisches nicht vollbringen, wenn wir im Geiste wandeln (Gal 5). In Apg 20,16 sehen wir ein rührendes Beispiel von dem Interesse des Apostels für Ephesus. „Von Milet aber sandte er nach Ephesus und rief die Ältesten der Versammlung herüber“ (V. -17). Der Apostel erinnert sie an seine Arbeit und seine Lehrtätigkeit unter ihnen, (und zwar bevor er den Brief an sie schrieb) und sagt ihnen zugleich, daß sie sein Angesicht nicht mehr sehen würden.

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Wir kommen nun zu der tiefsten und traurigsten Lehre, die der Apostel je erhielt. Auf dem Wege nach Jerusalem verweilte er im Hause Philippus’, des Evangelisten, und dort nahm der Prophet Agabus „den Gürtel des Paulus und band sich die Hände und die Füße und sprach: Dies sagt der Heilige Geist: Den Mann, dem dieser Gürtel gehört, werden die Juden in Jerusalem also binden und in die Hände der Nationen überliefern. Als wir aber dies hörten, baten sowohl wir als die daselbst Wohnenden, daß er nicht nach Jerusalem hinaufgehen möchte. Paulus aber antwortete: Was machet ihr, daß ihr weinet und mir das Herz brechet? Denn ich bin bereit, nicht allein gebunden zu werden, sondern auch in Jerusalem für den Namen des Herrn Jesu zu sterben. Als er sich aber nicht überreden ließ, schwiegen wir und sprachen: Der Wille des Herrn geschehe! Nach diesen Tagen aber machten wir unsere Sachen bereit und gingen hinauf nach Jerusalem“ (Kap. 21,11–15), Paulus besteht darauf, nach Jerusalem zu gehen. Ein merkwürdiger Drang beeinflußt den Dienst des Apostels, so daß er darauf besteht, nach Jerusalem zu gehen. Offenbar ließ der Herr es zu, damit Sein Knecht selbst erfahren sollte, daß das Volk, das Christum, als Er auf Erden war, verworfen und die unverzeihliche Sünde begangen hatte, dem Heiligen Geist zu widerstehen, indem es Stephanus steinigte, der freien Gnade Gottes noch ebenso hartnäckig widerstrebte wie eh und je. Das erfährt Paulus nun selbst. Er kommt nach Jerusalem, und Jakobus rät ihm: „Tue nun dieses, was wir dir sagen: Wir haben vier Männer, die ein Gelübde auf sich haben. Diese nimm zu dir und reinige dich mit ihnen und trage die Kosten für sie, damit sie das Haupt scheren lassen; und alle werden erkennen, daß nichts an dem ist, wessen sie über dich berichtet sind, sondern daß du selbst auch in der Beobachtung des Gesetzes wandelst“. Diesen Rat befolgte Paulus (siehe V. 26). „Als aber die 7 Tage beinahe vollendet waren, sahen ihn die Juden aus Asien im Tempel und brachten die ganze Volksmenge in Aufregung und legten die Hände an ihn“. Der Oberste rettet den Apostel aus der Gewalt des Pöbels, der ihn getötet hätte, und schließlich wendet sich Paulus von den Stufen der Burg aus in hebräischer Sprache an das Volk. Er berichtet, wie der Herr ihn berufen hat, aber um seine Zuhörer, die Juden, zu fesseln, fügt er gewisse Einzelheiten hinzu, die der Bericht in Kap. 9 verschweigt, – und ebenso ist der Bericht in Kap. 26 besonders für die Nationen bestimmt. – „Sie hörten ihm aber zu bis zu diesem Worte und erhoben ihre Stimme und sagten: Hinweg von der Erde mit einem solchen; denn es geziemte sich nicht, daß er am Leben blieb! Als sie aber schrien und ihre Kleider wegschleuderten und Staub in die Luft warfen, befahl der Oberste, daß er in das Lager gebracht würde“ (Kap. 22,22–23). Das ist das Ergebnis; nichts als tödlicher Hag wird hervorgerufen; und der Oberste, der Vertreter der irdischen Macht, war bereit, das Volk zu unterstützen. In Kap. 23 wird Paulus vor den Hohen Rat gestellt, denselben Gerichtshof, vor dem einst Stephanus stand und litt. Das Ergebnis erfahren wir in V. 10: „Als aber ein großer Zwiespalt entstand, fürchtete der Oberste, Paulus möchte von ihnen zerrissen werden, und befahl, daß das Kriegsvolk hinabgehe und ihn aus ihrer Mitte wegreiße und ins Lager führe“. Es war keine Einigung zustande gekommen; der Beamte rettete Paulus aus ihren Händen. In der folgenden Nacht aber stand der Herr bei ihm und sprach: Sei gutes Mutes! denn wie du von mir in Jerusalem gezeugt hast, so mußt du auch in Rom zeugen“ (V. 11). In gnädiger Weise erkennt der Herr Seinen leidenden Knecht an. Aber in unauslöschlichem Haß „rotteten sich die Juden zusammen, verfluchten sich und sagten, daß sie weder essen noch trinken würden, bis sie Paulus getötet hätten.“ Mehr als 40 von ihnen zettelten eine Verschwörung an, in die die Hohenpriester und Ältesten verwickelt wurden und sich zu trügerischem Handeln verleiten ließen. Sie wollten ihren Einfluß bei dem Obersten geltend machen, um ihren

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teuflischen Plan ausführen zu können, aber sie werden beschämt, und Paulus entgeht ihnen. Aber wie muß es sein Herz getroffen haben, als er durch einen nahen Verwandten von ihrer Bosheit erfuhr! Er wird nun dem römischen Statthalter übergeben, und da er sich wegen der ungerechten Willfährigkeit dieses Mannes gegenüber den Hohenpriestern auf den Kaiser beruft, besteigt er das Schiff, das ihn nach Rom bringen soll. Der in Kap. 27 beschriebene Schiffbruch gibt ein Bild vom völligen Zusammenbruch einer irdischen Ordnung, die auf Erden Sicherheit geben soll, und wobei sich die Mitreisenden des Paulus sicher ans Land retten konnten. Als Gefangener der Nationen, in deren Hand die Macht, die Gott dem Menschen gegeben hatte, nun lag, gelangt Paulus nach Rom. Hier ist er abgeschnitten von allem, was er auf Erden schätzte. Zweifellos wird nun seine ganze Aufmerksamkeit auf die herrlichen Augenblicke gelenkt, die er vor vielen Jahren im dritten Himmel verbringen durfte; denn hinsichtlich der Erde konnte ihn nun nichts mehr hindern. Die Vollkommenheit und die Schönheit jener Szene konnten nicht vergrößert werden, aber während vieler Jahre war er jeder Art von Erziehung unterworfen gewesen, damit er allen irdischen Neigungen entfremdet und in jeder Weise mit der himmlischen Berufung eines Menschen in Christo“ in Übereinstimmung gebracht würde; und wir werden sehen, wie vollkommen und deutlich er das darstellte, was er einst erfahren hatte, und wie die Erziehung, der er unterworfen gewesen war, ihn für den Dienst zubereitet hatte, so daß er im Innern wie im Äußeren in vollem Einklang mit seiner Lehre stand. Er verkündigte nicht nur himmlische Gedanken, sondern er war selbst ein Himmlischer. Es ist nicht leicht, die Gefühle des Apostels zu verstehen, als er vor dem Herrn alles das verwirklichte, was er erlitten hatte. Er hatte eine ganz besondere Erziehung durchgemacht. Seine Gefühle für Israel waren nicht nur die eines Mannes für seine Familie, sondern für das Volk Gottes, aus dem der Christus hervorgegangen war, und er klammerte sich bis zuletzt daran, in der Hoffnung, daß Jerusalem der große Mittelpunkt des Christentums werden würde, aber Gott ließ es geschehen, daß er am eigenen Leibe verspürte, daß jede solche Hoffnung eitel war. Nachdem nun jede Hoffnung, daß Israel in Jerusalem teilhaben sollte, zerstört ist, werden ihm, dem Gefangenen, in Rom, der Hauptstadt der Macht der Nationen, die Schönheit und die Größe der Kirche als dem Leibe Christi geoffenbart. Die Erziehung hatte ihre Wirkung getan; sie hatte das, was irgendwie das große, ihm geoffenbarte Geheimnis verdecken oder überschatten konnte, beseitigt. Sein natürlicher Wunsch, Israel gesegnet zu sehen, war vernichtet worden, und sein Herz war auf die großen Offenbarungen, die ihm im Paradiese gegeben worden waren, gerichtet. Niemand, der nicht etwas Ähnliches erfahren hat, kann verstehen, welche Wirkung eine so vollständige Beseitigung eines Gegenstandes, der die Aufmerksamkeit in starkem Maße auf sich lenken konnte, weil er die natürlichen Gefühle berührte, hervorrief, so daß die Seele ganz frei ist, den nunmehr einzigen Gegenstand ohne Störung betrachten zu können. Wenn Paulus begehrt hatte, daß sein Volk an den Segnungen der Kirche teilhaben sollte, so hatte er nun auf schmerzliche Art erfahren, daß es Christo hartnäckig widerstand, und darum befand er sich jetzt als Gefangener in Rom und konnte in einer wolkenlosen Atmosphäre die ganze Schönheit und Größe des großen Geheimnisses betrachten. Es ist sehr anziehend, die Wirkungen der Erziehung an unserem Apostel zu sehen. Wir hören keine Worte der Enttäuschung, sondern jetzt, aus dem Gefängnis in Rom, schreibt er den Brief an die Epheser. Manche behaupten, daß es ein Rundschreiben war, aber das ist von nebensächlicher Bedeutung; wichtig ist, daß wir in diesem Brief die vollkommenste Offenbarung des großen Geheimnisses –

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Christus und die Kirche – haben. Wenn Israel, Gottes irdisches Volk, einst der Mittelpunkt aller Wege Gottes auf Erden war, so trifft das auf die Kirche, den Leib Christi, jetzt in unendlich viel größerem Maße zu. Nach der Auflösung jedes Bandes, das ihn noch mit Israel verknüpfte, wird der Apostel vom Geiste dahin geführt, das Geheimnis Gottes, das seit Grundlegung der Welt verborgen gewesen war, völlig und bis in die praktischen Einzelheiten zu erfassen. Dies Geheimnis besitzt zwei große Besonderheiten: zum einen, daß wir alle – Juden wie Heiden – zusammen erhoben und in Christo in die himmlischen Örter versetzt worden sind; zum anderen, daß dieselbe Macht, die Christum auferweckt hat, auch uns auferweckt. Diese Macht steht vollkommen außerhalb und über allem was menschlich ist; und deshalb, weil diese Macht in uns wirksam ist, sollten wir zu Ihm hin wachsen, der das Haupt aller Dinge ist. Das sollte einen absoluten und entschiedenen Sieg über alle Macht des Teufels herbeiführen, der uns nicht nur die Höhe zeigt, zu der wir aus allem was hier ist erhoben sind, sondern die unendliche sittliche Überlegenheit, in die wir hier auf der Erde versetzt sind, dem Schauplatz unserer einstigen Entfremdung von Gott. Wir sind durch die größte Macht, die Macht, die Christum auferweckte, in die höchste Höhe gebracht worden, und weil wir nun den himmlischen Charakter tragen, sind wir berufen, von Christo zu zeugen, und zwar im höchsten Kreise, der Versammlung, ebenso wie in den niedrigsten persönlichen Umständen, und sind zugleich den Ränken und der Macht des Teufels überlegen. Wie überwältigt muß der Apostel gewesen sein, als der Geist ihm dies alles in inspirierten Worten vorstellte. Wie wird er Gott gedankt haben für die Erziehung, der er unterworfen worden war, damit er ein Gefäß würde, das geeignet war, die größten Mitteilungen, die ein Mensch jemals empfing, weiterzugeben. Wir erkennen nur schwach, welche Mühe der Herr Sich mit uns gibt, um uns für Sein Werk einigermaßen geeignet zu machen. Nur Er weiß, was geeignet ist, und daß diese Eignung durch nichts anderes als die Erziehung, die Er, der alle Dinge kennt, uns zuteil werden läßt, erreicht wird. Wie rührt es uns, wenn wir den Apostel schreiben sehen „welches die Verwaltung des Geheimnisses sei, das von den Zeitaltern her verborgen war in Gott“, und durch das den Engeln die mannigfaltige Weisheit Gottes kundgetan wird. (Eph 3,9+10): „auf daß jetzt den Fürstentümern und Gewalten in den himmlischen Örtern durch die Versammlung kundgetan werde die gar mannigfaltige Weisheit Gottes.“ Die letzten Lebensjahre des Apostels scheinen in zwei Teile geteilt zu sein: in dem einen wurde er in die Höhe geführt und in die Segnungen der Geheimnisse eingeführt, und er teilt seine persönlichen Erfahrungen hierin den Philippern mit; in dem zweiten sehen wir den furchtbaren Abfall (2. Timotheus), wie er verlassen wurde (Kap. 4), und die Hilfe des Herrn in einer solchen Zeit. Es ist interessant und nützlich für uns, daß wir im Brief an die Philipper die Erfahrungen des Apostels zu dieser Zeit finden. Mir scheint, es sind zwei Teile: zunächst – der Anfang seiner Gefangenschaft, als er die gesegneten Ergebnisse seiner Berufung durch Gott genoß, wie sie im Epheserbrief beschrieben sind; während er zum Schluß, als alle in Kleinasien ihn verlassen hatten und das Abweichen von der Wahrheit fast überwältigend geworden war, in besonderer Weise vom Herrn gestärkt und ermuntert wurde und so für uns ein Vorbild ist. Beides ist für uns von großem Interesse. Das eine zeigt uns, welch eine erhabene Glückseligkeit auch unter den schwierigsten Umständen unser Teil ist. Der Gefangene in Rom sieht und schreibt nicht nur von Dingen von unendlicher Größe, sondern vom Heiligen Geist geleitet berichtet er uns auch seine Erfahrungen zu dieser Zeit. In Phil 1 ist es der sehnlichste Wunsch seines Herzens, „bei Christo zu sein, denn es ist weit besser“; aber da es für die

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Gläubigen besser ist, daß er bleibt, weiß er, daß er bleiben wird; aber jetzt wie immer ist es seine Hoffnung, daß Christus in seinem Leibe hoch erhoben werde, sei es durch Leben oder durch Tod. Kap. 2. Christo gleichgesinnt zu sein, gleich Ihm ein Knecht zu sein, erfüllte seine Freude. In Kap. 3 ist Christus sein Ziel; er gibt alles, was der Natur ein Gewinn ist, auf für Christum, er vergißt die Dinge, die dahinten sind und jagt dem Ziel nach, der Berufung Gottes droben; als Himmelsbürger schaut er aus nach Ihm, der kommt, um seinen Leib der Niedrigkeit umzugestalten in einen Leib der Herrlichkeit, der dem verherrlichten Leib Christi gleich ist. Schließlich, in Kap. 4 zeigt er, daß er gelernt hat, sich zu begnügen mit dem, worin er sich befindet, und daß er alles vermag in Dem, Der ihn kräftigt. Daher begehrt er, bei Christo zu sein, aber auch ein Knecht wie Er zu sein; Christus ist sein einziges Ziel, aber auch die Kraft, die ihn über alles hier hinweg trägt. Diese vier Stücke sind das Ergebnis der zwei Seiten der Berufung. Bevor wir den ersten Teil seiner Gefangenschaft verlassen, wollen wir noch einen Augenblick bei der Anspielung auf den Kampf, den er um die Kolosser hatte, in Kol 2,1 verweilen. Hier wird uns ein Blick in sein Inneres gewährt, wie er als Gefangener für den Segen der Seelen rang und vom Herrn dazu gebracht wurde, die Anfänge eines Sauerteigs bloßzulegen, der die Kirche überall durchdrungen hat, aber auch den einzigen Weg zu zeigen, auf dem sie davor bewahrt bleiben konnte. Es ist sehr ermutigend, sich gleichsam neben den Apostel in seinen Ketten zu versetzen und bis zu einem gewissen Maße den Kampf zu verstehen, den er durchlebte, um die Gläubigen vor diesem bösen Sauerteig, einer Mischung aus Religiosität und Verstand, zu bewahren. Welcher Gegensatz besteht zwischen seinem Leben mit dem Herrn, das so gesegnet und so strahlend war, und seinen Umständen in den Augen der Menschen! Wie herrlich ist es, zu wissen, daß das Festhalten am Haupte, – Christus alles und in allem – uns von diesem Sauerteig reinigt und bewahrt. Die letzte Zeit seiner Gefangenschaft enthüllt uns einen ganz anderen Zustand der Dinge als der erste Teil seiner Gefangenschaft. Man nimmt an, daß der -i. Brief an Timotheus nach der 1. Gefangenschaft geschrieben wurde, und vieles spricht dafür; es ist offenbar, daß zwischen dem 1. und dem 2. Brief an Timotheus eine deutliche Veränderung eingetreten ist. Im 1. Brief beschäftigt sich der Apostel mit der Ordnung, indem er an Timotheus nach Ephesus schreibt, im zweiten dagegen mit der Unordnung, und wie der Mensch Gottes in einer solchen Zeit wandeln soll. Wir bemerken, daß Paulus im 1. Brief, in Verbindung mit der Ordnung der Versammlung zwei große drohende Übel anprangert, nämlich das Prinzip des Katholizismus in Kap. 4, und den Radikalismus in Kap. 6; mit anderen Worten: Religion in Unabhängigkeit von Gott einerseits, die Meinung, daß die Gottseligkeit ein Mittel zum Gewinn sei andererseits. Das eine erhöhte den Menschen unter dem äußeren Mantel christlicher Religion, beim anderen war das menschliche Fortkommen alles. Im 2. Brief an Timotheus, der den Zustand während des Endes der zweiten Gefangenschaft des Paulus beschreibt, befindet sich der Apostel in ganz anderen Umständen als am Anfang seiner ersten Gefangenschaft, als er schrieb: „ich will aber, daß ihr wisset, Brüder, daß meine Umstände mehr zur Förderung des Evangeliums geraten sind“ (Phil 1,12). Der 2. Timotheus-Brief wurde nach seiner ersten Verantwortung (4,16) geschrieben, bei der keiner der Gläubigen ihm beigestanden hatte. Er beginnt, indem er sagt: „Gott hat uns nicht einen Geist der Furcht gegeben, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit“, und kündigt im gleichen

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Kapitel an, „daß alle, die in Asien sind, sich von mir abgewandt haben, unter welchen Phygelus ist und Hermogenes“. Wenn wir uns vor Augen halten, daß Kleinasien das Gebiet war, wo er hauptsächlich gewirkt hatte, können wir uns einen Begriff von dem Kummer machen, den dieser Abfall ihm bereitete. Wie rührend. hängt sein Herz an einem einzelnen dort, denn er schreibt: Der Herr gebe dem Hause des Onesiphorus Barmherzigkeit“. Aber Paulus ist nicht entmutigt. Wenn er uns im Epheserbrief zu den herrlichen Höhen der göttlichen Berufung geführt hat so ist er es jetzt, der uns in der schlimmsten Verwirrung stärkt und leitet, wo Lieblosigkeit und äußerster Verfall in der Versammlung vorherrschend sind, wo „statt des Gürtels ein Strick, . . . Brandmal statt Schönheit“ ist (vgl. Jes 3,24)In wenigen Sätzen, reich an göttlichem Segen, belehrt er Timotheus, und mit ihm alle, die Christo treu bleiben möchten, was in einer solchen Zeit zu tun ist. Seine Belehrungen lassen sich in zwei Gruppen aufteilen: 1. Stark in der Gnade, d. i. in Christo Jesu, sollte Timotheus die Dinge, die er von dem Apostel empfangen hatte, „treuen Männern (anvertrauen), welche tüchtig sein werden, auch andere zu lehren“. 2. Er sollte sich vollständig von den Gefäßen der Unehre absondern. „Wenn sich nun jemand von diesen reinigt, so wird er ein Gefäß zur Ehre sein, geheiligt, nützlich dem Hausherrn, zu jedem guten Werke bereitet“ (2. Tim 2,21). Wie der Apostel von Gott zubereitet war, ein geeignetes Gefäß für die Offenbarung der Schönheit und Herrlichkeit des Gegenstandes von Gottes Hauptinteresse auf Erden zu sein, so wird er auch jetzt belehrt, uns vor den kommenden schweren Zeiten zu warnen. „Dieses aber wisse, daß in den letzten Tagen schwere Zeiten da sein werden“ (Kap 3,1). Das Ziel der Feinde wird dasselbe sein wie bei Jannes und Jambres; wie jene Mose widerstanden, so widerstehen die Feinde in den letzten Tagen der Wahrheit. Ihr Charakter wird mit den Worten: „die eine Form der Gottseligkeit haben, ihre Kraft aber verleugnen“ gekennzeichnet, und: „die immerdar lernen und niemals zur Erkenntnis der Wahrheit kommen können’, wodurch angedeutet wird, was für Menschen diese sind. Unsere erste Hilfsquelle ist die Lehre und das Betragen des Paulus (s. V. 10–11) nicht nur die Lehre, welche alle, die in Asien waren, verlassen hatten, sondern die Erziehung, die er erfahren hatte, war Beweis genug, daß er sich auf dem rechten Pfade befand. Das Zweite ist: Du aber bleibe in dem, was du gelernt hast und wovon du völlig überzeugt bist, da du weißt, von wem du gelernt hast, und weil du von Kind auf die heiligen Schriften kennst, die vermögend sind, dich weise zu machen zur Seligkeit durch den Glauben, der in Christo Jesu ist. Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nütze zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit, auf daß der Mensch Gottes vollkommen sei, zu jedem guten Werke völlig geschickt“. (V. 14–17). Nachdem uns der Apostel auf die letzten Tage vorbereitet hat, teilt er uns mit, daß sein Lauf zu Ende ist. Er sagt: „Ich werde schon als Trankopfer gesprengt, und die Zeit meines Abscheidens ist vorhanden. Ich habe den guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe den Glauben bewahrt; fortan liegt mir bereit die Krone der Gerechtigkeit, welche der Herr, der gerechte Richter, mir zur Vergeltung geben wird an jenem Tage; nicht allein aber mir, sondern auch allen, die seine Erscheinung liebhaben“ (Kap. 4, 6–8). Welch ein gesegnetes Ende seines großen Dienstes! Und dann kann er in der Ruhe und dem Vertrauen eines Menschen, der dem Willen Gottes völlig unterwürfig ist, daran denken, wie nützlich es wäre, wenn er Timotheus bei sich hätte: Befleißige dich, bald zu mir zu kommen-, und: „Nimm Markus und bringe ihn mit dir“. Nichts wird übersehen: „Den Mantel, den ich in Troas bei Karpus zurückließ, bringe mit, wenn du kommst, und die Bücher, besonders die Pergamente“. So beschließt dieser teure, geehrte Knecht seinen Lauf, Wenn sein Anfang

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in Apg 9 gekennzeichnet war durch das Licht, das aus dem Himmel auf ihn schien, so umgibt ihn bei seinem Hingang eine Schönheit und sittliche Größe, die niemals übertroffen wurde, außer von dem vollkommenen Herrn, Dem er diente. Die Trübsal hatte Geduld bei ihm bewirkt; ja, die Geduld hatte ein vollkommenes Werk getan. In wie gesegneter Weise war die göttliche Erziehung wirksam gewesen, so daß Christus in seinem Leibe, durch Leben oder durch Tod, verherrlicht wurde. Während wir dem Herrn danken, daß Er der Kirche einen solchen Diener gegeben hat, möchten wir von diesem Diener lernen, nur auf Ihn zu schauen, Der uns auf demselben Pfade des Glaubens zu führen vermag.

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Bibelstellenverzeichnis

Bibelstellenverzeichnis 1. Mose 1,14 . . . . . . . . . . . . . . . . 22 9,22.25 . . . . . . . . . . . . . 20 12,1 . . . . . . . . . . . . . . . . 22 15 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25 17,19 . . . . . . . . . . . . . . . 28 27,33 . . . . . . . . . . . . . . . 54 35,16 . . . . . . . . . . . . . . . 38 48,7 . . . . . . . . . . . . . . . . 38 2. Mose 2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57 6 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62 17,9 . . . . . . . . . . . . . . . . 72 25 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70 32,11–13 . . . . . . . . . . . . 68 4. Mose 11 . . . . . . . . . . . . . . 69, 73 13,16 . . . . . . . . . . . . . . . 74 27,12–23 . . . . . . . . . . . . 70 27,18 . . . . . . . . . . . . . . . 75 5. Mose 32 . . . . . . . . . . . . . . . . . 175 34 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70 Josua 3,7 . . . . . . . . . . . . . . . . . 75 4,14 . . . . . . . . . . . . . . . . 75 15 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76 Richter 6,8–10 . . . . . . . . . . . . . . 80 14 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87 1. Samuel 7,5.6 . . . . . . . . . . . . . . 105 7,6 . . . . . . . . . . . . . . . . 101 8,4–5 . . . . . . . . . . . . . . 103 10,17 . . . . . . . . . . . . . . 105 15 . . . . . . . . . . . . . . . . . 122 16 . . . . . . . . . . . . . . . . . 108

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17 . . . . . . . . . . . . . . . . . 109 18 . . . . . . . . . . . . . . . . . 110 19 . . . . . . . . . . . . . . . . . 111 20 . . . . . . . . . . . . . . . . . 113 21 . . . . . . . . . . . . . . . . . 114 22 . . . . . . . . . . . . . . . . . 114 23 . . . . . . . . . . . . . . . . . 115 24 . . . . . . . . . . . . . . . . . 117 25 . . . . . . . . . . . . . . . . . 117 26 . . . . . . . . . . . . . . . . . 118 27 . . . . . . . . . . . . . . . . . 119 27,1 . . . . . . . . . . . . . . . 138 28,1.2 . . . . . . . . . . . . . 120 2. Samuel 1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 122 2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123 3 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124 4 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124 5 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124 6 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125 11 . . . . . . . . . . . . . . . . . 128 11,1 . . . . . . . . . . . . . . . . 10 12 . . . . . . . . . . . . . . . . . 128 13 . . . . . . . . . . . . . . . . . 129 14 . . . . . . . . . . . . . . . . . 129 15 . . . . . . . . . . . . . 10, 129 16 . . . . . . . . . . . . . . . . . 130 17 . . . . . . . . . . . . . . . . . 130 18 . . . . . . . . . . . . . . . . . 130 21 . . . . . . . . . . . . . . . . . 130 22,30 . . . . . . . . . . . . . . 188 23 . . . . . . . . . . . . . . . . . 132 24 . . . . . . . . . . . . . . . . . 131 1. Könige 3,3 . . . . . . . . . . . . . . . . 151 17 . . . . . . . . . . . . . . . . . 133 17,1 . . . . . . . . . . . . . . . 134

19,4 . . . . . . . . . . . . . . . 138 19,16 . . . . . . . . . . . . . . 142 2. Könige 1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 140 2,23 . . . . . . . . . . . . . . . 144 5 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 147 8 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139 13,14 . . . . . . . . . . . . . . 149 16 . . . . . . . . . . . . . . . . . 159 18,2 . . . . . . . . . . . . . . . 153 18,4 . . . . . . . . . . . . . . . 151 18,7 . . . . . . . . . . . . . . . 152 18,13 . . . . . . . . . . . . . . 153 18,17 . . . . . . . . . . . . . . 156 19,29–31 . . . . . . . . . . . 164 20,3 . . . . . . . . . . . . . . . 154 20,6 . . . . . . . . . . . . . . . 156 20,13 . . . . . . . . . . . . . . 156 1. Chronika 12,38 . . . . . . . . . . . . . . 125 13 . . . . . . . . . . . . . . . . . 125 14,15 . . . . . . . . . . . . . . 126 15 . . . . . . . . . . . . . . . . . 126 16 . . . . . . . . . . . . . . . 125 f. 16,7–36 . . . . . . . . . . . . 126 16,43 . . . . . . . . . . . . . . 127 17 . . . . . . . . . . . . . . . . . 127 18 . . . . . . . . . . . . . . . . . 127 21 . . . . . . . . . . . . . . . . . 131 22 . . . . . . . . . . . . . . . . . 132 23 . . . . . . . . . . . . . . . . . 132 33 . . . . . . . . . . . . . . . . . 132 2. Chronika 29,3 . . . . . . . . . . . . . . . 152 30,26 . . . . . . . . . . . . . . 152 32,1 . . . . . . . . . . . . . . . 153 Psalm

200

Die Erziehung in der Schule Gottes (J.B.S.)

3 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130 3,5 . . . . . . . . . . . . . . . . 130 7,16 . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 25,9 . . . . . . . . . . . . . . . . 96 34 . . . . . . . . . . . . . . . . . 114 51 . . . . . . . . . . . . . . . . . 128 52 . . . . . . . . . . . . . . . . . 115 54 . . . . . . . . . . . . . . . . . 116 56 . . . . . . . . . . . . . . . . . 120 57 . . . . . . . . . . . . . . . . . 115 99 . . . . . . . . . . . . . . . . . 100 139,14 . . . . . . . . . . . . . 132 142 . . . . . . . . . . . . . . 115 f. Sprüche 23,23 . . . . . . . . . . . . . . . 95 26,7 . . . . . . . . . . . . . . . 152 27,21 . . . . . . . . . . . . . . 156 Jesaja 3,24 . . . . . . . . . . . . . . . 198 38 . . . . . . . . . . . . . . . . . 154 38,10–12.14 . . . . . . . . 155 38,14 . . . . . . . . . . . . . . 155 38,15 . . . . . . . . . . . . . . 156 Jeremia 32,15 . . . . . . . . . . . . . . 173 Hesekiel 12,22 . . . . . . . . . . . . . . 182 Daniel 4,14 . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 Matthäus 13,12 . . . . . . . . . . . . . . . 95 Markus 10 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52 Lukas 4 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134 5. . . . . . . . . . . . . . . . . . . .9 5,8 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 7 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110 9,30.31 . . . . . . . . . . . . . 68 18,14 . . . . . . . . . . . . . . . 96

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Johannes 4 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39 12 . . . . . . . . . . . . . . . . . 159 12,41 . . . . . . . . . . . . . . 158 13 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58 16,2 . . . . . . . . . . . . . . . 184 21,18.19 . . . . . . . . . . . . 58 Apostelgeschichte 2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98 9 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199 9,1–2 . . . . . . . . . . . . . . 185 9,26 . . . . . . . . . . . . . . . 187 10 . . . . . . . . . . . . . . . . . 163 11,20 . . . . . . . . . . . . . . 187 11,29–30 . . . . . . . . . . . 187 12 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43 12,25 . . . . . . . . . . . . . . 187 13 . . . . . . . . . . . . . . . . . 187 13,14 . . . . . . . . . . . . . . 189 13,40.41 . . . . . . . . . . . 189 14,27–28 . . . . . . . . . . . 189 15,1–2 . . . . . . . . . . . . . 189 16 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43 16,13 . . . . . . . . . . . . . . 191 17 . . . . . . . . . . . . . . . . . 191 18 . . . . . . . . . . . . . . . . . 192 20,16 . . . . . . . . . . . . . . 193 22,17–21 . . . . . . . . . . . 187 22,20 . . . . . . . . . . . . . . 184 26,16 . . . . . . . . . . . . . . . 88 28 . . . . . . . . . . . . . . . . . 159 Römer 4,17.18 . . . . . . . . . . . . 173 2. Korinther 12 . . . . . . . . . . . . . . . . . 187 Galater 1,17 . . . . . . . . . . . . . . . 186 1,18 . . . . . . . . . . . . . . . 187 1,21 . . . . . . . . . . . . . . . 187 2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 190

Bibelstellenverzeichnis

5 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 193 Epheser 3,9.10 . . . . . . . . . . . . . 196 4,13 . . . . . . . . . . . . . . . 186 5,14 . . . . . . . . . . . . . . . 120 6 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95 Philipper 1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 196 1,12 . . . . . . . . . . . . . . . 197 2,12 . . . . . . . . . . . . . . . . 72 2,20.22 . . . . . . . . . . . . 190 Kolosser 2,1 . . . . . . . . . . . . . . . . 197 1. Thessalonicher 2,14–16 . . . . . . . . . . . . 191 2. Timotheus 1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79 2,20 . . . . . . . . . . . . . . . . 92 2,21 . . . . . . . . . . . . . . . 198 4,17 . . . . . . . . . . . . . . . 192 Hebräer 2,10 . . . . . . . . . . . . . . . . 72 4,12–13 . . . . . . . . . . . . . . 8 8,5 . . . . . . . . . . . . . . . . . 70 Jakobus 5,11 . . . . . . . . . . . . . . . . 46 5,17 . . . . . . . . . . . . . . . 133 1. Petrus 4,1 . . . . . . . . . . . . . . . . . 12 1. Johannes 5,5.10 . . . . . . . . . . . . . 186 Judas 9 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70 11 . . . . . . . . . . . . . . . . . 106 Offenbarung 2,14 . . . . . . . . . . . . . . . . 24 3,8–9 . . . . . . . . . . . . . . . 19 3,14–21 . . . . . . . . . . . . 171

201