Die fremde Tochter - Die Onleihe

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Anja

Von der Autorin des Bestsellers

›Herbstvergessene‹

Jonuleit

Die fremde _

premium

Tochter Roman

falls die Straße überqueren, musste aber stehen bleiben, weil ein Roller vorüberknatterte. Er sah, wie Lin die Beifahrertür aufriss und einstieg, während die Rote krachend den ersten Gang einlegte. Gerade als sie anfuhr, rollte ein neuer Ampelschub von Autos heran. Cho spürte, wie Panik in ihm aufstieg. Er lief ein Stück nach vorne, konzentrierte sich auf das Kennzeichen und musste dann ohnmächtig mit ansehen, wie der gelbe R4 mit quietschenden Reifen davonfuhr. Die ersten Ziffern des Kennzeichens hatte er allerdings erkannt. Als Yuen eintraf, fand er Cho im Hinterzimmer am Fenster stehend vor. »Guten Morgen, Maître!« Cho antwortete nicht. »Monsieur Cho? Fühlen Sie sich nicht wohl?« Langsam drehte Cho sich um. Seine Augen hefteten sich auf Yuen und er bemerkte das Erstaunen in dessen Blick, gepaart mit einem Anflug von Besorgnis. »Es ist … nichts.« »Aber Sie sind weiß wie ein Laken.« »Möglicherweise habe ich mir den … Magen verdorben.« »Wir haben heute noch zwei Gongfu Chas. Ich kann beide übernehmen.« Cho betrachtete Yuen, ohne ihn wirklich zu sehen. Stattdessen blickte er in eine ferne Vergangenheit, betrachtete längst verblasste Bilder in seinem Innern. Bilder, die er in einer tiefen und dunklen Höhle versteckt hatte, mit einem Felsbrocken vor dem Eingang. Die Erinnerung an diese Zeit hatte nie wieder ans Tageslicht kommen sollen.



19

Émilie, Juni 1978

Unten klopfte es. Sie saß auf dem Boden gegen die Wand gelehnt, den Block auf dem Schoß, und betrachtete das Licht, das durch die Fensterfront floss. Den Augenblick fangen, in seinem Netz aus Gold. Sie ignorierte das Klopfen an der Werkstatttür und hob stattdessen den Stift, skizzierte die Fensterquadrate, es waren zweiundvierzig Stück, und griff schließlich nach der Kreide. Dieses Gelb brachte alles zum Leuchten. Sie liebte Gelb. Das Klopfen wurde lauter, fordernder. Natürlich wusste sie, wer da war. Es gab nur diese eine Möglichkeit. Sie nahm das dunklere Gelb, setzte gezielt ein paar Akzente und verrieb die beiden Töne ineinander. »Émilie, bist du da? Mach die Tür auf!« Sie waren gekommen, um ihr etwas zu sagen. Etwas, das sie nicht hören wollte. Sollten sie an ihren verdammten Worten ersticken! Sie nahm die graue Kreide und arbeitete die Konturen der Rahmen deutlicher heraus. Noch einmal ließ sie ihren Blick über die Fenster gleiten, über den Abendsonnenschein, die Bäume dahinter, die zu flirren schienen. Da waren ja auch noch blaue Einsprengsel! Am Rande ihres Bewusstseins registrierte sie, dass das Rufen und das Klopfen aufgehört hatten. Sie ließ die Kreide sinken und lauschte. Auf einmal glaubte sie Schritte auf der Treppe zu hören. Und dann ging auch schon die Tür auf. Sie starrte auf ihre Mutter, die 20

dort im Türrahmen stand, die Hand noch auf der Klinke. Dahinter erschien ihr Vater. »Warum machst du nicht auf?« Die Miene ihrer Mutter war beherrscht wie immer. Ihr Vater dagegen wirkte traurig. »Weil ich allein sein will.« »Du bist unsere Tochter. Wenn wir mit dir sprechen möchten, erwarten wir, dass du diesem Wunsch nachkommst.« »Was gibt es denn?« Émilie hob den Block wie einen Schutzschild vor sich. »Wir wollen, dass du nach Hause kommst.« »Ich bin aber lieber hier.« Ihr Vater machte ein paar Schritte in den Raum hinein, ging hinüber zum Fenster und sagte leise: »Wir machen uns Sorgen um dich.« Émilie schluckte. Sie wollte dieses Gespräch nicht. Warum gingen die beiden nicht einfach? »Du bist minderjährig.« Ihre Mutter trat neben ihren Vater. Dort standen die beiden, Silhouetten vor einer Wand aus Licht. »Nicht mehr lange.« Émilies Blick glitt nach unten. »Madame Perrault hat mich heute Mittag angerufen.« Émilie reagierte nicht. »Cathérine ist tot.« Der Satz ihrer Mutter war wie ein Messer. Ungläubig sah Émilie sie an. Was erzählte sie da mit ihrer stählernen Stimme? Als sie weitersprach, hatte Émilie Mühe, die Worte zu ordnen und ihnen einen Sinn zu geben. »… nach einer Party bei Adrien … haben sie gefunden … die Beerdigung …« Die Worte umwehten sie wie ein eisiger Hauch. Und plötzlich: »Sie sagt, dass du da mit drinsteckst. Dass du auch Drogen nimmst.« Émilies Kopf fuhr hoch. Wie eine Blinde versuchte sie die Blicke­ihrer Eltern aufzufangen, konnte die Gesichter im Gegenlicht aber nicht erkennen. Eine Weile lang sprach keiner von ihnen ein Wort. Das Schwei21

gen im Raum war mit den Händen greifbar. Endlich sagte ihr Vater: »Bitte pack deine Sachen und komm mit uns.« »Ihr könnt mich nicht zwingen.« Ihr Vater trat zu ihr, kniete sich hin und nahm ihre Hände. »Bitte, Emmi, du musst da raus. Dieses Umfeld tut dir nicht gut. Wir haben mit Jacques gesprochen. Du kannst jederzeit in der Firma anfangen.« Émilie riss sich los und sprang auf. »Was fällt euch ein! Versteht ihr nicht, worum es für mich geht? Wenn ich Künstlerin sein will, muss ich weiter auf die Kunstakademie!« »Das ist doch alles Unsinn!« Die Stimme ihrer Mutter war eine Ohrfeige. Émilie ballte die Hände und zischte: »Ich habe einen Preis gewonnen!« »Du wirst niemals davon leben können.« Auf einmal merkte Émilie, wie sich eine eisige Ruhe in ihr ausbreitete. Sie stand auf und ging zur Tür. Dort blieb sie stehen und drehte sich um. Betrachtete ihren Vater und sah seinen bedauernden Blick. Betrachtete ihre Mutter, die ihr vorkam wie aus Stahl, aus gehärtetem und geschliffenem Stahl. Ruhig sagte sie: »Ich hab alles im Griff.« Die Stählerne bohrte ihren Blick in sie. »Ich glaube nicht, dass man eine Drogensucht im Griff haben kann.« Und nach einer Pause verkündete sie: »Du kommst jetzt mit.« Bedächtig schüttelte Émilie den Kopf. »In einem halben Jahr gehört dieses Haus mir. Und auch das Geld von Grandpère. Dann bin ich frei.«



22

An diesem Abend schloss Cho das Teehaus später als sonst. Das Metall unter seinen Fingern fühlte sich klamm und kalt an, als er das Gitter vor dem Schaufenster herunterzog. Die Geräusche des Schlüssels im Schloss klangen überlaut in der Stille der Nacht. Ihr Name war Lin und sie behauptete, seine Tochter zu sein. Wenn das stimmte, gab es nur eine Erklärung dafür. Doch die wollte er nicht hören, nicht nach all den Jahren. Er überquerte die belebte Straße, ohne etwas von seiner Umgebung wahrzunehmen. Eigentlich hätte er es schon in dem Moment wissen müssen, als sie zur Tür hereinkam. Der helle Teint, die hohen Wangenknochen, das glatte schwarze Haar, die hellbraunen Augen. Und dann die Hand, die den Stift hielt. Mit einem­Mal sah er jene andere weiße Hand vor sich, die auch einen Stift gehalten hatte. Doch diese Hand hatte nicht geschrieben, sondern gezeichnet. Mit federleichten Bewegungen war sie übers Papier geglitten und am Ende hatte ihn vom Skizzenblock sein eigenes Gesicht angeblickt. Ein paar Minuten später stand er vor dem Haus, in dem er wohnte. Er hielt den Chip vor das Lesegerät und drückte die Tür auf, doch dann ließ er sie wieder ins Schloss fallen. Er würde ohnehin keine Ruhe finden. Mit großen Schritten überquerte er die Place des Abbesses, wo die Platanen in den Himmel wuchsen, und lief die schmale Treppe­ zwischen den Häusern hoch. Seit er heute Morgen dem Rücken der jungen Frau hinterhergestarrt hatte, war ihm, als seien seine Gedanken die eines anderen. Wirre Bilder, die Gesichter der Chans, die Hütte am Bach. Der Duft von Räucherstäbchen, 23