DIE GESCHICHTE DER ABTEI ST. GALLEN

DIE GESCHICHTE DER ABTEI ST. GALLEN

1 DIE GESCHICHTE DER ABTEI ST. GALLEN Von den Anfängen bis zum Goldenen Zeitalter Die Anfänge des Klosters liegen im 7. Jahrhundert. Zu dieser Zeit z...

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DIE GESCHICHTE DER ABTEI ST. GALLEN Von den Anfängen bis zum Goldenen Zeitalter Die Anfänge des Klosters liegen im 7. Jahrhundert. Zu dieser Zeit zog sich der irische Mönch Gallus, ein Gefährte des Hl. Columban, in die Gegend im Hochtal der Steinach (einem Fluss, der in den Bodensee fließt und den wir als teils unterirdisches Flüßlein kennengelernt haben) zurück. Schon kurz nach seinem Tod entstand eine Gallus-Vita, die uns über sein Leben unterrichtet. Der zufolge lebte er als Eremit, errichtete eine Klause, auch Einsiedelei oder Eremitage genannt, sowie ein hölzernes Oratorium und gewann bald weitere Gleichgesinnte. Nach seinem Ableben wurde der Ort zu einem lokalen Wallfahrtsort, die örtliche Mönchszelle ist aber wahrscheinlich wieder verödet. Im Jahre 720 schließlich kam der Einheimische Otmar nach St. Gallen und schritt

hier

zur

Klostergründung.

Nachdem zunächst eine Mischregel befolgt worden war, stellte man sich im Jahre 747 auf die von Karlmann im Merowingerreich eingeführte Benediktinerregel, ein 529 von Benedikt von Nursia verfasstes Klosterregularium, um. Die weitere Geschichte dieses Klosters ist gut dokumentiert. Da ist zum einen die Klosterchronik Casus Sancti Galli; zum anderen hat man es geschafft, einen wesentlichen Teil des Bestandes an Urkunden – und, für die Literaturgeschichte wesentlich: die Codices – mit Hilfe derer sich ein Bild vom Gedeihen und Wirken der Abtei von Beginn an zeichnen lässt, heil durch die Zeit zu bringen. Doch zunächst war der Anfang klein und konfliktträchtig. Das nahe gelegene Konstanz – der Sitz des alemannischen Bischofs – hatte nämlich ein eifersüchtiges Auge auf das Aufwachsen eines Rivalen in geistlichen wie weltlichen Belangen. Die bereits unter dem Abt Otmar erfolgten, reichen Schenkungen an das Kloster, wie etwa Landgüter und dgl., um den Allmächtigen gnädig zu stimmen, waren den Bischöfen von Konstanz – da von solchen Zuwendungen weniger profitierend – ein Dorn im Auge. Als sich dann die politischen Verhältnisse änderten, wurde es für das Kloster ernst: Otmar wurde festgenommen, vor das bischöfliche Gericht in Konstanz gestellt, verurteilt und sodann an Orten außerhalb des Klosters festgehalten (zunächst auf der Königspfalz Bodnam, dann auf der Rheininsel Werd bei Eschenz); im Jahre 759 starb er. Damit endete die Unabhängigkeit des

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Klosters St. Gallen, fortan war es ein bischöfliches Kloster, Abt und Bischof amtierten dabei des Öfteren in Personalunion, wie beispielsweise schon der Nachfolger Otmars, Johannes. Unter ihm ging es mit dem Kloster bergauf, auch im Skriptorium (Schreibstube) wurde fleißig gewerkt – der erste bekannte Schreiber war Winithar, unter dem bereits 14 Mitarbeiter theologische und wissenschaftliche Bücher produzierten. 782 wurde der hochadelige Waldo Abt in St. Gallen (4 Jahre später wurde er Abt der Reichenau). Nach zwei weiteren Nachfolgern übernahm schließlich im Jahre 816 Gozbert die Führung des Klosters. Ihm gelang es, St. Gallen in wichtigen – teils eher weltlichen – Belangen entscheidend voranzubringen: Er erreichte, dass dem Kloster politische Immunität erteilt sowie die freie Abtwahl (die Mönche wählen ihren Vorgesetzten selber, er wird nicht von Konstanz bestimmt) gewährt wurde; zusätzlich entfielen 854 die letzten Zinsverpflichtungen an den Konstanzer Bischof. Das 9. Jahrhundert – es gilt als das Goldene Zeitalter St. Gallens – sah das Aufblühen des Klosters, „[wovon] die Handschriften und Urkunden in Stiftsbibliothek und Stiftsarchiv ein eindrucksvolles Zeugnis ablegen“ (Vogler, 1998, S. 13). In diese Zeit (genauer: 830-837) fällt auch die Errichtung des karolingischen Münsters (Stifts- oder Klosterkirche), welches deutlich größer ausfiel, als jenes auf der Reichenau oder in Basel. Ebenfalls in dieser Zeit entstand der karolingische Klosterplan, der die Planung des Münsters beeinflusst haben dürfte, jedoch keinen exakten Plan desselben darstellt. Die Produktion in der Schreibwerkstatt erreichte ebenfalls ihren ersten Höhepunkt – sowohl was Quantität, als auch was Qualität der Schriften betraf. All das kostete natürlich. Es überrascht nicht, dass sich der Grundbesitz – genauer: die Grundherrschaft – des Klosters vor der zunahme schriftlicher Produktivität bereits rasant ausgeweitet hatte1; weite Bereiche Alemanniens und damit gleichzeitig die Bewohner davon waren unter klösterlicher Verwaltung. Hand in Hand mit dem wirtschaftlichen Aufschwung und dem zunehmenden Einfluss St. Gallens entwickelte sich in dieser Phase eine engere Anbindung ans Königshaus, was Vorteile für beide Seiten hatte: Der König sichert sich die Unterstützung des Klosters, „erneuert, gewährt, erweitert“ im Gegenzug die „Privilegien“ des Klosters (Vogler, 1998, S. 14). Auch dem Erweitern des Grundbesitzes tat eine derartige gute Beziehung zu den Herrschern der Zeit klarerweise keinen Abbruch. Zusätzlich kam das gute Verhältnis zu den Mächtigen in den Schriften eines Notker Balbulus zum Ausdruck, der 883 die Gesta Caroli Magni imperatoris und manch anderes Werk zu Ehren hochgestellter Personen verfasste. Neben diesem sind noch weitere Mönche jener Zeit ob ihrer Werke hervorzu1

Man erinnere sich an die Karte im Stiftsarchiv, auf welcher die den Urkunden zugrunde liegenden Örtlichkeiten – sauber nach Regionen gegliedert – eingezeichnet waren; auch in dem u. g. Buch findet sich im betreffenden Artikel eine entsprechende Abbildung.

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heben: Tuotilo, der Tropen und Gesänge ersann und erdichtete; und der Geschichtsschreiber, aber auch Tropen und Hymnen verfassende Ratpert; von ihm stammt die o.g. Klosterchronik bis zum Jahr 883, dem Besuch Kaiser Karls III. Überhaupt erreichte das Skriptorium, was die Kunstfertigkeit der Schriften anbelangte, mit der 2. Hälfte des 9. Jahrhunderts einen neuen Höhepunkt. Die nun folgenden Äbte des Klosters entstammten teilweise höchsten Kreisen und hatten neben der Leitung des Klosters oftmals noch andere hohe politische Stellungen oder Funktionen inne, was einen Eindruck von der nunmehrigen Bedeutung der einstigen Wirkstätte des Hl. Gallus gibt. Zu Beginn des 10. Jahrhunderts war der Zenit des Klosters dann aber überschritten, im Skriptorium wurde zwar nochmals ein so bedeutsames Meisterstück wie das Evangelium longum erschaffen, aber es machte sich generell eine sinkende Tendenz bemerkbar. Nichtsdestotrotz stand das Kloster St. Gallen damals in vielerlei produktiven Beziehungen zu zahlreichen anderen Klöstern in allen Himmelsrichtungen, wie beispielsweise das Verbrüderungsbuch zeigt.

Vom Silbernen Zeitalter bis zum Niedergang So muss man nach dem Ende dieses Goldenen Zeitalters der relativen Unbeschwertheit hinsichtlich des Waltens und Schaffens des Klosters nunmehr von einem Silbernen Zeitalter sprechen, in welchem trotz turbulenter Zerreißproben noch viel Großes auf den Weg gebracht werden konnte. Als 926 Ungarn nach St. Gallen einfielen, waren sie neben gewaltigen Plünderungen und Zerstörungen auch für die Ermordung der Reklusin, also in vollkommener Zurückgezogenheit lebenden Nonne Wiborada verantwortlich. Sie gilt aufgrund ihres standhaft ertragenen Martyriums als erste Frau unter den Alemannen, die heiliggesprochen wurde. Nach dem Rückzug der Magyaren war jedoch noch kein Ende der Unruhen in Sicht: nach einem kriegerischen Einfall der Sarazenen waren es schlussendlich eigene Schüler, die im Jahr 937 die Abtei in Flammen aufgehen ließen und damit zerstörten. Obwohl hiermit ein langer Weg politischer Unruhen, in die St. Gallen verwickelt war, ein jähes und unheilvolles Ende nahm, konnte auch diese punktuelle Zerstörung die Abtei nicht völlig zerstören . Das dadurch eingeleitete Silberne Zeitalter brachte bedeutende kulturelle Errungenschaften hervor. Es wurde nicht nur auf betriebsame Weise die Bautätigkeit angekurbelt um die zerstörten Gebäude wiederherzustellen und durch manche Erweiterung noch prunkvoller zu gestalten. Auch die schriftstellerische Tätigkeit der geistlichen Größen St. Gallens nahm nach diesem verheerenden Rückschlag wieder immens zu. So entstanden neben lateinischen Schriften, wie etwa

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den liturgischen Dichtungen Ekkeharts I. und den Werken des Abtes Purchhart, auch die althochdeutschen Prosaschriften Notkers des Deutschen, der eben wegen seines Rufes als Urheber der althochdeutschen Prosaliteratur diesen Beinamen trägt. Neben engen Verbindungen zum Hof zu Speyer – ein Umstand, der ihnen seit jeher bedeutenden politischen Einfluss zusicherte – zeichneten sich die St. Galler Mönche auch durch ihr liturgisch-musikalisches Schaffen aus. So beeinflusste die Abtei diesbezüglich Orte wie die nahegelegene Reichenau genauso wie etwas später die weiter entfernten Bischofssitze Köln und Mainz. Detailliert hat diesen Umstand der Schriftsteller Ekkehart IV. in seiner im 11. Jahrhundert geschriebenen Chronik Casus Sancti Galli festgehalten. Als ebendieser Ekkehart IV. im Jahre 1057 verstarb, wusste er vielleicht noch nicht, dass die rosigen Tage dieses Horts der Produktivität und Gelehrsamkeit, als den er St. Gallen zu kennen schien, allmählich im Niedergang begriffen waren. Das Jahr 1076 wird als Beginn eines Eisernen Zeitalters für die Abtei genannt, geprägt vom Investiturstreit, während dessen zahlreiche Besitztümer aus der Anfangszeit des Klosters plötzlich abgegeben werden mussten, um nicht in den wirtschaftlichen Ruin abzugleiten. Selbst wenn im Verlaufe des 11. und 12. Jahrhunderts noch einflussreiche Äbte in St. Gallen herrschten, so waren es vor allem gesellschaftliche Umbrüche, welche die Machtposition der Abtei immer weiter schwächten. So etwa stieg die Zahl der Klöster im Heiligen Römischen Reich deutscher Nationen dermaßen, dass einzelne Institutionen ihre herausragende Stellung nur noch schwer behaupten konnten. Zudem nahmen Städte gegenüber Klöstern an Bedeutung zu, Bürger und damit Untertanen der Abteien gewannen an Einfluss und die Besitztümer schwanden immer weiter. Im Zuge dieser strukturellen Veränderung im gesamten Reich löste sich auch die Stadt St. Gallen immer stärker aus dem Einfluss der Abtei. Auch Appenzell begann sich immer selbstständiger zu entwickeln und emanzipierte sich schließlich im 15. Jahrhundert endgültig von der Hoheit des Klosters St. Gallen. Nach der Schlacht von Vögelinsegg im Jahre 1403 gab sich Abt Kuno von Stoffeln den Appenzellern geschlagen, und der unabhängige Staat Appenzell, später Mitglied der schweizerischen Eidgenossenschaft, war geboren.

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Nach der Reformation begann für die katholische Abtei St. Gallen noch einmal eine schwierige Periode. Kurze Zeit aufgelöst wurde im Zweiten Kappeler Landfrieden 1531 ihre Wiederinbetriebnahme beschlossen. Obwohl das Kloster nun de facto inmitten der schweizerischen Eidgenossenschaft lag und somit auch Teil derselben war, blieben die traditionell innigen Be-

ziehungen zum Heiligen Römischen Reich bestehen, wodurch auch der Nachwuchs an Mönchen und Äbten gewährleistet werden konnte. Säuberlich verwaltet erblühte der Klosterstaat St. Gallen in der Barockzeit unter Abt Cölestin Sfondrati, einem Mailänder mit verwandtschaftlichen Beziehungen in die engsten Kreise des Vatikans. Trotz der Blütezeit, die die Abtei während des Barock erfuhr, blieb die Abtei nicht von kriegerischen Auseinandersetzungen konfessioneller Natur verschont. Im Jahre 1712 befand sich St. Gallen im Krieg mit Zürich und Bern, der Abt musste sein Kloster verlassen, und erst der Frieden von Baden im Aargau brachte 1718 einen Schritt in Richtung Versöhnung innerhalb der Eidgenossenschaft, die sich konfessionell stark gespalten präsentierte. Ende des 18. Jahrhunderts konnte die heute das Stadtbild prägende, spätbarocke Kirchenanlage mit der wunderschönen Rokokobibliothek entstehen. Dieses Bauprojekt kann quasi als letzter Atemzug vor dem endgültigen Ableben gewertet werden, denn die Serie der Gefahren für ein unbehelligtes Fortbestehen der Abtei mehrte sich. Reformation, Aufklärung und schließlich Napoleonischer Einfluss erreichten, dass zu Beginn des 19. Jahrhunderts, genauer gesagt im Jahr 1805, die Existenz eines selbstverwalteten geistlichen Territoriums nicht länger toleriert wurde. So endete schon ein Jahr vor dem Ende des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nationen die mehr als tausendjährige Geschichte des Klosters St. Gallen in der Schweiz.

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Literatur: Vogler W., Skizze der St. Gallener Abteigeschichte. in: Vogler W., Die Kultur der Abtei St. Gallen, Stiftsarchiv St. Gallen 1998., S. 9-23.

Jörg Neumann Franz-Maximilian Peh